© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Explosive Altlasten
Die Entschärfung von Weltkriegsbomben kostet das Land Brandenburg Millionen

Nach über 60 Jahren tragen Länder und Kommunen immer noch an den Folgelasten von alliierten Bomberangriffen. Der Bund entzieht sich bisher seiner Verantwortung: Es ist das Land Niedersachsen, das noch einmal Schwung in eine festgefahrene Debatte bringen könnte. Am 6. September hat das Land dem Bundesrat einen Antrag vorgelegt, der die Kostenbelastung durch sogenannte „Rüstungsaltlasten“ aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges neu regeln soll.

Bisher bleiben betroffene Bundesländer auf den Kosten sitzen, wenn zum Beispiel alliierte Fliegerbomben entschärft werden. Der Bund übernimmt lediglich in den seltenen Fällen die Kosten, wenn es sich bei der zu beseitigenden Munition um „Reichseigentum“, also Wehrmachtsmunition handelt. Versuche des Landes Brandenburg, Änderungen an diesem Zustand vorzunehmen, sind bisher regelmäßig gescheitert. Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke hat nun angekündigt, sich Niedersachsens Vorstoß zu einer gerechteren Lastenverteilung anzuschließen, was naheliegend ist, denn Brandenburg hat wie kein anderes Bundesland an Kosten für Munitionsräumungen zu tragen.

Außer Munitionsaltlasten auf Kampfschauplätzen wie den Seelower Höhen oder dem Kessel von Halbe sind es immer wieder Blindgänger der alliierten Bombenangriffe auf Berlin samt Rüstungsbetrieben im Umland, aber auch auf Städte wie Cottbus, Frankfurt an der Oder oder Brandenburg an der Havel, die bis heute Kosten verursachen. Eine Stadt, die besonders an den Folgen der Bombenangriffe zu leiden hat, ist Oranienburg im Berliner Umland.

Inzwischen einsehbare Planungen der Briten und Amerikaner zeigen, warum der kleine Ort derart zum Ziel alliierter Bomberverbände wurde. Neben dem Bahnhof, der als Knotenpunkt für Wehrmachtstransporte Richtung Osten eingestuft wurde, war es die Flugzeugherstellung von Heinkel, welche die Aufmerksamkeit der „Target Intelligence“ auf sich zog. Als wichtiges Ziel galt daneben auch die Auergesellschaft, die nicht nur Atemschutzmasken herstellte, sondern in Oranienburg auch Rohstoffe wie Seltene Erden und Uranerze verarbeitete. Damit nicht genug, bekannt war auch die hohe Anzahl von SS-Dienststellen im Gebiet um Oranienburg: Dies war zum Beispiel der Militär- und Wirtschaftskomplex der SS, darunter das Hauptfahrzeugamt der Waffen-SS.

Folge dieser hohen Konzentration von Rüstungsunternehmen und Dienststellen war, dass auf die Kleinstadt Oranienburg und Umgebung während des Zweiten Weltkrieges zirka 12500 Sprengbomben und etwa 8800 Brandbomben abgeworfen wurden. Von Fachleuten wie Professor Wolfgang Spyra, der sich an der TU Cottbus mit den Fragen der Rüstungsaltlasten befasst, wird angenommen, dass zwischen zehn und 15 Prozent der abgeworfenen Bomben nicht zur Zündung kamen. Entweder, weil die Bomben Fabrikationsfehler aufwiesen oder weil der Aufschlagwinkel am Boden ungünstig für eine Auslösung des Zünders war.

Ein besonderes Problem sind die verwendeten Langzeitzünder, die abgeworfene Bomben mitunter erst nach 48 Stunden zur Zündung bringen sollten. Aufgrund von Fertigungsmängel funktionierten viele dieser Zünder nicht. Ein Übriges tat der Märkische Sandboden: Häufig drangen die Bomben schräg in den Sand ein, und beschrieben dann eine U-förmige Kurve. Resultat dieser Drift war häufig, dass die Zünder nach oben ragten und nicht aktiviert wurden.

Ausgerechnet kurz vor Kriegsende, am 15. März 1945, wurde auf Oranienburg nochmals ein Angriff geflogen, bei dem zu über 80 Prozent Bomben mit Langzeitzündern abgeworfen wurden. An den Folgen muss die Stadt bis heute tragen. Pro Jahr sind immer noch bis zu 2,5 Millionen Euro für Bombenentschärfungen im Haushalt der Kommunen eingeplant. Im Landkreis sind es sogar elf Millionen jährlich.

Doch diese Beträge könnten noch steigen, wenn man sieht, was zukünftig noch an Kosten anfallen kann. In einem Gutachten der TU Cottbus hat Professor Spyra mögliche Belastungen für Oranienburg hochgerechnet. In dem untersuchten Gebiet von 40 Quadratkilometern rund um Oranienburg sind noch 326 Großbomben zu erwarten. Selbst wenn eine systematische Suche und Beseitigung auf ein Kerngebiet beschränkt bleibt, würden Kosten von 420 Millionen Euro anfallen.

Verständlich, dass der Bund von der Forderung Niedersachsens und Brandenburgs auf gerechtere Lastenverteilung nichts wissen will und lieber an der seiner Meinung nach „ausreichenden Staatspraxis“ festhalten will, bei der Kriegsfolgelasten auf Länder und Kommunen abgewälzt werden.

Vieles spricht dafür, dass die von der TU Cottbus berechneten theoretischen Kosten in Zukunft auch wirklich anfallen werden. Durch Umwelteinflüsse sind viele der Langzeitzünder inzwischen in einem kritischen Zustand, der sich verschlechtert. Ein Problem vor dem nicht nur Oranienburg steht. Über Berlin wurden im Laufe des Weltkrieges 440000 Bomben abgeworfen, bis zur 4000 nicht entschärfte Blindgänger werden im Berliner Boden noch vermutet. Allerdings scheint der Berliner Senat zu glauben, das Problem mit weniger Mittel als die Vorortgemeinde Oranienburg bewältigen zu können. Lediglich zwei Millionen Euro sind im Berliner Haushalt für die explosiven Altlasten eingeplant. Norman Hanert


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