© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 27/14 vom 05.07.2014

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Nichts mehr wie zuvor
EU-Parlament demonstriert bei Juncker-Nominierung seine neue Macht

Jean-Claude Juncker wird Präsident der EU-Kommission. Nicht etwa, weil er der geeignetste Kandidat ist, sondern weil das EU-Parlament dem für die Personalie zuständigen Rat der Staats- und Regierungschefs dieses Votum aufgezwungen hat.

Fast könnte man sagen: Alles wie gehabt. Der Europäische Rat bestimmt nach einigem taktisch motivierten Hin und Her einen Kandidaten zum Präsidenten der EU-Kommission und der wird es dann auch. Und dennoch ist nichts mehr wie zuvor. Denn vor der Entscheidung für Jean-Claude Juncker stand eine klare Ansage des EU-Parlaments: Wir wählen niemanden zum Kommissionspräsidenten, der nicht bei der EU-Wahl angetreten und durch das Vertrauen der Wähler legitimiert ist. Damit hat das Parlament dem Rat der Staats- und Regierungschefs sein Votum aufgezwungen – ein Vorgang, den es so noch nicht gegeben und der die Verfassungswirklichkeit im europäischen Staatenbund verändert hat.

Ausgetrickst haben die plötzlich zu unbekanntem Selbstvertrauen gefundenen EU-Parlamentarier den Rat mit Hilfe des „Spitzenkandidaten“, der auf diese Weise sogar Einzug in den englischen Wortschatz gefunden hat. Mit seiner formal gar nicht vorgesehenen Kür haben sie das Wahlvolk an ihre Seite geholt. Sollten die Staats- und Regierungschefs einen anderen als den siegreichen Spitzenkandidaten Juncker als Kommissionspräsidenten nominieren und damit das Wahlversprechen nicht einlösen, so die Botschaft, werde das zu einem schweren Vertrauensverlust seitens der Wähler führen. Ein stichhaltiges Argument, denn die erstmalige Personalisierung der EU-Wahl hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Wahlbeteiligung nicht weiter gesunken und in einigen Ländern sogar gestiegen ist. Der so aufgebaute Entscheidungsdruck und der längere Atem machten das EU-Parlament zum Sieger über die machtgewohnten Regierungschefs.

Juncker darf sich als erster Kommissionspräsident vom Parlament und nicht vom Wohlwollen des Rates getragen fühlen. Formal liegt die entscheidende Rolle bei der Besetzung des Amtes des Kommissionschefs weiter beim Rat, der dabei das Ergebnis der EU-Wahl möglichst berücksichtigen soll und das Parlament erst am Ende des Entscheidungsprozesses zu beteiligen hat. Doch zumindest hinsichtlich der Personalisierung der EU-Wahl und damit mittelbar auch der Ernennung des Kommissionspräsidenten dürften die EU-Abgeordneten für die Zukunft ein wichtiges Präjudiz geschaffen haben.

Durch diesen Erfolg gestärkt, können sie jetzt in der alltäglichen Parlamentsarbeit beweisen, dass sie weder loyale Befehlsempfänger ihrer nationalen Regierungen noch Bediener von Partikularinteressen und Lobbygruppen, sondern Volksvertreter im besten Sinne des Wortes sind. Sollte dem bislang als macht- und einflussloses, müdes Abnickgremium daherkommenden EU-Parlament dieser Emanzipationsprozess gelingen, wäre in der EU endgültig nichts mehr wie zuvor.

Jan Heitmann


»Aufgebauschtes« Problem
Familienministerin hält »Kampf gegen Linksextremismus« für unnötig

Die Zahl der politisch motivierten Straftaten ist im Jahr 2013 in Deutschland deutlich angestiegen ... Überdurchschnittlich fällt der Zuwachs bei Straftaten, die dem linken Spektrum zuzuordnen sind, aus (+40,1 Prozent)“, so Innenminister Thomas de Maizière (CDU) Ende April. Genau zwei Monate später meint Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hingegen, dass der Linksextremismus ein „aufgebauschtes“ Problem sei. Und während auf Initiative des Hamburger Verfassungsschutzchefs Manfred Murck das linksextreme Milieu erstmals wissenschaftlich untersucht wird, um so besser auf Gewalttaten aus diesem Bereich reagieren zu können, meint Schwesig den von ihrer Amtsvorgängerin Kristina Schröder (CDU) eingeführten Fördertopf zur Bekämpfung von Linksextremismus auflösen zu müssen.

Die freigewordenen fünf Millionen Euro sollen nun in das neue Bundesprogramm „Demokratie leben – Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ fließen, mit dem auch Islamismus und Linksextremismus, aber in erster Linie Rechtsextremismus bekämpft werden soll. Das Programm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“, in das rund 25 Millionen Euro jährlich fließen und das ausschließlich dem „Kampf gegen Rechts“ dient, soll hingegen erhalten bleiben.

Schwesig begründete ihre neue Schwerpunktsetzung damit, dass laut Deutschem Jugendinstitut die bisherigen Programme gegen Linksextremismus nichts bewirkt hätten, daher würden sie eingestellt. Den Programmen im „Kampf gegen Rechts“ hingegen verspricht sie Planungssicherheit, da Gelder künftig gleich für fünf Jahre statt wie bisher üblich für nur ein Jahr genehmigt werden sollen. Inwieweit diese Programme jedoch erfolgreich sind, wurde nicht thematisiert. Bel


Wer bewaffnete Isis?
US-Amerikaner, Saudis und Russen im Verdacht

Angesichts der Gräueltaten die von der Gruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (Isis) verübt werden, ist die Frage naheliegend, wer diese Dschihadisten eigentlich so schlagkräftig ausgerüstet hat, dass der Zerfall des Irak inzwischen als eine reale Möglichkeit erscheint. Rand Paul, Senator von Kentucky und Querdenker unter den Republikanern, sieht die US-Politik verantwortlich. Der Versuch, das Assad-Regime zu stürzen, würde in Syrien ein „Dschihad-Wunderland“ kreieren. Mehr noch. „In Syrien waren wir die Alliierten von Isis“, so der Senator in einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN.

Völlig anders sieht das der in Washington gut vernetzte geostrategische Informationsdienst Strafor. Ihm zufolge soll Russland an Saudi-Arabien Waffen verkauft haben. Die Saudis hätten diese Lieferungen wiederum an sunnitische Rebellengruppen in Syrien weitergereicht und somit auch die Gruppe Isis aufgerüstet. Die Strategie, die den Russen von Strafor dabei unterstellt wird: Den USA möglichst viel Ärger zu bereiten, indem ihr Militär weltweit in Dutzenden von Scharmützeln und Krisenherden gebunden wird. Zudem würde die Krise im Irak die Ölpreise hochhalten, wovon sowohl die Saudis als auch die Russen profitieren würden.

Sollte dies tatsächlich die Intention der Aufrüstung von Isis gewesen sein, so kann das Kalkül als geglückt bezeichnet werden. Der Irak hat lange für den Wiederaufbau seiner Ölindustrie gebraucht und konnte erst in jüngster Zeit auf diesem Gebiet wirkliche Erfolge vorweisen. Mit den Erfolgen der islamistischen Gotteskrieger schwinden nun wieder die Hoffnungen, dass der Irak die in Trümmern liegende libysche Ölförderung ersetzen kann. N.H.


Jan Heitmann:
Blauhelm-Uschi

Dumm ist Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen nicht. Deshalb hat sie auch schnell gemerkt, dass sie mit ihrer Zusage, Deutschland werde international verstärkt Verantwortung übernehmen und sich an immer mehr Militär-einsätzen beteiligen, keinen Applaus erntet. Nicht in einem Land, in dem fast drei Viertel der Bürger Einsätze der Bundeswehr außerhalb der Bündnisgrenzen ablehnen. Doch der Gedanke, sich als Kriegsherrin profilieren zu können, ist für die ehrgeizige Ministerin offenbar zu verzückend, als dass sie sich so einfach geschlagen geben würde. Da kommt ihr die Uno mit dem Wunsch nach einer stärkeren deutschen Beteiligung an Friedenseinsätzen gerade recht, steht der UN-Soldat doch per se auf der Seite des Guten. Ein Blauhelm-Einsatz lässt sich den skeptischen Deutschen somit schon eher verkaufen.

Damit hat von der Leyen jetzt ihr sicherheitspolitisches Thema gefunden. Die Mittel, ihren Plan umzusetzen, hat sie jedoch nicht. Die Uno würde sich beispielsweise über mehr deutsche Unterstützung beim Lufttransport im fernen Afrika freuen, lehnt aber selbst das, was Deutschland ihr schon jetzt zur Verfügung stellt, dankend ab. „Zu alt und anfällig“ lautet das vernichtende Urteil über die deutschen Flugzeuge. Aber ein paar Ausbilder für Malis Armee, die wären willkommen. Derzeit sind lediglich 256 Bundeswehrsoldaten im UN-Einsatz. Um einen substanziellen Beitrag leisten zu können, muss die Bundeswehr materiell und personell anders aufgestellt werden. Und somit wird „Uschi mit dem Blauhelm“ noch lange ein ministerieller Wunschtraum bleiben. Macht nichts. Dafür sind wir der drittgrößte Beitragszahler der Staatengemeinschaft.


S. 2 Aktuell

Der Westen diktiert, Kiew pariert
US-Milliardär und »Revolutionsmacher« George Soros fungiert offenbar als Poroschenkos Berater

Pjotr Poroschenko ist zwar aus der vorgezogenen Präsidentenwahl in der Ukraine als Sieger hervorgegangen, eine Lösung des Konflikts ist ihm bislang jedoch nicht gelungen. Bei dessen Lösung wie auch beim Umbau des Staatsapparats setzt er auf die Hilfe von Beratern wie den amerikanischen Finanzmogul George Soros und den georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili.

Was bislang als Gerücht kursierte, scheint sich nun zu bewahrheiten: Bei der Majdan-Revolution in Kiew hat der gebürtige Ungar und milliardenschwere amerikanische Hedgefonds-Experte George Soros ordentlich die Fäden gezogen.

Dafür spricht die Tatsache, dass er sich Mitte Juni mit dem neu gewählten Präsidenten Poroschenko zu Beratungsgesprächen in Kiew traf, ebenso wie die Zusammensetzung der Übergangsregierung nach dem Sturz Janukowitschs.

Alle waren Wegbereiter der Orangenen Revolution von 2004, die dem prowestlichen Präsidenten Viktor Juschtschenko zur Macht verhalf. Premierminister Arsenij Jazenjuk ist von Beruf Banker. Nach der Orangenen Revolution übernahm er im Jahr 2005 unter Präsident Juschtschenko das Amt des Wirtschaftsministers. Übergangspräsident Alexander Turtschinow arbeitete bei den Präsidentschaftswahlen 2004 im Wahlkampfstab Juschtschenkos und gilt als langjähriger politischer Weggefährte der ebenfalls westlich orientierten Politikerin Julia Timoschenko. Mit ihr gründete er die „Vaterlandspartei“, deren Vorsitzender er bis heute ist.

Ex-Boxer Vitalij Klitschko kandidierte seit 2006 mehrmals für das Amt des Kiewer Bürgermeisters. Seine Rolle beim Majdan wird unterschiedlich bewertet. Seinen Unterstützern gilt er als ehrlicher Politiker, der nicht des Geldes wegen angetreten ist. Doch schon während der Unruhen sickerte durch, dass er aus dem Westen, unter anderem von der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung, unterstützt wurde.

Über „Nichtregierungsorganisationen“ hat der Milliardär George Soros seit Jahren Einfluss auf Umstürze in Südosteuropa und ehemaligen GUS-Staaten ausgeübt. Das streitet er auch gar nicht ab. Nach eigenen Aussagen habe er sich „aktiv an Revolutionen beteiligt, die das Sowjetsystem hinwegfegten“. Seit dem Zerfall der Sowjetunion entstanden im Ostblock-raum Soros’ „Open Society Institute“, welche die Demokratisierung in den Staaten vorantreiben sollen. Daneben agieren dort die amerikanischen Organisationen „La-rouche“ und die staatliche „National Endowment for Democracy“ (NED) mit dem gleichen Ziel.

Soros wird Einmischung in die Solidarnosc-Bewegung 1979 in Polen, der Rosenrevolution 2003 in Georgien sowie der Orangenen Revolution 2004 in der Ukraine nachgesagt, weshalb der ehemalige georgische Staatschef Eduard Schwardnadse von einem „Putsch made in America“ sprach.

Soros soll in Kiew bereits die Fäden im Hintergrund ziehen. Er wird mit dem georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili, gemeinsam mit Kachi Bendukidse, dem „Macher“ der georgischen Reformen, als enger Berater Poroschenkos gehandelt. Bendukidse wird einem Beraterstab angehören, dem neben ihm selbst US-amerikanische und kanadische Experten angehören. Er sieht das Geheimnis einer erfolgreichen ukrainischen Wirtschaft darin, sich von der „russischen Gasspritze“ zu lösen. Den Ukrainern könnte eine Schocktherapie wie nach dem Zerfall der Sowjet-union mit einem Anstieg von Arbeitslosigkeit und Inflation drohen. Es kursieren Gerüchte, dass Saakaschwili, der mit Härte Reformen in Georgien durchsetzte, schon bald einen Posten in der ukrainischen Regierung bekleiden könnte.

Im Augenblick nutzt Klitschko entschieden seine Bekanntheit, um ausländische Investoren anzulocken. „Wir werden alle Bedingungen schaffen, damit Investoren Möglichkeiten haben und neue Arbeitsplätze schaffen.“ Dabei lehnt er sich sogar weit aus dem Fenster, wenn er persönlich für den Schutz des Eigentums bürgen will.

Poroschenko, der über Regierungserfahrung verfügt, da er zu Zeiten der Orangenen Revolution Ministerpräsident war, stützt sich offenbar auf den Rat seiner „Präsidentenflüsterer“. Er hat dem Parlament am 26. Juni Vorschläge zur Verfassungsänderung vorgelegt, die jedoch auf Kritik stießen, weil das Parlament sich übergangen fühlte. Einig sind sich alle nur darüber, dass eine Dezentralisierung der Macht notwendig sei. Soros hatte „effektive Mechanismen zur Einführung von Reformen im Staat“ angemahnt.

Der Finanzexperte gibt der EU die Schuld an der Krise in der Ukraine, weil sie zuviel verlangt und zu wenig angeboten habe. Sie habe zudem die Situation um einen möglichen Beitritt der Ukraine zur Russischen Zollunion falsch eingeschätzt. Sein Rezept für die Ukraine: Investoren müssen Garantien für die Sicherheit ihres Eigentums unabhängig von der politischen Konjunktur bekommen. Dann würden sie sich auf den neuen, bislang verschlossenen Markt, der nun vielversprechend und vielfältig sei, stürzen.

Klarer könnte ein Eingeständnis der wirklichen Interessenslage kaum sein. In der Ukraine öffnet sich für US-Investoren ein neuer Markt, während der Absatzmarkt für die Ukraine, nämlich Russland, verschlossen bleibt. Um die Probleme der Ukraine soll sich laut Soros die EU kümmern.

In Russland sieht Soros einen ernsthaften Rivalen der EU mit geopolitischen Ambitionen. Deshalb müsse die EU die Ukraine möglichst schnell stabilisieren und sich damit selbst aus der Krise befreien.

Das Kalkül scheint aufzugehen: Für die Durchsetzung amerikanischer Interessen dürfen am Ende die Europäer zahlen.

Manuela Rosenthal-Kappi


Zwischen den Stühlen
Finnland ringt um Nato-Beitritt – Deutliche Warnung aus Moskau

Unter dem Eindruck des russischen Verhaltens in der Ukraine-Krise will die schwedische Regierung mit der Nato Verhandlungen über ein Gastlandabkommen (Host Nation Support) aufnehmen. Dabei geht es darum, befreundete Streitkräfte bei Einsätzen und Übungen während ihres Aufenthaltes im Gastland infrastrukturell und logistisch zu unterstützen. Dadurch solle die Fähigkeit erhöht werden, militärische Unterstützung zu geben oder zu bekommen, so Verteidigungsministerin Karin Enstrom. Mit diesem Schritt rückt Schweden näher an die Nato heran und bringt damit zugleich das ebenfalls bündnisfreie Finnland in Bedrängnis. Beide Länder sind die einzigen EU-Staaten im Ostseeraum, die noch nicht Nato-Mitglieder sind. Formal neutral, sind sie dem Bündnis allerdings durch das Programm „Partnerschaft für den Frieden“ verbunden und haben ihm im Kosovo, in Bosnien und in Afghanistan zur Seite gestanden. Anspruch auf militärischen Beistand nach Artikel 5 der Nato-Charta haben sie dadurch jedoch nicht. Während Schwedens Verteidigungsfähigkeit selbst von den eigenen Politikern und Militärs als unzureichend beurteilt wird, hat Finnland nie auf Hilfe von außen, sondern stets auf eine starke Landesverteidigung gesetzt. Demzufolge war ein Nato-Beitritt für Helsinki bislang kein Thema.

In Zeiten des Kalten Krieges konnte Finnland zwischen der Sowjetunion und dem Westen eine neutrale Position halten. Heute bemüht sich das Land, auf vielen Ebenen – vor allem der wirtschaftlichen – eine funktionierende Kooperation mit dem Nachbarn Russland zu sichern. Militärisch bedroht fühlen sich die Finnen von dem Riesenreich nicht und noch ist eine Mehrheit gegen einen Nato-Beitritt. Doch unter dem Eindruck von Russlands Ukraine- und Stock-holms Nato-Politik beginnt sich das zu ändern. Alexander Stubb, seit wenigen Tagen als Ministerpräsident im Amt, ist grundsätzlich für einen Nato-Beitritt seines Landes, hält den Zeitpunkt aber noch nicht für gekommen. Er will die Wahlen im kommenden April abwarten und, sollte er Ministerpräsident bleiben, die Sache entschieden vorantreiben. Sollte Schweden dem transatlantischen Bündnis aus Furcht vor einer russischen Aggression beitreten, stünde Finnland plötzlich isoliert da, so dass die Beitrittsbemühungen schnell an Fahrt gewinnen dürften. Am Ende wäre die Ostsee ein „Nato-Meer“ – für Moskau ein Schreckensszenario.

Dementsprechend deutlich ist die Warnung, die Sergej Markow, wichtigster politischer Berater und Sonderbotschafter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der finnischen Regierung kürzlich zukommen ließ. Helsinki solle genau über eine Mitgliedschaft in dem westlichen Militärbündnis nachdenken, denn es sei nicht klug, Russland „in die Ecke zu treiben“. Finnland riskiere mit seinem Nato-Beitritt die Auslösung eines dritten Weltkrieges. Der Antisemitismus habe, so Markow, in den Zweiten Weltkrieg geführt und Russophobie könne den dritten auslösen. Wie die PAZ aus dem finnischen Oberkommando erfuhr, betrachtet man diese Äußerungen in Helsinki zwar als verbale Kraftmeierei des eloquenten Politikwissenschaftlers, aber als eine, die im Kern durchaus ernst zu nehmen ist. J.H.


Steuert Moskau?
Nato-Chef kritisiert Fracking-Gegner

Im Streit um die umstrittene Gasfördertechnik „Fracking“ unterstellt Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen Russland eine gezielte Kampagne. Zusammen mit Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace arbeite Moskau daran, Europas Abhängigkeit von russischem Gas aufrechtzuerhalten, so Rasmussen unlängst bei seinem Besuch der einflussreichen Denkfabrik Chatham House in London.

„Ich habe Verbündete getroffen, die bestätigen können, dass Russland als Teil seiner durchgeplanten Informations- und Desinformationstätigkeiten aktiv mit sogenannten Nicht-Regierungsorganisationen – also Umweltschutzorganisationen, die gegen Schiefergasförderung vorgehen – zusammenarbeitet, um die europäische Abhängigkeit von russischen Gasimporten aufrechtzuerhalten. Das ist meine Interpretation“, zitiert „The Telegraph“ den ehemaligen dänischen Ministerpräsidenten. Rasmussen zufolge sollen durch eine ausgeklügelte Desinformationskampagne die Versuche zur Schiefergas-Förderung in Europa gezielt unterbunden werden.

Greenpeace hat Rasmussens Äußerungen über die unterstellte Zusammenarbeit mit Russland inzwischen als absurd bezeichnet. „30 Greenpeace-Mitarbeiter saßen vergangenes Jahr in einem russischen Gefängnis und sahen sich einer möglichen Haftstrafe von 15 Jahren ausgesetzt. Die Idee, dass wir Marionetten von Putin seien, ist dermaßen lächerlich, dass man sich fragen muss, was die im Nato-Hauptquartier für ein Zeug rauchen“, so ein Sprecher der Umweltschutzorganisation. Empört sind ebenso andere Fracking-Gegner: In einem Brief haben 45 Initiativen aus zehn Ländern inzwischen Rasmussen aufgefordert, seine Vorwürfe zu belegen – oder sich zu entschuldigen. „Solche Anschuldigungen sind nicht neu, aber existierten bis jetzt nur als substanzlose, perfide Gerüchte“, so die Gegner.

Die Nato selbst ist inzwischen vorsichtig auf Distanz zur Äußerung ihres Mitarbeiters gegangen. Der Generalsekretär habe eine persönliche Position vertreten, nicht die des Bündnisses, so ein Nato-Sprecher in Brüssel. N.H.


MELDUNGEN

Für Anschluss an Russland

Zchinwali – Der Sprecher der neu gewählten Volksvertretung Südossetiens kündigte an, in einem Referendum über den Anschluss der völkerrechtlich zu Georgien gehörenden und international nicht als souverän anerkannten Region an Russland abstimmen zu lassen. Bei der am 8. Juni durchgeführten Parlamentswahl hatte sich die prorussische Partei „Geeintes Ossetien“, die sich für eine Vereinigung mit der russischen Teilrepublik Nordossetien und damit für einen Anschluss an Russland stark macht, mit knapp 45 Prozent der Stimmen durchgesetzt. Mos-kau reagiert auf den Anschlusswunsch wegen der zu erwartenden hohen Kosten mit Zurückhaltung. Die Region leidet unter den Kriegsfolgen. Neben der Korruption beherrschen Armut und Arbeitslosigkeit den Alltag. MRK

 

Windpark: Ein Totalausfall

Borkum – Auch am 1. Juli konnte der Netzbetreiber Tennet nicht absehen, wann Deutschlands erster großer Offshore-Windpark Bard 1 wieder ans Netz gehen kann, um den von ihm erhofften Strom zu liefern. Der im August 2013 in Betrieb gegangene, aus 80 Windrädern bestehende Windpark macht seinen Betreiber Ocean Breeze Energy, eine Tochter der HypoVereinsbank, keineswegs glücklich. Bereits zu Jahresbeginn musste der Windpark wegen Überlastung mehrfach abgeschaltet werden, ein Schwelbrand im März sorgte für die vollständige Außerbetriebnahme. Zwar wurde inzwischen die Ursache der Probleme ent- deckt, laut Tennet produziere der Windpark „schmutzigen Strom“, doch weder das Unternehmen noch der Betreiber oder der Hersteller der Windräder, das Schweizer Unternehmen ABB, wissen, warum die für den Transport notwendige Umwandlung des produzierten Wechselstroms in Gleichstrom nicht funktioniert. Der Windpark hatte bereits beim Bau technische Probleme verursacht, so dass sich dessen Eröffnung um zwei Jahre verschoben und die Kosten auf zwei Milliarden Euro explodiert waren. Bel


S. 3 Preussen/Berlin

Verhängnisvolle Feigheit
von Vera Lengsfeld

Seit Tagen wird Berlin mit Szenen beschäftigt, die aus dem Tollhaus stammen könnten. Nur dass es nicht das Tollhaus, sondern Kreuzberg ist, wo sie sich abspielen.

Nachdem die Missstände in der besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule so zum Himmel stanken, dass sie nicht mehr zu ignorieren war, nach über 100 Polizeieinsätzen wegen Gewalttätigkeiten der Besetzer untereinander und wegen Drogenhandels, nach einem Mord an einem Besetzer entschloss sich die grüne Bezirksbürgermeisterin endlich zum Handeln.

Nach Monaten endloser Gespräche schien es seitens der Besetzer die Zusicherung zu geben, das Gebäude zu räumen, in dem sich um die 140 Menschen eine Dusche und wenige Toiletten geteilt hatten, um in komfortablere Unterkünfte zu ziehen. Warum für einen freiwilligen Abzug Polizeiunterstützung angefordert wurde, die bei einem bürgerkriegsähnlichen Zustand angemessen gewesen wäre, bleibt ein Geheimnis der zuständigen Politiker. Die naheliegendste Vermutung ist, dass alle Verantwortlichen inzwischen genau wissen, dass es sich längst nicht mehr um ein Flüchtlingsdrama handelt, wenn es je eines gewesen ist, sondern um eine konzertierte linksradikale Aktion zur Destabilisierung des Rechtsstaates.

Wenn dies das Ziel ist, sind dabei in den letzten Tagen erhebliche Fortschritte gemacht worden. Etwa 40 Flüchtlinge weigerten sich, das Haus zu verlassen und verschanzten sich medienwirksam auf dem Dach. Sie fordern Bleiberecht in Deutschland ohne Prüfung und eine Aufhebung der Residenzpflicht für Flüchtlinge. Schließlich sei es das Recht eines jeden Menschen, zu gehen, wohin er wolle.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, drohen sie wahlweise, sich vom Dach zu stürzen oder sich anzuzünden. Benzin sei im Haus, versichert der Pressesprecher des Bezirksamtes den Journalisten, die ihrerseits das Gebäude auf der Jagd nach schaurigen Bildern regelrecht belagern.

Man fühlt förmlich die Erwartung, dass endlich etwas von dem Angekündigten geschehen möge, damit man anschließend exklusiv mit vollster Empörung darüber berichten kann. Inzwischen zündeln die linksradikalen Unterstützer.

Vor der Tür des Amtsgerichts Tempelhof-Kreuzberg in der Möckernstraße wurden Autoreifen in Brand gesteckt und Brandsätze gegen das Eingangstor geschleudert, das daraufhin in Flammen aufging. Der Anschlag sei ein „kleiner symbolischer Akt im Kampf gegen die herrschenden Zustände“, heißt es in einem anonymen Bekennerschreiben.

Der Innensenator (CDU), der längst hätte eine Gefahrensituation erkennen und einschreiten müssen, bleibt untätig.

Die Feigheit der Bürgerlichen ebnet den Radikalen den Weg.


Hilfloser Aktionismus
Um Mietsteigerungen zu verhindern, verbieten immer mehr Bezirke »Luxussanierungen«

Immer mehr Berliner Bezirke versuchen, durch Einrichtung sogenannter Milieuschutzgebiete eine Explosion der Mieten und die Verdrängung alteingesessener Mieter zu verhindern. Vor dem Hintergrund der volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen gleicht der Versuch jedoch dem sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen

An sich erscheint die Idee so einfach wie plausibel. Der Staat verbietet von Amts wegen sogenannte Luxusmodernisierungen und nimmt Vermietern damit ein Argument, Mieterhöhungen zu begründen. Alteingesessene Mieter erhalten so die Chance, in ihren alten Wohnvierteln zu bleiben, anstatt in die sozialen Problemviertel abgedrängt zu werden.

In Berlin existieren mittlerweile über 20 Milieuschutzgebiete, in denen Vermietern bestimmte Modernisierungsmaßnahmen verboten sind. Spitzenreiter mit elf Gebieten ist der Bezirk Pankow. In Friedrichshain-Kreuzberg sind mittlerweile zehn Milieuschutzgebiete ausgewiesen. Im Bezirk Mitte gibt es ein Gebiet und in Tempelhof-Schöneberg zwei. Grundlage ist der Paragraf 172 des Baugesetzbuches. Mit dem Mittel der sogenannten Erhaltungssatzung können Gemeinden Umbaugenehmigungen versagen, wenn der Erhalt der „Zusammensetzung der Wohnbevölkerung“ gefährdet ist. Die Ausweisung eines Milieuschutzgebietes hat eine Gültigkeit von fünf Jahren. Danach müssen die Gemeinden nachweisen, dass in den jeweiligen Gebieten tatsächlich die Gefahr von Abwanderung durch Luxussanierungen samt Mieterhöhungen besteht.

Die Frage, was sich hinter dem Begriff „Luxussanierung“ genau verbirgt, ist allerdings höchst umstritten und wird in Berlin von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich beantwortet. Mal wird Haus- und Wohnungseigentümern, die Modernisierungsmaßnahmen im Amt anmelden müssen, der Einbau von Parkettboden untersagt, mal gilt die Installation eines Doppelwaschbeckens als Luxus. In Fried-richshain-Kreuzberg umfasst der Verbotskatalog Einbauküchen, ein zweites WC und Doppelwaschbecken. Pankow hat wiederum den Einbau eines zweiten Bades, Fußbodenheizungen und Kamineinbauten in seinen Milieuschutzgebieten auf den Index gesetzt. Das Beispiel Pankows, das sich mit seinem „Luxusverbot“ besonders weit vorgewagt hat, macht deutlich, welche Folgewirkungen die Verbotslisten haben können. Verboten wird mitunter, was für viele Mieter mittlerweile ganz einfach Standard ist. Entsprechend gute Erfolgsaussichten haben juristische Klagen der Immobilienwirtschaft gegen bestimmte Modernisierungsverbote.

Kritik wird an den Milieuschutzgebieten aber auch noch aus anderen Gründen laut. Tatsächlich ist fraglich, ob sich mit den Verbotslisten das erklärte Ziel, den Auftrieb bei den Mietpreisen zu bremsen, wirklich erreichen lässt. Noch bis 2004 konnten die Bezirke in Milieuschutzgebieten Mietobergrenzen festlegen. Das Oberverwaltungsgericht kassierte jedoch diese Regelung und beraubte damit den „Milieuschutz“-Befürwortern ihrer wirksamsten Waffe.

Ein langfristiges Scheitern des Versuchs, in begehrten Wohnvierteln die angestammten Mieter zu halten, ist jedoch noch aus einem anderen Grund sehr wahrscheinlich. Während es bis in weite Teile der SPD Berlins zum guten Ton gehört, gegen Spekulanten, Miethaie und Gentrifizierung zu wettern, herrscht zu einer der wichtigsten Triebkräfte der aktuellen Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt weitgehend Schweigen. Nicht nur in der deutschen Hauptstadt sind die Immobilienpreise nämlich längst auch zum Symptom einer gescheiterten Währungspolitik geworden. Angesichts der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) laufen Immobilien klassischen Anlageformen wie Lebensversicherungen und Anleihen immer mehr den Rang ab. Mehr noch: „Betongold“ gilt als ultimative Versicherung für den Fall eines Währungskollaps’.

Doch nicht nur das offensichtliche Scheitern des Projekts „Euro“ ist in der Berliner Gentrifizierungsdebatte weitgehend mit einem Tabu belegt. Insbesondere Makler sind in den letzten Jahren Zeugen einer paradoxen Entwicklung geworden. Während hiesige Steuerzahler südeuropäische Länder wie Griechenland, Spanien oder Portugal vor der Pleite retten mussten, geht eine erstaunliche Anzahl von deren Bürgern hierzulande auf Einkaufstour. „Besonders in den Szenevierteln Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg ist die ausländische Konkurrenz stark vertreten. Die meisten ausländischen Käufer versprechen sich von deutschen Immobilien eine besondere Stabilität und sind deshalb auch bereit, höhere Preise zu bezahlen. Dies treibt die Immobilienpreise in der deutschen Hauptstadt immer mehr nach oben“, so das Fazit eines Immobilienunternehmers.

Als Resultat fällt es Normalverdienern in deutschen Großstädten zunehmend schwerer, sich noch eine Wohnung zu leisten. Ein Ende dieser Entwicklung ist vorerst nicht in Sicht. Obwohl selbst Vertretern der EZB inzwischen dämmert, welche Folgen ihre Niedrigzinspolitik hat, wurde unlängst angekündigt, den Leitzins noch längere Zeit auf dem Rekordtief von 0,15 Prozent zu belassen. Angesichts dieser Rettungspolitik zugunsten einiger überschuldeter Euro-Länder gleichen die Berliner Versuche, über „Milieuschutz“ Mieter zu schützen, dem sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen. Norman Hanert


Ende der Regierungspolitik
Berliner Koalition praktisch nicht mehr handlungsfähig

Nach einigem Zögern hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit mit einem Machtwort eine Eskalation des Krachs zwischen den Koalitionsparteien SPD und CDU verhindert. Hauptakteure des Streits, bei dem es um die in der Koalition umstrittene Vergabe des bisher von der Gasag betriebenen Gasnetzes an das kommunale Unternehmen Berlin Energie geht, sind Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) und der parteilose Finanzsenator Ulrich Nußbaum, der für die SPD im Senat sitzt. Nußbaum sieht seinen Kollegen in einem Interessenkonflikt, weil dieser Minderheitsgesellschafter der Firma Ampere AG ist, die Geschäftsbeziehungen zum Energiekonzern Eon unterhält. Eon wiederum ist Miteigentümer der Gasag, die sich ebenfalls um die Konzession beworben hatte, aber nicht zum Zuge gekommen war. Der Streit gipfelte in einem bislang in der Berliner Politik einmaligen Vorgang: Heilmann reichte eine Unterlassungsklage ein, mit der er Nußbaum zwingen wollte, seine Behauptung, Heilmann sei wegen wirtschaftlicher Beziehungen zur Gasag befangen, nicht zu wiederholen. Nach Wowereits Intervention verzichtet Heilmann nun darauf, von Nußbaum die Unterlassung bestimmter Äußerungen zu verlangen, und sein Kontrahent stellte klar, dass er Heilmann nichts habe unterstellen wollen, sondern lediglich Fragen aufgeworfen habe.

Dieses heftige Sommergewitter ist wider Erwarten hinweggezogen, ohne äußerlich schwere Schäden anzurichten, wird von einigen Abgeordneten sogar als „reinigend“ empfunden. Dennoch wirft es ein Schlaglicht auf den desolaten Zustand des Senats, der den Eindruck macht, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen. Der Termin für die Eröffnung des Hauptstadtflughafens steht in den Sternen, die Wohnungsbaupolitik ist gescheitert und die Kriminalität steigt beständig, während die Aufklärungsquote weiter sinkt. Das sind nur einige Beispiele von vielen. Wowereit aber lässt die Dinge ziellos treiben und der CDU-Landesvorsitzende und Innensenator Frank Henkel, stets bemüht, die Koalitionsharmonie nicht zu trüben, lässt es schweigend geschehen. Fast scheint es, als würde sich der Senat nur noch auf das zur Vermeidung von vorgezogenen Neuwahlen unbedingt notwendige Minimum an Regierungspolitik beschränken. Denn von einem Koalitionsbruch würde keine der beiden Seiten profitieren, fehlt beiden doch ein alternativer Koalitionspartner. Zudem dürften sich weder SPD noch CDU für den Fall von Neuwahlen als sicherer Sieger fühlen. J.H.


Berliner Gasstreit
Umrüstung der Straßenlaternen hat Kritiker

Oft bewirken die Themen, die die Hauptstädter umtreiben, in anderen deutschen Städten Verwunderung. Derzeit sorgt die Umrüstung von Gas auf LED-Leuchten bei der Straßenbeleuchtung erneut für emotionale Debatten. In Berlin gibt es noch 44000 mit Gas betriebene Leuchten, damit setzt die Metropole auf eine Tradition, der man sich in anderen Städten gar nicht mehr erinnern kann.

Ende Juni präsentierte der Berliner Staatssekretär für Verkehr und Umwelt, Christian Gaebler, nun die neue Beleuchtung für ein Gebiet in Neukölln. In den meisten Fällen sollen die historischen Laternen erhalten bleiben, nur wird ihr Innerstes ersetzt. Wo bis jetzt Gasleitungen verlaufen, sollen Stromleitungen eingezogen werden. Für Licht soll dann eine LED-Leuchte sorgen, deren Strahlen Kritiker als kalt und zu dunkel bezeichnen.

Doch die Stadtverwaltung verweist auch auf die Kosten. So würde der Energieverbrauch von 4469 Kilowattstunden auf rund 100 pro Leuchte sinken, was deren Betriebskosten um 300 Euro jährlich reduziere. Allerdings würden, da man die Tradition und die von Gasbeleuchtung geschaffene Atmosphäre zu schätzen wisse, unabhängig von den Kosten an ausgewählten Orten die herkömmliche Straßenbeleuchtung erhalten bleiben, was 3300 Lampen entspricht.

Der Verein „ProGaslicht e.V.“ meint jedoch, dass die Erfahrung aus anderen Städten zeige, dass letztendlich auch diese Leuchten verschwinden würden. „Zumal der Bestand an Gasleuchten so stark sinken wird, dass die Zulieferer für Gasbeleuchtungsteile ihren Vertrieb und ihre Produktion vermutlich einstellen werden.“ Bel


Wohnen im preußischen Bau

Auf die Sanierung von Baudenkmälern spezialisiert, hat sich die Prinz von Preussen Grundbesitz AG, deren Aufsichtsratschef der 1944 geborene Kaiserurenkel Franz-Friedrich Prinz von Preußen ist, eines neuen Projekts angenommen. Nach Sanierung des Kaiserin-Augusta-Stifts, der historischen Speicherstadt und des Quartiers der Garde-Ulanen jeweils in Potsdam sollen nun in dem ehemaligen Königlich Preußischen Feuerwerkslaboratorium auf der Berliner Parkinsel Eiswerder 75 Wohnungen entstehen.

An dem Ort, an dem im 19. Jahrhundert Geschütze, Patronen und andere Munition entstanden und der ab 1945 als Umschlagsplatz für Getreide genutzt wurde, sollen nun auch Familien einziehen. Mitten im Grünen, nur 15 Minuten vom Kurfürstendamm entfernt, hoffen die Bauherren, aufgrund der guten Lage und der ansprechenden Klinkerbauten genügend Käufer zu finden, so dass sich ihre Investition in Höhe von 25 Millionen Euro auch rentiert. Bel


S. 4 Hintergrund

Auch der Kreml hört mit
Spionage: In der Nach-KGB-Ära mischen dessen Nachfolgedienste fleißig mit

Sind aktuelle Warnungen vor russischen Geheimdiensten nur anti-russischer Propaganda im Rahmen der Ukraine-Krise geschuldet oder muss man sie ernst nehmen?

Seit April dieses Jahres wird das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) nicht müde, vor den Spionageaktivitäten des zivilen russischen Auslandsgeheimdienstes SWR (Dienst für Außenaufklärung) zu warnen. Dieser versuche derzeit insbesondere, Personen aus dem Umfeld des Bundestages für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Ebenso verweist der aktuelle Verfassungsschutzbericht auf die Hauptverwaltung für Aufklärung GRU, den Militärischen Nachrichtendienst der Russischen Föderation, der die Bundeswehr sowie die Nato auskundschafte und sich neuerdings auch verstärkt für militärisch nutzbare Technologien interessiere.

Tatsächlich hat wohl inzwischen jeder dritte Mitarbeiter der diplomatischen Vertretungen Russlands in der Bundesrepublik einen nachrichtendienstlichen Hintergrund. Dieser intensive Personaleinsatz resultiert daraus, dass die russische Auslandsspionage nach wie vor auf menschliche Quellen und persönliche Kontakte setzt. Ebenso konservativ agiert die Führung der Moskauer Geheimdienste: Besonders heikle Dokumente werden immer noch auf der guten alten Schreibmaschine oder gar handschriftlich erstellt und nicht elektronisch gespeichert, was ein hervorragender Schutz gegen Datendiebstähle à la Edward Snowden ist.

