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14.04.12 / Von dreien das Beste im Kronprinzenpalais / In Berlin ist eine Zusammenfassung der Ausstellungen »Die Gerufenen«, »Erzwungene Wege« und »Angekommen« zu sehen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-12 vom 14. April 2012

Von dreien das Beste im Kronprinzenpalais
In Berlin ist eine Zusammenfassung der Ausstellungen »Die Gerufenen«, »Erzwungene Wege« und »Angekommen« zu sehen

„HeimatWEH“ lautet der Titel einer Ausstellung, die derzeit im Berliner Kronprinzenpalais zu sehen ist. Die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen zeigt dort eine Auswahl ihrer drei in den vergangenen Jahren gezeigten Einzelausstellungen „Die Gerufenen“, „Erzwungene Wege“ und „Angekommen“.

Auf Ausstellungstafeln mit Texten und Fotocollagen sowie mehreren Multi-Media-Installationen erhält der Besucher auf einer Fläche von rund 600 Quadratmetern grundlegende Informationen zu den einzelnen Themenbereichen der Einzelausstellungen. Ein Fragebogen des Dichters Max Frisch und auch diverse Spruchbanner sowie wenige Originalexponate wollen den Besucher anregen, sich selber mit der Frage zu beschäftigen, was der Begriff Heimat für ihn bedeutet. Auf einem Personentableau werden 36 Persönlichkeiten mit individuellem oder familiärem Bezug zu den diversen deutschen Vertreibungsgebieten jeweils per Kurzbiografie vorgestellt.

Bevor der Besucher sich auf die eigentliche Geschichtsreise begibt, wird er im Eingangsbereich mit einem Filmzusammenschnitt von Flucht- und Vertreibungsszenen in Folge des Zweiten Weltkrieges emotional eingestimmt. Mittels aufeinander aufbauender Ausstellungstafeln wird dann über zeitlich vorgelagerte Ereignisse informiert: So über den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 einschließlich der Rolle Deutschlands dabei, den „Bevölkerungsaustausch“ von Griechen und Türken 1923 sowie die Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen in Polen, der Ukraine und im Baltikum ab 1935. Das Schicksal der deutschen Juden wird mit dem Beginn der nationalsozialistischen Arisierungspolitik in einem schrittweisen Prozess bis zum Holocaust umrissen.

In einem großen Bogen richtet sich der Blick weiter zurück, um den Begriff Heimat im historischen Kontext in das Bewusstsein zu holen. Die Heimat der Vertriebenen und viel mehr noch ihre Siedlungsgeschichte, die weit in das Mittelalter zurückreicht, liegt für die meisten Deutschen heutzutage leider im kollektiven Dunkeln. Der Themenbereich „Die Gerufenen“ umfasst eine Zeitspanne von 800 Jahren. Der Besucher erfährt von den vielfältigsten Auswanderungsgründen, den Anwerbungen durch sogenannte Lokatoren und den Wanderungswegen, welche die Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf sich nahmen. Dabei werden auch die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwick-lungen der entsprechenden Regionen, wie beispielsweise der Weinanbau im Kaukasus, die Industrialisierung der Textilproduktion in Lodz oder die Bäderkultur in Böhmen vorgestellt. Und wer weiß schon, dass Deutsche sich unter anderem in Bessarabien, Galizien oder der Gottschee niederließen? Zur Erläuterung werden alle außerhalb der Grenzen des 1871 gegründeten Deutschen Reiches liegenden Gebiete vorgestellt, in denen Deutsche gemeinsam mit Angehörigen anderer Völker lebten. Deshalb wird beispielsweise über die Besiedlung Ost- und Westpreußens, die schon im 13. Jahrhundert begann, leider nichts berichtet. Gleichwohl erfährt der Ostpreuße und an dieser Region Interessierte an zwei sogenannten Multitouch-Tischen Einblick und Kurzinformationen zu dieser Region. Nach dem Anklicken läuft dort in einem Projektionsfenster eine Ani­mation mit Bildern und Texten ab. Wichtige Orte, Gebäude und Personen finden ebenso Erwähnung wie beispielsweise die berühmte Pferdezucht in Trakehnen. Weitere Informationen werden über das Ermland, Königsberg und Memel gegeben. Insgesamt werden 24 deutsche Siedlungsgebiete, die meisten mit Zusatzinformationen, dargestellt.

