© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 25/14 vom 21.06.2014

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Nichts als Trümmer
USA ernten nun im Irak die Früchte ihres missglückten militärischen Engagements

Wenn es nach Bundespräsident Joachim Gauck geht, dann müsste sich Deutschland aktiver in internationale Konflikte einmischen. Doch was hätte das für Folgen?

Es war eine Sensation. US-Außenminister John Kerry hatte den Erzfeind Iran über Nacht zum Quasi-Verbündeten gemacht. Um die Lage beim Nachbarn Irak in den Griff zu bekommen, wollte er sogar eine militärische Zusammenarbeit mit Teheran nicht ausschließen. Das war zu viel: Eilig ruderten Präsidial-amt und Verteidigungsministerium zurück. Man wolle mit Teheran reden, aber militärisch werde man sich mit dem Iran keinesfalls absprechen. Darauf ruderte auch Kerrys Ministerium wieder zurück.

Das öffentlich ausgetragene Durcheinander illustriert pure Ratlosigkeit. Die USA und ihre engsten Verbündeten, allen voran Großbritannien, haben den Nahen und Mittleren Osten in ein Trümmerfeld verwandelt seit ihrem Einmarsch in den Irak 2003. Saddam Husseins Staat war eine unappetitliche Gewaltherrschaft. Aber er war einigermaßen berechenbar und stand dem Islamismus ablehnend gegenüber, was auch den Christen des Irak zugutekam, die mittlerweile nahezu ausgelöscht sind. Heute steht der Irak abermals in Flammen.

Kaum ermutigender ist das Resultat der (von den USA unterstützten) britisch-französischen Inter- vention in Libyen. Das Land ist faktisch zerfallen und Ausgangspunkt für islamistische Attacken in Nachbarländern wie Mali. Zudem bietet Libyen die Plattform für eine unkontrollierte Einwanderung nach Europa. Jeder kann sich ausmalen, wer heute in Syrien das Sagen hätte, wenn auch hier die US-geführten Bestrebungen zum Sturz des derzeitigen Machthabers erfolgreich gewesen wären. Die Isis-Rebellen sind die stärkste Kraft der von den westlichen Medien und Politikern als „Freiheitskämpfer“ verklärten Aufständischen in Syrien.

Deutschland kann von Glück sagen, dass es sich nicht in die Abenteuer seiner angelsächsischen Partner hat verwickeln lassen. Die Deutschen reagieren mit gesundem Misstrauen, wenn Redner sie immerfort zu „mehr internationalem Engagement“, auch militärischem, drängen.

Bundespräsident Gauck lässt seit bald einem Jahr keine Gelegenheit aus, um eine aktivere Teilnahme Deutschlands bei internationalen Konflikten einzufordern, bei der man auch „zu den Waffen greifen“ müsse. Erst vor wenigen Tagen tat er es erneut.

Klar ist, dass damit nur eine aktivere Gefolgschaft gegenüber den USA gemeint ist, denn allein ist die Bundewehr gar nicht imstande, fernab zu operieren. Wäre es nach Gauck gegangen, hätten deutsche Truppen mitgeholfen, die verfahrene, von hunderttausenden Opfern gepflasterte Krise anzufachen, welche die USA und ihre Helfer im Hinterhof Europas angerichtet haben. Das Irak-Desaster sollte der Weckruf sein für eine neue, eigenständigere deutsche und europäische Nahost-Politik. Das Zündeln der Zyniker muss ein Ende haben. Hans Heckel


Nicht glauben, was man sieht
Ukrainische Journalisten entlarven gefälschte Pressebilder

Je länger die Krise in der Ukraine anhält, umso mehr kursieren gefälschte Fotos und Videos in sozialen Netzwerken und in den Medien. Um solche Fälschungen zu entlarven, haben Absolventen und Studenten der Mohyla-Journalistenakademie an der Nationalen Universität Kiew das durch Online-Spenden finanzierte Projekt „StopFake.org“ ins Leben gerufen. Die 20-köpfige Gruppe um die Journalistin Margo Gontar betont, keine bestimmte politische Richtung zu unterstützen, allerdings konzentriert sie sich auf die Überprüfung von Fotos und Nachrichten in russischen Medien. Auf ihrer Internetseite heißt es dazu, es würde nur mit gesicherten Fakten gearbeitet werden, ohne dabei die Äußerungen irgendeiner Seite zu berücksichtigen.

Die Mittel zur Entlarvung einer Fälschung reichen von einer einfachen Plausibilitätsprüfung bis hin zu ausgefeilten technischen Methoden. So sind schon bemerkenswerte Fälschungen ans Licht gekommen, darunter eine Kannibalismusszene, die tatsächlich aus einem Science-Fiction Film stammt, Bilder von einem Raketenangriff auf Slowiansk, die in Wirklichkeit im Jahre 2008 in Südossetien aufgenommen wurden, oder eine Straßenkampfszene, die nachweislich schon lange vor Beginn der Ukraine-Krise im Internet abrufbar war. Und ein Bericht des Nachrichtensenders n-tv über die Lebensbedingungen im umkämpften Kramatorsk führte tatsächlich eine Einwohnerin eines Nachbarortes vor, die für das gestellte Interview bezahlt worden war. Die englisch- und russischsprachige Internetseite zählt bereits 1,5 Millionen Besucher im Monat.

„StopFake“ strebt eine Vernetzung mit ähnlichen Projekten an. Hierzu kamen in der vergangenen Woche in London mehr als 50 „Fact Checkers“ (Faktenprüfer) aus aller Welt zusammen. J.H.


Gehen bald die Lichter aus?
Experte befürchtet Zusammenbruch des Stromversorgungssystems

Das deutsche Stromnetz wird gefährlich instabil. Zu diesem Schluss kommt Holger Douglas, Vorstand Wissenschaft und Technik des Deutschen Arbeitgeber Verbandes, in einer Untersuchung mit dem Titel „Wenn es Nacht wird über Deutschland“. Besonders kritisch sieht er das im Energiewirtschaftsgesetz verankerte sogenannte „Kaskadengesetz“. Darin ist festgelegt, dass bei „Nichtgewährleistung des benötigten bundesweiten Energiebedarfs“, also Strommangel, einzelne Großverbraucher, aber auch ganze Städte, vorübergehend „abgeschaltet“ werden, um den Zusammenbruch der flächendeckenden Stromversorgung zu verhindern. Als Ursache für diesen Missstand sieht er den von Windkraft- und Photovoltaikanlagen produzierten Strom, der bei der Einspeisung Vorrang vor dem Strom aus konventionellen Kraftwerken habe.

Diese Mengen, die indes nur unter Idealbedingungen fließen, würden von den Stromhändlern auf der Grundlage von Verbrauchsprognosen vorher an der Börse gekauft. Kritisch werde es jedoch, wenn die Prognose nicht stimme und das „totale Ungleichgewicht“ zwischen Produktion und Verbrauch beispielsweise durch Zukäufe im Ausland ausgeglichen werden müsse.

Mit der „Energiewende“ habe sich die Zahl derartiger Vorfälle sprunghaft erhöht: Von zwei Eingriffen im Jahre 2003 auf 290 im Jahre 2010 und 1024 im Jahre 2011. Für den Fall, dass sich eine „Gefährdung oder Störung des Elektrizitätsversorgungssystems“ nicht durch „netz- oder marktbezogene Maßnahmen“ beseitigen lässt, sind die Netzbetreiber zu Stabilisierungsmaßnahmen verpflichtet. Im Klartext bedeute diese „Planwirtschaft“, so Douglas, „der Letztverbraucher wird abgeschaltet“, nach dem Motto „lieber eine Stadt geopfert als ein ganzes Land“. J.H.


Jan Heitmann:
Großzügig sein

Wer nicht bezahlt, bekommt auch nichts. So handelt jeder vernünftige Kaufmann. Dass das russische Unternehmen Gazprom die Gaslieferungen an die Ukraine eingestellt hat, ist daher nachvollziehbar. Konzernchef Alexej Miller pocht zu Recht auf die Verträge, in denen der Preis festgelegt wurde. Gazprom hat vertragsgemäß geliefert, aber der Kunde hat einfach nicht gezahlt. Auch wenn der vereinbarte Gaspreis für die Ukraine mittlerweile zu hoch sein mag, so hat sie doch seinerzeit aus freien Stücken unterschrieben und muss selbstverständlich für die empfangenen Gaslieferungen zahlen. Ansonsten wird der Gashahn zugedreht, wie es jetzt konsequenterweise geschehen ist. Es gibt also keinen Grund, Gazprom oder dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu zürnen.

Neben dem wirtschaftlichen Aspekt hat die Sache aber auch noch eine erhebliche politische Dimension. Gazprom, größtes Erdgasförderunternehmen der Welt und einer der größten Konzerne Europas, ist mehrheitlich in russischem Staatsbesitz. Wenn Putin es wollte, könnte Gazprom problemlos auf einen Teil der Forderung verzichten oder sich auf Ratenzahlung einlassen, wie von der ukrainischen Regierung angeboten. Das hat er nicht getan, weil er mit einer harten Haltung beim eigenen Volk punkten will. Gas hat fast den gleichen existenziellen Wert wie Wasser. Ohne die Grundversorgung mit Gas wird die wirtschaftlich ohnehin schon ruinierte Ukraine bald vollends am Boden liegen. Als verantwortungsvolle Führungsmacht, die zu sein Russland für sich reklamiert, sollte es großzügig sein und dem Nachbarn durch einen Zahlungsnachlass unter die Arme greifen.


S. 2 Aktuell

Euro-Rebellen schleifen sich rund
Zwischen Aufbegehren und Anpassung: AfD sucht im Brüsseler Alltagsbetrieb die eigene Rolle

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) wirbelt die deutsche Parteienlandschaft durcheinander. Doch der europapolitische Kurs bleibt diffus, auch nachdem die Fraktionsbildung im EU-Parlament erfolgreich abgeschlossen wurde.

„Willkommen in der politischen Praxis“, möchte man der AfD zurufen. Es ist ein paar Monate her, da versuchte sich der Bielefelder Rechtsanwalt Marcus Pretzell als Gegenspieler des Parteivorsitzenden Bernd Lucke zu präsentieren. Als die AfD im Januar ihre Liste für die Europawahl aufstellte, kandidierte er gegen Luckes Wunschkandidaten für Platz zwei, Hans-Olaf Henkel. Der 40-jährige Jurist verlor erwartungsgemäß, aber erzielte dennoch einen Achtungserfolg. Besonderen Beifall erhielt er für die Bemerkung, dass er „für eine Fraktion mit den englischen Tories nicht zur Verfügung stehen werde“. Zuvor hatte Lucke dagegen eine Zusammenarbeit mit der Ukip des populären englischen EU-Gegners Nigel Farage ausgeschlossen.

Mittlerweile hat Pretzell Karriere in der AfD gemacht, er sitzt im Bundesvorstand, ist über Listenplatz sieben ins EU-Parlament eingezogen und führt seit knapp zwei Wochen den Landesverband Nordrhein-Westfalen. Und er hat Realpolitik schnell gelernt, eine Zusammenarbeit mit den englischen Konservativen möchte er nun nicht mehr ausschließen.

Dies hat innerhalb der AfD einige verwirrt. „Traurig finde ich, wie die Aufbruchsstimmung vom letzten Jahr, Politik anders als die Etablierten machen zu wollen, in übelstes Berufspolitikertum gemündet ist“, kommentierte der frühere NRW-Landesvorsitzende Alexander Dilger Pretzells Vorgehen. Der Hochschullehrer ist nun zweifelsohne ein erbitterter Gegner des neuen Europaabgeordneten, beabsichtigte Dilger doch selbst als NRW-Kandidat für das EU-Parlament zu kandidieren, was aber am Votum der Parteitagsdelegierten scheiterte. Dennoch gibt die Auseinandersetzung der beiden Politiker einen tiefen Einblick in das Innenleben der neuen Partei.

Bernd Lucke hat von Beginn an öffentlich kundgetan, dass er „nicht mit Rechtspopulisten und EU-Gegnern zusammenarbeiten“ werde. Seine Anhänger murrten aber ob der Einschätzung, dazu auch die britische Ukip zu zählen. Lucke zog es von Beginn an in die Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten (ECR).

Ende der vergangenen Woche wurde seine Gruppe schließlich aufgenommen. Die AfD wertet dies „als Zeichen, dass sie auf europäischer Ebene Fuß gefasst“ habe. Federführend waren dort bislang die englischen Tories sowie die polnische PiS. „Diese Parteien stehen zu den Vorzügen der Europäischen Union, sind aber moderate Euro-Kritiker. Im Gegensatz zur Ukip, die aus der EU austreten will und darüber hinaus noch gegen Ausländer agiert“, erklärte der AfD-Chef. Den Konter aus der eigenen Partei, dass die polnische PiS mit ihrer Forderung nach der Todesstrafe sowie Tiraden gegen Homosexuelle ebenfalls nicht gerade als Feigenblatt für eine liberale Grundhaltung taugen würde, ließ Lucke unbeantwortet. Ebenso ließ er die Frage offen, wie er mit der Tatsache umgehen wird, dass der PiS-Chef Jaroslaw Kacynski in der Vergangenheit mehrfach antideutsche Töne im Wahlkampf gespuckt hat. In seinem Buch „Das Polen unserer Träume“ wirft dieser der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, sie wolle „die imperiale Macht Deutschlands wiederherstellen“.

Die Aufnahme der AfD in die ECR-Fraktion ist gegen Merkels Widerstand erfolgt. Vergebens hatte sie beim englischen Premierminister David Cameron gegen eine Zusammenarbeit von dessen Tories mit der AfD zu intervenieren versucht. Denn die ECR war bisher im EU-Parlament eine wichtige Mehrheitsbeschafferin für die Europäische Volkspartei (EVP), deren Mitglied die Union ist. Nun sitzt die AfD mit am Tisch. Die ECR ist derzeit die drittgrößte Fraktion im Parlament.

Die Dinge sind aber dennoch im Fluss. Es ist unklar, ob die EVP noch Kontakte zur ECR halten will. Sehr zur Verwunderung der Christdemokraten haben die eng-lischen Konservativen Fraktionsgespräche mit der Dänischen Volkspartei sowie den „Wahren Finnen“ aufgenommen. Beide skandinavischen Parteien gelten in der veröffentlichten Meinung zwar nicht als so verrufen wie FPÖ oder „Front National“, aber dennoch als Rechtspopulisten.

Für Lucke und seine sechs Mistreiter in Straßburg ist die Situation nicht ungefährlich. „Die AfD muss sich fragen lassen, warum sie auch mit extremen Parteien zusammenarbeiten will. Im Wahlkampf hat sie das immer ausgeschlossen. Das zeigt einmal mehr, wie zerrissen die AfD ist“, erklärte der neue EVP-Fraktionsvorsitzende Manfred Weber von der CSU.

Ein Jahr nach der Gründung hat die AfD spektakuläre Wahlerfolge erzielt. Doch die politische Linie bleibt unklar. Setzt sich Lucke mit seiner EU-Befürwortung durch? Ist die Partei gegen die Gemeinschaftswährung wie ihr Abgeordneter Marcus Pretzell? Präferiert sie einen Nord-Euro wie sein Kollege Hans-Olaf Henkel? Und wie passt die AfD-Forderung nach qualifizierter Einwanderung nach kanadischem Modell zur Dänischen Volkspartei und den „Wahren Finnen“, die in Sachen Zuwanderung einen deutlich rigideren Kurs fahren? Fragen, denen Lucke bislang mit der Floskel ausweicht, man werde „die Übereinstimmung in Sachfragen“ suchen. Bald könnte diese Antwort aber zu wenig sein.

Peter Entinger


Gefährliche Ratlosigkeit
Emirates-Chef warnt, auf Suche nach den Gründen des spurlosen Verschwindens von Flug MH370 zu verzichten

Trotz der bisher aufwendigsten Suchaktion in der Geschichte der Luftfahrt ist das Schicksal des am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos verschwundenen Flugs MH370 immer noch ein Rätsel. Am Rande des Jahrestreffens der zivilen Luftfahrtorganisation IATA hat nun Tim Clark, der Chef der Fluggesellschaft Emi-

rates, die bisherigen Ermittlungen in Sachen MH370 ungewöhnlich scharf kritisiert. „Hier stimmt etwas nicht, und wir müssen dem auf den Grund gehen“, so Clark gegenüber dem Fachmagazin „Aviation Week“.

Nach Ansicht des gebürtigen Briten Clark, der zum Gründungspersonal von Emirates zählt, gibt es zu der verschwundenen Boeing von Malaysia Airlines viele unbeantwortete Fragen. Diese würden allerdings auf eine Art behandelt, die angesichts des mutmaßlich kriminellen Hintergrunds inakzeptabel sei. So äußert Clark den Verdacht, dass beim Verschwinden von MH370 jemand mit Spezialkenntnissen am Werk gewesen sein muss. Die Boeing sei in drei elementaren Systemen außer Gefecht gesetzt worden. „Dies bedarf einer Systemkenntnis, die selbst unsere Emirates-Piloten nicht haben“, so Clark. Jemand sei an Bord gegangen, der genau gewusst habe, was zu tun sei und wo er habe ansetzen müssen. Aufgrund dieser Einschätzung treibt den ehemaligen Geschäftsführer von SriLankan Airlines eine ganz konkrete Befürchtung um: Wer klug genug sei, diese Systeme zu unterlaufen, werde auch andere Systeme knacken. Deshalb müsse unbedingt herausgefunden werden, wo der Schwachpunkt bei der Boeing gewesen sei.

Die Sorge des Emirates-Chefs ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Bei der vermissten Maschine handelt es sich um das Modell Boeing 777-200 ER (Extended Range, Langstrecken-Variante). Emirates führt von der Variante der Boeing 777-300 mehr Maschinen in ihrer Flotte als jede andere Fluglinie auf der Welt. Bis zum Verschwinden von MH370 galt das Flugzeug als sehr zuverlässig. Sollte das Fluggerät aber unbekannte Schwachpunkte haben, besteht bei Emirates berechtigter Klärungsbedarf.

Clark bezweifelt, dass die beteiligten Behörden alles bekannt geben, was sie wissen. So kann der Emirates-Chef sich nicht vorstellen, dass das Flugzeug nicht vom zivilen Radar erfasst wurde, als es nach seiner mutmaßlichen Linkskurve über die malaysische Halbinsel flog. Bisher nicht nachvollziehbar ist für ihn ebenso, dass die Boeing auf ihrem Weg in den Luftraum anderer Nationen eingedrungen sein muss, dabei aber scheinbar unbemerkt geblieben ist und offenbar auch keine militärische Abwehr auf den Plan gerufen hat. „Würden Sie von London nach Oslo fliegen und über der Nordsee dann einfach nach Irland abdrehen, hätten Sie in zwei Minuten Tornados, Eurofighter und alles Mögliche rund um sich.“

Auch wenn das Schicksal von MH370 noch immer ungeklärt ist, so haben die Ermittlungen doch schon jetzt einige Missstände zutage gefördert, die zumindest seit den Anschlägen vom 11. September 2001 kaum noch vorstellbar sind. So steht inzwischen fest, dass in Kuala Lumpur zwei Iraner mit als gestohlen gemeldeten Pässen an Bord der vermissten Maschine gehen konnten. Nach Angaben von Interpol waren die betreffenden Reisepässe in der internationalen Datenbank „Stolen and Lost Travel Documents“ aufgeführt. Die malaysischen Behörden hätten somit eigentlich auf die falsche Identität der beiden Fluggäste aufmerksam werden müssen. Nach Angaben der chinesischen Nachrichtenagentur „Xinhua“ taucht zudem in der Passagierliste von MH370 ein chinesischer Staatsbürger auf, der den Flug gar nicht angetreten hat. Auch dieser Vorgang hätte auf europäischen und nordamerikanischen Flughäfen umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen nach sich gezogen.

Die Kosten der Suche an der zeitweilig 25 Länder beteiligt waren, werden auf einen zweistelligen Millionenbetrag beziffert. Das Ergebnis der aufwendigen Suchaktion ist allerdings mager. Als die am wahrscheinlichsten geltende Absturzstelle von MH370 gilt mittlerweile ein Gebiet im südlichen Indischen Ozean. Zur weiteren Suche hat die zuständige australische Behörde, das Australian Transport Safety Bureau, am 10. Juni einen Vertrag mit der auf Tiefseeforschung spezialisierten niederländischen Firma Fugro unterzeichnet. Australien hat für die Suche nach dem Flugzeugwrack umgerechnet etwa 65 Millionen Euro für die nächsten zwei Jahre veranschlagt.

Angesichts der bisher ergebnislosen Suche setzt eine Gruppe von Angehörigen von Opfern dagegen auf einen völlig anderen Lösungsansatz. Eine am 8. Juni gestartete Geldsammelaktion soll fünf Millionen US-Dollar zusammenbringen, mit denen Tippgebern eine Prämie gezahlt werden kann. „Wir sind überzeugt, dass irgendwo irgendjemand etwas weiß“, so Ethan Hunt, einer der Initiatoren der Kampagne. Norman Hanert


MELDUNGEN

Treu sein, aber es nicht sagen

Berlin – Das Verbot, im Heer weiter „im dienstlichen Umfeld“ den Wahlspruch „Treue um Treue“ zu verwenden, stößt in der Truppe auf Unverständnis und Kritik. In den einschlägigen Internetforen entlädt sich ein wahrer Sturm der Entrüstung. Heeresinspekteur Bruno Kasdorf hatte die Nutzung des Wahlspruchs „in jeglicher Form“ untersagt, da er im Wesentlichen von der Fallschirmjägertruppe der Wehrmacht geprägt worden sei. Auch in der Bundeswehr diente er jahrzehntelang hauptsächlich den Fallschirmjägern als Motto. Zudem wurde er seit einiger Zeit in der Truppe zur Ehrung gefallener Bundeswehrsoldaten genutzt. Der Unmut der Soldaten ist nachvollziehbar, gehört Treue doch zum Wesensgehalt des Soldatentums. So ist der Soldat laut Soldatengesetz ausdrücklich zum treuen Dienen verpflichtet, während der Bund wiederum für sein Wohl zu sorgen hat. Nichts anderes als dieses gegenseitige Treueverhältnis soll mit dem Ausspruch „Treue um Treue“ ausgedrückt werden. J.H.

 

Unfairer Generalverdacht

Dresden – Zumindest bis Redaktionsschluss erhielt der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) in Sachsen, Gordian Meyer-Plath, noch Rücken-

deckung vonseiten der CDU. Nachdem die „taz“ berichtete hatte, dass Meyer-Plath Mitglied der Burschenschaft Marchia Bonn ist, waren sofort von Grünen und Linkspartei im sächsischen Landtag Konsequenzen auf diese Enthüllung gefordert worden. Sie unterstellten dem Chef des Landesverfassungsschutzes, dass er nicht objektiv sei. Schließlich seien auch drei Mitglieder der NPD-Fraktion im Landtag Burschenschafter. Allerdings gibt es in Deutschland um die 1000 studentische Verbindungen mit den unterschiedlichsten Ausrichtungen und daher erwiderte der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Christian Hartmann, dass Grüne und „Die Linke“ mit dem „Generalverdacht Rufschädigung eines sächsischen Spitzenbeamten unter dem Deckmantel der Oppositionsarbeit“ betrieben. Bel


S. 3 Preussen/Berlin

Die Quälgeister, die sie riefen
Brandenburgs GEW beschwert sich über mangelnden Respekt von Schülern gegenüber Lehrern

Die Schüler verlören den Respekt vor ihren Lehrern, beklagt die linke Lehrergewerkschaft GEW in Brandenburg. Sie gesteht damit indirekt auch das Versagen ihrer eigenen Erziehungspolitik ein.

Brandenburgs Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beklagt öffentlich Gewalt und mangelnden Respekt seitens der Schüler. Als Lösung empfiehlt die DGB-Gewerkschaft der rot-roten Landesregierung dringend, mehr Sozialarbeiter und Schulpsychologen einzustellen.

„Wir sehen eine Zunahme von Fällen, von Beschimpfungen und Mobbing im Internet bis hin zu tätlichen Übergriffen“, so der Landesvorsitzende Günther Fuchs. Nicht Schüler ärgerten Schüler, nein Lehrer seien das Ziel von Übergriffen und Respektlosigkeit. Glaubt man Fuchs, so ist ein Verfall des Respekts der Schüler gegen-über Lehrern allgegenwärtig: „Die Hemmschwelle sinkt immer weiter und Verunglimpfungen von Lehrern nehmen besorgniserregend zu.“

Brandenburgs linke Lehrergewerkschaft ringt derzeit nicht nur mit der von ihr konstatierten mangelnden Achtung seitens der Jugend – neben der Genderpolitik und anderen Erziehungsfragen beschäftigt den Landesverband auch ein Kleinkrieg mit dem rot-roten Bildungsministerium um neue Kollegen und die personelle Ausstattung von Schulen in Zeiten staatlichen Sparens. Das Ministerium investiere einfach zu wenig in Gewaltprävention, klagt Fuchs. Die Klage der GEW über freche Schüler bleibt indes ohne Beleg. Brandenburgs Schullandschaft bietet auch relativ wenig Anlass, von vielen Problemschülern auszugehen.

Die Mark ist nicht nur ein dünn besiedeltes und somit vergleichsweise ländlich-friedlich geprägtes Bundesland, sie gehört auch zu den Bildungslandschaften Deutschlands die, abgesehen von staatlichen Einsparungen, von manchen Herausforderungen verschont geblieben sind. Insofern irritiert die neueste Zustandsbeschreibung der GEW zu unbotmäßigen Schülern. Dabei kann es sich kaum um die sonst besonders auffälligen Kinder „südländischer“ Eltern handeln, denn deren Anteil ist in Brandenburg minimal. In den Grundschulen des Landes stehen 1714 ausländischen Kindern 103934 deutsche gegenüber. An den Gesamtschulen ist der Anteil noch geringer: 209 zu 16180 und an den Gymnasien verlieren sich 572 Schüler fremder Herkunft unter 50769 deutschen.

Rund 227000 Schüler hat die Mark insgesamt, davon sind über alle Schulformen verteilt 3500 Ausländer, also rund 1,5 Prozent. Zum Vergleich: In allen Schularten Berlins stellen Ausländer statistisch 42960 gegenüber 283026 deutschen Schülern und machen so gut 13 Prozent aus. „Kulturelle Missverständnisse“, wie GEW-Vertreter Integrationskonflikte gern freundlich bemänteln, sind somit kaum Ursache des nun beklagten Sittenverfalls.

Auch im Sozialen haben die Schulen in der Mark keine außergewöhnlichen Herausforderungen zu bewältigen. Fuchs sagt entsprechend, tätliche Übergriffe seien weiterhin die Ausnahme. Was der Gewerkschafter der Presse noch enthüllte, legt allerdings nahe, dass die GEW Schüler nicht nur im Kampf um Stellen instrumentalisiert, sondern dass das Problem des allgemein gesunkenen Respekts vor Lehrern hausgemacht ist: Die Schüler akzeptieren es laut Fuchs häufig nicht mehr, wenn Lehrer sich in ihre Auseinandersetzungen einschalteten und die Streithähne trennten.

Die GEW, selbst Speerspitze einer antiautoritären Schulerziehung, erntet, was sie säte. Auch stützte die GEW selbst viele linke Schulreformen, die in der Mark scheiterten (wie anderswo) und damit den Status von Lehrern und Bildungspolitikern aushöhlten: Darunter fallen der Abbau des mehrgliedrigen Schulsystems zum „inklusiven“ eingliedrigen, die Abwertung der Gymnasien und als Folge die wachsende soziale Trennung durch Flucht von Schülern in Privatschulen.

Grund- und Gymnasialschullehrer nahmen sichtbar ab. Die „eine Schule für alle“ bereitet indes ebenso zusätzlichen Stress und Probleme wie die Umsetzung der sogenannten Inklusion, der Aufnahme behinderter Schüler in Regelschulen. Rund ein Fünftel der Förderschulen der Mark wurde binnen zehn Jahren geschlossen.

Zudem: In kaum einem Bundesland fällt so viel Unterricht aus, wie in Brandenburg – laut Bildungsministerium gut jede zehnte Stunde.

So klagen denn Lehrer in der Mark seit Langem über eine besondere (auch hausgemachte) Arbeitsbelastung. Dabei hatte die GEW 2013 höhere Löhne und mehr Freistunden für Lehrer durchgesetzt. Sie hat die problematischen Strukturen mit der rot-roten Landesregierung aber selber geformt und selten in Opposition zu ihr gestanden.

Das Kalkül der GEW, im Verein mit Rot-Rot über schulische Reformen immer mehr soziale Aufgaben für Lehrer zu erhalten und damit automatisch eine Aufwertung, mehr Stellen und eine bessere Lehrerbezahlung einzufahren, geht nicht auf. Bevölkerungsschwund und Sparzwang engen die Spielräume solcher Politik zunehmend ein, aber auch ihr offensichtliches inhaltliches Scheitern. Trotzdem fordert die GEW zur Lösung der von ihr festgestellten „Respekt“-Krise jetzt alte Rezepte: „Es fehlen Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter“, so Fuchs.

Sverre Gutschmidt


Trotz allem schön
von Vera Lengsfeld

Sonntags treffe ich mich mit meinem jüngsten Sohn häufig zum Abendessen bei einem kleinen Italiener Ecke Petersburger Straße im Friedrichshain. Letzten Sonntag war das Wetter schön, wir saßen draußen, als mehrere Mannschaftswagen der Polizei mit markerschütterndem Sirenenton an uns vorbeirasten.

In der Nacht zuvor hatte es in der Rigaer Straße eine Aktion von Linksradikalen zugunsten „weggentrifizierter Nachbarn“ gegeben. Etwa 300, zum Teil Vermummte, hatten auf dem Höhepunkt der „Solidaritätsaktion“ aus Baupaletten Barrikaden gebaut und angezündet. Als die Polizei einschritt, hagelte es Steine, Flaschen, brennende Holzscheite. An die 30 Beamte wurden verletzt. Erst am frühen Morgen, so meldeten Berliner Blätter im Internet, habe sich die Lage „beruhigt“.

Am Sonntagabend flammten die Unruhen offensichtlich wieder auf. Da es sich nur noch um ein Dutzend Randalierer handelte, war das keine Meldung mehr wert.

Stellen wir uns einen Augenblick vor, Neonazis wären die Brandstifter gewesen. Es hätte ein politisches Erdbeben gegeben. Weil es sich um mit Fördermitteln gemästete „Antifaschisten“ handelte, ließ sich das politische Berlin in seiner Wochenendruhe nicht stören.

Manchmal frage ich mich, warum ich immer noch in dieser Stadt lebe.

Aber dann steige ich an einem der schönen Frühlingsabende aufs Rad, fahre durch den Schlosspark, am Brosepark vorbei die Blankenfelder Chaussee entlang bis zum Botanischen Volkspark. Dieses gärtnerische Juwel war die Antwort der DDR auf den Verlust des Botanischen Gartens im Westen.

Er wurde in den 80er Jahren von einer Bürgerinitiative, zu der auch ich gehörte, vor der endgültigen Vernachlässigung gerettet. Der Verdacht bestand, dass der Park geschlossen werden sollte, weil sich das unübersichtliche Gelände zu nahe an der Grenze befand.

Heute radelt man durch den Seiteneingang auf die stillgelegten Rieselfelder, mit denen James Hobrecht im vorvergangenen Jahr­hundert Berlin seine Abwasserprobleme lösen half. Heute sind sie Landschaftsschutzgebiet mit einem weiten Blick bis zum Horizont. Im Osten sieht man die Dächer von Mitte und den Fernsehturm in der Ferne, in Richtung Westen zeichnen sich die Silhouetten der Hochhäuser des Märkischen Viertels ab.

Bald darauf fährt man über die ehemalige Todesgrenze, die heute im Abendlicht kaum noch auszumachen ist, und gelangt zum Naturschutzgebiet Tegeler Fließ, wo man sofort vergisst, das man sich in einer Großstadt befindet.

Man kann den Sonnenuntergang über dem Wasser beobachten oder noch schnell im nahegelegenen Summter See ein Abendbad nehmen. Berlin kann wunderbar sein!


Berlin wächst – wohin?
Prognose: 2030 hat die Stadt fast vier Millionen Einwohner

Vorhersagen sehen Berlin bis 2030 bei 3,9 Millionen Einwohnern. Stadtentwick-lungssenator Michael Müller (SPD) will noch diesen Monat Baugenehmigungen beschleunigen. Stimmen die Prognosen, wächst nicht nur die Stadt, sondern auch der Mietpreis. Berlin benötigt mehr Wohnungen, muss aber nach dem Aus für die Randbebauung des Ex-Flughafens Tempelhof per Volksentscheid nun kleinräumiger planen.

Ende 2013 gab es laut Berlins Statistikamt rund 47800 Einwohner mehr als im Jahr davor. Ende Dezember 2013 waren genau 3517424 Menschen mit Hauptwohnsitz in der Spreemetropole gemeldet. Und die Stadt wächst weiter, ungeachtet steigender Mieten. Der Zuwachs findet vor allem in den Vierteln Mitte, Fried­richshain, Prenzlauer Berg und Neukölln statt, kurzum dort, wo Anwohner bereits Verdrängung durch steigende Mieten beklagen.

Der Senat will den Wohnungsbau in der ganzen Stadt vorantreiben. Statt 10000 Baugenehmigungen im Jahr will Senator Müller 12000 erteilen. Nach Jahren des Sparens und des Abschieds von öffentlichen Wohnbauprojekten weist die Hauptstadt einen Wohnungsleerstand von nur um die zwei Prozent auf. Der Markt ist leer gefegt. Vorhersagen der Senatsverwaltung rechnen vor, dass in Berlin bis 2030 rund 250000 Menschen mehr leben werden als zum Berechnungszeitpunkt 2011. Hält der Zuzug an die Spree wie jüngst an, ist ein noch massiverer Zuwachs von gut 400000 Menschen auf dann rund 3,9 Millionen Einwohner greifbar.

Das Anwachsen der Bevölkerung auf Vorkriegsniveau bei gestiegenen Wohnansprüchen droht, den Senat zu überfordern. Fünf Millionen Euro stellt Müller jetzt für die Bauverwaltungen der Bezirke bereit. Für jeden der zwölf Bezirke sind drei bis sechs neue Mitarbeiter vorgesehen, um Bauanträge schneller zu bearbeiten.

Das im Vergleich von 2013 zu 2012 gute Fünftel mehr neu errichteter Wohnungen wird den Ansturm kaum abfedern. Diese 6641 im vergangenen Jahr privat geschaffenen Wohnungen sind zu wenig bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 1,8 Menschen, zumal über 40 Prozent davon als Eigentumswohnungen entstanden. Will der Senat das Dilemma lösen, wird er kleinteilig Grundstücke zu Schleuderpreisen verkaufen müssen, um schnelles Bauen zu fördern. Günstiger Verkauf von Bauland aber verhagelt dem Senat die Liegenschaftsbilanz. SV


Lauben besetzt
Zigeuner okkupieren Kleingartenkolonie

Seit dem Jahreswechsel haben rund 30 rumänische Zigeuner in einer Kleingartenkolonie in Berlin-Charlottenburg fünf Wochenendhäuser besetzt. Die Kolonie „Heideschlösschen“ zwischen einem Gewerbegebiet und der Stadtautobahn sollte eigentlich abgerissen und verkauft werden, aber das Geschäft kam nicht zustande.

Ali Cakir (51), Vorstandsmitglied der Kolonie: „Vielleicht sind es Roma. Unsere Kleingärtner haben Angst, dass sie deren Lauben aufbrechen …“ Tagsüber verkaufen die Zigeuner die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“. Ihre fünf schulpflichtigen Kinder besuchen keine Schule. Cakir: „Aber wahr ist auch, dass niemand sie hier haben will.“ Politisch korrekt wiegelt er die Ängste seiner Vereinskameraden ab: „Doch das sind keine Diebe. Nur arme Menschen.“

Die Besetzung ist kein Einzelfall. Auch in einer Kleingartenkolonie, die dem Autobahnbau in Neukölln weichen wird, haben sich Zigeuner einquartiert. Die Behörden sind bislang untätig. Baustadtrat Marc Schulte (SPD) mahn zwar: „Aus Sicht der Bauaufsicht herrscht Gefahr für Leib und Leben. Wenn die Hütten brennen, gibt es eine Katastrophe.“

Zuständig fühlt sich Schulte jedoch nicht. Immobilienstadträtin Dagmar König (CDU) seufzt: „Eine unglückliche Situation. Der Bezirk hat das Gelände dem Liegenschaftsfonds zum Verkauf übertragen. Doch nichts geschah. Die Lauben müssen abgerissen werden. Doch das kostet zehntausende Euro. Das ist nicht mehr unsere Aufgabe.“ Sozialstadtrat Carsten Engelmann (CDU) hatte Sozialarbeiter in die Kolonie geschickt, die aber niemanden antrafen. T.M.


Steuergeld für Lenin-Statue

In Brandenburg gibt es viele Relikte aus der Sowjetzeit. Eines davon, das Lenindenkmal in Finsterwalde westlich von Cottbus, ist nun ein Sanierungsfall. Für den Erhalt des zweifelhaften Denkmals sollen Steuergelder eingesetzt werden. Das Landesamt für Denkmalpflege beabsichtigt, den Stadtpark, die sogenannte Bürgerheide, unter Denkmalschutz zu stellen. In dem Park steht auch das Lenindenkmal. Das Amt vertritt die Ansicht, das Denkmal müsse saniert werden, Die Stadt solle einen entsprechenden Antrag mit passendem Sanierungs- und Finanzierungskonzept einreichen. Ralf Paschke vom Landesdenkmalamt: „Wir versuchen, Geschichte möglichst in allen ihren Schichten zu dokumentieren. Deshalb begreifen wir die Aufstellung des Denkmals als einen Teil der Geschichte des Parks.“ Auch Carolin Steinmetzer-Mann, Landtagsabgeordnete der Linkspartei aus Finsterwalde, setzt sich für die Sanierung des Denkmals ein. H.L.


S. 4 Hintergrund

Wenn kein Arzt Rat weiß
Menschen, die an »Seltenen Krankheiten« leiden, verzweifeln nicht nur am Leiden selbst

Wer an einer sogenannten „Seltenen Krankheit“ leidet, hat doppeltes Pech: Neben körperlichen Beschwerden hat er auch noch Desinteresse und Unverständnis der Gesellschaft zu ertragen.

Die ersten Anzeichen schienen noch nicht besorgniserregend: Bei Kälte wurden die Fingerspitzen etwas steif, die Haut verfärbte sich leicht ins Bläuliche – als Frau jenseits der 50 ist man eben nicht mehr ganz so fit. Als aber die Hände sich auch ohne Kälteeinwirkung immer häufiger verkrampften und verfärbten, als ihr schließlich beim morgendlichen Blick in den Spiegel eine Art Mas-kengesicht entgegenstarrte, beschloss Edith A. einen Arzt aufzusuchen.

Leichter gesagt als getan: Sie lief, wie das Sprichwort sagt, „von Pontius zu Pilatus“ und bekam die abenteuerlichsten Diagnosen zu hören. Bis sie schließlich am Klinikum der Universität München landete, und zwar bei den auf Autoimmunkrankheiten spezialisierten Ärzten. Dort hörte sie zum ersten Mal, dass es eine sogenannte „Seltene Krankheit“ namens Sklerodermie gibt – und dass sie daran leidet.

Was diese Krankheit bei ihr ausgelöst hat, weiß Edith A. bis heute nicht. Die Ärzte konnen ihr dabei auch nicht weiterhelfen, weder die in München noch die wenigen anderen Spezialisten, die es in Deutschland für diesen Bereich gibt, zum Beispiel am Universitätsklinikum Bochum. Die Ursachenforschung steckt, wie bei den meisten dieser „Seltenen Krankheiten“, noch im Anfangsstadium. Zu breit ist, trotz der relativ geringen Fallzahlen, das Spektrum der Krankheitsbilder und ihrer individuellen Auslöser. So muss sich ärztliche Kunst noch weitgehend darauf beschränken, den Patienten das Leben mit den Symptomen erträglicher zu machen.

In unserem Falle hat die Patientin eifrig mitgearbeitet. Erster Schritt: mit dem Rauchen aufhören. Denn so viel weiß man schon: Bei systemischer Sklerodermie (aus dem Griechischen, „harte Haut“) ist die Produktion von Bindegewebe aus der natürlichen Ordnung gebracht, es kommt zu Verengungen der Blutgefäße und folglich zu Durchblutungsstörungen, schließlich zu Entzündungen, Verdickungen und Verhärtung der Haut. Dabei sind Raucher, wie alle bisherigen Studien bestätigen, besonders gefährdet.

Die Patientin wird mit neu entwickelten Medikamenten und Infusionen behandelt, hat ihre Ernährung umgestellt, geht regelmäßig zum Physiotherapeuten. Dennoch kann sie nicht mehr arbeiten und hat auch keine Aussicht auf Heilung; sie kann nur die Symptome erträglicher machen und hoffen, dass die Krankheit nicht auch noch auf Nieren, Lunge oder Herz überspringt. Solche – Gott sei Dank seltenen – Verläufe sind nicht nur schmerzhaft, sondern lebensbedrohend.