Andererseits agiert der russische Inlandsgeheimdienst FSB (Föderaler Sicherheitsdienst) streckenweise aber durchaus auch in bester NSA-Manier. Nach mehreren Gesetzesänderungen in Richtung Überwachungsstaat ist der FSB ab dem 1. Juli berechtigt, mit Hilfe der Rechnerverbünde SORM-2 und 3 sämtliche Internet- und Telefonverbindungen des Landes verdachtsunabhängig und ohne richterliche Genehmigung zu kontrollieren. Damit dies möglichst reibungslos über die Bühne geht, können die Internetprovider sogar gerichtlich dazu verdonnert werden, eine entsprechende Abhörausrüstung des FSB zu kaufen und zu installieren. Kritiker, welche dies als gravierenden Verstoß gegen die Verfassung bezeichneten, mussten sich belehren lassen, dass niemand etwas zu befürchten brauche, der auf „anständige und normale“ Weise im Internet unterwegs sei.

Überhaupt ist das Mandat des FSB, der übrigens auch keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegt, inzwischen ungeheuer weit gefächert. So hat er neuerdings auch Zugriff auf das elektronische Datenverarbeitungssystem Wybori, mit dem die Wählerstimmen im Lande ausgezählt werden. Außerdem schluckte der FSB den FPS, also den Föderalen Dienst für Grenzschutz, der damit nun ebenfalls als Teil des russischen Big-Brother-Systems fungiert.

Dahingegen konnte der FSO (Föderaler Dienst für Bewachung) seine Unabhängigkeit bisher bewahren. Er war 1881 nach einem Attentat auf Zar Alexander II. als „Eigener Wachdienst seiner kaiserlichen Majestät“ gegründet worden und sorgte seither über alle Regimewechsel hinweg für den Schutz des russischen beziehungsweise sowjetischen Staatsoberhauptes sowie der Regierung des Landes. Da der FSO 1996 die Ermächtigung erhielt, auf Befehl des russischen Präsidenten gegebenenfalls auch Abwehr- und Aufklärungstätigkeiten durchzuführen, wurde ihm 2003 der kaum bekannte SSSI (Dienst für spezielle Kommunikation) unterstellt. Dieser ist ein weiteres russisches Äquivalent zur NSA, soweit es um das Ausspionieren der elektronischen Kommunikation im Ausland geht, was auch das Knacken von Verschlüsselungen einschließt.

Alles in allem beschäftigen die Geheimdienste Moskaus an die 500000 Mitarbeiter und sind damit ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft. Zudem unterwandern die „Silowiki“, also hochrangige ehemalige Angehörige von FSB, SWR, FSO und GRU, systematisch die russische Führungsschicht. Mittlerweile haben bereits 6000 Ex-Schlapphüte ein politisches Amt oder eine hohe Verwaltungsposition inne.

Wolfgang Kaufmann


Im Extremfall Mord
Auch russische Geheimdienste haben ihre Sondereinheiten

Zur Erfüllung ihrer Aufgaben bedienen sich die russischen Geheimdienste teilweise spezieller Sondereinheiten, die wie schon zu Zeiten des Kalten Krieges die besonders heiklen Operationen durchführen, zu denen auch „Nasse Sachen“, also Mordanschläge, gehören.

Im Falle der GRU ist das die Sondereinheit SpezNas, deren Stärke auf bis zu 25000 Mann geschätzt wird, von denen die meisten in Rjasan und Moskau stationiert sind. Die SpezNas-Angehörigen kämpfen bei Bedarf wie eine reguläre Militäreinheit mit Panzern, Flugzeugen, Hubschraubern und Raketenwerfern. Ihre offizielle Hauptaufgabe ist die Aufklärung, Terrorismusabwehr und asymmetrische Kriegführung. Daneben waren sie aber auch schon an Regimewechsel-Aktionen wie „Storm 333“ beteiligt, also der Tötung des afghanischen Präsidenten Hafizullah Amin, mit der 1979 der Afghanistankrieg begann. Ebenso sollen unter den russischen „Freiwilligen“, die in letzter Zeit auf der Krim und in der Ukraine für eine Eskalation der Lage gesorgt hatten, immer wieder SpezNas-Angehörige gesichtet worden sein.

Dem FSB wiederum unterstehen die Spezialeinheiten ALFA und Wympel, die 1972 unter dem Eindruck des Olympia-Attentates von München gegründet worden waren. Diese sind auf Geiselrettung und Antiterroreinsätze spezialisiert und agieren vor allem in Tschetschenien. Dort gelang ihnen Anfang dieses Jahres die Liquidierung des selbsternannten kaukasischen „Emirs“ Doku Umarow, der als „russischer Bin Laden“ galt.

Allerdings gab es auch zahlreiche spektakuläre Pannen. So misslang im Juni 1995 der Sturm auf das Krankenhaus von Budjonnowsk, in dem tschetschenische Terroristen 1000 Menschen festhielten. Ein halbes Jahr später wiederholte sich dieses Szenario in Kislar. Dann kamen 2002 bei der unprofessionell durchgeführten Geiselbefreiung im Moskauer Dubrowka-Theater über 100 Unschuldige ums Leben. Und schließlich endete 2004 auch noch die Aktion gegen die Geiselnehmer in der Schule von Beslan in einer Tragödie: 331 Geiseln starben.

Insider, wie der Vorstandsvorsitzende der Moskauer Abteilung des Gesamtrussischen Verbandes der Veteranen und Mitarbeiter der Spezialeinheiten und Geheimdienste, Valerij Kisseljow, führen dies auf ungeeignetes Personal und mangelhafte Ausbildung zurück. Zu Sowjetzeiten habe das Training noch mehr als fünf Jahre gedauert und es seien nur Bewerber mit mindestens zwei Hochschulabschlüssen und einem Dienstgrad vom Hauptmann aufwärts angenommen worden.

1996 schuf der FSB die Sondereinheit URPO, die für die Bekämpfung des Organisierten Verbrechens zuständig ist. Allerdings soll sie bereits 2006 wegen ihrer Verflechtungen mit mafiösen Strukturen aufgelöst worden sein – wahrscheinlich aber existiert sie unter anderem Namen weiter, denn das Kriminalitätsproblem ist nach wie vor ungelöst. Ansonsten krankt der FSB auch daran, dass noch andere seiner Organe mit der russischen Mafia kooperieren, wie das Schweizer Bundesamt für Polizeiwesen aufgedeckt hat. W.K.


Geheimdienstler machen Druck

Der russische Präsident Wladimir Putin gilt gemeinhin als ein Politiker, dessen Machtbasis ganz wesentlich in den Nachrichtendiensten seines Landes liegt. Aber dies ist nur die halbe Wahrheit, denn der Kremlchef hat durchaus auch Feinde unter den geheimen Kriegern Moskaus.

Das gilt insbesondere für Veteranen wie Valerij Jemyschew, der zu den Gründern von ALFA gehörte, oder Alexander Michaijlow, einen der Akteure der fatal verlaufenen Geiselbefreiung im Dubrowka-Theater. Sie und zahlreiche ihrer früheren Kameraden wünschen sich sehnlichst die „ruhmreichen“ Sowjetzeiten zurück und hassen den derzeitigen Präsidenten, weil er zu weich und liberal sei – sie wollen wieder „einen wie Stalin“ an der Spitze des Staates. Dabei belassen es manche auch nicht beim ohnmächtigen Räsonieren.

So verurteilte das Moskauer Stadtgericht im vorigen Jahr den ehemaligen GRU-Obristen Wladimir Kwatschkow zu 13 Jahren Haft, weil er einen Militärputsch vorbereitet haben soll. Der prominente Afghanistan- und Tschetschenien-Kämpfer wollte angeblich 270 Kilometer westlich von Moskau eine Panzerdivision unter sein Kommando bringen und mit deren Hilfe Putin stürzen, den er während des Prozesses als „parasitären Wurm“ bezeichnete, der von jedem Elitekämpfer verachtet werde.

Das war übertrieben, doch scheint der Präsident solche Worte nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, denn Kwatschkow hatte offenbar ernstzunehmende Mitverschwörer. So trennte sich Putin auffällig schnell von seinem Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow. Und es steht zu vermuten, dass auch die starre Haltung des Kremlchefs in der Krim- beziehungsweise Ukraine-Krise ein Signal an die UdSSR-Nostalgiker innerhalb des russischen Geheimdienstkosmos ist. W.K.


Zeitzeugen

Wladimir Putin – Der heutige russische Präsident avancierte im früheren Sowjetgeheimdienst KGB bis zum Oberstleutnant und stellvertretenden Abteilungsleiter. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR leitete er dann zudem von Juli 1998 bis August 1999 den Inlandsgeheimdienst FSB.

Alexander Bortnikow – Im Mai 2008 wurde der Armeegeneral vom damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew zum Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ernannt. Insider gehen davon aus, dass sein Monatsgehalt mittlerweile genauso hoch ist wie das des französischen Präsidenten: umgerechnet knapp 14000 Euro.

Igor Sergun – Als Chef des russischen Militärgeheimdienstes GRU steht der 57-jährige Generalleutnant seit dem 29. April auf einer Boykottliste der Europäischen Union. Grund für diese Sanktion sind nicht zuletzt die mittlerweile publik gewordenen SpezNas-Einsätze in der Ukraine.

Leonid Chabarow – Wegen der Anschuldigung, er habe gemeinsam mit dem GRU-Veteranen Kwatschkow einen bewaffneten Putsch gegen Präsident Putin geplant, sitzt der populäre Fallschirmjägeroberst und Afghanistan-Kämpfer seit Herbst 2011 in einem Untersuchungsgefängnis in Jekaterinburg.

Michail Fradkow – Nach seiner Tätigkeit als Chef der Steuerpolizei, Vertreter bei der Europäischen Union und Ministerpräsident Russlands fungiert der blasse Bürokrat mit dem Saubermann-Image und Putin-Günstling seit dem 6. Oktober 2007 als Chef des Auslandsgeheimdienstes SWR.


S. 5 Deutschland

Vorerst keine Scheidung
Zwar sind SPD und Union in der Großen Koalition nicht wirklich glücklich, doch es fehlen Alternativen

In der Brandenburger Landesvertretung saßen Anfang Juni SPD-Chef Sigmar Gabriel und die beiden Vorsitzenden der Linkspartei, Katja Kipping und Bernd Riexinger, zusammen. Inhalte sickerten zwar nur stückchenweise nach draußen, aber es soll vor allem darum gegangen sein, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Hat das Treffen der SPD neue Perspektiven eröffnet?

Die Stimmung sei zwar angespannt gewesen, wie der „Spiegel“ berichtet, doch für Aufsehen sorgte das Treffen allemal. Im Zentrum dürfte die Landtagswahl in Thüringen gestanden haben. Dort steht im September der Gang zu den Urnen an und erstmals könnte mit Bodo Ramelow ein Politiker der Linkspartei zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Bisher war dies noch ein Tabu. Vor fünf Jahren hätte es diese Option schon einmal gegeben, aber damals scheuten die Sozialdemokraten diesen Schritt. Die Linkspartei lag weit vor der SPD, und sollten die Meinungsforscher nicht völlig daneben liegen, dann wird es auch im September so sein. Da die FDP den Einzug in den Erfurter Landtag ziemlich sicher verfehlen dürfte und die Union offiziell nicht mit der Euro-kritischen Alternative für Deutschland zusammenarbeiten möchte, haben Gabriels Mannen viele Trümpfe in der Hand, auch wenn die SPD erwartungsgemäß nur drittstärkste Kraft werden sollte.

Ihr kommt vor allem zu Gute, dass sowohl im Bund als auch in Thüringen das Klima in der Großen Koalition ziemlich eisig ist. Kürzlich erzürnte CDU-Fraktionschef Mike Mohring die SPD mit einer Attacke auf den Bildungsminister Christoph Matschie, als er gegenüber dem „Focus“ die Stimmung in den Lehrerzimmern und bei den Eltern wegen der Bildungspolitik als „so schlimm wie zu Zeiten von Margot Honecker“ bezeichnete. In der SPD sind viele Funktionäre unzufrieden – Kanzlerin Angela Merkel würde mit ihrer Popularität dem kleinen Koalitionspartner die Luft zum Atmen nehmen. Einer der lautstärksten Kritiker ist Ralf Stegner, stellvertretender Parteichef und Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein. „Es ist nichts Spektakuläres, sich mit Vertretern aller demokratischen Oppositionsparteien zu treffen. Neu ist vielleicht, dass sich das jetzt normalisiert“, sagte er als Reaktion auf das Treffen seines Vorsitzenden und machte deutlich, worum es der SPD geht: Gespräche mit der Linkspartei sollen im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 zur Gewohnheit werden.

Dabei schien ein solches Bündnis im Frühjahr noch in weite Ferne gerückt. Im März sollte der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Gregor Gysi, auf Einladung der SPD über das Thema „Zukunft von Rot-Rot-Grün“ dozieren. Doch wegen der moskaufreundlichen Haltung der Linken während der Ukraine-Krise wurde Gysi kurzerhand von der Rednerliste gestrichen. Die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau von den Linken hatte daraufhin die „deutsche Schlammschlacht“ zwischen Linkspartei, Grünen und SPD über den richtigen Kurs gegen-über der Ukraine und Russland als „unsäglich“ kritisiert und auf ihrer Internetseite geschrieben: „Jegliche Vernunft hat Schwindsucht, kleinkarierte Parteipolitik jubiliert. Noch immer gilt: ,Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.‘“

Es sind vor allem die außenpolitischen Differenzen, die bis dato dazu führten, dass prominente Sozialdemokraten wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine Koalition auch nach der nächsten Bundestagswahl ausschließen. Gabriel scheint nun einen neuen Plan zu verfolgen. Durch eine langsame Annäherung in den Ländern könnten die Linken domestiziert werden, denn zumindest gegenwärtig sind die Positionen von SPD und Linkspartei auf Bundesebene noch meilenweit voneinander entfernt.

Scheint in Sachsen ein Bündnis unter Einschluss der Postkommunisten rechnerisch kaum möglich, so soll in Brandenburg die rot-rote Koalition unter SPD-Führung unbedingt fortgesetzt werden. Und die Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten von Thüringen wäre ein deutliches Signal in Richtung der Kanzlerin nach dem Motto: „Seht her, wir können auch anders.“

Die Union befindet sich in einem strategischen Dilemma, weil die Grünen die Avancen der Kanzlerin nicht so recht erwidern wollen. „Rot-Rot-Grün bleibt eine Option, wenn wir 2017 auf Basis unserer grünen Inhalte Mehrheiten für eine ökologisch-soziale Politik ausloten wollen“, sagte die Parteivorsitzende der Grünen, Simone Peter, der „Welt“. Und die „Linke“-Chefin Katja Kipping nahm diese Äußerungen erfreut zur Kenntnis: „Wir haken das Projekt Politikwechsel nicht ab. Alles andere wäre eine Ewigkeitsgarantie für Merkel als Kanzlerin.“

Und die Stimmung in Berlin dürfte nicht unbedingt besser werden. Angesichts des Erstarkens der AfD und der eigenen Verluste bei der Europawahl im Mai wächst auch in Bayern bei der CSU der Unmut. Der „Konservative Aufbruch“, der von 20 Lokalpolitikern ins Leben gerufen wurde, macht mobil gegen den Doppelpass und fordert in einem Positionspapier, die Parteispitze solle über die „weitere Aufweichung des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts“ einen Mitgliederentscheid abhalten. Der deutsche Pass sei „mehr als ein Stück Papier“, heißt es. Die SPD hielt dagegen, die getroffene Vereinbarung sei „nicht verhandelbar“.

Aus der Zwangsehe von Union und SPD dürfte so schnell keine Liebesehe mehr werden. Und es sieht danach aus, dass es ohnehin nur eine Partnerschaft auf Zeit ist. Doch zumindest derzeit kann die SPD noch weniger Gemeinsamkeiten mit der Partei „Die Linke“ entdecken, wie Gabriels Reaktionen auf die Publikwerdung seines Treffens mit Kipping und Riexinger deutlich machte. Letzterer reagierte enttäuscht über Gabriels Ablehnung: „Diesmal beginnt die Ausschließeritis bei der SPD schon drei Jahre vor der Wahl. Diesen kindischen Unsinn nimmt nun wirklich niemand mehr Ernst.“ Peter Entinger


Keine Einschränkungen
AGMO interpretiert Reaktion des Petitionsausschusses als Erfolg

Ebenso wie Türken in Deutschland an den türkischen Prä­si­dent­schafts­wah­len vom 31. Juli bis 3. August durften auch Deutsche in der Republik Polen an den letzten Wahlen zum Deutschen Bundestag teilnehmen – erstmals. Die Art der Umsetzung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts stieß allerdings bei den Betroffenen auf Kritik. Die „AGMO e.V. – Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen“ hatte deshalb Beschwerde beim Petitionsausschuss des Bundestages eingelegt. Diese hatte das erklärte Ziel, den Deutschen östlich von Oder und Neiße in Zukunft ohne Einschränkungen die Teilnahme an Bundestagswahlen zu ermöglichen.

Als Beispiel für Handlungsbedarf in dieser Richtung wird auf den Fall eines ehemaligen deutschen Abgeordneten des polnischen Sejm verwiesen, der in seiner Abgeordnetentätigkeit intensiv mit Kontakten in die Bundesrepublik beschäftigt war, dem aber nichtsdestoweniger das Wahlamt der Stadt Cloppenburg ausreichende „Vertrautheit mit den politischen Verhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland“ abgesprochen hatte.

Gegenstand der Kritik ist der Paragraf 12 Absatz 2 Satz 2 des Bundeswahlgesetzes und seine Auslegung. Ihm zufolge sind Deutsche, die niemals in der Bundesrepublik gelebt haben, zwar grundsätzlich auch wahlberechtigt, aber nur dann, wenn sie „aus anderen Gründen persönlich und unmittelbar Vertrautheit mit den politischen Verhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland erworben haben und von ihnen betroffen sind“, ein Passus, der dem Grundsatz folgt, wer wählt, soll wissen, was er tut, und von den Folgen seines Handelns nicht ausgenommen sein.

Wie der Petitionsausschuss in seinem vom 18. Juni datierenden Schreiben an die AGMO mitteilte, soll deren Petition nun dem zuständigen Innenministerium als Material, soweit die strittigen Passagen des Bundeswahlgesetzes betroffen sind, überwiesen und die Fraktionen des Bundestages über die Petition und deren Ausgang informiert werden. Der Petitionsausschuss widerspricht nicht der Auffassung der AGMO, dass der Grundsatz von der „Allgemeinheit der Wahl“ durch die Gesetzespraxis gefährdet gewesen sei. Vielmehr stimmt er ihrer Ansicht zu, dass eine aktive Mitgliedschaft in der Ortsgruppe eines Deutschen Freundschaftskreises (DFK) grundsätzlich ein „Umstand sein kann, der zur Wahlberechtigung beiträgt“. Jedoch müsse auch hier ein deutlicher Inlandsbezug des Einzelnen zum Ausdruck kommen. Der Petitionsausschuss vertritt also nicht den Standpunkt, dass die DFK-Mitgliedschaft ein Umstand sei, der automatisch zur Wahlberechtigung führe.

Trotz dieser also eher vagen Formulierungen des Petitionsausschusses spricht die AGMO von einem „wichtigen Signal für die Stärkung der Verbände unserer Landsleute östlich von Oder und Neiße“. Diese „Steilvorlage“ gälte es nun entsprechend zu nutzen.

Erst einmal will die AGMO die weitere Verarbeitung der Petitionsausschussentscheidung im politischen Tagesgeschäft abwarten, denn das Wahlrecht entsprechend dem Inhalt der Petition anzupassen und allen Deutschen das Wahlrecht zu gewähren, vermag nur der Bundestag. Manuel Ruoff


EEG-Abgabe nicht für alle
Ausländische Ökostromanbieter erhalten vorerst keine Subvention

Nachdem die EU-Kommission an der deutschen Energiewende bereits die Ökostromrabatte für die energieintensive Industrie in Deutschland als verbotene Beihilfe bemängelt hatte, legt Brüssel nun noch einmal nach. So verlangt der spanische EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia, dass der nach Deutschland importierte Strom von der EEG-Umlage befreit wird. Die Umlage wirke wie ein Zoll, und der sei im EU-Binnenmarkt verboten, so die Sichtweise von Almunia. Die Strategie der Großen Koalition in Berlin scheint es bisher zu sein, die Einwände in Sachen Importstrom erst einmal auszusitzen. „Wir haben dazu eine andere Rechtsauffassung“, so der SPD-Politiker Hubertus Heil, der mit seiner Haltung als stellvertretend für die gesamte Koalition angesehen werden kann.

Des Weiteren fordert der spanische Kommissar, dass Solaranlagen in Südeuropa und Windkraftanlagen in Westeuropa von den Subventionssegnungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) nicht ausgeschlossen werden, wenn sie Strom nach Deutschland liefern. Sollten künftig auch ausländische Anbieter die hiesige Ökostromförderung kassieren, dürfte dies die Energiewende vollends unbezahlbar machen. Ein hiesiger Haushalt mit 3500 Kilowattstunden Verbrauch zahlt derzeit schon knapp 220 Euro Ökostrom-Umlage im Jahr über seinen Strompreis.

Ob die Bundesregierung mit ihrem Widerstand gegen Brüssel durchkommt, ist mehr als fraglich. Auch Energieunternehmen haben längst erkannt, welche Gewinnmöglichkeiten sich durch ein gesamteuropäisches Ökostromför-dersystem ergeben. So hat ein finnischer Windparkbetreiber mit einer Klage beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) inzwischen versucht, mit seinen Stromlieferungen nach Schweden auch in den Genuss der dortigen Ökostrom-Subventionen zu kommen. Bereits Ende Januar war der Generalanwalt Yves Bot am Europäischen Gerichtshof in einem Gutachten zu dem Schluss gekommen, dass die EU-Mitgliedsstaaten ihre Ökostromförderung nicht auf das eigene Land beschränken dürften.

Unter Berufung auf den freien Warenverkehr in der EU fordert der Generalanwalt, dass nationale Fördermöglichkeiten in zwei Jahren auch neuen Anlagen in anderen EU-Mitgliedsstaaten zugestanden werden müssen. Das schwedische Argument, dass ein Staat seinen Energiemix nicht mehr kontrollieren könne, wenn er die Förderung nicht auf inländische Erzeuger beschränken dürfe, wurde von Bot verworfen. Erstaunlicherweise hat sich der EuGH in seinem Urteil der schwedischen Sichtweise angeschlossen. Brüssels Bemühungen, selbst Zugriff auf die Ökostromförderung zu bekommen, dürften trotzdem weitergehen. Der als EU- Kommissionspräsident nominierte Jean-Claude Juncker hat angekündigt, den europäischen Binnenmarkt auch im Energiebereich vollenden zu wollen. Erwartet wird, dass Juncker auf eine stärkere europaweite Angleichung bei der Förderung von Erneuerbaren Energien dringen wird. N.H.


MELDUNGEN

CDU-Größe tritt aus Partei aus

Berlin – Ingo Schmitt, ehemaliger Berliner CDU-Landesvorsitzender, Bundestags- und EU-Abgeordneter, hat seiner Partei nach 40 Jahren Mitgliedschaft verbittert den Rücken gekehrt. Seinen Austritt begründete er damit, dass die CDU ihre Grundsatzpositionen in den letzten Jahren „einfach über Bord geworfen“ habe. Als Beispiele nennt er die Abschaffung der Wehrpflicht, den „völlig überstürzten“ Ausstieg aus der Kernenergie, den Mindestlohn und die Rente mit 63. Auch personell könne er einige Entscheidungen nicht akzeptieren, was beim Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder anfange und bei der Kulturbeauftragten Monika Grütters ende. Dem Berliner CDU-Landeschef und Innensenator Frank Henkel wirft Schmitt vor, er lasse sich von Bürgermeister Klaus Wowereit „regelmäßig austricksen“ und sei „an Blässe in seinem Regierungsamt nicht zu überbieten“. J.H.

 

SPD profitiert von Ausnahme

Berlin – Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hatte ursprünglich beim Mindestlohn Ausnahmen strikt ausgeschlossen. In einer bisher einmaligen Regelung hat die Bundesregierung mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger allerdings vereinbart, dass die Zeitungen und Anzeigenblätter etwa 60 Prozent ihrer Mehrkosten bei den Sozialbeiträgen für Zeitungsausträger erstattet bekommen. Zugute kommt diese Regelung auch der SPD, weil die Partei über die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg) an zahlreichen Verlagshäusern, Druckereien und anderen Medienunternehmen beteiligt ist. Die ddvg schüttet wiederum ihre Gewinne an die SPD aus, so dass die Regierungspartei bei den Verhandlungen um den Mindestlohn auch Arbeitgeberinteressen vertritt. U.B.


S. 6 Ausland

Land in Auflösung
Erneut vorgezogene Parlamentswahlen und ein politisch motivierter Baustopp destabilisieren Bulgarien

Ein Ende der Ukraine-Krise ist nicht in Sicht, da wachsen Befürchtungen, dass nun auch das EU-Land Bulgarien zum Schauplatz einer schweren Ost-West-Konfrontation werden könnte.

Das „Armenhaus der EU“ befindet sich in einer politischen Dauerkrise und rutscht immer mehr ins Chaos ab. Nachdem vorgezogene Neuwahlen im Mai 2013 die Sozialisten zurück an die Macht gebracht hatten, sind nun für den 5. Oktober schon wieder vorgezogene Parlamentswahlen angesetzt. Nach nur gut einem Jahr im Amt ist der parteilose Plamen Orescharski an der Spitze seiner Regierungskoalition aus Sozialisten und der Partei der türkischen Minderheit bereits gescheitert. Dass Orescharski politisch keine Zukunft mehr hat, galt in Bulgarien bereits seit der erdrutschartige Wahlniederlage für die Sozialisten bei den EU-Wahlen als sicher. Das Ende kommt dennoch unerwartet schnell.

Einen gehörigen Anteil an dieser Entwick-lung hat eine Attacke auf den bulgarischen Bankensektor, deren Hintergründe bisher weitgehend im Dunkeln liegen. Nach Angaben des Innenministeriums haben Kriminelle über Internet und SMS bösartige Gerüchte in Umlauf gebracht, in denen die Corporate Commercial Bank (Corpbank) und die First Investment Bank (Fibank) mit zweifelhaften Geschäften in Verbindung gebracht wurden. Die Folge waren eine Panik unter vielen Sparern und sogar massenweise Kontoauflösungen. Bei den Bulgaren waren damit Erinnerungen an den Zusammenbruch des Bankensektors in ihrem Lande in den 1990er Jahren geweckt, als 14 Institute Pleite gegangen waren.

Wenige Wochen zuvor hatte Bulgariens Regierung schon eine schwere außenpolitische Niederlage einstecken müssen. Nach starkem Druck Brüssels und Washingtons sah sich Premier Orescharski gezwungen, beim Bau der South-Stream-Gas-Pipeline einen „vorläufigen“ Baustopp zu verkünden. Weitere Bauarbeiten auf bulgarischer Seite solle es erst nach Beratungen mit Brüssel geben, so Bulgariens Regierungschef. Mit dem Rückzieher Sofias steht eines der ambitioniertesten Energieprojekte Russlands auf der Kippe. South Stream ist als südliches Pendant zur Ostseepipeline North Stream gedacht. Die 2400 Kilometer lange Leitung soll von Südrussland durch das Schwarze Meer führen und russisches Erdgas nach Bulgarien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Ungarn, Österreich und Italien leiten. Mit Abschluss des Endausbaus ist ab 2018 eine Kapazität geplant, die fast dem Volumen entspricht, das derzeit aus Russland über die Ukraine nach Westeuropa fließt. Genau darin liegt die Brisanz des Projekts. Wird South Stream Realität, verliert die Ukraine ihren Status als wichtigstes Durchgangsland für Russlands Gasexporte nach Europa. Bulgarien nimmt dann eine ähnliche strategische Schlüsselposition ein, wie sie bisher die Ukraine innehat. Während Kiew damit der Verlust seiner faktischen Monopolstellung droht, eröffnen sich für Bulgarien durch South Stream mehrere Vorteile: eine höhere Versorgungssicherheit, aber auch Transit-Einkünfte und die Möglichkeit, Rabatte für russisches Erdgas auszuhandeln, so die „Neue Zürcher Zeitung“.

Von der EU werden vor allem Wettbewerbsbedenken als Grund für den energisch geforderten Baustopp angeführt. Aus Sicht Brüssels soll ein Gaslieferant wie Gazprom nicht gleichzeitig Betreiber einer Pipeline sein. Tatsächlich hat sich Gazprom bei dem Projekt längst die deutsche Wintershall, die italienische ENI und den französischen Konzern EdF mit an Bord geholt und als Partner beteiligt. Nach Darstellung russischer und bulgarischer Medien soll Bulgariens Führung unter Hinweis auf einen möglichen Verstoß gegen die antirussischen Sanktionen zudem auch von einer Delegation um den ehemalige US-Präsidentschaftskandidaten John McCain „bearbeitet“ worden sein. Tatsächlich wurde der bulgarische Rückzieher bei South Stream kurz nach McCains Besuch bei Premier Orescharski bekannt gegeben.

Das Gas-Projekt ist nicht der einzige Grund, warum in Brüssel und Washington geargwöhnt wird, Bulgarien könnte sich zunehmend von der EU ab- und Russland zuwenden. Die Gesellschaft des Balkanlandes ist tief gespalten in EU-Befürworter und in Vertreter eines pro-russischen Kurses. Über Jahrzehnte gehörte Bulgarien zu den loyalsten Verbündeten der Sowjetunion. Auch heute gilt der politische und wirtschaftliche Einfluss Russlands in dem ärmsten EU-Land als so groß, dass Bulgarien gelegentlich schon mal als „Trojanisches Pferd“ Russlands in der EU tituliert wird. Angesichts eines Durchschnittslohns, der umgerechnet bei 340 Euro im Monat liegt, sind viele Bulgaren von der EU-Mitgliedschaft inzwischen enttäuscht und empfinden eine gewisse Genugtuung über die neue Eiszeit zwischen dem Kreml und Brüssel.

Zur weitverbreiteten Ernüchterung in Sachen EU kommt eine politische Dauerkrise in Bulgarien. Das Land kann längst zum Kreis der schwer regierbaren Staaten in Europa gezählt werden. Ähnlich wie dies in Italien über Jahrzehnte üblich war, scheitern auch in Bulgarien Politiker und Parteien in immer kürzerem Abstand. Dass Bulgariens Wähler regelmäßig enttäuscht werden und das Gefühl haben, sich im Kreis zu drehen, hat einen guten Grund. Seit dem Jahr 1989 hat sich in Bulgarien ein enges Geflecht aus ehemaligen kommunistischen Parteifunktionären, Geheimdienstlern, Organisierter Kriminalität, Oligarchen und Politikern gebildet. Häufig untereinander verfeindet, geht es in einer Art Paralleluniversum zur offiziellen Ordnung meist nur darum, ohne Rücksicht auf Verluste schnell materielle Vorteile zu ergattern. Norman Hanert


»Nicht um jeden Preis«
Fraktion der europäischen Rechten gescheitert, da Partner fehlten

Geert Wilders hat die Nase voll. Nur wenige Stunden, nachdem der Vorsitzende der niederländischen Partei für die Freiheit (PVV) hatte eingestehen müssen, dass alle Bemühungen, eine Fraktion der europäischen Rechten im EU-Parlament auf die Beine zu stellen, vorerst gescheitert sind, gab er bekannt, sein Mandat in Straßburg nicht anzutreten. „Da es kurzfristig keine Fraktion geben wird, in der die PVV Mitglied ist, gibt es für mich keinen Grund mehr für ein Doppelmandat“, sagte er in der vergangenen Woche.

Zuvor hatten Wilders und Marine Le Pen, die Vorsitzende des französischen Front National (FN), vergebens versucht, bis zum Fristende am 24. Juni die erforderlichen 25 Parlamentarier aus sieben Ländern an einen Tisch zu bekommen. Bis zuletzt hatte Le Pen sich bemüht, die polnische Partei „Kongress der Neuen Rechten“ (KNP) mit einzubinden, war jedoch am Veto Wilders’ gescheitert. Die KNP hatte unlängst mit der Forderung, Frauen das Wahlrecht abzuerkennen, für Aufsehen gesorgt. „Ich möchte keine Fraktion um jeden Preis“, sagte Wilders in Straßburg.

Auch Marine Le Pens eigener Vater, Jean-Marie Le Pen, hatte zum Scheitern ihrer Bemühungen um die Bildung einer Fraktion der europäischen Rechten beigetragen. Der 85-Jährige hatte kürzlich mit einem Ausfall für Aufsehen gesorgt: „Herr Noah hat sich verpflichtet, nicht mehr in Frankreich zu singen, wenn der Front National Wahlsieger wird. Ein Schwein, wer seine Ankündigungen widerruft“, sagte er an die Adresse des populären Ex-Tennisspielers und Sängers Yannick Noah. Und angesprochen auf die Äußerungen des jüdischen Sängers Patrick Bruel, der ebenfalls mit einem Auftrittsboykott gedroht hatte, reagierte der 85-Jährige cholerisch. „Ja, das erstaunt mich nicht“, erklärte er in einem TV-Interview und setzte hinzu, „wissen Sie, da machen wir das nächste Mal eine Ofenladung.“ Die Schwedendemokraten brachen daraufhin die Gespräche mit Tochter Marine und Wilders ab, auch wenn die sich distanzierten.

Und noch ein weiterer Punkt wurde den Rechten zum Verhängnis. Der FN steht im Ruf, das EU-Parlament nur als Einnahmequelle zu nutzen und häufig durch Fehlzeiten aufzufallen. Nun stehen Le Pens FN, Wilders PVV, die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) sowie die italienische Lega Nord ohne Fraktion und die damit verbundenen Privilegien da.

Das Lager der Euro-Kritiker stellt damit im Europäischen Parlament nur zwei Fraktionen. Erfolgreich waren die „Konservativen und Reformisten“ um die englischen Tories. Ihnen ist es gelungen ist, mit der Dänischen Volkspartei, den Wahren Finnen und der Alternative für Deutschland drei neue Verbündete zu gewinnen.

Als gewiefter Taktiker erwies sich auch der Brite Nigel Farage. Dessen Unabhängigkeitspartei (Ukip) konnte nicht nur die Schwedendemokraten sowie Beppo Grillos Fünf-Sterne-Bewegung aus Italien überzeugen, sondern am Ende auch noch eine Abgeordnete des FN zum Übertritt in die Fraktion „Europa der Freiheit und der Demokratie“ bewegen. P.E.


Eigenversorgung nicht in Sicht
Russland: Ohne Nahrungsimporte ist das Agrarland aufgeschmissen

Landwirtschaft war mir stets wichtiger als Rüstung“, sagte Wladimir Putin am 17. April in „Direkte Linie“, seiner TV-Debatte mit der Nation. Dabei dachte er wohl an sein politisches Hauptziel, Russlands „Nahrungsautarkie“. Im Juni 2013 erließ er per Ukas ein „Agrarentwicklungsprogramm“ bis 2018, das inzwischen zum „Staatsprogramm“ bis 2020 erweitert wurde. Es sieht enorme Produktionssteigerungen und Verbesserungen der Lebensbedingungen auf dem Land vor und wurde zur Ehrensache autarkistischer Kreise, denen jeder Import ehrenwidrig ist. Igor Rudezki, Duma-Sprecher für Ökonomie, fordert, „auf russischen Ladentheken dürfen nicht mehr als 44 Prozent Importwaren liegen“. Agrarpolitiker Konstantin Babkin rüttelt seine Branche auf: „Russland könnte dreimal mehr Agrargüter als heute produzieren, 90 Prozent des Marktes abdecken und exportieren – 44 Prozent Import sind eine Katastrophe.“

Realistischer ließ bereits im Januar dieses Jahres Landwirtschaftsminister Nikolaj Fjodorov durchblicken, dass Putins Autarkie-Vision auf klassische Hindernisse wie den Rückgang des Ackerlandes um 16,4 Millionen Hektar seit 1990 und neue wie die Subventionsbeschränkungen durch die Welthandelsorganisation (WTO), der Russland seit August 2012 angehört, stößt. Ohne Gnade verdeutlichte Rosstat, Russlands Statistikamt, Mitte Juni in einem Zahlenvergleich zwischen 1993 und 2013, wie schlimm die Lage ist: Zwar ist die Zahl der Landbewohner von 39,9 auf 37,2 Millionen nur unmerklich zurück-gegangen, doch hat sich die Zahl der Arbeitslosen von 0,6 auf 1,5 Millionen mehr als verdoppelt, während die Zahl der Schulen, Maschinenparks, Viehbestände und so weiter abnahm. Der Missernte 2012 folgte 2013 eine Steigerung von nur 1,4 Prozent. Erhöht haben sich laut des zuständigen Fachministeriums die Schulden der Agrarbranche, die im Mai den Banken umgerechnet 44 Milliarden Euro schuldete.

Autark ist Russland nur bei Geflügelfleisch, während Rind zu 27,5 Prozent aus dem Ausland importiert wird. Insgesamt betrugen die Fleischimporte 2011 zwei Millionen Tonnen, die eigene Produktion 4,2 Millionen Tonnen. Wie die Fachzeitschrift „Fleischtechnologien“ im Juni vorrechnete, wird sich daran auch durch geplante „Importquoten“ nicht viel ändern.

Frühestens 2017 wird Russland die Vorteile seiner WTO-Mitgliedschaft, um die es sich 18 Jahre lang mühte, spüren. Vor der WTO haben Russlands Agrarier „Panik“, wie Agrarpolitiker Babkin beobachtete, während sein Moskauer Kollege Andrej Tumanov sie begrüßt: Die russische Landwirtschaft sei rückständig, nicht konkurrenzfähig und mit chaotischem Kataster. Da sei Druck der WTO hilfreich. Die Obergrenze der Subventionen liegt bei 6,7 Milliarden Euro und soll bis 2017 auf 3,4 Milliarden sinken. Und Russland selber will seine Zolltarife von zehn auf 7,8 Prozent mindern.

Seit neuerem realisiert Russland die Autarkie-Doktrin als „Fleischkrieg“. Es verbot am 11. Februar 2013 Fleischimporte aus den USA, verhängte im Folgejahr eine Totalsperre für EU-Schweinefleisch, das angeblich von Afrikanischer Schweinepest verseucht gewesen sei. Die EU sah einen russischen Rückfall in Protektionismus und klagte bei der WTO. Betroffen ist vor allem Deutschland, zuvor drittgrößter Fleischexporteur, heute mit Rückgängen um über ein Fünftel gestraft. Wolf Oschlies


MELDUNGEN

Geld gegen Mafia-Boss

Bukarest – Mircea Basescu, der Bruder des rumänischen Staatspräsidenten Traian Basescu, wird der Bestechlichkeit beschuldigt. Gesprächsmitschnitte, die von rumänischen Medien veröffentlicht wurden, legen nahe, dass Mircea Basescu als Gegenleistung für mehrere 100000 Euro angeboten hat, seinen angeblichen Einfluss auf Richter und den Staatschef geltend zu machen, um eine Haftentlassung Bercea Mondials, eines berüchtigten rumänischen Kriminellen, zu erwirken. Sandu Anghel, so der eigentliche Name des inhaftierten Chefs eines mafiösen Clans, hat innerhalb von 20 Jahren unter anderem mit Alteisen-Diebstahl, dem Handel mit Luxusautos sowie schließlich der Hilfe seiner Beziehungen zu Politik, Wirtschaft und Justiz ein Millionenvermögen angehäuft. Rumäniens Staatschef bestreitet, mit seinem Bruder über den Fall „Bercea Mondial“ gesprochen zu haben. N.H.

