© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Ein Herz für die Musik
Blindennotenschrift soll auch an Schulen unterrichtet werden – Blinde Musiker müssen besonders kämpfen

Man sagt blinden Menschen nach, dass sie ein ausgezeichnetes Gehör haben. So musizieren sie denn auch nach Gehör. Wer seine eigenen musikalischen Gedanken jedoch schriftlich niederlegen will, muss Noten lernen. Die Braille-Musiknotenschrift für Blinde ermöglicht seit mehr als 180 Jahren die Teilhabe blinder Menschen am kulturellen Leben.

Der Franzose Louis Braille entwickelte 1828 die Notenschrift für Blinde und Sehbehinderte. Zur Erinnerung an den „Erfinder“ der Blindenschrift fand am 27. September der Braille-Tag in Deutschland statt. Ein internationaler Kongress mit Vorträgen und Work-shops schloss sich vom 28. bis 30. September in Leipzig an.

Mit einem ausgeklügelten System und unter Verwendung derselben sechs Punkte, die Braille für die Blindenschrift nutzte, konnte er Noten für Blinde lesbar machen. Die größte Sammlung von Noten in Brailleschrift ist in der „National Library for the Blind“ im englischen Stockport zu finden. Auch die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig verfügt über eine stattliche Sammlung, dort sind mehr als 5500 Notentitel verwahrt. Unter dem Stichwort Da Capo kann man dort verschiedene Kompositionen und Komponisten ausleihen oder kaufen.

Dass die Blindenschrift weltweit anerkannt wird, ist einem englischen Arzt zu verdanken. Thomas Rhodes Armitage (1824–1890) war selbst erblindet und hatte großen Einfluss auf die Einführung der Brailleschrift in seiner Heimat. Als Gründer der „British and Foreign Blind Association“ drang er auf die Einführung einer international einheitlichen Blindenschrift. Großen Erfolg hatte Armitage mit der Gründung einer Musikschule für blinde Menschen, um ihnen den Weg in die Selbständigkeit zu erleichtern.

Die Bemühungen scheinen jedoch ins Leere zu laufen, denn die Braille-Musiknotenschrift wird so gut wie nicht an deutschen Schulen gelehrt. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) führt regelmäßig Seminare zum Erlernen der Braille-Musiknotenschrift durch. Um den sehbehinderten und blinden Sängern und Musikern das Studium der Musik zu erleichtern, fordern der DBSV und der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) die Braille-Notenschrift so zu fördern, „dass sie auch weiterhin den Erfolg blinder Kulturschaffender in unserer Gesellschaft sichern hilft“. „Für blinde Menschen bedeutet der Umgang mit Musik neben den vielen anderen positiven Auswirkungen auch einen besonderen Zugang zu sozialer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, da sie in Chören und Instrumentalgruppen zusammen mit Sehenden singen und musizieren können. Alle blinden Schülerinnen und Schüler, die in der Lage sind, die Brailleschrift zu erlernen, müssen auch Grundkenntnisse in Blindennotenschrift erwerben. Ziel muss sein, sie in die Lage zu versetzen, einfache Melodien vom Notenbild her nachzuvollziehen.“ Allen, die die Begabung und den Wunsch haben, ein Instrument zu erlernen, müsse die Möglichkeit gegeben werden, ihre Notenkenntnisse so zu vertiefen, dass sie selbstständig Musik lesen und sich den Noten­text musikalischer Werke ohne die Hilfe Sehender erarbeiten können.

Vor 20 Jahren wurde vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. ein Projekt ins Leben gerufen, das junge blinde Menschen unterstützen sollte. Daraus entstand 1995 das Ensemble „Blinde Musiker München“, das nun seit vielen Jahren öffentlich auftritt wie etwa beim Neujahrs-empfang des Bayerischen Ministerpräsidenten.

Wie schwer es ist, als blinder Mensch Karriere in der Musikbranche zu machen, davon kann der Italiener Andrea Bocelli im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied singen. Der 1958 in der Toskana geborene Bocelli kam mit einer erblichen Form des Glaukoms (Grüner Star) zur Welt. Mit zwölf Jahren wurde er während eines Turniers in der Schule von einem Fußball am Kopf getroffen und erblindete darauf vollständig. Insgesamt 27-mal wurde er in seiner Kindheit operiert – ohne Erfolg. Doch seiner Liebe zur Musik konnte er schon früh nachgehen. Im Alter von sechs Jahren erhielt er ersten Klavierunterricht, später kamen Flöte, Saxofon und Klarinette dazu. „Mein Herz hat immer für die Musik geschlagen, für die großen Stimmen, für Instrumente aller Art“, bekannte Bocelli einmal in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur. Dennoch erlernte er zunächst einen „Brotberuf“ und studierte nach dem Abitur Jura. Ein Jahr lang arbeitete er als Rechtsanwalt, nahm jedoch nebenher Gesangsunterricht. Seine Versuche, bei einer Plattenfirma unterzukommen scheiterten – seine Art zu singen unterscheide sich nicht deutlich genug von anderen Künstlern. Auch seiner Leidenschaft zum Theater konnte er nicht nachgehen, da seine Erblindung ihm auf der Bühne im Wege stehen würde. Erst als der italienische Rocksänger Zucchero 1992 einen Opernsänger für das Lied „Miserere“ brauchte, begann seine Karriere. Luciano Pavarotti hatte abgelehnt und Bocelli empfohlen. Endgültig bekannt aber wurde Andrea Bocelli mit dem englischen Titel „Time to Say Goodbye“, den er zusammen mit der englischen Sopranistin Sarah Brightman 1996 sang. Heute gehört der Tenor mit über 70 Millionen verkaufter Tonträger zu den erfolgreichsten Sängern der Welt. Silke Osman


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