Allein, so sagt sie, würde sie damit psychisch nicht fertig. Lange Zeit fühlte sie sich mit ihrer Krankheit alleingelassen, Ärzte nahmen sie nicht ernst, Freunde ließen sie spüren: „Wird schon nicht so schlimm sein!“

Entscheidende Hilfe erfuhr sie dann aber von Leidensgenossen. Rund 1200 (von insgesamt vielleicht 15000 Betroffenen in Deutschland) sind in der vor 30 Jahren gegründeten „Sklerodermie Selbsthilfe e.V.“ in 35 Regionalgruppen zusammengeschlossen. Sie gibt alle drei Monate eine Informationsbroschüre heraus, die sich sowohl an die Mitglieder als auch an die breitere Öffentlichkeit wendet, vermittelt Ärzte und Kliniken, die auf die Behandlung von Sklerodermie spezialisiert sind. Vor allem aber hilft sie den Betroffenen durch Rat und persönliche Ansprache, den oft so schweren Alltag mit dieser Krankheit zu bewältigen.

Hans-Jürgen Mahlitz


»Selten«, ist gar nicht so selten
Vier Millionen Deutsche leiden unter wenig bekannten Gebrechen

Ganz so selten, wie der Name sagt, sind „Seltene Krankheiten“ wohl doch nicht. Allein in Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an einer dieser 8000 Erkrankungen, die unter die amtliche Definition der EU fallen: nicht mehr als fünf Patienten unter jeweils 10000 Personen. Insgesamt geht man in der EU von bis zu 30 Millionen Betroffenen aus – „selten“ klingt anders.

In den meisten Fällen verlaufen diese Krankheiten chronisch, führen zu Invalidität, verkürzen die Lebenserwartung. Erste Symptome zeigen sich oft schon im Kindesalter. Vier Fünftel der Erkrankungen sind nach dem derzeitigen Stand der medizinischen Forschung genetisch bedingt.

So unterschiedlich auch die einzelnen Krankheitsbilder sind, alle Betroffenen verbindet geradezu schicksalhaft die immer gleiche Problematik. Wegen der geringen Zahl von Fällen gibt es zu wenig statistisch verwertbares Untersuchungsmaterial, es ist nahezu unmöglich, die für aussagekräftige Studien erforderliche Patientenzahl räumlich überschaubar zusammenzubekommen. Die wenigen ärztlichen Zentren, die sich auf eine dieser Erkrankungen spezialisiert haben, liegen weit auseinander; die Anfahrtswege sind für die Patienten oft unzumutbar.

Ein weiteres Problem: Die Entwicklung neuer Medikamente ist bei solchen komplexen Krankheitsbildern extrem teuer, die Pharmaindustrie aber kann bei oft nur wenigen hundert Patienten nichts damit verdienen.

Abhilfe sollte hier die Politik schaffen. Doch hängt das Engagement der Parlamentarier und Regierenden für Minderheiten mit nur wenigen Wählerstimmen auch vom Druck der öffentlichen beziehungsweise veröffentlichten Meinung ab.

Und wie sieht es da in unseren Medien aus? Hier sind die „Seltenen Krankheiten“ wirklich selten. Im Klartext: Sie kommen so gut wie gar nicht vor. Das Thema ist unspektakulär, „Promis“ scheinen nicht betroffen oder sagen nichts.

Umso erstaunlicher: Dennoch geschieht hier schon eine Menge. So hat das Bundesgesundheitsministerium 2012 ein Forschungsprogramm mit einem Fördervolumen von fünf Millionen Euro aufgelegt, das im nächsten Jahr ausläuft und hoffentlich in mindestens gleichem Umfang fortgeführt wird. Zudem wurden die Genehmigungskriterien für speziell entwickelte Medikamente angepasst und die Zulassungsgebühren herabgesetzt.

Noch stärker engagiert sich das Bundesforschungsministerium. Es hat in den letzten fünf Jahren 16 Forschungsverbünde zum Thema „Seltene Krankheiten“ mit insgesamt 33 Millionen Euro gefördert. Dabei handelt es sich um insgesamt 53 Einzelprojekte, an denen in jedem Falle deutsche Partner beteiligt sind.

Und Ende August 2013 setzte das Bundeskabinett ein Nationales Aktionsbündnis für Menschen mit „Seltenen Krankheiten“ in Kraft. Es war eine der letzten Amtshandlungen der alten Bundesregierung – und eine ihrer besten. H.J.M.


Wie Patienten sich selber helfen

Patienten, die sich in Selbsthilfegruppen zusammenschließen, werden gelegentlich von der Ärzteschaft argwöhnisch beäugt: Schon wieder diese Laien, die nichts wissen, aber alles besser wissen wollen als die ausgebildeten Fachleute, so das Vorurteil, das natürlich einen Kern von Wahrheit hat. Es gibt diese ewigen Nörgler und Querulanten, und die können auch dem gutwilligsten Arzt das Leben schwer machen.

Die meisten Ärzte wissen aber auch: In den allermeisten Fällen haben sie es heute mit Selbsthilfegruppen zu tun, die sehr gut informiert sind und konstruktiv mitarbeiten. Sie greifen in vorbildlicher Weise das klassische „mens sana in corpore sano“ auf: Geist und Körper sind eine Einheit. Wenn die Seele leidet, können auch die Organe nicht gesunden. Und wenn eine Gesellschaft, die sich selbst gern human und sozial nennt sowie christlichen Werten verpflichtet fühlt, ihr Mitgefühl für kranke Mitmenschen davon abhängig macht, welches „Sozialprestige“ deren Krankheit hat, dann leiden die Betroffenen doppelt. Für sie sind Selbsthilfegruppen unverzichtbar.

Während Leukämie oder Aids, quotenträchtig präsentiert, in TV-Galas Millionenspenden einspielen, werden „Seltene Krankheiten“ aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet. Dass Ärzte und Pharmaunternehmen dennoch mit großem Aufwand, aber ohne Aussicht auf das große Geld Therapien und Medikamente für diese Betroffenen erforschen, verdient viel mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wobei man sich hüten sollte, die eine Patientengruppe gegen die andere auszuspielen – jeder Kranke braucht Hilfe und Zuwendung, egal wie telegen sein Leiden sein mag. H.J.M.


Zeitzeugen

Hermann Gröhe – Der Bundesgesundheitsminister (geboren 1961 in Uedem/Niederrhein) engagiert sich für eine stärkere Förderung der Erforschung und Behandlung „Seltener Krankheiten“. Die Forschung in diesem Bereich verdiene „höchsten Respekt“. Jeder Mensch, der an einer solchen Erkrankung leide, habe „eine

Chance auf eine geeignete Therapie oder eine bessere Unterstützung im täglichen Leben verdient“, betonte er bei der Verleihung eines Forschungspreises für ein Projekt der Universität Tübingen im März dieses Jahres. Die Betroffenen und ihre Fürsprecher in den Selbsthilfegruppen werden den Minister beim Wort nehmen.

Eva Luise Köhler – Die 1947 in Ludwigsburg geborene Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten hat gemeinsam mit ihrem Mann vor sieben Jahren eine Stiftung gegründet, die eng mit der „Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen/ACHSE“ zusammenarbeitet und jährlich einen mit 50000 Euro dotierten Forschungspreis vergibt. Frau Köhlers Engagement beruht auch auf persönlichen Erfahrungen: Ihre eigene Tochter leidet an einer „Seltenen Krankheit“.

Emma Margarete Reil – Die 1947 geborene Volkswirtin erkrankte im Alter von 40 Jahren an der entzündlichen rheumatischen Erkrankung Sklerodermie. Sie fand sich aber nicht einfach mit ihrem

Schicksal ab, sondern kämpfte mutig dagegen an. Um „selbst etwas gegen die Krankheit zu tun und dazu beizutragen, dass die Betroffenen eine bessere Versorgung bekommen“, schloss sie sich der „Sklerodermie Selbsthilfe e.V.“ an, deren Bundesvorsitzende sie 1997 wurde. Für ihren vorbildlichen Einsatz wurde sie 2006 vom damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die würdigenden Worte des heutigen EU-Kommissars – „Durch Ihre Arbeit haben Sie dazu beigetragen, dass diese Krankheit ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt worden ist“ – gelten heute noch: Frau Reil leistet intensive Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Betroffenen, leistet aber auch, wie Oettinger lobend vermerkte, „in oft stundenlangen Gesprächen Hilfe, gibt Ratschläge und vermittelt Hoffnung“ (Sklerodermie Selbsthilfe e.V., Am Wollhaus 2, 74072 Heilbronn).


S. 5 Deutschland

Kappung der Wurzeln rächt sich
CSU hat mit Linkskurs bei gleichzeitigem Versuch einer EU-Kritik massiv an Glaubwürdigkeit verloren

Schockstarre im Münchner Franz-Josef-Strauß-Haus: Die CSU verliert ihre Stammwähler. Bei der EU-Wahl sind gerade die christlich, konservativ, wirtschaftsliberal oder patriotisch gesinnten Anhänger zuhause geblieben.

Die Zahlen sind für die Christsozialen erschütternd: Von 48,1 bei der EU-Wahl 2009 sind sie auf 40,5 Prozent abgesackt, sie haben 329000 Stimmen verloren. Von den acht Europaabgeordneten sind nur noch fünf übrig. Ausgerechnet die christlich-konservativen und historisch denkenden Parlamentarier Bernd Posselt und Martin Kastler, beides Vertreter der Sudetendeutschen, müssen ihre Büros räumen.

Dabei besteht in der CDU keinerlei Anlass zur Häme, die am Wahlabend zu vernehmen war. Denn die CSU ist trotz der Verluste immer noch gut zehn Prozentpunkte stärker als der CDU-Durchschnitt von gerade mal 30,0 Prozent. Und immer noch einige Pünktchen stärker als die besten CDU-Landesverbände.

Die Ursachen für den Rückschlag liegen offensichtlich in der Enttäuschung der konservativen Stammwähler sowie der Konkurrenz durch die „Alternative für Deutschland“ (AfD). Diese holte in Bayern etwa so viele Stimmen, wie die CSU verloren hat: 312000. Da die AfD sich auch Reste der Konkursmasse der FDP sichern konnte, dürften die Wähler, welche die CSU verloren hat, etwa hälftig ins Lager der Nichtwähler und der AfD abgewandert sein.

Bei der Landtagswahl im September 2013 hatte die CSU ihrer Anhängerschaft noch glaubhaft machen können, dass die Zukunft Bayerns bei der CSU am besten aufgehoben sei. Bei genauerer Betrachtung haben damals die Wahlbezirke, die die klassischen konservativen Stammwähler beherbergen, hervorragend abgeschnitten. Auch kandidierte die AfD nicht für den Landtag.

Ganz anders sah das bereits bei der Bundestagswahl aus. Diese war eine „Mutti“-Sympathie-Wahl gegen Peer Steinbrück. Die klassischen konservativen Stammwähler-Bezirke schwächelten, dafür gewann die CSU nach Vorbild der CDU Wechselwähler in gemischten Bezirken, politisch „weiter links“. Die CSU bekam jetzt die Rechnung dafür, dass sie sich vom vermeintlichen Erfolg blenden ließ und das Ergebnis nicht genau analysierte.

CDU und CSU leiden also an derselben Krankheit. „Rechts von uns darf keine demokratisch legitimierte Kraft existieren“, so lautete das strategische Credo von Franz Josef Strauß. Und noch zwei Dinge sagte der CSU-Übervater, die sich Angela Merkel und Horst Seehofer nach Auffassung vieler Konservativer jetzt durch den Kopf gehen lassen sollten: „Wir sagen, was wir denken, und wir tun, was wir sagen“, und: „Stammkundschaft geht vor Laufkundschaft.“

Die Übereinstimmung von Denken, Reden und Handeln der Unionsparteien ist verlorengegangen und somit die Glaubwürdigkeit. Beispiel: Die Union hat bei der Bundestagswahl beinahe die absolute Mehrheit gewonnen. Doch was ist das Resultat? SPD-Politik unter Unions-Banner. Mindestlohn, Frührente im Angesicht des Fachkräftemangels, Ausplünderung der Rentenkasse, höhere Sozialbeiträge, Doppelpass, Umbau der Bundeswehr zur olivgrünen Kita, Frauenquote, sündhaft teure Energiewende und so weiter.

Linke Randgruppen und Modethemen werden bedient, Stammwähler verprellt. Klassische Unionsthemen kommen nicht mehr vor: Motivation der Fleißigen, Sicherung der persönlichen Freiheit, deutsche Leitkultur, Schutz der klassischen Familie vor der widernatürlichen Gender-Ideologie, Kampf gegen Abtreibung. Man hätte bei den Wahlständen zur EU-Wahl nur genau hinhören müssen, was die Bürger sagten.

Dazu kommt die systematische schamlose Ausplünderung derer, die den Karren ziehen, durch das ungerechte Steuersystem. „Mehr Netto vom Brutto“ war eine klassische Forderung der Union. Wann hat man das zuletzt gehört? Das Opfer der Kapitulation der Union vor dem Sozialismus ist das soziale Rückgrat der deutschen Gesellschaft, etwa der Arbeitnehmer-Mittelstand: Familien, die hart arbeiten und gut genug verdienen, dass sie zwei Kinder aufziehen und gleichzeitig Wohneigentum schaffen könnten – wenn sie nicht permanent vom Staat über Gebühr belastet würden. Das ist die klassische Unions-Klientel: zu gut verdienend, um von der SPD-Umverteilung zu profitieren, aber zu arm, um den Spitzensteuersatz zu verdienen, der ihnen aber wegen der ungebremsten Kalten Progression mittlerweile aufgebürdet wird. Diese Menschen wenden sich mit Grausen ab von dieser Bundesregierung und vor allem der Union.

Dass CSU-Chef Seehofer angesichts des Linkskurses ausgerechnet Peter Gauweiler als „konservatives Aushängeschild“ ins Schaufenster stellte, war der Abschuss an Glaubwürdigkeitsverlust. Gauweiler ist ja kein echter solider Konservativer, sondern ein unberechenbarer Einzelkämpfer.

Mit diesem Manöver ist auch Seehofers Denken in rein verbaler, publizistischer Bedienung verschiedener Zielgruppen gescheitert. Die einzige Möglichkeit der CSU, die Stammwähler wieder an sich zu binden und zu mobilisieren, ist eine ernsthafte, glaubwürdige Rückkehr zu christlicher, konservativer und liberaler Politik. Anton Heinrich


BND erhält Quittung
Rechnungshof kritisiert Cyber-Abwehrzentrum

Ungewöhnlich scharf hat der Bundesrechnungshof das 2011 eingerichtete Cyber-Abwehrzentrum (CAZ) kritisiert. Nachdem die Bundesregierung im Jahr 2010 geschlagene vier Tage gebraucht hatte, um die Gefahr des damals gegen iranische Nuklear-Einrichtungen eingesetzten „Stuxnet“-Computervirus einschätzen zu können, sollte das Cyber-Abwehrzentrum eigentlich für einen grundlegenden Wandel sorgen. Die in Bonn angesiedelte Einrichtung sollte eine Art Informationsdrehscheibe für deutsche Sicherheitsbehörden werden, um auf Spionage- und Sabotageversuche über das Internet besser reagieren zu können. In der Realität ist das Zentrum allerdings „nicht geeignet, die über die Behördenlandschaft verteilten Zuständigkeiten und Fähigkeiten bei der Abwehr von Angriffen aus dem Cyberraum zu bündeln“, so ein vertraulicher Bericht des Bundesrechnungshofs, aus dem „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR zitieren. Der einzige vorgegebene Arbeitsablauf im Abwehrzentrum sei die tägliche Lagebesprechung, Handlungsempfehlungen würden nur in einem Jahresbericht abgegeben. Dabei lautet der Auftrag eigentlich, nach dem „Stuxnet“-Debakel ein zeitnahes Reagieren sicherzustellen.

Dass die Rechnungsprüfer sogar zu dem niederschmetternden Fazit kommen, die Einrichtung des CAZ sei „nicht gerechtfertigt“, dürfte beim Bundesnachrichtendienst (BND) durchaus mit gespaltenen Gefühlen aufgenommen worden sein. Unter dem Namen „Strategische Initiative Technik“ arbeitet der Auslandsgeheimdienst nämlich selber an einem eigenen Internet-Frühwarnsystem. Das offenkundige Versagen des schon bestehenden Cyber-Abwehrzentrums sollte den BND-Plänen also eigentlich Rückendeckung geben. Auf der anderen Seite hat der BND beim Bonner CAZ neben anderen Behörden selbst mitgewirkt. Und die mageren Resultate der bereits bestehenden Einrichtung haben im Bundestag das Misstrauen wachsen lassen, als der BND seine Pläne für ein weiteres Abwehrzentrum vorgelegt hat. Statt der vom BND beantragten 300 Millionen Euro hat das für die Geheimdienstfinanzierung zuständige Bundestags-Vertrauensgremium zunächst einmal nur sechs Millionen Euro bewilligt. N.H.


Kindeswohl wird zur Nebensache
Politik will immer häufiger Regelschulbesuch von behinderten Kindern erzwingen

Am Freitag, dem 13. Mai, stand es 28937:9805. Kirsten Ehrhardt, die Mutter des mit Downsyndrom geborenen Henri, konnte somit mit ihrer On-line-Petition „Henri will mit seinen Freunden aufs Gymnasium gehen“ deutlich mehr Unterstützter als Tina Brune, die Mutter des lernbehinderten Max, mit ihrer Online-Petition „Frau Löhrmann: Erhalten Sie die Förderschulen in NRW“ gewinnen. Da Ehrhardt bisher das größte Medienecho erhielt, sie sogar bei Günter Jauch bereits einem Millionenpublikum ihren Fall schildern durfte, während Brune aus derselben Talkshow laut „Spiegel“ wieder ausgeladen wurde, ist dieser Zwischenstand nicht unbedingt ein Spiegel der Stimmung im Land. Allerdings sitzen Befürworter der Inklusion, also des gemeinsamen Schulbesuchs von behinderten und nicht-behinderten Kindern, häufig in maßgeblichen Positionen.

So Sylvia Löhrmann, die in diesem Jahr Präsidentin der Kultusministerkonferenz ist. Sie hat sich das Thema Inklusion als einen Schwerpunkt ihrer Amtszeit auf die Fahnen geschrieben. Im rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen hat die Grünen-Politikerin bereits als Ministerin für Schule und Weiterbildung die Richtung vorgegeben. Ihr Ziel ist es, so viele behinderte Kinder wie möglich auf allgemeinen Regelschulen unterzubringen. Hier verweist sie auf eine 2008 in Kraft getretene UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, die eine gleichberechtigte Teilhabe dieser an der Gesellschaft vorsieht, die allerdings keineswegs ausdrücklich von der Abschaffung von Förderschulen spricht, wie es Anhänger des gemeinsamen Unterrichts, häufig als „Schule für alle“ bezeichnet, gern behaupten. Doch indirekt hat Löhrmann eine Abschaffung der Förderschulen angeordnet. Zum neuen Schuljahr müssen Förderschulen eine Mindestzahl von Schülern aufbringen, sonst droht ihnen die Schließung. „Die Politik kann nicht einerseits den Elternwillen hochhalten und andererseits den Eltern die Optionen nehmen“, klagt so auch Udo Beck-mann, Vorsitzender des Verbands Erziehung und Bildung, der eine sinkende Zustimmung bei Eltern zur Inklusion verzeichnet.

Dies liegt einerseits daran, dass diese zum Teil von der Politik schlecht umgesetzt wird, und andererseits daran, dass nicht jedes behinderte Kind unter Zwang dem Alltag einer Regelschule folgen kann. An Förderschulen werden die Kinder von speziell ausgebildeten Lehrern in Kleinstgruppen von sechs bis zehn Schülern unterrichtet. An Regelschulen hingegen liegt die Klassenstärke zwischen 25 und 30 Schülern und die Lehrkräfte haben zumeist bestenfalls eine berufsbegleitende Weiterbildung für den Umgang mit behinderten Kindern absolviert. Eine grundsätzliche Ausstattung der betroffenen Klassen mit zwei Lehrkräften hält Löhrmann hingegen nicht für notwendig. Folge ist, dass die meisten behinderten Kinder in der Regelschule nicht die notwendige Förderung erhalten. Dies jedenfalls beklagt Brune, die ihren Sohn Max von einer regulären Grundschule genommen hat und nun zufrieden mit der allerdings jetzt von Schließung berohten Förderschule ist. Hier habe ihr lernbehinderter Sohn nicht ständig das Gefühl, dumm zu sein, weil er dem Lernstoff nicht folgen könne, zudem lache hier auch keiner über ihn, da auch seine Mitschüler Schwächen hätten.

Ehrhardts Sohn Henri hatte mit seinen Mitschülern mehr Glück. Er wurde nicht ausgelacht. Doch nun, wo es an die weiterführenden Schulen geht, kann er seine Freunde nicht begleiten, da weder das örtliche Gymnasium noch die Realschule vor Ort sich in der Lage sehen, Henris speziellem Förderbedarf gerecht zu werden. Und obwohl die Eltern Ehrhardt über die Medien versuchten, Druck auf die Politik zu erzeugen, die Schulen zur Aufnahme zu zwingen, entschied der Kultusminister der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg, dass die Schulen das Recht hätten, zu entscheiden, zumal Henris Leistungen keinen Hinweis darauf gäben, dass er das Abitur als Bildungsziel anzustreben in der Lage sei. „Warum geht es nur um Leistung? Warum empfinden wir behinderte Menschen nicht einfach als Bereicherung“, klagte Henris Mutter dann auch bei Jauch, völlig außer Acht lassend, dass das Hauptziel einer Schule ist, Kinder zu einem Abschluss zu führen. Rebecca Bellano


MELDUNGEN

Juristen vor Ökonomen

Berlin – Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) setzt laut Recherchen des „Spiegel“ im Ministerium verstärkt auf Juristen. Hatten seine Vorgänger stets auf ein gewisses Gleichgewicht zwischen Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern geachtet, da im Finanzministerium auch wichtige Entscheidungen mit Auswirkungen auf die Wirtschaft getroffen werden, sind unter dem Juristen Schäuble alle drei Staatssekretäre Juristen. Auch sind nur zwei von neun Abteilungsleitern Ökonomen. Insgesamt stehen 333 Juristen 214 Wirtschaftswissenschaftler gegenüber. Angesichts des Umstandes, dass im Finanzministerium nicht nur über Steuern, sondern auch über Weichenstellungen in der Euro-Krise entschieden wird, ist die Personalauswahl riskant. Bel

 

Merkels falsche Freunde

Berlin – Beim Facebook-Auftritt von Angela Merkel stammen von denen, die auf der Seite der Kanzlerin die Option „Gefällt mir“ angeklickt haben, ungewöhnlich viele aus Ländern, in denen Facebook-Freundschaften günstig zu kaufen sind. So scheint es allein in Rumänien über 18000 Bewunderer der deutschen Regierungschefin zu geben. Tausende Merkel-Freunde gibt es ebenso in Albanien, Serbien, Ägypten und dem Irak. Nach Ansicht von Internet-Experten sind hohe Zustimmungszahlen aus nicht-deutschsprachigen Ländern erfahrungsgemäß auf sogenannte Clickfarms zurückzuführen. Bei diesem professionell organisierten Handel, auf den PR-Agenturen gerne zurückgreifen, werden durch Billiglöhner massenhaft Facebook-Freundschaften regelrecht produziert. Die Preise betragen rund 0,75 Euro für 1000 Klicks aus Schwellenländern und bis zu acht Euro pro 1000 Klicks aus dem europäischen Raum. N.H.


S. 6 Ausland

Frucht der Verachtung
Die Slowakei hat einen neuen Präsidenten, der nun mit Politikern kooperieren muss, die seine Wähler ablehnen

Als am vergangenen Sonntag der Millionär und Wohltäter Andrej Kiska in einem Festakt das Amt des slowakischen Staatspräsidenten übernahm, war dem slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico wohl kaum zum Feiern zumute. Die beiden ehemaligen Gegenkandidaten stehen sich in herzlicher Abneigung gegenüber.

Das ist so, seit Fico die Stichwahl für das Präsidentenamt vom 29. März verloren hat und der Sieger, den er im Wahlkampf einen „Wucherer“ genannt hatte, seine Politik mit der Aussage kritisiert hatte, er, Kiska, müsse die Menschen einen und motivieren, „damit wir wieder stolz auf unser Land sein können“. Ein Polit-Profi wie Fico nimmt solches persönlich – von Frieden also keine Spur. Aber immerhin kündigte Kiska bei seiner Vereidigung an, er werde der Regierung Fico ein Partner sein bei der Vorbereitung der nahenden EU-Präsidentschaft der Slowakei im Jahr 2016.

Fico, der nach 2006 bis 2010 seit 2012 nun schon zum zweiten Male Premier und ebenso eigenwillig wie selbstbewusst ist, hatte die Wahl zum Präsidenten mit Pauken und Trompeten verloren. Die Beobachter deuteten die Wahl auch als Referendum über die Regierung. Deshalb titelte die Zeitung „Sme“: „Guten Morgen, Slowakei, gute Nacht, Robert Fico!“ Zwar kam auch der Wahlsieger nicht allzu gut weg, wurde er doch als ein Mann „ohne politische Meinung und ohne Führungsqualitäten“ sowie als „der ideale Joker für all diejenigen, die die traditionelle Politik verachten“ bezeichnet. Aber sein Ruf als Philanthrop sichert Kiska die Sympathien der vielen Menschen im Lande, die ihr Leben an der Armutsgrenze fristen.

Das ist umso bemerkenswerter, als Fico als Ex-Kommunist und Vorsitzender der Partei „SMER – sociálna demokracia“ (Richtung – Sozialdemokratie) eher dem linken Spektrum zuzuordnen ist. Hierzulande gilt er den Leitmedien als „Linkspopulist“. Das ist insofern etwas Neues, als es ja ansonsten nur „Rechtspopulisten“ gibt, die so gerade noch an der Diffamierung „Rechtsradikaler“ vorbeischrammen. Aber der Sozialdemokrat ist national gesinnt und gilt deshalb in entsprechenden Kreisen als „Linkspopulist“. Dem, was man mit „Populismus“ in den hiesigen Medien verbindet, hat er jüngst erst wieder entsprochen, indem er die Stationierung von Nato-Truppen in der Slowakei ablehnte mit der Begründung: „Ich kann mir ausländische Soldaten in eigenen Stützpunkten in unserem Lande nicht vorstellen“, ein deutlicher Hinweis auf die Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen 1968.

Nationale Empfindlichkeiten spielen in der Slowakei nicht erst in jüngster Zeit eine wesentliche Rolle. Die Trennung vom „Brudervolk“ der Tschechen 1993 hat zu einem selbstbewussten Kleinstaat geführt, der auch wirtschaftspolitisch eigene Wege zu gehen imstande ist. Stand die erste Regierung nach der Teilung noch im Fadenkreuz internationaler Kritik, so waren bereits 1998 die Kinderkrankheiten ausgeheilt. In jenem Jahr begann die Regierungszeit des vierten Ministerpräsidenten der Slowakei, Mikuláš Dzurinda. Die Regierung des damaligen Vorsitzenden der „Slowakischen Demokratischen und Christlichen Union – Demokratische Partei“ legte den Grundstein für die Annäherung an EU und Nato.

Doch Demokratie und Marktwirtschaft entwickeln sich nicht über Nacht. Nach Korruptionsvorwürfen verlor Dzurinda – der eine sogenannte Flat Tax (Einheitssteuer) von 19 Prozent eingeführt hatte – 2006 die Wahl und Fico übernahm die Regierung, behielt die Einheitssteuer aber bei, weil sie sich für Auslandsinvestoren als Magnet erwies, Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum geschaffen hatte. Die Folge: Im Jahre 2007 erreichte die Slowakei mit rund zehn Prozent Wachstum europaweit eine Spitzenstellung.

Aber die Wirtschafts- und Finanzkrise der EU erwischte auch das noch im Wachstum befindliche postkommunistische Land, das dabei war, sich zu konsolidieren. Der Einbruch kam brutal, die Rückschläge trafen breite Bevölkerungsschichten. 2010 wurde Fico abgewählt, es kam unter Ministerpräsidentin Iveta Radicová erneut zu einer wirtschaftsliberalen Regierung, die jedoch schon ein Jahr später an einem Streit um den EU-Rettungsschirm zerbrach. Wieder musste gewählt werden, wieder siegte Fico, der seinen Erd-rutschsieg vor allem einem großen Korruptionsskandal verdankte, in den vor allem die Regierungspartei verwickelt war. Die an die Öffentlichkeit gekommenen Abhörprotokolle des slowakischen Geheimdienstes hatten gezeigt, wie 2005/2006 Spitzenpolitiker einem slowakischen Investitionsfonds lukrative Milliarden-Geschäfte zugeschustert hatten und dafür fürstlich entlohnt worden waren.

Wirtschaftlich hat die Slowakei inzwischen wieder Tritt gefasst, die Auto-Industrie boomt. Audi, der koreanische Hersteller Kia Motors und der französische Konzern PSA Peugeot Citroën sowie eine Reihe von Zulieferern haben dazu beigetragen, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung von 5000 Euro im Jahre 2003 auf heute 13000 gestiegen ist. Probleme bereitet aber neben der mit 25 Prozent immer noch hohen Arbeitslosigkeit im Süd-osten des Landes die Minderheit der Zigeuner. Letzten Herbst half man sich in Kaschau (Kosice) mit einer 30 Meter langen und zwei Meter hohen Mauer, um ein berüchtigtes Viertel abzugrenzen. Es ist landesweit bereits die 14. Mauer – ohne dass das Problem auch nur ansatzweise gelöst worden wäre. Die vereinfachenden Ferndiagnosen der Gutmenschen in ausländischen Medien helfen übrigens auch nicht.

Detlef Kleinert


Sterilisation statt Gift
New York leidet unter Rattenplage und kommt Tierschützern entgegen

Es sind nicht nur Terroristen, die es auf New York abgesehen haben. Wie in einem Science-Fiction-Thriller erlebt die Metropole eine Invasion kleiner Lebewesen, die in rapider Geschwindigkeit Besitz von der Stadt ergreifen und selbst die größte Militärmacht der Welt in die Defensive treiben. Gemeint sind Ratten.

In der 8,4-Millionen-Einwohner-Stadt gibt es nach Schätzungen inzwischen fast mehr Ratten als Menschen. Die Bronx und Manhatten sind ihre bevorzugten Wohngebiete, wohl weil es dort die lohnendsten Abfalleimer gibt. Aber auch sonst findet man sie überall. Ratten in den feinen Avenues und kleinen Straßen, Ratten in Höfen, Kellern und Gärten, in Parks und Geschäften.

Ein besonders bevorzugter Ort für die schnellen kleinen Lebewesen ist das U-Bahn-Netz der Stadt. Letztens zeigte ein Video im Internet, wie Fahrgäste einer Metro, die unter dem East River durchfuhr, kreischend auf die Bänke sprangen, nachdem ein Schrei ertönte: „Ratte im Zug!“ und ein winziges graues Tierchen durch die Gänge flitzte. Youtube und Co. verschlimmern das Problem noch, indem solche Videos sofort Millionen erreichen und in Hysterie versetzen.

Um Touristen nicht zu verscheuchen und der Welt ungestört das Bild eines hygienisch einwandfreien New York vermitteln zu können sowie um die Bürger selber zu beruhigen, hat Bürgermeister Bill de Blasio ein 611000-Dollar-Programm zur Bekämpfung der Ratten beschlossen. Es ist zunächst als Pilot-Programm gedacht und vor allem konzentriert auf Ratten-Behausungen in Manhattan und der Bronx sowie in U-Bahn-Stationen. In Partnerschaft mit der Firma SenesTech in Flagstaff, Arizona, will man die zweite Phase einer Studie zur Ratten-Sterilisation durchführen. Die Firma hat ein Futter namens „ContraPest“ entwickelt, das weibliche Ratten sterilisiert. Dies geschieht, indem eine Chemikalie die Tiere in die Wechseljahre versetzt, so dass sie erst deutlich weniger Junge und dann bald gar keine mehr bekommen. Die erste Phase fand im letzten August statt, die zweite beginnt im Juli. Daneben bietet die Behörde für Gesundheit und mentale Hygiene Kurse an für Hausbesitzer, Manager und Privatpersonen (die häufig ihre Hunde zur Bekämpfung einsetzen), wie sie mit dem Ratten-Problem umgehen können. Doch bestehen diese Ratschläge vorwiegend aus den alten Mitteln wie Fallen, Rattengift und der Anleitung, Türritzen und Abfalleiner zu sichern. Wobei in unserer aufgeklärten Zeit neben Fallen auch Rattengift zunehmend als grausam abgelehnt wird, weil das Gift die Tiere unter Schmerzen innerlich verbluten lässt. „Ich sah eine Ratte auf meiner Veranda gegen das Gift kämpfen und vor meinen Augen sterben“, so eine Bürgerin. „Es war ein schrecklicher Anblick, und ich dachte entsetzt, wie häufig das passiert. Außerdem geraten Haustiere, Vögel, wilde Tiere und sogar Kinder über die Ratten leicht an das Gift. Ich hoffe, die Menschen wachen auf und schaffen ein Gesetz gegen den Gebrauch solcher Gifte.“ Dem stimmt Debbie „The Rat Lady“ Ducommun aus Chico in Kalifornien bei. Die Besitzerin von 23 Ratten ist Vorsitzende eines „Ratten-Fan-Clubs“. „Wenn man sie züchtet“, sagt Debbie, „sind sie unglaublich. Sehr intelligent. Sie lernen ihre eigenen Namen. Man kann ihnen Tricks beibringen. Und sie verhalten sich sehr sozial.“ Liselotte Millauer


Anerzogen, nicht vererbt
US-Republikaner mit Gender-Forschern auf einer Linie

Heftige Kritik haben die texanischen Republikaner für einen Anfang Juni gefassten Beschluss zu ihrem Parteiprogramm einstecken müssen. Bei ihrer jährlichen Versammlung in Fort Worth haben sich die knapp 10000 Parteimitglieder für die Unterstützung sogenannter reparativer Therapiemöglichkeiten für Homosexuelle ausgesprochen. Der Beschluss erkennt eine „wiedergutmachende Therapie und Behandlung“ für alle Patienten als rechtmäßig und effektiv an, die „nach Heilung und Ganzheit ihres homosexuellen Lebensstils streben“.

Anders als in einigen Medien verkürzt dargestellt, geht es den Republikanern damit keineswegs um eine Zwangsbehandlung von Homosexuellen. Gefordert wird lediglich, dass kein Gesetz den Zugang zu einer Therapie behindern dürfe. Reagiert wird damit nicht zuletzt auf Regelungen der Staaten Kalifornien und New Jersey, in denen entsprechende Therapien für Minderjährige seit vergangenem Jahr verboten sind. „Bemühungen, die sexuelle Orientierung zu ändern, könnten zu Depressionen, Drogenmissbrauch, sozialem Rückzug, einem geringeren Selbstwertgefühl und Suizid-Gedanken führen“, so die Sichtweise von New Jerseys Gouverneur Chris Christie (Republikaner), der sich auf die American Psychological Association (APA) stützten kann.

Tatsächlich lässt sich auch die Forderung nach Therapiemöglichkeiten mit wissenschaftlichen Belegen untermauern. Dass die APA im Jahr 1973 Homosexualität von ihrer Diagnoseliste strich, hatte zwar nachhaltige Auswirkungen auf die weitere Forschung, dennoch liegt einiges an aussagekräftigem Material vor: Eine bereits 1999 veröffentlichte Studie aus den USA kam etwa zu dem Ergebnis, dass homosexuell lebende Männer ein substanziell höheres Risiko aufweisen, an Selbstmordneigungen, schweren Depressionen und Angstneurosen leiden. Untersucht worden waren erwachsene männliche Zwillinge, von denen der eine homosexuell, der andere heterosexuell lebte.

Derartige Aspekte werden in der Berichterstattung zu dem Beschluss der texanischen Republikaner ebenso gern unterschlagen wie ein anderer interessanter Aspekt. Von der Grundannahme liegt der Gedanke einer Therapiemöglichkeit für Homosexuelle erstaunlicherweise auf einer Wellenlänge mit dem, was Protagonisten der Gender-Ideologie verkünden. Basis des Gender-Mainstreaming ist die Annahme, „Geschlecht“ sei lediglich ein kulturelles und soziales Konstrukt, das Resultat von Erziehung und sozialer Umwelt, während biologischen Faktoren keine signifikante Bedeutung haben sollen. Folgerichtig ist für die Feministin Camilla Paglia die „Homosexualität eine Anpassung, kein angeborenes Merkmal“.

Führende Aktivisten der Homosexuellen-Bewegung haben im Gegensatz dazu jahrzehntelang das Credo verbreitet, es gebe biologische Gründe für Homosexualität – quasi eine erbliche Veranlagung. Dass in der Öffentlichkeit dieser eklatante Widerspruch zwischen Gay- und Gender-Ideologie kaum wahrgenommen wird, kann kaum verwundern. Von Ausnahmen wie Camilla Paglia abgesehen, haben sich die meisten Protagonisten beider Bewegungen davor gehütet, im Fall der Homosexualität die Diskussion über Anpassung oder Veranlagung zu vertiefen.

N.H.


MELDUNGEN

Libyen weiter ohne Premier

Tripolis – Dass die für den 25. Juni geplante Parlamentswahl in Libyen auch nur in einigermaßen geregelten Bahnen verlaufen wird, ist nicht absehbar. Derzeit ist nicht einmal klar, wer eigentlich Chef der Übergangsregierung des Landes ist, nachdem das Oberste Gericht die Wahl des von Islamisten unterstützten Geschäftsmannes Ahmed Maitieg für ungültig erklärt hat. Abdullah al-Thinni, der nach Anschlägen auf sein Haus Ende April zurückgetreten war und so die umstrittene Wahl Maitiegs erst möglich gemacht hatte, wollte daraufhin doch im Amt bleiben, doch laut „NZZ“ hat er nach erneuten Anschlägen diesen Wunsch zurückgenommen. Bel

 

Streit um Partisanen-Opfer

Moskau – Mit den Aussagen seiner Doktorarbeit hat der 1982 geborene Historiker Sebastian Stopper sich den Unmut des Kreml zugezogen. Die Texte des Stipendiaten des Deutschen Historischen Institutes Moskau werden laut „Spiegel“ auf einer Liste geführt, die „extremistische Materialien“ aufführt, auf der Stopper nach einem Buch des italienischen Faschistenführers Benito Mussolini genannt wird. Dabei hat sich der Deutsche bei seinen Forschungen über „Das Brjansker Gebiet unter deutscher Besatzungsherrschaft 1941 bis 1943“ nur entschieden, eher den Aussagen aus den Akten des Freiburger Bundesarchivs als denen sowjetischer Partisanen zu trauen. Aus Sicht des Kreml hat Stopper aber damit die Leistungen der Roten Armee relativiert, was seit Mai in Russland per Gesetz untersagt ist. Während Partisanen in Brjansk einst 150000 „Faschisten“ getötet haben wollen, registrierten die Deutschen 10000 Tote und Verwundete in den eigenen Reihen. Bel


S. 7 Wirtschaft

Kurzsichtige Pfründensicherung
Teilverkauf von Alitalia belegt, dass Italiens Elite aus egoistischen Motiven Wirtschaftsreformen verhindert hat

Lange haben italienische Politiker verhindern wollen, dass die Flug-linie Alitalia an das Ausland verkauft wird. Nun fassen bei dem angeschlagene Unternehmen ausgerechnet die Araber Fuß.

Lediglich 560 Millionen Euro soll das Angebot hoch sein, das Etihad, die Fluglinie des Golf-Emirats Abu Dhabi, für 49 Prozent der Alitalia-Anteile bieten will. Auch wenn Alitalia-Geschäftsführer Gabriele Del Torchio vollmundig erklärt: „Wir verkaufen die Alitalia nicht an Etihad, wir wollen uns mit dieser Airline verbünden“, handelt es sich aus italienischer Sicht um eine handfeste Niederlage.

Bisher war man in Rom eifrig darum bemüht gewesen, dass bei Alitalia weiterhin Italiener das Sagen haben. Noch vor sechs Jahren hatte Air France für die chronisch defizitäre Alitalia 1,14 Milliarden Euro – mehr als doppelt so viel wie jetzt Etihad – geboten und war damit abgeblitzt. Um Ausländer bei Alitalia draußen zu halten und trotzdem eine Pleite der Fluglinie abzuwenden, hatte man sich in Rom in der Vergangenheit allerhand einfallen lassen. So wurden italienische Firmen wie Pirelli, Benetton und die Großbank Intesa Sanpaolo vor einigen Jahren von Silvio Berlusconi schon einmal an ihren Patriotismus erinnert, um eine französische „Attacke“, einen kompletten Übernahmeversuch durch Air France/KLM, abzuwehren.

