© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

aus Estland meldete sich Frau Anne Rekkaro und teilte uns mit, wie weit nun ihre Pläne zur Übersetzung der von ihr gewählten Bücher gekommen sind. Wir hatten ja in Folge 36 über die Mithilfe unserer Leser berichtet, der geborenen Königsbergerin die bisher nicht erfolgten Genehmigungen für die Übersetzung zu ermöglichen, und bereits einige Fortschritte melden können. Frau Rekkaro schreibt: „Ja, ich habe schon angefangen, das Buch ,Frauen in Königsberg‘ zu übersetzen. Frau Hannelore Müller hat auch einige gute Menschen gefunden, so hat sich jetzt in Deutschland eine Gruppe Interessierter gesammelt, die mir in dieser Sache weiterhelfen wollen. Ich glaube, es wird ihnen auch gelingen, obgleich es noch Tatsache ist, dass ich immer noch auf ein Zeichen aus der Kulturstiftung warte. Weil ich voller Hoffnung bin, habe ich mit Herrn Hans Deichelmann noch keinen Kontakt gesucht. Aber die Idee, sein Buch ,Ich sah Königsberg sterben‘ zu übersetzen, ist damit nicht begraben, sondern nur für ein Jahr verschoben. Vielen Dank für das in der Ostpreußischen Familie Geschriebene, das hat ganz bestimmt bei der Lösung meiner Probleme mitgeholfen. Ich bin wirklich stolz und zufrieden, dass meine Anstrengungen fruchtbar gewesen sind und dass meine Muttersprache wieder den Weg zu mir gefunden hat.“ Mit herzlichen Grüßen, die ich hiermit an unsere Leserschaft weiterleite, beendet Frau Rekkaro ihre E-Mail.

Frau Hannelore Müller aus Löhne, eine der Mitautorinnen des Buches „Frauen in Königsberg 1945–1948“, hatte gleichzeitig mit ihrem Bericht über die von ihr veranlass­ten Hilfsanstrengungen auch einen Wunsch übersandt, den ich heute erfüllen kann. Sie sucht nach den Königsberger Kindern, die in den ersten Nachkriegsjahren mit ihr in den Waisenkindergruppen Königsberg-Kalthof und Pr. Eylau zusammen waren. „Es ist ein Phänomen besonderer Art, dass mir die Namen dieser Kinder fast vollkommen entfallen sind. Ich kann mich nicht einmal an ihre Erscheinung, ihre Gesichter erinnern. Von den drei Mädchen, mit denen ich in der Küche arbeitete, habe ich keine Vorstellung mehr. Aus der Zeit in Kalthof (Ende Dezember 1947 bis Ende Januar 1948) ist mir eine Agathe Zimmerling bewusst in Erinnerung geblieben.“ Einige dieser Kinder müssen wie Frau Müller, die damals Hannelore Schwokowski hieß, dann in das Lager Pr. Eylau gekommen sein, denn sie hatten Stoppelfrisuren, und in Kalthof wurden die Kinder kahl geschoren. Aus dieser Lagerzeit, von Anfang Februar bis Mitte April 1948, hat Frau Müller nur noch die Namen von Elli Putzke und Ursula Dahms behalten. Sie erinnert sich aber auch an ein Geschwistertrio mit Stoppelhaaren, das fest zusammenhielt. Der Junge kümmerte sich als Ältester mit seiner jüngeren Schwester um das Kleinste, das sie zärtlich „Puppa“ nannten. Aus der Zeit nach der Ausreise sind Frau Müller noch einige Namen abrufbar. Eine Bettnachbarin im Lager Wiek auf Rügen war Christine Ridder, sie war etwas älter als die damals 13-jährige Hannelore und hatte noch eine jüngere Schwester. Auch die Schwestern Fisch – Inge und Helga? – schliefen in dem Raum. Eine Ute übersiedelte schon im Frühsommer zu Verwandten nach Binz oder Putbus auf Rügen. Alma ist Frau Müller deshalb in Erinnerung geblieben, weil sie sich immer Butter in das Stoppelhaar schmierte. Mit einigen ihrer Schicksalsgefährtinnen stand Hannelore noch später in Verbindung. So mit Margot Schikorr, die nach ihrer frühen Heirat Thein hieß und in der Gegend von Unna lebte. Und dann ist da noch Eva, die mit dem Augusttransport 1948 nach Westdeutschland kam und später in Viersen lebte. Sie übersandte Hannelore Bilder von ihrer Konfirmation im Jahr 1956, die diese bis heute bewahrt hat. Leider rissen die Kontakte später ab. „Man vernachlässigte damals diese Verbindungen, weil alles Trachten nach vorne gerichtet war, aber jetzt im Alter gewinnt gerade jene Vergangenheit wieder an Bedeutung“, so erklärt Frau Müller ihre Suche nach den Gefährtinnen jener furchtbaren Jahre. Ich wünsche Frau Hannelore viele und erfreuliche Zuschriften. (Hannelore Müller, Kiefernweg 18 in 32584 Löhne)

