© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Jetzt bist du gefragt
Großeltern beantworten Fragen nach Gott

Opa will einen Spaziergang mit seinen Enkeln machen. Sie laufen los und gehen spontan durch das offene Friedhofstor in der Nähe. Zuerst bleiben die Vier an Opas Elterngrab stehen. Nachdenklich betrachten sie das blühende Heidekraut. Der neunjährige Niko stupst seinen Großvater an. „Du – Opa, bist du immer traurig, wenn du hier stehst?“ Opa

nickt: „Ein biss-chen, aber es ist ja schon lange her, dass meine Eltern gestorben sind. In meiner Erinnerung sind sie aber noch lebendig.“

Eine Weile später sind sie bei den Kindergräbern angelangt. Niko wendet sich an seine etwas ältere Cousine: „Welchen Grabstein würdest du dir für dich aussuchen?“

Ein wenig erschrocken zeigt das Mädchen auf einen weißen Stein, auf dem eine helle Blüte die Unschuld des gestorbenen Kindes verdeutlicht. „Warum musste das Baby denn schon sterben?“ will Niko wissen. Opa zuckt mit den Schultern. „Das weiß ich nicht.“ „Ist das Baby jetzt im Himmel?“ fragt Niko weiter. „Na sicher“, erwidert Laura, „ich begreife nur nicht, warum es erst geboren wurde und dann gleich wieder sterben musste. Das ist doch unlogisch!“ „Unser menschlicher Verstand ist einfach zu klein für manche Dinge“, erklärt Opa. Niko grinst. „Meiner nicht. Gott hat sicher gedacht, diese Welt ist zu böse für so ein kleines Kind. Da nehme ich es doch lieber wieder zu mir.“ Die Kinder haben rote Wangen, als wir wieder zu Hause sind. „Es war richtig schön“, sagt Laura. „Ja“, bestätigt Niko, „so ein Friedhof hat was.“

Er sieht mich ernsthaft an, rückt dann zögernd mit seiner Frage heraus, die ihm wohl auf der Seele brennt: „Oma, glaubst du an Gott?“ „Ja.“ Meine Antwort ist kurz. „Ein paar Kinder aus unserer Klasse sagen Glaube sei Quatsch, Oma.“ „Irgendwann lässt Gott sich schon von ihnen finden“, erwidere ich spontan. „Und wenn nicht?“

Ich bin froh, dass der Junge von seiner Cousine abgelenkt wird, denn eine solche Frage ist selbst für Erwachsene nicht leicht zu beantworten. ‚Tja, Herrgott‘, denke ich, ‚jetzt bist du gefragt‘. Gabriele Lins


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