© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 28/14 vom 12.07.2014

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Links gegen Leer
Zwar ist die SPD Juniorpartner in der Regierung, doch sie bestimmt den Kurs

Nur auf den reinen Erhalt der Macht bedacht, haben Angela Merkel und Horst Seehofer der SPD das Feld überlassen. Die gestaltet das Land nun in ihrem Sinne um.

Kurz vor der nun beginnenden Sommerpause hat die schwarz-rote Koalition ein Bündel an Gesetzen festgezurrt. Allen ist gemeinsam, dass sie eine eindeutig sozialdemokratische Handschrift tragen.

Die Rentenreform macht zunichte, was vor Jahren mühsam zur Sicherung der gesetzlichen Altersversorgung erreicht wurde. Per Mindestlohn greift der Staat unmittelbar in den Arbeitsmarkt ein und umgeht mit großem Getöse den Kern des Problems: Der besteht in der ungebremsten Zuwanderung Geringqualifizierter, die als nie versiegende Konkurrenz den hiesigen Geringqualifizierten das Leben immer schwerer machen. Mit einer „Mietpreisbremse“ hatten sich erstmals die Nationalsozialisten, später die DDR versucht – ein historisch nachgewiesen untaugliches Instrument. Die überstürzte Reform der Energiewende wäre beinahe in letzter Sekunde an handwerklichen Fehlern gescheitert, was ein bezeichnendes Licht auf das gesamte Projekt wirft. Bei der Reform des Zugangs zur deutschen Staatsbürgerschaft ist es den Sozialdemokraten schließlich gelungen, die doppelte Staatsbürgerschaft als Dauer- und „Normal“-Zustand durchzusetzen.

Bei der Union kommt angesichts all dessen langsam Unmut auf. Politikern von CDU und CSU dämmert allmählich, dass die SPD den Kurs der Regierung bestimmt, als sei die Union bloß ein kleiner Juniorpartner statt Kanzlerpartei. Ihnen wird bewusst, was schiefgelaufen ist: Allein auf den Machterhalt fixiert haben die Parteien von Merkel und Seehofer bei den Koalitionsverhandlungen so gut wie keine eigenen Inhalte formuliert. So fiel es der SPD leicht, die schwarze Leere mit roten Inhalten zu füllen.

Als sei das nicht schon peinlich genug, ist es nun ausgerechnet eine neue Abgabe, mit welcher ein Unionsminister „Profil“ zeigen will. Angeblich soll die Pkw-Maut mit der Kfz-Steuer verrechnet und so für die Deutschen kostenneutral werden. Da allerdings hat die EU Bedenken. Was, wenn Brüssel die Sonderabgabe für Ausländer als „diskriminierend“ verbietet? Es ist kaum anzunehmen, dass sich Berlin von der Maut dann wieder verabschieden wird. Eher dürfte sie als weitere staatliche Geldquelle zu Lasten der Bürger enden wie schon der „Soli“.

Verblüffend ist, dass die Wähler der Unionsparteien den roten Kurs ihrer Partei mit völligem Gleichmut quittieren. Offenbar herrscht eine eigentümliche Eintracht zwischen Führung und Basis. Merkel wird vorgehalten, dass sie nur um der Macht willen regiere, dass ihr inhaltliche Ziele gleichgültig seien. Ein Vorwurf, den die Politik ihrer Koalition immer unverkennbarer bestätigt. Indes scheint ihre breite Gefolgschaft genauso zu ticken: Merkel soll bloß weiter führen. Wohin sie uns führt, interessiert ihre Anhänger erstaunlicherweise kaum. Hans Heckel


Student im Visier der NSA
Netzsicherheitsaktivist mit Extremisten gleichgesetzt

Ein Student der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ist ins Visier des US-Geheimdienstes NSA geraten, weil er sich mit Verschlüsselungstechnologien im Internet beschäftigt. Die NSA nutzt das Programm „XKeyscore“ zur weltweiten Ausspähung von Internetnutzern. Dabei können Datenbewegungen wie E-Mail-Kontakte sowie Äußerungen in sozialen Netzwerken und Internetforen einer bestimmten Zielperson zugeordnet und ausgewertet werden. Da der deutsche Staat sich unwillig beziehungsweise unfähig zeigt, seine Bürger vor dieser Form einer globalen Rasterfahndung zu schützen, greifen immer mehr Nutzer zur Selbsthilfe. Ein weltweites Anonymisierungsnetzwerk, auf das sie dabei zurückgreifen können, ist „Tor“. Das Kürzel steht für „The onion Router“. Dabei geht es, allgemeinverständlich formuliert, nach Art des Zwiebelprinzips darum, die Datenströme über viele Knotenpunkte auf verschlungene Wege zu schicken, um die Identität der Nutzer zu verschleiern.

Einer derjenigen, die sich für Freiheit und Sicherheit im Netz engagieren, ist Sebastian Hahn. Er betreibt einen der zentralen Knotenpunkte, was ihn für die NSA zur Gefahr macht. Nicht nur Hahn selbst, sondern auch Nutzer, die Verbindung mit dem Netzwerk haben oder lediglich im Internet danach suchen, werden von der NSA in einer Datenbank erfasst und überwacht.

Die Bundesanwaltschaft bestätigte dem NDR, sie „prüfe Hinweise“, ob Hahn oder andere Betroffene von deutschem oder US-amerikanischem Boden aus ausspioniert wurden. Von der NSA wiederum hieß es, man halte sich strikt an Gesetze und achte in der Computerüberwachung die Privatsphäre und Bürgerrechte. Netzsicherheitsaktivisten wie Hahn sind für den US-Geheimdienst allerdings „mit Extremisten gleichzusetzen“. J.H.


Steinbach tritt nicht mehr an
BdV-Präsidentin legt ihr Amt im November in jüngere Hände

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, hat angekündigt, bei den Neuwahlen zum BdV-Präsidium im November nicht mehr für das Amt zu kandidieren. Die CDU-Bundestagsabgeordnete steht seit 16 Jahren an der Spitze des BdV. Dies seien Jahre gewesen, so Steinbach in einer Presseerklärung, in denen es gelungen sei, „gemeinsam wichtige Weichen für den BdV und für Deutschland“ zu stellen. Als Beispiele nennt sie die Gründung der „Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen“ und sichtbare Erfolge auf dem Weg zur Einführung eines bundesweiten Gedenktages für die deutschen Heimat- vertriebenen. Nun sei es, so Steinbach, an der Zeit, „das Amt in andere Hände für neue Herausforderungen zu legen“.

Als Vertriebenenpolitikerin war Steinbach immer wieder Anfeindungen seitens der Vertreiberstaaten ausgesetzt und wurde bisweilen in deren Medien geradezu dämonisiert. So wurde ihr vorgeworfen, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges umdeuten, die Deutschen von ihrer historischen Schuld entlasten zu wollen und „ausschließlich negative Gefühle in den deutsch-polnischen Beziehungen“ auszulösen. Den Vorwurf, sie sei, da 1943 im damaligen Reichsgau Danzig-Westpreußen geboren, eine „falsche Vertriebene“, parierte sie schlagfertig mit dem Ausspruch, man müsse „kein Wal sein, um sich für Wale einzusetzen“. Insbesondere in Polen wird ihr Rückzug vom Amt der BdV-Präsidentin nun als „für Warschau gute Nachricht“ regelrecht gefeiert.

Das BdV-Präsidium hat beschlossen, den bisherigen Vizepräsidenten Bernd Fabritius als Steinbachs Nachfolger vorzuschlagen. Der 49-jährige CSU-Bundestagsabgeordnete Fabritius ist Siebenbürger Sachse und gilt als in der deutschen und europäischen Politik hervorragend vernetzt. J.H.


Jan Heitmann:
Maut-Murks

Nur um eines Wahlkampversprechens willen eine Maut einzuführen, ist schon starker Tobak. Denn die Pläne von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sind alles andere als durchdacht. Zunächst einmal ist fraglich, ob eine allgemeine Maut bei gleichzeitiger Entlastung der deutschen Autofahrer überhaupt mit EU-Recht vereinbar ist. Die von Dobrindt prognostizierten Einnahmen in Höhe von etwas über 600 Millionen Euro sind, gemessen am

Bedarf zur Sanierung und Verbesserung der Straßeninfrastruktur, zudem nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Zieht man die Kosten für den Verwaltungsaufwand ab, bleibt nämlich kaum noch etwas von den Zusatzeinnahmen übrig.

Auf die kann der Staat ohnehin gut und gern verzichten. Deutschlands Autofahrer zahlen jährlich durch Steuern und Abgaben über 50 Milliarden Euro ins Staatssäckel, von denen jedoch nur etwa 20 Milliarden für die Verkehrswege ausgegeben werden. Geld ist also ausreichend vorhanden, es wird nur für andere Dinge ausgegeben. An dieser Stelle stellt sich beispielsweise die Frage, welche Unsummen der deutsche Staat im Rahmen des „zivilen Aufbaus“ und der „Entwicklung ländlicher Räume“ in den Straßenbau in Afghanistan investiert hat, während wir hierzulande unter Schaglochpisten und maroden Brücken leiden müssen. Wenn es der Bundesregierung mit den Plänen zur Sanierung der Verkehrsinfrastruktur ernst ist, sollte sie das dafür benötigte Geld an anderer Stelle einsparen – vorzugsweise dort, wo die Ausgaben nicht dem deutschen Steuerzahler zugutekommen. Dann könnte sie getrost auf den ganzen Maut-Murks verzichten.


S. 2 Aktuell

Ukrainer suchen in Russland Zuflucht
Flüchtlinge strömen in südrussische Städte – Behörden verhängen Ausnahmezustand

Seit Pjotr Poroschenko gewaltsam gegen die Separatisten im Osten der Ukraine vorgeht, überrollt eine Flüchtlingswelle die südrussischen Regionen rund um Wolgograd und sorgt für massive Versorgungsprobleme. Russland hat in über 20 Städten bereits den Ausnahmezustand verhängt. Der Kreml verlangt „adäquate Reaktionen“ gegen die Kiewer Regierung.

Es ist ein Bild wie aus längst verdrängten Tagen: Mütter mit Kindern kommen mit dem, was sie in Taschen und Rucksäcken mitnehmen können. Einige überqueren mit dem Bus die Grenze, vereinzelt fliehen verschreckte Menschen zu Fuß: Nach Angaben des Uno-Hochkommissars für Menschenrechte sollen seit Juni mehr als 100000 Menschen nach Russland gekommen sein, die Sprecherin des Russischen Föderationsrats spricht sogar von 500000 Flüchtlingen aus dem Südosten der Ukraine. Eine genaue Statistik gibt es nicht. Berichten aus den südrussischen Flüchtlingslagern und des staatlichen Migrationsdienstes zufolge dürften es zirka 30000 Flüchtlinge sein.

Es sind vor allem Familien, die aus Angst um ihre Kinder ihre Heimat verlassen. Zwar zeigten die Behörden im Wolgograder Gebiet sich zunächst großzügig, indem sie die Menschen in Sanatorien und Ferienlagern für Kinder unterbrachten. Da es aber schnell zu viele wurden, können weitere Flüchtlinge nur in Zeltlagern untergebracht werden. Die Behörden sind bemüht, ihnen kostenlos Lebensmittel und medizinische Hilfe zukommen zu lassen, doch die Versorgung führt nicht nur zu wirtschaftlichen, sondern auch zu logistischen Problemen. In 22 Städten wurde der Ausnahmezustand verhängt. Die Kommunen haben Auffangpunkte eingerichtet, die rund um die Uhr besetzt sind und bei denen die Flüchtlinge sich registrieren lassen müssen. Aber die meisten wollen sich nicht in die Hände russischer Behörden begeben. Viele Ukrainer sind bei Freunden oder Verwandten untergekommen. Häufig nehmen Russen auch Fremde bei sich zu Hause auf, in der Absicht, Gutes zu tun. Für die Behörden wird die Situation dadurch unüberschaubar. Sergej Iwanow, Chef der Präsidialverwaltung, hat die Flüchtlinge aufgerufen, sich unbedingt registrieren zu lassen, da ihnen nur so kostenlos Unterkunft, medizinische Versorgung sowie eine offizielle Arbeitserlaubnis gewährt werden könnten. Darüberhinaus sollen sie die Möglichkeit bekommen, auf vereinfachtem Wege die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Bislang haben sich lediglich 7000 Ukrainer bei der Migrationsbehörde gemeldet. Die meisten hoffen auf eine baldige Rückkehr nach Hause. Nicht alle Russen sind ihnen wohlgesonnen. Sie werfen den Flüchtlingen vor, sich auf Staatskosten in Russland erholen zu wollen. Einige Ukrainer sollen verlangt haben, auf der Krim untergebracht zu werden.

Falls der Ukrainekonflikt weiter anhält und die Menschen bleiben, werden die Probleme sich verschärfen: Ab Herbst ist eine Unterbringung in Zeltlagern nicht mehr möglich. Ein weiteres Problem stellt die Unterrichtung der Kinder dar. Die bestehenden Schulen können so viele vorübergehende Schüler nicht aufnehmen. Deshalb sollen Lehrer von „fahrenden Schulen“ in die sieben Auffanglager im Süden Russlands gehen. Die Versorgung der Flüchtlinge kostet Geld. Moskau hat allein dem Gebiet Rostow 4,3 Millionen Euro Soforthilfe zugesagt.

Inzwischen fragen sich viele Russen, wieviel Hilfe Moskau sich noch leisten kann. Die Folgen der Krim-Annexion bekommen ärmere Russen und Beschäftigte mittelständischer Berufe bereits zu spüren. Durch die steigende Inflation sinken ihre Reallöhne. Weil jahrelang nichts investiert wurde, müssen auf der Krim in Bahnlinien, Häfen und die Industrie enorme Beträge aus dem russischen Staatshaushalt fließen. Putin will 22 Milliarden Euro bis 2020 in die Krim investieren. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die russische Wirtschaft unter den Sanktionen von EU und USA leidet. Nach Berechnungen des IWF wird das Wachstum in diesem Jahr auf 0,2 Prozent sinken.

Zwar könnten die Ukrainer selbst für ihren Unterhalt aufkommen, indem sie arbeiten, jedoch dürfen sie – wie jeder Ausländer – nur 90 Tage am Stück erwerbstätig sein. Es gibt in Südrussland über 4000 freie Stellen in der Baubranche und der Landwirtschaft, doch die Ukrainer suchen in der Regel Arbeit als Verkäufer, Fahrer oder Krankenpfleger.

Eine Zunahme von Flüchtlingen aus der Ukraine meldet auch der Gouverneur des Königsberger Gebiets. Nikolaj Zukanow beklagt, dass mit ihnen von westlichen Geheimdiensten gesteuerte Provokateure kämen, die in Königsberg einen neuen „Majdan“ anstiften wollten. Will er seine Position absichern? Gleichzeitig aber lobte er die Arbeitseffektivität der Ukrainer. Hofft er auf mehr Geld aus Moskau?

Während die USA den Separatisten die Schuld an dem Flüchtlingsproblem geben, geißelt Mos-kau das Vorgehen Poroschenkos. Der Kreml fordert von der EU „adäquate Reaktionen und eine Verurteilung der verbrecherischen Politik der Kiewer Regierung“. Tatsächlich könnte die EU außenpolitischen Druck auf Poroschenko ausüben, da sie weitere Hilfszahlungen von der Einhaltung einer Waffenruhe abhängig machen könnte. Manuela Rosenthal-Kappi


Trotz Skandalen fest im Sattel
Polens Premier Tusk nutzte »Waitergate« sogar, um gegen Russen Stimmung zu machen

Im Warschauer Geschäfts- und Diplomatenviertel Mokotow eröffnete 2010 Polens Starkoch Robert Sowa sein Restaurant „Sowa i Przyjaciele“ („Sowa und Freunde“). Freunde sind etwa die Regierungspartei „Bürgerplattform“ (PO) von Premier Donald Tusk, die 2011 im „Sowa i Przyjaciele“ ihren Wahlsieg feierte. Elitär ist auch der Wirtschaftclub „Amber Room“ im nahen Sobanski-Palast. Doch derzeit leiden beide Etablissements an „Waitergate“, einer von den Medien kreierten Mischung aus „Watergate“ und „Waiter“, dem englischen Begriff für Ober. Die Oberkellner beider Häuser sollen jahrelang Politikergespräche aufgenommen und insgesamt 900 Tonband-Stunden dem Wochenblatt „Wprost“ übergeben haben. Seit 16. Juni publiziert „Wprost“ Auszüge daraus und konnte sich damit von Auflageneinbrüchen erholen.

Polens Öffentlichkeit behandelt die Affäre als Bestätigung ihrer ohnehin schlechten Meinung von Politikern, zumal die Fakten dürftig sind. Kalendarisch fixiert sind zwei Politikertreffen vom Juli 2013 und Februar 2014 im „Sowa i Przyjaciele“, wobei das erste zwischen Innenminister Bartlomej Sienkiewicz und Nationalbankchef Marek Belka das bedeutsamere war. Belka versprach zusätzliche Budgethilfen, was der bedrängten PO nützte, forderte dafür die Absetzung von Finanzminister Jacek Rostowski sowie die Novellierung des Nationalbank-Gesetzes – was binnen zehn Monaten geschah. Alle weiteren Treffen fielen unter Geheimschutz, da unter Beteiligung von Sicherheitsbehörden geführt, oder sie betrafen belanglose Kontakte von Politikern mit Wirtschaftsvertretern.

Als Rostowski noch im Amt war, traf er Anfang dieses Jahres mit Außenminister Radoslaw Sikorski im „Amber Room“ zu einer brisanten Unterhaltung zusammen, deren Mitschnitt Sikorski nicht kommentieren wollte. Dieser eitle „obernarcyz“ (Obernarzist), wie sein Spitzname in der PO lautet, ließ niemanden und nichts gelten: Inkompetente Briten, wertlose US-„Zuhälter“, überflüssige Europaabgeordnete, Polen voll „sklavischer Negermentalität“.

Ob diese Mitschnitte authentisch sind, weiß niemand. Dies gilt auch für weitere mit Personen aus Tusks engster Umgebung. Ihr politischer Wert ist gering, ihr sprachlicher als Sammlung polnischer Vulgärdiktion beachtlich. Dass die Behörden am 18. Juni Material bei „Wprost“ beschlagnahmen wollten, erwies sich als Eigentor: Die Journalisten protestierten lautstark („Wir leben nicht in Putin-Land“), die OSZE äußerte „Besorgnis“, die BBC und andere riefen nach Polens Staatsanwaltschaft.

Inzwischen ist Ruhe eingekehrt, die Initiatoren der Tonbandaffäre sind partiell in Haft. Die Vertrauenskrise durch die „Wprost“-Enthüllungen hat Tusk nicht betroffen, ihn aber härter gemacht. Er hat seine bisherigen Spitzenleute Rafal Grupinski und Pawel Gras kaltgestellt und die PO verwarnt: „Wenn ihr überleben wollt, dann zappelt nicht herum!“ Bewusst hat er den antirussischen Joker ausgespielt („Ich weiß nicht, in welchem Alphabet das Drehbuch der Affäre verfasst wurde“), was konkreten Bezug hat: Marek Falenta und Krzysztof Rybka, zwei Importeure von russischer Kohle, sollen laut Staatsanwaltschaft die Kellner von „Sowa i Przyjaciele“ und „Amber Room“ mit umgerechnet je 30000 Euro fürs Abhören bezahlt haben. Tusk hat den Sejm energisch eingewiesen („Brüssel soll spüren, dass Polen stabil ist“) und die Vertrauensfrage mit 237 zu 203 Stimmen gewonnen. Er hat sich unter den Platzhirschen von Polens Politszene – neben ihm Waldemar Pawlak (Volkspartei), Leszek Miller (Demokratische Linke) und Jaroslaw Kaczynski (Recht und Gerechtigkeit, PiS) – so gut etabliert, dass er und sein Koalitionspartner Pawlak vorgezogenen Neuwahlen gelassen entgegen sehen. In den acht Monaten bis zu den regulären Wahlen kann die PiS nicht punkten, und ihr Sieg würde laut Bankchef Belka „eine Finanzkatastrophe und ein Ausreißen fremder Investoren auslösen“.

Kann Tusk also sicher sein? Von PiS hat sich 2011 die konservative Partei „Solidarisches Polen“ (SP) abgespalten, welche die Manieren von Tusks PO bemängelt, weshalb ihr Spitzenmann Andrzej Romanek rügte: „Wenn Marschall Pilsudski noch lebte, säßen Tusk und sein vulgärer Ministerhaufen hinter Gittern, während das Erschießungskommando nachlädt.“

Wolf Oschlies


Ukraine-Krise soll helfen

Nach der Forderung, Investitionen bei der Berechnung der Staatsverschuldung außen vor zu lassen, gibt es nun einen neuerlichen Versuch, den EU-Stabilitätspakt aufzuweichen. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, versuchen einige osteuropäische EU-Länder durchzusetzen, dass auch die Kosten für steigende Militärausgaben bei der Schuldenberechnung nicht berücksichtigt werden sollen.

Die Befürworter kreativer Buchführung berufen sich dabei auf die Krisensituation in der Ukraine, die zu wachsenden Verteidigungsbudgets geführt habe. Geltend gemacht werden „außergewöhnliche Umstände“, die man laut Fiskalpakt mildernd berücksichtigen solle, so die Argumentation der Befürworter, zu denen die rumänische Regierung gehört.

Den Vorschlag, zusätzliche Rüstungsausgaben bei der Berechnung der mittelfristigen Finanzziele zumindest bis 2016 außen vor zu lassen, wolle Rumänien beim nächsten EU-Finanzministertreffen präsentieren, so der „Spiegel“. N.H.


MELDUNGEN

Peking pfeift auf Merkel

Peking – Wie bei jedem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in China standen auch diese Woche wieder die Menschenrechte auf der Agenda. Ihre Gastgeber scheren sich indes wenig um die Appelle der deutschen Regierungschefin. So hat Peking noch während ihres Aufenthaltes die Regeln für Journalisten deutlich verschärft. Seit Dienstag ist die Weitergabe von „heiklen Informationen“ verboten, wie die nationale Pressebehörde mitteilte. Medienschaffende dürften die Informationen nicht kopieren, aufnehmen, aufbewahren oder im privaten Gespräch weitergeben. Was genau „heikle Informationen“ sind, wurde nicht definiert. Dazu können demzufolge alle Arten von Informationen gehören, von Staatsgeheimnissen über Unternehmensgeheimnisse bis zu unveröffentlichten Informationen. J.H.

 

Army finanziert Experiment

Ithaca – Erst mit zweijähriger Verspätung wurde bekannt, dass die zentrale Neuigkeitenseite beim sozialen Netzwerk Facebook im Rahmen eines Psychologie-Experiments manipuliert wurde. Überhaupt nicht thematisiert wurde in den zahllosen Medienberichten und Kommentaren dazu, wer hinter der Sache steckt. Aufschluss gibt ein im Internet veröffentlichter Projektbericht der US-amerikanischen Cornell University in Ithaca, New York, die zu den renommiertesten Hochschulen weltweit gehört. Demnach wurde das Vorhaben vom Army Research Office, einer Forschungseinrichtung des US-Heeres, und der James S. McDonnell Foundation, deren Stiftungszweck die Verbesserung der Lebensqualität durch wissenschaftliche Forschung ist, finanziert. Nachdem die US-Zeitschrift „The Atlantic“ das ans Licht gebracht hatte, wurde die Passage in dem Projektbericht geändert. Nun heißt es dort, man habe sich geirrt, das Experiment sei ohne Fremdmittelfinanzierung durchgeführt worden. J.H.


S. 3 Preussen/Berlin

Grünes Chaos Kreuzberg
Das linke Milieu produziert selbstherrlich rechtsfreie Räume und hohe Kosten

Nach einem Ultimatum des Berliner Polizeipräsidenten an das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg wurde eine dubiose Vereinbarung über den Verbleib von Zuwanderern in der Gerhart-Hauptmann-Schule getroffen. Tausend Polizisten waren über eine Woche im Einsatz.

„Monika Herrmann hat aus meiner Sicht das Recht verwirkt, diesem Bezirk vorzustehen. Sie ist überfordert, sie ist unfähig und sie muss zurücktreten.“ Das hat die Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle, zum Verhalten der grünen Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg im Radio Eins des RBB erklärt. Schon das frühere „Flüchtlingslager“ auf dem Oranienplatz, so Fehrle, hätte nicht geduldet werden dürfen, ebenso wenig die Besetzung der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule (GHS). An dieser gab es in der vergangenen Woche ein langwieriges Tauziehen um den Verbleib oder Auszug von Zuwanderern zwischen den Vertretern des Bezirks und der Polizei. Einige Afrikaner versuchten mit der Drohung, sich vom Dach des Gebäudes zu stürzen, ein Bleiberecht zu erpressen.

Rund 1000 Polizeibeamte mussten über eine Woche das Gebiet um die ehemalige Schule sichern, nicht zuletzt wegen einer aggressiven linksextremen Unterstützerszene. Schon früher gab es häufig Straftaten und Gewalttätigkeiten in dem alten Schulgebäude, darunter Messerstechereien. Im April erstach ein Mann aus Gambia einen Marokkaner in der Dusche. Der Drogenhandel im nahegelegenen Görlitzer Park ist laut Beobachtern sprunghaft angestiegen. Allein die Personalkosten für den Polizeieinsatz in den vergangenen Wochen belaufen sich auf fünf Millionen Euro. Die Anwohner wurden durch die Absperrungen der Polizei in Mitleidenschaft gezogen.

Am 30. Juni sandte Polizeipräsident Klaus Kandt eine Art Ultimatum an Herrmann. In dem Schreiben hielt er ihr vor, kurz zuvor gemachte Zusagen zur GHS nicht eingehalten zu haben. Weder habe es den angekündigten Einsatz einer Baufirma gegeben, noch habe die Polizei überhaupt Aktivitäten erkennen können, die einer Bauabsicherung dienen könnten. Herrmann habe angekündigt, in ihren Gremien abzustimmen, ob ein Räumungsersuchen an die Polizei gerichtet oder darauf verzichtet werde. Nachdem keine Entscheidung des Bezirksamtes eingetroffen sei, zwinge dies die Polizei aufgrund des hohen personellen Aufwandes zu einer Reaktion. Kandt schrieb: „Sollte bis morgen früh kein schriftliches Vollzugshilfe-Ersuchen für die – auch zwangsweise durchsetzbare – Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule vorliegen, wird die Polizei die operativen Maßnahmen an dem Objekt ab diesem Zeitpunkt sukzessive zurück­fahren. Ein vollständiger Abbau sämtlicher Einsatzmittel vor Ort wäre in diesem Fall am 1. Juli 2014 im Laufe des Tages zu erwarten.“

Das Schreiben Kandts bezeichnete der Chefredakteur des „Tagesspiegel“, Lorenz Maroldt, als „Ungeheuerlichkeit“, weil damit die Polizei, „eine nachgeordnete Behörde“, der „Politik“ Vorschriften mache. Kandt hatte aber wohl das mindestens stillschweigende Einverständnis von Innensenator Frank Henkel (CDU). Schließlich duldeten Vertreter des Bezirks Kreuzberg fortgesetzt halbkriminelles Treiben, ja förderten es de facto geradezu, und hielten Vereinbarungen nicht ein.

Herrmann reagierte indes auch auf dieses Schreiben des Polizeipräsidenten nicht. Nur der grüne Kreuzberger Stadtbaurat Hans Panhoff, ehedem selbst Hausbesetzer, richtete jetzt verantwortungsbewusst ein Räumungsersuchen – von dem sich Herrmann später distanzierte – an die Polizei. Panhoff wollte insbesondere einen weiteren unkontrollierten Zustrom von Zuwanderern oder anderen Personen in die GHS verhindern.

Indem ein Grüner die Polizei rief, um ein besetztes Haus räumen zu lassen, beging Panhoff in der Kreuzberger Szene ein Sakrileg, und er sah sich wütenden Protesten ausgesetzt. Schluss­endlich konnte jedoch eine gewaltsame Räumung durch die Polizei vermieden werden, indem der Bezirk eine – allerdings dubiose – Vereinbarung mit noch rund 40 sogenannten „Flüchtlingen“ traf. Der zufolge können sie weiter in einem Teil des Gebäudes wohnen, es werden ihnen Ausweise zum Betreten der GHS ausgestellt, ein Sicherheitsdienst übernimmt die Eingangskontrolle. Ferner heißt es in der Vereinbarung: „Der Bezirk erklärt, keine Anträge für eine strafrechtliche Verfolgung der Flüchtlinge wegen ihres Aufenthaltsstatus in der Schule zu stellen.“

Innensenator Henkel erklärte, dass es für ihn „aufenthaltsrechtlich keinen Spielraum für eine Vorzugsbehandlung geben kann und wird“. Die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin habe durch ihr „monatelanges Wegducken und ihren unberechenbaren Kurs“ einen enorm teuren Polizeieinsatz zu verantworten.

Will man diese jüngsten Ereignisse in Kreuzberg verstehen und auch, warum die 49-Jährige Herrmann wohl auch weiter nicht an Rücktritt denken muss, kann ein Blick auf die örtlichen parteipolitischen Kräfteverhältnisse hilfreich sein. In dem im Jahr 2001 vereinigten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg entfielen bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im Jahr 2011 auf die Grünen 30,3 Prozent, die SPD 23,9 Prozent, die „Piraten“ 14,7 Prozent, die „Linke“ 13 Prozent und die CDU 8,4 Prozent der Stimmen. Die Addition der Stimmergebnisse aller linken Parteien ergibt satte 81,9 Prozent. Bei der Wahl 2011 zur Bezirksverordnetenversammlung hatten die linken Parteien zusammen sogar 83,1 Prozent erzielt, die CDU nur 7,9 Prozent. Michael Leh


Chance für die FDP
von Klaus Gröbig

Berlin wird von einer Großen Koalition regiert. Die CDU stellt dort den Juniorpartner. Die Umfragen scheinen darauf hinzudeuten, dass bei den Wahlen, die allerdings erst 2016 anstehen, die SPD erstmals seit 2001 nicht mehr stärkste Partei wird. Da die stärkste Koalitionspartei den Regierenden Bürgermeister stellt, dürfte es eine Große Koalition bisheriger Bauart nicht mehr geben. Für Schwarz-Grün – von einigen linken CDU-Exponenten angedacht – ist zurzeit auch keine Mehrheit in Sicht.

Was hat das mit der FDP zu tun? Am 18. September 2011 erzielten die Berliner Liberalen nur noch einen Stimmenanteil von 1,8 Prozent und nahmen damit ihren bundesweiten Abstieg vorweg. Sie hatten nicht begriffen, dass sie für ihre Wähler in erster Linie Funktionspartei sind. Das galt im Bund wie in den Ländern. Sie wurden „gebraucht“, um Bundeskanzler wie Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Willy Brandt und Helmut Schmidt ins Amt zu bringen. Zuweilen warben sie sogar um Stimmen mit diesem Argument: „Schmidt soll Kanzler bleiben.“ Mit dem Aufstieg der Grünen und verstärkt noch ab 1990 mit dem Auftreten der SED-Erben, die sich heute „Linke“ nennen, geriet die FDP in dieser Rolle zunehmend in Bedrängnis.

Aber die politischen Verhältnisse sind in Bewegung geraten, seitdem die Alternative für Deutschland (AfD) dabei ist, sich als zusätzliche bürgerliche Kraft zu etablieren. Das Besondere an der AfD ist, dass sie als neue gesamtdeutsche Partei im Osten besonders viele Stimmen bekommt, während die SED-Erben dort entsprechende Verluste verbuchen. Es liegt nahe, dass dies Wähler sein könnten, die den Multikultikurs von Gregor Gysi und Co. nicht mehr mittragen wollen, aber für welche die alten Westparteien wie CDU und FDP auch nicht infrage kommen.

Wer in Berlin Lokale in Wohnquartieren mit einer entsprechenden Bevölkerung besucht, trifft auf frühere Volkspolizisten und NVA-Offiziere, die nach dem vierten Bier offenherzig zugeben, der AfD die Stimme gegeben zu haben. Die neue Partei wäre klug beraten, mit ihrem Auftreten diese Wähler nicht zu vergraulen. Damit aber ist in der Stadt eine neue strategische Lage entstanden. Durch die Ost-Berliner Wählerschaft waren bislang keine „nichtlinken“ Mehrheiten im Berliner Abgeordnetenhaus denkbar. Bringt aber ein wesentlicher Teil der bisherigen Wählerschaft der Linken seine Stimmen in einem „Bürgerblock“ nach Hamburger Vorbild ein, dann sieht die Sache schon anders aus.

Dort liegt die Chance für die FDP, die, per „Leihstimmen“ über fünf Prozent gehoben, mit CDU und AfD wieder eine bürgerliche Mehrheit in Berlin ermöglichen könnte.

Klaus Gröbig war bis 2000 Vorsitzender des damals mitgliederstärksten Kreisverbandes der Berliner FDP Tempelhof.


Neues Heim für Bücher
Schlüsselübergabe für Speichermagazin in Friedrichshagen

Am Müggelsee können die Staatsbibliothek und zwei weitere Berliner Institutionen künftig ihre Buch- und Bildbestände in einem neuen Speichermagazin lagern. In Anwesenheit des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Hermann Parzinger, fand nun die Schlüsselübergabe für das erste Ge­bäude am neuen Speicherstand­ort der SPK statt. „In dem nun in Betrieb genommenen Haus sichern ausreichend Magazinraum und exzellente konservatorische Bedingungen den Erhalt unserer Bestände“, sagte Parzinger.

Das in Friedrichshagen gelegene modernste Magazin Deutschlands bietet Platz für sechs Millionen Bücher, die unter idealen konservatorischen Bedingungen von 18 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit lagern. Die Staatsbibliothek wird hier etwa 3,5 Millionen Bände unterbringen. „Die Bibliothek hat hier bereits 40 Regalkilometer stehen“, rechnete Parzinger aus, „Sie können also fast einen Marathonlauf an den Bücherregalen entlang machen.“

Die Errichtung des 95,4 Millionen Euro teuren Gebäudes, das vollständig vom Bund finanziert wurde, war dringend notwendig, weil die Kapazitäten der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße und dem Interimsmagazin Westhafen vollständig ausgeschöpft waren. Ähnliches gilt für das Ibero-Amerikanische Institut am Potsdamer Platz und die bpk Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte im Otto-Nagel-Haus in Berlin-Mitte, die ihre Bestände ebenfalls nach Friedrichshagen auslagern. Die zwölf Millionen Negative und Prints der bpk werden dabei in speziellen Kühlräumen bei zehn Grad gelagert.

Das vom Münchener Architekten Eberhard Wimmer entworfene viergeschossige Gebäude stellt über 21000 Nutzfläche zur Verfügung. Da es sich in einem Wasserschutzgebiet befindet, mussten mehrere Umweltauflagen erfüllt werden. So durfte nicht in die Tiefe gebaut werden. Es gibt also keine unterirdischen Speichermöglichkeiten. Dafür gibt es ein begrüntes Dach sowie künstliche Fledermaushöhlen und Nistkästen für Rotkehlchen.

