© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-12 vom 31. März 2012

Ein sinnliches Ereignis
Bilbao, die unterschätzte Perle im Baskenland

Bills Ballhaus in Bilbao, das Bert Brecht in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als das schönste auf dem ganzen Kontinent besang, gibt es heute nicht mehr. Vorbei ist es mit den Brandylachen am Tanzboden und dem roten Bilbaomond, der durch das löcherige Dach schien... Pilar, die Studentin der Germanistik, hat Lachtränen in den Augen. Nein, dieses proletarische Flair sei total „out.“ Die am Golf von Biscaya gelegene größte Stadt des Baskenlandes wurde einem radikalen Umbau unterzogen und präsentiert sich heute als eine Metropole der Künste und kulinarischen Genüsse. Die Werften rund um das Hafengelände sind trendigen Wohnhäusern und schicken Hotels gewichen. Aus dem einstigen Schmuddelkind wurde eine strahlende Schönheit, die trotz aller Modernität einen unverwechselbaren Charme besitzt.

Dieser offenbart sich während eines Spaziergangs durch die Altstadt, genauer gesagt durch die „Sieben Straßen“ am rechten Ufer des Ría de Bilbao. Ein prächtiges Haus mit fröhlich bunter Fassade und malerischen Erkern schmiegt sich an das nächste. Üppiger Blumenschmuck quillt über die schmiedeeisernen Balkongitter. In diesen engen Gassen schlägt auch das kulinarische Herz des Baskenlandes. Auf den Theken der unzähligen Bars sind „Pinchos“ – kleine Leckereien – ausgestellt, bei deren Anblick einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Hier werden Meeresfrüchte, Schinken, würziger Käse, Salate und scharfe Würste auf großen Tabletts mit ofenfrischem Weißbrot serviert. Da jeder Gastronom seine eigenen Kreationen anbietet, begeben sich die Gäste auf „Wanderschaft“ kreuz und quer durch die Altstadt, um möglichst viele dieser Köstlichkeiten zu probieren.

In einer gemütlichen holzgetäfelten Bar mit fröhlichen „Mitessern“ könnte man sich noch Stunden aufhalten. Doch Pilar drängt zur Eile. Auf die leiblichen folgt jetzt eine Reihe kultureller Höhepunkte. Ein rascher Gang durch das riesige „Museum der Schönen Künste“, das vornehmlich Werke spanischer und flämischer Künstler präsentiert, und man befindet sich auf der Zubizuri-Fußgängerbrücke des Stararchitekten Santiago Calatrava, deren Design an das vom Wind aufgeblähte Segel eines Schiffes erinnert.

Der größte Schatz in dieser an kühnen Konstruktionen reichen Stadt aber ist das Guggenheim-Museum, ein architektonisches Meisterwerk, dessen verschlungene, übereinander getürmte Elemente aus Glas, Titan und Stein erstaunlich leicht anmuten. Auf einer Ausstellungsfläche von 11000 Quadratmetern werden moderne, zum Teil höchst skurrile Kunstobjekte gezeigt. In diese Kategorie gehört auch die Puppy-Skulptur des amerikanischen Objektkünstlers Jeff Koons vor dem „Guggi.“ Seinem aus 17000 Blumen bestehenden, zwölf Meter hohen Welpen kann man einen gewissen Charme nicht absprechen!

Die letzte Exkursion führt zur einige Kilometer flussabwärts gelegenen Brücke Puente Colgante. Das monumentale stählerne Industriedenkmal wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Alberto de Palacio erbaut. Dieser war ein Schüler des berühmten Gustave Eiffel.

Zurzeit findet im Guggenheim Museum eine international viel beachtete Ausstellung statt, die das Œuvre zweier großer Bildhauer des 20. Jahrhunderts unter einen Hut bringt. Der Spannungsbogen zwischen den Werken so verschiedenartiger Künstler wie Constantin Brancusi und Richard Serra wird noch erhöht durch die Verwendung unterschiedlichster Materialien wie Holz, Marmor, Metall, Granit, Stahl und Gummi. Die filigranen Skulpturen Brancusis kontrastieren auf das Reizvollste mit den zum Teil gigantischen Stahlobjekten Serras. Der Besucher sieht sich in dieser Ausstellung mit einem vielschichtigen sinnlichen Ereignis konfrontiert. Die Ausstellung läuft bis einschließlich 15. April. Uta Buhr


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