© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-12 vom 31. März 2012

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

sie ist schon eine Wissenschaft für sich, die ostpreußische Namenskunde. Nicht nur die drei- oder viermaligen Umbenennungen, dazu noch in andere Sprachen, machen Schwierigkeiten. Es kommt noch die Unleserlichkeit alter Urkunden hinzu, die in deutscher Schrift gehalten sind. Und jetzt macht sich immer mehr bemerkbar, dass manche Namen nur mündlich weitergegeben wurden, und die Nachgeborenen können nicht mehr enträtseln, wo ihre Vorfahren herkommen. Da beginnt das Suchspiel mit allen möglichen Irrungen und Verwirrungen, und schließlich heißt es: Ostpreußische Familie hilf! Und sie tut es, wenngleich es auch bei ihr manche Holzwege gibt. Aber wie sie es tut, mit welcher Mühe, welchem Eifer, welcher Akribie – das ist schon bewundernswert.

Blättern wir da einmal als Beispiel die „Suchfrage Elfi Damian“ auf. Die 90-jährige Hamburgerin hat mütterlicherseits ostpreußische Vorfahren, und wir hatten schon einmal nach deren Herkunftsorten gefragt, leider ohne Erfolg. Dann erschien kurz vor Weihnachten ein Bericht in der PAZ über diese agile Ostpreußin als Deutschlands aktivste Wahlkampfhelferin, in dem auch erwähnt wird, dass Frau Damian noch immer den Ort Kanischken sucht, das Heimatdorf ihrer Großmutter. Sie war vor einigen Jahren mit ihrem Sohn nach Ostpreußen gereist und sie hatte nach diesem und weiteren Orten geforscht, aber die Suche erwies sich als mühsam und führte lediglich zu Teilergebnissen. So erwähnte unsere Redakteurin Manuela Rosenthal-Kappi in dem Bericht, dass Frau Damian weiter nach „Kanischken“ sucht, denn sie will trotz ihres hohen Alters noch einmal nach Ostpreußen reisen, die Spurensuche gibt ihr keine Ruhe. Das ließ unsere Leserinnen und Leser auch nicht ruhen, sie suchten mit, aber der Ort „Kanischken“ war nirgends zu entdecken. Also gab es Vermutungen: Es könnte sich bei dem Geburtsort ihrer Großmutter um „Kallnischken“ im Kreis Pillkallen handeln, der 1938 in Hohentann, Kreis Schloßberg umbenannt wurde, so meinte Herr Klaus Walter Perkuhn. Andere Zuschriften wiesen auf Kanitzken, Kreis Marienwerder hin. Diesem Ort galt auch ein mehrseitiger Beitrag von Frau Margot Jäger aus Bad Oldesloe, der das schönste Beispiel für „Familienhilfe“ ist. Frau Jäger legte nicht nur einen Lageplan des Dorfes Kanitzken vor, das 1938 in Kunkenau umgetauft worden war, sondern auch eine eingehende Dokumentation über den 400 Seelen zählenden Ort mit einer Auflistung aller Gehöfte und Häuser mit den Namen der Besitzer und Bewohner sowie Aufnahmen, darunter von einem einzigartigen Vorlaubenhaus, dem letzten seiner Art in der Marienwerder Niederung. Frau Damian hätte also mühelos das Haus ihrer Großeltern ausmachen können, wenn … ja, wenn Kanitzken das gesuchte Kanischken gewesen wäre – war es aber leider nicht. Wie es sich herausstellte, hatte Herr Perkuhn Recht: Kallnischken/Hohentann ist es. Aber ich werde Ihren Beitrag, liebe Frau Jäger, als Musterbeispiel für mithelfende und mitdenkende Familienarbeit bewahren. Und es könnte ja durchaus sein, dass sich jetzt jemand aus Kanitzken/Kunkenau meldet, weil es der Heimatort seiner Vorfahren ist.

Aber Frau Damian hat noch ein anderes Problem: Sie sucht Angaben über das Gut Sarken bei Lyck, das auch in ihrer Familiengeschichte eine Rolle spielt, denn der Großvater musste als 17-Jähriger den Ort verlassen. Besonders erfreut wäre sie über Aufnahmen von dem Gut. Trotz ihres hohen Alters will die rege Hamburgerin in diesem Jahr noch einmal nach Ostpreußen reisen, denn die Heimat ihrer Großeltern lässt sie nicht mehr los. (Elfi Damian, Malhaus 20 in 22159 Hamburg, Telefon 040/6433312.)