Da damit zu rechnen ist, dass auch das neue Magazin bald aus allen Nähten platzen wird, sind bereits für 2036 und 2060 zwei weitere Bauabschnitte geplant. Ausleihen kann man in der neuen Bücherherberge direkt allerdings nichts. Im Magazin gibt es keinen Benutzerbetrieb. Dafür werden dann bestellte Materialien täglich per Lkw zu den zentralen Berliner Bibliotheken gefahren. H. Tews


Jobwunder mit Schattenseiten
Brandenburg meldet Rekordtief bei Arbeitslosigkeit

Brandenburg meldet ein Rekordtief bei der Arbeitslosigkeit. Die Quote ist auf neun Prozent gesunken, im Mai hatte sie noch 9,3 Prozent betragen. Das sei „die niedrigste Arbeitslosigkeit in einem Juni seit 1991“, sagte Dieter Wagon, Leiter der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg bei der Bundesagentur für Arbeit. Die registrierten Arbeitslosen nahmen demnach im Juni um 3565 auf 120253 ab. Die Arbeitslosenrate liegt zwar über dem Bundesdurchschnitt von 6,5 Prozent, doch erreicht die Mark im Vergleich zu anderen neuen Bundesländern einen durchschnittlichen Wert und liegt vor Berlin, das mit elf Prozent bundesweit das Schlusslicht bildet.

Gerade für junge Leute unter 25 Jahre sind demnach die Chancen in der Mark günstig, eine Anstellung zu finden. In dieser Gruppe sank die Arbeitslosigkeit um 0,5 Punkte auf 8,5 Prozent. Nach den aktuellen Zahlen profitieren indes alle Altersgruppen von der Belebung am Arbeitsmarkt. Der Bevölkerungsrück-gang der letzten Jahre hat sich 2013 deutlich abgeschwächt: Von Januar bis September 2013 „verlor“ die Mark statistisch unterm Strich 150 Menschen – im Vorjahr war die Bevölkerung noch um 2500 Menschen zurückgegangen.

Auch wenn in der Mark mit 11693 offenen Stellen 1153 mehr als im Juni 2013 gelistet werden, so gibt es doch Schattenseiten. Das Jobwunder läuft häufig auf prekäre Beschäftigung hinaus. Laut der Partei „Die Linke“ ist eins von vier Beschäftigungsverhältnissen davon betroffen. Rund 60000 Menschen erhielten 2013 in Brandenburg von den Behörden Geld zur Unterstützung wegen zu geringen Lohns. Die sogenannten Aufstockerleistungen vom Jobcenter stützen somit über Steuern geringbezahlte Arbeitsverhältnisse.

In einem spektakulären Fall im April musste das Arbeitsgericht Senftenberg entscheiden, ob in einer Anwaltskanzlei gezahlte Löhne für Bürokräfte von 1,54 Euro sittenwidrig sind. Der auf Bundesebene beschlossene Mindestlohn dürfte somit erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt Brandenburgs haben.

Die rot-rote Landesregierung beurteilte die Arbeitsmarktentwicklung dennoch positiv: „Wir schrammen an einer weiteren psychologisch wichtigen Prozentmarke“, sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) – er hoffe auf eine Acht vor dem Komma. SV


S. 4 Hintergrund

Hebammen vor dem Aus?
Aktuelle Debatte um Versicherung vernebelt Blick auf die wirklichen Probleme

Der Wirbel um die steigenden Haftpflichtprämien für Hebammen hat den Eindruck erweckt, dass der wohl mit älteste Frauenberuf kurz vor dem Aussterben stehe. Doch ist dem so?

5091 Euro lautet der Betrag, der um den 1. Juli herum deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte. Es handelt sich hierbei um die Summe, die in der Geburtshilfe tätige, freiberufliche Hebammen jährlich seit Jahresmitte zahlen müssen. Dies ist wahrhaftig ein hoher Betrag, da der Beruf der Hebamme bekanntermaßen nicht zu den bestbezahlten im Lande zählt.

Doch wer sich im Hebammenwesen nicht auskennt, der kann nur schwer die Tragweite des durchaus vorhandenen Problems durchschauen. Denn die massiv gestiegene Haftpflichtversicherung – vor zehn Jahren waren nur 1352 Euro zu bezahlen – gelten nur für in der Geburtshilfe Tätige und hier auch nur für jene, die freiberuflich arbeiten, also nicht im Krankenhaus angestellt sind. Dort gibt es also auch weiter auf jeden Fall Hebammen, da sie über das Krankenhaus versichert sind. Das leidet zwar auch unter steigenden Haftpflichtkosten – schließlich wird bei Schadensfällen immer öfter geklagt und wenn der Kläger gewinnt, wird es auch immer teurer, da höhere Schadenssummen fällig werden –, doch ein Krankenhaus kann die Mehrkosten besser ausgleichen. Eine in der Geburtshilfe tätige Hebamme hingegen hat nur ihre überschaubaren Einnahmen, von denen die Versicherung schnell einen beachtlichen Teil auffrisst.

Für die deutschlandweit rund 3000 in der Geburtshilfe tätigen Hebammen hat der Staat inzwischen eine Übergangslösung gefunden, indem vorerst Teile der Haftpflicht von den Krankenkassen übernommen werden. Diese Lösung war möglich, weil die Hebammen eine breite Öffentlichkeit auf ihr Problem aufmerksam machen konnten. Demonstrationen von Hebammen, aber auch über die sozialen Netzwerke verbreitete Online-Petitionen zugunsten der betroffenen Geburtshelferinnen sorgten für gesellschaftlichen Druck auf die Politik.

Dabei geriet aus dem Blick, dass mit 98 Prozent der Großteil der Geburten hierzulande in Krankenhäusern stattfindet. Nur bei den verbleibenden knapp zwei Prozent handelt es sich um Hausgeburten oder Niederkünfte in sogenannten Geburtshäusern, einer unter Hebammenbetreuung stehenden Einrichtung. Dies hat für die Gebärende samt Kind Vor- und Nachteile (siehe Beitrag unten), ist aber für die Krankenkassen vor allem die günstigere Alternative zur Krankenhausgeburt. Kostet eine natürliche Geburt in der Klinik die Kassen inklusive drei bis fünf Tagen Aufenthalt von Mutter und Kind laut dem Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus rund 1700 Euro (Kaiserschnitt zwischen 2600 und 8400 Euro) plus etwa 700 Euro für die Betreuung des Säuglings zusätzlich, sind es bei Hausgeburten nur 707,33 Euro laut Deutschem Hebammenverband (DHV). Demnach ist die Debatte, ob die Gesellschaft sich heutzutage noch die Wahlfreiheit leisten wolle, angesichts der wahren Kosten im Grunde eine Scheindebatte.

Und völlig unter den Tisch ist angesichts des aktuellen Aufhängers um eine kleine Minderheit der deutschlandweit rund 21000 freiberuflichen Hebammen der Umstand gefallen, dass ihre grundsätzliche Verdienstsituation das eigentliche Problem ist und den Berufsstand gefährdet. 31,28 Euro pro Hausbesuch, egal wie lange dieser dauert und egal wie lange die Anfahrt währt, abzüglich der eigenen Sozialversicherungsbeiträge, Steuern und Nebenkosten sorgt, laut DHV dafür, dass der Nettoverdienst der ausgebildeten Hebammen nur knapp dem Mindestlohn von 8,50 Euro entspricht. Vor allem in ländlichen Gebieten, wo die Anfahrtswege lang sind, verringert sich dieser Wert noch, so dass es hier immer weniger gibt, die den Beruf ausüben. Rebecca Bellano


Mehr als nur Geburtshilfe
Hebammen betreuen auch während und nach der Schwangerschaft

Mit dem Historienfilm „Die Hebamme“ mit Josefine Preuß in der Hauptrolle erreichte Sat1 im Frühjahr eine traumhafte Einschaltquote. Kostümfilme sind beim TV-Publikum beliebt. Viele der Zuschauer bringen Hebammen auch eher mit der Vergangenheit als der Gegenwart in Verbindung. Früher wurden Geburten von Hebammen betreut, heute geschieht das im Krankenhaus, so die Meinung vieler. Dass auch in Kliniken Hebammen tätig sind, wissen meist nur Betroffene. Dabei übernehmen Hebammen die Hauptbetreuung der Gebärenden. Der Gynäkologe schaut nur hin und wieder im Kreißsaal vorbei, kommt bei Komplikationen hinzu und ist meist erst ab Einsetzen der Presswehen, also der letzten Phase, in der das Kind den Mutterleib verlässt, durchgehend dabei.

Doch da viele Kliniken nur noch mit festangestellten Hebammen arbeiten und deren Schicht alle sechs Stunden wechselt, bedeutet das, dass eine Gebärende während einer Geburt von mehreren Hebammen nacheinander betreut wird. Eine Beziehung zu der Hebamme aufzubauen ist so nicht möglich, dabei ist eine Geburt auch ein hochemotionales Erlebnis, bei dem die werdende Mutter auch seelischen Beistand benötigt.

Da aber immer weniger Krankenhäuser es gutheißen, wenn die Schwangere eine freiberufliche Hebamme engagiert, die sie dann durchgehend bei der Geburt betreut, bleibt jenen, die das Ereignis mit einer Vertrauten, die sie schon durch die Schwangerschaft begleitet hat, erleben wollen, nur eine Hausgeburt oder die Niederkunft im ausschließlich von Hebammen betreuten Geburtshaus. Doch das birgt Risiken. So wird laut der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe jede sechste Frau, die daheim oder im Geburtshaus gebiert, wegen Komplikationen doch ins Krankenhaus gebracht. Und der Berufsverband der Frauenärzte weist darauf hin, dass bei einer Geburt Minuten über Gesundheit, Krankheit oder Tod entscheiden, weshalb die klinische der Hausgeburt unbedingt vorzuziehen sei. Doch der sehr eng getaktete Klinikalltag, die sterile Umgebung, der Personalmangel, die auffällig ansteigende Zahl von Kaiserschnitten und Fällen von tödlichen Krankenhauskeimen schrecken wiederum Schwangere von einer Klinikgeburt ab.

Doch die Geburt selbst ist nur eines von vielen Aufgabengebieten von Hebammen. Schon während der Schwangerschaft kann die werdende Mutter auf eine Hebamme zurückgreifen, die ihr mit Rat und Tat bei Schwangerschaftsbeschwerden sensibler zur Seite steht als viele Frauenärzte. Viele Hebammen bieten auch Geburtsvorbereitungskurse an, in der sie die werdenden Mütter, aber auch Väter auf das Kommende vorbereiten – und sich selbst zudem ein Zubrot verdienen. Nach der Geburt folgt dann die Wochenbettbetreuung, in der Mutter und Kind gleichermaßen umsorgt werden. Der Mutter wird beispielsweise beim Stillen geholfen, gezeigt, wie sie das Baby richtig badet und das Kleine wird beobachtet, ob es sich richtig entwickelt. Auch bei psychischen Problemen infolge von Hormonschwankungen helfen die Hebammen. Zudem bieten viele Rückbildungs- und Mutter-Kind-Kurse an. Bel


Versicherer meiden Hebammen

In der Debatte um die Höhe der seit dem 1. Juli für in der Geburtshilfe tätige freiberufliche Hebammen geltenden Haftpflichtversicherung ist ein anderes Problem in den Hintergrund gedrängt worden: Es gibt kaum noch Versicherer, die in diesem Bereich agieren.

Nachdem die Nürnberger Versicherung mitgeteilt hat, dass sie sich aus der Gruppenhaftpflicht für DHV-Mitglieder zurückziehe, da diese ein Minusgeschäft sei und langfristig schwer kalkulierbare Risiken berge, gibt es deutschlandweit nur noch die R+V-Versicherung der Genossenschaftsbanken und die zu der Sparkassengruppe gehörende Versicherungskammer Bayern, welche ein Konsortium bilden, zu dem die Nürnberger Versicherung noch gehört. Bei der Suche nach jemandem, der die Anteile der Nürnberger übernimmt, erteilten 147 der europaweit angefragten Versicherer eine Absage.

Diese Entscheidung ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Zwar entfallen auf die rund 10000 außerklinischen Geburten in Deutschland pro Jahr nur rund ein Dutzend teure Haftungsfälle, doch die werden immer teurer. „Kinder, die einen schweren Geburtsschaden erlitten haben, haben dank der modernen Medizin eine wesentlich längere Lebenserwartung als früher“, so Bernd Hendges, Gesellschafter des Versicherungsmaklers Securon. Mussten die Versicherungen früher bei den schweren Fällen zwei Millionen Euro insgesamt einplanen, sind es jetzt sechs Millionen. Und es werden mehr, denn erreichen die geschädigten Kinder das Erwachsenenalter, sind auch Verdienstausfälle zusätzlich zum Pflegegeld und die Therapie zu zahlen. 400000 Euro pro Jahr sind dann schnell fällig. Bel


Zeitzeugen

Hermann Gröhe – Es ist nicht so, dass der Gesundheitsminister sich nicht mit dem Thema der Hebammenhaftpflicht befasst hätte, nur stieß die von ihm extra eingerichtete Arbeitsgruppe auf zahlreiche verfassungs- und sozialrechtliche Probleme. Immerhin wurde jetzt eine Übergangslösung bis Sommer 2016 gefunden.

Kristin Alheit – Die schleswig-holsteinische Gesundheitsministerin (SPD) hat im Bundesrat einen Antrag gestellt, die „Absicherung des Haftungsrisikos in der Geburtshilfe durch die Schaffung eines steuerfinanzierten Haftungsfonds für über eine fallbezogene Haftungshöchstgrenze hinausgehende Schäden zu prüfen“. Dieser Vorschlag wurde bereits im März angenommen und der Bundesregierung zur Prüfung übergeben.

Anke Bastrop – 133798 Unterzeichner konnte die zweifache Mutter und Schriftstellerin für ihre Online-Petition „Menschenwürde ist kein Ehrenamt – Hebammen brauchen höhere Vergütungen“ 2013 gewinnen. Auf diesem Wege gelang es ihr, Druck auf die Bundesregierung auszuüben. So sieht Bastrop es als Erfolg an, dass im Koalitionsvertrag folgende Passage steht: „Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen im Speziellen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen.“ Die Schwerinerin begründete ihr Engagement für die Hebammen wie folgt: „Meine jüngste Tochter ist anderthalb. Noch immer zehre ich von der Begleitung meiner Hebamme während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit. Es war so wichtig, dass sie da war. Im Nachhinein beschleicht mich aber ein ungutes Gefühl, wenn ich bedenke, wie wenig sie dafür verdient hat. Für die nächsten Jahre wünsche ich mir ein drittes Kind.“

Katharina Jeschke – Das Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbandes betont, dass durch die Abschaffung der Wahlfreiheit des Geburtsortes weder ein Qualitätsgewinn noch eine Kostenreduktion zu erwarten sei. „Im Gegenteil: Zu erwarten ist eine Steigerung der Gesamtkosten, denn das Risiko eines Kaiserschnittes und der daraus entstehenden Folgen ist bei einer Klinikgeburt wesentlich höher.“


S. 5 Deutschland

Wenn jede Minute zählt
Erfahrene Offiziere plädieren für bewaffnete Drohnen zum Schutze deutscher Soldaten

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat sich im Bundestag für bewaffnungsfähige Drohnen ausgesprochen. Ob und wann diese tatsächlich der Bundeswehr bei einem Einsatz zur Verfügung stehen werden, bleibt offen.

Von der Leyen hatte lange vermieden, sich zum Thema Drohnen zu äußern. Erst letzte Woche, nach einer Expertenanhörung im Verteidigungsausschuss, äußerte sie sich in der von der Fraktion der Partei „Die Linke“ beantragten „Aktuellen Stunde“ zur Beschaffung von bewaffnungsfähigen Drohnen. Von der Leyen erklärte, die Aufklärungsdrohne „Heron“, ein israelisches Modell, habe gute Dienste geleistet. Der Leasing-Vertrag für dieses Gerät läuft nächstes Jahr aus.

Offen ist, welcher Drohnentyp danach genutzt wird. Das Nachfolgemodell „Heron TB“ kann auch bewaffnet werden und vielleicht für eine Übergangszeit dienen. „Bei einer Neuentwicklung“, sagte von der Leyen, „die mindestens zehn Jahre in Anspruch nehmen wird, plädiere ich für eine europäische Entwicklung … Es sollte ein bewaffnungsfähiges Modell sein, über dessen tatsächlichen bewaffneten oder unbewaffneten Einsatz in jedem Einzelfall ein Mandat des Deutschen Bundestages entscheidet.“ Sie betonte, die Bundesregierung lehne „extralegale völkerrechtswidrige Tötungen kategorisch ab“, gleich mit welchem Waffensystem. Doch gibt es beim Koalitionspartner SPD erheblichen Widerstand gegen bewaffnete Drohnen. Die Grünen und „Die Linke“ lehnen sie auch ab. Dabei fordert die Bundeswehr schon lange bewaffnete Drohnen zum Schutz der Soldaten.

So hatte etwa der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner, in seinem Beitrag „Ferngesteuerte Luftfahrzeuge – maßgeschneiderter und besserer Schutz für unsere Soldaten im Einsatz“ im Januar in der Zeitschrift „Ethik und Militär“ ausführlich dargelegt, warum die Bundeswehr sowohl taktisch-operativ als auch zum Schutz der Soldaten bewaffnete Drohnen brauche, zumal bei asymmetrischer Kriegsführung. Bereits heute würden nach Expertenmeinung ferngesteuerte Luftfahrzeuge von ungefähr 90 Staaten militärisch genutzt. Ein Drittel davon verfüge bereits über die Möglichkeit zum bewaffneten Einsatz. Der technologische Vorsprung anderer Länder wachse rasant. Der Trend zum Einsatz bewaffneter Drohnen steige, da die Vorteile offenkundig seien. Schon die unbewaffneten Aufklärungsdrohnen der Bundeswehr hätten in Afghanistan für ein viel klareres Lagebild gesorgt und so das Risiko für die Soldaten gemindert. Auch die Sicherheit für die Zivilbevölkerung sei dadurch erhöht worden.

Die fehlende Bewaffnung stelle jedoch, so Müllner, ein „gravierendes Manko“ dar. Ohne sie könne den Soldaten aus der Luft nur mit zeitlichen Verzögerungen und geminderter Präzision geholfen werden. Die Verbündeten in Frankreich, Großbritannien, Italien und den Niederlanden hätten dieselben Erfahrungen gemacht und entsprechende Entscheidungen für die Ausrüstung ihrer Streitkräfte bereits getroffen. „Eine ähnliche, zuweilen emotional aufgeladene Debatte über ethisch-moralische Fragen und mögliche Folgen dieser Technologie wurde und wird in keinem dieser Länder geführt“, schreibt Müllner. In Deutschland drohe dagegen der Verlust bereits gewonnener Erfahrung und Kompetenz im Einsatz unbemannter Luftfahrzeuge. Schon seit zwei Jahren habe die Luftwaffe auf bestehende und sich entwickelnde Fähigkeitslücken hingewiesen und in politischen, kirchlichen, friedensethischen und anderen gesellschaftlichen Foren für die Beschaffung bewaffneter ferngesteuerter Luftfahrzeuge plädiert.

In Afghanistan habe er mitverfolgt, wie eine deutsche Patrouille in einen Hinterhalt geraten sei. Sie habe sich gerade auch durch ein von „Heron“ geliefertes besseres Lagebild erfolgreich verteidigen können. „Hätten die Angreifer jedoch besser vorbereitet, aggressiver und entschlossener agiert, wäre eine erfolgreiche Verteidigung ohne bewaffnete Unterstützung aus der Luft nicht möglich gewesen“, so Müllner. Wenn man erst ein Kampfflugzeug der Verbündeten hätte herbeirufen müssen, wäre wertvolle Zeit verstrichen, in der Soldaten im Gefecht am Boden höchster Gefahr ausgesetzt gewesen wären. Die Sorge von Kritikern, wonach automatisierte Waffensysteme ohne menschliches Zutun Krieg führen könnten, teile er durchaus, „jedoch nur mit Blick auf die ferne Zukunft, wenn es darum gehen sollte, bemannte Kampfflugzeuge Schritt für Schritt durch eine künftige Generation ferngesteuerter Kampfflugzeuge zu ersetzen.“

Bei der Expertenanhörung im Verteidigungsausschuss des Bundestages unterstrich auch der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos und ehemalige Kommandeur im Afghanistan-Einsatz, Generalleutnant Hans-Werner Fritz, die Notwendigkeit bewaffneter Drohnen. „Sobald der Soldat im Gefecht ist, tickt für ihn die Uhr“, erklärte er am Beispiel eines Einsatzes in Afghanistan, bei dem Soldaten bange 16 Minuten auf Unterstützung durch eine Panzerhaubitze warten mussten. Eine bewaffnete Drohne hätte schneller eingreifen können. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant André Wüstner, und der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus teilten die Position des Generalleutnants. Der Völkerrechtler Wolff Heintschel von Heinegg nannte den Einsatz bewaffneter Drohnen zum Schutz und zur Schonung eigener Kräfte generell völkerrechtskonform. Dass etwa ein Experte der „Kampagne gegen Drohnentechnologie“ selbige ablehnte, war ebensowenig überraschend wie das Nein von Abgeordneten der „Linken“ und der Grünen. Michael Leh

(Siehe auch Kommentar S. 8.)


Und wie weiter?
Bund plant, Kraftwerke zu subventionieren

Derzeit sieht es so aus, dass den vier großen Stromversorgern Eon, RWE, Vattenfall und EnBW sowie hunderten Stadtwerken ihr Ruf nach Neuregelung durch den Staat zum Verhängnis werden könnte. Denn Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel plant in seinem neuen „Strommarktdesign“ Veränderungen, die für manche Kraftwerke das Aus bedeuten.

Seit Monaten beklagen die Stromversorger, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit seiner Bevorzugung von Strom aus Erneuerbaren Energien ihnen den Betrieb konventioneller Kraftwerke fast unmöglich mache. Dass die Behauptung nicht aus der Luft gegriffen ist, belegt der derzeitige durch das EEG negativ beeinflusste Börsenpreis für Strom, der immer öfter unter den Herstellungskosten vieler Kraftwerke liegt. So werden selbst modernste Gaskraftwerke unrentabel und es bleibt nur ihre Abschaltung. Doch daran hat der Staat im Grunde kein Interesse. Da Wind und Sonne bekanntlich nicht durchgehend zur Verfügung stehen und in den nächsten Jahren die letzten Kernkraftwerke vom Netz gehen, ist ein Bedarf an Kohle- und Gaskraftwerken vorhanden. Da diese aber aufgrund dramatischer Nebenwirkungen des EEG immer öfter nicht rentabel arbeiten können, hatten sich die Bereiber dieser Kraftwerke erhofft, dass auch sie Subventionen erhalten könnten, sozusagen für die Bereithaltung von Stromkapazitäten.

Vermutlich wird der Stromkunde um diese weitere Subvention infolge einer ideologisch motivierten Politik nicht herumkommen, doch, wie schon beim EEG, dem Umweltschutz zuliebe soll es besonders teuer werden, sprich die billigsten Kraftwerke, nämlich jene mit Kohle betriebenen, sollen vom Netz.

Details für das neue Gesetz erarbeitet das Wirtschaftsministerium derzeit, beschlossen werden soll es aber nicht vor 2016. Doch das ist auch nicht im Interesse der Kraftwerksbetreiber. Viele von ihnen leiden unter Geldsorgen und zudem müssen sie langfristig planen können. Jeder Monat der Ungewissheit erhöht ihre Defizite. Aber auch der Stromkunde hat ein Interesse an einer schnellen Regelung, denn am Ende zahlt er zwar die höchsten Strompreise der Welt, doch ihm gehen trotzdem die Lichter aus, da Kraftwerke fehlen. Bel


»Billiges Geld zerstört die Demokratie«
Frank Schäffler über die Probleme der FDP und die Folgen der jetzigen Euro-Rettung

Mit seinem Widerstand gegen die Euro-Rettung sorgte der FDP-Politiker und ehemalige Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler für Schlagzeilen. Und obwohl seine stets gut begründete Kritik ihm auch in den Medien eine gewisse Aufmerksamkeit bescherte, wurde er Stück für Stück in seiner Partei an den Rand gedrängt und verlor so auch seinen Posten im Parteivorstand. Im Gespräch mit der PAZ macht er jedoch deutlich, dass er trotz der persönlichen Folgen an seinen Überzeugungen festhält. Die Fragen stellte Rebecca Bellano.

PAZ: Der Vorsitzende der sächsischen FDP, Holger Zastrow, hat vorgeschlagen, Sie, den lange innerhalb der Partei isolierten Euro-Kritiker, stärker in die Partei einzubinden. Glauben Sie, dass die Partei bereits reif ist, um sie als Retter zu rufen und zu akzeptieren?

Frank Schäffler: Das weiß ich nicht. Ich für meinen Teil werde mich jedoch im sächsischen Wahlkampf einbringen. Dort verteidigen wir die letzte Landesregierung mit FDP-Beteiligung. Mit Holger Zastrow verstehe ich mich sehr gut. Wir haben große inhaltliche Übereinstimmungen. Wie die sächsische FDP ist, so stelle ich mir die neue FDP insgesamt vor.

PAZ: Nehmen wir einmal an, der Ruf käme tatsächlich. Was würden Sie anders machen?

Schäffler: Die FDP muss die Rolle als außerparlamentarische Opposition annehmen. Sie muss zu einer bürgerlichen Graswurzelbewegung werden, die klar in der Sprache und im Auftritt ist.

PAZ: Sie sind ja nicht der einzige Euro-Kritiker, der auf dem parteiinternen Abstellgleis gelandet ist. Klaus-Peter Willsch erging es in der CDU ähnlich. Allerdings scheint das der CDU nicht geschadet zu haben oder wie bewerten Sie den Umstand, dass deren Wähler diese Entwicklung im Grunde gar nicht zur Kenntnis nehmen?

Schäffler: In der Union gibt es auch erste Erosionserscheinungen. Schauen Sie sich das Ergebnis der CSU bei der Europawahl an. Angela Merkel verdeckt derzeit noch die tiefe personelle und inhaltliche Leere der CDU, doch diese ist da und wird die CDU bald auf lange Zeit zurückwerfen. Das Aufkommen der AfD wird der Union künftig noch große Kopfschmerzen verursachen. Sie wird das nationalkonservative Spektrum der Union übernehmen, das früher Alfred Dregger und andere bei der Union abgedeckt haben.

PAZ: Sind Sie immer noch überzeugt, dass Ihre Ablehnung des einen Euro-Rettungspakets 2011 im Bundestag richtig war? Und wenn, warum?

Schäffler: Ja, Risiko und Haftung gehören zusammen, Verluste dürfen nicht sozialisiert und die Gewinne privatisiert werden. Die Euro-Krise fängt erst an, sie ist durch die Schuldenschirme nur hinausgezögert und dadurch verschlimmert worden.

PAZ: Ebenfalls 2011 haben Sie innerhalb der FDP einen Mitgliederentscheid über den ESM initiiert, an dessen Ende die Partei nicht gut da stand. Geben Sie sich eine Mitschuld an dem Desaster?

Schäffler: Nein, die damalige Parteiführung hat dies zu verantworten. Der Mitgliederentscheid wurde von Rösler und Co. nicht als Chance der Profilierung der FDP genutzt, sondern es ging der damaligen Parteiführung lediglich um den Machterhalt in der Regierung und der Partei. Entsprechend ging man mit den Initiatoren des Mitgliederentscheides um. Es war nie ein Mitgliederentscheid auf Augenhöhe.

PAZ: Wie bewerten Sie als jemand, der in der Finanzdienstleistungsbranche tätig war, die aktuelle Politik der EZB?

Schäffler: Die EZB hat die Krise durch das billige Geld selbst verursacht. Jetzt will sie mit noch mehr billigem Geld die Krise überwinden. Die Folgen sind aber noch mehr Schulden bei Staaten, Banken und privaten Haushalten. Das nächste Platzen der Blase wird dann umso verheerender sein. Denn das billige Geld ist süßes Gift. Es vergiftet die Marktwirtschaft ganz langsam und zerstört den Rechtsstaat und unsere Demokratie. Unser aktueller Scheinwohlstand ist auf Sand gebaut und daher nicht auf Dauer. Es ist diese Entwicklung, die mir für die Zukunft große Sorgen macht. Deshalb brauchen wir eine breite gesellschaftliche Bewegung für die freie Marktwirtschaft, das Eigentum und das Recht als Gegenbewegung zum schleichenden Staatssozialismus.


MELDUNGEN

Meuterei gegen Ministerin

Berlin – Derzeit stellt eine Hausmitteilung der Gleichstellungsbeauftragten des Familienministeriums den Höhepunkt der Unmutsbekundungen über den Führungsstil von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) dar. „Die nach außen getragenen Gleichstellungsvisionen stimmen mit der internen Realität nicht überein“, muss sich darin die Ministerin, die für eine Frauenquote in Aufsichtsräten um jeden Preis kämpft, anhören. Doch schon zwei Wochen zuvor gab es auf einer Personalversammlung von vielen Seiten Kritik an Schwesig. So hielt die langjährige Personalratsvorsitzende Luise Heyng eine Brandrede, in der sie beklagte, dass die SPD-Ministerin bei wichtigen Personalentscheidungen die Mitbestimmungsrechte des Personalrates nicht berücksichtige. Bel

 

»Blick« macht Rückzieher

Chemnitz – Nach Protesten vieler Vertriebener und Spätaussiedler sowie einer Intervention des Chemnitzer CDU-Politikers Kai Hähner hat sich das in Chemnitz erscheinende Anzeigenblatt „Blick am Wochenende“ von einer Glosse mit dem Titel „Fluchtgedenken“ distanziert. Darin hatte sich Peter Schaffert über den in Sachsen neu eingeführten Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung mokiert (siehe PAZ 27/2014). Laut Aussage der „Blick“-Redaktion gegenüber Hähner sollte der Beitrag eine Satire sein. Mittlerweile sei man sich jedoch der Tatsache bewusst, dass Schaffert unhaltbaren und beleidigenden Unsinn geschrieben habe. Er werde nicht mehr für das Blatt schreiben. Zudem werde in einer der nächsten Ausgaben eine Entschuldigung der Redaktion abgedruckt. Der kritisierte Beitrag ist mittlerweile nicht mehr im Internet abrufbar. J.H.


S. 6 Ausland

Es kann nur einen geben
Irak: Al-Bagdadi, der Chef von Isis, erhebt Alleinherrschaftsanspruch und wird so für seine Unterstützer zur Gefahr

„Islamischer Staat in Irak und Syrien“, so lautet häufig die Übersetzung, wenn es in westlichen Medien um die Islamisten-Gruppe „Isis“ geht. Tatsächlich kennt ihr Machtanspruch allerdings kaum territoriale Grenzen.

Schon wenn man sich an den arabischen Originalnamen hält, scheint der territoriale Geltungsanspruch von Isis weit über den Irak und Syrien hinauszugehen. So steht das verwendete Wort „al-sham“ (im Norden) im arabischen Kulturkreis nicht nur für den heutigen Staat Syrien, sondern für ein Gebiet, das den Libanon, Jordanien, den Gazastreifen, das Westjordanland und auch Israel umfasst. Damit schickt sich Isis an, die Grenzen auslöschen zu wollen, die Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg in der Region mit dem Sykes-Picot-Abkommen gezogen haben.

Allerdings ist nicht nur der territoriale Anspruch von Isis vermessen: Abu Bakr al-Bagdadi (siehe auch Seite 24), der Chef von Isis, behauptet von sich selbst, ein Abkömmling der Familie des Propheten Mohammed zu sein. Wegen seiner angeblichen exklusiven religiösen Abstammung hat al-Bagdadi bereits mehrfach Bündnisse mit syrischen Rebellengruppen platzen lassen, die seine Führungsrolle nicht anerkennen wollten. Damit nicht genug. Mit der Anfang Juli erfolgten Gründung eines Kalifats spricht Isis sogar allen existierenden muslimischen Regierungen die Legitimität ab. Als einzige von Allah abgesegnete Regierungsform gilt nach Sichtweise von Isis fortan die Kalifat-Herrschaft al-Bagdadis.

In eine Zwickmühle geraten erscheint mit der Entwicklung im Irak das Nachbarland Saudi-Arabien. Belege, dass die saudische Regierung Isis direkt unterstützt, sind bisher nicht bekannt, als sicher gilt allerdings, dass vermögende saudische Privatiers der Gruppe Geld zukommen lassen. Setzt Riad ein Stopp der Zahlungen durch, ist mit innenpolitischen Problemen zu rechnen. Auf der anderen Seite wächst die Angst, dass Isis auch für das Haus Saud zu einer Bedrohung wird. König Abdullah hat deswegen 30000 Soldaten an die 800 Kilometer lange Grenze zum Irak beordert, um sein Land vor „terroristischen Bedrohungen“ zu schützen.

Zur Herausforderung wird Isis selbst für das Terrornetzwerk Al-Kaida. Zum offenen Bruch zwischen beiden Dschihad-Gruppen war es bereits im Februar dieses Jahres gekommen, als Isis sich im Syrien-Konflikt nicht der Al-Kaida-Führung unterordnen wollte. Folge war, dass sich der Osama-bin-Laden-Nachfolger Ayman al-Zawahiri öffentlich von Isis abgrenzte. „Wir haben keine Verbindungen zur Isis“, so eine von Al-Kaida verbreitete Erklärung. Mit der Beherrschung großer Gebiete in Syrien und im Irak sowie der Gründung des Kalifats kann Isis inzwischen Erfolge vorweisen, die Al-Kaida bisher versagt geblieben sind. Zunehmend in den Schatten gestellt, könnte bei Al-Kaida die Versuchung wachsen, mit spektakulären Anschlägen wieder die Führungsrolle im Lager des islamistischen Terrors zurückzuerobern, so die Befürchtung westlicher Sicherheitsexperten.

So maßlos der Führungsanspruch über weltweit 1,5 Milliarden Muslime auch klingt, der Aufstieg von Isis ist erstaunlich. Erst im Jahr 2003 als Ableger von Al-Kaida gegründet, schickt sich die Gruppe an, im Nahen Osten neue Grenzen zu ziehen: In Syrien kontrolliert sie mittlerweile ein Gebiet, das fünfmal so groß wie der Libanon ist. Im Irak werden große Landesteile im Norden und Westen von Isis kontrolliert. Mitte Juni hat Isis zudem Mossul, Iraks zweitgrößte Stadt, eingenommen. Nach der Eroberung von Öl-Fördergebieten auf beiden Seiten der syrisch-irakischen Grenze verfügen die Kämpfer sogar über eigene Einnahmequellen.

Zu der Frage, wie die nächsten Ziele von Isis aussehen, hat vor Kurzem das „Institute for the Study of War“ eine Studie namens „Isis Schlachtplan Bagdad“ vorgelegt. Das Washingtoner Institut geht davon aus, dass es der Gruppe nicht darum geht, Bagdad zu erobern, um es zur Hauptstadt des ausgerufenen Kalifats zu machen. Für wahrscheinlicher wird vielmehr gehalten, dass Bagdad als lebensfähige Hauptstadt der irakischen Schiiten ausgeschaltet werden soll. Das übergeordnete Ziel von Isis sei es, die Staaten Irak und Syrien so unter Druck zu setzen, dass sie sich nicht mehr erholen können. Die Chance, die irakische Hauptstadt faktisch lahmzulegen, stehen nicht schlecht: Erbeutete Artilleriewaffen ermöglichen Isis den Beschuss von Bagdad aus dem Umland. Mit Boden-Luft-Raketen kann zudem der Verkehr am Flughafen Bagdad und auf den militärischen Luftwaffenbasen lahmlegt werden. In Bagdad gebe es vor der Bedrohung durch Isis keinen sicheren Platz, so das Fazit des „Institute for the Study of War“.

