© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-12 vom 31. März 2012

Indien zieht die »Rafale« dem »Eurofighter« vor
Dassault, das weltweit älteste und einzige Familienunternehmen der Luftfahrtindustrie, behauptet sich gegenüber der Konkurrenz

In den Dassault-Flugzeugwerken in Bordeaux-Mérignac kann man mit Unternehmergeist im besten Sinne des Wortes Bekanntschaft machen. Als weltweit einziges Familienunternehmen der Flugzeugindustrie ist Dassault Aviation eine traditionsreiche Firma, die, längst zu den Weltmarktführern zählend, immer noch Mehrheitseigentum der Gründerfamilie ist. Die Firma wurde 1936 vom Ingenieur Marcel Bloch 1936 gegründet. Er weigerte sich, für Hitlers Luftwaffe zu arbeiten, und wurde 1944 nach Buchenwald deportiert, wo er nach einer abermaligen Kooperationsverweigerung aufgehängt worden wäre, hätten nicht kommunistische Mithäftlinge sein Leben gerettet, indem sie seine Personalien mit denjenigen eines Toten austauschten.

Nach dem Krieg wurde er katholisch und übernahm das Pseudonym seines Bruders, eines Generals aus dem gaullistischen Widerstand, „Dassault“. Bloch-Dassault wurde dann einfach Dassault. Der jetzige Firmeninhaber, Senator Serge Dassault, besitzt geschätzt 9,6 Milliarden Dollar. Er ist Hauptaktionär der Zeitungsgruppe „Le Figaro“. Das Firmenlogo, ein vierblättriges Kleeblatt, erinnert an Marcel Dassaults Rettung in Buchenwald, wo der Firmengründer diesen Glücksbringer immer bei sich trug. Der Stolz der Mitarbeiter, Teil der großen Dassault-Familie zu sein, ähnelt dem Esprit de Corps derjenigen, die „beim Daimler schaffe“ oder „BMW-ler“ sind – ein Vergleich, der sich auch in anderer Hinsicht aufdrängt: Der Business-Jet „Falcon“ von Dassault ist zweifelsohne der Mercedes oder der BMW der Lüfte. Doch auch das Mehrzweckkampfflugzeug „Rafale“ (Böe, Windstoß) wird hier unter Geheimhaltung gefertigt. Dass die „Rafale“ zurzeit zu den weltweit besten Kriegsflugzeugen ihrer Kategorie gehört, wird demnächst durch einen „Jahrhundertvertrag“ bestätigt. Nach langen Verhandlungen wurde sie ausgewählt, um die indische Luftwaffe auszurüsten.

Am 31. Januar 2012 bestätigte der französische Staatssekretär für Außenhandel, Pierre Lellouche, dass der „Rafale“ gegenüber dem europäischen „Typhoon“-Mehrzweckkampfflugzeug („Eurofighter“) der Vorzug gegeben wurde. Ähnlich äußerte sich der Geschäftsführer von Dassault, Charles Edelstenne, vorletzten Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens. Dieser Vertrag, der noch der Unterzeichnung harrt, öffnet dem französischen Flugzeugbauer das Tor zum Export. New Delhi wird 18 Stück der „Rafale“ kaufen, und 108 weitere werden in Indien gebaut. Dieses Geschäft wird Dessault 20 Milliarden Dollar einbringen. „Der Vertrag ist zu 97 Prozent sicher“, erklärte der französische Verteidigungsminister Gérard Longuet. Der Vertrag „wird umfangreiche Technologietransfers einschließen“. Dieser Vertrag ist ein Glücksfall für Dessault. Im letzten Jahr war der Umsatz des Familienunternehmens von 4,187 Milliarden Euro im Jahr 2010 um 21 Prozent auf 3,305 Milliarden Euro geschrumpft. Zukunftsforscher versprachen Edelstenne, dass in den nächsten zehn Jahren 10000 neue Zivilflugzeuge weltweit gebraucht würden. „Leider weiß keiner, wann die berühmten nächsten zehn Jahre anfangen“, so Edelstenne. Dafür ist Dassault mit den vier Typen seines Zivilfliegers „Falcon“ gut gerüstet. Im Jahre 2012 werden 65 „Falcon“, aber nur elf „Rafale“ (an die französische Luftwaffe) verkauft. Daher ist das Geschäft mit Indien so wichtig. Dessault wird nicht der einzige Gewinner sein, auch der Motorenbauer Safran und das Militärelektrotechnikunternehmen Thales sowie die gesamte französische Luftfahrtindustrie gehören zu den Profiteuren. Am „Rafale“-Programm nehmen 500 Zulieferer mit zurzeit 7000 Mitarbeitern teil. Das Jahresergebnis von Dassault war 2011 dank des Tochterunternehmens Thales mit einem Wachstum von zehn Prozent auf 407 Millionen Euro zufriedenstellend, während es um 29 Prozent auf 282 Millionen Euro abgesackt wäre, hätte man sich auf den Flugzeugmarkt beschränkt.