Der Einstieg der italienischen Investoren änderte nichts daran, dass Alitalia im vergangenen Jahr abermals kurz vor der Pleite stand. Statt Berlusconi hieß der Premier nun Enrico Letta. Das Ziel blieb indessen das gleiche. Um abermals einen Bankrott von Alitalia zu verhindern, wurde nun die staatliche Poste Italiane eingespannt. Faktisch handelte es sich bei dem Einstieg der Post um eine unerlaubte staatliche Geldspritze für die Fluglinie, die EU drückte jedoch beide Augen zu. Insgesamt haben verschiedene Premiers mit ihren „patriotischen Rettungsaktionen“ für Alitalia mehrere Milliarden Euro verbrannt, unter anderem, weil mehrere Tausend überflüssige Beschäftigte jahrelang weiterbeschäftigt wurden. Auf Druck von Etihad zeichnet sich nun ab, dass immerhin 2400 der 13000 Arbeitsplätze bei Alitalia abgebaut werden. Bisher waren Versuche, die personell üppig ausgestattete Fluglinie zu verschlanken, regelmäßig an den Gewerkschaften gescheitert.

Tatsächlich könnte der Einstieg der Araber nicht nur für die italienische Fluglinie eine Zäsur bedeuten. Nicht zu Unrecht sieht der Schweizer „Tagesanzeiger“ mit dem Etihad-Engagement bei Alitalia sogar das Ende von „Italianità“ gekommen. Dieses Beschwören der „Italianität“, der italienischen Lebensweise und Kultur, hat vor allem Silvio Berlusconi zu seiner Amtszeit eifrig betrieben, allerdings nicht nur er allein. Über Jahrzehnte war ein ganzes Kartell von Interessengruppen daran beteiligt, in Italien möglichst jede Reform und Veränderung im Kein zu ersticken und keinen frischen Wind aufkommen zu lassen. „Alitalia ist zum Fanal für jenen Teil der italienischen Wirtschaft und Politik geworden, der ausländische Konkurrenten über Jahrzehnte vehement abwehrte, um eigene Pfründe zu sichern“, so die Diagnose des „Tagesanzeiger“. Mit von der Partie waren allerdings nicht nur italienische Politiker und Wirtschaftsbosse. Unter dem Etikett „Kampf der Globalisierung“ wurde die „Italianità“ ebenso von den Gewerkschaften verteidigt.

Zustande gekommen sind dabei erstaunliche Zweckbündnisse. Als es etwa im Jahr 2008 um eine komplette Übernahme von Alitalia durch den Konkurrenten Air France/KLM ging, war es Berlus-coni, der im Wahlkampf immer wieder betonte, wie wichtig es für Italien sei, eine nationale Fluggesellschaft zu haben. Für die Gewerkschaften, die eine personelle Verschlankung von Alitalia lange Zeit zu verhindern wussten, war dies eine willkommene Rückendeckung. Linke Politiker wiederum verteidigten ausgerechnet Berlusconis TV-Unternehmen Mediaset gegen ein Übernahmeangebot von Medienmogul Rupert Murdoch. Die erstaunliche Begründung: Berlus-conis Fernsehkonzern würde ein italienisches Kulturgut darstellen.

Unter dem Druck der anhaltenden Wirtschaftskrise ist allerdings nicht nur im Fall der Alitalia das bisher verfolgte Modell „Italianità“ an sein Ende gekommen. Um Italiens angeschlagene Wirtschaft wieder zum Laufen zu bekommen, werden ausländische Investoren inzwischen nicht mehr abgewehrt, sondern vielmehr händeringend umworben. Aushängeschilder italienischer Lebensart wie die Traditionsmarken Ducati, Valentino, Gucci oder Bulgari sind für wenig Geld längst verkauft und nicht mehr italienisches Eigentum.

Laut einer Studie des Forschungsinstituts Eu-rispes wurden allein in den letzten vier Jahren mehr als 430 italienische Unternehmen für rund 55 Milliarden Euro von ausländischen Investoren geschluckt. Nicht zu Unrecht wird in Italien befürchtet, dass viele der Investoren mehr an den bekannten italienischen Markennamen und weniger an den Produktionsstandorten in Italien interessiert sind. Anzeichen für eine regelrechte Deindustrialisierung des Landes sind tatsächlich längst vorhanden. Angesichts einer von 2007 bis 2013 um 20 Prozentpunkte geschrumpften Industrieproduktion musste im Vorjahr selbst ein von der EU vorgelegter Report eingestehen, dass Italien eine „echte Deindustrialisierung“ erlebt. Norman Hanert


Riskanter Staatseingriff
Mindestlohn wurde in anderen Ländern behutsamer eingeführt

Der umstrittene Mindestlohn soll am 4. Juli vom Bundestag verabschiedet werden und zum 1. Januar 2015 in Kraft treten. In jenen Branchen, in denen Tarifverträge eine niedrigere Bezahlung vorsehen, sollen bis Ende 2016 Ausnahmen erlaubt sein. Um die Ausnahmen von der Regel geht es. Zuletzt hat die bayerische CSU Nachbesserungen gefordert. Der Bundestagsabgeordnete Peter Ramsauer (CSU) hatte „massive Veränderungen für Rentner, Praktikanten und studentische Hilfskräfte“ gefordert.

Bei Unternehmerverbänden und aus Kreisen des Mittelstands sind von Beginn an Vorbehalte gegen die Einführung eines Mindestlohns geäußert worden. Dieser schränke die Flexibilität der Arbeitgeber ein und gefährde im Endeffekt Arbeitsplätze. Gewerkschaften und SPD entgegneten stets, der Staat müsse seiner sozialen Verantwortungen gerecht werden. Außerdem wurde darauf verwiesen, dass der Mindestlohn ein Instrument sei, das in zahlreichen Ländern erfolgreich zum Einsatz gekommen sei.

Doch die Vergleiche hinken. In den Vereinigten Staaten ist US-Präsident Barack Obama gerade dabei, die Lohnuntergrenze von 7,25 auf 10,20 US-Dollar zu erhöhen, was umgerechnet 7,32 Euro entsprechen würde. Die Große Koalition in Deutschland hatte sich für einen Betrag von 8,50 Euro ausgesprochen, was 40 Prozent über dem bisher in den USA gezahlten Betrag liegen würde.

Innerhalb der EU ist Deutschland mit seiner bisherigen Lohnpolitik ohne feste Untergrenze eher eine Ausnahme – derzeit haben 21 von 28 Mitgliedsländern einen Mindestlohn. Doch wie auch im Vergleich zu den USA sind verlässliche Erhebungen schwierig, zu groß sind die Unterschiede hinsichtlich der wirtschaftlichen Voraussetzungen und der Höhe der Lohnuntergrenze.

In Großbritannien wird der Mindestlohn als Erfolgsmodell gefeiert. Nur umgerechnet 4,25 Euro pro Stunde betrug er, als er 1999 eingeführt wurde. Danach wurde er mehrfach erhöht, wobei er deutlich stärker als das allgemeine Gehaltsniveau gestiegen ist, bis er das heutige Niveau von rund 7,80 Euro erreichte, das an etwa dem EU-Durchschnitt entspricht. Wirtschaftswissenschaftler führen auf diesen behutsamen Einstieg in den Mindestlohn dessen vermeintlichen Erfolg zurück. Erst nachdem man analysiert habe, wie der Arbeitsmarkt auf das neue Instrument reagiere, und die Signale positiv gewesen seien, sei der Mindestlohn schrittweise erhöht worden.

In Frankreich haben die traditionell starken Gewerkschaften dagegen eine stattliche Höhe von 9,43 Euro pro Stunde durchgesetzt. Insgesamt 13 Prozent der Arbeitnehmer erhalten den Mindestlohn, die Sozialisten feiern das Modell als „Kaufkraft für alle“. Doch die Schattenseite ist eine horrende Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 25 Prozent. Experten sehen in dem ihres Erachtens viel zu hohen Mindestlohn ein Hindernis für junge Menschen in den Berufseinstieg, aber auch für ungelernte Kräfte, vor allem für jene mit Immigrationshintergrund. Peter Entinger


Der Konkurrenz weit vorraus
Infineon investiert im großen Stil am Standort Dresden

Der deutsche Halbleiterhersteller Infineon hofft, künftig die Konkurrenz abhängen zu können. Anlass für die euphorische Stimmung bei dem Münchner Chip-Konzern ist eine Weltpremiere. In seinem Dresdner Werk hat das Unternehmen die Volumenproduktion von sogenannter Leistungselektronik auf superdünnen 300-Millimeter-Siliziumscheiben aufgenommen. Dabei galten bei bisher nur Durchmesser von bis zu 20 Zentimetern als produktionstechnisch beherrschbar.

Dass es Infineon nun geschafft hat, die Fertigung der 300-Millimeter-Technik für Leistungshalbleiter zum Laufen zu bringen, kann den gesamten Markt umkrempeln. Auf dem preislich hart umkämpften Halbleitermarkt kann das Unternehmen künftig mit Produktionskosten auftrumpfen, die bis zu 30 Prozent niedriger liegen als bei den bisher produzierten kleineren Siliziumscheiben. Obendrein sieht sich Infineon der Konkurrenz technologisch mindestens um zwei Jahre voraus. Damit nicht genug. Branchenexperten wie der Analyst Günther Hollfelder von der Baader-Bank trauen es nur noch wenigen großen Wettbewerbern wie Toshiba oder STMicro zu, ebenfalls den kostspieligen Schritt zur 300-Millimeter-Technik zu wagen.

Infineon-Chef Reinhard Ploss hat zum 20-jährigen Bestehen des Dresdner Werkes angekündigt, in den nächsten Jahren nochmals „mehrere hundert Millionen Euro“ in den Ausbau des sächsischen Standortes zu investieren. Die Bereitschaft, ein weiteres Mal viel Geld in die Hand zu nehmen, kommt nicht von ungefähr. Die ehemalige Siemens-Ausgründung kann die Leistungs-Halbleiter nicht nur kostengünstiger als die Mitbewerber produzieren, man hat auch das richtige Produkt zur richtigen Zeit. Die Leistungs-Chips halten hohe Spannungen und Stromstärken aus und können so große Elektromotoren und Generatoren steuern und effizienter machen. Entsprechend sind die Hoffnungen bei Infineon, mit den Dresdner Chips in Chinas Fünf-Jahres-Plan mitzumischen, der mehr Stromeffizienz vorsieht.

Geht es nach der sächsischen Landesregierung, dann sollen Infineons 300-Millimeter-Technik noch weitere Erfolgsgeschichten folgen. Angekündigt ist, dass der Freistaat in den nächsten sieben Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag in die Modernisierung und Neuausrichtung der sächsischen Mikroelektronik pumpen wird. Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) spekuliert dabei auf einen Hebeleffekt. Das Landesgeld soll dazu dienen, an Fördermittel der EU zu kommen, aber auch privates Geld mobilisieren.

Hintergrund sind negative Erfahrungen in der jüngsten Vergangenheit. Obwohl Sachsen mittlerweile der größte Chip-Produktionsstandort in Europa ist, hat das Land zuletzt nur wenig von den milliardenschweren EU-Elektronikförderprogrammen abbekommen. „Weil die nationale Kofinanzierung fehlte“, so Wirtschaftsminister Morlok. Profiteure der Berliner Zögerlichkeit waren Forschungseinrichtungen und Chip-Hersteller in Frankreich und Belgien, die sich einen großen Teil der EU-Elektronikfördergelder sichern konnten. N.H.


MELDUNGEN

Nun doch keine Deflation

Frankfurt/M. – Die EZB sieht derzeit keine Deflationsgefahr. Zwar sei die Inflation mit 0,5 Prozent im Euro-Raum sehr niedrig, doch die Hälfte des Rückgangs der Gesamt-inflation lasse sich auf die seit 2011 gesunkenen Energiepreise zurückführen, ein weiteres Viertel auf die gesunkenen Nahrungsmittelpreise. Anfang Juni hatte die EZB unter anderem Minuszinsen auf Bankguthaben auf EZB-Konten beschlossen, auch weil man eine drohende Deflation nicht ausschließen wollte. Innerhalb eines Tages reduzierten Banken des Euro-Raumes wegen der Minuszinsen ihr EZB-Guthaben von 25 auf 13,6 Milliarden. Bel

 

Erhöhung um 937 Prozent

Washington – Traumhafte Gehaltssprünge konnten Geschäftsführer von US-Unternehmen in den letzten Jahrzehnten verbuchen, so das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsinstitut Economic Policy Institute (EPI). Während von 1978 bis 2013 die Einkommen von Arbeitnehmern inflationsbereinigt nur um 10,2 Prozent stiegen, erhöhten sich die der Führungsspitze um 937 Prozent. Bel

 

Gutes Klima für Neugründungen

Berlin – „Es deutet sich eine Trendwende an“, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und nimmt erfreut zur Kenntnis, dass sich erstmals seit vier Jahren die Zahl der Gründungen größerer Betriebe erhöht hat. Laut Statistischen Bundesamt wurden im ersten Quartal dieses Jahres mit 35000 Neugründungen 1,5 Prozent mehr Betriebe aus der Taufe gehoben als im Vergleichszeitraum 2013. Als größerer Betrieb gelten Unternehmen wie beispielsweise der Rechtsform GmbH, die mehr Mitarbeiter als Eigentümer haben. Bel


S. 8 Forum

Gleichmacherei
von Rebecca Bellano

Es ist erschreckend, wie emotional und ideologisch das Thema Inklusion aufgeladen ist. Gern werden hier moralisierende Begriffe wie „Menschenrecht“, „Gerechtigkeit“ und „Respekt vor dem Anderssein“ von den Befürwortern verwendet, die behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen unterrichtet sehen wollen. Die „FAZ“ berichtete, dass der Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Arbeitsgruppe „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ einem US-Fernsehprediger gleich die Inklusion als Ziel aller Träume darstelle, auf Einwände aus dem Publikum, wie die Vorstellungen denn in der Realität umzusetzen seien, aber nicht reagiert habe.

Zudem ist es vermessen, einerseits „Respekt vor dem Anderssein“ einzufordern, aber nicht auf die Bedürfnisse des Andersseienden einzugehen. Natürlich gibt es körperlich und wohl auch geistig behinderte Kinder, die in der Lage sind, eine Regelschule zu besuchen und hier ihren Abschluss zu machen, doch das dürfte kaum bei allen rund 400000 zu diesem Personenkreis zählenden Schülern der Fall sein. Die meisten bedürfen spezieller Förderung und diese zu ermöglichen käme wahrem Respekt vorm „Anderssein“ Behinderter gleich.


Weit überschätzt
von Michael Leh

Die linke „taz“ trauert um Frank Schirrmacher. Jakob Augstein hält ihn für „unersetzlich“. Sigmar Gabriel erklärt, er habe einen Freund verloren. Mit 54 Jahren war Schirrmacher, einer der fünf „FAZ“-Herausgeber, einem Herzinfarkt erlegen. Die „FAZ“-Nachrufe auf den früher auch als „Kindkaiser“ Titulierten nahmen hagiografische Züge an. Der stellvertretende Feuilletonchef Edo Reents verkündete, Schirrmacher sei „ein sehr großer Geist“ gewesen. Und maßlos übertreibend: „Der sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist, den Deutschland je hatte.“

Ein großer Wichtigtuer, Effekt-hascher und Blender war er auf jeden Fall. Geblendet hatte er schon Joachim Fest, als es um dessen Nachfolge als „FAZ“-Herausgeber ging. Der „Spiegel“ vom 13. Mai 1996 hat darüber berichtet und auch, wie der „sehr große Geist“ schon bei seiner Doktorarbeit trickste. In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb Willi Winkler 2010 über Schirrmacher: „Gaunerhafter, felixkrulliger hat sich nie einer nach vorn und oben gemogelt.“

Joachim Fest bereute es schon nach einer Woche, Schirrmacher als Nachfolger berufen zu haben. Doch da war es zu spät. Hemmungslos gebrauchte der große Zampano von da an seine Macht. Viele von ihm kujonierte Redakteure verließen das Blatt. Schirrmacher, der im Grunde politisch naiv war, rückte das „FAZ“-Feuilleton nach links. Einen Joschka Fischer himmelte er unkritisch und kenntnislos im Interview an. Seine Bücher hatten wenig Substanz. Um die Gefahren der digitalen Welt zu erkennen – sein letztes Kampagnen-Steckenpferd – brauchte man nicht gerade ihn.


Frappierende Blauäugigkeit
von Hans Heckel

Was bezwecken die USA eigentlich mit ihrem de-saströsen Treiben im Nahen und Mittleren Osten? Offenkundig hat ihr Engagement dort jede Lage nur verschlimmert.

Der US-General a.D. Wesley Clark gab darauf laut „Handelsblatt“ schon 2007 eine erschreckende Antwort. Ein Pentagon-Mitarbeiter habe ihm, so Clark damals, Wochen nach den New Yorker Anschlägen von 2001 enthüllt, dass die USA beabsichtigten, „sieben Staaten in fünf Jahren (zu) zerstören“. Clark ist nicht irgendwer, er war Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen im Kosovo-Krieg 1999.

Laut dem Informanten sei der Anschlag auf die Zwillingstürme nur der Vorwand gewesen. In einem Memorandum würden Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und Iran als Ziele der Aktion genannt.

Nun, Somalia war damals schon „zerstört“, und was mit der Zerstörung des Libanon erreicht werden soll, bleibt schwer ergründlich. Was die übrigen angeht: Sudan ist geteilt, Libyen und der Irak sind zerfallen, in Syrien tobt Krieg zwischen dem Regime und Rebellen, die massiv von den USA und (im Falle der nun auch im Irak aktiven Islamisten) Saudi-Arabien sowie den Golf-Emiraten unterstützt werden.

Als Urheber des Plans habe ihm der Pentagon-Mitarbeiter eine Gruppe um Paul Wolfowitz, Dick Cheney und Donald Rumsfeld genannt. Cheney, damals Vizepräsident der USA, war bis zu seinem Amtsantritt Vorstand bei der Ölfirma Halliburton und weiterhin Teilhaber. Das Unternehmen geriet später in die Schlagzeilen, weil es schamlos vom Irakkrieg profitiert haben soll.

Es war aber nicht bloß Gier, was die Männer trieb. Es war auch Hybris. Sie wollten die Länder „zerstören“, um sie dann zum Vorteil der USA neu aufzubauen. Das zweite Kapitel ging gründlich in die Hose.

Das Problem aber ist, dass die Folgen dieser gemachten Ka­tastrophe nicht zuerst die USA zu spüren bekommen. Die Europäer sind es, auf die jetzt schon eine Welle von Kriegsflüchtlingen zurollt und von meist jungen Menschen, die aufgrund der unhaltbaren Zustände in ihren Ländern von Libyen über Syrien bis zum Irak alles daran setzen, nach Europa zu gelangen.

Frappierend ist die Blauäugigkeit deutscher Politiker und Medien gegenüber dem Treiben der US-Regierung. Im Falle des Syrien-Konflikts wurden so gut wie sämtliche Propagandalügen von den meisten deutschen Massenmedien nachgebetet und weiterverbreitet. Lächerliche Fälschungen wurden unters Volk gestreut, denen nicht selten hoch peinliche Enthüllungen folgten. Indes: Immerhin hat es den Anschein, dass ein Großteil der Deutschen dem nicht mehr auf den Leim geht. Es wird Zeit, dass Politiker und Medien der Weisheit des Volkes folgen


Moment mal!
Spinner dieser Welt, wehrt Euch!
von Klaus Rainer Röhl

Meine Mutter fand, das Beste auf der Welt sei eine sichere Zukunft. Für mich und meinen Bruder hatte sie den Vorschlag, er solle zur Bundesbahn gehen und ich zur Post. Mein Bruder ging auch tatsächlich zur Bundesbahn und blieb dort bis zu seiner Pensionierung. Ich aber ging zur Uni, traf dort Peter Rühmkorf und betrieb mit ihm lauter brotlose Künste. Klar waren wir Spinner. Zum mindesten wollten wir aus Hamburg ein neues Paris machen. Nicht mehr nach Paris, wo damals Jean-Paul Sartre und seine Existentialisten Hof hielten, sondern zu uns nach Hamburg sollten die Leute pilgern. Zunächst zogen wir mit ein paar Gleichgesinnten in einen leer stehenden Güterwaggon und bildeten so schon 1950 eine frühe Form von Kommune.

Schon während der Güterwaggon-Kommune („Deutschlands erste Hochleistungs-Kommune“, Rühmkorf) beginnt die Vorbereitung des „Kabaretts“, das eigentlich eine bitter-ernste politische Antikriegs-Revue war. Fast unmöglich, dafür unter den Hamburger Studenten von 1950 geeignete Darsteller zu finden. Wir suchten nach Mitarbeitern mit einem Aushang am Schwarzen Brett der Universität. „Eilt sehr, da gegen den Krieg gerichtet!“ „Ein paar Spinner!“, urteilten die meisten und eilten in ihre Vorlesungen. Wenige kamen und machten mit.

Im Mai 1951 fand die Aufführung unserer Revue „Die im Dunklen sieht man nicht“ in der Aula einer der wenigen nicht ausgebombten Hamburger Oberschulen statt, der Emilie-Wüstenfeld-Schule. Mit einem guten Presseecho („Brecht. Tucholsky fabelhaft formuliert“) aber auch einem totalen Verriss durch die „Welt“. In ihr schreibt der Theaterkritiker Walter Görlitz: „Der dreckige Kitsch von vorgestern, noch schnell alsterexistentiell frisiert, soll doch hoffentlich nicht übermorgen Kunstersatz werden!“ Wir deuteten den Spruch des ehemaligen Frontsoldaten richtig: Vorgestern = Weimarer Republik und übermorgen = in Zukunft. „Spinner!“, sagten seine Kollegen zu uns, sagten auch die meisten Zuschauer.

Nun kam die zweite Phase unseres Plans: Die Gründung eines Jazz-Kellers mit Lyrik. Wir erfuhren, dass in Hamburg ein Jazzkeller aus einem ehemaligen Luftschutzbunker gebaut werden sollte. Irgendeine Behörde muss auch damals (1951) das Vorhaben genehmigt oder sogar gefördert haben. Das wird unser Keller, von hier werden wir, wie früher die Existentialisten um Sartre, die Welt umkrempeln. Den Sartre hatten wir ja schon, und Rühmkorf malte an die Metalltür des Bunkers mit großen Farbbuchstaben seine „Ode an Armstrong!“ Spinner? Jedenfalls hatten wir ein neues Objekt. Das Zentrum für Jazz und Lyrik. Der Keller erhielt den Namen „Anarche“. Von Anarchisten hatten wir nie mehr gehört als zum Lehrstoff des Geschichtsunterrichts gehört. Für uns war es einfach ein provozierender Titel für einen Club für Kunst, Jazz und Lyrik. Mitte April 1951 wurde die „Anarche“ eröffnet. Mit Erfolg, aber schlechter Presse: „Erschreckt blickten die Zuhörer in einen unappetitlichen Abgrund von wollüstigem Pessimismus, verklemmter Sexualität und seelischer Leere.“ Andere finden den Keller, der verräuchert, feucht und schlecht gelüftet ist, toll. Man sitzt auf Bierfässern und Kisten als Hockern und trinkt Coca Cola. „Sind das vielleicht Spinner, die sich so was ausdenken!“, urteilen die meisten der zufälligen Gäste. Aber in dem Wort liegt auch etwas Anerkennung und Bewunderung für ein Leben, das man selber zu führen sich nicht getraut hätte.

Wenige Jahre später ist Rühmkorf, von dem noch niemand ahnt, dass er einmal Träger der höchsten deutschen literarischen Auszeichnung, des Büchnerpreises, sein wird, Mitglied der Gruppe 47 und hat sich bald endgültig durchgesetzt. Wieder durch eine verrückte, kreuzdolle, spinnerige Idee: Jazz und Lyrik auf dem Marktplatz. Gespielt von einem Lieferwagen herab.

Spinner sind auch nach dem Duden verrückte, nicht unsympathische, etwas skurrile, närrische, kauzige, eigenbrötlerische und ulkige Leute.

Wie kommt unser Bundespräsidenten dazu, die bierernste, rechtsextreme, möglicherweise sogar verfassungsfeindliche und deshalb selbst mit einem Parteiverbot rechnende Splitterpartei NPD mit dem eher positiv assoziierten Wort „Spinner“ zu beschreiben? Hören wir dazu die „Welt“: „Die NPD hat dagegen geklagt, dass der Bundespräsident ihre Anhänger Spinner nennen darf – und wurde abgewiesen. Nachvollziehbarer wäre es gewesen, wenn Deutschlands Spinner gegen den Missbrauch des Wortes vor das Verfassungsgericht gegangen wären. Denn Spinner gilt als harmlose Beleidigung und die Mehrheit der Deutschen würde sich eher Spinner nennen lassen als Nazi.“

Was sind Spinner eigentlich? In meiner Kindheit hörte ich ein zunächst rätselhaftes Lied „Bub und Spinne“, die gingen in den Wald. Das hat mich als Kind erschreckt, aber als Erwachsener habe ich herausgefunden, dass Spinne eine volkstümliche Bezeichnung für eine Spinnerin war, einen sicher anstrengenden, ehrenwerten Beruf, den sie zumeist zusammen mit anderen in Spinnstuben ausübte, ein Brauch, der sich uns wohl am eindrucksvollsten im „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner mit seinem „Dreh-dich-Rädchen“-Chor tief in unser Gedächtnis eingeprägt hat. Beim Spinnen wird auch bei Wagner viel geratscht und getratscht, und in jeder Spinnstube wurden auch Geschichten erzählt, die nicht immer wahr sein mussten, Märchen und Sagen fanden hier eine weite Verbreitung. So bekam „ein Garn spinnen“, spintisieren, irgendwann die zusätzliche Bedeutung: „eine lange Geschichte erzählen, über etwas, das sich nie ereignet hat“, wie eben Märchen und Sagen. Sich etwas ausdenken.

Immer hatte der Volksmund dabei aber eher eine lächelnde, schmunzelnde Bedeutung bei „Spinnen“ im Sinn, nie eine abschätzige. Spinner ist einer, „der sich fantastische Dinge ausdenkt, wunderliche Gedanken hat“, erklärt das etymologische Wörterbuch von Fleischer. Mit Begriffen wie spinnen und Spinner meint der Volksmund eher sympathische Figuren. Insofern habe sich der Bundespräsident „tatsächlich bei der Wortwahl vergriffen“, meinte die „Welt“.

Wirklich nur vergriffen? Woher kommt das Wort Spinner einem ehemaligen DDR-Bürger aus dem Unterbewusstsein auf die Zunge? Das Schimpfwort Spinner hatte in der DDR eine ganz andere, sehr alte Tradition: Spinner war die harmloseste, gewissermaßen beschwichtigende Bezeichnung für politische Gegner, wo man sonst von Staatsfeinden und westlichen Agenten sprach. „Ach, das sind doch nur Spinner!“ – und deshalb nicht ernst zu nehmen.

Als vor einigen Jahren von Hartz-IV-Gegnern versucht wurde, die Montagsdemonstrationen von 1989 wieder aufleben zu lassen, kam allzu schnell – und woher wohl? – das böse Wort „Montagsspinner“ in Umlauf! Die Montags-Demonstrationen in Leipzig und anderen Städten der DDR haben Deutschland vom Albtraum des Kommunismus befreit und die Wiedervereinigung gewollt – und schließlich erreicht. Manchen Menschen passt das bis heute nicht. Wer das Wort „Montagsspinner“ in die Welt gesetzt hat, sollte der Bundespräsident einmal in den Archiven nachlesen oder seine Berater fragen.


S. 9 Kultur

Eine kosmische Erfahrung
»2001: Odyssee im Weltall« − Vor 50 Jahren wurde der Grundstein für das filmische Meisterwerk gelegt

Die Anfangstakte von „Also sprach Zarathustra“ des derzeit wegen seines 150. Geburtstags weltweit gefeierten Jubilars Richard Strauss leiten ein großes Stück Filmgeschichte ein: Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltall“. 1964 wurde der Keim zu diesem legendären Film gelegt.

Vor genau 50 Jahren schrieb der Regisseur Stanley Kubrick auf seiner Schreibmaschine einen Brief an den in Sri Lanka lebenden Wissenschaftler und Schriftsteller Arthur C. Clarke, dass er einen richtig guten Science-Fiction-Film drehen wolle. Kubrick und Clarke verstanden sich auf Anhieb, so dass sie bald darauf ein entsprechendes Konzept zum späteren Film „2001: Odyssee im Weltraum“ entwickelten.

Ausgangspunkt war Clarkes Kurzgeschichte „Der Wachtposten“ von 1951. Darin erforschen Raumfahrer ein Artefakt auf dem Mond, das bei seiner Entdeckung ein Signal mit unbekanntem Inhalt und Ziel in den Kosmos sendet. Der Film selber erstreckt sich über die Anfänge der Zivilisation bis hin zu der Jupitermission des Raumschiffs Discovery, um den Ursprung des geheimnisvollen schwarzen Monolithen zu untersuchen.

Die eigentlichen Hauptfiguren waren jedoch nicht die Menschen, sondern der „Heuristisch programmierte Algorithmische Computer“ HAL, der als rötliche Kameralinse in Erscheinung trat und aufgrund widersprüchlicher Befehle eine Neurose entwickelte, um bald darauf die Raumschiffbesetzung umzubringen. Gesprochen wurde HAL durch Douglas Rain, weil Kubrick eine möglichst milde Stimme verlangte. Clarke trat Gerüchten entgegen, dass der Name bewusst ausgewählt worden sei, weil die Buchstaben HAL im Alphabet jeweils eine Stelle vor IBM stehen. Immerhin war IBM einer der Förderer des Films und sollte nicht brüskiert werden.

Die Dreharbeiten zu „2001: Odyssee im Weltraum“ begannen am 29. Dezember 1965 und dauerten bis März 1968. Insgesamt enthielt der Film 205 Trickeinstellungen. Wegen der komplizierten Tricktechnik wurde das geplante Budget von sechs Millionen US-Dollar um 4,5 Millionen überschritten. Die aufwendige Produktion zeigte sich unter anderem an der zwölf Meter großen Zentrifuge, die die Flugzeugfirma Vickers-Armstrong für 750000 US-Dollar anfertigte und die die künstliche Schwerkraft an Bord des Raumschiffs Discovery simulieren sollte. Der Trick der scheinbar sich kopfüber bewegenden Astronauten entstand durch eine Kamera, die sich mit der Zentrifuge drehte, während die Schauspieler sozusagen auf der Stelle liefen. Um die Aufnahmen möglichst detailliert zu gestalten, betrug der Durchmesser der rotierenden Raumstation Orion zwei Meter, die Länge der Discovery-Modelle fünf beziehungsweise 16 Meter, bei einer „Originallänge“ des Raumschiffs von 225 Metern.

„2001“ löste anfangs erhebliche Irritationen aus, weil Kubrick auf herkömmliche Erzählstrukturen verzichtete und keine der offenen Fragen zur Handlung beantworten lässt. Das zeigt sich, als selbst die Missionsleitung den Monolithen als „ein ungelöstes Rätsel“ be­zeichnet. Ursprünglich hatten Clarke und Kubrick vorgesehen, die Handlung aus dem Off zu kommentieren, doch die Bilder sollten für sich sprechen. Überhaupt macht der Dialog nur knapp 40 Minuten des über zwei Stunden langen „Stummfilms“ aus, der mit der Musik nicht nur von Richard Strauss, sondern auch vom Walzerkönig Johann Strauß und von György Ligeti untermalt war.

Der Filmkritiker und Pulitzerpreisträger Roger Ebert berichtete über die widersprüchlichen Reaktionen während der Premiere 1968 in Los Angeles. Der Schauspieler Rock Hudson verließ die Vorstellung mit den Worten, jemand möge ihm doch gefälligst erklären, was gerade vor sich gehe. Ebert hob hingegen vor, dass weniger die einzelnen Figuren als vielmehr der über jede menschliche Erfahrung hinausgehende Schritt in den Kosmos von Bedeutung sei.

Sowohl Kubricks realitätsnahe Darstellung der Raumfahrt, der metaphysische Exkurs über die Evolution als auch die für die Science-Fiction-Filme völlig an­dere Dramaturgie, indem beispielsweise auf die Darstellung von Außerirdischen verzichtet wurde, ließen „2001“ zu einem Meisterwerk werden. 1969 sah das die Academy of Motion Picture Arts and Sciences noch völlig anders und zeichnete den heute längst vergessenen Film „Oliver“ von John Woolf als besten Film aus, „2001“ war in dieser Kategorie noch nicht einmal nominiert. Nur in der Sparte der „Besten visuellen Effekte“ konnte sich Kubrick durchsetzen. Der einzige „Oscar“, den er überhaupt jemals in seiner Filmkarriere gewann.

50 Jahre nach dem Beginn der Arbeit an Stanley Kubricks Meisterwerk plant das British Film Institute deshalb eine erneute Kinoveröffentlichung für November. Ebenso veröffentlicht der Kölner Taschen Verlag eine um­fangreiche Dokumentation über die Produktion zu „2001: Odyssee im Weltraum“ in einer limitierten Liebhaberedition. Ulrich Blode


Bier und Saure Gurken
Heinrich Zille als Vorbild: Echt Berliner Typen im Kellertheater

Nachts erwacht das älteste Wohngebiet der Hauptstadt: das Nikolaiviertel. Hier wurde Berlin gegründet, hier steht die älteste Kirche der Stadt, hier schlängeln sich enge Gassen und lassen Touristen auf Kopfsteinpflaster ins 19. Jahrhundert reisen. Das Viertel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und erstand erst 1987 zu Berlins 750-Jahrfeier neu. Wer hier flaniert, vorbei an Gasthäusern, an deren Fenstern Geranien leuchten, kommt um Heinrich Zille nicht herum.

Überall verweist man auf den Maler der kleinen Leute. Im Lokal „Nussbaum“ hat er gesessen und die Leute, für die sich niemand interessierte, gezeichnet. Solche, die in armseligen Behausungen wohnten, hungerten und hurten. Der Besucher weiß, dass diese Zeit vorbei ist und dass in den Hinterhöfen heute schicke Kanzleien und Desig­ner ihr schickes Publikum bedienen. So schnauft man kurz tief durch, lässt die Blicke über die Türme der Nikolaikirche schweifen und lauscht der Stille, mitten in Berlin.

Doch, wer bis zum Abend bleibt, erlebt ein Wunder. Am Nikolaikirchplatz gibt es ein Kellertheater. Man steigt die Stufen hinab und hat gleich das Gefühl, Verwandte zu besuchen. „Rin in die jute Stube!“ Ein Wohnraum mit Buffet empfängt die Gäste. Schmalzstullen, Hackepeterbrötchen, Bier und Saure Gurken laden zum Schmausen. Selbstbedienung. Gleich hinterm Kühlschrank stehen Stühle. Eine winzige Bühne, ein Klavier. Die kauenden Gäste hocken sich hin und warten. Das Mädchen, das oben die Billets verkaufte, kommt die Treppe herunter und bimmelt die kleine Glocke. Dreimal. Dann geht es los. Dunkelheit im Raum. Hinter den Zuschauern rumort es.

Da kommen mit Gegröle zwei Zille-Figuren aus dem Hinterhalt der Geschichte, stürmen auf die Bühne. Das Licht geht an und herzzerreißend sägen sich die Klänge ins Ohr: „Zille hat mir jemalt. Uff´n klitzekleines Stick von sein’ Papier.“ Es dauert keine drei Minuten und jeder hat vergessen, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden. Hier leben sie noch, die Figuren, die den „Pinselheinrich“ inspirierten. Hier haben sie sich versteckt. Sind genau so laut und frech wie dunnemals und lassen sich nicht die Margarine von der Stulle klauen.

In jedem Couplet erstehen Berliner Ur-Typen, krakeelen sich in die Jetzt-Zeit und man staunt, denn Zilles Bilder sind lebendig! Sie wohnen hier unten im Keller und zeigen den Gästen, wie es war damals. Ohne Getue und Tamtam. Ohne Gefühlsduselei und berlinische Verklärung.

Das Publikum steht angesichts der mitreißenden Musik beinahe auf den Stühlen. Jetzt klatschen die Enkel der Hinterhof-Berliner und lauschen den Tönen, die schon ihre Großeltern beglückten. Niemand würde auf die Idee kommen, dass es nicht Paul Lincke komponiert hat, sondern Künstler von heute. Klaus Wüsthoff, der Berliner Komponist, hat all die Melodien erdacht, getextet hat es der 2011 verstorbene Theaterwissenschaftler Bernd Köllinger.

Nun schon seit zehn Jahren führen die Darsteller Heidrun Preußer, Andreas Goebel, Jörg-Peter Malke und Christine Reumschüssel sowie Martin Orth am Klavier Berliner Typen aus der Vergangenheit dem Pub­likum vor. Am 22. Juni feiert das Ensemble mit Heidrun Preußer, die 2005 die Theaterleitung übernahm, sein Jubiläum. Inzwischen ist das Programm erweitert um eine musikalisch-szenische Reminiszenz an die Zeit der Berliner Luftbrücke „Der Insulaner verliert die Ruhe nicht“. Unvergessliche Texte von Günter Neumann werden erneut mit Leben erfüllt.

Steigt man die Kellertreppe wieder empor, lässt die Seligkeit nicht nach. Und manch einer wippt noch auf dem Heimweg durch die Gassen. Silvia Friedrich


Luthers Steuermann
Ausstellung in Altenburg über den Reformator Georg Spalatin

Der Reformator Martin Luther hatte in Kurfürst Friedrich III. von Sachsen einen mächtigen Beschützer. Doch zwischen ihnen bestand kein persönlicher Kontakt. Als Mittelsmann diente Georg Spa­latin (1484−1545). Dem Ge­lehrten und Reformator ist im Residenzschloss Altenburgs die Son­derschau „Georg Spalatin − Steuermann der Reformation“ gewidmet. Sie umfasst rund 300 historische Dokumente und Objekte, darunter zwei Porträtgemälde, die Lu­cas Cranach der Ältere von Spalatin anfertigte.

Der im fränkischen Städtchen Spalt bei Nürnberg geboren Georg Burk­hardt nannte sich seit 1503 Spalatin. Ab 1510 erarbeitete er im Auftrag Friedrichs III., „der Weise“ genannt, die Chronik des kurfürstlich-sächsischen Hauses. Das Monumentalwerk blieb jedoch unvollendet. Gleichwohl ist das Hin­terlassene beeindruckend. Die drei ausgestellten Bän­de wurden 1515 und 1516 abgeschlossen. Mitarbeiter aus der Werkstatt Lucas Cranachs haben die Prachtwälzer mit 1800 Illustrationen ausgestattet.

Zum kurfürstlichen Geheimsekretär, Hofprediger und einflussreichen Rat in kirchlichen Angelegenheiten aufgestiegen, war Spalatin mit der „Luthersache“ betraut. Als „Mittelsmann“ zwischen Luther und Friedrich dem Weisen hat er den Verlauf der Reformation mit beeinflusst. Zwischen Spalatin und Luther entwickelte sich ein reger Briefverkehr. Aus dem geht hervor, dass Spalatin über alle Schritte Luthers informiert war und die kursächsische Diplomatie in der Angelegenheit des von Kirchenbann und Reichsacht bedrohten Reformators koordinierte.

Als am Abend vor Luthers Abreise vom Wormser Reichstag 1521 der Plan aufkam, ihn eine Zeit lang zu verbergen und auf der Wartburg dem Zugriff seiner Gegner zu entziehen, gehörte Spalatin zu den wenigen Eingeweihten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die beiden ausgestellten Briefe Luthers von 1522, in denen er Spalatin um die Beschaffung von Edelsteinen als Anschauungsmaterial für die Übersetzung der Offenbarung des Johannes und um Mitarbeit an der Bibelübertragung ins Deutsche bittet.

Nach dem Tod Friedrichs des Weisen 1525 wurde Spalatin evangelischer Oberpfarrer in Altenburg, heiratete und hatte mit Ehefrau Katharina zwei Töchter. Den sächsischen Kurfürsten Johann dem Beständigen und Johann Friedrich dem Großmütigen blieb er als Berater und Visitator eng verbunden. Als Mitglied der vierköpfigen Visitationskommission überprüfte er in den Landen der sächsischen Kurfürsten die Lehrbefähigung und sittliche Einstellung der evangelischen Pfarrer und traf Regelungen zur finanziellen Ausstattung der Pfarreien. Damit trug er entscheidend zur Schaffung der evangelischen Landeskirche bei.

In der St. Bartholo­mäikirche − Spalatins Wir­kungsstätte in Al­tenburg − ist eine Dauerausstellung neu eingerichtet worden. Sie informiert beispielhaft über die Geschichte der Reformation und Spalatins Lebensstationen. Beim Altar ist Spalatins Grabplatte in den Fliesenboden eingelassen. Seine Grabstelle aber wurde bereits nach 40 Jahren geräumt. Die Gebeine sind seitdem verschollen. Überliefert sind jedoch Spalatins selbstbewusste Worte: „Wenn ich nicht gewesen wäre, nimmer wäre es mit Luthero und seiner Lehr so weit gekommen.“ Veit-Mario Thiede

Die Sonderschau läuft bis 2. November im Residenzschloss Altenburg, Schloss 2−4, Dienstag bis Sonntag von 9.30 bis 17 Uhr. Tel.: (03447) 512712, www.spalatin-2014.de. Eintritt: 12,50 Euro. Der Katalog aus dem Mitteldeutschen Verlag kostet 29 Euro.


