© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 20/14 vom 17.05.2014

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Der Kern ist faul
Die »Krise der EU« ist in der EU selbst begründet

Europa sei in der Krise, klagen Politiker und Medien voller Sorge. Europa? Nein, die EU ist in der Krise. Und das wurde auch allerhöchste Zeit.

Nur noch ein Drittel der Franzosen würde bei einer Volksabstimmung heute für den Verbleib ihres Landes in der EU stimmen, genauso viele würden dagegen votieren. So das niederschmetternde Resultat einer derzeit vieldiskutierten Umfrage.

Die Reaktionen aus Politik und den meisten Medien entsprechen dem monotonen Mantra, das stets gegen EU-Skepsis heruntergeleiert wird: Die renitenten Gallier seien entweder Populisten auf den Leim gegangen oder wüssten die Vorzüge der EU nicht genug zu schätzen, weshalb man sie ihnen besser erklären müsse. Mit anderen Worten: Kritiker des Brüsseler Apparats sind entweder politisch anrüchig oder uninformiert, wenn nicht gar ein wenig dumm, und sollten belehrt werden. Aus diesem Gestus spricht die Arroganz absolutistischer Fürsten.

Dass die Konstruktion der Europäischen Union wenig demokratisch ist, spüren selbst die EU-freundlicheren Deutschen. Bei der anstehenden Wahl stehen sie ratlos vor zwei Spitzenkandidaten, deren Inhalte sich bestenfalls (oder bloß inszeniert) an der dünnen Oberfläche unterscheiden (siehe Leitartikel). Eigentlich ist diese nur vorgetäuschte Vielfalt das Merkmal von Scheinwahlen in Diktaturen.

Selbst wenn die Unterschiede größer wären – demokratisch würde das EU-Gebilde dadurch noch lange nicht. Das EU-Parlament hat längst nicht die Rechte eines Parlaments in der Demokratie. Es ist überdies zutiefst undemokratisch zusammengesetzt: Die Stimme eines einzigen Maltesers wiegt so schwer wie die von zwölf Deutschen. Das ergibt sich aus der Verteilung der Sitze auf die einzelnen Staaten.

Die undemokratische Struktur ist Ausdruck des faulen Kerns, der dem Konstrukt innewohnt: Der angestrebte europäische Superstaat ist nicht das Ergebnis freien Volkswillens. Vielmehr wird er von Politikern und Technokraten den Völkern untergejubelt, ohne dass diese es merken sollen – und wenn doch, dann möglichst zu spät.

Der Spitzenkandidat der EU-Christdemokraten, Jean-Claude Juncker, hat die Strategie, wie man die Völker hinters Licht führt, in den 90er Jahren erfrischend offen bekannt: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt“, so Juncker damals.

Millionen von Europäern haben jahrhundertelang für ihre Demokratie und Souveränität gekämpft, viele sind sogar im Kampf dafür gestorben. Es wäre eine historisch einmalige Tragödie, wenn sich Europas Völker diese gewaltigen Errungenschaften mit einem Taschenspielertrick entwinden ließen. Hans Heckel


EuGH-Urteil löst Lawine aus
EU-Ausländer holen sich eine Milliarde Euro deutsches Kindergeld

Für die etablierten Parteien kommt die Nachricht so kurz vor der EU-Wahl zur absoluten Unzeit: Wie die Bundesregierung auf eine Anfrage gestanden hat, muss Deutschland allein bis Jahresende eine Milliarde Euro Kindergeld an ausländische Wanderarbeiter zahlen, die gar nicht in Deutschland, sondern in einem anderen EU-Land wohnen. Grund dafür ist ein entsprechendes Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH).

Zwar muss das in der Heimat der Saisonkräfte ausgezahlte Kindergeld mit der Hilfe aus Deutschland verrechnet werden, doch dies mindert die Belastung der deutschen Steuerzahler kaum. Denn das deutsche Kindergeld übertrifft beispielsweise das polnische um bis zu mehr als das Zehnfache: Während der Höchstsatz (fürs dritte Kind) in der Bundesrepublik bei 215 Euro liegt, sind es in Polen umgerechnet nicht einmal 20. Die Auszahlung muss zudem vier Jahre rückwirkend geleistet werden.

Seit dem Urteil ist die Zahl der Anträge in die Höhe geschnellt, in den Ämtern stapeln sich die noch unbearbeiteten Fälle. Daher muss zusätzliches Personal eingestellt werden, was die Kosten ebenfalls in die Höhe treibt.

Und der EuGH hat bereits den nächsten Pfeil im Köcher: Noch in diesem Jahr dürfte das europäische Gericht darüber urteilen, ob die deutschen Steuerzahler arbeitslosen EU-Ausländern auch Hartz IV zahlen müssen. Damit, so zitierte die „FAZ“ das zuständige Mitglied der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, bekäme das Thema Sozialtourismus eine ganz andere Dimension. Die Vokabel „Sozialtourismus“ wird von zahlreichen Politikern und Medien als „rechtspopulistische Kampfparole“ verworfen, welche die Realität ausländerfeindlich verzerre. H.H.

(siehe Kommentar S. 8)


Nur ein »nackter Kaiser«
Ökonomieprofessor rechnet mit Schuldenexplosion in Deutschland

Gern lässt sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dafür feiern, dass der Bund im kommenden Jahr erstmals seit 46 Jahren keine Schulden mehr machen wird. Im Eigenlob seines Hauses ist dazu von „Zukunftsvorsorge im besten Sinne“ die Rede. Dass es damit in Wirklichkeit nicht weit her ist, belegt Martin Werding, Professor für Ökonomie an der Ruhr-Universität Bochum, in einer ausgerechnet von Schäubles Ministerium in Auftrag gegebenen Studie über die „Langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen“. Demnach droht den deutschen Staatsfinanzen eine Explosion der öffentlichen Schulden.

Im günstigsten Fall, so Werding, müsse der Staat ab sofort und dauerhaft 17 Milliarden Euro pro Jahr einsparen, um seinen langfristigen Verbindlichkeiten nachkommen zu können. Im schlimmsten und zugleich wahrscheinlichsten Fall, bei dem Faktoren wie der demografischen Wandel, Zuwanderung und die Entwicklung der Arbeitslosenquote berücksichtigt werden, seien es sogar 82 Milliarden. In beiden Fällen sind die aktuellen milliardenschweren Rentenreformen noch nicht eingerechnet. Nach Werdings Berechnungen würde das jährliche Haushaltsdefizit bei Beibehaltung der gegenwärtigen Politik auf bis zu zwölf Prozent im Jahr 2060 steigen. Die Schuldenquote, also der an der Jahreswirtschaftsleistung gemessene Schuldenstand, würde von 80 auf über 180 Prozent steigen.

Damit steht Deutschland mittel- und langfristig schlechter da als manches heutige Krisenland. Werding hält die deutschen Staatsfinanzen schon mit den heutigen Ein- und Ausgaben für „langfristig nicht annähernd tragfähig“. Deutschland werde zwar für stark gehalten, stehe aber eigentlich da „wie ein nackter Kaiser“. J.H.


Jan Heitmann:
Welche Wahl?

Wenn man die Masse an Wahlplakaten sieht, die dieser Tage die Straßen säumen, könnte man glauben, die EU-Wahl habe tatsächlich die Bedeutung, die uns Politiker aller Couleur zu suggerieren versuchen. Umso erstaunlicher ist die inhaltliche Substanzlosigkeit ihres Wahlkampfes. Denn statt klarer Aussagen dazu, wie die Parteien die Europapolitik zukünftig gestalten wollen, zieren die Plakate überwiegend Allgemeinplätze. So beliebig, dass sie auch von jeder anderen Partei stammen könnten.

Das Gesicht der SPD im Wahlkampf ist der deutsche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, den seine Genossen gern als Kommissionspräsidenten sehen würden. Den aber können die Bürger gar nicht wählen, denn wer diesen Posten bekommt, bestimmen die Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat. Das EU-Parlament darf die Entscheidung lediglich bestätigen. Zwar soll die Personalie die Kräfteverhältnisse im Parlament widerspiegeln, doch das ist nirgends verbindlich festgelegt. Zudem hat der amtierende Kommissionspräsident Juan Manuel Barroso angekündigt, noch einmal antreten zu wollen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat verkündet, dass das übliche Prozedere ohnehin keinen Automatismus darstelle. Apropos Merkel, statt des Konterfeis des konservativen Spitzenkandidaten und Kommissionspräsidentenanwärters Jean Claude Juncker prangt das der Kanzlerin auf den Plakaten der CDU. Das ist Wahlkampf mit einer Hauptperson, die gar nicht zur Wahl steht.

Hohle Phrasen, Wählertäuschung und Kungeleien bei der Postenvergabe: Das riecht sehr nach „EUdSSR“. Die Politik darf sich nicht wundern, wenn die Wähler den Urnen fernbleiben.


S. 2 Aktuell

Zehn Wahlprüfsteine zur EU-Wahl
CDU und CSU antworten auf Fragen nach ihrer Haltung zu den Anliegen der geflüchteten und vertriebenen Ostpreußen

Einen großen Teil der Leserschaft dieser Zeitung machen die geflüchteten und vertriebenen Ostpreußen sowie deren Nachkommen und Personen aus, die sich der heute politisch dreigeteilten europäischen Kulturlandschaft Ostpreußen und seinem kulturellen Erbe besonders verbunden fühlen. Diese in die Hundertausende gehende Bevölkerungsgruppe stellt ein erhebliches Wählerpotenzial bei der kommenden EU-Wahl dar. Damit die Leser der PAZ wissen, wie die Parteien und ihre Kandidaten über die Anliegen der vertriebenen und geflüchteten Ostpreußen denken und wie sie deren Interessen auf europäischer Ebene wahrnehmen wollen, wurden CDU, CSU, SPD, FDP, AfD sowie die Grünen um die Beantwortung von zehn Fragen gebeten. Geantwortet haben lediglich die CDU und die CSU, von allen anderen angeschriebenen Parteien gab es keine Reaktion.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in Ostpreußen Zivilisten, in der Mehrzahl Frauen und Mädchen, von der Roten Armee verschleppt und unter menschenunwürdigen und grausamen Umständen zur Ableistung von Zwangsarbeit in entlegenen Gebieten der damaligen UdSSR gezwungen. Hierfür erhielten die Betroffenen weder Entlohnung noch erwarben sie Rentenansprüche. Seit mehreren Jahren wird über Entschädigungszahlungen an die Betroffenen diskutiert, ohne dass bisher eine Regelung zu Gunsten der wenigen heute noch lebenden Betroffenen gefunden wurde.

Frage: Halten Sie aus Gründen der Gleichbehandlung mit anderen Opfergruppen eine Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges – vorwiegend in die UdSSR – verschleppt und oft über Jahre hinweg zur Zwangsarbeit gezwungen wurden, für angemessen?

Antwort der CDU: Die CDU denkt auch weiterhin an die deutschen Opfer der Zwangsarbeit. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte bereits 2003 in ihrem Antrag zur „Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter“ gefordert, eine – wenn auch späte – Geste des Mitgefühls in Form einer Entschädigung zu schaffen. Mit Blick auf Forderungen weiterer Gruppen steht eine abschließende Regelung hierzu aus.

Antwort der CSU: In einem Antrag zur „Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter“ hat die CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Jahr 2003 bereits gefordert, eine Entschädigung zu schaffen. Leider steht eine abschließende Regelung mit Blick auf Forderungen weiterer Gruppen noch aus. Die Union der Vertriebenen und Aussiedler der CSU ist jedoch hier am Ball und hat in ihrer Landesversammlung am 22. März 2014 in Weiden einstimmig einen Antrag beschlossen, der die baldige Entschädigung zum Ziel hat.

Obwohl in Deutschland eine Reihe staatlicher Gedenktage existiert, gibt es keinen Gedenktag, der an das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den früheren deutschen Ostprovinzen und den übrigen deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa erinnert.

Frage: Befürworten Sie die Einführung eines bundeseinheitlichen Gedenktages für Flucht und Vertreibung der Deutschen?

Antwort der CDU: Um die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen wachzuhalten, unterstützt die CDU das Anliegen eines Gedenktages an die Opfer von Flucht und Vertreibung nachdrücklich. In den Koalitionsvertrag haben wir daher eingebracht, dass wir die mahnende Erinnerung an Flucht und Vertreibung durch einen Gedenktag lebendig halten wollen.

Antwort der CSU: Um die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen wachzuhalten, unterstützt die CSU das Anliegen eines Gedenktages an die Opfer von Flucht und Vertreibung nachdrücklich. Im Koalitionsvertrag ist daher ein Gedenktag verankert, mit dem wir die mahnende Erinnerung an Flucht und Vertreibung lebendig halten wollen.

Die Flüchtlinge und Vertriebenen haben nicht nur ihre Heimat, sondern auch Haus und Hof, Grund und Boden verloren. Damit haben sie ein Sonderopfer gebracht, da ein totaler Verlust des persönlichen Eigentums in Deutschland nur östlich von Oder und Neiße, in Mitteldeutschland nur bei Großgrundbesitz über 100 ha und in Westdeutschland nur vereinzelt eingetreten ist. Der gewährte Lastenausgleich war weder nach der Zweckbestimmung noch dem Umfang eine Entschädigung für den Verlust des Eigentums. Durch entsprechende Erklärungen gegenüber den heutigen osteuropäischen Staaten hat Deutschland konkludent völkerrechtlich wirksam auf Rückgabe oder Entschädigung gegenüber diesen Staaten verzichtet, so dass der deutsche Staat selbst gehalten ist, zu entschädigen.

Frage: Sollten die deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen für ihr verlorenes Eigentum durch die Bundesrepublik Deutschland entschädigt werden?

Antwort der CDU: Die CDU bekennt sich zur Geschichte aller Deutschen. Dazu gehört auch die Solidarität mit den Deutschen, die wegen ihrer Volkszugehörigkeit ein besonders schweres Kriegsfolgenschicksal zu erleiden hatten. Die CDU hat sich stets an die Seite der Vertriebenen und Flüchtlinge gestellt und deren Sonderopfer gewürdigt. Mit dem Bundesvertriebenengesetz und dem Lastenausgleichsgesetz wurde das Fundament für die Kriegsfolgenrechte der Vertriebenen gelegt. Selbstverständlich können auch noch so gut gemeinte Regelungen den vielen Dimensionen des Heimatverlustes nie wirklich gerecht werden. Sie halfen aber über die größten Schwierigkeiten hinweg.

Antwort der CSU: Die Deutschen in allen ehemaligen Ostgebieten hatten nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein besonders hartes Schicksal in Gestalt von Zwangsarbeit, Verschleppung, Flucht und Vertreibung zu erdulden. Die CSU bekennt sich zu deren Geschichte. Ein Beweis der Solidarität der CSU mit dieser Volksgruppe ist die Gründung der Union der Vertriebenen und Aussiedler, einer Arbeitsgemeinschaft der CSU, die heute in vielfältiger Weise Kontakte zu Landsleuten in den ehemaligen Ostgebieten pflegt und an der Willensbildung in der Partei beteiligt ist. Die CSU hat sich stets an die Seite der Vertriebenen und Flüchtlinge gestellt und deren Sonderopfer gewürdigt. Mit dem Bundesvertriebenengesetz und dem Lastenausgleichsgesetz wurde das Fundament für die Kriegsfolgenrechte der Vertriebenen gelegt. Selbstverständlich können auch noch so gut gemeinte Regelungen den vielen Dimensionen des Heimatverlustes nie wirklich gerecht werden. Sie halfen aber damals über die größten Schwierigkeiten hinweg.

Obwohl heute politisch dreigeteilt, ist Ostpreußen als Ganzes Teil der europäischen Kulturlandschaft. Die Landsmannschaft Ostpreußen als Träger der ostpreußischen Kultur und Geschichte hat sich zum Ziel gesetzt, das kulturelle Erbe Ostpreußens als Teil der deutschen Kultur im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bewahren. Dieses Ziel wird auch durch die Bundesregierung mit gemäß § 96 BVFG bereitgestellten Mitteln unterstützt, die zum Beispiel dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg zufließen.

Frage: Stimmen Sie zu, dass die Erinnerung an die Kulturlandschaft Ostpreußen eine gemeinsame Aufgabe aller Deutschen ist und durch Mittel des Bundes angemessen unterstützt werden muss?

dass hierzu die Mittel gemäß § 96 BVFG aufgestockt werden und die ostdeutschen Landsmannschaften als Träger der ostdeutschen Kultur und Geschichte maßgeblich davon partizipieren sollten?

dass insbesondere die Förderung des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg, auch im Hinblick auf die Ausstattung des Erweiterungsbaus, intensiviert werden muss?

dass auch Heimatmuseen der Kreisgemeinschaften als Einrichtungen der kulturellen Basisarbeit durch Mittel gemäß § 96 BVFG zu fördern sind?

Antwort der CDU: Wir wollen zusammen mit den Vertriebenen und ihren Verbänden das Kultur­erbe der historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete als festen Bestandteil der deutschen Kulturnation und Teil der europäischen Identität verankern. Wir haben deshalb die Förderung nach § 96 Bundesvertriebenengesetz von circa 13 Millionen Euro im Jahr 2005 auf jetzt 21 Millionen Euro angehoben. Wir setzen uns dafür ein, dass die Förderung der nach § 96 Bundesvertriebenengesetz geförderten Einrichtungen auf eine zukunftssichere Grundlage gestellt wird. Dazu gehört auch das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg.

Antwort der CSU: Wir wollen zusammen mit den Vertriebenen und ihren Verbänden das Kultur­erbe der historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete als festen Bestandteil der deutschen Kulturnation und Teil der europäischen Identität verankern. Wir haben deshalb die Förderung nach § 96 Bundesvertriebenengesetz von circa 13 Millionen Euro im Jahr 2005 auf jetzt 21 Millionen Euro angehoben. Wir setzen uns dafür ein, dass die Förderung der nach § 96 Bundesvertriebenengesetz geförderten Einrichtungen auf eine zukunftssichere Grundlage gestellt wird. Hier ist auch das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg eingebunden.

In den heute polnischen und litauischen Teilen Ostpreußens existieren deutsche Volksgruppen, die sich nach der politischen Wende in Vereinen organisiert haben. Obwohl es eine dem europäischen Standard entsprechende Minderheitengesetzgebung gibt, werden diese nur unzureichend gefördert. Besonders der Erhalt der Muttersprache und damit der eigenen Identität bereitet weiterhin große Probleme, was auch durch den Europarat bemängelt wurde.

Frage: Sind Sie bereit, sich für die Schaffung von deutschsprachigen oder zweisprachigen Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache für die Angehörigen der deutschen Volksgruppen einzusetzen?

die konsularische Betreuung der Angehörigen der deutschen Volksgruppe zu verbessern?

Antwort der CDU: Die CDU steht an der Seite der deutschen Volksgruppen in Osteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Sie nehmen eine wichtige Brückenfunktion wahr. Von zentraler Bedeutung ist dabei, die deutsche Sprache lebendig zu halten. Deshalb wollen wir insbesondere deutsche Sprachangebote und Bildungseinrichtungen vor Ort verbessern.

Antwort der CSU: Die CSU misst den deutschen Volksgruppen in Osteuropa und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eine besondere Bedeutung bei. Sie können und müssen eine wichtige Brückenfunktion wahrnehmen, besonders auch bei der Aufgabe, die deutsche Sprache lebendig zu erhalten. Deshalb wollen wir insbesondere deutsche Sprachangebote und Bildungseinrichtungen vor Ort verbessern.

Die Landsmannschaft Ostpreußen und ihre Untergliederungen sind seit ihrer Gründung vor 65 Jahren auf dem Gebiet der Familienzusammenführung und -forschung tätig. Sie werden regelmäßig und in großem Umfang von privaten und öffentlichen Stellen befragt. Häufig kann geholfen werden, wobei die Auskünfte kostenfrei erfolgen. Die Landsmannschaft Ostpreußen selbst sowie ihre Untergliederungen werden jedoch nach dem Suchdienstdatenschutzgesetz wie Private behandelt.

Frage: Wie steht Ihre Partei zur Aufwertung der Landsmannschaften bis hin zur Gleichbehandlung mit Suchdiensten gemäß Suchdienstdatenschutzgesetz?

Antwort der CDU: nicht beantwortet.

Antwort der CSU: nicht beantwortet.

Eheliche Kinder deutscher Väter und ausländischer Mütter erwerben durch Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit. Eheliche Kinder deutscher Mütter und ausländischer Väter konnten vor 1975 die deutsche Staatsangehörigkeit durch Geburt nicht erwerben. Für eine Übergangszeit bis längstens 1990 konnten diese Kinder durch einfache einseitige Erklärung die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben. Die gesetzliche Grundlage dafür (Art. 3 bis 5 RuStAÄndG 1974) wurde 2006 ersatzlos aufgehoben.

Frage: Wie steht Ihre Partei dazu, den von einer Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts der Mutter betroffenen benachteiligten Personen einen besonderen Einbürgerungstatbestand zu eröffnen?

Antwort der CDU: nicht beantwortet.

Antwort der CSU: nicht beantwortet.

Angehörige der Deutschen Volksgruppe in Ostpreußen sind überproportional von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen.

Frage: Welche Schritte will Ihre Partei ergreifen, um die aus Arbeitslosigkeit und Armut resultierenden schlechten Lebensumstände von Angehörigen der Deutschen Volksgruppe zu verbessern, ohne die Betroffenen zur Auswanderung ins Bundesgebiet zu veranlassen?

Antwort der CDU: Wir setzen uns weiter dafür ein, dass denjenigen, die in ihrer jetzigen Heimat bleiben wollen, eine Perspektive zum Bleiben geboten wird.

Antwort der CSU: Wir setzen uns weiter dafür ein, dass denjenigen, die in ihrer jetzigen Heimat bleiben wollen, eine Perspektive zum Bleiben geboten wird. Unsere Union der Vertriebenen und Aussiedler hat hier mannigfache wichtige Kontakte zur Erreichung dieses Zieles geknüpft. Eine Reise im Jahr 2015 nach Ostpreußen wird sich vornehmlich diesem Anliegen widmen.

Die meisten heute zu Polen gehörenden ostpreußischen Landkreise gehören zu dem Bezirk, dessen Bewohner ohne Visum in das (heute zur Russischen Föderation gehörende) Königsberger Gebiet einreisen können. Ostpreußen, die in diesen Gebieten geboren und aufgewachsen sind, heute aber im Bundesgebiet leben, haben ein starkes Interesse daran, visafrei in das nördliche Ostpreußen (Königsberger Gebiet) zu reisen.

Frage: Welche Schritte befürwortet ihre Partei, um gebürtigen Ostpreußen mit Wohnsitz im Bundesgebiet den visafreien Reiseverkehr in das Königsberger Gebiet zu ermöglichen?

Antwort der CDU: Im Europawahlprogramm bekennen wir uns einmal mehr zum Recht auf die Heimat. Die in der Europäischen Union geltende Freizügigkeit ist ein Schritt hin zur Verwirklichung dieses Rechts auch der deutschen Vertriebenen – in einem Europa, in dem die Völker und Volksgruppen einträchtig zusammenleben. Wir setzen uns für Erleichterungen im Bereich der Ein- bzw. Ausreise in das Königsberger Gebiet ein. Ein erster Erfolg war die Einrichtung eines „kleinen Grenzverkehrs“ zwischen dem Königsberger Gebiet und der polnischen Grenzregion im Jahr 2012. Durch die politische Lage in der Ukraine und die beschlossenen Sanktionen gegen Russland kommen Verhandlungen über weitere Erleichterungen allerdings derzeit nicht Betracht.

Antwort der CSU: Die CSU bekennt sich in ihrem Grundsatzprogramm auf das Recht auf Heimat als Menschenrecht. Die in der Europäischen Union geltende Freizügigkeit ist ein Schritt hin zur Verwirklichung dieses Rechts auch der deutschen Vertriebenen – in einem Europa, in dem die Völker und Volksgruppen einträchtig zusammenleben. Wir setzen uns für Erleichterungen im Bereich der Ein- bzw. Ausreise in das Königsberger Gebiet ein. Ein erster Erfolg war die Einrichtung eines „kleinen Grenzverkehrs“ zwischen dem Königsberger Gebiet und der polnischen Grenzregion im Jahr 2012. Durch die politische Lage in der Ukraine und die beschlossenen Sanktionen gegen Russland kommen Verhandlungen über weitere Erleichterungen allerdings derzeit nicht Betracht.

Ostpreußen ist Bestandteil der deutschen Geschichte und Kultur. Dies führt zwangsläufig zu einer erhöhten Verantwortung Deutschlands für diese europäische Region.

Frage: Welche Schritte möchte Ihre Partei unternehmen, um Ostpreußen als lebenswerte europäische Region zu entwickeln?

Antwort der CDU: Durch die Teilung Ostpreußens liegt eine spezielle Situation vor: Das Königsberger Gebiet hat ganz besonders unter dem Kalten Krieg gelitten, war es doch bis 1990 praktisch vor allem eine Militärbasis der Sowjetunion. Die CDU hat sich stets dafür eingesetzt, dass die Europäische Union gemeinsam mit Russland Perspektiven für diese Region entwickelt.

Antwort der CSU: Durch die Teilung Ostpreußens liegt eine spezielle Situation vor: Das Königsberger Gebiet hat ganz besonders unter dem Kalten Krieg gelitten, war es doch bis 1990 praktisch vor allem eine Militärbasis der Sowjetunion. Die CSU hat sich stets dafür eingesetzt, dass die Europäische Union gemeinsam mit Russland Perspektiven für diese Region entwickelt.

Unabhängig von den gestellten Fragen haben beide Parteien die erfolgreiche Eingliederung von Millionen Heimatvertriebenen als Ausdruck der solidarischen Leistung aller Deutschen bezeichnet und die Leistung der Vertriebenen beim Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gewürdigt, der ohne sie so nicht gelungen wäre. Ebenfalls erkennen sie an, dass das deutsche Kulturerbe im östlichen Europa heute an vielen Orten eine verbindende Kraft entfaltet. Zudem treten beide entschieden gegen Unrechtsdekrete ein, zumal diese der „Charta der Grundrechte der Europäischen Union“ widersprächen. Auch die jüngere europäische Geschichte mache deutlich, dass Vertreibungen jeder Art geächtet und verletzte Rechte anerkannt werden müssten. CDU und CSU erklären, dem Bedürfnis nach Erinnerung als Mahnung für die Zukunft Rechnung zu tragen, weshalb sie den Ausbau des Dokumentationszentrums der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin zügig vorantreiben würden.


S. 3 Preussen/Berlin

»Heimat und Zukunft in einem neuen Licht«
Interview mit Pfarrer Philip Kiril Prinz von Preußen über seine Predigt auf dem Deutschlandtreffen und vieles mehr

Beim ökumenischen Gottesdienst, dem ersten Programmpunkt des diesjährigen Deutschlandtreffens der Ostpreußen in Kassel, hält Pastor Philip Kiril Prinz von Preußen die Predigt. Der 1968 in Eutin geborene Vater von sechs Kindern ist ein Enkel von Louis Ferdinand von Preußen und der erste Sohn von dessen erstem Sohn, Friedrich Wilhelm von Preußen, und der Bürgerlichen Waltraud Freydag. Im Interview mit der PAZ spricht der Hohenzoller und Theologe über seinen verschlungenen Weg ins Priesteramt, das schwierige Verhältnis zu seiner Familie sowie Werte und Monarchie. Die Fragen stellte Rebecca Bellano.

PAZ: Sie predigen beim Deutschlandtreffen der Ostpreußen. Wissen Sie schon, was das Thema Ihrer Predigt sein wird?

Philip von Preußen: Mein Thema wird, angelehnt an das Motto des Treffens „Ostpreußen hat Zukunft“, voraussichtlich sein: Heimat und Zukunft 2.0 – oder für die Älteren: Heimat und Zukunft in einem neuen Licht.

PAZ: Sie haben erst Jura und dann Lehramt studiert. Was bewegte Sie dazu, dann doch den Beruf des Pastors zu erwählen?

Philip von Preußen: Mein Wahlspruch lautet, salopp formuliert, seit ich mit 18 Jahren Christ wurde: „Ich bin im Auftrag des Herrn unterwegs.“ Da kannte ich den Film „Blues Brothers“ noch gar nicht. Ich wollte also immer Gott mit meinem Leben dienen. Auch mit meinem Beruf. Christen sind ja von ihrem Herrn, Jesus – dem Sohn Gottes, aufgerufen, Menschenfischer zu sein. Das wollte ich immer nebenher tun. Letztlich habe ich Gott so verstanden, dass ich dieses „Hobby“ doch noch zum Hauptberuf machen sollte. Das ist ja auch das Wichtigste für uns Menschen: die Frage nach der Ewigkeit. Jedenfalls sollte es das sein.

PAZ: Als Ur-Ur-Enkel von Kaiser Wilhelm II. entstammen Sie einer historisch bedeutenden Familie. Wie reagieren Ihre Mitmenschen auf Ihre Abstammung?

Philip von Preußen: Als Kind und Jugendlicher erlebte ich von Mitschülern und sogar einer Lehrkraft viele negative Reaktionen. Daher habe ich bis zirka 24 meinen Namen eher versteckt und nur als „Philip Preußen“ studiert. Durch ein Schlüsselerlebnis und mit Gottvertrauen im Gepäck habe ich dann aber erkannt, dass mein Name, meine Herkunft Aufgabe und Chance bedeutet. Seitdem stehe ich zu meiner Herkunft und setze den damit verbundenen Aufmerksamkeitsfaktor als Hebel zur positiven Wertemultiplikation ein. Es gibt auch heute noch Menschen, die von negativen Vorurteilen bestimmt sind, wenn sie meinen Namen hören. Gerade auch in meiner Landeskirche habe ich den Eindruck, dass manche meiner Vorgesetzten einen Hohenzollern eher als Belastung sehen statt als große Chance. Und sicherlich gibt es vor allem im linken Spektrum der Gesellschaft nach wie vor einige Antipathien. Aber bei meinen Mitmenschen stoße ich meistens auf positive Offenheit und große Sympathien. Und spätestens wenn man mich persönlich kennenlernt, sind die meisten angenehm überrascht, weil ich ohne Dünkel daherkomme.

PAZ: In der Familie Ihres Vaters herrscht, nachdem dieser sein Erbe via Rechtsstreit erkämpft hat, obwohl er wegen der Ehe mit einer Bürgerlichen, Ihrer Mutter, von seinem Vater enterbt worden war, alles andere als Harmonie. Gibt es aber trotzdem so etwas wie Familientreffen, bei denen die gemeinsame Herkunft zelebriert wird?

Philip von Preußen: Mein Großvater Louis Ferdinand hat leider aufgrund seiner im Zwei-Klassen-Denken verhafteten Gesinnung entschieden, seine beiden ältesten Söhne wegen bürgerlicher Heirat – also dem, was heute üblicherweise als royale Märchenhochzeit in den europäischen Königshäusern ganz selbstverständlich ist – zu enterben. Das war überaus tragisch und töricht. Er hat dadurch nicht nur Ehen und Familien zerstört, sondern unbewusst auch die Axt an den Zusammenhalt des Hauses Hohenzollern gelegt. Dort, wo heute noch Familientreffen der Hohenzollern stattfinden, ist es ganz entgegen der Preußischen Maxime mehr Schein als Sein. Bestimmte Familienmitglieder, auch ich, werden systematisch ausgegrenzt und wurden über Jahre teilweise juristisch angegangen.

PAZ: Nach dem erzwungenen Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff machten Sie mit der Forderung, in Deutschland die Monarchie wieder einzuführen, Schlagzeilen. Stehen Sie auch jetzt noch hinter dem Vorschlag und wenn ja, warum?

Philip von Preußen: Am wichtigsten wäre mir, dass unser Land wieder Gott zu seinem Herzenskönig macht! Diesem Ziel gilt mein Engagement. Was aber die derzeit noch hypothetische Frage nach der Staatsform Monarchie angeht: Ja, natürlich! Es gibt viele gewichtige und zeitlos gültige Argumente dafür.

In der Kurzatmigkeit und steigenden Orientierungslosigkeit unserer Tage wirkt ein Königshaus als Garant von Stabilität und Beständigkeit. Schauen Sie auf unsere Bundespräsidenten seit 1949: Elf an der Zahl – und die beiden Vorgänger von Joachim Gauck traten vorzeitig zurück. Wenn wir demgegenüber nach England blicken: Queen Elizabeth II., die jüngst ihr 60. Kronjubiläum feierte. Über 60 Jahre Kontinuität und Stabilität! Sodann das Argument des nationalen Zusammenhalts: Belgien ist gespalten in Flamen und Wallonen, aber das Königshaus wirkt wie eine patriotische Klammer. In allen Monarchien erleben Sie das: Ein König, eine Königin eint das Land! Zustimmungen von Rechts und – etwas weniger – auch von Links, von Arm und Reich, von Alt und Jung. Jüngst erst wieder das Oranje-Fest, der Königstag in den Niederlanden: Ein Land taucht auf Straßen und Plätzen in die Farben des Königshauses und jubelt ihm zu. Und bei uns käme noch hinzu: Auch Ost und West würden dadurch emotional besser verbunden. Derzeit haben wir solche enge patriotisch-emotionale Verbundenheit nur auf den Fanmeilen zur WM oder EM alle zwei Jahre jeweils für einige wenige Wochen.

Mit einem König oder einer Königin wären wir auch schlagartig das leidige Thema Bereicherung im Amt los, das bei Wulff das Amt des Staatsoberhauptes so peinlich beschädigt hat. Das hat ein Monarch schlicht nicht nötig. Noch etwas Wirtschaftliches: Alt-Bundespräsidenten kosten nur, Könige kurbeln gleichzeitig Konsum – Kleidung von Kate und Baby-George regelmäßig ausverkauft – und Tourismus – Buckingham Palace – an!

Und dann die Aura einer Königsfamilie – was für ein Prestigegewinn für ein Land. Das entscheidende Argument ist aber: Nur eine Königsfamilie kann über Generationen hinweg das emotionale Vorbild sein, das uns in Deutschland so schmerzlich fehlt. Die TV-Quoten bei den Hochzeiten der europäischen Königshäuser beweisen das. Und sind die Royals mal nicht so vorbildlich, wirkt auch das noch indirekt wertestabilisierend. Denn „bei Hofe“ achtet die Presse genau darauf, dass das Sehnsuchts-Ideal erfüllt werden möge: Eine glückliche Ehe und eine harmonische Großfamilie. Betrügt ein Royal seinen Ehepartner, ist das ein Skandal – und das ist gut so! Geht hingegen bei uns ein Minister fremd oder ist ein Bundespräsident wiederverheiratet – nachdem er, noch verheiratet mit der ersten Frau, seine Geliebte schon geschwängert hatte! – ist das angeblich egal oder gar modern. Wir brauchen die Monarchie gegen das emotionale Wertevakuum. Und gegen die demografische Krise: Was für ein Hype um Baby-George – und so geht das jedes Mal, wenn ein Kronprinzenpaar frisch verheiratet ist und über die Jahre als junges Paar: „Wann bekommen sie endlich ein Kind? Ach ist es süß! Wann kommt das nächste?“ Das ist viel effektivere mediale Werbung für Kinder – die überdies nichts kostet – als alle Initiativpapiere oder Kampagnen der Familienministerin zusammen.

PAZ: Ihnen wird unterstellt, altmodischen Werten anzuhängen. Was erwidern Sie hierauf Ihren Gegnern?

Philip von Preußen: Was einem Land gut tut, ist nie altmodisch, sondern hochaktuell. Egoismus, Individualismus und Spaßgesellschaft sind zwar modern, aber kontraproduktiv. Selbstlosigkeit und langfristige Bindungsbereitschaft sind eher unattraktiv, aber sehr nötig. Nur ein paar Beispiele: a) Es ist gut, zu heiraten, weil das mehr Stabilität für die Partnerschaft garantiert – es ist kein Allheilmittel, aber es hilft. b) Es ist gut, in der Ehe treu zu sein und zusammenzubleiben. Fragen Sie mal die sitzen gelassenen Ehepartner und Kinder aus erster Ehe, zum Beispiel bei den Wulffs. c) Viele Kinder zu haben, ist out; aber mit den 1,4 Kindern pro Frau, die wir in unserem reichen armen Land noch hinbekommen, implodieren wir: Die Sozialsysteme sind schon in Schieflage, Rente und Pflege werden bald einen GAU erleben; die Wirtschaft schrumpft durch Fachkräftemangel, Lehrlingsknappheit und sinkende Binnennachfrage; das Bildungssystem ächzt unter der Überalterung der Lehrer; die Pflegeberufe suchen händeringend Neueinsteiger. Kurz: Die demografische Krise ist die Mutter aller Krisen. Wenig Kinder zu haben mag modern sein – vor allem aber ist es hochgradig unvernünftig und das langfristig Unsolidarischste, was es gibt. d) Die Kinder bis zum dritten Lebensjahr selbst zu betreuen ist politisch verpönt, gilt als völlig veraltet. Aber was sagen Bindungsforscher und Kinderärzte? Exzessive Fremdbetreuung in den ersten Lebensjahren ist wegen des chronischen Stressfaktors eine akute Gefährdung des Kindeswohls; die diesbezüglichen US-Langfrist-Untersuchungen beweisen das überdeutlich. Ich empfehle allen jungen Eltern – und Großeltern – und erst Recht unseren Politikern, wenigstens einen unaufgeregten fachlichen Artikel dazu zu lesen: „Die dunkle Seite der Kindheit“, „FAZ“, 4. April 2012. e) Abtreibung gilt für viele als moderne Errungenschaft. Dazu sagt aber schon das Bundesverfassungsgericht deutlich: Sie kann zwar mittels Pflichtberatung straffrei bleiben, ist und bleibt aber in jedem Falle rechtswidrig! Was rechtswidrig ist, kann per se nicht gut sein, mag es auch noch so sehr modern genannt werden. Aber abgesehen vom Juristisch-Formalen: Sechs bis acht Millionen vor der Geburt getötete Kinder allein in den vergangenen vier Jahrzehnten, die ihrerseits keine Kinder bekommen konnten, das macht rund 20 bis 25 Millionen Menschen, die wir dadurch verloren haben, mehr als durch Ersten und Zweiten Weltkrieg zusammen. Das ist Raubbau an Deutschlands Zukunft. Die allermeisten wurden wegen „Sozialer Indikation“ abgetrieben. Also aus seelischer Belastung oder sozialer Notlage heraus. Was ist an einem System, einem Wohlfahrtsstaat bitteschön modern, der Abtreibungen finanziert, aber keine „Abtreibungswende“ zu stemmen bereit ist, etwa mit Milliardenaufwand für junge werdende Eltern, die vor der Frage stehen, ob ihnen das ungewollte Kind seelisch, finanziell oder karrieremäßig das Genick bricht? Nüchtern betrachtet geht unser sogenannter Wohlfahrtsstaat, weil es bequemer ist, seit Jahrzehnten über Leichen. Millionen von Leichen. Das ist ein unsäglicher moralischer Skandal. Da geht es nicht um altmodisch oder modern, da kann man nur rufen: Du sollst nicht töten. Du sollst dich kümmern!

