© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Skeptischer Blick auf das Heute
Benedikt XVI. erreichte die Herzen durch Wahrhaftigkeit – Kirche ist für die Sünder da

Putin wird wieder Präsident und Medwedjew räumt das Feld. So überraschungsfrei war eigentlich auch der Besuch Benedikt XVI. in Deutschland: Der Papst ist der Papst, er bleibt katholisch, er verkündet die Lehre der Kirche, er stärkt und ermutigt die Gläubigen. Eine Zeitgeist-Ökumene mit den Protestanten wird es nicht geben. Anderslautende Erwartungen erwiesen sich als das, was sie von Anfang an waren: Phantasiegebilde.

Aber im Ernst: In den vier Tagen seines Besuches erwies sich Benedikt als Hirte seiner Herde, der als verständnisvoller, doch gestrenger Vater den Menschen ins Gewissen redete, der nicht der Versuchung erlag, sich durch Anbiederung beliebt zu machen, sondern von dem sprach, was sein Auftrag von ihm forderte, ob gelegen oder ungelegen.

„Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens“, sagte Benedikt im Gespräch mit den Laien des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), und diese Stellungnahme kann als der Kernsatz seiner Pilgerfahrt in die deutsche Heimat gelten und verdient es, festgehalten zu werden. „Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben“, fuhr der Papst fort, und es war den – notorisch nörglerischen – ZdK-Vertretern wie ins Stammbuch geschrieben, stellvertretend für alle, die in neuen Formen und Statuten, in „Öffnung für Neues“ ihr Heil suchen und beim „Abschneiden alter Zöpfe“ ganz vorn dabei sind. Nicht an Strukturen, sondern am Ich jedes Einzelnen hat alle Bemühung um Verbesserung der Kirche anzusetzen. Das ist die Botschaft Benedikts, die sich durch sein ganzes Pontifikat zieht und auch die Deutschlandreise bestimmte.

Wo der Papst auch in der Öffentlichkeit sprach, hat er die Menschen beeindruckt. Seiner Rede im Deutschen Bundestag, die im Vorfeld so erbittert umstritten war, applaudierten schluss­endlich sogar die Abgeordneten der Grünen. Trotz seines hohen Alters – Benedikt steht im 85. Lebensjahr – wirkte der Papst lebendig und geistig vollkommen präsent, wie einer, der noch ein Vermächtnis hinterlassen will; das dichte Netz von Terminen mit 17 Ansprachen und Predigten während vier Tagen stand er ohne zu schwächeln durch.

Benedikt ist ein Mann der milden Töne, der umsichtig formuliert. Der um theologisch präzise, doch verständliche Ausdrücke bemühte Professor scheint immer durch. Seine leise Rede zwingt zu genauem Hinhören.

Das Panorama seiner Botschaft entfaltete er bereits in seiner Bundestagsrede. Ohne es expressis verbis zu nennen, verdeutlichte er: Ohne den Glauben an den dreifaltigen Gott findet der Mensch die Maßstäbe für sein Tun nicht. Vor Abgeordneten, deren Beruf es ist, Gesetze zu geben, stellte er die Frage: Wie erkennt man, was gerecht, und was Recht ist? Für den Rechtspositivisten ist die Antwort klar: Recht ist, was der gesellschaftliche Konsens dafür hält. Doch das Mehrheitsprinzip reicht nicht aus: „Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt.“ Dies sei „eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist“.

Der positivistischen Haltung setzte der Papst den Gedanken des Naturrechts entgegen, der davon ausgeht, dass die Natur sinnvoll eingerichtet ist und der Mensch deshalb im Einklang mit der Ordnung der Natur leben müsse. „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ Den Volksvertretern, die klatschten und vielleicht froh waren, keine Gardinenpredigt serviert bekommen zu haben, schien die Konsequenz dieser Aussage wohl entgangen zu sein: Die heute allseits akzeptierte Homosexualität und künstliche Empfängnisverhütung galten seit je her als „Sünden gegen die Natur“. Ebenso sind Abtreibung, PID, Genmanipulation oder die Gender-Ideologie mit dem Naturrecht nicht vereinbar. Hätte der Papst diese Dinge klar ausgesprochen, wäre es zum Eklat gekommen.

In seiner Predigt im Berliner Olympiastadion am ersten Abend seines Deutschlandbesuches warb Benedikt anhand des Gleichnisses vom Weinstock für ein Verständnis von Kirche als einem „lebensvollen Zu-Jesus-Christus-Gehören“, als „Lebensgemeinschaft mit ihm und füreinander“. Vor etwa 61000 Gläubigen stellte er die Kirche vor als das „,universale Heilssakrament‘, das für die Sünder da ist, um ihnen den Weg der Umkehr, der Heilung und des Lebens zu eröffnen. Das ist die eigentliche und große Sendung der Kirche, die ihr von Christus übertragen ist“. Nach diesen Worten konnte jeder Beobachter vorhersehen, dass es später in Erfurt keine Annäherung an die Protestanten geben würde.

Nachdenklich machen konnte die Haltung vieler katholischer Gottesdienstbesucher. Ist es so, wie die katholische „Tagespost“ urteilt, dass das Stadion an jenem Donnerstag zum „Dom“ wurde und das „Mysterium der Kirche wieder ahnen“ ließ? Der Papst feierte auf der riesigen, schnörkellos funktionellen Altarinsel mit 16 Konzelebranten die heilige Messe. Derweil unterschied sich die Stimmung im Stadion streckenweise nicht von der eines Popkonzerts oder anderer Massenveranstaltungen, wie Mitarbeiter der PAZ beobachteten, die vor Ort dabei waren. Noch bis kurz vor Beginn der heiligen Handlung saßen Tausende mit Getränken in den Reihen oder verzehrten auf dem Vorplatz ein Würstchen. Die eigentlich gebotene eucharistische Nüchternheit vor der Kommunion wurde krass missachtet. Nur die allerwenigsten Gläubigen knieten während der Wandlung. Und warum vor und während der Messe seicht-poppige Lieder gesungen werden müssen, bleibt ein Geheimnis des mit der Organisation betrauten Berliner Liturgieteams. Das Hochgebet wurde begleitet von Schlagzeug und E-Gitarren.

Der katholischen Tradition verpflichtete Gläubige kritisierten im Anschluss, dass die heilige Messe ihres sakralen Charakters entkleidet und zu einem „Event mit dem Popstar Papst“ gemacht wurde, das sich äußerlich kaum noch von der weltlichen Unterhaltungskultur unterschied. Wer etwas über die vielbeklagte „Häresie der Formlosigkeit“ (Martin Mosebach) im deutschen Katholizismus erfahren wollte, fand hier reichlich Anschauungsmaterial. Ch. Rudolf


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