In „Erzwungene Wege“ werden die Vertreibungsschicksale Deutscher und Angehöriger 13 anderer europäischer Völker dargestellt. So wurden, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen, in den Jahren 1939/40 und 1944 bis 1947 auch die finnischen Karelier durch die Sowjets vertrieben, die Italiener mussten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Jugoslawien räumen. Zeitlich und räumlich wird das Europa des 20. Jahrhunderts durchmessen, wobei die Darstellung der deutschen Bevölkerungsgruppen durchaus überwiegt. Dabei werden Gemeinsamkeiten herausgearbeitet, aber auch auf die Unterschiede bei Ursache, Wirkung und Folge von Flucht und Vertreibung hingewiesen.

Der Ausstellungsteil „Angekommen“ beleuchtet eingangs die Lage Deutschlands kurz vor Kriegs-ende sowie die Integration der deutschen Vertriebenen und Aussiedler seit 1945. Anhand der diversen Tafeln mit dem Abdruck von Verordnungen, Dokumenten, Zeitungsausschnitten, Fotos oder auch der Charta der deutschen Heimatvertriebenen wird dem Besucher bewusst gemacht, wie unterschiedlich der Prozess der Eingliederung und der Auseinandersetzung damit in den einzelnen Teilen Deutschlands verlief. Dabei wird verdeutlicht, dass gerade die Vertriebenen mit ihrem nicht nur sozialen, sondern auch politischen Engagement maßgeblichen Anteil am Erfolg der Bundesrepublik Deutschland hatten und zum demokratischen gesellschaftlichen Konsens beitrugen, der dem Staat Stabilität verlieh.

In der Ausstellung werden die Fakten sachlich dargestellt. Der Besucher wird informiert, aber auch emotional berührt. Alle Schicksale werden im jeweiligen historischen Kontext behandelt. Die Thesen von Kollektivschuld und Kollektivstrafe sind kein Thema, denn es gilt das „Prinzip der unteilbaren Humanitas“.

Durch die Zusammenfassung der drei vorausgegangenen Ausstellungen wurden zu den einzelnen Themengebieten zwar nur kurze Informationen gegeben, doch sie reichen, dass sich der Besucher letzt-endlich anhand der 148 Tafeln einen Überblick verschaffen kann. Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein. Zum Schluss bleiben aber viele sich aufdrängende Fragen offen, beispielsweise warum der Versuch unternommen wurde, die Vertreibungsschicksale der Deutschen in einen europäischen Kontext einzubinden, obgleich es sich doch um eine Ausstellung in Deutschland für ein deutschsprachiges Publikum handelt. Wenn derartige Fragen auch unbeantwortet bleiben und die Ausstellung aufgrund der Komplexität der Gesamtthematik diese nur an- und umreißen kann, so ist sie doch als ein positiver Einstieg in die jüngere Geschichte zu betrachten, der zum Dialog anregt und zum vertiefenden Studium mittels der einschlägigen Fachliteratur. Anzusprechen ist in diesem Zusammenhang das gerade erschienene Buch des US-Amerikaners R.M. Douglas „,Ordnungsgemäße Überführung‘. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg“, Verlag C. H. Beck, München 2012, gebunden, 556 Seiten, 29,95 Euro.    Sabine Froese

Die Ausstellung „HeimatWEH. Eine Trilogie“ ist bis zum 24. Juni dieses Jahres im Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, 10117 Berlin, täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Danach wird sie als Wanderausstellung in verschiedenen Städten Deutschlands gezeigt. Der Eintritt kostet 6/3 Euro.


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