Endgültig besiegelt sein könnte das Ende des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten irakischen Staates, wenn sich die Kurden im Norden des Landes zur Unabhängigkeit entschließen. Massud Barzani, Präsident der kurdischen Regionalregierung, hat inzwischen angekündigt, ein Referendum über die kurdische Unabhängigkeit abhalten zu wollen. Der Irak sei durch die Eroberungen von Isis bereits faktisch aufgeteilt, so die schlichte Begründung des kurdischen Regionalpräsidenten.

Norman Hanert


Kuba statt USA
Moskau sucht Stationen für Navigationssystem

Als Ersatz für die USA hat Kuba Moskau angeboten, auf seinem Boden Stationen für das russische Satellitennavigationssystem „Glonass“ zu betreiben. Versuche Russlands, entsprechende Standorte in den USA nutzen zu dürfen, laufen bereits seit geraumer Zeit und waren bisher erfolglos.

Notwendig sind die Stationen, um Korrekturdaten für das im Aufbau befindliche Satellitensystem Russlands zur Verfügung zu haben. Um Anwendern eine hohe Navigationsgenauigkeit bieten zu können, werden Empfangsstationen – deren Standorte bis auf wenige Zentimeter bekannt sind – als Referenz genutzt, um mögliche Störfaktoren zu ermitteln.

Russische Anfragen, entsprechende Stationen für sein Satellitennavigationssystem in den USA errichten zu dürfen, sind bereits im Jahr 2013 unter Berufung auf Sicherheitsbedenken abgelehnt worden. Das US-Verteidigungsministerium, aber auch Geheimdienste hatten argumentiert, dass die Stationen für „Spionage gegen die USA“ genutzt werden könnten. Noch weiter gesunken waren die Chancen durch ein Gesetz, demzufolge entsprechende Bodenstationen nur dann zu genehmigen sind, wenn der US-Kongress davon überzeugt ist, dass die Einrichtungen nicht für Spionagezwecke und nicht für die „Aufwertung fremder Waffensysteme“ genutzt werden.

Im Gegensatz zu dieser ablehnenden Haltung können die USA für ihr „Global Positioning System“ (GPS) bereits seit Jahren auf Bodenstationen in Russland zurückgreifen. Washingtons Verweigerung der Gleichbehandlung hat nun dazu geführt, dass Russlands Vizepremier Dmitri Rogozin die Zusammenarbeit mit dem US-System aufgekündigt hat. Bereits seit dem 1. Juni liefern elf Bodenstationen auf russischem Gebiet keine Daten mehr zu US-amerikanischen GPS-Satelliten. Lenken die USA weiterhin nicht ein, soll die russische Unterstützung für das US-System im September komplett eingestellt werden.

Um eine gleichwertige Alternative zum US-amerikanischen GPS-System zu schaffen, plant Russland für sein Glonass-Navigationssystem die Errichtung von weltweit 50 Referenz-Bodenstationen – darunter auch in China, dem Iran und Brasilien. N.H.


Kinderschmuggel nimmt überhand
52000 minderjährige Illegale allein im ersten Halbjahr belasten USA

Während Europa auf die Ukraine-Krise und den Irak blickt, wird die Berichterstattung in den USA in erster Linie von einem innenpolitischen Thema beherrscht. In den Schlagzeilen geht es wieder einmal um Zuwanderung. Doch diesmal nicht um die Mexikaner, die in das „gelobte Land USA“ strömen, sondern um Massen von Minderjährigen aus Mittelamerika. Über 52000 Kinder ohne Begleitung haben die Grenzbehörden allein in der ersten Hälfte dieses Jahres festgenommen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Sie kommen aus Guatemala, Honduras und El Salvador, dem sogenannten Nördlichen Dreieck von Zentralamerika, das zum ärmsten und gefährlichsten Gebiet der Hemisphäre gehört, da es von Drogenkartellen unterwandert für junge Menschen keine Zukunft bietet.

Noch unter Präsident George W. Bush hatte der US-Kongress 2007 ein Gesetz beschlossen, das Minderjährigen aus diesen Gebieten, die unbegleitet illegal einreisen, ein befristetes Bleiberecht gewährt. Sie dürfen nicht sofort wieder ausgewiesen werden, sondern haben das Recht auf einen Anwalt und eine gerichtliche Anhörung, bei der über ihren Fall entschieden wird. Doch die kann sich über Jahre hinziehen. Bis dahin werden sie, wenn möglich, bei schon in den USA lebenden Verwandten untergebracht.

Dieses Gesetz haben sich den Drogenkartellen verbundene Schmugglerbanden, „Coyotes“ genannt, zunutze gemacht. Neben dem Drogenhandel wurde es zum lukrativen Geschäft, für Summen bis zu 7000 US-Dollar, die meist von Verwandten in den USA aufgebracht werden, Kinder über Mexiko in die USA zu schmuggeln. Viele Busse mit solchen jungen Menschen werden allerdings bereits in Mexiko von Grenzbeamten gestoppt und die Insassen zurückgeschickt. Wenn nicht, erleben sie in den USA, dass sie verhaftet werden und erst einmal in Auffanglagern landen, obwohl sie in der Annahme kamen, willkommen zu sein.

Dieser Menschenschmuggel hat jetzt derart überhandgenommen, dass die Grenzbehörden in Texas und Arizona, wo die Betroffenen überwiegend eingeschleust werden, so überlastet sind, dass Wa­shington eine Verteilung auf andere Staaten angeordnet hat, darunter Kalifornien. Drei Busse holten letzte Woche die ersten 140 Betroffenen am Flughafen von San Diego ab, um sie ins nahegelegene Auffanglager in Murrieta zu bringen. Dort hatte sich eine riesige Menge versammelt, die – USA-Fahnen schwenkend und „Wach auf, Amerika! Dies ist unser Land!“ rufend – die Busse stoppte und zur Umkehr zwang. Erst nach zwei Tagen und mitten in der Nacht konnten die total erschöpften Passagiere aussteigen. Hunderte sollen folgen. Die meisten dürften dann erst einmal bis zu ihrem Anhörungsverfahren auf freien Fuß gesetzt werden.

„Wir können kaum die Sozialdienste für unsere eigenen Bürger aufbringen“, klagt dazu Jeff Stone von der zuständigen Gemeinde Riverside. „Und nun kriegen wir hunderte von traumatisierten Menschen.“ Doch es gab nicht nur Proteste. Viele Bürger zeigen auch Mitleid mit den Kindern, die für die Situation nichts können.

Die dramatischen Bilder von den Protesten lösten über die klassischen wie sozialen Medien einen Sturm des Für und Wider aus und fachten die zuvor ruhende Debatte um Zuwanderung neu an. Präsident Barack Obama ersuchte daraufhin überraschend den Kongress, zwei Milliarden US-Dollar für eine schnellstmögliche Lösung und weitere Sicherung der Grenzen zu bewilligen. Auch will er das Bush-Gesetz von 2007 verschärfen. Bereits die Grenzbehörden sollen unverzüglich über die Minderjährigen entscheiden, damit sie gegebenenfalls sofort ausgewiesen werden können. Denn, so die Argumentation, dieses Gesetz sei Schuld an der Misere. Illegalen unter 18 Lebensjahren, die mit ihren Eltern in den USA leben, will er jedoch einen begrenzten Aufenthalt gewähren, sofern sie straffrei sind, Universitäten besuchen oder im Militär gedient haben.

Unter allen Umständen möchte Obama das Problem der massenhaften Zuwanderung und der elf Millionen Illegalen noch in diesem Jahr vom Tisch haben, denn es stehen Wahlen an. Doch stößt er dabei auf den Widerstand der Republikaner. „Ausgeschlossen“, bemerkte bereits John A. Boehner, der republikanische Sprecher des für eine Lösung entscheidenden Repräsentantenhauses. Doch Obama scheint entschlossen, den Widerstand brechen zu wollen. „Ich will dieses Problem gelöst haben“, sagte er jetzt, „selbst wenn ich diesen Weg allein gehen muss.“ Liselotte Millauer


MELDUNGEN

Gewalt und Haft statt Reformen

Kairo – Ägyptens neuer Präsident Abdel Fattah al-Sisi sieht sich erstmals genötigt, sich von den Urteilen der Justiz im Land zu distanzieren. Dabei wurden seit dem Ende der Herrschaft der Muslimbrüder über 41000 ihrer Anhänger verhaftet, gegen hunderte von ihnen wurden in zweifelhaften Massenprozessen sogar Todesurteile ausgesprochen. Erst als die Justiz wegen „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“ und „Verbreitung falscher Nachrichten“ mehrjährige Haftstrafen für ausländische Journalisten aussprach und selbst US-Außenminister John Kerry die Strafen als „drakonisch“ und „gruselig“ verurteilte, ging al-Sisi auf Distanz. Von dem Sturz der Muslimbrüder 2013 hatten sich die Ägypter lang erwartete Wirtschaftsreformen erhofft, bekommen haben sie jedoch ein Gewaltregime. Bel

 

Nein zur Boykottpolitik

Minsk/Astana – Weißrussland und Kasachstan sind nicht bereit, ihre eigenen Interessen für Russlands geopolitischen Ambitionen zu opfern. Für den Fall, dass Moskau einen Boykott ukrainischer Waren auf dem Gebiet der Zollunion durchsetzen will, haben die Staatschefs beider Länder signalisiert, dass sie diesen nicht mittragen würden. Für beide ist die Ukraine ein wichtiger Handelspartner, mit dem sie langjährige Verträge abgeschlossen haben. Zwar hätte die russische Wirtschaft mit 28,4 Milliarden US-Dollar die größten Verluste des Boykotts zu schultern, doch will Weißrussland, das mineralische Brennstoffe, Öl, landwirtschaftliches Gerät und Dünger an die Ukraine liefert, nicht auf die Einnahmen verzichten. Kasachstan will der Welthandelsorganisation (WTO) beitreten und meidet deshalb den Konflikt mit Kiew. MRK


S. 7 Wirtschaft

Angriff auf den US-Dollar
Nicht nur Russland und China wollen die Weltleitwährung schwächen, auch der Westen findet Gefallen daran

Während der Westen an einer dritten Stufe von Russland-Sanktionen feilt, wird immer deutlicher, wie die Vergeltungsstrategie des Kreml aussehen soll. Die USA sollen an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen werden.

Vergangenen Monat hat Wladimir Putins ökonomischer Berater Sergej Glazjew in der russischen Wochenzeitung „Argumenty nedeli“ („Argumente der Woche“) nicht nur eine Diagnose des Vorgehens der USA geliefert, sondern auch eine mögliche Vergeltungsstrategie vorgestellt. Glazjew zufolge plant Washington, Russland zu einer militärischen Intervention in der Ukraine zu provozieren, wobei die Machthaber in Kiew den USA als Köder dienen würden. Im Erfolgsfall würden den USA gleich mehrere Vorteile winken, so Glazjew. Neue Sanktionen würden es etwa erlauben, dass die USA das russische Portfolio an US-Staatsanleihen einfach konfiszieren. Noch wichtiger wäre der Effekt, dass eine Welle neuer Sanktionen es russischen Unternehmen unmöglich machen würde, ihre Schulden bei europäischen Banken zu bedienen. Insgesamt beziffert Glazjew die Kosten einer dritten Phase von Sanktionen gegen Russland auf über eine Billion Euro für die Europäische Union. Während die Verluste die europäischen Volkswirtschaften schwer schädigen würden, könnten die USA als einziger „sicherer Hafen“ in der Welt reüssieren, so die Deutung des Putin-Beraters.

Ebenso bemerkenswert klingt, wie Glazjew das weitere Agieren der USA stoppen will. Er schlägt eine breite Allianz von Ländern vor, die das Ende des US-Dollars als Weltleitwährung wollen. Das erklärte Ziel ist es dabei, Wa-shington wirtschaftlich und finanzpolitisch so schwer zu treffen, dass es nicht mehr genug Ressourcen hat, in Ländern wie Libyen, dem Irak, Syrien oder der Ukraine den Weltpolizisten zu spielen.

Aus Sicht der USA steckt in den Ausführungen Brisanz: Der Kreml hat nämlich einige Chancen, tatsächlich eine „Anti-Dollar-Allianz“ zustande zu bringen. Selbst für westliche Wirtschaftsblätter wie die „Financial Times“ ist die Möglichkeit eines Endes der globalen Dollar-Dominanz inzwischen ein ernsthaftes Thema. Nach Subprime-Krise, Lehman-Pleite und inflationärer Gelddruckerei der US-Zentralbank ist ein Misstrauen gegenüber dem Wirtschaftsmodell USA inzwischen weit verbreitet. Dazu kommt, dass sich die USA wie im Steuerstreit mit der Schweiz oder mit den Rekordgeldstrafen für die französische Bank BNP Paribas auch im Westen Feinde gemacht haben. Noch mehr spielt Moskau in die Karten, dass seine Pläne einer Anti-Dollar-Allianz perfekt mit den Zielen Pekings harmonieren, die chinesische Währung Yuan international als konkurrierende Alternative zum Dollar zu etablieren.

Schon jetzt kann China dabei beachtliche Erfolge vorweisen. Wie der Zahlungsdienstleister Swift unlängst mitteilte, hat die chinesische Währung den Euro inzwischen überrundet und ist nach dem Dollar zur zweitwichtigsten Währung im internationalen Handel geworden. Meldungen von Chinas Bemühungen, den Dollar systematisch zurückzudrängen, kommen inzwischen fast im Wochenrhythmus. Mit London wurde vor Kurzem ein Abkommen über den bilateralen Handel auf Yuan-Basis getroffen. Nach Verträgen, die Frankfurt und London als Yuan-Handelsplätze etabliert haben, hat Chinas Zentralbank nun auch Yuan-Verrechnungsvereinbarungen mit Frankreich und Luxemburg geschlossen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Interview, dass Andrej Kostin, der Präsident der staatlichen russischen Bank VTB, dem Sender „Rossia 24“ gegeben hat. Kostin zufolge will Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer den Handel mit China in Yuan oder Euro abwickeln. Dies sei als Vergeltung für die von den USA verhängte Milliarden-Strafe gegen Frankreichs größte Bank, die BNP-Paribas, zu verstehen. Tatsächlich spricht sich Noyer schon lange dafür aus, die internationale Rolle des Yuan aufzuwerten.

Wie schnell die Gedankenspiele des Kreml-Beraters Glazjew Realität werden könnten, hat inzwischen Elvira Nabiullina, die Chefin der russischen Zentralbank, deutlich gemacht. Kurz bevor sie zu einem Besuch nach Peking aufbrach, nannte sie erste Details der angestrebten Anti-Dollar-Allianz. Demzufolge planen die sogenannten Brics-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) ein gemeinsames Währungssystem, um den Handel untereinander künftig ganz ohne Dollar abzuwickeln.

Obendrein soll auch eine Konkurrenz zu Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank entstehen. Zu guter Letzt kündigte die Zentralbankchefin auch noch an, dass mit China der Abschluss einer sogenannten Swap-Vereinbarung unmittelbar bevorstehen würde. Im Klartext bedeutet dies, dass der Dollar im russisch-chinesischen Handel bald keine Rolle mehr spielen wird.

Für Washington steht mit dem Angriff auf den Dollar viel auf dem Spiel. Bisher genießen die USA mit dem Dollar als Weltleitwährung ein extremes Privileg gegenüber der übrigen Welt. Im weltweiten Außenhandel werden die Waren bisher meist in Dollar und nicht in der Währung des Exporteurs oder Importeurs abgerechnet. Als Folge müssen Volkswirtschaften weltweit im harten Konkurrenzkampf gegeneinander Dollar verdienen oder eintauschen, um etwa ihre Ölimporte zu bezahlen. Für die USA hingegen gilt dieses nicht. Sie brauchen die Dollar, mit denen sie einkaufen oder Schulden bezahlen, nur von ihrer Notenbank Fed drucken zu lassen – notfalls unbegrenzt. Norman Hanert


Auffällige Geheimniskrämerei
Droht mit Freihandelsabkommen Schuldenvergemeinschaftung?

Während im Zusammenhang mit der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) meist Bedenken hinsichtlich des Verbraucherschutzes laut werden, hat der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, nun auf eine bisher kaum bekannte Gefahr aufmerksam gemacht. Das Freihandelsabkommen könnte als Hintertür zur Schuldenvergemeinschaftung in der EU dienen. Hintergrund der Befürchtungen Sinns ist eine diskutierte Schutzklausel für ausländische Investoren, falls europäische Staaten ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können. Eine derartige vertragliche Garantie für ausländische Investoren würde dem „Handelsblatt“ zufolge das TTIP „in einen Mechanismus zur Haftungsvergemeinschaftung“ verwandeln. Eine EU-weite Investitionsgarantie würde Sinn zufolge zudem künstlich die Zinssätze reduzieren, zu denen einzelne Länder Kredite aufnehmen können. Dies könnte in der Folge dazu ermutigen, mehr Schulden aufzunehmen. Führen würde dies zum nächsten Akt im europäischen Schuldendrama, die Konsequenzen würden dann die Vorteile des Freihandelsabkommens weit in den Schatten stellen, so die drastische Warnung Sinns in einem Aufsatz für den Internetauftritt von Project Syndicate, einer internationalen nichtkommerziellen Organisation mit Sitz in Prag.

Es ist nicht das erste Mal, dass renommierte Experten mit derartigen Warnungen vor folgenschweren Details des Freihandelsabkommen aufwarten. Angesichts der also offenkundig weitreichenden Konsequenzen des Abkommens kann die Informationspolitik der EU-Kommission, die auf europäischer Seite die Verhandlungen führt, nur als auffallend restriktiv bezeichnet werden. So stellt die EU-Kommission Informationen zu den US-Verhandlungspostionen nur in speziellen „documents reserve rooms“ (Dokumentenräumen) zur Verfügung. Sowohl EU-Abgeordnete als auch Vertreter der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten können nur dort und dann auch nur zeitlich sehr beschränkt und auch stark reglementiert Einblick in die US-amerikanischen Papiere zum Freihandelsabkommen nehmen. Das Kopieren der dort vorgelegten Dokumente in jeglicher Form ist strengstens verboten. Als weitere Restriktion ist zu konstatieren, dass sich nur zwei EU-Abgeordnete oder Vertreter der Mitgliedsstaaten gleichzeitig in den Dokumentenräumen aufhalten dürfen. Obendrein muss für die Einsichtnahme auch noch eine Gebühr entrichtet werden.

Mit der restriktiven Informationspolitik zu den Verhandlungen haben sich offensichtlich die USA durchgesetzt. Washington argumentiert, dass die US-Regierung die Details der Verhandlungen auch nicht mit den einzelnen US-Bundesstaaten abstimmen würde. Unabhängig davon, ob man souveräne Nationalstaaten mit US-Bundesstaaten gleichsetzen kann, ist aus Sicht der Europäer zu befürchten, dass unter solchen Bedingungen so manche Schwachstelle und so mancher Fallstrick des Freihandelsvertrags nicht einmal von den Experten unter den Abgeordneten oder Regierungsvertretern erkannt wird. N.H.


Fiskus in Nöten
Athen: Staat gelingt es nicht, Steuern bei Bürgern einzutreiben

Griechenlands Regierung sieht sich zunehmend von dem Szenario eines Steuerzahlerboykotts bedroht. Dem Versuch des Fiskus, innerhalb der kommenden Monate 6,6 Milliarden Euro einzutreiben, steht eine breite Verweigerungsfront der Steuerzahler gegenüber. So haben trotz der Warnung, dass ein Verzug die Auszahlung von Familienleistungen und der „sozialen Dividende“ gefährdet, kurz vor Fristende 2,3 Millionen steuerpflichtige Griechen noch keine Anstalten gemacht, ihre Steuererklärung abzugeben.

Einen Hinweis auf die Ursachen liefert eine Umfrage, die das gewerkschaftseigene „Labor Institute of the Confederation of Labor Union“ (GSEE) unter griechischen Arbeitnehmern durchgeführt hat. Die ans Licht geförderten Extrembeispiele lassen befürchten, dass Griechenlands Finanzämter ihre Mühe haben werden, nennenswerte Beträge einzutreiben. Der Untersuchung zufolge werden Löhne und Gehälter in Griechenland mitunter nur noch mit einer Verzögerung von drei bis zwölf Monaten ausgezahlt. Berichtet wird ebenfalls von der Tendenz, Löhne nur noch zu einem Drittel als Geldzahlung zu leisten und die übrigen zwei Drittel als Sachleistung wie freies Essen, freie Hotelübernachtungen oder in Form von Einkaufsgutscheinen und Tankcoupons zu vergüten. Vollends trostlos scheint die Lage junger Beschäftigter unter 25 Jahre, die oftmals nur noch monatliche Arbeitsverträge erhalten. Für 25 Arbeitstage pro Monat und eine tägliche Arbeitszeit von vier Stunden wurden Löhne von 180 Euro monatlich festgestellt. Heruntergerechnet entspricht dies einem Tagesverdienst von 7,20 Euro und einem Stundenverdienst von 1,80 Euro.

Zwar wurde inzwischen die Abgabefrist für die Einkommensteuererklärungen bis zum kommenden Montag verlängert, an der trostlosen finanziellen Lage vieler Griechen wird dies allerdings nichts ändern. Nach offiziellen Angaben gibt es mittlerweile mindestens 3,5 Millionen überschuldete Steuerzahler. Bis Ende Mai hatten Haushalte und Unternehmen Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat in Höhe von 66,37 Milliarden Euro angehäuft. Der Wert entspricht 36,5 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts. Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob es dem Fiskus tatsächlich gelingt, in den kommenden Monaten die einkalkulierten Milliarden einzunehmen.

Eine Mitschuld an dem Einnahmeproblem trägt auch der Staat selbst. Nicht zuletzt, um den Eindruck eines strukturellen Haushaltsüberschusses erwecken zu können, hat der griechische Staat bereits seit Monaten seine Zahlungen an den privaten Sektor reduziert. Überweisungen an Unternehmen finden zwar statt – allerdings nur auf Sparflamme. So haben öffentliche Träger seit Anfang des Jahres gerade einmal Rechnungen in Höhe von 275 Millionen Euro bezahlt. Sitzen geblieben ist die Wirtschaft auf Rechnungen von 2,4 Milliarden Euro, die der Staat nicht bezahlt hat. Die formlose Zahlungsverweigerung des Staates bringt gleichermaßen Privathaushalte wie Unternehmen weiter in die Bredouille und lähmt die Wirtschaft. H.M.


MELDUNGEN

Japan: Notenbank größter Gläubiger

Tokio – Angeblich um die Wirtschaft anzukurbeln, kauft die japanische Zentralbank massiv Staatsanleihen des mit fast 250 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldeten japanischen Staates auf. 2013 wurden 70 Prozent der neuen Staatsanleihen von der Zentralbank erworben, so dass sie jetzt insgesamt 20,1 Prozent aller im Umlauf befindlichen Papiere hält. Damit ist sie der größte Gläubiger Japans. Bel

 

Weniger Hilfe wegen Niedrigzins

Berlin – Rund 100 Millionen Euro pro Jahr fehlen allein den 245 Organisationen, die das sogenannte DZI-Spendensiegel tragen, für ihre Hilfsprojekte. Verantwortlich für die gesunkenen Mittel ist die Niedrigzinspolitik der EZB. Konnten vorhandene Vermögen und Spendengelder noch 2009 zu rund sechs Prozent Zinsen angelegt werden, sind es jetzt bestenfalls zwei Prozent, und das auch nur für jene, die bereit sind, Risiken einzugehen. Bel

 

Staat behindert billiges Bauen

Berlin – Der GdW, Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, warnt vor den Folgen zu hoher staatlicher Bauauflagen. Umweltauflagen und Dämmbestimmungen haben dazu geführt, dass die Kosten pro Kubikmeter umbauter Raum bei neu gebauten Wohnungen in den letzten Jahren sieben Jahren um 47 Prozent gestiegen sind. Das habe, so GdW-Präsident Axel Gedaschko, vor allem Folgen für den Bau von Mehrfamilienhäusern im niedrigen Preissegment. So läge hier die Zahl der Neubauten unter der Nachfrage. Mittlerweile fehlten so bundesweit 500000 Geschosswohnungen. Bel


S. 8 Forum

Aktiv gestalten
von Jan Heitmann

Auf Bundesebene wollen CDU und FDP nichts mit der AfD zu tun haben, doch auf regionaler Ebene ist man realistischer. Hier, wo die großen politischen Themen keine Rolle spielen, gibt es weniger Berührungsängste. Nachdem bereits die CDU im Kreistag von Elbe-Elster mit der AfD eine gemeinsame Fraktion gebildet hat, bewegen sich jetzt auch die beiden FDP-Abgeordneten im Gütersloher Kreistag auf die Euro-Kritiker zu. Gemeinsam mit den beiden AfD-Abgeordneten haben sie gegen den heftigen Widerstand ihrer übergeordneten Parteiebenen die Bildung der „Liberalen Kreistagsfraktion“ besiegelt. Als Begründung geben sie an, dass genügend kommunalpolitische Schnittmengen vorhanden seien.

Damit ist die Fraktionsbildung konsequent und richtig. Denn andernfalls hätten die vier Abgeordneten nur stark eingeschränkte Rechte und wären beispielsweise nicht in den Ausschüssen vertreten. Die Stimmen für FDP und AfD wären praktisch verschenkt gewesen. Mit ihrer Zusammenarbeit machen die Abgeordneten nun das möglich, wofür sie gewählt wurden: Politik aktiv gestalten. Das ist gelebte Demokratie und sollte den Parteioberen zu denken geben.


Drohnen
von Michael Leh

Weggeduckt hatte sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bei ihrer ersten Stippvisite nach Afghanistan, als sie auch mit der eigens angetretenen Crew der Aufklärungsdrohne „Heron“ fotografiert werden sollte. Mochte die Drohne noch so sehr zum Schutz der Soldaten beitragen – von der Leyen mied sie wie den leibhaftigen Gottseibeiuns. Nur „schöne“ Bilder sollten in den Medien daheim erscheinen. Bilder möglichst ohne Waffen. Drohnen hatten dabei ein zweifach schlechtes Image: einmal durch die finanziellen Fehler bei der zuerst geplanten Drohne „Euro Hawk“, die schon von der Leyens Amtsvorgänger Thomas de Maizière ins Trudeln brachten. Sodann durch den intensiven Einsatz bewaffneter Drohnen durch US-Präsident Barack Obama bei der Bekämpfung echter oder vermeintlicher Terroristen.

Wie von der Bundeswehr bewaffnete Drohnen eingesetzt würden, unterliegt jedoch unseren Rechtsregeln und unserer Auslegung des Völkerrechts. Die Bundeswehr bittet um solche Drohnen zum Schutz ihrer Soldaten. Diese werden vom Bundestag in Auslandseinsätze geschickt. Kein einziger Politiker, sondern die Soldaten müssen dann ihren Kopf hinhalten.

Es wäre unmoralisch, ihnen den Schutz durch moderne Waffensysteme zu versagen. Die Bedenkenträger in der SPD – sie ist politisch das Hindernis – erklären, es sei derzeit ja kein neuer Bundeswehreinsatz geplant. Doch wann kommt der nächste? Der CDU-Abgeordnete Henning Otte erklärte zu Recht: „Wer das Feuerwehrfahrzeug erst dann beschafft, wenn die Scheune brennt, der handelt zu spät.“


Ungleicher Kuhhandel
von Rebecca Bellano

Die SPD konnte dieser Tage stolz verkünden, dass sie die Optionspflicht für in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder von Zuwanderern so gut wie abgeschafft hat. Es lebe der Doppelpass, der somit vor allem für Kinder türkischer Eltern künftig möglich ist, die sich nun nicht mehr bis zum 23. Geburtstag für die deutsche oder türkische Staatsbürgerschaft entscheiden müssen! Obwohl sich 98 Prozent der Optionspflichtigen in den letzten Jahren für den deutschen Pass entschieden haben, ist es ein Rätsel, warum deutsche Politiker ein Interesse daran haben können, dass hier geborene türkischstämmige Kinder auch in der Türkei wählen können und somit heftig vom türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan umworben werden. Doch um Sachargumente ging es bei dem Thema nicht wirklich.

Vielen Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU schmeckt die neue Regelung keineswegs, aber ihre Parteispitze hatte der SPD bereits bei den Koalitionsverhandlungen den Doppelpass zum Geschenk gemacht. Als Gegengeschenk wird den Doppelpass-Kritikern in der Union eine angebliche Verschärfung des Asylrechtes präsentiert. Künftig sollen Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsstaaten gelten, aus denen Asylanträge nicht mehr grundsätzlich geprüft werden müssen. Da gut ein Fünftel der Asylanträge im vergangenen Jahr aus diesen Ländern stammte, die Anerkennungsquote aber bei weit unter einem Prozent lag, machten die Anträge vor allem den deutschen Behörden Arbeit, und die Städte und Gemeinden mussten während der Bearbeitungszeit die Antragsteller mit Unterkunft und Nahrung versorgen. Da aus der SPD, aber auch von den Grünen Widerstand gegen die sogenannte Verschärfung kam, verkaufte die CDU/CSU-Spitze die Gesetzesänderung als großen Erfolg.

Ja, was für ein Erfolg, kann man da nur sagen. Da wurden drei Länder, die in die EU streben, als sichere Herkunftsstaaten deklariert. Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass Länder, mit denen die EU über einen Beitritt diskutiert, grundsätzlich als sicher gelten und den EU-Werten zumindest annähernd entsprechen. Wenn dem nicht so ist, dann fragt man sich, warum in Brüssel an einen Beitritt dieser Länder auch nur eine Gedanke verschwendet wird.

Aber, und das zeigt die Realität, dieser Gedankengang ist nur graue Theorie. Die EU hat schon Länder aufgenommen, die weder in den Bereichen Menschenrechte noch Justiz auch nur annähernd den mitteleuropäischen Standards entsprachen. Und es wird ja auch mit der Türkei weiter verhandelt, obwohl beispielsweise in kaum einem anderen Land so viele Journalisten inhaftiert sind wie dort.

Im internationalen Vergleich sind Serbien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien jedoch trotzdem sichere Herkunftsländer. Daher ist die Entscheidung richtig, sie ist nur kein Erfolg, sondern eigentlich eine logische Konsequenz.


Frei gedacht
Naturgesetz: Warum wir uns gerade abschaffen
von Eva Herman

Wer heutzutage über Naturgesetze sprechen möchte, wird von den meisten Leuten müde belächelt. Naturgesetze? Schöpfungsgesetze? Nein, nein, wir leben in einer ganz modernen Zeit, da brauchen wir so etwas nicht mehr. Wir wollen hier an einem Beispiel untersuchen, was geschieht, wenn eine moderne Gesellschaft sich nicht mehr um die Naturgesetze kümmern will. Anlass ist eine aktuelle Studie der Hamburger Wohlfahrtsverbände über die dramatische Betreuungssituation in deutschen Kindertagesstätten.

Seit vielen Jahren werden unsere Politiker nicht müde, der Gesellschaft zu erläutern, dass kleine Kinder, auch schon Säuglinge, in die „frühkindliche Bildungsbetreuung“, in fremde Hände also, gegeben werden sollten. Denn hier lernen sie, so heißt es, all das, was sie später im Leben brauchen: soziales Verhalten, eine zweite Sprache vielleicht, ein Musikinstrument, sie lernen zu singen, malen, tanzen, und so weiter. Unterdessen solle die Mutter ihrer Karriere weiter folgen und sich dabei ebenso weiterbilden. Wir sind nämlich, das sei noch betont, eine moderne Bildungsgesellschaft. Heißt es.

Nun wollen wir beleuchten, was sich die Natur im eigentlichen Sinne für uns Menschen und unsere Kinder ausgedacht hat. Für diese Untersuchung können wir durchaus eine Menge wissenschaftlicher Studien heranziehen, die von Forschern erstellt wurden, die das natürliche Verhalten des Menschenkindes und der Mutter in den ersten drei prägenden Jahren zugrunde legen. Es sind also keine Erfindungen, sondern feststehende Tatsachen.

Die Affenforschung weiß erstaunliche Zusammenhänge zu berichten, die in den 50er Jahren entstandene Säuglings-Bindungsforschung stützt sich in vielerlei Hinsicht auf zahlreiche dieser Studien. Der renommierte US-Bindungsforscher Stephen J. Suomi, dessen Vorträge ich persönlich mehrmals erleben durfte, hat in jahrzehntelanger Arbeit Rhesusaffen im indischen Subkontinent untersucht und hochinteressante Studien verfasst. Die Affen leben in Großfamilien von 20 bis 30 Tieren in freier Wildnis. Wir wollen einige Ergebnisse von Suomi zusammenfassen.

Zunächst ist es Tatsache, dass die Rhesusaffen in 95 Prozent ihrer Gene mit dem Menschen übereinstimmen, während es bei den Schimpansen gar 98 bis 99 Prozent sind. Doch bleiben wir bei den Rhesusaffen. Neugeborene Affenkinder befinden sich grundsätzlich Tag und Nacht in der Obhut ihrer Mutter: Sie trägt sie überall mit sich, die Kleinen klammern an ihr, sie sind auf dem Arm oder am Rücken. Jede Gruppe weist die gleichen Strukturen auf: Mütter, Großmütter, Tanten und die nachrückenden Töchter bilden einen Verband, der sich um alle familiären und häuslichen Belange kümmert. Väter, Großväter, Onkel und die heranwachsenden Söhne hingegen gehen aus dem Haus, um unter anderem die Nahrung heranzuschaffen, aber auch, um das Revier zu verteidigen, die Familie zu schützen.

Funktioniert die Gruppe naturgegeben, so entwickeln sich alle Beteiligten optimal. Die Mutter ist der sichere Hafen für das Baby, welches mit wachsendem Alter an einer Art unsichtbarer Leine einen immer größeren Radius seiner Umwelt erkunden kann. Nach etwa sechs Monaten beginnt eine Wechselwirkung im Spiel mit gleichaltrigen Kindern, auch mit den übrigen Gruppenmitgliedern, die Sozialisationsprozesse beginnen.

Wenn wir davon ausgehen, dass Rhesusaffen eine Lebenserwartung von etwa 15 bis 20 Jahren haben, so müssen wir beim Vergleich zu den Menschen die Zeiträume etwa vier- bis sechsmal erhöhen. Das heißt, die unsichtbare Leine des Menschenkindes beginnt im Alter zwischen drei und vier Jahren. Die Bindungsforschung bestätigt uns, dass die Entwicklung des sozialen Verhaltens durch Gleichaltrige günstigenfalls im Alter zwischen drei und vier Jahren beginnt.

Affenbabys, die durch unvorhergesehene Ereignisse ohne Mutter aufwachsen, weil diese etwa verunglückte, entwickeln andere Verhaltensweisen als üblich. Bei ihnen sinkt der Serotoninspiegel. Dieses Transporter-Gen ist unter anderem für den inneren Ausgleich und die Beruhigung wichtig. Die Folge eines zu geringen Serotoninhaushaltes: Erhöhte Gewaltbereitschaft des Kindes, es ist schwer zu beruhigen. Bei gestörten Mutter-Kind-Beziehungen gilt dasselbe, es kommt schon bald zu permanenten Frusterlebnissen zwischen Mutter und Kind, hinsichtlich der Bindung, der Kontrolle, des Lustgewinns, vor allem des Selbstwertgefühls. In der Folge zieht ein zu geringer Serotoninspiegel Erkrankungen im zentralen Nervensystem nach sich, das Krebsrisiko für den Magen-Darm-Trakt steigt erheblich, lebenslang.