 

Schulz ignorierte Korruptionsfall

Brüssel/Straßburg – Martin Schulz (SPD) soll in seiner Funktion als EU-Parlamentspräsident Korruptionsermittlungen gegen einen Abgeordneten des EU-Parlaments blockiert haben. Nach Angaben der früheren rumänischen Justizministerin Monica Macovei hat Schulz über Monate die Aufhebung von dessen Immunität verschleppt. Bisher erfolglos soll die Bukarester Anti-Korruptionsbehörde DNA bereits am 13. Dezember vergangenen Jahres beim EU-Parlament den Antrag gestellt haben, die Immunität des rumänischen Abgeordneten Ovidiu Silaghi aufzuheben. Vorgeworfen wird Silaghi, im Jahre 2012 als damaliger Verkehrsminister von einem Unternehmer eine Schmiergeldzahlung in Höhe von 200000 Euro angenommen zu haben. N.H.


S. 7 Wirtschaft

Selbst die Tarnung ist schlecht gemacht
EU will mit Milliarden Euro Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen und kaschiert damit die Ursachen des Problems

Eigentlich wollten die EU-Regierungschefs am 11. Juli in Turin Bilanz bezüglich ihres vor einem Jahr beschlossenen Programms zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit ziehen. Doch nun wurde der Gipfel auf Ende des Jahres verschoben. Inoffizieller Grund für die Terminänderung ist, dass es wenig zu berichten gibt, da in den vergangenen zwölf Monaten auf dem Gebiet fast nichts geschehen ist.

Die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit sei eines der Hauptanliegen der Europäischen Union, verkünden Brüsseler Spitzenpolitiker und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten stets bei Sonntagsreden. Und tatsächlich haben alle ein massives Eigeninteresse daran, das Problem zu lösen. Bei rund 5,6 Millionen Europäern unter 25 Jahren ohne Arbeit entstehen den Mitgliedsstaaten jährliche Kosten in Höhe von 153 Milliarden Euro durch die Zahlung von Arbeitslosengeldern sowie durch Steuerausfälle. Auch dürfte es eines Tages – bei Besserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt oder bei Verrentungswellen der alten Arbeitnehmer – zu einem Fachkräftemangel kommen, da dann irgendwann offene Stellen auf unausgebildete Arbeitnehmer mit wenig Berufserfahrung treffen.

Daher ist es umso erstaunlicher, dass im letzten Jahr so wenig passiert ist, obwohl die EU sechs Milliarden Euro zusätzlich neben den bereits vorhandenen Geldern aus den EU-Strukturfonds sowie weitere inzwischen neun Milliarden Euro über Kredite der Europäischen Investitionsbank (EIB) bereitgestellt hat. Bei der Frage, wer für die im Grunde nicht vorhandene Umsetzung der „Youth Employment Initiative“ die Verantwortung trägt, schieben sich EU-Kommission und EU-Mitgliedsstaaten gegenseitig den Schwarzen Peter zu. In Brüssel heißt es, es lägen keine Anträge vor. Aus den Hauptstädten der für die Gelder anspruchsberechtigten 20 der 28 EU-Staaten beklagt man, dass die bürokratischen Hürden viel zu hoch seien und die EU zudem die Programme nur zur Hälfte finanziere. Die anderen 50 Prozent müssten die Staaten selber aufbringen, was angesichts der bereits vorhandenen hohen jährlichen Neuverschuldung, für die sie zudem ständig aus Brüssel kritisiert würden, nicht möglich sei.

Wenn man bedenkt, dass in Städten wie dem spanischen Valencia 56,7 Prozent der unter 25-Jährigen ohne Job sind und in der zweitgrößten griechischen Großstadt Thessaloniki 61,8 Prozent, im Norden Griechenlands in Westmakedonien sogar 70,6 Prozent, fragt man sich allerdings auch, warum die Betroffenen ihren Politikern nicht mehr Druck machen.

Damit das EU-Programm nicht völlig als Reinfall verbucht werden muss, war man in Brüssel sogar schon glücklich, als aus Paris 620 Millionen Euro angefordert wurden. So zollte der EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, Lázló Andor, dem französischen Staatspräsidenten Fran-çois Hollande hierfür „große Anerkennung“. Und das, obwohl die EU-Kommission selbst die eingereichten französischen Vorschläge für die Verwendung der Gelder als „ungenügend“ durchdacht bezeichnete. Fast 700000 junge Franzosen sind ohne Arbeit, das Programm will jetzt 10000 von ihnen in Maßnahmen bringen. „Die tatsächliche Qualität der Hilfsmaßnahmen, die Seminare zum Schreiben des Lebenslaufs und Simulation von Bewerbungsgesprächen beinhalten, ist momentan noch unübersichtlich.“

All dies ist weit entfernt von der von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juli 2013 ausgesprochenen Jobgarantie, laut der jeder arbeit-suchende Jugendliche innerhalb von vier Monaten ein Angebot für eine Aus- oder Weiterbildung, ein Praktikum oder eine Arbeitsstelle erhalten sollte. Das mag aber auch daran liegen, dass in erster Linie nicht die fehlende Qualifikation, sondern fehlende Arbeitsplätze das Problem sind. Die Konjunktur in den betroffenen Ländern hat sich trotz zum Teil Milliarden an Hilfsgeldern nicht erholt. Hinzu kommen strukturelle Probleme. So sind beispielsweise in Spanien und Italien langjährige Arbeitnehmer quasi unkündbar und haben ein Besitzstandsrecht auf die in guten Zeiten erworbenen Privilegien, die aber nicht mehr zu den heutigen Zeiten passen. Diese nicht zu verhindernden Fixkosten vermeiden bei der angespannten Finanzlage vieler Unternehmen Investitionen und Neueinstellungen.

„Die Unternehmen müssen Arbeitsplätze schaffen“, so der Wirtschaftsweise Lars Feld. Er hält es für naiv zu glauben, dass staatliche Gelder dort etwas bewirken könnten, wo man seit Jahren Arbeitsmarktreformen verschleppe. „Die globale Wettbewerbsfähigkeit jedes Mitgliedsstaates in der EU muss gestärkt, verkrustete Arbeitsmärkte müssen umgestaltet, übermäßige Bürokratie abgebaut werden“, empfiehlt auch die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände. All diese Defizite sind allerdings seit Jahren bekannt. Rebecca Bellano


Wahlgeschenke statt Sparen
Obwohl Spaniens Haushaltsdefizit hoch ist, werden Steuern gesenkt

Trotz eines massiven Haushaltsdefizits plant Spaniens Regierung umfangreiche Steuersenkungen. „Der Moment ist gekommen, die Steuern für alle zu senken“, so der spanische Finanzminister Cristóbal Montoro. So soll ab Januar kommenden Jahres die Lohn- und Einkommensteuer um durchschnittlich 12,5 Prozent abgesenkt worden. Bezieher von Niedrigeinkommen sollen besonders entlastet werden. Wer jährlich maximal 24000 Euro bezieht – das sind immerhin mehr als 70 Prozent aller Lohn- und Gehaltsempfänger in Spanien –, muss künftig 23,5 Prozent weniger zahlen.

Über mehr Geld können sich auch die Bezieher von Kapitaleinkommen freuen, die ebenfalls geringer besteuert werden sollen. Auch an Spaniens Unternehmen ist gedacht. Der Körperschaftssteuersatz soll von 30 auf 25 Prozent reduziert werden. Zumindest angekündigt ist, dass im Gegenzug einige steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten gestrichen werden sollen. Die Realität könnte nach den Erfahrungen der Vergangenheit anders aussehen. Der spanische Fiskus zeigt sich Firmen gegenüber nämlich bisher sehr großzügig. Durch eine recht großzügige Interpretation des Steuerrechts beträgt die durchschnittliche Steuerlast spanischer Firmen weit weniger als die eigentlich vorgesehenen 30 Prozent. Auffällig ist ebenso, dass Spanien trotz klammer öffentlicher Kassen im Vergleich zu anderen Ländern erstaunlich wenig Geld für die Steuerfahndung ausgibt.

Die Kosten der angekündigten Steuergeschenke werden für die beiden kommenden Jahre auf neun Milliarden Euro geschätzt. Eine Gegenfinanzierung, zum Beispiel durch höhere Mehrwertsteuern, ist nicht vorgesehen. Dies wäre „zurzeit unnötig und unangebracht“, so Finanzminister Montoro. Tatsächlich bringt Ministerpräsident Mariano Rajoy mit seinen Steuerplänen Spanien in noch größere finanzielle Bedrängnis. Im vergangenen Jahr entsprach das Defizit im Staatshaushalt laut Eurostat 7,1 Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung. Um diesen Wert wie geplant bis 2016 auf 2,8 Prozent zu drücken, müsste Spanien seine Einnahmen entweder erhöhen oder massive Einsparungen vornehmen. Momentan scheint Madrid weder das eine noch das andere zu wollen. Die EU scheint den Steuersenkungsplänen Madrids ziemlich machtlos gegenüber zu stehen. Nach den Brüsseler Vorgaben wird von Spanien eigentlich erwartet, dass zwischen 2014 und 2016 rund 38 Milliarden Euro eingespart werden.

Kritik an den Plänen gibt es auch in Spanien. Die sozialistische Opposition wittert hinter den Steuergeschenken vor allem ein wahlpolitisches Kalkül der regierenden Volkspartei. Für den Mai 2015 sind in Spanien Kommunalwahlen angesetzt, im Herbst folgen Parlamentswahlen. Die Aussichten sind für die regierende Volkspartei allerdings nicht besonders günstig. Nach einem Skandal um illegale Parteispenden und Korruption hat die Partei von Premier Rajoy bei den Europawahlen im vergangenen Mai nur noch 26 Prozent der Stimmen erhalten. Bleibt es bei solchen Zustimmungswerten, dann muss Rajoy kommendes Jahr um seine Wiederwahl fürchten. N.H.


Steuerschlupflöcher schließen
EU nimmt deutsches Recht als Muster – Missbrauch geht aber weiter

Die sogenannte Mutter-Tochter-Richtlinie der Europäischen Union ermöglichte es bislang internationalen Konzernen mit Tochterunternehmen in unterschiedlichen Staaten, dass sie in keinem Staat Steuern zahlen. Nun haben sich die Finanzminister der EU-Mitgliedsstaaten auf eine Reform der Richtlinie geeinigt, deren Ziel es ist, dieses Steuerschlupfloch zukünftig zu schließen.

Vor allem hochprofitable Großkonzerne wie Amazon, Apple oder Starbucks waren immer wieder in die Kritik geraten, weil sie Gewinne über verschiedene Tochterfirmen in Europa so verschoben haben, dass trotz Milliardenumsätzen oft nur lächerlich geringe Steuern fällig wurden. Dieses ermöglichte die Mutter-Tochter-Richtlinie, deren eigentliches Ziel es war, die Doppelbesteuerung von Unternehmen in der EU zu verhindern, die in der Praxis aber oft genug zu einer doppelten Nichtbesteuerung führte. Und das funktionierte folgendermaßen: Die Konzernmutter gewährte einem Tochterunternehmen im EU-Ausland einen Kredit. Zurückgezahlt wurde der Kredit mit den Gewinnen der Tochter. Das Tochterunternehmen konnte nun die Kreditrückzahlungen an ihrem jeweiligen Standortland von der Steuer absetzen. Zumindest in einigen EU-Staaten brauchte die Konzernmutter die Rückflüsse aus den Krediten als steuerfreie Dividendeneinnahme aus anderen EU-Staaten aber auch nicht zu versteuern.

Damit soll ab 2016 nun Schluss sein. „Wir machen da einen wichtigen Schritt, um die doppelte Nichtbesteuerung bei hybriden Finanzierungsinstrumenten zu vermeiden“, so der Kommentar von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zu dem längst überfälligen Schritt.

Für deutsche Unternehmen wird sich übrigens mit der Reform wenig ändern. Die von den Finanzministern beschlossene Reform ist zu großen Teilen dem deutschen Steuer- und Gesellschaftsrecht entlehnt.

Nach der Reform der Mutter-Tochter-Richtlinie werden noch genügend legale Steuertricks übrigbleiben, die vorerst unangetastet bleiben. Zu nennen sind hier die sogenannten Patentboxen. Die in vielen EU-Mitgliedsstaaten übliche steuerliche Begünstigung von Lizenzeinnahmen sollte eigentlich Unternehmen zum Forschen und zur Schaffung hochqualifizierter Jobs anregen, hat sich aber zu einem Steuerschlupfloch mit großem Missbrauchspotenzial entwickelt. Bisher profitiert haben hiervon nicht nur große Konzerne, sondern auch Staaten wie Irland, Luxemburg oder die Niederlande. Dort gründen Finanzinvestoren wegen der niedrigen Steuersätze oftmals Briefkastenfirmen, deren einziger Zweck es ist, Unternehmen etwa in Deutschland zu besitzen oder Lizenzgebühren in Rechnung zu stellen. N.H.


MELDUNGEN

VW setzt auf Portugal

Lissabon – Während Politiker darüber beraten, wie sie in Südeuropa Arbeitsplätze schaffen, baut VW sein Werk nahe Lissabon aus. 500 neue Arbeitsplätze sollen so entstehen. Weitere bei Zuliefererbetrieben werden folgen. Schon jetzt werden in der größten Industrieanlage Portugals jährlich 100000 Autos produziert. Ihre Ausfuhr macht 4,2 Prozent des gesamten Exports des Landes aus. Bel

 

Autos: Kredit statt Direktzahlung

Berlin – Wurden 2009 noch 40 Prozent aller in Deutschland gekauften Neuwagen vom Kunden sofort bezahlt, sind es jetzt nur noch 22 Prozent. Alle anderen werden meist über die Hausbank der Autohersteller finanziert oder geleast. Diese verdienen gut und erfreuen sich geringer Kreditausfälle von 0,5 Prozent. Zudem ermöglichen sie den Kfz-Herstellern Zugang zu billigem EZB-Geld. Bel

 

Türkei: Isis belastet Wirtschaft

Ankara – Nach einigen Turbulenzen hatte sich die türkische Wirtschaft gerade wieder erholt, und kaum wurde damit gerechnet, in diesem Jahr ein Wachstum von vier Prozent erreichen zu können. Nun droht die Krise im Irak die erhoffte Stabilisierung wieder zunichte zu machen. Nach Deutschland ist der Irak wichtigster Abnehmer türkischer Waren. Da die Terrororganisation Isis wichtige Verkehrswege kontrolliert, ist zudem nicht nur der Zugang zum irakischen Süden, sondern auch der Landweg nach Jordanien, Saudi-Arabien und Kuwait blockiert. Zudem bezieht die einzige türkische Ölraffineriegesellschaft Tüpras 30 Prozent ihres Öls aus dem Irak. Noch werden die Ölfördergebiete von kurdischen Kämpfern gesichert. Bel


S. 8 Forum

Im Glashaus
von Manuel Ruoff

Es ist schon klar, dass die Ex-SED Joachim Gauck nie die Leitung seiner gleichnamigen Behörde verzeihen wird. Nichtsdestotrotz stellt sich die grundsätzliche Frage, ob man einen Bundespräsidenten, der zur vermehrten Teilnahme an Kriegen aufruft, als „widerlichen Kriegshetzer“ bezeichnen darf, wie es der „Linken“-Politiker Norbert Müller zumindest indirekt getan hat. Sicherlich wird man Gauck der Kriegstreiberei zeihen können, aber muss man deshalb gleich zu derartigen Schimpfwörtern greifen? Dieses gilt umso mehr, als das Staatsoberhaupt seine Aufforderung in sehr verbindlichem Tone vorgetragen hat. Zudem kann er aufgrund seines Amtes auch als überparteiliches Symbol des Staates interpretiert werden, das aufgrund seiner integrierenden Aufgabe besonderen Schutz genieße. Das würde allerdings ein entsprechendes präsidiales, überparteiliches Verhalten des Amtsinhabers voraussetzen. Diesem Anspruch ist Gauck mit der Bezeichnung von politisch anders denkenden Landsleuten als „Spinnern“ nicht gerecht geworden. Damit hat der Amtsinhaber den moralischen Anspruch verwirkt, im innenpolitischen Kampf von Schimpfwörtern verschont zu bleiben.


Eine Partei ist kein Shampoo
von Rebecca Bellano

Bis Herbst 2015 will CDU-Generalsekretär Peter Tauber seiner Partei ein Konzept vorlegen, wie diese „weiblicher, jünger und bunter“ wird. Viele CDU-Stammwähler dürfte diese Ankündigung jedoch wenig begeistern, da sie schon der in den letzten Jahren erfolgten Sozialdemokratisierung ihrer Partei nicht so recht folgen konnten. Immerhin der Hinweis, dass die Partei mehr auf Debatten setzen wolle, klingt reizvoll, schließlich wurde die Richtung der CDU bisher immer von oben vorgegeben und dass die Spitze stets weiß und will, was die Basis will, ist zu bezweifeln.

Wobei: Grundsätzlich hat Tauber recht, wenn er betont, dass etwas gegen den Mitgliederschwund unternommen werden müsse. Rund 50000 Anhänger hat die CDU in den letzten Jahren verloren. Auch seien drei Viertel der Mitglieder Männer und das Durchschnittsalter liege bei 59 Jahren, was beides nicht dem Durchschnitt der Bevölkerung entspräche.

Wieso das so ist, ist der Parteiführung ein Rätsel. Schließlich habe man in den letzten Jahren so viele alte Zöpfe abgeschnitten und gehofft, so junge Frauen und Migranten anzulocken. Von Frauenquote über Genderbefürwortung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis zur Ablehnung der Atomkraft. Dabei wird jedoch übersehen, dass vieles von dem nicht authentisch wirkte. Eigentlich sollte eine Partei von Überzeugungen getragen werden, die sie in ein Programm gießt, anhand dessen sich andere Menschen mit den gleichen Überzeugungen anschließen. Echte Überzeugungen sieht man aber bei der CDU in letzter Zeit kaum noch. Daher ist es auch fraglich, inwieweit die Ratschläge der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zum Thema Familienpolitik helfen, neue Mitglieder zu gewinnen. Schon jetzt hat man das Gefühl, dass sich das Handeln der größten Regierungspartei danach richtet, was möglich ist und was Wähler laut Umfragen angeblich wollen. Dass diese Umfragen zu häufig oft bereits so gemacht werden, dass das gewünschte politisch-korrekte Ergebnis rauskommt, wird dabei ausgeblendet.

Immerhin: Laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sind 100 Prozent der 5000 Befragten der Meinung, dass das verheiratete Paar das zentrale Modell des Zusammenlebens sei. 97 Prozent akzeptieren aber auch das unverheiratete Paar, was auch ganz dem eigenen Alltagsempfinden entspricht. Nur, warum soll laut KAS die CDU daraus den Schluss ziehen, dass die Ehe nicht mehr ihr Leitbild sein soll, wenn sogar 100 Prozent der Interviewten das so sehen? Das heißt ja schließlich nicht, dass alles andere schlecht ist, zudem wächst immer noch mehr als die Hälfte aller Kinder in Deutschland bei miteinander verheirateten Eltern auf.

Auf jeden Fall dürfte es für die CDU kein Erfolg werden, wenn sie jetzt am Reißbrett plant, jünger, weiblicher und „migrantischer“ zu werden. Die Menschen spüren es, wenn so etwas nicht aus dem Innersten kommt. Eine Partei ist kein Produkt. Die Erschließung neuer Zielgruppen für ein Shampoo mag man so planen können, aber doch nicht den Zusammenschluss von Menschen, die nach der Umsetzung ihrer ideellen Ziele streben, denn nichts anderes sollte eine Partei sein.


Kasse machen
von Harald Tews

Die Deutschen sind einmal mehr im WM-Taumel. Über 28 Millionen TV-Zuschauer haben in der Nacht zum vergangenen Dienstag den Sieg des deutschen Teams im Achtelfinale gegen Algerien bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien mitverfolgt. Sollte die deutsche Elf über das Viertelfinale hinauskommen (das Ergebnis gegen Frankreich stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest), werden in den Wohnstuben und auf den Fan-Meilen noch mehr Bürger vor Begeisterung toben und eine nationale Euphorie an den Tag legen, die sie sonst im Alltag vermissen lassen. Ist die WM vorbei, verschwinden die Deutschland-Wimpel an den Fahrzeugen und Balkonen. Im Schrank eingemottet warten sie auf ihren Einsatz bei der nächsten WM.

Solange die Begeisterung aber anhält, wird es den Veranstalter Fifa freuen, dass die Probleme, die im Vorfeld zur Sprache kamen, keiner wahrnimmt. Es sei erinnert an die Proteste der armen brasilianischen Bevölkerung gegen die WM, an Korruption der Fifa, die in der Berichterstattung der sich vorher als „kritisch“ brüstenden Medien jetzt keine Rolle mehr spielen. Doch die Probleme sind nicht wegzujubeln. Auch bei der nächsten WM in Russland wird die Fifa wie eine Heuschrecke in das Land einfallen und wie in Brasilien steuerfreie Gewinne machen. Die Bewohner werden leer ausgehen und Platz machen für riesige WM-Arenen, die hinterher vergammeln. Und die Spieler selbst werden als moderne Gladiatorenkämpfer „verheizt“. Bestes Beispiel wird die WM 2022 in Katar sein, wo sie unter heißer Wüstensonne braten werden. Hauptsache, die Fifa macht Kasse.


Moment mal!
Kein Spiel mehr! Jetzt wird scharf geschossen
von Klaus Rainer Röhl

Zu Weihnachten 1914 wünschten sich alle deutschen – und alle englischen und französischen und auch serbischen – Jungen, wie es in einem heute noch verbreiteten Weih-nachtslied heißt, „Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn’ und Säbel und noch mehr, ja ein ganzes Kriegesheer – möcht’ ich gerne haben.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten wir, unsere Kinder strikt gewaltfrei zu erziehen, versuchten auch einen Geschlechtertausch, Puppen für Jungen, Säbel für Mädchen. Alles vergeblich. Wenn meinem kleinen Enkelsohn bei einem Waldspaziergang nur ein handlicher Ast in die Hände gerät, benutzt er ihn sofort als Schwert oder als Gewehr. Seine Schwestern nicht. Kriegsspiele, Erziehungsfehler des 19. Jahrhunderts? Oder kollektive Erinnerung an den viele Jahrtausende währenden Überlebenskampf in der Steinzeit? Männer schützten die Großsippe oder später ihre Familie, jagten gemeinsam auch gefährliches Wild als gelegentliche Nahrungsergänzung. Frauen sammelten alles Essbare in der Natur und lernten bald, die Pflanzen auch anzubauen und später auf mehr Ertrag hin zu züchten. So war es wohl, und trotz aller aufwendig betriebener und mit Millionen Euro bezahlter Feminismus- und Gender-Propaganda ist noch nicht viel mehr über die Entwicklung der Dinge herausgekommen. Sie verlief ziemlich einheitlich überall auf der Welt. Der Mann als Krieger und Beschützer. Weibliche Kriegerinnen gab es zwar auch in der Vorzeit, Amazonen, ich habe sogar ein Buch darüber geschrieben. Aber sie setzten sich nie als Gesellschaftmodell durch. Zum Bedauern der Männerfeinde.

Deutschlands Oberemanze Alice Schwarzer beginnt jeden zweiten Satz mit „Die Männer“. Sie seien eine Fehlentwicklung der Natur, eine genetische Missgeburt, kriegsbereit schon als Kind, behaupten die Feministinnen. Das männliche Kind als kriegslüsterner Spielmatz?

Gestern sah ich in der Zeitung die Fotos von halben Kindern, die aus dem Ruhrgebiet oder aus England, aufgehetzt von Hasspredigern in den Moscheen und ihren vielen Internetseiten, die zum Kriegspielen einladen, nach Syrien aufgebrochen waren.

Da saßen nun drei blutjunge, gesunde und entschlossen blickende Dschihadisten in schwarzen Phantasie-Uniformen und weißen Kopftüchern und präsentierten stolz ihre Kalaschnikows, und auch die Fahne durfte nicht fehlen. Grob geschätzt 1400 Deutsche oder Muslime mit deutschem Pass waren schon in Syrien oder anderswo und haben Menschen erschossen oder sogar geköpft. Im Internet präsentiert sich seit kurzem ein deutscher „Gotteskrieger“ aus dem Rheinland, der sich offen zur Mitgliedschaft im sogenannten „Islamischen Staat Irak/Syrien“ (Isis) bekennt, einer der wohl gefährlichsten Herausforderungen der Zivilisation seit Al-Kaida. Sie haben dort Kämpfen und Töten gelernt, ausgebildet an den heute modernsten Waffen hin bis zu tragbaren Flugabwehrraketen. Viele werden nach Deutschland zurückkehren und hier weiter Krieg spielen.

Aber wie war es denn mit unserer Generation? Nie wieder Krieg, hieß zuerst die Parole, aber dann kamen die 68er und die begeisterten sich nicht für Mahatma Gandhi und Martin Luther King, sondern für Ho Chi Minh und Che Guevara, für Kriegshelden, die ihren Erfolg besonders rücksichtslos und brutal angewandter Gewalt verdankten. Vor allem die Kubaner, die in abenteuerlichen Phantasie-Uniformen steckten, ihre Haare wild wie ihre Bärte wachsen ließen und ständig mit ihren Waffen herumfuchtelten und sie auch anwandten – zum Töten von Menschen.

Fidel Castro war ihr Führer – aber das Idol aller deutschen Kampfnarren war Che Guevara, der von seinen Gegnern umgebracht wurde, heimtückisch, wie es hieß. Dann kam die Kuba-Krise.

Einer meiner Redakteure, der zufällig damals gerade in Havanna war, entschied sich für Castro, kriegte eine Armbinde als Kämpfer verpasst und fuhr ein Auto, auf dem „Panzer“ stand. Der wollte gar nicht mehr weg von der Insel. Es war wohl das größte Erlebnis in seinem Leben. Wir verloren ihn bald aus den Augen. Das Kriegspielen verlagerte sich nach Deutschland. Herbst 68. Buchmesse in Frankfurt. Alles stand unter dem Zeichen der „Apo“ – der 68er. Die Kabinen der Buchverlage wurden, soweit es überhaupt ging, entsprechend dekoriert. Sieg im Volkskrieg. Vor dem Stand der Europäischen Verlagsanstalt wachte mein jugendlicher Freund Harry Rowohlt in einer Original-Fidel-Castro-Uniform mit Patronengurten aus dem Kostümfundus der Frankfurter Oper und bewaffnet mit einer täuschend echt aussehenden Kalaschnikow. Harry, Millio-nenerbe des Verlags, aber besser bekannt als überzeugend echt vergammelter Penner in der „Lindenstraße“. Ich schenkte dem Freund später ein frei verkäufliches Kleinkalibergewehr, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Maschinenpistole hatte, zum Geburtstag und es war – fragen sie ihn, er lebt in Hamburg! – sein schönstes Geschenk, das er überall herumführte und vorzeigte.

Sich zu kleiden oder mindestens das Haar zu tragen wie Che Guevara war Mode. „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ war das meist skandierte Schlagwort bei den Demonstrationen, aber niemand trug das dünne Spitzbärtchen des vietnamesischen Führers. Die Räuberromantik braucht einprägsamere Vorbilder.

Aber es gab schon den Ruf nach echten Waffen. Bereits 1965. Modellfotos von Mascha Raben (Schwester von Peer Raben, dem unverwechselbaren Komponisten fast aller Fassbinder-Filme) sollten für viel Geld an den Mann gebracht werden. Auf meine erstaunte Frage, wofür sie so viel Geld brauchten, antworteten sie: „Um Waffen zu kaufen!“ 1965! Fünf Jahre später bewiesen Andreas Baader und Horst Mahler, dass der Waffenkult kein Spiel mehr war.

Eine Reise nach Jordanien, von Stasi-Agenten der DDR organisiert, brachte sie in ein Ausbildungslager der Palästinenser. Der militärische Drill behagte ihnen nicht, sie reisten bald wieder ab. Im Schießen nur dürftig ausgebildet, aber voller Tatendrang, kehrten sie nach Deutschland zurück und erklärten das Kriegsspiel zum Krieg. Sie erschossen und zerbombten während der nächsten Jahre 34 Menschen – bis zu ihrem Freitod 1977. Mahler wurde Rechtsextremist, der Unterschied war ohnehin gering – zwischen radikal links und rechts. Meine Ex-Frau Ulrike Meinhof gehörte nie zu den Kampfnarren der RAF, sie hatte nachweislich nur Angst vor Waffen und hasste alle Waffenspielereien von ganzem Herzen. Aber sie hatte keinen Einfluss – mehr – auf irgendetwas.

Die Tätigkeit der RAF blieb ohne Nachfolge, aber auch ohne Nachdenken über den Terror. Und die Kampfnarren marschieren wieder. Die Gefahr kommt heute aus den dicht besiedelten deutschen Großstädten mit starkem muslimischen Bevölkerungsanteil, unter dem die Hassprediger in den Moscheen nicht 1400, sondern zehntausende Gotteskrieger für den Dschihad rekrutieren können. Der Krieg, der heute im Irak und in Syrien geführt wird, ist keine Spielwiese mehr für Waffennarren und Uniformfetischisten. Das Spiel ist aus. Das Kriegsspiel ist endgültig zum Krieg geworden. Der Krieg einer kriminellen Vereinigung gegen die Zivilisation.


S. 9 Kultur

Stachliger Freund
In Schweinfurt befindet sich die größte Sammlung von Spitzweg-Werken, was man jetzt voller Stolz zur Schau stellt

Sonderlinge wie der strickende Wachtposten, der Kaktusliebhaber, der Bücherwurm oder der arme Poet gehören zu den bekanntesten Ge­stalten von Carl Spitzweg (1808−1885). Mit Ausnahme des Poeten ist ihr Domizil ist das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, das nun „Die weltweit größte Sammlung“ mit Werken des Biedermeiermalers zeigt.

Der Industrielle Georg Schäfer (1896−1975) hat zu Lebzeiten die weltweit größte Sammlung von Spitzwegs Werken zusammengetragen. Beraten wurde er dabei von dem 2013 verstorbenen Kunsthistoriker Jens Christian Jensen. Zu dessen Andenken präsentiert das Museum in einer köstlichen Sonderschau 171 Ge­mälde und Zeichnungen aus seiner 290 Werke umfassenden Spitzweg-Kollektion.

Der in München geborene Spitzweg war Spross einer Kaufmannsfamilie. Er bestand mit Auszeichnung das Universitätsexamen als Apotheker, bevor er nach überstandener schwerer Erkrankung beschloss, sein Leben der Malerei zu widmen. Das Malen brachte er sich im Selbststudium bei. Erste Gemälde entstanden um 1835.

Spitzweg war gern auf Reisen. Die führten ihn durch Bayern und Franken, an den Bodensee, nach Italien sowie nach Paris und London zur Weltausstellung 1851. Er war in der Münchener Malerszene gut vernetzt, pflegte Kontakt zu Kunstvereinen in ganz Deutschland und beschickte Ausstellungen in Europa und Amerika. Museumsleiterin Sigrid Bertuleit berichtet, dass er sein eigener Galerist und Verkäufer war: „Zu Lebzeiten verkaufte er in Eigenregie annähernd 480 Gemälde.“

Die Sonderschau stellt uns Spitzwegs ungeahnt weites Themenspektrum vor. Er malte Landschaften und Ansichten alter Städte, setzte Orientalen und Eskimos ins Bild. Der Maler bekannte: „Oh! Die Vergangenheit ist schön!“ Aber die gute alte Zeit bekommt im Gemälde „Der Astrologe“ eine komische Note, wenn ein nach der Mode des 17. Jahrhunderts gekleideter Edelmann beim Blick durchs Fernrohr in den Sternenhimmel außer sich gerät und dabei Mund und Augen weit aufreißt. Selbst vor offener Erotik scheute der lebenslange Junggeselle nicht zurück, wie das Gemälde „Badende Nymphen“ (1870/75) beweist. Doch Spitzweg wäre nicht Spitzweg, wenn die Sache nicht einen Haken hätte: Die vier nackten Damen hat der Maler in weite Ferne gerückt, so dass ihre körperlichen Reize allenfalls zu erahnen sind. Obendrein sorgen zwei als Spanner im Geäst sitzende Zwerge für eine komisch märchenhafte Note.

In vielen seiner stets kleinformatigen Gemälde, die im Spiel von Licht und Schatten eine für ihre Zeit ungewöhnliche Farbenpracht entfalten, malt uns Spitzweg kompromittierende Szenen aus. Das Gemälde „Der abgefangene Liebesbrief“ (um 1855) ist so inszeniert, dass wir scheinbar aus dem Fenster aufs Nachbarhaus blicken. Dort bahnt sich Ungemach an. Der unter dem Dach wohnende Student seilt voller Zuversicht einen Liebesbrief zu der einen Stock tiefer am offenen Fenster sitzenden jungen Dame ab. Doch die hat nur Augen für ihre Stickarbeit. So droht das Liebenswerben an die falsche Adresse zu geraten. Denn die neben ihr stehende Gouvernante hat den Brief bereits entdeckt. Diese fromme Person mit großem Kreuzanhänger auf der Brust ist fassungslos. Ahnt sie, dass der Student ihren Schützling ver­führen will − oder hält sie das Schreiben für eine aus heiterem Himmel an sie selbst gerichtete, womöglich göttliche Botschaft?

Der unverschämten Neugier der Mitmenschen hat Spitzweg das kleine Meisterwerk „Gratulant überreicht Blumenbouquet“ (1870/72) gewidmet. Mit artiger Verbeugung überreicht ein junger Herr seiner am Brunnen stehenden Angebeteten einen Blumenstrauß. Doch die zarte Annäherung findet unter den wachsamen Blicken der Öffentlichkeit statt: Ein hinter dem Brunnen stehendes junges Mädchen verrenkt sich fast den Hals, Passanten sind stehen geblieben. Auch aus den umliegenden Fenstern werden neugierige Blicke geworfen und selbst die Tauben auf dem Dach starren auf das Liebeswerben am Brunnen hinab.

Dem Liebeswerben hat Spitzweg in allen erdenklichen, zumeist jedoch erfolglosen Spielarten eine lange Reihe von Bildern gewidmet. Berechtigte Hoffnung keimt immerhin im Gemälde „Die Begegnung im Walde“ (um 1860) auf. Am Brunnen steht ein junger Jägersmann, welcher für Spitzwegs Verhältnisse fast schon schlüpfrig auf den steil aufgerichteten Lauf seiner Flinte weist. Geht da was? Einerseits schaut die fesche Sennerin den Jäger interessiert an. Andererseits hat sie die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt.

Das Ölbild „Sennerin und Mönch“ (1838) hingegen ist Beispiel für einen unpassenden Annäherungsversuch. Ein Mönch hat sich zum Lesen in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen. Doch er ist nicht allein. Beherzt steigt ihm eine Sennerin über den niedrigen Bretterzaun nach. Der sie erschrocken über die Schulter anstarrende Mönch fühlt sich gestört, möglicherweise auch ertappt. Wer weiß, was er da liest?

Glücklich sind Spitzwegs Bildhelden eigentlich nur, wenn sie mit sich und ihren Vorlieben allein sind. Im Gemälde „Es war einmal“ (um 1850) hat der auf einem grasbewachsenen Bastionshügel sitzende Wachtposten sein Strickzeug sinken lassen und schaut, die Rechte über den Augen, in die Ferne. Sein Frieden ist offenbar gestört.

Zur Selbstverwirklichung in höheren Wissens­sphären hat es hingegen „Der Bücherwurm“ (um 1850) gebracht. Um den alten Herrn herum ist viel Schatten. Aber er steht auf seiner Bibliotheksleiter im Sonnenlicht und ist in ein Buch vertieft, das er sich mit der Linken vor die Nase hält. Ein weiteres aufgeschlagenes Buch befindet sich in der Rechten, andere Bände hat er sich unter den Arm und zwischen die Knie geklemmt. Für uns mag das komisch aussehen. Dem ins Studium vertieften Bücherwurm ist das egal.

Auch der „Kaktusfreund“ (vor 1858) hat sich einen abgeschirmten Ort geschaffen, an dem er seine „wirklichen Freuden“, wie Spitzweg-Kenner Jens Christian Jensen das formulierte, ungestört genießen kann. Mit einem Schlafrock bekleidet schmaucht er im Garten seine Pfeife und hält einen Blumentopf in den Händen. In dem wächst und gedeiht ein kapitaler Kaktus, der viele rote Blüten ge­trieben hat. Hocherfreut begutachtet der Pensionär seinen stacheligen Freund. Veit-Mario Thiede

Bis 30. November im Museum Georg Schäfer, Brückenstraße 20, Schweinfurt. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr. Telefon (09721) 514820, Internet: www.museumgeorgschaefer.de. Eintritt: 7 Euro. Der im Prestel Verlag erschienene Katalog kostet im Museum 29 Euro.


Hohn und Spott
Franz Fühmann ließ sich verleiten, gegen seine sudentendeutsche Heimat anzuschreiben

Der aus dem Sudetenland stammende DDR-Schriftsteller Franz Fühmann ist vor 30 Jahren, am 8. Juli 1984, an einem Krebsleiden verstorben. Geboren am 15. Januar 1922 als Sohn eines nationalgesinnten Apothekers in Rochlitz im Riesen-gebirge, besuchte er für vier Jahre ein Jesuitenkonvikt bei Wien, aus dem er 1936 floh, um das Gymnasium im böhmischen Reichenberg zu besuchen. Unmittelbar nach dem Abitur wurde er zur Wehrmacht eingezogen, war Nachrichtenoffizier in Griechenland und an der Ostfront. 1945 geriet er in russische Gefangenschaft.

Aus dem Lager wurde er 1946 zur „Antifa-Schule“ nach Noginsk bei Moskau geschickt und drei Jahre später, inzwischen „umerzogen“, in die gerade gegründete DDR entlassen. Seitdem lebte er in Ostberlin und in Märkisch Buchholz, zunächst als Kulturfunktionär der „Nationaldemokratischen Partei“, aus der er 1972 austrat, und ab 1958 als freier Schriftsteller, der sich zunächst als recht linientreu zeigte.

So ist seine Ich-Erzählung „Böhmen am Meer“, nach 1955 niedergeschrieben und ein Jahr nach dem Mauerbau veröffentlicht, eine entsetzliche Geschichte über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Sicht eines vom überzeugten Nationalsozialisten zum DDR-Sozialisten „geläuterten“ Schriftstellers, der mit seiner Vergangenheit und mit der seiner Volksgruppe abrechnet.