Frau Inge Lunding aus Hasloh sucht ein Gedicht, das ihre Mutter gekannt und wahrscheinlich oft vorgetragen hat, sodass ihrer Tochter noch einige Fragmente in Erinnerung blieben. Aber eben nur ein paar Bruchstücke wie „Als Großmütterchen noch am Leben war … und Dämmerung durchzog das Zimmer … wir sahen Fallada hängen am Tor …“ Zugegeben: Nicht viel, aber prägnant, sodass es durchaus möglich ist, dass das Gedicht bei jemandem aus unserem Familienkreis in der Erinnerung auftaucht. Und da wir Älteren ja noch tüchtig auswendig lernen mussten, ist bei einer Leserin oder einem Leser vielleicht das ganze Gedicht abrufbar. Inge Lunding geborene Luckzay würde sich freuen. (Anschrift: Garstedter Weg 101 in 25474 Hasloh)

Noch immer schlagen die Erinnerungsfotos aus früheren Ostpreußenblatt-Jahrgängen Wellen, und schon oft haben wir Nachfragen gebracht, weil die Interessenten unerwartet auf diese Suchbilder gestoßen sind. So auch Herr Prof. Dr. Ing. Adolf Auer, der ein Foto entdeckte, das in der Folge 32/Jahrgang 1993 erschienen war. Es ist eine Aufnahme aus dem KLV-Lager Langburkersdorf in Sachsen und zeigt die aus den gefährdeten Gebieten nach Mitteldeutschland verschickten Kinder. Das Foto wurde Weihnachten 1944 aufgenommen, man sieht eine fröhliche Kindergruppe, die Mädchen in einheitlichen Kleidern und Schürzen. Anscheinend ist das Geschehen, das sich schon in den Vertreibungsgebieten anbahnt, den Kindern noch nicht übermittelt oder jedenfalls sehr schonend, sicher hofften die meisten, bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Darunter auch Frau Waltraut Rähse, die das Foto an das Ostpreußenblatt gesandt und um Veröffentlichung gebeten hatte. Sie hatte dazu geschrieben: „Im November 1944 wurde ich aus Königsberg mit einigen Mitschülerinnen nach Langburkersdorf ins KLV-Lager verschickt. Riesig freuen würde ich mich, wenn sich einige Marjellchen auf dem Foto erkennen und mir schreiben würden.“ Die Zuschriften sollten an die Redaktion erfolgen, die diese an die Einsenderin weiterleitete. Ob und welche Reaktion erfolgte, können wir leider nicht mehr feststellen. Herr Prof. Auer ist aber sehr an den Aussagen dieser Zeitzeugen interessiert, denn er bearbeitet das Thema „KLV-Lager in Sachsen und Schlesien“. Als gebürtiger Breslauer mit Wurzeln in Oberschlesien/Cosel-Ratibor fühlt er sich dieser Aufgabe besonders verbunden. Nun wendet er sich an unsere Leserinnen und Leser und hofft, dass sich von den auf dem Foto abgebildeten 32 Mädchen noch einige finden lassen, mit denen er sich in Verbindung setzen kann. Besonders gefragt ist natürlich Frau Waltraut Rähse, denn sie könnte außer der eigenen Erinnerung auch die von anderen „Ehemaligen“, die sich damals gemeldet haben, übermitteln und Anschriften nennen. Natürlich: 18 Jahre sind inzwischen vergangen, das ist schon eine beachtliche Zeitspanne. Herr Prof. Auer ist an jeder Zuschrift interessiert, jegliche geringste Info könnte ihn weiterführen – so hofft er, und ich hoffe, dass wir ihn nicht enttäuschen. (Prof. Dr. Ing. Adolf Auer, Leuschnerstraße 10 b in 33102 Paderborn, Telefon 05251/7095061, E-Mail: adolf@auers.eu)