Die jungen Affenkinder, deren Serotoninspiegel zu niedrig ist, werden von der Gruppe gemieden, sie werden zu Außenseitern. Ihr Verhalten ist aggressiv: Sie machen gefährliche Riesensprünge von Baum zu Baum, gehen hohe Risiken ein, sterben oft dabei. Ihr Gebaren ist grundsätzlich auffällig, sie wählen bei Versuchen zum Beispiel meist Getränke mit Alkohol, welche von den gesund sozialisierten Tieren gemieden werden. Die Außenseiter trinken so viel Alkohol, bis sie betrunken umfallen.

Pubertierende Tiere dieser eingeschränkten Art haben es in der Gruppe nicht leicht: Sie werden von den Weibchen gemobbt und angegriffen. Ihre sozialen Verhaltensweisen sind so schlecht, dass sie allermeist im Laufe der ersten Lebensjahre sterben. Der niedere Serotoninspiegel bleibt bei den überlebenden Tieren lebenslang auf niedrigem Niveau, und: Er ist hochvererbbar!

Rhesus-Affen-Weibchen, die durch Vererbung mit einem zu geringen Serotoninspiegel geboren werden, weisen von Beginn an ein schwieriges soziales Verhalten auf: Sie haben schlechte Bindungen zu ihren Kindern, diese geraten wiederum in eine Art seelischer Desorganisation, sind nicht in der Lage, mit anderen Kleinen zu spielen. Diese negative Entwicklung kommt aufgrund der defekten Gene, aber vor allem durch das fehlende Bindungsverhalten der Mutter zustande, ein neues Negativ-Kontinuum beginnt.

Das Thema Serotonin, welches wir hier nur kurz beleuchten konnten, ist übrigens nur ein Punkt einer ganzen Liste von Faktoren, die für die Kindheit wichtig sind.

Nun wollen wir noch einmal unsere „moderne“ Gesellschaft näher betrachten: Wir geben unsere Kinder früh in fremde Hände, weg von Mama! Die Betreuungsqualität, so wurde jetzt durch eine aktuelle Studie der Hamburger Wohlfahrtsverbände erneut bestätigt, ist verheerend: Bis zu acht Säuglinge und Kleinkinder werden von einer Person verwahrt, und diese kann durchaus ungelernt sein, eine Praktikantin etwa. Von Körperkontakt keine Rede, von Förderung ebenso wenig, die lebenswichtige Mutterbasis liegt in weiter Ferne. Hoffnungslosigkeit für deutsche Kinderseelen! Die Störungen für das gesamte weitere Leben dürften gewaltig sein, vor allem, wenn weitere familiäre Risikofaktoren dazukommen wie etwa Gewalt, Alkohol, Drogen, Missbrauch und so weiter.

Wir sind gerade dabei, uns selbst abzuschaffen. Man jammert über saufende Jugendliche, über Gewaltbereitschaft, mangelndes soziales Verhalten, über Depressionen und wachsende Selbstmordraten. Die Ursachen liegen auf der Hand, denn alles ist ja so einfach: Die Naturgesetze sind immer einfach. Wir müssten sie nur befolgen!


S. 9 Kultur

Insel des Friedens
Eine Schweiz des 17. Jahrhunderts − Ausstellung zeigt, wie die Reichsstadt Köln den Dreißigjährigen Krieg überstand

In der Mitte Europas tobt der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648. Er tobt vor allen Dingen in Deutschland – genauer gesagt: im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation – und bringt Tod und Verwüstung, Not, Elend und Leid im ganzen Land. Aber es gibt eine „Insel des Friedens“, einen Ort der Zuflucht in diesen unheiligen Zeiten: die Reichsstadt Köln.

„Köln im Krieg“ lautet das Thema der Ausstellungen des Kölnischen Stadtmuseums in diesem und im kommenden Jahr. Natürlich steht 2014 auch der Erste Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann, auf dem Plan.

Doch aktuell beschäftigt sich das Stadtmuseum erst einmal mit der Rolle Kölns im Dreißigjährigen Krieg. Diese Epoche der Stadtgeschichte war bislang völlig vernachlässigt. Bis zum 5. Okto­ber ist die Ausstellung „Köln in Unheiligen Zeiten“ zu sehen.

Im 17. Jahrhundert bestand das Heilige Reich aus etwa 300 selbständigen Staaten. Das waren Herzogtümer, Grafschaften, Herrschaften, (Erz-)Bistümer und auch 62 Freie Reichsstädte, zum Beispiel Hamburg und Magdeburg, Frankfurt und Köln, Straßburg und Donauwörth. Über allen stand formal der Kaiser im fernen Wien, der aber faktisch nicht viel zu sagen hatte.

Rund 100 Jahre nach Luthers Thesenanschlag in Wittenberg (1517) und der darauf folgenden Reformation war das Land religiös gespalten in Katholiken und Protestanten. Als dann nach dem „Prager Fenstersturz“ vom 23. Mai 1618 ein Kriegsanlass gefunden war – der Vergleich mit dem Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914 und dem folgenden Ersten Weltkrieg drängt sich auf –, kämpfte eine „Katholische Liga“ mit dem Kaiser in Wien an der Spitze gegen eine „Evangelische Union“, in der sich vor allem nord- und ostdeutsche Fürsten wie der sächsische Kurfürst, der Markgraf von Brandenburg, aber auch der Pfälzer Kurfürst und viele Freie Reichsstädte zusam­mengeschlossen hatten.

Aus dem scheinbaren Religionskrieg innerhalb des Reiches entwickelte sich schnell ein Machtkampf auf europäischer Ebene. Hier kämpften die katholischen Habsburger, die in Spanien und Österreich regierten, gegen das ebenfalls katholische Frankreich und die protestantischen Staaten der Vereinigten Niederlande, Dänemarks und Schwedens. Söldner-Kriegszüge, Hungersnöte und Seuchen entvölkerten ganze Landstriche überall in Deutschland.

Doch in Köln, das will die Ausstellung zeigen, „ticken die Uhren anders“: Keine Belagerung, keine Besatzung, keine Zerstörung, kein Krieg während der gesamten 30 Jahre. Köln zählte mit seinen rund 42000 Einwohnern neben Antwerpen, Hamburg und Magdeburg zu den größten Städten des damaligen Reiches. Köln war nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein kulturelles und geistiges Zentrum.

Und, noch bedeutsamer, Köln hatte seit der Römerzeit eine massive Stadtbefestigung, die Schutz und Sicherheit vor kriegerischen Angriffen bot. Das nutzten dann auch gern Flüchtlinge und Asylsuchende aller Art. Die auf Neutralität bedachte Reichsstadt Köln bot den zahlreichen, nicht selten „ungebetenen Gästen“ eine Zu­flucht, vor allem solchen „Asylanten“, die katholisch und vermögend waren.

Prominentestes Beispiel: Maria von Medici, die Mutter des französischen Königs Ludwig XIII. Der junge König, der auf Seiten der „Evangelischen Union“ gegen die „Katholische Liga“ kämpfte, hatte seiner Mutter nach einer Auslandsreise die Rückkehr nach Frankreich untersagt. Am 12. Ok­to­ber 1641 zog die französische Königinmutter in Köln ein.

Köln blieb im politischen Machtpoker des 17. Jahrhunderts zwar neutral, war aber nichtsdestotrotz eine durch und durch katholische Stadt. Von den 65 Freien Reichsstädten waren zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges gerade mal noch 18 katholisch. Köln verstand sich als sicheres „katholisches Bollwerk“ und wurde daher zu einer begehrten Fluchtburg für andernorts vertriebene Kirchenfürsten.

Nachdem die protestantischen Schweden weit ins Reich einmarschiert waren, mussten nun viele katholische Bischöfe, die immer auch weltliche Herrschaft ausgeübt haben, Hals über Kopf fliehen. Im Dezember 1631 traf der geflohene Würzburger Fürstbischof Franz v. Hatzfeld ein. Kurz darauf trudelte der Osnabrücker Bischof im „heiligen Köln“ ein. Ihm folgte kurz vor Weihnachten der Mainzer Erzbischof, als Erzkanzler des Reiches der ranghöchste Asylant. Anfang 1632 folgten der Bischof von Worms und kurz danach der Fürstabt von Fulda. Die Ausstellung zeigt Porträts der meist eitlen Kirchenfürsten, die sich auf Kupferstichen oder Gemälden abbilden ließen.

Alle diese Flüchtlinge schätzten die trotz des Krieges noch intakte Infrastruktur der Stadt Köln. Da zudem fast alle katholischen Ordensgemeinschaften in Köln eine Niederlassung hatten, konnten die verwöhnten Herren auch angemessen untergebracht werden. Hier konnten sie zudem ihre Schätze und Reichtümer in Si­cherheit bringen, was auch ausgiebig geschah. Und von Köln aus, strategisch günstig am Rhein gelegen, konnten sie mit Geld, Waren und Kriegsgerät handeln. Im großen Stil betätigten sich die „christlichen“ Herren als Waffenhändler und Kriegstreiber.

Bekannt ist, dass allein der Würzburger Fürstbischof mindestens 300000 Gulden in bar sowie beleihbare Schuldverschreibungen über 552000 Gulden nach Köln brachte. Die Gelder wurden hauptsächlich für Waffenkäufe und Söldneranwerbung eingesetzt. Etliche Kölner gelangten durch den florierenden Handel mit Waffen und Kriegsgütern zu großem Reichtum. Zum Beispiel der Ratsherr und Bürgermeister Johann Bolandt, der sich, wie ein Fürst, aufwendig porträtieren ließ. Köln war, dank der „Edel-Asylanten“, unversehens zum internationalen Finanzzen­trum geworden − quasi die Schweiz des 17. Jahrhunderts.

Unmengen wertvoller Kunstgegenstände und Reliquien be­scherten der Stadt zudem den Ruf als „Schatzkammer des katholischen Reiches“.

Doch das „Hillije Coellen“ (Heilige Köln) mit all seinen Kirchen, Stiften und Klöstern, prächtigen Prozessionen und seiner barocken Frömmigkeit hatte auch seine Schattenseiten. Während nach Außen hin die politische Neutralität hoch gehalten wurde, herrschte im Innern religiöse Intoleranz, ja Repression und Unterdrückung. Hexenverfolgungen fanden im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Oft standen wirtschaftliche Interessen, Neid oder Gier hinter den Folterungen und anschließenden Hinrichtungen der Frauen. Nichtkatholiken, das heißt Juden und Protestanten, wurden verfolgt und ausgegrenzt.

Diese turbulente Epoche macht das Kölnische Stadtmuseum erstmals zum Thema einer Ausstellung. Eigene Exponate und wertvolle Leihgaben aus Kirchen und Museen in ganz Deutschland machen die große Weltgeschichte und die kleinen privaten Ge­schichten anschaulich. Bilder der Stadt, Porträts bedeutender Zeitgenossen, wertvolle Kirchen- und Kunstobjekte, aber auch Gegenstände des Alltags wie medizinische Geräte (Knochensäge und Kugelentferner), Möbel und Ge­mälde erzählen von einer Stadt, die alles in allem eine furchtbare Zeit einigermaßen heil überstanden hat, ja sogar von heiklen, aber überaus lukrativen Geschäften profitierte. Siegfried Schmidtke

Ausstellung bis 5. Oktober im Kölnischen Stadtmuseum, Zeug­hausstraße 1−3, Köln (zirka 500 Meter vom Dom entfernt). Geöffnet Dienstag 10 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat von 10 bis 22 Uhr, montags geschlossen. Eintritt: 6,50 Euro. Der Katalog zur Ausstellung kostet 16,90 Euro.


Apokalypse in Versform
Meister der Barockdichtung − Andreas Gryphius zum 350. Todestag

Die Sprache ist altertümlich, doch das Thema ist zeitlos: „Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret. / Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun / Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun / Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.“

Die Gedichtszene könnte in einem der gegenwärtigen Bürgerkriege spielen, bezieht sich aber auf den Dreißigjährigen Krieg. Der Dichter Andreas Gryphius hat als junger Mensch in seiner schlesischen Heimat den ganzen Schrecken der Verwüstung miterlebt. 1616 als Andreas Greif in eine lutherische Pfarrersfamilie hineingeboren, war er von der katholischen Gegenreformation, die über Schlesien hereinbrach, besonders be­troffen. Der Vater starb früh − vermutlich an Kriegsfolgen −, die Mutter verschied nur wenige Jahre später.

Gänzlich auf sich allein gestellt, setzte Gryphius seine unterbrochene Schulbildung selbstständig fort, studierte am akademischen Gymnasium in Danzig sowie später in Amsterdam und Leiden. Auf diesem Wege machte er sich mit den barocken Dichtungstheorien seines schlesischen Landsmanns Martin Opitz vertraut. War die herrschende Dichtersprache bis dahin das Lateinische, so setzte Opitz in seinem „Buch von der deutschen Poeterey“ Regeln für eine deutsche Verssprache fest. Und Gryphius vollendete die Grundsätze vor allem in seinen, dem „Vanitas“-Motiv verpflichteten Sonetten wie in dem berühmten „Alles ist Eitel“: „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden / Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein.“

Mit dem sechshebigen Jambus, also dem stets von unbetonter auf betonte Silbe wechselndem Versfuß mit einer Zäsur nach der dritten Hebung – auch Alexandriner genannt –, schuf Gryphius Gipfelwerke der Barockliteratur, die bis in die Goethezeit wirkten. Dass er zu Lebzeiten auch als Dramatiker er­folgreich war, geriet nach seinem Tod in seinem Ge­burtsort im schlesischen Glogau vor 350 Jahren, am 16. Juli 1664, allerdings rasch in Vergessenheit.

Zeitgenössische Dichter wie Günter Grass halten die Erinnerung an Gryphius immer wieder wach. In der Erzählung „Das Treffen in Telgte“ von 1979, in der Grass in verschlüsselter Form das Treffen der Gruppe 47 durch eine Versammlung von Barock­dichtern ersetzt, taucht Gryphius an vorderster Front als wortgewaltiger Trümmerdichter auf. Er trägt dabei Züge des Nobelpreisträgers Heinrich Böll. Hätte es den Nobelpreis schon zu Barockzeiten gegeben – Gryphius wäre ein ganz heißer Kandidat dafür gewesen. Harald Tews


So richtig »Tralala«
Als David Bowie ein Berliner war − Ausstellung im Gropius-Bau

Die britische Pop-Ikone Da­vid Bowie ist vielleicht nicht jedermanns Ge­schmack. Das kann man aber nicht über die Berliner Ausstellung des Mega-Stars sagen. Bowie wagte et­was, und dieser Funke springt im Martin-Gropius-Bau über.

An der Niederkirchnerstraße 7, dort, wo früher die Mauer stand, ist jetzt der Eingang zur Ausstellung, die bis zum 10. August läuft. Nur ein paar eingelassene Steine in der Straße erinnern an die Nahtstelle zwischen zwei Weltsystemen. Es war das Berlin des Kalten Krieges, das neben vielen anderen Künstlern auch Bowie in den 70ern magisch anzog. Der damals schon erfolgreiche Sänger wollte hier Ruhe finden vor der Welt und den Drogen. Sein Domizil war zwei Jahre lang eine Siebenzimmerwohnung in Schöneberg. Schon bald sah man ihn in dunklen Kneipenecken. Kühl und unnahbar. Aber die Berliner ließen ihn auch in Ruhe.

Seine Partnerin wurde Romy Haag, die aus Holland stammende Künstlerin, die einen angesagten Club führte. Beide hatten eine heftige Liebesaffäre, die schließlich Bowies Scheidung von seiner ersten Frau nach sich zog. „Manchmal waren wir Tralala“, sagt Haag heute, „dann sind wir zur Glienicker Brücke gefahren und haben uns überlegt, nur einen Schritt weiter noch, dann würden die da drüben schießen.“

Bowie, der seinen Künstlernamen einem Kampfmesser aus dem Wilden Westen verdankt, schaute sich bei seiner großen Liebe Schminktipps ab. Er sah Haag zu, Abend für Abend. Sie begleitete ihn nach Paris auf Tour und berichtete von Kokain in Schüsseln. Von allem zu viel.

„Berlin hat was“, soll David gesagt haben − vergesst Paris. Und wirklich. Hier, auf der Insel im Sozialismus, entstanden die drei Alben seiner sogenannten Berliner Trilogie. Der Künstler war oft in den Hansa-Studios, mit Blick auf die Mauer nahe des platt gemachten Potsdamer Platzes. Auf Europas einst verkehrsreichstem Platz herrschte gähnende Leere. Touristen verirrten sich her, schauten von Holzpodesten nach „drüben“. Bowie, der sich zu Berlins künstlerischer Vergangenheit hingezogen fühlte und dem Ex­pressionismus zugetan war, be­wies vor dem Eisernen Vorhang, dass Kunst keine Grenzen kennt.

Den Ausnahmekünstler spürt man in jedem Raum des Gropius-Baus. Sein progressiver Geist ist allgegenwärtig. Unterstützt durch modernste Technik, wandert man durch Bowies künstlerisches Leben. Natürlich mit ganz viel Musik, die durch die Kopfhörer das Gemüt berühren. Die Kuratoren des Londoner Victoria and Albert Museum, Victoria Broackes und Geoffrey Marsh, bekamen erstmals Zugang zum privaten David-Bowie-Archiv. Die ausgewählten 300 Objekte umfassen handschriftliche Texte, Fotografien, Filme und Musikvideos, Musikinstrumente, Album-Cover und persönliche Sammlungsstücke. Bowie spielte neben Marlene Dietrich in ihrer letzten Rolle, im Berlin gedrehten Kinofilm „Schöner Gigolo, armer Gigolo“. Ein Briefwechsel aus der Zeit ist zu sehen. Ein bisschen verrückt das alles. Wie damals, in den Goldenen Zwanzigern. Silvia Friedrich


S. 10 Geschichte

Deutsche Warnungen verhallten
Als Russland auf seiner Generalmobilmachung bestand, entschied sich das Reich, den Krieg zu erklären

Am 1. August 1914 erklärte das deutsche Kaiserreich per Telegramm, dass man „sich fortan im Kriegszustande mit Russland“ befände. Überbringer war der deutsche Botschafter am Zarenhof, Graf Friedrich Pourtalès. Bis zuletzt hatte er mit Rückendeckung aus Berlin für den Frieden zwischen beiden Ländern gekämpft.

Als der Graf 1919 „Am Scheidewege zwischen Krieg und Frieden. Meine letzten Verhandlungen in Petersburg, Ende Juli 1914“ mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes veröffentlichte, schrieb er darin nicht, was an anderer Stelle überliefert ist: dass er dem russischen Außenminister Sergeij Sasonow „unter Tränen“ die Kriegserklärung aus Berlin übergeben habe. Doch es klingt durchaus plausibel. Bis zuletzt hatte der Diplomat, der sich Russland sehr verbunden fühlte, versucht, einen Krieg zu verhindern. Dabei war er im Eifer des Gefechts sogar auf eigene Faust persönlich beim Zaren vorstellig geworden, um diesen dazu zu bewegen, die laufende Generalmobilmachung, die das deutsche Kaiserreich als Provokation und Gefährdung seiner Sicherheit empfand, zu beenden.

Der 1853 in der Schweiz geborene Neffe des preußischen Diplomaten und führenden Vertreters der liberal-konservativen Wochenblattpartei Graf Albert von Pourtalès diente erst beim preußischen Militär, um später dann in den diplomatischen Dienst zu wechseln. Seine Stationen waren Wien, Berlin, Den Haag, Paris und später mit Unterbrechung Sankt Petersburg. 1907 wurde er deutscher Botschafter am Zarenhof.

Schon kurz nach dem Attentat in Sarajevo am 28. Juni 1914 gab Pourtalès dem russischen Außenminister Sergei Sasonow zu verstehen, dass der Konflikt zwischen Serbien und Österreich-Ungarn ein rein regionaler zu bleiben habe. Aus Sicht Berlins sei es das Recht des mit ihm verbündeten Wien, die Belgrader Regierung im Falle einer Mitschuld an dem Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand zur Rechenschaft zu ziehen. Sasonow meinte hingegen, man könne eine Regierung nicht für die Bluttat eines Einzelnen verantwortlich machen. Die Beweise aus Wien, dass Belgrad nicht unbeteiligt gewesen war, war er nicht bereit zu akzeptieren. Auch Pourtalès Hinweis, dass doch auch der Zar es nicht hinnehmen könne, wenn das monarchische Prinzip infrage gestellt würde, also anderswo sein Thronfolger ermordet werden würde, wurde ignoriert. Dabei war sich der deutsche Diplomat bewusst, dass er in Sasonow noch einen Verbündeten hatte, der zumindest ebenfalls keinen Krieg wollte.

„Ein unglücklicher Zufall wollte es, dass Kaiser Nikolaus in diesen Tagen in Krasnoe Selo bei den Übungen der Garde war“, so Pourtalès in seinen Aufzeichnungen, „und sich unter dem direkten Einfluss seines Onkels, des Großfürsten Nikolai Nikoljewitsch, und seines Anhanges befand, der schon während des Balkankrieges offen zum Kriege gegen Österreich-Ungarn gehetzt hatte.“

Der Großfürst war Befehlshaber der Kaiserlichen Garde und umgeben von Kriegsbefürwortern. Unter diesen befand sich in vorderster Reihe seine Frau Anastasia, Tochter von König Nikola I. von Montenegro, der mit Serbien verbündet war. Beim großen Empfang für den französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Sankt Petersburg, in dessen Rahmen dieser dem Zaren die bedingungslose Unterstützung Frankreichs im Kriegsfalle zugesagt hatte, war diese dadurch aufgefallen, dass sie nicht nur gegenüber Wien, sondern auch gegenüber Berlin gehetzt hatte. „Deutschland muss vernichtet werden“, soll sie bei dem festlichen Abendessen gesagt haben, was nicht der Fall gewesen wäre, wäre sie sich nicht der Unterstützung ihres Mannes gewiss gewesen. Zudem war sich Pourtalès bewusst, dass Russland interne Probleme hatte. Immer wieder streikten Arbeiter und die Unzufriedenheit war spürbar. Demzufolge sah er durchaus rationale Gründe, warum einige Kreise einen Krieg als willkommenes Ventil für den aufgebauten Druck begrüßten.

Während der russische Außenminister ihm noch am 27. Juli verkündete, es gäbe keine Generalmobilmachung, erfuhr der deutsche Botschafter von seiner Frau, dass am Bahnhof Munitionskolonnen und Geschütze vorbeigerollt sein sollten. Emsig wurde zwischen Sankt Petersburg und Berlin hin und her telegrafiert, Zar und Kaiser tauschten sich höflich aus und gaben dem jeweils anderen Hoffnung, ein Krieg wäre noch abzuwenden. Inwieweit hatte die Friedenszusicherung an das Deutsche Reich nur den Zweck, Zeit zu gewinnen?

Immer wieder wies Pourtalès Sasonow darauf hin, dass eine Generalmobilmachung und russische Soldaten nahe der reichsdeutschen Grenze für Berlin einer Kriegserklärung gleich kämen. Und immer wieder wiederholte Sasonow, aus russischer Sicht sei das nicht so. Ratlos bat Pourtalès dann ohne vorherige Absprache mit Berlin um ein Gespräch mit dem Zaren, der ihn höflich empfing, jedoch ausweichend meinte, dass ein Stopp der Generalmobilmachung laut Aussagen seiner Militärs „technisch“ nicht möglich sei.

Hatte es anfangs noch geheißen, Sankt Petersburg benötige eine Zusage Wiens, dass es im militärischen Konflikt mit Serbien am Ende keine territorialen Ansprüche stelle, musste Pourtalès erleben, dass, als Wien diese Zusage tatsächlich auf Drängen Berlins gab, die Russen sie nicht akzeptieren wollten, da man ihr nicht glauben könne.

Am 31. Juli brauchte Pourtalès dann nur noch aus dem Fenster zu schauen. Dort war über Nacht der Mobilmachungsbefehl für die gesamte russische Armee und Flotte angeschlagen worden. Und obwohl noch Telegramme zwischen dem Zaren und dem Kaiser hin und her gingen, ahnte der deutsche Botschafter, was auf ihn zukommen würde. Am 1. August um 17.45 Uhr erreichte ihn das Telegramm des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Gottlieb von Jagow. Hierin hieß es, dass Russland trotz mehrfacher Bitten Deutschlands nicht von der Mobilmachung abgesehen habe, obwohl das Deutsche Reich immer wieder betont habe, dass es sich dadurch bedroht fühle. Und da es auch der ausdrücklichen Forderung eines Stopps nicht nachgekommen sei, bleibe Deutschland nur die Interpretation, die Generalmobilmachung als gegen sich gerichtet zu betrachten. Der letzte Satz lautete: „Seine Majestät der Kaiser, mein erhabener Herrscher, nimmt im Namen des Reichs die Herausforderung an und betrachtet sich im Kriegszustande mit Russland.“

Schweren Herzens erreichte Pourtalès mit dem Telegramm gegen 19 Uhr Sasonow. Dann fragte er diesen, so schreibt er in seinen Aufzeichnungen, angeblich dreimal, ob Russland nicht auf Berlins Forderung nach einem Stopp der Generalmobilmachung eingehen wolle. Nach dessen Verneinung las er die Kriegserklärung vor und verabschiedete sich unter Hinweis darauf, wie viel ihm stets an den deutsch-russischen Beziehungen gelegen habe. Nachdem die beiden Männer sich umarmt hatten, machte Pourtalès die Befürworter der Generalmobilmachung für den nun folgenden Krieg verantwortlich, während Sasonow Heinrich von Tschirschky und Bögendorff, dem deutschen Botschafter in Wien, die Schuld gab. In späteren Kriegsschulddebatten spielten jedoch beide keine Rolle. Rebecca Bellano


Erst spät wurde Deutschlands Geheimdienst aktiv
Am 26. Juli 1914 erfuhr Berlin von seinem Militärattaché in Sankt Petersburg von der russischen Teilmobilmachung

Trotz der Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers am 28. Juni 1914 trat der deutsche Kaiser Wilhelm II. am 7. Juli seine alljährliche Nordlandreise an. Der kränkelnde Generalstabschef Helmuth von Moltke kurte in Karlsbad. Der deutsche Geheimdienstchef, Major Walter Nicolai, reiste mitsamt seiner Familie zu einem vierwöchigen Urlaub in den Harz. Die Zentrale des militärischen Geheimdienstes IIIb war in diesem Sommer nur mit einer Notbesetzung versehen.

Am 26. Juli 1914 platzte ein Telegramm des deutschen Militärattachés in Sankt Petersburg, Major Bernhard von Eggeling, in diese Idylle. Obwohl Reichskanzler Theodor von Bethmann-Hollweg noch drei Tage vorher einen begrenzten Krieg auf dem Balkan zwischen Österreich-Ungarn und Serbien für die wahrscheinlichste Entwick­lung gehalten und die Beteiligung anderer Mächte strikt ausschlossen hatte, hatte Russland nun klammheimlich eine Teilmobilmachung seiner Truppen im europäischen Landesteil angeordnet. Die Mobilmachung der Militärbezirke Odessa und Kiew war nach Meinung von Eggeling sicher und deutete auf einen Krieg gegen Österreich-Ungarn hin. Die Mobilmachung der Militärbezirke Moskau und Warschau, letzterer grenzte unmittelbar an das Deutsche Reich, wirkte dort beunruhigend. Moltke und Nicolai beendeten jäh ihren Urlaub und auch der Kaiser traf am 27. Juli 1914 wieder in Deutschland ein. Nun erst, ab dem 26. Juli 1914 und damit sechs Tage vor Kriegsausbruch, ließ Major Nicolai seine Erkundungsmaschinerie anlaufen, um die russischen und französischen militärischen Aktivitäten aufzuklären.

Ein V-Mann des Geheimdienstes meldete, dass der russische Botschafter in Paris am 26. Juli 1914 die ostpreußische Grenze passiert habe. Jener V-Mann, der preußische Grenzpolizeikommissar Philippi, hatte sich dabei mit dem Russen auf dem Grenzbahnhof Wirballen unterhalten. Dabei bestätigte der Diplomat die Mobilmachung jener vier wichtigen russischen Militärbezirke und betonte, Russland würde niemals Serbien gegen Österreich-Ungarn im Stich lassen. Damit erst war den deutschen Militärs und Politikern inklusive des Kaisers die Brisanz der Situation klar. Wenn Russland gegen Deutschland in den Krieg zog, würde auch Frankreich folgen und das Reich war dann von zwei Seiten bedroht.

Jetzt wurden alle verfügbaren deutschen Agenten und V-Leute mit Erkundungsaufgaben versehen und schwärmten in die Nachbarländer aus. Ab dem 28. Juli trafen täglich mehr und mehr Meldungen vor allem aus den grenznahen Gebieten Kongresspolens und Frankreichs ein. Die Meldungen waren unspektakulär und nüchtern, wie jene über den Bau einer Pontonbrücke über die Weichsel bei Leslau (Wloclawek) nahe Thorn, bewacht durch das 15. russische Husarenregiment. Andere Agentenmeldungen berichteten über Pferdeankäufe fürs Militär, die Einberufung von Reservisten, die Zusammenziehung von größeren Mengen Güterwaggons für Truppentransporte und den am 28. Juli in Frankreich verhängten Urlaubsstopp für alle Staatsbeamten. Selbst aus Tula nahe Moskau traf am 1. August 1914 eine Meldung des Agenten P 44 über Mobilmachungsmaßnahmen ein.

Hauptmann Erich Otto Volkmann von der Nachrichtenstelle Allenstein in Ostpreußen erzielte das spektakulärste Ergebnis, das in Deutschland weitreichende Folgen hatte. Sein jüdischer Agent Pinkus Urwicz aus Kolno in Kongresspolen entwendete aus dem dortigen Bürgermeisteramt einen auf rotem Papier gedruckten russischen Aufruf zur Allgemeinen Mobilmachung vom 1. August 1914 und trug diesen unverzüglich über die Grenze nach Deutschland. Der jüdische Händler erhielt dafür eine gute Belohnung und Volkmann sandte diesen Aufruf unverzüglich nach Berlin, wo ihn Major Nicolai dem Generalstabschef Moltke vorlegte. Angesichts dieses russischen Dokuments unterzeichnete Moltke die Anordnung zur deutschen Mobilmachung ab dem 1. August 1914. Damit war der Ausbruch des Weltkriegs nicht mehr aufzuhalten.

Major Nicolai griff nun zu seinem letzten und wichtigsten Erkundungsmittel. Ab sofort wurden sogenannte „Spannungsreisende“ nach Frankreich, England, Russland und Belgien in Marsch gesetzt. Das waren besonders nüchterne und erprobte Beobachter, die für ihre Auslandsreise harmlose Ursachen wie Geschäfte oder Verwandtenbesuche vorschützten und nunmehr über den Ablauf der gegnerischen Mobilmachung berichteten. Viele „Spannungsreisende“, wie der nach London entsandte Amerikaner Wilbert E. Stratton, wurden nicht enttarnt. Die beiden in Holland ansässigen Brüder und deutschen Reserveoffiziere Fritz und Ludwig Schnitzer entkamen rechtzeitig und waren im Laufe des Weltkriegs als deutsche Geheimdienstoffiziere tätig. Der Hamburger Kaufmann und Hauptmann der Reserve Erhardt hatte dagegen großes Pech. In Belgien wurde er verhaftet und nach summarischem Prozess mit anderen Angeklagten am 8. September 1914 in Ostende erschossen.

Die Ergebnisse der Tätigkeit des deutschen Geheimdienstes, der 1914 über keinen einzigen Agenten in den feindlichen Stäben verfügte, waren keineswegs überragend. Beinahe hätten der deutsche Generalstab und vor allem sein zur Feindbeobachtung berufener Geheimdienst den Kriegsausbruch 1914 verschlafen, was gegen eine planmäßige Eskalation der Krise zum Krieg von Seiten Deutschlands spricht. Doch gelang es dem als „Frühwarnsystem“ gedachten Nachrichtendienst gerade noch rechtzeitig, das Anlaufen der gegnerischen Mobilmachung zu erkennen und so den deutschen Generalstabschef zu veranlassen, seinerseits zur Mobilmachung überzugehen. Jürgen W. Schmidt


S. 11 Preussen

Erstmals mit dem Eisernen Kreuz
Vor 200 Jahren wurde das Brandenburger Tor in seiner heutigen Form der Öffentlichkeit vorgestellt

Mit oder ohne Eisernes Kreuz? Diese Frage spaltete zeitweise die Deutschen. Das SED-Regime ließ das Kreuz wie auch den Preußenadler von der Quadriga entfernen, nach der kleinen Wiedervereinigung kehrten sie zurück. Vor zwei Jahrhunderten wurden die beiden Symbole erstmals mit der Quadriga des Brandenburger Tores verbunden.

In einem Tiefpunkt preußischer Geschichte, der Phase napoleonischer Fremdherrschaft, erwachsen erst Preußen und später auch Deutschland zwei identitätsstiftende Symbole, die mehr oder weniger bis in unsere Gegenwart Bestand haben. Da ist zum einen das Brandenburger Tor. Dieses Tor gibt es schon seit 1791, aber erst durch den Raub der Quadriga durch Napoleon nach dem Vierten Koalitionskrieg von 1806/07, der die Figurengruppe als Kriegsbeute in seine Hauptstadt verbrachte, gewann es seine heutige Bedeutung. Der aus dem Mauerwerk senkrecht wie ein mahnender Finger gen Himmel weisende nackte eiserne Halterungsstab, an dem die Quadriga vormals befestigt gewesen war, führte den Verlierern ständig den Verlust vor Augen und wirkte wie ein Dorn im Fleische der Gedemütigten.

Das andere neue Symbol war das Eiserne Kreuz. Es griff zwar auf das Wappen des Deutschen Ordens zurück, war aber im Gegensatz zum Brandenburger Tor ein Produkt der napoleonischen Zeit. Ähnlich wie das Brandenburger Tor mit seinem nack­ten Eisendorn war auch das Eiserne Kreuz symptomatisch für die Schwere der Zeit. Statt aus Edelmetall und mit Edelsteinen besetzt war es schlicht und wie der Name schon sagte aus vergleichsweise billigem unedlem Metall. Schnell entwickelte der Orden eine über seinen eigentlichen Zweck hinausgehende Bedeutung. Etwas despektierlich sprechen die Historiker Michael S. Cullen und Uwe Kieling von einer „zeitgenössischen rigorosen ,Vermarktung‘. Es zierte Gebrauchs- und Schmuckporzellan, Denkmale, Grabstätten und Truppenfahnen. Das Schinkelsche Kreuzbergdenkmal, das Grabmal Scharnhorsts auf dem Invalidenfriedhof, das Denkmal für Blücher unter den Linden, die Erzeugnisse der KPM – ohne Eisernes Kreuz sind sie nicht denkbar.“

Angesichts dessen kam die Idee auf, die geraubte Quadriga auf dem Brandenburger Tor durch ein Eisernes Kreuz zu ersetzen. So politisch verständlich diese Idee ist, so ästhetisch abstoßend ist sie. Karl Friedrich Schinkel, von dem die künstlerische Ausführung des 1813 durch Fried­rich Wilhelm III. gestifteten Eisernen Kreuzes stammte, war Ästhet genug, eine maßlos überdimensionierte Ausführung seines Werkes, ein „colossales Eisernes Kreuz“ auf dem Brandenburger Tor als „Vandalismus“ abzulehnen und begründete dieses fachmännisch: „Ein Kreuz als ein in einem einzigen Begriff abgeschlossener, keiner unendlichen Ausbildung fähiger Gegenstand kann ebensowenig als etwa ein Quadrat oder ein Dreieck zu einem Kunstwerk erhoben oder mit einem vorhandenen Kunstwerk ... verbunden werden.“

Die Idee eines Eisernen Kreuzes als Ersatz für die Quadriga erübrigte sich, als die Figurengruppe vier Tage nach dem Fall von Paris gefunden wurde und wieder in den Besitz ihres Eigentümers geriet. Die neu gewonnene politisch-symbolische Bedeutung der Quadriga über Preußens Grenzen hinaus spiegelte sich in ihrer Heimreise von Paris nach Berlin wider, die einem Triumphzug glich. Der Preußenkönig wollte von dem Nimbus der Wagenlenkerin profitieren und bestimmte deshalb, dass mit ihrer Präsentation auf dem Brandenburger Tor bis zu seiner eigenen Heimkehr aus dem Felde beziehungsweise aus Paris zu warten sei.

