© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Schach und Billard
Apothekerlehrling gewinnt gegen Meister

Übelwollende Lästermäuler pflegten Mostolten gern als „masurisches Nest“ zu bezeichnen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Dabei handelte es sich um einen ansehnlichen Flecken, jedenfalls nach Meinung der dreitausend Bewohner. Und die verwiesen stets mit Stolz darauf, dass ihr Heimatort die Stadtrechte besaß. Es war auch keineswegs so, dass es dort an unterhaltender Betätigung gefehlt hätte. Im Sommer konnte jedermann im klaren Wasser des Mostoltener Sees baden, schwimmen oder angeln. Und im Winter war Schlittschuhlaufen ein beliebter Zeitvertreib. Gelegentlich wurden sogar Eisho-ckey-Spiele veranstaltet. Die Palette sportlicher Möglichkeiten ist hiermit lediglich angedeutet. Erwähnt werden soll jedoch, dass sie im Laufe der Zeit noch erweitert wurde; zum Beispiel dadurch, dass der Wirt des Gasthauses „Zum preußischen Adler“ einen Billardtisch anschaffte und in Betrieb nahm. Eine Kegelbahn hatte es dort immer schon gegeben. Aber am rein Geistigen mangelte es in diesem masurischen Städtchen ebenfalls nicht. Bereits seit einer Reihe von Jahren existierte beispielsweise ein Schachclub, der sich regen Zuspruchs erfreute. Und dessen Vereinsmeister wurde in ganz Mostolten uneingeschränkte Achtung und Wertschätzung entgegengebracht.

Sowohl am Billardtisch wie auch am Schachbrett betätigte sich unter anderen der Provisor Konrad Emil Mattick, der von der gesamten Einwohnerschaft nur als „Apotheker-Lehrling“ tituliert wurde. Er tat beides mit außerordentlichem Eifer, jedoch ohne sonderlichen Erfolg. Das aber machte er wett durch flotte Sprüche, die ihm nur so von den Lippen flossen. So tönte er eines Abends am Bürgerstammtisch im „Preußischen Adler“ im Brustton der Überzeugung: „Was ihr nur für ein Gewese macht um diese angeblichen Koryphäen. Ich schlag sie beide mit links sozusagen, den Schachmeister und ebenfalls den Billard-Champion. Rein wetten möcht ich mit euch!“ Es sei hier allerdings mitgeteilt, dass Konrad Emil Mattick zu diesem Zeitpunkt bereits drei oder vier steife Grog hinter die Binde gegossen hatte. Was seine Zechkumpane freilich nicht im Geringsten daran hinderte, auf das Wettangebot einzugehen.

„Gilt schon!“ riefen sie unisono. Und schnell war man sich einig, dass es um ein Dutzend Flaschen Rotspon gehen sollte, und dies vom Besten, den man in der bekanntesten Weinhandlung von Allenstein würde auftreiben können.

All dies wurde besiegelt durch feierlichen Handschlag. Und ein gewisser Alfred Pospiech, nicht gerade als Freund des angehenden Pillendrehers bekannt, erhielt den Auftrag, als Unparteiischer zu wirken. Er sollte die Wettkämpfe überwachen und anschließend Bericht erstatten, ob alles mit rechten Dingen zugegangen war. Das tat der schon beim nächsten Treffen der Runde nach gerade einmal 14 Tagen. „Wir haben“, so sprach er, „leider verloren die Wette. Es hat gesiegt Konrad Emil Mattick gegen den Meister im Schachspiel wie gegen den im Billard. Ich muss es bezeugen, denn ich habe zugeschaut. Allerdings ...“

Alfred Pospiech, der Unparteiische, konnte nicht weiterreden, denn ein allgemeines „Oooh“ tapferer Enttäuschung schnitt ihm das Wort ab. Erst nach einem ganzen Weilchen war es ihm möglich fortzufahren. „Allerdings“, so ließ er sich vernehmen, „hat er gewonnen gegen den Billardspieler im Schach und gegen den Schachmeister im Billard!“ Heinz Kurt Kays


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