In Indien stand Dassault im Wettbewerb mit dem „Eurofighter“-Konsortium. Der „Eurofighter“ wird vom Rüstungskonzern EADS (46 Prozent), der britischen BAE Systems (33 Prozent) und der italienischen Alenia/Finmeccanica (21 Prozent) gebaut. Aber selbst nach verlorener Schlacht geben die Engländer nicht auf. Edelstenne setzt deren Schwung und Verbissenheit der französischen Skepsis und Meckerei gegenüber. „Die Engländer ärgern mich, aber ich bewundere sie. Ich bin wie sie”, sagt der 74 Jahre alte langjährige Chef, der die Firma durch die dreijährige Krise hindurch in den sicheren Hafen geführt hat. Die Ausschreibung von New Delhi aus dem Jahre 2007 war eine der wichtigsten, die die dritte Wirtschaftsmacht Asiens je gemacht hat. Im Moment ist sie auf dem Gebiete der Luftverteidigung richtunggebend. Die „Rafale“ und der „Eurofighter“ waren im April 2011 in die engere Wahl gekommen. Die US-amerikanischen Schwergewichte auf dem Gebiet, Boeing und Lockheed Martin, die schwedischen und russischen Firmen Saab und MiG wurden ausgesiebt. Aber der „Eurofighter“ war ein ernsthafter Konkurrent. Nun sieht die Marktlage für Kampfflugzeuge weltweit anders aus. Brasilien scheint kurz davor zu sein, einen „Rafale“-Vertrag zu unterzeichnen und damit seine Zusage gegenüber Staatspräsidenten Sarkozy endlich einzulösen. Nach unbestätigten Medienberichten soll Brasilien auf das US-Mehrzweckkampfflugzeug „Hornet“ verzichtet haben.

Der Pionier des französischen Flugwesens stellt nicht nur Flugzeuge her. Er stößt in eine neue Dimension hinein: Kampf- und Aufklärungsmaschinen ohne Piloten. Die Drohnen-Industrie ist für Dassault Aviation ein Markt mit Zukunft. Seine Kampfdrohne „Neuron“ wird von einem europäischen Konsortium mit den Engländern und der Langzeitflieger ohne Piloten „Telemos“ wird auch mit der britischen BEA Systems gebaut. Auf die Frage, warum die Deutschen dabei nicht mitmachen, antwortete Edelstenne: „Im Moment gibt es auf dem Gebiet eine französisch-britische Achse. Große Experten wie Louis Gallois meinen, eine erweiterte europäische Kooperation sei eine gute Sache. Für andere führe sie zum Durcheinander. Wir bauen unsere Maschinen ohne Zuschüsse der Regierung. Aber die Regierung soll da entscheiden“.       Jean-Paul Picaper


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