Zudem wünschte er Veränderungen. Als Ersatz für die Quadriga wurde das Eiserne Kreuz nun nicht mehr gebraucht, doch wünschte er nichtsdestoweniger die Schaffung einer irgendwie gearteten Verbindung zwischen Kreuz und Tor. Aus diesen Gründen wurde die Figurengruppe nicht direkt zu ihrem angestammten Platz, sondern erst einmal zum Jagdschloss Grunewald gebracht, dessen Hof zur diskreten Werkstatt umfunktioniert wurde.

Am 16. Mai 1814 wurde Schinkel durch Kabinettsrat Daniel Ludwig Albrecht mit dem Wunsche ihres Königs nach einer Verbindung von Tor und Kreuz konfrontiert. In dieser Situation griff der Künstler auf seine eigenen Planungen aus der Zeit zurück, als noch nach einem Ersatz für das Viergespann gesucht worden war. Er hatte damals eine Quadriga entworfen, „wo statt der Viktoria das römische Panier aus sieg­reichen Waffen hervorragte, an welchem die Zügel der Rosse geknüpft waren“. Dieses Panier griff Schinkel nun auf und gab es der Wagenlenkerin in die Hand: „Unter den jetzt statthabenden Umständen, da wir den Triumpfwagen wieder erhalten haben, findet der oben entwickelte Gedanke ebenfalls auf höchst zweckmäßige, und dem Kunstwerk selbst vorteilhafte Art, Anwendung ... Wäre es nicht die passlichste und zugleich schönste Art, das eiserne Kreuz anzubringen, wenn man unserer Viktoria ... das Preußische Panier nach obenbeschriebener Art, auf den Wagen gestützt, emporstehend halten ließe, wie würdig beschlösse es hier nicht die ganze Gruppe und wie sehr würde diese nicht gewinnen durch die dadurch erhaltene piramidele Form.“ Am 28. Juni schlug Schinkel vor, „der Victoria das Panier Preußens in die Hand zu geben an der Stelle des sonst von ihr gehaltenen antiken Paladiums. Dies Panier Preußens besteht aus einem Eichenkranz welcher das eiserne Kreuz umschließt, über welchem der preußische Adler mit ausgebreiteten Schwingen emporzusteigen scheint.“ Friedrich Wilhelm III. erteilte sein Einverständnis für die von Schinkel vorgeschlagene Prussifizierung. An die Stelle des römischen Legionszeichens mit Lorbeerkranz, Legionstafel und darüber schwebendem römischen Adler trat nun ein „Panier Preußens“ mit einem Kranz aus Laub des deutschesten aller Bäume, dem Eisernen Kreuz und dem preußischen Adler. Das zeitgenössische Preußen trat symbolisch an die Stelle des antiken Rom.

Nach der Restaurierung und der beschriebenen Verpreußung kehrte die Quadriga am 30. Juni 1814 auf das Brandenburger Tor zurück, wurde aber anschließend durch einen Sichtschutz erst einmal den Blicken der Schaulustigen entzogen. Am 7. August, einem Sonntag, zog der aus Paris zurückgekehrte Friedrich Wilhelm III. an der Spitze seiner in den vorausgegangenen Befreiungskriegen siegreichen Truppen durch das Brandenburger Tor in seine Hauptstadt ein, ein Ereignis, an das der Name „Pariser Platz“ für das „Quarré“ bis heute erinnert.

In diesem Moment fiel, um es mit den pathetischen Worten des Historikers Emil von Siefarts zu sagen, „die zeltähnliche Bedachung wie durch einen Zauberschlag. Im gleichen Augenblick brach die Sonne durch die Wolken, und in ihrer neu errungenen Glorie stand die Viktoria wieder auf ihrem alten Platze.“ Manuel Ruoff


»... preußischer Geist in feinsten Spirituosen ...«
In der Berliner Seestraße 13, »Manufaktur und Museum zugleich«, wird das traditionelle Handwerk der Gin-Herstellung betrieben

Die Deutschen trinken wieder Gin, so lautet zumindest die Erkenntnis des „Handelsblattes“, das Ende Juni kleine einheimische Destillen vorstellte, die diesen farblosen Wacholderschnaps zum Geschmackserlebnis werden lassen. Unter den Produzenten, die gelobt wurden, befand sich auch die Preußische Spirituosen Manufaktur in Berlin-Wedding. Hier sei nicht nur das Getränk edel, sondern auf Wunsch auch die Verpackung. So kostet eine normale Flasche „Adler Berlin Dry Gin“ 33 Euro, abgefüllt in einem in den 1930er Jahren von Trude Petri entworfenen und mit Goldmünze verzierten Klassiker des Porzellandesigns der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin jedoch rund 500 Euro.

Ansonsten geht es in der Berliner Seestraße 13 jedoch weniger abgehoben zu. Hier wird ein traditionelles, zur Kunst verfeinertes Handwerk in einem Umfeld ausgeübt, das man als historisch bezeichnen kann. Nicht nur ein Teil der Rezepte ist noch aus dem 19. Jahrhundert, auch die Gerätschaften vermitteln den Eindruck, man absolviere eine Zeitreise.

Die Wurzeln der Preußischen Spirituosen Manufaktur reichen zurück bis in das Jahr 1874. Damals beschloss das preußische Kabinett im Rahmen eines Unterstützungsprogrammes für die heimischen Bauern die Errichtung einer Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation. Die Überschüsse aus der Kartoffel- und Getreideernte sollten aufgekauft werden, um daraus Alkohol zu fertigen. Über die Jahre gelang es dem mit der Leitung der Manufaktur beauftragten Chemiker Max Delbrück Liköre mit besonderer Note zu kreieren, die selbst Kaiser Wilhelm I. begeistert haben sollen. Unter dem Namen „Adler Spirituosen“ machte sich das Unternehmen einen Namen. Doch die beiden Weltkriege und die damit verbundenen wirtschaftlichen Turbulenzen überlebte die Manufaktur nicht. Zwar wurde der Betrieb in den 50er Jahren wieder aufgenommen, doch führte er nur ein trauriges Nischendasein.

Erst ein Skiunfall des Barmannes Gerald Schroff mit dem Diplom-Ingenieur für Gärungstechnik und promovierten Mikrobiologen Ulf Stahl legte den Grundstein für eine Neuauflage von „Adler Spirituosen“. Am Abend des Unfalls klärten die Unfallgegner nämlich ihren Disput an der Hotelbar und entdeckten dabei beider Leidenschaft für Gin. 2005 begannen sie sich für die Preußische Spirituosen Manufaktur zu engagieren, die sie 2009 übernahmen.

„In preußischer Bescheidenheit beschränken wir uns auf das Wesentliche: unvergleichlichen Geschmack. Edel und wahrhaftig preußisch, diesen Anspruch haben wir an unsere Produkte und ihre Herstellung“, preist das Unternehmen auf seiner ansprechend gestalteten Internetseite seine Arbeit an und vermittelt bereits einen Eindruck davon, wie produziert wird. Stahl, Schroff, eine Destillateurin und ein Auszubildender arbeiten in der kleinen Manufaktur mit Fabrikverkauf, der wochentags von 9 bis 19 Uhr geöffnet ist. Aber gern führen sie auch angemeldete Besucher (Telefon 030/45028537) durch ihre Räumlichkeiten und informieren über den Zauber, der ihren Produkten innewohnt.

Lavendelblüte, Koriander, Angelikasamen, Ingwer, Meisterwurzel, Baldrianwurzel, Piment, Orangenblüte, Zitronenschale und Bisamkörner beispielsweise geben dem Gin seine besondere Note. „Wir destillieren mit Alkohol, um Aromen und Wirkstoffe zu extrahieren. Verwechseln Sie unsere Arbeit nicht mit der einer Brennerei oder mit der Parfümherstellung“, betont Inhaber Schroff gegenüber der PAZ. „Ach ja, und wir machen ja alles, aber wir verpacken unsere Produkte nicht als Geschenk“, lacht er und verweist damit auf einen der am häufigsten geäußerten Wünsche der Kunden im Fabrikverkauf.

Besonders stolz ist er darauf, dass die Preußische Spirituosen Manufaktur, bei der noch heute viel geforscht wird, die einzige Destille in Deutschland ist, die es angehenden Meistern der Fachrichtung ermöglicht, ihre fachliche Meisterprüfung zu absolvieren. Zusammen mit der Industrie- und Handelskammer werden hier jährlich die rund zehn bis zwölf angehenden Meister dieses aussterbenden Handwerks geprüft.

„An diesem Ort, Manufaktur und Museum zugleich, wird preußischer Geist in feinsten Spirituosen konserviert.“ Mit diesen Worten wirbt das kleine Unternehmen, das eine Tradition fortführt, die mehr Liebhaber verdient hat, für sich. Und wem der Weg nach Berlin für eine Kostprobe zu lang ist, der kann sich diese auch im Internet unter www.psmberlin.de bestellen. Rebecca Bellano


S. 12 Leserforum

Leserforum

Die Jugend besser ansprechen

Zu: Sonne im Herzen (Nr. 26)

Mein Sohn und ich waren beim Sommerfest der Ostpreußen in Allenstein mit dabei. Es ergab sich so. Unser Ziel war eigentlich, die Orte zu finden, die ich noch lebhaft in Erinnerung habe. Diese sollte mein Sohn jetzt auch kennenlernen.

Diese ostpreußischen Orte, sie sind alle noch da. Wie sollte es auch anders sei. Aber wo sind denn die Wohn- und Wirkungsstätten und alle Nachbargebäude, das Dorf und die Dörfer überhaupt geblieben? Die Zeit ist über sie hinweg gegangen und hat alle Spuren, fast alle, verwischt. Die Natur hat ein Übriges getan und deckt alles zu.

Am letzten Tag unserer Rundreise durch das Samland und den polnischen Teil des Kreises Preußisch Eylau besuchten wir den Vorsitzenden des Ostpreußischen Bauernvereins. Er führt einen landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe von Bischofsburg. Mit ihm fuhren wir zum Sommerfest nach Allenstein.

Auffällig war die überwiegende Mehrheit der Menschen im Rentenalter. Wo ist die junge Generation, die Nachgeborenen, in Ostpreußen geblieben? Dennoch fand ich das Programm über den Tag verteilt recht gut, wenn man die Teilnehmer des Sommerfestes berücksichtigt. Nicht gut fand ich aus meiner Sicht die Kommentare auf Polnisch zu den einzelnen Szenen der Ritterspiele. Ich verstand verständlicherweise kein Wort. Aber diese monotone, ununterbrochene Geräuschkulisse über eine Stunde schadete den Darbietungen.

Nicht jeder „Ostpreuße“ aus Ermland/Masuren hat während der gesamten Veranstaltung ausgeharrt. Viele gingen auch schon frühzeitig.

Zu wünschen wäre, die Gestaltung des Sommerfestes so anzulegen, dass auch die Jüngeren sich verstärkt davon angesprochen fühlen. Denn auf sie kommt es schließlich an, ob sich das Deutschtum in den Herzen der Menschen in weiteren Generationen erhalten lässt.

Klaus Glagau, Münster

 

 

Eine Kapitel-Burg

Zu: Für die Heimat (Nr. 26) und Sonne im Herzen (Nr. 26)

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das diesjährige Sommerfest der Landsmannschaft Ostpreußen in Allenstein am 21. Juni ist in der Preußischen Allgemeinen an mehreren Stellen fälschlicherweise von der „Deutschordensburg“ in Allenstein die Rede. Die Burg in Allenstein ist jedoch nicht vom Deutschen Ritterorden, sondern in der Mitte des 14. Jahrhunderts von dem in Frauenburg residierenden ermländischen Domkapitel erbaut worden, zu dessen Herrschaftsbereich damals Allenstein gehörte.

Gerhard Prengel, Groß Glienicke

 

 

Von Demokratie weit entfernt

Zu: „Spinner“ ist erlaubt (Nr. 24)

Es hört sich nach James Bond an, ist leider aber bittere deutsche Realität. Mit der gerichtlichen Bestätigung, dass der Bundespräsident Anhänger der NPD als „Spinner“ bezeichnen darf, werden mögliche Ausdrucksweisen kolossal erleichtert und legalisiert. Solange bei uns noch „Gleiches Recht für alle“ gilt, dürfen wir Joachim Gauck ebenfalls einen Spinner nennen, wenn wir meinen, er hätte die Geschichte nicht verstanden. Diese Vermutung liegt oft sehr nahe; dennoch hätte ich dabei Hemmungen.

Gauck spricht über Toleranz und Demokratie, macht aber das Gegenteil, wie viele andere seiner Kaste auch, sobald Abweichungen vom Mainstream erkannt werden.

Für mich ist das Verhalten von Gauck in erster Linie zu verabscheuen, weil er versucht, die Jugend zum Aufruhr anzustacheln (Aufforderung zum Protest gegen Rechts), aber auch, weil er die freie Meinungsäußerung für bestimmte politische, demokratisch etablierte Gruppen unterbinden will und neutral denkende Leute wie mich dazu bringt, Rechte für sogenannte Extremisten zu reklamieren, die ich sonst nicht unterstützen würde. Abgesehen von turnusgemäß abgehaltenen Wahlen hat sich unser Land erschreckend weit von einer Demokratie entfernt.

Hans J. Bothmann, Hamburg

 

 

Wunderbares Land

Zu: Für die Heimat (Nr. 26)

Gerade aus Ostpreußen zurück, klingen die schönen Tage noch in mir nach. Der PAZ-Leitartikel spricht mir voll aus dem Herzen. Genauso habe ich meinen Aufenthalt dort empfunden, als ein lebendiges Miteinander, wo keiner dem anderen mehr misstraut und endlich Normalität einkehrt.

Ich erlebte eine grandiose Landschaft, ein aufwärts strebendes Gebiet, Menschen, die dort ihre Heimat haben und sich dazu bekennen. Man kann heute als Gast durch Ostpreußen reisen und geht als Freund.

Ich habe keine Familienbeziehung zu Ostpreußen, zwar ist meine Mutter dort in Königsberg geboren, ich lernte sie nie kennen. Aber ich bin froh und glück­lich, dass ich das ganze Baltikum und auch Ostpreußen bereist habe. Ich fahre ganz sicher wieder als Freund in dieses wunderbare Land.

Reinhold Kalisch, Baden-Baden

 

 

Tradition erhalten

Zu: Feinste Handarbeit (Nr. 24)

Neben der Oberschlesierin Magdalena Botschek, deren Sammlung von Stickkunst im Artikel im Zusammenhang mit der Ausstellung in Ratingen hervorgehoben wurde, sollten auch die Verdienste von Elisabeth Knopik bezüglich einer der schönsten Trachten in Oberschlesien erwähnt werden.

Ab Gründung der Landsmannschaft nähten und stickten die überlebenden Schönwälder – das Dorf wurde 1945 zerstört – trotz aller Nachkriegsnöte besonders im Patenland Nordrhein-Westfalen und in Bayern nach mitgebrachten Vorlagen weitere Trachten. Sie schufen damit einen Grundstock, der in fast allen Landesgruppen die „Schönwälder Frauen- und Männertracht“ bekannt machte. Auch bei uns in Hamburg wird diese historische Oberschlesische Volkstracht gezeigt.

Willibald J. C. Piesch, Hamburg

 

 

Erste Kriegsopfer

Zu: Drahtzieher des Attentates (Nr. 26)

Bereits am 11. Juni 1903 hatte Dragutin Dimitrijevic, genannt „Apis“, mit 28 Verschwörern das serbische Königspaar Alexander I. Obrenovic und dessen Mätresse Draga Masin aus der Wäschekammer des Königspalastes von Belgrad gezerrt, in einem Kugelhagel niedergestreckt, die Leichen teilweise zerhackt und anschließend durch das Fenster in den Garten geworfen.

Die Königsmörder des 11. Juni gründeten 1911 den serbisch-nationalistischen Geheimbund „Vereinigung oder Tod“, welcher auch als „Schwarze Hand“ in die Geschichte einging. Immerhin bereiteten diese das Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar am 28. Juni 1914 in Sarajevo vor. Der Attentäter Gavrilo Princip traf dabei zunächst die böhmische Gräfin Sophie von Chotek in den Unterleib, während die zweite tödliche Kugel dem österreich-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in den Hals drang.

Wer glaubt, dass Serbien seine Großmachtinteressen auf dem Balkan aufgegeben hat, irrt gewaltig. Wer heute Gavrilo Prinzip mit einem Denkmal als „Helden“ feiern möchte, ist wohl so richtig in einem geeinten Europa noch nicht angekommen.

Die Attentate in Belgrad und Sarajevo sind mit der Ermordung der Zarenfamilie Nikolaus’ II. im Juli 1918 im russischen Jekaterinburg durch die Bolschewiki durchaus vergleichbar. Die Spuren der Romanows sollten für immer gelöscht werden.

Die Spuren der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn konnten jedoch nicht gelöscht werden, obwohl das einstige Europa, wie es einmal war, durch den Ersten Weltkrieg untergegangen ist. Erst im Juni 1986 erhielt das österreichische Thronfolgerpaar eine Gedenktafel in der Kapuzinergruft in Wien. Die beiden waren die ersten Opfer des Weltkrieges 1914 bis 1918.

Hans-Joachim Nehring, Neubrandenburg

 

 

CDU wirft Fragen auf

Zu: Ratlos angesichts der vielen Niederlagen (Nr. 26)

Wenn man die Jeremiade über die gegenwärtige CDU liest, kann man sich nur zwischen Mitleid und bösem Lachen entscheiden. Denn: Minimiert man alles, so ist es doch, wie fast immer im Leben, recht einfach. Ich frage: Ist nicht für uns Normalbürger „die“ Politik allgemein und eben bei der CDU, nebulös bis unberechenbar geworden? Können wir noch etwas glauben? Ist sie nicht längst meilenweit von der bürgerlichen Partei abgerückt und entrückt? Kümmert sie sich noch um unsere kleinen und großen Nöte, wodurch sie früher breite, nicht sozialistische Wählerschichten anzog? Lässt nicht gerade sie immense Schulden aus dem Ausland über uns kommen? Konsumieren wir zurzeit nicht auf Teufel komm raus, bevor wir ohnehin unser in Jahrzehnten hart erarbeitetes Geld durch ihre Strategie verlieren – angefangen bei der Verweigerung von Zinszahlungen über erwartete Wegnahme von Geld bis hin zum voraussehbaren Chaos, soll heißen: Geld futsch, Bevölkerung verarmt, Konsum auf kleinster Flamme, Arbeitslosigkeit en masse, Staat bankrott?

Und gibt es dazu wirklich keine Alternative, die uns befähigt, weiterhin seriös zu sparen, etwa auch „Stiftungen für den guten Zweck“ zu errichten, unsere Kinder und Enkel abzusichern und so weiter? Ist also die gegenwärtige „Geschenkpolitik“ Deutschlands in Milliardenhöhe oder noch mehr zu Lasten des Volkes (das manche ja nur noch „Bevölkerung“ nennen wollen), wirklich „alternativlos“? Sollte man sich nicht besser umsehen – ideologiefrei – ob uns nicht doch jemand eine „Alternative“ aufzeigt?

Ich selber denke, dass man danach gar nicht allzu lange suchen müsste.

Michael Schuncke, Baden-Baden

 

 

Fest am Fuße des Kapitel-Schlosses

Zu: Für die Heimat (Nr. 26) und Sonne im Herzen (Nr. 26)

So erfreulich die ausführliche Berichterstattung in der Preußischen Allgemeinen Zeitung über das diesjährige Sommerfest der Ostpreußen im Amphitheater von Allenstein auch ist – insbesondere der Hinweis auf den Charakter der Völkerverständigung –, so sehr muss doch verwundern, dass sich gleich in beiden Beiträgen ein Fehler eingeschlichen hat, den man in einer Ostpreußen verpflichteten Zeitung so nicht erwartet hätte.

Im Artikel „Sonne im Herzen“ im Heimatteil des Blattes heißt es zum einen, das Sommerfest habe „unterhalb der Allensteiner Deutschordensburg“ stattgefunden. Und auch Jan Heitmann schreibt in seinem Leitartikel auf Seite 1 vom Ort des Geschehens als „Amphitheater am Fuße der Deutschordensburg aus dem 14. Jahrhundert“.

Hierzu sei klargestellt, dass es sich bei der Burg nicht – wie leider fälschlicherweise auch immer wieder vielfach in der Literatur erwähnt wird – um einen Bau des Deutschen Ordens handelt, sondern um einen des ermländischen Domkapitels. Wegen später erfolgter Umbauten wird die Burg daher auch als ein Kapitel-Schloss bezeichnet.

Mit der Gründung des Bistums Ermland im Jahre 1243 unterstand dieser Landstrich nämlich nicht mehr dem Deutschen Orden, sondern dem Domkapitel zu Frauenburg, das Allenstein 1353 auch die Stadtrechte verlieh und die kleine, 1334 erstmals erwähnte Burg nachfolgend ausbauen ließ. Damit bildete das Bauwerk im Gegensatz zu den vom Deutschen Orden angelegten Burgen ebenso eine Bischofsburg wie Braunsberg, Frauenburg, Heilsberg, Marienwerder, Rößel und Schönberg.

Wolfgang Reith, Neuss

 

 

Nicht für Deutsche

Mega-Wahllokale für Türken (Nr. 24)

Dass ein Doppelpass-Türke nach seinem Wegzug in sein Heimatland „noch jahrzehntelang“ den Bundestag mit wählen darf, verschlägt einem die Sprache und führt zu Fragen an den Innenminister Thomas de Maizière und Bundeskanzlerin Angela Merkel: Seit wann gilt dieses Recht? Warum gilt es? Und wer trägt dafür die Verantwortung?

Fragen nach einem weiteren kaum glaublichen Sachverhalt sind daran anzuschließen: Denn ich erfahre, dass in Deutschland lebende Türken, die hier eine Immobilie erwerben möchten, das Geld dafür vom türkischen Staat zur Verfügung gestellt bekommen. Das soll allerdings mit der Auflage verbunden sein, diese Immobilie nicht an Deutsche zu verkaufen. Das sei seit Langem allgemein bekannt.

Gudrun Schlüter, Münster

 

 

Wie die Lemminge

Zu: Putins suche nach „Plan B“ (Nr. 26)

Sind die europäischen Politiker der Gegenwart wirklich klüger als die von 1914? Man mag daran ernstlich zweifeln. EU und Nato-Partner folgen den Expansionsgelüsten der Vereinigten Staaten von Amerika wie Lemminge. Hatte man schon dümmlicherweise geglaubt, Russland würde seine Schwarzmeerflotte künftig in ukrainischen Nato-Gewässern anckern lassen, so ist die fortgesetzte Einkreisungspolitik gegenüber Moskau gefährlicher.

In der öffentlichen Meinung Russlands wächst verständlicherweise ein erhebliches Abwehrverhalten gegen die politische Aggression der USA. Die bekannte zugespitzte Reaktion eines russischen Militärs, man könne die Vereinigten Staaten atomar in einen Zustand vor der Besiedelung zurückverwandeln, ist durchaus nicht belächelnswert.

Wie aber reagieren unsere EU-Politiker? Sie überschlagen sich in immer neuen Sanktionsdrohungen gegenüber Russlands Präsidenten Putin als gerade dem Mann, der sichtlich geeignet ist, die berechtigte Wut des russischen Volkes in Grenzen zu halten und eine Gefahr wie 1914 gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Dr. Klaus J. Schneider-Haßloff, Berlin

 

 

Gäste ohne gute Kinderstube

Zu: Deutsche sind misstrauischer (Nr. 24)

Gott sei Dank, gibt es jede Woche wieder die von meinen Bekannten und mir hoch geschätzte PAZ, die zum Beispiel von der Untersuchung der Uni Leipzig über die immer stärker werdenden Vorbehalte der Deutschen gegenüber Zuwanderern berichtet. Andere Journalisten überregionaler Zeitungen und Magazine dürfen so etwas wegen der Abhängigkeit von pseudo-linken Politikern nicht zu Papier bringen.

Das festgestellte Misstrauen ist mehr als berechtigt, denn die sehr freundlich in der Bundesrepublik aufgenommenen Gäste und Zuwanderer verhalten sich vielfach nicht wie freundlich aufgenommene Gäste.

Beispiel ist eine S-Bahn-Fahrt zwischen Eberbach/Neckar und Heidelberg. Beim Einnehmen eines Sitzplatzes stellte ich zwei arabisch sprechende Männer links und zwei arabisch sprechende Männer rechts sitzend fest, die acht Sitzplätze belegten. Für jeden Mann im Alter von zirka 25 Jahren jeweils zwei Plätze, einen Platz zum Sitzen und einen Platz zum Füße ablegen mit Schuhen. Ich ging auf zwei der Männer zu und sagte ihnen, sie möchten die Schuhe von den Sitzen nehmen, denn eventuell möchte sich dort eine Person mit heller Kleidung hinsetzen. Die Antwort kam sofort: „Unsere Schuhe sind sauber.“ Erst als ich erwiderte, dass ich muslimische Bekannte hätte und vor Eintritt in deren Wohnung die Schuhe ausziehen müsste, aber auch an der Fensterscheibe dieser S-Bahn ein Verbotsschild zu sehen sei (ich zeigte mit der Hand darauf) nahmen die vier Männer ihre Schuhe von den Sitzen.

Mir ist selbstverständlich klar, dass Erziehung und Kinderstube auch bei diesen Männern eine Rolle spielten. Aber als Gäste in einem fremden Land muss ich mich eben nach dessen Gesetzen, Lebensgewohnheiten und Regeln richten. Anderenfalls nimmt man das „Danebenbenehmen“ übel, glaubt an Absicht und überträgt es auf andere.

Maria Kubisch, Brüssel


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Sportstadion weckt Begehrlichkeiten
Starke Kräfte möchten Königsbergs Walter-Simon-Platz bebauen, doch es regt sich Widerstand

In Königsberg ist ein Streit über die Zukunft des Walter-Simon-Platzes [Stadion Baltika] entbrannt. Anlass ist der Plan, für die Fußballweltmeisterschaft 2018 ein neues großes Stadion auf der Pregelinsel Lomse zu bauen. In der Stadt- und der Gebietsregierung wird deshalb der im Zentrum der Stadt gelegene Walter-Simon-Platz für überflüssig gehalten.

Unter den Bewohnern Königsbergs hat der Walter-Simon-Platz jedoch viele Freunde und Fürsprecher. Für Petitionen zum Schutze des bedeutenden Kulturdenkmals wurden Unterschriften gesammelt, und eifrige Bürger führten Umfragen durch.

Bemerkenswert ist, dass nun auch auf der offiziellen Internetseite der Stadtregierung eine Meinungsumfrage lief. Den Teilnehmern wurden dabei vier Varianten zur Abstimmung gestellt. Drei von ihnen sehen die Bebauung des Stadions mit Wohn- oder Geschäftshäusern vor und die vierte die Errichtung eines Freizeitparks. Ein Erhalt des Stadions in seiner gegenwärtigen Form stand jedoch nicht zur Wahl.

Der an der Spitze der Stadtregierung stehende Bürgermeister Alexander Jaroschuk versicherte, dass, solange er die Stadt regiere, auf dem Stadiongelände keine Bebauung stattfinden werde, weder mit Wohn- noch mit Geschäftshäusern. Voraussichtlich wird er aber nur bis 2017 die Stadt regieren, denn dann endet seine Amtszeit und er hat schon erklärt, für eine dritte Amtszeit nicht zur Verfügung zu stehen.

Von Gouverneur Nikolaj Zukanow ist das Zitat überliefert: „Dort schlägt niemand ohne Genehmigung der Regionalregierung auch nur einen einzigen Nagel ein.“ Darauf wird man sich mit Sicherheit verlassen können, denn zumindest ein Teil des Stadions ist teilweise von einem der Fenster seines Arbeitszimmers aus zu sehen und so könnte er, ohne sich aus seinem Büro bewegen zu müssen, mitbekommen, was dort vor sich geht. Der Gouverneur hat sich für eine Nutzung als Erholungsgebiet ausgesprochen. Er vermisst Grünflächen in der Stadt: „In der Stadt kann man kaum atmen, man wird bald nirgends mehr Platz haben, ich rede nicht über Autos, sondern über Menschen, die irgendwo gehen können sollten.“

Währenddessen werden im unmittelbaren Umkreis des Stadions Fakten geschaffen. Wo vor Kurzem noch Grünes wuchs, ragen unmittelbar an den Begrenzungen des Stadiongeländes Bauzäune und Neubauten hervor. Niemand kann garantieren, dass, wenn auch heute noch Diskussionen und Umfragen zum Stadion durchgeführt werden, morgen nicht doch Gebäude errichtet werden, über deren Herkunft offiziell niemand etwas weiß. Und dann bleibt wieder nur die Aussage: „Was können wir jetzt noch tun?“

Schade wäre es schon um das älteste Stadion auf dem Territorium der Russischen Föderation. 1892 schenkte der Königsberger Bankier und Stadtrat Walter Simon (1857–1920) seiner Vaterstadt Königsberg ein riesiges Grundstück auf den Mittelhufen mit der Auflage, darauf einen Sportplatz zu errichten. Noch im selben Jahr wurde dieser eröffnet. Dem Spender zu Ehren erhielt die Sportstätte den Namen Walter-Simon-Platz. Der Eingang zum Stadion wurde in Form eines Tors mit Säulen konstruiert, die an das Brandenburger Tor in Berlin erinnern. Nach dem Krieg wurde das Gelände ab dem Jahre 1950 wieder entsprechend seiner sportlichen Bestimmung genutzt. Es erhielt den Namen „Dynamo“. 1958 wurde es nach dem regionalen Fußballclub Baltika benannt. Heute hat das Stadion etwa 15000 Sitzplätze. Seit 2012 steht der Komplex unter der Bezeichnung „Freilicht-Stadion namens Walter Simon, 1892“ auf der Liste des „kulturellen Erbes des Königsberger Gebiets“, das unter dem Schutze des Staates steht. Was dieser staatliche Schutz dem Stadion bringt, wird man sehen. Jurij Tschernyschew


Wolfskinderkreuz wiedererrichtet
Das erneuerte Denkmal in Pogegen erinnert an die ostpreußischen Waisen in Litauen

Bei einem Besuch im vergangenen Jahr beim Denkmal für die sogenannten Wolfskinder in der am Nordufer der Memel gelegenen Stadt Pogegen [Pagegiai], Kreis Tilsit-Ragnit wurde Wolfgang von Stetten von dem Wolfs­kind Bronius Dapkus, der die Anlage seit zwei Jahrzehnten pflegt, und der Vorsitzenden des Vereins Edelweiß, Luise Kazukauskiene (Luisa Quitsch), darauf hingewiesen, dass das 1992 errichtete Holzkreuz wegen Morschheit umzustürzen drohte.

Um eine lange Haltbarkeit zu garantieren sollte das neue Kreuz aus einer Eiche in einem Stück sein und auf ein entsprechendes Fundament aufgestellt werden. Ein Baum wurde gefunden, ein Schreiner zeigte seine Fertigkeiten und so konnte die Familie Dapkus mit vielen Helfern das Kreuz wieder errichten. Das Vorhaben wurde durch eine Sonderspende finanziert.

Von Stetten, der seit 1992 – zunächst als Abgeordneter des Deutschen Bundestages, später als Honorarkonsul – die Wolfskinder betreut und unterstützt, legte Wert darauf, dass aus diesem Anlass auch dem litauischen Volk gedankt werde, welches das Überleben von Tausenden von Wolfskindern ermöglicht hat. Deswegen sollte das neue Kreuz auch nicht schwarz sein, sondern seine helle Naturfarbe behalten. Es gab viele grauenhafte Schicksale, aber eben auch die Barmherzigkeit vieler Litauer, die oft ihr eigenes kärgliches Brot mit den Wolfskindern teilten.

Die Tafel am Kreuz trägt auf Deutsch und Litauisch die Inschrift: „Wiedererrichtet 31. Mai 2014 / Mit großem Dank an die Litauer, die nach 1945 tausenden deutschen ,Wolfskindern‘ das Leben retteten. / Prof. Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten / Honorarkonsul der Republik Litauen“.

Fast alle in der Republik Litauen lebenden Wolfskinder und einige aus der Bundesrepublik Deutschland waren zur festlichen Einweihung gekommen, um gemeinsam mit einer Gruppe aus Unterstützern der Residenz Schloss Stetten das Ereignis mitzuerleben. Der örtlich zuständige katholische Pfarrer Virginius wurde unterstützt von dem Sohn des Wolfskindes Christel Veprauskas, dem katholischen Pfarrer Vitautas. Die evangelische Seite wurde vertreten durch Pfarrer Wolfram Löbner aus der Schweiz.

Luise Kazukauskiene dankte in bewegten Worten für die Hilfe aus der Bundesrepublik und die Mittel zur Wiedererrichtung des Wolfskinderkreuzes. Der Direktor der Selbstverwaltung von Pogegen, Einikes, erinnerte wenige Kilometer von der Grenze zur Russischen Föderation entfernt an die erneute Sorge der Litauer vor russischer Gewalt.

Über die Stauder-Stiftung sammelt von Stetten die eingehenden Spenden, verwaltet unter anderem. den Nachlass von Klara Kraft geborene Kierspel und kann derzeit die Wolfskinder mit 150 Euro (zirka 500 Litas) pro Monat unterstützen. Damit können sie ihre kärglichen Renten aufbessern und in Würde ihren Lebensabend verbringen. Dies auch deswegen, weil sie von der Landsmannschaft Ostpreußen sowie örtlichen Vereinigungen und Privatpersonen, die aus Ostpreußen stammten, unterstützt werden. Als Dank dafür wurden zwei Bäume gepflanzt, welche die Gedenkstätte bereichern sollen und an die Spender erinnern.

Gemeinsam mit den Bewohnern der Residenz Schloss Stetten feierten die Wolfskinder im nahe gelegenen Lokal Griežpelkiai bis in den Abend hinein. Dabei wurde viel über die Vergangenheit gesprochen. Von Stetten bat die

Wolfskinder, doch einmal das positivste Erlebnis in Litauen zu Papier zu bringen, damit neben den einzelnen schweren Schicksalen auch die Bedeutung der Hilfe des litauischen Volkes zum Ausdruck gebracht werde. Diese Erlebnisse sollen dann in Buchform erscheinen. W.v.S.

