© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-12 vom 31. März 2012

Moment mal!
Ach, Broder!
von Klaus Rainer Röhl

Kennen Sie Henryk M. Broder? Das M. im Namen wird nie ausgeschrieben und ist sein Markenzeichen wie der Schnauzer von Günther Grass. Henryk Marcin Broder ist ein ehrenwerter Mann. Ein begabter Journalist und begnadeter Satiriker dazu. Seit zehn Jahren hat er auch noch eine eigene Internet-Seite und die ist oft besonders lesenswert. Sie heißt, in Anspielung auf Ronald Reagans Wort von der Achse des Bösen, „Achse des Guten“. Abgekürzt „achgut“.

Henryk M. Broder schreibt sehr lesenswerte Texte. Er publiziert sie in allen Blättern des Landes von ultra-konservativ bis schräg links. Ein Kämpfer gegen das Unrecht, auf den man sich verlassen kann, erbarmungslos gegen Unrechtssysteme von rechts und links, unbestechlich durch Cliquen und Seilschaften. Der schimpfstarke und wortreiche Polemiker aus der Schule des Thersites und dem Geschlecht Tucholskys, nach dem Krieg in Kattowitz geboren, nach eigener Verortung deutscher Jude und Fremder im eigenen Land, schrieb sich in den letzten vierzig Jahren von winzigen Schmuddelblättchen ganz nach oben. Heute schätzen alle großen Redaktionen seine bissigen Schmähreden gegen die Pharisäer jeglicher Couleur. Das ist die gute Nachricht.

Leider hat der Autor so guter Texte schon lange auch einen Tick, besser gesagt, eine Neigung zu halluzinativen Wahrnehmungen entwickelt. In seinem Kopf hat sich die Idée fixe festgezurrt, alle Deutschen seien Antisemiten. Wohlgemerkt alle. Da diese Behauptung ja erkennbar absurd ist und nicht mal die allerschwärzesten Statistiken solches behaupten, versucht Broder, den Antisemitismus aus uns herauszukitzeln wie die RAF einst den Polizeistaat. Alles ist antisemitisch – auch das Gegenteil. Selbst der Satz „Meine besten Freunde sind Juden“ ist nach Broder ein klarer Beweis für Antisemitismus. Augstein war antisemitisch, Alice Schwarzer ist es. Die Bevölkerung: latent antisemitisch. Es hilft uns, der „gojischen Seite“ (Originalton Broder) nichts. Wohin wir uns auch wenden, wir treten in eine von Broder aufgestellte Falle.

Jetzt hat der erfolgreiche Satiriker ein Buch herausgebracht mit dem gar nicht satirischen Titel „Vergesst Ausschwitz!“ Hier verlässt den Witzigen aller Witz und es kommt blasse Angst zum Vorschein, offen und glaubhaft. Angst und Sorge um Israel, um das Land, in dem er als Literat nie Fuß fassen konnte, das er aber als seine Heimat liebt und schützen will. Schützen vor dem Verständnis und der Sympathie der Welt für die von Israel unterdrück­ten Palästinenser, in Angst vor der nahe bevorstehenden Anerkennung ihres Staates, vor dem Friedensprozess im Nahen Osten. Vergesst Auschwitz! heißt die Botschaft seines Buches an alle Politiker in Deutschland, vergesst die Holocaust-Gedenkfeiern und die Pilgerfahrten nach Buchenwald und Yad Vaschem und unterstützt dafür das jüdische Volk in seinem Kampf gegen die Palästinenser und die mit ihnen sympathisierenden Iraner, die mit Atombomben Israel bedrohen und es nach den Worten ihres Führers Achmadinedschad von der Landkarte löschen wollen. Groß ist die Angst. Und aus dieser kollektiven Angst speisen sich Pläne, die persischen Atomanlagen durch ein Bombardement, notfalls auch mit Atombomben, zu vernichten – ein Plan, den Israels Premier Netanjahu gerade vor zwei Wochen Obama vorstellte. Ohne dessen Begeisterung hervorzurufen, aber auch keine Distanzierung – Obama kann den geschlossenen Block jüdischer Wähler bei der kommenden Präsidentenwahl nicht ignorieren. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber, auch für US-Präsidenten.