PAZ: Legen Sie bei der Erziehung Ihrer sechs Kinder Wert darauf, ihnen ihre Abstammung zu verdeutlichen?

Philip von Preußen: Oh ja! Aber uns ist zuerst die „himmlische Abstammung“ wichtig! Wir erziehen sie mit Herzblut zum Glauben an Jesus, unseren Heiland. Auf dass sie Kinder Gottes werden und Ewiges Leben geschenkt bekommen. Unsere wichtigste Maßgabe in der Erziehung ist Jesu Verheißung: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben (Joh 3,16).

Die adlige Abstammung ist für uns zweitrangig. Denn Blaues Blut nützt einem beim Jüngsten Gericht gar nichts – genauso wenig wie ein volles Bankkonto. In unserer Holsteinischen Heimat gibt es den Spruch: „Mehr als Holsteiner kann der Mensch nicht werden.“ Für uns haben wir den abgewandelt: Mehr als Himmelsbürger kann der Mensch nicht werden. Oder: Mehr als Christ kann der Mensch nicht werden.

Natürlich erfahren unsere Kinder auch, dass sie preußische Prinzen und Prinzessinnen sind. Aber erst kurz bevor sie jeweils eingeschult wurden. Da nehmen wir dann ein Bild vom Kaiser oder von Königin Luise und erklären: Das ist dein Urururgroßvater, deine sechsfache Urgroßmutter. Doch dann fügen wir hinzu: Aber vor Gott zählt das nicht. Er schaut uns ins Herz. Und vor ihm sind wir alle Sünder, die Vergebung durch Jesus brauchen. Und nur bei ihm finden wir Glück, Rettung und Ewiges Leben.


Abstieg der Grünen
von Theo Maass

Am ersten Montag dieses Monats veröffentlichte das Meinungsinstitut Forsa seine neueste Umfrage zu den Parteipräferenzen in Berlin. Die Grünen liegen bei 16 Prozent, zwei Punkte weniger als im März. Die Linkspartei hängt mit 15 Prozent nur knapp dahinter. Bei den letzten Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus war der Abstand (17,6 Prozent Grüne und 11,7 Prozent Linke) noch deutlich größer. Dabei waren die Wahlen zum für die angebliche Öko- und Friedenspartei schon eine große Enttäuschung gewesen, denn damals hatte man ja sogar nach dem Posten des Regierenden Bürgermeisters geschielt und wollte stärkste Partei werden.

Ein Markenzeichen der Hauptstadt-Grünen ist nicht erst seit gestern ihr Privatkrieg gegen Autofahrer. Wolfgang Wieland, 2001/02 Berliner Justizsenator, forderte schon 1985 eine „autofreie Stadt“. Renate Künast – zeitweilig als kommende Regierende Bürgermeisterin in Berlin gehandelt – hantierte im Wahlkampf mit der Forderung nach einem flächendeckenden Tempo 30 in der Stadt und wirtschaftete ihre Partei, der die Meinungsforscher zeitweise bis zu 30 Prozent eingeräumt hatten, auf das reale Ergebnis von 17,6 Prozent am 18. September 2011 runter.

Bei Kleinkindern ist es meist so, dass sie einen aufgedrehten Heizkörper nur einmal anfassen und danach in dem Wissen, dass man sich daran verbrennt, die Finger davon lassen. Bei den Grünen scheint das anders zu sein. Der Grünen-Stadtrat Jens-Holger Kirchner wollte dieser Tage ein ganzes Stadtviertel am Prenzlauer Berg für Autos mit Elektroantrieb reservieren und für alle anderen Wagen sperren. Das war selbst Bürgermeister Matthias Köhne von der SPD zu viel. Der grüne Mann fing sich eine „Klatsche“ ein und füllte die Spalten der Lokalpresse.

Aber weil gerade Europawahlkampf ist, wollte auch der grüne Europaabgeordnete Michael Cramer nicht abseits stehen und beglückte die Hauptstädter mit einer anderen neuen Verkehrsidee: Lkr statt Lkw lautete sein Vorschlag. Cramer will den für Handel und Wandel notwendigen Lkw-Verkehr auf Lastenfahrräder umstellen.

Das Auftreten der Grünen in Berlin ist von langfristiger strategischer Bedeutung. Manche CDU-Funktionäre schielen nach einem möglichen Ende der Großen Landeskoalition mit der SPD zur Option „Schwarz-Grün“. Dafür sind sie bereit, das Profil der Spree-Union bis zur Unkenntlichkeit in Richtung Mitte-Links zu verwässern. Die Mühen der Selbstverleugnung könnten sich als vergeblich: Mit dem Abstieg der Grünen in den Umfragen ist Schwarz-Grün rechnerisch immer weniger realistisch. Stattdessen steuert Berlin – für den Fall eines Scheiterns der Großen Koalition – auf Rot-Rot-Grün zu.


S. 4 Hintergrund

In Nostalgie erstarrt
Portugiesen sehnen sich in Zeiten der Sparprogramme nach neuer Revolution

Dieser Tage, am 17. Mai, verlässt Portugal den Euro-Rettungsschirm. Doch die Freude in der Bevölkerung hierüber hält sich in Grenzen. Vielmehr wird 40 Jahre nach der Nelkenrevolution die Forderung nach einem neuen Umsturz immer lauter.

„Seit Beginn der Wirtschaftskrise sehen wir, wie die Werte der Revolution nach und nach zerstört werden“, so der heute 71-jährige Oberst Vasco Laurenço am 40. Jahrestag der Nelkenrevolution. Er gehörte am 25. April 1974 zu jenen Soldaten, die mit Nelken in den Gewehrläufen die friedliche Revolution in Portugal anführten. Sie beendeten die mehr als vier Jahrzehnte ddauernde Herrschaft des autoritären Regierungschefs António de Oliveira Salazar und seines Nachfolgers Marcelo Caetano.

Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit waren das Ziel derjenigen, die um die Macht im neuen Staat rangen. Das Militär, das den symbolträchtigsten Part in der Revolution gespielt hatte, war eher konservativ geprägt und stand Sozialdemokraten, Kommunisten und Sozialisten gegenüber, die fortan die Dritte Portugiesische Republik mit Leben füllten.

Mit der Nelkenrevolution hielt ein umfassendes staatliches Gesundheitssystem in Portugal Einzug. Auch wurden die Schulen besser ausgestattet, was angesichts einer Analphabetenquote von fast 50 Prozent auch bitter nötig war. Zugleich wurden die Renten erhöht, Arbeitnehmerrechte gestärkt, Unternehmen verstaatlicht und der öffentliche Dienst ausgebaut. Es entstand ein Sozialstaat, der nicht zuletzt die Annäherung an die EU und den Beitritt Portugals 1986 ermöglichte.

40 Jahre nach der Revolution sind jedoch genau diese Errungenschaften im Schwinden. Im Gesundheitswesen hat es massive Einsparungen gegeben, die ärztliche Versorgung wurde reduziert und immer mehr Medikamente müssen vollständig selbst bezahlt werden. Gleichzeitig wurden die Anzahl der Lehrer gesenkt, öffentliche Ausgaben massiv eingeschränkt, die Gehälter der Staatsbediensteten und die Renten gekürzt, Arbeitsrechte aufgekündigt, Mieterschutz zurückgenommen sowie die Einkommenssteuer erhöht. In der Folge sind laut einer Umfrage der Zeitung „Diário de Noticias“ 83 Prozent der Portugiesen mit der Demokratie, wie sie sie jetzt erleben, unzufrieden. Dies dürfte auch das portugiesische Ergebnis der EU-Wahl in wenigen Tagen belegen, bei dem die konservative Regierung von Pedro Passos Coelho, die erst 2011 die Macht übernommen hat, abgestraft werden dürfte. Die rigide Sparpolitik der Regierung missfällt den meisten Portugiesen, die regelmäßig zu Demonstrationen auf die Straße gehen und ihren Unmut kundtun. Hierbei singen sie oft „Grândola, Vila Morena“ vom unter Salazar verbotenen Komponisten José Afonso. Was einst das Startsignal für die Nelkenrevolution war, ist heute ein Zeichen für den Protest gegen die im Rahmen der Euro-Rettung von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds verlangten Sparmaßnahmen. Und auch wenn Lissabon nun den Rettungsschirm verlässt, will Passos del Coelho das Sparen fortsetzen, das dazu geführt hat, dass die Neuverschuldung Portugals 2013 „nur“ noch bei 4,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes lag.

Dass sich Portugal finanziell somit scheinbar wieder im Normalbereich bewegt, wird dem Ministerpräsidenten jedoch nicht gedankt. Stattdessen sehnen sich die Portugiesen nach einer neue Revolution und werden bei der EU-Wahl vermutlich den Sozialisten die meisten Stimmen bescheren. Dies, obwohl sie durchaus wissen, dass deren schuldenbasierte Politik mit einer Staatsquote, also dem Anteil des Staates am Wirtschaftsgeschehen, von 51,5 Prozent im Jahr 2010 – in Kombination mit dem durch den Euro ausgelösten Wettbewerbsdruck bei schwacher Produktivität – die jetzige Krise mit verursacht hat.

Rebecca Bellano


Die Cliquen sind geblieben
Griechen feiern 40 Jahre Ende der Militärherrschaft

Auch in Griechenland liegt die letzte Revolution 40 Jahre zurück. Und so gedenken dieser Tage viele Griechen der historischen Ereignisse von einst und wünschen sich zugleich nach Jahren der Euro-Krise und der Sparprogramme erneut eine Wende. „Nachdem 40 Jahre vergangen sind, erleben wir heute eine schrecklichere Diktatur und niemand reagiert“, zitierten Medien vor Kurzem einen 35-jährigen Griechen. Und er scheint nicht der Einzige zu sein, der mit der Gegenwart unzufrieden ist.

Der 17. November ist für viele zum symbolträchtigen Datum geworden, an dem sie nicht nur der blutigen Niederschlagung der Studentenrevolte gedenken, sondern auch die Missstände der Gegenwart anprangern. Im vergangenen Jahr jährte sich der Streik der Athener Studenten auf dem Gelände des Polytechnikums zum 40. Mal. Allerdings verlief der Gedenkmarsch, der von 7000 Polizisten begleitet wurde, erstaunlich friedlich. In den Jahren davor war es immer wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen.

Der Studentenprotest gilt als Anfang vom Ende der Militärjunta in Griechenland. Diese hatte sich 1967 an die Macht geputscht, da der seit 1964 amtierende König Konstantin II. nicht in der Lage gewesen war, Ruhe in das instabile politische Gefüge zu bekommen. Schon sein Vater Paul I., der nach dem Ende der deutschen Besatzung aus dem Exil zurückkehrt war und nach dem Tod seines älteren Bruders 1947 den Thron übernommen hatte, hatte verzweifelt versucht, in dem vom Bürgerkrieg destabilisierten Land vor allem die nach Einfluss gierenden Kommunisten von der Macht fernzuhalten. Sein erst 1940 geborener Sohn war dazu noch weniger in der Lage.

Die Obristen erzwangen nun mit Gewalt die erhoffte Ruhe, doch wurden sie auch wegen der von ihnen hierbei verwendeten rüden Methoden nie von der Bevölkerung akzeptiert. Und so wurde der gewaltsam niedergeschlagene Studentenprotest zum Weckruf.

Doch auch wenn die Griechen ihre Wende vor 40 Jahren in Ehren halten, so war sie doch kein wirklicher Neubeginn. Die alten Eliten blieben weitgehend an der Macht, Vetternwirtschaft und Ämterpatronage destabilisierten das Land weiter. In ihnen liegt der Keim der in dem Land herrschenden Misswirtschaft und der damit verbundenen exzessiven Verschuldung.

Schon ein Blick auf die Namen der Männer, welche die historischen Entwicklungen prägten, verdeutlicht, dass es immer noch dieselben Familien waren, die auch in den letzten Jahrzehnten die Geschicke des Landes lenkten. Konstantin Karamanlis war nicht nur erster Premier nach der Militärherrschaft, er diente auch schon unter König Paul I., überwarf sich aber mit ihm im Streit über die Rolle des Militärs. Sein Neffe Kostas war von 2004 bis 2009 griechischer Ministerpräsident. Georgios Papandreou hatte unter anderem von 1964 bis 1965 das Amt inne. Sein Sohn Andreas von 1981 bis 1989 und 1993 bis 1996, sein Enkel Giorgos Andrea von 2009 bis 2011. Bel


Ein Lied bildete das Signal zum Losschlagen

Hintergrund der Nelkenrevolution war der aussichtslose Versuch des „Estado Novo“ (Neuer Staat), der zweiten portugiesischen Republik, sich dem allgemeinen internationalen Trend zur Entkolonialisierung mit Waffengewalt entgegenzustellen. Um die Ausweglosigkeit dieser Kolonialkriege, die Portugal viel Geld und Blut kosteten, wusste niemand besser als das Militär. Nachdem deutlich geworden war, dass die Regierung zu keiner Revision ihrer Kolonialpolitik bereit war, putschte deshalb die „Bewegung der Streitkräfte“ (Movimento das For­ças Armadas, MFA) mit breiter Unterstützung aus der Bevölkerung, die den aufständischen Soldaten rote Nelken, schon damals ein Symbol der internationalen sozialistischen Arbeiter­be­we­gung, zusteckte.

Am 25. April 1974 gegen 0.20 Uhr brachten MFA-Mitglieder den katholischen Rundfunksender Rádio Renascença in ihre Gewalt und ließen die erste Strophe des verbotenen Liedes „Grândola, Vila More­na“ verlesen, in dem es hieß, dass das Volk regiere, bestimme beziehungsweise befehle. Anschließend war das Lied selber zu hören. Das war das verabredete Geheimsignal zum Losschlagen. Die aufständischen Militärs rück­ten mit ihren Waffen aus den Kasernen aus, um strategisch wichtige Punkte in ihre Gewalt zu bringen. Der Regierungschef, Marcelo Caetano, suchte Zuflucht im Hauptquartier der Guarda Nacional Republicana, der regierungstreuen paramilitärisch organisierten Sicherheitspolizei. Ab der Mittagszeit ließ Hauptmann Salgueiro Maia das Hauptquartier belagern. Am Abend gab Caetano auf und ging ins Exil. Die Putschisten, die Revolutionäre, hatten gewonnen. M.R.


Zeitzeugen

António de Oliveira Salazar – Der 1889 geborene portugiesische Ministerpräsident von 1932 bis 1968 begründete den „Estado Novo“. Den Untergang des „Neuen Staates“ in der Nelkenrevolution erlebte er nicht mehr, denn bereits zwei Jahre nach seiner Ablösung als Regierungschef durch Marcelo Caetano starb er in Lissabon.

Salgueiro Maia – Der erst 1944 geborene Hauptmann war ein typischer Vertreter der „Bewegung der Streitkräfte“. Die MFA war nämlich geprägt von einfachen Soldaten aus dem Volke, die im Zuge der Kolonialkriege zu Offizieren aufgestiegen waren und sich nicht weiter in aussichtslosen Kämpfen verheizen lassen wollten. Diese Prägung erklärt auch, warum die Nelkenrevolution, obwohl von Militärs getragen, eher links anzusiedeln ist.

José Afonso – Der 1929 in Aveiro geborene Künstler entwickelte sich zum bedeutendsten Sänger der portugiesischen Opposition gegen den „Estado Novo“. Von ihm stammen Text und Melodie des von ihm auch gesungenen Kampfliedes „Grândola, Vila Morena“ (Grândola, braungebrannte Stadt). Die Ausstrahlung des damals in Portugal verbotenen Liedes durch das Radio informierte die Eingeweihten, dass der Putsch begonnen hatte, und die Nichteingeweihten, dass sich Unerhörtes tat.

Konstantin II. – Der 1940 geborene Goldmedaillengewinner im Segeln folgte 1964 seinem Vater, Paul I., auf den griechischen Thron. Nach einem Militärputsch ging er 1967 ohne Abdankung ins Exil. 1973 schaffte die Militärjunta die Monarchie ab. Nach der Wiedereinführung der Demokratie sprach sich 1974 bei einer Volksbefragung eine Mehrheit der Griechen gegen die Monarchie aus.

Georgios Papadopoulos – Der 1919 geborene griechische Oberst war einer der führenden Köpfe des Militärputsches von 1967. Nach der Abschaffung der Mo­narchie im Jahre 1973 wurde der bisherige Regent des Exil-Königs Staatspräsident. Noch im selben Jahr wurde er jedoch vom damaligen Befehlshaber der Militärpolizei weggeputscht und unter Hausarrest gestellt. Nach dem Ende der Militärdiktatur landete er im Gefängnis, wo er 1999 starb.


S. 5 Deutschland

Aufklärung unerwünscht
Deutsche Politik zeigt in Sachen NSA weiterhin Desinteresse oder übt Blockadehaltung

Eigentlich sollte eine Zeugenliste, auf der Namen wie Angela Merkel, Helmut Schmidt und Edward Snowden stehen, eine Garantie dafür sein, dass in Sachen US-Spionage in Deutschland einiges aufgeklärt wird. Dass der NSA-Bundestagsuntersuchungsausschuss ein Erfolg wird, ist allerdings keinesfalls sicher, denn die Bundesregierung mauert.

Noch bevor der Ausschuss seine eigentliche Arbeit aufgenommen hat, liegt bereits die Ankündigung der Bundesregierung vor, gegebenenfalls würde sie die Herausgabe von Akten verweigern. So soll es Informationen über ausländische Dienste nur geben, wenn diese vorher zugestimmt haben. Bleibt es bei dieser Haltung, sind die Folgen für die Arbeit des NSA-Untersuchungsausschusses leicht vorhersehbar. Fast als Drohung kann ein Rechtsgutachten einer US-Kanzlei aufgefasst werden, das die Bundesregierung in Auftrag gegeben hatte. Sollten deutsche Parlamentarier den Ex-NSA-Mitarbeiter Edward Snowden befragen, würden sie sich in den USA möglicherweise strafbar machen, so eine Aussage aus dem Papier. Insgesamt ist so der Eindruck entstanden, dass die Bundesregierung kein sonderlich großes Interesse an einer Aufklärung hat.

Ein Blick auf den genauen Auftrag, den der achtköpfige Ausschuss erhalten hat, lässt den Grund für das Desinteresse und die Blockadehaltung erahnen. Neben den Aktivitäten der NSA und ihres britischen Partnerdienstes GCHQ soll auch untersucht werden, was die Bundesregierung und deutsche Dienste von den Spionagevorgängen wussten. Tatsächlich gibt es Anhaltspunkte dafür, dass hinsichtlich der NSA-Spionage in Deutschland hiesige Sicherheitsbehörden und Regierungsvertreter keineswegs alle so ahnungslos waren, wie bisher dargestellt. Ein Anzapfen des weltweit wichtigsten Internetknotens DE-CIX in Frankfurt am Main durch die NSA, wie ihn die Snowden-Papiere nahelegen, ist zum Beispiel kaum ohne deutsche Mitwirkung denkbar.

Einen Blick wert ist ebenfalls, was der deutsche Historiker Josef Foschepoth nach jahrelangen Recherchen in deutschen Archiven an Erkenntnissen zusammengetragen hat. „Wir haben nahezu symbiotische Zustände zwischen den Geheimdiensten. Und alles mit dem Segen und Wissen der Bundesregierungen“, so Foschepoth gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Der Historiker will Belege dafür gefunden haben, dass die US-Geheimdienste auch nach der kleinen Wiedervereinigung in Deutschland immer noch absolut freie Hand haben. So sollen Sonderrechte, die sich die Westalliierten in der Nachkriegszeit in Deutschland gesichert haben, über Zusatzabkommen zum Nato-Truppenstatut zum Teil bis heute gültig sein. „In diesem Sonderrecht spiegeln sich nach wie vor Sieger- und Besatzungsrecht wider“, so Foschepoth, und weiter: „Truppenstatut, Verwaltungsvereinbarung und geheime Note überdauerten auch die Wiedervereinigung, sie gelten bis zum heutigen Tage weiter.“ Sollte der NSA-Ausschuss zu dem gleichen Schluss kommen, würde unversehens die Frage im Raum stehen, wie souverän das wiedervereinigte Deutschland eigentlich ist.

Der Eindruck mangelnder Souveränität und vorauseilenden Gehorsams entsteht allerdings nicht nur beim Agieren einiger deutscher Politiker in Sachen NSA. Wie aus einem internen Arbeitspapier der EU-Kommission zu einem „Transatlantischen Datenschutzabkommen“ hervorgeht, schickt sich die EU an, den USA sensible Daten von europäischen Bürgern zu liefern. Laut dem Papier, das von „Netzpolitik.org“ vor Kurzem veröffentlicht wurde, soll bei der Vereinbarung mit den USA nur der Datenaustausch im Rahmen der Zusammenarbeit von Polizei und Justiz abdeckt werden. Daten von Europäern, bei denen es um die nationale Sicherheit der USA und die dafür verantwortlichen Behörden wie die NSA geht, sollen damit von Datenschutzzusagen explizit ausgenommen werden. Wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ zudem berichtet, soll US-Behörden auch ein direkter Zugang zu europäischen Polizei-Datenbanken ermöglicht werden. Offen bleibt einstweilen, was nach den bisherigen Spionageent­hüllungen maßgebliche EU-Politiker veranlasst, der US-Seite so weit entgegenzukommen. Dabei dürfte inzwischen klar sein, dass das von der NSA in Europa abgeschöpfte Material keineswegs nur zur Terrorismusbekämpfung dient, wie gebetsmühlenartig immer wieder behauptet wird. Norman Hanert


»Schau in meine Welt«
Beschneidungsfilm im Kinderfernsehen sorgt für Empörung

Schau in meine Welt“ läuft beim öffentlich-rechtlichen Kinderkanal Kika. In einem 25 Minuten langen Film erklären Jungen und Mädchen aus aller Welt die Besonderheiten ihrer Lebenswelt. Mit der Ausstrahlung von „Tahsins Beschneidungsfest“ geriet der Kika in die Kontroverse um die Beschneidung von Jungen in Deutschland. Denn dieser Film begleitet den im türkischen Kesan lebenden, elfjährigen Tahsin bei den Vorbereitungen zu seiner nach muslimischer Tradition vorgeschriebenen Beschneidung und dem anschließenden Fest.

Tahsin spricht von Vorfreude, auch von Bedenken. Die Betäubungsspritze macht ihm Angst. Trotzdem freut er sich, weil er nun in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen wird. Hänseleien von Klassenkameraden, die schon beschnitten wurden, muss er sich dann nicht mehr anhören. Und das folgende Sünnet-Fest ist eines der wichtigsten Feste im Jahr. Die Beschneidung selbst wird nicht gezeigt. Aber die beiden Beschneider, zwei dafür ausgebildete Männer, erklären, wie sie den Eingriff ausführen. Es klingt ganz einfach. Aber die Entfernung der Vorhaut ist kein trivialer Eingriff. Auch wenn die Prozedur selbst gut verläuft und die Wunde abheilt, kann es später im Leben zu Beeinträchtigungen kommen, etwa Einschränkungen des sexuellen Erlebens. Das zu erläutern hätte aber wohl das Format gesprengt. Zumal die Beschneidung selbst auch zu Infektionen, dem vollständigen Organverlust oder zum Tode führen kann. Über die Komplikationsrate in Tahsins Heimatland verliert der Film kein Wort.

Bereits die Ankündigung des Films rief Kritiker der Jungenbeschneidung und der aktuellen deutschen Gesetzeslage auf den Plan. Vereine wie „Mogis e.V.“ und „Intaktiv e.V.“, forderten den Kika auf, den Film nicht zu zeigen, und riefen zu Protesten auf. „Intaktiv e.V.“ protestierte gegen „diese Sendung, die Kinderrechte mit Füßen tritt“. Der Kika blieb bei dem Sendetermin, bemühte sich aber um Schadensbegrenzung. Kika-Programmgeschäftsführer Michael Stumpf moderierte eine Live-Dis­kussion, die auch im Internet zu sehen war und in der Experten, darunter ein Urologe und Kinderarzt, den aufgeworfenen Fragen nachgingen. Zuschauer konnten in einem Chat Fragen stellen, und für die Kinder, die den Film gesehen hatten, gab es einen eigenen Chat.

Wirklich zufrieden waren die Chat-Teilnehmer allerdings nicht. Teilnehmer bemängelten die einseitige Ausrichtung der Expertenrunde, einige verwiesen auf die eigene, als physisch wie psychisch belastend empfundene Beschneidung. Auch „Intaktiv e.V.“ kritisierte nach dem Web-Talk, die Runde sei ausschließlich mit Befürwortern der Jungenbeschneidung besetzt gewesen.

Allerdings waren die Positionen von vornherein unvereinbar. Hintergrund der Kritik ist die deutsche Gesetzeslage. Die erlaubt die Jungenbeschneidung aus religiösen Gründen, stellt aber mit einem eigenen Paragrafen die Beschneidung von Mädchen unter Strafe. Aber der Film zeigt die Verhältnisse in der Türkei. Und im Kinderfernsehen lassen sich die Probleme des Eingriffs kaum thematisieren. Denn dazu hätten die teilweise gravierenden Folgen gehört. So sterben in den USA nach Schätzungen des Forschers Dan Bollinger jährlich 117 Jungen im Babyalter an den Folgen einer Beschneidung. Friedrich List


Nichts dazugelernt?
Berliner Rechnungshof rügt Wowereit wegen Kostenexplosionen

Nachdem Klaus Wowereit (SPD) wegen seiner Rolle beim Hauptstadtflughafen BER ohnehin schon regelmäßig in der Kritik steht, rügt nun auch noch der Landesrechnungshof die Vorbereitungen für ein anderes Berliner Großprojekt. Wie erst jetzt bekannt geworden ist, haben die Rechnungsprüfer bereits Ende Januar die Planungen des Berliner Senats für den Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) auf dem Tempelhofer Feld bemängelt. Weder der Flächenbedarf noch die Wirtschaftlichkeit des Projekts sei ausreichend untersucht worden, so die Prüfbehörde des Landes. Wie der Berliner „Tagesspiegel“ berichtet, wird in einem Bericht, der den Senatsverwaltungen für Kultur, Finanzen und Stadtplanung zugegangen ist, zudem bemängelt, dass die Folgekosten der bisherigen Standortentscheidung nicht thematisiert, geschweige denn beziffert worden sind. Ausgeblieben sei zudem eine Prüfung alternativer Standorte für den Bibliotheksbau.

Als Standorte kommen sowohl das alte Flughafengebäude Tempelhof als auch das inzwischen wegen des hohen Sanierungsbedarfs geschlossene Internationale Congress Center (ICC) inFrage. Empfohlen wird dem Senat, dass „naheliegende Alternativen“ zum Neubau einer Zentralbibliothek erneut untersucht werden. Mit anderen Worten: Statt eines kostspieligen Neubaus soll noch einmal geprüft werden, ob es nicht auch eine Sanierung der bisher genutzten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek tun würde. Eine schlampige Kostenplanung und politischer Druck bei der Standortwahl sind der Berliner Politik schon bei dem missratenen Flughafenprojekt vorgehalten worden. Zumindest beim Senat unter Klaus Wowereit scheinen die Vorgänge auf der Dauerbaustelle BER aber keinen wirklichen Lerneffekt gehabt zu haben.

Gegenwind bekommt der Bibliotheksneubau, der als ein Lieblingsprojekt Wowereits gilt, allerdings nicht nur von Berlins oberster Prüfbehörde. Da Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bereits Ende Februar davor warnte, dass die Bibliothek am Ende durchaus auch 380 Millionen Euro statt der bisher angegeben 270 Millionen Euro kosten könne, wachsen selbst in der Regierungskoalition immer mehr die Zweifel am Sinn des Vorhabens: „Die Zentral- und Landesbibliothek zählt für uns nicht zu den Projekten, die wichtig für die Stadt sind“, so der Berliner CDU-Fraktionschef, Florian Graf.

Auch wenn die Kritik an dem geplanten Bibliotheksneubau bisher das meiste Interesse auf sich gezogen hat, so kritisiert der Landesrechnungshof in seinem kürzlich vorgelegten Jahresbericht doch nicht nur diesen. Festgestellt wurden unter anderem „fortdauernde Verstöße gegen das Haushaltsrecht“ bei der Mittelvergabe an Hartz-IV-Empfänger. Einnahmen und Ausgaben würden im Landeshaushalt nicht korrekt und transparent dargestellt. Zudem stellten die Rechnungsprüfer „erhebliche Fehlerquoten“ bei den Buchungen der Jobcenter fest. In fünf geprüften Jobcentern summierten sich die Fehler auf ein Volumen von 322000 Euro. „Für Berlin insgesamt muss von einem deutlich größeren Schadensrisiko ausgegangen werden“, so die Warnung des Rechnungshofs. N.H.


MELDUNGEN

Schlauer als Guttenberg & Co.

Dortmund – Schlauer als seine Politikerkollegen, die wegen der Plagiate in ihren Doktorarbeiten Titel und Amt verloren, wollte Marc Jan Eumann, nordrhein-westfälischer Medien-Staatsekretär schon sein. Deshalb stahl er kein fremdes geistiges Eigentum, sondern machte sich einfach an die Wiederverwertung seines eigenen. Er legte seine Magisterarbeit, mit der er 1991 in Köln abgeschlossen hatte, 20 Jahre später an der Universität Dortmund kaum verändert als Dissertation vor und wurde damit 2011 promoviert. Sein Doktorvater, der die erste Arbeit nicht kannte und erst jetzt von der Doublette erfuhr, fühlt sich getäuscht. Trotz seines „erheblichen Fehlverhaltens“ verzichtete der Fakultätsrat darauf, Eumann den Doktorgrad abzuerkennen. J.H.

 

ARD betreibt Desinformation

Hamburg – Fahrlässigkeit, wenn nicht gar absichtliche Falschinformation wirft der ehemalige „Tagesschau“-Redakteur Volker Bräutigam der Redaktion von „ARD-aktuell“ vor: „Die in der Ostukraine am 25. April festgesetzte Gruppe von Offizieren, die dort angeblich auf Basis des Wiener Dokuments der OSZE informationssuchend tätig geworden war, wurde noch vier Tage nach dem Zwischenfall in den NDR- und ARD-Nachrichten fälschlich als ,OSZE-Militärbeobachter‘ tituliert“, so Bräutigam in einer Beschwerde an den Rundfunkrat des NDR. Verletzt sieht Bräutigam damit unter anderem den Programmauftrag, „sachlich und umfassend zu unterrichten“. Denn bereits am 25. April hatte der Vizechef des OSZE-Krisenpräventions-Zentrums ge­genüber dem Österreichischen Rundfunk klargestellt, dass es sich bei den Festgenommenen „genau genommen nicht um Mitarbeiter der OSZE handelt …, sondern es sind Militärbeobachter, die bilateral dort unter einem OSZE-Dokument tätig sind“ (siehe PAZ 19/14). N.H.


S. 6 Ausland

Krimtataren wieder in Angst
Angehörige des Turkvolks fürchten neue Repressionen – Anführer darf nicht auf die Krim

Die überwältigende Mehrheit der Krimtataren war gegen den Anschluss an Russland und hat das Plebiszit auf der Krim boykottiert. Der international angesehene Alt-Präsident der Krimtataren, Mustafa Dschemilew, hat ein Einreiseverbot erhalten. Am 18. Mai wollen die Krimtataren in der Krimhauptstadt Simferopol ihrer Deportation durch Stalin vor 70 Jahren gedenken.

Krimtatarenführer Mustafa Dschemilew (71) hatte am 29. April in Berlin auf einer Podiumsdiskussion im Deutschen Historischen Museum (DHM) scharf die Annexion der Krim durch Russland verurteilt. Kurz zuvor war ihm die Wiedereinreise auf die Krim für fünf Jahre verboten worden. Drei Tage nach der Berliner Veranstaltung – Mitveranstalter war auch die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung – hatten über 2000 Krimtataren an einem russischen Kontrollposten im äußersten Norden der Krim ein Treffen mit Dschemilew erzwungen. Sie hatten trotz Warnschüssen der russischen Sicherheitskräfte die Absperrungen an der Demarkationslinie durchbrochen und Dschemilew mit ukrainischen Flaggen begrüßt. Wie ein Sprecher des „Solidaritäts- und Kulturzentrums der Krimtataren in Westeuropa“ in Gießen gegenüber der PAZ mitteilte, war Dschemilew dann nach Kiew zurückgereist. Dschemilew ist auch Abgeordneter in Kiew und war bis 2013 Präsident des Medschlis, der Vertretung der Krimtataren. Die von den Russen auf der Krim als Oberstaatsanwältin eingesetzte Natalja Polonskaja hat gedroht, Strafverfahren gegen die Krimtataren einzuleiten, die sich an der Grenze bei Armjansk mit Dschemilew trafen.

Die Führung der rund 300000 Krimtataren – sie stellen zwölf Prozent der Bevölkerung auf der Krim – hatte zum Boykott des Schein-Plebiszits aufgerufen. Wie Dschemilew in Berlin sagte, hatten sich nur etwa 1000 Krimtataren an der illegalen Abstimmung am 16. März beteiligt. Dass es bei dieser zu massiven Wahlfälschungen kam, hat inzwischen sogar ein Menschenrechtsrat des russischen Präsidenten Wladimir Putin eingeräumt.

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, hat Russland und die Krim-Regierung aufgefordert, die Rechte der krimtatarischen Minderheit zu achten und das Einreiseverbot für Dschemilew sofort aufzuheben. „Dieses Vorgehen gegen einen der profiliertesten Kritiker der prorussischen Regierung einen Tag nach der Unterzeichnung des Dekretes zur Rehabilitierung der von Stalin verfolgten Krimtataren durch Putin zeigt, welche politischen Ziele der russische Präsident wirklich verfolgt“, erklärte Steinbach. Die BdV-Präsidentin kennt Dschemilew seit Langem. 2005 hatte sie die Laudatio auf ihn bei der Verleihung des Viktor-Gollancz-Preises der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) gehalten.

Wie die GfbV erklärt, wächst die Unsicherheit unter den Angehörigen der Minderheiten auf der Krim. „Krimtataren sehen bedrohliche Signale gegen ihre Volksgruppe“, sagte GfbV-Expertin Sarah Reinke. Am 7. März – vor dem sogenannten Referendum – seien Häuser von Krimtataren mit Kreuzen markiert worden, genau so wie vor ihrer kollektiven Deportation 1944. Am 9. April sei die Gedenkstätte für den bekannten krimtatarischen Ballettmeister Akim Djemilew in Maloretschenskoje geschändet worden. Am 22. April habe der neue Gouverneur der Krim, Sergej Aksjonow, die lokalen Medien angewiesen, nicht über krimtatarische Politiker zu berichten. Im März wurde auch ein krimtatarischer Aktivist von paramilitärischen Kräften entführt und zwei Wochen später tot aufgefunden.

Aksjonow hat die Krimtataren beschuldigt, interethnische Konflikte zu schüren, was die Dinge auf den Kopf stellt, und erklärt, sie sollten doch die Krim verlassen, wenn sie nicht mit den 97 Prozent der Krimbewohner übereinstimmten, die den Anschluss an Russland gestimmt hätten. Die Führer der Krimtataren fordern jedoch dazu auf, in der Heimat zu bleiben. Erst seit den 90er Jahren hatten sie auf die Krim zurück­kehren können, oft jedoch nicht in ihre alten Siedlungen, sie haben bis heute meist kein gesichertes Grundeigentum. Nach dem Anschluss der Krim an Russland schwanken viele zwischen Kooperation und Widerstand.

Im Jahre 1944 wurden binnen dreier Tage über 190000 Krimtataren in Viehwagen deportiert, knapp die Hälfte von ihnen kam dabei ums Leben, rund 150000 wurden in Usbekistan angesiedelt. Dschemilew wurde als kaum ein halbes Jahr altes Kind ebenfalls mit seinen Eltern deportiert. Als 19-Jähriger engagierte er sich in der „Union der jungen Krimtataren“ für deren Rechte. 1969 gründete er mit dem Dissidenten und späteren Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow die „Initiativgruppe für die Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR“. Zwischen 1966 und 1986 verbrachte er über 15 Jahre in sowjetischen Arbeitslagern und Gefängnissen, was ihn aber nie brechen konnte. Bis heute hat er einen trockenen Humor behalten. „Wir Dissidenten waren die freiesten Leute der Sowjetunion. Wir sagten, was wir wollten“, erklärt er. Als eines der größten aktuellen Probleme für die Krimtataren sieht er die Frage der Staatsangehörigkeit. Wer nicht bereit war, die russische anzunehmen, muss sich jetzt alle 90 Tage an der Grenze eine neue Einreiseerlaubnis für die eigene Heimat besorgen. Etwa 1000 Krimtataren sollen inzwischen die Halbinsel verlassen haben, dazu eine unbekannte Zahl ethnischer Ukrainer. Die Kiewer Behörden sind weder auf die Binnenflüchtlinge von der Krim noch aus der Ostukraine vorbereitet.

Die polnische Regierung hat Dschemilew, der 1998 schon mit der Nansen-Medaille des UN-Flüchtlingskommissars geehrt wurde, jetzt mit einem neuen hochdotierten Solidarnosc-Preis bedacht, der ihm am 3. Juni in Warschau vom polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski überreicht werden soll.

Am 18. Mai wollen die Krimtataren in Simferopol ihrer Deportation vor 70 Jahren gedenken. Dschemilew will dann erneut versuchen, auf die Halbinsel einzureisen. Michael Leh


Die US-Flotte schrumpft
Selbst strategische Vorgaben werden teilweise nicht mehr erfüllt

Parlament und Regierung haben den US-Streitkräften einen drastischen Sparkurs verordnet. Die angespannte Haushaltslage trifft vor allem die Marine hart. Der Verzicht auf den Bau neuer Kreuzer, Zerstörer, Fregatten und U-Boote lässt für die kommenden Jahre keine ausgewogene Marine erwarten. Vorrang haben Mittel zum Erhalt des derzeitigen Bestandes. Aber selbst da sieht es schlecht aus. Elf Kreuzer der „Ticonderoga“-Klasse erhalten einen „reduzierten Einsatzstatus“. Sie sollen bis zu ihrer geplanten Modernisierung an der Pier bleiben. Eine Nachfolgerklasse ist nicht vorgesehen. Entsprechende Entwicklungsarbeiten wurden schon vor Jahren eingestellt. Die Aufgaben der Kreuzer sollen Zerstörer übernehmen.