MELDUNGEN

Eine Brücke für zwei Lolitas

Berlin − Zum ersten Mal widmet das Berliner Brücke-Museum ei­ne spezielle Ausstellung den be­vorzugten jugendlichen Modellen der „Brücke“-Künstler. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger die Maler als ihre weiblichen „Objekte“: die Modelle Franziska Fehrmann und Marzella Sprentze. Es waren vor allem Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein, die die beiden Heranwachsenden in den Jahren 1909 bis 1911 immer wieder ins Bild setzten. Rund 45 Exponate aller Techniken zeigen die jungen Mädchen in den Künstler-Ateliers während der sommerlichen Aufenthalte an den Moritzburger Teichen als Körperstudie und im Porträt. Die Schau „Fränzi und Marzella − Wer sie waren und wie sie sind“ ist bis zum 20. Juli im Brücke-Museum, Bussardsteig 9, zu sehen. Info: www.bruecke-museum.de. tws

 

Schweriner Gefangenenchor

Schwerin − Als Höhepunkt der alljährlichen Schweriner Schlossfestspiele präsentiert das Meck­lenburgische Staatstheater vom 27. Juni bis 3. August die Verdi-Oper „Nabucco“. Karten für die Freiluftveranstaltungen vor der pittoresken Kulisse des Schweriner Schlosses sind telefonisch erhältlich unter (0385) 5300123, per Mail unter kasse@theater-schwerin.de oder mittels Online-Reservierung auf www.theater-schwerin.de/karten. tws


S. 10 Geschichte

Aus globaler Perspektive
Das Deutsche Historische Museum widmet dem Ersten Weltkrieg eine Ausstellung

Im Zeitalter der Globalisierung ist es mittlerweile modern geworden, auch historische Ereignisse und Prozesse unter dem Blickwinkel der Globalisierung zu betrachten. Das gilt nicht zuletzt für den Ersten Weltkrieg. Dem versucht die aktuelle Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin unter dem Titel „1914–1918. Der Erste Weltkrieg“ Rechnung zu tragen.

Jedesmal ist man erstaunt, wie sehr das DHM seine jeweiligen Wechselausstellungen auch aus eigenen Beständen bestücken kann. Das Museum, das ehemalige Zeughaus Unter den Linden, ist ohnehin vom Raum her eines der größten in Deutschland; aber die Archive und Depots müssen offenbar immens sein und geradezu überquellen von teilweise großartigen historischen Zeugnissen, die man leider oft nur auf Zeit sehen kann.

So auch jetzt wieder in der sorgfältig vorbereiteten, noch bis zum 30. November dauernden Ausstellung „1914–1918. Der Erste Weltkrieg“. Ob es wirklich, wie das DHM schreibt, die „deutschlandweit einzige Überblicksausstellung zum Kriegsgeschehen“ ist, sei dahingestellt, eindrucksvoll ist sie allemal. Sie wird im Untergeschoss des Pei-Baues gezeigt und beansprucht, nicht nur die europäische, sondern auch die globale Dimension des Weltkriegs zu zeigen unter besonderer Berücksichtigung der Eskalation der Gewalt während der Kriegsjahre. Sie wertet nicht, ob die ein oder andere Seite chauvinistisch gewesen oder Opfer feindlicher Mächte geworden ist, sondern macht mit Zeugnissen aus allen beteiligten Nationen, vorwiegend allerdings mit Dokumenten und Schaustücken aus Deutschland, darunter Uniformen, Fahnen und Waffen wie das Maschinengewehr 08, das Geschehen an den Fronten als auch im Hinterland deutlich.

Wie sehr es eine Eskalation der Gewalt war, die bei Kriegsbeginn niemand für möglich gehalten hatte, wird dem Betrachter an vielen Beispielen vor Augen geführt. Zogen fast überall die Soldaten im August 1914 noch jubelnd ins Feld in der Annahme, bis Weihnachten den Sieg erfochten zu haben und dann wieder zu Hause zu sein, folgte die Ernüchterung schon rasch: als die Front im Westen bald im Stellungskrieg erstarrte, als neue Waffensysteme, vor allem Maschinengewehre und zielgenaue Artillerie, den traditionellen Sturmangriff fast immer in einem Blutbad enden ließen, als Österreich-Ungarn schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn eine halbe Million Soldaten verloren hatte, als 1915 bei Ypern erstmals Gas eingesetzt wurde, als 1916 die blutige Schlacht um Verdun ebenfalls eine halbe Million Opfer forderte und als schließlich im Frühherbst 1918 die Oberste Heeresleitung gegen­über der Reichsregierung eingestand, dass der Krieg gegen die westliche Übermacht an Soldaten und Material nicht mehr zu gewinnen sei.

Die Ausstellung im DHM veranschaulicht den Kriegsverlauf an 14 entscheidenden Orten: Exemplarisch stehen etwa Petrograd (Sankt Petersburg), Ypern, Verdun, Brüssel, Gorlice und Tarnów sowie Berlin für unterschiedliche Dimensionen des Krieges: für die Modernisierung der Kriegstechnik mit ihren physischen und psychischen Folgen, für die weltumspannende Kriegswirtschaft und die globalen Kriegsschauplätze oder für das Leben an der sogenannten Heimatfront.

Dem Betrachter wird mittels Plakaten und Flugblättern deutlich, wie sehr neben der Eskalation der Gewalt auch der Hass auf den jeweiligen Kriegsgegner, geschürt durch eine maßlose Propaganda auf beiden Seiten, und die zunehmende Brutalität gegen die Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten kaum noch Grenzen kannten. Und es wuchs auch die Rück­sichtslosigkeit gegenüber der eigenen, zunehmend kriegsmüder werdenden Bevölkerung, die mit immer irrationaler klingenden Durchhalteparolen zum Durchhalten gezwungen wurde. Die schier endlosen Verlustlisten, die – zumindest in der ersten Zeit des Krieges – in den Straßen ausgehängt und von besorgten Menschentrauben studiert wurden – in der Ausstellung sind mehrere Exemplare zu sehen –, sprachen eine ganz andere Sprache.

Wem die Geschichte des Ersten Weltkrieges halbwegs vertraut ist, der mag vieles wiedererkennen. In einem Punkt vermag die Ausstellung gleichwohl besonders anzurühren. An mehreren der genannten Orte sind sogenannte Filmstationen angebracht, die zum jeweiligen Thema eine Sequenz von kurzen Filmaufnahmen zeigen, etwa von Schlachtfeldern und Schützengräben, wo Erde und Leichen in eins zerfließen oder in denen Tausende von Kriegsgefangenen in endlosen Kolonnen einem ungewissen Schicksal entgegengehen. Und man sieht Aufnahmen hunderter durch Gaseinwirkung erblindeter britischer Soldaten, die, sich gegenseitig lenkend, einem Lazarett zugeführt werden, ferner im endlosen Trommelfeuer wahnsinnig gewordene Männer, die unfähig zur Selbstkontrolle geworden sind, schließlich zerschossene oder zerfetzte Gesichter von gleichwohl noch Lebenden, die jedes Menschsein verloren zu haben scheinen.

Dass ein Krieg zwischen allen Mitgliedern des sogenannten Europäischen Konzerts der Großmächte zu einem solchen Ausmaß an Grausamkeit führen würde, ahnten wohl nur wenige, wenn auch die vor 100 Jahren, am 21 Juni 1914, gestorbene Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner vom nächsten Krieg als einem „Riesenjammerfall“, der Dichter Ivan Bloch von einem „Rendezvous des Todes“ und sein Kollege Wilhelm Lamszus von einem „Menschenschlachthaus“ sprachen. Die stattdessen vorherrschende allgemeine Hochstimmung drückte der Maler Fried­rich August von Kaulbach mit seinem berühmten Germania-Bild von 1914 aus. Mit dieser Darstellung einer gerüsteten, das Schwert entschlossen jedem Feind entgegenhaltenden Symbolfigur der Deutschen wird der Besucher ebenso konfrontiert wie mit der Rede Kaiser Wilhelms II. vom 1. August 1914, in der er das deutsche Volk angesichts einer „Welt von Feinden“ zu den Waffen ruft und das Motto ausgibt: „Vorwärts mit Gott“. Dirk Klose


Auf frischer Tat ertappt und trotzdem freigelassen
Deutschland schwächelte auch schon vor dem Ersten Weltkrieg bei der Verfolgung westlicher Wirtschaftsspionage

Spätestens seit dem NSA-Skandal ist Wirtschaftsspionage gegen Deutschland wieder ein Thema. Sie war es auch schon vor dem Ersten Weltkrieg. Vor 100 Jahren zeterte der Pariser „Matin“ über die Verhaftung von vier Franzosen im Reich wegen Spionageverdachts ziemlich hochfahrend: „Russland hat es aufgegeben, gegen die Brutalität der deutschen Polizei zu protestieren, und hat eines Tages beschlossen, für jede Verhaftung eines Russen mit der Verhaftung eines Deutschen zu antworten. Der Protest, den unsere Diplomatie erheben wird, dürfte weniger energisch ausfallen. Aber solche Vorgänge erinnern uns wieder einmal daran, daß zwischen Deutschland und Frankreich die Distanz einer Zivilisation liegt.“

Anlass des Pressegetöses in Paris war gewesen, dass der französischen Multimillionär Adolphe Clement-Bayard (1855–1928), der seine Millionen der Produktion von anfangs Fahrrädern, später Automobilen und schließlich auch Luftschiffen verdankte, am Vortage zusammen mit Ingenieuren seiner französischen Werke, die ihn begleitet hatten, in Köln-Bickendorf unter Spionageverdacht verhaftet worden war. Die vier wollten in eine dortige militärische Luftschiffhalle eindringen. Nun griffen Polizeibeamte zu, die das Quartett schon seit Tagen beschattet hatten.

Vier Tage vor ihrer Verhaftung waren die vier Franzosen in Deutschland eingereist und hatten ihren Aufenthalt im Reich intensiv genutzt, um die militärischen Luftschiffhallen in Frankfurt am Main, Potsdam, Hamburg-Fuhlsbüttel, Cuxhaven-Nordholz und schließlich auch in Köln ausgiebig zu besichtigen. Bei den Verhafteten fanden sich sogar selbstgemachte Zeichnungen von Luftschiffhallen. Doch weil das Zusammenspiel von Polizei, Justiz und Politik nicht funktionierte, entließ ein völlig argloser Kölner Amtsgerichtsrat namens Scherhag alle Verhafteten gleich am Folgetag, weil sie auf ihn so „einen guten Eindruck“ machten. Das Beweismaterial der Polizisten, welche die vier tagelang beschattet hatten, nahm er erst danach zur Kenntnis. Clement-

Bayard reiste wutschnaubend nach Frankreich zurück und beschwerte sich dort offiziell und an höchster Stelle über die nach seiner Meinung „unglaubliche Behandlung“ in Deutschland.

Der französische Ministerpräsident Gaston Doumergue nahm deshalb unverzüglich Verbindung zum deutschen Botschafter, Wilhelm Freiherr von Schoen, auf, um die Angelegenheit zu klären. Zwar beteuerte er gegenüber Schoen unter vier Augen, er wolle die Angelegenheit „mit vollkommener Ruhe“ behandeln, doch müsse er zugleich Rücksichten auf die „höchst angesehene und achtenswerte Persönlichkeit“ des Beschwerdeführers nehmen. Der Botschafter berichtete den Vorfall nach Berlin und zog sogleich in Paris intern Informationen über den Millionär Clement-Bayard ein.

Ein aus Köln stammender und in Paris lebender Industrieller gab gegenüber dem deutschen Diplomaten an, jener Millionär sei „mit allen Hunden gehetzt“ und gelte als ein Mann, der über Leichen ginge. Doch habe er zugleich beste Beziehungen zur Pariser Regenbogenpresse und zur französischen Politik. Immerhin sei sein Neffe der Sekretär von Aristide Briand, der in Vorkriegsfrankreich gleich mehrfach Minister und französischer Ministerpräsident war. Im Pariser Aero-Klub jedenfalls, wo Clement-Bayard nur wenig Freunde besitze, habe man über dessen deutsches Abenteuer sehr gelacht und „allseitig der Meinung Ausdruck gegeben, dass er durchaus nicht so unschuldig sei“. In Preußen ließ sich unterdessen der neue Innenminister Friedrich Wilhelm von Loebell einen ausführlichen Bericht über die Details der Affäre Clement-Bayard erstatten.

So erfuhr er unter anderem, dass Clement-Bayard in Potsdam zwei Tage vor seiner Verhaftung für die hohe Summe von jeweils 100 Mark pro Person mit seinen Begleitern einen Rundflug mit dem Luftschiff „Sachsen“ über Potsdam und Berlin unternommen hatte. Anschließend hatten sie sich in Cuxhaven bei den dortigen Luftschiffhallen derart verdächtig verhalten, dass ein Oberleutnant zur See namens Fischer die Polizei verständigt hatte und ab dem Zeitpunkt mehrere Beamte der Hamburger Politischen Polizei die vier Franzosen unauffällig beschatteten. Als die Franzosen dann in Köln gewaltsam in eine Luftschiffhalle eindringen wollten und frecherweise sogar den Wachposten vom Luftschifferbataillon Nr. 3 beiseite geschubst hatten, der sie bereits mehrfach verwarnt hatte und nun am Betreten der Halle hindern wollte, griffen die drei Hamburger Polizisten im Bunde mit zwei ihrer Kölner Kollegen zu. Einzig das mangelnde Zusammenspiel innerhalb der preußischen Justiz, insbesondere aber die Arglosigkeit von Kölner Amtspersonen hat dann eine gerichtliche Klärung des Vorfalles verhindert.

Man zog daraus in Preußen die Schlussfolgerung, dass sich innerhalb der Justizbehörden bei der Behandlung von Spionageverdächtigen manches zu verändern habe. Zumindest konnte man aber klären, dass Clement-Bayard keine militärische Spionage beabsichtigte. Er hatte kurz vorher einen großen französischen Regierungsauftrag zur Errichtung von Luftschiffhallen angenommen und wollte nun als hemdsärmeliger Geschäftsmann in Deutschland erkunden, wie man derartige Bauwerke am besten errichten könne. Wirtschaftsspionage würde man so etwas heute nennen. Damals, wenige Monate vor Kriegsausbruch, trugen Vorfälle wie die Affäre Clement-Bayard nicht zur Beruhigung des ohnehin stets angespannten deutsch-französischen Verhältnisses bei.

Jürgen W. Schmidt


Avantgarde im Kulturforum

Kulturell glich Europa vor dem Ersten Weltkrieg einem brodelnden Dampfkessel. Davon zeugt die Ausstellung „Avantgarde“ im Berliner Kulturforum, die an fast 700 Exponaten – Plakaten, Zeitschriften, Briefen und Buchkunst – die Aufbruchstimmung zwischen 1890 und 1914 deutlich macht. Es war die Zeit der vielen -ismen: Symbolismus, Neoimpressionismus, Futurismus, Dadaismus, die alle mit dem Anspruch auftraten, die Welt zu verändern. Die Künstler verbündeten sich oder attackierten einander, aber die Fronten verliefen zwischen einzelnen Kunstrichtungen, nie zwischen Nationalitäten. Die Ausstellung ist teilweise eine wahre Augenweide; großformatige Plakate berühmter Künstler rufen zu neuer Kunst auf oder werben für ganz alltägliche Dinge wie Schuhcreme und Waschmittel, besonders auffallend für neue Verkehrsmittel wie Automobil und Flugzeug. Subtile Zeugnisse der Buchkunst gibt es von Gustav Klimt und Henry van de Velde; berühmte Zeitschriften wie „Die Aktion“ von Franz Pfempert und „Der Sturm“ von Herwarth Walden dokumentieren avantgardistische Literatur und Grafik. Aus dem Walden-Archiv sind 40 Originalbriefe berühmter Mitarbeiter der Zeitschrift ausgestellt. ks


Weltkrieg im Prunksaal

Im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien wird noch bis Anfang November die Ausstellung „An meine Völker. Der Erste Weltkrieg 1914–1918“ gezeigt. Der Titel ist dem berühmten Aufruf von Kaiser Franz Josef I. entlehnt. Gezeigt werden der Kriegsverlauf, der Hurra-Patriotismus der Propaganda und der entbehrungsreiche Alltag der Menschen anhand einer imponierenden Fülle von Plakaten, literarischen Texten, Noten und Feldpostkarten. Durch alles schimmert der immer verzweifelter wirkende Aufruf der k. u. k. Führung durch, den auseinanderstrebenden Vielvölkerstaat zusammenzuhalten. „Österreich wird ewig stehn!“, propagiert ein Plakat mit Doppeladler und Siegeskranz. ks


S. 11 Preussen

»Ich habe stets nach der Wahrheit gestrebt«
Vor 150 Jahren wurde mit dem deutschen Nobelpreisträger Walther Nernst eine Ikone der physikalischen Chemie geboren

Walter Nernst war der 23. deutsche Nobelpreisträger und ein Pionier der physikalischen Chemie. Sein Geburtstag, der sich jetzt zum 150. Male jährt, gibt Anlass, der wechselvollen Laufbahn dieses preußischen Spitzenwissenschaftlers zu gedenken.

Bereits als Student machte der am 25. Juni 1864 im westpreußischen Briesen geborene Physiker und Chemiker Walther Nernst mit Albert von Ettingshausen (1850–1932), dem Assistenten seines akademischen Lehrers Ludwig Boltzmann, seine erste wissenschaftliche Entdeckung. Über diesen Ettingshausen-Nernst-Effekt promovierte er dann im darauffolgenden Jahr mit der Arbeit „Über die elektromotorischen Kräfte, welche durch den Magnetismus in von einem Wärmestrome durchflossenen Metallplatten geweckt werden“. Es folgte eine Bilderbuchkarriere, in deren Verlauf Nernst letztlich zur Ikone der physikalischen Chemie wurde, um es mit dem deutscher Physikochemiker Helmut Baumgärtel zu sagen.

Zunächst habilitierte er sich 1889 in Leipzig mit einer Arbeit über die Nernst-Gleichung, welche die Verbindung zwischen Elektrochemie und Thermodynamik herstellt, dann folgte der Wechsel nach Göttingen, wo das Nachwuchstalent unter anderem durch die Entwicklung einer Mikrowaage und die Formulierung des Nernstschen Verteilungsgesetzes von sich reden machte, was Rufe an andere, nichtpreußische Universitäten zur Folge hatte. Daraufhin wurde Nernst 1895 eiligst zum Ordentlichen Professor für physikalische Chemie und später auch noch zum Direktor des Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie an der Georg-August-Universität Göttingen ernannt.

Dort war der Chemiker bald stadtbekannt, weil er sich 1899 als erster Göttinger überhaupt ein Auto zulegte und damit seine Assistenten herumchauffierte, was für ein allgemeines Gaudium sorgte. Zudem erfand Nernst die nach ihm benannte Lampe, eine Vorläuferin der Glühbirne, mit der nicht zuletzt auch die Hörsäle der Alma mater in Göttingen beleuchtet wurden, was die Hochschüler zu folgendem Spottvers animierte: „Student im Scheine des Nernst-Lichts, es ist umsonst, Du lernst nichts.“

1905 erfolgte dann der Wechsel auf den prestigeträchtigen Lehrstuhl für physikalische Chemie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin; zugleich erhielt Nernst den Titel eines Geheimen Regierungsrates und wurde Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften. Der Legende nach soll er mitten in seiner Berliner Antrittsvorlesung den dritten und damit letzten Hauptsatz der Thermodynamik gefunden haben, der allgemeinverständlich ausgedrückt lautet: „Es ist unmöglich, ein System bis zum absoluten Temperatur-Nullpunkt abzukühlen.“ Für diese Entdeckung erhielt Nernst 1920 den Nobelpreis für Chemie.

In der Hauptstadt profilierte sich der gebürtige Westpreuße aber nicht nur als Forscher, sondern auch als Wissenschaftsmanager. Er gehörte zu den Mitbegründern der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften und saß ab Januar 1911 in deren Verwaltungsausschuss. Ebenso initiierte er noch im selben Jahr die erste große internationale Fachkonferenz zur „Theorie der Strahlung und Quanten“, an der auch Albert Einstein (1879–1955) teilnahm, der dann 1914 infolge des intensiven Bemühens von Nernst zur Preußischen Akademie der Wissenschaften stieß. Zum Entdecker der Relativitätstheorie pflegte der wegen seiner spitzen Zunge keineswegs bei jedermann beliebte Nernst ein ungewöhnlich achtungsvolles Verhältnis.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Walter Nernst zum Deutschen Freiwilligen Automobil-Corps, kam aber bereits im Oktober 1915 zur I. Armee, wo ihm die Aufsicht über die Erprobung von Granaten mit dem nichttödlichen Reizstoff Dianisidin sowie die Entwicklung neuer Gasgeschosse oblag. Aufgrund seiner Testreihen an vorderster Front erhielt er 1915 das Eiserne Kreuz I. Klasse und avancierte zum Leiter des Fachausschusses für Physik in der Kaiser-Wilhelm-Stiftung für kriegstechnische Wissenschaft.

Nach der deutschen Niederlage sorgten die Experimente mit den Gasgranaten dann allerdings dafür, dass Nernst als „Kriegsverbrecher“ gesucht wurde und in die Schweiz fliehen musste. Jedoch konnte er das Exil schon Ende 1919 verlassen, weil sein Name nicht mehr auf den aktualisierten Fahndungslisten der Interalliierten Militär-Kontrollkommission stand – möglicherweise eine Folge davon, dass der Chemiker, dessen beide Söhne in Frankreich gefallen waren, diverse Friedensgespräche via Belgien geführt hatte. Außerdem wurde seine stürmisch verlaufene Audienz bei Wilhelm II. von Ende 1916 bekannt, in deren Verlauf er vor der Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges gewarnt hatte und deswegen beim Kaiser in Ungnade gefallen war.

Jedenfalls stand Nernsts weiterer Karriere in der Weimarer Republik nichts mehr im Wege. Der spätere Nobelpreisträger kehrte auf seinen Lehrstuhl zurück und wurde zugleich auch noch Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität. Ebenso engagierte er sich bei der Gründung der Notgemeinschaft Deutsche Wissenschaft, dem Vorläufer der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Allerdings nahm der weiterhin von Unruhe getriebene Nernst dann schon 1922 den Posten des Direktors der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt an, bevor er 1924 erneut an die Berliner Universität wechselte, an der nun eine Professur für Experimentalphysik auf ihn wartete.

Die nachfolgenden Jahre waren nicht zuletzt dadurch geprägt, dass Nernst sich zum überzeugten Republikaner entwickelte und den bedrängten Einstein verteidigte, der immer öfter zur Zielscheibe antisemitischer Attacken wurde. Dabei exponierte er sich derart, dass ihn die Nationalsozialisten nach ihrer „Machtergreifung“ in den Ruhestand drängten. Diesen verbrachte Nernst auf dem Rittergut Ober-Zibelle bei Mus­kau in der Niederlausitz. Dort verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Pensionärs ab 1939 rapide, was unschwer mit dessen Lebensumständen erklärt werden kann. Es muss für einen Familienmenschen wie Nernst schier unerträglich gewesen sein, nun auch noch zwei seiner drei Töchter zu verlieren, denn diese hatten Juden geheiratet und nachfolgend den Weg in die Emigration angetreten.

Am 11. November 1941 starb der Nobelpreisträger auf dem Lausitzer Gut, nachdem er alle privaten Papiere vernichtet hatte, um niemanden zu kompromittieren. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Ich habe stets nach der Wahrheit gestrebt.“

Wolfgang Kaufmann


An der Schwelle von der Klassik zur Romantik
»Schlaf, Kindchen, schlaf« wurde ebenso von Johann Friedrich Reichardt komponiert wie »Bunt sind schon die Wälder«

Vor 200 Jahren starb der Komponist Johann Fried­rich Reichardt, dessen Werk den Übergang von der klassischen zur romantischen Phase in der deutschen Musik markiert. Damit endete das wechselvolle Leben eines ebenso verkannten wie vergessenen Genies.

Wunderkinder haben es im späteren Leben oft schwer, denn angeborene Talente können dazu führen, dass Ausdauer und Realitätssinn nicht in ausreichendem Maße ausgebildet werden. Ein typisches Beispiel hierfür ist Johann Friedrich Reichardt, der am 25. November 1752 in Königsberg das Licht der Welt erblickte. Bereits mit sieben Jahren glänzte er mit der Violine. Aber auch das Klavierspiel beherrschte er schon frühzeitig. Nach 1762 unternahm sein Vater mit ihm erste Konzertreisen im Baltikum. Zu der musikalischen Begabung kam ein scharfer Intellekt, der keinen Geringeren als Immanuel Kant (1724–1804) dazu bewog, Reichardt das Studium der Jurisprudenz und Philosophie nahezulegen, obwohl dieser die Schule nur höchst sporadisch zu besuchen pflegte. Dieses 1768 aufgenommene Studium war auch ganz im Sinne seiner pietistischen Mutter – nichtsdestotrotz brach der Unstete es schon drei Jahre später ab, um die erste seiner vielen Reisen anzutreten, in deren Verlauf er sich künstlerisch zu profilieren versuchte.

Wieder zurückgekehrt, erfuhr Reichardt, dass der sehr dem Bier zugetane preußische Hofkapellmeister Johann Friedrich Agricola (1720–1774) gestorben sei und König Friedrich der Große (1712–1786) nun einen Nachfolger suche. Deshalb übersandte er dem „Alten Fritz“ die Partitur seiner Oper „La feste galanti“ und erhielt daraufhin tatsächlich die Anstellung, die mit einem Gehalt von 1200 Talern verbunden war. Jedoch entbrannten bald Streitigkeiten zwischen dem jungen experimentierfreudigen Komponisten und dem Herrscher, der eher einen konservativen Musikgeschmack hatte. So reagierte Fried­rich auf Neuerungen Reichardts mit dem entsetzten Kommentar: „Da hat er einen ganz curiosen Feuerlärm gemacht!“ Schließlich boykottierte der König die Aufführungen, woraufhin auch das sonstige Publikum fernblieb, was dazu führte, dass nun Soldaten kompanieweise mit ihren Frauen in die Oper befohlen wurden – für Reichardt Anlass genug, 1783 erneut auf Reisen zu gehen.

Allerdings eilte er auf die Nachricht vom Tode Friedrichs umgehend nach Berlin zurück, wo er von Friedrich Wilhelm II. (1744–1797) den Auftrag erhielt, eine große Trauerkantate für das Leichenbegängnis zu schreiben. Dieses Werk gelang Reichardt ausnehmend gut, so dass ihn der neue König in seinem Amt bestätigte. Danach freilich wartete gleich neuer Ärger. Erst sorgten die Gegner des Königsbergers für die Anstellung eines zweiten Hofkapellmeisters, nämlich Felice Alessandri (1747–1798), dann setzte man ihm auch noch den Cellisten Jean-Pierre Duport (1741–1818) als Superintendenten vor die Nase. Die Folge waren wütende Rücktrittsgesuche, die der König entschieden ablehnte, aber nicht ohne dem kränkelnden Reichardt einen dreijährigen bezahlten Erholungsurlaub zu gewähren.

Der wiederum revanchierte sich mit diversen Ausfällen gegen die Monarchie, die nicht zuletzt seiner Sympathie für die Französische Revolution entsprangen, was Friedrich Wilhelm schließlich 1794 dazu bewog, Reichardt ohne Zuerkennung einer Pension zu entlassen. Daraufhin verlegte der Geschasste seinen Wohnsitz nach Giebichenstein bei Halle, wo er dann zwei Jahre später in prekärster wirtschaftlicher Lage die Nachricht erhielt, dass der König ihm auf dem Gnadenwege die Position eines Salzinspektors übertragen habe.

Nach dem Tode von Friedrich Wilhelm II. unternahm Reichardt einen neuen Anlauf in Berlin, doch Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) gab ihm nur die Gelegenheit, einige weitere Opern aufzuführen, ohne ihn nochmals zum Hofkapellmeister zu ernennen. Deshalb begab sich der Komponist 1803 wieder auf sein Gut in Giebichenstein, das nachfolgend zur „Herberge der Romantik“ avancierte, weil hier Persönlichkeiten wie Achim von Arnim (1781–1831), Clemens von Bren­tano (1778–1842) und Ludwig Tieck (1773–1853) ein und aus gingen.

Zugleich wurde aus dem Franzosenfreund nun ein Franzosenhasser und preußischer Patriot, was nicht zuletzt aus diversen negativen Erfahrungen mit der Pariser Musikszene resultierte – dazu kam die Plünderung seines Besitzes durch französische Truppen im Oktober 1806. Dennoch aber musste Reichardt 1808 auf ausdrücklichen Befehl Napoleon Bonapartes (1769–1821) nach Kassel gehen und dort dem Bruder des Kaisers, der nun König von Westphalen geworden war, als Kapellmeister dienen. Dieses Intermezzo bei „König Lustig“, wie die Kasseler Bürger ihren Napoleoniden nannten, dauerte allerdings nur wenige Monate, dann konnte der Komponist nach Giebichenstein zurückkehren. Dort starb er am 27. Juni 1814 an den Folgen eines Magenleidens.

Danach vergaßen ihn die Zeitgenossen bald. Dabei hat Reichardt ein umfangreiches musikalisches Werk hinterlassen, bestehend aus zwölf Opern, 50 weiteren Bühnenwerken, 50 Oratorien und Kantaten sowie 20 Sammlungen von Liedern, zu denen auch das unsterbliche „Schlaf, Kindchen, schlaf“ gehört. W.K.


S. 12 Leserforum

Leserforum

Zweckentfremdete Bundeswehr?

Zu: Wenn starke Männer weinen (Nr. 23)

Ihrem Kommentar zum Veteranentreffen mit Gefallenengedenken im Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin kann ich nur zustimmen. Es ist bezeichnend und beschämend für unsere mediale Welt, dass man das Ereignis keiner Erwähnung für würdig befand. In einem Land, wo mit dem Bundesverfassungsgericht das oberste Gericht befunden hat, dass Soldaten Mörder sind, ist das nicht weiter verwunderlich. Kein anderes Land geht mit seiner Armee und seinen Veteranen so achtlos um wie das unsere. Umso mehr finde ich es lobenswert, dass die PAZ sich dieses Themas angenommen hat.

Wenn man die Bundeswehr, nachdem ihre eigentlichen, vorrangigen Aufgaben in den Hintergrund getreten sind, zu einer internationalen Eingreiftruppe auf der Basis eines heute nicht mehr zweckmäßigen Militärbündnisses (Nato) umgeformt hat, braucht man sich doch nicht zu wundern, dass es ihr heute, nach Abschaffung der Wehrpflicht, an freiwilligem geeigneten Nachwuchs mangelt. Wer will denn für oft irrsinnige Einsätze in aller Herren Länder sein Leben beziehungsweise seine Knochen riskieren? Daran wird auch die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wenig ändern können. Solange sich an der Haltung und der Einstellung des Staates, seiner Politiker und nicht zuletzt der Bürger gegenüber der Bundeswehr grundlegend etwas ändert, wird sich die jetzige Situation wohl kaum verbessern.

Zum letzten Absatz des Artikels möchte ich die Frage stellen: Hat der Wähler bei Auftragserteilung, unsere Soldaten in einen Einsatz zu schicken, überhaupt ein Mitspracherecht? Die Abgeordneten des Bundestages stimmen in den meisten Fällen ohne Berücksichtigung der Meinung ihrer Wähler parteikonform ab, wenn es aus politischen Gründen wünschenswert ist. Daran können die Wähler beziehungsweise kann der einzelne Bürger dann auch nichts mehr ändern.

Theodor Preuss, Immenstaad

 

 

Hoffen auf EU-Insolvenz

Zu: Wo bleibt das Geld? (Nr. 22)

Die PAZ-Redakteurin Bellano schildert in ihrem Kommentar richtig die unglaublichen Missstände bei der Verteilung von Steuergeldern in Zeiten, in denen die Steuereinnahmen eine Rekordmarke nach der anderen knacken und schließt mit der zum Nachdenken aufrüttelnden Frage: „Verflixt, wohin fließt das ganze Geld?“

Nun, Antworten darauf gibt die PAZ schon seit Jahrzehnten, und die Spatzen pfeifen es auch schon so lange von den Dächern – und kaum jemand reagiert darauf: Das ganze Geld und zusätzliche Kreditaufnahmen jährlich in Höhe von einigen Milliarden Euro strömen in das große Fass ohne Boden für mögliche und unmögliche Wiedergutmachungen, für die Folgen der 68er und weiterer beglückender Politik. Sprich: Es fließt in den maßlosen Selbstbedienungsladen EU mit grenzenlosen Rettungsschirmen sowie Zuwanderungen, für Bankenabgaben zur Abwicklungen europäischer Krisenbanken, für Fehlplanungen der EU-Verwaltung und der Energiepolitik und so weiter. Die Ströme in unser Fass ohne Boden sind so vielfältig und maßlos, dass einiges davon übersehen oder vergessen wird. Das ist deutsche Realpolitik. Aber vielleicht rettet uns ja noch vorher die Insolvenz der EU.

Heinz-Dietrich Koske, Köln

 

 

Vorteil USA

Zu: Moskaus Ausweg aus der Isolation (Nr. 19) und Von vornherein fragwürdig (Nr. 19)

Obwohl die EU, gemeinsam mit den USA, wesentlich zur Eskalation in der Ukraine beigetragen hat, ist die derzeitige „Friedenspolitik“ eher als pure Willkür gegenüber Russland zu bezeichnen. Der Westen mit seiner arroganten Überheblichkeit kennt nur noch eines: Sanktionen. Und dies auch nur, weil die USA es so wollen und Kanzlerin Merkel eine willige Helferin ist.

Wenn die USA ein derzeit schlechtes Verhältnis zu Russland haben, muss Deutschland nicht jeden poltischen Unsinn unterstützen. Wann endlich nabelt sich Deutschland von den USA in politischen Entscheidungen ab und vertritt deutsche Interessen? Vor lauter Speichelleckerei wird jeder Irrsinn übernommen.

Die USA treiben wenig Handel mit Russland. Dem selbsternannten Weltpolizisten USA ist es egal, wenn Deutschland in wirtschaftlicher Hinsicht in Bedrängnis kommt. Wenn die Kanzlerin diese diskriminierende Politik gegen­über Russland weiter betreibt, dann kann diese Politik zum Bumerang werden.

Russland hat Ambitionen, neue Allianzen zu suchen. Diese könnten mit Staaten wie Iran, China, Indien und anderen asiatischen Ländern entstehen. Wenn derartige Bündnisse in wirtschaftlicher Hinsicht Realität werden sollten, ist es vorbei mit der noch blühenden Wirtschaft in Deutschland. Die Exporte nach Russland werden stagnieren oder ganz versiegen. Die Auswirkungen dieses Szenarios kann sich jeder vorstellen.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Ost-Ukraine sind von den USA geplant mit dem Ziel, Russland einzukreisen und die Nato zu installieren. Die Übergangsregierung in Kiew liebäugelt mit der EU sowie den USA und hat keinen Skrupel, auf die eigenen Landsleute in der Ost-Ukraine zu schießen. Mit dieser politischen Zielsetzung der westlichen Wertegemeinschaft konnte Präsident Putin nicht anders handeln.

In dieser Krise spielt Altkanzler Gerhard Schröder keine unwesentliche Rolle. In der Talk-Show „Münchner Runde“ waren die anwesenden „Experten“ über Schröders Umarmung mit Putin schockiert. Nun, Schröder hatte seinen 70. Geburtstag in St. Petersburg gefeiert und dazu Präsident Putin eingeladen. Die verlogene Mainstream-Presse in Deutschland war außer sich. Wie konnte er nur? Als Otto Normalverbraucher muss man sich fragen, wie krank man sein muss, um sich über so etwas aufregen zu können. Haben wir im eigenen Land nicht genügend ungelöste Probleme, welche der Aufarbeitung bedürfen? Am Ende hatte die ganze Aufregung sogar etwas Positives: Schröder setzte sich bei Putin dafür ein, dass die festgesetzten Militärbeobachter (Spione?) der EU in die Freiheit entlassen werden konnten. Es ist Fakt, dass die Medien in Deutschland und anderen EU-Staaten sich bei ihrer verlogenen Berichterstattung dem politischen Druck beugen.

Fazit: Die derzeitige Einkreisung Russlands liegt niemals in deutschem Interesse. Hier geht es nur um Geopolitik und wirtschaftliche Aspekte. Ein Zerwürfnis zwischen Moskau und Berlin dürfte den USA nicht ungelegen kommen. Wem dient das alles? Den USA.

Wolfgang Rohde, Sigmaringen

 

 

Ans Licht gebracht

Zu: Leichen im Keller? (Nr. 23)

Die einflussreichen Kräfte in Großbritannien werden schon wissen, warum selbst noch Akten aus dem 17. Jahrhundert bis heute unter Verschluss gehalten werden. Dass nun die Öffentlichkeit freien Zugang zu allen diesen Geheimnissen erhalten soll, kann man kaum glauben. Vor allem, wenn es dort zum Beispiel Beweise für die kriegstreibende Politik der Engländer bezüglich Ersten und Zweiten Weltkriegs gibt.

Wie man aus der bei n-tv ausgestrahlten Dokumentation zu den Hintergründen des Heß-Fluges entnehmen konnte, werden gerade solche Akten noch sorgsamer weggesperrt. Formulierungen wie „Akten von hoher Priorität sollen ... zur Freigabe vorbereitet werden“ lassen befürchten, dass hier noch einmal ganz genau hingeschaut werden soll, was man der Öffentlichkeit „zumuten“ kann.

K. Weiß, Berlin

 

 

Ein Vertragsbruch

Zu: Rom droht Brüssel (Nr. 23)

Das von zwölf EU-Mitgliedsstaaten unterzeichnete Dubliner Übereinkommen, das am 1. September 1997 in Kraft trat, ist ein völkerrechtlicher Vertrag über Bestimmungen des zuständigen Staates bezüglich der Prüfung eines EU-Mitgliedstaates von Asylanträgen. Jedem Ausländer, der auf dem Gebiet der Vertragsstaaten einen Asylantrag stellt, wird demnach die Durchführung eines Asylverfahrens gewährt. Dabei ist der Staat, in dem der Asylbewerber eingereist ist, dann auch für das Verfahren zuständig.

Gegenstand des Vertrags ist auch, dass Italien die südliche Grenze absichert. Nun droht Rom, die dafür vorgesehenen 100 Millionen Euro zu kürzen, wenn Brüssel nicht beim Ansturm der Afrika-Flüchtlinge hilft. Dass die Italiener mit der Senkung ihres EU-Beitrags obsiegen, ist jedoch ausgeschlossen.

Horst W. Loosen, Köln

 

 

Die Glorifizierung von 1870/71

Zu: „Koste es, was es wolle“ (Nr. 21)

Am 19. Juli 1870 erklärte Napoleon III. Preußen den Krieg. Seines Sieges gewiss, hoffte er, durch die Demütigung Preußens seine Position in Frankreich zu festigen, „Rache für Sadowa“ zu nehmen − die Niederlage Österreichs bei Königgrätz passte nicht in sein Kalkül − und nicht zuletzt die Schmach von 1815 wettzumachen. „Nach Berlin, nach Berlin!“ riefen die Pariser den durchmarschierenden Regimentern zu. Das blieb ein Wunschtraum, denn nach einem Anfangserfolg bei Saarbrücken erlitten die Franzosen eine Serie von Niederlagen: bei Weißenburg, bei Wörth (Reichshoffen), bei Spichern, dann bei Vionville, Mars-la-Tour, Gravelotte und Saint-Privat-la-Montagne.

Zu diesen Schlachten gehörte der Todesritt der Brigade des Adalbert von Bredow. Ferdinand Freiligrath dichtete in „Die Trompete von Gravelotte“: „Sie haben Tod und Verderben gespien: / Wir haben es nicht gelitten. / Zwei Kolonnen Fußvolk, zwei Batterien, / Wir haben sie niedergeritten. / … Doch ein Blutritt war es, ein Todesritt; / Wohl wichen sie unseren Hieben, / Doch von zwei Regimentern, was ritt und was stritt, / Unser zweiter Mann ist geblieben.“

Solche Verluste rührten von der seit den Befreiungskriegen enorm gewachsenen Feuerkraft. Das französische Chassepotgewehr, wie das Zündnadelgewehr ein Hinterlader, reichte 200 Meter weiter als dieses. Sodann verfügten die Franzosen über die „Mitrailleuse“, ein Kurbelgeschütz, das sein Ziel förmlich zerhackt. Schlachtentscheidend war allerdings die preußische Artillerie. Deren Hinterladergeschütze aus Gussstahl schossen schneller, weiter und genauer als die französischen Vorderlader aus Bronze.

Die PAZ enthält sich zu Recht der Kritik an der Devise „Koste es, was es wolle“. Denn erstens: Der Sieg bei Mars-la-Tour verhinderte den Rückzug der französischen Rheinarmee nach Verdun und zwang sie zur Schlacht bei Gravelotte. Erneut geschlagen, zog sich Bazaine in die Festung Metz zurück, wo er endgültig eingeschlossen wurde. Nun musste die „Armee de Chalons“ zum Entsatz der Eingeschlossenen eilen, wurde jedoch von den vereinigten Heeren der deutschen Staaten gestellt und am 2. September 1870 bei Sedan vernichtend geschlagen. Napoleon III. ging mit 100000 Mann in Gefangenschaft. Damit war auch das Schicksal der Armee in Metz besiegelt. Marschall Bazaine kapitulierte am 27. Oktober 1870 mit rund 160000 Mann.

