© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Gouverneur erwartet Rückbenennung Königsbergs
Nikolaj Zukanow in Warschau: »Wahrscheinlich wird es hierüber ein Referendum geben« – Die Tage »Kaliningrads« scheinen gezählt

Werner Schulz aus der Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament hat bei den Verhandlungen über die parlamentarische Zusammenarbeit zwischen Russland und der Europäischen Union in Warschau gegenüber dem Königsberger Gouverneur Nikolaj Zukanow darauf verwiesen, dass dessen Land ja bereits verschiedene Städte umbenannt habe, wie beispielsweise Leningrad in Sankt Petersburg oder Stalingrad in Wolgograd, um ihn dann zu fragen, warum man da nicht auch die Bezeichnung „Kaliningrad“ ändere, wo Kalinin schließlich ein treuer Gefolgsmann Stalins gewesen sei. Den Namen „Königsberg“ erwähnte er explizit nicht.

Zukanow antwortete darauf launig, von sich aus auf den deutschen Stadtnamen verweisend, dass die Litauer die Stadt auf ihren Straßenschildern nicht als „Königsberg“, sondern als „Karaliaucius“ bezeichneten, und die Polen gerne bei der Einfahrt nach Wilna ein Schild mit der Aufschrift „Wilno“ anstelle von „Vilnius“ aufgestellt sähen. Dem ließ er – der offiziellen russischen Direktübersetzung ins Polnische nach – die Worte folgen:

„Das ist eine Frage, die in unserer Gesellschaft öffentlich diskutiert wird. Wahrscheinlich wird es hier­über ein Referendum geben. Junge Leute sagen häufig ,König‘ und nicht ,Kalinin‘. Aber für ältere Menschen und Veteranen des Zweiten Weltkriegs wäre ein solcher Wechsel schwer zu akzeptieren. Ich denke aber, dass es dazu kommen wird. Als ich diese Frage dem Präsidenten Medwedjew gestellt habe, war er offen für eine mögliche Änderung. Natürlich ist heutzutage die wirtschaftliche Entwicklung für uns viel wichtiger. Wenn ich wüss­te, dass, wenn wir den Namen in Königsberg ändern würden, wir morgen eine Wirtschaft auf deutschem Niveau hätten, würde ich den Namen sofort ändern.“

Zurück in Königsberg sah sich Zukanow bald dem Protest einschlägiger Kreise ausgesetzt. Die kommunistischen Medien versuchten, wenn auch etwas zaghaft, seine Äußerungen zu skandalisieren. Zukanow tat, was man in einer solchen Lage von einem Vertreter der Partei „Einiges Russland“ inzwischen gewohnheitsmäßig erwartet: Er ruderte zurück. Der „Sinn seiner Rede“, so ließ er durch seine Pressestelle verlauten, habe darin bestanden, klarzustellen, dass es eine Vielzahl an sozialen und ökonomischen Aufgaben gebe, die vorrangig zu behandeln seien. Wenn die Frage des Stadtnamens aber eines Tages aktuell sei, könne sie nur auf dem Wege eines Referendums entschieden werden. Er persönlich sei gegen eine Umbenennung.

Davon abgesehen, dass das in Warschau noch etwas anders geklungen hat, ist es bezeichnend, wie verhalten die Proteste gegen Zukanow diesmal ausfielen und wie sehr sie an den zentralen Inhalten der Aussagen vorbeigingen. Dies hat sicher zumindest teilweise mit der fehlenden Berichterstattung über diese „Details“ in den russischen Massenmedien zu tun, aber auch damit, dass sie offensichtlich zu brisant sind. Dem Wortlaut Zukanows nach hat er schließlich Gespräche mit dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew über eine mögliche Rückbenennung geführt. Entsprechende Verlautbarungen hatte es zumindest offiziell bislang noch nie gegeben – zu groß waren die Sorgen der Führung vor einer möglichen Negativwirkung auf die eigene Popularität.

Andererseits ist sich ein Stratege wie Wladimir Putin, der hinter Medwedjew steht, wie wir mittlerweile wissen, natürlich bewusst, dass eine Rückbenennung für Russland von großem Vorteil wäre – sei es im Sinne eines Neubeginns der Region innerhalb der Russischen Föderation, sei es im Rahmen einer Abstoßung der für Mos­kau teuren Exklave unter gleichzeitiger Gewinnung einer dringend benötigten strukturellen Brücke nach Europa. Vor zwei Jahren wurde daher ein Gefolgsmann des damaligen Gouverneurs und damit zugleich Putins ins Feld geschickt, um im Rahmen einer gezielten Medieninszenierung die öffentliche Akzeptanz für eine Rück­benennung auszuloten. Damals gab es noch eine lautstarke Kritik, sowohl aus dem rot-braunen Oppositionslager, als auch von inneren Widersachern innerhalb des Machtapparates, worauf man die Angelegenheit fürs erste einschlafen ließ.

Dass man auch diesmal die öffentliche Reaktion austesten wollte, erscheint aber angesichts der Umstände als ausgesprochen unwahrscheinlich. Zum einen wird ein Auftritt im fernen Warschau in Russland kaum hinreichend wahrgenommen, zum anderen „verbrennt“ man dafür nicht einfach so hochrangige Politiker der Präsidentenpartei wie den Gouverneur oder gar den Präsidenten selbst. Überdies ist Zukanow in „kleiner Runde“ schon häufiger durch freimütige Äußerungen aufgefallen, die er einer breiten Öffentlichkeit gegenüber nicht wiederholte. Augenscheinlich verhält es sich diesmal ebenso, wobei hier aber erstmals derartige Gedankenspiele des Kreml explizit nach außen drangen.

Einem Großteil der Königsberger war die Diskussion weitgehend gleichgültig und den Altgenossen fielen als Argument für die Beibehaltung des stalinistischen Namens inzwischen fast nur noch die vermeintlichen Kosten einer Umbenennung ein – für Kalinin, der ob seiner Verbrechen postum aus der Partei ausgeschlossen wurde, engagiert sich auch bei ihnen seit langem niemand. Vor allem jugendliche Königsberger solidarisierten sich hingegen offen in Blogs, sowie durch vereinzelte Straßenproteste und Schilderdemonstrationen auf Fahrzeugen mit einer Rückbenennung. Es ist eine offenkundige Tatsache, dass die Mehrheit der heutigen Jugend gegen diese kommunistische Namensaltlast eingestellt ist und Kalinin lieber heute als morgen im Pregel entsorgen würde.

Die Königsberger Intellektuellen fordern seit langem eine Rückkehr zum historischen Namen der Stadt, und selbst die ansonsten dem sowjetisch-nationalistischen Erbe gegenüber oft recht aufgeschlossene orthodoxe Kirche verlangte unlängst eine baldige Abkehr von der Benennung nach dem „Erzverbrecher“ Kalinin. Auf polnischer Seite drängte jüngst Außenminister Radoslaw Sikorski auf eine Wiederverwendung des Ursprungsnamens, so dass man die polnische Bezeichnung der Stadt auch offiziell verwenden könne, und die Litauer tun dies ihrerseits auch ohne eine „amtliche Erlaubnis“ seit jeher. Der Name „Königsberg“ hat demnach eine Vielzahl unterschiedlichster Freunde, und die Ära der stalinistischen Namen in Ostpreußen dürfte bereits in absehbarer Zeit ihrem Ende entgegengehen. Thomas W. Wyrwoll


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