Für den Fall von finanziellen Engpässen ist der Verzicht auf eine Flugzeugträgerkampfgruppe, sprich das Einmotten des Flugzeugträgers „George Washington“ und seiner Begleitfahrzeuge im Gespräch. In der Konsequenz würde dies allerdings eine Abkehr von der strategischen Vorgabe von elf Flugzeugträgern bedeuten. Der Bau von neuen Trägern steht unter schwierigen finanziellen Vorgaben. Beim Typschiff „Gerald Ford“ wird eine Kostenüberschreitung von 25 Prozent erwartet. Das könnte Verzögerungen beim Bau der nächsten Träger nach sich ziehen.

Laut dem Standardwerk „Weyers Flottentaschenbuch“ besaßen die Seestreitkräfte der USA 2008 noch ganze 29 U-Jagd-Fregatten – inzwischen sind es noch weniger geworden. Die U-Boot-Abwehr ist die offene Flanke der US-Marine und wird es auch bleiben. Es werden keine neuen Fregatten gebaut, sondern „Littoral Combat Ships“, ein vollkommen neuer Schiffstyp, der speziell für die asymmetrische Kriegführung im gegnerischen Küstenvorfeld konzipiert wurde. Diese Schiffe haben zwar alle möglichen militärischen Fähigkeiten, nur verfügen sie naturgemäß nicht über U-Jagd-Kapazitäten. Angesichts des Zuwachses von russischen, indischen und chinesischen U-Booten kann das schnell zu einer gefährlichen Situation führen. Auch das Bauprogramm der neuen Zerstörer der „Zumwald“-Klasse wurde aus Kostengründen abgebrochen. Die drei begonnenen Einheiten werden zwar noch fertig gebaut, aber ansonsten werden weiter Zerstörer der alten Typen hergestellt.

Auch bei den strategischen U-Booten ist die Situation angespannt. Das Typschiff der „Ohio“-Klasse wurde schon 1981 in Dienst gestellt. Die Ausmusterung beginnt 2027. Der Entwicklungsauftrag für die „Ohio“-Nachfolger wurde 2012 an „General Dynamics Electric Boat“ vergeben. Die Entwicklung der neuen Klasse von Atom-U-Booten mit ballistischen Raketen ist für die US-amerikanische Atom-Politik unerlässlich. Doch die Entwicklung hinkt dem ursprünglich vorgesehenen Zeitplan um zwei Jahre hinterher. Der Bau des neuen Typschiffs sollte eigentlich 2019 beginnen, um eine Indienststellung 2029 zu ermöglichen. Tief greifende Einschnitte im Verteidigungsetat 2013 zwangen jedoch die Navy, die Mittel für die Entwicklung zu kürzen. Die jüngste Zeitplanung sieht einen Baubeginn erst für das Jahr 2021 und eine entsprechende Verschiebung der übrigen Termine vor. Insgesamt sollen nur zwölf Einheiten gebaut werden. Sie sollen nacheinander die 14 im Dienst befindlichen Atom-U-Boote der „Ohio“-Klasse ablösen. Klaus Gröbig/J.H.


Maulkorb für freie Meinung
Russen fürchten, dass Putin eine neue Sowjetunion installiert

Den „Untergang Europas“ beschwor der nationalliberale Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowskij herauf, begleitet von einer öffentlichen Verbalattacke gegen die österreichische Travestiekünstlerin Conchita Wurst, alias Tom Neuwirth, Sieger des diesjährigen Eurovision Song Contests.

Nach der erst kürzlich verabschiedeten Ergänzung des russischen Mediengesetzes hätte er dafür belangt werden können, denn neben der Beleidigung religiöser Werte oder dem Werben für nicht traditionelle sexuelle Beziehungen sind Schimpfwörter im Fernsehen verboten. So, wie auch die Verbreitung von Falschinformationen über den Zweiten Weltkrieg oder die Beschädigung von Kriegsdenkmälern unter Strafe gestellt werden. Anfang Mai trat das Gesetz über die Strafbarkeit „Öffentlicher Aufrufe zur Verletzung der territorialen Integrität Russlands“ in Kraft, das Geldstrafen in Höhe von bis zu umgerechnet 6000 Euro, bis zu 300 Stunden Pflichtarbeit oder Haftstrafen von bis zu drei Jahren vorsieht.

Viele bewerten die neuen Gesetze als Versuch, die Pressefreiheit zu beschneiden. Dafür gibt es auch Anzeichen. Vor allem im Zuge der Ukrainekrise hat sich der Ton verschärft. Viele befürchten, Putin wolle die Sowjetunion wieder auferstehen lassen. Wer gegen die Krim-Annexion war und dies öffentlich äußerte, wurde als „Verräter“ abgestempelt. Als der oppositionelle Fernsehsender „Doschd“ im April kurzfristig abgeschaltet und der Zugang zu kritischen Internetseiten gesperrt wurde, regte sich der Widerstand. Mit Parolen wie „Gebt uns unsere Pressefreiheit zurück“ und „Schande über die lügenden Medien“ gingen Tausende Moskauer auf die Straße. Mit Erfolg, denn kurz darauf ging „Doschd“ wieder auf Sendung.

Dennoch befürchten viele, wie der Journalist Konstantin Remtschugow vom Radiosender „Echo Moskau“, dass sich etwas Entscheidendes im öffentlichen Bewusstsein verändert. Getreu dem stalinistischen Motto „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ werde jeder mundtot gemacht, der der Krim-Annexion und dem Verhalten der Regierung in der Ukraine-Krise kritisch gegenübersteht. Sie werden als „Feinde des Landes“ und „Verräter“ bezeichnet. Beängstigend sei die Vereinfachung, die Reduzierung auf ein Feindbild, derer sich der Staat, unterstützt von der Russisch-Orthodoxen Kirche, bediene. Wer zum Beispiel äußert, die Krim gehöre nach dem Völkerrecht zur Ukraine, riskiere für diese Aussage fünf Jahre Haft. Immer wieder werden Journalisten unter fadenscheinigen Anschuldigungen strafrechtlich verfolgt.

Für einen Aufschrei sorgte die Gesetzesänderung, nach der sich Internet-Blogger künftig registrieren lassen und sich ebenfalls an das Presserecht halten müssen, wenn ihre Seiten mehr als 3000 Besucher am Tag haben. Das sei der Versuch, auch die letzte freie Bastion der russischen Medienlandschaft, das Internet, unter staatliche Kontrolle zu bringen. Mit 61 Millionen Nutzern ist sie die am schnellsten wachsende Internetgemeinde Europas.

Dass die Betreiber von Internetseiten für rechtswidrige Inhalte, Kommentare, Beleidigungen oder Verunglimpfungen von Personen und Firmen verantwortlich und haftbar gemacht werden können, ist auch in Deutschland Standard. Unterschiedlich ist aber sicher die Auslegung darüber, was eine strafrechtlich relevante Äußerung ist. Manuela Rosenthal-Kappi


MELDUNGEN

Moskau droht Moldau

Chisinau – Seitdem die Republik Moldau ein Assoziierungsabkommen mit der EU plant, verschärfen sich die Töne Moskaus gegenüber der früheren Sowjetrepublik. Der stellvertretende russische Ministerpräsident Dmitrij Rogosin drohte mit Konsequenzen bei den wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder. Ähnlich wie im Fall der Ukraine befürchtet Mos­kau, dass auf die Assoziierung mit der EU der Nato-Beitritt folgt. „Ich bin überzeugt, dass die Assoziierung mit der EU eine Änderung des neutralen Status Moldaus ist“, erklärte Rogosin. Wie bei der Ukraine ist damit zu rechnen, dass Moskau das nicht hinnehmen wird. tws

 

Türkei muss Strafe zahlen

Ankara – Die Türkei muss der Republik Zypern wegen Missachtung der Menschenrechte nach der Besetzung der Insel im Jahr 1974 insgesamt 90 Millionen Euro zahlen. Diese Summe hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg jetzt festgelegt, nachdem die Türkei in der Angelegenheit bereits 2001 vom EGMR verurteilt, die Festlegung der Höhe der Strafe damals aber auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden. Bei der türkischen Militäroperation verschwanden 1500 griechische Zyprer spurlos, weitere 200000 wurden zwangsumgesiedelt. Die Strafe wirft einen Schatten auf die EU-Beitrittsbemühungen der Türkei. Ein Land, das eine Millionenstrafe für Menschenrechtsvergehen ableisten muss, kann von sich aus wenig Werbung für eine EU-Mitgliedschaft machen. Denkbar ist, dass Ankara die Bereitschaft zur termingerechten Überweisung des Geldes an Zypern als Druckmittel für einen Beitritt einsetzen wird. tws


S. 7 Wirtschaft

»Grande Nation« bald Sorgenkind der EU
Frankreichs Großindustrie geschwächt – Regierung verfehlt alle Konjunkturziele

Es ist ein deutlicher Beleg für die Krise, in der sich die „Grande Nation“ befindet: Alstom, ein Technologie-Unternehmen, sucht seit Monaten nach Investoren. Der Vorstand des krisengeschüttelten Konzerns hatte bereits mit dem US-amerikanischen Energieriesen General Electric (GE) abschlussreife Verhandlungen geführt, bis die Politik eingeschritten ist. Und die sieht das Heil der Vorzeige-Firma ausgerechnet beim einstigen Erzfeind Deutschland.

„Wir lehnen es ab, dass dieses nationale Aushängeschild hinter dem Rücken der Aktionäre, der Beschäftigten und der französischen Regierung verkauft wird“, erklärte der französische Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg in der vergangenen Woche. Ziel sei es, „die wirtschaftlichen und industriellen Interessen Frankreichs zu verteidigen.“ Vor einigen Wochen empfing Staatspräsident Francois Hollande den Vorstand des deutschen Konkurrenten Siemens. Der in München ansässige Konzern hat seit Jahren Interesse an einer Übernahme von beziehungsweise einem Einstieg bei Alstom. Bisher lehnte der Vorstand das deutsche Ansinnen brüsk ab. Doch nun forciert die französische Politik unmittelbar vor den Europawahlen das Zusammengehen. Im Jahr 2003 noch hatte Frankreichs Regierung das damals schon marode Unternehmen mit Steuergeld gerettet und eine Übernahme der Energiesparte durch den deutschen Wettbewerber verhindert.

Nun soll genau in diesem Konstrukt die Lösung liegen. Dafür soll der deutsche Konzern bereit sein, das Geschäft im Schienenverkehr an Alstom abzugeben. Bisher konkurriert man mit den Hochgeschwindigkeitszügen TGV mit den ICE-Zügen von Siemens. Die französische Regierung könnte so ihr Gesicht wahren, sich als Retter des Unternehmens aufspielen und gleichzeitig ein Signal Richtung Straßburg und Brüssel senden. Es sei eine „einzigartige Gelegenheit, zwei starke europäische Spieler mit globalem Führungsanspruch“ zu formen. Das Zusammenrücken von Siemens und Alstom sei „im Interesse Frankreichs, Deutschlands, ja ganz Europas“, jubelte Wirtschaftsminister Montebourg.

Ansonsten hat er freilich wenig Grund zur Freude. Denn Frankreich gehört mittlerweile mit Italien zu den Sorgenkindern des „alten Europas“. Bei der Europawahl am 25. dieses Monats wird ein Erdrutschsieg des Front National von Marine Le Pen erwartet, der sogar stärkste Partei werden könnte. Für die Herrschenden im Elysée-Palast wäre dies peinlich, schließlich hat sich Frankreich stets als Motor der europäischen Einheit verstanden. Doch die Frustration hat ihre Gründe. Vor allem die Schwäche der Großindustrie bereitet den Franzosen Sorgen. Egal, wie der Übernahme-Poker um Alstom am Ende ausgehen mag, anschließend wird der Konzern nicht mehr sein wie vorher. Nach der Pleite des Aluminiumkonzerns Pechiney und der Übernahme des Stahlunternehmens Arcelor-Mittal durch ausländische Unternehmen droht Frankreich ein weiteres Prestige-Objekt seiner Wirtschaft zu verlieren.

Kenner der französischen Verhältnisse sehen eine lange politische Tradition als Auslöser für das Wegbrechen der Großindustrie. So haben die Regierungen gleich welcher Couleur stets dann den Geldbeutel aufgemacht, sobald ein namhaftes Unternehmen in Schieflage geraten ist. Erst kürzlich stieg der Staat gemeinsam mit dem chinesischen Investor Dongfeng beim kriselnden Autobauer PSA Peu­geot Citroën ein, um dessen Defizite zu stoppen. Dieser Aktionismus habe verhindert, dass ein Verständnis für die strukturellen Probleme des Landes entstanden sei, schreibt die französische Fachpresse. Schon vor rund zwei Jahren hatte die Weltbank Frankreich ein ernüchterndes Zeugnis ausgestellt. Bei den Standortbedingungen sei das Land weiter zurückgefallen. Deutschland habe mit den Hartz-IV-Gesetzen und einer ausgeprägten Lohnzurückhaltung bereits zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts seine Wettbewerbsfähigkeit entscheidend verbessern können. Und selbst Krisenländer wie Italien oder Spanien seien sich ihrer Probleme bewusst, aber in Frankreich neige man dazu, stets den internationalen Finanzmärkten die Schuld an den eigenen Problemen zu geben.

Im Jahre 1997 trat der EU-weite Stabilitätspakt in Kraft. Seitdem hat das Land die darin enthaltenen Ziele regelmäßig verfehlt. Die europäische Statistikbehörde Eurostat berechnete kürzlich, dass die Industrie nur noch einen Anteil von 12,8 Prozent an der französischen Wirtschaftsleistung ausmache. Das ist nur halb so viel wie in Deutschland und zudem auch noch deutlich weniger als in Spanien oder Italien. Und ein starker Mittelstand als Motor eines möglichen Wachstums steht nicht in französischer Wirtschaftstradition. David Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, ist daher skeptisch. Die Durchsetzung von Reformen bleibe ungewiss. Es fehle ein Bewusstsein für den nötigen Umbau der Sozialsysteme, erklärte er der „Welt“. Peter Entinger


Sanktionen zeigen Wirkung
Bankenpleiten und Inflation treffen russische Verbraucher

Auf die von den USA angekündigten erweiterten Sanktionen gegen Russland hat Putin sich bereits Antworten zurechtgelegt: Den in der russischen Öl- und Gasbranche tätigen amerikanischen Firmen sollen neue bürokratische Hürden das Leben schwer machen, ausländischen IT-Firmen werden zusätzliche Steuern aufgebürdet, was vor allem auf Google und Apple abzielt.

Wie groß die gegenseitigen Verflechtungen sind, zeigt sich im Alltag. Die Unklarheit um mögliche Wirtschaftssanktionen hat viele Russen dazu bewegt, ihre Rubel-Sparkonten aufzulösen und in Dollar oder Euro anzulegen. Allerdings könnten diese Einlagen auch blockiert werden, sollten sich die Sanktionen verschärfen. Bislang fürchten Russen einer Umfrage des Levada-Zentrums zufolge weder Sanktionen noch Internetzensur. Da sie die Strafmaßnahmen des Westens in der Regel noch nicht direkt zu spüren bekommen haben, steht Wladimir Putin weiter hoch im Kurs. Dies kann sich jedoch sehr schnell ändern. Erst vergangene Woche wurden in Russland drei bankrotte Banken geschlossen. Diejenigen, die ihr Geld nicht rechtzeitig abgehoben hatten, standen vor leeren Bankautomaten. Wirtschaftssanktionen gegen Russland fallen mit einer seit über einem Jahr anhaltenden Bankenkrise und dem Beginn einer Rezession zusammen.

Während große Konzerne wie Gazprom und Rosneft die Krise locker meistern, spüren die Verbraucher zunehmend die Folgen. Produkte des täglichen Bedarfs verteuern sich zunehmend, es wächst die Angst um den Arbeitsplatz und die Ersparnisse.

Zu Beginn der Reisesaison sprechen russische Banken Empfehlungen aus, wie sich ihre Kunden im Ausland mit Geld versorgen können, seit die amerikanischen Kreditkartenunternehmen Master und Visa Konteninhaber vieler russischer Banken nicht mehr bedienen. Sanktionen wie diese treffen inzwischen auch den russischen Durchschnittsbürger, der es in den vergangenen 25 Jahren zu einigem Wohlstand gebracht hat. Bürger dieser neuen „Mittelschicht“ dürften es ihrem Präsidenten, den sie genau deshalb so verehren, weil er ihnen ein sorgenfreies Leben beschert hat, verübeln, wenn ihnen dieses sowie die erworbenen Freiheiten wieder genommen werden.

Sollte Putin an dem Konfrontationskurs mit dem Westen festhalten, könnte dies dessen Sympathiewerte schnell fallen lassen. Selbst die Beamten und Politiker in seiner Umgebung sowie loyale Oligarchen fühlen sich inzwischen eher als Weltbürger denn als Russen. Ihre Interessen haben globalen Charakter erreicht und sind nicht mehr nur auf Russland beschränkt. Sollte der Präsident versuchen, die Kontrolle über die Eliten zu verschärfen, könnte sich das Blatt wenden.

In der russischen Presse, die ja angeblich vom Staat kontrolliert wird, wird ziemlich offen über genau so ein Szenario spekuliert: Die Vertreter des Establishments könnten eine starke Opposition bilden und sich gegen Putins stellen, so sie nur den Mut aufbringen würden. Denn die meisten Russen sähen ihr Land als Teil der europäischen Zivilisation. MRK


Hoffnungsträger stürzt ab
Slowenien gerät wirtschaftlich und politisch in eine schwere Krise

Während man in Brüssel den zehnten Jahrestag der EU-Osterweiterung allgemein als Erfolgsgeschichte bejubelt, gibt man sich im Fall Sloweniens erstaunlich kleinlaut. Erst 2004 in die EU aufgenommen, führte Slowenien als erster postkommunistischer Staat bereits 2007 den Euro ein. Inzwischen rutscht der einstigen Musterschüler unter den EU-Neumitgliedern immer tiefer in die Krise. Zur anhaltenden wirtschaftlichen Misere droht nun auch noch politische Instabilität. Alenka Bratusek, Sloweniens erste Ministerpräsidentin, hat nach nur 13 Monaten Amtszeit ihr Regierungsamt niedergelegt und damit Neuwahlen wahrscheinlich gemacht.

Auslöser der Regierungskrise ist ein Machtkampf in Bratuseks Partei „Positives Slowenien“ (PS). Die Regierungschefin ist an ihrem parteiinternen Rivalen Zoran Jankovic gescheitert, dem es gelungen ist, sich nach einer „Pause“ von der Politik wieder zum Parteichef wählen zu lassen. Er wolle die Partei wieder „zu ihren Wurzeln zurück­bringen“, so Jankovic, gegen den in den vergangenen Jahren immer wieder Korruptionsvorwürfe laut geworden sind. Als Parteichef zurückgezogen hatte sich der Bürgermeister von Laibach (Ljubljana) im Jahr 2012, als er die Herkunft von 2,4 Millionen Euro auf seinem Konto nicht erklären konnte. Seine Rückkehr an die Spitze der linksliberalen PS hat nicht nur Bratusek das Handtuch werfen lassen. Zerbrochen ist auch die bisherige Regierungskoalition, da sich die drei Juniorpartner der PS vehement weigern, mit dem korruptionsbelasteten Jankovic zu­sam­menzuarbeiten.

Das Scheitern der Koalition setzt ein verheerendes Signal. So ist es vor allem der zurückgetretenen Alenka Bratusek zu verdanken, dass Slowenien im vergangenen Jahr noch einmal einen Staatsbankrott abwenden konnte. Zudem macht Jankovics Rückkehr auf die politische Bühne erneut auf ein Dauerproblem des Landes aufmerksam – die grassierende Korruption. Erst im letzten Jahr hatte ein Prozess international für Schlagzeilen gesorgt, bei dem Sloweniens ehemaliger Ministerpräsident Janez Jansa wegen passiver Bestechung beim Ankauf finnischer Panzer zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. Befürchtet wird nun, dass Jankovics politische Rückkehr Slowenien nicht nur in politische Instabilität treibt, sondern auch den wirtschaftlichen Niedergang noch weiter beschleunigt.

Die Rettung von Sloweniens Bankensektor hat die staatliche Gesamtverschuldung in wenigen Jahren von 20 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 75 Prozent steigen lassen. Wegen seiner Bankenprobleme galt Slowenien sogar schon als Kandidat für den Euro-Rettungsschirm. Abgewendet wurde der Schritt mit einem Trick. Regierung, EU-Kommission und Europäische Zentralbank kamen in einem 2013 durchgeführten Ban­kenstresstest zu dem Schluss, dass Slowenien seinen Bankensektor ohne fremde Hilfe aufpäppeln könne. Errechnet wurde für den maroden Bankensektor ein Kapitalbedarf von 4,8 Milliarden Euro, als kritische Grenze für einen Antrag beim Euro-Rettungsfonds galt die Fünf-Milliarden-Marke. Sloweniens Probleme dürften damit allerdings nur in die Zukunft verschoben worden sein. N.H.


MELDUNGEN

Forscher warnen vor Niedrigzins

Kiel – Forscher des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) warnen vor einer schweren Rezession in Deutschland infolge der andauernden Niedrigzins-Politik der Europäuschen Zentralbank. Die niedrigen Zinsen verleiteten zu Fehlinvestitionen bei überteuerten Preisen, was beispielsweise in eine gefährliche Immobilienblase münden könnte. Auch förderten sie das Entstehen von „Zombie-Banken“. Solche Tendenzen könnten später zu einer heftigen Wirtschaftskrise führen. H.H.

 

Rechnungshof ist entsetzt

Berlin – Der Bundesrechnungshof hat ein vernichtendes Urteil über die Arbeit des BER-Aufsichtsrats gefällt. Die Berichte aus Hartmut Mehdorns Haus seien lückenhaft, so vermisse man Pläne zu Kosten und Terminen. Neben dem Finanzkonzept fehle auch eine Prognose der Passagierzahlen. Die Rechnungsprüfer des Bundes empfehlen dem Aufsichtsrat, Mehdorn und seine Mannschaft weit stärker zu kontrollieren. H.H.

 

Weniger Einkäufe

Nürnberg – Statt 244-mal wie 2009 hat der Durchschnittsbürger vergangenes Jahr nur noch 222-mal im Lebensmitteleinzelhandel und Drogeriemärkten eingekauft. Wie zwischen früher und jetzt ermittelte das Marktforschungsinstitut GfK auch zwischen Alt und Jung einen signifikanten Unterschied. Während die über 60-Jährigen 2013 262-mal einkauften und die mittlere Generation immerhin 224-mal, taten dieses die unter 40-Jährigen nur 167-mal. Begründet wird dieses damit, dass die Jüngeren zum einen weniger Zeit und zum anderen aber auch weniger Lust hätten, in Läden ihre Zeit zu verbringen. M.R.


S. 8 Forum

Was tun?
von Jan Heitmann

Das Referendum in der Ostukraine ist illegal, das Vorgehen der ukrainischen Sicherheitskräfte gegen die dortige Bevölkerung berechtigt und angemessen. So tönt es uns von westlichen Politikern und Medien unisono entgegen. Schuld an der ganzen Sache ist nach deren Lesart erwartungsgemäß Russlands Präsident Wladimir Putin, weil er nicht genügend „Distanz“ zu den Separatisten demonstriert. Vor dem Referendum hatte er dessen Verschiebung gefordert und für einen Dialog zwischen der Übergangsregierung in Kiew und den Separatisten plädiert. Die Tatsache, dass man nicht auf ihn gehört hat, ist ein Indiz dafür, dass er in der Ostukraine nicht den Einfluss hat, den der Westen ihm unterstellt.

Putin betrachtet das eindeutige Ergebnis des Referendums zweifellos mit Wohlwollen. Dennoch hält er sich betont zurück und lässt lediglich verlauten, dass Mos­kau den Willen des Volkes respektiere. Von einer Anerkennung der beiden abtrünnigen Regionen ist bei ihm keine Rede, auch nicht von einem Anschluss an Russland. Stattdessen setzt er sich weiter für einen Dialog ein. Was soll er jetzt auch noch mehr tun? Die EU sagt dazu nichts Konkretes, aber sie verhängt trotzdem weitere Sanktionen.


Freakshow
von Harald Tews

Früher waren Frauen mit Bärten eine Attraktion in Zirkussen. Heute werden die Freaks im Fernsehen vorgeführt und gewinnen wegen ihres ungewöhnlichen Äußeren sogar den Eurovisions-Gesangswettbewerb. Das Lied des österreichischen Transvestiten Tom Neuwirth, der als bärtige Kunst-Diva Conchita Wurst auftritt, ist dabei nur eine Nebensache. Es reiht sich nahtlos in die Beliebigkeits-Liste früherer Siegerlieder ein.

Der Gewinner ist sowieso nur der mit dem schrillsten Auftritt. Kommen dann noch sexuelle Anzüglichkeiten dazu – der Name „Conchita Wurst“ bedeutet im Spanischen eine unter der Gürtellinie liegende Vulgarität – und ein politisches Anliegen zu Frieden und Toleranz, hat man die Stimmen auf seiner Seite.

Um nicht missverstanden zu werden: Möge jeder nach seiner Vorstellung leben, wie es ihm beliebt. Doch den Eurovisions-Wettbewerb dazu auszunutzen, vor dem Hintergrund des Ukrai-ne-Konflikts auf Kosten Russlands als Toleranz-Ikone Punkte zu sammeln, geht zu weit. Die russischen Teilnehmerinnen, die Zwillingsschwestern Tolmatschowa, wurden gnadenlos ausgebuht. Wie tolerant ist das denn?

Zu Russland mag man durchaus eine kritische Meinung haben. Doch hat diese auf einem Gesangswettbewerb nichts zu suchen. Da dieser Song Contest auch in den Vorjahren immer öfter zu einer zirzensischen Klamaukbühne missbraucht wur-de, sollte man sich überlegen, ob dieser TV-Dino nicht ähnlich wie „Wetten, dass?“ in die ewigen Jagdgründe überführt werden sollte. Oder man benennt ihn einfach in das um, was er ist: Eurovisions-Freakshow.


Fass ohne Boden
von Hans Heckel

Deutschen Steuerzahlern treibt das Urteil die Zornesröte ins Gesicht: Laut europäischem Richterspruch müssen sie ab sofort Milliarden Euro Kindergeld an EU-Ausländer zahlen, die gar nicht in Deutschland leben (siehe S. 1). Und demnächst droht ihnen auch noch, dass sie Hartz IV ins EU-Ausland überweisen müssen für Menschen, die hier für ein paar Monate im Jahr Saisonarbeit geleistet haben.

Es sind Urteile des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), die solch atemberaubenden, teuren Unsinn erzwingen. Doch schimpfe jetzt niemand auf die „bösen Eurokraten“, welche die Deutschen hinterrücks aussaugen. Wie alle Gerichte handelt auch der EuGH lediglich in dem Rechtsrahmen, welchen ihm die Politik gesetzt hat. Es sind und waren also auch deutsche Politiker aller etablierten Parteien, die den deutschen Steuerzahler in diese Falle manövriert haben. Es sind ihre EU-Verordnungen, die hinter dem Urteil stehen. Wenn sich jetzt Politiker zu Anwälten deutscher Interessen gegen diesen Skandal aufschwingen, sollte man sie schleunigst an diese ihre Verantwortung erinnern.

Dies gilt insbesondere für jene, die nun – kurz vor der EU-Wahl – den Bundesbürgern versprechen, dass sie dem berüchtigten „Sozialtourismus“ schneidig entgegentreten wollten. Warum, so sollte man sie fragen, habt ihr den Sozialtourismus durch eure Entscheidungen denn erst ermöglicht? Für eine dreiköpfige Familie in Osteuropa übersteigt der nunmehr fällige Kindergeld-Segen nicht selten ein Monatsgehalt. Wer kann es ihr verdenken, dass sie zugreift? Wenn die Deutschen Arbeitslosen im EU-Ausland demnächst sogar Hartz IV bezahlen müssen, dürfte der Massenandrang alle Dimensionen sprengen.

In den vergangenen Jahren sind die Sozialausgaben der Kommunen bereits um rund sieben Prozent jährlich gestiegen, eine Gemeinde nach der anderen erklärt ihre Zahlungsunfähigkeit und ruft nach Hilfe. Schulen und Straßen vergammeln, weil kein Geld für Renovierung mehr da ist, Schwimmbäder und Bibliotheken machen dicht. Wenn es läuft wie befürchtet, schlittern die Kommunen mit dem EuGH-Urteil zu Hartz IV erst recht in eine ausweglose Situation.

Das Resultat ist absehbar: Die Gemeinden werden die Bürger noch stärker belasten, derweil sie Dienstleistungen und Investitionen weiter zurückfahren. Bundesfinanzminister Schäuble wird den Deutschen erklären, dass aufgrund „zusätzlicher Ausgaben“ leider nicht an Entlastung zu denken sei, ja, dass per kalter Progression die Steuern sogar noch höher steigen müssten. Solange die Deutschen dagegen nicht aufbegehren, wird sich diese Perversion des Sozial- und Umverteilungsstaats fortsetzen.


Frei gedacht
Im Westen geht die Sonne unter — letzter Versuch
von Eva Herman

Die älteren Leute sagten früher: „Kinder, Ihr habt es gut, Ihr werdet wohl niemals einen Krieg erleben müssen.“ Viele hatten leidvoll den Ersten und den Zweiten Weltkrieg durchgemacht. Mag sein, dass sie Recht behalten. Eventuell werden sich die Dinge jedoch anders entwickeln, die Menschen könnten plötzlich auf eine Weise enteignet, entwurzelt, ihre Länder eingenommen werden, wie man es sich derzeit noch nicht ausmalt.

Es liegt auf der Hand, dass die zweite Variante wahrscheinlicher ist. In Europa wächst Unruhe herauf, zahlreiche Probleme bringen den Kontinent unter Druck: Wirtschafts- und Finanzzusammenbrüche ganzer Staaten, horrende Jugendarbeitslosenzahlen, wachsende Probleme durch unkontrollierte Einwanderung und Plünderung der Sozialsysteme und so weiter Tatsache ist auch, dass es nicht nur im christlichen Abendland rumort, sondern dass die ganze Welt in Aufruhr ist. Zwar hat es zu allen Zeiten Krisen und Katastrophen gegeben, doch nie zuvor existierten so viele gleichzeitig. Erschütternde Glaubenskriege ziehen tiefe Furchen quer durch alle Länder der Erde, unberechenbare Terrororganisationen, von wohlbeleumundeten Regierungen geheim beauftragt, versetzen die Welt in Angst und Schrecken; blutige Rohstoffkriege werden vor den Augen der Weltöffentlichkeit geführt, ganze Kontinente dabei ihres Eigentums beraubt. Banken und Lobbygruppen haben die Hoheit! Falschmeldungen, Manipulationen und Propaganda weltweiter Medienunternehmen setzen unterdessen alles daran, um die Wahrheit bloß nicht ans Licht kommen zu lassen.

Warum, so fragen immer mehr Menschen, ist unsere Welt so schlecht? Und warum lässt Gott so viel Unglück zu? Die Antwort ist einfach: Der Mensch ist die einzige Kreatur, die mit dem freien Willen ausgestattet wurde. Jeder bestimmt selbst über sein Glück oder Unglück, niemand anderer. Jeder entscheidet auch, ob er sich gegen herrschende Missstände stellt, um letztlich Schaden von seinem Volk zu wenden. Oder ob er schweigend der falschen Tagesordnung folgt, nur weil es bequemer ist, und weil es alle tun. Somit trägt er immer auch Mitverantwortung für die Gemeinschaft, entscheidet sich damit für oder gegen eine mögliche Kollektivschuld.

Offenbar findet die Menschheit keine Lösung für Freiheit und Frieden mehr. Kein Dichter, kein Denker, kein Staatslenker ist in Sicht, der das passende Konzept kennt, um unsere Welt zu retten. War es früher schon schlimm, so schauen unsere Generationen heute zu, wie wir uns selbst zerstören.

Der berühmte britische Astro-Physiker Stephen Hawking sagt: „Die Fortschritte unseres Verständnisses vollziehen sich nicht immer in kleinen und stetigen Zuwächsen, die auf der vorhandenen Arbeit aufbauen. Manchmal ist ein geistiger Sprung zu einem neuen Weltbild erforderlich“.

Also dürfte vielleicht die Zeit gekommen sein für nie zuvor Gedachtes, vielleicht für ein ganz neues Weltbild? Warum sollten wir es nicht wagen? Wenn nicht jetzt, wann dann? Wir stehen doch schon am Abgrund. Was hat man nicht schon alles ausprobiert, um die Welt besser zu machen. Es war umsonst, die steile Talfahrt ging weiter. Nehmen wir die beiden Weltkriege. Vor 100 Jahren begannen sie und forderten Abermillionen Menschenleben. Und heute? Stehen wir mit dem Ukraine-Konflikt nicht wieder an der gefährlichen Schwelle zum Dritten Weltkrieg? Hat der Westen nichts gelernt?

Deswegen soll, ganz kühn, der Hawkingsche Vorschlag angenommen sein: Wir wollen den geistigen Sprung wagen! Hier, jetzt!

Die Frage lautet also: Was hindert den Menschen daran, glücklich zu werden? Es gibt viele Antworten, doch wir wollen es mit einer Hypothese versuchen: Vielleicht sind wir mit der bislang materialistischen, eng begrenzten Sichtweise nicht mehr in der Lage, unser Handeln richtig zu bewerten? Denn eins ist klar: Der menschliche Verstand herrscht schon lange über den Geist! Und nicht umgekehrt. Doch ist das richtig? Zu keiner Zeit gedachte der Mensch der wichtigen ehernen Gesetze des Universums, die unter anderem lauten: Was der Mensch sät, das wird er vielfach ernten. Niemand rechnete offenbar mit der geistigen Auswirkung jener Naturgesetze, in die wir nun einmal eingebettet leben und die wir akzeptieren müssen, wenn sie sich nicht gegen uns richten sollen. Jeder Naturwissenschaftler, jeder Physiker oder Astronom, weiß von den unumstößlich wirkenden Gesetzen des Kosmos.

Der Verstand beherrscht unseren Geist. Das ist schon lange so. Eine unrühmliche Saat brachte man vor Jahrhunderten, Jahrtausenden in die abendländische Erde. Üble Verstöße waren es immer wieder, gegen sämtliche Gebote und Gesetze! Zwar sind die Geschichtsbücher voll mit den Ruhmestaten einstiger Herrscher und Kirchenführer, die Europa zu dem heutigen „Erfolgs“-Konstrukt entwickelt haben sollen, doch übersieht man dabei entscheidende Fakten: Stets lenkten Mächtige die Welt, die sich nahmen, was sie wollten. Sie raubten, mordeten, zettelten Kriege an, aus Gier! Oft mit Rückenwind der einflussreichen Verbündeten in Rom, der Kirche. Und alles immer im Namen des Herrn!

Statt einem freien Glauben folgen zu können, wurden die Menschen zwangschristianisiert, wer widersprach, musste sterben! Doch gab es nicht das fünfte Gebot? Du sollst nicht töten!, lautet es. Aber die Menschen wurden getötet! Von Beginn an – auch wurden sie immer wieder zwangsenteignet, fremder Herrschaft unterworfen, umerzogen. Man beraubte sie ihrer Wurzeln, ihrer Kultur, Tradition, ihres Eigentums, um sie stets in neue, fremde Formen zu pressen. Siebtes Gebot: Du sollst nicht stehlen! Neuntes Gebot: Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen! Die wenigen Querdenker, die sich nicht unterwerfen wollten, wurden diffamiert, verleumdet, verurteilt! Achtes Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten! Es gäbe hunderte weitere Beispiele. So begann Europas Geschichte, so verlief sie zu allen Zeiten, und so ist es bis heute geblieben. Welch ein Karma!

Der materialistische Menschenverstand beherrscht unseren Geist, er hat die Empfindung, die Intuition, längst in Ketten gelegt. Heute kann sich kaum jemand vorstellen, dass die Menschheit einst mit den Kräften von Himmel und Erde eng verbunden lebte. Wir sind so arm geworden.

Durch Nutzung der Ressourcen in richtiger Reihenfolge könnte ein jeder wohl zur Höchstform auflaufen und Dinge schaffen, die die Welt schnell zum Guten bringen würden. Denn dadurch könnte höheres Wissen auf alle Entscheidungen einwirken, was unverzichtbar ist für wahres Glück und Erfolg: Es ist allein das Streben nach dem Guten! Darin liegt so viel! Rück­sichtnahme, Verantwortung, Nächstenliebe, Barmherzigkeit.

Der moderne Mensch hat die Verbindung zu seinem Inneren, und damit auch den „Draht nach oben“, längst verloren. Durch zahlreiche Umerziehungsmaßnahmen von Staat und Kirche ließ er sich zu dem heutigen Wesen machen: Müde, gehetzt, desillusioniert, welches sich im Inneren jedoch immer noch tief sehnt nach Glück. Bislang war es ihm nicht möglich, den Schlüssel zu dem goldenen Tor zu finden. Wollen wir die letzte Kraft nicht aufbringen und ihn suchen? Wenn nicht jetzt, wann dann?


S. 9 Kultur

Erst wird gefeiert, dann gestorben
Der Erste Weltkrieg aus der Sicht deutscher und französischer Maler − Museums-Kooperation zwischen Wuppertal und Reims

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs zelebrieren zwei Museen ihre deutsch-französische Freundschaft. Das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal und das Museum der Schönen Künste in Reims kooperieren in einer großangelegten Schau, die auch von Staatsgästen gewürdigt wird.

Als Kooperationspartner der Ausstellung „Menschenschlacht­haus − Der Erste Weltkrieg in der französischen und deutschen Kunst“ bot sich auf französischer Seite das Museum der Schönen Künste in Reims an. Und zwar deshalb, weil die Hauptstadt des legendären Weinbaugebietes Champagne die erste französischen Großstadt war, die 1914 von deutschen Soldaten bombardiert wurde. Hier in Reims ist die Erinnerung an Krieg und Zerstörung besonders lebendig. Hier wurde die berühmte Kathedrale, Krönungsstätte der französischen Könige, vor 100 Jahren durch deutsche Bombenangriffe schwer beschädigt – ein Frevel, der schon damals weltweit verurteilt wurde.