Danach hatte Frankreich nur noch 100000 ausgebildete Soldaten, jedoch noch über zwei Millionen Wehrfähige, so dass die Dritte Republik den Krieg fortsetzte. Dadurch wurden aber die Belagerung von Paris, die Ausrufung des Deutschen Kaisers in Versailles, der Partisanenkrieg sowie das blutige Intermezzo der Kommune heraufbeschworen.

Zweitens: Der Tod auf dem Schlachtfeld galt zu jener Zeit bei allen europäischen Nationen als ein Dienst am Vaterland bar jeder Kritik. Victor Hugo glorifizierte im Roman „Die Elenden“ (1860) den Angriff der 3500 Reiter Napoleons I. bei Waterloo, wobei er übrigens mit Lob für die Truppen Wellingtons nicht geizte. Alfred Lord Tennyson besang noch 1891 in „The Charge of the Light Brigade“ den verlustreichen Angriff bei Balaklava im Krimkrieg: „Into the jaws of Death, / Into the mouth of Hell / Rode the six hundred“ (In den Rachen des Todes, in den Schlund der Hölle ritten die 600).

Selbst der sozialkritische Émile Zola rühmte im Roman „Der Zusammenbruch“ (1892) den Todesmut der Franzosen im Krieg von 1870/71, sah sogar das Sterben von Tausenden als Notwendigkeit für die Erneuerung Frankreichs an. Sein Buch ist von tiefem Deutschenhass durchtränkt, ganz im Gegensatz zu Augenzeugenberichten wie Francisque Sarceys „Die Belagerung von Paris“ oder des Grafen de Hérissons „Tagebuch eines Ordonnanz-Offiziers“, die selbstkritisch und fair erzählen. Die europäische Katastrophe bahnte sich an.

Adolf Frerk, Geldern

 

 

Es ist erschütternd

Zu: EU-Wahl: Was ist eigentlich links und was rechts? (Nr. 22)

Es ist wirklich erschütternd, was für ein Zerrbild uns heute angeboten wird. Es gab einmal eine Vision des französischen Generals und Staatspräsidenten Charles de Gaulle von einem Europa der Vaterländer, die ihre kulturelle Identität bewahrten, ein Europa des Zusammenschlusses freier Individuen, die sich aus Einsicht finden, die sich gegenseitig respektieren.

Heute wird uns stattdessen eine vom Zentralismus geprägte EU als alternativlos für Europa präsentiert – und wer dem nicht Beifall zollt, wird als „Nazi“ oder „AntiEuropäer“ diffamiert. Es ist erschütternd!

Martin Knappke, Karlsruhe

 

 

Nichts ist vollkommen

Zu: PAZ Nr. 21

Jede Woche ist es eine Freude, die PAZ zu erhalten, wo dann dem Einheitsbrei der Leitmedien der tatsächliche Sachverhalt entgegengesetzt wird. Auch die Leserzuschriften heben sich wohltuend von „Political Correctness“ ab. Eigentlich müssten jede Woche nur positive Zuschriften erfolgen, aber dann dürfte die Zeit der Re­daktion nicht ausreichen, sie zu lesen, viel weniger sie zu verarbeiten. Das schließt nicht aus – nichts ist vollkommen –, dass an einigen Ausdrücken Anstoß genommen wird, die anderswo üblich, jedoch nicht in der PAZ zu lesen sein sollten, so wie mehrfach in der Ausgabe vom 24. Mai.

„Richtig ist, dass wir alle uns gegen rechtes Gedankengut wehren sollten.“ Ja, weshalb denn, was ist gegen rechtes Gedankengut einzuwenden? Die Vor-Merkel-CDU war einmal rechts und hat rechtes Gedankengut vertreten, was ja nun wirklich nicht ehrenrührig ist. Rechts ist nicht rechtsextrem. Eva Herman in der PAZ vom 31. Mai: „Wer seine kulturelle Identität wahren will, ist rechts? Ja, warum denn eigentlich nicht?“

Weiter heißt es zweimal in dieser Ausgabe „Nazi-Deutschland“. Der Ausdruck wurde aus dem linken Spektrum übernommenen und ist dabei, in den allgemeinen Sprachgebrauch überzugehen, sollte aber von der PAZ nicht übernommen werden. Er war früher nicht gebräuchlich, wenn vom „nationalsozialistischen Deutschland“ gesprochen wurde. Bei Posen wurde unnötig der polnische Name hinzugefügt. Nicht einmal aus linken Publikationen würde man dies zum Beispiel bei Warschau oder Krakau vernehmen.

Und letztendlich: Posen war zu keiner Zeit westpreußisch, sondern die Hauptstadt der ehemaligen preußischen Provinz Posen. Natürlich ist dies der PAZ bekannt, aber es hätte beim Korrekturlesen auffallen müssen. Das sind zwar alles nur Kleinigkeiten, aber sie könnten den Inhalt der ansonsten so lesenswerten Artikel schmälern.

Nichtsdestotrotz wünsche ich, dass uns auch weiterhin die Preußische Allgemeine Zeitung in dieser hervorragenden Qualität noch recht lange erhalten bleibt.

Manfred Weinhold, Hamburg

 

 

Halbherzig gedacht

Zu: Vorbildlicher Umgang mit Geschichte (Nr. 23)

Der vollständige Text der am Beinhaus in Lötzen angebrachten Gedenktafel war bereits in der PAZ vom 10. Mai zu lesen gewesen und zwar in einer Information über die Einweihung des Ossuariums veröffentlicht unter „Heimatarbeit Lötzen“.

Vorbildlicher Umgang mit Gebeinen – ja! Vorbildlicher Umgang mit Geschichte – nein! Das Wort „deutsch“ wird in der Inschrift nicht ein einziges Mal verwendet, geschweige denn, dass der gesamte Text in polnischer und deutscher Sprache zu lesen wäre. Das ist Halbherzigkeit im Umgang mit Geschichte, und die schmerzt.

Ute Eichler, Hamburg


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Neues Erholungsgebiet in Königsberg
Die Zwillingsteiche und ihre Umgebung wurden in neuem Glanz der Öffentlichkeit übergeben

In diesem Jahr hat sich in Ostpreußens Hauptstadt einiges zum Positiven verändert. Statt weiterer Einkaufszentren haben die Bewohner Königsbergs vor Kurzem einen neu gestalteten Erholungsbereich erhalten: Die Zwillingsteiche und das sie umgebende Gelände wurden wieder zur Nutzung frei gegeben.

Das Gewässer befindet sich zwischen Leostraße, Hammerweg und Kastanienallee. Ihren Namen erhielten die beiden Teiche wegen ihrer Form. Sie sind durch ein schmales Stück Land fast zweigeteilt. Die Länge des westlichen Teichs beträgt 200 Meter und er ist zwischen 20 und 80 Meter breit, der östliche Teil ist etwa 160 Meter lang und 80 breit. Die beiden Teiche sind durch drei Durchbrüche verbunden, über die Stege führen.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen Königsbergs der Villenvorort Amalienau entstand, wurden die Teiche künstlich angelegt, um den Überschwemmungen der angrenzenden Gebiete entgegenzuwirken. Die Zwillingsteiche wurden zum beliebten Ziel für die Bewohner der nahegelegenen Straßen. Sie galten als Verschönerung des gepflegten Stadtteils.

Die Sowjets gaben den Teichen 1949 den Namen „Poplawok“. Die Anwohner nennen sie auch „Brotteich“. Diese Bezeichnung entstand neben der offiziellen, weil sich in der Nähe lange Zeit ein Bäckerladen befand.

Das Gelände um die Teiche war im Laufe der Jahre ziemlich verwildert, obwohl dieser Stadtteil ein attraktiver Wohnbezirk ist. Wie schon damals, so gilt Amalienau auch heute noch als einer der beliebtesten Stadtteile Königsbergs. Um die Teiche gibt es viele Privathäuser und Villen. Auch das polnische Generalkonsulat befindet sich hier.

2008 war es dann soweit. Die Stadtverwaltung schrieb die Neugestaltung der Zwillingteiche aus. Es sollte ein Konzept für die Nutzung als Erholungsgebiet am See vorgelegt werden. Aber bis zum Beginn der Bauarbeiten im Frühling 2013 vergingen weitere fünf Jahre.

Wie es schon fast zur Tradition geworden ist, zeigten sich schon vor der Fertigstellung die ersten Baumängel. Die neu verlegten Platten begannen sich zu heben, neben den Brücken rutschte der Boden ab. Die Behörden verlangten die Beseitigung der Mängel. Wie erfolgreich die Reklamationen behoben wurden, wird die Zeit zeigen.

Für die Rekonstruktion des Teichs wurden 112 Millionen Rubel (fast zweieinhalb Millionen Euro) ausgegeben. Ein Großteil des Geldes kam aus dem Staatshaushalt.

Die Arbeiten auf dem umliegenden Gelände dauerten ein Jahr. In dieser Zeit wurde der See gesäubert, die hydrotechnischen Bauten wurden überholt. Während der Reinigung der Teichböden wurden die Zulaufrohre, durch welche die Hauseigentümer ihr Abwasser direkt in den See geleitet hatten, verschlossen. Um den See wurde ein typischer Uferweg mit Marmorbrüstungen und Metallgeländern angelegt, Bänke wurden aufgestellt und die drei Fußgängerbrücken repariert, eine vierte wurde gebaut, Anlegestellen wurden auf dem Wasser eingerichtet.

Doch es gibt auch einen Wermutstropfen: Hatte man früher einen freien Blick vom Hammerweg aus auf die Zwillingsteiche, so ist die Sicht nun von hohen Bürohäusern versperrt, die am Ufer gebaut wurden.

Zwar gibt es keine Radwege an den Zwillingsteichen, aber das Radfahren auf den Wegen ist nicht verboten. In Zukunft sollen eine Bootsstation eröffnet und Bäume gepflanzt werden. Zurzeit sieht das Gelände um den See noch recht kahl aus, was daran liegt, dass für die Bauarbeiten einige Pflanzen entfernt werden mussten. Desweiteren sollen Fische in den Teichen ausgesetzt werden, vornehmlich Karpfen.

Jurij Tschernyschew

Zwillingsteiche wieder Erholungsort


Römische Münzen im Bezirk Cranz
Bedeutendster Fund dieser Art im nördlichen Ostpreußen seit über 100 Jahren

Beim Pflügen sind Traktoristen im Bezirk Cranz auf einen altertümlichen Münzschatz gestoßen. Der Fund wurde unverzüglich an die Spezialisten des Gebietsmuseums für Geschichte und Kunst zur Untersuchung übergeben. Die Wissenschaftler bestätigten die erste Vermutung, dass es sich um römische Münzen handelt. Laut dem Museum handelt es sich um den ersten derartigen Fund im nördlichen Ostpreußen seit über 100 Jahren. Der letzte größere Fund römischer Münzen sei vor dem Ersten Weltkrieg erfolgt.

Die Archäologen zeigten sich hoch erfreut über den bedeutenden Fund, da er einen unbestreitbaren Wert für die historische Wissenschaft habe und es erlaube, bislang unbekannte Seiten des Alltags und Lebens im Samland in der fernen Vergangenheit zu beleuchten.

Der aktuell gefundene Schatz besteht aus 190 Münzen. Unter ihnen befinden sich Bronzesesterzen mit den Porträts von Kaisern der Antoninischen Dynastie. Die ältesten Münzen datieren auf die Regentschaft von Trajan (98–117 n. Chr.), unter dem das Römische Reich seine größte territoriale Ausdehnung erreichte. Die meisten der Münzen wurden jedoch in der Herrschaftszeit von Mark Aurel (161–180 n. Chr.) geprägt. Seine Regierungszeit gilt in der alten historischen Tradition als das goldene Zeitalter für die Entwicklung der Künste. Auf einigen Münzen sind charakteristische Szenen dargestellt, die den Sieg der Römer über die Stämme der Germanen und Sarmaten (iranische Reitervölker) sowie Motive aus dem Leben der römischen Kaiser zeigen.

Wie die römischen Münzen nach Ostpreußen gelangt sind, ist unbekannt. Wahrscheinlich wurden sie von ziehenden Händlern Ende des zweiten, Anfang des dritten Jahrhunderts dort versteckt. Römische Sesterzen waren zu dieser Zeit weit verbreitet und möglicherweise haben die Händler sie gegen Bernstein getauscht. Eine andere Hypothese geht davon aus, dass die Münzen Gaben an die lokalen Götter gewesen seien. Der Wert des geborgenen Schatzes betrug zur Römerzeit etwa ein Drittel des Jahresgehalts eines römischen Legionärs.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Erde in der Nähe des geborgenen Schatzes noch weitere Überraschungen dieser Art birgt. Die nun gefundenen Münzen sollen erst einmal großenteils von Belägen gereinigt und restauriert werden. Danach sollen die Münzen in einer großen Ausstellung im Museum für Geschichte und Kunst der Öffentlichkeit präsentiert werden. J.T.


MELDUNGEN

Bessere Anbindung

Schiemanen – Durch einen Umbau der Gleise auf der Strecke Ortelsburg–Schiemanen soll es künftig möglich sein, mit dem Zug von Allenstein zum Flughafen in Schiemanen in einer Dreiviertelstunde zu gelangen. Auf dem Flughafen entsteht ein Bahnsteig und in Ortelsburg ein lokales Zug-Steuerungs-Zentrum. Das erlaubt eine bessere Führung des Verkehrs nach Schiemanen und Johannisburg. Geplant ist auch der Umbau der Gleise in Richtung Masuren. Dadurch soll sich die Reisezeit vom Flughafen in Schiemanen nach Johannisburg und Lyck verkürzen. Das Projekt hat ein Volumen von mehr als 72 Millionen Zloty (fast 18 Millionen Euro). Der größte Teil wird von der Europäischen Union finanziert. PAZ

 

Flugplatz bei Ebenfelde

Lyck – Im Rahmen des Projektes „Abflug im östlichen Polen“ ist der Bau von Flugplätzen in Kulm Krosno (Krossen) und Lyck geplant. Für den Lycker Flugplatz ist ein Feld bei Ebenfelde vorgesehen, das schon früher zu diesem Zwecke genutzt worden ist. Für den Anfang ist eine Gras-Startbahn von 900 Metern Länge und 90 Metern Breite vorgesehen. Ende Juli/Anfang August soll die Planungsphase beendet sein und die Umsetzung beginnen können.

PAZ

 

Förster zu Besuch

Orttelsburg – 41 Förster aus Sachsen-Anhalt haben Kollegen in Ostpreußen besucht und dabei unter anderem die Oberförsterei Puppen und den Spirdingsee kennen gelernt. PAZ

 

Störungen des Verkehrs

Allenstein – Straße Nr. 7: Zalusken [Załuski] – Kandien [Kanigowo], Baustelle. Straße Nr. 15: Rakowitz [Rakowice] im Kreis Neumark, Baustelle. Straße Nr. 16: Bergfriede [Samborowo], Baustelle; Osterode [Ostróda], Baustelle; Kossewen [Kosewo] – Braunsberg [Braniewo], Baustelle; Eichendorf [Dabrówka] – Arys [Orzysz], Baustelle. Straße Nr. 16c: Bischofsburg [Biskupiec] – Groß Borken [Borki Wielkie], Straßenbau. Straße Nr. 22: Fischau [Fiszewo], Baustelle. Straße Nr. 51: Lauterhagen [Samolubie], Baustelle. Straße Nr. 58: Sellwen [Selwa] – Kurken [Kurki], Brückenbau, einspurig. Straße Nr. 63: Lötzen [Gizycko] – Ruhden [Ruda], Baustelle; Johannisburg [Pisz] – Wincenta, Baustelle. Straße Nr. 65: Goldap [Gołdap] – Reimannswalde [Kowale Oleckie], Straßenumbau; Seedranken [Sedranki] – Kuckow [Kukowo], Baustelle. PAZ


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

unser erster Suchwunsch schließt sich nahtlos dem Thema an, unter dem unsere letzte Folge stand, denn auch er betrifft das für uns Vertriebene so wichtige Gebiet der Familienforschung. Weil Herr Herbert Gilberg, Diplom-Kaufmann aus Gütersloh, bisher kaum Erfolge bei der Erforschung seiner Ahnen erreicht hat, wendet er sich an unsere Ostpreußische Familie, die ja für eine Hoffnung immer gut ist und sie oft erfüllt. Das wünschen wir auch Herrn Gilberg für seine Suche nach Verwandten aus der ostpreußischen Linie, für die er uns sehr präzise Unterlagen vorgibt. Die sind auch wichtig, denn sie führen bis in das 19. Jahrhundert zurück, als sein Großvater Fried­rich Heike in das Rheinland ging. Herr Gilberg schreibt:

„Mein Großvater Friedrich Heike wurde am 7. August 1861 in Grilskehmen (später Grilsen), Kreis Goldap geboren und heiratete am 14. April 1899 in Düsseldorf Emma Beran. Zu diesem Zeitpunkt wohnten sein Vater Friedrich Heike und Ehefrau Katharina geborene Franz, in Sketschen (Skötschen), Kreis Goldap. Der Tod seines Vaters ist für 1910 in den Kirchenbüchern verzeichnet. Mein Großvater hatte noch vier Geschwister: Wilhelmine, *1864, Lina, *1866, Karl, *1862 und Auguste, *1868. Über diese Verwandten ist mir nichts bekannt, lediglich dass die Schwester Auguste ebenfalls in Düsseldorf wohnte und dort wahrscheinlich unverheiratet verstorben ist. Diese Angaben beruhen auf mündlicher Überlieferung. Eine in der PAZ am 12. April 2008 veröffentlichte Suchanzeige hatte bisher keinen Erfolg.“ Bei einer anderen Schwester seines Großvaters ist Herr Gilberg schon etwas weiter gekommen. Denn zwischenzeitlich hatte er von Herrn Hans Wieberneit aus Liegetrocken und von der Kreisgemeinschaft Goldap die Information erhalten, dass Lina Heike mit ihrem Ehemann Wilhelm Renkewitz in Liegetrocken gelebt habe. Weitere Informationen konnte Herr Gilberg dem Buch „Liegetrocken“ von Heike Zander entnehmen, dass Herr Gilbert als hervorragend bezeichnet. Danach war ein Sohn des Ehepaares, Erich Renkewitz, 1944 in Russland gefallen. Infolgedessen wurde der sieben Hektar große Hof von Erich Neumann und Helene geborene Renkewitz bewirtschaftet.

Die Fragen von Herbert Gilberg beziehen sich nun in erster Linie auf die Familien Renkewitz und Neumann. Leben noch Nachfahren oder andere Verwandte, die über die Geschwister von Herrn Gilbergs Großvater etwas aussagen können? Was wurde aus Wilhelmine und Karl Heike? Ist ehemaligen Bewohnern der genannten Orte noch der Familienname „Heike“ bekannt? Herr Gilberg würde sich sehr freuen, wenn er in der Erforschung seiner ostpreußischen Linie endlich weiter käme. (Dipl.Kfm. Herbert Gilbert, Silberweg 3 in 33334 Gütersloh, Telefon 05241 / 68131.)

Bei Frau Martina Wennrich aus Maitenbeth handelt es sich nur um einen Familienangehörigen, dessen Schicksal sie und ihre Angehörigen nicht zur Ruhe kommen lässt, nämlich um ihren Urgroßvater Herrmann Otto Wennrich. Es ist anzunehmen, dass er im sterbenden Königsberg verblieb, da er in den letzten Jahren schon schwer erkrankt war und eigentlich in den Westen wollte, denn Ostpreußen war nicht seine Heimat. Herrmann Wennrich, *1870 in Dresden, war „Pferdetrainer“, wie seine Enkelin schreibt, und war wohl aus Berufsgründen in den 20er Jahren von München, der Heimat seiner ersten Frau, nach Königsberg gegangen. Er muss wohl bei der Rennbahn Carolinenhof beschäftigt gewesen sein, denn dort soll er um das Jahr 1927 herum gewohnt haben. Aber auch andere Wohnadressen werden genannt: Fleischbänkenstraße 15, Vorderrossgarten 11 und Sack­heim 79. Sein letzter bekannter Wohnsitz war Sackheim 81. Hier wohnte er mit seiner zweiten Frau Anna, die dort eine Leihbücherei besaß. Mehr Wissen gibt es nicht über seine letzten Lebensjahre. Somit ist es auch unbekannt, ob Hermann Wennrich überhaupt die Bombennächte und die russische Okkupation überlebt hat, ob er in Königsberg verblieb oder ob er mit seiner Frau Anna die Flucht gewagt hat – es gibt nicht die geringsten Anhaltspunkte für sein Schicksal. Deshalb stellt seine Urenkelin die Frage, ob jemand aus seinem Tätigkeits- oder Bekanntenkreis Hermann Wennrich gekannt hat, oder sich ehemalige Nachbarn an das Ehepaar vom Sackheim 81 erinnern. Wenn Frau Anna Inhaberin oder Pächterin einer Leihbücherei war, müsste sie einen festen Kundenstamm gehabt haben. Es wird schwierig sein, nach so langer Zeit und bei den wenigen Anknüpfungspunkten irgendeine positive Resonanz zu erhalten – aber wir lassen ja nichts unversucht! Die Urenkelin würde sich über jeden Hinweis freuen. (Martina Wennrich, Oed 6 in 83558 Maitenbeth.)

Lassen wir es für heute mit diesen beiden Suchfragen bewenden und schauen einmal nach, ob es Reaktionen auf unsere letzten Folgen gegeben hat. Da hatte uns Herr Paul Salewski aus Erfurt eine alte Ansichtskarte übersandt, die ein Stadtpanorama zeigte, das niemand einordnen konnte. Es sollte eine ostpreußische Kleinstadt sein – aber welche? Wir veröffentlichten das Luftbild der unbekannten Stadt in Folge 22 und hofften, dass sich bei ihm doch einige Landsleute melden würden. Da hatten wir uns geirrt, denn bei Herrn Salewski herrschte Funkstille. Aber nicht bei uns, denn auf einige besonders eifrige Leser ist eben Verlass, und zu denen gehört Herr Peter Perrey aus Neustadt. Er meldete sich postwendend und teilte uns mit, dass es sich um eine Aufnahme von Bischofsstein, Kreis Rößel, handeln müsse. Und er führte einige Beweise an, die jeden Zweifel beiseite räumen. „Das große Gebäude mit dem dunklen Dach ist das auf dem Markt stehende Rathaus, der helle Fleck rechts in der Mitte ist der Neue Markt. Bei der breiteren bis zum Markt schräg verlaufenden Straße handelt es sich um die Rößeler Straße, von ihr geht rechts die Luisenstraße ab. In der rechten unteren Bildecke befindet sich die Löwenbrauerei. Die sich gabelnde Straße oben links ist die Gartenstraße, weiter rechts sieht man die Baumgruppe von Wichmanns Garten.“ Eine präzisere Auskunft hätte Herr Salewski nicht erwarten können. Und deshalb geht ein herzlicher Dankesgruß nach Neustadt!

Für unseren Landsmann Knut Walter Perkuhn wird unsere Familienseite anscheinend zur unerschöpflichen Quelle der Erinnerungen an die ostpreußische Heimat und vor allem an das Familiengut Lisettenfeld, denn schon wieder ist es unerwartet in sein Blickfeld geraten. Durch einen Namen, der unsere Folge 23 weitergehend bestimmte, weil an ihn die entdeckten Miegel- und Wiechertbriefe gerichtet waren: Arno Hundertmark. Zwar war es nicht der Studienrat aus Königsberg, an den sich Herr Perkuhn erinnerte, sondern sein Hauslehrer mit dem gleichen Namen, der ihn und seinen Bruder auf dem großelterlichen Gut, auf dem die Brüder aufwuchsen, im Kriegsjahr 1943 unterrichtete. Da dieser Hundertmark wie der Studienrat ebenfalls aus Gumbinnen stammte, muss es sich um eine Lehrerfamilie handeln – wie die beiden Hundertmarks verwandt waren, lässt sich wohl nicht mehr klären, spielt in unserer Geschichte auch keine Rolle. Denn eine Geschichte ist es wieder, die Herr Perkuhn zu erzählen hat, und er tut es mit inniger Freude, weil sie auch die Jungenstreiche enthält, die den gestrengen Herrn Lehrer zur Zielscheibe hatte, und die waren nicht von Pappe. Sie stehen den berühmten Missetaten der „Heiden von Kummerow“ in nichts nach und seien deshalb hier verschwiegen. Trotzdem muss das Verhältnis ein fast familiäres gewesen sein, denn Herr Hundertmark schrieb Anfang Januar 1945 einen Brief an Knut, den er an die Lisettenfelder Adresse richtete. Der Brief aus der kaschubischen Schweiz, wo Hundertmark an der Schule Tockar unterrichtete, erreichte tatsächlich noch die Großmutter, bevor sie auf die Flucht ging. Sie steckte den Brief in ihre Handtasche, und dort verblieb er den ganzen Fluchtweg über bis in die Nähe von Hannover, wo die Großmutter Ende 1945 verstarb. Der Brief blieb zusammen mit anderen Schriftstücken im Besitz der Familie ohne Wissen des Adressaten Knut. Der bekam ihn erst 1995 in die Hände, als er ihn bei einem Besuch bei seinem Vetter von diesem mit der Erklärung: „Ich habe noch Post für dich!“ überreicht bekam. Nach einem halben Jahrhundert hatte der Brief nach irrwitzigen Fluchtwegen seinen Empfänger erreicht.

Und nun, nach wiederum fast zwei Jahrzehnten, hat Herr Perkuhn ihn wieder hervorgeholt, weil er den Anstoß durch unsere Kolumne erhielt. So lesbar, als hätte ihn der Lehrer Hundertmark erst gestern geschrieben. Er berichtet von seinem Tätigkeit in einer kaschubischen Dorfschule mit 40 Kindern, die seit Kriegsbeginn keinen Unterricht mehr gehabt hatten. Seine Fragen, die er an seinen ehemaligen Zögling stellt – „Wie geht’s in der Schule? Was habt Ihr für Zeugnisse?“ – mögen uns heute kaum verständlich erscheinen angesichts des bitteren Endes, das bereits begonnen hatte. Aber eine Zeile wird seinen Schüler von einst doch sehr berühren, denn da schreibt Herr Hundertmark „Da ich Eure Anschrift nicht weiß, schicke ich den Brief an Dein geliebtes Omichen, der ich mich besonders gerne empfehle!“ Solche Worte machen den Enkel noch nach Jahr und Tag glücklich.

Immer freue ich mich, wenn sich jemand von der Familie Hinz aus Berlin meldet, denn da gibt es wieder etwas zu erfahren, dass Ostpreußen lebendig erhält. Diesmal ist es wieder Margund Hinz, über deren wissenschaftliche Arbeit wir berichtet haben, als im Jahr 2008 ihr Buch „Die Geschichte des Sprachheilwesens in Ostpreußen“ herauskam. Es handelt sich nicht nur um eine Dokumentation über die bedeutenden Sprachheilärzte und Lehrer seit den frühesten Anfängen im 19. Jahrhundert, denn Margund Hinz gibt auch einen Überblick über das fortschrittliche Schulwesen und die umsichtige Bildungspolitik in Ostpreußen bis 1945. Nun hat sie zu diesem Buch ein Regi­ster der Personen, Orte und Schulen zum Sprachheilwesen in Ostpreußen erstellt, das interessierten Wissenschaftlern, Studenten und Pädagogen einen schnellen Zugang zu dem Werk ermöglichen soll. Auch für Familienforscher dürfte es eine gute Informationsquelle sein, denn das Regi­ster enthält Hunderte von Namen, extra ausgewiesen werden Lehrer, Ärzte und Geistliche. Es wird ergänzt durch eine Ortsübersicht – von Allenstein bis Wormditt – und eine Liste der betreffenden Schulen sowie Heil- und Lehranstalten. (BoD, Books on Demand, Norderstedt, ISBN 978-3-7367-2461-8.) Augenblicklich arbeitet Margund Hinz an ihrer Dissertation über das Höhere Schulwesen des 19. Jahrhunderts in Königsberg. Zu diesem Thema sucht sie in alle Richtungen nach Quellen, auch private Dokumente wie Schulzeugnisse sind für sie wichtig. Wir geben diesen Hinweis gerne an unsere Ostpreußische Familie weiter. (Margund Hinz, Salzbrunner Straße 32A in 14193 Berlin.)

Bis in das 19. Jahrhundert geht auch die Gründung einer Schule zurück, die für uns heute noch gegenwärtig ist, wenn wir das Standardwerk der ostpreußischen Küche, „Doennigs Kochbuch“, zur Hand nehmen. Denn im Jahr 1891 gründeten die Schwestern Margarete und Elisabeth Doennig in Königberg eine Kochschule, die bald weit über Ostpreußen bekannt wurde, weil die Schwestern die mit ihren Schülerinnen erarbeiteten Kochkünste in dem Kochbuch zusammenfassten. Mit der steigenden Zahl von Schülerinnen wuchs auch die der Auflage des „Doennig’schen“, das in keinem ostpreußischen Haushalt fehlen durfte. Ende der 20er Jahre entstand die Aufnahme, die uns Frau Christa Wedrich aus Bremen zusandte. Es zeigt ihre Mutter – damals Martha Breitenbach – inmitten von 40 Mitschülerinnen mit weißen Schürzen und Kopftüchern, denn äußerste Sauberkeit war Vorschrift. Vielen Dank, liebe Frau Wedrich, für die Übersendung des Fotos, das bei mancher Leserin Erinnerungen erwecken wird.

Eure Ruth Geede


Der Weg ins Ungewisse – und zurück
Gisela Brauer verbindet in ihrem neuen Buch Vergangenheit und Gegenwart

Es gibt viele Fluchtberichte, und sie werden immer mehr, denn gerade die Vertriebenen, die damals im Kindesalter aus der Geborgenheit der Heimat gerissen wurden, kommen erst heute zum Schreiben. Oft angeregt durch die Kinder oder Enkel, die das dokumentiert haben wollen, was sie bisher nur aus Gesprächen erfahren haben, denn gesprochene Worte verflüchtigen sich leicht oder prägen sich nicht dauerhaft ein. Manche dieser Memoiren erscheinen auch in Buchform und sprechen damit einen größeren Kreis von Schicksalsgefährten an, aber auch jüngere Leser, die auf den Spuren ihrer Eltern oder Großeltern deren Fluchtweg zurückverfolgen wollen. Diesen Anforderungen wird ein Buch gerecht, das uns jetzt die 80-jährige Autorin Gisela Brauer, Bad Oldesloe, vorlegt, und in dem die geborene Westpreußin ihren Fluchtweg von Posen nach Holstein aufzeichnet, um dann wie an einem Ariadnefaden der Spur bis in das Heute nachzugehen, wie der Titel beweist: „Der Weg ins Ungewisse – und zurück“.

Es ist nicht das erste Buch, das die bis 1996 amtierende Amtsrätin herausgegeben hat, denn geschrieben hat sie eigentlich schon immer. Bereits 1958 wurde sie Mitglied des Stormaner Schriftstellerkreises, schrieb Gedichte, Erzählungen, Märchen, dokumentierte ihre Familiengeschichte. Diese ganze Bandbreite schriftstellerischen Schaffens zeigte sich in neun Buchveröffentlichen, die nun durch ihr neuestes Werk zweistellig wurden. Redaktionelle Erfahrungen sammelte Gisela Brauer als Schriftleiterin der „Kleinen Weichselzeitung“, der Heimatzeitschrift für Stadt und Kreis Marienwerder. „Die Heimat lebendig zu erhalten“, das ist das Credo, das ihr breit gefächertes Aufgabengebiet bestimmt, ob als Landesobfrau der Landesgruppe Schleswig-Holstein oder als Leiterin des Ortsverbandes der Ost- und Westpreußen in Bad Oldesloe. Natürlich erhält sie aus diesen Tätigkeiten heraus immer wieder neue Impulse für ihr schriftstellerisches Schaffen, das kommt auch in ihrem neuen Buch zum Ausdruck, das durch eine Fülle von Informationen besticht. Denn es ist nicht nur die Flucht, die Gisela Brauer aus dem Erleben eines zwölfjährigen Kindes schildert, das erst nach zwei Jahren voller Irrwege, in denen es um das nackte Überleben ging, endlich in Hohenweststedt eine Bleibe fand und dessen Leben dadurch langsam wieder in feste Bahnen gelenkt wurde. Es sind auch die Wege danach, die Suche nach den Ausgangspunkten der Heimatlosigkeit, die Heimkehr auf Zeit – das alles in sicherem, klarem Stil, ohne eine Spur von Sentimentalität, immer auf das Wesentliche ausgerichtet. Und damit kommt sie den jüngeren Lesern entgegen, die vor allem die Information suchen und sie auch finden. Ob es Marienwerder, Posen oder Danzig oder die Stationen des Fluchtweges wie Köslin, Güstrow, Damgardt sind: Immer werden die Eindrücke der Vergangenheit in die Gegenwart transferiert. Dadurch wird den Lesern, die nicht der Erlebnisgeneration angehören, das Fluchtgeschehen transparenter gemacht. Stets aufgrund eigener Eindrücke, wie aus dem Untertitel des Buches „Erinnerungen – Berichte – Reiseerlebnisse“ ersichtlich. Der letzte Begriff schließt auch immer eine Kurzinformation über die Geschichte des Ortes ein.

Eine kleine Leseprobe: „Erst nach der politischen Wende konnte ich in meine Heimat reisen und war 1991 zuerst in Marienwerder. Dort verlebte ich die ersten zehn Jahre meines Lebens von 1933 bis 1943. Mein Partner Hans wollte und sollte endlich Marienwerder kennenlernen. Ich hatte diesen Abstecher mit Frau Hanna organisiert, die in Marienwerder Touristen betreute. So kaufte ich in Danzig mit meinen schwachen polnischen Volkshochschulkenntnissen Fahrkarten nach Marienburg. Dort wollte uns Frau Hanna abholen. Es war ein Nahverkehrszug, der in jedem Dorf hielt. Die polnischen Ortsnamen sagten mir nichts. Da die Fahrt schon recht lange dauerte, bekam Hans es wohl mit der Angst zu tun: ,Sind wir auch im richtigen Zug? Du kennst dich doch hier aus.‘ ,Nein, ich weiß es nicht. Und ich kenne die dörflichen Bahnhöfe nicht, denn bis 1939 sind wir durch den polnischen Korridor im verschlossenen D-Zug mit verhangenen Fenstern gefahren. Wenn wir aber einen Bahnhof Tschew erreichen, das ist Dirschau, und die Brücke über die Weichsel sehen, sind wir richtig.‘ Und dann sahen wir auch die Marienburg an der Nogat, bevor wir den Bahnhof Marienburg erreichten. Wir waren also doch im richtigen Zug, der von Marienburg nach Elbing weiterfuhr. In Marienburg erwartete uns schon Frau Hanna mit dem Auto. Das erste Wiedersehen mit Marienwerder war merkwürdig. Ich hatte den Eindruck, gestorben zu sein und aus den Wolken auf diese inzwischen so veränderte Stadt zu schauen. Das Marienwerder meiner Kindheit gibt es nicht mehr!“

Aber in der Erinnerung bleibt es, denn so sachlich-informativ die Autorin auch ihre Berichte formuliert, so zeigt sie in den eingefügten Gedichten ihre lyrische Seite:

„Ich habe die Stadt meiner Kindheit gesehen, konnte endlich die vertrauten Wege gehen. Das Wiedersehen war Trauer und Glück, vergangene Zeiten kehren nicht zurück“. Aber das Gedicht endet mit der tröstlichen Gewissheit: „Doch für mich wird es die alte Stadt weiter geben. Sie ist ein Teil aus meinem Leben.“

Wer sich für das reich bebilderte, 110 Seiten starke Buch „Der Weg ins Ungewisse – und zurück“ interessiert, das von der Autorin und Verlegerin kostenlos gegen eine freiwillige Spende vergeben wird, wende sich an Frau Gisela Brauer, Hamburger Straße 74 in 23843 Bad Oldesloe, Telefon (04531) 82629. R.G.


