© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Ohne Liebe geht es nicht
Engländer wünscht sich sündige Briefe ins Kriegsgefangenenlager

„Um einen guten Liebesbrief zu schreiben, musst du anfangen, ohne zu wissen, was du sagen willst, und enden, ohne zu wissen, was du gesagt hast“, riet einst der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Auch der Protagonistin Tory in Gerard Woodwards Roman „Ausgehungert“ fehlen die Worte, als sie plötzlich leidenschaftliche Liebesbriefe schreiben soll.

Die Geschichte spielt in England zu Beginn der 40er Jahre. Torys Ehemann Donald sitzt in deutscher Kriegsgefangenschaft und die drei Kinder sind aufs Land geschickt worden. Ihre Mutter, Mrs. Head, ist aus der Provinz nach London zurückgekehrt, um im Haushalt zu helfen, während Tory in einer Gelatinefabrik arbeitet. Der Krieg zeichnet seine Spuren im Alltag von der Fabrikarbeit der Frauen als Ersatz für ihre Männer an der Front über die Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe bis hin zur Hungererfahrung. Als Mrs. Head eines Tages eine Fleischkeule mitbringt, die beim Bombenanschlag auf einen Metzgerladen an der Hauswand gegen-über kleben geblieben ist, ist die Freude groß. Die Vermutung, es könnte sich um einen Braten aus dem Bein des in Stücke gerissenen Metzgers handeln, lässt allerdings beiden den Appetit vergehen.

Doch die Moral stirbt im Krieg zuerst. Neben dem vermeintlichen Kannibalismus sieht sich Tory bald mit dem Bruch sexueller Tabus konfrontiert. Nach Monaten der Ungewissheit erreicht sie ein Brief des verschollenen Gatten, in dem er weder nach dem Befinden seiner Familie fragt noch seine eigenen Umstände erklärt. Stattdessen bittet er um einen „schmutzigen Brief, ich meine, so richtig unanständig, mit den schmutzigsten Wörtern und Handlungen, die Du Dir vorstellen kannst“.

Tory ist entsetzt. Sie kann sich kaum an romantische und leidenschaftliche Momente in ihrem Ehealltag erinnern. Nur Donalds Malerberuf lässt einige Bilder vor ihrem geistigen Auge entstehen: „Ach, wie ich den Geruch von Terpentin vermisse, während sich Deine spitzen schottischen Ellbogen in meine Rippen bohren … Könnte ich nur endlich wieder Dein unrasiertes Kinn spüren, das wie Schmirgelpapier über meine Brüste schleift.“ Tory tut sich schwer mit ihrer neuen aktiven Rolle, denn stets war es ihr Mann, „der die ganze Arbeit machte und sich unermüdlich wie ein Lanzenreiter in der Dunkelheit über ihr abrackerte“.

Erst die Affäre mit dem Besitzer der Gelatinefabrik, einem ehemaligen Boxchampion, lehrt die junge Frau, was körperliches Verlangen bedeutet. Die Liaison trägt sowohl literarische Früchte, die Donald mit seinen Mitgefangenen für Schnaps und Schokolade teilt, als auch fleischliche Früchte. Tory wird schwanger. Ihrem Mann, der nach Jahren der Trennung heimkehrt, erzählt sie, das fremde Kind als Baby in einem ausgebombten Haus gefunden und adoptiert zu haben. Donald glaubt ihr kein Wort und entwickelt sich zum Tyrannen. Wie in vielen Familien am Ende des Krieges kommt es zum Konflikt. Während sich die Frauen emanzipiert haben, kämpfen die gebrochenen Männer um ihre verlorene Position. Für Tory beginnt ein langer, steiniger Weg, ihre Freiheit und Würde zu bewahren sowie den Familienfrieden wiederherzustellen.

Mit einfühlsamer Komik und bestem englischen Humor erzählt Woodward über die Unfähigkeit der Kommunikation in der Familie, über die Beziehung der Geschlechter und über die schwierige Balance zwischen Geben und Nehmen. Der Autor hat ein besonderes Gespür für die Psychologie seiner Protagonisten und holt den Leser in das England der Churchill-Ära zurück. Im Gegensatz zu manchem Wackelpuddingkandidaten auf dem Buchmarkt handelt es sich bei „Ausgehungert“ um einen echten Festtagsbraten. Sophia E. Gerber

Gerard Woodward: „Ausgehungert“, Knaus, München 2011, geb., 416 Seiten, 19,99 Euro


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