In Reims wurde übrigens auch die deutsche Kapitulationsurkunde am 7. Mai 1945 unterzeichnet, die den Zweiten Weltkrieg in Westeuropa beendete. In der Kathedrale von Reims ehrten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1962 gemeinsam die Toten von Verdun. Hier reichten sich François Mitterand und Helmut Kohl 1984 die Hände. Und hier umarmten sich Frankreichs Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel 2012 zum Zeichen des Friedens und der Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen.

David Liot, der Direktor des Museums der Schönen Künste in Reims, war sehr erfreut über das Kooperationsangebot des Wuppertaler Muse­ums. Dessen Direktor Gerhard Finckh hatte schon vor zwei Jahren vorgeschlagen, den Ersten Weltkrieg in einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt zu bearbeiten.

Nicht die endlosen Listen gefallener Soldaten und auch nicht die Relikte des Krieges, wie sie in historischen Ausstellungen oder Heimatmuseen gezeigt werden, sollten im Fokus der beiden Kunsttempel stehen, sondern das Kriegserleben aus dem Blickwinkel von deutschen und französischen Künstlern.

„Uns interessierte die Frage“, erklärt Museumsdirektor Finckh, „wie Dichter, Schriftsteller, Maler und Zeichner den Krieg erlebt haben. Wie brachten deutsche und französische Künstler das Unerhörte, das Nie-Dagewesene der grausamen Kriegserlebnisse in Worte, auf Papier oder auf Leinwand zum Ausdruck? Welche Eindrücke hinterließ der Krieg bei den deutschen Künstlern wie Otto Dix, Max Beckmann oder George Grosz. Welchen bei den französischen wie etwa Pierre Bonnard, Maurice Denis oder Georges Rouault?“

Zum gemeinsamen Ausstellungsprojekt steuern die beiden Museen in Reims und Wuppertal jeweils 160 Exponate aus ihren eigenen Beständen bei. Hinzu kommen 30 Leihgaben, so dass der Besucher sich durch insgesamt 350 Objekte durcharbeiten muss – eine Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Denn zu zahlreichen Bildern werden thematisch ergänzende Textauszüge aus der zeitgenössischen Literatur an die Wand projiziert. Und auch Original-Stummfilmaufnahmen, meist zu Propagandazwecken von den Kriegsparteien produziert, flimmern in einigen Ausstellungsräumen.

Den martialischen Begriff „Menschenschlachthaus“ fanden die Ausstellungsmacher beim Durchforsten der zeitgenössischen deutschen und französischen Literatur. Ein Buch des Pädagogen Wilhelm Lamszus (1881−1965) aus dem Jahr 1912 mit dem Titel „Das Menschenschlachthaus – Bilder vom kommenden Krieg“ lieferte die Vorlage. Lamszus prophezeit darin in gespenstisch vorausahnender Weise die Gräuel und Schrecken des ersten modernen Krieges.

Das von Lamszus erahnte Schlachthaus, der Krieg, wurde anfangs von der Mehrheit der deutschen Künstler ganz anders wahrgenommen. Die meisten teilten die damals herrschende Auffassung, dass „endlich etwas passieren“ müsse – war doch die politische Situation in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet von massiven Aufrüstungen, Truppenbewegungen, regionalen kriegerischen Auseinandersetzungen und kolonialen Machtansprüchen.

Viele Künstler im wilhelminischen deutschen Kaiserreich bejubelten euphorisch den Kriegsbeginn. Der damals schon 44-jährige Bildhauer Ernst Barlach notierte am 3. August 1914, dem Tag der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich, in sein Tagebuch, dass ihm „die Kriegsstimmung wie eine Erlösung“ vorkomme.

Auch Max Liebermann war vom Patriotismus beseelt. Die Ausstellung zeigt seine Lithografie „Jetzt wollen wir sie dreschen“ für die Zeitschrift „Kriegszeit“ von 1914. Ein säbelschwingender Reiter stellt die martialische Kriegsrhetorik des Kaisers bildlich dar.

Etliche der jüngeren Künstler meldeten sich freiwillig zum Kriegseinsatz, so zum Beispiel der 34-jährige Franz Marc und der 27-jährige August Macke, die ihre Euphorie mit dem Leben bezahlen mussten. Aber auch Max Beck­mann, Otto Dix, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner waren kriegsbegeistert, zumindest aber patriotisch gestimmt. Auch auf französischer Seite war die Stimmung bei vielen Künstlern von patriotischen Gefühlen geprägt.

Der Einsatz von neuen, bis dato unbekannten Massenvernichtungswaffen wie Maschinengewehren, Panzern und vor allem Giftgas, aber auch der ab 1916 scheinbar unendlich dauernde Stellungskrieg im Schützengraben ließen die anfängliche Kriegseuphorie schwinden. Bei den meisten Künstlern bewirkte der verheerende Kriegsverlauf eine zunehmend kritische Verarbeitung der teilweise traumatischen Kriegserlebnisse.

Ein beeindruckendes Zeugnis davon liefert zum Beispiel Erich Heckels Bild „Irrer Soldat“ von 1916, das einen starr nach vorn blickenden Mann mit leerem Blick zeigt. Eine ähnliche Aussage vermittelt das Gemälde von Otto Dix „Selbstbildnis als Soldat“ von 1914, das für das Ausstellungsplakat in Wuppertal gewählt wurde. Es zeigt einen „stiernackigen“ kahlgeschorenen Rekruten, der mit wirrem, aufgewühltem Ge­sichtsausdruck den Betrachter anblickt.

Dix dürfte der wohl „fleißigste Schützengraben-Maler“ gewesen sein. Mehrere Hundert kleinformatige Kreide-, Tusche- und Tempera-Blätter soll der Künstler zwischen 1915 und 1918 angefertigt haben. Alles sehr düstere Werke mit Weltuntergangsvisionen. Für Dix ein Zeitvertreib und wahrscheinlich auch eine Art Selbsttherapie beim wochenlangen untätigen Ausharren im Schützengraben.

1924, sechs Jahre nach Kriegs­ende, erstellte Otto Dix fünf Mappen mit jeweils zehn Radierungen mit dem Titel „Der Krieg“. Eindringlich zeigt er darin die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges auf. Die Darstellungen werden genau betitelt: „Gastote“, „Totentanz anno 17“, „Lens wird mit Bomben belegt“ oder „Abgekämpfte Truppe geht zu­rück (Sommeschlacht)“ schildern seine hautnahen Fronterlebnisse.

Die Kunsthistorikerin Nicole Hartje-Grave bewertet diese Ra­dierungen als „wichtigste Auseinandersetzung des Künstlers mit den Fronterlebnissen“. Die fünf Mappen mit den 50 Blättern gehören zum Wuppertaler Mu­seumsbestand. Sie werden komplett in einem Raum der Ausstellung den Besuchern präsentiert.

Nach Ausstellungsende am 27. Juli wandern die Exponate von Wuppertal nach Reims und werden dort unter dem Titel „Tage des Kriegs und des Friedens“ vom 14. September bis 19. Januar 2015 zu sehen sein. Zur Eröffnung in Reims werden Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande erwartet. Mit den Ausstellungen solle, so die beiden Museums-Direktoren Finckh und Liot, ein „Beitrag für eine friedliche Zukunft“ geleistet werden.

Siegfried Schmidtke

Von-der-Heydt-Museum, Turmhof 8, 42103 Wuppertal-Elberfeld. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, montags ist geschlossen. Eintritt: 12 Euro. Der Austellungskatalog kostet 25 Euro.


Ich, Wolkenstein
Sammlung biografischer Zeugnisse des mittelalterlichen Dichters zeigt ihn auch als Ritter im Pruzzenland

Oswald von Wolkenstein gilt als der bedeutendste deutschsprachige Verseschmied zwischen Walther von der Vogelweide und Johann Wolfgang von Goethe. Seine in bairisch-tirolischer Lautung am Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen hinterlassene Dichtung ist in kostbaren Handschriften überliefert. Obgleich er vor 600 Jahren gelebt hat, ist viel über die Person des adeligen Dichters, Ritters und Politikers überliefert. Die Philologen Anton und Ute Schwob haben in einer jahrelangen Herkulesarbeit aus rund 40 Archiven alle Le­benszeugnisse gesammelt, die sie über ihn finden konnten, und die­se auf 1500 Seiten in fünf monumentalen Bänden dokumentiert.

1377 als zweiter Sohn des Landadeligen Friedrich von Wolkenstein und dessen Ehefrau Katharina von Vilanders geboren, büxt der Zehnjährige aus, verdingt sich als Knappe und wird in den für einen Ritter üblichen Fertigkeiten unterwiesen worden sein. Aus seinen autobiografischen Liedern lassen sich zahlreiche Reisen und militärische Dienste für König Ruprecht (von der Pfalz), einen Wittelsbacher, und dessen Nachfolger Sigismund (von Luxemburg) erschließen. Oswald gelangte nach Ungarn, Böhmen, Litauen. Im zentralen Rechnungsbuch des Deutschen Ordens scheint sein Name für die Pruzzenlande auf. Auf dem Alten Friedhof am Dom zu Brixen befindet sich jener von Oswald 1408 (vor dem Aufbruch ins Heilige Land) in Auftrag gegebene Gedenkstein, der ihn mit langem Pilgerbart zeigt. Oswald verschlug es nach Russland, zu den Tataren, in die Türkei, nach Armenien, Syrien und Persien: „In Races pei Saleren“ (in Ratzes am Schlern) ist er daheim gewesen, wie es in einem seiner Lieder heißt, und dass er „durch Barbarei Arabia“ (durch Berberland und Arabien) gekommen sei, in einem andern.

Gestützt allein auf das literarische Werk, neigte die Forschung lange dazu, ihm dies als Maulheldentum auszulegen – bis Germanisten viele Angaben Oswalds verifizieren konnten. Für Anton und Ute Schwob, die sich jahrzehntelang mit ihm beschäftigten, sind Oswalds autobiografische Aussagen „durchweg wahr“, und seine „Reiseberichte keine literarischen Topoi mehr, sondern Belege für die in der anbrechenden Neuzeit beginnende Aufwertung des Individuums“.

Der Wolkensteiner nahm an zwei Kriegszügen im Deutschordensland Preußen gegen die Litauer und um 1410 an einer Pilgerreise nach Palästina teil. König Sigismund schickte ihn auf eine längere diplomatische Reise, die Oswald – wohl über Britannien – auf die iberische Halbinsel und nach Frankreich führte. In Perpignan war er in den renommierten Greifen- respektive Kannenorden von Aragon aufgenommen worden.

Er war an der portugiesischen Eroberung von Ceuta in Nordafrika (1415) beteiligt, das heute noch eine iberische Exklave ist. Wir sehen ihn später als Freischöffen bei Femegerichten in Westfalen. Nach 1430 ist er mehrfach wieder im Dienste Sigismunds bezeugt, der ihn schließlich in den elitären Drachenorden aufnahm – eine Genugtuung für den Wolkensteiner. Fortan konzentrierten sich Oswalds Tätigkeiten auf seine Heimat, wo er als angesehener Adeliger und juristischer Fachmann an Einfluss gewann.

Der Tod ereilte den „edel vest herr und Ritter“ am 2. August 1445 in Meran, wo es, wie oft in seinem unsteten Leben, um Fehdehändel ging. Unweit Brixens, im Augustiner-Chorherrenstift Neustift, wohin er sich bereits am 2. November 1411 einpfründete, hatte er sich vertraglich der Grablege an der Seite seiner Vorfahren versichert. 1973 waren bei Heizungsarbeiten in der Stiftskirche Teile eines Skeletts gefunden worden, die, geborgen von Klosterbibliothekar Martin Peintner, von führenden Schweizer Gerichtsmedizinern als Oswalds Gebeine identifiziert wurden. Diese wurden später, eingeschweißt in einen Zinkbehälter und mit seinem Namen versehen, am Fundort bestattet.

In seinen nunmehr geschlossen vorliegenden Lebenszeugnissen fassbar, tritt uns der Wolkensteiner in den fünf von Anton und Ute Schwob herausgegebenen Bänden entgegen. Der emeritierte Altgermanist Anton Schwob, der an der Karl-Franzens-Universität Graz das „Wolkenstein-Archiv“ begründete und über Jahrzehnte leitete, sowie seine Frau Ute, eine ebenso begnadete Philologin, haben die weithin verstreuten Urkunden zusammengetragen, für die sorgfältig angelegte kritische Edition umsichtig aufbereitet und meisterlich kommentiert.

Rainer Liesing

Anton und Ute Schwob (Hrsg.): „Die Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein“, Böhlau 1999−2013, Wien/Köln/Weimar, fünf Bände, zusammen rund 1500 Seiten, 156 Euro.


MELDUNG

Kasseler Sangeskünste

Kassel − Beim Deutschlandtreffen der Ostpreußen wird an diesem Wochenende viel gesungen. Wer davon nicht genug hat, sollte sich die Ausstellung „Brüder reicht die Hand zum Bunde“ im Kasseler Spohr-Museum ansehen. Die Schau wirft einige Schlaglichter auf 175 Jahre Geschichte des Mitteldeutschen Sängerbunds. 1839 trafen sich sieben Chöre in Hannoversch Münden. Sie gründen dort den Fulda-Werra-Liederbund. Aus ihm entsteht nach mehreren Umbenennungen bis 1925 der Mitteldeutsche Sängerbund. Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. August von Sonnabend bis Montag von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt in diesem dem in Kassel verstorbenen Komponisten Louis Spohr (1784−1859) gewidmeten Museum in der Franz-Ulrich-Straße 6 ist frei. Info: www.spohr-museum.de.

Musik und klassisches Theater bietet das Staatstheater Kassel rund um das Deutschlandtreffen. Am Sonnabend, 17. Mai, wird um 15 Uhr im Opernhaus Strauß’ „Fledermaus“ und um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Schillers „Jungfrau von Orleans“ gezeigt. Am Sonntag um 19.30 Uhr steht dort Büchners „Dantons Tod“ auf dem Spielplan: www.staatstheater-kassel.de. tws


S. 10 Geschichte

Ein Markstein deutscher Sozialpolitik
Vor 125 Jahren beschloss der Reichstag das Gesetz über die Alters- und Invalidenversicherung

Wie selbstverständlich genießen wir heute alle Vorzüge deutscher Sozialpolitik, ohne über deren eigentliche Initiatoren, den Reichskanzler Otto von Bismarck, Carl Ferdinand von Stumm-Halberg und auch Kaiser Wilhelm II., nachzudenken. Ein Markstein der Sozialpolitik jener Zeit, besonders im europäischen Vergleich, war die Einführung einer allgemeinen Alters- und Invaliditätsversicherung im deutschen Kaiserreich.

Vor 125 Jahren, am 24. Mai 1889, verabschiedete der Deutsche Reichstag das Gesetz über die Alters- und Invalidenversicherung. Fast könnte man meinen, Bismarck hätte bereits das heutige Grundgesetz, Artikel 1 Absatz 1 (Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt), gekannt, denn er stellte während der Begründung des Gesetzes im Parlament ausdrücklich fest: „Es liegt in diesem Gesetze auch die Tendenz, das Gefühl menschlicher Würde, welches auch der ärmste Deutsche meinem Willen nach haben soll, wach zu halten, daß er nicht rechtlos als ein Almosenempfänger dasteht, sondern daß er ein peculium (Son­der­gut, die Redaktion) an sich trägt, über das niemand außer ihm verfügen kann … Wozu soll nur der, welcher im Kriege oder als Beamter erwerbsunfähig geworden ist, Pension haben, und nicht auch der Soldat der Arbeit?“

Nur zwei Jahre später gab es bereits jeweils elf Millionen Versicherte in der Alters- und in der Invalidenversicherung bei einer Gesamtbevölkerung des Deutschen Reichs von rund 50 Millionen Menschen. Jene „von oben“ initiierte Sozialgesetzgebung erwies sich als ein wahrer Erfolg – im Gegensatz zu manchen Steißgeburten unserer Tage, wie etwa den berüchtigten Riesterrenten. Allerdings war diese gesetzliche Alters- und Invaliditätsversicherung ausschließlich für die körperlich Arbeitenden in Industrie, Landwirtschaft und Handel vorgesehen und deren Familienangehörige wurden nicht mitversichert. Das Deutsche Reich beteiligte sich finanziell nicht an dieser Versicherung. Die im Vergleich zu heute mit 1,7 Prozent relativ geringen monatlichen Beiträge wurden paritätisch aufgeteilt, von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemeinsam getragen. Mit ihren Beiträgen erwarben die Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch auf eine von der Höhe her abgestufte Altersrente ab dem 70. Lebensjahr.

Seinerzeit wurde jene Altersrente ab dem 70. Lebensjahr von deutschen Sozialdemokraten als agitatorisches Argument genutzt, um diese „Sozialpolitik von oben“ verächtlich zu machen. Wenn allerdings vor wenigen Jahren ausgerechnet von einer sozialdemokratischen Regierung in Deutschland die im Laufe der Zeit auf 65 Jahre herabgedrückte Altersgrenze zur Verrentung wieder auf 67 Jahre angehoben wurde, zeigt das nur, wie praktikabel die einstigen Bismarckschen Regelungen waren, um überhaupt eine solche Versicherung auf finanziell tragbaren Grundlagen einzuführen. Selbst die erneute Anhebung des Rentenalters auf nunmehr 70 Jahre wird ja in Deutschland schon wieder lebhaft diskutiert und gefordert, ohne daran zu denken, wie sehr man sich dabei wieder den einstigen gesetzlichen Grundlagen von 1889 nähert.

Erstaunen erweckt bei näherer Betrachtung des Gesetzes der Umstand, dass es nicht etwa auf energische sozialdemokratische Forderungen zurückging. Vielmehr wollte man sich seitens der Sozialdemokratie erst nach dem erhofften „großen Kladderadatsch“ und der danach erfolgenden Errichtung des sozialistischen „Zukunftsstaates“ um das Wohlbefinden der arbeitenden Klasse bekümmern.

Den ersten Gedanken an eine solche staatlich organisierte Alters- und Invalidenversicherung äußerte denn auch kein Sozialdemokrat, sondern der konservative, doch sehr sozial denkende saarländische Industrielle und Abgeordnete Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (1836–1901), der gerade in den ersten Regierungsjahren Kaiser Wilhelms II. großen Einfluss auf die deutsche Sozialpolitik besaß. Er hatte bereits 1867 im Reichstag des Norddeutschen Bundes sowie 1878 und 1879 im Deutschen Reichstag eine derartige Versicherung für alle deutschen Industriearbeiter gefordert.

Im November 1887 griff die deutsche Regierung jene Gedanken auf und präsentierte im November 1888 einen ersten Gesetzentwurf, dem viele deutsche Unternehmerverbände, hier lange nicht so sozial wie Freiherr von Stumm-Halberg denkend, anfangs ausgesprochen zögerlich gegenüberstanden. Viele bezweifelten die Möglichkeit, ein derartiges Unternehmen finanziell tragbar zu gestalten. Letztlich wurde das Projekt als eine obligatorische Pflichtversicherung für so gut wie alle körperlich arbeitenden Menschen in Deutschland in Angriff genommen und die Leitung durch eine „Reichsanstalt“ vorgesehen. Dieser Umstand besiegte letztlich alle Widerstände aus der Wirtschaft.

Der Erfolg der Alters- und Invalidenversicherung bekräftigte Bismarcks Prophezeiungen bei Einführung seiner sozialpolitischen Maßnahmen über den dadurch möglichen sozialen Frieden in Deutschland: „Geben Sie dem Arbeiter Arbeit, solange er gesund ist, sichern Sie ihm Pflege, wenn er krank ist, sichern Sie ihm Versorgung, wenn er alt ist – und wenn Sie das tun und die Opfer nicht scheuen und nicht über Staatssozialismus schreien, sobald jemand das Wort ,Altersversicherung‘ ausspricht, wenn der Staat etwas mehr christliche Fürsorge für den Arbeiter zeigt, dann glaube ich, daß die Herren vom Wydener Programm (Sozialdemokraten, die Redaktion) ihre Lock­pfeife vergebens blasen werden.“

Heutige deutsche Regierungen sollten den gesunden Menschenverstand, der in jenen Bismarck­schen Äußerungen zum Ausdruck kommt, sich immer wieder aufs Neue vor Augen halten, wenn sie an der sozialen Gesetzgebung in Deutschland herumzuwerkeln beginnen. Der soziale Friede in Deutschland, man vergleiche nur die gegenwärtigen Zustände in Griechenland, sollte das eigentlich wert sein. Jürgen W. Schmidt


Männerfreundschaft
Vor 40 Jahren stellten Giscard d’Estaing und Schmidt die Weichen neu

Immer wieder zeigt sich, wie sehr Geschichte vom persönlichen Verhältnis der Politiker, insbesondere auch von sogenannten Männerfreundschaften, geprägt wird. So wäre die Überwindung der unseligen „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich ohne das Zusammengehen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle kaum möglich gewesen. Und in der aktuellen Ukraine-Krise beherrschten die „Männerfreunde“ Gerhard Schröder und Wladimir Putin tagelang die Schlagzeilen.

Auch in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts prägte eine Männerfreundschaft das politische Geschehen in Europa. In Bonn, der provisorischen Bundeshauptstadt am Rhein, hatte Helmut Schmidt am 16. Mai 1974 die Kanzlerschaft übernommen, jener zeitweilige „Superminister“, der sich, wie aus telegen emporsteigenden Rauchwolken verlautet, immer noch für „super“ hält. Drei Tage später, am 19. Mai 1974, wählten die Franzosen Valéry Marie René Giscard d’Estaing zum neuen Präsidenten der Republik. Damit wurden – vor genau 40 Jahren – in Europa die politischen Weichen neu gestellt.

Beide Politiker waren kurzfristig, ohne längere Planung und Vorbereitung, zu Amt und Würden gekommen. Schmidts Vorgänger Willy Brandt sah sich wegen der peinlichen Guillaume-Affäre zum Rücktritt gezwungen. Giscards Vorgänger Georg Pompidou war am 2. April verstorben.

Zu jener Zeit galten Paris und Bonn als die Motoren Europas. Doch die Ölkrise von 1973 hatte gezeigt, dass der Rest der Welt einige politische und ökonomische Überraschungen parat hatte, mit denen Brüssel nicht fertig werden konnte; das Einigungswerk war in eine schwere Krise geraten.

Da erwies es sich als recht praktisch, dass in Bonn ein eher konservativ-liberaler Sozialdemokrat und in Paris ein eher sozialliberaler Konservativer regierten. Die beiden verstanden sich denn auch auf Anhieb bestens.

In beiden Ländern wurden gesellschaftspolitische Pflöcke eingeschlagen bei Scheidungsrecht und Abtreibung, über deren Folgen selbst die noch verbliebenen Wertkonservativen kaum noch offen zu klagen wagen. Auch wirtschaftspolitisch probten Giscard und Schmidt den Gleichschritt, was Frankreich langfristig nicht gut bekommen ist. Noch heute blicken die Franzosen neidvoll über den Rhein und bedauern, dass es sich nicht einmal mehr lohnt, über „la Bundesbank“ zu schimpfen.

Die beiden wichtigsten europapolitischen Weichenstellungen der Männerfreunde waren die Vorbereitung des gemeinsamen Währungssystems – so wurden sie zu „Großvätern“ des Euro – und die behutsame Stärkung des Europaparlaments. Bei dessen Neuwahl in wenigen Tagen steht auch die gemeinsame Währung auf dem Prüfstand – für beides, Direktwahl und Euro, ist Giscard mitverantwortlich. Sein Verhältnis zu Deutschland ist übrigens nicht nur männerfreundschaftlicher Art: Geboren wurde er am 2. Februar 1926 in Koblenz, sozusagen in Sichtweite des Deutschen Ecks. Sein Vater, ein hoher Finanzbeamter, war ins damals besetzte Rheinland abkommandiert; zuvor hatte er den Adelstitel käuflich erworben, was dem Begriff „Geldadel“ eine neue Bedeutung verlieh. Hans-J. Mahlitz


Warum der 17. Mai?
Norwegens Nationalfeiertag erinnert an die Verfassung von Eidsvoll

Dänen und Schweden verbindet ihr Skandinaviertum. Aber in den napoleonischen Kriegen standen sie schließlich auf unterschiedlichen Seiten. Großbritanniens Aggressivität aus Zweifel an der Neutralität Dänemarks führte die Dänen in Napoleons Lager, während mit Jean-Baptiste Bernadotte ausgerechnet ein Marschall Bonapartes in seiner Eigenschaft als Kronprinz Schwedens die Schweden in das Lager der antinapoleonischen Koalition führte.

Bonapartes Gegner obsiegten schließlich und so musste sein dänischer Verbündeter im Kieler Frieden vom 14. Januar 1814 Norwegen an Schweden abtreten. Die Norweger waren jedoch nicht bereit, sich so ohne Weiteres als Kriegsbeute der Schweden von diesen vereinnahmen zu lassen. Wie anderswo in Europa hatten die Französische Revolution und die nachfolgenden Kriege auch in diesem Land ein Nationalbewusstsein erwachsen lassen. Zu dem Staatsorgan der norwegischen Nationalbewegung entwickelte sich dabei der Reichstag. Maßgebliche Unterstützung erhielt die norwegische Nationalbewegung dabei von einem Ausländer, dem dänischen Gouverneur. Hierbei handelte es sich um niemand Geringeren als den damaligen dänischen Kronprinzen Christian Friedrich und späteren dänischen König von 1839 bis 1848 Christian VIII.

Der Däne verspürte kein Bedürfnis, das ehemalige Land seines Vaters widerstandslos den schwedischen Kriegsgegnern von einst zu überlassen. Lieber wollte er es in die Unabhängigkeit führen, mit sich selbst als König. Christian Friedrich kam dabei seine Beliebtheit bei den Norwegern zugute. So hatte er bereits vor seiner Berufung zum Statthalter den norwegischen Wunsch nach einer eigenen Universität im heutigen Oslo gegen den dänischen König unterstützt. „Hoffnung zweier Länder“, also auch Norwegens, wurde er deshalb genannt.

Fünf Tage nach dem Verzicht des dänischen Königs auf den norwegischen Thron im Kieler Frieden berief Christian Friedrich mit dem Anspruch, Regent zu sein, eine Reichsversammlung zur Ausarbeitung einer Verfassung ein. Diese Reichsversammlung tagte vom 11. April bis zum 20. Mai 1814 in Eidsvoll und arbeitete auftragsgemäß eine Verfassung aus, die Christian Friedrich am 17. Mai 1814, dem Tage seiner Proklamation zum norwegischen König, unterzeichnete.

Den Dänen war ein unabhängiges Norwegen unter ihrem Kronprinzen lieber als ein schwedisches, aber den Schweden nicht. Letztere reagierten ab dem 26. Juli mit dem sogenannten Norwegischen Feldzug, der den Norwegern ihre militärischen Grenzen aufzeigte. Dieser Schwedisch-Norwegische Krieg endete am 14. August 1814 mit der Konvention von Moss. Christian Friedrich musste auf den norwegischen Thron verzichten und die Norweger den Schwedenkönig als den ihren anerkennen. Außer durch diese Personalunion verband fortan auch eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik die beiden Länder. Statt auf den dänisch-schwedischen Kieler Frieden fußte Schweden seine Ansprüche auf beziehungsweise gegen Norwegen fortan auf diese norwegisch-schwedische Konvention von Moss. Damit war Norwegen vom Objekt zum Subjekt geworden und die kurze Zeit der Souveränität unter Christian Friedrich ab dem 17. Mai anerkannt. Mindestens ebenso wichtig war jedoch, dass die Verfassung vom 17. Mai, abgesehen von Anpassungen an die Union mit Schweden, beibehalten blieb. Dieses rechtfertigt um so mehr die Wahl des 17. Mai zum Nationalfeiertag, als die Verfassung von Eidsvoll seinerzeit als die modernste Verfassung Europas galt und das heutige moderne Norwegen geprägt hat. Manuel Ruoff


S. 11 Preussen

Bayerns dritte Königin Marie kam aus Preußen
Die Mutter Ludwigs II. und Ehefrau Maximilians II. Joseph gründete den bayerischen Frauenverein vom Roten Kreuz

Vor 125 Jahren starb Prinzessin Marie von Preußen. Die bayerische Königin weist einige bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit der preußischen Königin Luise auf.

Ähnlich wie Preußens Königin Luise verlebte auch Bayerns Königin Marie eine glückliche Kindheit. Ihr Vater, Prinz Wilhelm von Preußen, schien als jüngster Bruder Friedrich Wilhelms III. weit genug von der Regentschaft entfernt, um ein ungezwungenes Familienleben führen zu können. Ihre Mutter, Prinzessin Marianne von Preußen, war eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg. Prinzessin Marie von Preußen, das am 15. Oktober 1825 in Berlin als Sonntagskind geborene Nesthäkchen der Familie, verbrachte einen Großteil der Kindheit fernab von der Großstadt Berlin auf dem Sommersitz im schlesischen Fischbach. Der Vater hatte das im lieblichen Hirschberger Tal des Riesengebirges gelegene Schloss mit Blick auf die Schneekoppe bereits drei Jahre vor Maries Geburt erworben. Die Prinzessin aus dem eher durch die Norddeutsche Tiefebene geprägten Königreich Preußen lernte also schon frühzeitig die Berge kennen – und auch lieben. Friederike Franziska Auguste Marie Hedwig, wie die Prinzessin mit vollem Namen hieß, entwickelte sich zu einer begeisterten, ja leidenschaftlichen Bergsteigerin. Insofern war sie geradezu prädestiniert, ins bergige Bayern zu heiraten.

Dessen Kronprinz Maximilian, der älteste Sohn von König Ludwig I., studierte 1830/31 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Spätestens während dieses Studienaufenthaltes lernte der bayerische Königssohn die preußische Königsnichte und deren ältere Schwester Elisabeth kennen. Während Max und Marie immerhin 14 Lebensjahre trennten, waren es bei Maries Schwester nur vier. Und in der Tat war eine Verbindung zwischen Max und Elisabeth angedacht. Der Bayernkönig war durchaus daran interessiert, die Bindungen zwischen der norddeutschen Groß- und der süddeutschen Mittelmacht weiter zu festigen. Seit 1823 war der preußische Kronprinz mit der bayerischen Prinzessin Elisabeth Ludovika verheiratet. Da lag der Gedanke nicht fern, diese Bande zwischen Hohenzollern und Wittelsbachern in umgekehrte Weise durch eine Heirat des bayerischen Kronprinzen mit einer preußischen Prinzessin zu stärken.

Eine Verbindung seines Stammhalters mit der russischen Zaren­tochter Großfürstin Maria Nikolajewna erschien Ludwig jedoch noch attraktiver und so verlief das angedachte preußisch-bayerische Heiratsprojekt im Sande. Doch auch das bayerisch-russische Projekt zerschlug sich. Max entdeckte sein Herz für Elisabeths Schwester Marie. „Die lebhafte Zuneigung, welche Ihre Königliche Hoheit, die Prinzessin Marie von Preußen, Muhme Eurer Königlichen Majestät, mir vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an eingeflößt, hat in mir den sehnlichen Wunsch erregt, ein christliches Ehebündniß mit derselben zu schließen“, schrieb der bayerische Kronprinz 1841 dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Das Interesse an einer weiteren Verbindung zwischen den beiden Familien bestand nach wie vor und 1842 wurde geheiratet.

Und auch hier finden sich wieder Ähnlichkeiten zu Königin Luise. Maries Ehe mit dem späteren bayerischen König Maximilian II. Joseph scheint ähnlich glücklich gewesen zu sein wie die Luises mit dem späteren preußischen König Friedrich Wilhelm III. Und wie Luise scheint auch Marie nicht nur ihren Ehemann stark für sich eingenommen zu haben. Wie Luises Einzug in Berlin wird auch jener von Marie in München als Triumphzug geschildert.

Auch der Schwiegervater ist angetan. Begeistert schrieb er seiner Tochter Adelgunde, wie ihm seine Schwiegertochter gefiel: „… trefflich lautet die Antwort, in den ersten Augenblicken hatte sie bereits meine Eroberung gemacht. Sie ist sehr gemüthlich, nichts von Selbstsucht an ihr, ohne Schönheit zu sein, sehr hübsch, äußerst liebreich, ihre Augen aber, diese sind wirklich sehr schön. Marie wird Adelgunde recht ansprechen und wie sie ist erstere in ihren Mann ungeheuer verliebt. So sah ich Max noch nie, er ist vollkommen glücklich. Es ist ein gar zärtliches Pärchen. Marie ist mittlerer Größe; gewachsen und verschönt seit letztem Jahre findet sie der junge Ehemann. Überall wo sie noch war im Land, gefiel Marie sehr, ihre aus dem Herzen kommende Freundlichkeit ist aber auch recht für die Bayern gemacht.“ Ludwig war es auch, der Marie, die einzige seiner Schwiegertöchter, die „Bayerin“ geworden sei, von Joseph Karl Stieler für seine Schönheitengalerie malen ließ.

Mit dem üblichen schick­lichen Abstand nach einer Eheschließung schien sich auch Nachwuchs einzustellen. 1843 erlitt Marie jedoch eine Fehlgeburt. 1845 war es dann soweit. Der wohl mit Abstand bekannteste bayerische König überhaupt kam zur Welt. Eigentlich hatte der Erbprinz Otto Friedrich Wilhelm Ludwig den Rufnamen Otto erhalten sollen, aber auf Wunsch des Großvaters und Taufpaten Ludwig I. wurde es Ludwig. Ludwigs drei Jahre später geborener einzige Bruder Otto Wilhelm Luitpold Adalbert Waldemar ging dann tatsächlich als Otto in die Geschichte ein. Beide Kinder wurden später aufgrund ihres Geisteszustandes für regierungsunfähig erklärt. Ihre Eltern waren derart eng verwandt, dass vor der Eheschließung der Dispens des Papstes eingeholt wurde. Böse Zungen behaupteten, die Geisteskrankheit wäre eine Strafe für Maries Protestantismus gewesen – möglicherweise ein Grund für ihren späteren Wechsel zum Katholizismus im Jahre 1874. Eine andere mögliche Erklärung wäre der Wunsch, den Glauben des mittlerweile verstorbenen Ehemannes anzunehmen, in der Hoffnung, dem Toten damit näher zu sein.

Der Konfessionsunterschied zum Ehemann ist eine weitere interessante Parallele zwischen Marie und Luise, die im Gegensatz zu ihrem reformierten Ehemann Lutheranerin war. In beiden Fällen wurde der Konfessionsunterschied nach dem Tode des einen Partners überwunden. Marie konvertierte und in Friedrich Wilhelms III. Königreich wurden Reformierte und Lutheraner in einer unierten Staatskirche (zwangs)ver­eint.

Wie Luise liebte auch Marie ganz uneitel die von Staatsgeschäften freie Ungezwungenheit. Das zeigt auch ihre Reaktion darauf, dass ihr einstiger Verehrer Erbprinz Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha bereits 1844 Nachfolger seines verstorbenen Vaters als Herzog wurde. Statt der vertanenen Chance nachzutrauern, schon frühzeitig Ehefrau eines regierenden Fürsten werden zu können, fühlte sie sich vielmehr in ihrer Wahl für ihren Maximilian bestätigt. Marie konnte zu jener Zeit nicht ahnen, dass ihr auch an der Seite des bayerischen Kronprinzen nur noch wenige Jahre im zweiten Glied vergönnt waren. Mit 61 noch jung an Jahren, stürzte Maries Schwiegervater vor dem Hintergrund der 48er Revolution über Lola Montez. So wurden Maximilian und Marie bereits 20 Jahre vor dem Tode Ludwigs I. König und Königin.

Wie als Braut ihres Kronprinzen erfreute sich Marie auch als Landesmutter bei den Bayern großer Beliebtheit. Vielfältig war ihr soziales Engagement. Ihre berühmteste Tat auf diesem Gebiete war sicherlich die Gründung des bayerischen Frauenvereins vom Roten Kreuz drei Jahre nach dem Deutschen Krieg von 1866.

Da war Marie bereits Königin-Mutter. Denn im Gegensatz zu seinem Vater, der erst im 82. Lebensjahr verstarb, waren Maximilian II. Joseph nicht einmal 53 Lebensjahre vergönnt. Er starb bereits 1864. Zwei Jahre später erwartete Marie mit dem deutschen Bruderkrieg ein weiteres Unglück: Krieg zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat. Nach der Entscheidung wurde Marie ähnlich wie weiland Luise mit der Zumutung konfrontiert, beim Sieger um Milde und Schonung zu werben. Auch die aus Bayern stammende Witwe von Friedrich Wilhelm IV. wollte dieses tun.

Wilhelm I. zeigte sich großzügiger als einst Napoleon. „Glück­licher Weise sind die Bedingungen besser, als zu erwarten stand“, meldete Ludwig II. schließlich seiner Mutter – was ihn allerdings nicht daran hinderte, an der Loyalität der „preußischen Prinzessin“ zu Bayern zu zweifeln.

Nach dem Tod des geliebten Mannes und dem Krieg zwischen alter und neuer Heimat musste Marie noch erleben, was manche für das Schlimmste halten: den Tod des eigenen Kindes. 1886 starb Ludwig II. Dem ihr verbliebenen letzten Kind, Otto I., gehörte bis an ihr Lebensende ihre Fürsorge. Königin Marie von Bayern starb am 17. Mai 1889 auf Schloss Hohenschwangau. Manuel Ruoff


Der Ostpreuße fand im Südwesten seine Radiohörer
Vor 130 Jahren wurde der Schriftsteller, Dramaturg, Regisseur, Schauspieler, Intendant und Rundfunksprecher Curt Elwenspoek geboren

Eine ganze Generation von Rundfunkhörern in Südwestdeutschland aus den Jahrzehnten nach 1930 kennt noch seinen Namen und erinnert sich seiner Stimme. Den Kindern als „Gute-Nacht-Lied-Onkel“, den Erwachsenen als Gestalter und Sprecher der Sendung „Unsere Hauspostille“ beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart und beim Südwestfunk Baden-Baden ist er noch lange nach seinem Tode lebendig geblieben, und dies nicht nur, weil es auch Tonaufnahmen von ihm gab und gibt.