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 101. GEBURTSTAG

Reimer, Ursula, geb. Zerrath, aus Schwanensee, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Wiechmann, Margarete, geb. Jordan, aus Balga, Kreis Heiligenbeil, am 23. Juni

ZUM 97. GEBURTSTAG

Rade, Hans-Dietrich, aus Georgenswalde, Kreis Samland, am 26. Juni

ZUM 95. GEBURTSTAG

Besener, Johanna, geb. Babarski, aus Borschimmen, Kreis Lyck, am 24. Juni

Eder, Erna, geb. Scheidemann, aus Seckenburg, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Neumann, Dorothea, geb. Westphal, aus Rautersdorf, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

ZUM 94. GEBURTSTAG

Abendroth, Johanna, geb. Kellner, aus Neumühl, Kreis Wehlau, am 22 Juni

Kretschmann, Herbert, aus Groß Michelau, Kreis Wehlau, am 25. Juni

Skusa, Lotte, geb. Mross, aus Neidenburg, am 26. Juni

Weigel, Karl, aus Hamerudau, Kreis Ortelsburg, am 23. Juni

ZUM 93. GEBURTSTAG

Bräuning, Ella, geb. Hindersin, aus Treuburg, am 22. Juni

Brandstäter, Heinz, aus Kattenau, Kreis Ebenrode, am 25. Juni

Droste, Werner, aus Montzen, Kreis Lyck, am 27. Juni

Fallbach, Anni, geb. Grudzinski, aus Großalbrechtsort, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Glaner, Lotte, geb. Lippik, aus Ebenfelde, Kreis Lyck, am 26. Juni

Glaser, Egon, aus Reuß, Kreis Treuburg, am 23. Juni

Haas, Ursula, geb. Patschke, aus Pobethen, Kreis Samland, am 27. Juni

Henseleit, Irmgard, geb. Osten, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 22. Juni

Krüger, Anni, geb. Panzer, aus Klein Schläfken, Kreis Neidenburg, am 24. Juni

Maslo, Hedwig, geb. Masurek, aus Masuren, Kreis Treuburg, am 22. Juni

Piotrowski, Martha, geb. Rosek, aus Gelitten, Kreis Treuburg, am 25. Juni

Rogalla, Johanna, geb. Sobottka, aus Binien, Kreis Lyck, am 23. Juni

Rupsch, Herta, geb. Grigull, aus Grünhausen, Kreis Elchniederung, am 24. Juni

Willumeit, Franz, aus Treuburg, am 21. Juni

ZUM 92. GEBURTSTAG

Paul, Lieselotte, aus Königsberg, am 23. Juni

Weidmann, Ursula, geb. Smaka, aus Metgethen, Kreis Samland, am 27. Juni

Wittat, Käthe, geb. Gutowski, aus Herzogskirchen, Kreis Treuburg, am 26. Juni

ZUM 91. GEBURTSTAG

Bethke, Elfriede, aus Treuburg, am 26. Juni

Büdenhölzer, Erna, geb. Kaspereit, aus Wehlau, am 22. Juni

Drenske, Gertrud, aus Steinberg, Kreis Lyck, am 21. Juni

Gerken, Gerda, geb. Böhnke, aus Alt Seckenburg, Kreis Elchniederung, am 24. Juni

Habedank, Heinz, aus Wilpen, Kreis Ebenrode, am 26. Juni

Heyna, Herta, geb. Dombrowski, aus Scharfenrade, Kreis Lyck, am 25. Juni

Kuchen, Frieda, geb. Komossa, aus Rotbach, Kreis Lyck, am 25. Juni

Küster, Ursula, geb. Kühn, aus Königsberg-Tannenwalde, am 19. Juni

Kwassny, Frieda, geb. Borris, aus Eichensee, Kreis Lyck, am 21. Juni

Lehmann, Hilde, geb. Borchert, aus Ostseebad Cranz, Kreis Samland, am 26. Juni

Lyhs, Ruth, aus Neumalken, Kreis Lyck, am 24. Juni

Meyer, Edeltraut, geb. Gehra, aus Lyck, am 24. Juni

Preiß Ella, geb. Palm, aus Rotbach, Kreis Lyck, am 22. Juni

Schmidtke, Hildegard, geb. Schönfeld, aus Radau, Kreis Heiligenbeil, am 23. Juni

Sill, Eva, geb. Koschorreck, aus Auerbach, Kreis Wehlau, am 25. Juni

Viebrock, Waltraut, geb. Fingel, aus Rodental, Kreis Lötzen, am 27. Juni

ZUM 90. GEBURTSTAG

Axnick, Gerhard, aus Maldeuten, Kreis Mohrungen, am 22. Juni

Bach, Irmgard, geb. Sczepannek, aus Eichenau, Kreis Neidenburg, am 27. Juni

Borchardt, Irmgard, geb. Kiewitt, aus Goldschmiede, Kreis Samland, am 21. Juni

Dörr, Ruth, aus Lyck, am 23. Juni

Fröhlich, Bruno, aus Lenzendorf, Kreis Lyck, am 22. Juni

Hähne, Brunhilde, geb. Ziehe, aus Tutschen, Kreis Ebenrode, am 27. Juni

Hofemann, Lieselotte, geb. Rundmann, aus Baitenberg, Kreis Lyck, am 27. Juni

Klüssendorf, Zita, geb. Lamprecht, aus Königshuld, Kreis Tilsit-Ragnit, am 26. Juni

Krings, Inge, geb. Rogge, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 24. Juni

Kunter, Ilse, geb. Domscheit, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 24. Juni

Mathes, Gertrud, geb. Broßeit, aus Haselberg, Kreis Schloßberg, am 22. Juni

Miller, Erika, geb. Schiemann, aus Grünbaum, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Ogilvie, Annemarie, geb. Pilz, aus Haselberg und Neusiedel, Kreis Schloßberg und Tilsit-Ragnit, am 22. Juni

Peukert, Ida, geb. Neumann, aus Neuendorf, Kreis Wehlau, am 21. Juni

Philipp, Elfriede, geb. Fuchs, aus Allenburg, Kreis Wehlau, am 26. Juni

Priewe, Heinz Walter, aus Ortelsburg, am 27. Juni

Rupli, Hildegard, geb. Bast, aus Ostseebad Cranz, Kreis Samland, am 25. Juni

Simader, Charlotte, geb. Loch, aus Windau, Kreis Neidenburg, am 24. Juni

Stinka, Heinrich, aus Laschmieden, Kreis Lyck, am 24. Juni

Wieckenberg, Gertraud, geb. Mauerhoff, aus Treuburg, am 22. Juni

ZUM 85. GEBURTSTAG

Eckhardt, Christel, geb. Tausendfreund, aus Groß Nuhr, Kreis Wehlau, am 27. Juni

Flemig, Gerda, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 26. Juni

Futh, Dora, geb. Schroeder, aus Bladiau, Kreis Heiligenbeil, am 20. Juni

Haack, Erna, geb. Rostek, aus Hansbruch, Kreis Lyck, am 23. Juni

Hagge, Helga, geb. Ewert, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 22. Juni

Hamm, Werner, aus Leißienen, Kreis Wehlau, am 24. Juni

Hildebrand, Waltraut, geb. Raschdorf, aus Lötzen, am 25. Juni

Krüger, Waltraud, geb. Goetzie, aus Brandenburg, Kreis Elchniederung, am 22. Juni

Kück, Irmgard, geb. Kappus, aus Hollenau, Kreis Ebenrode, am 25. Juni

Radler, Inge, geb. Joswig, aus Mosolten, Kreis Lyck, am 24. Juni

Rogalski, Elisabeth, geb. Slopianka, aus Hügelwalde, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Schnakowsky, Margarete, geb. Lissek, aus Gellen, Kreis Ortelsburg, am 23. Juni

Theweleit, Reinhold, aus Eichhagen, Kreis Ebenrode, am 26. Juni

Wagner, Christel, geb. Schulz, aus Lenzendorf, Kreis Lyck, am 25. Juni

Willert, Walli, aus Voerde, Kreis Wehlau, am 25. Juni

Winkelmann, Helmut, aus Lyck, am 26. Juni

Zardo, Dorothea, geb. Weidlich, aus Lyck, am 21. Juni

ZUM 80. GEBURTSTAG

Ahlborn, Inge, geb. Hensel, aus Lyck, am 27. Juni

Andrioff, Lieselotte, geb. Preuß, aus Wallendorf, Kreis Neidenburg, am 22. Juni

Bähnk, Hannelore, geb. Weichhaus, aus Bartenhof, Kreis Wehlau, am 22. Juni

Barz, Waltraut, geb. Sadlowski, aus Neu Kiwitten, Kreis Ortelsburg, am 25. Juni

Beroleit, Christel, geb. Brandt, aus Deeden, Kreis Ebenrode, am 23. Juni

Birmes, Ursula, geb. Kähler, aus Ostseebad Cranz, Kreis Samland, am 27. Juni

Braatz, Marga, geb. Templin, aus Weidicken, Kreis Lötzen, am 22. Juni

Eichholz, Karl-Heinz, aus Karkeln, Kreis Elchniederung, am 24. Juni

Eidam, Hildegard, geb. Gulbis, aus Tawe, Kreis Elchniederung, am 26. Juni

Fleischmann, Siegfried, aus Groß Friedrichsdorf, Kreis Elchniederung, am 27. Juni

Gärtner, Ruth, geb. Christopeit, aus Nassawen, Kreis Ebenrode, am 21. Juni

Golka, Edeltraud, geb. Kassner, aus Auglitten, Kreis, Lyck, am 22. Juni

Hornschuh, Margarete, geb. Rosinski, aus Steintal, Kreis Lötzen, am 25. Juni

Kallweit, Alfons, aus Hochdünen, Kreis Elchniederung, am 22. Juni

Klemens, Elfriede, geb. Embacher, aus Schellendorf, Kreis Ebenrode, am 21. Juni

Knauff, Anneliese, aus Gellen, Kreis Ortelsburg, am 26. Juni

Kolpatzik, Dr. med. Horst, aus Prostken, Kreis Lyck, am 26. Juni

Langrock, Hannelore, geb. Prill, aus Bürgersdorf, Kreis Wehlau, am 23. Juni

Leyk, Evamaria, geb. Weyher, aus Muschaken/Willenberg, Kreis Neidenburg, am 21. Juni

Mäcker, Christel, geb. Klein, aus Fischhausen, Kreis Samland, am 22. Juni

Marquardt, Manfred, aus Lindendorf, Kreis Wehlau, am 26. Juni

Marweg, Lieselotte, geb. Herrmann, aus Lyck, am 24. Juni

Müller, Hilda, geb. Urban, aus Langenberg, Kreis Elchniederung, am 26. Juni

Narock, Horst, aus Klein Dirschkeim, Kreis Samland, am 23. Juni

Orlick, Johanna, geb. Jortzik, aus Grabnick, Kreis Lyck, am 21. Juni

Pautz, Kurt, aus Ragnit, Kreis Tilsit-Ragnit, am 27. Juni

Reschke, Elsbeth, geb. Machmüller, aus Schareiken, Kreis Treuburg, am 26. Juni

Rienau, Gerdau, geb. Neumann, aus Starkenberg, Kreis Wehlau, am 26. Juni

Riske, Hildegard, geb. Napier­ski, aus Wallendorf, Kreis Neidenburg, am 21. Juni

Rogalski, Elisabeth, geb. Slopianka, aus Hügelwalde, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Schikora, Christel, geb. Prussnat, aus Birkenheim, Kreis Elchniederung, am 27. Juni

Schley, Herta, geb. Steinke, aus Großheidekrug, Kreis Samland, am 21. Juni

Schmidt, Edith, geb. Gemballa, aus Davidshof, Kreis Ortelsburg, am 27. Juni

Schmidt, Luise, geb. Loeper, aus Herrendorf, Kreis Elchniederung, am 22. Juni

Schultz, Otto-Ehrhardt, aus Ostseebad Cranz, Kreis Samland, am 24. Juni

Stein, Werner, aus Neufelde, Kreis Elchniederung, am 24. Juni

Ullrich, Charlotte, geb. Cziehso, aus Saiden, Kreis Treuburg, am 23. Juni

Wilkes, Elli, aus Muschaken, Kreis Neidenburg, am 21. Juni

ZUM 75. GEBURTSTAG

Baumgart, Lothar, aus Lötzen, am 26. Juni

Chudaska, Werner, aus Wilhelmshof, Kreis Ortelsburg, am 26. Juni

Claret, Heidrun, geb. Schemmerling, aus Königsberg, und Heiligenbeil, Feyerabendplatz 3, am 18. Juni

Fink, Hannelore, geb. Grzywatz, aus Treuburg, am 25. Juni

Galka, Emil, aus Heinrichsdorf, Kreis Neidenburg, am 26. Juni

Gerling, Renate, geb. Alexander, aus Ebendorf, Kreis Ortelsburg, am 25. Juni

Glasow, Günther von, und Ulrike, geb. von Glasow, aus Parnehnen, Kreis Wehlau, am 23. Juni

Hoechst, Roderich, aus Ebenrode, am 23. Juni

Jenni, Gertrud, geb. Teschner, aus Ebenrode, am 21. Juni

Kischnick, Gerda, geb. Schrader, aus Irglacken, Kreis Wehlau, am 26. Juni

Knitzia, Günther, aus Ittau, Kreis Neidenburg, am 24. Juni

Kremer, Inge, geb. Bednarz, aus Rohmanen, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Marzahl, Rottraut, geb. Zimmermann, aus Birkenmühle, Kreis Ebenrode, am 25. Juni

Meier, Jörn, aus Wallendorf, Kreis Neidenburg, am 26. Juni

Müller, Helga, geb. Passargus, aus Neufelde, Kreis Elchniederung, am 22. Juni

Meiser, Hans, aus Ostseebad Cranz, Kreis Samland, am 23. Juni

Perrey, Helmut, aus Wirbeln, Kreis Ebenrode, am 21. Juni

Peterson, Hartmut, aus Goldbach, Kreis Wehlau, am 21. Juni

Pinkert, Edda, geb. Heer, aus Altenkirch, Kreis Tilsit-Ragnit, am 25. Juni

Radzio, Siegfried, aus Treuburg, am 21. Juni

Reimers, Margarete, geb. Kirschnick, aus Sangnitten, Kreis Preußisch Eylau, am 24. Juni

Richter, Elsbeth, geb. Gronwald, aus Canditten, Kreis Preußisch Eylau, am 26. Juni

Schultz, Ingrid, geb. Herbst, aus Ebenrode, am 23. Juni

Salewski, Frieda, geb. Hildebrandt, aus Wenzbach, Kreis Ebenrode, am 25. Juni

Saxarra, Inge, geb. Ollech, aus Samplatten, Kreis Ortelsburg, am 27. Juni

Sperling, Irma, geb. Rilat, aus Gauleden, Kreis Wehlau, am 25. Juni

Stach, Günter, aus Gauleden, Kreis Wehlau, am 22. Juni

Voos, Irma, geb. Köhn, aus Wehlau, am 27. Juni


S. 16-17 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGES OSTPREUSSEN

Vorsitzender: Stefan Hein, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

BJO-Sommerfahrt vom 21. Juli bis 1. August 2014 nach Nordostpreußen mit Besuchen in Königsberg, Trakehnen, auf der Kurischen Nehrung und in der Rominter Heide. Die vollständige Einladung mit allen Einzelheiten ist unter www.junge-ostpreussen.de zu finden. Anmeldeschluss: 20. Juni 2014 (Visapflicht).

 

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Reutlingen – Rückschau auf unsere Reise vom 16. bis 19. Mai anlässlich des „Deutschlandtreffens der Ostpreußen“ nach Kassel. Schon seit Langem war uns bekannt, im Mai treffen sich in Kassel Landsleute aus dem Ostpreußenland. So wurde von Ilse Hunger, Leiterin der Reutlinger Ostpreußengruppe, eine Reise organisiert, die uns zum Deutschlandtreffen der Ostpreußen nach Kassel hinführt. Pünktlich, am Morgen des 16. Mai, ging die Reise ab Reutlingen los, in einem komfortablen „goldenen“ Bus des Reisebüro der Firma Stoss. Unser Busfahrer begrüßte uns freundlich und charmant und fuhr uns dann sicher durch das blühende, herrliche Land. In der Runde waren wir miteinander schnell vertraut und motiviert und bekamen zur ersten Stärkung schon bald eine Butterbrezel serviert. Unsere liebe Ilse weiß, wie sie ihre „ostpreußische Großfamilie“ bei Stimmung halten kann, von ihr war alles bestens organisiert, für jeden Tag hatte sie einen Plan. Natürlich war der Hauptgrund dieser Reise, die Teilnahme am Ostpreußentreffen am 17. und 18. Mai im großen Kreise! Als wir am Nachmittag in Espenau, Kassels Nähe, angekommen, haben wir zunächst im schönen Hotel „Schäferberg“ unser Quartier eingenommen. Nach einer kleinen Erfrischung und kurzen Ruhepause dann, stand gleich eine Stadtrundfahrt durch Kassel an. Mit dem Bus sind wir zum Platz neben dem Stadttheater gekommen, dort gesellte sich der Stadtführer zu uns und hat die Regie übernommen. Kassel, auch als Stadt der „documenta“ bekannt, daher wurden uns zunächst besondere Plätze und Skulpturen dieser Messen der „Modernen Kunst“ gezeigt und genannt. Die Fahrt ging dann weiter entlang der Fulda und den weitläufigen Parkanlagen Karls­auen, bis hin zum Bergpark „Wilhelmshöhe“, es gab viel Grün zu schauen. Hier wurde eine längere Pause gemacht, eine Gruppe begab sich mit dem Stadtführer auf den Weg zum Schloss „Wilhelmshöhe“, andere genossen derweil die Ruhe auf den Parkbänken inmitten der grünen Pracht. Als wir dann am Abend wieder in unserem Hotel angekommen sind, haben wir in gemütlicher Runde Getränke und Speisen eingenommen. Am nächsten Morgen, dem 17. Mai, nach einem reichlichen Frühstück frisch gestärkt, fuhr uns der Busfahrer zu Kassels Messehallen. Um 9 Uhr öffneten diese Hallen, um die Gäste aus nah und fern zum „Treffen der Ostpreußen“ zu empfangen. Hier fing jetzt gleich ein lustiges Gewusel an, denn die Suche nach Landsleuten aus dem eigenen Heimatkreis Ostpreußens begann. An großen Plakaten oberhalb der Halle konnte man sich orientieren, die als Wegweiser zu den jeweiligen Tischen der Heimatkreise hinführten. Regsame Hände waren noch dabei, ihre Stände aufzubauen, dann gab es viel heimatliche Schätze, Handarbeiten und Kulinarisches zu schauen. Bevor man dann in die Veranstaltungshalle ankam, wurde ein langer Weg über einen ausgelegten „roten Teppich“ genommen. Um 11 Uhr begann hier der ökumenische Gottesdienst, bei dem die Predigt gehalten wurde vom Pfarrer Prinz Philip Kiril, einem Ur-Ur-Enkel Kaiser Wilhelms II. Am Nachmittag des 17. Mai um 14 Uhr dann stand die nächste Großveranstaltung an. Jetzt fand die offizielle feierliche Eröffnung des Treffens statt, mit der Begrüßung des Sprechers der Landsmannschaft Ostpreußens, Stephan Grigat. Danach standen Laudationen mit Ehrungen an, dies alles wurde umrahmt mit einem musikalischen Programm. Dann begab man sich wieder hinüber zur gewerblichen Halle, um dort zu schauen und zu essen, auch in der Hoffnung, weitere Landsleute aus der Heimat zu treffen. Besonders beeindruckend war um 17 Uhr ein Vortrag mit Musik und Bildern, in dem von BernStein mit eigenen Texten die Schönheit Ostpreußens geschildert wurde. Leider konnten wir diesen schönen Vortrag nicht bis zum Ende sehn, denn es hieß, pünktlich 18 Uhr wieder beim Bus vor der Halle zu stehen. Wieder im Hotel angekommen, waren wir von den vielen Eindrücken und Wiedersehensfreuden noch ganz benommen. Nach einem unterhaltsamen Abend und wohlgeruhter Nacht, wurden wir Sonntagmorgen, des 18. Mai, wieder von unserem Busfahrer zu den Messehallen gebracht. Da sind wir zwar erst mit kleinen Umwegen angekommen, denn ein Grüppchen von Demonstranten hatte vor den Messehallen Platz genommen. Das sollte jedoch für uns kein großes Hindernis sein, es blieb ruhig und friedlich, und wir konnten pünktlich durch die Tore zu den Messehallen hinein. Ja, leider sind solche jungen Leute über Ostpreußens Geschichte unerfahren, es geht nicht darum, Grenzen zu durchbrechen, beziehungsweise Völker zu spalten, sondern ostpreußische Kultur und Geschichte als Erbe für die Nachkommen zu bewahren und zu erhalten. In Scharen kamen nun die Menschen in die „Rothenbach-Halle“ hinein, möglichst jeder wollte beim Höhepunkt der „Großkundgebung“ dabei sein. Zu Beginn dann war ergreifend das Ertönen der Glocken des Königsberger Doms und der Einmarsch der Fahnenstaffel mit Begrüßung übers Mikrofon. Mit Begrüßungsworten, weiteren Ansprachen, die zu Herzen gingen, dem Ostpreußen- und Deutschlandlied beim gemeinsamen Singen wurde die Großkundgebung beendet und die Fahnenstaffel wieder auswärts gesendet. Danach hatte man nochmals kurz an den heimatlichen Tischen Platz genommen, inzwischen waren noch weitere frühere Landsleute hinzu gekommen. So hatte man sich an diesen beiden Tagen, vieles an Kindheits- und Jugenderinnerungen zu sagen. Leider hieß es, nun Abschied zu nehmen, in der Hoffnung, sich noch einmal wiederzusehen. Für unsere Gruppe ging es am späten Nachmittag weiter im Tagesverlauf, unser Busfahrer fuhr uns nun zur Wilhelmshöhe ganz oben hinauf. Wir wollten doch unbedingt den „Herkules“ von dichter Nähe beschauen, jetzt konnten wir noch einen Blick genießen die Kaskaden hinunter nach Kassel über die herrlichen, grünen Auen. Dann führte der Weg zurück ins Hotel und man war noch ganz bewegt, von den vielen Erlebnissen, Gesprächen mit alten Freunden, die man des Tags erlebt. Am Montagmorgen, des 19. Mai, setzten wir dann unsere Reise fort, in Fulda gab es nochmals einen Ausflugs-Stopp. Am großen Platz vor dem Dom haben wir uns aufgestellt und eine nette Stadtführerin hat sich zu uns gesellt. Sie führte uns zunächst in den barocken Dom hinein, das strahlende Weiß seiner Wände innen wirkte gleich besonders auf uns ein. Dann hat sie uns die Geschichte des Doms, Fresken, Alter und Orgel erklärt und hinunter zur Krypta, dem Grabmal des heiligen Bonifatius geführt. Danach sind wir mit ihr durch die Altstadt gegangen und konnten an viele weitere historische Gebäude gelangen. Immer wieder sind wir stehen geblieben und sie hat uns deren geschichtliche Bedeutung beschrieben. Bevor wir uns dann aufmachten, zur letzten Etappe unserer Reise, stärkten wir uns noch in einem feinen Lokal mit Getränken und Speise. Die Bedienung dieses Lokals war ganz besonders nett und flott, so gingen wir froh gelaunt zum Bus und setzten unsere Reise fort. Ja, bei guter Stimmung und Sonnenschein, ging es nach vier Tagen nun wieder heim. Die Busfahrten wurden uns nie zu lang, für Abwechslung war stets gesorgt mit Gedichten, Quiz und Gesang. Unsere Ilse hatte an alles gedacht und extra für jeden ein Liederheft mitgebracht. Unser Busfahrer hat sicher manchmal heimlich über uns gelacht, denn mitunter haben wir ihn auch in manch kuriose Situation gebracht. Dennoch war er stets gut aufgelegt, hat selbst für Erheiterung gesorgt und manchen Witz erzählt. Jedenfalls gilt nochmals ihm und unserer Ilse ein besonderer Dank, dass diese Reise, trotz mancher Erschwernisse im Vorfeld, möglich war und alles so gut gelang! Brigitte Reichert

Stuttgart – Donnerstag, 26. Juni, 14.30 Uhr, Haus der Heimat, Großer Saal, Schloßstraße 92: Treffen der Kreisgruppe. Gemeinsames Singen, Gedichte und Heimatgeschichten sowie Filmvortrag mit Beamer in heimatlicher Atmosphäre. Gäste sind herzlich willkommen. − Sonnabend, 28. Juni, 14.30 Uhr, Haus der Heimat, Großer Saal, Schloßstraße 92: Teil 3 des Vortrags von Dr. Eberhard Klafki „Westpreußen mit seiner 1919 abgetrennten Hauptstadt Danzig zwischen den beiden Weltkriegen als Problem der Friedensbewahrung“. Gäste sind herzlich eingeladen. – Dienstag, 8. Juli, 14.30 Uhr, Haus der Heimat, Kleiner Saal, Schloßstraße 92: Uta Lüttich gestaltet einen Heimatnachmittag der Frauengruppe zum Thema „Bedeutende ostpreußische Persönlichkeiten“, die in diesem Jahr einen Gedenktag haben. Gäste sind herzlich eingeladen.

Ulm/Neu-Ulm – Sonnabend, 21. Juni, 14.30 Uhr, Ulmer Stuben: Monatliches Treffen der Gruppe.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Kitzingen – Bei der Monatsversammlung im Würzburger Hof in Kitzingen berichtete der Kreisvorsitzende über seine Fahrt nach Kassel zum Deutschlandtreffen der Ostpreußen. Er war beeindruckt von den vielen Teilnehmern (zirka 10000) nach nunmehr 70 Jahren der Vertreibung aus der Heimat. Wie bei der Rede des Bundesvorsitzenden Grigat ist unser Kreisvorsitzender der Meinung: Ostpreußen hat Zukunft. Wir werden und wir wollen uns zu Ostpreußen bekennen und immer wieder an Ostpreußen, an seine Kultur, seine Geschichte und seine Menschen erinnern. Und wir werden dies tun, so oft wir es können und überall dort, wo auch nur zwei oder drei Ostpreußen zusammen sind. Wir beschränken uns allerdings nicht nur auf das Erinnern, wie es war, sondern wir waren inzwischen schon zum zehnten Mal mit dem Bus in Ost- und Westpreußen, um alle Menschen von der Schönheit und Kultur dieses Landes zu überzeugen. Er richtete an die insgesamt 14 Teilnehmer auch Grüße der Heimbewohner Borawski, Kannapin und Skusa aus, die er vor Kurzem besuchte hatte. Der Bezirksvorsitzende Klaus Phi­lipowski berichtete uns von „Ännchen von Tharau“, die Tochter eines Dorfpfarrers war und Ehefrau von drei Pastoren, die sie alle überlebte. Das Ännchen soll Simon Dach auf einer Fähre begegnet sein und ihre Schönheit hatte ihn zu dem Lied „Ännchen von Tharau“ inspiriert, das viele kennen. Es war ein schöner Nachmittag bei Kaffee und Kuchen. – Die nächste Veranstaltung „Sommerfest“ findet am 18. Juli statt.

München – Sonnabend, 28. Juni, 14.30 Uhr, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5; 81669 München: Diavortrag von Hartmut M.F. Syskowski, Redakteur der Zeitschrift „Pirsch“: „Rominter Heide bis zum Elchwald“. Zu Beginn findet eine gemeinsame Kaffeetafel und nach dem Vortrag ein Klopsessen statt.

Jeden Montag, 18 bis 20 Uhr, Haus des Deutschen Ostens: Ostpreußischer Sängerkreis. Kontakt: Dr. Gerhard Gräf, Offenbachstraße 60, 85598 Baldham, Telefon (08106) 4960.

Nürnberg – Dienstag, 24. Juni, 15 Uhr, Haus der Heimat in Nürnberg-Langwasser, Imbuschstr. 1 (gegenüber Endstation der U1): „Wer war das Ännchen von Tharau?“ Das Lied ist vielen bekannt. Gäste herzlich willkommen.

Weiden – Beim Heimatnachmittag im Cafe Mitte am Stockerhutpark konnte sich der 1. Vorsitzende Norbert Uschald über einen sehr guten Besuch freuen. Nachdem er die vielen Landsleute und Gäste begrüßt hatte, wurden die Heimatlieder „Land der dunklen Wälder“ und „Westpreußen mein lieb Heimatland“ gesungen. Im Anschluss daran gratulierte die Kassiererin Ingrid Uschald den Geburtstagskindern des Monates Juni. Der Vorsitzende berichtete danach vom Deutschlandtreffen der Ostpreußen, das diesmal in Kassel stattfand. Die Veranstalter vom Bundesverband der Landmannschaft waren mit der Besucherzahl von 10000 an beiden Tagen und dem Verlauf des Großereignisses sehr zufrieden. Erstaunlich sei, dass auch fast 70 Jahre nach der Vertreibung sich noch so viele, auch junge Menschen, für Ostpreußen interessieren. Das zeige, dass Ostpreußen mit seiner Kultur und Geschichte lebt. Passend dazu trug Ingrid Uschald ein Gedicht über die Heimat Ostpreußen vor. Im Anschluss daran erfreute Barbara Uschald die Landsleute mit Liedern, die sie mit ihrer Flöte vortrug. Anita und Norbert Uschald sorgten mit Flöte und Melodika für weitere musikalische Unterhaltung. Mitglied Paul Wendt berichtete den Anwesenden noch von seiner Fahrt nach Pommern. Stettin und Kolberg zählten zu den Stationen dieser beeindruckenden Reise. Mit dem Lied „Kein schöner Land“ verabschiedete man sich zum Gartenfest am 14. Juni, das wieder im Garten der Familie Uschald stattfand. – Nach einer Sommerpause findet der nächste Heimatnachmittag am Sonntag, 7. September, um 14.30 Uhr im Café Mitte statt.

 

BERLIN

Vorsitzender: Rüdiger Jakesch, Geschäftsstelle: Forckenbeck-straße 1, 14199, Berlin, Telefon (030) 2547345, E-Mail: info@bdv-bln.de, Internet: www.ostpreussen-berlin.de. Geschäftszeit: Donnerstag von 14 Uhr bis 16 Uhr Außerhalb der Geschäftszeit: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Königsberg, Samland, Labiau – 18. Juli, 14 Uhr, Johann-Georg-Stuben, Johann-Georg-Straße 10, 10709 Berlin. Treffen der Gruppen. Anfragen bei Professor Wolfgang Schulz, Telefon (030) 2515995.

Rastenburg – 13. Juli, 15 Uhr, Restaurant Stammhaus Rohrdamm 24 B, 13629 Berlin. Anfragen bei Martina Sontag, Telefon (033232) 188826.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Kippingstr. 13, 20144 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Fried-rich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

LANDESGRUPPE

Herzlich willkommen zum Sommerfest der Landsmannschaft Ostpreußen, Landesgruppe Hamburg e.V. – Kulturreferat. Auskunft und Organisation: Siegfried Grawitter, Telefon (040) 205784. Am Sonnabend, 19. Juli, von 14 bis 17 Uhr, Einlass ab 13 Uhr im Restaurant Lackemann, Litzowstieg 8, 22041 Hamburg (Wandsbek), Parkplatz Quarree, Parkhaus P2. Ein Programm mit dem LAB-Chor Lesungen und Geschichten zum Schmunzeln.

Sehr gut zu erreichen mit der U1 und Bussen. Von U1- und Busbahnhof Wandsbek-Markt sind es nur wenige Gehminuten. Wenn Sie von der Wandsbeker Marktstraße den Durchgang „Hinterm Stern“ zwischen Quarree und Hotel Tiefenthal durchgegangen sind, sehen Sie bereits das Restaurant Lackemann.

KREISGRUPPE

Heiligenbeil – Sonnabend, 21. Juni, 14 Uhr, Seniorentreff der AWO, Bauerbergweg 7 (zu erreichen mit der Buslinie 116 von den U-Bahn-Stationen Hammer Kirche, Billstedt oder Wandsbek-Markt): Sommerfest. Alle Mitglieder und Freunde der Gruppe sind herzlich eingeladen, mit Kaffee, Kuchen und einem Filmvortrag über „Rominten – eine ostpreußische Jagdlegende“ in geselliger Runde einige fröhliche Stunden miteinander zu verbringen. Der Kostenbeitrag für Kaffee, Kuchen und Filmvortrag beträgt 5 Euro. Anmeldung bei Lm. Konrad Wien, Telefon (040) 53254950, bis zum 20. Juni.

Insterburg – Im Juli findet kein Mittwochstreffen der Kreisgruppe statt.

Osterode – Sonnabend, 21. Juni, 14 Uhr, Café Prinzess, Alsterdorfer Straße 572, Hamburg-Ohlsdorf: Sommerfest. Einladung zu einem fröhlichen, gemütlichen Nachmittag. Beginn mit einer gemeinsamen Kaffeetafel, danach Singen von Sommerliedern und Plachandern.

Sensburg – Sonnabend, 28. Juni, 14 Uhr, gemütliches Beisammensein im Café Prinzess, Alsterdorfer Straße 572, Hamburg-Ohlsdorf. Gäste sind herzlich willkommen.

BEZIRKSGRUPPE

Hamburg-Wilhelmsburg – Montag, 30. Juni, 15 Uhr, „Waldquelle“, Meckelfeld, Höpenstraße 88 (mit Bus 443 bis Waldquelle): Heimatnachmittag.

Achtung! Im Juli und August finden keine Heimatnachmittage statt.

 

HESSEN

Vorsitzender: Eberhard Traum, Wächtersbacherstraße 33, 63636 Brachtal, Telefon (06053) 708612.

Dillenburg – Die nächste Monatsversammlung findet am Mittwoch, dem 25. Juni, um 15 Uhr im Café Eckstein, Königsberger Straße, in Dillenburg statt. Lothar Hoffmann wird dann über eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel, die Kartoffel, sprechen, unter dem Motto: Essen wie

Friedrich der Große. Die gekochte Kartoffel, das Knollenessen fürs Volk.

Wiesbaden – Sonnabend, 21. Juni, 15 Uhr, Haus der Heimat, Großer Saal, Friedrichstraße 35: Monatstreffen. Kaleidoskop ostpreußischer Frauen. Porträts bedeutender Frauen der Heimat: Dorothea von Montau, die Patronin des Deutschen Ordens und Preußens, die Natur- und Heimatdichterin Johanna Ambrosius, die Schriftstellerin Erminia von Batocki und weiteren. Bitte auch Freunde und Bekannte mitbringen. – Beim Mai-Monatstreffen sahen die Besucher den 1939 gedrehten Film „Die Reise nach Tilsit“ in Anlehnung an die gleichnamige Novelle von Hermann Sudermann. Die Hauptrollen spielen Kristina Söderbaum und Fritz van Dongen. Zur Einführung schilderte Dieter Schetat kurz die Handlung des Veit-Harlan-Streifens: „Als Fischer in Ostpreußen führen Endrik und seine Frau Elske ein gutes, geregeltes Leben. Das ändert sich jedoch, als eines Tages die schöne und verführerische Polin Madlyn Sapierska auftaucht und Endrik sich in sie verliebt. So kommt es zu unausbleiblichen Verwicklungen, die schließlich in einer dramatischen Bootsfahrt ihren Höhepunkt finden. Anders als die Sudermann-Novelle zeigt der Film ein positives Ende der Ehegeschichte.“ Am 2. November 1939 wurde der Film im Tilsiter Schauspielhaus in der Hohen Straße uraufgeführt. 1952 musste die Originallänge von 93 Minuten wegen sogenannter antipolnischer und rassistischer Passagen auf 88 Minuten gekürzt werden. Bereits 1927 hatte der Regisseur F. W. Murnau erstmals den Sudermann-Roman unter dem Titel „Sunrise“ (Sonnenaufgang) verfilmt und einen Welterfolg erzielt. In Deutschland lief der Hollywood-Streifen unter dem Titel „Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“. Neben der spannenden Handlung des Schwarz-Weiß-Films wurden bei den Zuschauern auch Erinnerungen an die heimatliche Landschaft wach, denn die Außenaufnahmen entstanden auf der Kurischen Nehrung, im Fischerdorf Pillkoppen, im Örtchen Krakeln am Kurischen Haff sowie an der Memelmündung und in der Stadt Tilsit.

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Braunschweig – Mittwoch, 25. Juni, 15 Uhr, Treffen im Stadtparkrestaurant (Eingang Sozialverband), Jasperallee 42. Vortrag: „Deutschland als Kaiserreich, seine Feinde und die Entfesselung des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren; 2. und letzer Teil“.

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Bielefeld – Donnerstag, 26. Juni, 15 Uhr, Wilhelmstraße 13, 33602 Bielefeld: Heimatliteraturkreis mit Johannisfeier. – Die Kreisgruppe Bielefeld fährt am 20. Juli mit einem Reisebus zum „Kleinen Ostpreußentreffen“ nach Schloss Burg an der Wupper. Interessenten sind eingeladen mitzufahren, weitere Informationen unter Telefon (0521) 175170 (Donnerstag, 16 bis 17 Uhr).

Gütersloh – Seniorenfahrt am Sonnabend, 12. Juli nach Bad Driburg: Leonardo-Outlet-Besuch, Pralinenmanufaktur und Wasserorgel. Nach einem Besuch bei Leonardo-Glas, beginnt auf dem dortigen Parkplatz unsere Stadtrundfahrt. Kaffee trinken wir in einer Pralinenmanufaktur, dem Café Heyse. Der Konditormeister höchstpersönlich gibt uns einen Einblick in die Herstellung von Pralinen und verrät kleine Tricks bei der Schokoglasur- oder Baiserherstellung für zu Hause. Gerne beantwortet er auch unsere Fragen. Anschließend erleben wir die dortige Wasserorgel mit Musik. Kurpark und Fußgängerzone sich in unmittelbarer Nähe, so dass noch Zeit zur freien Verfügung bleibt. Zu der Fahrt sind auch Nicht-Senioren und Nicht-Mitglieder herzlich eingeladen. 10 Euro Kosten-Beteiligung wird im Bus eingesammelt. Nicht-Senioren unter 65 Jahre und Nicht-Mitglieder zahlen 15 Euro. Anmeldung bei Blocks: (05241) 34841 oder Bartniks: (05241) 29211. Abfahrt ab 11.30 Uhr. Zusteigemöglichkeiten: 11.30 Uhr – Kahlertstraße/Ecke Magnolienweg, 11.35 Uhr – Marktplatz/ Haltestelle Friedrich-Ebert-Straße, 11.40 Uhr – B 61/Ecke Grenzweg, 11.45 Uhr – Café Raschke, 11.50 Uhr – Gaststätte Roggenkamp, 11.55 Uhr – Verler Straße/Mercedes-Händler, 12 Uhr – Verler Straße/Markant Supermarkt.

Der Vorsitzende berichtete auf der Jahreshauptversammlung über die Aktionen des vergangenen Jahres: Fahrt nach Werl, Seniorenfahrt nach Bad Rothenfelde, Tanz in den Mai, Herbstfest, Tag der Heimat, Volkstrauertag, Eisbeinessen, Oster- sowie Weihnachtsfeier, Familienzelten, Fahrradtour mit Grillen, Weih­nachtsmarkt in Spexard. Außerdem Teilnahme an der Landes-, Kultur- und Frauentagung in Ober­hausen. Renate Thamm berichtete über Frauengruppe und Singkreis, Paul Herrmann legte die Finanzen offen. Zur­zeit hat unsere LO 173 Mitglieder-Familien. Davon sind 23 beitragsfreie Ehren- und Treuemitglieder ab 85 Jahren. Fünf Personen sind ausgetreten. Neu aufnehmen konnten wir vier Familien: Therese und Reinhard Bartnik, Alfred und Waltraud Kruschick, Dietlinde und Reinhard Falk. Herzlich willkommen! Der Vor­stand wurde einstimmig wiedergewählt. Martha O’Callaghan übernahm die Aufgabe der Kulturwartin erneut kommissarisch. Alle acht Mitgliederbetreuer wurden bestätigt: Josef Block, Krystyna Braun, Helmut Fox, Werner Kuzinna, Leo Motzki, Brigitte Steffen, Anton von Oppenkowski und Peter Welki. Beisitzer Herta Kriszun, Renate Thamm, Reinhard Jagalla und Gregor Kischporski wurden im Amt bestätigt. Als Kassenprüfer wurde Georg Wagner bestätigt und Alfred Zimmermann neu gewählt.

Am Spexarder Maibaum prangt seit dem 1. Mai unser Wappen. Durch Herbstfest und Weih­nachtsmarkt sind wir bereits eine feste Institution vor Ort und mit dem Stadtteil eng verbunden. Die Zusammenarbeit mit den Spexardern soll weiter gefördert werden. Zum Pfarrfest der Bruder-Konrad-Gemeinde am Sonnabend, 13. September, werden wir mit den Oberschlesiern kulinarische Spezialitäten anbieten.

Das 22. Treffen der Ostpreußen in Kassel begann um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst. Bei der Großkundgebung am Sonntag sagte der Sprecher Stephan Grigat vor 5000 Personen im Saal, Ostpreußen lebe weiterhin, „es gibt hier im Lande noch Menschen, die denken, wir wollen gegen Grenzen anrennen. Die sollten zur Kenntnis nehmen, wir haben sie überwunden“ – „Kommen Sie mit uns in die Zukunft!“ Akustisch eingeleitet wurde die Kundgebung mit dem Glockengeläut des Königsberger Doms und dem traditionellen Einmarsch der Fahnenstaffel. Bundesvorstandsmitglied Wolfgang Thüne sprach mit bewegenden Worten die Totenehrung und im Anschluss daran überbrachte Umweltstaatssekretär Mark Weinmeister (Kassel) Grüße der Hessischen Landesregierung. Für den „Bund Junges Ostpreußen“ sprach Stefan Hein ein Wort der Jugend, das sich vor allem mit Zukunftsthemen befasste. Der Gastredner Arnulf Baring referierte zum Thema „Putin für Anfänger“. Dabei ging er in gekonnter Weise auf Geschichte und neuerliche Ausrichtungen der Politik Wladimir Putins ein, sparte nicht mit Kritik an der derzeitig spürbaren Ratlosigkeit der westlichen Welt gegenüber der russischen Politik. Zum Abschluss rief er allen im Saal zu: „Bleiben Sie fröhliche Patrioten, es lebe Deutschland, es lebe die Republik!“

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 bis 20 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal, 1. Etage: Chorprobe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft. – Sonntag, 22. Juni, 11 Uhr, Savoy-Theater: Lesung mit Hanna Schygulla „Wach auf und träume“. – Freitag, 27. Juni, 12.30 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal: Präsentation des Schulprojekts „Als im Gurkenhaus die Häuser wuchsen“.

Essen – Einladung zum 25. Ortstreffen „Prohlen, Kallacken, Alt Vierzighuben, Kronau und Umgebung“ am Sonnabend, 23. August, um 14 Uhr in der St.-Anna-Kapelle in Essen-Rellinghausen zu einer Dankmesse, die Pfarrer Norbert Klobusch hält. Danach um 15 Uhr Treffen in der Gaststätte Zum Blücherturm, Oberstraße 24, zum gemütlichen Beisammensein. Kuchen ist erwünscht. Anmeldungen bis 10. August bei Paula Bujna geborene Behlau, Telefon (0201) 718602.

Hemer – In Zusammenarbeit mit dem Bürger- und Heimatverein Hemer sowie dem Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen wird die Ausstellung „Ostpreußen verzaubert“ noch bis zum 20. Juli gezeigt. Ausstellungsort: Felsenmeermuseum Hemer, Hönnetalstraße 1, 58675 Hemer. Öffnungszeiten: montags und sonnabends geschlossen; Dienstag und Freitag 11 bis 13 Uhr und 15 bis 17 Uhr; Mittwoch und Donnerstag 15 bis 17 Uhr; Sonntag 11 bis 13 Uhr. Informationen beim Museum unter Telefon (02372) 16454, bei Klaus-Arno Lemke unter (02372) 12993; E-Mail felsenmeer-museum­@web.de oder lemke@ostpreussen-nrw.de. Internet-Präsenz: www.felsenmeer-museum.de.

Leverkusen – Sonnabend, 21. Juni, 15 Uhr, Haus Ratibor, Küppersteger Straße 56: Die Kreisgruppe möchte, wie jedes Jahr, mit ihren Mitgliedern und vielen gern gesehenen Gästen den Sommer begrüßen. Beginn mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken. Ein fröhliches, abwechslungsreiches Programm wird geboten, auch mit Wettbewerbsspielen jeglicher Art. Um rege Teilnahme wird gebeten. Die Sieger erwartet ein Gewinn. Ein gemeinsames Abendessen zu einem sehr geringen Preis wird von den eifrigen Helfern vorbereitet. Um eine Kuchenspende wird herzlich gebeten. Der Erlös wird, wie bekannt, für die Weih­nachtsfeier verwendet. Informationen bei Frau Pelka, Telefon (0214) 95763. – Die Kreisgemeinschaft der Ost- und Westpreußen macht auch dieses Jahr, wie seit vielen Jahren, eine interessante Tagesfahrt und zwar am Mittwoch, 9. Juli. Abfahrt um 8 Uhr vom Behindertenheim in Küppersteg. Wir besuchen unter anderem das Lichtkunstmuseum in Unna. Der genaue Tagesablauf ist im Info-Heft angegeben. Anmeldung dringend geboten. Alle Infos und Anmeldung bei Frau Palka, Telefon (0214) 95763. Wir freuen uns auf den ganzen Tag.

Neuss – Sonnabend, 5. Juli: Großes Grillfest mit ostpreußischen Spezialitäten an der Corneliuskirche in Neuss-Erfttal. Beginn um 12 Uhr.

