© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-11 vom 01. Oktober 2011

Der Psyche auf der Spur
Therapeut über Ängste, Selbstvertrauen und krankhafte Störungen

Ein Psychiater ist der letzte Mensch, mit dem man spricht, bevor man anfängt, mit sich selbst zu sprechen“, bemerkte einst der Sänger und Schauspieler Frank Sinatra. Die Protagonisten aus „Das Geheimnis der Cellistin“ haben sich zum Glück nicht verschlossen, sondern ihre Probleme dem Autor François Lelord anvertraut. Der französische Psychiater wurde hierzulande berühmt mit seinem Romanhelden Hector, der sich auf die Suche nach dem Glück, der Liebe, der Zeit und anderen Geheimnissen des Lebens begab.

In seinen „beinahe normalen Fällen eines ungewöhnlichen Psychiaters“ lädt der Autor den Leser ein, auf der Couch Platz zu nehmen und ihm bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen.

Dialogisch-forschend tastet er sich an die Fälle seiner Patienten heran, denen er seine liebevoll poetische Sprache verleiht. So etwa der Cellistin, die unter Angststörungen leidet: Die junge Frau fürchtet sich vor großen Plätzen, Straßen und öffentlichen Orten. Lelord geht den Ursachen ihrer Störung nach und verordnet ihr eine gezielte Therapie, die bereits nach wenigen Wochen anschlägt. Die Betroffene berichtet von den Erfolgen: „Ich habe jetzt mehr Selbstvertrauen. Weil ich meine Angst in den Griff bekommen habe, bin ich inzwischen auch in anderen Dingen nicht mehr so furchtsam. Ich gehe häufiger aus, treffe mehr Leute als früher.“ Auch ihr Traum von einer glück-lichen Familie erfüllt sich mit vielleicht etwas schüchternen Kindern.

Die Patienten kommen zu Lelord mit bipolaren Störungen, Depressionen, Autismus, Zwangsstörungen, Schizophrenie, Bulimie, Pa-nikattacken und Stress. Da ist die junge Frau, die nur noch mit Handschuhen aus dem Haus geht und nichts mehr berührt. Oder der Student, der Stimmen hört. In sie alle fühlt sich der Autor ein, stellt die Diagnose, erklärt Symptome und Ursachen der Erkrankung und zeigt die unterschiedlichen Behandlungsmethoden, die Therapeuten und Ärzte zur Verfügung stehen. Für den Laien verständlich und doch fachlich fundiert geht er den Geheimnissen der menschlichen Psyche auf den Grund. Der Leser erhält einen Einblick in die Hirnforschung und etwaig vorhandenen genetischen Dispositionen.

Das Buch ist ein ermutigendes Plädoyer für jene, die sich scheuen, mit ihren Problemen zu einem Psychiater zu gehen. Der Autor warnt davor, sich ausschließlich im Internet über bestimmte Krankheitsbilder zu informieren. Die fehlende Selektion und wissenschaftliche Überprüfung der Inhalte würden leicht zusätzliche Ängste auslösen.

Diskutabel sind dagegen Lelords Seitenhiebe auf die Psychoanalyse und sein unbeirrter Glaube an die medikamentöse Behandlung, die für alles ein Kraut oder eine Pille parat hat. Sophia E. Gerber

François Lelord: „Das Geheimnis der Cellistin – Beinahe normale Fälle eines ungewöhnlichen Psychiaters“, Piper Verlag, München 2011, 384 Seiten, 19,95 Euro


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