Curt Elwenspoek, der sich als Schriftsteller auch Christoph Erik Ganter nannte und der seine väterlichen Vorfahren auf Gustav Wasa, seine mütterlichen auf den Maler Lucas Cranach zu­rück­führte, war ein Mann von ungewöhnlich liebenswürdiger Weisheit, dem aber auch kritische Neigungen und maßvolle Strenge im kantischen Sinne nicht fremd waren. Als Schriftsteller, Dramaturg, Regisseur und Rundfunksprecher ist er immer etwas von dem allen gewesen, und das zeichnete im Grunde seines Herzens ihn als Freund der Menschen und vor allem der Kinder aus.

Curt Elwenspoek wurde am 28. Mai 1884 in Königsberg i. Pr. geboren. Er absolvierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Osterode ein juristisches Studium an den Universitäten Tübingen, Berlin, München und Königsberg, das er 1908 mit dem Dr. jur. abschloss. Nach kurzer Zeit als Gerichtsreferendar verzichtete er auf eine weitere Laufbahn im Rechts- und Gerichtswesen und ging zum Theater. Er wurde Schauspieler, Regisseur und Dramaturg in Glogau, Tilsit, Amsterdam, Köln und Mainz, bis der Erste Weltkrieg, an dem er teilnahm, hier zunächst einen Einschnitt brachte.

Nach dem Krieg finden wir ihn als Oberregisseur an den Theatern in Wiesbaden und Mainz wieder, schließlich ist er von 1922 bis 1923 Intendant in Kiel, anschließend Oberspielleiter am Schauspielhaus in München und endlich 1924 Chefdramaturg und Regisseur am Stuttgarter Staatstheater. Hier prägt er den Spielplan vor allem in den nächsten sechs Jahren, bis er im Zweiten Weltkrieg als Mann des Rundfunks in Oslo und Berlin eine besondere Aufgabe bekommt.

Dem Rundfunk, vor allem dem Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, war er längst verbunden. Ihn hatte das damals neue Medium gereizt, und er hat später zur Dramaturgie des Hörspiels manch kluge, gelegentlich auch umstrittene Anmerkung publiziert.

Nach dem Kriege konnte er im Stuttgarter Funkhaus seine Tätigkeit bald fortsetzen und daneben auch für das inzwischen errichtete Landesstudio Tübingen des Südwestfunks Baden-Baden tätig sein. Im Jahre 1954 siedelte er ganz nach Tübingen, seiner einstigen Universitätsstadt, über und arbeitete nun von hier aus weiter für die beiden benachbarten Rundfunk­häuser, bis eine längere Krankheit ihn zur Aufgabe zwang. Er starb kurz vor Vollendung seines 75. Lebensjahres am 13. April 1959 in Tübingen.

Curt Elwenspoek hat eine große Zahl von Bühnenstücken, Hörfolgen und Hörspielen geschrieben, auch Essays und Aufsätze aller Art, nicht zuletzt (zwischen 1935 und 1949) sechs Romane, schließlich biografische Werke über den Schinderhannes, Jud Süß Oppenheimer, Charlotte von Mexiko, Christian Dietrich Grabbe und Rinaldo Rinaldini. Seine letzten Werke vermitteln besonders deutlich das Bild seiner Persönlichkeit, etwa der Novellenband „Arme kleine Iphigenie“ (1951), „Pflücke die Rose. Kleine Fibel der Lebenskunst“ (1953) oder „Hauspostille des Herzens“ (1956).

Nach seinem Tod erschien im Herder-Verlag noch sein Essay-Band „Meine letzte Hauspostille des Herzens“ (1959), eine Sammlung seiner sonntäglichen Rundfunksendungen vom Januar 1958 bis zum März 1959. Hier spricht noch einmal der Philosoph, der er war, liebenswürdig und gütig, verhalten humorvoll und im letzten auch immer ein wenig als Erzieher, niemals aber als alles besser wissender Schulmeister. Für den Rundfunk war und bleibt Curt Elwenspoek so etwas wie ein Erkennungszeichen von seltener, nicht wiederholbarer Einmaligkeit. E.B.


S. 12 Leserforum

Leserforum

Offene Grenzen für Krankheiten

Zu: Krankheiten im Gepäck (Nr. 18)

Mit diesem Artikel über die Migration von Krankheiten hat sich die PAZ einmal mehr besondere Verdienste erworben, nicht nur, weil unsere Gutmenschen sich jeder Entwicklung hin zur Realität verweigern. Dem Artikel sind allein aus meiner Laieninformation, die ich allerdings zum Teil einer Ärztin aus dem Bundesgesundheitsamt verdanke, mindestens zwei „Befunde“ hinzuzufügen.

Erstens: Sehr viele Einwanderer – vor allem aus Afrika – bringen Erreger mit, gegen die sie zwar immun sind, wir jedoch nicht. Und das ist nicht erkennbar. Zweitens: Tbc ist ein Sammelbegriff. Die Krankheit wird durch ganz verschiedene Erreger-Stämme hervorgerufen, die in unterschiedlichen Ländern beheimatet sind. In Vietnam zum Beispiel gibt es Stämme, die auf die (teuer) aus dem Westen importierten Medikamente nicht ansprechen, weshalb die Todesrate sehr hoch ist.

Die Bedrohung der Volksgesundheit ist also sehr viel größer, als der Artikel beschreibt. Diese Bedrohung hat unsere Politik zu verantworten.

Gudrun Schlüter, Münster

 

 

Mit Kanonen auf Spatzen

Zu: Das Parteiensystem ist am Ende (Nr. 18)

Die Argumentation von Eva Herman kann nicht überzeugen. Denn erstens bleibt die (Parteien-)Demokratie bei allen ihren nicht zu leugnenden Schwächen immer noch das beste System, um eine freiheitlich-rechtliche Grundordnung und Wohlstand für eine größtmögliche Anzahl von Menschen zu garantieren. Und zweitens gibt es gerade durch die Aufhebung der Drei- beziehungsweise Fünf-Prozent-Hürde bei der kommenden Europawahl von den „linksliberalen“ Piraten bis hin zur „rechtskonservativen“ AfD genügend politische Kräfte, die nicht zu allem Ja und Amen sagen und eine realistische Chance haben, ins Straßburger Parlament einzuziehen.

Weswegen man bei allem berechtigten Ärger, wie zum Beispiel über die im Übrigen äußerst ehrliche Aussage von Herman Van Rompuy, bildlich gesprochen nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, sondern sich lieber in den neuen Gruppierungen oder aber auch bei den alten erstarrten Parteien für eine Veränderung nicht nur Europas von unten einsetzen sollte.

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

 

 

Ein Kostgänger

Zu: Wirtschaftskrieg gefährdet Energiewende (Nr. 17) und Machthebel Gaspreis (Nr. 16)

Nein, die Ukraine ist insgesamt und dauerhaft pleite und droht, zu einem Kostgänger der Nettozahlerstaaten der EU zu werden. Wenn man die industrialisierte Ostukraine wegrechnet, bleibt nur noch ein weitgehend agrarisches und rückständiges Land übrig. Es wollen ja immer nur Pleitestaaten in die EU, um uns auszunehmen. Gesunde Staaten wollten noch nie freiwillig beitreten.

Jürgen Kunz, Buchen

 

 

Kein Gedenken

Zu: Veteranen handeln (Nr. 18)

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird dem Zuschauer während der offiziellen Nachrichten die Siegerehrung mit Parade und Kranzniederlegung in Paris und Moskau gezeigt. Natürlich mit Erklärungen dazu. So wird zum Beispiel bei den Bildern in Frankreich erwähnt, dass Deutschland am 1. September 1939 Polen überfallen und durch den Überfall auf Frankreich den Zweiten Weltkrieg ausgelöst habe.

Eine solche Verdrehung der Tatsachen durch die Verantwortlichen im Fernsehen zeugt von großer Unkenntnis der jüngsten historischen Vergangenheit, denn am 3. September 1939 hat Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärt. Von einem Überfall deutscherseits kann daher keine Rede sein!

Wo waren aber die Bilder des deutschen Bundespräsidenten Gauck von der Kranzniederlegung für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten? Oder habe ich da etwas verpasst? Oder ist das Leben der eigenen Soldaten aus der Sicht des Bundespräsidenten und der politischen Elite nicht gleich viel wert wie das jedes anderen Soldaten? Sind diese damals oft noch sehr jungen Menschen, die doch auf so viele Dinge verzichten mussten und ihr Leben für ihr Vaterland einsetzten, nicht eines Gedenkens wert?

Inge Keller-Dommasch, Jonen, Schweiz

 

 

Gut und schlecht

Zu: Volk ohne Land (Nr. 17) und Unverfälscht (Nr. 17)

Der Beitrag über die Roma-Familien ist fast politisch korrekt zu nennen. Politisch korrekt erzogene Menschen glauben ja, dass an der Unterschichtenzugehörigkeit bestimmter Volksgruppen (Zigeuner in Südosteuropa, die Schwarzen in den USA) niemals diese Volksgruppen die Schuld tragen, sondern immer die Gesellschaft. Ich habe mehrere Jahre in Ungarn gearbeitet und die erfolglosen Bemühungen zur Integration der Zigeuner beobachten können. An den Trugschluss, dass alle Menschen gleich sind, glauben doch nur noch deutsche Gutmenschen und Linke.

Der Wochenrückblick „Unverfälscht“ von Hans Heckel ist wieder bester Journalismus. Schon allein dafür lohnt es sich, die PAZ zu kaufen. Aber auch die politischen Informationen in der PAZ sind sehr gut.

Wolfgang Leistritz, Leipzig

 

 

Klein halten

Zu: Schlachtfeld fremder Interessen (Nr. 17)

Dem ausgezeichneten Artikel über die Interessen verschiedener Länder an der Ukraine ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Die übliche beklagte Blässe von Berlin beziehungsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte aber auch einen Grund haben: Vielleicht hat der mit dem Nobelpreis belastete US-amerikanische Friedensfürst Barack Obama die Kanzlerin vor die Wahl gestellt: entweder Krieg, bei dem Deutschland schwere Verluste erleiden würde, oder eine deutliche Entfremdung von Russland, die uns „nur“ wirtschaftlichen Schaden bringen wird.

Ob das aber für alle Zukunft reicht? Die Angelsachsen (heutzutage unter der Führung der US-Amerikaner) kennen schon lange nur ein Ziel: Deutschland muss unten gehalten werden.

Eva M. Licht, Herrsching

 

 

Zu den Waffen, ihr Hilfssheriffs!

Zu: Zynisches Staatsversagen (Nr. 18)

Der Staat sind wir, das deutsche Volk. Der politische Überbau, beginnend bei Stadt- und Gemeindeebene über Landes- bis zur Bundesebene, ist der Staatsapparat. Seit Jahren betreibt dieser einen verheerenden Personalabbau bei der Polizei. Die Sicherheit der Bürger ist fast nirgendwo mehr gewährleistet. Begründet wird es gebetsmühlenartig mit „notwendigen“ Einsparungen. Bei den Politikergehältern, den Diäten oder finanziell aus dem Ruder laufenden Groß- und Größenwahnprojekten sieht man die Notwendigkeit dagegen nicht.

Auch seit Jahren laufen vor allem in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten immer mehr Serien und Kriminalfilme, bei denen die Polizisten mehr oder weniger als Deppen der Nation oder des jeweiligen Landstriches dargestellt werden. Natürlich werden alle Fälle mit Hilfe von oberschlauen Journalistinnen, quer denkenden Außenstehenden und/oder „Kommissar Zufall“ gelöst. Aber immer skurril oder verjuxt, Hauptsache schräg und lustig, Hauptsache die Polizisten sind die Dödel.

Nichts gegen die Schauspieler, diese müssen auch irgendwie ihr Auskommen erarbeiten. Aber die Machart hat System. Es geht dabei aber nicht nur um Volksverdummung und Untergrabung des Ansehens einer Berufsgruppe, welche immer mehr den Kopf für das Versagen des gesamten Staatsapparats hinhalten muss.

Es geht um weitaus mehr. Es geht um Geld, viel Geld. Und dann ist Politikern, egal auf welcher Ebene und egal in welcher Partei, jedes Mittel recht. Auch wenn es mit einem Rechtsstaat nichts mehr zu tun hat. Nahezu jeder Einbruch zieht Rechnungen nach sich. Für Reparaturen, Wiederbeschaffung und so weiter. Und immer dabei ist die Mehrwertsteuer. Und zahlt eine Versicherung, dann kassiert der Staat doppelt, bei Versicherungsverträgen werden ebenfalls ... na, Sie wissen schon. Dieses System der uns ständig Verschaukelnden ist in der Summe ein in die Millionen gehendes Verbrechen an den Bürgern durch die Großverdiener. Man ist gar nicht interessiert, dass diese Zahlen zurückgehen.

Die Sicherheit der Bürger spielt in den Gedanken dieser Politiker keine Rolle. Im Gegenteil. Laufend gibt es neue „Polizeireformen“, welche immer bedeuten: weniger Personal, mehr Delikte und schon gar keine hohen Aufklärungsquoten. Damit ist der Staatsapparat der größte Hehler in diesem milliardenschweren Geschäft. Die einfachen Bürger, sind wieder einmal die Dummen.

Man kann den Bürgern, die − wie jetzt in Baden-Württemberg − anfangen, sich in Bürgerwehren gegen Einbrüche zusammenfinden, nur gratulieren. Allen, die sich so gegen Verbrechen wehren, kann man nur wie einst der Kaiser zurufen: „Auf nun. Zu den Waffen!“

Den Mitarbeitern der PAZ vielen Dank, für all die Artikel, welche die Missstände in Deutschland beim Namen nennen und, hoffentlich vielen Lesern die Augen öffnen.

Hartmut Thiele, Leipzig


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Immanuel Kant als Touristenmagnet
Im ehemaligen Pfarrhaus von Judtschen soll ein Museum entstehen – Die Entscheidung ist umstritten

Das unter Denkmalschutz stehende, weitgehend verfallene ehemalige Pfarrhaus in Judtschen, Kreis Gumbinnen soll nach langen Dis­kussionen endlich saniert werden. Weil Immanuel Kant einige Jahre darin gelebt hat, soll hier ein Kantmuseum entstehen.

Der Anregung Wladimir Putins folgend, Kant zum Wahrzeichen des gesamten Königsberger Gebiets zu erheben, plant die Gebietsregierung, in Judtschen ein Kantmuseum einzurichten.

In dem ehemaligen Pfarrhaus des Pastors Daniel Ernst Andersch soll der berühmte Philosoph nach der Beendigung seines Universitätsstudiums als Hauslehrer drei Jahre lang tätig gewesen sein. Kant bewohnte ein kleines Mansarden-Zimmer des Hauses. Im 19. Jahrhundert brannte das Pastorenhaus nieder und es blieben nur noch die Fundamente erhalten. An seiner Stelle wurde ein anderes einstöckiges Haus gebaut.

Vor der Entscheidung der Gebietsregierung gab es unter den Heimatforschern Streit darüber, ob das Gebäude in Judtschen [Wesjolowka] überhaupt mit der Persönlichkeit Immanuel Kants in Verbindung gebracht werden könne. Einige gingen sogar so weit, ihre Kollegen der Scharlatanerie zu bezichtigen. Denn auch in Königsberg gibt es zahlreiche Gebäude, die auf den Fundamenten von Häusern stehen, die Kant einmal besucht hatte, die aber keinen besonderen Status haben.

Die Kritiker beklagen, dass es inzwischen viele Projekte, Konzepte und Strategien zur Entwick­lung des historischen Erbes gebe, die nur deshalb betrieben würden, um sich Gelder aus dem dafür vorgesehenen Topf des Gebietshaushalts anzueignen. Es sei nur an das berüchtigte Projekt „Herz der Stadt“ erinnert, das im vergangenen Jahr für heftige Dis­kussionen sorgte, da der Konzeption eine bemerkenswerte Realitätsferne nachgewiesen wurde und deren Urhebern der Zorn ihrer Kollegen entgegenschlug, die ihnen vorwarfen, Plagiate begangen zu haben. Diese Diskussionen und die bereits erfolgte Tätigkeit der Arbeitsgruppe haben das Gebietsbudget nicht gerade wenig gekostet.

An dem geheimnisvollen „Kanthaus“ zeigten die regionalen Behörden ein unerwartet großes Interesse. Es war der Vorschlag des Kulturrats beim Gouverneur, ein Kantmuseum in dem bereits verfallenen Gebäude einzurichten.

Die eine Hälfte des sogenannten „Hauses des Pfarrers“ haben deren ehemaligen Besitzer bereits der Gebietsregierung verkauft, die andere Hälfte ist noch in Privatbesitz: Sie gehört der Russisch-Orthodoxen Kirche. Die Vertreter der Königsberger Diözese unterstützen die Entscheidung des Gouverneurs, ein Museum in dem Haus einzurichten, aber die Frage der Übertragung ihrer Haushälfte wurde bislang noch nicht gelöst.

Auf der Märzsitzung des Kulturrats schlug der Gouverneur des Königsberger Gebiets, Nikolaj Zukanow, vor, in dem Haus ein Hotelzimmer oder einen Vortragssaal einzurichten und erteilte den Auftrag, möglichst bald einen Plan für die Entwicklung des Tourismus in Judtschen vorzulegen. Vermutlich wird der zukünftige Museumskomplex aus zwei Teilen bestehen: Im Erdgeschoss soll eine thematische Ausstellung eingerichtet werden und auf dem Dachboden ein Museum der sowjetischen Übersiedler nach Ostpreußen. Um einen Pfarrhof nachzubauen, werden zwei weitere Häuser im Fachwerkstil des 18. Jahrhunderts errichtet. Hier sollen ein „Haus der Kunst“ und eine Mensa eingerichtet werden. In der warmen Jahreszeit könnte hier auch ein Zeltlager für Jugendliche stattfinden.

Um das Ausmaß der künftigen Arbeiten auf dem Grundstück zu beurteilen, reiste eine Gruppe aus Mitgliedern des Kulturrats zu einer Ortsbesichtigung an. Der stellvertretende Vorsitzende des Kulturrats, Alexander Popadin, sagte bei der Beurteilung des Zustands des Hauses, man müsse dieses zunächst Stein für Stein abtragen, um es dann wieder aufbauen zu können. Ihm stimmte auch die Chefin des Denkmalschutzdienstes, Larissa Kopzewa, zu. Laut Chefarchitekt Alexander Baschin würden die Kosten des Ab- und Wiederaufbaus umgerechnet zwischen 300000 und 400000 Euro betragen. Das betrifft allerdings nur die Kosten für die Sanierung des kleinen Hauses, nicht aber die für die gesamte touristische Museumszone. Dafür benötige man größere Mittel.

Während eines Medien-Forums in St. Petersburg reagierte Putin auf den Appell eines Königsberger Bloggers bezüglich des Kantmuseums, indem er sagte: „Wir haben bereits eine Entscheidung getroffen. Wir werden der Gebietsregierung helfen, das Haus wie­der­her­zu­stel­len und einen kleinen Gedenkkomplex einzurichten. Obwohl die Kosten nicht hoch sind, und sie es selber tun könnten. Aber wir werden helfen.“

„Natürlich war Kant ein deutscher Philosoph, aber er war auch ein Bürger des Russischen Reiches“, fügte der Präsident hinzu und: „Er ist unser gemeinsames Erbe.“

Vor Kurzem erklärte Zukanow auf der Sitzung des Kulturrates, dass es mit der Finanzierung des geplanten Museumskomplexes keine Probleme geben werde. Angesichts der bevorstehenden Jubiläen ist die Aufmerksamkeit auf das Erbe Kants logisch. In diesem Jahr jährt sich der Todestag des Philosophen zum 210. Mal und der Geburtstag zum 290. Mal.

Jurij Tschernyschew


Ostpreußisch in Königsberg
Herbert Tennigkeit las im Deutsch-Russischen Haus

Die ostpreußische Mundart habe ich mit der Muttermilch aufgesogen … und ein wenig habe ich sie dann später aufpoliert, als ich mich entschlossen hatte, mich mit der ostpreußischen Kultur zu beschäftigen. Irgendjemand muss doch etwas dafür tun, damit diese Mundart nicht ausstirbt.“ Wie gut der 1937 in einer kleinen Siedlung nahe Tilsit geborene Schauspieler sowie Hörspiel- und Synchronsprecher Herbert Tennigkeit diese Mundart beherrscht, davon konnten sich rund 70 Teilnehmer seiner Lesung im Deutsch-Russischen Haus in Königsberg überzeugen.

Tennigkeit liebt Klassisches, Konservatives. Auf die moderne Technik im Deutsch-Russischen Haus verließ er sich nicht. So hatte er aus der Bundesrepublik seinen Kassettenrekorder mitgebracht. Mit ein wenig Improvisation und Hilfe des Technikers im Deutsch-Russischen Haus klang das „Ännchen von Tharau“ vom Band, als wenn es von einer CD abgespielt worden wäre.

Unter den dankbaren Zuhörern seiner 90-minütigen Lesung befand sich auch der deutsche Generalkonsul Rolf Friedrich Krause sowie als Einladender der Leiter der Vertretung der Handelskammer Hamburg in Königsberg, Stephan Stein, und der Direktor des Deutsch-Russischen Hauses, Andrej Portnjagin.

Tennigkeit hatte immer mal wieder Befürchtungen, dass er vielleicht zu viel und zu lang liest. Den Eindruck hatten aber die Zuhörer nicht, denn dass die 90 Minuten so schnell verstrichen und dies niemand merkte, zeugt doch davon, wie interessant Tennigkeit die ostpreußische Mentalität herübergebracht hat und dass er vor allem auch die richtigen Anekdoten und Geschichten ausgewählt hatte.

Und noch eine gute Nachricht gibt es. Gemeinhin ist Tennigkeits Publikum nur zu einem kleinen Anteil jüngeren Alters. Die Teilnehmer an seiner Lesung in Königsberg konnten da schon das bisherige statistische Durchschnittsalter seiner Lesungen ein wenig drücken. Uwe Niemeier

Nähere Informationen erteilt Uwe Niemeier, office@kaliningrad-domizil.ru


Stammtisch für Deutsche
Jeden Mittwoch kommen in Königsberg Landsleute zusammen

Während ihrer Reise anlässlich der Ausstellungseröffnung „Kurze Geschichte der Stadt Labiau“ im Königsberger Gebietsarchiv hatte die deutsche Delegation Gelegenheit, den „Trefftisch Deutschsprachiger“ im Restaurant Zötler (www.zoetler.ru) kennenzulernen. Das Treffen, eine Art Stammtisch, bei dem Landsleute zusammenkommen, um wieder einmal ein paar Worte Deutsch zu sprechen und um sich über Alltägliches, Gedanken und Meinungen auszutauschen, findet jeden Mittwoch ab 18 Uhr statt. Im Jahre 2009 hatten Mitarbeiter des Generalkonsulats damit begonnen, sich einmal wöchentlich zu treffen. Inzwischen hat der „Trefftisch“ eine Teilneh­mer­zahl von etwa 15 Personen, die regelmäßig kommen. An besagtem Mittwochabend waren zirka 18 Besucher anwesend. LO-Sprecher Stephan Grigat, die Labiauer Kreisvertreterin Brigitte Stramm und Klaus-Arno Lemke konnten interessante Kontakte knüpfen.

Das Restaurant Zötler, am Steindamm, zwei Häuser vom Hansaplatz entfernt gelegen, kann man als bayerisches Lokal bezeichnen. Bei einem guten Glas Bier und herzhaften Spezialitäten wie Nürnberger Rostbratwürstl lässt es sich gut diskutieren und plaudern.

Da Königsberg viel zu interessant ist, um es sich nicht anzusehen, nutzten Grigat und Stramm die wenige Zeit vor dem Rückflug noch dazu, Königsberg zu Fuß zu erkunden. B.S.


S. 14 Ostpreussische Familie

Glocken für ostpreußische Gemeinden
Heimatforscher sorgen im Erzgebirge für den Erhalt ausgedienter Kirchengeläute – Verbleib vieler Glocken ungeklärt

Viele Gießereien in Deutschland stellten Glocken für ostpreußische Kirchen her. In den Wirren der beiden Weltkriege gingen viele unwiderruflich verloren. In archivierten Katalogen des sächsischen Eisenwerks Morgenröthe werden Glocken mit Klang- und Gewichtsangaben aufgeführt, die für ostpreußische Kirchen gegossen wurden.

Während des Ersten Weltkrieges mussten sich in Ostpreußen viele Kirchengemeinden von ihren oft jahrhundertealten Bronzeglocken trennen und sie auf behördliche Anordnung zum Einschmelzen abliefern.

Versuche der Gemeinden, nach dem Ersten Weltkrieg neue Bronzeglocken gießen zu lassen, waren infolge des damals bestehenden Materialmangels zum Scheitern verurteilt. Um den Wunsch der Gemeinden nach einem vollen Geläut erfüllen zu können, wurde Verbindung zur Glockengießerei „Franz Schilling Söhne“ in Apolda aufgenommen, deren Vorfahren einst das Privileg als Hofglockengießer des Weimarer Großherzogs erhielten. Ab 1918 stellte die Glockengießerei in Apolda gemeinsam mit der Firma Latterman aus Morgenröthe als „Schilling & Lattermann“ in dem kleinen, im Erzgebirge gelegenen Dorf Morgenröthe-Rautenkranz Glocken aus Stahl her, die nach Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Firmen ihren bisherigen Namen „Klangstahlglocken“ durch „Eisenhartgussglocken“ ersetzen mussten. Die Berechnung der Glocken erfolgte in Apolda, der Glockenguss in Morgenröthe.

Die klangschwächeren Eisenhartgussglocken wurden fast immer am gekröpften Jochen ausgeführt und verstärkten nochmals die Klangeinbußen.

Die Gießerei in Morgenröthe-Rautenkranz brannte im Jahre 1968 ab und stellte ihre Tätigkeit ein, nachdem sie bis dahin trotz aller Materialschwierigkeiten im Osten noch vielen Gemeinden Eisenhartgussglocken als Ersatz für die im Zweiten Weltkrieg verloren gegangenen Glocken liefern konnte.

Ein kleiner Kreis interessierter Bürger sammelt heute alles noch Erreichbare über die Geschichte des kleinen Dorfes im Erzgebirge und verfügt neben alten Prospekten der Firma „Schilling & Lattermann“ auch über ausgediente Glocken sächsischer Kirchen.

Mit besonderem Stolz verweisen die Heimatforscher auf ihren restaurierten Hochofen, mit dem einst das Roheisen gewonnen wurde, und auf eine Glocke, die im Jahre 1939 die Belegschaft des Werkes ihrem Chef Lattermann zum 60. Geburtstag schenkte. So müssen wohl auch die Glocken ausgesehen haben, die nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Erzgebirge nach Ostpreußen kamen.

Die Glocken wurden in den ostpreußischen Gemeinden mit großen Festgottesdiensten geweiht. In der „Königsberger Hartungschen Zeitung“ von 1924 wird ausführlich über die Festgottesdienste in der Löbenichtschen Kirche und in der Gemeinde Kalthof berichtet. Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Superintendent Ernst Trincker, berichtet in einem Schreiben vom 17. September 1918 aus Lötzen:

„Es ist mir eine besondere Freude, der Firma ,Schilling & Lattermann‘ in Apolda über die gelieferten drei Kirchenglocken das beste Zeugnis ausstellen zu können. Die neuen Glocken sind im Klange den alten Bronzeglocken so täuschend ähnlich, dass ein Kirchengemeindevertreter wirklich glaubte, er höre noch den alten gewohnten lieben Klang vom Kirchturm. Und dieses Meisterwerk ist der geehrten Firma in der kurzen Zeit von sechs Wochen gelungen. Am 31. Juli wurden die neuen Klangstahlglocken bestellt, und am 12. September gaben sie bereits vom Turme unserer Stadtkirche der Gemeinde den ersten Gruß. Darum kann ich die Firma für Lieferung von Ersatzglocken nur bestens empfehlen.“

Ein Katalog der Firma „Schilling & Lattermann“ enthält eine Übersicht über die in den Jahren 1918 bis 1928 in Morgenröthe für Ostpreußen gefertigten Eisenhartgussglocken: Orte und Kirche, Töne und ungefähres Gewicht in Kilogramm: Allenburg (g, b, d, 1650 kg), Altstadt (c, 350 kg), Angerburg (b, d, 750 kg), Assaunen (a, cis, 900 kg), Baitkowen (h, dis, 630 kg), Bialla (a, cis, e, 1100 kg), Braunsberg, Ev. Kirche, (as, b, 1250 kg), Buddern (fis, ais, cis, 1900 kg), Candien (d, fis, a, 500 kg), Canditten (g, 750 kg), Deutsch Thierau (a, cis, e, 1100 kg), Döllstädt (g, 900 kg), Ebersbach (a, c, 1000 kg), Eckertsdorf (cis, e, 480 kg), Eichhorn (a, d, 800 kg), Gawrzyalken (c, 350 kg), Gehsen (cis, e, 460 kg), Gerdauen (e, gis, h, 2800 kg), Germau (f, as, 1750 kg), Gilgenburg (es, g, 300 kg), Gollubien (a, c, 950 kg), Göritten (b, d, 750 kg), Großarnsdorf (des, f, 400 kg), Groß-Lenkeningken (c, es, 550 kg), Groß-Reußen (b, des, 800 kg), Groß-Schläfken (d, 250 kg), Groß-Stürlack (e, g, 300 kg), Groß-Thierbach (gis, 750 kg), Grünhagen (e, 1600 kg), Guttenfeld (as, es, 900 kg), Hagenau (c, es, 550 kg), Heiligenbeil, Ev. Kirche (d, 2200 kg), Hermsdorf (h, 430 kg), Herrendorf (a, c, 1000 kg), Hohendorf (f, a, 200 kg), Insterburg, Lutherkirche (es, g, b, 3300 kg), Insterburg Melanchthonkirche (g, b, d, 1700 kg), Judtschen (cis, e, fis, 550 kg), Judtschen (b, 500 kg), Klein Gnie (c, e, 500 kg), Klein Schläfken (f, 150 kg), Königsberg-Kalthof (gis, h, cis, 1500 kg), Königsberg-Löbenicht (des, f, as, b, 5200 kg), Kurwien (b, des, 800 kg), Landsberg (f, c, 1700 kg), Laptau (c, e, 530 kg), Lauk (g, 900 kg), Liebwalde (b, d, 700 kg), Lötzen (fis, ais, cis, 1800 kg), Marienwerder, Dom (dis, fis, 3000 kg), Mahnsfeld (h, 350 kg), Mierunsken (as, c, es, 1300 kg), Molthainen (as, c, es, 1300 kg), Neuheide b. Elbing (h, d, e, 860 kg), Neumark (a, 620 kg), Olschöwen (gis, h, 1180 kg), Passenheim (e, gis, 2400 kg), Pellen (ais, 750 kg), Popelken (as, c, es, 1300 kg), Powunden (a, 620 kg), Preußisch-Holland (des, f, as, 4800 kg), Puchallowen (es, g, 350 kg), Reddenau (h, 430 kg), Reichenau (c, 350 kg), Reichwalde (es, 200 kg), Rössel (as, c, es, 1300 kg), Saalfeld (e, gis, h, 2800 kg), Scharnau (b, d, 750 kg), Schmauch (gis, 750 kg), Schnellwalde (des, 300 kg), Seckenburg (es, 200 kg), Seligenfeld (b, 430 kg), Strataunen b. Lyck (b, d, f, 900 kg), Sußemilken (b, d, 750 kg), Szirgupönen (b, d, 680 kg), Tapiau (f, as, 2100 kg), Tollmingkehmen (d, fis, 400 kg), Trappönen (b, 500 kg), Wedereitischken (d, f, 250 kg), Weißuhnen (es, 200 kg), Widmiunen (g, b, d, 1700 kg).

Diese Übersicht ist nur ein Mosaikstein auf der Suche nach ostpreußischen Glocken und ihrem Schicksal, schließlich gab es in Deutschland auch noch andere Glockengießereien, die für Ostpreußen Ersatzglocken lieferten. So wird zum Beispiel ohne Angabe der Glockengröße, ihrer Tonlage und des Herstellers in der „Königsberger Hartungschen Zeitung“ vom 26. Januar 1925 über eine Glockenweihe in der Altroßgärter Kirchgemeinde berichtet.

Welche dieser Glocken mag wohl das Inferno von 1945 und die Jahrzehnte danach heil überstanden haben und heute noch an ihrem angestammten Platz hängen? Wolfgang Reske


499 Jahre Geschichte eines ostpreußischen Gutes
Architekturhistoriker Wulf D. Wagner präsentiert zwei Bände seiner Dokumentation über Gut Truntlack im Kreis Gerdauen

Nach der Veröffentlichung seines umfassenden Werkes über das Königsberger Schloss und den Bänden zu den ostpreußischen Kreisen Heiligenbeil und Gerdauen hat Wulf D. Wagner jetzt die zweibändige Chronik eines ostpreußischen Rittergutes vorgelegt: „Das Rittergut Truntlack 1446–1945 – 499 Jahre Geschichte eines ostpreußischen Gutes“.

Von Truntlack im Kreis Gerdauen ist bis auf wenige Fundamente und Reste der Parkstruktur nichts übrig geblieben. Doch das nun im Husum-Verlag erschienene Werk basiert auf reichem Quellenmaterial aus deutschen und europäischen Archiven (Band 1) sowie Dokumenten, die sich im Privatbesitz erhalten haben, und Gesprächen mit Zeitzeugen (Band 2).

Erstmals wird in aller Breite nicht allein die Chronik eines ostpreußischen Gutes und seiner Familien beschrieben, sondern diese zugleich zwischen Bronzezeit und den Jahrzehnten nach 1945 eingebunden.

Der erste Band beginnt in der prußischen Vorzeit. Als Georg von Schlieben 1469 jene Landschaft um Gerdauen und Nordenburg, die zur Hälfte noch aus Wildnis bestand, vom Deutschen Orden verliehen bekam, existierten der 1446 erstmals erwähnte Ort Truntlack bereits. Im Laufe des 15. bis 18. Jahrhunderte wurde durch die Erben Georg von Schliebens das weite Land kultiviert, Dörfer und Kirchen gegründet. Dieser mühsame und mit manchem Familienkonflikt verbundene Weg der Kolonisierung wird anhand zahlreicher Familienverträge – vollständig wiedergegeben und teilweise als Faksimiles ab­ge­druckt – beschrieben. Damit wird das Buch über die Gutsgeschichte hinaus zur Quelle zu weiteren Ortsgründungen in den Kreisen Gerdauen und Darkehmen. Der enorme Besitz wurde regelmäßig zwischen den Erben geteilt, bis Anfang des 19. Jahrhunderts Truntlack mit rund 1000 Hektar Land, Gewässern und Wald übrig blieb.

Die Geschichte vieler ostpreußischer Güter mag ähnlich verlaufen sein wie die Truntlacks. Damit stünde dieses Buch auch für die Geschichte anderer Güter. Doch in einem unterscheidet sich Truntlack von anderen Besitzungen: Auch wenn sich durch Heirat zweimal die Namen der Besitzer änderten, so blieb das Gut doch von 1469 bis 1945 im Besitz einer Familie, deren Nachkommen diese Arbeit initiiert haben. Die einzige Tochter des letzten Schlieben auf Truntlack heiratete einen von Wernsdorff, und der letzte Truntlacker Wernsdorff übergab das Gut seinem Großneffen Alfred Baron von Heyking.

Die umfangreiche Aktenüberlieferung nicht nur in Berlin, sondern auch in Allenstein und Wilna ermöglichte eine lückenlose Darstellung nicht allein der Besitzerfolgen, sondern vieler Themengebiete; einzelne Kapitel befassen sich mit den Untertanen, der Steuerpolitik, der Landwirtschaft, der Stadt Nordenburg, dem Patronatswesen, dem Wegebau, der politischen Teilhabe der Gutsbesitzer und anderem.

Der zweite Band setzt mit der Gründung der Familienstiftung 1885 ein. Die Darstellung der folgenden Jahrzehnte bis zur Flucht 1945 basiert vorwiegend auf Familiendokumenten und lebendigen Briefen vor allem der Jahre 1933 bis zum Januar 1945. Stärker als für die Zeiten zuvor konnten hier durch die Befragung letzter Zeitzeugen Erinnerungen auch an die Flucht 1945 in die Chronik eingebaut werden. Den Band beschließen Kapitel zum Lastenausgleich und zur Wiederbegegnung mit dem Ort seit den 1990er Jahren.

Die Gutsgeschichte wird stets in die größeren Zusammenhänge der (ost-)preußischen Geschichte eingebunden, so wird preußische Geschichte aus der Sicht eines Ortes und seiner Familien neu erzählt.

Großen Wert legt man auf zahlreiche Abbildungen von Verträgen, Karten oder zeitgenössischen Dokumenten. Umfassende Personen- und Ortsregister sowie zahlreiche Quellenangaben sollen jenen, die sich mit ostpreußischer Orts- oder Familiengeschichte befassen, bei ihren Forschungen weiterhelfen.

Auf dem Ostpreußentreffen in Kassel wird das Buch präsentiert – Auftraggeber und Autor werden zum Gespräch anwesend sein. EB

Wulf D. Wagner: Das Rittergut Truntlack 1446–1945. 499 Jahre Geschichte eines ostpreußischen Gutes, Husum 2014. (2 Bände mit zusammen 750 Seiten, zahlreiche, auch farbige Abbildungen.)