Der Autor berichtet, wie er im Sommer 1955, krank vor Sehnsucht nach dem Meer, das er 1943 zuletzt gesehen hat, in ein Fischerdorf bei Rostock fährt, wo er seinen Urlaub im Haus einer einsilbigen und verschlossenen Witwe verbringt, deren Ehemann 1943 als Soldat in Afrika gefallen ist, die, die Mundart verrät es, aus einem Nachbardorf von Rochlitz stammt und die 1945 an die Ostseeküste vertrieben wurde.

Auf Fragen nach ihrem Leben gibt die Witwe nur sparsame Auskunft, aber der Autor findet heraus, dass sie 1939, als sie Magd war auf einem Gut im Riesengebirge, vom Baron geschwängert und später weggejagt wurde. Im gleichen Jahr 1955 fährt Fühmann widerwillig zu einem sudetendeutschen Heimattreffen nach Westberlin, wo er den „Egerländer Marsch“ hört und danach eine Rede des einstigen Gutsbesitzers, der das Heimatrecht einfordert.

Als Fühmann diese Erzählung schrieb, war er noch voll den ideologischen Vorgaben verpflichtet, die der Staat den Schriftstellern gestellt hatte, und erfüllte das Erwartungsmuster, einen vertriebenenkritischen Text zu liefern, der tagespolitisch genutzt werden konnte. Die Verurteilung des westdeutschen „Revanchismus“ wird noch dadurch überhöht, dass der Festredner seinem „Dienstmädchen“ Hermine Traugott, wie es im Dritten Reich hieß, ein un­eheliches Kind gemacht hat, womit er als Vertriebenenpolitiker unglaubwürdig wird.

Die ganze Geschichte fällt freilich in sich zusammen, wenn man die poltischen Zutaten wegnimmt. Dann stimmt die Kausalkette: „Erst Frauenschänder, dann Revanchist“ nicht, und der Autor müsste sich eine andere Beimischung ausdenken, um die Sudetendeutschen zu diskreditieren.

Der „positive Held“ in dieser noch von den Denkmustern des „sozialistischen Realismus“ ge­prägten Geschichte ist der Dorfbürgermeister von Z., auch er ein „Umsiedler“, der Hermine Traugott schon 1945 im Sammellager bei Eger getroffen hat, wo sie ihn beschwor, sie nicht mit ihrem 1940 geborenen Sohn an der Ostseeküste anzusiedeln. Dieser Bürgermeister hat als Kommunist selbstverständlich im Konzentrationslager gesessen, ist nun ein SED-Mitglied und wird so be­schrieben: „Ein hagerer Mann, straff, mittelgroß, das Gesicht wettergebräunt, und die Stirn und Wangen gefurcht; ein Gesicht, erfüllt von der Güte derer, die viele Kämpfe durchgestanden haben.“

Warum Hermine Traugott Angst vor dem Meer hat? Sie fährt mit der Familie des Barons von Langenau im Sommer 1940 auf eine Nordseeinsel, wo ihre Schwangerschaft ruchbar wird. Sie wird von der Ehefrau wüst beschimpft und sofort entlassen, worauf sie sich in der Nordsee ertränken will. Das könnte aus einem Film von Rosamunde Pilcher stammen.

In seinen letzten Lebensjahren wurde die politische Einstellung von Fühmann gegenüber dem SED-Staat allerdings immer kritischer und unerbittlicher. Er förderte Nachwuchsautoren wie Wolfgang Hilbig und Uwe Kolbe, die wegen ihrer Veröffentlichungen in politische Schwierigkeiten geraten waren, er setzte sich mit der Lyrik Georg Trakls in seinem Essay „Vor Feuerschlünden“ (1982) auseinander, und er beschäftigte sich ausführlich mit der Bibel. Jörg Bernhard Bilke


Nidden feiert Thomas Mann

Nidden auf der Kurischen Neh­rung ist jeden Sommer das Pilgerziel von Fans des Schriftstellers Thomas Mann. Denn dann findet dort das nach dem „Buddenbrooks“-Autor benannte Festival statt, das dieses Jahr vom 12. bis 19. Juli seine 18. Auflage erlebt. Das Thomas-Mann-Haus, in dem der Lübecker Autor von 1930 bis 1932 drei Sommerurlaube verbracht hat und das heute als Museum und als deutsch-litauisches Kulturzentrum genutzt wird, steht ganz im Zeichen des Ersten Weltkriegs.

Im Rahmen eines unter dem Motto „Erbe der Moderne. 100 Jahre nach dem Krieg“ stehenden fünfjährigen Festivalzyklus geht es in zweisprachig auf Deutsch und Litauisch gehaltenen Vorträgen, Konzerten und Kinoaufführungen um den „Jahrhundertsommer“. Der Reigen startet am 12. Juli mit einem Eröffnungskonzert, bei dem neben Werken von Brahms und Strawinsky auch ein Auftragswerk des litauischen Komponisten Ricardas Kabelis aufgeführt wird. Tags darauf stellt Nerijus Šepetys sein Buch „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ vor. Am 14. Juli spricht der polnische Historiker Maciej Górny über den „nüchternen Geist des Sommers. Ostmitteleuropas Aufbruch in das neue Jahrhundert“. Gespannt sein darf man auf die Aufführung des neuen Kinofilms „Wolfskinder“ am 15. Juli. Ein Konzert mit Musik Anton von Weberns und Bachs beschließt das Festival am 19. Juli. Alle Infos online im Veranstaltungsteil von www.mann.lt. tws


Autor, Jäger und Organisator

Die Verwüstung seiner masurischen Heimat musste der ostpreußische Schriftsteller Fritz Skowronnek nicht mehr miterleben. Er starb vor 75 Jahren kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 7. Juli 1939 in Oranienburg bei Berlin. Der leidenschaftliche Angler und Jäger hat eine Vielzahl von Romanen und Jagdgeschichten hinterlassen, die heute nur noch wenigen Eingeweihten ein Begriff sind.

Vor 100 Jahren war das anders, erlebte doch seine Romantrilogie „Sturmzeichen“, „Das große Feuer“ und „Die schwere Not“ −letzterer Teil schildert den Kriegsausbruch 1914 − als „Ullstein-Buch im Feldpostbrief“ für die Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs eine Bestsellerauflage.

Schriftstellerisch stand der 1858 im Forsthaus Schuiken bei Goldap geborene Skowronnek etwas im Schatten seines jüngeren Bruders Richard, der vor allem mit seinen landesweit aufgeführten Lustspielen populär wurde. Fritz Skowronnek hingegen engagierte sich nach 1918 in der Ostpreußenhilfe für die verstreuten Landsleute und half mit seinem „Verein heimattreuer Ost- und Westpreußen“ Städte-Patenschaften aufzubauen, die zum Teil bis heute Bestand haben. tws


S. 10 Preussen

Hunderten Lokomotiven gab er seinen Namen
Vor 160 Jahren starb mit August Borsig eine typische Gründerpersönlichkeit der deutschen Industrialisierung im 19. Jahrhundert

Der „Lokomotivenkönig“, wie August Borsig bezeichnenderweise von Alexander von Humboldt genannt wurde, gründete den größten Lokomotivenproduzenten Europas und den neben Baldwin Locomotive Works in den USA größten der Welt.

Zunächst schien es so, als würde Johann Friedrich August Borsig in die Fußstapfen seines Vaters treten. Der am 23. Juni 1804 in Breslau als zweites von fünf Kindern geborene Schlesier erlernte das Zimmererhandwerk. Daneben besuchte er die Kunst-, Bau und Handwerkschule seiner Geburtsstadt. Ein Stipendium ermöglichte ihm ab 1823 den Besuch des Königlichen Gewerbe-Instituts in Berlin.

Jedoch grau ist alle Theorie und so wechselte er 1825 zur damals berühmten Maschinenbauanstalt und Eisengießerei F. A. Egells. Eine seiner ersten Aufgaben, den Zusammenbau einer Dampfmaschine im schlesischen Waldenburg, erfüllte er derart überzeugend, dass ihm sein Arbeitgeber bereits 1827 die Stelle eines Faktors, Werkmeisters, Betriebsleiters anbot. Er übernahm die Leitung der Neuen Berliner Eisengießerei. Der Anstellungsvertrag garantierte ihm für acht Jahre ein jährliches Einkommen von 300 Talern. Er konnte nun heiraten und tat es auch. 1828 führte er Louise Pahl, die Tochter des Küsters der Sankt-Hedwigs-Kirche, vor den Traualtar. Aus der Ehe ging im darauffolgenden Jahr sein einziger Sohn und späterer Nachfolger Albert hervor.

Borsig nutzte die Zeit, um sich den Ruf eines erstklassigen Fachmannes im Dampfmaschinenbau zu erwerben und das Startkapital für die Selbstständigkeit zu sammeln. 1837 gründete er in Nachbarschaft seines alten Arbeitgebers am Oranienburger Tor eine Eisengießerei und Maschinenbau-Anstalt. Anfänglich produzierte er primär Maschinen für die damals blühende Runkelrüben-Zucker-Fabrikation. Doch schon früh wurde die Eisenbahn sein Auftraggeber. So wird die Gründung seines Unternehmens am ersten gelungenen Guss für gusseiserne Schienenstühle für den Bau der Eisenbahn Berlin–Potsdam festgemacht. Der erste Großauftrag waren neben gusseisernem Schienenzubehör 116200 Schrauben für diese Bahnlinie. Schon wenige Jahre später wagte er sich an eine bis dahin britische Domäne, den Bau von Lokomotiven – und das auch noch nach eigenen Plänen und nicht etwa in Lizenzfertigung. Nachdem er 1839 erstmals für die Berlin-Potsdamer Eisenbahngesellschaft Lokomotiven repariert hatte, konnte er 1841 das erste in seinem Unternehmen gefertigte Exemplar der Berlin-Anhalter Eisenbahn ausliefern. Zu Werbezwecken veranstaltete er eine Wettfahrt von Berlin nach Jüterbog, in der er diese erste „Borsig“ gegen eine Lok des legendären Hauptbegründer des Eisenbahnwesens, George Stephenson, antreten ließ. Sein Produkt obsiegte. August Borsig hatte sein Metier gefunden.

Ihm gelang es, in Preußen eine monopolähnliche Stellung zu erringen. So baute er in seinem Todesjahr von den 68 neuen preußischen Lokomotiven 67. Exporterfolge kamen hinzu. Fünf Jahre nach der ersten wurde bereits die 100. Maschine ausgeliefert. Kurz vor seinem Tod konnte er noch die 500. feiern.

Mit der Expansion des Eisenbahnnetzes wuchs auch Borsigs Unternehmen. 1847 begann er mit dem Bau des Eisenwerkes in Moabit, das ein Puddelwerk, ein Stabeisen- und Blechwalzwerk sowie einen Schmiedebetrieb mit Dampfhämmern umfasste und 1849 den Betrieb aufnahm. 1850 erwarb er die aus der Preußischen Seehandlungs-Sozietät hervorgegangene Maschinenbauanstalt in der Kirchstraße in Berlin-Moabit. Um den Kohlebedarf zu decken, schloss er 1854 mit Carl Franz Wolfgang Graf von Ballestrem einen Pachtvertrag, der ihm beziehungsweise seinem Unternehmen die längerfristige Nutzung von Kohlefeldern im oberschlesischen Biskupitz eröffnete. Um günstig an große Mengen Stahl heranzukommen, schloss er Lieferverträge auf Gegenseitigkeit mit Alfred Krupp: Kruppstahl für Borsigs Lokomotiven gegen moderne Danmpfhämmer aus dem Hause Borsig für Krupps Essener Stahlwerk.

Auch in der Mitarbeiterzahl spiegelte sich die Expansion wider. Mit ungefähr 50 Arbeitern hatte er 1837 angefangen. 1847 waren es bereits 1200, 1858 dann 2800.

Wie manchem Neureichen wurde auch Borsig eine gewisse Neigung zum Prunk nachgesagt. Mit der sogenannten Villa Borsig in Berlin-Moabit erfüllte er sich einen Traum. Geld gab er aber auch als Mäzen für Kunst aus sowie für soziale Einrichtungen zugunsten seiner Mitarbeiter. So richtete er für seine Arbeiter eine Krankenkasse, eine Sterbekasse, eine Sparkasse, eine Kantine und einen Unterrichtsraum sowie ein Bad mit Schwimmbecken ein. Wie bei so vielen anderen Wirtschaftsgrößen, welche die Industrialisierung Deutschlands im 19. Jahrhundert hervorbrachte, ist es auch in diesem Falle eine Frage des politischen Standpunktes des Betrachters, ob er hierin eher den Ausdruck sozialen Verantwortungsgefühls oder eine weitblickende Form der Mitarbeiterbindung sieht.

Auch ansonsten wäre es falsch, das Werk des „Lokomotivenkönigs“ auf Dampfloks zu reduzieren. Denn auch als Eisengießer und Baumeister machte er sich einen Namen. So gehört das Fontänenpumpwerk von Schloss Sanssouci ebenso zu seinen Konstruktionen wie die Kuppeln der Potsdamer Nikolaikirche und des Stadtschlosses in Berlin. August Borsigs Leben war also durchaus intensiv und produktiv, aber es währte nicht lang. Gerade einmal 50 Jahre alt, verstarb die Gründerpersönlichkeit, die wie so viele vergleichbare jener umtriebigen Ära wirtschaftliche mit technischer Begabung verband, am 6. Juli 1854 an den Folgen eines Schlaganfalls in Berlin. Manuel Ruoff


Vom Nordosten Deutschlands zum Süden Afrikas
Seit 1976 sind die Ost- und Westpreußen in der Republik am Kap in einer eigenen Landsmannschaft organisiert

Die meisten Ostdeutschen blieben trotz Flucht und Vertreibung in Deutschland, doch eine nicht unbedeutende Minderheit verschlug es ins Ausland – auch nach Südafrika. Rund drei Jahrzehnte sollte es dauern, bis sich die dortigen Ost- und Westpreußen landesweit organisierten. Den Ausganspunkt bildete 1976 eine Südafrikareise des damaligen Betreuers der Berliner Kreisgruppe Johannisburg, Heinrich Wischnewski. Auf dieser Reise traf er sich mit der gebürtigen Königsbergerin Ilse de Klerk geborene Hennig und schlug ihr die Gründung einer ostpreußischen Gruppe vor. Am 27. November 1976 fand die erste Zusammenkunft statt. 22 Landsleute erschienen und die „Landsmannschaft Ost- und Westpreußen S.A.“ wurde aus der Taufe gehoben.

Ihre Veranstaltungen fanden zumeist in Johannesburg oder Pretoria statt, weil dort die überwiegende Mehrheit der Ostpreußen lebte, aber für die bald mehr als 100 Mitglieder umfassende landsmannschaftliche Gruppe wurden auch gemeinsame Wochenendfahrten organisiert. 1980 gründete Ilse de Klerk in Randburg, das zwischen Johannesburg und Pretoria liegt, einen Ableger, der in die weiteren Aktivitäten eingebunden wurde. Und auch in Klerksdorp, Rustenburg, Port Alfred und anderen Orten entstanden neue Ostpreußen-Kreise.

Um auch die südafrikanische Öffentlichkeit mit ihrer Heimat vertraut zu machen, veranstaltete die Landsmannschaft an der Randse Afrikaanse Universität in Johannesburg eine ostpreußische Kulturwoche mit Ausstellungen, Vorträgen und Filmvorführungen. Unterstützt wurde sie dabei von der Landesgruppe Berlin der Landsmannschaft Ostpreußen, die zuvor schon einen solchen Kreis in Australien mit aufgebaut hatte, für den sie dann auch die Patenschaft übernahm. Seit 1981 besuchten Mitglieder der Gruppe aus Berlin regelmäßig ihre ostpreußischen Landsleute in Südafrika. Anfang Januar 1981 fanden in Johannesburg zudem „Ost- und Westpreußische Tage“ statt, zu denen sogar eine Delegation der Landsmannschaft Ostpreußen aus Deutschland anreiste. Die Ausgestaltung der kulturellen Darbietungen lag dabei zu einem erheblichen Teil bei der Bundesspielschar der Gemeinschaft Junges Ostpreußen (GJO), die ostpreußische Volkstänze vorführte und eine Heimatausstellung mit Bildern und Informationen organisierte. Im April 1989 fand in Pretoria erneut eine Ostpreußen-Ausstellung statt. Außerdem traf man sich jedes Jahr rund 230 Kilometer östlich von Johannesburg zu einem mehrtägigen Beisammensein mit Braaivleis (traditionelles südafrikanisches Grillen) am Lokopdamm in Osttransvaal (heute Mpumalanga). Und schließlich seien noch die gelegentlichen Baumpflanzungen sowie die winterlichen Zusammenkünfte bei Glühwein im Juni oder Juli erwähnt.

Zu einem landesweiten Treffen der Ost- und Westpreußen kam es am 31. März 1996, als Siegfried Kittel, der Mitte der 1980er Jahre Ilse de Klerk im Vorsitz der Landsmannschaft abgelöst hatte, auf die Farm Gilehhorn zwischen Johannesburg und Pretoria einlud. Eigentümer der Farm und Gastgeber waren Helmut Tillwick und seine Ehefrau, die aus Neukirch im Kreis Elchniederung stammten und seit Anfang der 1960er Jahre an allen Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen teilgenommen hatten. Helmut Tillwick war inzwischen Ehrenvorsitzender der Landsmannschaft in Südafrika, während sein Bruder Dieter, der in der südafrikanischen Nuklearforschung tätig war, als zweiter Vorsitzender und damit Stellvertreter Kittels fungierte. Siegfried Kittel selbst stammte aus Memel und war 1953 mit seiner Familie nach Südafrika eingewandert, sein Bruder Viktor amtierte in Deutschland als Kreisvertreter von Memel in der Landsmannschaft Ostpreußen. Das Treffen auf der Farm Gilehhorn, an dem 53 Gäste teilnahmen, erhielt eine besondere Aufwertung dadurch, dass auch der damalige Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm von Gottberg, gekommen war und eine Ansprache hielt. Er hatte zuvor die Ausstellung „Flucht und Vertreibung“ zuerst in Windhuk und anschließend in Swakopmund eröffnet und war dann von Namibia nach Südafrika weitergereist.

Den letzten großen Höhepunkt bildete die Feier anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Landsmannschaft, die mit einer Gedenksteinsetzung verbunden war. Ort des Geschehens war am 27. Oktober 2001 der Arcadia Park in Pretoria vor dem dortigen Kunstmuseum, wo man bereits 1990 sechs Eichen gepflanzt hatte und wo am 26. November 1964 auch das sogenannte Dankesdenkmal errichtet worden war, mit dem die Bundesrepublik Deutschland die Südafrikaner würdigte, die in den Jahren nach 1945 die notleidende deutsche Bevölkerung mit Care-Paketen versorgt hatten. Entsprechend hatte man den in englischer wie deutscher Sprache gehaltenen Text auf dem Findling formuliert: „Zur Erinnerung an die Enteignung und Vertreibung aus unserer deutschen Heimat und als Dank an Südafrika für eine neue Heimat und Zukunft. – Ost- und Westpreußen, Pommern, Ost-Brandenburg, Schlesien und Sudetenland.“ Die Deutsche Botschaft in Pretoria empfand diese Worte als unpassend beziehungsweise „politisch nicht korrekt“, und so verweigerte sie nach Rücksprache mit dem Auswärtigen Amt in Berlin ihr Einverständnis. Doch auch ohne dieses und ohne offizielle deutsche Honoratioren fand dann die Einweihungszeremonie statt, und von 180 eingeladenen Gästen waren immerhin 120 anwesend. Nach dem Absingen der südafrikanischen und der deutschen Nationalhymnen eröffnete Gerhard Freiherr von Ketelhodt die Veranstaltung und gab anschließend das Wort weiter an Siegfried Kittel, den langjährigen Vorsitzenden der Landsmannschaft. Dieser bedankte sich – abwechselnd auf Englisch und Deutsch – zunächst bei der Stadtverwaltung von Pretoria, die es ermöglicht hatte, den Gedenkstein in dem Park zu errichten, und ging sodann auf die Gründung der Landsmannschaft vor einem Vierteljahrhundert und den damit verbundenen Sinn des Monuments ein. Die folgende Segnung, Enthüllung und Einweihung des Gedenksteins, wozu zwei Choräle gesungen wurden, lag in den Händen des evangelischen Pastors S. Hambrock und des katholischen Pfarrers P.-J. Wöller. Zuletzt sang man unter Begleitung des anwesenden Blasorchesters je einen Vers der Heimatlieder der sechs genannten deutschen Ostprovinzen.

Während der gesamten Feierlichkeiten standen die deutsche und die südafrikanische Nationalflagge sowie die Fahnen der betreffenden ostdeutschen Heimatregionen im Halbkreis um den Gedenkstein. Nach der Zeremonie versammelte man sich im Vortragssaal des benachbarten Museums, wo Siegfried Kittel über die Geschichte der Besiedlung des deutschen Ostens referierte und zum Schluss noch einmal Südafrika für die Aufnahme der Heimatvertriebenen dankte. Als Ergänzung gab es in der Eingangshalle des Museums eine kleine Ausstellung über die deutschen Ostgebiete zu sehen. Außerdem wurden Kaffee, Kuchen, belegte Brote und Erfrischungsgetränke gereicht.

Aber auch hier ist es so wie bei den Landsleuten in Namibia: Die Aktivitäten sind stark zurückgegangen, denn die Erlebnisgeneration wird älter und stirbt allmählich aus, während die Kinder und Enkel keine Bindungen mehr zur Heimat ihrer Eltern und Großeltern haben, sondern sich als loyale Staatsbürger Südafrikas betrachten, das ihre Heimat ist.

Wolfgang Reith


S. 11 Geschichte

Das bekannteste Gesicht der Ersten Republik
Vor 220 starb Maximilien de Robespierre auf der Guillotine – Damit endete die radikalste Phase der Französischen Revolution

Vor 225 Jahren, am 14. Juli 1789, brach die Französische Revolution mit dem Sturm auf die Bastille aus. Bereits fünf Jahre später, am 28. Juli 1794, wurde mit Maximilien de Robespierre ihr bekanntester Exponent ihr Opfer.

Wie hatte aus einem so sehr der Rechtschaffenheit und der Tugend ergebenen Mann wie Maximilien Marie Isidore de Robespierre ein Ungeheuer werden können, das um eines Ideals willen eiskalt Ströme von Blut vergoss? Er ist als Erfinder der Tugend wie des Schreckens der modernen Welt zu bezeichnen, als Urheber der fatalen Kombination zwischen Tugend und Schrecken. Er löste den Menschen aus seinen alten Bindungen und opferte ihn einer Idee. Von Robespierre, der sich auch in der Unmenschlichkeit noch menschlich ausdrückte, führt eine direkte Linie zu jeder Freiheits-, aber eben auch zu jeder Unterdrückungstat der modernen Welt.

Ungewollt lieferte der Philosoph Jean-Jacques Rousseau mit den Ideen, die er in seinem Werk „Du contrat social ou principes du droit politique“ (Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts, 1762) entwickelte, der Terrorherrschaft der Jakobiner und Robespierres das ideologische Rüstzeug. Entscheidend war der „allgemeine Wille“ (volonté générale), der nach Rousseau beständig der richtige ist und auf das allgemeine Beste abzielt. Genau diesen „allgemeinen Willen“ zu kennen, behaupteten Robespierre und die Jakobiner. Da nach ihrer Ansicht einzig und allein sie die „volonté générale“ kannten, hielten sie sich auch für berechtigt, sie zu vollstrecken. Dabei war es ihnen völlig gleichgültig, Ströme von Blut zu vergießen. Denn wie Louis Antoine de Saint-Just, Robespierres treuester Gefolgsmann, sagte: „Man macht keine Republik mit Schonung, sondern mit wilder, unbeugsamer Härte gegen alle, die Verrat geübt haben.“ Verrat war schon das Anderssein, Verräter jeder, der nicht für die Republik Blut vergoss.

Die Französische Revolution war – trotz solcher Exzesse wie des Massakers vom September 1792 – so lange menschlich, wie es um den Begriff Volk ging. Sie war so lange im weitesten Sinne menschlich, bis Robespierre die Führung an sich riss und sie unmenschlich machte. Robespierre agierte zwar niemals illegal, doch er missbrauchte die Gesetze so, dass sie nicht länger den Menschen, sondern nur noch dem Götzen dienten. Übrigens sind darin diejenigen, die heutzutage eine „tugendhafte“ Gesinnungstyrannei ausüben und die Mehrheit zu ihrem Glück zwingen wollen, einem Robespierre nicht unähnlich.

Robespierre lehnte einen Krieg gegen die Mächte des alten Systems, des Ancien Régime, ab. Daher missbilligte er den Beschluss des Nationalkonvents vom 20. April 1792, mit dem dieser dem „König von Böhmen und Ungarn“ (zugleich Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation) den Krieg erklärte und die bis 1815 dauernden Revolutionskriege auslöste. Für den vor der Revolution als Anwalt tätigen Robespierre stellten König Ludwig XVI. und generell alle „Konterrevolutionäre“ eine größere Bedrohung dar. Nachdem der Krieg gegen sein ausdrückliches Votum beschlossen und er in den neuen Nationalkonvent gewählt worden war, stimmte Robespierre im Hochverratsprozess gegen den am 10. August 1792 entthronten König für die Todesstrafe: Ein lebender Monarch war für die Revolution gefährlich. So verurteilte der Konvent am 17. Januar 1793 Ludwig XVI. zum Tode, und am 21. Januar wurde dieser enthauptet.

Das monarchische Europa führte jetzt Krieg gegen Frankreich, das seit dem 21. September 1792 Republik war. Fast jedes Opfer schien gerechtfertigt, und mit Robespierre und Georges-Jacques Danton setzten die beiden „Titanen“ der Revolution, die bald Erzfeinde sein sollten, den Terror auf die Tagesordnung. Hierfür wurde am 10. März 1793 ein außerordentlicher Gerichtshof, das nachmalige Revolutionstribunal, errichtet, dessen „Rechtsprechung“ eine Unzahl von Menschen unter das Fallbeil brachte. Zudem wurde am 6. April 1793 der Wohlfahrtsausschuß (Comité du salut public) gegründet, dessen erster Leiter Danton war und in den auch Robespierre gewählt wurde. Letzterer wollte „auf den Trümmern des Thrones die heilige Gleichheit“ errichten und bekämpfte gnadenlos alle „Feinde der Revolution“. Für ihn stand fest: „Terror – ohne ihn ist die Tugend machtlos. Tugend – ohne sie ist der Terror verderblich.“

Der am 6. Mai 1758 in Arras geborene Robespierre hatte nur eine einzige Idee: Es war die aus dem Gesellschaftsvertrag Rousseaus bezogene Idee vom „allgemeinen Willen“. Sie leitete alle seine Handlungen, Maßnahmen und Gesetze. Aus ihr baute er sein idealtypisches Gemeinwesen auf, zu dem allein die gehörten, die den „allgemeinen Willen“ erkannt und sich ihm unterworfen hatten. Wer die Unterwerfung verweigerte, war nicht Teil des Volkes, sondern bloß ein Verbrecher oder Aristokrat – also ein „Schädling“.

Sehr bald kam es zum Endkampf mit Danton, der mittlerweile die Partei der „Nachsichtigen“ (Indulgents) anführte und dem der prinzipienfeste Robespierre den angeb­lichen Verrat an den Maximen der Revolution nicht vergab. Ein publizistischer Angriff Dantons gegen die von Robespierre gelenkte Politik des Wohlfahrtsausschusses löste in der Nacht zum 30. März 1794 die Verhaftung Dantons und anderer Köpfe der Indulgents aus. Nachdem das Revolutionstribunal dem wortgewaltigen Danton im Prozess das Rederecht entzogen hatte, verurteilte es ihn und seine Mitstreiter zum Tode. Am 5. April 1794 starben sie auf der Guillotine.

Robespierre war nun faktisch Alleinherrscher, doch er beging den fatalen Fehler, den Terror ins Unermessliche zu steigern. Das Gesetz vom 10. Juni 1794 (22. Prairial II nach dem Französischen Revolutionskalender) erleichterte die Verurteilung und Hinrichtung von Revolutionsfeinden weiter. In den sieben Wochen seiner Gültigkeit endeten in Paris rund 1400 Menschen unter dem Fallbeil. Als Robespierre am 26. Juli im Konvent ohne Nennung von Namen eine neue Säuberungswelle androhte, rebellierten die Abgeordneten aus Angst um ihr Leben gegen den Diktator. Am 27. Juli beschlossen sie die Verhaftung Robespierres, Saint-Justs und anderer.

Die Pariser Kommune befreite diese zwar aus ihrer Haft im Rathaus, doch das wurde schon bald von Paul de Barras im Auftrag des Konvents mit Truppen erstürmt. Ohne Gegenwehr der Kommune wurden Robespierre und seine Leute in der Nacht zum 28. Juli 1794 (10. Thermidor II) festgenommen. Noch am selben Tag und ohne vorherigen Prozess wurden der schwer verletzte Robespierre und 21 seiner Anhänger enthauptet. Mit ihm starb ein Mann, der neben all seiner Grausamkeit persönlich integer und höflich war, der seine Perücke peinlich sauber hielt und auf Spitzenmanschetten Wert legte. Nie wird erklärbar sein, wie in diesem Charakter das Entsetzliche und das Feine nebeneinander leben konnten. Mario Kandil


Verräter oder Opfer einer mysteriösen Entführung?
Vor 60 Jahren wechselte Otto John – freiwillig oder unfreiwillig – vom West- in den Ostteil Berlins

Am 20. Juli 1954 fanden, erstmals in Deutschland überhaupt, im Westteil Berlins offizielle Gedenkfeiern wegen des misslungenen Hitlerattentates von 1944 statt. Daran nahm auch der damals 45-jährige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Otto John, statt. Am Abend desselben Tages verschwand John, was viel Staub aufwirbelte, weil man anfangs an eine Entführung in den Ostteil der Stadt glaubte. Doch schon am 23. Juli 1954 verkündete John im ostzonalen Rundfunk: „Es bedarf einer demonstrativen Aktion, um alle Deutschen zum Einsatz für die Wiedervereinigung aufzurufen. Deshalb habe ich am Jahrestag des 20. Juli einen entschlossenen Schritt getan und die Verbindung mit den Deutschen im Osten aufgenommen.“

Drei Wochen später, am 11. August 1954, gab John im Ostsektor Berlins eine vom SED-ZK-Mitglied Wilhelm Girnus geleitete internationale Pressekonferenz, auf der er unter anderem Interna über bundesdeutsche Geheimabsprachen bei den Verträgen zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) enthüllte, die Bundeskanzler Konrad Adenauer zuvor ausdrücklich geleugnet hatte. Dort erklärte John noch einmal ausdrücklich: „Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben, weil ich hier die besten Möglichkeiten sehe, für die Wiedervereinigung Deutschlands und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein.“

Ganz ungewöhnlich war das Abtauchen des bundesdeutschen Verfassungsschutzchefs im Osten nicht, gingen doch der vormalige niedersächsische Innenminister Günter Gereke im Juli 1952 und der CDU-Bundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack im August 1954 denselben Weg. In den folgenden Monaten reiste Otto John durch die DDR, um auf annähernd 30 Konferenzen als Redner vor der Remilitarisierung Westdeutschlands und den Gefahren des „Adenauer-Regimes“ zu warnen

Der Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), Reinhard Gehlen, bemerkte zum Überlaufen seines geheimdienstlichen Konkurrenten hämisch: „Einmal Verräter, immer Verräter!“ Damit spielte Gehlen auf spezielle Facetten der Persönlichkeit des umtriebigen John an. Der promovierte Jurist hatte während des Zweiten Weltkriegs erfolglos versucht, als Lufthansamitarbeiter Verbindungen der Verschwörer des 20. Juli, zu denen auch sein Bruder Hans gehörte, zu den englischen diplomatischen Vertretungen in Spanien und Portugal herzustellen. Nach dem Misslingen der Verschwörung, das seinen Bruder das Leben kostete, floh John via Spanien nach England. Hier betätigte er sich in „schwarzen“ Propagandaeinrichtungen des Sefton Delmer wie dem „Soldatensender Calais“. Auch durchleuchtete er als englischer „Screener“ in persönlichen Gesprächen die Persönlichkeit kriegsgefangener höherer deutscher Militärs und gab danach Empfehlungen für deren weitere Behandlung.

Das führte bei den Betroffenen mitunter zu erheblichen Hassreaktionen und verhinderte in den Jahren 1949/50 die Einstellung des Remigranten Otto John in höhere Bundesbehörden und in das neu geschaffene „Auswärtige Amt“. Schließlich bewarb sich Otto John im Oktober 1950 in beginnender Verzweiflung ob seiner Karriere um das Amt des Präsidenten des ebenfalls neu geschaffenen Bundesamtes für Verfassungsschutz. Hierbei halfen John die guten Beziehungen seiner Ehefrau, einer emigrierten deutschen Jüdin mit englischer Staatsbürgerschaft, zu Bundespräsident Theodor Heuss. Nicht wie häufig angegeben als „Kandidat der Engländer“, sondern eher als ein „Verlegenheitskandidat“ kam Otto John schließlich in sein neues Amt. Adenauers Lieblingskandidat, der persönlich untadelige Ernst Wirmer, scheiterte am heftigen Widerstand der SPD und diverse andere Kandidaten am Einspruch der drei Westalliierten, die ein offizielles Mitspracherecht bei der personellen Besetzung der Position besaßen. Der leutselige und lebenslustige John mit seiner Widerstandstätigkeit am Rande des 20. Juli erfüllte hingegen die Vorstellungen aller beteiligten Seiten. So wurde John BfV-Präsident und bescherte in diesem Amt der Bundesrepublik ihren ersten großen Geheimdienstskandal.

Anderthalb Jahre nach seinem Wechsel über die innerdeutsche Grenze, im Dezember 1955, tauchte John wieder in der Bundesrepublik auf. Er behauptete nun, am 20. Juli im drogenbenebelten Zustand nach Ostberlin entführt worden zu sein. Dort habe er listig die Komödie als „besorgter Patriot“ mitgespielt und die erste sich aufzeigende Möglichkeit zur Flucht genutzt. Dass allerdings glaubte ihm niemand und er wurde am 22. Dezember 1956 vom Bundesgerichtshof wegen Landesverrats zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Bis zu seinem Tod 1997 betrieb John ein Wiederaufnahmeverfahren nach dem anderen, um seine vorgebliche Unschuld zu beweisen. Zwar blieben alle Verfahren erfolglos, doch bewilligte Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 1. Mai 1986 eine monatliche „Gnadenrente“ von 4236,43 D-Mark für den verurteilten Landesverräter.

Neueste Forschungen deuten auf einige Umstände hin, welche die Schuld Johns mildern könnten. So wurde der BfV-Präsident von mehreren alten vermeintlichen Freunden und Bekannten wie dem Berliner Arzt Wolfgang Wohlgemuth, die allesamt KGB-Agenten waren, „abgeschöpft“. Wahrscheinlich wurde John im drogenbenebelten Zustand von Wohlgemuth, der dabei vermutlich in Eigeninitiative und ohne speziellen KGB-Auftrag handelte, nach Ostberlin entführt. Dort händigte der etwas ratlose KGB nach wochenlangen Befragungen Otto John der Stasi aus. Anschließend spielte John kleinmütig seine Rolle als „deutscher Patriot“ aktiv mit und flüchtete später, wie diverse desillusionierte vormalige Westagenten auch, in die Bundesrepublik zurück. Die endgültige Wahrheit können hier nur die KGB-Akten bieten, welche im Fall des Otto John jedoch bis heute streng geschlossen geblieben sind. Jürgen W. Schmidt


S. 12 Leserforum

Leserforum

Eine Krankheit zum Tode

Zu: Und ginge morgen die Welt unter ... (Nr. 24)

Der Aufsatz von Eva Herman, als „Gedankenspiel“ mit einem fiktiven Weltende am 30. Mai 2015 konzipiert, beginnt mit dem Ausspruch Martin Luthers seine Haltung zum Weltuntergang betreffend. Dieser beleuchtet und entlarvt zugleich die Christlichkeit Luthers, indem er zum einen eine gemessen an der Situation unsinnige, ja absurde Handlung schildert, aber wohl zum anderen die damit nach der Apokalypse verbundene Wiederkunft Christi zur Hinaufversammlung der Auserwählten und anschließende Erweckung sämtlicher übriger Toten zum Menschheitsgericht solchermaßen im Auge hat, dass Luther sich seiner Zugehörigkeit zu ersterer Fraktion völlig sicher zu sein scheint. Dies allerdings könnte sich bei seiner Sündenbefreiungs- sprich Heiligungsauffassung als Irrtum erweisen, zumal es bereits zu seiner Zeit längst keine vollmächtigen Apostel mehr gab, welche darüber letztgültig hätten befinden können.

Das „Gedankenspiel“ von Frau Herman lässt den Hintergrund der Apokalypse außen vor und bewegt sich somit im heidnischen Bereich. Es malt die aus heutiger Sicht zu erwartenden psychologischen Reaktionen verschiedener Gruppen von Menschentypen auf den in wenigen Monaten anstehenden Weltuntergang aus. Dabei wird − ähnlich wie im Neuen Testament oder auch in anderen Weltreligionen − eine „verschwindende Minderheit“ hervorgehoben, der in ruhiger Zurückgezogenheit nach und nach die Augen über die vielschichtige Bosheit der Menschen geöffnet werden.

Neben jahrtausendealter Profit- und Machtgier werden als aktuelle Beispiele Abtreibungs- und Kindervernachlässig, Feminismus, Kampf um angebliche Unabhängigkeit in der Geschlechterbeziehung und schließlich Vergessenheit des Ursprunges ihrer selbst wie auch der Erde und Natur genannt, jedoch leider ohne Nennung des Ursprunges wie auch der Vorwurfs-Instanz im Himmel.

Nicht bekannt scheint auch die Feststellung des dänischen Philosophen Kierkegaards in „Die Krankheit zum Tode“ zu sein, dass jede heidnische Liebe, also auch die erträumte große, wesentlich Selbstliebe ist, und alle geschilderten Reaktionsformen von der Ewigkeit her gesehen, welche als Hintergrund wie heute üblich ebenfalls ungenannt bleibt, Ausdruck von Verzweiflung sind.

Es erschließt sich nicht ganz, wieso die wenigen sehend Gewordenen in den letzten Tagen Besuch von zahlreichen Vertretern aller Untugenden als potenzierter Ausdruck ihrer Lieblosigkeit bekommen. Eigentlich kann dies nur bedeuten, dass die Ersteren derselben Lieblosigkeit anheimgefallen sind, welche wiederum Ausdruck ihrer erheblichen Gottlosigkeit, sprich Sündigkeit ist. Könnte es Frau Herman als Beruhigung oder Genugtuung dienen, dass beiden Gruppen infolgedessen im Endgericht Gottes über die Menschheit – vor dem Richterstuhl Christi, vor welchem freilich auch Luther offenbar werden muss – der zweite, der ewige Tod droht?