(siehe auch Seite 20)


MELDUNGEN

Wasserturm wieder geöffnet

Johannisburg – Die durch die Stadtverwaltung in Auftrag gegebenen Restaurierungsarbeiten am denkmalgeschützten Johannisburger Wasserturm sind erfolgreich abgeschlossen und er kann wieder bestiegen und besichtigt werden. Die Restaurierung kostete gut fünf Millionen Zloty (rund 1,2 Millionen Euro). Zu dem 1907 erbauten Turm gehören ein Restaurant und eine Aussichtsterrasse, von der man neben dem Stadtbild Johannisburgs auch die Johannisburger Heide betrachten kann. Der Eintritt zu dem Denkmal ist kostenlos. Das Objekt kann dienstags bis freitags von 11 bis 16 Uhr und am Wochenende von 12 bis 20 Uhr besichtigt werden. PAZ

 

Festival für Königin Luise

Cranz – An diesem Sonnabend findet in Cranz das Festival „Der kornblumenblaue Sommer der Königin Luise“ statt. Um 12 Uhr findet in der Turgenjewstraße 10 die feierliche Eröffnung mit einer informativen Ausstellung zur Geschichte statt. Auf dem Platz der Königin Luise (gegenüber der Stadtbibliothek) werden ab 12.40 Uhr Tänze aufgeführt, es treten Theatergruppen in historischen Kostümen auf, das Museum aus Tharau [Wladimirowo], Kreis Pr. Eylau zeigt die Miniaturen „Lipka“ und die Fotoausstellung „Der Name der Königin in der Geschichte von Selenogradsk-Cranz“ veranschaulicht, wie Luise dort wirkte. Schließlich feiert der Film „Luise, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, Königin von Preußen“ im Lesesaal der Stadtbibliothek von 14 bis 15 Uhr Premiere. MRK


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

Einen ganz besonderen Besuch in seiner Heimatstadt hat sich unser Königsberger Freund Winfried Krause aus Kiel vorgenommen, und dazu hat ihn ein PAZ-Bericht angeregt. Thema: Eröffnungsfeier des endlich fertig gestellten Generalkonsulats in Königsberg in der Herzog-Albrecht-Allee 10 [Ul. Tel’mana No. 14]. Nun kennt Herr Krause diese Straße sehr gut, denn neben dem Altbau, in dem sich heute das Deutsche Generalkonsulat befindet, stand sein Elternhaus mit der Nummer 8. Und nun tauchen die Erinnerungen auf, die sich nicht nur um das elterliche Haus, das seine Mutter 1935 erwarb, sondern auch um das Nachbarhaus drehen. In dessen Untergeschoss befand sich nämlich ein privater Kindergarten, der von Marlis Kunze betrieben wurde und den der kleine Winfried in den Jahren 1936/37 besuchte. So ganz glücklich war der Dreijährige wohl nicht, denn „Tante Marlis“ führte ein strenges Regiment und die Freiheit war doch recht beschnitten. Zumal die Fenster in dem Souterrain so hoch waren, dass die Kinder kaum hinaussehen konnten. „Tante Marlis“ war die Tochter von Regierungsmedizinalrat Dr. Kunze, einem Bewohner des Hauses. Nun wurde in dem PAZ-Bericht erwähnt, dass auch die deutsche Vorbesitzerfamilie bei der Eröffnung anwesend war. Herr Krause hätte gerne gewusst, um welche Familie es sich handelt. Außer dem erwähnten Medizinalrat wohnte auch Frau E. Anders in dem Haus, die damals bereits verwitwet war. Das sind jedenfalls die Namen, an die sich Herr Krause noch erinnert. Als er 1992 und 1993 in Königsberg weilte, hat er auch dieses ehemalige Nachbarhaus aufgesucht, damals fiel ihm auf, dass es sich in einem sehr guten Zustand befand. Von einem russischen Bekannten erfuhr er, dass in der Zwischenzeit der Besitzer einer Supermarktkette das Haus erworben hatte und es aufwendig renovieren ließ. Wenn Winfried Krause noch einmal nach Königsberg fährt, dann will er unbedingt wieder das Haus aufsuchen. Und zum Beweis einstiger Nachbarschaft wird er die Fotos vorlegen, die in den 30er Jahren vom elterlichen Grundstück aus gemacht wurden und auf denen auch der Südgiebel des Hauses Nr. 10 zu sehen ist.

So hat Herr Krause durch die PAZ doch recht Erfreuliches aus seinem engsten Heimatkreis erfahren, nachdem seine Suche nach ehemaligen Mitschülern der Schön-Schule in unserer Ostpreußischen Familie erfolglos verlaufen war. Wir hatten sogar nachgehakt und die Suche wiederholt, aber es kam wieder kein Echo. Bedauerlich für Winfried Krause und seine beiden mitsuchenden Schulkameraden, die so sehr auf Meldungen von alten Klassenkameraden gehofft hatten, die mit ihnen Ostern 1939 eingeschult worden waren. Aber dann gab es doch ein Trostpflaster: Es meldete sich ein ehemaliger Schüler aus einer Parallelklasse, der mit zwei anderen Schulkameraden in Verbindung steht. Und so wurden die Erinnerungen an die Schön-Schule wieder aufgefrischt.

Das bedeutet, dass nun aufgrund der erweiterten Angaben zum letzten Mal versucht werden soll, einige „alte Kracher“ – sprich ehemalige Schulkameraden – aufzurütteln, sich bei Winfried Krause zu melden. Der Schönschüler Joachim Albrecht, der sich aufgrund unserer Suche bei ihm gemeldet hat, erinnert sich daran, dass noch vor den Bombenangriffen 1944 die auf dem Mitteltragheim gelegene Schönschule in ein Lazarett umfunktioniert wurde. Deshalb sind Winfrieds Erinnerungen, dass seine Klasse in einem Lyzeum an der Tragheimer Pulverstraße Unterricht erhielt, absolut richtig. Joachim Albrecht kann der bisher nicht sehr ergiebigen Schulgeschichte kleine heitere Episoden beisteuern, die vor allem die „Pauker“ betreffen wie seine Klassenlehrerin Fräulein Mauerhoff oder den gehbehinderten Lehrer Ferch, der aufgrund seiner Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg schon recht heftig auf die Untaten seiner Schüler reagieren konnte – auch mit Hilfe des Rohrstocks. Diese und andere Erinnerungen von Joachim Albrecht haben in seinem Buch „Katjuscha und ihre Folgen“ Niederschlag gefunden. (www.koenigsberg1945.de) Es ist also durchaus nicht so, dass tiefes Schweigen um die Schönschule herrscht, wie Winfried Krause und seine Mitsuchenden bisher vermeinten.

Vielleicht melden sich ja nun nach diesem letzten Versuch noch einige Ehemalige. (Winfried Krause, Niobeweg 9 in 24159 Kiel, Telefon 0431/372665, E-Mail: Maraunenhof@gmx.de)

Es hat viele Zuschriften zu den auf unserer Familien-Seite behandelten Themen gegeben, die nicht gerade von spektakulären Erfolgen berichten, aber von kleinen Ergebnissen, die von positiven Reaktionen zeugen. So kann uns Frau Ursula Karge aus Norden mitteilen, dass einige ostpreußische Konfirmationsurkunden aus ihrer großartigen Sammlung, die ja auch mit Hilfe unserer Ostpreußischen Familie zustande kam, auf einer Sonderausstellung in der Senftenberger Peter-und-Paul-Kirche zu sehen sind. Der dort amtierende Pfarrer Manfred Schwarz war von Frau Karges Ausstellung in Norden so begeistert, dass er ihrem Beispiel spontan folgte. Sein Aufruf an die Senftenberger, ihre noch vorhandenen Konfirmationsurkunden für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen, fand rege Zustimmung, so dass er jetzt 80 ausgewählte Exemplare aus insgesamt 300 gesammelten Urkunden zeigen kann. Von Frau Karge erhielt Pfarrer Schwarz einige Kopien, darunter auch zehn von ostpreußischen Urkunden. Interessant ist an der Senftenberger Ausstellung, dass unter den aus 200 Jahren stammenden Urkunden – die älteste trägt die Jahreszahl 1836 – auch Dokumente mit bekannten Namen zu finden sind, wie die Konfirmationsurkunden der früheren Brandenburger Sozialministerin Regine Hildebrandt, Pfarrer Friedrich Schorlemmer und Bischof Georg Moog. Die Senftenberger Ausstellung ist bisher die einzige, die nach dem Vorbild der von Ursula Karge initiierten Präsentation in Norden gestaltet wurde. „So habe ich wenigstens einen Nachfolger, eigentlich hatte ich angenommen, dass meine Idee auch andere Gemeinden anregt, es mir nachzutun. Wie viele Schätze würden aus der Versenkung geholt werden, die überhaupt keine Beachtung finden, auch aus Unkenntnis.“

Da sind wir gut dran, denn was durch und mit unserer Ostpreußischen Familie an Erhaltenswertem entdeckt wurde, ist schon mitunter beachtlich. Wie der Briefwechsel des Königsberger Studienrats Arno Hundertmark mit Agnes Miegel und Ernst Wiechert. Ich war nicht überrascht, als sich Frau Dr. Marianne Kopp, 1. Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft, bei mir meldete, die natürlich begeistert über den Fund war, denn „jeder Brief bringt irgendwelche neuen Mosaiksteinchen in das große Bild Agnes Miegel“. Frau Dr. Kopp will sich mit der Besitzerin der Briefe in Verbindung setzen, um mit ihr über einen sicheren Platz für die Miegel-Briefe zu sprechen.

Nichts mit diesem Fund zu tun hat die Frage, die Frau Dr. Kopp mir gleichzeitig übermittelte und die ich leider nicht beantworten kann. Selbst die Miegel-Forscherin fand bisher niemanden, der ihr Auskunft geben konnte, und so heißt es wieder einmal: Familie hilf! Frau Dr. Kopp schreibt: „Agnes Miegel erwähnt aus ihrer Jugend – also aus dem 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, ein Volkslied, das von der schönen Fastrade handelt. Mit diesem Namen hat sie dann eine Figur benannt. Ich bin nun auf der Suche nach dem Volkslied von Fastrade. Das deutsche Volksliedarchiv in Freiburg kennt es nicht, auch nicht die Patenschaft für das ostdeutsche Lied in Wetzlar. Im Internet fand ich einen Versanfang „Die schöne Fastrade fuhr über den Rhein“ von einem anonymen Textdichter, Mitte des 19. Jahrhunderts für Klavier und Singstimme gesetzt von Arno Kleffel – allerdings ist diese Liedkomposition nirgends greifbar. Vielleicht stützt sie sich auf das Volkslied. Fastrade war die vierte Gattin von Karl dem Großen, im 19. Jahrhundert waren die Legenden um die schöne Frau sehr beliebt und wurden von verschiedenen Dichtern in Verse gefasst.“ Es ist sicher kein spezifisch ostpreußisches Lied, wie Frau Dr. Kopp richtig vermutet, wurde aber vielleicht als Volkslied in den Spinnstuben gesungen, die es ja bis zum Ersten Weltkrieg noch auf dem flachen Lande gab. Übrigens nur in Ostpreußen und im Wendland konnte sich das deutsche Liedgut dadurch so lange erhalten. Wir danken Frau Dr. Kopp für diese interessante Suchfrage, auf die sie hoffentlich die richtige Antwort erhält. (Dr. Marianne Kopp, Am Kellerberg 16 in 86391 Stadtbergen, Telefon 0821/2432879, E-Mail: koppmarianne@web.de)

Wir hatten zu Beginn des Jahres einen Vers aus einem Gedicht von Börries von Münchhausen gebracht, das beschreibt, wie der Goldene Ball von Generation zu Generation weitergereicht wird: Es sind die bewahrten Erinnerungen aus der Familiengeschichte, die vor allem für die aus ihrer Heimat Vertriebenen und ihre Nachkommen so wertvoll sind. Auch Frau Anne Varnhagen aus Barßel hält einen „goldenen Ball“ in ihren Händen – sie nennt ihn „Schatz“, es ist ihre eigene Familiengeschichte, an der sie seit Jahren gearbeitet hat und deren lückenlose Aufarbeitung nicht leicht war. Denn ihre Familie stammte aus Lodz und musste während des Ersten Weltkrieges über die Grenze in das Deutsche Reich fliehen, wo sie zuerst als staatenlos geführt wurde. Frau Varnhagens Großvater Michael Kützner ging mitten im Ersten Weltkrieg mit seiner Ehefrau und neun Kindern nach Ostpreußen, um auf dem im Kreis Gerdauen gelegenen Rittergut Groß Gnie eine Stelle als Stallmeister anzunehmen. Aus dieser Zeit fehlten Frau Varnhagen alle Informationen, und deshalb wandte sie sich an uns, und wir konnten ihr mit einigen Erstinformationen helfen. Auch aus unserem Leserkreis kamen Anrufe und ein Brief, doch die bezogen sich leider nicht auf Groß Gnie. Aber diese Lücke können wir auch auffüllen, denn in dem Buch „Ostpreußische Rinder und ihre Zuchtstätten Band II“ ist ein Beitrag von Frau Hildegard Gutzeit enthalten, der die Zeit nach dem Russeneinfall beschreibt und damit authentische Angaben über die Zerstörungen enthält und dann eingehend den Wiederaufbau durch ihren Mann Horst Gutzeit, dem letzten Besitzer von Groß Gnie, schildert. Damit kann Frau Varnhagen ihre Familiengeschichte abschließen, worüber sie sehr glücklich ist, wie ich ihrem Brief entnehmen kann: „Ja, die Recherchen waren langwierig, zeitraubend und haben auch schlaflose Nächte gekostet, aber wenn dann der Abschluss naht, kommt eine große befreiende Erlösung und ein sonderbares Glücksgefühl, das aus tiefer Bewegt­heit, Trauer und großer Freude besteht.“ Das werden viele von unsern Lesern, die sich mit ihrer Familiengeschichte befassen, nachempfinden können.

Gerade für die nachfolgenden Generationen hat Frau Gisela Brauer ihren Fluchtweg aufgezeichnet und in Buchform herausgebracht. Wir berichteten über die Autorin und ihr Buch „Der Weg ins Ungewisse – und zurück“. Sie hat sich über die Präsentation auf unserer Familienseite sehr gefreut und spricht dafür ihren herzlichen Dank aus. Auch in unserer Leserschaft fand ihr Buch Aufmerksamkeit, wie Gisela Brauer uns mitteilt: „Mich erreichten Anrufe von Lesern aus Berlin und Düsseldorf. So habe ich Interesse geweckt, und die Landsleute erzählten ihre eigenen, auch erschütternden Fluchtgeschichten.“ Das ist auch eine Aufgabe unserer Ostpreußischen Familie: Verbindungen von Mensch zu Mensch zu schaffen, um im gemeinsamen Austausch von Erinnerungen und Empfindungen manches noch immer nicht bewältigte Erlebnis verarbeiten zu können.

Eure Ruth Geede


Als »schreibende Käthe Kollwitz« verehrt
»Krähendämmerung«: Novellen aus dem Ersten Weltkrieg und der dunklen Zeit danach von der Königsbergerin Katarina Botsky

Es ist kein Buch, das man als Urlaubslektüre in den Koffer legt, es ist schon dem Titelbild nach, das sterbende Krähen im Sinkflug zeigt, für die graue Jahreszeit bestimmt und auch dann wird es nur einem bestimmten Leserkreis vorbehalten bleiben, seinen literarischen Wert voll zu erfassen. Denn den hat das Buch „Krähendämmerung“ der Königsbergerin Katarina Botsky, die in diesem Novellenband erneut einen Beweis dafür liefert, dass sie in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine der stärksten Vertreterinnen der literarischen Moderne in Deutschland war. Ihre „Neuentdeckung“ haben wir dem Berliner Kulturwissenschaftler Martin A. Völker zu verdanken, der sich um vergessene Autoren und Texte der deutschen Literaturgeschichte bemüht. Da ihm die Arbeiten ostpreußischer Autoren jener Epoche wie Martin Bormann, Gutti Alsen und Katarina Botsky besonders bemerkenswert erschienen, hat er ihre literarischen Nachlässe gesichtet und dabei viel Wertvolles entdeckt, das es zu erhalten gilt. Und das ist ihm bei Katarina Botsky auch voll gelungen. Nachdem er vor eineinhalb Jahren ihren Novellenband „In den Finsternissen“ als Reprint herausgebracht hat, folgt nun dieser von ihm zusammengestellte Band, der sie wieder als Meisterin der Kurzgeschichte ausweist. Die in diesem Buch veröffentlichen Novellen gehören zu den ein­drucks­vollsten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg. Und damit hat es einen aktuellen Bezug zu den geschichtlichen Vorgängen, die anlässlich des 100. Jahrestages des Kriegsausbruches in den Medien behandelt werden.

Katarina Botsky war 43 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg begann. Da war sie schon eine vor allem durch ihre Beiträge im „Simplicissimus“ weit über Ostpreußen hinaus bekannte Schriftstellerin, die sich mit zeitkritischen Fragen auseinandersetzte, zumeist in satirischer, ironisierender Form. Der Krieg und seine für Ostpreußen so verheerenden Folgen spülten die Sedimente der grausamen Geschehnisse an die Oberfläche, sie wurden sichtbarer als je zuvor und bestimmten auch das schriftstellerische Werk der Katarina Botsky. In ihren Arbeiten stehen nun scheiternde Menschen in aussichtslos erscheinenden Lebenslagen im Mittelpunkt, sie suchen nach dem Glück und finden Armut und Hässlichkeit, Tod und Verderben. Ähnlich wie die Malerin Käthe Kollwitz in ihren zeitkritischen Bildern dem Elend ein Gesicht gab, legt Katarina Botsky in ihren epischen Werken die Ängste der Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, schonungslos bloß und das in der ihr eigenen ausdrucksstarken Sprache. Nicht umsonst wurde sie von Literaturkritikern „die schreibende Käthe Kollwitz“ genannt.

Es ist erstaunlich und bewundernswert, was der Herausgeber Martin A. Völker für diesen Novellenband an Material zusammen getragen hat, ja, dass es heute überhaupt noch möglich ist, eine solche Auswahl von Arbeiten einer weitgehend unbekannten Schriftstellerin aus ihrem Schaffensraum von 1911 bis 1936 in Buchform herauszubringen. Zumal dieser neue Botsky-Band keinen unterhaltsamen Lesestoff bietet, aber für alle, die sich mit der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts befassen, bereichernd sein dürfte. Denn den 13 ausgewählten Novellen wird informatives Hintergrundmaterial mit Quellenangabe und Erläuterungen zu einigen Passagen gegeben, so dass auch die Umwelt, in der die einzelnen Geschichten spielen, für den Leser transparent wird. Es sind Geschichten, die in dem Grenzland Ostpreußen spielen, meist in irgendeiner kleinen Stadt, und alle haben ihren realen Hintergrund wie die Novelle, die der Herausgeber als Titel ausgewählt hat: „Krähendämmerung“. Sie spielt in jenem Winter 1929, „der so kalt war wie der jahrelange Winter vor der Götterdämmerung, der Filbulwinter“, und in dem die Krähen erstarrt von den Bäumen fielen. Dieser Winter ist noch heute vielen älteren Ostpreußen in Erinnerung geblieben. In der Erzählung „Krieg“ geraten die Bewohner eines Grenzortes beim Einfall der Russen in das erste Schlachtgeschehen. Was damals vor 100 Jahren geschah, hat sich in noch grausamerer Weise im Zweiten Weltkrieg wiederholt, und es scheint, als hätte die Schriftstellerin ihr Schicksal voraus geahnt, denn sie starb nach der Einnahme ihrer Heimatstadt Königsberg durch die russischen Truppen.

Das Nachwort schreibt der Herausgeber, und er betitelt es „Helene Botsky und ihre Ästhetisierung der Angst“. In ihm versammelt Martin A. Völker die wenigen biografischen Informationen und Aussagen von Zeitgenossen und erläutert alles vor dem Hintergrund der modernen Kunst und Literatur. Da auch ich ihm einige Informationen geben konnte, schließt er mich in den Dank an alle, die ihm helfen konnten, mit ein, möchte ihn aber an unsere Ostpreußische Familie weiter geben. Ich kannte Katarina Botsky noch persönlich, sie bildete mit zwei anderen älteren Schriftstellerinnen in unseren monatlichen „Workshops“ im Königsberger Blutgericht eine kleine Gruppe, blieb aber immer im Hintergrund. Allein mit ihrer Erzählung „Laura oder der Markt Wehlau“ hatte sie in ihrer Heimat einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht – bis heute, denn diese ist in einigen ostpreußischen Anthologien enthalten. („Krähendämmerung“, Elsinor Verlag, Coesfeld, 152 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-942788-18-2.) R.G.


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 99. GEBURTSTAG

Gahre, Wanda, geb. Keil, aus Wildwiese, Kreis Elchniederung, am 17. Juli

ZUM 98. GEBURTSTAG

Roweck, Johanna, aus Aulacken, Kreis Lyck, am 13. Juli

ZUM 97. GEBURTSTAG

Kochanowski, Hildegard, geb. Neumann, aus Pillau, Kreis Samland, am 17. Juli

ZUM 96. GEBURTSTAG

Cudnochowski, Anna, geb. Reinert, aus Großdorf, Kreis Johannisburg, am 3. Juli

Krakowiki, Eva, aus Grüneberg, Kreis Elchniederung, am 17. Juli

ZUM 95. GEBURTSTAG

Pernak, Ingeborg, geb. Fischer, aus Wiesengrund, Kreis Lyck, am 15. Juli

Wiesner, Edeltraut, geb. Fischer, aus Schakendorf, Kreis Elchniederung, am 18. Juli

ZUM 94. GEBURTSTAG

Masuhr, Hans, aus Lindenfließ, Kreis Lyck, am 12. Juli

Plötz, Helene, aus Lötzen, am 13. Juli

Regel, Inge, geb. Weißflug, aus Pillau, Kreis Samland, am 17. Juli

Schedwill, Walter, aus Bolzfelde, Kreis Elchniederung, am 15. Juli

ZUM 93. GEBURTSTAG

Affenzeller, Helene, geb. Seewald, aus Mühlengarten, Kreis Ebenrode, am 13. Juli

Bach, Liselotte, geb. Pultke, aus Balga, Kreis Heiligenbeil, am 16. Juli

Becker, Ilse, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 17. Juli

Eichhorn, Christel, geb. Klein, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 12. Juli

Goertz, Else, geb. Rathke, aus Pillau, Kreis Samland, am 17. Juli

Hoffmann, Susi, geb. Demant, aus Schenkenhagen, Kreis Ebenrode, am 14. Juli

Koch, Irmgard, geb. Lamm, aus Königsberg-Rossgarten, Kuplitzerstraße 7, am 10. Juli

Rothenburger, Brigitta, geb. Klebs von Halle, aus Frensken, Kreis Ortelsburg, am 17. Juli

Schmidt, Renate, geb. Joschek, aus Vierbrücken, Kreis Lyck, am 14. Juli

Strauss, Hans, aus Königsberg, am 13. Juli

Uhlemann, Hildegard, geb. Steinke, aus Backeln, Kreis Samland, am 16. Juli

Vorberg, Ruth, geb. Klein, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 12. Juli

ZUM 92. GEBURTSTAG

Berg, Ursula, aus Fischhausen, Kreis Samland, am 17. Juli

Bossy, Heinz, aus Merunen, Kreis Treuburg, am 14. Juli

Derry, Helmut, aus Ebenrode, am 17. Juli

Dyga, Walter, aus Rossen, Kreis Heiligenbeil, am 14. Juli

Gallas, Ursula, geb. Gronau, aus Guttschallen, Kreis Wehlau am 16. Juli

Johnston, Eva-Magret, geb. Krause, aus Balga, Heiligenbeil, am 12. Juli

Moderegger, Fritz, aus Damerau, Kreis Ebenrode, am 14. Juli

Palfner, Gertrud, geb. Wichmann, aus Wilkendorf, Kreis Wehlau, am 18. Juli

Zerkowski, Norbert, aus Lyck, am 15. Juli

ZUM 91. GEBURTSTAG

Abraham, Irma, geb. Naujoks, aus Urbanshof, Kreis Elchniederung, am 14. Juli

Bartheidel, Gertrud, geb. Reinke, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 16. Juli

Bartholomeyczik, Waltraut, geb. Wabbels, aus Wartenhöfen, und Kreuzingen, Kreis Elchniederung, am 17. Juli

Grätsch, Wilfried, aus Kaltenborn, Kreis Neidenburg, am 16. Juli

Günther, Helmut, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 15. Juli

Hartmann, Wally, geb. Hahn, aus Wenzbach, Kreis Ebenrode, am 13. Juli

Joswig, Anna, aus Wilhelmshof, Kreis Ortelsburg, am 18. Juli

Kolodzey, Elfriede, geb. Krüger, aus Gollen, Kreis Lyck, am 14. Juli

Kowalewski, Dr. Karl, aus Neuendorf, Kreis Lyck, am 13. Juli

Kukowski, Editha, geb. Steinke, aus Poppendorf, Kreis Wehlau, am 12. Juli

Link, Herbert, aus Pillau, Kreis Samland, am 14. Juli

Piefke, Margarete, geb. Zelustek, aus Rodefeld, Kreis Ortelsburg, am 13. Juli

Suchalla, Berta, geb. Kopka, aus Hamerudau, Kreis Ortelsburg, am 14. Juli

Swiedelsky, Dorothea, geb. Swiedelsky, aus Muschaken, Kreis Neidenburg, am 13. Juli

Tenniger, Helmut, aus Bildenweiten, Kreis Ebenrode, am 16. Juli

Wilde, Helene, geb. Fenzau, aus Grünau, Kreis Elchniederung, am 18. Juli

ZUM 90. GEBURTSTAG

Danker, Erika, geb. Blumenscheit, aus Groß Friedrichsdorf, Kreis Elchniederung, am 16. Juli

Geertmann, Hildegard, geb. Knapschinski, aus Ortelsburg, am 15. Juli

Habedank, Beatrix, geb. Stockmann, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 15. Juli

Jähnke, Waltraud, geb. Dombrowski, aus Treuburg, am 13. Juli

Lojewski, Fritz, aus Waltershöhe, Kreis Lyck, am 16. Juli

Maillard, Wolfgang-Eisenhardt, aus Ebenfelde, Kreis Lyck, am 17. Juli

Rogowski, Hans, aus Lyck, am 12. Juli

Rossa, Lieselotte, geb. Kloß, aus Lyck, am 18. Juli

Schoen, Ilona, geb. Korth, aus Hochmooren, Kreis Tilsit-Ragnit, am 13. Juli

Seiler, Gerhard, aus Bolzfelde, Kreis Elchniederung, am 16. Juli

ZUM 85. GEBURTSTAG

Blumenthal, Anna, geb. Klein, aus Klein Mischen, Kreis Samland, am 12. Juli

Böhringer, Waltraut, geb. Forstreuter, aus Schenkenhagen, Kreis Ebenrode, am 14. Juli

Borg, Werner, aus Uderhöhe, Kreis Wehlau, am 17. Juli

Brincker, Dora, geb. Ewert, aus Augam, Kreis Preußisch Eylau, am 15. Juli

Damster, Edith, geb. Sachs, aus Grünwiese, Kreis Elchniederung, am 14. Juli

Engel, Traute, geb. Ritter, aus Nickelsdorf, Kreis Wehlau, am 12. Juli

Guttowski, Anneliese, geb. Rieske, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung am 14. Juli

Gwiasda, Helene, geb. Jedamski, aus Burdungen, Kreis Neidenburg, am 12. Juli

Höckendorf, Erika, geb. Szezenski, aus Friedrichsthal, Kreis Ortelsburg, am 14. Juli

Jacob, Wolfgang, aus Groß Allendorf, Kreis Wehlau, am 15. Juli

Jezioworski, Eva, geb. Stiller, aus Schönhorst, Kreis Lyck, am 18. Juli

Kaiser, Anna, aus Prostken, Kreis Lyck, am 17. Juli

Klimaschewski, Hans, aus Lyck, am 12. Juli

Klose Brigitte, geb. Hein, aus Augam, Kreis Preußisch Eylau, am 12. Juli

Kühn, Lydia, geb. Rimkus, aus Löffkeshof, Kreis Tilsit-Ragnit, am 12. Juli

Meyer, Hildegard, geb. Marzian, aus Bartendorf, Kreis Lyck, am 18. Juli

Mickwitz, Gerhard, aus Reuß, Kreis Treuburg, am 13. Juli

Mueller, Christian, aus Heinrichswalde, am 12. Juli

Schaper, Irmgard, geb. Trojan, aus Treuburg, am 15. Juli

Schneider, Helga, geb. Wyludda, aus Rhein, Kreis Lötzen, am 13. Juli

Schulz, Thea, geb. Dieckmann, aus Paterswalde, Kreis Wehlau, am 18. Juli

Sowa, Erika, geb. Olk, aus Rauschken, Kreis Ortelsburg, am 14. Juli

Specka, Kurt, aus Seenwalde, Kreis Ortelsburg, am 15. Juli

Treuter, Ulrich, aus Cranz, Kreis Samland, am 14. Juli

Voß, Elisabeth, geb. Lenkewitz, aus Jürgenau, Kreis Lyck, am 18. Juli

Wiesberg, Fritz, aus Gartenau, Kreis Neidenburg, am 18. Juli

Willuweit, Wilhelm, aus Brittanien, Kreis Elchniederung, am 18. Juli

Wolff, Helmut, aus Goldbach, Kreis Wehlau, am 16. Juli

ZUM 80. GEBURTSTAG

Allenberg, Günther, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 16. Juli

Beyer, Gerhard, aus Kloken, Kreis Elchniederung, am 18. Juli

Böntgen, Renate, geb. Dittmann, aus Sentken, Kreis Lyck, am 15. Juli

Falk, Renate, geb. Elbing, aus Ortelsburg, am 16. Juli

Föhre, Edith, geb. Patz, aus Lindenort, Kreis Ortelsburg, am 13. Juli

Gettkant, Erika, aus Gutsfelde, Kreis Elchniederung, am 12. Juli

Glitza, Klaus, aus Rohmanen, Kreis Ortelsburg, am 17. Juli

Kosub, Irmtraud, geb. Rosowski, aus Bärenbruch, Kreis Ortelsburg, am 14. Juli

Laskowski, Gerhard, aus Woinassen, Kreis Treuburg, am 17. Juli

Noruschat, Ernst, aus Wehlau, am 17. Juli

Pukrop, Horst, aus Treuburg, am 14. Juli

Rüggebrecht, Christa, geb. Naussedat, aus Grieteinen, Kreis Elchniederung, am 14. Juli

Schröder, Klaus, aus Bökenwalde, Kreis Heiligenbeil, am 17. Juli

Schulz, Klaus, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 18. Juli

Seitz, Alfred, aus Thierenberg, Kreis Samland, am 18. Juli

Stoepke, Helga, aus Bladiau, Kreis Heiligenbeil, am 13. Juli

Toll, Erika, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 18. Juli

Vaillant, Hans, aus Paterswalde, Kreis Wehlau, am 13. Juli

Wiezorreck, Irmgard, geb. Merkert, aus Finkenzehlucht, Kreis Ebenrode, am 17. Juli

Wolf, Gisela, geb. Graffenberger, aus Schwentainen, Kreis Treuburg, am 12. Juli

ZUM 75. GEBURTSTAG

Beule, Irmhild, geb. Brenneisen, aus Sandau, Kreis Ebenrode, am 15. Juli

Blasig, Dora, aus Kreuzburg, Kreis Preußisch Eylau, am 12. Juli

Bloch, Dr. Horst, aus Ebendorf, Kreis Ortelsburg, am 15. Juli

Elsner Marlene, geb. Pest, aus Krupinnen, Kreis Treuburg, am 17. Juli

Guminski, Annegret, geb. Hugo, aus Neidenburg, am 13. Juli

Harms, Marga, geb. Erwied, aus Loye, Kreis Elchniederung, am 14. Juli

Hellmick, Horst, aus Groß Ponnau, Kreis Wehlau, am 18. Juli

Heymuth, Monica, geb. Noack, aus Goldbach, Kreis Wehlau, am 17. Juli

Holfoth, Erika, geb. Gawehn, aus Inse, Kreis Elchniederung, am 18. Juli

Holzmann, Dr. Friedrich, aus Wehlau, am 17. Juli

Horst, Ilse, geb. Ipach, aus Kalkhöfen, Kreis Ebenrode, am 14. Juli

Hübschmann, Anneliese, geb. Stanschus, aus Allgäu, Kreis Elchniederung, am 17. Juli

Jautelat, Dr. Manfred, aus Matten, Kreis Ebenrode, am 18. Juli

Kahmann, Ulrich, aus Adelshof, Kreis Elchniederung, am 14. Juli

Lischewski, Reinhold, aus Farienen, Kreis Ortelsburg, am 17. Juli

Podubrin, Helmut, aus Antonswiese, Kreis Elchniederung, am 17. Juli

Prengel, Elfriede, geb. Hill, aus Alt Passarge, Kreis Heiligenbeil, am 17. Juli

Schultze, Ruprecht, aus Malga, Kreis Neidenburg, am 13. Juli

Schwalm, Edeltraut, geb. Jendrahl, aus Bartzendorf, Kreis Neidenburg, am 18. Juli

Smollich, Regine, geb. Supplie, aus Schirrau, Kreis Wehlau, am 17. Juli

Wedler-Wodarz, Gertrud, geb. Wedler, aus Friedlau, Kreis Elchniederung, am 12. Juli

Zielinski, Liebhilde, geb. Kotzan, aus Neuforst, Kreis Lötzen, am 15. Juli

Gnaden Hochzeit

Matzeit, Erich, und Ehefrau Ella, geb. Broszeit, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 5. April


S. 16-17 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

ANGERBURG

Kreisvertreter: Kurt-Werner Sadowski. Kreisgemeinschaft Angerburg e.V., Landkreis Rotenburg (Wümme), Postfach 1440, 27344 Rotenburg (Wümme), Landkreis: Telefon (04261) 9833100, Fax (04261) 9833101.

Am 5. Juli 2014 konnte Horst Preuß seinen 80. Geburtstag feiern. Er ist in unserer Kreisgemeinschaft sehr vielen Angerburgern persönlich bekannt. Seit vielen Jahren arbeitet er ehrenamtlich in und für die Kreisgemeinschaft Angerburg. Seit dem Jahr 2001 gehört er ununterbrochen der Angerburger Kreisvertretung an und hat sich als unentbehrlicher Mitarbeiter in der Schriftleitung des Angerburger Heimatbriefes große Verdienste erworben. Mit großem Engagement und viel Sachkenntnis hat er die übernommenen Aufgaben erledigt. Besonders bei der Herausgabe der Festschrift „50 Jahre Patenschaft“ im Jahr 2004 hat er sein großes Wissen eingebracht. Für seinen engagierten Einsatz für Angerburg und Ostpreußen wurde Horst Preuß im Jahr 2004 mit dem Silbernen Ehrenzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen ausgezeichnet. Wenn es in den letzten Jahren etwas stiller um Horst Preuß geworden ist, so sind dafür gesundheitliche Gründe verantwortlich. Die Kreisgemeinschaft Angerburg gratuliert Horst Preuß recht herzlich zu diesem hohen Geburtstag und wünscht ihm alles Gute, besonders aber Gesundheit.