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 104. GBEURTSTAG

Döhler, Hedwig, geb. Neumann, aus Giesen, Kreis Treuburg, am 18. Mai

ZUM 103. GEBURTSTAG

Lippe, Elsa, geb. Rachstein, aus Fischhausen, Kreis Samland, am 18. Mai

ZUM 100. GEBURTSTAG

Prawitt, Lisbeth, geb. Moehrke, aus Klein Powayen, Kreis Samland, am 18. Mai

ZUM 98. GEBURTSTAG

Kasper, Margarete, geb. Dombrowski, aus Illowo, Narzym, Kreis Neidenburg, am 19. Mai

Wiese, Lieselotte, geb. Nischk, aus Lyck, am 18. Mai

ZUM 97. GEBURTSTAG

Zöttl, Eva, geb. Kleist, aus Lyck, Yorkplatz 5, am 17. Mai

ZUM 95. GEBURTSTAG

Herrmann, Herbert, aus Stobingen, Kreis Wehlau, am 21. Mai

Paulsen, Anni, geb. Bitschkat, aus Giesen, Kreis Treuburg, am 20. Mai

ZUM 94. GEBURTSTAG

Bombor, Ernst, aus Neuendorf, Kreis Treuburg, am 21. Mai

Czesnat, Elisabeth, geb. Weidmann, aus Lesgewangen, Kreis Tilsit-Ragnit, am 20. Mai

Glatzel, Hildegard, geb. Reisgies, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 21. Mai

Voss, Gertrud, geb. Pyko verwitwete Napierski, aus Denkhein, Kreis Neidenburg, und aus Neuendorf, Kreis Treuburg, am 17. Mai

Winter, Margarete, geb. Rossmannek, aus Ortelsburg, am 18. Mai

Schakenberg, Margarete, geb. Römpke, aus Neumühl, Kreis Wehlau,am 21. Mai

Tiedemann, Martha, geb. Pissarek, aus Sentken, Kreis Lyck, am 21. Mai

Zollek, Anna, geb. Bernatzki, aus Ortelsburg, am 22. Mai

ZUM 93. GEBURTSTAG

Cramer, Ursula, geb. Hecht, aus Wehlau, am 21. Mai

Dominik, Werner, aus Malga, Kreis Neidenburg, am 19. Mai

Hübner, Herbert, aus Rothenen, Kreis Samland, am 19. Mai

Kirsch, Ella, geb. Lasogga, aus Rogonnen, Kreis Treuburg, am 22. Mai

Mai, Eva, geb. Soltau, aus Peyse, Kreis Samland, am 19. Mai

Orlowski, Hugo, aus Wappendorf, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

Treczoks, Liesbeth, geb. Bolz, aus Lyck, Kaiser-Wilhelm-Straße 143, am 21. Mai

Ziemba, Elisabeth, geb. Müller, aus Altkirchen, Kreis Ortelsburg, am 18. Mai

ZUM 92. GEBURTSTAG

Arnoldt, Renate, geb. Pawlitzek, aus Westpreußen, Kreis Samland, am 21. Mai

Bendig, Erich, aus Neufelde, Kreis Elchniederung, am 23. Mai

Bernitzki, Margarete, geb. Jurzenuik, aus Masuren, Kreis Treuburg, am 17. Mai

Best, Ilse, geb. Ströhl, aus Eichen, Kreis Preußisch Eylau, am 23. Mai

Czisso, Gerda, geb. Schulz, aus Regeln, Kreis Lyck, am 17. Mai

Dagott-Becker, Ilse, aus Rauschen, Kreis Samland, am 21. Mai

Gallinger, Eva-Maria, geb. Haake, aus Fischhausen, Kreis Samland, am 22. Mai

Knaack, Dora, geb. Petrick, aus Allgau, Kreis Elchniederung, am 20. Mai

König, Emma, geb. Conrad, aus Tawe, Kreis Elchniederung, am 21. Mai

Lorfing, Arthur, aus Aßlacken, Kreis Wehlau, am 23. Mai

Robbert, Hildegard, geb. Mügge, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, und Stallupönen, am 19. Mai

Sareik, Hilde, geb. Niedzkowski, aus Rogallen, Kreis Lyck, am 18. Mai

Zwiener, Ottilie, geb. Kondritz, aus Kalkhof, Kreis Treuburg, am 21. Mai

ZUM 91. GEBURTSTAG

Baden, Elsbeth, geb. Knopp, aus Treuburg, am 22. Mai

Birkholz, Erika, geb. Schäfer, aus Jagsten, Kreis Elchniederung, am 19. Mai

Gaszek, Edith, geb. Kostrewa, aus Ebendorf, Kreis Ortelsburg, am 23. Mai

Gronau, Klaus, aus Dannenberg, Kreis Elchniederung, am 22. Mai

Hirsch, Charlotte, geb. Kell, aus Sköpen, Kreis Elchniederung, am 19. Mai

Joneleit, Irmgard, geb. Emmemthal, aus Klein Engelau, Kreis Wehlau, am 19. Mai

Leipacher, Edith, geb. Schaade, aus Gruten, Kreis Elchniederung, am 21. Mai

Liedtke, Edith, geb. Grow, aus Drugehnen, Kreis Samland, am 22. Mai

Lischka, Waltraut, geb. Wendt, aus Weißengrund, Kreis Ortelsburg, am 23. Mai

Michalzik, Jutta, geb. Klein, aus Neuendorf, Kreis Lyck, am 21. Mai

Mosner, Erna, geb. Hoffmeister, aus Sanditten, Kreis Wehlau, am 21. Mai

Schiller, Elli, geb. Tabel, aus Taukitten, Kreis Samland, am 18. Mai

Schmidt, Elsbeth, geb. Lange, aus Bartenhof, Kreis Wehlau, am 17. Mai

Schmidt, Gertrud, geb. Tuthas, aus Ortelsburg, am 18. Mai

Wiechert, Hilde, geb. Venohr, aus Bladiau-Pfarrstraße, Kreis Heiligenbeil, am 17. Mai

ZUM 90. GEBURTSTAG

Achenbach, Werner, aus Ebenrode, am 18. Mai

Czieslik, Heinrich, aus Dreimühlen, Kreis Lyck, am 20. Mai

Drewe, Gerda, geb. Niederstrasser, aus Dräwen, Kreis Ebenrode, am 20. Mai

Engelke, Erika, geb. Butzkies, aus Eckwalde, Kreis Elchniederung, am 19. Mai

Erith, Alfred, aus Wiedicken, Kreis Lötzen, am 21. Mai

Feyer, Judith, geb. Schreiber, aus Gollern, Kreis Lyck, am 17. Mai

Gesk, Ewald, aus Jakubben, Kreis Johannisburg, am 17. Mai

Hennig, Heinz, aus Nautzwinkel, Kreis Samland, am 18. Mai

Janke, Hermann, früher Jablonowski, aus Neidenburg, am 22. Mai

Koppetsch, Martha, geb. Fuchs, aus Mecken, Kreis Ebenrode, am 23. Mai

Penski, Werner, aus Lötzen, am 23. Mai

Prieß, Christel, geb. Kalweit, aus Lötzen, am 20. Mai

Quitzrau, Charlotte, geb. Kalinowski, aus Lötzen, am 20. Mai

Sievers, Emmi, geb. Kowalewski, aus Moddelkau, Kreis Neidenburg, am 22. Mai

Struwe, Hermann, aus Wehlau, am 22. Mai

ZUM 85. GEBURTSTAG

Brosig, Hildegard, geb. Hohmann, aus Kornau, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

Burgschat, Albin, aus Torffelde, Kreis Tilsit-Ragnit, am 22. Mai

Endruschat, Gerda, geb. Raasch, aus Wilkendorf, Kreis Wehlau, am 23. Mai

Fabri, Manfred, aus Montwitz, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

Girnus, Siegfried, aus Rosenwalde, Kreis Elchniederung, am 17. Mai

Gulbis, Hildegard, geb. Marrek, aus Grünfließ, Kreis Neidenburg, am 23. Mai

Hömke, Hildegard, geb. Werner, aus Pomedien, Kreis Wehlau, am 23. Mai

Lätsch, Else, geb. Perbandt, aus Quilitten, Kreis Heiligenbeil, am 21. Mai

Meyer, Erna, geb. Schmuck, aus Laserkeim, Kreis Samland, am 18. Mai

Oimann, Ursula, geb. Prawdzik, aus Lyck, Danziger Straße 18, am 17. Mai

Pelzer, Gudrun, aus Prostken, Kreis Lyck, am 21. Mai

Rintelen, Anne, geb. Stock, aus Loppöhnen, Kreis Samland, am 18. Mai

Ruck, Albertine, geb. Pleß, aus Schönrade, Kreis Wehlau, am 21. Mai

Rudzki, Ilse, geb. Kleimann, früher Klimaschewski, aus Fließdorf, Kreis Lyck, am 23. Mai

Schwark, Ruth, geb. Müller, aus Pregelswalde, Kreis Wehlau, am 20. Mai

Seidel, Friedhold, geb. Appel, aus Ortelsburg, am 22. Mai

ZUM 80. GEBURTSTAG

Arndt, Kurt, aus Allenberg, Kreis Wehlau, am 23. Mai

Berwein, Willi, aus Ortelsburg, am 21. Mai

Buttgereit, Harry, aus Ringen, Kreis Treuburg, am 18. Mai

Ceranski, Friedrich, aus Fröhlichshof, Kreis Ortelsburg, am 18. Mai

Chudaska, Walter, aus Ortelsburg, am 22. Mai

Erdmann, Edeltraut, geb. Gollub, aus Morgengrund, Kreis Lyck, am 18. Mai

Esser, Ingeborg, geb. Petrowitz, aus Lyck, am 21. Mai

Geucke, Wera, geb. Schoepe, aus Kiauschen/Wetterau, Kreis Schloßberg, am 21. Mai

Goetz, Traute, geb. Feyerabend, aus Kalkstein, Kreis Samland, am 23. Mai

Grams, Giesela, geb. Nehm, aus Pollwitten, Kreis Samland, am 21. Mai

Herrmann, Irene, geb. Sinagowitz, aus Ebendorf, Kreis Ortelsburg, am 23. Mai

Hopp, Elli, geb. Glinka, aus Friedrichshof, Kreis Ortelsburg, am 20. Mai

Janz, Manfred, aus Grünwiese, Kreis Elchniederung, am 17. Mai

Krause, Inge, geb. Dzikonski, aus Schwalg, Kreis Treuburg, am 20. Mai

Lenuweit, Jürgen, aus Kreuzingen, Kreis Elchniederung, am 22. Mai

Lux, Klaus, aus Wiskiauten, Kreis Samland, am 22. Mai

Plikat, Manfred, aus Ebenrode, am 19. Mai

Pohl, Brigitte, geb. Weber, aus Lyck, am 20. Mai

Pomarolli, Brigitte, aus Kröstenwerder-Reuschendorf, Kreis Lyck, am 17. Mai

Reichentrog, Ilse, geb. Brosius, aus Preußenwall, Kreis Ebenrode, am 18. Mai

Rose, Ingrid, geb. Kroschinski, aus Peterswalde, Kreis Elchniederung, am 18. Mai

Sahs, Artur, aus Ittau, Kreis Neidenburg, am 23. Mai

Schmid, Ursula, geb. Knipp, aus Grunau, Gut Neu Streitswalde, Kreis Heiligenbeil, am 18. Mai

Schwalm, Reinhold, aus Waiselhöhe, Kreis Neidenburg, am 20. Mai

Schwarz, Horst, aus Schwentainen, Kreis Treuburg, am 18. Mai

Slopianka, Frank, aus Lyck, am 21. Mai

Wischnewski, Kurt, aus Muschaken, Kreis Neidenburg, am 17. Mai

Zblewski, Elfriede, geb. Titt, aus Großwalde, Kreis Elchniederung, am 23. Mai

ZUM 75. GEBURTSTAG

Abel, Renate, geb. Meschkat, aus Eschenberg, Kreis Elchniederung, am 18. Mai

Bardenhagen, Gerda, geb. Mock, aus Quellbruch, Kreis Ebenrode, am 18. Mai

Böhnke, Magnus, aus Windau, Kreis Neidenburg, am 17. Mai

Groppel, Ingrid, geb. Schmidt, aus Groß Marienwalde, Kreis Elchniederung, am 23. Mai

Krüger, Gerda, geb. Bleyer, aus Haldenau, Kreis Ebenrode, am 17. Mai

Lask, Sigrid, aus Ringen, Kreis Treuburg, am 23. Mai

Lukat, Günter, aus Dorf Trakehnen, Kreis Ebenrode, am 22. Mai

Meyer, Gisela, geb. Schalwat, aus Kummeln, Kreis Ebenrode, am 20. Mai

Schöndorf, Irmgard, geb. Augstein, aus St. Lorenz, Kreis Samland, am 23. Mai

Seiler, Brigitte, geb. Faltin, aus Schwentainen, Kreis Treuburg, am 18. Mai

Serowy, Reinhold, aus Markshöfen, Kreis Ortelsburg, am 20. Mai

Swincicki, Horst, aus Neidenburg, am 18. Mai

Szepanek, Jürgen, aus Kleineppingen, Kreis Neidenburg, am 17. Mai

Wittern, Erika, geb. Berg, aus Friedrichsdorf, Kreis Wehlau, am 20. Mai

Gnaden Hochzeit

Matzeit, Erich, und Ehefrau Ella, aus Rauterskirch, und Heiligenbeil, am 5. April

Diamantene Hochzeit

Eschment, Gerhard, aus Königsberg-Ponarth, und Ehefrau Edith, geb. Holstein, aus Königsberg-Schönfließ, am 21. Mai

Goldene Hochzeit

Denda, Alfred, aus Groß Schöndamerau, Kreis Ortelsburg, und Ehefrau Sigrid, geb. Lemberg, aus Wesel/Rhein, am 24. Mai

Philipowski, Willi, aus Langenwalde, Kreis Ortelsburg, und Ehefrau Hildegard, geb. Rhode, aus Grünwalde, Kreis Ortelsburg, am 23. Mai


S. 16 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGES OSTPREUSSEN

Vorsitzender: Stefan Hein, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

BJO-Sommerfahrt vom 21. Juli bis 1. August 2014 nach Nordostpreußen mit Besuchen in Königsberg, Trakehnen, auf der Kurischen Nehrung und in der Rominter Heide. Die vollständige Einladung mit allen Einzelheiten ist unter www.junge-ostpreussen.de zu finden. Anmeldeschluss: Juni 2014 (Visapflicht).

 

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Landesvorstand: – Sonnabend, 24. Mai, Beginn 9.45 Uhr, Ende zirka 17.30 Uhr, Hotel Wartburg, Stuttgart, Lange Straße 49: Landesfrauentagung. Der Vormittag ist zum großen Teil der Arbeit der Frauengruppe gewidmet, mit Berichten über die kulturelle Frauenarbeit in Baden-Württemberg sowie über die Arbeit der Landesverbände der Ostpreußen und der Westpreußen. Um 14 Uhr beginnt nach der Mittagspause der kulturelle Teil mit einem Dia-Vortrag von Karla Weyland „Auf unserer Wiese gehet was … es ist der Storch“, einem Vortrag über „Dr. Alfred Lau – Kenner und Hüter der ostpreußischen Mundart“ von Uta Lüttich sowie „Sketchen und Vertellchen“ der Teilnehmerinnen. Gäste, die an der kulturellen Nachmittagsveranstaltung teilnehmen möchten, sind herzlich eingeladen, gegen 12.30 Uhr am gemeinsamen Mittagessen teilzunehmen. Anmeldung an Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon (0711) 854093.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Ansbach – Sonntag, 25. Mai, 14.30 Uhr, Gasthof Dinkelsbühl, Wilder Mann: Musikalische Heimatreise, Jahreshauptversammlung BdV/Kreisverband.

Bamberg – Mittwoch, 21. Mai, 15 Uhr, Hotel Wilde Rose, Keßlerstraße: Monatstreffen. Muttertagsfeier mit Kaffee und Kuchen, dazu Geschichten zum Muttertag in Ostpreußen.

Ingolstadt – Sonntag, 18. Mai, 14.30 Uhr, Gasthaus Bonschab, Münchener Straße 8: Monatliches Heimattreffen.

Kitzingen – Sonnabend, 24. Mai, Rathauskeller: Heimatabend der Landsmannschaften. – Freitag, 6. Juni, 15 Uhr, Hotel Würzburger Hof: Bericht über das Deutschlandtreffen in Kassel. – Vom 15. bis 22. Juni findet eine VdK-Fahrt zum „Fritz, dem Wirt“ nach Seeboden/Millstätter See (Kärnten) statt.

Landshut – Dienstag, 20. Mai, 14 Uhr, Insel: Zusammenkunft der Gruppe.

München – Jeden Montag, 18 bis 20 Uhr, Haus des Deutschen Ostens: Ostpreußischer Sängerkreis. Kontakt: Dr. Gerhard Gräf, Offenbachstraße 60, 85598 Baldham, Telefon (08106) 4960. – Freitag, 6. Juni, 14 Uhr, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, 81669 München: Zusammenkunft der Frauengruppe.

Nürnberg – Dienstag, 27. Mai, 15 Uhr, Haus der Heimat, Imbuschstraße 1 (Endstation U 1, Lgw.): Muttertagsfeier. Gäste sind herzlich willkommen.

 

BERLIN

Vorsitzender: Rüdiger Jakesch, Geschäftsstelle: Forckenbeck-straße 1, 14199, Berlin, Telefon (030) 2547345, E-Mail: info@bdv-bln.de, Internet: www.ostpreussen-berlin.de. Geschäftszeit: Donnerstag von 14 Uhr bis 16 Uhr Außerhalb der Geschäftszeit: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Angerburg/ Darkehmen/ Goldap – Donnerstag, 22. Mai, 14 Uhr, Restaurant Oase Amera, Borussiastraße 62, 12102 Berlin: Muttertag. Anfragen bei Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Königsberg/ Samland/Labiau – Donnerstag, 22. Mai, 14 Uhr, Johann-Georg-Stuben, Johann-Georg-Straße 10, 10709 Berlin: Treffen der Gruppen. Anfragen bei Professor Wolfgang Schulz, Telefon (030) 2515995.

Lyck – Sonnabend, 31. Mai, 15 Uhr, Kleiner Ratskeller, Am Rathaus 9, 10825 Berlin: Treffen der Gruppe. Anfragen bei Peter Dziengel, Telefon (030) 8245479.

Tilsit-Ragnit/ Tilsit-Stadt – Sonnabend, 31. Mai, 15 Uhr, Ratskeller Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 102, 10585 Berlin. Anfragen bei Hermann Trilus, Telefon (03303) 403881.

 

BREMEN

Vorsitzender: Helmut Gutzeit, Telefon (0421) 25 09 29, Fax (0421) 25 01 88, Hodenberger Straße

39 b, 28355 Bremen. Stellvertrende Vorsitzende: Marita Jachens-Paul, Ratiborer Straße 48, 27578 Bremerhaven, Telefon (0471) 86176. Landesgeschäftsführer: Jörg Schulz, Am Anjes Moor 4, 27628 Uthlede, Telefon (04296) 74 77 01.

Bremerhaven – Freitag, 30. Mai, 14.30 Uhr, Barlachhaus: Kulturnachmittag. Es wird der Film „Ostpreußen, Teil II“ gezeigt.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Kippingstr. 13, 20144 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Fried-rich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

KREISGRUPPE

Insterburg – Die Gruppe trifft sich jeden 1. Mittwoch im Monat (außer Januar und Juli) mit Liedern und kulturellem Programm um 12 Uhr, Hotel Zum Zeppelin, Frohmestraße 123–125. Kontakt: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg. Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

 

HESSEN

Vorsitzender: Eberhard Traum, Wächtersbacherstraße 33, 63636 Brachtal, Telefon (06053) 708612.

Darmstadt – Montag, 2. Juni: 65 Jahre Berliner Luftbrücke. Fahrt zum Luftbrückendenkmal und Besichtigung der Gleisanlagen Flughafen Frankfurt (Main). Ablauf: Abfahrt mit einem Bus, 11.30 Uhr Bahnhof Darmstadt Hauptbahnhof, Busparkplatz Westseite, 12 Uhr Bahnhof Groß-Gerau, 12.30 Uhr Ankunft am Parkplatz für Besucherbusse, P 36, Begrüßung durch Lieselotte Nicklas, Senior-Repräsentantin „Kundenmanagement-Besucherservice“, 13 Uhr Besichtigung der Gleisanlagen unter der Leitung von Roland Schwarz und Alexander Heinrich, 13.40 Uhr Fahrt zum Luftbrückendenkmal, Besichtigung und Erläuterung durch den Eisenbahner und Zeitzeugen Siegfried Kugies, 14.15 Uhr Fahrt zum Terminal 2, Einladung zur Kaffeetafel im Betriebsrestaurant Terminal 2, 15 Uhr Ende der Veranstaltung und Abfahrt vom Parkplatz P 36, Halt am Bahnhof Groß-Gerau und Darmstadt Hauptbahnhof. Kostenbeitrag 10 Euro. Anmeldungen bei Gerhard Schuster, Fürstenbahnhof 2, Zimmer EVG (Mittwoch von 8.30 bis 10 Uhr, Freitag von 9 bis 11 Uhr). Detlef Grigat, Ringstraße 37, 64823 Groß-Umstadt. Franz Kreuz, Liebknechtstraße 21, 64569 Nauheim. Klaus Rehn, Hermann-Löns-Straße 3, Groß-Gerau. Siegfried Kugies, Taunusstraße 40, 65468 Trebur. Anmeldeschluss ist der 22. Mai.

Dillenburg – Mittwoch, 28. Mai, 15 Uhr, Café Eckstein, Königsberger Straße: Monatsversammlung. Pfarrer i. R Dietmar Balschun wird über die Erinnerungen seiner Mutter Erika Balschun sprechen, unter dem Motto „Wie weit ist der Weg von Tellrode-Gumbinnen nach Herborn in Hessen?“ Gäste sind herzlich willkommen.

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Dortmund – Jeden dritten Montag von 14.30 bis 16.45 Uhr Treffen in der Heimatstube Märkische Straße. Auskünfte erteilt Marlies Hein unter Telefon (0209) 98894112. Gäste sind willkommen.

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 bis 20 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal, 1. Etage: Chorprobe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft. – Montag, 19. Mai, 19 Uhr, Jüdische Gemeinde Düsseldorf, Leo-Baeck-Saal, Zietenstraße 50: Vortrag von Carsten Eichenberger: „Alle Welt preist deine Herrlichkeit“. Die religiösen Gesänge des Joseph Schmidt. – Mittwoch, 21. Mai, 19 Uhr, GHH/Konferenzraum: Vortrag von Helmut Braun: „Joseph Schmidt – Die Ausmerzung des jüdischen Elements in der deutschen Musik (1933–1945)“. – Sonnabend, 31. Mai, 12.30 Uhr, Info-Stand Hauptbahnhof: Wandertreff. Ziel: Cromford-Museum, Ratingen. Abfahrt um 13 Uhr, Besichtigung der Spinnerei-Fabrik. – Mittwoch, 4. Juni, 15 Uhr, GHH/Raum 311/Siebenbürger Sachsen: Ostdeutsche Stickerei mit Helga Lehmann und Christel Knackstädt.

Köln − Dienstag, 20. Mai, 14.30 Uhr, Bürgerzentrum Köln-Deutz, Tempelstraße 41−43: Treffen der Ostpreußenrunde. Als ein Programmpunkt des Nachmittags, wird eine Filmvorführung mit dem Titel: „Die Malkunst in Lyck vor und nach dem Krieg“ (Dauer 45 Minuten) durchgeführt. Günter Donder zeigt Bilder von sieben Malern verschiedener Stilrichtungen.

Witten – Montag, 19. Mai, 15 Uhr, Evangelisch-Lutherische Kreuzgemeinde, Lutherstraße 6–10: Berichte und Erlebnisse vom Deutschlandtreffen der Ostpreußen in Kassel.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Jeden Freitag, 13 Uhr, Café Oase, Schönbornstraße 16, 55116: Die Gruppe trifft sich zum Kartenspielen.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle, Telefon privat (0345) 2080680.

Magdeburg – Freitag, 30. Mai, 16 Uhr, Zielitzer Straße: Treffen des Singekreises. – Dienstag, 3. Juni, 13.30 Uhr, Immermannstraße: Treffen der Stickerchen.


S. 17-18 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

JOHANNISBURG

Kreisvertreter: Dr. Manfred Solenski, Fichtenstraße 14, 26316 Varel, Telefon (04451) 4581, Fax (04451) 9189298, E-Mail: solenski@kreisgemeinschaft-johannisburg.de. Internet: www.kreisge-meinschaft-johannisburg.de

Die Kreisgemeinschaft Johannisburg trauert um ihren Heimatfreund und Landsmann Günter Schiwy aus Kreuzofen, der am 13. April in Hannover verstarb.

Günter Schiwy wurde vor 85 Jahren, am 26. September 1928, in Ostpreußen, Kreis Johannisburg in Kreuzofen, unmittelbar am Niedersee geboren. In seinem Leben haben ihn viele Zeitabschnitte der Kindheit und Jugend, die Flucht aus Ostpreußen und der Verlust seiner Heimat stark berührt, geprägt und nicht ruhen lassen. Mit Herz und Leidenschaft hat er das Erlebte, die masurische Geschichte und Lebensweise der Menschen aufgeschrieben und somit auch die Schätze unseres kulturellen Erbes vor dem Vergessen bewahrt.

In 30 Büchern hat er mit viel Fleiß, harter Arbeit und Ausdauer literarische Werke geschaffen und sich damit selbst ein besonderes Denkmal gesetzt. Seine Bücher beinhalten: Chroniken, Volks- und Naturkunde, Reiseberichte, geschichtliche und religiöse Ereignisse, Legenden, Sagen, Märchen, Pläne und Bilder. Mit seinem ersten 1988 veröffentlichen Buch: „Im Herzen Masurens oder das masurische Dorf Kreuzofen“ hat er Maßstäbe und Leitlinien für weitere Autoren gesetzt, die Dorfchroniken über Heimatorte erstellen wollen. Dem Dorf hat er ein neues Dasein und den ehemaligen Bewohnern ihr Gesicht und neuen Lebensmut wieder zurück-gegeben.

Von den im Jahr 1945 im Dorf vorhandenen 511 Einwohnern haben durch Kriegseinflüsse 123 Personen ihr Leben verloren. Einzeln wurden deren Lebenswege und Schicksale aufgezeichnet. So haben wir alle ehemaligen Bewohner in Erinnerung zurückrufen und unsere Toten betrauern können. Seine Veröffentlichungen in Buchform haben in vielen Bildungs- und Kulturinstitutionen Aufnahme gefunden. Sie sind wichtige historische Dokumente zur Pflege und Erhaltung des heimatlichen Kulturgutes.

In vielen Medien, Presse, Rundfunk und im Fernsehen berichtete er über seine Erinnerungen und Aufzeichnungen. Aufgrund seiner flüssigen Sprache mit ostpreußischem Akzent und der eigenen, gewandten Ausdrucksart sowie seinem Schreibstil, war es immer spannend und ein Genuss, in seinen Werken zu lesen. Sein Lebenswerk bleibt auch in der Literatur der Kreisgemeinschaft Johannisburg mit seinem Namen verbunden und für alle Suchenden der folgenden Generationen erhalten. Für seine heimatlichen Forschungen, Verdienste und sein Wirken wurde er mit Ehrenurkunden, Ehrenspangen, Ehrenzeichen und Ehrenmedaillen ausgezeichnet. In den Reihen der Kreisgemeinschaft Johannisburg wird er einen besonderen Ehrenplatz einnehmen.

Schiwy hat sich um seine Heimat Masuren und deren Menschen verdient gemacht. „Lieber Günter, die noch lebenden Kreuzofener und Ostpreußen bleiben dir in Treue verbunden, sie sind dir von Herzen dankbar und werden dich in würdiger und ehrender Erinnerung behalten.“

 

LYCK

Kreisvertreterin: Bärbel Wiesensee, Diesberg 6a, 41372 Niederkrüchten. Stellvertr. Kreisvertreter: Dieter Czudnochowski, Lärchenweg 23, 37079 Göttingen, Telefon (0551) 61665. Karteiwart: Siegmar Czerwinski, Telefon (02225) 5180, Quittenstraße 2, 53340 Meckenheim.

Am 27. April war es wieder soweit: Das Regionaltreffen Nord in Lübeck im Hotel Hanseatischer Hof fand bei strahlendem Sonnenschein statt. Die ersten Teilnehmer fanden sich schon um 9.30 Uhr im Kaminzimmer ein, wo dann schon die ersten regen Gespräche die Runde machten. Um 11.10 Uhr ging es dann mit dem Einläuten der Lycker Glocken los. Heidi Mader begrüßte alle Anwesenden und freute sich über so zahlreiches Erscheinen, es nahmen 37 Personen teil. Anschließend gab sie das Wort weiter an unsere neue Kreisvertreterin Bärbel Wiesensee, die sich kurz vorstellte und alle Anwesenden begrüßte. Dann folgte die Totenehrung.

Danach erzählte Bärbel von ihrer bisherigen Tätigkeit als Kreisvertreterin und wagte auch einen Blick in die Zukunft. Nun hatte Hubertus Hilgendorff das Wort. Er berichtete humorig über das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg und das Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen. Wir wurden auf eine Zeitreise der Entstehung des Museums in Lüneburg mitgenommen. Einen kurzen Bericht über die neuesten Aktivitäten der Mittleren Generation lieferte Heidi Mader. Reinhard Donder warb für seine Lyckreise in diesem Jahr, ein paar Restplätze sind noch frei. Dann erhielt Michael Mader das Wort. Er stellte sich kurz vor, erzählte vom Onlineshop auf unserer Website und wies auf die neue DVD von Lyck hin. Gemeinsam sangen wir zum Abschluss das Ostpreußenlied, dann hatten alle Besucher noch reichlich Zeit fürs Plachandern.

Teilnehmen kann jeder, anmelden bitte bis zum 10. Juni bei Heidi Mader, Richard-Taylor-Straße 6, 28777 Bremen, E-Mail: heidimader@gmx.de.

Programm – Freitag, 24. Okto-ber: Anreise bis 18 Uhr im Hotel Best Western International Hamburg, Hammer Landstraße 200–202, 18.30 Uhr Begrüßung im Clubraum des Hotels, 19 Uhr gemeinsames Abendessen in Buffetform im Clubraum des Hotels, Essen 16,50 Euro pro Person. Anschließend Treffen im Tagungsraum zur Abendbesprechung. Sonnabend, 25. Oktober: Frühstück, 9.15 Uhr Gemeinsame Fahrt zur PAZ, 10 bis 11.30 Uhr Rundgang PAZ, Buchtstraße 4, gemeinsame Busfahrt zum Rathaus, freie Zeit bis 14.30 Uhr, 14.30 Uhr Treffen am Jungfernstieg (S-Bahn) gemeinsame Fahrt zur Ballinstadt, 15.15 Uhr Einführung Ballinstadt zirka 20 Minuten. Anschließend Besichtigung ohne Führung (Dauer zirka zwei Stunden), 18 Uhr Treffen zur Rückfahrt Hamburg-Dammtor, 19 Uhr Essen im Restaurant Opera, Dammtorstraße 7. Anschließend Rückfahrt zum Hotel. Sonntag 26. Oktober, Frühstück, 9.15 Uhr gemeinsame U-Bahnfahrt in die Innenstadt, Spaziergang durch Hamburg, dabei Besichtigung des Mahnmals St. Nikolai, Speicherstadt, Besuch des Speicherstadtmuseums, 12.30 Uhr Gemeinsame Rückfahrt zum Hotel, 13 Uhr Rückreise.

 

SCHLOSSBERG (PILLKALLEN)

Kreisvertreter: Michael Gründling, Große Brauhausstraße 1, 06108 Halle/Saale. Geschäftsstelle: Renate Wiese, Tel. (04171) 2400, Fax (04171) 24 24, Rote-Kreuz-Straße 6, 21423 Winsen (Luhe).

Die KG Schloßberg hatte auf das am 17./18. Mai in Kassel stattfindende Bundestreffen der Ostpreußen Rücksicht genommen, indem sie die alljährliche Ostpreußenreise im Mai in den September verlegt hatte. Die nächste Ostpreußenfahrt wird, wie geplant, vom 5. bis 17. September 2014, stattfinden. Es sind nur noch wenige Plätze zu vergeben. Die Reise beginnt ganz früh am 5. September in Rotenburg/Wümme. Dort treffen wir uns am Tag vorher im Gästehaus der Stadt, einer freundlichen, schön im Wald gelegenen Jugendherberge. Am Abend gibt es dort eine Einstimmung auf die Reise. Der Bus holt uns dort ab. Mit Pkw Anreisende parken ihr Auto sicher auf dem Gelände des Busunternehmens. Ziel des ersten Tages ist Danzig. Da wir früh abfahren, können wir noch am gleichen Abend die Altstadt von Danzig in vollen Zügen und bei Nacht genießen. Die Dreistadt bereisen wir am zweiten Tag mit Zoppot, Kirche Oliva mit Orgelkonzert und geführtem Stadtrundgang Danzig. Der Nachmittag steht zur freien Verfügung, zum Beispiel für die lohnende, preiswerte Fahrt auf einem Piratenschiff zur Westernplatte. Tag 3 füllt eine Rundfahrt aus mit Besichtigungen der Marienburg und Frauenburger Dom, einer Fahrt entlang des Frischen Haffs zum Trakehner-Gestüt Cadinen mit tausendjähriger Eiche. Eventuell setzen wir auch auf die Frische Nehrung über beziehungsweise fahren über Kahlberg nach Danzig zur Übernachtung. Am 4. Tag geht die Reise nach Masuren, Aufenthalt in Nikolaiken vor einer Fahrt auf dem Spirdingsee bis Niedersee [Rucianny], Staaken auf der idyllischen Krutinna und auf Wunsch großes Fischessen satt über der Krutinna zum Spottpreis. Tag 5 ist der Tag des Grenzübertritts ins nördliche Ostpreußen. Vorher besichtigen wir die berühmte Wallfahrtskirche Heiligelinde und erleben dort ein Orgelkonzert. Gleich nach dem Grenzübertritt ist es nicht weit nach Tharau, wo Ännchen von Tharau geboren wurde. Dort steht auch eine mächtige Kirchenruine. Die Kirche, auf Feldsteinfundament erbaut, stammt aus dem 14. Jahrhundert. Nach der Pause in Tharau wird uns Reiseleiterin Tatjana, die am Grenzübergang zugestiegen ist, auf dem Weg nach Königsberg viel erzählen. In Königsberg angekommen, bleibt noch Zeit für eine Stadtrundfahrt, die wir am folgenden Tag fortsetzen mit Besuch des Doms und Hafen. Etwa zur Mittagszeit geht es dann weiter gen Osten. Zunächst an Insterburg vorbei. wo wir dreimal nächtigen, fahren wir nach Gumbinnen zum Besuch der Salzburger Kirche und Diakonie. Der Leiter, Alexander Michel, wird uns sicher wieder überraschen mit seinen Späßen und anderem. Nach dem Besuch der Diakonie wird es Zeit, dass wir über das Storchendorf Kraupischken/Breitenstein, hier mit kurzem Fotostopp, im Hotel in Insterburg unsere großzügigen Zimmer beziehen. Am Tag 7 ist eine Rundfahrt geplant, zunächst nach Tilsit mit Stadtrundgang, Memel und Luisenbrücke. Über Ragnit, wo wir an der gewaltigen Burgruine Stopp machen, kommen wir zur Mittagszeit an einen idyllisch gelegenen Memelbogen. Hier tischt, um auch einmal die täglich gute Bewirtung am Bus zu erwähnen, unsere Buscrew groß auf mit einem rustikalen Büfett. Dazu Rot- und Weißwein satt. Das Programm sieht eine Kranzniederlegung auf dem Schloßberger Soldatenfriedhof vor und danach eine russische Folkloreveranstaltung in Haselberg, der heutigen Rajonhauptstadt Krasnosnamensk. Danach geht es zurück ins Hotel nach Insterburg. Tag 8 ist der Tag zur freien Verfügung. Wer seinen Heimatort besuchen will, dem kann ein Taxi organisiert werden. Die Fahrer kennen sich gut aus, bemühen sich, sprechen gut Deutsch und fahren zu günstigen Tarifen. Allen anderen Mitreisenden wird eine Rundreise, unter anderem nach Trakehnen, geboten mit Besichtigung des Landstallmeisterhauses. Am Tag 9 Tag geht es wieder gen Westen vorbei an Königsberg zur Samlandküste. Wir machen in Rauschen einen großen Stadtrundgang und entlang der Seeterrassen. Ein interessanter Stopp auf der Weiterfahrt auf der Nehrung in Richtung Nidden ist Pillkoppen. Dort besichtigen wir die Vogelwarte Rossitten. Danach haben wir bald den Grenzübergang nach Nidden/Litauen erreicht, wo wir für drei Nächte ein Hotel beziehen. In Nidden sind neben einer Stadtrundfahrt per Reetdachbus Ausflüge zu Land und zu Wasser geplant. Die Rückreise beginnt am Tag 12. Über Schwarzort und Übersetzen über das Haff per Fähre erreichen wir Memel. Dort sind eine geführte Stadtbesichtigung und der Besuch eines großen Einkaufszentrums geplant. Dann wird es bald Zeit, uns auf die Kielfähre einzuschiffen. Entspannung ist am letzten Reisetag angesagt: die beliebte Fahrt über See bis Kiel.

Interessenten wenden sich bitte umgehend an Jörg Heidenreich, Bockwischer Weg 22, 25569 Kremperheide, Telefon (04821) 8881580, Fax 8881581 oder E-Mail: joergheidenreich@googlemail.com

 

TILSIT–STADT

Stadtvertreter: Hans Dzieran, Stadtgemeinschaft Tilsit, Postfach 241, 09002 Chemnitz. Geschäftsführer: Manfred Urbschat, E-Mail: info@tilsit-stadt.de.

Die Tilsiter trauern um Egon Janz. Fern seiner geliebten Heimat am Memelstrom verstarb er am 2. Mai im Alter von 85 Jahren in Worpswede. Er besuchte das Tilsiter Gymnasium, dem er sein Leben lang treu verbunden war. Seit 1981 stand er an der Spitze der Schulgemeinschaft des Humanistischen Gymnasiums als Schulsprecher und organisierte im Jahre 1986 die Feierlichkeiten zum 400. Gründungstag der Lehranstalt. 1991 wurde in die Tilsiter Stadtvertretung gewählt und setzte sich für die Bewahrung des Andenkens an die kulturhistorische Vergangenheit Tilsits mit Rat und Tat ein. Egon Janz wird uns unvergessen bleiben.

 

TILSIT-RAGNIT

Kreisvertreter: Dieter Neukamm, Am Rosenbaum 48, 51570 Windeck, Telefon (02243) 2999, Fax (02243) 844199. Geschäftsstelle: Eva Lüders, Telefon/Fax (04342) 5335, Kührenerstraße 1 b, 24211 Preetz, E-Mail: Eva.lueders@arcor.de.

Unsere Reisen in die Heimat haben nach wie vor einen großen Anklang bei den begeisterten Mitreisenden gefunden. Die Kreisgemeinschaft bietet auch in 2014 wieder zwei Reisen in modernen Fernreisebussen nach Ostpreußen an.