Dr. T. Küper, Luckau

 

 

Nicht verbiegen

Zu: Und ginge die Welt morgen unter … (Nr. 24)

Ich freue mich ganz persönlich, dass Eva Hermann ihre Meinung zum Besten gibt. Ich habe den Maulkorb-Erlass des NDR und des wetterwendischen Moderators Johannes B. Kerner nie verstanden, genauso wenig wie das Schweigen von NDR-Kollegen. Eine eigene Meinung zu haben, speziell zu Themen des Dritten Reiches, ist weder erwünscht noch opportun, dabei sind es doch gerade die öffentlich-rechtlichen Sender, die ständig Sendungen über das angeblich doch so verpönte Thema ausstrahlen. Die Neo-Braunen von heute wird es sicherlich freuen.

Also, liebe Frau Hermann, lassen Sie sich auch künftig nicht verbiegen!

Rudi Armgardt, Viersen

 

 

Memel ist Memel

Zu: Deutschlandtreffen 2014 (Nr. 21)

Ich habe alle Stände der Kreisgemeinschaften aufgesucht. Das gezeigte Material über Kultur und Geschichte der Heimatkreise ist mit viel Liebe präsentiert worden.

Irritiert war ich jedoch vom Stand der Memellandkreise. Viele Bücher und Landkarten ausschließlich litauisch, wer soll das lesen? Keine Memellandkarte mit den deutschen Namen der Städte und Dörfer. Es wird ein Buch angeboten: Die Geschichte von Klaipeda und Memel.

Memel, älteste Stadt Ostpreußens (1225), hat es nicht nötig, in Vergleich gesetzt zu werden mit der ex-sowjetischen und jetzt litauischen Stadt Klaipeda. Das ist gerade mal eine Zeitspanne von rund 80 Jahren.

Bernd Dauskardt, Hollenstedt

 

 

Junger Luther

Zu: Und ginge die Welt morgen unter … (Nr. 24)

Der Artikel von Eva Herman enthielt vieles, dem ich zustimmen kann. Doch beim zweiten Satz stutzte ich. Denn da hat die Autorin sich um über 100 Jahre verzählt, wenn sie schreibt: „So sagte es Martin Luther vor über 600 Jahren.“ Denn richtig gerechnet lebte Luther vor 500 Jahren.

Das Apfelbaum-Zitat ist übrigens nirgendwo in Luthers erhaltenen Schriften belegt, aber der hoffnungsvolle Satz kann durchaus von ihm stammen. Wenn er ihn gesagt hat, dann wohl in seinen späteren Jahren, also vor weniger als 500 Jahren.

Klaus Plorin, Rückersdorf

 

 

Den Willen zur Wiedergutmachung stärken

Zu: Nicht Forderungen stellen, sondern Zusammenarbeit fördern (Nr. 24)

Dem obigen Leserbrief muss in mehrfacher Hinsicht widersprochen werden. Der Satz: „Die Vertreibung war der schmerzliche Endpunkt einer Kette unvorstellbarer Grausamkeiten, für die NS-Deutschland nicht alleine, aber doch maßgeblich verantwortlich war“, suggeriert, dass die mit bestialischen Mitteln durchgeführte Vertreibung der seit Hunderten von Jahren in den Ostgebieten ansässigen Deutschen geradezu eine logische und unabdingbare Folge des Krieges war.

Die ethnische Säuberung fast eines Drittels eines Landes zwecks Ansiedlung der feindlichen Bevölkerung ist aber in diesem Ausmaß ohne Vorbild. Gewöhnlich beließ man die angestammte Bevölkerung, selbst wenn das Land erobert worden war. Man denke nur an die minimalen Gebietsverluste Frankreichs nach den napoleonischen Kriegen.

Da der deutschen Wehrmacht von vielen Vertretern der alliierten Siegermächte faires und anständiges Verhalten bestätigt wurde, ist es sicher, dass die geschehenen Grausamkeiten weitgehend − mit wenigen Ausnahmen – auf das Verhalten der deutschen Gegner zurückgehen. Man denke auch an Stalins „Fackelmänner-Befehl“. Für Rache an Frauen, Greisen und Kindern gab es keinen Grund.

Nicht vergessen darf man, dass schon Mitte des 19. Jahrhunderts eine panslawistische Bewegung in Polen die Annexion eines großen Teils des deutschen Landes forderte und eine gewaltige Verschiebung der polnischen Grenze nach Westen anstrebte. Diese Pläne blieben in Polen unablässig lebendig.

Die Repressalien, welche Polen in dem ihnen völkerrechtswidrig nach dem Ersten Weltkrieg zugesprochenen Gebiet des „Korridors“ sich gegenüber den Deutschen erlaubten, hätte kein souveräner Staat hingenommen. Bis heute werden die wenigen verbliebenen deutschen Minderheiten in Polen diskriminiert, so dass es unverständlich bleibt, warum deutsche (EU-)Gelder bedingungslos in dieses Land gepumpt werden. Zur Frage der Kriegsschuld an beiden Weltkriegen gibt es eine Anzahl von Büchern, die belegen, dass nicht Deutschland, sondern ausländische Mächte diese Kriege wollten und ihr Entstehen betrieben. Es ist nicht zulässig zu behaupten, Nachkommen der Ostdeutschen würden sich nicht ansiedeln wollen. Bei einer Rückgabe des geraubten Besitzes oder einer angemessenen Entschädigung und falls Rechtssicherheit im Land herrschte, bin ich überzeugt, dass eine ganze Anzahl Bürger sich wieder ansiedeln würden.

Verwandte von mir versuchten dies mit einer Modeboutique auf heute russischem Gebiet. Sie scheiterten allerdings an den hohen Schutzgeldforderungen der dortigen Mafia.

Forderungen nach Wiedergutmachung wären an die Regierungen der Vertreiberstaaten zu richten. Ansätze hierzu hat Ungarn gemacht. Dass Menschen bis heute auf unrechtmäßig durch Verbrechen erworbenem Boden ansässig sind, macht sie nicht zu legitimierten Besitzern. Es ist Hehlergut!

Wenn der politische Wille zur Entschädigung und Wiedergutmachung sowie seitens unserer Regierung auch das Bestreben bestünde, diese durchzusetzen, fände sich ein Weg, der ohne erneute Vertreibung der heutigen Bewohner gegangen werden kann.

Brigitte Bean-Keiffenheim, Frankfurt am Main

 

 

Hoher Respekt

Zu: Glaubhaft sein (Nr. 23)

Vielen Dank für Ihre Umschreibung des Dilemmas über die Denkmäler in Hamburg für eine britische Autorin, die gegen den Bombenkrieg protestierte, und ein anderes für Deserteure. Ich zolle Ihnen und den Außenminister Frank-Walter Steinmeier hohen Respekt. Es wäre sehr schön, wenn die Rüstungsspirale sich schließlich zurückbewegt. Wir müssen auch den nachfolgenden Generationen gegenüber glaubhaft sein.

Knut Udo Meister, Wuppertal


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Kampf um die holde Maid
Bunter Bilderbogen des Allensteiner Sommerfestes − Sprache als Brücke zwischen Ost und West

Ein buntes Unterhaltungs-Konfetti erlebten die Gäste des Sommerfestes der Ostpreußen in Allenstein. Höhepunkt waren die Ritterspiele polnischer Laienspieler.

Es hörte sich an, als sei ein Regal mit Schüsseln umgefallen. Es klirrte und schepperte gewaltig, als auf der Bühne des Amphitheaters zu Füßen der Burg des ermländischen Domkapitels in Allenstein mit Schwertern, Morgensternen, Streitäxten und -kolben ausgerüstete Rittersleute ausprobierten, was die gepanzerte Rüstung des Gegners wohl so alles aushalten würde. Zum Amüsement des Publikums wurde dabei manches Kettenhemd und manche Rüstung arg zerbeult. Und auch wenn am Ende ein Recke am Boden lag, nachdem er vom tugendhaften Ritter, der die Ehre einer holden Maid verteidigt hatte, besiegt worden war, so floss doch dank beinahe TÜV-geprüfter Choreografie kein Blut.

Dieses ritterliche Hauen und Stechen riss beim Sommerfest der Ostpreußen das Publikum fast aus den Sitzen. Schade nur, dass bei dieser ansonsten zweisprachigen Kulturveranstaltung die Ritterspiele nur auf Polnisch moderiert wurden. Ob auch die Deutschordensritter am Ende siegten, war die Frage.

Nach dem ökumenischen Gottesdienst und den Ansprachen der Festredner (siehe auch PAZ Nr. 26) wurde auf der Allensteiner Freiluftbühne fünf Stunden Kultur geboten. Teilweise sang und tanzte das Publikum mit, etwa als der Sänger Mateusz Gawronski mit Schlagern wie „Griechischer Wein“ für Stimmung sorgte. Die Tanzgruppe „Saga“ aus Bartenstein faszinierte mit Folkloretanz. Der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen (LO), Stephan Grigat, nahm das zum Anlass, um Danuta Niewegłowska und ihre Tochter Dorota Cieklinska mit dem Ehrenzeichen der LO auszuzeichnen. Die beiden leiten mit „Saga“ eine der besten Jugendtanzgruppen in Ostpreußen.

Auch beim Theaterstück „Rotkäppchen“ bevölkerte viel Jungvolk die Bühne. Dass die Kindergruppe aus Rastenburg bei dem Märchenspiel noch etwas radebrechte, tat dem Spaß keinen Abbruch: Man sah ihnen die Freude an, sich auf Deutsch ausdrücken zu wollen. So ist dieses Sommerfest auch ein Zeichen der Hoffnung dafür, dass über die Jugend eine Brücke der Verständigung zwischen Ost und West geschlagen werden kann.

Harald Tews


Grußwort des VdG-Vorstandsvorsitzenden, Bernard Gaida

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Heimatfreunde, liebe Landsleute,

immer wenn ich über Heimat was sagen soll, mache ich mir Gedanken, was verstehe ich unter diesem Begriff. Es ist so, dass am schwierigsten ist, das zu definieren, was wir in der Tiefe des Herzens fühlen. Mit dem Begriff Heimat verbinde ich die Worte unseres Pfarrers André Schmeier: „Bewahre deine Kultur und deine Kultur bewahrt dich, denk an deine Wurzeln, lebe deinen Glauben und dein Glaube wird dich zum Leben führen.“

Sehr geehrte Damen und Herren aus Nah und Fern. Im Namen des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen und gleichzeitig als Vertreter der deutschen Volksgruppe in Polen möchte ich alle, die hier heute am Fuße des Allensteiner Schlosses versammelt sind, ganz herzlich begrüßen. Ich habe die Ehre, die zu vertreten, die besonders treu der Heimat waren und sind, nämlich die deutschen Schlesier, Ostpreußen oder Pommern, die nach dem Krieg zugleich das Glück als auch Leid hatten, in der Heimat zu bleiben. Die Nachkriegsjahre sind für die gebliebenen Deutschen hart gewesen. In Prinzip bis 1989 hat unsere Identität, Sprache und Kultur als Zielscheibe gedient. Doch trotz der Verfälschung unserer Geschichte sind viele im demokratischen Polen mutig gegenüber sich und der Gesellschaft aufgestanden und haben klar und offen ihre deutsche und regionale Zugehörigkeit manifestiert. Als ich mich zu dem ersten Besuch in 2009 bei Euch vorbereitete, erinnerte ich mich an den Roman von Ernst Wiechert „Die Jeromin Kinder“. Der Zufall wollte es, dass ich mich vor 40 Jahren auf Basis dieses Romans mit den ersten Erfahrungen meines Deutschtums und Schlesiertums auseinandergesetzt habe. Denn Ernst Wiechert spricht durch die Beschreibung seines masurischen Dorfes und seiner Einwohner jeden von uns an und lehrt Achtung für eigene Wurzeln und Vorfahren. Jedoch die Landschaft und die Leute, an die mich die Hauptfiguren dieses Romans erinnerten, sollte ich erst beim Besuchen meiner Bekannten in Groß Orsichau [Orzechowo] kennen lernen. Dort lernte ich diese schreckliche Landschaft eines verlassenen oder ausgesiedelten masurischen Dorfes kennen, wo mitten im Walde eine Kirche, ein Friedhof und ein Jägerhaus übrig blieben. Landschaft eines zum Waisen gewordenen Dorfes.

So versteht man auch eine andere Wahrheit. Das die Heimat nicht nur ein Ort auf der Erde ist. Heimat ist ein geistiger Raum. Deswegen fühle ich mich hier, weit von meiner schlesischen Heimat entfernt, wie zu Hause. Letztendlich nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird. Diese Worte verstehen wir sehr gut auf den beiden Seiten der Grenze.

Der schon erwähnte Ernst Wiechert sagte, in der Fremde erfährt man, was die Heimat wert ist. So erfuhren die Vertriebenen, obwohl sie in Deutschland lebten, dass sie keine neue Heimat gefunden haben. Und die Verbliebenen erfuhren, dass die Heimat ohne die deutsche Sprache und ohne die Vertriebenen, Auswanderer und Spätaussiedler auch immer fremder geworden ist. Viele haben sich deswegen auch in der Heimat entwurzelt.

Obwohl die Geschichte wichtig ist und wir sehr viel getan haben und weiter tun, um sie zu kennen, zu verstehen und zu pflegen, ist die deutsche Volksgruppe in Polen auf die Zukunft angewiesen. Deswegen sind die Worte von Ihnen, Herr Grigat, in Kassel „Ostpreußen ist mehr als nur Heimat“ sehr zutreffend. Die Heimat lebt in dem Kulturerbe, auf dem man weiter baut. Um Zukunft zu haben, brauchen wir Bildung und Medien, moderne Kultur neben der Tradition, die Sprache muss wiederbelebt werden, dort, wo sie verloren gegangen ist. Wilhelm von Humboldt sagte mit Recht: „Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache.“

Wir wissen genau, was er meinte, als er weiter sagte: „Die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten.“ Das wussten auch die kommunistischen Verwalter, als sie das deutsche Schulwesen eingestellt und den Unterricht der deutschen Sprache in Oberschlesien und Ostpreußen zwei Generationen lang verboten haben.

Auch die neuen Bewohner der alten Heimat können genauso wie die deutschstämmigen die ehemalige Sprache des Landes als Reichtum verstehen. Hier haben die beiden Regierungen in der Erklärung des Runden Tisches einige Programme für die Entwicklung der deutsch-polnischen Zweisprachigkeit angesagt. Hier soll man die Worte in Taten umsetzen.

Aber auch die deutschen Gesellschaften Ostpreußens sollen auf dem Weg der Einführung der deutschen Sprache in den Schulen und Kindergärten mehr tun. Polen gibt uns viele Möglichkeiten, die noch nicht genutzt sind.

Das in den 90er Jahren in Polen eingeführte System gibt den nationalen Minderheiten die Chance zum Unterrichten der eigenen Sprache in den Schulen. Dies ist nach drei Modellen möglich. Als drei Stunden in der Woche zusätzlich, als zweisprachigen Unterricht oder als Unterricht in dieser Sprache.

Zum Schluss können wir uns auch die Frage stellen, wie weit kann uns Deutschland helfen. Neidisch lesen wir über das Programm der Auslandsschulen weltweit, das Lehrerentsendeprogramm, was im Vergleich zu den 90er Jahren eingeschlafen ist. Wie weit kann uns heutzutage Deutschland in der organisatorischen Phase der Gründung von Vereinsschulen in der Trägerschaft der Deutschen Minderheit helfen. Das sind Themen die wir vor ein paar Wochen mit dem Herrn Hartmuth Koschyk besprochen haben, vor zwei Monaten auch mit dem Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Die Meinung der Kanzlerin Angela Merkel ist uns bekannt: „Die Deutschen Minderheiten sind ein Schatz, den es zu pflegen gilt … Heute sind Sie wichtige Mittler und Bewahrer deutscher Kultur und Sprache in Ost- und Südosteuropa und zugleich diejenigen, die eine Brücke bilden.“ Auch der Koalitionsvertrag gibt uns die Sicherheit.

Die Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland haben wir auch seit Jahren gehabt. Auch der polnische Staat unterstützt die Minderheiten in ihrer kulturelle Tätigkeit. Das muss gesehen werden, aber gleichzeitig entwickeln sich die Bedürfnisse in eine Richtung, die vor zehn Jahren noch nicht aktuell war.

Das Deutschtum in Ostpreußen, aber auch Schlesien oder Pommern in Zusammenhang mit der christlichen Völkerverständigung ist unsere Bemühungen wert. Wir alle, hier und da sind die prädestinierten Brückenbauer für Völkerverständigung und Vertiefung der europäischen Einheit. Aber eine reiche Einheit, das heißt in Vielfallt. Und das ist unser Ziel.


MELDUNGEN

Internationales Festival

Frauenburg – In Frauenburg wird das 47. internationale Festival der Orgelmusik gefeiert. „Die Konzerte finden im Dom zu Frauenburg statt, in dem sich eines der berühmtesten Instrumente befindet“, so der Direktor des Festivals, Jan Brzo­zecki. Wie jedes Jahr können die Musikfreunde mit Auftritten von weltberühmten Künstlern rechnen. Orgel-Virtuosen, Vokalisten, einen Chor aus Braunschweig und das Heeres-Orchester aus Elbing sind zu hören. Während der ganzen Ferien finden neun Konzerte statt. Für die Eröffnung konnten Jozef Serafin und die Sopranistin Magdalena Witczak gewonnen werden. Veranstalter des Festivals der Orgelmusik in Frauenburg sind die Stiftung „Sache des Ermlandes und Masurens“, das Nikolaus-Kopernikus-Museum in Frauenburg und das Museum der Ermländischen Erzdiözese. PAZ

 

Meilenstein wiederentdeckt

Bartenstein – In Bartenstein ist ein vor zehn Jahren verschwundener historischer Meilenstein mit der Aufschrift „6 miles Königsberg“ auf einem Privatgrundstück wiederentdeckt worden. Damals hatte der Besitzer des Grundstückes Straßenbauarbeiter, die an der Straße zwischen Besleiden und der Staatsgrenze arbeiteten, um den Stein gebeten. Er erhielt ihn für einen halben Liter Wodka. Bis vorletzten Dienstag stand der Stein an seinem Haus. Jetzt wird gegen den Hausbesitzer ermittelt. Ihm drohen bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. PAZ


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

Berichte von der Flucht haben immer ihre Gültigkeit, denn es sind untrügliche Zeitdokumente und bieten der Geschichtsklitterung, wie sie heute so gern betrieben wird, die Stirn. Es vergeht auch kaum eine Woche, in der uns nicht ein mehr oder weniger umfangreicher Bericht zugesandt wird mit der Bitte um Veröffentlichung. Dass dies leider schon aus Platzgründen nicht geschehen kann, habe ich schon oft erklärt. Immerhin lassen sich einzelne Geschehnisse aus den Dokumentationen gut in den Rahmen unserer Familienseite einfügen. Das haben wir schon oft bewiesen, und die Kurzberichte haben auch großen Anklang bei unserer Leserschaft gefunden. Aber jedes Ding hat seine Zeit – und die ist für die Erinnerungen an die Fluchttage in Eis und Schnee jetzt nicht gegeben, sie werden aber ihren Platz finden, denn der nächste Winter kommt bestimmt.

Aber jetzt ist Sommer und das bedeutet: Reisezeit. Da zieht es viele Landsleute in die Heimat, und es sind nicht nur die Älteren, die den alten Spuren aus Kindheit und Jugend nachgehen wollen, sondern auch die Nachgeborenen, die keine Erinnerungen mehr haben können. Zu ihnen gehört unser Leser Norbert B., *1941 in Königsberg, der immer wieder in seine Heimatstadt fährt, um sie nach den Erzählungen seiner Mutter zu erkunden und nach Relikten aus der Zeit vor der sowjetischen Eroberung zu suchen. Zu seinem Erstaunen fand er mehr repräsentative Zeugen dieser Zeit, als er glaubte. Nach seinen Erkundigungen stellt er nun folgende Überlegungen an:

„Wenn ich durch Königsberg wandere, denke ich immer an das frühere deutsche Leben um die Zeitzeugen herum und versuche dann, Brücken zu schlagen zur unliebsamen Gegenwart. Dabei beseelen mich diese baulichen Zeugen gewissermaßen und sprechen zu mir, als freuen sie sich, dass es wieder Deutsche in der Stadt gibt, und versuchen auch, sich wieder zu positionieren. Mein Bewusstsein hat Mühe, nicht der aktuellen Russifizierung zu unterliegen. Ich weiß nicht, ob es eine einfühlsame Schilderung solcher Stadtspaziergänge gibt – anders als sachliche Infos in den üblichen Reiseführern.“

Solch einen Leitfaden für Nachgeborene und Angehörige der Bekennergeneration würde Norbert B. sehr begrüßen und ihm selbst wäre sehr geholfen, wenn er sich an den jeweiligen Stellen ohne mühsames Zusammensuchen aus verschiedenen Quellen vor seinen inneren Augen zurückversetzen könnte in das deutsche Königsberg.

Nun steht heute weniger eine Auflistung der vielleicht in Frage kommenden Publikationen im Raum – dazu habe ich Herrn Nobert B. schon kurz geschrieben und auch auf meine leider vergriffenen „Königsberger Impressionen“ hingewiesen, in denen ich diesen Brückenschlag versuchte. Vielmehr ist diese Zuschrift als Bestätigung für unsere Leserinnen und Leser zu sehen, die uns von ihren Erlebnissen auf den Reisen in die Heimat berichten. Es sind gerade die kleinen Episoden von der Entdeckung oft unscheinbarer oder vielleicht noch nie entdeckter Relikte aus der Vorkriegszeit, die unsere Leserschaft interessieren und die auch anderen Besuchern Anregungen vermitteln. Da hat es doch schon interessante Informationen gegeben, die man von anderer Seite nicht bekommen würde.

Wir sind für jeden Hinweis dankbar, auch wenn er negativ ausfallen könnte. So musste der Schauspieler Heinz Tennigkeit leider berichten, dass das Haus in der Königsberger Hornstraße, in dem Agnes Miegel wohnte, dem Verfall preisgegeben scheint. Als er kürzlich in Königsberg eine Lesung hielt, nutzte er die Gelegenheit, das Haus auf den Hufen aufzusuchen. Welche Enttäuschung! Die Gedenktafel an Agnes Miegel befindet sich immer noch an der Hauswand, aber diese zerbröckelt, und die Tafel wird bald keinen Halt mehr finden. Noch schlimmer ist es um den Eingang bestellt: Es gibt keine Türe mehr, die Öffnung ist zugemauert. Trostlos der Blick auf die leere Fensterfront. Herbert Tennigkeit war erschüttert und hat dies auch beim Ostpreußentreffen in Kassel zum Ausdruck gebracht. Schon in diesem Fall ist erkennbar, wie schwierig es ist, Hinweise auf die Vorkriegszeit in Buchform erscheinen zu lassen, weil man ja nie weiß, ob das Beschriebene kurze Zeit später noch in der angegebenen Form existiert.

Das braucht man bei dem Ratschlag, den Herr Bernd Daus­kardt allen Königsberg-Reisenden gibt, nicht zu befürchten, denn der Deutsche Soldatenfriedhof an der Cranzer Allee ist für alle Zeiten gesichert: „Ich möchte jedem Besucher empfehlen, hier Rast zu machen. Der Friedhof liegt abseits des lauten Verkehrs und lädt zur stillen Einkehr ein. Im Sommer berührt es mich immer wieder, wenn ich dort auf einer Steinbank sitze und der toten Soldaten gedenke, unter denen auch mein Vater ist. Auf dem Friedhof fällt eingangs ein großes steinernes Hochkreuz auf. Die Anlage umfasst ein parkähnliches Gelände mit zahlreichen Stelen, gestaltet vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die Namen von rund 3000 gefallenen Soldaten sind eingraviert. Es sind die in den Lazaretten und auf den Hauptverbandsplätzen verstorbenen Soldaten, deren Namen noch während der Kämpfe ermittelt werden konnten. Die Verstorbenen wurden noch in Einzelgräbern bestattet und jeweils mit einer Nummer versehen. So haben damals viele Soldaten auf dem Domfriedhof an der alten Pillauer Landstraße ihre letzte Ruhestätte gefunden.“

Darunter auch der Vater von Bernd Dauskardt, den der Sohn nie kennengelernt hat und dessen letzte Wege er aufklären wollte. Aus seinen Recherchen bei der Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel ging hervor, dass sein Vater Heinrich Dauskardt auf dem Domfriedhof bestattet wurde, nachdem er im Lazarett Mauraunenhof verstorben war. Er war in Schulzenwalde bei Gumbinnen Mitte Januar 1945 schwer verletzt und nach Kameradenaussagen auf einen zufällig vorbeifahrenden Sanka gelegt worden, der sich dann nach Königsberg durchschlug. Als der Volksbund nach der Jahrtausendwende mit der Exhumierung der auf dem Domfriedhof bestatteten Soldaten begann, waren alle Gräber zerstört und geplündert, eine Identifizierung der Bestatteten war nicht mehr möglich. So wurden die Gebeine jeweils in kleinen Kästchen auf einer großen Rasenfläche zur letzten Ruhe bestattet, eingerahmt von dem aufragenden Hochkreuz und den Stelen. Den Namen seines Vaters fand Bernd Dauskardt auf der Stele D. Es muss ein seltsames Gefühl für ihn gewesen sein, nach langem Suchen endlich die Gewissheit zu haben, dass sein Vater „angekommen ist im Land seiner Ahnen“. Denn Heinrich Dauskardt wurde nicht in Ostpreußen geboren. „Für meine väterliche Familie schließt sich damit der Kreis“, sagt der Sohn. Der Großvater ging um 1900 „ins Reich“, der Vater kehrt als toter Soldat zurück. Wenn nun der Enkel hier auf einer Steinbank sitzt, begegnet er auch russischen Besuchern. Sie kommen ins Gespräch, denn Waldemar, sein Freund und Wegbegleiter durch Ostpreußen, dolmetscht. In dieser von Vogelgezwitscher belebten Stille kommt es zu guten Gesprächen.

Es liegen auf dem weiträumigen Gelände nicht nur Wehrmachtsangehörige. Hinter dem Hochkreuz ist die Stelle, an der etwa 5000 Opfer der Bombenangriffe im August 1944 anonym bestattet wurden. Damals stand dort das Krematorium der Stadt. Wir danken Herrn Bernd Dauskardt für diese nach eigenem Erleben geschilderten Hinweise, die nicht nur für Besucher interessant sein dürften.

In Gedanken waren wir ja bei der Einweihung der von deutschen Spendern übergebenen Orgel in der Patronatskirche von Coadjuthen am 21. Juni dabei – nun hat uns Günter Uschtrin den angekündigten Bericht geschickt, zuverlässig wie immer und wie alles, was in und um dieses memelländische Gotteshaus geschieht. Wir haben oft und gerne über diesen deutsch-litauischen Brückenschlag berichtet, der weit über Coadjuthen hinaus Beachtung findet. Und es scheint fast, als sei die vor 100 Jahren von einem deutschen Orgelbauer in Barmen geschaffene Orgel für diese Patronatskirche bestimmt, in deren schönem Innenraum sie nun ihren vollen Klang entfalten kann. Davon und über die Anteilnahme aller Beteiligten an dieser eindrucksvollen Feier informiert uns nun Günter Uschtrin – und damit bekommen wir einen Bericht aus erster Hand, denn der Chronist und Sprecher der deutschen Coadjuthen-Gruppe ist in diesen geglückten Brückenschlag maßgeblich eingebunden.

Eure Ruth Geede


Endlich wieder eine eigene Orgel
Nach 70 Jahren feierliche Weihe in Cadjuthen/Memelland

Der 21. Juni dieses Jahres war ein großer Tag für die ehemalige Patronatskirche in Coadjuthen/Memelland aus dem Jahre 1734. Die evangelische Kirchengemeinde hatte durch Pfarrer Reinhold Moras und die Kirchenvorsteherin Giedre Armoniene zusammen mit dem litauischen Bischof Mindaugas Sabutis aus Wilna (Vilnius) zu dieser Orgelweihe eingeladen. Die Kirchenorgel war vor etwa zwei Jahren aus Hagen/Westfalen für die Evangelische Kirche Litauens gespendet und vom Orgelbauer Jörg Naß aus Rheine/Westfalen auf der Westempore der Kirche eingebaut und bespielbar gemacht worden. Die Kosten hierfür waren von mehreren Trägern übernommen worden, darunter die deutsche Coadjuthen-Gruppe.

Die Beteiligung am Gottesdienst war von litauischer wie deutscher Seite derart groß, dass die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war und noch die Sitze auf der Empore in Anspruch genommen werden mussten. Allein aus der Bundesrepublik Deutschland waren 13 Gäste angereist.

Die Gestaltung der Orgelweihe wurde unterstützt durch den Kirchen-Jugend-Chor aus Heydekrug und einen gemischten 14-köpfigen Kirchenchor aus Memel. Der Orgelbauer Jörg Naß wurde für seine herausragende Restaurationsleistung besonders gewürdigt. Als Organist konnte Reinfried Barnett aus Kiel gewonnen werden, der nach der Orgelweihe seine Anerkennung für den gelungenen Orgelklang und die einwandfreie Wiederherstellung des über 100 Jahre alten Orgelwerkes zum Ausdruck brachte.

Die deutsche Coadjuthen-Gruppe, vertreten durch Friedhelm Karpowitz und Günter Uschtrin, richtete die nachfolgenden Dankes- und Grußworte an die Anwesenden in litauischer und deutscher Sprache:

„Als Vertreter der deutschen Coadjuthen-Gruppe möchten wir heute am Tag der feierlichen Orgelweihe einige Worte des Grußes und des Dankes an die hier Versammelten richten.

Mit großer Anteilnahme haben wir die positive Entwicklung dieser litauischen evangelischen Kirchengemeinde in den letzten Jahren verfolgt. Es ist eine Entwicklung, die nach der Befreiung Ihres Landes im Jahre 1989 und der Kirchenweihe am 28. Mai 1994 unter dem damaligen Pfarrers Darius Petkunas begann. Damals hatte unter anderem die Architektin Nijole Naujaliene aus Klaipeda bei der Restaurierung dieser Kirche ein hervorragendes Fachwissen und eine glückliche Hand bewiesen. Sponsoren aus dem In- und Ausland haben seinerzeit die notwendigen finanziellen Mittel beschafft. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Kirchen-Restaurierungen in den früheren deutschen Ostgebieten zeigten die hier in Coadjuthen Beteiligten ein hohes Maß an Toleranz und Respekt gegenüber dem deutschen Erbe dieses Gotteshauses aus dem Jahre 1734. Das Ergebnis dieser Bemühungen kann sich wahrlich sehen lassen. Einige der hier Anwesenden wissen noch, dass diese Kirche 1944 geplündert wurde und die alte Orgel mit den historischen Kirchenbüchern verloren ging. 1955 wurde die Kirche geschlossen und darin ein Kino betrieben, das aber von den Dorfbewohnern vollständig boykottiert wurde.

Heute erfüllt uns der Anblick der restaurierten alten Ehrentafeln für die deutschen Gefallenen in den letzten zwei Jahrhunderten mit Freude und Dankbarkeit. Und wer einmal auf dem Berg der Kreuze im Zentrum Litauens gewesen ist, der weiß, welche Opfer auch das litauische Volk für die Freiheit seiner Menschen und ihres Glaubens in der jüngeren Geschichte erbracht hat.

Für eine der hier Anwesenden ist es 70 Jahre her, dass sie in diesem Gotteshaus zum letzten Mal den kirchlichen Segen empfangen hat. Für sie ist der heutige Tag wie eine kaum mehr erhoffte Rückkehr in die Vergangenheit – voller Wehmut und unbeschwerter jugendlicher Erinnerungen, aber auch ein Tag der inneren Freude. Wir grüßen auch unsere deutschen Landsleute, die nach den Schrecken des Krieges und harten Entbehrungen danach hier in Litauen ihre endgültige Heimat gefunden haben.

Unsere Anerkennung gilt aber auch jenen litauischen Pfarrern, Kirchenvorstehern und Kirchendienern, die in schweren Zeiten der Unfreiheit ihren Dienst unbeirrt in die Verkündigung von Gottes Wort gestellt haben. Wir danken nicht zuletzt dem Bischof Mindaugas Sabutis, dem Pfarrer Reinhold Moras, der Kirchenvorsteherin Giedre Armoniene und dem selbstlosen Orgelbauer Jörg Naß für die Vorbereitung und Durchführung dieser feierlichen Orgelweihe.“

Auch die deutsche Coadjuthen-Gruppe wurde für ihr Engagement in den vergangenen Jahren durch eine besondere Urkunde geehrt.

Der gemischte Kirchenchor aus Memel gedachte durch ein auf Litauisch vorgetragenes, einfühlsames Lied der ehemaligen deutschen Bewohner des Kirchspiels Coadjuthen. Es war ein dezent vorgetragenes Chorlied, das auch diejenigen tief berührte, die die litauische Sprache nicht verstehen. Es wurde auch schnell deutlich, dass die Lieder der beiden Chöre auf einem hohen künstlerischen Niveau vorgetragen wurden und so den ungeteilten Beifall aller Kirchenbesucher fanden.

Am Ende der dreistündigen, feierlichen Zeremonie wurde durch den Bischof das Heilige Abendmahl gereicht. Mit einem Gruppenfoto vor der Kirche bei strahlendem Sonnenschein endete die harmonische Veranstaltung. Für die auswärtigen Besucher wurde im gegenüber liegenden Kulturhaus – dem ehemaligen Gasthaus Naubur – von der Kirchengemeinde ein reichhaltiges Essen ausgerichtet, das auch zu lebhaften persönlichen Gesprächen und neuen Kontakten genutzt wurde. G.U.


