© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-12 vom 31. März 2012

Vom Opium durchseucht
Afghanistan: Vor allem Drogenproduktion und -handel florieren

Vor den Augen der Bundeswehr blühen die Mohnfelder, die die Soldaten nicht zerstören dürfen. Mit den Einnahmen aus dem Drogengeschäft finanzieren die Taliban dann später ihre Waffenkäufe.

Folgende drei Aussagen des früheren kanadischen Diplomaten und Universitätsprofessors Peter Dale Scott kennzeichnen die Lage in Afghanistan besser, als alle Aussagen deutscher Politiker: 1) Der afghanische Staat unter der Führung von Hamid Karzai ist ein korruptes Gemeinwesen, in dem ein Viertel des Haushaltes für Bestechungsgelder ausgegeben wird, etwa 1,9 Milliarden Euro je Jahr. 2) Die afghanische Ökonomie basiert auf Drogen. Allein 2007 produzierte das Land 8200 Tonnen Opium, was 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 93 Prozent des Weltverbrauchs an Heroin entspricht. 3) Militärische Optionen, mit dem Problem umzugehen, sind nicht effektiv und sogar konterproduktiv.

Die Bundeswehr, die 2001 zusammen mit den anderen Truppen der Internationalen Schutztruppe Isaf ausgerückt war, um „unsere Freiheit am Hindukusch zu verteidigen“ (Ex-Verteidigungsminister Peter Struck), hat im Kampf gegen die Krake – so sehen es die Russen – kläglich versagt.

Außer Blut und Spesen nichts gewesen: Ein Aufmarsch von 42 Nationen, 100000 Soldaten, zum Teil vergeudete Milliarden, 1370 tote alliierte Soldaten – eine düstere Bilanz kurz vor dem endgültigen Abzug der Truppen und dem erwarteten Wiedereinzug der Taliban in Umarmung mit Präsident Karzai – eine Allianz von Pakistan, Afghanistan und dem Iran zu Lasten des Westen eingeschlossen.

Dieses Szenario findet vor dem Hintergrund statt, dass unter den Taliban die Produktion von Opium nahezu zum Stillstand kam, von 3000 Tonnen auf 185 Tonnen sank. Seit dem Einmarsch der Alliierten stieg ab 2002 die Erzeugung wieder auf ihr altes Niveau an. Über Pakistan und den Iran gelangt der Stoff nach Russland und Resteuropa. Selbst afghanische Militärpiloten sollen an dem Handel beteiligt sein. Waren laut UN-Quellen die Anbauflächen unter den Taliban von zuletzt 82000 Hektar auf 8000 Hektar geschrumpft, so stiegen sie nach Ende ihrer Herrschaft schnell wieder an. 2006 waren es schon, wie Satellitenbilder beweisen, 165000 Hektar –  unter den Augen der deutschen Bundeswehr. Denn gerade in der von ihr kontrollierten Provinz Badakshan wird ein Großteil des Stoffes hergestellt.

Experten weisen darauf hin, dass der Name von Karzais inzwischen in Kandahar ermordeten Halbbruder Ahmed Wali, einst auf der Liste der Hauptdrogenverantwortlichen geführt, plötzlich aber aus dieser Tabelle verschwand. Er soll in den Drogenhandel verwickelt gewesen sein, galt als korrupt und Handlanger des US-Geheimdienstes CIA, dessen Rolle in Sachen Drogenhandel ohnehin immer wieder ins Zwielicht gerät.

Eine Studie der Berliner Wissenschaftlerin Citha Maaß von der Stiftung Wissenschaft und Politik stellt fest, dass die Regierung in Kabul keineswegs den festen Willen habe, gegen die florierende Drogenindustrie vorzugehen, weil etliche Politiker selbst in diese Schmutzgeschäfte verwickelt sind.

Die Bundesrepublik wird in einem Bericht des US-Außenministeriums von 2009 als ein führendes Konsum- und Handelsland für Drogen bezeichnet, müsste also ein gesteigertes Interesse an der Bekämpfung der Quellen haben. Stattdessen halten sich die Deutschen ganz aus der Bekämpfung heraus. Die Soldaten haben lediglich den Auftrag, die öffentliche Ordnung zu gewährleisten (was auch kaum mehr gelingt), sie dürfen die Mohnfelder vor ihren Augen nicht zerstören. Und da die Taliban die ursprüngliche Bekämpfung des Mohnanbaus aufgegeben haben und das Opium zur Finanzierung von Waffenkäufen brauchen, passt also die Bundeswehr gewissermaßen auf die Geldquellen auf, mit deren Hilfe sie später unter Beschuss gerät – ein weiteres Paradoxon deutscher Politik.   Joachim Feyerabend


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