Am 6. Juni 2014 übernahm die 49-jährige Studiendirektorin Iris Rehder die Leitung des Rotenburger Ratsgymnasium und wurde somit Nachfolgerin von Oberstudiendirektor Dr. Walter Jarecki. Frau Rehder wurde am 26. Juni 2014 in Anwesenheit des Lehrerkollegiums, der Schüler und der Elternvertreter sowie zahlreicher Ehrengäste, unter anderem Landrat Hermann Luttmann und Bürgermeister Detlef Eichinger sowie von Landesregierungsschuldirektor Mischke, in feierlicher Würdigung in ihr Amt eingeführt. Frau Rehder stammt aus Schleswig-Holstein, sie lebt aber seit mehr als 15 Jahren in der näheren Umgebung von Rotenburg (Wümme). Sie war in Ottersberg an der Wümmeschule, am Domgymnasium in Verden und zuletzt am St. Viti-Gymnasium in Zeven tätig. Ihre Fächer sind Mathematik und evangelische Religion. Gemeinsam mit dem Kollegium will sie die Schule zukunftsfähig machen. Die Angerburger gratulieren Studiendirektorin Rehder zu ihrer Ernennung und wünschen ihr Freude und Erfolg sowie ungebrochene Energie.

 

LABIAU

Kreisvertreterin: Brigitte Stramm, Hoper Straße 16, 25693 St. Michaelisdonn/Holstein, Telefon (04853) 562. info­@stramm­verlag. de, Internet: www.labiau.de.

Bei der Vorbereitung des zweiten Regionaltreffens der drei Kreisgemeinschaften wollten wir einige Erfahrungen aus dem ersten Treffen berücksichtigen und erfolgreicher sein. Bekanntlich gehen in allen Kreisgemeinschaften die Mitgliederzahlen und damit auch die Teilnehmerzahlen bei den organisierten Treffen altersbedingt stark zurück. Wir haben das Ziel, dem entgegenzuwirken, indem wir für alle interessierten Landsleute, die in Mitteldeutschland leben, die Teilnahme durch kürzere Reisewege erleichtern. In den mitteldeutschen Bundesländern Sachsen, Sachsen Anhalt und Thüringen finden wenig oder keine großen Treffen statt. Den hiesigen Landsleuten, die wegen der beschwerlichen Reisewege auf die Teilnahme an den Landestreffen und Hauptkreistreffen verzichten müssen, bieten wir die Möglichkeit, sich im Herzen Mitteldeutschlands, in der Messestadt Leipzig zu treffen. Das organisieren wir in Zusammenarbeit der Kreisgemeinschaften Labiau, Fischhausen und Wehlau sowie dem Kreisverband des BdV Leipzig. Das Vorbereitungsteam besteht deshalb aus Vertretern dieser Organisationen. Als Hauptorganisator hat sich dabei Eberhard Grashoff durch seine vielseitigen Kontakte zu Institutionen und Vereinen verdient gemacht. Seine Familie unterstützt ihn dabei. Uwe Nietzelt von der Kreisgemeinschaft Fischhausen kümmerte sich um Bild und Beschallung. Das Personal der Gaststätte „Seilbahn“ war jederzeit kooperativ bei der Vorbereitung und sehr gefällig während der Durchführung der Veranstaltung. Der Saal füllte sich schnell. Mit dem Intonieren des Liedes „Land der dunklen Wälder“ wurden die Teilnehmer auf das Programm eingestimmt. Bei der Begrüßung wies Eberhard Grashoff besonders auf Sinn und Zweck der Veranstaltung hin. Mit diesem und weiteren Treffen soll den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben werden, miteinander zu sprechen, sich an die Heimat zu erinnern, die heimatliche Kultur zu pflegen und dafür zu sorgen, dass der inhumane Akt der millionenfachen Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Vergessenheit gerät. Pfarrer Leistner erinnerte in seinem Gedenkgottesdienst an die Geschehnisse der Vertreibung und gedachte der Opfer und Verstorbenen. Anschließend war Zeit für den individuellen Gedankenaustausch. Diese Zeit nutzten die Vertreter des BdV-Kreisverbandes und der Kreisgemeinschaften Peter Wolf, Gerd Gohlke, Klaus-Arno Lemke und Monika Ziegler für kurze Grußbotschaften. Das schmackhafte Mittagessen konnte problemlos in der Mittagspause serviert werden. Zwischendurch lief eine Power-Point-Präsentation auf der Leinwand mit Bildern aus den Heimatkreisen in Ostpreußen vor der Vertreibung. Manfred Zink (Labiauforschung) beeindruckte mit einem Lichtbildervortrag über Königsberg. Die kulturellen Darbietungen wurden fortgesetzt mit einem kleinen Konzert des „Ensemble Gshelka“ vom Deutsch-Russischen Zentrum Leipzig. Das sogenannte „Spatzenkonzert“ weckte bei den Landsleuten Erinnerungen daran, was in ihrer Kindheit aus dem Lautsprecher des Radios zu hören war. Das Musikstück basiert auf der dudelnden, manchmal etwas gläsern klingenden Erkennungsmelodie von Radio Königsberg, die in den Sendepausen ausgestrahlt wurde. Der Chor des Kreisverbandes des BdV Leipzig, der schon bei unserem ersten Regionaltreffen wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatte, bewegte auch jetzt wieder die Gemüter mit den schönen alten meist aus Ostpreußen stammenden Liedern. Der Chor unter der Leitung von Rosa Wegelin, instrumental virtuos begleitet von ihrem Ehemann Peter, erhielt herzlichen Beifall. Den Abschluss bildeten zwei Auftritte der Tanzgruppe „Firefox Linedancers“. Zuerst sahen wir Volkstänze, die auch an Ostpreußen erinnern sollten. Leider waren wir damals, als in der Heimat diese Tänze gepflegt wurden, im frühen Kindesalter und konnten uns hier nur vage oder überhaupt nicht daran erinnern, welche Volkstänze damals in Ostpreußen getanzt wurden. Trotzdem hat es uns gefallen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, die alten Tänze weiter zu pflegen wie das gesamte kulturelle Erbe Ostpreußens. Irgendwann werden wohl alle kulturellen Besonderheiten der vertriebenen deutschen Volksgruppen in die Vergessenheit sinken. Nur die wichtigsten geschichtlichen Daten und wenige herausragende Ereignisse werden in den Geschichtsbüchern stehen. Aber auch im jetzigen deutschsprachigen Raum gibt es noch Regionen mit ausgeprägter nationaler Kultur, die auf den traditionellen Volksbräuchen basiert. Diesbezüglich kann man sich in Bayern, Österreich, Tirol, im Rheinland sowie an der Nord- und Ostseeküste mit ihrer volksverbundenen Seele durchaus noch „zu Hause“ fühlen. Der zweite Auftritt beinhaltete moderne Formationstänze und holte uns damit gedanklich zurück in die Gegenwart, wo ja fast alles durch die sogenannte „westliche“ Kultur geprägt ist.

Das zweite Regionaltreffen in Leipzig nutzten viele Landsleute, um neue Bekanntschaften zu schließen, sich an Dieses und Jenes in der Heimat zu erinnern und über alte und neue Probleme der Verriebenen zu sprechen. Wenn sich Ostpreußen treffen, sind Schicksalsgenossen unter sich und haben sich viel zu erzählen. Für das Erzählen und Zuhören reicht die Zeit meistens nicht aus. Viele Landsleute der Erlebnisgeneration sind nun schon verstorben. Nur wenige Nachkommen haben noch eine Verbundenheit mit der Heimat ihrer Vorfahren. Sie sind nicht durch die Heimat geprägt. So gerät in Vergessenheit, was eigentlich nicht vergessen werden sollte. Also gehören Erzählen und Aufschreiben zu den wichtigsten Aufgaben des noch lebenden vertriebenen Ostpreußen. Fazit: Das zweite Regionaltreffen war erfolgreicher als das erste. Vielleicht ist diese Organisationsform von gemeinsamen Regionaltreffen mehrerer Kreisgemeinschaften mittelfristig eine optimale Möglichkeit, Veranstaltungen der Landsmannschaft der Vertriebenen mit akzeptablen Teilnehmerzahlen noch einige Jahre durchzuführen.

Helmut Fellbrich

 

LYCK

Kreisvertreterin: Bärbel Wiesensee, Diesberg 6a, 41372 Niederkrüchten. Stellvertr. Kreisvertreter: Dieter Czudnochowski, Lärchenweg 23, 37079 Göttingen, Telefon (0551) 61665. Karteiwart: Siegmar Czerwinski, Telefon (02225) 5180, Quittenstraße 2, 53340 Meckenheim.

Die Kreisvertreterin Bärbel Wiesensee begann ihre Reise nach Lyck am 17. Juni morgens um 10 Uhr mit dem Flugzeug ab Düsseldorf. Das Flugzeug landete pünktlich in Warschau um 11.30 Uhr, so dass sie den Bus nach Lyck noch erreichte. Ankunft in Lyck am Bahnhof (der zurzeit umgebaut wird) war 17 Uhr. Das Hotel kann man zu Fuß in wenigen Minuten gut erreichen. Lothar Trinoga, Friedhofsbeauftragter der KG Lyck, war auch zu dieser Zeit in Lyck und gab gleich einen Besuchsbericht einzelner Friedhöfe im Kreis Lyck ab.

Am nächsten Tag, dem 18. Juni, begann um 10 Uhr im Dom Kultury die Veranstaltung „Gesangswettbewerb für deutsche Lieder“. Der Schulleiter des Gymnasiums Nr. 1 in Lyck hatte Frau Wiesensee im Herbst 2013 um die Teilnahme als Jurymitglied gebeten. Das Vorprogramm gestalteten Kindergartenkinder mit deutschen Volksliedern. In den drei privaten Kindergärten wird die deutsche Sprache gelehrt. Der Wettbewerb begann mit Schülerinnen und Schülern der verschiedenen Gymnasien. Sie präsentierten sich mit Sologesang, mit und ohne Musikbegleitung, oder als Duett. Vorgabe war, den deutschen Text frei zu singen. Die Leistungen der Vortragenden waren beeindruckend und wurden anschließend von den sechs Jurymitgliedern bewertet. Die KG Lyck hatte einige Preise für die Wettbewerbsteilnehmer gestiftet, die anschließend mit Urkunden versehen, feierlich überreicht wurden. Für ihre Unterstützung, die zum Gesangswettbewerb beigetragen hatte, bekam Frau Wiesensee eine Dankesurkunde überreicht. Der Tag endete mit dem Aufsuchen und einem gemeinsamen Abendessen mit der Reisegruppe von Reinhard Donder.

19. Juni, Fronleichnam: An diesem Feiertag war ein Besuch in Mostolten, mit Friedhofsbesuch und Aufsuchen einer befreundeten polnischen Familie angesagt. Der Direktor der Caritas hatte nachmittags zum Kaffeetrinken eingeladen, um einen Termin zur Besichtigung des neuen Hauses der Caritas zu vereinbaren. Der Tag endete mit einem Ausflug nach Augustow, zusammen mit der Familie Szubzda. Das Verteilen von zehn HLB 2014 stand am 20. Juni auf dem Programm.

Das „Archiwum“, der evangelisch-methodistische Pastor und die Administration waren alle gut zu Fuß zu erreichen, so dass noch Zeit war für eine Unterredung mit der Direktorin des Dom Kultury. Da im nächsten Jahr eine Reisegruppe der „Mittleren Generation“ Lyck einen Besuch abstatten möchte, sagte die Direktorin ihre Unterstützung zur Programmgestaltung zu. Zur Mittagszeit fand die Altenfeier der Deutschen Minderheit im Wasserturm statt. Viele fleißige Hände hatten vormittags gekocht und gebacken, denn die Reisegruppe von Reinhard Donder war auch eingeladen. Es war ein gemütlicher Nachmittag mit Gesang und vielen Gesprächen.

21. Juni, Sommerfest in Allenstein: Die Deutsche Minderheit hatte einen Bus zur Fahrt nach Allenstein organisiert. Abfahrt war um 8 Uhr am Wasserturm. Nach einer dreistündigen Fahrt wurde Allenstein erreicht. Das Wetter war leider sehr ungemütlich, kalt und regnerisch. Zum Glück entschädigte das bunte Programm des Sommerfestes alle Besucher.

Sonntag, 22. Juni: An diesem Tag war die Besprechung zur Auszahlung der Bruderhilfe angesagt, die Ende September im Wasserturm stattfinden wird. Frau Szubzda machte anschließend ein Treffen mit einem Herrn aus, der der Kreisvertreterin die Grabstätte von Bewohnern aus dem ehemaligen Ort Zielhausen zeigen wollte. Die Ruhestätte ist verwildert und ein großes Holzkreuz zerbrochen. Er signalisierte seine Bereitschaft, diese Ruhestätte wieder herzu-richten und das Holzkreuz zu erneuern. Die Kreisvertreterin sagte ihm eine finanzielle Unterstützung zu. Ein Treffen mit einem Mitarbeiter des Historischen Museums fand am 23. Juni in den Räumen des Museums statt. Besprechungspunkte waren unter anderem ein Zusammenarbeitsvertrag, der im September zwischen der KG Lyck und dem Historischen Museum unterzeichnet werden soll. Aktuelle Bücher, die von den Mitarbeitern des Historischen Museums geschrieben und bisher nur in polnischer Sprache zu erwerben waren, erscheinen nun auch in deutscher Sprache. Im Juli wird zum Beispiel ein „Stadtführer von Lyck“ erscheinen. Der Nachmittag war dem Besuch des neuen Hauses der Caritas gewidmet. Die Lazarusstation hat auch ihre Räume in diesem Gebäude. Die Leiterin der Lazarusstation bat um Meldung von pflegebedürftigen alten deutschen Leuten. Der Leiter der Caritas zeigte der Kreisvertreterin die neue Einrichtung „Mutter und Kind“, die schon in allen Räumen belegt war. Hier sind Mütter mit ihren Kindern untergebracht, die aus den verschiedensten Gründen betreut werden müssen. Hinter dem Gebäude der Caritas steht schon ein Rohbau. Hier soll ein Altersheim entstehen. Es kann erst fertiggestellt werden, wenn es die Finanzlage erlaubt. Die arbeitsreiche Woche war am 24. Juni beendet. Abfahrt mit dem Bus ab Bahnhof Lyck 8.30 Uhr. Ankunft in Düsseldorf 18.30 Uhr.

 

NEIDENBURG

Kreisvertreter: Jürgen Szepanek, Nachtigallenweg 43, 46459 Rees-Haldern, Tel. / Fax (02850) 1017.

Am letzten Sonnabend im Juni fand die Feier zum 20-jährigen Bestehen der Neidenburger Gesellschaft der Deutschen Minderheit (NGDM) in einem neu erbauten Raum statt. Ein erst im vergangenen Jahr fertiggestellter Holzbau auf der weitläufigen Hofanlage der Familie Wylengowski in Heidemühle bei Neidenburg bot den Besuchern aus nah und fern eine angenehme heimatliche Atmosphäre. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst mit den Geistlichen beider Konfessionen wurden die Grußworte von verschiedenen Repräsentanten gesprochen. Diese waren unter anderem der Vertreter des Generalkonsulates in Danzig, der Landrat des Kreises Neidenburg [Nidzica], eine Abordnung des Bürgermeisters von Neidenburg wie auch unser Kreisvertreter. Der Chor der Neidenburger Volksgruppe und verschiedene Aufführungen der Jugendlichen umrahmten die Feier. Etwa 250 Personen fanden hier an schön gedeckten Tischen Platz und genossen die Mittagsmahlzeit wie auch den Kaffee und Kuchen. Eine reichlich präsentierte Tortenauswahl ließ keinen Wunsch offen. Gegen 17 Uhr traten die meisten Teilnehmer nach einem erlebnisreichen Tag den Heimweg an. Bereits 1991 wurde die NGDM als Untergruppe des Allensteiner Dachverbandes gegründet, um 1994 eine eigene Vereinsbildung ins Leben zu rufen. Initiator und erster Vorsitzender dieses Zusammenschlusses bis zu seinem Tode im Jahre 2009 war der weit bekannte und unvergessene Albert Wylengowski. Viele Hürden galt es zu überwinden, die dieser willensstarke Mann mit organisatorischem Talent mit einigen Wegbegleitern zu meistern verstand. Nach seinem Tode übernahm seine Enkelin Sabina Wylengowski den Vorsitz dieses Vereins. Die Neidenburger Gesellschaft der Deutschen Minderheit, wie auch unsere Kreisgemeinschaft können sich glücklich schätzen, diese junge Deutschlehrerin mit ihrem tüchtigen Vorstand in unserem ehemaligen Kreisgebiet zu wissen. Unser Dank gilt allen Helfern, die zu dieser gut organisierten Feier beigetragen haben.

 

ORTELSBURG

Kreisvertreter: Dieter Chilla, Bussardweg 11, 48565 Steinfurt, Telefon (02552) 3895, Fax (02552) 996905, E-Mail: derc@gmx.de. Geschäftsführer: Hans Napierski, Heinrichstraße 52, 45701 Herten, Telefon (0209) 357931, Internet: www.kreis-ortelsburg.de

In der Ausgabe 26 hatte sich irrtümlich der Text einer älteren Rede eingeschlichen. Deshalb veröffentlichen wir noch einmal den richtigen Text, und diesmal unter der richtigen Kreisgemeinschaft:

„Das war mal wieder ein schöner Tag“, sagten alle am Ende der Veranstaltung. Sieben Monate nach dem großen Hauptkreistreffen im September hatten die Vertreter der Landbezirke 1, Altkirchen, Jerutten, Landbezirk 2, Deutschheide, Wilhelmsthal, Landbezirk 3, Erben, Rheinswein Landbezirk 4, Farienen, Friedrichshof, Landbezirk 5, Fürstenwalde, Liebenberg und Lindenort, zu einem kleinen Treffen ins Kulturzentrum nach Herne geladen. Der Winter war vergangen, man sah schon des Maien Schein, und so kam man von nah und von fern. Schon beim Betreten des Saales sah man das Strahlen in den Augen. Man war wieder zu Hause in der großen ostpreußischen Familie. Da der Saal Crange, in dem sonst die Treffen stattfinden, über die Verwaltung des Kulturzentrums anderweitig vermietet war, musste man in diesem Jahr in einen kleineren Raum ausweichen. So kam es, dass zum Beginn der Feierstunde gegen 11 Uhr bereits alle Plätze besetzt waren. Die Begrüßung der Teilnehmer erfolgte durch den Geschäftsführer der Kreisgemeinschaft Ortelsburg, Hans Napierski. Im Rahmen seiner Ansprache benannte er die Planungen der Kreisgemeinschaft für das Jahr 2014. So lud er ganz herzlich zu dem am 17. und 18. Mai in Kassel stattfindenden „Deutschlandtreffen der Ostpreußen“ ein, zu dem die Kreisgemeinschaft eine Busreise organisiert hatte. Es könnte das letzte von der Landsmannschaft organisierte Deutschlandtreffen sein, waren seine Worte. Ebenso wies er auf die für Ende Mai geplante Heimatreise der Kreisgemeinschaft hin. Er machte Mut zu dieser Reise, denn es gibt doch nichts Schöneres, als mit lieben Freunden und alten Bekannten mal wieder zu Hause zu sein. Nach dem Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ nahm Jürgen Mosdziel in würdevoller Weise die Totenehrung vor. Zum Abschluss der Feierstunde erklang aus vollen Kehlen das Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder“.

Nach dem gemeinsamen Mittag-essen gab es noch ausreichend Zeit zum „Plachandern und Schabbern“. Und doch vergehen solche Tage immer viel zu schnell. Manches, was man noch sagen wollte, fiel dem einen oder anderen bestimmt erst auf dem Nachhause-weg oder danach ein. Aber das ist nicht so schlimm. Wir treffen uns ja wieder, wenn nicht in Kassel, dann aber ganz bestimmt im September beim Hauptkreistreffen in Herne.

 

SCHLOSSBERG (PILLKALLEN)

Kreisvertreter: Michael Gründling, Große Brauhausstraße 1, 06108 Halle/Saale. Geschäftsstelle: Renate Wiese, Tel. (04171) 2400, Fax (04171) 24 24, Rote-Kreuz-Straße 6, 21423 Winsen (Luhe).

Zu einem Ostpreußentreffen in der Stadthalle in Winsen (Luhe) am Freitag, 25. Juli und Samstag, 26. Juli 2014 laden die Kreisgemeinschaften (KG) Schloßberg/Pillkallen und Ebenrode/Stallupönen sowie die Landsmannschaft Ostpreußen., Landesgruppen Niedersachsen und Hamburg, herzlich ein. Die Veranstaltung ist nicht nur für Ostpreußen offen, jedermann ist herzlich eingeladen. Am Freitag beginnt um 11 Uhr im Clubzimmer der Stadthalle das Treffen der Ehemaligen der Friedrich-Wilhelm-Oberschule (FWO) Schloßberg. Ab 12.30 Uhr steht für alle Gäste ein gemeinsames Mittagessen auf dem Programm. Die Heimatstuben beider Kreisgemeinschaften in der Rote-Kreuz-Straße sind von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Im Saal der Stadthalle finden für die KG Schloßberg von 16 bis 18 Uhr und für die KG Ebenrode von 17 bis 19 Uhr öffentliche Kreistagssitzungen statt. Um 19 Uhr beginnt im Clubraum eine Feierstunde der FWO, wozu ausdrücklich alle Landsleute und Freunde der FWO herzlich eingeladen sind. Ab 20 Uhr lädt die KG Ebenrode zu einem gemütlichen Beisammensein im Saal der Stadthalle ein. Es wird unter anderem der Film „Ostpreußen vor 1939“ gezeigt.

Am Sonnabend trifft sich die Schülervereinigung FWO um 9 Uhr im Traditionsraum des Winsener Patengymnasiums und gleichzeitig wird auch die Stadthalle für die Gäste geöffnet. Um 9.30 Uhr findet eine Kranzniederlegung am Ehrenmal auf dem Winsener Waldfriedhof statt. Bereits um 10.30 Uhr beginnt im Saal der Stadthalle eine Feierstunde, musikalisch untermalt durch die Chorgemeinschaft Singzirkel und Männerchor Winsen. Die Begrüßung und Totenehrung wird durch den Schloßberger Kreisvertreter Michael Gründling vorgenommen. Die Andacht hält Pfarrer i. R. Kurt Perrey. Darauf folgen Grußworte des Patenkreises Harburg und der Stadt Winsen (Luhe). Den Festvortrag hält voraussichtlich der Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums, Dr. Joachim Mähnert, zum Thema „Das Ostpreußische Landesmuseum auf dem Weg in die Zukunft“. Nach dem gemeinsam gesungenen Lied „Land der dunklen Wälder“ wird Dr. Gerhard Kuebart, Kreisvertreter der KG Ebenrode, das Schlusswort sprechen, worauf gemeinsam „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gesungen wird. Das Mittagessen mit Zeit für Gespräche ist für 12 Uhr angesetzt. Von 14 bis 16 Uhr ist im Saal ein buntes Programm geplant. Mitwirkende sind der Ostpreußenchor Hamburg, die Volkstanzgruppe Winsen (Luhe) und die Parforcehornbläser aus der Wilstermarsch (SH). Von 16.30 bis 18.30 Uhr sind abermals die Heimatstuben für die Gäste zugänglich. Wir danken schon jetzt für Ihren Besuch. Sie honorieren damit die ehrenamtliche Arbeit der Vorstände und der Kreisausschüsse der Kreisgemeinschaften.


Von Kailchen und Kissehl
Auf dem Lande in Ostpreußen aß man gerne deftig

Als sich in den ostpreußischen Städten die Essgewohnheiten schon denjenigen im Reich angenähert hatten, aß man auf dem Land nach alter Gewohnheit noch am liebsten deftig. Darin unterschieden sich die Ostpreußen kaum von den übrigen Niederdeutschen. Sprichwörter wie „Fleisch ist das beste Gemüse“ zeugen davon, dass frisches Gemüse und selbst Obst, da nicht sättigend, als wenig nahrhaft galt und nicht besonders beliebt war, ausgenommen süßes Obst wie reife Kirschen und Pflaumen. Zwar war der Fleischkonsum auch in den Städten Ostpreußens hoch, aber die Zubereitung der Speisen unterschied sich durchaus. Speck und Fett waren in ländlichen Gegenden die wichtigsten Zutaten der Hauptmahlzeiten. Sehr bedeutend war der Mehlkonsum der Landbevölkerung, weil viel Brot, teils selbst gebackenes, gegessen wurde. Nach alter Sitte aßen die meisten Dorfbewohner noch Mehl- oder Milchsuppe zum Frühstück. Der Käse- und Butterverzehr war, was Statistiken erweisen, in den Städten höher als auf dem Land, wo demgegenüber der Kartoffelverbrauch sehr hoch war. Kartoffeln zählten auch nicht im engeren Sinn zum Gemüse.

Im Nogat-Weichseldelta, wo die Mennoniten ansässig waren, war Kartoffelsuppe mit Mehlklößchen, Spirkeln (kross gebratener Speck oder Schweinebauch) und Fett eine nicht nur von Landarbeitern geschätzte Speise. Gut verdaulich war sie durch Machandel, den Wacholderschnaps, der gerne aus Wassergläsern (Bommchen) mit einigen Stücken Würfelzucker getrunken wurde. Einfache Leute aßen „Erdschucke öntoducke“, ins Fett getauchte Kartoffeln. Ungefähr dasselbe war im Ermland „Schocke mit Oilje“. Besser schmeckten aber Kailchen, mit Fett übergossene Kartoffelklöße. Dazu wurde Korn oder ein Glässchen Bärenfang genossen, Schnaps aus Honig und reinem Spiritus. Mehlkailchen wurden gern mit einer süßsauren Soße serviert. Aus geriebenen Kartoffeln, Mehl und Ei wurden überall in Ostpreußen die beliebten Flinsen zubereitet, mitunter aus Hefeteig. Fladen oder Krapfen buk man in reinem Fett.

Ein typisch ostpreußisches Gericht, einfach und gediegen, sind graue Erbsen mit Speck. Im Memelland aß man „Schuppenis“, Erbsenbrei mit gekochtem geräuchertem Schweinskopf. Auch der „Kissehl“ war dort zu Hause, ein gründlich gewässerter Haferbrei mit Milch. Charakteristisch für Ostpreußen waren Eintöpfe mit Wruken (Rüben), Kürbis und Kartoffeln. Beetenbartsch, die Rote-Rüben-Suppe mit Rindfleisch und Kartoffeln – in ganz Osteuropa als „Borschtsch“ bekannt –, war überall hoch geschätzt. Ebenfalls zu den ostpreußischen Spezialitäten gehörten Schmandschinken (geräucherter Schinken in Sahnesoße) und Apfelklöße mit Zimt und brauner Butter. Der Zuckerverbrauch war gering. Süße Milchsuppen wurden mit Fallobst gekocht, ob Kirschen oder Kruschken (wildwachsende Birnen). Das Obst war vorgedünstet, darauf kam die heiße Milch und zuletzt hinein gestreut die Klunker aus Mehl und Wasser.

Schmorkohl mit Wurst verspeiste jeder im Dorf an den Schlachttagen. Das war, wegen der niedrigen Temperaturen, im Spätherbst oder zum Winteranfang. Zu fettem Fleisch gehörten trockenes Brot und Schnaps. Das Fleisch wurde eingesalzen, dann geräuchert und eingeweckt. In der Fleischkiste, einer großen Truhe, bewahrten die Bauern Speckseiten und Schinken auf. Nach dem Pilzesammeln im Herbst kam das Einwecken der Pilze.

In den Gegenden am Kurischen Haff waren Stinte beliebt, die die Fischer in großen Mengen im Haff fingen. Nach dem Kochen aß man sie ganz, manchmal mit etwas Essig und Speckspirkeln. Bekanntlich fingen die Fischer der Kurischen Nehrung im Herbst Krähen mit Netzen zur Bereicherung ihrer Speisepläne. Obwohl diese Essgewohnheit andernorts Abscheu auslöste, gab es auch Ausnahmen, und daher gehörten Krähen zum Angebot der Königsberger Delikatesswarenläden. Neben den berühmten Klopsen war der Fleck ein bekanntes Königsberger Gericht, das aber auch nicht jedermanns Geschmack entsprach, denn es wurde aus Rindermagen und Rinderdärmen hergestellt. Dazu trank man Bier. Als Nationalgetränk galt neben der Bowle „Ostpeußischer Maitrank“ Grog in den verschiedensten Variationen. Der Rußer Wassertrunk hieß so, weil er kein Wasser als Zutat enthielt, nach der bekannten Redeweise: Rum muss, Zucker kann, Wasser braucht nicht.

D. Jestrzemski


S. 18 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGES OSTPREUSSEN

Vorsitzender: Stefan Hein, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

Sonntag, 20. Juli: Kleines Ostpreußentreffen 2014 auf Schloss Burg bei Solingen, Beginn 11 Uhr, Kundgebung 14 Uhr. Der BJO nimmt mit einem Infostand und dem beliebten „Café Lorbaß“ teil. Weitere Infos im Internet: http://www.ostpreussen-nrw.de/Div/Schloss-Burg-2014/index.htm

 

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Ulm/Neu-Ulm – Montag, 14. Juli, Donauschwäbisches Zentralmuseum: Südostdeutscher Volkstumsabend. Die Gruppe „Feenharfen der Lebenshilfe Neu-Ulm wird musizieren. Die Kindertanzgruppe der Siebenbürger Sachsen aus dem Kreis Bieberach tritt auf. Singen wird der Chor der Egerländer Gmoi. Um regen Besuch wird herzlich gebeten. – Sonnabend, 19. Juli, 14.30 Uhr, Ulmer Stuben: Monatliches Treffen. Am 16. August ist die Zusammenkunft nicht in den Ulmer Stuben geplant, sondern im Café Schubert.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Altmühlfranken/Ansbach – Sonnabend, 19. Juli, 16 Uhr: Sommerfest bei Familie Reimke in Weihenzell mit Grillen. Für Musik und Getränke wird gesorgt. Alle sind herzlich eingeladen. Ein Fahrdienst wird geplant.

Bamberg – Mittwoch, 16. Juli, 15 Uhr, Villa Remeis: Treffen der Gruppe.

Ingolstadt – Sonntag, 20. Juli, 14.30 Uhr, Gasthaus Bonschab, Münchener Straße 8: Monatliches Heimattreffen.

Kitzingen – Freitag, 18. Juli, Hotel Würzburger Hof: Sommerfest. Bei schönem Wetter im Garten. – Bericht über die Acht-Tages-Reise ins wunderschöne Kärnten zu Fritz, dem Wirt, in Seeboden/Millstätter See vom 15. bis 22. Juni – Südliches Lebensgefühl und eine atemberaubende Naturlandschaft erlebten die Kitzinger VdKler und Ostpreußen bei ihrer Reise zu Fritz, dem Wirt, nach Seeboden am Millstätter See. Unvergessliche Eindrücke und Ausblicke hatten die Teilnehmer bei den Ausflügen über die einmalige Nock-almstraße, die erlebnisreiche Fahrt auf der Malta-Hochalmstraße hinauf zum Kölnbreinstausee, einer Fahrt mit der Tschu-Tschu-Bahn ins Natur- und Landschaftsschutzgebiet Pöllatal, der Besichtigung des Bonsaimuseums in Seeboden und der Altstadt von Villach, einer Fahrt mit Sessellift hinauf auf das Dreiländereck mit traumhaftem Blick ins Gailtal, nach Italien und Slowenien, einer Schifffahrt auf dem Millstätter See, dem Besuch des herrlichen Tierparks in Feld am See, der Besichtigung des Elli-Riehl-Museums (selbst die Männer waren begeistert) und des neuen Pyramidenkogels mit einer gigantischen Aussicht. Jeden Abend hatten die Reiseteilnehmer im Hotel ein Programm wie Musikabend, Zauberabend, Bingo, Schlittenrennen, Lichtbildervortrag. Der Kurdirektor Koch kam persönlich ins Hotel, um Thea Gröbner, Gustav und Waltraud Patz für die Treue zum Hotel Klein und Kärnten zu ehren. Ein Besuch des Landmarktes in der Marktgemeinde Seeboden mit Einkauf durfte nicht fehlen. Nach einer Einkehr im Hotel Krone in Geiselwind endeten acht wunderschöne Tage mit angenehmen Temperaturen. Noch lange werden die lustigen, harmonischen Ferientage bei Fritz dem Wirt, in guter Erinnerung bleiben. Es findet ein Nachtreffen statt, der Termin wird noch bekanntgegeben.

München – Sonnabend, 26. Juli, 14.30 Uhr, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, 81669 München: Vortrag von Gisela Holz „Der Weißstorch in Ostpreußen“. Zu Beginn gemeinsame Kaffeetafel.

Jeden Montag, 18 bis 20 Uhr, Haus des Deutschen Ostens: Ostpreußischer Sängerkreis. Kontakt: Dr. Gerhard Gräf, Offenbachstraße 60, 85598 Baldham, Telefon (08106) 4960.

 

BERLIN

Vorsitzender: Rüdiger Jakesch, Geschäftsstelle: Forckenbeck-straße 1, 14199, Berlin, Telefon (030) 2547345, E-Mail: info@bdv-bln.de, Internet: www.ostpreussen-berlin.de. Geschäftszeit: Donnerstag von 14 Uhr bis 16 Uhr Außerhalb der Geschäftszeit: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Königsberg, Samland, Labiau – 18. Juli, 14 Uhr, Johann-Georg-Stuben, Johann-Georg-Straße 10, 10709 Berlin. Treffen der Gruppen. Anfragen bei Professor Wolfgang Schulz, Telefon (030) 2515995.

Rastenburg – 13. Juli, 15 Uhr, Restaurant Stammhaus Rohrdamm 24 B, 13629 Berlin. Anfragen bei Martina Sontag, Telefon (033232) 188826.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Kippingstr. 13, 20144 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Fried-rich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

LANDESGRUPPE

Herzlich willkommen zum Sommerfest der Landsmannschaft Ostpreußen, Landesgruppe Hamburg e.V. – Kulturreferat. Auskunft und Organisation: Siegfried Grawitter, Telefon (040) 205784. Am Sonnabend, 19. Juli, von 14 bis 17 Uhr, (Einlass ab 13 Uhr), im Restaurant Lackemann, Litzowstieg 8, 22041 Hamburg (Wandsbek), Parkplatz Quarree, Parkhaus P2. Ein Programm mit dem LAB-Chor, Lesungen und Geschichten zum Schmunzeln werden geboten..

Sehr gut zu erreichen mit der U1 und Bussen. Von U1- und Busbahnhof Wandsbek-Markt sind es nur wenige Gehminuten. Wenn Sie von der Wandsbeker Marktstraße den Durchgang „Hinterm Stern“ zwischen Quarree und Hotel Tiefenthal durchgegangen sind, sehen Sie bereits das Restaurant Lackemann.

Sonnabend, 26. Juli, 10.30 bis 16 Uhr, Stadthalle Winsen (Luhe), Luhdorfer Straße 29, 21423 Winsen, Telefon (04171) 73118: Ostpreußentreffen 2014. Programm siehe unter Kreisgemeinschaft Schloßberg/Pillkallen.

KREISGRUPPE

Elchniederung – Mittwoch, 30. Juli, 14 Uhr, Haus Lackemann, Hamburg-Wandsbek: Treffen der Gruppe zu einem fröhlichen Sommernachmittag mit gemeinsamen Erinnerungen, Vorträgen und Liedern. Gäste sind herzlich willkommen.