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 102. GEBURTSTAG

Lison, Helene, geb. Schöntaub, aus Tapiau und Labiau, Kreis Wehlau, am 8. Juli

ZUM 100. GEBURTSTAG

Schorsch, Marianne, geb. Fengler, aus Kalgendorf, Kreis Lyck, am 10. Juli

ZUM 99. GEBURTSTAG

Hollack, Lieselotte, geb. Preuß, aus Lyck, am 10. Juli

ZUM 98. GEBURTSTAG

Echtner, Hedwig, geb. Treziak, aus Groß Leschienen, Kreis Ortelsburg, am 11. Juli

ZUM 97. GEBURTSTAG

Behrendt, Hedwig, geb. Zich, aus Wehlau, am 10. Juli

ZUM 95. GEBURTSTAG

Wienhold, Hedwig, geb. Wiede, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 9. Juli

ZUM 94. GEBURTSTAG

Dimas, Mary, geb. Grabowski, aus Neidenburg, am 9. Juli

Galla, Frieda, aus Ittau, Kreis Neidenburg, am 8. Juli

Gatzke, Paul, aus Widminnen, Kreis Lötzen, am 4. Juli

Rosan, Otto, aus Sagsau, Kreis Neidenburg, am 11. Juli

ZUM 93. GEBURTSTAG

Aukthun, Lisbeth, geb. Gutzeit, aus Weißensee, Kreis Wehlau, am 10. Juli

Fetkenheuer, Wolfgang, aus Rhein, Kreis Lörzen, am 7. Juli

Grego, Helene, geb. Gallmeister, aus Kölmersdorf, Kreis Lyck, am 9. Juli

Hochmann, Charlotte, geb. Teschner,m aus Wolitta, Kreis Heiligenbeil, am 11. Juli

Kilanowski, Erika, geb. Brunn, aus Lyck, am 10. Juli

Krewald, Gertrud, geb. Kalinowski, aus Langsee, Kreis Lyck, am 11. Juli

Liknis, Irmgard, geb. Chlupka, aus Treiburg, am 10. Juli

Otto, Erna, geb. Pitzer, aus Ebenrode, am 11. Juli

Pfeiffer, Hildegard, geb. Koszinowski, aus Lorenzhall, Kreis Lötzen, am 10. Juli

Priefert, Ursula, geb. Liebenau, aus Groß Blumenau, Kreis Samland, am 10. Juli

Püschel, Elfriede, geb. Tolusch, aus Inse, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

Sonder, Marie, geb. Blask, aus Keipern, Kreis Lyck, am 7. Juli

Weiß, Heinz, aus Kiefernheide, Kreis Lyck, am 11. Juli

ZUM 92. GEBURTSTAG

Bernicke, Ingeborg, geb. Jopp, aus Wolittnick, Kreis Heiligenbeil, am 9. Juli

Dettke, Josefine, Samland, am 7. Juli

Fricke, Hildegard, geb. Röder, aus Treuburg, am 5. Juli

Hensel, Elfriede, geb. Domieniuk, aus Bunhausen, Kreis Lyck, am 6. Juli

Hermenau, Kurt, aus Warnicken, Kreis Samland, am 5. Juli

Krause, Frieda, geb. Rehberg, aus Grunau, Kreis Heiligenbeil, am 8. Juli

Müller, Gertrud, geb. Anspreiksch, aus Friedeberg, Kreis Elchniederung, am 11. Juli

Pfeffer, Erna, geb. Maseiczik, aus Kiöwen, Kreis Treuburg, am 11. Juli

Pohl, Friedrich, aus Ortelsburg, am 11. Juli

Ting, Gerda, geb. Klemusch, aus Fuchshügel, Kreis Wehlau, am 8. Juli

ZUM 91. GEBURTSTAG

Aleksiuk, Waltraud, geb. Kuklinski, aus Rauschenwalde, Kreis Lötzen, am 9. Juli

Beyer, Edith, geb. Gampert, aus Lötzen, am 1. Juli

Gardner, Lydia, geb. Thielert, aus Schanzenort, Kreis Ebenrode, am 7. Juli

Kelch, Lotte, geb. Mellenthin, aus Fließdorf, Kreis Lyck, am 8. Juli

Koth, Margarete, geb. Kilbinski, aus Kelchendorf, Kreis Lyck, am 7. Juli

Kruppa, Ilse, aus Birkenwalde, Kreis Lyck, am 5. Juli

Pohl, Elfriede, geb. Grommas, aus Ebenrode, am 6. Juli

Scheffler, Walter, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

Seidel, Elli, geb. Krause, aus Friedrichstal, Kreis, Wehlau, am 5. Juli

Skalla, Hilde, geb. Prostka, aus Neuendorf, Kreis Lyck, am 5. Juli

ZUM 90. GEBURTSTAG

Berger, Hildegard, geb. Bunschei, aus Lyck, am 11. Juli

Droszella, Maria, geb. Euler, aus Alt Kriewen, Kreis Lyck, am 5. Juli

Funk, Gertraud, geb. Ehresmann, aus Frischenau, Kreis Wehlau, am 8. Juli

Gebhardt, Alice, geb. von Raven, aus Neidenburg, am 5. Juli

Geschull, Willy, aus Ebenrode, am 10. Juli

Hahn, Rotraud, geb. Holstein, aus Königsberg, am 5. Juli

Hoff, Helmut, aus Plauen, Kreis Wehlau, am 5. Juli

Meyrath, Alfred, aus Wartenhöfen, Kreis Elchniederung, am 7. Juli

Podschuweit, Hans, aus Burgkampen, Kreis Ebenrode, am 9. Juli

Pyrags, Heinz, aus Kämpen, Kreis Elchniederung, am 9. Juli

Quednau, Gerda, aus Lyck, am 5. Juli

Wirzba, Margarete, geb. Brettschneider, aus Millau, Kreis Lyck, am 5. Juli

ZUM 85. GEBURTSTAG

Bahlo, Dorothea, geb. Kleppek, aus Neuendorf, Kreis Lyck, am 10. Juli

Beuchling, Ruth, geb. Weißelberg, aus Passenheim, Kreis Ortelsburg, am 11. Juli

Böge, Brigitte, geb. Pest, aus Wirbeln, Kreis Ebenrode, am 6. Juli

Böhl, Gertraut, geb. Migge, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 9. Juli

Borysow, Herta, geb. Pelka, aus Malshöfen, Kreis Neidenburg, am 6. Juli

Dzikonski, Werner, aus Eichhorn, Kreis Treuburg, am 10. Juli

Fürstenberg, Irmgard, aus Groß Friedrichsdorf, Kreis Elchniederung, am 6. Juli

Gülich, Edith, geb. Kenzler, aus Neukuhren, Kreis Samland, am 10. Juli

Heinrich, Maria, geb. Rimeck, aus Willenberg, Kreis Ortelsburg, am 9. Juli

Heiser, Rolf, aus Bürgersdorf, Kreis Wehlau, am 9. Juli

Hirte, Elisabeth, geb. Rohde, aus Quilitten, Kreis Heiligenbeil, am 5. Juli

Janßen, Elly, geb. Wierostek, aus Pilgramsdorf, Kreis Neidenburg, am 11. Juli

Katzmarzik, Elisabeth, geb. Sawitzki, aus Farinen, Kreis Ortelsburg, am 11. Juli

Klaus, Liselotte, geb. Schröder, aus Balga, Kreis Heiligenbeil, am 7. Juli

Kolat, Irmgard, geb. Krause, aus Schorkenicken, Kreis Wehlau, am 9. Juli

Korsch, Helmut, aus Treuburg, am 10. Juli

Krause, Arnold, aus Lilienfelde, Kreis Ortelsburg, am 6. Juli

Kowalski, Gertrud, geb. Wask, aus Bottau, Kreis Ortelsburg, am 10. Juli

Lee, Christel, geb. Schwan, aus Elbings Kolonie, Kreis Elchniederung, am 11. Juli

Lemke, Helene, aus Altkirch, Kreis Tilsit-Ragnit, am 5. Juli

Malso, Paul, aus Gusken, Kreis Lyck, am 11. Juli

Michalzik, Erwin, aus Sprindenau, Kreis Lyck, am 10. Juli

Mildner, Traute, geb. Sakautzki, aus Groß Friedrichsdorf, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

Palloks, Martin, aus Jägerhöh, Kreis Elchniederung, am 11. Juli

Preuss, Ingeborg, geb. Barke, aus Theerwischealde, Kreis Ortelsburg, am 10. Juli

Riemann, Gerhard, aus Lenzendorf, Kreis Lyck, am 7. Juli

Rimsa, Kurt Herbert, aus Röblau, Kreis Ortelsburg, am 9. Juli

Rogowski, Heinz, aus Groß Jerutten, Kreis Ortelsburg, am 10. Juli

Sabatin, Horst, aus Wehlau, am 7. Juli

Sperber, Elfriede, geb. Sommer, aus Schönrade, Kreis Wehlau, am 7. Juli

Tarrta, Fritz, aus Groß Schiemanen, Kreis Ortelsburg, am 8. Juli

Trittin, Gerda, aus Auertal, Kreis Schlossberg, am 10. Juli

Unruh, Elfriede, aus Grünlinde, Kreis Wehlau, am 10. Juli

Wargalla, Hilde, geb. Kuhna, aus Omulefofen, Kreis Neudenburg, am 5. Juli

Wirsching, Fritz, aus Bersbrüden, Kreis Ebenrode, am 8. Juli

Wolter, Irmgard, geb. Koyka, aus Lyck, am 11. Juli

Woywod, Manfred, aus Erlen, Kreis Elchniederung, am 9. Juli

Zachrau, Elfriede, aus Mutterstadt und Canditten, Kreis Preußisch Eylau, am 8. Juli

Zappe, Herta, geb. Jester, aus Kirtigehnen, Kreis Samland, am 9. Juli

ZUM 80. GEBURTSTAG

Berger, Manfred, aus Mensguth, Kreis Ortelsburg, am 6. Juli

Brandt, Hannelore, geb. Naujok, aus Pettkuhnen, Kreis Wehlau, am 9. Juli

Büthe, Rosemarie, geb. Schroeder, aus Kattenau, Kreis Ebenrode, am 6. Juli

Dürhager, Magdalene, aus Baringen, Kreis Ebenrode, am 9. Juli

Epha, Margarete, aus Schwalgenort, Kreis Treuburg, am 6. Juli

Freund, Eva, aus Klimmen, Kreis Ebenrode, am 11. Juli

Gratias, Inge-Lore, geb. Fischer, aus Wehlau, am 6. Juli

Heinig, Hildegard, geb. Knorr, aus Sanditten, Kreis Wehlau, am 6. Juli

Henkens, Gisela, geb. Ruddigkeit, aus Kastaunen, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

Joost, Lieselotte, aus Lengen, Kreis Ebenrode, am 11. Juli

Krebs, Hans, aus Neukuhren, Kreis Samland, am 8. Juli

Krieg, Gerhard, aus Altmühle, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

Künitz, Edeltraud, geb. Smorra, aus Skomanten, Kreis Lyck, am 9. Juli

Maschinowski, Siegfried, aus Nassawen, Kreis Ebenrode, am 5. Juli

Naujoks, Herbert, aus Wiesenfeld, Kreis Tilsit-Ragnit, am 9. Juli

Neuber, Horst, aus Neidenburg, am 9. Juli

Nerstheimer, Helmut, aus Sieden, Kreis Lyck, am 6. Juli

Pohl, Erna, geb. Jegszenties, aus Dürrfelde, Kreis Ebenrode, am 9. Juli

Pucilowska, Irmgard, aus Baitenberg, Kreis Lyck, am 6. Juli

Seefeld, Siegfried, aus Neufelde, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

ZUM 75. GEBURTSTAG

Bartuschat, Rosemarie, geb. Ulke, aus Peyse, Kreis Samland, am 10. Juli

Bolinski, Gerhard, aus Pilgramsdorf, Kreis Neidenburg, am 7. Juli

Broszies, Ursula, geb. Reichelt, aus Allenburg, Kreis Wehlau, am 5. Juli

Brüggmann, Ursula, geb. Bartsch, aus Pillau, Kreis Samland, am 9. Juli

Danowski, Winfried, aus Fronicken, aus Treuburg, am 10. Juli

Eckhardt, Helga, geb. Blaudzun, aus Wenzbach, Kreis Ebenrode, am 10. Juli

Glaubitz, Ilse, geb. Kempka, aus Wallen, Kreis Ortelsburg, am 7. Juli

Gronau, Dieter, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 6. Juli

Hoffmann, Brigitta, geb. Beeck, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 8. Juli

Jeromin, Ernst, aus Wilhelmshof, Kreis Ortelsburg, am 7. Juli

Malinka, Ulrich, aus Bergenau, Kreis Treuburg, am 10. Juli

Oltersdorf, Klaus Dieter, aus Lank, Kreis Heiligenbeil, am 10. Juli

Reiners, Sigrid, aus Odertal und Mulden, Kreis Gerdauen, am 3. Juli

Schmidt, Anni Traute, geb. Heske, aus Windkeim/Klein Windkeim, Kreis Heiligenbeil, am 9. Juli

Simonsen, Ingrid, geb. Gozitza-Fuß, aus Bienau, Kreis Osterode, am 5. Juli

Sperlich, Waltraut, geb. Faust, aus Ebenrode, am 5. Juli

Zapatka, Alfons, aus Liebenberg, Kreis Ortelsburg, am 11. Juli

Diamantene Hochzeit

Borkowski, Siegfried, aus Hallenfelde, Kreis Goldap und Frau Inge, geb. Tschesschlock, Aus Waldenburg/Schlesien, am 10. Juli

Goldene Hochzeit

Ewert, Günter und Renate, geb. Ewert, aus Schönlinde, Kreis Heiligenbeil, am 10. Juli

Meier, Gerhard, aus Königsberg und Felicitas Meier, geb. Moewius, aus Königsberg-Metgethen, am 3. Juli


S. 16 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGES OSTPREUSSEN

Vorsitzender: Stefan Hein, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

Sonntag, 20. Juli: Kleines Ostpreußentreffen 2014 auf Schloss Burg bei Solingen, Beginn 11 Uhr, Kundgebung 14 Uhr. Der BJO nimmt mit einem Infostand und dem beliebten „Café Lorbaß“ teil. Weitere Informationen: http://www.ostpreussen-nrw.de/Div/Schloss-Burg-2014/index.htm

 

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Landshut – Dienstag, 15. Juli, 14 Uhr, Insel, Biergarten: Zusammenkunft der Gruppe.

Stuttgart – Sonnabend, 28. Juni, 14.30 Uhr, Haus der Heimat, Großer Saal, Schloßstraße 92: Teil 3 des Vortrags von Dr. Eberhard Klafki „Westpreußen mit seiner 1919 abgetrennten Hauptstadt Danzig zwischen den beiden Weltkriegen als Problem der Friedensbewahrung“. Gäste sind herzlich eingeladen. – Dienstag, 8. Juli, 14.30 Uhr, Haus der Heimat, Kleiner Saal, Schloßstraße 92: Uta Lüttich gestaltet einen Heimatnachmittag der Frauengruppe zum Thema „Bedeutende ostpreußische Persönlichkeiten“, die in diesem Jahr einen Gedenktag haben. Gäste sind herzlich eingeladen.

Ulm/Neu-Ulm – Montag, 14. Juli, Donauschwäbisches Zentralmuseum: Südostdeutscher Volkstumsabend. Die Gruppe „Feenharfen der Lebenshilfe Neu-Ulm wird musizieren. Die Kindertanzgruppe der Siebenbürger Sachsen aus dem Kreis Bieberach tritt auf. Singen wird der Chor der Egerländer Gmoi. Um regen Besuch wird herzlich gebeten.

Weinheim – Mittwoch, 9. Juli, 14.30 Uhr, Café Wolf: Treffen der Frauengruppe zum Heimatnachmittag. Thema im ersten Teil: „Kleine Philosophie über den Humor in Ost- und Westpreußen“. Der Humor ist Harmonie des Herzens. Er will nichts weiter als ein leises Schmunzeln und Freuen auslösen. Der ost- und westpreußische Humor ist geradeheraus ohne jeden Hintergedanken. Er ist plastisch breit und zuweilen sogar von saftiger Derbheit. Ja, wie das Land, so ist auch die Sprache der Ost- und Westpreußen breit und herb. Zweiter Teil: „Kindermund“. Einige Beiträge über „Lorbass und Marjellchen“.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Altmühlfranken/Ansbach – Sonnabend, 19. Juli, 16 Uhr: Sommerfest bei Familie Reimke in Weihenzell mit Grillen. Für Musik und Getränke wird gesorgt. Alle sind herzlich eingeladen. Ein Fahrdienst wird geplant.

Bamberg – Mittwoch, 16. Juli, 15 Uhr, Villa Remeis: Treffen der Gruppe.

Hof – Die Kreisgruppe Hof hatte zur Monatszusammenkunft eingeladen. Es hatte sich ein kleinerer Kreis zu diesem sommerlichen Treffen eingefunden. Bemerkenswert waren die ausgeschmückten Veranstaltungen zu Ostern und Muttertag mit unterhaltsamen Vorträgen und heimatlichen Tänzen unserer Jugendgruppe unter Leitung von Jutta Starosta. Eine Teilnahme der Gruppe an der Landeskulturtagung 2014 Landesgruppe Bayern in EIlingen war wichtig und stärkte die Verbundenheit. Der 1. Vorsitzende Christian Joachim begrüßte herzlich die Mitglieder und Gäste und verlas aktuelle Vereinsinformationen. In seinem Vortrag berichtete Christian Joachim eindrucksvoll, wie weltweit furchtbare Kriegshandlungen die Welt erschüttern. „Wir Heimatvertriebene, viele Zeitzeugen noch in unserer Mitte, erinnern uns an die Schrecken des letzten Weltkrieges.“ Ein besonderes Gedenken gilt dieses Jahr dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 in Ostpreußen. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges griffen zwei russische Armeen Ostpreußen an. Die 1. Armee, die Njemen-Armee, unter dem deutsch-baltischen General Paul von Rennenkampf marschierten aus dem Raum Kowo auf den Njemen, das heißt auf die Memel zu. Die 2. Armee, die Narew-Armee, unter General Samsonow zog auf die Südgrenze Ostpreußens zu. Ostpreußen wurde dadurch zum einzigen Gebiet des Deutschen Reiches, in das feindliche Truppen eindrangen, Städte und Dörfer zerstörten, und der Zivilbevölkerung großes Leid zufügten. Die deutschen Armeen konnten in der Winterschlacht in Masuren im Raum Lyck und ostwärts die Russen schlagen und gänzlich aus Ostpreußen vertreiben. Bis zum Kriegsende 1918 kamen dann keine russischen Truppen mehr nach Ostpreußen. Es war eine bewegende geschichtliche Dokumentation. Mit kleinen Vorträgen und gemeinsam gesungenen Liedern klang dieser harmonische Nachmittag aus. Christian Joachim dankte für das Kommen und Interesse am Vortrag und bat um Vormerkung der Termine der Gruppe: Sonnabend, 12. Juli, 15 Uhr: Monatsversammlung, August: Sommerpause, Sonnabend, 13. September, 15 Uhr: Monatsversammlung.

Ingolstadt – Sonntag, 20. Juli, 14.30 Uhr, Gasthaus Bonschab, Münchener Straße 8: Monatliches Heimattreffen.

Kitzingen – Freitag, 18. Juli, Hotel Würzburger Hof: Sommerfest. Bei schönem Wetter im Garten.

München – Freitag, 11. Juli, 14 Uhr, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, 81669 München: Zusammenkunft der Frauengruppe.

Jeden Montag, 18 bis 20 Uhr, Haus des Deutschen Ostens: Ostpreußischer Sängerkreis. Kontakt: Dr. Gerhard Gräf, Offenbachstraße 60, 85598 Baldham, Telefon (08106) 4960.

Weiden – Gartenfest – Die Kreisgruppe traf sich vor der Sommerpause zum beliebten Gartenfest bei Familie Uschald in Neunkirchen. Voll besetzt waren die Zelte mit vielen Mitgliedern und Gästen. Auch das schöne Wetter trug zum Gelingen bei. Zum Kaffee konnte man aus einem Kuchenbüfett Torten, Waffeln, Donauwellen, Rhabarberkuchen, Ostpreußischen Streuselkuchen und Schüsselkuchen auswählen. Für das Gebäck waren Edith Poweleit, Inge Otto, Hilde Wendt, Anita Putz, Ingrid Uschald und Anita Uschald zuständig. Der 1. Vorsitzende Norbert Uschald bedankte sich bei allen Helferinnen und Helfern für den reibungslosen Ablauf der geselligen Zusammenkunft. Grillmeister Paul Wendt versorgte die Gäste mit verschiedenen Bratwürsten und Leberkäs. Ingrid Uschald bereitete den hausgemachten Kartoffelsalat und die Salate zu. Für die Getränke waren Adolf und Norbert Uschald zuständig. Katharina und Barbara Uschald trugen mit lustigen Gedichten und Liedern zur Unterhaltung bei. So saßen alle bis in die Abendstunden gemütlich und bei froher Stimmung beisammen. Mit den Heimatliedern verabschiedete man sich bis zum nächsten Heimatnachmittag am 7. September um 14.30 Uhr in Café Mitte.

 

BERLIN

Vorsitzender: Rüdiger Jakesch, Geschäftsstelle: Forckenbeck-straße 1, 14199, Berlin, Telefon (030) 2547345, E-Mail: info@bdv-bln.de, Internet: www.ostpreussen-berlin.de. Geschäftszeit: Donnerstag von 14 Uhr bis 16 Uhr Außerhalb der Geschäftszeit: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Königsberg, Samland, Labiau – 18. Juli, 14 Uhr, Johann-Georg-Stuben, Johann-Georg-Straße 10, 10709 Berlin. Treffen der Gruppen. Anfragen bei Professor Wolfgang Schulz, Telefon (030) 2515995.

Rastenburg – 13. Juli, 15 Uhr, Restaurant Stammhaus Rohrdamm 24 B, 13629 Berlin. Anfragen bei Martina Sontag, Telefon (033232) 188826.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Kippingstr. 13, 20144 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Fried-rich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

LANDESGRUPPE

Herzlich willkommen zum Sommerfest der Landsmannschaft Ostpreußen, Landesgruppe Hamburg e.V. – Kulturreferat. Auskunft und Organisation: Siegfried Grawitter, Telefon (040) 205784. Am Sonnabend, 19. Juli, von 14 bis17 Uhr, Einlass ab 13 Uhr im Restaurant Lackemann, Litzowstieg 8, 22041 Hamburg (Wandsbek), Parkplatz Quarree, Parkhaus P2. Ein Programm mit dem LAB-Chor Lesungen und Geschichten zum Schmunzeln.

Sehr gut zu erreichen mit der U1 und Bussen. Von U1- und Busbahnhof Wandsbek-Markt sind es nur wenige Gehminuten. Wenn Sie von der Wandsbeker Marktstraße den Durchgang „Hinterm Stern“ zwischen Quarree und Hotel Tiefenthal durchgegangen sind, sehen Sie bereits das Restaurant Lackemann.

KREISGRUPPE

Elchniederung – Mittwoch, 30. Juli, 14 Uhr, Haus Lackemann, Hamburg-Wandsbek: Treffen der Gruppe zu einem fröhlichen Sommernachmittag mit gemeinsamen Erinnerungen, Vorträgen und Liedern. Gäste sind herzlich willkommen.

Insterburg – Die Gruppe trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat (außer im Januar und im Juli) zur Zusammenkunft bei Liedern und kulturellem Programm um 12 Uhr, Hotel Zum Zeppelin, Frohmestraße 123–125. Kontakt: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg. Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

 

HESSEN

Vorsitzender: Eberhard Traum, Wächtersbacherstraße 33, 63636 Brachtal, Telefon (06053) 708612.

Darmstadt/Dieburg – Das seltene Fest der eisernen Hochzeit konnten in Seeheim-Jugenheim Irmgard und Erhard Karnetzke begehen. Das Jubelpaar ist nun 65 Jahre verheiratet. Irmgard steht im 86., Erhard im 92. Lebensjahr und ist für sein Alter noch sehr vital. Beide sind gebürtig aus Marienwerder [Kwinzdyn] am Rande der Weichselniederung. Irmgard flüchtete 1945 durch Vermittlung einer Bekannten, deren Mann Offizier auf dem Schiff „Wilhelm Bauer“ war, über die Ostsee. Sie lebte dann in Uetersen bei Hamburg. Erhard kam 1942 zur Marine und geriet nach der Versenkung seines Schiffes 1944 in amerikanische Gefangenschaft in die USA. Nach seiner Entlassung 1948 reiste er über Liverpool nach Alsbach/Hessen. Beim ersten Marienwerder-Treffen in Flottbek trafen sich Erhard und Irmgard wieder. Das blieb nicht ohne Folgen. Erhard holte Irmgard nach Alsbach und heiratete sie am 21. Mai 1949. Sie bekamen vier Kinder. 1978 bezogen sie ihr Eigenheim, welches sie heute noch bewohnen. Irmgard war gelernte Verkäuferin und arbeitete später bis zur Berentung als Altenpflegerin; Erhard war Betriebsschlosser bei der Fa. Merck. Heute zählen neun Enkel und vier Urenkel zur Familie.

Seit 40 Jahren ist das Ehepaar Mitglied in der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen (LOW) im Kreis Darmstadt-Dieburg und besucht jedes Mal die monatlichen Treffen der Vereinigung im Kranichsteiner Bürgerhaus am See. Erhard Karnetzke ist bei der LOW auch Mitglied im Vorstand. Die Mitglieder der Landsmannschaft wünschen dem Paar nach einem arbeitsreichen Leben eine gute gemeinsame Zeit, dass es auch noch seinen 70. Hochzeitstag – die Gnadenhochzeit – erleben kann.

Wetzlar – Sonnabend, 5. Juli, 13 Uhr, Schützenhaus in Wetzlar-Nauborn (Am Bobenböllerwald): Die Gruppe trifft sich zum Grillen. Gäste sind willkommen.

Wiesbaden – Dienstag, 8. Juli, 15 Uhr, Gaststätte beim Wiesbadener Tennis- und Hockey-Club, Nerotal: Treffen der Frauengruppe. Kaffeetrinken im Grünen. ESWE-Bus, Linie 1, Haltestelle Nerotal (Endhaltestelle). – Donnerstag, 17. Juli, Gaststätte Haus Waldlust, Rambach, Ostpreußenstraße 46: Stammtisch. Essen á la carte. Wegen der Platzdisposition bitte unbedingt anmelden bis spätestens 11. Juli bei Irmgard Steffen, Telefon (0611) 844938. – Sonnabend, 19. Juli, 15 Uhr, Erbenheim, Kleingartenverein am Wasserwerk: Sommer-Gartenfest. Am Grill werden Steaks und Würstchen zubereitet, dazu gibt es Kartoffelsalat oder Brötchen. Zu Beginn werden die Teilnehmer mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Musikalisch unterhält das Duo Budau/Dr. Hübenthal. Wegen der Essens-Disposition bitte bis spätestens 11. Juli anmelden bei Irmgard Steffen, Telefon (0611) 844938. Nach erfolgter Anmeldung muss das bestellte Essen auch bei Absage gezahlt werden, da die gemeldeten Portionen verbindlich gebucht sind. Das Gartenfest findet bei jeder Witterung statt, da überdachte Bereiche zur Verfügung stehen.

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Osnabrück – Freitag, 18. Juli, 15 Uhr, Gaststätte Bürgerbräu, Blumenhaller Weg 43: Treffen der Frauengruppe.

Rinteln – Donnerstag, 10. Juli, 15 Uhr, Hotel Stadt Kassel, Klosterstraße 42, 31737 Rinteln: Monatstreffen. Dr. Hans-Walter Butschke aus Lemgo spricht zum Thema: „Vor 100 Jahren – Der Erste Weltkrieg –Ursachen und Anlässe“. Der Eintritt ist frei. Neben den Mitgliedern und Freunden sind auch interessierte Gäste aus Nah und Fern herzlich willkommen! Weitere Auskünfte und Informationen zur landsmannschaftlichen Arbeit in Rinteln gibt es beim Vorsitzenden Joachim Rebuschat unter Telefon (05751) 5386 oder über: rebu-schat@web.de

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Landesgruppe – Auch in diesem Jahr findet an der Gedenkstätte des Deutschen Ostens auf Schloss Burg eine Kulturveranstaltung der Landesgruppe Nord-rhein-Westfalen statt. Die Organisatoren wünschen sich, dass sie am Sonntag, 20. Juli, ab 11 Uhr (Zeit zum Plachandern) recht viele Landsleute und Gäste auf ihrem „Kleinen Ostpreußentreffen“ begrüßen können. Um etwa 13 Uhr hält Pastor Lipsch aus Solingen-Wald eine kleine Andacht. Wie schon in den vergangenen Jahren besteht die Veranstaltung aus einem offiziellen (14 Uhr) und einem unterhaltsamen Teil. Zu Beginn läuten die Glocken aus Königsberg und Breslau, wir gedenken unserer Toten und hören das Trompetensolo „Ich hatt’ einen Kameraden“ (Trompeter F. Braun). Werner Jostmeier, MdL, wird die Ansprache halten. Dr. Bärbel Beutner führt durch die Veranstaltung. Für das leibliche Wohl sorgen die Damen der Gruppen Remscheid, Solingen, und Wuppertal mit ostpreußischen Spezialitäten. Zahlreiches Erscheinen ist der Lohn für den Veranstalter mit seinen ehrenamtlichen Mitwirkenden.

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 bis 20 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal, 1. Etage: Chorprobe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft. – Sonnabend, 5. Juli, 10 Uhr, Infostand Hauptbahnhof: Wandertreff. Fahrt nach Hösel zum Oberschlesischen Landesmuseum. Führung durch die Ausstellung „Mobilität in Schlesien“ und „Schönwälder Stickerei“. – Freitag, 11. Juli, 18 Uhr, Restaurant Lauren’s, Bismarckstraße 62: Stammtisch. – Donnerstag, 17. Juli, 19.30 Uhr, GHH/Raum 312: Offenes Singen mit Barbara Schoch. – Sonntag, 20. Juli, 11 Uhr: Ostpreußentreffen auf Schloss Burg.

Gütersloh – Sonnabend, 12. Juli: Seniorenfahrt nach Bad Driburg, Leonardo-Outlet-Besuch, Pralinenmanufaktur und Wasserorgel – Nach einem Besuch bei Leonardo-Glas beginnt auf dem dortigen Parkplatz eine Stadtrundfahrt. Kaffee trinken in einer Pralinenmanufaktur, dem Café Heyse. Der Konditormeister höchstpersönlich gibt einen Einblick in die Herstellung von Pralinen und verrät kleine Tricks bei der Schokoglasur- oder Baiserherstellung für zu Hause. Gerne beantwortet er auch Fragen. Anschließend erleben die Teilnehmer die dortige Wasserorgel mit Musik. Kurpark und Fußgängerzone befinden sich in unmittelbarer Nähe, so dass noch Zeit zur freien Verfügung bleibt. Zu der Fahrt sind auch Nicht-Senioren und Nicht-Mitglieder herzlich eingeladen. 10 Euro Kosten-Beteiligung wird im Bus eingesammelt. Nicht-Senioren unter 65 Jahre und Nicht-Mitglieder zahlen 15 Euro. Anmeldung bei Blocks, Telefon (05241) 34841 oder Bartniks, Telefon (05241) 29211. Abfahrt ab 11.30 Uhr. Zusteigemöglichkeiten: 11.30 Uhr Kahlertstraße/Ecke Magnolienweg, 11.35 Uhr Marktplatz/ Haltestelle Friedrich-Ebert-Straße, 11.40 Uhr B 61 / Ecke Grenzweg, 11.45 Uhr Café Raschke, 11.50 Uhr Gaststätte Roggenkamp, 11.55 Uhr Verler Straße /Mercedes-Händler, 12 Uhr Verler Straße/Markant Supermarkt. – Donnerstag, 17. Juli, 15.30 Uhr, Gütersloher Brauhaus, Unter den Ulmen: Ostpreußische Frauengruppe. – Ostpreußischer Singkreis: Die Treffen von 15 bis 17 Uhr in der Elly-Heuss-Knapp-Schule, Moltkestraße 13 finden zurzeit einmal im Monat statt oder nach Absprache. Kontakt und Info: Renate Thamm, Telefon (05241) 40422. – Sonntag, 20. Juli: Fahrt nach Schloss Burg. Auf Wunsch der Mitglieder findet eine Busfahrt zum „kleinen Deutschlandtreffen“ auf Schloss Burg bei Solingen statt. Anmeldung bei Blocks, Telefon (05241) 34841 oder Bartniks, Telefon (05241) 29211. Abfahrt ab 10 Uhr. Sollten sich nicht genügend Interessierte finden, besteht die Mitfahrgelegenheit mit der Bielefelder Gruppe. Informationen bei Gertrud Riede, Telefon (05202) 5584. Abfahrt ist um zirka 10 Uhr ab Parkplatz Autobahn/Verler Straße. Der Fahrpreis liegt zwischen 15 und 20 Euro abhängig von der Personenzahl. Zusteigemöglichkeiten: 10 Uhr Kahlerplatz/Ecke Magnolienweg, 10.05 Uhr Marktplatz/Haltestelle Friedrich-Ebert-Straße, 10.10 Uhr B 61/Ecke Grenzweg, 10.15 Uhr Café Raschke, 10.20 Uhr Gaststätte Roggenkamp, 10.25 Uhr Verler Straße/Mercedes-Händler, 10.30 Uhr Verler Straße/Markant Supermarkt.

Hemer – In Zusammenarbeit mit dem Bürger- und Heimatverein Hemer sowie dem Kulturzentrum Ostpreußen, Ellingen wird die Ausstellung „Ostpreußen verzaubert“ in der Zeit noch bis zum 20. Juli gezeigt. Ausstellungsort: Felsenmeermuseum Hemer, Hönnetalstraße 1, 58675 Hemer. Öffnungszeiten: Montags und Sonnabends geschlossen; Dienstag und Freitag 11 bis 13 Uhr, und 15 bis 17 Uhr; Mittwoch und Donnerstag 15 bis 17 Uhr; Sonntag 11 bis 13 Uhr. Informationen beim Museum unter Telefon (02372) 16454, bei Klaus-Arno Lemke unter (02372) 12993; E-Mail: felsenmeer-museum@web.de lemke@ostpreussen-nrw.de. Internet-Präsenz: www.felsenmeer-museum.de.

Leverkusen – Mittwoch, 9. Juli, Abfahrt um 8 Uhr vom Behindertenheim in Küppersteg: Tagesfahrt mit einem Besuch des Lichtkunstmuseums in Unna. Der genaue Tagesablauf ist im Info-Heft angegeben. Anmeldung dringend geboten. Alle Infos und Anmeldung bei Frau Palka, Telefon (0214) 95763. Die Veranstalter freuen sich auf den ganzen Tag.

Neuss – Sonnabend, 5. Juli, 12 Uhr: Großes Grillfest mit ostpreußischen Spezialitäten an der Cornelius-Kirche in Neuss-Erfttal.

Soest – Sonntag, 6. Juli, 14.30 Uhr, Ostdeutsche Heimatstuben, Meiningser Weg 20: Der 1943 in Danzig geborene Jürgen Schultz liest in der Cafeteria aus seinem neuesten Werk. Sein Roman, „Inferno der Menschheit“ spielt im Jahre 2200, einer nicht mehr lebenswerten Erde. Er behandelt rückblickend die heutige Zeit und führt die mögliche Entwick-lung der Menschheit aus. Nach der Lesung signiert der Autor sein Buch.

Witten – Montag, 21. Juli, 15 Uhr: Schiffsfahrt mit der Schwalbe – fröhlicher Nachmittag.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Jeden Freitag, 13 Uhr, Café Oase, Schönbornstraße 16, 55116: Die Gruppe trifft sich zum Kartenspielen.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle, Telefon privat (0345) 2080680.

Magdeburg – Dienstag, 15. Juli, 13.30 Uhr, Immermannstraße: Treffen der Stickerchen.

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner. Geschäftsstelle: Telefon (0431) 554758, Wilhelminenstr. 47/49, 24103 Kiel.

Bad Malente – Mittwoch, 9. Juli, ab 15 Uhr, Pflanzencenter Buchwald, Krummsee, Rövkampallee 39: Die Gruppe trifft sich zur gemütlichen Runde. Für die Teilnehmer gibt es ein Stück Torte plus Kaffee satt für eine Kostenbeteiligung von 2,50 Euro. Anmeldungen werden erbeten bis zum 2. Juli im Blumenhaus Franck (Inhaber R. Dudeck), Bahnhofstraße 26, Malente. Gäste sind herzlich willkommen.


S. 17 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

LÖTZEN

Kreisvertreter: Dieter Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg. Geschäftsstelle: Ute Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg, Telefon (040) 6083003, Fax: (040) 60890478, E-Mail: KGL.Archiv@gmx.de

Die erste Frage, die der Reporter der Kieler Nachrichten stellte, lautete: „Wie kommt das Lötzener Heimatmuseum dazu, Werke einer Künstlerin aus Kaliningrad auszustellen?“ – Elena Steinke, 1964 als Kind russisch-ukrainischer Eltern unter dem Namen Kirienko in Königsberg geboren, gab eine Antwort, die übereinstimmte mit der Aussage, die Ute Eichler an den Beginn ihrer Begrüßung stellte: Dr. Jörn Barfod, Kustos am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, ist es zu verdanken, dass der Kontakt zwischen Künstlerin und Betreuerin der Lötzener Heimatsammlung zustande kam; er hatte Elena Steinke im Herbst 2010 auf die damals im Lötzener Heimatmuseum gezeigte Sonderausstellung „Die große Flucht 1944/45 in Werken ostpreußischer Künstler“ aufmerksam gemacht. Der erste Kontakt zwischen den Ehepaaren Steinke und Eichler war von Sympathie getragen, biografische Parallelen konnten aufgedeckt werden, und so entwickelte sich aus fruchtbarer Anteilnahme am künstlerischen Schaffen Steinkes die Idee zu diesem Ausstellungsvorhaben vor allem unter zwei Gesichtspunkten:

Steinke beging vor wenigen Tagen ihren 50. Geburtstag, sie erwarb vor 30 Jahren das Diplom für angewandte Kunst als Abschluss ihrer Ausbildung in Tscheljabinsk/Ural, sie kann auf mehr als drei Jahrzehnte vielfältiger künstlerischer Arbeit zurückschauen. So war die Zeit reif für die erste Retrospektive. Der von Elena Steinke dafür gewählte Titel „Hauptweg und Nebenwege“ verdeutlicht ihre Haltung, dass eine ernsthafte künstlerische Entwick-lung nie geradlinig verläuft. Wie sie 2011 in einem Interview gegenüber Silke Stratmann (Ostpreußisches Landesmuseum) äußerte: „Wenn ein Künstler mit 50 noch so malt wie mit 30, dann stimmt etwas nicht.“

Eichler hat das Bestreben, mit Veranstaltungs- und Ausstellungsangeboten nicht nur den Einwohnern der Patenstadt Neumünster immer wieder Neues anzubieten. Da in diesem Jahr die Patenschaft der Stadt Neumünster für Stadt und Kreis Lötzen das sechste Jahrzehnt ihres Bestehens vollendet, bot es sich an, mit besonderen Ausstellungen zu versuchen, breite Kreise anzusprechen. So wurde zum Auftakt mit großer Besucherresonanz „Ostpreußen verzaubert“ im Foyer des Neumünsteraner Rathauses gezeigt, es folgte im Lötzener Heimatmuseum „Ostpreußen, wie es war – Kindheitserinnerungen in der Malerei von Helene Dauter“. Der Ausstellungshöhepunkt des Jahres und ein Meilenstein in der Geschichte des Lötzener Heimatmuseums ist zweifellos die jetzt erfolgte Eröffnung der Ausstellung mit über

30 Werken der Künstlerin Elena Steinke, die seit 2001 in Nordfriesland, in Breklum, lebt. 52 Personen nahmen daran teil, über ein Dutzend hatten ihr Bedauern erklärt, wegen Terminüberschneidungen nicht kommen zu können.

Erstmals konnte mit professionell gestalteten Einladungskarten und mit einem informativen Faltblatt für den Besuch einer im Lötzener Heimatmuseum gezeigten Ausstellung geworben werden – dank Steinke. Im Faltblatt zur Ausstellung erfährt der Leser über sie: „Sie ist Künstlerin ohne Exzentrik, ohne Lärm um ihre Person, sie tritt hinter ihrem Werk zurück. Sie wünscht, es gelten zu lassen, ohne dass sie von Geltungsdrang getrieben wird. Sie wird in ihrem Schaffen bestimmt von Suche und Neugier, auch von der Experimentierfreude, Traditionelles mit Heutigem zu verknüpfen. Sie geht viele Wege, ohne sich auf eine Richtung, eine Strömung festlegen zu lassen. Manchmal ist es ein Pfad durch den Dschungel der Möglichkeiten, bei dem sie Kraft einsetzen muss, um den Blick wieder frei zu bekommen für Farbe und Licht. Manchmal ist es ein steiniger, ein schmerzender, ein schmerzlicher Weg wie zum Beispiel bei der Auseinandersetzung mit den Themen Flucht und Vertreibung, Krieg und Verlust.“

So sind intellektuelle Bilder entstanden, religiös durchdrungene, spielerische, farbfreudige, musikalische, experimentell-abstrakte, heitere und auf den ersten Blick rätselhafte. Es gibt kein bevorzugtes Format, auch hier ist Vielfalt zu finden. Obwohl die Vielfalt der Themen, die Vielseitigkeit ihrer Umsetzung beeindruckt, staunen lässt vor allem die Eigenart, die eigene Art, die unverwechselbare künstlerische Handschrift der Elena Steinke, die sich unübersehbar entwickelt hat.

In ihrem Einführungsvortrag unter dem Titel „Die Kunst und wir – Versuch einer verbalen Annäherung an das Werk der Elena Steinke“ ging Eichler auf Ausstellungen mit Werken der Künstlerin in der Zeitspanne 2010 bis 2014 ein, die besonderen Eindruck hinterlassen haben beziehungsweise Entwicklung und Vielseitigkeit dokumentieren. Sie erinnerte an „Neues von Madonna“ in der Kirche Welt auf Eiderstedt. Dort gezeigte religiöse Bilder im russischen Stil (Ikoneninspirationen) öffneten Fenster in die Ewigkeit. Sie nannte die Ausstellung „Bilderwelten“ im Rathaus von Husum und die der internationalen Künstlergruppe Ginkgo, der Steinke angehört, im Forum Alstertal in Hamburg. Sie hob die Gemeinschaftsausstellung mit Erhard Kalina im Ostpreußischen Landesmuseum hervor, die 2012 unter dem Titel „Versöhnender Schmerz“ gezeigt wurde. Sie erwähnte die intime Atmosphäre einer Ausstellung im Weinkomptor Husum (auf der viel über Nonkonformismus zu erfahren war) und die in so ganz anderer Umgebung und mit anderen Vorzeichen ausgerichteten Ausstellungen im hit-Technopark Harburg und in der Galerie Winter in Hamburg. Das Experiment der Teilnahme am Museumsmarkt des Ostpreußischen Landesmuseums fand Erwähnung wie auch immer wieder Ausstellungsbeteiligungen von Elena Steinke über die Grenze hinweg – in Dänemark.

Wer sich die überschaubare Auswahl von Werken der Künstlerin im Lötzener Heimatmuseum ansieht, muss wissen, dass es sich nur um Kostproben eines umfangreichen, in drei Jahrzehnten gewachsenen, Werkes handelt. Die Raumsituation wie auch der Mangel an Wandflächen machten eine starke Beschränkung notwendig. Auf große Formate musste überwiegend verzichtet werden. Von den textilen Arbeiten aus der Königsberger Schaffensphase konnte nur der Ernst-Wiechert-Quilt gehängt werden. Der Reichtum der seit 2001 in Nordfriesland entstandenen Werke wird nur angedeutet.

Die Besucher der Eröffnungsveranstaltung nutzten intensiv die Gelegenheit, mit der Künstlerin ins Gespräch zu kommen. Mancher Neuling war beeindruckt von ihrer Kenntnis des Werks von Agnes Miegel oder Ernst Wiechert und ihrer künstlerischen Auseinandersetzung damit. Die Kunstausstellung „Hauptweg und Nebenwege“ wird im Lötzener Heimatmuseum in der Patenstadt Neumünster jeweils von 10 bis 16 Uhr am 19. Juli, 16. August, 20. September, 18. Oktober und 15. November zu sehen sein oder – fast jederzeit – nach telefonischer Absprache unter Telefon (040) 608 30 03 (Ute Eichler).

 

SCHLOSSBERG (PILLKALLEN)

Kreisvertreter: Michael Gründling, Große Brauhausstraße 1, 06108 Halle/Saale. Geschäftsstelle: Renate Wiese, Tel. (04171) 2400, Fax (04171) 24 24, Rote-Kreuz-Straße 6, 21423 Winsen (Luhe).

