© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Höhen und Tiefen eines bewegten Lebens
Der in Stettin geborene Schauspieler Heinrich George wirkte sowohl in Propagandafilmen als auch in künstlerisch wertvollen Streifen mit

Ohne die Schule mit dem Abitur abzuschließen, ging Heinrich George (1893–1946) seinen eigenen, äußerst eigenwilligen und umstrittenen Weg. Schauspieler wollte er werden und so nahm er in seiner Vaterstadt Stettin Schauspielunterricht. Der Erfolg gab ihm Recht. Der Aufstieg Georges als Bühnendarsteller war kometenhaft. Bereits 1920, mit gerademal 27 Jahren, war der Stettiner festes Mitglied im Ensemble der Salzburger Festspiele und trat unter Max Reinhardt in Hofmannsthals „Jedermann“ auf. 1923 gründete er mit den Kollegen Elisabeth Bergner und Alexander Granach ein eigenes Schauspiel-Ensemble, um sich eine künstlerische Unabhängigkeit zu bewahren. Bis zu seinem Einstieg ins Filmgeschäft spielte George alles, was in der Theaterwelt Ruf und Anspruch besitzt, und arbeitete mit renommierten Regisseuren wie Max Reinhardt, Jürgen Fehling und Bertold Brecht zusammen. Sein Rollenspektrum war enorm breit. Mal gab er Johann Wolfgang von Goethes Götz von Berlichingen, dann Gerhard Hauptmanns Fuhrmann Henschel.

George hatte eine beeindruckende Statur und wusste seine körperliche Gabe von Anfang an dramaturgisch einzusetzen. Denn sein großer Körper war nicht ohne Brechungen, war nicht nur groß und plump, sondern auch von einer eigentümlichen Schwäche gekennzeichnet, eine Art „Verschränkung von zugleich starker und weicher Männerkraft“, wie Filmwissenschaftler Thomas Koebner mit Verweis auf einen zeitgenössischen Kritiker 1993 in „Film-Dienst“ bemerkt. George setzte dem plumpen und kraftvollen Äußeren oft ein höchst sensibles und gebrechliches Inneres entgegen. In diesem Kontrast zwischen starkem äußeren Schein und der unsicheren Seele sieht Koebner nicht nur ein durchgehendes gestalterisches Prinzip, sondern auch eine Art Weltanschauung des Schauspielers. „War es das humane Grundmuster seiner künstlerischen Arbeit“, diesen Typus des nicht mehr jungen, doch im Kern naiven, des gütigen und starken, des vielleicht behäbigen Menschen zu spielen, des äußerlich kraftvollen und in der Seele so verletzlichen „Mannes aus dem Volke“? Vermutlich sei es so, meint Koebner.

Wenn man sich auf den Filmschauspieler George bezieht, so kann man nicht umhin, eine dicke Trennlinie zwischen der Zeit vor 1933 und der Zeit danach zu ziehen. Vor 1933 beeindruckte George in Filmen wie Fritz Langs „Metropolis“ (1927) oder der Döblin-Adaption von Piel Jutzi „Berlin, Alexanderplatz“ (1931). Während viele Kunstschaffende nach 1933 Deutschland verließen und andere unauffällige Unterhaltungsfilme machten, ließ sich George von den Nationalsozialisten vereinnahmen und wirkte in Propagandafilmen mit. „Hitlerjunge Quex“ (1933), „Jud Süß“ (1940) und „Kolberg“ (1945) sind nur die schlimmsten Beispiele. Das ist rückblickend umso überraschender, als George vor Hitlers Macht-ergreifung politisch eher dem linken Spektrum nahestand, sich zeitweise sogar in der Kommunistischen Partei Deutschlands engagierte. Sein Richtungswechsel überraschte und schockierte viele Kollegen und Freunde.

Georges Engagement im nationalsozialistischen Film ist ein Faktum und doch ist Koebner Recht zu geben, wenn er meint, dass das Bild eines unbedingten NS-Sympathisanten wenn nicht revidiert, so doch differenziert werden solle. „Wer näher hinsieht, kann Ent- deckungen machen“, so der Filmwissenschaftler in seinem klugen Porträt über den Künstler. Außerdem wirke George in seinen NS-Rollen trotz seiner beeindruckenden Statur immer dann klein, wenn er, wie Koebner bemerkt, von der Propaganda diktierte Überzeugungsmonologe halten soll. Wie in Veit Harlans „Kolberg“, als seine Figur des Bürgermeisters Nettelbeck seine Durchhalteparolen an die Bürger richtet, wobei das, was als mitreißender Pathos gedacht war, in Georges zurückhaltender Darstellung eher klein wirkt. „Der Blick der Kamera richtet sich von oben auf den Fußgänger Nettelbeck. George, plötzlich ein kleiner, gedrungener, erschöpfter Mann, spricht seinen Text mit zurückhaltender Stimme. Will er überhaupt verstanden werden? Herrscht da nicht die Trauer über den Trotz vor?“ (Koebner: „Der Betrogene. Zum 100. Geburtstag von Heinrich George“).

George war auch im Dritten Reich nicht nur Darsteller im Dienste der Politik, sondern auch einer, der weiterhin Aufgaben mit Anspruch annahm. 1940 stand er etwa in Gustav Ucickys Alexander-Puschkin-Adaption „Der Postmeister“ vor der Kamera und lieferte in der Rolle des stolzen Vaters, der um die Ehre seiner geliebten Tochter bangte, die beste Leistung seiner Karriere. Hier bündelte George, was in bisherigen Rollen verstreut war.

Der Schauspieler kann nicht eins zu eins mit der Person Georges gleichgesetzt werden. Hervorzuheben ist Georges Engagement für unerwünschte Künstler, vor die er sich als Intendant des Schillertheaters stellte, indem er sie unter Vertrag nahm. Allerdings ist nicht ganz klar, ob sein Engagement aus humanistischen oder künstlerischen Motiven herrührt.

Fakt bleibt hingegen, dass George in einigen der berüchtigsten Propagandafilmen mitwirkte. Das wirft einen großen Schatten auf einen Mimen, „der mit einem Ausmaß an Phantasie“ ausgestattet ist, „welche Gott in hundert Jahren nur ein paar Mal an Schauspieler verschenkt“, so Jürgen Fehling in der „Film-Revue“, November 1955. So sehen ihn viele Zeitgenossen und so möchten ihn auch viele aus der späteren Generation sehen. Kollegen wie Will Quadflieg und Gisela Uhlen oder seine Söhne Jan und Götz George gehören dazu, die für eine stärkere Würdigung des Schauspielers Heinrich George plädierten.

George konnte sich selbst zu seiner Verstrickung in die braune Politik nicht äußern. Er wurde nach dem Untergang des Dritten Reichs im Juni 1945 verhaftet und zunächst im Gefangenenstraflager Hohenschönhausen, später in Sachsenhausen interniert. Dort starb er am 26. September 1946 wenige Wochen vor seinem 53. Geburtstag. Die Russen gaben als Todesursache eine missglückte Blinddarm-OP an, doch inzwischen gilt es als erwiesen, dass er verhungerte. Willy Flemmer


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