Auch Herr Siegfried Westermann aus Sankt Augustin will im Juni eine Reise in das südliche Ostpreußen machen, ebenfalls auf „großmütterlichen“ Spuren, denn seine Großmutter Anna Charlotte Weiß wurde in Adamsheide, Kreis Osterode geboren. Dort will er nun versuchen, etwas über seine Ururgroßeltern Weiß zu erfahren, und deshalb trug er seinen Wunsch vor, Ostpreußen aus dieser Gegend kennenzulernen, die ihn beraten könnten. Und es hat geklappt, schon kurz nach der Veröffentlichung in unserer Kolumne. Ein Leser meldete sich bei ihm und konnte ihm gute Informationen geben, auch einen für Herrn Westermann besonders wichtigen Hinweis auf einen in Liebemühl lebenden Bekannten, der mit seinem Wagen deutsche Besucher zu ihren gewünschten Zielen fährt und sich schon bei mancher Spurensuche als hilfreicher und kundiger Begleiter erwiesen hat. Außerdem bekamen wir einen sehr interessanten Hinweis auf eventuelle in Westdeutschland lebende Verwandte von Herrn Westermann, dem augenblicklich nachgegangen wird.

Welche Stolpersteine es bei der Ahnensuche geben kann, hat Frau Karin David aus Dreggers zu spüren bekommen. Und wieder handelt es sich um die Großeltern mütterlicherseits, allerdings geht es neben korrekturbedürftigen Ortsangaben hauptsächlich um einen ungeklärten Familiennamen. Diese verzwickte Situation können wir vom Schreibtisch aus natürlich nicht lösen, aber vielleicht wissen unsere Leserinnen und Leser Wege, wie Frau David weiterkommen kann. Es geht um den Geburtsnamen ihrer Mutter Helene Anna, der einmal mit Fritzler und dann mit Wolski angegeben ist. Diese unterschiedlichen Namen sind aus zwei Urkunden ersichtlich. Die eine ist die Heiratsurkunde von Frau Davids Onkel Hans Fritzler, Bruder ihrer Mutter, der am 25. Oktober 1940 auf dem Standesamt Amtshagen die Wirtin Frida Millnat heiratete. Als Eltern des Mannes sind Johann Fritzler, *1874 in Skaisgirren und Anna Dalisda, *Januar 1880, angegeben, die am 1. Juli 1907 auf dem Standesamt Birkenmühle (Mehlkehmen) geheiratet haben. Das sind also die Großeltern von Frau David, aus deren Ehe neben dem Sohn Hans auch die Tochter Helene Anna hervorging. In dem zweiten Dokument, der Sterbeurkunde von Frau Davids Mutter Helene Anna Klagge, ausgestellt am 14. Juni 1993 vom Standesamt Wankendorf, steht allerdings ein anderer Geburtsname vermerkt: Wolski. Als ihr Geburtsort wird Kalkhöfen, Kreis Ebenrode, genannt. Da aber Helene Anna am 29. September 1918 geboren wurde, muss es sich um das damalige Aschlauken, Kreis Stallupönen handeln. Vielleicht trugen diese anscheinend nicht überlieferten alten Ortsnamen dazu bei, dass Frau David in ihrer Suche nach dem richtigen Mädchennamen ihrer Mutter bisher nicht weiter kam. Die Frage aber bleibt: Wie kommt Helene Anna zu dem Namen Wolski? Um eine voreheliche Geburt kann es sich ja nicht handeln, da zu der Zeit die Eltern bereits elf Jahre verheiratet waren. Frau David erklärt, ihr sei immer erzählt worden, dass ihre Mutter aus Erbschaftsgründen adoptiert wurde und deshalb den Namen Wolski annehmen musste. Ob, wo und wann diese Adoption stattgefunden hat, ist unbekannt. Vielleicht können hierzu Familienforscher, die sich vor allem mit dem Kreis Stallupönen/Ebenrode beschäftigt haben, oder ehemalige Mehlkehmer Hinweise geben? (Karin David, Dorfstraße 6b in 23845 Dreggers, Telefon 04550/985637, E-Mail: karin-david@web.de)