Soest – Am 6. Juli 2014 um 14.30 Uhr liest der 1943 in Danzig geborene Jürgen Schultz in der Cafeteria der Ostdeutschen Heimatstuben in Soest, Meiningser Weg 20, aus seinem neuesten Werk. Sein Roman, „Inferno der Menschheit“ spielt im Jahre 2200 auf einer nicht mehr lebenswerten Erde. Er behandelt rückblickend die heutige Zeit und führt die mögliche Entwicklung der Menschheit aus. Den Autor bekümmert, dass die heutige Generation Raubbau auf der Erde betreibt. Wenn die Menschheit so weiter macht wie bisher, werden unsere Nachkommen keine Ressourcen mehr übrig haben, sich weiter zu entwickeln. Was bleibt den nachfolgenden Generationen, wenn wir alle Schätze der Erde, auch das Letzte an Ressourcen, schon heute verbrauchen? Rücksichtslos verderben wir Luft, Boden und Wasser. Die Ethik in der Forschung wird immer weiter gefasst, je nachdem, wie es uns passt. Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Das war der Motor seiner Entwicklung. Doch Eingriffe in die Genetik, der kleinsten Zellen, der Pflanzen, der Tiere und sogar des Menschen, geschehen in sehr hohem Maße aus wirtschaftlichen Gründen. Dazu wird die Familie, die kleinste Zelle des Staates, gering geachtet. Die immer grausamer werdenden Kriege reduzieren nicht so sehr die Menschheit als eher die vom Menschen in seiner Gier verursachten Katastrophen. Der Autor zeigt in diesem Chaos ein Fünkchen Hoffnung auf. Denn einer kleinen Gruppe gelingt es, über eine Art Arche in eine neue Welt zu gelangen, in der die Menschen eine neue Entwicklung angehen können. Nach der Lesung signiert der Autor sein Buch.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Jeden Freitag, 13 Uhr, Café Oase, Schönbornstraße 16, 55116: Die Gruppe trifft sich zum Kartenspielen. – Donnerstag, 26. Juni, 14 Uhr, Römerpassage 1: Besuch des Isis- und Mater Magna-Heiligtums mit Führung. Treffpunkt vor dem Eingang des Isis- und Mater Magna-Heiligtums.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle, Telefon privat (0345) 2080680.

Magdeburg – Dienstag, 24. Juni, 13.30 Uhr, Immermannstraße: Treffen der Stickerchen.

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner. Geschäftsstelle: Telefon (0431) 554758, Wilhelminenstr. 47/49, 24103 Kiel.

Bad Oldesloe – Nach Begrüßung der sommerlichen Juni-Runde ging Gisela Brauer noch einmal auf den gelungenen Tagesausflug nach Sachsen-Anhalt ein, den Georg Baltrusch mit einem Reiseunternehmen organisiert hatte, Katharina Makarowski stellte das Buch „Masuren. Ostpreußens vergessener Süden“ von Andreas Kossert, Jahrgang 1970, vor. Wir sollten auch die jungen Autoren, die unsere Heimat nicht mehr selbst erlebten, beachten. Kossert lernte Ostpreußen durch Besuche mit seinen Eltern und Großeltern, die aus dem Kreis Ortelsburg kommen, kennen. Es geht ihm insbesondere darum, das ideelle Erbe unserer Heimat zu erhalten, zumal es sich um ein gemeinsames deutsches Erbe handelt. Auch die Heimatstuben spielen dabei eine wesentliche Rolle. Über die Fortführung der Heimatstuben entsteht eine lebhafte Aussprache. Weiter wird eingegangen auf die bekannten Autoren Wolf von Lojewski und Arno Surminski. Mit einem mundartlichen Beitrag von Georg Baltrusch klingt der heimatliche Nachmittag aus.

Mit den Ost- und Westpreußen waren wir auch in diesem Jahr wieder in den neuen Bundesländern unterwegs. Sind sie nach 25 Jahren aber wirklich noch neu? Unser Ziel war diesmal Havelberg in Sachsen-Anhalt. Wir fuhren auf Bundes- und Landstraßen und freuten uns über die gepflegten Dörfer und kleinen Städte und natürlich über die zauberhafte Landschaft im Frühsommer. Vor Ludwigslust kamen wir vorbei an der Gedenkstätte für den Dichter und Dramatiker Theodor Körner, geboren 1791 in Boizenburg/Elbe, verstorben 1813 in den Befreiungskriegen. Er wurde bekannt durch seine Freiheitslieder. So trifft man alte Bekannte wieder! In Ludwigslust und Grevesmühlen hatte ich gleich Anfang der 90er Jahre Wahlseminare im Auftrage der Verwaltungsfachhochschule Güstrow durchzuführen. Danach war ich öfter in Ludwigslust. Von Mecklenburg ging es nach Sachsen-Anhalt, und wir kamen unserem Ziel langsam näher. In Havelberg wurden wir schon von der Stadtführerin, Frau Reichelt, am Touristik-Büro erwartet. Sie ist dort im Museum tätig, und wir freuten uns über ihre interessanten Ausführungen über die Stadt und den Dom. Mit unserem Bus fuhren wir zunächst den Domberg hinauf zu dem imposanten Bauwerk. Obwohl der Dom offiziell nicht geöffnet war, gestattete sie uns einen kurzen Einblick in das Innere. Konnte man Ähnlichkeiten mit dem Ratzeburger Dom feststellen? Auf dem Domberg konnten wir die restaurierten Domherren-Häuser bewundern. Wohnhäuser sind dort entstanden und Geschäfte. Die historische Altstadt unterhalb des Domberges wirkt leer und ausgestorben, die Wohn- und kleinen Geschäftshäuser erscheinen ungepflegt, auf den engen Straßen war niemand zu sehen. Nun, es war Sonntag. Das geschäftige Leben hat sich offensichtlich auf den Domberg verlagert, und alte Havelberger sagten schon immer, „wir wohnen auf dem Dom“. Die Straßen der historischen Altstadt sind eng und verwinkelt. Mitten drin steht die Stadtkirch St. Nikolai. Zum gemeinsamen Mittagessen waren wir im „Hotel am Hafen“. Am Nachmittag stand eine zweistündige Schiffsreise auf der Elbe auf dem Programm mit der Reederei Kaiser. Wie auf Landkartenausschnitten zu sehen ist, mündet die Havel einige Kilometer „hinter“ Havelberg in die Elbe. Auf der Rückfahrt waren wir nach einigen Kilometern Bundesstraße auf der Autobahn Berlin−Hamburg unterwegs. Es war für uns ein Tag mit vielen interessanten Eindrücken, Informationen und guten Gesprächen.

Flensburg – Freitag. 27. Juni, 15 Uhr, Treffen in dem Hotel Wassers­leben, Bushaltestelle vor dem Hotel, Kafferunde und Vortrag „Die Wasserslebener Bucht“, Referent Karl Lönneker, ehemaliger Gästeführer Flensburgs.

Mölln – Die Mitglieder der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen des Ortsverbandes Mölln treffen sich am 25. Juni um 17 Uhr zum traditionellen Matjesessen im Quellenhof in Mölln. Vor dem Essen wird Herr Ferner, Landesvorsitzender der Ostpreußen, einen Diavortrag mit dem Titel „Ostpreußen unterwegs“ halten. Nach Kriegsende 1945 sind viele Ostpreußen unter anderem auch nach Brasilien und Argentinien ausgewandert, um dort eine neue Existenz aufzubauen. Über diese Menschen, wie sie es geschafft und sich durchgebissen haben, handelt dieser Vortrag. Herr Ferner kann sehr humorvoll und spannend erzählen. Es wird bestimmt ein interessanter Vortrag. Nach diesem Vortrag wird das Matjesessen serviert. Zu dieser Veranstaltung laden wir auch alle Landsleute aus Pommern, Schlesien und Danzig ein.


S. 18 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

EBENRODE(STALLUPÖNEN)

Kreisvertreter: Dr. Gerhard Kuebart, Schiefe Breite 12a, 632657 Lemgo, Telefon (05261) 8 81 39, E-Mail: gerhard.kuebart@ googlemail.com.

Der Vorstand der Kreisgemeinschaft Ebenrode (Stallupönen) in der Landsmannschaft Ostpreußen e.V. lädt die Vereinsmitglieder hiermit zur ordentlichen Mitgliederversammlung während des Hauptkreistreffens am Sonnabend, 26. Juli um 16.15 Uhr in die Stadthalle 21423 Winsen/Luhe, Luhdorfer Straße 29 ein. Tagesordnung: 1) Begrüßung/Beschlussfähigkeit/Protokoll, 2) Rechenschaftsberichte des KV und der Vorstandsmitglieder, 3) Kassenprüfung und Entlastung des Vorstands, 4) 100 Jahre Patenschaft mit Kassel 2015, 5) Beziehungen zum Rayon Nesterow, 6) Humanitäre Hilfe, 7) Verschiedenes. Wir bitten um zahlreiche Teilnahme.

 

LÖTZEN

Kreisvertreter: Dieter Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg. Geschäftsstelle: Ute Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg, Telefon (040) 6083003, Fax: (040) 60890478, E-Mail: KGL.Archiv@gmx.de

Sonnabend, 21. Juni, Lötzener Heimatmuseum in der Patenstadt Neumünster, Sudetenlandstraße 18 h (Böcklersiedlung), Öffnungszeit von 10 bis 16 Uhr. Es ist die letzte Gelegenheit, sich die Sonderausstellung „Ostpreußen, wie es war – Kindheitserinnerungen in der Malerei von Helene Dauter“ anzusehen. – Sonnabend, 28. Juni: Im Lötzener Heimatmuseum wird um 14 Uhr die Kunstausstellung „Hauptweg und Nebenwege“ eröffnet, eine Retrospektive der Künstlerin Elena Steinke anlässlich ihres 50. Geburtstages. Elena Steinke, die auf über drei Jahrzehnte künstlerisches Schaffen zurückblickt, wurde 1964 in Königsberg geboren. 1984 beendete sie mit dem Diplom für angewandte Kunst ihre Ausbildung in Tscheljabinsk/Ural. In den Jahren 1997/98 absolvierte sie eine Zusatzausbildung in Computergraphik und Design. Bis Ende 2000 war sie als Künstlerin in Kaliningrad tätig und übte unter anderem eine Lehrtätigkeit am „Zentrum für angewandte Kunst, Forschung und Methodik“ aus. Elena Steinke entdeckte nach ihrem Umzug nach Nordfriesland nicht nur neue Materialien für ihr Kunstschaffen, wie zum Beispiel Acrylfarbe, auch mit den von ihr angewandten Techniken und in den Themen, mit denen sie sich im zurückliegenden Jahrzehnt intensiv befasste, erreichte sie eine wachsende Spannbreite. Sie hat sich mit nordfriesischen Trachten und Märchen beschäftigt, sie hat „Ikonen-Inspirationen im russischen Stil“ geschaffen und Illustrationen zu einem Märchenbuch, sie hat Serien erarbeitet wie „Musikansichten“ oder „Zurück zum Abstrakten“, sie hat einen Zyklus „Russische Bilder“ gestaltet, sich mit Werken von Agnes Miegel und Ernst Wiechert auf besondere Weise auseinandergesetzt sowie sich mit dem Kriegs­ende und den Schrecken von Flucht und Verlust beschäftigt. Vor allem hat Elena Steinke eine ganz eigene künstlerische Handschrift entwickelt. Die Besucher erwartet ein vielfältiges, gehaltvolles Werk, das mit seiner besonderen Ausstrahlung Stationen eines künstlerischen Entwicklungsweges aufzeigt. Ute Eichler, die verantwortliche Betreuerin des Lötzener Heimatmuseums, wird um 14 Uhr die Besucher begrüßen und mit dem Vortrag „Die Kunst und wir – Die Künstlerin Elena Steinke“ den Versuch einer verbalen Annäherung an das Werk unternehmen. Interessierte Gäste sind herzlich willkommen! Die Künstlerin ist anwesend.

 

TILSIT–STADT

Stadtvertreter: Hans Dzieran, Stadtgemeinschaft Tilsit, Postfach 241, 09002 Chemnitz. Geschäftsführer: Manfred Urbschat, E-Mail: info@tilsit-stadt.de.

Die Schulgemeinschaft „Neustädtische Schule Tilsit“ veranstaltet ihr Jahrestreffen von Montag, 4 August, bis Mittwoch/Donnerstag, 6./7. August, zum neunten Mal in der Lüneburger Heide. Es findet statt in der „Zur Alten Fuhrmanns-Schänke“, Dehningshof 1, 29320 Hermannsburg/OT Oldendorf, Telefon (05054) 98970, E-Mail: info@fuhrmanns-schaenke.de. Auf rege Teilnahme freut sich Schulsprecher Erwin Feige.


Marken unter sich in Ellingen

Zum 21. Mal trafen sich die Briefmarkensammler der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Ostgebiete im Kulturzentrum Ostpreußen zu ihrer Tagung für Süddeutschland. Nach der Begrüßung durch den Direktor des Kulturzentrums Wolfgang Freyberg zeigte Annemarie Conrad von Heydendorff-Aschenbrenner in einem „Ostpreußen-Spezial“ Streifzüge durch Geschichte und Landschaften, besuchte seltene Stätten, originelle Künstler, seltsame Käuze, Brauchtum und sportliche Höhepunkte.

Der ehemalige niedersächsische Kultus-Staatssekretär und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Hartmut Saager, beschrieb den Kreis Bartenstein und seine Poststempel, die er auch als ausgewählte Exponate in einer Ausstellung zeigte. Weitere Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft präsentierten neue Fundstücke aus dem Sammelgebiet, das bis zum Zweiten Weltkrieg eine Fundgrube für Briefmarkenfreunde ist. mef


S. 19 Heimatarbeit

Unermüdliche Helferin
Goldenes Ehrenzeichen der LO für Margarete Beyer − Eine Laudatio

Margarete Beyer wurde am 23. September 1928 in Calsen in Westpreußen geboren und kam im Zuge der Familienzusammenführung nach Westdeutschland. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie im ostpreußischen Rastenburg in einem Kombinat als Buchhalterin gearbeitet. Ihren Berufsabschluss und die Reifeprüfung erlangte sie in Abendkursen.

In Westdeutschland fand Margarete Beyer Arbeit in einem Bauunternehmen und machte eine Umschulung zur Bürokauffrau. Dank dieser Ausbildung wurde sie 1985 vom „Landesverband der vertriebenen Deutschen“ in Kiel (damals noch LvD) eingestellt. Im Zuge ihrer dortigen Tätigkeit stellte sich heraus, dass ihre Sprachkenntnisse in Russisch und Polnisch als Dolmetscherin und Übersetzerin sehr wertvoll waren. Margarete Beyer half daraufhin den Aussiedlern im Durchgangslager Jägerslust recht wirkungsvoll bei der Arbeitssuche und bei Behördengängen.

Als offiziell anerkannte „Beraterin für Spätaussiedler“ wirkt Frau Beyer seit dem 1. August 1985 im Kieler „Haus der Heimat“ (HdH) des Verbandes der Heimatvertriebenen und erteilte dort jahrelang viermal wöchentlich Deutschunterricht. Hunderte Hilfssuchende hat sie seitdem beraten und unterstützt, unter diesen waren sehr viele ost- und westpreußische Landsleute. Bald kam bei vielen Vertriebenen der Wunsch nach geselligen Treffen im Haus der Heimat auf, die Margarete Beyer nicht nur für ihre ost- und westpreußischen Landsleute, sondern auch für andere Landsmannschaften organisierte.

Ohne Frau Beyer wäre das „Haus der Heimat“ ein „totes Haus“. Sie kontrolliert fast täglich die Räumlichkeiten im Hause, sorgt für Ordnung und Beseitigung von Mängeln. Planung und Koordination der Raumbelegung, Dekoration und Ausschmückung des großen Saales für alle Veranstaltungen der Heimatvertriebenen sind ihr ein großes Anliegen.

Seit dem 26. Mai 1999 bis heute fungiert Margarete Beyer als Schatzmeisterin und Geschäftsführerin des VdH in Kiel. Vom August 1998 bis Juni 2011 war sie zudem als Geschäftsführerin und Schatzmeisterin für die Ostpreußen-Hilfsgemeinschaft in Kiel tätig. Zusätzlich leitet sie nach dem Tode von Hannelotte Berg seit 2011 den Ortsverband der Ostpreußen in Kiel.

Auch auf Landesebene ist Margarete Beyer seit vielen Jahren für die Ostpreußen tätig. Seit dem 1. August 1993 ist sie die Geschäftsführerin und äußerst zuverlässige Schatzmeisterin der Landesgruppe der Ostpreußen in Schleswig-Holstein.

Margarete Beyer ist für ihre vielfältige ehrenamtliche Arbeit im Jahre 2008 mit dem Ehrenzeichen in Gold des BdV ausgezeichnet worden. Von den Sudetendeutschen erhielt sie deren außergewöhnlichen Kulturpreis im Jahre 2012. Das Ehrenzeichen in Silber der Landsmannschaft Ostpreußen wurde ihr im Jahre 1996 verliehen. In Würdigung ihrer außergewöhnlichen Leistungen und ihres unermüdlichen Einsatzes für Ostpreußen verleiht die Landsmannschaft Ostpreußen Frau Margarete Beyer das Goldene Ehrenzeichen. PAZ


Der Wald ruft!
Erdbeeren und Blaubeeren locken ein Schleckermaul an

Ein heißer ostpreußischer Sommertag dämmert herauf. Am Fenster stehend, beobachte ich, wie sich die Sonne über der Johannisburger Heide langsam immer höher schraubt. Draußen, auf dem Flur der kleinen Ferienpension, herrscht fröhliche Aufbruchsstimmung. Ich höre Türenschlagen, Stimmen und Gelächter – und nun auch noch ein munteres Pochen an meiner eigenen Zimmertür.

Der Blondschopf meiner Cousine schiebt sich durch den Spalt: „Bist du fertig? Wir warten nur noch auf dich! Und nimm ja keine Jacke mit, es wird mächtig heiß heute.“ Ich schweige, und plötzlich begreift meine Cousine, dass ich gar nicht die Absicht habe, die große Seenrundfahrt mitzumachen. „Warum hast du nicht schon vorhin, beim Frühstück, die Katze aus dem Sack gelassen?“, will sie wissen. „Ihr wart alle so voller Vorfreude. Da wollte ich nicht der Wermutstropfen sein.“ Ulla mustert mich von der Seite. „Also schön“, höre ich meine Cousine seufzen. „Dann bring’ ich unseren Leuten jetzt mal bei, dass du dir heute ’ne Extrawurst braten willst.“

Vom offenen Fenster aus verfolge ich die Abfahrt der beiden Autos. „Du wirst es bei der Hitze noch bereuen, nicht mitgefahren zu sein!“, lacht Cousin Achim zu mir hoch. „Auf dem See herrscht immer ’ne kühle Brise.“

Ein letztes Winken und Scherzen, dann rollen die Wagen hupend vom Hof. Es wird still, nur von der Küche her ertönt leises Geschirrklappern. Ich genieße den Blick über die noch tauglänzenden Wiesen, spüre das Brennen der Morgensonne auf meinen Wangen und koste das Gefühl der Freiheit aus. So herrlich der Anblick des glitzernden Beldahn- und Niedersees auch sein mag – der Gedanke, sich das Deck mit zig Ausflüglern teilen zu müssen, womöglich noch bei Musikberieselung aus dem Schiffslautsprecher – dieser Gedanke lässt Neidgefühle gar nicht erst aufkommen.

Nach sechs schönen, abwechslungsreichen, aber stets „en famille“ verlebten Urlaubstagen soll es heute nur nach meinem Gusto gehen. Von Bozena, unserer Pensionswirtin, leihe ich mir ein Fahrrad, das noch gut in Schuss ist, stopfe die Packtaschen mit Proviant voll und sause los. Ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, fahre ich in nordwestlicher Richtung, vorbei an Getreidefeldern, in denen Klatschmohn und Kornblumen das Sagen haben und einsame Gehöfte ihren Dornröschenschlaf halten.

Gegen Mittag passiere ich jenes Dorf, in dem wir vor Jahren zu Gast waren. Ein unbefestigter Weg führt hinaus zu dem Anwesen von Wolfgang und Ingrid, gebürtigen Holsteinern, die sich hier, in der Heimat ihrer Vorfahren, ein zweites Zuhause geschaffen haben. Viel Zeit ist seit unserem letzten Beisammensein verstrichen, zu viel Zeit, und so habe ich auch nicht die Absicht, den beiden einen Besuch abzustatten.

Das Tempo trotzdem ein wenig verlangsamend, radele ich den dicht am Gartenzaun vorbeiführenden Feldweg entlang, staune, wie gewaltig die seinerzeit frisch gepflanzten Bäumchen in die Höhe geschossen sind und registriere im Vorbeifahren den neuen zartgelben Anstrich des Hauses.

Als ich wieder kräftiger in die Pedale trete, höre ich hinter mir eine fröhliche Stimme: „Sind Sie’s oder sind Sie’s nicht?“ Ich steige vom Rad, blicke mich um und sehe vor der offenen Garage einen grauhaarigen Mann, der gerade leere Wasserkästen in seinen Geländewagen stapelt. Die Haarfarbe irritiert mich, das herzliche Lachen räumt jedoch alle Zweifel aus. „Ja, es hat sich vieles verändert“, begrüßt mich Wolfgang und fasst sich an den Schopf. „Nicht nur das Haus hat die Farbe gewechselt.“ Ich erfahre, dass ich an meiner Frisur, meinem Pony erkannt worden bin und Ingrid vor einer Viertelstunde zum Beerensammeln aufgebrochen ist. Während Wolfgang sich mit Kisten und Kästen auf den Weg zum nächsten größeren Sklep macht, führt mich mein Weg nun in Waldeseinsamkeit.

Sonnenlicht rieselt durch die Baumkronen, leuchtet Lichtungen scheinwerferartig aus und vertreibt Schatten und Düsternis. Ich brauche nicht lange zu suchen. Meine Fahrradklingel lässt die zierliche kleine Frau, die da mit ihren Spankörben durchs Unterholz steigt, sofort aufblicken.

Auch hier ist Wiedersehensfreude spürbar und es gibt viel zu erzählen, so viel, dass ich mein Rad auf der Lichtung stehen lasse und zusammen mit Ingrid „in die Beeren“ gehe. Mühsam ist es, die winzig kleinen Walderdbeeren von den Stängeln zu rupfen, doch ihre Süße und ihr unvergleichliches Aroma lassen mich alle Anstrengung schnell vergessen. Und so empfinde ich es als ein großes Geschenk, diese nur vom Ruf des Kuckucks unterbrochene grüne Stille zu atmen, federnden Waldboden unter den Füßen zu spüren und ganz nebenbei noch Früchte zu ernten, die es so in keinem Geschäft zu kaufen gibt.

Langsam beginnt mein Rücken zu schmerzen. Trotzdem gehe ich immer wieder in die Hocke, um Erdbeeren oder die nicht minder aromatischen Blaubeeren zu pflücken. Für Sekunden bin ich bei meinen Angehörigen an Bord der weißen Flotte, rieche den Duft des Wassers und weide meine Augen an der Unendlichkeit der Masurischen Seen. Und möchte doch um nichts in der Welt mit ihnen tauschen. Renate Dopatka


S. 20 Heimatarbeit

Viel Müh, viel Ehr viel Dank
Arbeitsbesuch im Kreis Elchniederung − Hilfsgüter für Bedürftige verteilt

Am frühen Morgen des 17. Mai machten sich Helga und Jürgen Stoßberg, Renate und Eberhard Grzmehle sowie Galina und Ralf Möllering zum alljährlichen Arbeitsbesuch auf den Weg in den Kreis Elchniederung im Rajon Heinrichswalde [Slawsk]. Im Gepäck waren insbesondere Hilfsgüter für die sozialen Dienste im Partnerschaftskreis.

Bereits beim Erreichen des Kreisgebietes fiel als erstes positiv auf, dass auch in den Dörfern die Hauptstraßen nachts beleuchtet waren. Am 18. Mai standen einige private Besuche an, morgens wurde spontan der Entschluss gefasst, den lutheranischen Gottesdienst zu besuchen. Erfreulich war festzustellen, dass immerhin 35 Gemeindemitglieder an dem Gottesdienst teilnahmen.

Am Nachmittag unternahm Möllering mit Alik und Roman Mikshta eine Exkursion in den Kreis Schlossberg/Rajon Haselberg, um auch den großelterlichen Bauernhof zu besuchen. Mikshta wollte seinen Metalldetektor ausprobieren. Es fanden sich jedoch fast nur kleine Metallstücke, aber als Überraschung das Metallschild „Feuersozietät Ostpreußen“. Auch in dem Landkreis ist eine positive Entwicklung unübersehbar.

Am 19. Mai traf die Gruppe Landrat Sergej Lawrikaitis sowie die uns schon lange bekannten Sachgebietsleiter und Leiterinnen Shanna, Slava, Irina, Anastasia im Konferenzraum der Verwaltung. Chefredakteurin Lidia war zugegen und berichtete in der nächsten Ausgabe der „Slawsker Nachrichten“ ausführlich.

Es zeigte sich, dass sich seit dem letzten Besuch einiges zum Positiven verändert hat. Zunächst sind Arbeitsplätze entstanden. Die Molkerei arbeitet wieder, am Bahnübergang entstand Zerlegebertrieb für Schlachtvieh. Dazu wurden die halbverfallenen Fabrikhallen saniert und durch weitere Gebäude ergänzt. Dieser Betrieb stellt keine Konkurrenz für die bestehende Wurstfabrik dar.

Derzeit wird die Kanalisation umfangreich saniert, die Verkehrsregelung ist für Nicht-Einheimische etwas problematisch.

Der Förderverein will mithelfen, die sportlichen Aktivitäten zu verbessern. Die im Vorjahr gegründete Frauensportgruppe wird sehr gut angenommen, Renate Grzmehle nutzte die angebotene Gelegenheit, an einem Abend das Training zu leiten.

Des Weiteren ist jetzt Eltern-Kind-Turnen fester Bestandteil der Sportangebote. Über den Fußballtrainer Oleg soll eine erste Mannschaft zum Austausch nach Nordhorn kommen. Der Förderverein unterstützt all dieses mit Ideen und Sachleistungen.

Am 20. Mai besuchte die Gruppe den Kindergarten. Erfreut teilte die Leiterin Elena mit, dass Kinder aus Heinrichswalde bei den jährlichen Leistungswettbewerben auf Kreis- und auch auf Gebietseben Spitzenplätze belegten, beispielsweise Darja Gwosdenko sogar für Nordwestrussland (also Königsberg und auch St. Peterburg).

Anschließend stand der Besuch des sozialen Dienstes Jugendnothilfe an. Hier warteten Verwaltungschef Sergej Artjuchow sowie Amtsleiterin Shanna auf die Gruppe. Die zugesagten Spielzeuge wurden übergeben. Als besondere Überraschung lud Sergej zu einem gemeinsamen Mittagessen nach Lauknen am Donnerstag ein.

Nachmittags wartete bereits die Chefärztin des Kreiskrankenhauses auf die Gruppe. Beeindruckend waren die vollständig renovierten Stationen des Hauses, für das gesamte Gebiet beispielhaft. Die gespendeten Betten sind angekommen, allerdings fehlt die dringend benötigte Bettwäsche, insbesondere Spannbettbezüge. Der Verbleib der versandten Wäsche ist noch zu ermitteln. Möglicherweise fehlte auf dem letzten Transport der Malteser noch etwas Platz im Lkw.

Am 21. Mai führte die Leiterin der Sozialstation, Olga, der Gruppe einen Film über den Senioren- Computerkurs vor, den ihre engagierte Tochter leitet. Eine 75-jährige Teilnehmerin geht dabei jede Woche die sieben Kilometer von ihrer Wohnung außerhalb der Stadt zu Fuß zum Kurs und wieder zurück.

Gespendete Gehhilfen/Rollatoren sind dort nach wie vor sehr begehrt. Das Angebot reicht von speziellen Kursen wie etwa Computer über Gesprächskreise, Gesundheitssport und Therapien.

Anschließend erwartete Chefredakteurin Lidia die Gruppe in der Redaktion. Diakonin Lidia von der lutheranischen Kirchengemeinde sowie Kulturreferentin Irina gesellten sich dazu. Die Chefredakteurin zeigte einen Vorabdruck für die nächste Ausgabe, in dem sie die Aktivitäten des Fördervereins ausführlich darlegte. Für unser Wirken im Partnerschaftskreis ist sie unverzichtbar. Nahezu jeder Einwohner kennt den Förderverein. Viele Passanten sprachen die Gruppe auch an. Und gerade diese persönlichen Begegnungen sind der Schlüssel für ein erfolgreiches Wirken im Partnerschaftskreis.

Am 22. Mai fuhr eine deutsch-russische Gruppe unter Leitung des Pressereferenten Slava Kent zur Exkursion nach Lauknen. Neben der Gruppe des Fördervereins waren die Leiterinnen der besuchten Einrichtungen sowie die schon erwähnten Amtsleiterinnen wie auch Chefredakteurin Lidia mit dabei.

Der Bus fuhr zunächst zum Haus Moosbruch des Vereins Anthropos. Hier versorgten sich die Teilnehmer der anschließenden Moorwanderung zunächst mit Gummistiefeln. Dann ging es auf den angelegten Moorlehrpfad. Slava erklärte ausführlich die Geschichte des damals größten Naturschutzgebietes Deutschlands. Das Hochmoor ist nach wie vor streng geschützt. Die Vegetation ist einzigartig, einzelne Pflanzen kommen nur hier vor. Daher ist dieses Moor bei russischen Biologiestudenten äußerst beliebt.

Wanderungen in das Moor sollten grundsätzlich nur mit einem Führer unternommen werden. Slava Kent bietet dieses nach vorheriger Absprache für Interessierte ausdrücklich an. Der Wanderung schloss sich ein gemeinsames Mittagessen an, zu dem sich Sergej Artjuchow hinzugesellte. Ebenso anwesend war der deutsche Anthropos-Initiator Jürgen Leiste.

Der Tag wurde beendet mit einem festlichen Abend im Restaurant Galaktika in Heinrichswalde, zu dem sich neben dem schon erwähnten Personenkreis auch langjährige Freunde und Sponsoren wie der Unternehmer Igor Rudenkow aus der Stadt hinzugesellten. Dieser Abend wurde zu persönlichen Gesprächen genutzt und hat sicher das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt.

Der 23. Mai wurde für Einkäufe und persönliche Dinge genutzt. Am Vormittag traf Möllering den ehemaligen Landrat Wladimir Proskurin. Er ist im Veteranenverband aktiv und lud spontan in die örtliche Geschäftsstelle ein. Im Gespräch mit den beiden Bediensteten wurde mehr Gemeinsames als Trennendes festgestellt.

Am 24. Mai nahm die Gruppe auf besondere Einladung des Schuldirektors Wiktor Kisseljow an der Zeremonie „Letzte Schulglocke“ teil. Die Abschlussklasse wird hierbei feierlich verabschiedet, eine ergreifende Zeremonie.

Gegen Mittag stand dann die Rückfahrt an, der Grenzübertritt bereitete wiederum keine wesentlichen Probleme, so dass alle Teilnehmer am folgenden frühen Sonntagmorgen wohlbehalten wieder zurückkehrten.

Fazit: Es kostet viel Zeit und Energie, aber wenn unsere Ideen so positiv aufgenommen und gemeinsam mit unseren Heinrichswalder Freunden umgesetzt werden, ist es ein Schritt in die richtige Richtung und gibt die Gewissheit, dass die Arbeit des Fördervereins die zwischenmenschlichen Beziehungen stärkt und eine bessere Verständigung zwischen den Ländern bewirken kann.

Damit die gerade angelaufenen Aktivitäten nicht abbrechen, sind Spenden dringend notwendig. Die Menschen möchten, dass es vorwärtsgeht und können aus finanziellen Gründen (niedrige Löhne, hohe Lebenshaltungskosten) oftmals nur ihren Idealismus einbringen. Ralf Möllering

Förderverein Slawsk e.V.


Eine Verwöhn-Kur
Sommerfreizeit für Senioren in Bad Pyrmont

Vom 30. Juni bis 14. Juli bietet das Ostheim die diesjährige Sommerfreizeit für Senioren an. Freizeiten im Ostheim, das sind abwechslungsreiche und erholsame Urlaubstage in Bad Pyrmont. Die Angebote reichen vom morgendlichen Singen, der Seniorengymnastik, Dia- und Videoabenden, Lesungen aus Werken ostpreußischer Dichter und Schriftsteller, Spaziergängen, Museumsbesuchen bis zur heimatlichen Speisekarte am Mittag und Abend. Der 2005 als „Schönster Kurpark Deutschlands“ ausgezeichnete Kurpark lädt zu Kurkonzerten, einem Bummel durch den größten Palmengarten nördlich der Alpen oder zum Ausprobieren des Wassertretbeckens und des Barfuß-Pfades ein.

In der Hufeland-Therme kann man die Meersalzgrotte genießen, in verschiedenen Saunen schwitzen oder das Wasser in verschiedenen Formen auf den Körper wirken lassen, auch ambulantes Kuren ist möglich. Bad Pyrmont selbst lädt mit seinen Sehenswürdigkeiten, Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Kulturangeboten zum Bummeln und genießen ein. Die Stadt Bad Pyrmont und das Staatsbad bieten in dieser Zeit folgende Kulturangebote an: 5. Juli: Weltklassik am Klavier mit Chisato Kusunoki, 5. bis 7. Juli: Historischer Fürstentreff, ab 11. Juli beginnen wieder die Vorstellungen der Pyrmonter Theater Companie auf der Schlossinsel, die in diesem Jahr das Stück „Klotz am Bein“, eine Komödie von Georges Feydeau, zeigt.

Am letzten Abend wird gemeinsam Abschied gefeiert, bei dem jeder nach seinen Möglichkeiten besinnliche und lustige Beiträge beisteuern kann. Jeder ist in einer Gemeinschaft mit ostpreußischen und ostdeutschen Landsleuten, in einer großen Familie.

Diese 14-tägige Freizeit kostet im Einzelzimmer 670 Euro und im Doppelzimmer pro Person 580 Euro. Die Inklusivpreise beinhalten Vollpension und die Gästebetreuung. Die Kurtaxe wird vom Staatsbad Bad Pyrmont separat erhoben. Anfragen und Anmeldungen, diese bitte nur schriftlich, sind zu richten an: Ostheim – Jugendbildungs- und Tagungsstätte, Parkstraße 14, 31812 Bad Pyrmont, Telefon (05281) 9361-0, Fax: (05281) 9361-11, E-Mail:

info@ostheim-pyrmont.de. PAZ


S. 21 Lebensstil

China im Engels-Rausch
Wuppertal ist die Wiege des Kommunismus − sagen die Chinesen und spendeten eine Friedrich-Engels-Statue

Im Volksmund hat die Redewendung „über die Wupper gehen“ in etwa die Bedeutung von „kaputt gehen“ oder auch „sterben“. Seit einigen Jahren gehen immer mehr Chinesen in Wuppertal über die Wupper – mit einer überraschend belebenden Wirkung für die Stadt.

Die Stadt Wuppertal ist mit rund 350000 Einwohnern zwar „nur“ die siebtgrößte Stadt Nord­rhein-Westfalens, doch in China, steht sie an vorderster Stelle der Bekanntheit − und deshalb auch an vorderster Stelle im Besuchsprogramm chinesischer Touristen, die Deutschland besuchen.

Immerhin kann Wuppertal mit der weltberühmten Schwebebahn punkten, dem einzigartigen Nahverkehrsmittel, das seit 1901 auf einer Strecke von rund 13 Kilometern hoch über der Wupper durch die langgezogene Stadt schwebt. Die genial konstruierte Bahn, in der auch Wilhelm II. mit Gattin Auguste Victoria am 24. Ok­tober 1900 schwebte, nutzt den Flussverlauf der Wupper als Trasse und spart somit viel Platz.

Doch die Schwebebahn ist trotz ihrer Einzigartigkeit nicht die Hauptattraktion für chinesische Touristen. Der Chinesen-Magnet befindet sich im Stadtteil Barmen, ist alt und renovierungsbedürftig und heißt Engels-Haus. Das schiefergedeckte Gebäude aus dem

18. Jahrhundert gehörte einst der wohlhabenden Textilunternehmerfamilie Engels. Hier ist Fried­rich Engels aufgewachsen, der zusammen mit Karl Marx „Das Kommunistische Manifest“ verfasste und sich damit im feudal geprägten Deutschland seiner Zeit ziemlich unbeliebt machte. So unbeliebt, dass er nach der „März“-Revolution von 1848 seinen Wohnsitz nach England verlegen musste. Dort, in London, starb er auch im August 1895.

Marx und Engels − noch heute sind die beiden Deutschen als Begründer des Wissenschaftlichen Sozialismus im Reich der Mitte hoch verehrt. Jedes Kind in China lernt schon in der Schule Leben und Werke von Marx und Engels kennen. Wer Karriere machen will in China, kommt nicht drumherum, Marx und Engels gelesen zu haben. Gerade der wohlhabende Unternehmersohn und „Kapitalist“ Engels ist für viele Chinesen ein Vorbild, wie – etwas platt gesagt – Kommunismus und Kapitalismus zusammenkommen können.

Ein Besuch des Marx-Geburtshauses in Trier und des Engels-Hauses in Wuppertal gehört zum Pflichtprogramm chinesischer Reisegruppen. Ingrid Elsner vom Wuppertaler Engels-Haus, das Teil des „Museums für Frühindustrialisierung“ ist, nennt allein 30 offizielle Delegationen aus China, die 2013 dem Engels-Haus einen Besuch abstatteten. Hinzu kommen ungezählte Individual-Touristen und private Reisegruppen.

Der Beginn der „Eroberung“ Wuppertals durch China begann am 28. November 2010, dem 190. Geburtstag Engels. Der damalige Generalsekretär des Staatsrates der Volksrepublik China, Ma Kai, besuchte Wuppertal und natürlich auch das Engels-Haus. Dort lauschte er dem mehrstündigen Vortrag von Museumsdirektor Eberhard Illner über den Unternehmer, Philosophen und Revolutionär Engels. Bei diesem Besuch kündigte Ma Kai an, dem Museum eine Statue von Engels zu spendieren. Als Geschenk der kommunistischen Volksrepublik China an die Stadt Wuppertal zu Ehren des großen Sohnes der Stadt, dem kommunistischen Vordenker Engels.

Ma Kai, heute übrigens Vize-Premierminister Chinas, beließ es nicht beim freundlichen Ankündigen, sondern machte „Nägel mit Köpfen“. Botschaftsmitarbeiter kamen nach Wuppertal und holten umfangreiche Informationen über Engels ein. Der Bildhauer sowie Künstler Zeng Chenggang, Vorsitzender der chinesischen Skulpturenkommission, wurde beauftragt, das Denkmal für Engels zu entwerfen und zu gestalten.

Für die Wuppertaler Stadtspitze stand allerdings nicht so sehr die Ehrung Engels im Vordergrund dieses deutsch-chinesischen Projektes. Vielmehr versprach man sich eine Belebung des Tourismus aus Fernost. Und auch die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zum bevölkerungsreichsten Land der Erde sollten ausgebaut und intensiviert werden. Ma Kai hatte bei seinem Besuch vor vier Jahren unter anderem eine Städtefreundschaft zu einer chinesischen Metropole angeboten.

Im Juli 2012 vereinbarten Vertreter der südchinesischen Städte Xinxiang und Dongguan eine Ko­operation mit Wuppertaler Institutionen. Zu einer offiziellen Städtepartnerschaft kam es bislang aber noch nicht. Wohl auch deshalb, weil die finanziell arg gebeutelte Stadt Wuppertal straffe Haushalts-Vorschriften einhalten muss. Teure deutsch-chinesische Be­suchsprogramme wie Schüleraustausche sind derzeit nicht machbar.

Allerdings wurde vor zwei Jahren auch das „C³“ (China Competence Center) der Wirtschaftsförderung Wuppertal gegründet. Johr Zhou und seine Kollegin Fang Liu kümmern sich um alles, was der deutsch-chinesischen Zusam­menarbeit dient. Sie berichten, dass mittlerweile rund 800 Chinesen in Wuppertal leben, allein etwa 350 als Studenten der Bergischen Universität Wuppertal.

Am 11. Juni wurde das Geschenk der Volksrepublik China an die Stadt Wuppertal feierlich übergeben. Oberbürgermeister Peter Jung und der chinesische Botschafter in Deutschland, Shi Mingde, enthüllten vor rund 300 Gästen eine 3,85 Meter hohe Bronzestatue von Engels. Der Künstler, Zeng Chenggang, sagte, dass diese Skulptur nicht nur ein Auftrag, sondern eine Herzensangelegenheit für ihn gewesen sei. Siegfried Schmidtke


Strauß bunter Themen
Nicht unterzukriegen: »Reader’s Digest«, die Gute-Laune-Lesedusche aus den USA

Personen, die in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind, erinnern sich wahrscheinlich noch gut an die Monatszeitschrift „Das Beste aus Reader’s Digest“, die wie Nierentisch und Tütenlampe zum trauten Heim gehörte. Entweder fanden sich die Hefte im Haushalt der Eltern oder von Verwandten, oder man lieh sich einzelne Ausgaben von Freunden. Die spannenden und zu Herzen gehenden, humorvollen und durchweg optimistischen Geschichten aus „Das Beste“ sprachen Erwachsene ebenso an wie Jugendliche, öffneten sie doch ein Fenster nach Amerika, dem fernen, bewunderten Land, zu dem alle aufblickten und das für viele das Land ihrer Träume war.