Eine neuntägige Schiffs- und Busreise nach Tilsit-Ragnit und Masuren findet unter der Leitung von Eva Lüders in der Zeit vom 8. bis zum 16. Juli statt. Mit dem Bus geht es zunächst von Hannover nach Kiel, mit Zustiegsmöglichkeiten entlang der Fahrtroute. In Kiel erfolgt die Einschiffung nach Memel [Klaipeda]. Am frühen Nachmittag des zweiten Tages legt das Schiff in Memel an, es folgt eine Führung durch die historische Stadt mit dem Wahrzeichen Memels, der Figur Ännchen von Tharau auf dem Theaterplatz. Nach der Übernachtung in Memel fahren Sie mit dem Bus zu einem Ortsrundgang durch Nidden und einer Stadtrundfahrt durch Königsberg, Sie übernachten in Tilsit. Am vierten Tag steht eine ganztägige Rundfahrt durch den Kreis Tilsit-Ragnit auf dem Programm, die genaue Route wird nach den Wünschen der Reisegruppe festgelegt. Die Ruine der Ordensburg in Ragnit, das Museum in Breitenstein und das Haus „Schillen“ sind hierbei beliebte Ziele. Der Tag endet mit einer Stadtführung in Tilsit. Der nächste Tag steht als „Taxitag“ zu Ihrer freien Verfügung. Sie können Ihre Heimatorte, beziehungsweise die Stellen, wo diese mal gestanden haben, besuchen. Alternativ wird eine Rundreise durch das nördliche Ostpreußen angeboten. Die Reise wird mit einer Fahrt über die russisch-polnische Grenze in das Land der großen Seen und dunklen Wälder, Masuren, fortgesetzt. Die Jägerhöhe bei Angerberg, die „Sommerhauptstadt“ Masurens, Lötzen und die Klosterkirche „Heiligelinde“ sind hier die ersten Ziele. Übernachtung in Nikolaiken, wo Ihnen der nächste Vormittag im schönsten Ferienort Masurens zur freien Verfügung steht. Am Nachmittag können Sie das Philliponenkloster bei Eckertsdorf besichtigen und am Abend eine masurische Bauernhochzeit erleben. Am achten Reisetag steht mit einer Schiffsfahrt auf dem Oberländer Kanal eine ingenieurtechnische Meisterleistung des

19. Jahrhunderts auf dem Programm. Hier überwinden Schiffe auf der Strecke zwischen Buchwalde und Elbing den Höhenunterschied zwischen dem Ermland und dem Oberland durch das sogenannte Aufschleppen über Rollberge. Nach der letzten Übernachtung in einem pommerschen Schlosshotel bei Köslin erfolgt die Rückreise nach Deutschland. Ausführliche Informationen sind bei der Reiseleiterin Eva Lüders, Kührener Straße 1b, 24211 Preetz, Telefon (04342) 5335 oder dem Reiseveranstalter Partner-Reisen, Everner Straße 41, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 588940 erhältlich.

Unter der Reiseleitung von Heiner Coenen (Nachfolger von K.-D. Metschulat) ist eine zehntägige Ostpreußenreise vom 24. Juli bis zum 2. August in das Königsberger Gebiet und nach Masuren vorgesehen. Diese erlebnisreiche Reise mit den vielen Sehenswürdigkeiten beginnt in Mönchengladbach-Rheydt mit Zusteigemöglichkeiten in Dortmund, Bielefeld, Hannover und Berlin sowie an den Raststätten entlang der Autobahnstrecke. Übernachtung in Posen. Am nächsten Tag geht es weiter über Frauenburg ins Königsberger Gebiet bis nach Tilsit zum Hotel Rossija. Wir werden hier für zwei Tage Station machen. Sie haben Gelegenheit, Ihre Heimatdörfer zu besuchen. Taxen können vermittelt werden. Alternativ bieten wir eine sehenswerte Rundreise an. Nach einer Stadtbesichtigung von Tilsit führt uns die Fahrt zum weitbekannten ostpreußischen Heimatmuseum nach Breitenstein, weiter zum Gestüt Georgenburg, nach Insterburg, Gumbinnen (Salzburger Kirche), Schlossberg und wieder zurück nach Tilsit. Am folgenden Tag fahren wir zunächst auf die Kurische Nehrung zur mächtigen Epha-Düne, um dann die Vogelwarte Rossitten aufzusuchen. Danach bringt uns der Bus nach Königsberg. Es folgt eine Stadtrundfahrt, bei der Sie zahlreiche Sehenswürdigkeiten gezeigt bekommen, unter anderem wird der Königsberger Dom besichtigt. Anschließend geht es zurück nach Tilsit. Am fünften Tag beginnt die Reise in das wunderschöne Masuren zu unserem Hotel nach Sensburg. In den nächsten beiden Tagen fahren wir zu den schönsten Stellen Masurens. So zum Beispiel zur berühmten Wallfahrtskirche Heiligelinde, zum ehemaligen Besitz der Grafen von Lehndorff nach Steinort, nach Rastenburg und Lötzen sowie auch zum Geburtsort des bekannten masurischen Schriftstellers Ernst Wichert. Ab Nikolaiken ist eine Schiffsfahrt geplant. Ebenso unternehmen wir eine Kutschenfahrt durch ein Naturschutzgebiet nach Kruttinnen. Hier folgt eine Stakenfahrt auf dem schönsten Fluss Masurens, der Kruttinna. Der Tag klingt mit einem rustikalen Grillfest aus. Am achten Tag fahren wir über Allenstein zur Übernachtung nach Danzig. Unterwegs werden wir die Marienburg besichtigen. Am nächsten Morgen besichtigen wir durch einen Altstadtrundgang die einzigartige und kulturhistorische Stadt Danzig. Danach beginnt die Rück-reise zur letzten Übernachtung in Stettin. Mit den gleichen Haltestellen wie auf der Hinfahrt fahren wir am nächsten Tag nach Hause. Eine wunderbare Reise ist zu Ende gegangen.

Weitere ausführliche Informationen vermittelt Heiner Coenen, Maarstraße 15, Geilenkirchen, Telefon (02462) 3087 oder Ostreisen GmbH, Paulinenstraße 29, 32657 Lemgo, Telefon (05261) 2882600.


»Wider Napoleon«
Tagung beschäftigte sich mit Ausstellung über »Franzosenzeit«

Dieter Mayer, Bezirksreferent von Arnsberg, hatte zur Bezirkstagung nach Lüdenscheid eingeladen. Über ein Dutzend Orts- und Kreisvertreter waren erschienen. Das Museum in Lüdenscheid zeigte mit „Wider Napoleon“ eine Ausstellung des Vereins für die Geschichte Preußens und der Grafschaft Mark. Das Thema „Deutschland und Europa zur Zeit Napoleons und der Freiheitskriege“ stand im Mittelpunkt der Tagung. Mit dem Referat „Ernst Moritz Arndt – Dichter und Freiheitskämpfer“ bereitete Bärbel Beutner, Kulturreferentin Nord-rhein-Westfalen, den Besuch der Ausstellung vor.

Sie beschrieb den „Flickenteppich“ Deutschland im ausgehenden 18. Jahrhundert, der den Wunsch nach Vereinigung zu einem großen „Vaterland“ bei der Intelligenz aufkommen ließ. Verstärkt wurde dieser Gedanke, der als revolutionär galt, durch die französische Eroberung und Fremdherrschaft unter Napoleon. Ein Geist wie Ernst Moritz Arndt (1769–1860), Theologe, Philosoph, Historiker, Hochschulprofessor, Schriftsteller und Politiker, sah in dem Nationalgedanken und in der Besinnung auf das „deutsche Wesen“, die deutsche Sprache und Kultur, die entscheidende Kraftquelle für die Verwirklichung von Freiheit und Selbstbestimmung für das deutsche Volk. Es ging ihm auch um Menschenrechte: Pressefreiheit, Meinungsfreiheit. Entscheidungsfreiheit. Das zeigte die Referentin an seinen Gedichten auf, die heute nicht mehr „politisch korrekt“ wären und in denen wir, durch die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, durchaus Stellen finden, die kritisch zu sehen sind.

Arndt, Sekretär und Mitarbeiter des Reformers Freiherr vom Stein, hat ein umfangreiches schriftstellerisches Werk geschaffen. Seine Lebenserinnerungen sind ein wertvolles Zeitzeugnis und seine historisch-politischen Aufsätze „Geist der Zeit“, erschienen in vier Teilen 1805–1818, ein Nachschlagewerk für die politischen Entwicklungen um die Jahrhundertwende. Napoleon, für Arndt der Todfeind und Tyrann, erfuhr in der Ausstellung eine differenziertere Darstellung. Dieter Mayer war es gelungen, den Leiter des Museums, Eckhard Trox, als Führer durch die Ausstellung zu gewinnen, die einen regionalen Bezug zu Westfalen, zum damaligen Großherzogtum Berg und zum Ruhrdepartment hatte. Hier wurden Reformen und positive Entwicklungen unter französischer Herrschaft verzeichnet. Im Schatten einer originalgetreuen Kopie der Quadriga vom Brandenburger Tor, die Napoleon 1806 nach der Niederlage Preußens nach Paris bringen ließ und die 1814 durch die Städte der Grafschaft Mark nach Berlin zurückgeführt wurde, aßen die Landsleute in der Cafeteria des Museums Königsberger Klopse.

Auch die praktische Arbeit kam bei dem reichhaltigen Kulturprogramm nicht zu kurz. Es blieb Zeit für einen Austausch über die Arbeit in den Gruppen, und die Besichtigung der Räume der Landsmannschaften im „Haus der Vereine“, wo die Tagung stattfand, brachte interessante Anregungen. B. B.


S. 19-20 Deutschlandtreffen 2014

Grußworte zum Deutschlandtreffen

Harte Arbeit

Zu Ihrem diesjährigen Deutschlandtreffen der Ostpreußen übermittle ich Ihnen die Grüße der Niedersächsischen Landesregierung. Unter dem Motto „Ostpreußen hat Zukunft“ werden mehrere tausend Landsleute aus aller Welt erwartet, darunter auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Polen, Russland und Litauen. Dieses Treffen zeigt einmal mehr, dass die Landsmannschaft Ostpreußen auch heute noch eine starke Gemeinschaft ist. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, das kulturelle Erbe der Flüchtlinge und Vertriebenen zu bewahren und Brücken zu schlagen, zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft in einem vereinten Europa.

Viele Flüchtlinge und Vertriebene aus Ostpreußen wurden nach dem Krieg bei uns in Niedersachsen aufgenommen. Sie mussten sich mit harter Arbeit ein neues Zuhause schaffen. Die Ostpreußen haben einen wertvollen Beitrag zum Aufbau unseres Landes geleistet. Das kulturelle Erbe Ostpreußens ist ein wesentlicher Bestandteil der deutschen und europäischen Geschichte und Kultur. Es ist wichtig, die Erinnerungen der Menschen, ihre Lebenswege und ihre Erfahrungen zu würdigen und für die nachfolgende Generation zu bewahren.

Das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg zählt zu den wichtigen niedersächsischen Museen im Bereich der Erinnerungskultur. Hier wird dank seiner reichen Sammlung die Natur- und Kulturlandschaft Ostpreußens präsentiert.

Nach langen Jahren in eher beengten Verhältnissen ist in diesem Jahr mit der Erweiterung und Modernisierung des Ostpreußischen Landesmuseums begonnen worden. Die EU, der Bund, das Land Niedersachsen, die deutsch-baltische Kulturstiftung, die Stiftung Niedersachsen und die Klosterkammer Hannover haben gemeinsam die Finanzierung der baulichen Erweiterung mit insgesamt 4,65 Millionen Euro ermöglicht. Inhaltlich wird zukünftig eine deutsch-baltische Abteilung das museale Angebot bereichern. Auch wird die bestehende Dauerausstellung den Anforderungen heutiger Besucherinnen und Besucher angepasst.

Die Maßnahmen sollen im Jahr 2015 abgeschlossen werden. Damit wird das Ostpreußische Landesmuseum wieder ein modernes, zukunftsorientiertes und besucherfreundliches Museum, das seinen Platz in der Museumslandschaft erfolgreich behaupten kann.

Mit Ihrem Deutschlandtreffen tragen Sie nachhaltig dazu bei, das kulturelle Erbe Ostpreußens zu bewahren, Interesse für die schicksalhafte Geschichte zu wecken und Ostpreußen als lebendige europäische Region wahrzunehmen. „Ostpreußen hat Zukunft“ – in diesem Sinne wünsche ich dem Deutschlandtreffen einen guten Verlauf und allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern viel Freude.

Stephan Weil Niedersächsischer Ministerpräsident

 

Sprache als Identitätstifterin

Zum diesjährigen Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen übermittle ich die herzlichsten Grüße der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung (OMV) der CDU in Nordrhein-Westfalen als Ausdruck der besonderen Verbundenheit. Ich wäre heute gerne hier bei Ihnen. Leider lässt es mein Kalender nicht zu. Dennoch möchte ich gerne an die Besucher des Deutschlandtreffens ein paar Worte richten.

Verehrte Damen und Herren, das Leitwort Ihres Treffens heißt: „Ostpreußen hat Zukunft“. Es ist kurz, prägnant und ein starkes, klares Bekenntnis zu Ihrer Ostpreußischen Heimat. Darüber hinaus ist es aber auch eine Einladung, über die Zukunft Ostpreußens in einem vereinten Europa nachzudenken und zu dis-kutieren. Bei der Gestaltung dieser Zukunft kommt den Vertriebenen und den in der Heimat verbliebenen Landsleuten eine große Bedeutung zu.

Insbesondere auf die Landsleute in der Heimat kommt es an. Denn der Erhalt des deutschen Kulturerbes in Ostpreußen, aber auch in anderen Heimatgebieten, hängt im Wesentlichen davon ab, dass die deutsche Volksgruppe vor Ort auch tatsächlich in der Lage ist, dieses Kulturerbe zu pflegen und weiter zu geben. Dafür ist eine Stärkung der Sprachbindung unerlässlich.

Die Sprache ist als Trägerin der Kultur und auch Identität eine essentielle Voraussetzung für das Fortbestehen der deutschen Volksgruppen in den Heimatgebieten. Ohne Sprache keine Zukunft.

Hier können Vertriebenenverbände durch aktives Tun und Lobbying dazu beitragen, den Landsleuten in der Heimat unter die Arme zu greifen. Denn die Situation des muttersprachlichen Deutschunterrichts in Polen, das hat zuletzt auch der Europarat im Rahmen der Überwachung der Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen festgestellt, ist keineswegs zufriedenstellend.

Die OMV in Nordrhein-Westfalen sieht sich als Anwältin der Heimatvertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten. Deshalb sind wir froh, dass die CDU das Hauptthema Sprache in ihr Europawahlprogramm aufgenommen hat. Dort heißt es: „Die CDU bekennt sich zum Schutz nationaler Minderheiten in der Europäischen Union. Ihre Sprache und Kultur als Ausdruck ihrer Identität sind eine Bereicherung für die Kultur in Europa. Sie zu bewahren und zu fördern, ist auch eine europäische Aufgabe. Insbesondere müssen nationale Minderheiten in die Lage versetzt werden, in ihren angestammten Heimat- und Siedlungsgebieten zu leben, zu arbeiten sowie ihre Sprache und kulturellen Traditionen zu pflegen, ohne diskriminiert zu werden.“ Eine solche Formulierung für die Europawahl am 25. Mai suchen Sie bei anderen Parteien vergeblich.

Wir als OMV Nordrhein-Westfalen sind sogar einen Schritt weiter gegangen und haben im Rahmen des Europapolitischen Antrags der Bundespartei angeregt, die Voraussetzungen für die Umsetzung und die Durchsetzbarkeit von völkerrechtlichen Verträgen, wie der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen, im Unionsrecht zu schaffen. Zurzeit hat die Europäische Union kaum Kompetenzen, um Minderheitenrechte durchzusetzen. Wenn wir es damit ernst meinen, müssen wir einen Diskussionsprozess darüber in Gang setzen.

Ein weiterer Schritt für eine Stärkung unserer Landsleute in den Heimatgebieten, und damit auch ein Schritt für die Zukunft, ist eine Verbesserung des Wahlrechts für Auslandsdeutsche. Dafür wollen wir uns aktiv einsetzen. Das Bundeswahlgesetz, das 2013 nivelliert wurde und zum ersten Mal, zumindest theoretisch, auch Landsleuten ohne frühere Adresse im bundesdeutschen Inland eine Teilnahme an den Bundestagswahlen ermöglichen sollte, ist in der Praxis gescheitert.

Die Erfahrungen aus der letzten Bundestagswahl zeigen, dass viele Wahlscheinanträge aus Polen abgelehnt wurden. Die gesetzliche Formulierung ist so unklar und uneindeutig, dass die deutschen Wahlämter damit schlicht überfordert waren. Es ist eher ein Wahlverhinderungsgesetz geworden. Dementsprechend ist die Enttäuschung bei den Landsleuten groß. Sie fühlen sich wie Bürger zweiter Klasse. Sie haben den deutschen Pass, das Wahlrecht wird ihnen aber oft verwehrt. Das dürfen wir nicht zulassen. Das will die OMV Nordrhein-Westfalen ändern.

Sehr geehrte Damen und Herren, Ostpreußen hat Zukunft. Doch an dieser Zukunft müssen wir gemeinsam arbeiten. Die OMV Nordrhein-Westfalen möchte ihren Beitrag dazu leisten, die Zukunftsthemen, die für unsere Landsleute wichtig sind, anzugehen. Dafür brauchen wir jedoch Ihre Hilfe und Unterstützung. Nur gemeinsam können wir eine starke Lobbygruppe darstellen. Deshalb lade ich Sie alle zum Dialog und Austausch ein. Lassen Sie uns Hand in Hand arbeiten, damit Ostpreußen Zukunft hat. In Europa. Mit heimatlichen Grüßen Ihr

Heiko Hendriks, MdL, Landesvorsitzender der OMV Nordrhein-Westfalen

 

Wichtige Aufgabe

Die Pflege der Kultur und des Brauchtums ist eine wichtige Aufgabe. Sie schafft Heimat und erlaubt die Identifikation mit dem Land, mit einer Region oder einer Gemeinde. Gerade im Zeitalter der Globalisierung und Mobilität bleibt die Heimat der Mittelpunkt unseres Lebens, in der wir verwurzelt sind und die uns Geborgenheit gibt. Die Mitglieder der Landsmannschaft Ostpreußen leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Sie bewahren das kulturelle Erbe für nachfolgende Generationen, erzeugen Zusammengehörigkeit und fördern die Völkerverständigung.

Das Land Hessen nimmt in vielen Bereichen einen Spitzenplatz ein. An diesem Erfolg haben gerade auch die Bürgerinnen und Bürger Anteil, die ihre alte Heimat verloren und als Flüchtlinge oder Vertriebene in Hessen eine neue Heimat gefunden haben. Ihr Wille zur Integration und die gemeinsamen Anstrengungen für ein vereintes Europa haben unser Land zu dem gemacht, was es heute ist, und damit zu einem Vorbild für Integration.

Meine herzlichen Grüße gelten allen Mitgliedern der Landsmannschaft Ostpreußen sowie allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Deutschlandtreffens 2014 in Kassel. Ich wünsche der Veranstaltung einen erfolgreichen Verlauf.

Volker Bouffier, Hessischer Ministerpräsident

 

»Unverwechselbar«

Meinen herzlichen Gruß zum Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen in Kassel!

Geblieben vom historischen Ostpreußen sind Erinnerungen: Sie gelten einer unverwechselbaren Landschaft, die über die Jahrhunderte eine Vielzahl bedeutender Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Manche von ihnen haben, wie Kant, zeitlebens ihre Heimat nicht verlassen, andere, wie E.T.A. Hoffmann, der sich in Bayern glücklich fühlte, waren eher ruhelose Geister. Aber auch den „ganz normalen“ Menschen war das historische Ostpreußen eine liebenswerte Heimat. Ihnen hat Siegfried Lenz in seinem Werk ein Denkmal gesetzt.

Geblieben ist auch diese Landschaft selbst: Es sind dieselben Wälder und Seen, dieselben Hügel und weiten Fluren, die seit jeher das Bild dieses Raumes prägen. Reisende, die aus dem Westen in die Heimat ihrer Kindheit zurückkehren oder die Heimat ihrer Vorfahren erkunden, spüren in der Natur noch am ehesten die Atmosphäre des alten Ostpreußens.

Als Bayerischer Ministerpräsident grüße ich die Gäste der Landsmannschaft nicht zuletzt auch deshalb so herzlich, weil ich weiß, was Flüchtlinge aus Ostpreußen in unserem Freistaat und für ihn geleistet haben. In Bayern, einem Land, das auf andere Weise als Ostpreußen unverwechselbar ist, hatten sie es, nach den Schrecken der Vertreibung, zunächst nicht leicht. Aber wesentlich trugen sie zum Wiederaufbau und zum wiederaufblühenden Wohlstand bei.

Danken möchte ich der Landsmannschaft für ihr kulturelles Engagement. Besonders hoffe ich, dass der alte ostpreußische Dialekt bewahrt werden kann. Zugleich hoffe ich, dass sich immer bessere Kontakte zu den Menschen entwickeln, die heute in Ostpreußen leben. Die gemeinsame Liebe zu dieser Landschaft soll alle Menschen, die guten Willens sind, immer wieder aufs Neue bestärken!

Horst Seehofer, Bayerischer Ministerpräsident

 

Europa leben

Ich heiße Sie zum diesjährigen Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen in der documenta-Stadt Kassel herzlich willkommen. Kassel hat sich als gastfreundliche und weltoffene Tagungs- und Kongressstadt in der Mitte Deutschlands einen hervorragenden Ruf erarbeitet und gilt als eine der wirtschaftlich dynamischsten Städte Deutschlands, die Arbeit und Perspektiven bietet und in der es sich gut leben lässt.

Neben der documenta, der weltweit bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst, und dem beeindruckenden Wirken der Brüder Grimm zeichnet sich Kassel durch eine einzigartige Museumslandschaft und eine Vielfalt kultureller Einrichtungen aus, die keine andere deutsche Stadt vergleichbarer Größe bietet. Kassel verfügt zudem über eine vielfältige und qualitätsvolle Bildungslandschaft mit einer exzellenten, praxisorientierten Universität, einen hohen Erholungs- und Freizeitwert, ein reizvolles Umland und wunderbare Parkanlagen – der Herkules und die weltberühmten Wasserspiele im Bergpark Wilhelmshöhe wurden im vergangenen Jahr von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Kassel im Herzen Deutschlands pflegte als Residenzstadt jahrhundertelang europaweite Beziehungen und war eng mit europäischen Zentren von Kunst und Wissenschaft verknüpft. Internationalität ist bis heute ein Markenzeichen Kassels geblieben – das ist nicht nur während einer documenta zu erleben, wenn kunstbegeisterte Menschen aus der ganzen Welt zu Gast sind. Kassel hat in seiner Vergangenheit enorme Integrationsleistungen vollbracht, angefangen von den in Frankreich verfolgten Hugenotten. Heute leben in unserer Stadt fast 27000 Menschen, die keinen deutschen Pass besitzen. Zudem haben tausende Aus- und Übersiedler in Kassel eine neue Heimat gefunden. Dennoch – und darauf bin ich besonders stolz – ist es uns gelungen, das Zusammenleben in der Stadt friedlich und tolerant zu gestalten. Das neue Europa wird in unserer Stadt täglich gelebt!

Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Deutschlandtreffen und einen angenehmen Aufenthalt in Kassel.

Bertram Hilgen, Oberbürgermeister der Stadt Kassel

 

Die Versöhnung vollenden

Ostpreußen hat Zukunft“ – Das diesjährige Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen in Kassel könnte unter keinem besseren Leitgedanken stehen, denn die vielen Zeichen grenzüberschreitender Kooperation mit unseren östlichen Nachbarn sind hoffnungsvolle Zeichen in genau diese Richtung. Das ostpreußische Erbe wird vor Ort in zunehmendem Maße als Teil der eigenen Geschichte anerkannt und für heutige und zukünftige Generationen erhalten und erlebbar gemacht.

Ein besonders schönes Beispiel dieser erfolgreichen Zusammenarbeit zeigte sich erst im September des vergangenen Jahres: Die Rück-kehr der „Tempelhüter“-Pferdestatue an ihren Originalstandort vor dem ehemaligen Landstallmeisterhaus des preußischen Hauptgestüts Trakehnen. Die Tatsache, dass die russische Seite bereit war, ein dort inzwischen befindliches Ehrenmal für gefallene russische Soldaten an einen anderen Standort zu verlegen, zeigt besonders eindrucksvoll, wie groß das gegenseitige Vertrauen und die gegenseitige Wertschätzung inzwischen geworden sind. Die Rückkehr eines Replikats dieses für Ostpreußen sehr symbolträchtigen Denkmals an seinen angestammten Platz sollte uns allen Mut machen, uns auch in Zukunft mit vertrauensbildenden Maßnahmen für die Bewahrung des kulturellen Erbes der alten Heimat und die dort bis heute lebende deutsche Minderheit einzusetzen.

So freut es mich sehr, dass die erste Bereisung unserer Gruppe in der 18. Wahlperiode des Deutschen Bundestages dem nördlichen Ostpreußen gilt. Im Sommer dieses Jahres werden wir nicht nur Königsberg, sondern ebenfalls den Soldatenfriedhof Nordmole in Pillau als Stätte des Gedenkens und der Versöhnung besuchen. Daneben stehen unter anderem Rauschen, Cranz, Rossitten, Gumbinnen, Trakehnen und weitere Orte auf dem Programm, wo wir mit Vertretern der deutschen Minderheit sowie politischen und religiösen Repräsentanten im nördlichen Ostpreußen Gespräche führen werden.

Auf der bundespolitischen Ebene konnten wir für die Interessen der Vertriebenen ebenfalls wichtige Erfolge verzeichnen. Das wichtigste Gedenkvorhaben der Bundesregierung ist hier die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, die inzwischen in Berlin ihre Arbeit aufgenommen hat. Die Stiftung ist ein historischer Meilenstein für die Bewältigung unserer nationalen Katastrophe während des Zweiten Weltkrieges und darüber hinaus. Unter der Trägerschaft des renommierten Deutschen Historischen Museums wird an zentraler Stelle in Berlin – im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof – eine Dauerausstellung errichtet. Es ist mir besonders wichtig, dass die Vertriebenen an der neuen Stiftung maßgeblich beteiligt werden, denn ohne die Betroffenen selbst kann es kein öffentliches Erinnern geben. In dem Dokumentationszentrum wird nun erstmals die Thematik von Flucht und Vertreibung mit Beginn im 19. Jahrhundert und im Kontext beider Weltkriege sowie der europäischen Dimension bis in die Gegenwart umfassend dargestellt und analysiert werden. Die Flucht, Vertreibung und Integration der Deutschen – darunter den aus Ostpreußen stammenden – soll dabei den Schwerpunkt der Ausstellung bilden. Ferner ist ein Raum der Stille geplant, zu dem die Kirchenvertreter im Stiftungsrat einen Vorschlag erarbeitet haben, damit etwa auch Angehörige ihrer an unbekanntem Ort verstorbenen Familienmitglieder gedenken können.

Zudem stimmte die Präsidentin des BdV zu, dass in der Konzeption in Bezug auf die Vertreibungen im 20. Jahrhundert und explizit auf die Vertreibung der Deutschen im östlichen Europa festgestellt werde, dass früheres Unrecht, auch wenn es noch so groß war, keine rechtliche oder moralische Legitimation für neues Unrecht ist. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel persönlich hat am 11. Juni 2013 das Startsignal für den Baubeginn im Deutschlandhaus gegeben und damit ein weiteres Zeichen zur Verwirklichung des Dokumentationszentrums gesetzt. Das Projekt ist also auf einem guten Weg.

Als Union setzen wir uns auf Bundesebene weiterhin für einen nationalen Gedenktag als symbolträchtiges Zeichen der Verbundenheit mit den Vertriebenen ein, um die Versöhnung zu vollenden und die Völkerverständigung zu stärken. Daher soll der bestehende Weltflüchtlingstag am 20. Juni um das Gedenken an Heimatvertriebene erweitert und auf nationaler Ebene begangen werden. Hier werden wir Wert darauf legen, dass dieser Gedenktag dem Schicksal der deutschen Vertriebenen in besonderer Weise gerecht wird.

Ich wünsche dem Deutschlandtreffen der Ostpreußen ein gutes Gelingen und Ihnen allen viel Kraft und Gottes Segen bei Ihrem Wirken für die alte Heimat und ein geeintes Europa.

Klaus Brähmig, MdB, Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

 

Botschafter und Brückenbauer

Ostpreußen – Es ist für viele Deutsche das Land ihrer Kindheit, die verlorene Heimat; auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende. Verständigung und Versöhnung zwischen den Ländern sind der Weg, der uns zu einem geeinten Europa und zu einem friedlichen Miteinander geführt hat. Darin liegt auch die Zukunft der Ostpreußen beschrieben. Sie können – mit Ihrer Geschichte und Ihren Biografien – in ganz besonderer Weise dazu beitragen, das kulturelle Erbe Ostpreußens zu erhalten und als Botschafter und Brückenbauer zwischen den Nationen zu wirken. Ganz im Sinne der Europäischen Integration.

Ich wünsche allen Besucherinnen und Besuchern anregende Begegnungen und interessante Gespräche beim diesjährigen Treffen der Landsmannschaften in Kassel.

Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg


S. 21 Lebensstil

Palast auf Rädern
Der letzte österreichische Kaiserzug fährt wieder − Nachbau von Sisis Schienenhotel wirbt um finanzkräftige Reisegäste

Der Hofsalonzug des Kaiserpaares Franz Joseph I. und Elisabeth von Österreich rollt wieder durch Europa. Als Nachbau kam er aus Wien angefahren und stellte sich unter dem Namen „Majestic Imperator“ in Berlin vor.

Beim Majestic Imperator ist nicht das geografische Ziel entscheidend, hier ist eindeutig die Reise das Ziel. Denn wie schrieb schon Sisi, die Vielgereiste, auf einer Bahnreise in ihr Tagebuch: „Reisen ist nur deshalb begehrenswert, weil die Reise dazwischen liegt.“

Für den Kaiserzug gilt das allemal. Denn bequemer, schöner und erhabener kann man sich gar nicht von einem Ort zum anderen bewegen. Schienenkreuzfahrten werden daher auch die Reisen in den Luxuszügen genannt, von denen es derzeit 19 auf der ganzen Welt gibt, wie Gottfried O. Rieck, der Gründer der Majestic Train de Luxe GmbH, im März in Berlin auf der ITB, der weltgrößten Tourismusmesse, erklärte. Eigens aus Wien kam der Palast auf Rädern zu den Preußen angerollt, wo er eine zahlungskräftige Kundschaft anwerben sollte.

Die historischen Züge sind beliebt. So sehr, dass Rieck neben den aktuellen sechs Waggons des Majestic Imperators, die genau 100 Jahre nach dem ursprünglichen k. u. k. Hofsalonzug zwischen 1991 und 1998 entstanden, bereits fünf weitere für den nächsten Zug in Auftrag gegeben hat. Die Fertigstellung des ersten Waggons ist noch für dieses Jahr geplant, und jedes Jahr soll dann wieder ein Waggon dazukommen.

Die bestehenden Waggons wurden genau da gebaut, wo auch Österreichs alter Kaiserzug entstanden war: in der ehemaligen k. u. k. Zentralwerkstätte der Waggon- und Lokomotiv-Fabrik Franz Ringhoffer in Prag-Smichow.

Das Familienunternehmen von 1850 hatte sich schon sehr früh spezialisiert und baute beinahe für alle Bahnverwaltungen Europas luxuriöse Salonwagen, die diese dann an ihre reiche Klientel vermieteten. Während der beiden Weltkriege wurden die k. u. k. Waggons zerstört, lediglich einer konnte gerettet werden. Er ist heute im Prager Technischen Museum zu bewundern. Erhalten blieben aber die Baupläne, die dem Majestic Imperator Train de Luxe als Vorbilder dienten.

Selbstverständlich besaß auch Kaiser Wilhelm II. seinen Hofzug. Der reisefreudige Monarch soll ihn mindestens 500-mal benutzt haben. Seine insgesamt 30 Wagen wurden zwischen 1889 und 1917 bei Linke-Hofmann in Breslau gebaut. Geld und Zeit spielten dabei keine Rolle, heißt es. Heimatbahnhof des Zuges war die Hauptwerkstatt Potsdam. Auch Deutschlands Kaiserzug konnte seinem Schicksal nicht entgehen. Der Hofsalonwagen Nr. 1 des Kaisers kann jedoch noch im Deutschen Technischen Museum Berlin besichtigt werden.

Die neuen Waggons des Kaiserzugs der Habsburger entstehen nicht mehr bei Ringhoffer, dessen Kapazitäten sind ausgeschöpft, sondern in einer ungarischen Werkstatt. „Die musste man allerdings erst einmal finden“, so Rieck. „Denn um die Prachtstücke herzustellen, bedarf es einer Eisenbahn-autorisierten Werkstätte, was den Schwierigkeitsgrad enorm erhöht.“ An jedem Waggon arbeiten etwa 20 Facharbeiter zirka ein halbes Jahr, um ihn zum Palastzimmer auf Rädern zu machen. Parkettfußboden, kostbare Teppiche, schwere Vorhänge, stilvolle Wand- und Deckenlampen, prächtige Holzschnitzereien, zarte Deckenmalereien, holzgeschnitzte italienische Stühle, bequeme Fauteuils und das eine oder andere Original aus Kaisers Zeiten machen den Zug zum Jahrhundertwende-Museum. Doch bei aller Nostalgie, die Technik ist auf dem neuesten Stand. Das war sie immer schon und so waren die Hofsalonzüge auch eine Quelle technischer Innovation.

„Es ist geplant, dass der zweite Zug parallel läuft und vielleicht sogar in Deutschland stationiert wird. In München oder in Leipzig. In der jetzigen Zeit haben reiche Leute private Flugzeuge. Vor 100 Jahren hatten sie private Eisenbahnwaggons, die einfach an die planmäßigen Züge angehängt wurden. Die Herrschaften und Familien sind dann im eigenen Salonwagen mit eigenem Butler und eigenen Köchen gereist. Sie hatten auch Betten gehabt und manchmal darin übernachtet“, so Rieck. „Aber bei uns dauern die Fahrten in der Regel zwischen vier und sechs Stunden, und da wäre übernachten eigentlich nicht sinnvoll. Zumal die hygienischen Verhältnisse auch in einem Luxuszug nie so gut und komfortabel sein können wie in einem erstklassigen Hotel.“

Seine Renaissance verdankt Europas „letzter“ Hofzug einem Visionär. Rieck hatte als Heizer bei der Bahn begonnen. Heute ist er Kommerzialrat. Diesen Titel hat der österreichische Bundeskanzler ihm verliehen. Und Luxuszugbesitzer, der schon Ex-Präsidenten Jimmy Carter, den französischen Senatspräsidenten Christian Poncelet, Kronprinz Felipe von Spanien, Otto von Habsburg, den Herzchirurgen Christiaan Barnard, Fifa-Präsident Sepp Blatter, Prinz Hassan und die königliche Familie von Jordanien sowie viele andere Prominente als Gäste im Zug hatte.

„Die Züge entstanden alle nach meinen Ideen“, so Rieck. „Ich habe an ihren Erfolg geglaubt. Aber ich war, glaube ich, der einzige in ganz Europa. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind wir einzigartig. Das Unternehmen ist ein Familienkind. Meine Frau sagt immer, sie hat drei Kinder und ich habe elf Babys, die Fahrzeuge. Inzwischen habe ich einen Partner, der Züge genauso liebt wie ich. Wir werden das Unternehmen gemeinsam weiter vervollständigen.“

Begonnen hat alles mit einem rauschenden Fest unter Freunden, für das Rieck historische Waggons der österreichischen-, ungarischen- sowie tschechischen Staatsbahnen angemietet hatte und für eine Reise nach Budapest hinter eine Dampflokomotive aus dem Jahr 1911 hängte. Der Erfolg war überwältigend und die Nachfrage nach einer Neuauflage setzte sofort ein. Damit begann der Traum von der Wiedergeburt des k. u. k. Hofsalonzugs, mit dem das österreichische Kaiserpaar seine Kronländer von Bad Ischl im Salzkammergut bis zum Seebad Sankt Jakobi, heute Opatija, an der kroatischen Adriaküste bereist hatte.

„Diese Idee, diesen Traum zu verwirklichen, war ganz, ganz schwierig“, erinnert sich Rieck. „Doch als dieser Zug aus sechs Wagons am 18. Mai 1998 fertiggestellt war und von Marie Christine Habsburg-Lothringen, der letzten direkten Nachfahrin von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph I., getauft wurde, war das einer der Höhepunkte in meinem Leben.“

Nach alter Salonwagen-Tradition kann man die Wagen mieten, zu Reisen auf den meisten Eisenbahnrouten Zentraleuropas genauso wie für Pressekonferenzen oder Meetings. Die Einrichtung ist flexibel und jeder Waggon anders ausrüstbar. Jede Auftragserfüllung ist maßgeschneidert. Dazu besitzt die Firma ein großes Gelände in Wien mit einem eigenen Gleis, das 220 Meter lang ist, sowie eigenen Lagerräumen und Büros.

Auch Einzelreisende haben die Chance auf kaiserliche Gefühle – und das zu durchaus bezahlbaren Preisen. Ein kleines Programm von Tagestouren und Kurzreisen lädt zu majestätischen Fahrten ein. Besonders beliebt ist die Silvestergala mit nächtlicher Wien-Rundfahrt und Stopp auf einer der Donaubrücken zum Mitternachtswalzer „An der schönen blauen Donau“. Kann es romantischer sein? Helga Schnehagen


Hä, wie bitte?
Schlecht hören können viele gut − Hörmobile bieten kostenlose Tests

B is Oktober sind bundesweit wieder die Hörmobile der „Fördergemeinschaft Gutes Hören“ (FGH) unterwegs. Im Gepäck haben die drei mobilen Hörbotschafter Informationen rund um das gute Hören. An vorderster Stelle stehen dabei die kostenlosen Hörtests, die von den Hörexperten der örtlichen FGH- Partnerakustiker in der schallgedämpften Kabine des Hörmobils durchgeführt werden.

„Hörminderungen sind weiter verbreitet, als viele Menschen denken“, sagt Burkhard Stropahl, FGH-Geschäftsführer und Hörgeräteakustiker-Meister: „Unsere Experten haben auf der letztjährigen Hörtour bereits bei zehn Prozent der Jugendlichen bis 20 Jahren leichte Hörminderungen festgestellt.“ Mit zunehmendem Lebensalter steige auch der Anteil der mittel- bis hochgradigen Hörminderungen, die den Betroffenen zum Teil noch nicht einmal bewusst seien.

