© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Organ oder Seele?
Ein Herz überführt in diesem Krimi den Mörder

Im Nordwesten von Schleswig-Holstein liegt die Region Nordfriesland. Und eigentlich ist Witzwort bei Husum der Inbegriff von Ruhe und Beschaulichkeit. Doch dann erschüttert eine grauenhafte Mordserie das ländliche Idyll. Ein gewissenloser Mörder treibt sein Unwesen, wobei es ihm ein perfides Vergnügen zu bereiten scheint, seine grausam zugerichteten Opfer in den Kirchen Nordfrieslands „auszustellen“.

In dem spannenden Krimi „Eidernebel“ ermittelt der etwas nüchterne, aber sympathische Kommissar Jan Swensen in seinem vierten Fall. Doch kämpft Swensen in „Eidernebel“ nicht nur gegen die Zeit, denn mit jedem Tag, der verstreicht, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der „Kirchenmörder“ erneut zuschlägt, sondern auch gegen dunkle, ihn belastende Erinnerungen aus der Vergangenheit.

„Handelnde können ihrem Schicksal nicht entfliehen, denkt der Hauptkommissar, während er mit Panik im Nacken aus der Kirche eilt. Die kalte Nacht holt ihn in die Wirklichkeit zurück. Die Angst, dass sich die alten Bilder von früher wieder noch einmal in seinem Kopf festsetzen könnten, bleibt ... Das Spiel ist aus. Der Satz ist plötzlich in seinem Kopf. Sartre …, das mit dem Entfliehen ist von Sartre.“

Doch ganz so schnell ist das Spiel für den skrupellosen Mörder noch nicht aus. Swensen und seinen Kollegen stehen noch etliche Überstunden und schlaflose Nächte bevor, ehe sie auf eine erste heiße Spur des Mörders treffen. Einer jungen Frau, die seit einer Transplantation das Herz einer Ermordeten in sich trägt, erscheinen plötzlich rätselhafte Bilder im Traum. Der sonst so nüchterne Kommissar Swensen muss sich entscheiden a) für den gesunden Menschenverstand oder b) für die Theorie, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir es uns zu träumen wagen.

Der Autor Wimmer Wilkenloh wirft in „Eidernebel“ die Frage auf, ob Herzen sozusagen eine Seele besitzen beziehungsweise ob das Herz als Organ in der Lage ist, Erinnerungen des Menschen zu speichern und ob ein Herz diese Informationen nach einer Transplantation an den neuen Besitzer weiterzugeben vermag. Rein wissenschaftlich und ohne Phantastereien flicht der Autor dieses brisante Thema in den Krimi mit ein. Friesisch-herb und ohne Schnörkeleien – das ist die Art von Krimi, die der Leser sich von dem gebürtigen Itzehoer und jahrelangen Autor beim Norddeutschen Rundfunk erhofft und mit „Eidernebel“ auch bekommt. Vanessa Ney

Wimmer Wilkenloh: „Eidernebel“, Gmeiner Verlag, broschiert, 425 Seiten, 11,90 Euro


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