Für einen kleinen Teil der Leser wurde die beliebte Lektüre im Taschenbuchformat zum Lebensbegleiter. Im Allgemeinen aber ist „Reader’s Digest Deutschland“ heute eher durch die häufig als lästig empfundenen Werbeaktionen des Verlags bekannt. Doch das Abo-Magazin „Reader’s Digest“ ist nach wie vor die weltweit auflagenstärkste Monatszeitschrift. Mit 16 Millionen Exemplaren werden nach eigenen Angaben 70 Millionen Leser in mehr als 50 Ländern erreicht.

Auszüge aus Büchern und Zeitschriften „von bleibendem Wert“ abzudrucken war das Konzept der Muttergesellschaft „The Rea­der’s Digest Association, Inc.“, gegründet 1922 von Lila A. Wal­lace und William Roy DeWitt Wallace in Pleasantville bei New York. Die Idee setzte sich durch und sollte lange Zeit Bestand haben.

Nachdem in den USA die erste, ausschließlich durch Postversand erhältliche Edition von „Reader’s Digest“ im Februar 1922 erschienen war, expandierte das Unternehmen kontinuierlich. 1938 wurde die erste Auslandsausgabe in Großbritannien und 1940 die erste fremdsprachliche Ausgabe in Spanisch für Lateinamerika aufgelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Ausgaben für Australien, Dänemark, Französisch-Kanada, Norwegen, Französisch-Belgien, Deutschland, die französi-sche und die deutschsprachige Schweiz sowie für Südafrika.

In Deutschland war es im September 1948 so weit. Die US-Amerikaner gründeten eine Niederlassung in Stuttgart und versandten die ersten Exemplare der deutschen und deutsch-schweizerischen Ausgabe von „Reader’s Digest“ mit dem Titel „Das Beste aus Reader’s Digest“. Bis heute liegt der deutche Vertriebsschwerpunkt in den seinerzeit von der US-Armee besetzten südlichen Landesteilen.

Im ersten Heft war zu lesen: „Wer die heutige Welt verstehen und neben dem Schlimmen auch das Hoffnungsvolle hervorheben will, täte gut, ‚Reader’s Digest‘ nicht zu vergessen.“

Die Herausgeber bekannten sich „zu dem Ideal freier und froher Menschlichkeit“. Ähnlich wie mit der Gründung von „Radio Free Europe“ zielte „Das Beste aus Reader’s Digest“ darauf ab, quasi als begleitende Reeducation-Maßnahme den Deutschen ein relativ ge­schlossenes Weltbild zu vermitteln, das mit der gesellschaftspolitischen Ausrichtung der Siegermacht USA übereinstimmte. Das galt vom Ansatz her global, wie denn auch die Firmengründer die Nähe zu konservativen Politikern, Unternehmern und Prominenten suchten. Nach wie vor bezeichnet sich der amerikanische Mutterkonzern „Reader’s Digest“ als politisch konservativ, pro-amerikanisch, optimistisch und christlich orientiert, während die europäischen Ländergesellschaften sich mehr dem profitablen Vertrieb von Unterhaltungsmedien verschrieben haben.

1959 kam in Deutschland, Österreich und der Schweiz das erste „Reader’s Digest Auswahlbuch“ mit vier Romanen in gekürzter Fassung als Angebot hinzu. In Mitteldeutschland wurden nach dem Mauerfall 1,2 Millionen Exemplare der Abo-Zeitschrift kostenlos verteilt.

Mit den Jahren stieg das Durchschnittsalter der Leser, und der traditionsreiche Verlag musste sich neu aufstellen, um sich im Konkurrenzkampf des modernen Medienmarkts zu behaupten, was seit dem Siegeszug der eBooks noch schwieriger wurde. Heute präsentiert sich das Monatsmagazin „Reader’s Digest Deutschland“ fast ausschließlich mit eigenen In­halten und einem bunten Strauß von häufig aus dem Englischen übersetzten Themen wie andere Unterhaltungsblätter auch. Unter der Dachmarke werden außerdem Bücher, Hörbücher, Musik-CDs und DVDs vertrieben.

Zum 60. Jubiläum bekräftigte die Verlagsleitung das Motto der ersten Stunde: „Wir verstehen uns als Anwalt der guten Nachricht und bekennen uns auch dazu.“ Während der US-amerikanische Mutterverlag bereits zweimal Insolvenz anmelden musste, führen die Tochtergesellschaften in Deutschland, der Schweiz und Österreich ihre Geschäfte nach eigenen Angaben erfolgreich weiter. Beizeiten, so heißt es, werde man sich wieder neu erfinden, doch ohne den Optimismus zu streichen, daran bestehe kein Zweifel. D. Jestrzemski


Eine Prise Salz
Salzhandel sorgte einst für viel Wohlstand

Früher nannte man es das weiße Gold: Salz. Ohne Salz könnten Menschen und Tiere nicht überleben. Denn es sorgt für den Transport von Wasser und Nährstoffen im Körper, ist wichtig für die Nerven und steuert den Blutdruck.

Wenn wir von Salz sprechen, meinen wir meistens Natriumchlorid, denn unser Kochsalz setzt sich aus den Elementen Na­trium und Chlor, abgekürzt NaCl, zusammen. Etwa 160 Gramm Kochsalz stecken in den Knochen, der Haut und den Zellen des Menschen. Mit Salz würzt man das Essen, man kann aber auch Lebensmittel damit haltbar machen. Als es noch keine Kühlschränke gab, hat man einige Lebensmittel wie Fisch oder Fleisch mit viel Salz eingepökelt, damit diese nicht verderben.

Vor Millionen Jahren war die Erde von Meer bedeckt. Als sich das Klima veränderte, verdunstete das Wasser und das Salz blieb zurück. Es wurde in weiteren Millionen Jahren von Erd- und Gesteinsschichten überlagert. So entstanden unterirdische Salzstöcke. Flüsse spülten aus den Gesteinsschichten das Salz heraus und transportieren es ins Meer.

Die Weltmeere enthalten riesige Salzvorkommen. Bei den Griechen und Römern wurde nur Meersalz verwendet. Das gewinnt man in Salzgärten. Dazu wird Meerwasser in angelegte Becken geleitet, das Wasser verdunstet in der Sonne und zurück bleiben Salzhaufen. Da die Gewinnung mühsam war, war Salz wertvoll. Beamte und Soldaten in Rom bekamen Häufig ihren Lohn in Form von Salz. Salzhandel war ein gutes Geschäft und so manche Städte wurden dadurch reich.

Manchmal stießen Menschen auf Salz, indem salzhaltiges Wasser (Sole) in Form einer Solequelle aus den Bergen rann. Im Mittelalter wurde Salz durch Sieden der Sole hergestellt. In die Hohlräume des Salzgesteins wurde Wasser eingeleitet. Die entstehende Sole siedete man in den Salinen (Salzwerken) in Pfannen so lange bis nur noch Salz übrig war.

Die wichtigsten deutschen Salzstädte waren Lüneburg, Halle und Bad Reichenhall. „Hall“ bedeutete bei den Kelten „Salz“. Tag und Nacht arbeitete man in den Salzhütten Lüneburgs, wofür viel Brennholz nötig war und so viel Waldbestand vernichtet wurde, dass dadurch die heutige Heidelandschaft entstand. Pro Jahr wurden in Lüneburg mehr als 20000 Tonnen Salz hergestellt, das man über eine Salzstraße nach Lübeck und in andere Hansestädte an der Ostsee transportierte.

Heute ist Salz billig geworden, weil Maschinen die Arbeit erleichtern. In Bad Reichenhall werden so täglich 600000 Speisesalzpäckchen verladen und verschickt. Silvia Friedrich


MELDUNGEN

Jury kürte bestes Porzellan-Design

Selb − Die besten 50 Designprodukte aus den letzten 25 Jahren bayerischer Porzellanproduktion können Besucher vom 18. Juli an im Porzellanikon, dem Staatlichen Museum für Porzellan in Selb und Hohenberg an der Eger, bestaunen. Eine Jury wählte jetzt die herausragendsten Design-Produkte für die Ausstellung „Porzellan für die Welt. 200 Jahre Porzellan der bayerischen Fabriken“, die am Standort Selb, Werner-Schürer-Platz 1, bis zum 30 November zu sehen sein wird. Weitere Infos: www.porzellanikon.org. tws

 

Freie Fahrt mit »liber-t«

Paris − Wer mit dem Auto in den Urlaub nach Frankreich fährt, kann jetzt einen langen Halt an den Mautstellen der Autobahnen vermeiden. Schlange stehen, Mautticket suchen, Bargeld oder EC-Karte herauskramen – all das gehört mit dem neuen „liber-t“ genannten Mautsystem nun auch für Bundesbürger der Vergangenheit an. Bei der Plakette wird der Mautbetrag direkt vom Bankkonto abgezogen. Die elek­tronische Plakette wird automatisch an der Einfahrt und der Ausfahrt der Autobahn erkannt und speichert die Transaktionen. Die Mautkosten werden daraufhin vom Bankkonto abgezogen. Die für „liber-t“ reservierten Spuren kann man mit 30 Stundenkilometern befahren und ermöglichen den Benutzern somit, die Mautstation schneller und ohne Halt zu passieren. Wer sich bis zum 30. Juni unter www.bipandgo.com/de anmeldet, erhält außerdem einen Rabatt von 4 Euro. tws


S. 22 Neue Bücher

Augen als Werkzeug
Der Kameramann Ballhaus

Im August 1935 wurde Michael Ballhaus in Berlin geboren. Im Sommer 1943 floh er mit seinen Eltern vor den Bombenangriffen in Berlin nach Schweinfurt in Bayern. Sein Vater erhielt die Lizenz zum Betrieb eines Theaters, und dies war der Anlass für Ballhaus, sich für das Metier zu interessieren. Später wechselte er dann vom Theater zum Film und wurde einer der bedeutendsten Kameramänner des deutschen und internationalen Films.

In der Autobiografie „Bilder im Kopf. Die Geschichte meines Lebens“ erzählt er von seinem abwechslungsreichen, manchmal abenteuerlichen, aber auch sehr arbeitsreichem Leben. „Dies sind die Erinnerungen eines Mannes, der mit seinen Augen gelebt hat. Zwei Augen haben die meisten, und die meisten können damit auch sehen – aber für mich waren diese Augen immer das wichtigste Sinnesorgan, das wichtigste Werkzeug, das ganze Kapital.“

Doch wie die meisten musste Ballhaus zunächst ganz klein anfangen. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete er mit dem exaltierten deutschen Regisseur und Filmproduzenten Rainer Werner Fassbinder zusammen. Das spannendste sind an dieser Stelle für den Leser jedoch nicht die detaillierten Schilderungen der einzelnen Produktionen, sondern das recht chaotisch anmutende Leben der Filmcrew und der Schauspieler zu dieser Zeit. Man beglück-wünscht Ballhaus zu der Entscheidung, sich für eine Familie und normale Verhältnisse statt für Intrigen und Sex mit diversen Partnern entschieden zu haben. Blumig schildert Ballhaus zum Beispiel, wie sich der Regisseur unglücklich in einen seiner männlichen Hauptdarsteller verliebte. „Er wollte Kaufmann in seinem Bett haben. Kaufmann wollte aber nicht, und Fassbinder betrank sich jeden Abend so sinnlos und konsequent, dass er, um nachts den entsprechenden Pegel zu erreichen, schon am Tag mit dem Trinken anfangen musste.“ Ballhaus stellt zwar klar, dass er dem Regisseur viel zu verdanken hat, lässt ihn jedoch auch in einem äußerst zweifelhaften Licht erscheinen.

Der Autor berichtet von seiner Arbeit an der Seite diverser Regisseure und seinem Wechsel in die USA, um dort mit dem damals noch nicht so berühmten Regisseur, Drehbuchautoren und Filmproduzenten Martin Scorsese zusammenzuarbeiten. Er beschönigt nicht, wie schwer und entbehrungsreich sein Leben als Kameramann und überhaupt das Leben in der Filmindustrie häufig war, vermittelt dem Leser aber auch eine große Dankbarkeit für seine Karriere und nicht zu vergessen seine Frau und seine zwei Söhne. Mit vielen Stars hat Ballhaus gedreht, und einmal rettete Dustin Hoffman ihm sogar das Leben.

„Es gibt Zeiten, da steht man draußen und fragt sich, ob man überhaupt hineinmöchte. Es gibt Zeiten, da steht man am Rande und will dringend hinein, in die Mitte, ins Zentrum des Geschehens. Es gibt Zeiten, da ist man mittendrin und fragt sich, ob man nicht schon viel zu lange drinnen ist, im System, in diesem Rhythmus, dem Leben eines Kameramannes.“

Ballhaus verlor 2006 seine Frau und bedingt durch den Grünen Star nach und nach sein Augenlicht, gewann aber dafür die Liebe der 25 Jahre jüngeren Film- und Fernsehregisseurin Sherry Hormann. „Bilder im Kopf. Die Geschichte meines Lebens“ ist die Geschichte eines großen Mannes, der klein anfing und das Leben mit all seinen schillernden Facetten und düsteren Schatten stets zu nehmen wusste. Vanessa Ney

Michael Ballhaus: „Bilder im Kopf. Die Geschichte meines Lebens“, DVA, München 2014, geb., 320 Seiten, 22,99 Euro


Ohne Sinn und Verstand
»Focus«-Redakteur belegt, dass die Energiewende ihre Ziele verfehlt

Der grüne Blackout. Warum die Energiewende nicht funktionieren kann“, so der Titel des Buches vom „Focus“-Redakteurs Alexander Wendt, das leider nur als E-Book bei amazon und nicht gedruckt erhältlich ist. Mit Blackout spielt er jedoch nicht auf einen Stromausfall an, sondern auf den Verlust der intellektuellen Reflexionsfähigkeit genau diesen hat er nämlich in Bezug auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf fast allen Ebenen der deutschen Gesellschaft festgestellt.

Wendt stellte sich zu Beginn seiner Recherchen die Frage, welche Ziele bisher mit der Energiewende erreicht wurden, und kam zu einem traurigen Ergebnis. Weder wurde der Kohlendioxidausstoß wie angestrebt reduziert, stattdessen wurde er sogar wegen Fehlanreizen beim EEG erhöht, noch entstanden Millionen grüne Jobs. Zudem verloren unzählige Investoren ihr Geld bei Ökoenergieanlagen. „Ist es möglich, dass dieses rationale Volk Jahr für Jahr Milliarden in einen planwirtschaftlichen Umbau der Energiewirtschaft pumpt, obwohl die Maßnahmen fast alle selbst gesetzten Ziele verfehlen“, fragt er so in seinem Vorwort.

Anhand zahlreicher Beispiele führt der Autor an, dass sich nahezu alle Voraussagen zu Kosten, Tempo und Folgen des Energieumbaus als falsch erwiesen haben. Und er stellt die Vordenker des EEG und ihre Weltsicht vor, denen es nur um die Umsetzung ihrer Ziele ging, egal zu welchem Preis. Diesen zahlen nun die deutschen Stromkunden. So erhielt die Grünstrombranche 2013 über 20 Milliarden Euro für Strom, der an der Strombörse jedoch nur einen Wert von 2,5 Milliarden Euro hatte, der Rest kam aus der EEG-Umlage. Wobei der Teil des Stroms, der von den überforderten Netzen nicht aufgenommen werden konnte, trotzdem vergütet werden musste. Diesen Unsinn kritisiert Wendt scharf, zumal er überzeugt ist, dass wenn der Gesetzgeber dieses unsinnige Privileg nicht geschaffen hätte, die Ökostromerzeuger längst die dringend benötigten Speicher geschaffen hätten.

Fehlanreize, wohin das Auge blickt, lautet das Urteil des Autors zum EEG. Zwar wird dieses derzeit reformiert, aber noch ist nicht absehbar, ob wirkliche Verbesserungen umgesetzt werden, so groß ist der Einfluss der Lobbygruppen. Hier wundert sich Wendt, dass Lobbyismus von der Ökostrombranche von deutschen Journalisten gutgeheißen und sogar häufig unterstützt wird, während beispielsweise ein ähnliches Verhalten bei der Autoindustrie scharf verurteilt wird. Auch erstaunt es ihn immer wieder, dass Windparks in Gegenden entstünden, wo kaum Wind wehe, Hauptsache sie erhöhten das Prestige der örtlichen Politiker.

Zudem wird mit der Behauptung aufgeräumt, dass die Streichung der Verschonung der energieintensiven Unternehmen von der EEG-Umlage den Strompreis senken würde. Bestenfalls gebe es zwei Jahre keine Erhöhung, doch dann wäre auch diese Änderung aufgefressen, zugleich wären aber vermutlich tausende Arbeitsplätze in der chemischen Industrie ins Ausland abgewandert. Und übrigens nicht nur dort: Auch die noch verbliebenen deutschen Solarmodulhersteller gehören zu den vier Prozent der Industriebetriebe, die von der EEG-Umlage befreit sind.

Die Rechercheleistung des Autors ist zu loben, da er viele Details zum EEG vorträgt, die nicht jedermann bekannt sind. Seine teils spitzen Kommentare geben der sonst eher nüchternen Analyse der EEG-Auswirkungen zudem eine angenehme Würze. Auch stellt er die richtigen Fragen. So sei die Energiewende, nur weil es Tage gibt, an denen Deutschlands Stromverbrauch fast vollständig aus Erneuerbaren gedeckt wird, noch lange kein Erfolg. Schließlich sei bis jetzt nicht nachhaltig gelöst, was passiert, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, und zudem sei das Thema Wirtschaftlichkeit völlig außer Acht gelassen worden.

Und wer profitiert nun überhaupt von der Energiewende, wenn selbst die Betreiber trotz Subventionen immer öfter Verluste machen? Wer dies und die Argumente dafür erfahren will, dem ist die Lektüre von „Der grüne Blackout“ zu empfehlen.

Rebecca Bellano

Alexander Wendt: „Der grüne Blackout. Warum die Energiewende nicht funktionieren kann“, edition blueprint, München 2014, E-Book via amazon beziehbar, 100 Seiten, 2,99 Euro


Auch für Franzosen ein Vorbild
Jean-Claude Mourlevat führt seine Landsleute an Geschwister Scholl heran

Über Sophie und Hans Scholl sowie über die Weiße Rose, so der Name ihrer Verschwörung, gibt es seit Jahrzehnten Dutzende von Publikationen, nicht wenige davon umfangreich, so zuletzt 2011 von Barbara Beuys „Sophie Scholl. Biografie“, die 493 Seiten stark war. Was will da „Nein zur Feigheit“?

Das Büchlein von Jean-Claude Mourlevat ist schon deshalb bemerkenswert, weil es sich um eine Lizenzausgabe handelt. Das Original ist in Frankreich erschienen und trägt den Titel „Sophie Scholl: ‚Non à la lâcheté‘“. In Frankreich wird also eine Deutsche, die zunächst von Hitler begeistert war, geehrt. Das ist bemerkenswert. Auch der Satz: „Man unterschätzt die Zahl der jungen Deutschen, die den Mut hatten, sich dem Hitler-Terror zu widersetzen.“ Andererseits will man den potenziellen Lesern nicht allzu viel zumuten. So haben auch Kurzfassungen ihre Berechtigung, zumal bei dem niedrigen Preis.

Warum Sophie hingerichtet wurde, ist hinlänglich bekannt. Sie hatte mitbekommen, dass ihr Bruder Hans regimekritische Flugblätter herstellt und vertreibt. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm dabei zu helfen. Beide wurden dabei geschnappt, umgehend vor Gericht gestellt, abgeurteilt und hingerichtet. Verurteilung und Hinrichtung am selben Tag, am 22. Februar 1943. Der Gefährlichkeit ihres Tuns waren sie sich bewusst. Aber die Stimme ihres Gewissens war stärker als ihre Angst.

Das Buch will eine Ermahnung sein. Es endet mit der Aufforderung: „Wir sollten zweifellos an sie denken, an Sophie, und sie als Beispiel [treffender wohl „Vorbild“] nehmen, wenn wir versucht sind, der alltäglichen Feigheit nachzugeben. Wir, die wir in einer Demokratie leben, haben die Verantwortung, dieses wunderbare Privileg zu verteidigen.“

Niemand, der die Freiheit liebt, wird Sophie seinen tiefen Respekt versagen. Schwieriger ist die Frage, ob alle jene, die nicht so gehandelt haben wie die Geschwister Scholl, schuldig geworden sind. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland spricht in Artikel 20 Absatz 4 von einem Recht zum Widerstand, aber nicht von einer Pflicht. Zumal wenn der Widerstand Todesgefahr auslöst, wird sie von keiner Ethik gefordert. Doch auch in der Demokratie gibt es nicht selten Sanktionen für Widerstand. Wo liegen die Grenzen?

Das Büchlein verzichtet auf alle Fußnoten und Belege. So manche Zitate ließen sich auch nicht belegen. Sie entspringen der Phantasie des Autors und seinem Einfühlungsvermögen: So könnten sie sich wohl geäußert haben.

Konrad Löw

Jean-Claude Mourlevat: „Sophie Scholl: ‚Nein zur Feigheit‘“, Anaconda Verlag, Köln 2014, gebunden, 96 Seiten, 4,95 Euro


Emotionale Streitschrift gegen Islamisierung Europas
Hans-Peter Raddatz warnt mit ägyptischer Jüdin vor der Verbreitung des Korans im Westen

Die britische Autorin Bat Ye’or behauptet in ihrem Buch „Europa und das kommende Kalifat. Der Islam und die Radikalisierung der Demokratie“, dass Europa durch islamische Umgarnung und freiwillige Unterwerfung auf ein europäisches Kalifat zusteuere, in dem nicht mehr traditionelle europäische Werte, sondern die im Koran und in der Scharia festgehaltenen Glaubens- und Rechtsgrundsätze gelten würden. Für die Eroberung Europas habe sich der Islam eine Reihe wirkungsvoller Werkzeuge geschaffen, so die 1969 gegründete Organization of Islamic Conference, inzwischen Cooperation (OIC), die der Unesco vergleichbare Bildungsorganisation Ieseco, den zusammen mit der EU gegründeten Euro-Arabischen Dialog (EAD) und – als politische Speerspitze – die Palästinensische Befreiungsfront (PLO).

Die Autorin wurde als Kind jüdischer Eltern in Kairo geboren (Bat Ye’or ist ein Pseudonym und heißt übersetzt „Tochter des Nils“); sie kam 1957 als staatenloser Flüchtling nach Großbritannien. Im angelsächsischen Sprachraum sind mehrere Bücher von ihr zum Schicksal von Nichtmuslimen in islamisch geprägten Staaten, zu den europäisch-arabischen Beziehungen und zu einem globalen Islam erschienen. Dieses Buch hat der Islamwissenschaftler Hans-Peter Raddatz übersetzt und zu ein ausführliches Vorwort beigesteuert.

Der Leser stößt rasch auf eine aggressive und polemische Wortwahl, obwohl gerade bei einem solchen Thema Nüchternheit ratsam wäre. Die Worte sprechen für sich: „Dank der Einwilligung und Rückgratlosigkeit der westlichen Führer erleben wir im

21. Jahrhundert eine Nachbildung beziehungsweise Wiederherstellung des Kalifats aus dem 7. Jahrhundert.“ „Europa hat die islamische Brille aufgesetzt, um der OIC zu schmeicheln, denn heute wirft die EU Israel erbost vor, immer noch zu existieren.“ Und mit Blick auf die im Rahmen des Euro-Arabischen Dialogs gegründete Anna-Lindh-Stiftung: „Mithin wird die Ausrottung der europäischen Kulturidentitäten den muslimischen Kulturimperialismus befriedigen, der vorgibt, so etwas wie die kulturelle Gebärmutter Europas zu sein.“ So geht es über Seiten weiter. Europa „poliert“ selbst die Instrumente der eigenen Unterwerfung. Europas Eliten hätten die Menschen bewusst betrogen, um den Kontinent dem Islam gefügig zu machen. Einmal dem Islam unterworfen – die Autorin benutzt den Begriff „Dhimmitum“ – werden die Europäer „ihre nationale Geschichte, Identität und Kultur aufgeben“.

Die Autorin merkt an, dass der Islam Staats- und Gesetzesreligion zugleich sei, während der Westen Religion und Rechtssystem strikt trenne. So habe das Beharren auf Religion und Recht in einem zu einer inzwischen selbst vom Deutschen Juristentag beklagten „Eigengesetzlichkeit“ unter den in Deutschland lebenden Muslimen geführt. Recht werde untereinander gesprochen, nicht mehr vor ordentlichen Gerichten. Zudem werde der frühere europäische Kolonialismus für alles Negative in den heutigen Staaten verantwortlich gemacht, während sich alle islamischen Dokumente über selbst getätigte Unterwerfung, Diskriminierung oder gar Liquidierung ganzer Völkerschaften (etwa die Armenier, die Kopten in Ägypten) konsequent ausschwiegen. Dabei habe es doch durch die Jahrhunderte die islamische Expansion mit Völkermord, Vertreibung oder Versklavung der Unterworfenen gegeben. Und bis heute sei die skandalöse Herabsetzung der Frau als Mensch zweiter Klasse ebensowenig überwunden wie die latente Christenfeindschaft, wie Vorgänge dieser Tage etwa in Syrien oder in Nigeria zeigten.

Über all das lohnt es zu sprechen, ja muss gesprochen werden. Dazu leisten aber weder die Autorin noch der ebenfalls sehr emotionale Herausgeber einen Beitrag. Es ist eine eifernde Streitschrift, die mit drastischen Worten vor einer Islamisierung Europas warnt. Gegen Streitschriften ist an sich nichts einzuwenden; nur soll man sie dann auch so nennen und ihnen nicht das Mäntelchen der Wissenschaft umhängen. Dirk Klose

Bat Ye’or: „Europa und das kommende Kalifat. Der Islam und die Radikalisierung der Demokratie“, Duncker & Humblot, Berlin 2013, gebunden, 228 Seiten, 22,90 Euro


S. 23 Rautenberg Buchhandlung

Rautenberg Buchhandlung


S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Alles ganz logisch / Warum die Rechten am islamistischen Terror schuld sind, wie die EU ihre Stimme schont, und wieso wir bald bis 76 arbeiten müssen

Zum Ende ihrer Amtszeit liest die scheidende Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, den Europäern ordentlich die Leviten. Fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen breiteten sich bei uns aus, das habe die EU-Wahl mit dem Sieg von Parteien wie dem französischen „Front National“ (FN) gezeigt. Politische Extremisten drohten, den Kampf gegen Diskriminierung aufzuweichen. Empört äußerte sich die Südafrikanerin über anti-islamische Äußerungen der FN-Chefin Marine Le Pen.

Und Pillay weist auf die Folgen hin: Fremdenfeindliche und antisemitische Anschläge wie der Mord an vier Personen im Jüdischen Museum in Brüssel stünden im direkten Zusammenhang mit Le Pen und Co., sagt Pillay. Das sieht die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, ganz ähnlich und ist ebenso alarmiert über den Vormarsch der „erklärten Europafeinde, Nationalisten und Rechtsextremen“, denn: „Die Gewöhnung an Hass und verbale Gewalt befördert tätliche Gewalt.“

Klingt alles sehr schlüssig, und doch – irgendwo quietscht es im Gebälk. Wer waren die Attentäter noch gleich? FN-Aktivisten? Rechtsextreme? „Populisten“ gar? Nein, es waren bei der syrischen Isis ausgebildete Islamisten.

Den Islamismus aber erwähnen Pillay und Knobloch mit keinem Wort. Ihre Logik funktioniert stattdessen in etwa so: Weil es in Europa Christen gibt, die ihre Furcht vor dem Scharia-Islam ein wenig zu laut und polemisch kundtun, ermorden Islamisten Juden. Oder anders: Weil der Herr Müller immer gegen den Herrn Meier stänkert, hat der Herr Meier die Frau vom Herrn Schulze erschlagen, woran natürlich der Herr Müller schuld ist und nicht der Herr Meier. Kapiert? Nein? Ich auch nicht.

Die Qualitätsjournalisten von der ARD hätten damit hingegen keine Probleme. Mit einem „Brennpunkt“ wollte uns der Staatssender erklären, wie es zu dem blitzartigen Vorrücken der radikalislamischen Isis im Irak kommen konnte. Die zwei ARD-Damen mussten nicht lange suchen: Ursache des Schlamassels sei, dass die USA die Opposition in Syrien nicht hinreichend unterstützt hätten. Diese Opposition wird bekanntlich weitgehend dominiert von der islamistischen Al-Nusra-Miliz, welche unlängst in der Isis aufgegangen ist. Also: Hätte Washington diese Leute mit viel mehr Geld unterstützt und mit mehr Waffen aufgerüstet, dann wäre heute alles gut.

Ich muss zugeben, dass in meinem Kopf die Konturen zu verschwimmen begannen, als ich das hörte. Haben die das wirklich gesagt? Zum Glück gibt es heute die „Mediathek“, wo man sich vergangene Sendungen im Internet noch einmal angucken kann. Habe ich gemacht, und: Ja, das haben die wirklich gesagt.

Nachfolger der Frau Pillay auf dem Stuhl des Uno-Hochkommissars für Menschenrechte wird übrigens der bisherige Uno-Botschafter von Jordanien. Das nah­östliche Königreich zählt zu den Ländern der „Organisation der Islamischen Zusammenarbeit“ (OIC). Die OIC hat 1990 ihre „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ beschlossen. Darin heißt es, dass alle Menschenrechte allein auf der Grundlage der Scharia interpretiert werden dürften.

Wir können wohl zuversichtlich sein, dass der neue Kommissar auf islamistische Attentate ganz ähnlich reagieren dürfte wie Frau Pillay oder Frau Knobloch. Möglicherweise werden wir dann auch erfahren, dass die Isis-Attacken und die Massaker im Irak die direkte Folge einer als Koran-kritisch auslegbaren Wandschmiererei an einer Grundschule nahe Rotterdam gewesen seien. Wobei nicht ausgeschlossen werden dürfe, dass sich die 15- und 16-jährigen Schmierer vom Wahlsieg des Geert Wilders motiviert gefühlt haben könnten, weshalb der ARD-Brennpunkt den Titel trägt: „Niederländischer Rechtspopulist verantwortlich für Massaker am Euphrat!“

Aber das ist alles noch Zukunftsmusik. Der Jordanier tritt sein Amt erst im September an. Wenn wir Glück haben, ist das Grauen im Irak bis dahin längst vorbei. Sobald sich die Isis-Kämpfer nämlich wieder nach Syrien verzogen haben, sind sie ja keine „islamistischen Extremisten“ mehr, sondern verwandeln sich schwupps zurück in „syrische Freiheitskämpfer gegen den Diktator Assad“, denen die USA am besten gleich die Atombombe liefern sollten, damit wir endlich richtige Freunde werden.

Die Europäische Union spielt beim neuesten Konflikt in Nahost wie üblich keine Rolle. Zwar haben wir, wie uns alle paar Wochen erklärt wird, nur wegen der EU „eine starke Stimme in der Welt“. Nur dass wir diese Stimme in den vergangenen Jahrzehnten noch nie gehört haben. Vermutlich schont sie sich noch für den ganz großen Auftritt.

Überdies haben wir in der EU Wichtigeres zu tun, als uns mit explosiven Kriegsherden in der unmittelbaren Nachbarschaft zu befassen. Es geht mal wieder ums Geld.

EU-Sozialkommissar László Andor hat die Lösung für die „soziale Schieflage“ in Europa gefunden: Wir müssen, sagte der Ungar bei einer Tagung in Berlin, die europäischen Rentenkassen zusammenschmeißen, damit die Ungleichgewichte ausgeglichen würden. Die Lage sei nämlich so: Die ärmeren Länder könnten gegenüber den starken, voran Deutschland, nicht mehr aufholen. Da sie wegen der gemeinsamen Währung auch nicht abwerten könnten, gingen ihre Volkswirtschaften nahezu zwangsläufig den Bach runter. Schlimm? Nein, nur müsse dafür eben ein sozialer Ausgleich her, damit die mit den schwachen Volkswirtschaften nicht im Elend landen.

Die Idee kam vor Monaten schon mal aus Frankreich, wo man die EU in eine Art Arbeitsteilung übergehen sah: Die Deutschen verdienen das Geld, das per Transferleistung unter allen aufgeteilt wird, womit die Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit „sozial“ abgepuffert würden. Ist das nicht eine zauberhafte Perspektive? Es drängt sich das Bild „Die einen aufs Sonnendeck, die anderen in den Maschinenraum“ auf. Aber das Bild passt nicht: Normalerweise müssen die auf den bequemen Liegen viel Geld zahlen, wovon die unten an den Motoren entlohnt werden. In der EU sollen die keuchenden Deutschen denen da oben auch noch die Passage bezahlen.

Passend zu den Andor-Ideen fordert der „Spiegel“ die Deutschen auf, endlich realistisch zu werden: Die Rente mit 67 sei noch viel zu optimistisch, denn: „Die Rente mit 76 wird kommen“, so das Magazin. Die Überschrift kam fast zeitgleich mit den (wenigen) Veröffentlichungen zu den Andor-Vorschlägen mit der gemeinsam EU-Rentenkasse. Doch die Zahlen sprechen für sich. In Rumänien kommen heute schon auf 4,6 Millionen Beitragszahler 5,6 Millionen Rentner. Das wird ohne die Zahlungen des 75-jährigen deutschen Arbeitnehmers bald nicht mehr zu stemmen sein.

Dabei sollten wir nicht bei der Rente stehenbleiben. Auch die Arbeitslosenversicherung und die Sozialhilfe sollten „ins gemeinsame Europa eingebracht werden“, finden fortschrittliche Geister schon lange. Deutsche Gewerkschaften und Sozialdemokraten fordern seit Jahren, dass wir endlich das „soziale Europa schaffen“. Wir Deutsche sind dann jedesmal ganz gerührt denn – „sozial“ klingt doch immer gut!

Im sozialen Europa ist auch gewährleistet, dass die Nachbarn in den ärmeren Ländern weiterhin teure deutsche Autos kaufen. Denn die deutschen Fabrikanten und Arbeiter werden ja reichlich Geld schicken, damit sie sich die leisten können. Und wenn nicht? Dann machen sie das eben auf Kredit, den dann die Deutschen erst garantieren und später bezahlen. Entweder direkt (etwa per Euro-Soli, der ja auch schon länger herbeigesehnt wird) oder über das Wegschmelzen ihrer Ersparnisse per Negativzins. Denn merke: Wenn hier die Guthaben schmelzen, verschwinden dort die Schulden. So ist das im modernen Papiergeldwesen.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Streit um »Sieg über Ungläubige«

Vatikan – Der in Ägypten geborene Autor Hamed Abdel-Samad erneuerte auf Widerspruch aus dem Vatikan seine Behauptung, dass bei dem Gebetstreffen des Papstes für Frieden im Heiligen Land für den Sieg über die Ungläubigen gebetet worden sei. Der anwesende Imam habe in seinem Gebet unter anderem einen Koranvers zitiert, der übersetzt genau dies bedeute, so Abdel-Samad, der die Zeremonie im Fernsehen verfolgt hatte und Arabisch spricht. Bel

 

»Feurige Soße« statt Zigeuner

Stuttgart – Der baden-württembergische Innenminister fügt sich dem Wunsch des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und nimmt nicht nur das „Zigeunerschnitzel“, sondern auch das „Schweineschnitzel Zigeuner Art“ vom Speiseplan der Ministeriums-Kantine. Mit dem Hinweis auf den Respekt gegen-über seiner Volksgruppe hatte der Zentralrat darum gebeten, fortan nur noch „Schnitzel mit feuriger Soße“ auf den Speiseplan zu lassen. Bel

 

Belohnung für »Sündenbock«

Er stehe nicht als „Sündenbock“ zur Verfügung und hänge keineswegs an seinem Amt als Finanzminister, so Yannis Stournaras bereits kurz nach der EU-Wahl. Und tatsächlich war der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras dabei, nach dem schlechten Abschneiden der beiden Regierungsparteien bei der EU-Wahl entsprechende Zeichen zu setzen. Und da der für einen strikten Sparkurs stehende Stournaras in der Bevölkerung als herzlos gilt, kamen die Gerüchte nicht von ungefähr, dass er seinen Posten würde räumen müssen.

Dem Wirtschaftsprofessor und vormaligen Chef einer Geschäftsbank war es nie gelungen, den Griechen den Sparkurs verständlich zu machen. Sein Hinweis, dass auch seine Mutter und seine Schwiegereltern von jeweils nur 500 Euro leben müssten, war sofort von den Gewerkschaften für eine mit beißendem Spott begleitete Sammelaktion für die „arme Familie Stournaras“ genutzt worden.

Und so wurde der 57-jährige Ökonom durch einen anderen ersetzt. Gikas Hardouvelis soll nun das griechische Finanzministerium leiten und den Sparkurs beibehalten, ohne jedoch die Bevölkerung gleichermaßen gegen sich aufzubringen. Während der Harvard-Absolvent Harouvelis sich also an der Quadratur des Kreises versuchen soll, wollte Samaras jedoch nicht völlig auf Stournaras Fähigkeiten verzichten. Schließlich hat der 2012 die konservative Partei Nea Dimokratia, deren Vorsitzender Samaras ist, vor Kritik in Schutz genommen, sie habe mit gefälschten Zahlen den Euro-Beitritt Griechenlands erschummelt. Die EU-Kommission und die Statistikbehörde Eurostat hätten einfach besser prüfen sollen, so Stournaras, der nun seit Donnerstag Chef der Zentralbank Griechenlands ist und somit auch fortan im Rat der EZB sitzt. Bel


MEINUNGEN

Philipp Bagus, deutscher Professor für Volkswirtschaft an der Universität Madrid, sieht in dem historisch einmaligen Negativzins der Notenbank das Vorzeichen eines Zusammenbruchs. Gegen­über den „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“ (11. Juni) wundert er sich:

„Man muss sich fragen, wie verfangen die Zentralbanker in ihrem eigenen System eigentlich sind, um nicht zu bemerken, dass sie nur alles noch immer schlimmer machen. Sie folgen ihrer interventionistischen Logik blind und brechen dabei alle Tabus, nur um eine Bereinigungskrise noch weiter aufzuschieben.“

 

 

Alexander Marguier zeigt sich im „Cicero“ (11. Juni) genervt von dem selbstverliebten Kandidaten-Gerangel bei der EU:

„Ob Martin Schulz demnächst Kommissionschef, Parlamentspräsident, Kommissar oder Croissantverkäufer im Brüsseler Hauptbahnhof wird, das ist schon dem ganz überwiegenden Teil seiner Landsleute ziemlich egal.“

 

 

Reinhold Festge, Präsident des Verbandes der Maschinenbauer VDMA, klagt im „Handelsblatt“ vom 13. Juni über die CDU:

„Ich leide an meiner CDU, an der mich zurzeit am meisten ihre Profillosigkeit empört. Die Partei hat ihre Richtung verloren, sie lässt sich nicht mehr fassen. Ich weiß schlicht nicht mehr, für was die CDU heute steht. Die Rentenbeschlüsse waren völlig unnötig und sinnlos. Da werden Sachen gemacht, die uns alle und die nachfolgenden Generationen belasten. Da wird Geld ausgegeben, das uns anderswo dringend fehlt.“

 

 

Peter Scholl-Latour sieht im Auftreten der islamischen Terrorgruppe Isis den Beleg dafür, dass die US-Orientpolitik ein „totaler Fehlschlag“ sei. Als Folge werde es nun auch für Deutschland gefährlich, so der Nahost-Experte zum „Münchner Merkur“ vom 15. Juni:

„Bisher habe ich es stets abgelehnt, von einer neuen Welle des islamischen Terrors in Europa zu sprechen. Das hat sich geändert. Jetzt haben wir ein paar tausend europäische Dschihadisten, die in Syrien gekämpft haben. Darunter auch viele Deutsche mit orientalischem Hintergrund. Das sind militärisch ausgebildete Experten. Sollte es zu Terroranschlägen kommen, so werden diese viel professioneller ausgeführt werden, als dies bisher der Fall war. Die Gefahr, dass wir bei uns ein Eindringen des Terrorismus erleben, wächst.“

 

 

Jochen Buchsteiner kommentiert in der „FAZ“ vom 17. Juni die Forderung des britischen Premier nach Einführung einer britischen Leitkultur:

„Das Hohelied auf ,Diversity‘, die neue kulturelle Vielfalt im Königreich, hat Blüten getrieben, deren Duft nicht schnell verfliegen wird. Als ein Minister vor einigen Jahren die Sorge von Ärzten in Bradford wiedergab, dass die hohe Anzahl pakistanischer Verwandtschaftsehen die Missbildungsrate in der Stadt signifikant erhöht, wurde er politisch einen Kopf kürzer gemacht ... Seit ,Britishness‘ nichts mehr mit christlichem Glauben zu tun habe, sondern mit ,abstrakten Ideen wie Toleranz und Vielfalt‘, habe man einer ,entschlossenen und unbeirrbaren Ideologie‘ nicht viel entgegenzusetzen, schreibt die Zeitschrift ,Spectator‘.“