Da Hörminderungen sich schleichend einstellen, können sie anfangs tatsächlich unbemerkt bleiben. Das Verstehen vor allem in geräuschvoller Umgebung verschlechtert sich dabei in so kleinen Schritten, dass die Gefahr der Gewöhnung gegeben ist. Vor diesem Hintergrund setzt die Fördergemeinschaft Gutes Hören auf systematische Hörprävention. Dazu zählen die gezielte Aufklärung über die Wichtigkeit des Hörens und die Gefahren des Hörverlusts sowie die Durchführung von regelmäßigen Hörtests ab dem 40 Lebensjahr im Rahmen der gesundheitlichen Vorsorge. Die Hörakustiker der Fördergemeinschaft Gutes Hören bieten darüber hinaus professionellen Service von der Auswahl über die umfassende Anpassung von Hörsystemen bis hin zur kostenlosen Nachbetreuung.

Deutschlandweit gehen Experten von rund 15 Millionen Menschen aus, die nicht mehr einwandfrei hören. Wer aktiv etwas dagegen unternimmt, kann ohne größere Einschränkungen am täglichen Leben, das von Hören und Verstehen geprägt ist, teilnehmen. Tatsächlich sind es aber nur rund drei Millionen Menschen, die mit der modernen Hörakustik ihre Einschränkungen kompensieren.

Das seien viel zu wenig, sagen Fachleute aus Medizin und Hör­akustik, denen auch dank der Zu­nahme an Senioren in der Gesellschaft ein großer Markt winkt. Denn ein eingeschränktes Hörvermögen bleibt für die Betroffenen meistens nicht ohne Folgen. Die häufigen Missverständnisse führen zu Konflikten sowie zu Stress und Versagensängsten. Die Ursachen liegen meistens in schleichenden Verschleißerscheinungen des Innenohres. Diese lassen sich aber mittels moderner Hörakustik kompensieren.

Die „Fördergemeinschaft Gutes Hören“ betreibt deshalb im Rahmen gesundheitlicher Vorsorge bundesweit Aufklärungsarbeit über gutes Hören und organisiert zusammen mit ihren Partner-Akustikern Informations- und Hörtest-Aktionen. Freiwillige Mitglieder der Fördergemeinschaft sind deutschlandweit rund 1500 Meisterbetriebe für Hörakustik.

Das gemeinsame Ziel der FGH-Partner ist es, Menschen mit Hörproblemen wieder zu gutem Hören zu verhelfen. Voraussetzung dafür ist die Stärkung des Hörbewusstseins in der Öffentlichkeit. Dazu zählt auch die Bedeutung des Hörens für das individuelle Wohlbefinden. Wer gut hört, kann aktiv und ohne Einschränkungen am sozialen Leben teilnehmen. Es ist nicht nur Voraussetzung für bessere Kommunikation, sondern auch für mehr Lebensqualität

Die Hörtour 2014 findet bun­desweit in Fußgängerzonen und auf belebten Plätzen mit Informationen rund um das Hören und kostenlosen Hörtests statt. Weitere Informationen, Termine und Orte findet man im Internet unter www.fgh-info.de. Im Mai ist das Hörmobil noch in Arnsberg-Neheim, Sundern, Hamburg und Mölln im Einsatz. PAZ


Nächtlicher Meistersänger
Wenn andere schlafen wollen, fängt die Nachtigall an zu tirilieren

Ein Vogel, der in der Nacht singt und vielen die Nachtruhe raubt? Es kann sich nur um die Nachtigall handeln.

Wenn man ihren Gesang hört, hat der Frühling Einzug gehalten. Man kann es kaum glauben, dass aus so einer winzigen Vogelkehle derartig schöne Klänge kommen. Das ist ein Tirilieren und Schmettern, ein Pfeifen und Schluchzen, ein Klagen und Jubilieren. Man meint, in einer Oper zu sein. Tatsächlich haben sich viele Komponisten und Dichter von diesem kleinen Vogel zu wunderschönen Mu­sikstücken und Ge­dichten anregen lassen. Viele Arien in Mozarts Zauberflöte erinnern an den Gesang der Vögel. Vermutlich hat Mozart die Natur als Vorbild genommen.

Nachtigall-Männchen erlernen die Klänge in ihrer Jugend von Vögeln, die sie in ihrer Umgebung wahrnehmen. Um den 20. April herum kommt der Zugvogel, der zur Familie der Drosselvögel gehört, aus Afrika zurück und sucht Brutmöglichkeiten in Auwäldern, im dichten Unterholz. Gerne brütet er in Bodennähe mit viel Laub. Da man aber das Laub überall wegräumt, altes Gehölz entfernt und Auwälder zerstört, haben die Vögel immer weniger Lebensraum für ihren Nestbau. Natürlich ist der verführerische Gesang ein Mittel, um Weibchen anzulocken. Und in der Nacht sind alle anderen Vögel ja still. So hört man den Gesang des Nachtigall-Männchens noch stärker.

Andererseits zeigen die Männchen damit auch, wer Herr im Revier ist. Sie grenzen also ihren Bereich damit ab. Aber auch tagsüber kann man den Vogelstimmen lauschen.

Nachtigallen trällern die gesamte Brutzeit bis Mitte Juni auch am Tag. Bis zu 260 verschiedene Strophenarten beherrschen sie. Doch wer die Vögel erblickt, ist vielleicht ein wenig enttäuscht. Vom Klang ihrer Lieder her vermutet man einen prachtvollen Pfau. Doch Nachtigallen sind unscheinbar, bräunlich und nur 16 bis 17 Zentimeter groß. Sie fressen Insekten und Larven, Würmer und Spinnen, aber auch Früchte.

Manche Leute benutzen oft das Sprichwort: Nachtigall, ick hör dir trapsen. Es bedeutet, dass jemand schon längst ahnt, was der andere vorhat. Vermutlich geht die Redewendung auf ein altes Volkslied zurück: „Frau Nachtigal“ aus der Liedertexte-Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Diese Sammlung gaben die Dichter Clemens Brentano und Achim von Arnim 1805 bis 1808 heraus. Im Lied heißt es in der ersten Strophe:

„Nachtigal ich hör dich singen, / Das Herz möcht mir im Leib zerspringen, / Komme doch und sag mir bald, / Wie ich mich verhalten soll.“

Ob in Shakespeares „Romeo und Julia“ die Nachtigall und nicht die Lerche die Zeit bestimmt oder Joseph von Eichendorff im Gedicht „Nachtigall“ schwärmt, „Wunderbar die ganze Nacht, / Dass die Nachtigall erwacht“ − dieses Tierchen, dessen Name schon Programm ist, denn „gal“ stand im Althochdeutschen für „Gesang“, hat uns alle stets zu Höherem angeregt.

Lauschen wir in diesen Tagen ergriffen den Klängen dieses Meistersängers. Silvia Friedrich


S. 22 Neue Bücher

Des Kaisers Minister
Roman über k. u. k. Monarchie

Ottokar Theobald Otto Maria Graf Czernin von und zu Chudenitz (1872–1932) war von Dezember 1916 bis April 1918, also während des Ersten Weltkrieges, Außenminister von Österreich-Ungarn. Zeitgenossen beschrieben ihn als Politiker mit einem „hochgradig nervösen Temperament“. Und genau dieses brachte ihn dann auch ganz folgerichtig ins politische Aus. Auslöser hierfür war die sogenannte Sixtus-Affäre: Prinz Sixtus von Bourbon-Parma, ein Bruder von Kaiserin Zita, hatte Anfang 1918 geheime Se­pa­rat­frie­dens­verhandlungen für die k. u. k. Monarchie geführt, was durch eine Indiskretion des französischen Ministerpräsidenten

Georges Clemenceau aufflog und in Berlin höchste Empörung auslöste. Daraufhin gab der österreichische Kaiser Karl I. eine „ehrenwörtliche Erklärung“ ab, dass dem Feind keinerlei Zusagen zu Lasten des Allianzpartners Deutschland gemacht worden seien. Das freilich war eine Lüge, was Czernin auch sofort in aller Öffentlichkeit klarstellte, nachdem sich Karl I. seinem Wunsch verweigert hatte abzudanken. Natürlich blieb ihm nach dieser unerhörten Kompromittierung und Herausforderung des Kaisers nur noch der Rück-tritt.

Diese Ereignisse stehen im Mittelpunkt des teilbiografischen Romans von Hans von Trotha, dem Urenkel Czernins. Allerdings ist das Werk gleich in zweierlei Hinsicht fehlkonzipiert: Zum einen bietet es eine unentwirrbare Mischung aus Dichtung und historischer Wahrheit – es wäre besser gewesen, wenn sich der Autor entweder für einen Roman oder ein Sachbuch entschieden hätte. Zum anderen erfolgt auch keine stringente Darstellung der historischen Vorgänge, weil es noch eine zweite Erzählebene gibt, in der geschildert wird, wie der Ostberliner Student Max von Andersleben, im Buch auch ein Urenkel des Ministers und somit das Alter ego von Trothas, in der Zeit nach dem Mauerfall versucht, aus dem ihm zugespielten Quellenmaterial über das Wirken Czernins klug zu werden. Damit nicht genug, bringt der frühere Chef des Nicolai-Verlages außerdem noch eine fiktive Organisation namens G.R.A.N.T. (General Restitution of Austrian National Traditions) ins Spiel, welche dem zunächst arglosen von Andersleben die Dokumente abzujagen versucht, weil sie einen weiteren Skandal vertuschen möchte, der das Renommee Karls I. noch mehr zu beschädigen droht. Die Rede ist von der höchst dubiosen Aktion der Familie der österreichischen Kaiserin, über welche der Czernin-Verteidiger August Demblin bereits 1920 in seinem Buch „Czernin und die Sixtus-Affaire“ berichtete, weswegen sich logischerweise jedwede Verdunkelung erübrigt: 1918 hatte die Parma-Sippe unter dem Deck-mantel der Wohltätigkeit ein großangelegtes Schiebergeschäft mit Kakao versucht, was Czernin herausfand und ebenfalls gegen das Herrscherhaus in Wien verwendete.

Abgesehen von dieser verpufften Pointe liest sich das Buch über weite Strecken auch sonst nicht sonderlich gut, weil von Trothas Erzählstil durch eine gewisse Monotonie geprägt ist, wozu insbesondere die extrem ausufernde Schilderung der Rauchgelüste und -gewohnheiten der beiden Protagonisten Czernin und von Andersleben beiträgt. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass der Schreiber entweder unter starkem Nikotinentzug oder einem Mangel an anderweitigen dramaturgischen Mitteln gelitten hat. Wolfgang Kaufmann

Hans von Trotha: „Czernin oder wie ich lernte, den Ersten Weltkrieg zu verstehen“, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2013, geb., 495 Seiten, 28 Euro


Von Überzeugungen getragen
Ex-Kanzler Gerhard Schröder spricht »Klare Worte«

Klare Worte“ lautet der Titel des aktuellen Buches von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der definitiv auch Programm ist. Und es ist fast schon eine Wohltat, das unter verschiedenen Oberbegriffen zusammengefasste Lang-Interview Schröders mit dem Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ Georg Meck zu lesen. Denn immer gibt der SPD-Politiker eindeutige Antworten. Zwar weiß man nicht, welche Fragen Meck gestellt hat, deren Beantwortung Schröder verweigert hat und die daher nicht Eingang in das Buch gefunden haben, aber es gibt in ihm noch genügend Punkte, die unangenehme Themen berühren, denen sich der Befragte aber trotzdem stellt. Schröder antwortet stets klar und gezielt auf die gestellte Frage, er weicht ihr nie aus. Und auch wenn man viele seiner Positionen nicht teilt, so ist es trotzdem eine Freude, sie zu lesen, denn sie bieten eine Reibungsfläche und zeigen Überzeugungen, etwas was Schröders Nachfolgerin Angela Merkel viel zu wenig preisgibt.

In seinem Vorwort teilt Meck mit, dass er sich für das Buch mehrfach mit Schröder in dessen Kanzlei in Hannover getroffen hat. In seinem dortigen Büro seien Porträts sämtlicher Kanzler der Bundesrepublik Deutschland aufgehängt, außer von Angela Merkel. Dafür aber in Übergröße eine Zeichnung von Reichskanzler Otto von Bismarck.

Gleich zu Beginn des Interviews erklärt Schröder, warum er überzeugt sei, dass Deutschland Zuwanderung brauche, und warum er für eine doppelte Staatsbürgerschaft sei. Auch ist er der Auffassung, dass das SPD-Mitglied Thilo Sarrazin mit seiner Kritik an muslimischen Zuwanderergruppen der SPD geschadet habe. Des Weiteren hält er daran fest, dass die von ihm eingeführte „Agenda 2010“ gut für Deutschland gewesen sei, auch wenn er selbst zahlreiche Punkte im Nachhinein erkannt habe, bei denen eine Nachjustierung notwendig sei.

Meck fragt Schröder, inwieweit er noch an seiner vor vielen Jahren getätigten Aussage, dass der Euro eine „kränkelnde Fehlgeburt“ sei, festhalte, worauf dieser erklärt, warum er diese Position nicht mehr vertrete, allerdings halte er die Euro-Krise auch für noch lange nicht bewältigt. Für Schröder heißt – wie übrigens auch für seine Nachfolgerin – die Lösung der Krise „mehr Europa“. Hierfür will er aus der EU-Kommission eine Regierung machen, die vom EU-Parlament gewählt wird. Und aus dem Europäischen Rat, in dem die nationalen Regierungen vertreten sind, will er ein EU-Pendant des Bundesrates machen. Und obwohl Schröder Meck zustimmt, dass es im Falle der Türkei noch zahlreiche Aspekte gibt, die nicht den EU-Werten entsprechen, spricht er sich trotzdem aus sicherheits- und wirtschaftspolitischen Gründen für einen EU-Beitritt des Landes aus.

Befragt zu dem Vorwurf, dass er der „Kanzler der Bosse“ gewesen sei, erwidert Schröder, dass dies Schlagworte seien, die nicht zur Realität passten. Allerdings lasse er den Vorwurf gelten, dass er in der Regierung sozusagen die Revolution verhindert habe, die er als Jungsozialist noch selber geplant habe. Zugleich betont er jedoch, dass er kein typischer 68er gewesen sei, denn er habe nie das gesamte System zerschlagen wollen, vielmehr habe er stets das Deutschland hoch geachtet, dass es ihm als Sohn einer Soldatenwitwe ermöglicht habe, nach einer Einzelhandelsausbildung noch sein Abitur und sein Jurastudium auf dem zweiten Bildungswege zu absolvieren. Und so hebt er auch hervor, dass für ihn ein Sozialstaat nur im Falle von Alter, Arbeitslosigkeit oder Krankheit aktiv werden müsse, wenn die Hilfeempfänger wirklich nicht mehr in der Lage seien, sich selbst zu helfen. „Wer rundum nur betreut und alimentiert wird, der läuft Gefahr, seine Würde zu verlieren“, so seine Begründung.

Auch erklärt Schröder, warum er beim Irakkrieg sich den Wünschen der US-Amerikaner verweigert hat, wie er in Bezug auf Menschenrechtsfragen mit China umgegangen ist, warum er politisch nicht mehr mit Oskar Lafontaine arbeiten konnte und warum er Russland und vor allem Wladimir Putin bis heute in Freundschaft verbunden ist. Angesprochen auf seine Behauptung, Putin sei ein „lupenreiner Demokrat“, merkt er an, dass er 2004 von Reinhold Beckmann in dessen TV-Show gefragt worden sei, ob Putin einer sei, worauf er richtigerweise hätte antworten sollen: „Was ist eigentlich ein lupenreiner Demokrat? Das gibt es ja gar nicht, lupenrein demokratisch ist niemand.“ Auch hält er an seinem bezahlten Engagement für die russische Gaspipeline Nord Stream fest, da das Projekt gerade für die Umsetzung der Energiewende, auf die er ebenfalls eingeht und die er in ihrer Umsetzung kritisiert, wichtig sei.

Rebecca Bellano

Gerhard Schröder: „Klare Worte. Im Gespräch mit Georg Meck über Mut, Macht und unsere Zukunft“, Herder, Freiburg 2014, geb., 238 Seiten, 19,90 Euro


Versuch einer Annäherung
Soziologe offenbart seine Erkenntnisse in Sachen Zigeuner

Deutsche Medien sind derzeit voller Berichte über bettelnde und stehlende Zigeuner-Banden aus Südosteuropa, in denen die Täterherkunft jedoch ungern genannt wird. Was darin beklagt wird, mutet wie eine Illustration der Befunde an, die der Soziologe und Historiker Wolfgang Geier in seinem jüngsten Buch ausbreitet. Geier kennt „seine“ Roma“ aus theoretischen Studien und praktischer Feldforschung und legt nun in „Roma im Osten“ die Probleme mit ihnen dar, beginnend damit, dass niemand sagen kann, wer sie sind, sie selber am wenigsten: Das Ethnonymikon „Roma“, das 1979 ein „Zigeunerkongress“ ihnen aufoktroyierte, lehnen sie ab – wie auch der Autor –, weil sie sich nur nach Stämmen definieren.

Dass ihre „Sprache Romanes“, die sie kaum kennen oder in 30 Dialekten reden, heute in tschechischen Schulen gelehrt werden soll, ist für sie „Unsinn“: Wenn schon lernen, dann „lieber Englisch“. Religion beziehen sie von ihrer „nichtzigeunerischen“ Umgebung. Der ihnen 1977 von der Genfer Menschenrechtskommission gewährte Minderheitenstatus geht numerisch ins Leere: „Weltweit werden zwischen zwei und zwölf Millionen Zigeuner angenommen; allein hierdurch wird das ... Dilemma deutlich“, sagt der Autor und präzisiert die Aussage nach Kontinenten (Europa zwei bis 5,6 Millionen, davon die meisten in Osteuropa) und Ländern.

Zigeuner würden, so der Autor, nicht mehr wie früher kollektiv verfolgt, höchstens allein anhand der Gebote, Sanktionen und Hierarchien ihrer Stämme beobachtet. Die „Zigeunerforschung“ in Europa habe diese Menschen „weitgehend aus den Augen verloren“ und falle als Ratgeber aus. Zählungen seien schwer machbar, gerade gegenwärtig in Deutschland, wo 2011 zwischen 80000 und 120000 Zigeuner lebten, deren Zahl durch jüngste Armutsmigranten erheblich zugenommen habe. So verschärft sich der Gegensatz zwischen „Sinti“ (deutsche Zigeuner) und Zuwanderern vom Balkan: Deren „Bildungsstand ist durchweg wesentlich geringer, ihre soziale und kulturelle Gesamtlage erheblich schlechter, die Häufigkeit devianten Verhaltens entsprechend höher“.

Geier füllt durch länderspezifische Daten eine Lücke, um „das Bild der Zigeuner von populistisch einseitigen, romantisierend beschönigenden, verharmlosenden Darstellungen zu lösen“. Gelingen wird ihm das aufgrund der Politischen Korrektheit nicht, aber respektabel ist sein Anfang allemal. Wolf Oschlies

Wolfgang Geier: „Roma im Osten. Sozial- und kulturgeschichtliche Skizzen aus fünf Jahrhunderten“, Wieser Enzyklopädie des Europäischen Ostens, Wieser, Klagenfurt 2014, 97 Seiten, 49,90 Euro


Mit Intrigen oder Geschick an die Macht
Zwölf Biografien ungewöhnlicher Frauen: Von Adelheid von Italien bis Angela Merkel

„Mensch, lieg vor dir selber auf der Lauer, sonst bist du auch ein Mops nur auf der Mauer.“ Diese Verse von Christian Morgenstern hätten Angela Merkel beinahe die Zulassung zum Abitur gekostet. Die Schüler führten 1973 das Gedicht auf, was ihnen die Templiner Schulbehörde übelnahm. Denn sie sahen darin sehr wohl etwas Politisches und das schadete ihrer Meinung nach dem Ansehen des Schülerkollektivs in der Öffentlichkeit. Es blieb bei einer Abmahnung und die heutige Bundeskanzlerin durfte sogar regulär Physik studieren.

Ähnlich wie in seinem letzten Buch „Verkannte Pioniere“, in dem es um unbeachtete Erfinder ging, nimmt uns der Autor Armin Strohmeyr in seinem neuen Buch „Einflussreiche Frauen“ mit auf zwölf Zeitreisen. Ob man die Zeitmaschine auf Mittelalter stellt oder sich an den Versailler Hof versetzten lässt, ob man Hillary Rodham, spätere Mrs. Clinton, 1968 in ihrem Studentenzimmer besucht, kurz nachdem Martin Luther King ermordet worden war, oder sich lesend in die noch junge DDR begibt – jede Geschichte ist so mitreißend wie spannend, so atemberaubend wie ungewöhnlich. Mit welcher man beginnt, ist eigentlich egal. Faszinierend sind sie alle gleichermaßen. Der Autor schafft es immer wieder, ein Szenario vorm geistigen Auge entstehen zu lassen, das einem das Gefühl gibt, dabei gewesen zu sein. Bitte den Lesenden nicht stören! Der hockt nämlich gerade in einem Burgverlies oberhalb des Gardasees und schaut der gefangenen Königin Adelheid von Italien im Jahre 951 dabei zu, wie sie sich einen Tunnel grabend zu befreien versucht. Wird sie es schaffen?

Die Reise an den intriganten Hof in Versailles wirkt so plastisch und lebensecht, dass man die knisternden Roben zu hören meint. Man folgt Ludwig XV. auf einer Geheimtreppe ins Schlafzimmer zur Marquise de Pompadour und spaziert anschließend errötend durch den Park, sich fragend, wie dieses Mädchen aus dem Volk es schaffen konnte, so mächtig zu werden?

„Der Wille zur Macht galt lange als männliches Attribut“, heißt es im Einband des Buches. Doch Frauen, vielleicht aus der Gewissheit heraus, niemals auch nur irgendeine Karriereleiter erklimmen zu können, ersannen Intrigen, entwickelten diplomatisches Geschick und entledigten sich ihrer Feinde oftmals auch durch weniger feine Verhaltensweisen. Das alles, um endlich auch einmal zu spüren, was Macht bedeutet. Wie es sich anfühlt, das Steuer in der Hand zu halten auf dem Schiff der Möglichkeiten. Ob man Mitte des 19. Jahrhunderts dem armen Mädchen Clara im unscheinbaren Dorf in Sachsen einen Besuch abstattet oder später ins reiche Elternhaus von Eleanor nach New York schaut. Man wird Zeuge, wie beide Frauen auf der Weltbühne als Clara Zetkin und Eleanor Roosevelt eine Ausnahmerolle spielen. Jede auf ihre ureigenste Art. Allen Biografien ist zu eigen, dass Unmögliches doch möglich ist. Wenn man nur lange und ausdauernd genug dafür kämpft. „Wie Frauen die Formen der Macht, des Machtkampfs und Machtspiels bedienten und beherrschen“, zeigt der Germanist Strohmeyr wahrhaft mitreißend auf.

„Viele Frauen haben die ganze Brust voll Hirn“, soll Frankreichs berühmteste Mätresse einst gesagt haben. Jeanne Antoinette Poisson de Pompadour, eine aufrechte Frau, die heute vielleicht an der Spitze eines Staates ihren Dienst tun würde, war ihrer Zeit voraus.

Wer zu lesen beginnt, legt das Buch so schnell nicht mehr aus der Hand. Silvia Friedrich

Armin Strohmeyr: „Einflussreiche Frauen. Zwölf Porträts“, Piper, München 2014, kartoniert, 320 Seiten, 9,99 Euro


S. 23 Rautenberg Buchhandlung

Rautenberg Buchhandlung


S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Schuss ins Knie / Wo noch EU-Begeisterung blüht, wie wir die Kritiker Brüssels plattmachen, und warum die Distel »Blume des Jahres« werden muss

Die EU-Wahl naht, die Spannung steigt. Oder? Na ja, wie soll man’s sagen, „Spannung“ wollen wir es eigentlich nicht nennen. Dafür fehlt die Euphorie, die zur Spannung dazugehört. Euphorisch ist nun aber wirklich niemand. Bei den etab­lierten Politikern und ihrem Tross aus „Experten“ und geneigten Medien macht sich eher Nervosität breit. Etwas Unheimliches scheint im Anmarsch: das Volk.

Viel Wut macht sich Luft, sobald die Rede auf „Brüssel“ kommt. Diese Wut wollen die Politiker in „Engagement“ umlenken – also auf ihre eigenen Mühlen. Deshalb wird viel Theater veranstaltet. Es geht nur leider fast keiner hin.

In den Niederlanden hat eine stolze Riege aus Politpensionären und irgendwie mit dem EU-Apparat verbandelten Holländern eine Initiative gegründet mit dem Ziel, die „Europäer zusammenzubringen“. Acht Organisationen haben „Reclaim Europe“ aus der Taufe gehoben. Rund 100 Vertreter von weiteren drei bis vier Dutzend Parteien und Verbänden, Initiativen und Denkfabriken aus etlichen EU-Ländern haben sich als Erstunterzeichner der Initiative angeschlossen. Wenn das nicht nach breiter Bürgerbeteiligung riecht! Endlich: der ersehnte Aufbruch für die EU.

Indes: Bürger? Fast allen Beteiligten ist gemein, dass sie auf irgendeine Weise von Steuergeldern subventioniert werden, also sozusagen beruflich bei der Sache sind. Aber das heißt ja noch nichts.

Die Initiative strotzt nämlich vor bunten Plänen zum „Zusammenbringen“. „Offene Diskussionen“ soll es geben und ein „Riesenpicknick“, wo ausgesuchte Bürgerideen vorgestellt werden sollen. Wichtig sei es, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen. Deshalb wollen die Initiatoren überall dort, wo „etwas passieren muss“, im krisengeplagten Rom oder Madrid etwa, einen drei Meter großen, aufblasbaren lila Elefanten aufstellen. Der soll Aufmerksamkeit erheischen oder gar zum Nachdenken anregen. Die Brüsseler EU als aufgeblasenes, hohles Riesentier. Ja, das dürfte die Vorstellung so mancher Bürger von der EU durchaus nahekommen. Da müssten die Menschen doch in Scharen begeistert herbeiströmen, um bei „Reclaim Europe“ mitzumachen. Voller Stolz verkünden die Macher denn auch, dass schon 70 (keine Null vergessen: siebzig) „Privatpersonen“ die Initiative per Unterschrift auf deren Internetseite unterstützten. Da sei der Beleg: Die „Bürger Europas“ ziehen begeistert mit!

Was wohl erst wird, wenn die „offenen Diskussionen“ losbrechen. Der Verfasser dieser Zeilen hat eine solche offene Diskussion zu Europa bei einer großen deutschen Volkspartei mal selbst erlebt. Wer Fragen oder Anregungen hatte, durfte diese still auf ein Zettelchen schreiben, das vorn bei einer Jury abzugeben war. Die sortierte die Fragen dann nach „Relevanz“ und legte die für hilfreich befundenen Zettel dem EU-Abgeordneten der Partei vor. Nicht hilfreiche kamen in den Papierkorb. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwungvoll, offen und kontrovers die „Debatte“ verlief!

Nun mal ernsthaft, kann das denn wahr sein? Ein ganzes Bataillon von staatlichen und staatsnahen Organisationen ruft zum „Engagement für Europa“ auf, und nur jämmerliche 70 Hanseln geben gerade mal ihre Unterschrift her? Da täuscht man „offene Debatten“ vor und fast alle merken, dass man lügt? Ja, klappt denn gar nichts mehr? Will keiner mehr mitmachen, ohne dass man ihn dafür bezahlt?

Oh doch, es gibt sie noch, die begeisterten jungen Europäer, die die EU richtig spitze finden und auch was dafür tun wollen, ehrenamtlich! Das ZDF hat eine Gruppe von Studenten aufgetan, die sich „für Europa“ ins Zeug legen wollen und unter „Europa“ tatsächlich die EU verstehen.

Eine Reporterin hat vier der jungen Leute in Paris besucht. Die Journalistin tourt derzeit durch die EU-Hauptstädte, um EU-Begeisterung zu vermitteln und dauerlächelt dabei mit einer natürlichen Heiterkeit, die jede Waschmittelwerbung verblassen lässt. Sie stünden auch im Kontakt mit anderen jungen Menschen in der EU, berichten die Studenten. Man müsse den frustrierten Altersgenossen die Vorzüge der Union nur besser vermitteln.

Das reißt einen doch mit. Zumindest bis kurz vor Ende des Beitrags. Da erwähnt die ZDF-Reporterin nämlich in betörender Einfalt: „Später einmal bei der EU zu arbeiten, können sie sich alle auch gut vorstellen.“

Damit hat die Staatsfunkerin etwas verraten, was sie besser verheimlicht hätte. Ganz so porentief ehrenamtlich ist die EU-Euphorie also doch nicht: Die Studenten drängen bloß in die erste Reihe, um sich eine gute Ausgangsposition zu verschaffen beim Abgreifen eines der zahllosen, bestialisch gut bezahlten Posten als EU-Apparatschik. Und vielleicht springen vorher ja noch ein Stipendium heraus und ein paar Praktika, bei denen man „Kontakte knüpfen“ kann. Nach dem letzten Satz der Reporterin wusste ich, warum mir die jungen Leute von Anfang an irgendwie schleimig vorkamen.

Also wieder nix mit dem „Engagement“. Und jetzt? Na, wenn wir schon keine echten, nicht korrupten EU-Freunde mehr finden, dann müssen wir eben umso härter auf die Kritiker draufhauen. Michael Theurer, EU-Parlamentarier der FDP, giftet AfD-Chef Bernd Lucke als „verkappten Salonfaschisten“ an und Sachsens CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich rollt gar gleich einen NPD-Vergleich in die Arena.

Staatliche und vom Staat subventionierte Institute legen sich ebenfalls ins Zeug, damit die AfD-Fresser stets auf „Experten“ verweisen können, die ihre Sicht wissenschaftlich fundiert hätten. So hat die „Bundeszentrale für politische Bildung“ der neuen Partei quasi amtlich das Kainsmal „rechtspopulistisch“ aufgedrückt, was sie damit begründet, dass die Frage, ob die AfD rechtspopulistisch sei, in „Wissenschaft und Medien“ diskutiert werde. „Wissenschaft und Medien“ können dann wiederum die AfD als rechtspopulistisch verdammen mit der Begründung, dass dies ja auch die Bundeszentrale für politische Bildung bescheinige. So wirft man sich die Bälle zu.

Zum Glück durchschauen die meisten Deutschen das Ballspiel vermutlich nicht, weshalb man es in solch strahlender Offenheit treiben kann. Manchmal geraten die Abstrafungen allerdings zum Schuss ins eigene Knie: Die Europa-Union, noch so ein staatlich subventionierter Laden, vergibt die „Europa-Lilie“ für die „herausragendste europapolitische Leistung“ und die „Europa-Distel“ für den „größten europapolitischen Fauxpas“.

Die Lilie für 2013 geht an den Deutschlandfunk, mit der Distel wird der Autor Henryk M. Broder für sein EU-kritisches Buch „Die letzten Tage von Europa“ gerügt. Ein großer Fehler: Den Bestraften erreichte die Nachricht just in dem Moment, als er gerade das Nachfolgebuch „Rettet Europa!“ (gemeint ist: vor seinen vermeintlichen „Rettern“) zu bewerben begann. Broder ist verständlicherweise ganz außer sich vor Entzücken über die ungewollte PR-Aktion der Europa-Union.

Und die Lilie? Dass die staatsnahe Organisation dem Staatssender einen Orden umhängt, das erinnert an die greisen Sowjetführer, die sich gegenseitig solange mit bunten Auszeichnungen beklebten, bis sie und ihr ganzes marodes System unter der Last des Blechs tot zusammenbrachen. Von der Lilie gezeichnet wird der Deutschlandfunk nur noch Gelächter ernten, wenn er sich mal wieder für seine „kritische Berichterstattung“ eigenlobt.

Broder macht in seinem neuen Buch keine Gefangenen: In Brüssel habe sich ein „EU-Adel“ eingenistet, der nur den eigenen Vorteil suche „unter dem verlogenen und vermieften Deckmäntelchen, nur so könne Europa in Frieden und Freiheit existieren“. Bei ernsten Fragen versage die EU sowieso, da müssten die Nationalstaaten handeln, weshalb wir uns „den Firlefanz“ EU auch sparen könnten. Wir sollten die Distel zur „Blume des Jahres“ küren!


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Sex-Opfer als Nazi beschimpft

Frankfurt am Main – Ein ehemaliger Schüler der hessischen Odenwaldschule ist von einem Lehrer des Internats als „Nazi“ bezeichnet worden. Grund: Adrian Koerfer, der in den 70er Jahren an der Anstalt von einem Lehrer sexuell missbraucht wurde, habe eine Erklärung zu seinen Vorwürfen gegen die Schule „zum 20. April“ veröffentlicht, dem Geburtstag Adolf Hitlers. H.H.

 

Islam: Männer ausgesperrt

Venedig – In einem Schwimmbad von Mestre, einem Vorort der Stadt Venedig am italienischen Festland, wird Männern derzeit an den Wochenenden zwischen 9 und 10.30 Uhr der Zugang verwehrt. Begründung: Damit solle die Integration muslimischer Frauen gefördert werden, die nicht mit Männern gemeinsam schwimmen wollten. Man folge damit dem Beispiel eines Sportvereins in Turin. In Italien leben rund 1,5 Millionen Muslime, in Deutschland sind es rund dreimal so viele. H.H.

 

Leisetreter als DGB-Zugpferd

Das Amt an der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bedeutet meist eine Jobgarantie für die nächsten zehn Jahre. So lange standen im Schnitt Michael Sommer, Dieter Schulte, Ernst Breit oder Heinz Oskar Vetter dem Dachverband der Einzelgewerkschaften als Vorsitzende vor. Jetzt muss man sich an den Namen Reiner Hoffmann gewöhnen.

Als Nachfolger Sommers, der für eine erneute Kandidatur nicht zur Verfügung stand, soll Hoffmann den Niedergang der Gewerkschaften stoppen. Ein Linksruck und der Mitgliederschwund setzen den Arbeitnehmervereinigungen seit Jahren zu. Trotz Rekordzahlen auf dem Arbeitsmarkt kamen 2013 wieder 8500 Mitglieder abhanden. Bei sechs Millionen Arbeitnehmern, die in den acht DGB-Einzelgewerkschaften organisiert sind, lässt sich das noch verschmerzen.

Hoffmann will aber andere Prioritäten setzten. Als Funktionär, der von den 15 Jahren beim Europäischen Gewerkschaftsinstitut und beim Europäischen Gewerkschaftsbund in Brüssel geprägt ist, wünscht sich der 58-Jährige die Vereinigten Staaten von Europa herbei. „Mit einer europäischen Kleinstaaterei, mit einem Ausstieg gar aus dem Euro, werden wir nicht die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie steigern“, warnte er bei seiner Wahl auf dem DGB-Bundeskongress. Durchsetzung des Mindestlohns und Ende des Prekariats sind die anderen Stichworte, bei denen er heiß läuft.

Der Hobbyläufer und Kettenraucher aus Wuppertal, der auf dem zweiten Bildungsweg Wirtschaft studiert hat, war schon früh politisch aktiv. Als Willy Brandt 1972 per Misstrauensvotum gestürzt werden sollte, wurde der Vater zweier Kinder SPD-Mitglied. Vor zwei Jahren starb seine Frau. So etwas macht demütig. Aber ein Freund lauter Töne ist Hoffmann ohnehin nie gewesen. Harald Tews


MEINUNGEN

Der einstige außen- und sicherheitspolitische Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl, Horst Teltschik, kritisiert in der „Frankfurter Rundschau“ (7. Mai) die Anheizer in der deutschen Debatte um die Ukraine-Krise:

„Dieses dumme Wort vom Russland-Versteher zeigt ja auch, dass anscheinend die, die das Wort nutzen, es für besser sehen, wenn man nichts von Russland versteht.“

 

 

Der Osnabrücker Professor der Sozialwissenschaften i. R. Mohssen Massarat erläutert im „Stern“ (7. Mai), warum die harte Haltung gegenüber Russland nur der US-Hegemonie nutze und in Wahrheit vor allem gegen die EU gerichtet sei:

„Die EU-Politiker waren – offensichtlich immer noch im Kalten-Krieg-Geist verhaftet – gut oder richtiger dumm genug, um den US-Ball aufzunehmen und dieses ganz klar auf eine tiefe Spaltung zwischen Russland und EU zielende US-Projekt voranzutreiben. Somit richtet sich auch die Ukraine-Politik der USA, wenn überhaupt, nur zu einem Teil gegen Russland ... Dabei weiß jeder, dass die Hauptleidtragenden einer Zuspitzung des Ukraine-Konflikts nicht die US-Amerikaner, sondern die Europäer wären. Die Grenzen amerikanischer Zumutungen sind längst erreicht, die Europäer müssen endlich mit dem Selbstbetrug und der Hinternkriecherei aufhören und den Amerikanern dies auch offen sagen.“

 

 

Genervt vom volksverdummenden EU-Wahlkampf der großen Parteien sieht sich Henryk M. Broder in der „Welt“ (9. Mai) zu einer Klarstellung genötigt:

„Es ist völlig wurscht, wer nächster Präsident der EU-Kommission wird, Jean-Claude Juncker, Martin Schulz oder jemand aus der ,GZSZ‘-Truppe. Juncker will Europa reformieren, Schulz auch. Man müsse, sagt der Rheinländer, ,Europa wieder vom Kopf auf die Füße stellen‘. Womit er die Frage provoziert, was er denn in den vergangenen 20 Jahren als Europapolitiker gemacht habe. Darauf geachtet, dass Europa im Kopfstand nicht die Balance verliert?“

 

 

Rainer Bonhorst fragt sich im Internetportal „Achse des Guten“ (8. Mai), warum die Deutschen ihre Politiker nicht zu einer drastischen Senkung der abartig hohen Steuern zwingen:

„Erstens rückt der Staat das Geld, das er einmal hat, nicht gerne wieder heraus. Und zweitens lieben wir Deutschen unsere Steuern. Wir sind nicht nur die verrücktesten Energiewender der Welt, wir sind (mit ein paar prominenten Ausnahmen) auch die begeistertsten Steuerzahler der Welt ... Kurz: Die Lage ist zwar lächerlich, aber ausweglos.“

 

 

Nils Minkmar beleuchtet im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 8. Mai das Erfolgsmodell von Angela Merkel und stellt fest:

„Sie verdankt ihren Erfolg dem Nichtstun, dem Nichtssagen und der dilatorischen Politik, dem Aufschieben. Sie möchte gern im Amt bleiben, und das kann man am besten, wenn man möglichst wenig macht.“