In der Ausgabe 26 hatte sich irrtümlich der Text einer älteren Rede eingeschlichen. Deshalb veröffentlichen wir noch einmal den richtigen Text:

„Das war mal wieder ein schöner Tag“ sagten alle am Ende der Veranstaltung. Sieben Monate nach dem großen Hauptkreistreffen im September hatten die Vertreter der Landbezirke 1, Altkirchen, Jerutten, Landbezirk 2, Deutschheide, Wilhelmsthal, Landbezirk 3, Erben, Rheinswein Landbezirk 4, Farienen, Friedrichshof, Landbezirk 5, Fürstenwalde, Liebenberg und Lindenort, zu einem kleinen Treffen ins Kulturzentrum nach Herne geladen. Der Winter war vergangen, man sah schon des Maien Schein, und so kam man von nah und von fern. Schon beim Betreten des Saales sah man das Strahlen in den Augen. Man war wieder zu Hause in der großen ostpreußischen Familie. Da der Saal Crange, in dem sonst die Treffen stattfinden, über die Verwaltung des Kulturzentrums anderweitig vermietet war, musste man in diesem Jahr in einen kleineren Raum ausweichen. So kam es, dass zum Beginn der Feierstunde gegen 11:00 Uhr bereits alle Plätze besetzt waren. Die Begrüßung der Teilnehmer erfolgte durch den Geschäftsführer der Kreisgemeinschaft Ortelsburg, Hans Napierski. Im Rahmen seiner Ansprache benannte er die Planungen der Kreisgemeinschaft für das Jahr 2014. So lud er ganz herzlich zu dem am 17. und 18. Mai in Kassel stattfindenden „Deutschlandtreffen der Ostpreußen“ ein, zu dem die Kreisgemeinschaft eine Busreise organisiert hatte. Es könnte das letzte von der Landsmannschaft organisierte Deutschlandtreffen sein, waren seine Worte. Ebenso wies er auf die für Ende Mai geplante Heimatreise der Kreisgemeinschaft hin. Er machte Mut zu dieser Reise, denn es gibt doch nichts Schöneres, als mit lieben Freunden und alten Bekannten mal wieder zu Hause zu sein. Nach dem Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ nahm Jürgen Mosdziel in würdevoller Weise die Totenehrung vor. Zum Abschluss der Feierstunde erklang aus vollen Kehlen das Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder“.

Nach dem gemeinsamen Mittag-essen gab es noch ausreichend Zeit zum „Plachandern und Schabbern“. Und doch vergehen solche Tage immer viel zu schnell. Manches, was man noch sagen wollte, fiel dem einen oder anderen bestimmt erst auf dem Nachhause-weg oder danach ein. Aber das ist nicht so schlimm. Wir treffen uns ja wieder, wenn nicht in Kassel, dann aber ganz bestimmt im September beim Hauptkreistreffen in Herne.


S. 18 Heimatarbeit

»Erinnern stärkt das Miteinander«
Glanzvoller Tag der Vertriebenen beim 54. Hessentag in Bensheim: Ministerpräsident Volker Bouffier hielt Eröffnungsansprache

Bei der großen Volkstumsveranstaltung „Singende, klingende Heimat“ war für jeden etwas dabei. Prominenter Gast der Veranstaltung war der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier.

Der „Hessentag“ bestimmte zehn Tage lang das Leben in Bensheim an der hessischen Bergstraße. Zehn Tage lang wurde gefeiert. Zum „Tag der Vertriebenen“ hatten sich aus allen Teilen Hessens Heimatvertriebene mit ihren Familien und Freunden nach Bensheim auf den Weg gemacht. Auch in diesem Jahr bildete der Volkstumsnachmittag „Singende, klingende Heimat“ den Höhepunkt.

Im großen Saal des Bürgerhauses war kein Stuhl mehr frei, als Horst Nausch seinen Taktstock hob und seine „Echten Böhmerländer“ mit dem Marsch „Gruß an Böhmen“ bewiesen: Aus Böhmen kommt die Musik.

Großen Applaus für ihre Grußworte erhielt das Hessentagspaar 2014, Anne Weihrich und Markus Glanzner, die sich an der Seite von Bürgermeister Thorsten Herrmann in schmucker regionaler Tracht vorstellten. Sowohl Bürgermeister Herrmann als auch Landrat Matthias Wilkes betonten in Ansprachen ihre enge Verbundenheit zu den Heimatvertriebenen.

Der Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Hessen, Siegbert Ortmann dankte den Gästen dafür, dass sie durch ihr Kommen ein eindrucksvolles Bild der Geschlossenheit sowie Verbundenheit der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler mit ihrer neuen Heimat Hessen abgeben. Aus den Reihen der BdV-Organisation begrüßte er den Ehrenvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen in Hessen, Alfred Herold und die gesamte Riege des geschäftsführenden BdV-Landesvorstandes.

„Wir Heimatvertriebene haben“, so der Landesvorsitzende, „ein schlimmes Vertreibungsunrecht erfahren. Wir haben kennengelernt, wie es ist, enteignet und entrechtet, unter Kollektivschuld gestellt und gegen unseren Willen gezwungen zu werden, die Heimat zu verlassen.“

„Aus all diesen schlimmen Erlebnissen haben wir in den zurückliegenden Jahrzehnten aber auch immer wieder die klare Erkenntnis gewonnen“, so Ortmann, „dass es lohnt, sich für ein friedliches und geeintes Europa einzusetzen, als weiterhin dem nationalistischen Ungeist unter den Völkern zu frönen. Und so werben wir im Bund der Vertriebenen für ein Europa der Menschenrechte und des Minderheitenschutzes, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und für den Dialog und die Völkerverständigung auf der Grundlage von Recht und Gerechtigkeit.“

Richtig bleibe aber auch: Das Schicksal von Flucht und Vertreibung darf nicht in Vergessenheit geraten. Denn die Erinnerung an das Vertreibungsunrecht, an Leid und Not der Betroffenen geht nicht nur diese, sondern die ganze Gesellschaft an. Sie alle gilt es auf diesem Weg der Erinnerung mitzunehmen, denn das Erinnern stärkt das Miteinander der Völker Europas.

Der Bund der Vertriebenen ist der Hessischen Landesregierung unter Ministerpräsident Volker Bouffier sehr dankbar, mit der Einführung eines Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation dauerhaft und nachhaltig die Erinnerung an die Millionen Heimatvertriebenen lebendig zu erhalten, die während des Zweiten Weltkrieges und danach Opfer von Flucht und Vertreibung wurden. „Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ich heiße Sie mit Ihrem Kabinettskollegen, Sozialminister Stefan Grüttner und der Hessischen Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf ganz herzlich willkommen“ schloss der Landesvorsitzende seine Ansprache.

In seiner Festansprache begrüßte Volker Bouffier, dass der Bund der Vertriebenen ein integraler Bestandteil des Hessentages geworden ist. Als er das Leitwort des BdV für 2014 „Deutschland geht nicht ohne uns“ zitierte und hinzufügte „Der Hessentag geht nicht ohne den BdV“, wollte der Applaus kein Ende nehmen. Dass die Hessische Landesregierung durch finanzielle Förderung der Arbeit des BdV auch künftig für Planungssicherheit sorgen will und die Einführung eines bundesweiten Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation voll unterstützen wird, hörten die Vertriebenen gern.

Danach übernahm „Moderator“ Bernd Glembek die Bühnenregie. Gekonnt und kenntnisreich stellte er die einzelnen Gruppen vor. Den Anfang machte die Jugendtanzgruppe der Landsmannschaft der Donauschwaben aus Mosbach. Temperamentsvolles bot die Gesangsgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland „Stimme der Hoffnung“ aus Wetzlar. Ihr „Hessenland, du bist mein Heimatland“ wurde besonders beklatscht.

Die Trachtengruppe der SKG Bensheim-Zell zog mit dem Marsch „Hinner moiner Schwiermutterhaus“ bejubelt auf die Bühne. Die BdV-Musikgruppe Biebesheim-Dornheim, geleitet von Karin Liedtke und Rudolf Mohr, sind schon alte Bekannte bei einem Volkstumsnachmittag. „Wir sind die Egerländer Musikanten“, intonierte die Gruppe und der Spieler mit der Teufelsgeige stampfte den Takt dazu. Der Holzstab mit den diversen Schlaginstrumenten Becken, Schellenring, Klangholz, und Tamburin versehen, war die Attraktion.

Ein buntes Bild bot die Schlesische Trachtengruppe Wiesbaden. Die Tracht, die sie tragen, ist eine Festtagstracht wie sie um 1900 im Riesengebirge in der Gegend um Oberschreiberhau getragen wurde. Sie zeichnet sich besonders durch das reichbestickte Weißzeug der Frauen aus, welches die Frauen bis zur Hochzeit gestickt hatten. Auch die Gruppe hat alles Weißzeug selbst gestickt, da dieses nicht käuflich erworben werden kann. Die verheirateten Frauen trugen bunte bestickte Hauben aus Brokat- oder Seidenstoffen. Kinder und Jugendliche dagegen hatten bunte Hauben mit weißen Schluppen (Waschhauben) oder rein weiße Hauben. So konnten die Männer schon gleich erkennen ob eine Frau noch zu haben war oder schon „unter der Haube“ war. Einen mehrstimmigen Schlusspunkt setzte danach der Männergesangverein Germania 1898 Lorsch. Ohne eine Zugabe wollte man ihn nicht von der Bühne lassen.

Zum großen Schlussbild versammelten sich schließlich alle Mitwirkenden nochmals auf der Bühne. Ein schönes Bild für die vielen Fotografen. Mit der gemeinsam gesungenen dritten Strophe unserer Nationalhymne ging der Nachmittag schließlich mit einem großen Applaus zu Ende.

Am Vormittag hatte die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, eine gut besuchte öffentliche Bürgersprechstunde abgehalten. Die Fachabteilung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration war vertreten durch den kommissarischen Referatsleiter Thomas Bach, Monika Groh sowie Georg Unkelbach, Büroleiter der Landesbeauftragten. Unter Vorsitz von BdV-Landesvorsitzenden Siegbert Ortmann folgte die öffentliche Sitzung des Hessischen Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen, an der auch Staatsminister Stefan Grüttner, die Landesbeauftragte Margarete Ziegler-Raschdorf, Georg Unkelbach, Thomas Bach und Monika Groh teilnahmen. Georg Unkelbach geht zum Monatsende in den Ruhestand. Alle Redner sagten ihm ein großes „Dankeschön“.

Norbert Quaiser


Dem Volk aufs Maul geschaut

Felix Arndt, Pfarrer i. R. hat „Worte aus Ostpreußen“ in „3300 Wörter und Redensarten, damit nicht ganz vergessen wird, wie man in Ostpreußen schabbern konnte“, zusammengetragen. Die PAZ setzt die Vokabeln in loser Folge mit Teil 21 fort:

Fixniedel = ein fixer Junge oder ein schneller Hund

flachsig, flachsen = frech, freche Späße machen

Flachuddern = Haarsträhnen

Fladen = flacher Streuselkuchen

Fladruschen (weiches „sch“) = Rüschen, Schleifchen

Fladruschkenjule = aufgeputztes Mädchen

Flaguster = Taugenichts

flattieren = flirten

Fläz = Mensch mit schlechtem Benehmen

sich fläzen = sich unordentlich und allzu bequem hinsetzen

Flamladen = ein zu bequemer und zu langsamer Mensch

Fleck = gekochter Rindermagen

Flederwisch = Federbüschel an einem Stock zum Staubwischen

fleien = stapeln

flennen = weinen

Flennsuse = weinerliches Mädchen

Flickchen, Flittchen = leichtsinniges, vergnügungssüchtiges Mädchen

Flickerzich = Beutel für Stoffflicken (meist Kopfkissenbezug)

Flinsen, auch: Plinsen = Kartoffelpuffer, auch aus Mehl herzustellen

flitschen = kleine flache Steine so aufs Wasser werfen, dass sie springen

Flitzbogen = Spielzeug zum Schießen von Pfeilen

flitzen = sehr schnell laufen

Flitzeped = Fahrrad

Flochten = Flügel

Flochtenmantel = zu weiter Mantel

Flomen = Eingeweide und Fett an den Eingeweiden

Flossen = Hände oder Füße, je nach Situation

Flott = Schwimmer an der Angelschnur

Flunsch = schief gezogener Mund als Zeichen von Ablehnung

Flusch = ein Büschel, zum Beispiel Haare, Heu oder Watte

es fluscht, es fluppt = eine Arbeit geht rasch vorwärts

flusig = befusselt, fusselig

fodern = fordern

foors = sofort

Franzbrötchen = rundes, mehrfach eingekerbtes Brötchen

Frauensmensch = resolute Frau, Frauenzimmer

Fresse = geringschätzig für Mund, „halt die Fresse“

Friedrich = Hoteldiener, meist beim Ausspannen behilflich

Friejaht = Heirat

Froadem = Dampf und Geruch beim Kochen

frommes Pferd = gehorsames Pferd

frug = fragte

Frunsch = Falte, Unebenheit

frunslig = uneben, und: teils ausgefranster Stoff

fschisko jedno = meinetwegen, es ist mir gleichgültig

Füller = Füllfederhalter

fuchteln = mit den Armen durch die Luft fahren

Fuchtel = Obhut, Befehlsgewalt, „unter seiner Fuchtel sein“

fuffzehn, (fuffzig) = Feierabendruf

fuhrwerken = gegen Bezahlung Pferdefuhrwerk stellen

fummeln = unangenehm oder ziellos anfassen

Funs = Strohwisch auf einer Stange als Verbotszeichen

Funzel = schwach brennende Lampe, geringschätzig: Taschenlampe

Fupp = Tasche im Anzug

fupps = schnell, überraschend

Furore machen = Anerkennung finden, großen Eindruck machen

fuschen = oberflächlich arbeiten

fuschern = mit den Handzeichen „Stein“, „Schere“ und „Papier“ einen Partner zum Spiel auslosen oder dergleichen

Fusel = schlechter Schnaps

Fusseln = kleine Fäden, zum Beispiel auf dem Teppich

futsch = weg, verloren

Futterasche (weiches „sch“) = kleiner Essvorrat

Redensarten:

mit Fleiß = mit Absicht

Flötentöne beibringen = jemanden scharf tadeln

jemandem eins flüstern = tadeln, beschimpfen, bedrohen

in die Fluchten schlagen = verjagen

halt die Fr...au fest = höflich statt „halt die Fresse“

sei kein Frosch = zier dich nicht

sich die Füße vertreten = spazieren gehen

nu mach fuffzehn = hör endlich auf, zum Beispiel zu reden, anzugeben und so weiter

falscher Fuffziger = falscher, unehrlicher Mensch

sich den Mund fusslig reden = sich große Mühe geben, mit Worten etwas zu erreichen

Flamladen = aus restlichem Brotteig gebacken

G

Gänsefüßchen = Gamaschen für die Knöchel bei Halbschuhen

Gänseklein, Gekröse = Herz, Leber, Magen und Hals der Gans

Galoschen = Überschuhe aus Gummi oder überhaupt Schuhe

Gannefzig = Geizhals

gansaugen, „er ganzaugt“ = sich interessiert umsehen, beobachten

Ganter = Gänserich

gargeln = rauh sprechen

garnuscht = gar nichts, verstärkt: „rein garnuscht“

Gatter = hölzernes Tor zur Viehweide, etwa 1,5 Meter hoch

Gebabbel = inhaltloses Gerede

Gebammel = alles, was herumhängt

gebauchstriegelt = geschmeichelt, „sich gebauchstriegelt fühlen“

Gebraasch = lautes Durcheinandersprechen

Gebrassel = unklares Gerede

Gebriesel = leises Schwatzen, Flüstern

Gebrummel = undeutliches Reden, undeutlicher Lärm

gebumfiedelt = geehrt, „sich gebumfiedelt fühlen“

Gedinge = Naturallohn

geistliche Sauce = zu helle, dünne Soße

Gejuchze = Jauchzen

Gekakel = Gerede, Geschwätz

Gekliere, klieren = unsauber Geschriebenes, unsauber schreiben

Gekraßel = Kleinzeug, eine Anzahl kleinerer Gegenstände

Gekriggel, kriggeln = undeutlich Geschriebenes, undeutlich schreiben

gelackmeiert = angeführt, betrogen

Gelböhrchen = Pfifferlinge

Gelumpe = verschiedene einfache Kleidungsstücke

Gemeiner = einfacher Soldat ohne Dienstrang

geplätert = geschlagen

geplättet = völlig überrascht, „da bist du geplättet“, „platt“

Gequidder = Gekicher, leises Lachen

geraten = schaffen, „ich kann nicht geraten“ = nicht schaffen

Gerebbel = besonders großer Mensch

Gerumpel = kleiner Haufen verschiedener Dinge, und: dumpfer Lärm

Geschreibsel = Geschriebenes ohne viel Inhalt

Geschwabbel = wirres Gerede

Geseier = inhaltloses Reden (jiddisch: Geseire)

Gewui machen = allerlei Klagen vorbringen

Gewese machen = Aufhebens machen, sich großtun

Gibbel = Mund

Gibitz = Gauner

gielen, gieprig sein = begehrlich hinschauen, zum Beispiel auf gutes Essen

Giersch = Gartenunkraut

Gietz, Jietz = braune Restflüssigkeit in der Tabakspfeife

giffeln, jifflen = das Piepsen kleiner Gänschen

Giftnudel = zänkische Frau

Gilken = Ringelblumen

Gipskopp = Schimpfwort


S. 19 Heimatarbeit

Heimkehr nach Trakehnen
Autor erzählt von erfolgreichen Verhandlungen mit Russen

Was lange währt, wird endlich gut. Dieses Sprichwort wird sich auch Hagen Mörig zu Herzen genommen haben, als er vor nunmehr sieben Jahren das schier unglaubliche Unterfangen in Angriff nahm, die bronzene Pferdestatue des „Tempelhüters“ von Moskau nach Trakehnen zurückholen zu wollen.

Unzählige Hürden mussten überwunden werden, bis es schließlich gelang, am 29. September 2013 eine Kopie der Tempelhüter-Statue auf ihrem angestammten Platz in Trakehnen in einem festlichen Akt im ehemaligen Hauptgestüt Trakehnen/Ostpreußen aufzustellen.

Das bronzene Standbild des Tempelhüters war 1932 auf einem Sockel vor dem Landstallmeisterhaus in Trakehnen anlässlich der 200-Jahrfeier des Hauptgestüts dort aufgestellt worden. Die Preußische Gestütsverwaltung Berlin hatte den Bildhauer Prof. Reinhold Kuebart mit einem Guss der lebensgroßen Bronzestatue des Trakehner Hauptbeschälers Tempelhüter beauftragt und sie dem Gestüt für seine Verdienste für die Pferdezucht geschenkt. 1945 wurde sie von der Roten Armee nach Moskau verbracht, wo sie im Museum der Landwirtschaftlichen Akademie ausgestellt ist. Der Sockel blieb erhalten und diente seitdem einem sowjetischen Kriegerdenkmal als Unterlage.

In seinem Buch „Tempelhüter 2013. Von Moskau zurück nach Trakehnen“ schildert Hagen Mörig den langen Weg von der Idee, die Statue zurückzuholen bis zur Verwirklichung im Herbst vergangenen Jahres.

Zum ersten Mal erwachte der Gedanke an den Tempelhüter während einer Reise nach Ostpreußen im Jahr 2002, als Mörig Kontakte in Trakehnen knüpfte. und während einer abendlichen Gesprächsrunde mit dort lebenden Russen der Gedanke Gestalt annahm. Mörig versuchte sodann, Kontakte zu Helfern und Hilfsorganisationen des damals scheinbar in Vergessenheit geratenen kleinen Ortes zu knüpfen. 2007 gründete Mörig den Förderverein „Hilfe für Trakehnen e.V.“, dessen erster Vorsitzender er ist. Darüber hinaus vertritt er die Landsmannschaft Ostpreußen als zweiter Vorsitzender der Kreisgruppe Braunschweig.

Es bedurfte eines langen Atems, um das Projekt zum Erfolg zu führen. Die bürokratischen und politischen Hindernisse stellten sich als enorm und als große Herausforderung heraus. Zunächst war eine Unterschriftensammlung von 11000 Unterstützern notwendig, die der Förderverein als Petition nach Moskau richtete. Das Schreiben ließ der Verein 2009 medienwirksam mit einer historischen Pferdekutsche, gezogen von vier Trakehner-Schimmeln, dem Trakehner Bürgermeister überbringen, der es nach Moskau weiterleiten sollte. Zwar zeigten die Russen Bereitschaft, über die Statue zu verhandeln, jedoch verlangten sie von Mörig, dass er auf eigene Kosten eine Kopie des Standbilds anfertigen lassen solle. Das Original sollte auf jeden Fall in Moskau verbleiben.

Obwohl Mörig weder Pferdeliebhaber ist noch familiäre Wurzeln in Ostpreußen hat, setzte er sich beharrlich für sein Vorhaben ein. Für die Herstellung der Kopie rief der Verein „Hilfe für Trakehnen e.V.“ neben Ostpreußen und deren Nachfahren auch nationale und internationale Pferdefreunde auf, sich an der Spendensammelaktion zu beteiligen, um die Kosten für die Herstellung einer Kopie des Tempelhüters aufbringen zu können. Mörig selbst machte den Anfang, indem er 1000 Euro spendete. Schließlich gelang, was viele für unmöglich gehalten hätten: Der Tempelhüter wurde auf seinen ursprünglichen Sockel gesetzt. Dafür musste das Denkmal eines Rotarmisten in Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“ weichen, bislang ein undenkbarer Akt in Russland.

Mörig schildert in seinem umfangreichen Buch detailliert die Geschichte der Rückkehr des Tempelhüters nach Trakehnen. Die Entstehung der Idee, zahlreiche, teils zähe Verhandlungen mit Unternehmern, Politikern, Skeptikern, aber auch Reisen nach Ostpreußen, Berlin und Moskau erzählen, zum Teil farbig bebildert, von den einzelnen Stationen zum Erreichen des Gesamtziels. Wer mehr über die vielen abenteuerlichen Vorbereitungen für die Rückkehr des Tempelhüters erfahren möchte, dem sei die Lektüre des höchst interessanten Buches wärmstens empfohlen.

Manuela Rosenthal-Kappi

Hagen Mörig: „Tempelhüter 2013. Von Moskau zurück nach Trakehnen. Ein ostpreußischer Pferde-Mythos kehrt heim“, BoD, broschiert, 294 Seiten, 19,80 Euro


Mit den Augen der Kinder
Zeitzeugen erzählen ihre Geschichten aus der Nachkriegszeit

Jürgen Kleindienst und Ingrid Hantke haben Geschichten und Berichte von Trümmerkindern aus der Nachkriegszeit gesammelt und veröffentlicht. Die Anthologie „Trümmerkinder. Zeitzeugen erzählen aus der Nachkriegszeit 1945 bis 1952“ beginnt mit einer chronologischen Zeittafel der historischen Ereignisse, dadurch lassen sich die nachfolgenden 34 Beträge gut in die damalige Zeit einordnen.

Viele Schilderungen beginnen bereits in den letzten Kriegswochen bei Vertreibung und Flucht, aber auch Ankunft der Besatzer in bislang vom aktiven Kriegsgeschehen unberührten Gegenden. Die Wohnsituation änderte sich durch Beschlagnahmung von den Besatzungsmächten oder durch Einquartierung von Verwandten oder Flüchtlingen. Dabei wurde die räumliche Enge aus kindlicher Sicht nicht nur negativ empfunden, sondern auch neue Spielkameraden begrüßt. Fast romantisch klingen dann schon die Abende in der Küche bei Kerzenschein wegen Stromsperre, wo der Herd mit Tannenzapfen befeuert wurde und Geschichten erzählt wurden. Ständige Kindheitsbegleiter waren jedoch Hunger und Kälte. Diese Erfahrungen waren sehr prägend für das weitere Leben.

Es wird von Ansteckungskrankheiten wie Diphterie und Ruhr berichtet, die aus Mangel an Medikamenten oft zum Tode führten oder auch von langen Krankenhausaufenthalten auf der Isolierstation, was für die Kinder sehr schwer war.

Die Kinder nutzten die Spielmöglichkeiten in ihrer kriegsgeprägten Umgebung. Da wurde Munition geknackt, Schwarzpulver gesammelt und zur Explosion gebracht. Die Trümmerfelder waren herrliche Spielplätze, es wurden höhere Stockwerke halb eingestürzter Häuser erklommen, um in einer erhalten gebliebenen Küche für Puppen zu kochen oder an Trümmerwänden so lange gerüttelt, bis diese einfielen. Wehe dem, der nicht schnell genug den einstürzenden Mauern entkommen konnte.

Wie auch heute hatte die Schule eine ganz unterschiedliche Anziehungskraft je nach Charakter der Kinder. Vielen wurde der Unterricht durch die damit verbundene Schulspeisung schmack

haft gemacht, um so dem täglichen Hunger zu entgehen. Einige schrieben eifrig mit Bleistiftstummeln auf Zeitungsrändern und lauschten nach dem Lehrstoff der älteren Schüler in den Einheitsklassen, während andere bedauerten, dass die Schule beim Bombenangriff verschont wurde. Besonders berührend ist die Geschichte eines Flüchtlingsmädchens, das aus Geldmangel nicht auf die höhere Schule kam und deshalb nicht Lehrerin werden konnte, aber jetzt im Alter ehrenamtlich in Schule und Kindergarten tätig ist.

Es gibt nur vereinzelt Geschichten von Kindern, die ihre Lebensumstände als unerträglich empfanden, wo zum Beispiel nach der Flucht aus dem Sudetenland „aus fröhlichen Vorstadtkindern erbarmungswürdige Trümmergestalten wurden, denen man die Kindheit gestohlen hatte“.

Das Buch ist auch eine Hommage an Mütter und Großmütter, die auch in schlechten Zeiten immer wieder dafür sorgten, dass die Lebensumstände für die Kinder erträglich waren. Väter kamen nur am Rande vor, waren gefallen oder in Kriegsgefangenschaft. Und nach der Heimkehr wurden sie von den Kindern oft kaum erkannt oder für Bettler gehalten.

Es sind sehr lesenswerte und persönliche Erinnerungen, die durch private Fotos anschaulich illustriert werden. Durch die verschiedenen Wohnorte in ganz Deutschland sind die Erfahrungen auch sehr unterschiedlich durch den Kriegsverlauf im Osten und im Westen geprägt. Dabei muss man sich im Klaren sein, dass 34 Geschichten nur ausgewählte und subjektive Einzelwahrnehmungen sind und auch viele sehr schreckliche Geschichten noch nicht erzählt wurden.

Die Schilderung der Nachkriegszeit aus Kindersicht ist eine gute Ergänzung zur offiziellen Geschichtsschreibung und es war spätestens jetzt die Zeit, diese Erinnerungen aufzuschreiben, was in abwechslungsreicher Darstellung gelungen ist.

Britta Heitmann

Kleindienst, Jürgen & Hantke, Ingrid (Hrsg.): „Trümmerkinder. Zeitzeugen erzählen aus der Nachkriegszeit 1945 bis 1952“, Zeitgut-Verlag, Berlin 2014, broschiert, 256 Seiten, 10,90 Euro


S. 20 Heimatarbeit

Vom Korn zum Brot
Moderne Mähdrescher erledigen viele Arbeitsgänge auf einmal

Bald ist es wieder soweit. Dann hört man auf den Feldern die Motoren der Mähdrescher dröhnen. Dann ist das Getreide reif und wird geerntet. Früher war das eine sehr schwere Angelegenheit, denn man musste die Ähren mit der Sense abschneiden, zu einer Garbe zusammenbinden und zum Trocknen auf das Feld stellen. Später verluden die Landarbeiter alles auf Pferdewagen und dann kam es in die Scheune, wo man die Körner aus den Ähren mit einem Dreschflegel heraus gedroschen hat. Nun musste noch die Spreu vom Getreide getrennt werden, bevor die Körner in Säcke verladen zur Mühle gebracht wurden.

Diese schwere Arbeit verrichtet heute eine einzige Maschine. Der Mähdrescher mäht das Getreide nicht nur, er drischt sogleich die Körner heraus und das Stroh landet wieder auf dem Acker, wo es zu Ballen verarbeitet wird. Der Mähdrescher reinigt die Körner. Danach befördert er sie in ein Silo, wo sie trocken bleiben. Sie dürfen nicht feucht gelagert werden, sonst könnten Schimmelpilze sie verunreinigen. Später werden sie erneut gereinigt, in Säcke abgefüllt und zur Mühle gebracht. Dort wird das Mehl aus den Körnern herausgemahlen und endlich kann man leckere Dinge daraus backen. Es ist ein langer Weg vom Korn zum Brot.

Aber genauso lang war der Weg, den unsere Vorfahren vor etwa 8000 Jahren gehen mussten, um aus wilden Gräsern verwendbares Mehl herzustellen. Die Menschen lernten, dass man aus den Samen bestimmter Gräser Körner gewinnen kann, wenn man sie aussät und diese einige Zeit wachsen lässt. So konnte man viel mehr Körner ernten, als man eingesät hatte. Nun legte man Felder an und die Menschen wurden sesshaft, weil sie sich an den Feldrändern ihre Häuser bauten. Gräser, aus denen man Körner gewinnen kann, nennt man Getreide. Bei uns werden hauptsächlich Roggen, Weizen, Hafer und Gerste, aber auch Mais angebaut. Die Früchte wachsen als Ähre, Rispe oder Kolben.

Weitere Getreidesorten der Erde sind Reis und Hirse, was aber wegen des Klimas bei uns nicht angebaut werden kann. Die Pflanzen sind wahre Wunder, denn man kann aus den Körnern Lebensmittel herstellen, es dient als Viehfutter, das Stroh legt man in die Ställe für die Tiere aus. Außerdem kann man auch Bier aus der Gerste brauen. An manchen Orten werden sogar Dächer mit Stroh gedeckt. Eine Getreidesorte wurde lange für ein Unkraut gehalten. Doch schließlich stellte man fest, dass es sich sehr gut als Futter für die Pferde eignete. Irgendwann haben es auch die Menschen probiert und heute gehört dieses leckere Getreide in jede Küche: der Hafer.

Silvia Friedrich


S. 21 Reise

Schwein gehabt!
Görteborg hat einen grünen Daumen − Schwedens Süd-Metropole spielt Vorreiterrolle in ökologisch orientierter Stadtentwicklung

In den Kanälen spiegeln sich Fassaden, die den einstigen Reichtum von Kaufleuten, Reedern und In­dustriellen zur Schau stellen. Der träge Göta-Fluss öffnet die Stadt zum Meer. Das Geschrei der Möwen mischt sich in den Lärm der Boulevards und hallt durch die Gassen: Wir sind in Schwedens zweitgrößter Stadt Göteborg.

Groß geworden ist das an Schwedens Westküste am Kattegat gelegene Göteborg, mit gut 500000 Einwohnern ewig Zweite nach der Hauptstadt Stockholm, mit der Industrie. Bis in die 80er Jahre reihten sich am Flussufer Werften und Fabriken. 15000 Menschen arbeiteten bis 1975 alleine im Schiffbau. Inzwischen sind es noch 1400.

„Schiffe werden hier längst nur noch repariert“, erzählt Renate, eine Schweizerin, die damals der Liebe wegen nach Göteborg gezogen ist. Der Wasserbus bringt Fußgänger und Radfahrer über den großen Fluss, den Göta Älv. Eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Linienboot vom heutigen Jacht- und früheren Handelshafen bis hinunter an die zweite große Brücke kurz vor der Mündung des Göta ins Meer und wieder zurück. An diesem Sonntagabend sind kaum Passagiere an Bord.

Die Fähren sind Teil des dichten und schnellen Göteborger Tram- und Busnetzes. Eine Tramfahrkarte reicht für die entspannende Tour übers Wasser. „Die Göteborger sind so stur wie meine Berner Oberländer“, lobt Renate lachend die Ureinwohner ihrer Wahlheimat. „Wenn Du Dich mal durch die harte Schale gepickt hast, hast Du hier Freunde fürs Leben.“

Die Dickschädeligkeit der Göteborger hat ihr Tram-Netz gerettet. Als das Land 1967 auf Rechtsverkehr umstellte, waren die Straßenbahntüren alle auf der falschen Seite. Deshalb ersetzten Schwedens Städte ihre Trams durch Busse. In Stockholm gibt es nur noch eine Straßenbahnlinie. In Göteborg fahren nach wie vor alle zwölf.

„Göteborg ist doch nur eine Kleinstadt“, schimpft Linda, eine der Künstlerinnen, die sich nach einer Party im Museum am Freitagabend in einem der vielen Biergärten rund um den Jörntorget-Platz treffen. Linda klagt über die schwedischen Männer, die den Frauen ihre Rechnung in den Bars selbst bezahlen ließen.

Der Typ neben ihr, ein Hüne um die 50, der seine ergraute Haar­pracht zu einem Pferdeschwanz gebunden und seinen Motorradhelm vor sich auf dem Tisch gelegt hat, scheint völlig in sich gekehrt. „Das ist die Gleichberechtigung“, wirft er trocken ein. Linda mault, ganz Diva, dass sie „nicht immer gleichberechtigt sein will“. Ein Mann müsse ein Gentleman sein und zahlen.

Da lebt sie wohl im falschen Land. Während die üppig ge­schminkte Lady weiter auf den Latin Lover hofft, ist die Gleichberechtigung in Schweden längst weiter fortgeschritten als im Rest der Welt. 70 Prozent der Frauen sind berufstätig. Allerdings findet sich auch auf den Chefsesseln der großen Unternehmen auch hier kaum eine Frau.

Viele von ihnen gründen stattdessen selbst erfolgreiche Unternehmen. Zwischen den vielen Gebrauchtwarenläden, stylischen Boutiquen und Designer-Shops an der Vallgatan liegt in einem Schaufenster ein fast mannshohen Stapel alter Jeanshosen. „Repairing is Caring“ steht da auf Englisch in großen weißen Buchstaben auf dem Fenster. Dahinter näht ein junger Mann Flicken auf kaputte Hosen. Ein Zettel an der Tür des Ladens lädt Passanten zum Hereinkommen ein. „Fragen Sie nach, was wir machen − wir heißen Sie willkommen.“

Der Schneider erklärt gerne das Konzept von „Nudie Jeans“, einem der erfolgreichsten jungen Modeunternehmen Schwedens: „Wir verwenden nur Bio-Baumwolle aus fairem Handel“, erzählt der 24-Jährige an der Nähmaschine, während er Flicken auf zerschlissene Hosen klebt. „Wer bei uns eine Hose gekauft hat, kann sie hier immer kostenlos zur Reparatur bringen.“

Vor zwölf Jahren hat Desig­nerin Maria Erixon Levin ihren Job bei Lee gekündigt und sich mit ihrer Marke „Nudie Jeans“ selbstständig gemacht. Inzwischen verkauft das Unternehmen nach eigenen Angaben jedes Jahr rund eine Million seiner in Italien nach den Regeln des fairen Handels produzierten Jeans. Im Laden kosten sie umgerechnte 100 Euro – im teuren Schweden ein normaler Preis.

Göteborg, mit rund 60000 Studenten eine der jüngsten und auch am schnellsten wachsenden Städte Nordeuropas, hat sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum der Kreativen entwickelt. Viele Cafés und Restaurants servieren Produkte aus Bio-Landbau und zahlreiche Gebrauchtwarenläden bieten gut erhaltene, oft auch schicke Klamotten und andere gebrauchte Produkte an. Am Flussufer wachsen neue Passivhäuser in den Himmel. Wer mit dem Auto in die Innenstadt fahren will, zahlt eine City-Maut. An allen großen Ausfallstraßen erfassen Kameras die Kennzeichen der ankommenden Fahrzeuge. Nachdem sich Anwohner und Händler darüber aufgeregt haben, hat die Stadt für dieses Jahr eine Volksabstimmung über die Maut angekündigt.

„Stadsjord“, Stadtgarten, steht an einer kleinen Freifläche zwischen zwei re­staurierten Bürgerhäusern am Brunns­platsen in der In­nenstadt. Unter dem Schild führen Treppen zu großen Holzkästen, in denen Grünpflanzen wachsen. Die kleine Grünanlage gehört zu einem größeren Netz von Nachbarschaftsgärten, in dem die An­wohner Gemüse für den Eigenbedarf an­bauen.

In einem Neubaugebiet im Norden der Stadt weist ein buntes Schild an zwei aufeinander gestapelten blauen Baucontainern den Weg zu einem weiteren großen Stadtgarten. Dort gedeihen zwischen Baukränen und Hochhaus-Rohbauten Tomaten in einem kleinen Gewächshaus.

In Pflanzkisten und alten Reissäcken wachsen Kräuter, Bohnen und anderes Gemüse. Mitten drin sitzt Maurits auf einem der bunten, selbstgebauten Stühle. Er ist einer von drei festen Mitarbeitern der Stadtgärten, die ein ehemaliger Berater, Stadtplaner und grüner Politiker 2010 gegründet hat. Die Idee: Ungenutztes Brachland soll den Anwohnern als Garten angeboten werden. Die Leute legen Beete an, kümmern sich um die Pflanzen, organisieren sich selbst als Gemeinschaft, entwickeln eine stärkere Verbindung zur Natur, begrünen ihre Umgebung und ernähren sich mit der eigenen Ernte gesünder. „Es hat lange gedauert“, erzählt Maurits.

Inzwischen wüssten die Verantwortlichen im Rathaus das Engagement der Stadtgärtner zu schätzen. Wenn eine Gruppe von Anwohnern sich verpflichtet, ein Stück Land zu pflegen, bekommt sie von der Stadt rund 2500 Euro Zuschuss für Gartengeräte. Das Immobilienunternehmen, das hier im Göteborger Norden auf einer ehemaligen Industriefläche einen komplett neuen Stadtteil aus dem Boden stampft und die neuen Wohnungen teuer verkauft, habe den Stadtgärtnern Brachland zur Zwischennutzung überlassen. Die Pflanzkisten bauen die Stadtgärtner aus alten Paletten, die Säcke bekommen sie von indischen Restaurants und Baumärkten. Abfälle werden kompostiert.

Angefangen haben die Stadtgärtner mit ein paar Schweinen auf einem städtischen Grundstück. Die Europäische Union hat damals den Erhalt historischer Nutztierrassen gefördert. So gab es Geld für die Linderöd-Schweine, robuste Tiere, die selbst im schwedischen Winter draußen bleiben können. Die Stadtgärtner vermieten die Tiere an Gartenbesitzer und Landwirte. „Die fressen das Unkraut, graben den Boden um und düngen ihn“, erzählt Maurits, „für 1000 Quadratmeter brauchen zwei Schweine zwei Monate. Dann hast Du den perfekten Boden.“

Inzwischen gibt es die Stadtgärten in vielen Göteborger Vierteln. In einem Hinterhof in Majorna, einem ehemaligen Arbeiterquartier, in das immer mehr junge Leute ziehen, wachsen Kräuter und Gemüse in Holzkisten. Ein Nachbar hat den Grill angefeuert. Andere bringen Nudeln und Salate. Eine junge Frau erntet die Zutaten: Ihr kleiner Sohn schaut ihr fasziniert zu und fängt an, ebenfalls Blätter von den Pflanzen zu rupfen. Dabei nuckelt er innig an seinem Schnuller, bis Mama den Ernteeifer des kleinen Gärtners bremst. Geduldig zeigt sie ihm, was man essen kann und was nicht. Robert B. Fishman


Danziger Schlitzohr
Auf den Spuren des »Bowkes« in der Stadt an der Weichselmündung

Schlendert man als Tourist durch die engen Gassen der Danziger Altstadt mit ihren roten Backsteinmauern, glaubt man sich zurückversetzt in die Blütezeit der Hanse. Insbesondere die Hauptstraße Langer Markt, das gotische Rathaus mit seinem über 80 Meter hohen Turm, davor der italienisch anmutende Neptunbrunnen, die prächtigen Bürgerhäuser und die beiden mächtigen Torbauten, die Ein- und Ausgang markieren, legen Zeugnis ab vom einstigen Glanz und Reichtum der alten Hansestadt.