Was tun? Am schlimmsten, da hat Broder recht, ist die Verwirrung bei den deutschen Linken. Neujahr 2010 waren es in Hamburg 4000, ebenso in Dortmund; 15000 marschierten in Frankfurt, in Berlin und anderen deutschen Städten auf. Deutsche Linke, „Antifaschisten“, standen auf der Straße und beschimpften Juden als Faschisten, Schweine, Kindermörder. Gelegentlich waren auch arabische Worte zu hören, die die meisten nicht verstanden: „Tod für Israel“.

Links ist dumm, das haben wir an dieser Stelle schon mehrmals deutlich gemacht. Aber was wird in der Zwischenzeit mit den Menschen im Gazastreifen und in Israel? Jeden Tag hören wir neue Vorschläge: Die Uno solle eingreifen, die EU, die arabischen Länder.

Wie ist unseren jüdischen Mitbürgern mit ihrer berechtigten Sorge um Israel zu helfen? Auf keinen Fall mehr mit der über 67 Jahre lang angewandten Methode, Kritiker Israels einfach Antisemiten zu nennen. Die Behauptung, jemand sei antisemitisch, gehört bis heute zu den verlässlichsten Waffen des „Zentralrats der Juden“. Wird diese Waffe stumpf? Zumindest wird sie unglaubwürdig. Reden wir doch mal Klartext: Palästinenser sind Heimatvertriebene wie Ostpreußen, Schlesier und Sudetendeutsche, die nach drei großen, von der arabischen Seite geführten Angriffskriegen fast ihr ganzes Land an die Israelis verloren haben. Das, was sie jetzt noch ihr Land nennen, sind mehr oder weniger unfruchtbare Landstriche und Flüchtlingslager, die zu großen Betonstädten ausgewuchert sind. Sie haben nie Gelegenheit gehabt, sich wie unsere Vertriebene zu integrieren. Warum spricht niemand bei uns darüber? Warum nennen wir die sechs Meter hohe Mauer, die das ganze Land zerschneidet, meistens Schutzzaun und vermeiden das Wort Mauer?

Israel braucht keine Mauer, sondern Hilfe. Behandeln wir Israel endlich als das, was es am liebsten sein möchte: als ein normales Land, als einen wichtigen Partner Europas. Israel ist nach der Herkunft seiner Bewohner ein europäisches Land, die aus den USA stammenden Einwanderer haben ebenfalls europäische Wurzeln. Sie haben eine ähnlich strukturierte Wirtschaft, sie lesen die gleichen Bücher und sehen die gleichen Filme wie Franzosen, Deutsche und Polen, selbst die kurzlebigen Idole der Pop-Kultur der Jugend sind die gleichen. Und an dem unvermeidlichen „Song-Contest“ im Mai nimmt seit vielen Jahren ganz selbstverständlich auch Israel teil. Die im Land geborenen Israelis, die sich stolz Sabras nennen, fühlen sich als Erbauer und Nutznießer einer hochentwickelten Zivilisation, umgeben von einer von religiösem Fanatismus beherrschten, Jahr für Jahr noch weiter verelenden arabischen Bevölkerung. Deren Wirtschaft sie mit aufbauen und deren Bewohner sie integrieren könnten.

Israel gehört weit eher in die EU als die Türkei. Israel hat als einziges Land in der Region eine funktionierende Demokratie. Eine Demokratie freilich mit einem schon lange ausufernden militärischen Machtapparat, der jeden Ansatz von Verständigung im Keim erstickt, wie auf der anderen Seite die Hassprediger und Terroristen jeden Ansatz von Vernunft im Gaza-Streifen unterdrücken. Israel braucht jetzt, mehr denn je, nicht blinde Philosemiten, sondern Freunde. Und als Freunde sagen wir ganz offen: Israel ist seit langem die offene Flanke des Westens im Kampf gegen den militanten Islamismus. Ein großer Teil des Zulaufs für den Terrorismus und dessen außergewöhnliche Steigerung in den letzten Monaten basiert auf der israelischen Besatzungspolitik in dem von ihm eroberten Land.

Die Angst vor dem Friedensprozess im Nahen Osten ist überholt. Broders polemische Abrechnung mit unserer „Erinnerungskultur“ ist richtig, sein Antisemitismus-Tick aber schadet seiner Sache und dem Land, um das er sich sorgt.


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