© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Ein Universalgenie
Wolfgang von Goethe betätigte sich auch als Finanzminister

Ja, Wolfgang Schäuble ist ein zäher Bursche, das würde auch Johann Wolfgang von Goethe seinem Amtskollegen bescheinigen, denn während Goethe 1786 nach vier Jahren in Amt und Würden völlig verzweifelt das Weite suchte, hält Schäuble die Stellung. Jetzt mag so mancher fragen, was bitte den großen deutschen Dichterfürsten Goethe und den stets griesgrämig schauenden CDU-Politiker Schäuble verbindet, doch ein Blick in Goethes Vita verrät, dass auch er einige Zeit Finanzminister, damals Kammerpräsident genannt, war.

Die Ausgangsposition mag zudem auch für beide ähnlich gewesen sein. Beide „erbten“ von ihren Vorgängern einen riesigen Schuldenberg. Als Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach 1775 die Regentschaft von seiner Mutter Anna Amalia übernahm, beneidete ihn sein jüngerer Bruder Friedrich Ferdinand Konstantin nicht wirklich. „Mich schaudert’s vor der Idee des Ruins“, soll dieser nach einem Blick auf die fürstlichen Finanzen gesagt haben. Ein günstiger Kredit aus der Schweiz und die Bereitschaft einiger großer fürstlicher Geldgeber, weniger Zinsen zu akzeptieren, heute besser unter dem Begriff „sanfte Umschuldung“ bekannt, verschob die Insolvenz des etwa 100000 Einwohner zählenden Herzogtums nur nach hinten. Als der renommierte Dichter Goethe 1775 Weimar besuchte, erkannte der Herzog zugleich, dass in dem Mann mehr steckte als nur viele schöne Worte, und fragte ihn, ob er ihm helfen wolle, das marode Herzogtum zu reformieren. Goethe willigte ein, da es ihn reizte, einmal das wirklich tätige Leben kennenzulernen und sich nützlich zu machen. Er lud sich damit eine wahrhaft große Aufgabe auf, denn die Residenzstadt Weimar hatte bei einem Brand gerade ihr Schloss verloren und es fehlte Geld für den Neubau. Auch waren der Handel und die Infrastruktur selbst für damalige Verhältnisse absolut unterentwickelt. Zudem war das aus den 1741 vereinigten Herzogtümern Weimar, Eisenach und Jena sowie einigen Ämtern bestehende Herzogtum arg zusammengestückelt.

Erst war Goethe ab 1776 nur Geheimer Legationsrat und Mitglied des dreiköpfigen Beratergremiums des Herzogs, was in Adelskreisen einen Sturm der Entrüstung auslöste, da der bürgerliche Goethe keiner der ihren war. Doch dieser überzeugte den zehn Jahre jüngeren Karl August dermaßen, dass er Goethe schon ein Jahr danach die Leitung der neugegründeten Bergwerkskommission übertrug, 1779 dann sogar die des Kriegsministeriums. Und immer führte Goethe dem Herzog vor Augen, dass er sparen müsse. Passé die beliebten Wildschweinjagden, passé die luxuriöse Hofhaltung, selbst vor dem Militär machte Goethe nicht halt und reduzierte es um gut 50 Prozent auf 248 Mann. Damit machte er sich unentwegt Feinde, so dass der Herzog ihn 1782 adelte, um wenigstens dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Doch auch die Sparpläne eines „von“ Goethe kamen bei Hofe nicht gut an. Als Finanzminister versuchte Goethe ab 1782 eine Struktur in das völlig unübersichtliche, aus drei Separatkassen bestehende Finanzwesen des Landes zu bekommen. Doch 1786 resignierte er: „Es weis kein Mensch was ich thue und mit wieviel Feinden ich kämpfe um das wenige hervorzubringen“, notierte der renommierte Dichter, flüchtete sich auch deswegen in eine Italienreise und kehrte den Staatsgeschäften den Rücken zu. Allerdings hat er in seinen „Amtlichen Schriften“ seine Erfahrungen mit der „nützlichen Tätigkeit“ festgehalten. Rebecca Bellano


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