Was wäre unsere Ostpreußische Familie ohne die Suchfragen nach Familienangehörigen, gleich welchen Grades? Und die von Herrn Prof. Dr. Carsten Stahmer führt weit zurück, sehr weit sogar, nämlich bis zu seinen Ururgroßeltern. Die hießen Ferdinand und Madlyne Zöllmer und stammten aus dem nördlichen Ostpreußen, das damals „Preußisch-Lithauen“ hieß. Die litauischen Siedler, die im Laufe der Jahrhunderte in das Gebiet des späteren Regierungsbezirks Gumbinnen kamen, gaben der Region den Namen. Aus solch einer Familie müsste auch Ururgroßmutter Madlyne stammen, ihre Eltern waren Erdmans Kryzons und Annika Gawenate aus Puck­nen, wo auch die Tochter 1828 geboren wurde. Ihr Mann Ferdinand kam 1828 in Girrehnen zur Welt, seine Eltern waren Johann Zöllmer (auch Zöllner) und Justine geborene Schüzler. Ferdinand verstarb 1874 in Kraupischken (Breitenstein), die Witwe zog nach dem frühen Tod ihres Mannes in den 70/80er Jahren nach Schleswig-Holstein in die Nähe von Kiel. Weshalb sie diesen für eine Witwe mit fünf Kindern ungewöhnlich wagemutigen Schritt unternahm, ist unbekannt. Madlyne Zöllmer verstarb hochbetagt 1915 in Melsdorf bei Kiel. Eine ihrer Töchter heiratete in Wellingdorf den Urgroßvater von Carsten Stahmer, den Vater seiner Großmutter mütterlicherseits. Nun fragte also der Urenkel, ob noch Nachfahren der Familien Zöllmer (Zöllner) und Schüzler aus Girrehnen (später Güldengrund, Kreis Tilsit-Ragnit) oder aus dem Kirchspiel Kraupischken (Breitenstein) leben, das gilt auch für die Familien Kryzons und Gawenate aus Puck­nen im Kirchspiel Lengwethen (Hohensalzburg, Krs. Tilsit-Ragnit). Es würde sich natürlich um entfernte Familienangehörige handeln – im alten Ostpreußen pflegte man solche Verwandtschaft als „das siebente Wasser vom Kissehl“ zu bezeichnen – also als eine sehr weitläufige. Aber gerade diese Linie ist für Herrn Prof. Stahmer so interessant, weil es bisher keinerlei Verbindungen zu ihrem Ursprung gab. Allerdings zu klären, warum Madlyne Zöllmer nach Holstein zog, wird wohl kaum möglich sein. Vielleicht wanderten andere Angehörige damals aus, denen sie sich anschloss. Im Zuge der Arbeiten an dem Kaiser-Wilhelm-Kanal, dem heutigen Nord-Ostsee-Kanal, sind vor allem jüngere Leute aus den kinderreichen ostpreußischen Familien dort angesiedelt worden. Jedenfalls hofft Herr Prof. Stahmer auf baldige Kontaktaufnahme mit den bisher noch unbekannten Verwandten aus Ostpreußen. (Prof. Dr. Carsten Stahmer, Thorwaldsenanlage 19 in 65195 Wiesbaden, Telefon 0611/307848, E-Mail: carsten.stahmer@uni-bielefeld.de, Homepage: www.carsten-stahmer.de)

Jetzt ist die Zeit der Heimattreffen, aber viele ältere Landsleute können nur in Gedanken dabei sein. Es ist schon schmerzlich, wenn man nicht mehr so mobil ist, und bei solchen Anlässen macht sich das besonders bemerkbar. Umso erfreulicher, wenn dann Anrufe von alten Freunden und Nachbarn kommen und man über die Heimat reden und damit wieder gedanklich tohuus sein kann. So ergeht es auch Frau Hildegard Jesse und ihrer Schwester Waltraud Gontarski, Angehörige der großen Sippe Eichler aus Marienfelde-Abbau von den Kernsdorfer Höhen. Unser Familienfreund Frank Schneidewind aus Olpe hat schon oft mit ihnen telefoniert und vor allem Hildegard Jesse mit Heimatliteratur erfreut, und deshalb hat sie sich wohl an ihn mit einer Bitte gewandt, die er ihr leider nicht erfüllen konnte. So reicht er sie an unsere Ostpreußische Familie weiter, und hier ist sie: Es handelt sich um ältere Ausgaben der Heimatbriefe der Kreisgemeinschaft Osterode, die von den Eichler-Schwestern gesucht werden. Im Besonderen sind es Ausgaben, in denen über ihren Heimatort berichtet wird. Dazu gehören 1) Folge 48 mit dem Ortsplan von Marienfelde, an dessen Erstellung der Ehemann von Waltraud Gontarski mitgewirkt hat, 2) Folge 50 mit dem Bericht über das Nachbardorf Haasenberg und Abhandlungen über Marienfelde, 3) Folge 51 mit dem Bericht über 600 Jahre Marienfelde, in dem auch der Vater der Schwestern, Gustav Eichler, erwähnt wird, und 4) Folge 53 mit dem Beitrag über die Post Marienfelde von Dorothea Gerlitzki geborene Eisenblätter. Aber selbst wenn diese Heimatbriefe nicht vorhanden sind, würden sich die Schwestern über Anrufe von Landsleuten freuen. Vielleicht erinnern sich auch ehemalige Osteroder an Hildegard Eichler, die dort als junges Mädchen in der Fleischerei von Paul Dreschel, Kaiserstraße 45, gearbeitet hat. (Hildegard Jesse, Lindenstraße 6 in 29351 Metzingen, Telefon 05148/911147 / Waltraud Gontarski, 29331 Lachendorf, Telefon 05145/286970)

Eure Ruth Geede


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