© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Ein Leben für die Pferde
Erdmute von Zitzewitz rettete die Zucht ihrer Eltern − Engagement trotz Rückschlägen

Am 14. August schloss Erdmute von Zitzewitz für immer ihre Augen. Mit der langjährigen Traditionszüchterin ist eine Pferdefrau mit Charisma gegangen. „Die Pferde waren ihr Leben“, der Leitsatz in der Traueranzeige, beschreibt ihre lebenslangen Bemühungen, die Tradition der elterlichen, im ostpreußischen Kreis Darkehmen (Angerapp) beheimateten Zucht fortzuführen. Sie sah dies als Vermächtnis ihrer Eltern an: Der Vater Eberhard von Zitzewitz stammte aus dem Hause Muttrin im Kreis Stolp und hatte Weedern zu einem der führenden Gestüte Europas gemacht. Sein Name wird am ehesten durch die Worte beschrieben, die man anlässlich seines Ablebens im Jahre 1934 fand: „Die Gestalt des Herrn von Zitzewitz ist einmalig; unendlichen Dank schulden wir für alles, was Herr von Zitzewitz in 40 Jahren für Ostpreußen geleistet hat. Obgleich Pommer von Geburt, zählen wir ihn doch zu den Unseren.“ Eberhard von Zitzewitz war langjähriger Vorsitzender der Ostpreußischen Stutbuchgesellschaft und Präsident des Reichsverbandes für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts in Berlin. Sein Name wird immer unter die großen Hippologen des vergangenen Jahrhunderts gezählt werden. Mutter Anna, geb. von Sperber-Kleszowen, hatte das Familiengestüt Kleszowen, Kreis Darkehmen (Angerapp), eine der ältesten Zuchtstätten des ostpreußischen Warmblutpferdes Trakehner Abstammung, mit in die Ehe gebracht. Sie galt als eine couragierte Turnierreiterin – kaum eine der Trakehner Jagden, die sie nicht auf ihrer Nana Sahib x-Tochter Elfchen teilnehmen sah. Weedern war eine Hochzuchtstätte der ostpreußischen Warmblutzucht Trakehner Abstammung, häufig als der „große Gegenspieler Trakehnens“ bezeichnet. Zu Beginn der zwanziger Jahre waren im später aufgelösten, mit Georgenburg zusammengelegten Landgestüt Gudwallen unter 250 aufgestellten Hengsten nicht weniger als 52 Weederner Landbeschäler vertreten – neben 48 in Trakehnen geborenen Hengsten. Bis zu 80 Mutterstuten, meist in Fuchsfarbe, bildeten eine der besten Herden der deutschen Warmblutzucht; die Zucht brachte neben Tausenden von Remonten zahlreiche große Vererber hervor, von denen hier lediglich „Bulgarenzar, Attino, Excellsior, Fahnenträger und Alaskafuchs“ genannt sein sollen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte auch das Ende dieser Zucht. Anna von Zitzewitz ging mit ihren Kindern Eberhard und Erdmute auf die Flucht, wo es zunächst gelang, den gesamten Zuchtpferdebestand dem Zugriff des Feindes zu entziehen. Im Westen angekommen, ging der überwiegende Teil der Stuten durch Hunger, Unfälle und Krankheiten zugrunde. Zunächst auf einer Siedlung in Oberhode bei Fallingbostel untergekommen, konnte später Katarinental in Holstein erworben werden. Hier galt Erdmute von Zitzewitz’ gesamtes Bemühen dem Erhalt und der Pflege der wenigen verbliebenen Weederner Familien, unter denen die Stämme der „Velegue“ und „J. Adana“ eine zentrale Stellung einnahmen. Züchterischen Modeströmungen blieb sie fern, wählte Blutlinien, die Weederner Gene trugen. Mit Erdmute von Zitzewitz trat keine einfache Persönlichkeit auf die Menschen zu. Wirtschaftliche, züchterische und persönliche Schicksalsschläge hatten sie geprägt, sie kantig, unduldsam und eigensinnig gemacht. Solche Einstellung überschattete auch ihre letzten Lebensjahre, nachdem sie Hof und Zucht an ihre engen Verwandten Andrea und Dr. Volker von Zitzewitz übergeben hatte, die heute großes Engagement daran setzen, die züchterische Tradition der Familie fortzuführen. So schließt sich ein Kreis, denn ehemals war es Eberhard von Zitzewitz aus dem Hause Muttrin in Pommern, der für die Blüte Weederns verantwortlich wurde. Muttrin war sowohl im Ersten Weltkrieg als auch auf dem Treck zum Ende des Zweiten Weltkrieges erster Zufluchtsort für die Weederner Menschen und Pferde. Heute hat mit Dr. Volker von Zitzewitz wieder ein Angehöriger des Hauses Muttrin, gemeinsam mit seiner Ehefrau Andrea und Tochter Zara Adina, die Zukunft der züchterischen Tradition Weederns und Katarinentals in Händen.

Den Verlust Weederns und ihrer Heimat Ostpreußen hat Erdmute nie verwunden. Schon bald nach dem Fall des Eisernen Vorhangs suchte sie ihre Geburtsstätte auf und sah es als ein Vermächtnis an, beratend dabei mitzuwirken, die historischen Stallungen mit neuem Leben zu füllen. Heute sind es die Angehörigen der Familien der Velegue, J. Adana, Duena, Kastagnette, Monika, die die Erinnerungen an Weedern lebendig erhalten, aber auch den Namen Erdmute von Zitzewitz’, der treuen Bewahrerin der großen Züchtertradition ihrer Vorfahren und des Ehrenmitglieds des Trakehner Verbandes. Erhard Schulte


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