Bei dem Suchwunsch von Herrn Eduard Backensfeld gibt es zum Glück keine irreführenden Orts- und Namensangaben, dafür fehlen leider genaue Zeitangaben, was die Sache auch nicht leichter macht. Herr Backensfeld, der durch einen ehemaligen Klassenkameraden angeregt wurde, eine Familienchronik zu schreiben, stieß schon zu Beginn auf erhebliche Lücken, welche die mütterliche Linie betreffen. Seine Großeltern haben zeitweise in Königsberg gewohnt, wie auch einige alte Fotos belegen. Um da weiterzukommen, nahm Herr Backensfeld an einem Treffen der Landsmannschaft Ostpreußen teil und erhielt dort den Rat, sich an die Ostpreußische Familie zu wenden – was er ja nun tat. Sein Großvater Dr. jur. Hugo Reichelt, *9. April 1868 in Sczyglowitz in Oberschlesien, war zeitweilig als Regierungsdirektor im Kirchen- und Schulamt in Königsberg tätig. Seine Großmutter stammte ebenfalls aus Schlesien, sie wurde am 28. August 1885 in Neiße geboren. Das Ehepaar hatte fünf Kinder: Hermann, Gertrud, Ingeborg, Werner und Annemarie. Durch die ständige Versetzung ihres Vaters wurden sie alle in verschiedenen Städten geboren. Die Jahre, die die Familie Reichelt in Königsberg verlebt hat, lassen sich nicht bestimmen, es müssen die Mittzwanziger gewesen sein, denn etwa 1929 wurde Dr. Reichelt nach Münster versetzt. Herrn Backensfelds Mutter Gertrud hat wohl in Königsberg herrliche Kindertage verlebt, sie schwärmte ihr Leben lang von den wundervollen Sommern in Ostpreußen. Einige ihrer Geschwister müssen in Königsberg zur Schule gegangen sein, vielleicht gibt es noch ehemalige Mitschüler, die sich an die Reicheltskinder erinnern. Das sind alle Angaben, die Herr Backensfeld machen kann, viel ist es wirklich nicht, aber vielleicht findet unsere Ostpreußische Familie auch für dieses noch sehr lückenhafte Mosaik einige Steinchen. (Eduard Backensfeld, Eichenallee 12 in 41469 Neuss, Telefon 02137/2269.)

Sehr schnell und sehr froh über meinen Beitrag in Folge 10 über die in Dänemark internierten Flüchtlinge hat sich Frau Brigitte Havertz bedankt. Sie teilt uns mit, dass sie bereits einige „tolle Gespräche“ führen konnte. Leider gab es aber bisher keine Information zu den abgebildeten Lagerinsassen, aber wir wollen weitersuchen. Deshalb heute ein neues Foto mit der alten Frage: Wer erkennt sich, seine Familienangehörigen oder andere Lagerbewohner auf diesem Foto? (Brigitte Havertz, Büchelstraße 22 in 42855 Remscheid, Telefon 02191/5923487.)

Und nun komme ich auf ein Schreiben von Herrn Heinz Schön aus Bielefeld zu sprechen, das mir besonders am Herzen liegt. Herr Schön ist Kriegsblinder und organisiert für den Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. Kulturprogramme, die vor allem mit Vorträgen und musikalischen Darbietungen gestaltet werden. In jedem Jahr findet im Kursanatorium Hochsauerland, dem Haus der Kriegsblinden in Brilon, eine landschaftlich bezogene Veranstaltung statt. In diesem Jahr steht Ostpreußen auf dem Programm, und Herr Schön ist dabei, die vom 30. Oktober bis 4. November stattfindende Kulturtage vorzubereiten. Er wandte sich nun an mich mit der Bitte, ihm kulturell für Ostpreußen tätige Personen zu nennen, die bereit wären, bei dieser Veranstaltung mitzuwirken. Das Programm ist noch völlig offen, die Hauptinteressen der Veranstalter gelten Referaten über die Geschichte Ostpreußens, kulturellen Vorträgen, Lesungen und mundartlichen Darbietungen mit Gesang und Tänzen. Ja, auch mit Tänzen, denn außer den kriegsblinden Hausgästen nehmen ihre sehenden Begleitpersonen und die Witwen der verstorbenen Kriegsblinden an dieser mehrtägigen Veranstaltung teil. Sie bilden einen besonders aufmerksamen Zuhörerkreis und sind dankbar für jeden Beitrag, der ihnen Wissenswertes auf unterhaltsame Art vermittelt. Auf diesen Ostpreußentagen im Haus der Kriegsblinden durften natürlich die mundartlichen Darbietungen im Vordergrund stehen, die Sprache vermittelt am besten die Eigenarten eines Landes, bietet auch ohne sichtbare Darstellung einen tiefen Einblick in die Volksseele. Einige Mitwirkende haben schon zugesagt, darunter auch der Schauspieler Herbert Tennigkeit, aber fünf Tage „Ostpreußen“ wollen gestaltet sein. Nun gibt es mit Sicherheit in nicht allzu großer Entfernung vom Veranstaltungsort künstlerisch ambitionierte Ostpreußen, die sich auf bestimmte Themen spezialisiert haben und Heimatabende mitgestalten, allein oder in einem Chor oder einer Tanzgruppe. Was wären manche Heimattreffen ohne diese aktiv Mitwirkenden! Diese Protagonisten will ich im Auftrag von Herrn Schön ermuntern, sich an den Ostpreußentagen im Kultursanatorium Sauerland zu beteiligen. Unkosten werden selbstverständlich erstattet, über nähere Einzelheiten kann Herr Schön Auskunft geben. (Heinz Schön, Bezirksvorsitzender Bielefeld im Verband der Kriegsblinden e.V., Stieglitzweg 3 in 33607 Bielefeld, Telefon 0521/2701671, Telefax 0521/9863937, www.kriegsblindenbund.de)

Eure Ruth Geede


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