© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Gefäße voller Anmut
Das Berliner Keramik-Museum hat einen beachtlichen Bestand mit Werken namhafter Künstler

Die Töpferkunst gehört zu den ältesten Handwerkskünsten der Menschheit. Sie geht auf die ersten Gegenstände zurück, die der Mensch schuf. Auch heute widmen sich Künstler der Irdenware und gestalten Gefäße voller Anmut.

Es gilt als eine besondere Auszeichnung, an die deutsche Akademie Rom als Stipendiat berufen zu werden. Dem Keramiker Jan Kollwitz ist diese Auszeichnung zuteil geworden, er befindet sich noch bis zum 4. November in Italien, um sich dort intensiv seiner Kunst zu widmen. Belastet ihn der Name, steht er unter Erfolgsdruck, fragte die PAZ den Urenkel der Bildhauerin und Grafikerin Käthe Kollwitz. Der Künstler lächelte bescheiden. „Ach nein, mit 15 hatte ich kein rechtes Verhältnis zu ihr. Dann aber habe ich ihre Tagebücher gelesen und jetzt bin ich stolz, ihren Namen zu tragen.“

1960 wurde Jan in Berlin als Sohn von Arne Kollwitz geboren. Einer Ausbildung als Schauspieler folgte ein Aufenthalt in Kanada, wo er ein halbes Jahr lang bei einem Kunsttischler arbeitete. Das Arbeiten mit Ton lag ihm allerdings mehr als das Hantieren mit Sägen und Holz. In Kandern, im südlichen Schwarzwald gelegen, fand er in Horst Kerstan seinen Meister. Von japanischer Keramik fasziniert, übertrug dieser seine Begeisterung auf Jan Kollwitz. Zwei Jahre lebte, lernte und arbeitete Jan Kollwitz in Japan. Es war die traditionelle japanische Keramik, die Kollwitz für sein eigenes künstlerisches Schaffen schließlich als Ausgangspunkt nahm. Zarte Schalen für Ikebana, kraftvolle, asymmetrische Gefäße und Bodenvasen der Echizen-Tradition gehören zu seinem Œuvre. Farben und Glanz auf den Keramiken entstehen während des vier Tage dauernden Brandes in seinem originalen Anagama-Holzbrennofen. Der traditionelle Holzbrand, eine Technik, die seit Jahrhunderten in Japan professionell ausgeübt wird, hatte es Kollwitz angetan. Ihm gelang es, den damals 71-jährigen Ofenbaumeister Tatsuo Watanabe zu bewegen, einen Anagama-Ofen zu bauen – nicht irgendwo in Japan, sondern im schleswig-holsteinischen Klosterdorf Cismar, wo Jan Kollwitz seit 1988 im ehemaligen Pastorat lebt und arbeitet. Der Ofen wird zweimal im Jahr in Betrieb gesetzt und mit trockenen Kiefernscheiten beheizt. Vorher hat der Künstler rund vier Monate lang seine Gefäße geformt; fünf Tage lang dauert es, um etwa 200 Gefäße im Ofen zu platzieren. Dabei weiß Kollwitz genau, an welcher Stelle des Ofens welche Farben und Glasuren entstehen können. Die Flugasche verschmilzt bei dieser Technik auf den Gefäßen zu einer natürlichen Glasur. Rauch, Flammen und Glutkohle hinterlassen graue, rote und tiefblaue Färbungen. Je nachdem, wo die Keramiken im Ofen platziert sind, variieren die Farben von einem tiefen, klaren Grün bis zu einem hellen Beige. Im Berliner Keramik-Museum gehören Arbeiten von Jan Kollwitz zur ständigen Sammlung. Das Museum wurde 1990 vom Förderverein KMB gegründet und sein Initiator, der Keramikforscher und Galerist Heinz-Joachim Theis, zu seinem Leiter berufen. Theis hatte vor 25 Jahren in Berlin eine Galerie für Keramik gegründet und andere Liebhaber der Irdenware für seine Idee eines Museums begeistern können. Bisher wird der Betrieb des Museums ausschließlich von dem Förderverein finanziert. Eine Übernahme des Museums in öffentlich-rechtliche Trägerschaft durch das Land Berlin ist bisher nicht gelungen. Jährlich 3000 Besucher sind immerhin beachtlich, wenn man bedenkt, dass in Berlin die Konkurrenz durch das Kunstgewerbemuseum und das Bröhan-Museum immer präsent ist. Seit Januar 2004 hat das Museum Raum auf dem Gelände des ältesten Bürgerhauses von Charlottenburg gefunden. Das Haus wurde 1712 nach Plänen des Hofarchitekten Fried-richs I. Eosander von Göthe errichtet und nach einem unerlaubten Abrissversuch 1983 von der öffentlichen Hand übernommen und mit alten Baumaterialien und -techniken – nun mit einer klassizistischen Fassade – rekonstruiert.

In der beachtlichen Sammlung des Museums sind auch Arbeiten von Gotlind Weigel zu finden. Sie wurde 1932 im ostpreußischen Georgenburg geboren und betreibt mit ihrem Mann Gerald seit 1973 eine Werkstatt im rheinland-pfälzischen Gabsheim. Das Ehepaar Siegfried Schneider und Juscha Schneider-Döring hat sich ebenfalls der Keramik verschrieben. Siegfried stammt aus Köslin in Pommern und Juscha aus Hamburg. Sie machte 1939 ein Praktikum in der Töpferei Lasdehen und legte dort ihre Gesellenprüfung ab. Die Töpferei, entstanden 1932, lag im Kreis Schloßberg und wurde von Eva Danielczik gegründet.

Dort arbeitete sie gemeinsam mit Renate Horath-Vesper bis zu ihrer Eheschließung. 1942 bis 1944 pachtete Juscha Schneider-Döring gemeinsam mit Janne Becker (Eska) und Sigrid Krüger die Töpferei. In dieser Zeit legte sie 1943 auch die Meisterprüfung in Königsberg ab. Nach dem Krieg war sie zunächst in Hamburg und Berlin tätig, bis sie sich endgültig in Bad Oldesloe niederließ. „Ostpreußen ist und bleibt meine große Liebe“, so Juscha Schneider-Döring zur PAZ. 1950 hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Werkstatt gegründet.

Alle drei Künstler stehen für sich. Jeder hat seine eigene Technik und Ausdrucksweise entwickelt. Immer aber ist es die Faszination der natürlichen Materialien, die ihre Arbeiten so unverwechselbar macht. Im Berliner Keramik-Museum kann man einen ersten Eindruck von ihrer Kunst gewinnen. Silke Osman

Das Keramik-Museum Berlin, Schustehrusstraße 13, ist sonnabends, sonntags und montags von 13 bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt 2 Euro.


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