Darüber hinaus bezeugen die Bauwerke die Kunst der polnischen Restauratoren, die mit Danzig ein Meisterstück vollbracht haben. Auch wenn man es der Stadt glücklicherweise nicht mehr ansieht, so wurde sie im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört. Vor den im Ar­chäologischen Museum ausgestellten großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Jahr 1945 bleiben insbesondere jüngere Be­sucher immer wieder un­gläubig und kopfschüttelnd stehen.

Ein Wunder, dass eine derart in Trümmern liegende Stadt wie Phönix aus der Asche auferstehen konnte. Der britische His­toriker Norman Davies bezeichnete sie daher auch als „ein deutsches Juwel in der polnischen Krone“. Er bezog sich dabei auf die über 300-jährige Existenz des freien Danzigs innerhalb des Königreichs Polen vom Jahr 1454 an, als die Herrschaft des Deutschen Ordens endete, bis zur polnischen Teilung 1793.

Als Wahrzeichen Danzigs gilt das Krantor, das um 1442 erbaut und im 17. Jahrhundert erweitert wurde. Der riesige Holzkran, der über den Hafenkai hinweg bis über die Mottlau ragt, konnte bis zu zwei Tonnen schwere Lasten auf Schiffe verladen. Sein oberes Rad mit einem Durchmesser von 27 Metern diente zum Aufstellen von Masten. Heute beherbergt das Gebäude das Meeresmuseum.

Nur ein paar Schritte davon entfernt erinnert das Kneipen-Restaurant „Der Bowke“ an den Danziger Dichter Johannes Trojan, der dem typischen Danziger „Bowke“, was so viel heißt wie „Schlingel“ oder „Schlitzohr“, ein sprachliches Denkmal gesetzt hat. Dem einen oder anderen dürften die Verse vertraut sein:

Denk Danzigs ich, der Vaterstadt, / die so viel Trautes an sich hat, / dann immer ins Gedächtnis kommt / mir wieder, im Erscheinen prompt / der Bowke.

Der Bowke ist ein pfiff’ger Wicht, / besser ist’s, man traut ihm nicht. / Er bummelt gern umher und glaubt, / ein jeder Kniff sei ihm erlaubt, / dem Bowke.

Doch ist der Danz’ger Bowke auch / ein Schmeichelwort im Sprachgebrauch, / wie es „Du Schelm!“ heißt anderwärts, / sagt man zum Kinde dort im Scherz: / „Du Bowke!“

Johannes Trojan, 1837 in Danzig geboren und 1915 in Rostock ge­storben, war ein deutscher Dichter, Journalist und Humorist. Ei­ner breiteren Öffentlichkeit wur­de er bekannt als langjähriger Chefredakteur des „Kladderadatsch“, der maßgeblichen satirischen Wochenzeitschrift der Bismarck-Ära. Angelika Fischer


Hilfen bei Unfall im Ausland

Rund 27000 Deutsche waren 2013 im Ausland in einen Verkehrsunfall verwickelt. Zum Schreck kommt oft der Stress durch Sprachprobleme und fremde Gesetze. Experten raten deshalb, sich vor dem Urlaub auf den Ernstfall vorzubereiten und über Beson­derheiten zu informieren. So ist es beispielsweise in vielen Teilen Osteuropas wichtig, die Polizei auch bei Bagatellschäden zu rufen. Hier gilt das polizeiliche Protokoll als Grundlage für die Schadenregulierung.

Hilfreich ist auch der Europäische Unfallbericht, der mit ins Gepäck gehört. Man erhält ihn kostenlos unter anderem beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft unter www.ao-url.de/62c146. Eventuelle Schadenersatzansprüche kann man auch bei einem in Deutschland ansässigen Vertreter der ausländischen Versicherung geltend machen. Diese Vertretung erreichen Geschädigte über den Zentralruf der Autoversicherer unter der einheitlichen Rufnummer (0800) 2502600, aus dem Ausland (0049) 40-300330300. Ebenfalls ins Gepäck gehört die Internationale Versicherungskarte, oft Grü­ne Versicherungskarte genannt, rät die R+V Versicherung. tws


MELDUNG

Deutschland ist am beliebtesten

Berlin − Auch 2014 wird Deutschland das mit Abstand beliebteste Reiseziel der Bundesbürger bleiben. Knapp 26 Prozent der Deutschen werden den Sommerurlaub in heimischen Gefilden verbringen, wobei Bayern, die Nord- und Ostsee ganz oben auf der Beliebt­heitsskala liegen. Nach Angaben einer BAT-Tourismus-Analyse für 2014 folgen Spanien mit 9,6, Italien mit sechs und die Türkei mit 4,4 Prozent abgeschlagen auf den nächsten Plätzen. Konstante Gästezahlen dürfen auch Frankreich, Skandinavien und Österreich erwarten. Zuwächse können den griechischen Ferienzielen in Aussicht gestellt werden, nachdem zuletzt wegen der Euro-Krise dort der Tourismus deutlich ge­schwächelt hatte. Knapp neun Prozent der Bundesbürger entscheiden sich in diesem Jahr für eine Fernreise, wobei die USA als Fernreiseziel an erster Stelle stehen. Trotz Sonnengarantie in südlichen Gefilden wird sich auch in diesem Sommer etwa jeder dritte Deutsche für „Urlaub auf Balkonien“ entscheiden. Zuhause ist es eben doch am schönsten. tws


S. 22 Neue Bücher

Einseitige Anklage
Darf CIA Terroristen töten?

Der Krieg gegen den Terrorismus ist ein asymmetrischer Krieg und folgt eigenen Regeln. Eine davon lautet: Gegen Terroristen kann man mit rechtsstaatlichen Mitteln nur sehr wenig ausrichten. Deshalb kämpfen Länder wie die USA und Israel, welche bereits Tausende ihrer Bürger durch terroristische Attacken verloren haben, auch mit ausnehmend harten Bandagen. Und das wiederum ruft Kritiker auf den Plan, was in Demokratien grundsätzlich legitim ist – genauso wie Kritik an den Kritikern. So zum Beispiel an der Riege derer, für die die Antiterrorkämpfer in CIA, Mossad und dem ebenfalls israelischen Dienst Shin Bet nichts weiter sind als staatlich lizensierte „Mordkommandos“. Zu denen, die so denken, gehört der deutsche Journalist Egmont Koch, der in der Vergangenheit vor allem für ARD und ZDF tätig war.

Dieser Fernsehmacher charakterisiert die von ihm beschriebenen Aktionen gegen Top-Terroristen wie Osama bin Laden, die Olympia-Attentäter von München oder den Hamas-Führer Scheich Ahmad Yassin mit hoch erhobenem Zeigefinger und anklagenden Tönen als „systematische Verletzungen rechtsstaatlicher Prinzipien und moralischer Werte“, „blutige Hinrichtungsorgien“, „Kriegsverbrechen“ und dergleichen mehr, wobei seine Begründungen auf folgendem weltfremden Niveau verharren: „Definitionsgemäß gelten auch ‚Terroristen‘ nach internationalem Rechtsverständnis als ‚Zivilisten‘, weil sie keine militärische Uniform tragen.“ Zugleich findet sich kaum ein Wort des Bedauerns über das Schicksal der unzähligen echten Zivilisten in den westlichen Ländern und Israel, welche mittlerweile Opfer des zumeist islamistischen beziehungsweise palästinensischen Terrors geworden sind. Ebenfalls nicht ausreichend reflektiert wird der Umstand, dass die gebetsmühlenartig beschworenen „Kollateralschäden“ in sehr viel geringerem Maße aus der Rücksichtslosigkeit oder gar Killermentalität der westlichen Geheimdienste resultieren als vielmehr aus der gängigen und ja auch von Koch selbst erwähnten Praxis der meisten Terrorfürsten, sich hinter einem Schutzschild aus Frauen und Kindern zu verstecken.

Des Weiteren besteht Anlass zu verwundertem Kopfschütteln, wenn der Fernsehjournalist beklagt, dass im Westen der Sicherheit „größere Bedeutung beigemessen wird als der Durchsetzung des Rechtsstaats“. Wie, bitte schön, soll man denn einen Rechtsstaat durchsetzen, wenn dessen Fundamente durch Angreifer ohne Gewissen und Gnade unterminiert werden und aus Gründen der „Humanität“ keine wirksame Gegenwehr stattfinden darf – beispielsweise eben durch die Drohneneinsätze, an denen Koch natürlich kein gutes Haar lässt. Als ob Krieg irgendwie ehrenwerter wird, wenn dabei bevorzugt die eigenen Soldaten sterben. Aber es moralisiert sich eben sehr leicht, wenn man selbst nicht für die Sicherheit und das Leben von Menschen diesseits der unsichtbaren Frontlinie verantwortlich zeichnet, wie das bei Journalisten im Gegensatz zu Geheimdienstlern der Fall ist.

Kochs Buch mit all seinen Schilderungen beziehungsweise Auflistungen der gezielten Tötungen von Terroristen, aber auch Waffenschiebern und anderen brandgefährlichen Existenzen geht also von sehr fragwürdigen Prämissen aus. Und es erfüllt letztendlich auch nur die Funktion einer einseitigen Anklageschrift gegen die Geheimdienste der USA und Israels, denn der kurze Schlussexkurs über einige gezielte Tötungen seitens des russischen KGB und der Stasi, der ganze 30 von 400 Seiten in Anspruch nimmt, sorgt keinesfalls für Ausgewogenheit. Wolfgang Kaufmann

Egmont R. Koch: „Lizenz zum Töten. Die Mordkommandos der Geheimdienste“, Aufbau Verlag, Berlin 2013, geb., 408 Seiten, 22,99 Euro


Zwischen Niqab und Brüsten
Antonia Rados porträtiert zwei äußerst unterschiedliche Schwestern

Die TV-Auslandskorrespondentin Antonia Rados ist viel in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs. Und so führte ihr Weg sie in den letzten beiden Jahren regelmäßig auch nach Ägypten. Sozusagen als Nebenprodukt dieser Reisen ist nun „Die Bauchtänzerin und die Salafistin. Eine wahre Geschichte aus Kairo“ entstanden. Das Buch der Politikwissenschaftlerin bietet viele Eindrücke, aber letztendlich wenig klare Aussagen, was wohl daran liegt, dass die Geschichte aus dem Leben gegriffen ist und es dort selten eine klare Aufteilung in Schwarz und Weiß gibt.

Im Rahmen ihrer Recherchearbeiten zum Sturz des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak 2011 erfuhr Rados von der berühmtesten Bauchtänzerin des Landes, die, obwohl Jahrgang 1965 und somit nicht mehr ganz blutjung, seit über zwei Jahrzehnten unangefochten zu den ägyptischen Stars zählt. Natürlich fand Rados es spannend, den weiteren Werdegang der von Skandalen umwitterten, nach Ruhm dürstenden Bauchtänzerin Dina in einem Land zu verfolgen, in dem die Muslimbrüder an Einfluss gewannen. Noch reizvoller jedoch fand die Journalistin den Aspekt, dass die Schwester der halbnackt auftretenden Künstlerin eine Niqab-tragendende Salafistin ist. Diesen Gegensatz darzustellen und zu ergründen, beschäftigte Rados bis Ende 2013. Immer wieder traf sie die beiden Schwestern, einige Male gemeinsam, andere Male jede in ihrem eigenen Umfeld.

Für Rados sind die beiden Schwestern wie ein Spiegel der beiden Extreme Ägyptens. Die eine bis zum „Äußersten materialistisch“ und die andere am sehr „religiösen Rand“ angesiedelt. Aber es dreht sich nicht alles um die Schwestern Dina und Rita. Immer wieder beschreibt die Autorin, was sie in Ägypten erlebt hat, wie sich das Straßenbild in den wechselvollen zweieinhalb Jahren verändert hat. Gleich zu Beginn berichtet sie von einer jungen Frau, die vergewaltigt und die von der Polizei behandelt wurde, als wäre sie die Verbrecherin. Später wird die Frau eines in der Verwaltung tätigen Anhängers der Muslimbrüder erwähnt, die nach der Machtübernahme durch das Militär verzweifelt auf ein Lebenszeichen ihres Mannes wartet und am Ende über einen Mann, der die Handys Ermordeter zum Verkauf zwischen den Leichen aufsammelt, erfährt, dass sie ihren Mann wahrscheinlich im Leichenschauhaus finden könne.

Stück für Stück liest man aber auch mehr über den Lebensalltag der Schwestern. So von Dinas Problemen während der Herrschaft der Muslimbrüder, Aufträge für Auftritte zu bekommen, aber auch von Ritas Freude, dass sie sich nun freier bewegen könne als unter dem Regime Mubarak. Dann, mit der Machtübernahme des Militärs, der Wechsel: Dinas Auftragslage bessert sich rasant, während Rita sich plötzlich verstecken muss, ihre salafistischen Fernsehprediger plötzlich wieder vom Bildschirm verschwinden und auch ihre Freundinnen aus Angst vor Verhaftungen jeglichen Kontakt zur Außenwelt meiden.

Auf eine Frage jedoch, die europäische Leser am meisten interessiert, gibt es keine klare Antwort. So möchte man wissen, warum sich die einer gebildeten Mittelschicht entstammende Rita den Regeln des Korans unterwirft und sich, obwohl vorher selbst Sängerin, plötzlich total verschleiert. Rados erwähnt, dass der frühe Krebstod von Dinas zweitem Ehemann Rita 2001 aus der Bahn geworfen und im Bewusstsein der Vergänglichkeit in die Religiosität getrieben habe. Doch das allein ist als Antwort unbefriedigend. Zudem entsteht der Eindruck, dass Rita zwar viel betet, aber die Tiefe des Korans nicht erfasst. Man hat fast das Gefühl, als nutze sie den Islam als Möglichkeit für eine Weltflucht. Da die geschiedene Rita nicht arbeiten geht, lässt sie sich schizophrener Weise von ihrer Schwester finanzieren, deren Arbeit sie jedoch verurteilt. Aber auch Dina bleibt ein Rätsel, die so oft für Menschen tanzt, die Blut an den Händen haben und die die Freiheit, die sie für sich so liebt, für andere einschränken.

Am Ende von Rados Ausführungen versteht man zwar weder das Tun der Schwestern noch die Lage in Ägypten richtig, aber man hat ein Gefühl dafür bekommen, dass es sich in allen Fällen um eine äußerst komplizierte Gemengelage handelt. Rebecca Bellano

Antonia Rados: „Die Bauchtänzerin und die Salafistin. Eine wahre Geschichte aus Kairo“, Amalthea, Wien 2014, gebunden, 222 Seiten, 19,95 Euro


Nur wenige Perlen im Angebot
Sammelband über 100 Jahre Türkei bietet wenig Erhellendes

Am Anfang des Buches „Hundert Jahre Türkei – Zeitzeugen erzählen“ stehen 15 Seiten Einleitung, verfasst von der Türkin Hülya Adak und der deutschen Orientalistin Erika Glassen. Sie spannen einen Bogen von der „jungtürkischen“ Revolution 1908 bis zu Erdogans derzeitiger Rückwendung Richtung Osmanisches Reich. Die Geschichte der Türkei selbst wird selektiv anhand von 60 historischen, politologischen und literarischen Beiträgen illustriert, mit dem Ziel, so ein facettenreiches Porträt der Türkei im 20. Jahrhundert zu bieten. Ein schönes Konzept mit gewichtigen Mängeln: So wäre für den deutschen Leser ein Register notwendig gewesen, in dem etwas über die Verfasser der Texte steht, denn wer kennt sich hierzulande mit türkischen Nationaldichtern oder Denkern aus?

Und was sollen Hymnen auf den stalinistischen Schreiber Nazim Hikmet, wenn die wenigen weltbekannten türkischen Autoren wie Resat Nuri flüchtig gestreift und Orkan Pamuk, der einzige türkischen Nobelpreisträger (2006), negiert werden? Kriegsverbrechen der Türkei wie der Genozid an Armeniern 1915/16 mit über 1,5 Millionen Opfern sind verfälscht und verharmlost. Reformerische Ausbruchsversuche aus der „Rückständigkeit muslimischer Völker“ gelten als „Gehirnwäsche“ und „Verwestlichungspolitik“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Türkei der „kranke Mann am Bosporus“. Die laizistische, teil-modernisierte Türkei ist das Werk des radikalen Reformers Atatürk, der seine „groben und wilden“ Landsleute zwang, „sechs Jahrhunderte in zwölf Jahren“ zu überspringen. Das Buch ist voller Lobhudelei auf Atatürk, die einfach peinlich ist, zumal die heutige türkische Regierung Teile des Werks ihres größten Staatsmanns revidiert und „zurück zu den Wurzeln“ eine Renaissance von Koranschulen und Scharia ersehnt.

Das Buch enthält auch manche strohdumme Beiträge, wie „Rück-kehr zum Schleier“, worin die Autorin Cihan Aktas türkische Kopftuchfrauen als selbstbestimmte Geisteselite feiert, deren „islamisches Wiedererwachen“ eine „Rebellion gegen die Vorherrschaft der westlichen Kultur und Zivilisation“ darstellt. Ist das Leser-Verhöhnung?

Perlen des Buchs sind die drei, vier Beiträge zum Wirken deutscher Wissenschaftler in der Türkei, die Atatürk gerufen hatte („eine seiner klügsten Entscheidungen“) und die in seinem Geist („der wahre Führer ist die Wissenschaft“) akademischen Elementarunterricht erteilten und universitären Nachwuchs erzogen. Kultivierung in einer Geisteswüste, wo es „weit und breit kein verlässliches türkisches Wörterbuch gab“.

Im Schlussartikel des Buchs behandelt der Anglist Murat Belge die in der türkischen Natur und Politik vorherrschende Gewaltbereitschaft, die in Familienerziehung, Schulen und der Armee dominiert. Selbst Mütter verfluchten ihre Söhne: „Du bist meine Milch nicht wert, wenn du den Feind nicht angreifst.“ Das begreift Belge nicht: „Was ist nur los mit uns, dass wir Fünfjährigen beibringen müssen, andere Menschen als Feinde anzusehen.“ Wolf Oschlies

Hülya Adak, Erika Glassen (Hrsg.): „Hundert Jahre Türkei – Zeitzeugen erzählen“, Unionsverlag, Zürich, gebunden, 603 Seiten, 16,95 Euro


Grundstein für ein freies Europa
Vera Lengsfeld dokumentiert den Ablauf der Revolution von 1989 – Geschichtsbuch nennt sich »Tagebuch«

In ihrem neuen Buch „1989. Tagebuch der Friedlichen Revolution: 1. Januar bis 31. Dezember“ entrollt die Berliner Publizistin Vera Lengsfeld eine Abfolge der Ereignisse des Jahres 1989, die mit Blick auf den Mauerfall am 9. November 1989 von Belang sind. Dazu hat Lengsfeld gesammelt, dokumentiert und zugespitzt kommentiert, was für die DDR, aber auch die Bundesrepublik, die Ostblockländer und die USA für jeden Tag zu vermelden ist. Sie berichtet im erzählenden Präsens, doch manchmal öffnet sie den zeitlichen Blickwinkel und schaut aus heutiger Perspektive zurück auf die DDR, beispielsweise wenn sie von den sanierten Altstädten von Meißen und Bautzen schwärmt, deren Verfall durch die sogenannte Wende aufgehalten werden konnte. Nach 25 Jahren möchte Lengsfeld daran erinnern, dass „die friedliche Revolution den Grundstein für ein freies und geeintes Europa gelegt hat“. Sie bedauert, dass diese Tatsache nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert sei.

Lengsfelds Buch ist zwar im weiteren Sinne ein Geschichtsbuch, steht aber zugleich Walter Kempowskis „Echolot“-Collagen nahe, wie die Autorin denn auch mehrfach Kempowskis stets auf den Punkt gebrachte Bonmots zitiert. Dabei begründet der Begriff „Tagebuch“ im Buchtitel die Vermutung, dass sie als Beobachterin und Augenzeugin einzelner Geschehnisse auftritt. Das ist aber nicht der Fall, da sie sich bis zum 9. November 1989 nicht in der DDR aufhielt. Stattdessen bringt sich Lengsfeld, ebenso wie Kempowski es tat, durch ihre persönliche, aufgrund eigenen Erlebens als DDR-Bürgerin und Dissidentin geschärfte Wahrnehmung in die Schilderungen der gesellschaftspolitischen Vorgänge ein, die sie im Jahr 1989 jedoch überwiegend nur in den Medien verfolgen konnte. Dass sie dabei eine kompromisslose Haltung vertritt, was zwangsläufig ironische bis beißend spöttische Einlassungen nach sich zieht, kann man daher verstehen.

Lengsfeld nimmt in ihrem Buch auch kritisch Stellung zum Verhalten der seinerzeit in der Verantwortung stehenden bundesdeutschen Politiker. So lässt sie beispielsweise ihre Überzeugung durchblicken, dass westdeutsche Spitzenpolitiker bei der Verschleppung des Staatsbankrotts der DDR ab 1983 einen hohen Anteil an Mitschuld zu verantworten hätten. Der Bankrott des SED-Regimes sei nur „dank der stetig fließenden Zuwendungen aus dem Westen“ vermieden worden. Weiterhin notiert sie, dass auf höchster politischer Ebene der Bundesrepublik geflissentlich überhört wurde, was am 30. Mai 1989 auf der Nato-Gipfelkonferenz erklärt wurde, und was US-Präsident George Bush sen. am 31. Mai in der Mainzer Rheingoldhalle verkündete: Die Mauer stehe für das Scheitern des Kommunismus, sie müsse fallen.

Lengsfeld wuchs in Sondershausen (Thüringen) und Berlin auf. Nach einem Studium der Geschichte und der Philosophie war sie als SED-Mitglied von 1975 bis 1979 Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften der DDR. Ihre Kritik an der Staatspartei brachte ihr erhebliche persönliche Nachteile ein. 1983 wurde sie aus der SED ausgeschlossen und erhielt Berufsverbot. Sie war in der kirchlichen Friedens- und Umweltbewegung der DDR aktiv, wurde 1988 verhaftet und nach der Untersuchungshaft in den Westen abgeschoben. Knapp zwei Jahre studierte sie in Cambridge, bevor sie am 9. November 1989, zufälligerweise am Tag des Mauerfalls, in die DDR zurückkehrte. Doch erst nachdem es ihr gelungen war, eine persönliche Angelegenheit zu regeln, empfand sie, wie sie schreibt, ein überwältigendes Glücksgefühl: „Ich wusste, wir hatten das Regime besiegt.“ Dagmar Jestrzemski

Vera Lengsfeld: „1989. Tagebuch der Friedlichen Revolution: 1. Januar bis 31. Dezember“, TvR Medienverlag, Jena 2014, Fester Einband, 286 Seiten, 19,90 Euro


S. 23 Rautenberg Buchhandlung

Rautenberg Buchhandlung


S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Klaus J. Groth
Starten wir zum Wirrlauf / Warum eine Kür nach der Kür folgt, warum ein Drängler schubst und ein Fußballer beißt und wie sich eine Partei durch Annäherung wandelt

Nun hat er sich also durchgewurschtelt, der Jean-Claude Juncker. Noch nicht ganz, aber so einigermaßen sicher. Man kann nicht sagen, dass die abermalige Nominierung des bereits Nominierten allgemein ganz große Freude ausgelöst hätte. Genau genommen hat sie gar nichts ausgelöst, nicht einmal Schulterzucken. Weil das sowieso keiner kapiert hat, warum nach der an-

geblichen Kür eine abermalige Kür notwendig sein sollte. Aber die Sache mit Juncker ist ja nicht das einzige Rätsel, vor das uns die EU stellt und dessen Auflösung sie hartnäckig verweigert.

Na gut, einer muss schließlich den Chef machen. Und wenn einer Chef wird, der nicht ganz so auffällig gedrängelt hat wie der andere, dann ist das schon ganz gut. Der andere sogenannte Spitzenkandidat, der hat gedrängelt, es war nicht mehr auszuhalten. Vorgedrängelt hat sich der Martin Schulz, wie ein Fettleibiger zum Futternapf, gegreint hat er wie ein Säugling, dem der Schnuller entzogen wird, aufgestampft hat er wie ein bockiges Kind. Gefeilscht hat er wie ein Dattelverkäufer auf dem Basar von Marrakesch. Wie ein Spitzenkandidat sich eben verhält.

Dabei wussten noch längst nicht alle Wähler überall in Europa, dass es so etwas wie Spitzenkandidaten gibt. Darum waren viele auch so sauer. Die einen, weil sie etwas gewählt hatten, was es in Wahrheit gar nicht gibt. Die anderen, weil sie etwas gewählt hatten, ohne zu wissen, wen sie damit wählten. Das klingt nebulös und soll es vermutlich auch sein, denn das ist politisch, europapolitisch. Kapieren tut das ohnehin keiner.

Offenbar ging der andere Spitzenkandidat, der bislang erfolgreiche Jean-Claude Juncker, genau davon aus, dass niemand die Spielregeln der Rangelei verstehen würde. Darum bemühte er sich erst gar nicht darum. Brummelnd und nuschelnd, mit matter Stimme tat er so, als gehe ihn das ganze Gedrängel und Geschubse überhaupt nichts an, als sei er niemals in der Lage, anderen vors Schienbein zu treten. Ehrlich, wenn er es getan hat, dann hat man es nicht gesehen. Daran können sich die Kicker bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein Beispiel nehmen. Mit ihren Beißattacken, ihren stollenbewehrten Hochsprüngen in den Nacken des Gegenspielers oder dem gestreckten Bein vor dessen Füße, zeigen sie uns augenblicklich, wie anscheinend mustergültig fair politische Kontrahenten miteinander umgehen. Was man nicht sieht, kann nicht geahndet werden. Allerdings lernen die Fußballer zunehmend auch zu piesacken, ohne dass der Schiedsrichter es sieht.

Das ist selbstverständlich reiner Selbstschutz. Sonst könnte es einem ergehen wie dem Beißer vom Dienst, dem uruguayischen Spieler Luis Suárez. Der hatte, vom Schiedsrichter unbemerkt, seinem Gegenspieler Giorgo Chiellini flink in die Schulter gebissen. Weil so etwas auf keinem Fußballplatz zu tolerieren sei, sperrte die Disziplinarkommission der Fifa den Mann für vier Monate. 100000 Schweizer Franken muss er obendrein zahlen. Da sage noch einer, bei der Fifa gehe es drunter und drüber. Eine eigene Disziplinarkommission haben die. Aber wahrscheinlich ist die für das Fifa-Präsidium nicht zuständig.

Ansonsten aber soll es im Fußball deutlich ehrlicher zugehen als in der Politik. Nicht nur wegen der oben genannten, nicht kaschierten Fouls. Beim Fußball ist ein Ergebnis ein Ergebnis. Da gibt es nichts zu deuteln, einmal abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, über die noch nach Jahrzehnten diskutiert wird. Beim Fußball darf man darüber streiten, wie es zu einem Ergebnis gekommen ist, aber das Ergebnis steht. Und nun vergleichen Sie das bitte einmal mit der Europawahl. Nach der der Verlierer behauptete, eigentlich sei er doch der Gewinner und wenn er nicht der Gewinner sein dürfe, dann müsse er zumindest am Gewinn beteiligt werden und welcher Posten ihm zustehe, das bestimme er. Beim Fußballspiel weiß man, wann es vorbei ist.

Anders als beim Wirrlauf. Den kennen Sie nicht? Doch, Sie haben ihn nur vergessen. Der Wirrlauf wird in der wunderbar skurrilen Geschichte von „Alice im Wunderland“ geschildert. Die hat Lewis Carroll geschrieben. Der war Professor in Oxford an dem College, in dem Teile der Harry-Potter-Filme gedreht wurden, der Ort ist also versponnen. Der Wirrlauf also, an dem allerlei Tiere wie Enten, Käuze, Schildkröten, Krebse, Mäuse teilnehmen, der funktioniert so: „Sie begannen alle nach Belieben zu laufen und hörten alle nach Belieben auf, so dass nicht leicht herauszufinden war, wann das Rennen eigentlich zu Ende war. Als sie ungefähr eine halbe Stunde herumgejagt … waren, verkündete der Marabu plötzlich mit weithin vernehmbarer Stimme: ‚Der Wirrlauf ist zu Ende!‘ und alle drängten sich außer Atem um ihn herum mit der Frage: ‚Wer hat gewonnen?‘ Diese Frage konnte der Marabu nicht so ohne Weiteres beantworten … Endlich entschied der Marabu: ,Jedermann hat gewonnen und alle müssen Preise bekommen.‘“

Die Geschichte von Carroll wurde 1865 veröffentlicht. Woher hatte der Mann diese Weitsicht, woher kannte er den EU-Wirrlauf, bei dem angeblich auch alle gewonnen haben und somit Anspruch auf Preise anmelden? Nun sage niemand, der Mann sei schließlich Engländer und somit der geborene EU-Skeptiker gewesen.

Im Grunde gehört gar nicht so viel dazu, auf die Idee mit dem Wirrlauf zu kommen. Schließlich sind die Wirrläufer ganz alltäglich und immer unterwegs. Sie sind nur nicht immer gleich zu erkennen, weil viele den Wirrlauf für etwas ganz Normales halten. Nur manchmal wird ein Stückchen der verworrenen Wirrnis schlagartig erkennbar. So wie in dieser Woche, als Andrea Nahles erklären musste, warum der Mindestlohn in verschiedenen Stufen eingeführt wird. Das nannte sie die „Einphasung“. Wie bitte? Die was? Die Einfassung? Nee, passt nicht. Noch mal hingehört. Doch, sie hat tatsächlich von der „Einphasung“ gesprochen und damit sicherlich die verschiedenen Phasen des Vorganges gemeint. Kann man nachdrücklicher verdeutlichen, dass man die Einphasung in das Amt eines Ministers für Arbeit und Soziales für abgeschlossen hält und nunmehr im ministrablen Vokabular gelandet ist? Mit solchem Kauderwelsch kann der Wirrlauf erst richtig losgehen.

Die CDU hat derweil einen neuen Wirrlauf angekündigt. Sie will wieder mal ihr Programm rund schleifen, jünger, weiblicher und bunter werden. Mal abgesehen von der Frage, was bei der CDU noch runder zu schleifen ist, wo sie kaum noch Ecken und Kanten vorzuweisen hat, davon abgesehen, an welchem Profil soll die letzte große Volkspartei noch erkennbar sein? Die Große Koalition funktioniert, abgesehen von ein paar kleinen Reibereien, ziemlich geräuschlos, weil gut geschmiert. Besser kann nicht gezeigt werden, wie der Wandel durch Annäherung funktioniert. So etwas spornt an, die noch bessere SPD zu werden. Kein Wunder, dass die „Linke“ jeden Tag in Hörfunk und Fernsehen zu jedem nicht gelegten Ei gackern darf. Die sagen wenigsten mal was anders. Auch wenn es zwischen Unsinn und Blödsinn wechselt. Ach ja, neben den Jungen und den Bunten will die Noch-CDU die Ausländer stärker berücksichtigen. Vielleicht sollte sie dabei mehr Mut beweisen und Nägel mit Köpfen machen. Sie könnte sich beispielsweise einen neuen Namen zulegen. Wie wäre es mit CIU? Das klingt durchsetzungsstark und zukunftsweisend. CIU steht für Christlich-Islamische Union. Das hätte doch was.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist schon bereit für einen Namenswechsel. Deren Namen haben Sie noch nie gehört? Wie kann das sein, schließlich ist sie eine Wirrläuferin der Spitzenklasse. Um den Namen der Dame geht es auch gar nicht. Es geht um den Namen der FDP. Zur Erinnerung: FDP steht für Freie Demokratische Partei. Die hat mal eine politische Rolle gespielt. Und die Dame ist stellvertretende Bundesvorsitzende dieser Partei. Weil die nun gar nicht mehr wahrgenommen wird, schlägt die Dame vor, den bisherigen Namen der Partei zu streichen und unter neuem Namen mit altem Personal neu zu starten. So geht Wirrlauf.

Hans Heckel ist bis zum 7. Juli im Urlaub.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Streit ums Flagge zeigen

Berlin – Am Rande der diesjährigen Lesben-und-Schwulen-Parade in Berlin kam es zur Verstimmung zwischen Familien- und Umweltministerium auf der einen sowie Innenministerium auf der anderen Seite. Die beiden sozialdemokratischen Ministerinnen meinten, den Homosexuellen mit der gehissten Regenbogenflagge Ehre bezeugen zu müssen, das CDU-geführte Innenministerium hingegen verwies darauf, dass laut Flaggenerlass diese Fahne nicht erlaubt und zudem am 17. Juni zum ehemaligen Tag der Deutschen Einheit unpassend sei. Bel

 

Hilfswerke unerwünscht

Neu-Delhi – Die indische Regierung hat laut „Focus“ das katholische Hilfswerk Misereor sowie die evangelische Aktion „Brot für die Welt“ auf eine rote Liste gesetzt. Sie würden angeblich das Wirtschaftswachstum des Landes schmälern, da sie Aktionen gegen Industrieprojekte finanzierten und Kinderarbeit in Steinbrüchen zu verbieten versuchten. Bel

 

Finnlands Erster Triatleth

Bundeskanzlerin Angela Merkel darf demnächst darauf hoffen, dass ein weiterer europäischer Regierungschef sie versteht. Finnlands neuer Ministerpräsident Alexander Stubb beherrscht neben Finnisch, Schwedisch, Englisch und Französisch auch die deutsche Sprache. Bei EU-Verhandlungen oder denen um einen möglichen Nato-Beitritt des noch neutralen Landes (siehe Seite 2) kann das von Vorteil sein.

Als Amtsvorgänger Jyrki Katainen nach nur dreijähriger Regierungszeit wegen Querelen in seinem Fünf-Parteien-Bündnis zurücktrat, warf Stubb bei der Bewerbung um die Nachfolge seine Sprachkenntnisse in die Waagschale. Es diene den Interessen Finnlands, wenn er sich mit der Kanzlerin oder Frankreichs Präsidenten in deren Muttersprache unterhalten könne, sagte er. Als Vorsitzender der stärksten Kraft im finnischen Parlament, der Sammlungspartei, setzte sich der 46-Jährige so gegen zwei politisch erfahrenere Bewerber durch.

Dabei hatte Stubb eigentlich andere Karrierepläne. Er gilt als äußerst EU-freundlich und strebte eigentlich den Posten als finnischer EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung in Brüssel an, den jetzt Katainen übernommen hat.

Gleich nach seinem Studium in den USA, Frankreich, Belgien und England, wo er 1999 promovierte, ging Stubb in die Europapolitik. Bis 2008 war er EU-Abgeordneter, danach finnischer Außen- und Europaminister. Der mit einer britischen Anwältin verheiratete Vater zweier Kinder zeigt sich gern als sportlich-dynamischer Vorzeigepolitiker. So hat er mehrere Triathlons absolviert und einen Männer-Ratgeber über sportliche Motivation im Alltag geschrieben. Mal abwarten, wie er als Ministerpräsident Hobby und Politik in Einklang bringen kann. Harald Tews


MEINUNGEN

Peter Schaffert macht sich in dem in Chemnitz erscheinenden Anzeigenblatt „Blick am Wochen-ende“ vom 28. Juni unqualifiziert über den in Sachsen neu eingeführten Gedenktag für Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung lustig:

„Diese gesetzliche Auflage zum Gedenken an jedem zweiten Sonntag im September verlangt ein gründliches Nachdenken. Wer floh, wer ließ sich vertreiben und wer zwangsumsiedeln? Gilt als Flüchtling bereits, wer vom Zigarettenholen nicht zurückkam? Oder den Arbeitsvertrag im tollen Münchner Unternehmen unterschrieb? Vertriebene werden dagegen verstoßen. Zwangsweise. So wie die Dresdner Fußballer aus der Zweiten Bundesliga. Oder die Abgeordneten, die nach der Wahl im August ihren Platz im Landtag verlieren werden. Auch einige der Chemnitzer Innenstadttrinker fordern den Status als Vertriebene. Wobei sie eher zwangsumgesiedelt wurden, da sie nun in ein paar 100 Meter Entfernung von ihrem angestammten Platz zechen müssen. Manche werden gar mittels richterlichen Urteils zwangsumgesiedelt. In ein Gefängnis. Sollten Gefangene jedoch die Chance eines Freiganges für ihren Abgang nutzen, gelten sie unzweifelhaft als Flüchtlinge. Also ich bin gespannt, wem wir am 14. September 2014 erstmals gedenken werden.“

 

 

Jan Fleischhauer weist im „Spiegel“ vom 23. Juni darauf hin, dass Diskriminierung nicht automatisch diskriminierend sei:

„Gleiches gilt in dieser Debatte nicht gleich. Ein Bekannter hat sich kürzlich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewandt. Eine grüne Abgeordnete hatte ihre Bewerbung für das Europaparlament damit begründet, dass sie es nicht länger hinnehmen wolle, dass Europa von ,alten weißen Männern‘ regiert werde. Der Bekannte ist weiß und 67 Jahre alt, womit er eindeutig die Diskriminierungskriterien Rasse und Alter erfüllt. Nützt alles nichts. Er bekam einen höflichen Brief, in dem sich die Bundesbeauftragte für unzuständig erklärte.“

 

 

Burkhard Schwenker, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, kritisiert im „Handelsblatt“ vom 27. Juni die deutsche Uni-Ausbildung, übt aber auch Selbstkritik:

„In einem Studium sollte man Breite vermittelt bekommen, die Fähigkeit zu reflektieren, interdisziplinär zu denken und eigenständig zu arbeiten, sich eine Meinung zu bilden. Das kommt zu kurz und das finde ich besorgniserregend ... Wir dachten alle, die amerikanische Ausbildung sei besser als die deutsche. Dabei hätten wir selbstbewusst sagen können, dass wir beispielsweise mit dem Diplom-Studium den besseren Weg haben.“

 

 

Andreas Freytag fragt am 27. Juni in der „Wirtschaftswoche online“, warum sich die Linken in Europa gegen die Jugend verbünden, indem sie lieber den Stabilitätspakt aufweichen, als Reformen durchzuführen:

„Immerhin stand die Sozialdemokratie früher für gesellschaftlichen Aufbruch und moralische Integrität. Dies scheint heute gänzlich anders zu sein: Die Botschaft dieser sozialdemokratischen Initiative aus Paris lautet: Stillstand und Besitzstandswahrung werden in Europa höher als Aufbruch und Dynamik gewertet. Offenbar geht es nur noch um Posten, kurzfristige Renten und Wahlerfolge.“