© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Zwischen den Fronten
Deutscher versucht in US-Lager 1944 vergeblich seinen Frieden zu finden

„Amerika 1944: 2222 Deutsche fliehen, 65 werden auf der Flucht erschossen, ein Mann soll die USA angreifen“, steht oben auf dem Buchumschlag des Thrillers „Das Camp“ von Alan Gifford. Inzwischen dürfte überhaupt kaum noch jemanden präsent sein, dass zigtausende Deutsche während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangene in den USA waren. Auch der Großvater der Rezensentin war erst in Frankreich, dann in den USA und in England als Kriegsgefangener, doch wenn er erzählt, berichtet er stets absolut unpolitisch über seine Arbeit bei Bauern in den USA und in England.

Auch Ernst Halder, eine der Hauptfiguren in dem vorliegenden Thriller, arbeitet wie seine Mitgefangenen auf einer Farm. Doch sein Umfeld erlaubt es ihm nicht, absolut unpolitisch zu sein.

Der US-Autor Alan Gifford weiß aus Erzählungen seiner Familie, wie das damals war, denn auch sie hatte deutsche Kriegsgefangene als Arbeiter auf ihren Feldern, damit so viele junge Amerikaner wie möglich in Europa gegen die Deutschen kämpfen konnten. Und während deutsche Bauern über ihre polnischen Zwangsarbeiter berichteten, berichtete die Familie von Alan Gifford über ihre Deutschen, was den Autor nun dazu veranlasste, das Thema in einem Buch aufzugreifen.

Ernst Halder will eigentlich nur seine Arbeit machen und hofft, so bald wie möglich zu seiner Mutter und dem gemeinsamen Hof nach Pommern zurückzukommen, doch die verschiedenen politischen Strömungen im Kriegsgefangenenlager lassen ihm nicht den Freiraum, sich um eine Stellungnahme zu drücken. 1944 waren viele der Insassen Gefangene des Rommelfeldzuges. Sie wussten nicht, wie es inzwischen daheim aussah, da sie schon lange nicht mehr daheim gewesen waren. Deswegen wollten sie nicht glauben, dass es ab Mitte 1944 für die Deutschen schlecht stand, und hofften auf eine Wunderwaffe. Kritische Stimmen im Lager werden in „Das Camp“ zum Schweigen gebracht. Ob das wirklich so ablief, wie Gifford es in seinem Thriller darstellt, ist allerdings zweifelhaft. Interessant ist es aber zu erfahren, dass die Organisation der Arbeitseinsätze von den Deutschen selber geplant wurde. Die Amerikaner stellten nur einen Lagerleiter und einige Wachposten und vertrauten dem deutschen Ehrenwort, dass man nicht zu flüchten versuche.

Da es sich nicht um ein Sachbuch handelt, garniert der Autor das Thema mit einer romantisch-platonischen Liebe von Ernst Halder zur Farmerstochter Celena, einem Mord und einem Fluchtversuch, der in einem Anschlag gipfeln soll: mitten drin Ernst Halder.

Trotz dieser actionreichen Handlung nimmt sich der Autor aber auch der Frage von Schuld und Unschuld an. Kann man unschuldig und ehrenhaft sein, auch wenn man der falschen Seite dient? Gifford beantwortet die Frage eindeutig mit Ja, denn bei ihm gibt es auf deutscher wie auf US-Seite gute wie schlechte Charaktere. Rebecca Bellano

Alan Gifford: „Das Camp“, atb, Berlin 2011, broschiert, 363 Seiten, 9,95 Euro


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