© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-12 vom 31. März 2012

Ein Großer wie Rembrandt
Im Zeitalter der Nationalstaaten vergessen: Der einstige »Trendsetter« Abraham Bloemaert als Wiederentdeckung im Schweriner Museum

Rosa, Zitronengelb, eine ganze Bandbreite an Grüntönen, dann wieder leuchtend kräftiges Rot und Blau: „Der Bloemaert-Effekt! Farbe im Goldenen Zeitalter“ – so der Titel der Schweriner Ausstellung – verfehlt seine Wirkung nicht. Wer meint, die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts gut zu kennen, wird im Staatlichen Museum Schwerin eines Besseren belehrt. Er wird feststellen, dass ohne Bloemaert der Kanon der großen Namen des Goldenen Zeitalters unvollständig bleibt.

Damit ist der „Bloemaert-Effekt“ ein mehrfacher. Denn noch immer kennen ihn eigentlich nur Spezialisten, den 1566 in Dordrecht geborenen Maler Abraham Bloemaert, der 1591 seine Laufbahn in Amsterdam begann, 1593 endgültig nach Utrecht umsiedelte, sich 1611 an der Gründung der Gilde der Utrechter Maler beteiligte, 1618 Dekan wurde und nach einem langen produktiven Leben im Alter von 84 Jahren starb.

Bloemaerts gesamtes Œuvre umfasst über 200 Gemälde. Die Zahl seiner Zeichnungen wird auf etwa 1500 geschätzt und von seinen Druckgrafiken kennt man heute mehr als 600. Bei den meisten seiner Gemälde handelt es sich um Historienbilder, großfigurige Darstellungen historischer, religiöser, mythologischer und literarischer Themen. Und obwohl die Historienmalerei seit dem 15. Jahrhundert als die wichtigste aller Kunstgattungen galt, war es gerade sie, die dafür sorgte, dass man Bloemaert „vergaß“.

„Denn“, so Gero Seelig, Bloemaert-Experte und Kurator der Schweriner Ausstellung, „seit der Staatenbildung des 19. Jahrhunderts wurde der Kanon der niederländischen Kunstgeschichte auf ‚nationale’ Stilrichtungen hin getrimmt. Die international orientierte Utrechter Schule, allen voran Bloemaert, schied für diesen Zweck aus, sodass der Erfolg dieser Malerei zur Zeit ihrer Entstehung heute mit großem Erstaunen wiederentdeckt wird. In Wirklichkeit gab es neben Rembrandt kaum einen erfolgreicheren Maler in den Niederlanden als Bloemaert, und während der Spätstil von Rembrandt wenig Nachfolger fand, setzte sich Bloemaerts Stil bis ins 18. Jahrhundert hinein bruchlos fort. Es war der Mainstream.“

Nach den monografischen Ausstellungen zu Carel Fabritius (2005) und Nicolaes Berchem (2007) präsentiert das Staatliche Museum Schwerin erneut einen ungewohnten Blick auf das Goldene Jahrhundert. Bloemaerts Werk-Schau ist eine Premiere. Sie ist die erste monografische Ausstellung des Künstlers überhaupt. Nach ihrem Auftakt im Centraal Museum Utrecht ist Schwerin die zweite und zugleich letzte Station.

Danach reisen die 121 Werke, 46 hervoragende, zum Teil riesige Bilder, 31 Zeichnungen, 33 Drucke, fünf Bücher und eine Kasel, die Bloemart als Modell gedient haben soll, zu ihren Leihgebern, Museen und Privatsammlungen in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Österreich und den USA zurück. Auch Paris wird aufatmen, wenn Bloemaerts um 1625 gemalte „Allegorie des Winters“ wieder wohlbehalten im Louvre eingetroffen ist. Ebenso die Gemäldegalerie Berlin, die das 115 mal 140 Meter große Gemälde „Amaryllis und Myrtill als Brautpaar“ beigesteuert hat.

Erscheinen einem Thema, Stil und Komposition des Pariser Bildes noch ziemlich vertraut, fragt man sich bei anderen, ob es sich tatsächlich um ein und denselben Maler handelt. Bloemaert hat sich in seiner langen Schaffenszeit vielen Einflüssen unterworfen. Offen für Anregungen, insbesondere seiner Italien-begeisterten Kollegen, entwickelte er einen eigenen Stil vom Manierismus zum Caravaggismus und schließlich zum Klassizismus.

Im Gegenzug übte er als Lehrmeister selber außergewöhnlich großen Einfluss aus. Als solcher hatte er, so schätzt man, etwa 100 Schüler gehabt. Die wichtigsten Meister der Utrechter Schule begannen ihre Laufbahn in seinem Atelier, darunter die Caravaggisten Hendrick ter Brugghen und Gerard van Hont­horst, mit dem man übrigens gleich im Obergeschoss des Museums, in der ständigen Ausstellung, Bekanntschaft schließen kann. Aber auch die von der Landschaft Italiens faszinierten Maler wie Jan Both, Cornelis van Poelenburch und Jan Baptist Weenix sowie der deutschstämmige Nicolaus Knüpfer gingen bei Bloemaert in die Lehre. Sie auf einen einheitlichen Stil festzulegen, lag dem Meister dabei fern.

Doch nicht allein die Schüler profitierten vom „Bloemaert-Effekt“. Auch die vielen Kupferstiche nach Bloemaerts Gemälden und Zeichnungen dienten weithin als Anregung und Vorlage und trugen so zu dessen bedeutendem Einfluss bei.

Für interessierte Laien wie Experten empfehlenswert ist dazu der Katalog. Zwölf Rendezvous im Museum mit vertiefenden Blicken auf das Werk (März bis Mai donnerstags 18 Uhr), zwei Workshops (31. März und 5. Mai 11 bis 15 Uhr), eine Familienführung (1. April, 12 Uhr), ein Ferienprogramm (4. April, 10.30 Uhr) und eine Grand Finissage mit Jazz-Konzert (28. Mai, 11 Uhr) ergänzen die Ausstellung. Helga Schnehagen

Bloemaert-Ausstellung bis 28.  Mai im Staatlichen Museum Schwerin, Alter Garten 3, 19055 Schwerin, Telefon (0385) 5958-100 (für Informationen), Internet www.museum-schwerin.de. Geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, donnerstags 13 bis 20 Uhr, ab 15. April dienstags bis sonntags 10 bis 18, donnerstags 12 bis 20 Uhr.


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