Insterburg – Die Gruppe trifft sich jeden 1. Mittwoch im Monat (außer Januar und Juli) mit Liedern und kulturellem Programm um 12 Uhr, Hotel Zum Zeppelin, Frohmestraße 123–125. Kontakt: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg. Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

 

HESSEN

Vorsitzender: Eberhard Traum, Wächtersbacherstraße 33, 63636 Brachtal, Telefon (06053) 708612.

Wiesbaden – Donnerstag, 17. Juli, Gaststätte Haus Waldlust, Rambach, Ostpreußenstraße 46: Stammtisch. Essen á la carte. Wegen der Platzdisposition bitte unbedingt anmelden bis spätestens 11. Juli bei Irmgard Steffen, Telefon (0611) 844938. – Sonnabend, 19. Juli, 15 Uhr, Erbenheim, Kleingartenverein am Wasserwerk: Sommer-Gartenfest. Am Grill werden Steaks und Würstchen zubereitet, dazu gibt es Kartoffelsalat oder Brötchen. Zu Beginn werden die Teilnehmer mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Musikalisch unterhält das Duo Budau/Dr. Hübenthal. Wegen der Essens-Disposition bitte bis spätestens 11. Juli anmelden bei Irmgard Steffen, Telefon (0611) 844938. Nach erfolgter Anmeldung muss das bestellte Essen auch bei Absage gezahlt werden, da die gemeldeten Portionen verbindlich gebucht sind. Das Gartenfest findet bei jeder Witterung statt, da überdachte Bereiche zur Verfügung stehen.

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Osnabrück – Freitag, 18. Juli, 15 Uhr, Gaststätte Bürgerbräu, Blumenhaller Weg 43: Treffen der Frauengruppe. – Dienstag, 29. Juli, 16.30 Uhr, Hotel Ibis, Blumenhaller Weg 152: Kegeln.

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Landesgruppe – Auch in diesem Jahr findet an der Gedenkstätte des Deutschen Ostens auf Schloss Burg eine Kulturveranstaltung der Landesgruppe Nord-rhein-Westfalen statt. Die Organisatoren wünschen sich, dass sie am Sonntag, 20. Juli, ab 11 Uhr (Zeit zum Plachandern) recht viele Landsleute und Gäste auf ihrem „Kleinen Ostpreußentreffen“ begrüßen können. Um etwa 13 Uhr hält Pastor Lipsch aus Solingen-Wald eine kleine Andracht. Wie schon in den vergangenen Jahren besteht die Veranstaltung aus einem offiziellen (14 Uhr) und einem unterhaltsamen Teil. Zu Beginn läuten die Glocken aus Königsberg und Breslau, wir gedenken unserer Toten und hören das Trompetensolo „Ich hatt‘ einen Kameraden“ (Trompeter F. Braun). Werner Jostmeier, MdL, wird die Ansprache halten. Dr. Bärbel Beutner führt durch die Veranstaltung. Für das leibliche Wohl sorgen die Damen der Gruppen Remscheid, Solingen, und Wuppertal mit ostpreußischen Spezialitäten. Zahlreiches Erscheinen ist der Lohn für den Veranstalter mit seinen ehrenamtlichen Mitwirkenden.

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 bis 20 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal, 1. Etage: Chorprobe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft. – Donnerstag, 17. Juli, 19.30 Uhr, GHH/Raum 312: Offenes Singen mit Barbara Schoch. – Sonntag, 20. Juli, 11 Uhr: Ostpreußentreffen auf Schloss Burg. – Donnerstag, 31. Juli, 9.30 Uhr: Tagesausflug nach Burg Brüggen und Kamp-Lintfort.

Gütersloh – Sonnabend, 12. Juli: Seniorenfahrt nach Bad Driburg, Leonardo-Outlet-Besuch, Pralinenmanufaktur und Wasserorgel – Nach einem Besuch bei Leonardo-Glas beginnt auf dem dortigen Parkplatz eine Stadtrundfahrt. Kaffee trinken in einer Pralinenmanufaktur, dem Café Heyse. Der Konditormeister höchstpersönlich gibt einen Einblick in die Herstellung von Pralinen und verrät kleine Tricks bei der Schokoglasur- oder Baiserherstellung für zu Hause. Gerne beantwortet er auch Fragen. Anschließend erleben die Teilnehmer die dortige Wasserorgel mit Musik. Kurpark und Fußgängerzone befinden sich in unmittelbarer Nähe, so dass noch Zeit zur freien Verfügung bleibt. Zu der Fahrt sind auch Nicht-Senioren und Nicht-Mitglieder herzlich eingeladen. 10 Euro Kosten-Beteiligung wird im Bus eingesammelt. Nicht-Senioren unter 65 Jahre und Nicht-Mitglieder zahlen 15 Euro. Anmeldung bei Blocks, Telefon (05241) 34841 oder Bartniks, Telefon (05241) 29211. Abfahrt ab 11.30 Uhr. Zusteigemöglichkeiten: 11.30 Uhr Kahlertstraße/Ecke Magnolienweg, 11.35 Uhr Marktplatz/ Haltestelle Friedrich-Ebert-Straße, 11.40 Uhr B 61/Ecke Grenzweg, 11.45 Uhr Café Raschke, 11.50 Uhr Gaststätte Roggenkamp, 11.55 Uhr Verler Straße/ Mercedes-Händler, 12 Uhr Verler Straße/Markant Supermarkt. – Donnerstag, 17. Juli, 15.30 Uhr, Gütersloher Brauhaus, Unter den Ulmen: Ostpreußische Frauengruppe. – Ostpreußischer Singkreis: Die Treffen von 15 bis 17 Uhr in der Elly-Heuss-Knapp-Schule, Moltkestraße 13 finden zurzeit einmal im Monat statt oder nach Absprache. Kontakt und Info: Renate Thamm, Telefon (05241) 40422. – Sonntag, 20. Juli: Fahrt nach Schloss Burg. Auf Wunsch der Mitglieder findet eine Busfahrt zum „kleinen Deutschlandtreffen“ auf Schloss Burg bei Solingen statt. Anmeldung bei Blocks, Telefon (05241) 34841 oder Bartniks, Telefon (05241) 29211. Abfahrt ab 10 Uhr. Sollten sich nicht genügend Interessierte finden, besteht die Mitfahrgelegenheit mit der Bielefelder Gruppe. Informationen bei Gertrud Riede, Telefon (05202) 5584. Abfahrt ist um zirka 10 Uhr ab Parkplatz Autobahn/Verler Straße. Der Fahrpreis liegt zwischen 15 und 20 Euro abhängig von der Personenzahl. Zusteigemöglichkeiten: 10 Uhr Kahlerplatz/Ecke Magnolienweg, 10.05 Uhr Marktplatz/Haltestelle Fried-rich-Ebert-Straße, 10.10 Uhr

B 61/Ecke Grenzweg, 10.15 Uhr Café Raschke, 10.20 Uhr Gaststätte Roggenkamp, 10.25 Uhr Verler Straße/Mercedes-Händler, 10.30 Uhr Verler Straße/Markant Supermarkt.

Hemer – In Zusammenarbeit mit dem Bürger- und Heimatverein Hemer sowie dem Kulturzentrum Ostpreußen Ellingen wird die Ausstellung „Ostpreußen verzaubert“ in der Zeit noch bis zum 20. Juli gezeigt. Ausstellungsort: Felsenmeermuseum Hemer, Hönnetalstraße 1, 58675 Hemer. Öffnungszeiten: Montags und Sonnabends geschlossen; Dienstag und Freitag 11 bis 13 Uhr, und 15 bis 17 Uhr; Mittwoch und Donnerstag 15 bis 17 Uhr; Sonntag 11 bis 13 Uhr. Informationen beim Museum unter Telefon (02372) 16454, bei Klaus-Arno Lemke unter (02372) 12993; E-Mail: felsenmeer-museum@web.de lemke@ostpreussen-nrw.de. Internet-Präsenz: www.felsenmeer-museum.de.

Köln − Dienstag, 15. Juli, 14.30 Uhr, Köln-Deutz, Bürgerzentrum, Tempelstraße 41 – 43: Die Ostpreußenrunde trifft sich zur monatlichen Versammlung. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Versammlung am 19. August, wie in den Jahren davor, ausfallen wird wegen Urlaub.

Witten – Montag, 21. Juli, 15 Uhr: Schiffsfahrt mit der Schwalbe – fröhlicher Nachmittag.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Jeden Freitag, 13 Uhr, Café Oase, Schönbornstraße 16, 55116: Die Gruppe trifft sich zum Kartenspielen.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle, Telefon privat (0345) 2080680.

Gardelegen – Freitag, 25. Juli, 14 Uhr, Gaststätte Wieseneck im Drömling: Grillfest mit Programm. – Straße nach Kant benannt –Nach 12-jährigem Bemühen der Kreisgruppe ist es im Mai gelungen, dass die Stadt eine Straße nach dem großen Philosophen Kant aus Königsberg benannt hat. Auf Wunsch der Mitglieder wurde unter dem Straßenschild zusätzlich eine Info-Tafel über Immanuel Kant feierlich angebracht. Bürgermeister Konrad Fuchs war anwesend und würdigte in seiner Rede die Landsmannschaft und die Verbundenheit zur Heimat.


S. 19 Heimatarbeit

Klänge im Ostheim
LO veranstaltete Seminar in Bad Pyrmont

Freunde treffen sich und tun etwas miteinander“ – zum Beispiel singen. Pfingsten in Bad Pyrmont, da sind wirklich alte Freunde zusammengekommen; denn die Nordostdeutsche Singwoche gibt es nun seit 36 Jahren. 1978 wurde sie von Hanna Wangerin, Abteilung Jugend und Kultur der Landsmannschaft Ostpreußen, ins Leben gerufen. Einige Teilnehmer der Pyrmonter Musiktage 2014 waren tatsächlich von Anfang an dabei, so dass sich das Wiedersehen wie in einer Familie gestaltete. Wer neu dazustieß, war schnell integriert, wie die vier Teilnehmer, die aus Ostpreußen angereist waren.

Schon vor dem Frühstück waren alle zum gemeinsamen Ansingen versammelt. Beim Musizieren in Gruppen unter kundiger Leitung ging es dann richtig zur Sache. Das ganze Ostheim klang. Karin Petersen probte mit dem Chor, Solveig Hachtmann mit den Blockflöten – von der Sopranflöte bis zum Subbass –, und Roland Funck betreute die Gitarren und Geigen. Zur Musik gehört der Tanz, von Brigitte Schulze allen angeboten, die gern Musik mit den Beinen machen. Am Abend trafen sich wieder alle zu gemeinsamem Tun. Am letzten Vormittag stellten alle Gruppen vor, was sie sich in zweieinhalb Tagen zu Eigen gemacht hatten, ein bewegendes Erlebnis: Im Halbkreis die Instrumentalisten, Geigen, Gitarren und Block-flöten, flankiert vom Klavier, die andere Hälfte bildeten die Sänger des Chores, der Raum in der Mitte blieb für die Tänzer. Jeder zeigte, was er gelernt hatte. Auch der Chor wurde bei einigen Sätzen instrumental begleitet.

Wieder einmal, wie schon bei früheren Singtagen, zeigt sich: Solche Leistungen in so kurzer Zeit haben ihren Ursprung zum einen im Können und der akribischen Vorbereitung der Referenten und zum andern im Eifer und der Hingabe der Musikanten. Viel zu bald kam der Abschied: So Gott will, auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

Ilse Conrad-Kowalski


Wissen über die Heimat erhalten
Viertes Schwägerauer Treffen in Schmalkalden erzeugte Interesse bei Nicht-Ostpreußen

Schwägerau lebt – Heimat, Flucht, Integration“. Unter diesem Motto trafen sich in diesem Jahr elf Schwägerauer mit zwei Angehörigen im Jägerhotel in Schmalkalden. Krankheitsbedingt mussten einige Schwägerauer zu Hause bleiben. Kaum zusammengekommen, entfachten sich lebhafte Unterhaltungen, da die meisten sich seit dem letztjährigen Treffen das erste Mal wiedersahen. Nach dem ersten Abendessen – ein von der Gaststätte veranstalteter Grillabend – setzten die Teilnehmer sich in einen eigens für das Treffen zugeteilten Raum. Organisator Siegfried Schulz begrüßte die Anwesenden herzlich zum 4. Schwägerauer Treffen. Zur Einstimmung der Zusammenkunft sangen sie das Ostpreußenlied. Weitere Lieder und Erzählungen aus der Heimat rundeten den ersten Abend ab.

Am zweiten Tag entschieden die Teilnehmer sich für eine Fahrt nach Zella-Mehlis in das Meeres-Aquarium. Es ist eine einmalige Erlebniswelt – außergewöhnlich und nicht alltäglich. In 54 Aquarien und Terrarien auf einer Fläche von 7800 Quadratmetern Besichtigungsfläche erlebte die Gruppe die einmalige Artenvielfalt der Meere, die Schönheit der Tierwelt. Den Rest des Tages zogen die Teilnehmer sich wieder in ihren Tagesraum zurück, denn Siegfried Schulz hatte sich was Neues einfallen lassen. Mittels Beamer hatte er die noch im Vorjahr ausgelegten Schwägerauer Fotografien von vor 1945 auf die Leinwand projiziert, so dass eine für die Gruppe einheitliche Betrachtungsweise sowie die erforderliche Diskussion sofort gegeben waren. Eine Vielzahl von Fotografien war neu hinzugekommen.

Der dritte Tag begann mit einer Diskussion: „Wie wollen wir unser Wissen über unsere Heimat zukünftig erhalten?“ Die Teilnehmer waren sich einig, dass sich altersbedingt die Teilnehmerzahl ständig verringern wird. Der Vorschlag, eine gemeinsame Reise nach Ostpreußen zu organisieren und damit die jährlichen Treffen zu beenden, konnte an diesem Tag nicht entschieden werden. Weitere Gespräche diesbezüglich werden in den nächsten Monaten noch geführt. Einheitlich haben die Teilnehmer sich aber geeinigt, künftig auf organisierte Treffen nicht zu verzichten.

„Ostpreußen atmet Geschichte – noch längst ist nicht alles erzählt. Wir sind die letzte Generation der Erlebenden, wenn wir es nicht tun, wird es kein anderer tun, deshalb wollen wir in Zukunft über das Schicksal unserer Heimat uns austauschen.“ Ein weiter Punkt der Tagesordnung war die Berichterstattung über das Ostpreußentreffen in Kassel vom 18. Mai, an dem Heinz Fischer und Irmgard Lott teilnahmen und ihre Eindrücke vom Landestreffen vermittelten. Anschließend las Heinz Fischer einige Verse des Buches „Balladen und Lyrik“ von Agnes Miegel vor. Im Wissen, was Miegel uns mit diesen Versen sagen wollte, kam Sentimentalität auf. Die Augen wurden feucht, denn einige hatten das Geschriebene persönlich erlebt. Nach einigen Minuten der Stille führte Siegfried Schulz das Programm weiter fort, und er zeigte Bildmaterial über Schwägerau damals und heute. Die letzten Bilder stammten von einem Besuch einer kleinen Gruppe aus dem Jahr 2009. Und nicht genug der vielen Darbietungen, zum Schluss überreichte er selbstgemachten Bärenfang.

Weiterhin hatten sich für diesen Tag Grete Neumann, gebracht von ihrer Tochter, und Willi Plewka, selbst angereist aus Baden-Württemberg, angemeldet. Willi Plewkas ehemaliger Heimatort war Eichenstein/Norkitten. Seine Schilderungen über Irrungen und Wirrungen, die er als 16-jähriger Wehrpflichtiger erlebte, beeindruckten die Anwesenden sehr. Oft auf sich alleingestellt, hat er die schrecklichen Situationen meistern müssen. Und heute, als 87-Jähriger, lebt der rüstige Rentner immer noch nach dem Motto „Ich will“.

Den letzten Abend verbrachten die Teilnehmer mit fröhlichen Liedern aus dem handgefertigten Liederheft. Irmgard Lott und Erika Kleu geb. Schulz, unterhielten die Anwesenden mit lustigen Sketchen, die zum Teil im ostpreußischen Dialekt vorgetragen wurden. So dauerte es nicht lange und weitere Gäste der Jägerklause schlossen sich den Sangeskünsten der Gruppe an, sie zeigten Interesse an der Zusammenkunft. Der letzte Abend endete somit recht humorvoll. Zur Verabschiedung am folgenden Morgen waren sich alle einig: Das 4. Schwägerauer Treffen bescherte erlebnisreiche und schöne Tage. Bedanken möchten die Teilnehmer sich bei Siegfried Schulz und Heinz Fischer, die das Treffen mit großer Sorgfalt und viel Mühe vorbereitet haben und den Gruppenmitgliedern die Erinnerung an Ostpreußen in den Köpfen bewahrt. Sieglinde Lippold


S. 20 Heimatarbeit

Unter wahren Helden
Angelika Pasenau berichtet über eine wehmütige Reise – Teilnahme an Gedenkfeier im heute litauischen Mikieten

Alt werden will jeder, alt sein kein Mensch. Beneidenswert, wer im hohen Alter noch Freunde oder Bekannte hat, die ihm helfen können, ihn verstehen, Erinnerungen teilen. Freunde machen unser Leben bunter, sinnvoller und sicherer. Ich bin glücklich, dass Gott mir gute Freunde geschenkt hat, von einer herausragenden Persönlichkeit aus Baden-Württemberg berichtet ein Wolfskind.

Nach und nach verlässt uns die Generation der sogenannten Erlebnisgeneration, und mit ihr verschwinden auch ihre Wünsche, Träume und Ideen, die nie verwirklicht werden konnten. Denen, die noch bleiben, bleibt das Leid und der nie enden wollende Schmerz.

Umso mehr habe ich mich gefreut, als im Mai das Telefon klingelte und ich die mir wohlbekannte Stimme von Professor Wolfgang Freiherr von Stetten, der den Wolfskindern von Anfang an zugetan war, hörte. Mein Mann Olaf und ich kennen den früheren Bundestagsabgeordneten bereits seit 1992, als er den von uns in Litauen gegründeten Verein Edelweiß besuchte und gerührt und angetan vom Leid der deutschstämmigen Wolfskinder, Kinder die nach der Besetzung Ostpreußens durch die Rote Armee Entsetzliches durchmachen mussten, sofort jede nur mögliche Unterstützung versprach.

Freiherr von Stetten lud uns zu einer Gedenkfeier nach Mikieten im Memelland ein. In diesem kleinen Ort im ehemaligen Landkreis Tilsit kreuzen sich die wichtigen Überlandstraßen von Tilsit nach Tauroggen sowie von Memel zur vormaligen Reichsgrenze nach Schmalleningken. Die Wolfskinder nannten diese Straßen nach dem Krieg sehnsüchtig „Brotstraße“, weil sie nach Litauen führte. Dem Nachbarland, in dem Kinder auf sich allein gestellt überwiegend bei mitleidigen Bauern vielleicht noch einen Kanten Brot erbetteln konnten. Vorausgesetzt natürlich, man schaffte es vorher an den sowjetischen Militärpatrouillen und Grenzposten vorbeizukommen, die auf fast jeden schossen, der aus Ostpreußen zu fliehen versuchte. Tausende von Wolfskindern starben bei ihren verzweifelten Fluchtversuchen. Nur wenige Hundert von ihnen überlebten versteckt in den sumpfigen Wäldern Litauens, bei Partisanen oder auf einsamen Gehöften. Um sie zu retten, gab man ihnen litauische Namen oder versteckte sie. Andere wurden bei karger Kost als Kinderarbeiter missbraucht, während man ihnen das „Deutschsein“ ausprügelte.

Zur Mahnung und zum Gedenken an die verhungerten und umgebrachten Bewohner Ostpreußens, hatten die noch lebenden Wolfskinder, welche sich im Verein Edelweiß organisiert hatten, am 20. Juni 1992 an der Kreuzung der sogenannten „Brotstraße“ in Miekiten ein sechs Meter hohes Kreuz aufgestellt. Dieses Kreuz aus leichtem Kiefernholz sollte nun, nach 22 Jahren, am

31. Mai 2014 gegen ein neues Kreuz aus wetterbeständiger heller Eiche ausgetauscht werden. Alle noch lebenden „Wolfskinder“ waren zu der Gedenkfeier eingeladen. Und wer noch kommen konnte, kam, oftmals mit Kindern und Enkelkindern. Weitere 37 Gäste aus Deutschland hatte Freiherr von Stetten mitgebracht, ebenfalls hoch betagte Menschen, die in einem Pflegeheim auf seinem Schlossgelände betreut werden. Ebenfalls zugegen waren der stellvertretende Direktor des Amtes Pogegen, ein katholischer Priester sowie zwei evangelische Pastoren, die das Kreuz und die gut 100 anwesenden Personen segneten.

Ergriffen lasen wir die Inschrift auf dem neuen Kreuz: „Wiedererrichtet am 31. Mai 2014 mit großem Dank an die Litauer, die nach 1945 Tausenden deutschen Wolfskindern das Leben retteten.“ Darunter: „Prof. Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten – Honorarkonsul der Republik Litauen“. Es war seine Initiative gewesen, das neue Kreuz als Mahnmal zu errichten, auch für die Finanzierung der erforderlichen 5000 Euro hatte er gesorgt, indem er Spenden hierfür von Privatleuten, Stiftungen und Vereinigungen erhielt.

Neben dem Kreuz sind zwei Bäumchen neu gepflanzt und zusätzlich eine Eiche und ein Kirschbaum als lebendige Zeichen des Dankes an Klara Kraft-Kierspel und die Stauder-Stiftung für großzügige Spenden zur Unterstützung der Wolfskinder.

Obwohl der Tag würdevoll und schön war, befiel mich eine große Traurigkeit. Da lag die Stadt Tilsit, eine Perle des alten Ostpreußens und Geburtsort der Wolfskinder Ruth und Luzie in Sichtweite, doch die streng bewachte russische Grenze ermöglichte ohne Visum keinen Besuch. Unter den Anwesenden suchte ich nach vertrauten Gesichtern und erschrak, so viele Wolfskinder, die ich kannte, fehlten. So zum Beispiel Hans-Dieter Wetzet, 1992 stellvertretender Bürgermeister von Pogegen. Er half tatkräftig beim Bau des ersten Kreuzes. „Leute, das ist doch selbstverständlich, ich bin Insterburger.“ Was hatte doch auch er gelitten, er, der wie durch ein Wunder erst nach 50 Jahren Trennung in Deutschland seine Mutter wiedergefunden hatte, um dann von ihr zu hören: „Du bist gar nicht mein Sohn!“ Warum? Er hatte diese Ablehnung, den neuen Schmerz, nie verkraftet.

Nie wieder werden wir unseren Freund Hans Swars, der auch für das alte Kreuz gespendet hatte, von seiner Kindheit in der alten Heimat schwärmen hören.

Die Wolfskinder, alt gewordene Waisenkinder um mich herum, die letzten Zeugen der grausamen Ereignisse nach dem Krieg in Ostpreußen, sahen müde aus. „Ich bin krank“, sagte Ruth, „mir ist sehr schwer, hierher zu kommen.“ Dass diese Menschen nach all dem unfassbaren Leid überhaupt noch leben und manchmal sogar lachen können, ist ein Wunder. Wer nach all dieser Quälerei noch die Kraft hat, Mensch zu bleiben, ist ein Held. Ob das wohl heutzutage viele Menschen überhaupt verstehen? Wohl kaum.

Einer der wenigen, die mit den Wolfskindern mitfühlen und ihnen helfen, ist Freiherr von Stetten. Bereits 1991 engagierte er sich in der von der Sowjetunion losgesagten jungen Republik Litauen. Er gründete unter anderem die Deutsch-Baltische Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag, initiierte Hilfsaktionen und unterstützte auch Menschen jüdischen Glaubens im heutigen Litauen.

Ihn fragte ich in Miekiten: „Und der deutsche Staat, hilft der den Wolfskindern auch?“ „Nein“, war die kurze Antwort. „Wie lange werden Sie noch den Wolfskindern helfen?“, wollte ich wissen. Er antwortete: „Solange ich lebe. Als ich 1992 diese armen Menschen in Kaunas auf einer Veranstaltung des Vereins Edelweiß zum ersten Mal gesehen und ihre Geschichten gehört habe, da habe ich mir sofort gesagt: Du musst helfen! Solch ein Unrecht darf nicht sein. Ich habe mir geschworen, diesen Leuten zu helfen.“

Der Jurist, Landwirt und vormalige Bundestagsabgeordnete und „Diplomat in humanitären Angelegenheiten“, hat sein Wort gehalten. Immer wieder hat er die Wolfskinder unterstützt, vielen bei ihrer Suche nach ihrer wahren Identität geholfen und sie ermutigt, unter ihrem wahren Geburtsnamen ein neues Leben anzufangen und denen, die nach Deutschland zurück wollten, bei den administrativen Angelegenheiten geholfen – auch Reise- und Umzugskosten bezahlt –, die Aktion „100 Euro Rente für die Wolfskinder“ organisiert. Rund 400000 Euro haben die zahlreichen Hilfsaktionen gekostet.

Materielle Hilfe für Menschen, die durch Krieg oder Katastrophen alles verloren haben, ist stets wichtig und notwendig. Aber noch wichtiger ist für alle Bedürftigen, dass man ihnen Wertschätzung entgegenbringt, das Gefühl, ein „wertvoller Mensch“ zu sein. Freiherr von Stetten hat den Wolfskindern dieses Gefühl vermittelt – er hat ihnen ihre Würde zurückgegeben. Das ist das größte Geschenk für alle Wolfskinder, solange sie leben. Angelika Pasenau


S. 21 Lebensstil

Geadelter Schlafsaal
Vor 100 Jahren wurde auf Burg Altena in Nordrhein-Westfalen die erste ständige Jugendherberge der Welt eröffnet

Am 27. Juni 1914 wurde auf Burg Altena im märkischen Sauerland die Einweihung der ersten ständigen Jugendherberge der Welt gefeiert. Sie sieht noch heute aus wie am ersten Tag. In den 1960er Jahren wurde der Herbergsbetrieb eingestellt. Seitdem firmiert sie als „Museum Weltjugendherberge“ und zieht alljährlich um die 120000 Besucher aus aller Herren Länder an.

Bis vor Kurzem musste man einen steilen Anstieg in Kauf nehmen, um in den oberen Hof einer der schönsten Höhenburgen Deutschlands zu gelangen. Sie liegt auf einem etwa 100 Meter hohen Bergsporn über der Stadt Altena. Seit Ende April aber gibt es eine barrierefreie Abkürzung, die in der Fußgängerzone der Altstadt beginnt. Dort tut sich ein gläsernes Tor im Cortenstahl-Rahmen auf. Im dahinter liegenden Tunnel wird man von Zwerg Alberich, Wieland dem Schmied und anderen Sagengestalten Südwestfalens in Empfang genommen, die dank multimedialer Inszenierung zum Leben erwacht sind. Am Ende des 95 Meter langen Tunnels aber geht dann alles sehr schnell: Der „Erlebnisaufzug“ katapultiert den Fahrgast innerhalb von 30 Sekunden auf den Burghof.

Die Burg ist eine Attraktion. Ihre Anfänge liegen im 12. Jahrhundert. Dass sie wie aus einem Guss wirkt, ist Wiederaufbaumaßnahmen von 1907 bis 1915 zu verdanken. Die gehen auf die Initiative des Landrats Fritz Thomée sowie die Entwürfe des Architekten Georg Frentzen zurück und sollten eigentlich bereits 1909 abgeschlossen sein. Denn der Wiederaufbau war mit Blick auf die 300-Jahr-Feiern der Zugehörigkeit der ehemaligen Grafschaft Mark zu Brandenburg-Preußen geplant worden.

Anno 1609 war der kinderlose Johann Wilhelm, Herzog von Kleve, Jülich und Berg, Graf von der Mark und Ravensberg gestorben. Es kam daraufhin zum Jülich-Kleveschen-Erbfolgestreit. Das Herzogtum Kleve sowie die Grafschaften Mark und Ravensberg fielen an den Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg. Die Erbansprüche Brandenburgs gründeten sich auf die Ehe Johann Sigismunds mit Anna von Preußen und Jülich-Kleve-Berg. Annas Mutter war Maria Eleonore, Schwester des letzten Herzogs aus dem Herrscherhaus Kleve-Mark, Johann Wilhelms also.

Anna war das einzige Kind von Maria Eleonore und ihrem Gatten Herzog Albrecht Friedrich von Preußen. Nach dem Tod Albrecht Friedrichs fiel daher 1618 auch das Herzogtum Preußen an Anna und damit an Brandenburg.

In der Erinnerungskultur der Bewohner des märkischen Sauerlands spielt dabei die Burg Altena eine herausragende Rolle. Stephan Sensen, Leiter der Altenaer Museen, berichtet: „Auf Annas Bedeutung für die Geschichte Preußens und auf ihre weit hergeholte und willkürlich herausgegriffen wirkende genealogische Abstammung von den Grafen von Altena sollten sich später die Bewohner der ehemaligen Grafschaft Mark berufen, wenn sie von der Burg Altena als Stammburg der Hohenzollern mütterlicherseits sprachen.“

Daraus erklärt sich auch das enorme öffentliche Interesse, das den Wiederaufbauplänen der Burg entgegengebracht wurde. Architekt Frentzen orientierte sich nicht so sehr an den historischen Gegebenheiten, sondern verwirklichte seine Idealvorstellungen vom Aussehen einer mittelalterlichen Höhenburg. Seinerzeit wollten führende Kunst- und Kulturhistoriker des Kaiserreichs den Wiederaufbau verhindern, weil dieser das vergleichsweise gut erhaltene Baudenkmal verfälsche, ja zerstöre.

Um seine Pläne durchzusetzen, forderte Thomée den Wortführer der Wiederaufbaugegner zum Pistolenduell. Doch Hermann Ehrenburg, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Münster, lehnte mit Verweis auf sein vorgerücktes Alter und seine unversorgten Kinder den Duellwunsch des Landrats ab. Erst ein Machtwort Kaiser Wilhelms II., der als letzter Landesherr dem Projekt baldiges Zustandekommen wünschte, beendete die Streitigkeiten, so dass der Wiederaufbau beginnen konnte. Einerseits haben Thomée und Frentzen damit ein mittelalterliches Baudenkmal zerstört. Andererseits besitzt der Wiederaufbau hohen künstlerischen Wert. Heute gilt Burg Altena als herausragendes Beispiel eines historistischen, also alte Baustile zitierenden Gesamtkunstwerks. Seit 2007 ist es als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung eingestuft.

Die Burgräume stattete Thomée mit einer bis zu Kaiser Wilhelm II. reichenden Ahnengalerie, Ritterrüstungen, Waffen, sakraler Kunst und anderen wertvollen Sammlungsstücken aus, die vor allem von der Regionalgeschichte des märkischen Sauerlands erzählen. Im Neuen Palas sollte das bäuerliche Leben im Blickpunkt stehen. Deshalb wurden eine Bauernstube und eine Wohnküche im Stil eines westfälischen Bauernhauses eingerichtet. Im Geschoss darunter war der „Schlafraum der Burgknappen“ vorgesehen. Diese Räume aber weckten die Begehrlichkeit des Vaters der Jugendherbergsidee: Richard Schirrmann. Der Altenaer Lehrer hatte bis dahin Zimmer im Schulgebäude als provisorische Jugendherberge während der Schulferien zur Verfügung gestellt. Nun konnte mit Einwilligung Thomées im Neuen Palas der Burg die erste ständige Jugendherberge der Welt eingerichtet werden.

Eine steile Treppe führt hinab in die ehemaligen Schlafräume des heutigen Museums Weltjugendherberge. Trotz der brennenden Deckenlampen wirken der Schlafraum für die Jungen und der dahinter gelegene für die Mädchen düster. Breite Eichendielen knarren während des Rundgangs, der vorbei an Einzel-, Doppel- und Dreistockbetten aus massivem Eichenholz führt. Truhen und Tische vervollständigen die spartanische Einrichtung.

Im Mädchenraum können sich jetzt auch männliche Besucher auf zwei raschelnden Strohmatratzen probeweise ausstrecken. Der eine Etage höher gelegene große Aufenthaltsraum wird von zwei langen Tischreihen be­herrscht und diente früher auch als Küche. Nebenan befindet sich im kleinen Aufenthaltsraum die Dokumentation „Aus grauer Städte Mauern“ zur Entstehung und Verbreitung des Jugendherbergswerks. Schirrmanns Idee verbreitete sich bekanntlich auf der ganzen Welt. Veit-Mario Thiede

Museum Weltjugendherberge, Burg Altena, Fritz-Thomée-Straße 80, Altena, geöffnet Dienstag bis Freitag von 9.30 bis 17 Uhr, Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Telefon (2352) 9667034, Internet: www.maerkischer-kreis.de und www.burg-altena.de


Janus trifft Bella
Zündapp-Freunde treffen sich in Bayern − Werk schloss 1984

Genau 30 Jahre ist es her, dass die Firma Zündapp nach fast 70 Jahren Vergleich und schließlich Konkurs anmeldete. Heute sind vor allem die Mofas, Mopeds und Klein­kraft­räder in Erinnerung. Doch das von der Gründung im Jahre 1917 bis 1958 in Nürnberg und danach in München angesiedelte Unternehmen hatte eine viel breitere Produktpalette, was heute aber nicht mehr bekannt ist: Bootsmotoren, Ra­senmäher und Näh­maschinen stellte Zündapp ebenso her wie ei­nen äußerst originellen Kleinwagen. Und auch ein Volkswagen-Prototyp stammte seinerzeit von Zündapp. Zündapps aus all den genannten Sparten gibt es am 13. Juli in dem im Landkreis Re­gensburg gelegenen Thonlohe zu sehen.

Natürlich bilden die Motorräder von 50 bis 750 Kubikzentimeter Hubraum den Schwerpunkt beim Treffen der Zündapp-Liebhaber, so auch Motorroller wie die legendäre Bella. Da kann es sogar vorkommen, dass ein wie nagelneu gepflegtes Wehrmachtsgespann mit sattem Boxermotor-Sound vorfährt. Oder eine Zündapp mit zwei Zylindern. Halt, hat es so eine nicht auch einmal serienmäßig gegeben? Da war doch die KS 350 mit zwei Zylindern als Prototyp. Aber eine KS 160? Na klar, es ist das Unikat eines niederbayerischen Zündapp-Tüftlers.

Solche und ähnliche Besonderheiten, aber auch andere toll restaurierte und bestens funktionsfähige Zündapp-Zweiräder stehen beim bereits sechsten Treffen der Zündapp-Freunde Thonlohe in Reih und Glied nebeneinander, dazu – in geringerer Anzahl Bootsmotoren, Nähmaschinen und Rasenmäher. Aus Dietfurt lässt ein Teilnehmer seinen Janus den Berg hinauf nach Thonlohe erklimmen. Der Ende der 50er Jahre gebaute Kleinwagen ist nach dem doppelköpfigen römischen Gott benannt, weil in diesem Auto die Passagiere auf der hinteren Sitzbank mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen.

Ein Janus ist bisher nicht auf der Liste der Fahrzeuge der 40 Mitglieder der Zündapp-Freunde Thonlohe. Die Altersspanne der Mitglieder beträgt 15 bis über 62 Jahre. Und sie haben selbst über 150 Zweiräder aus allen Epochen − die meisten fahrbereit, ein kleiner Teil wartet noch auf die Restaurierung.

Ihr Treffen hat in den letzten Jahren nicht nur in der Szene an Bekanntheit gewonnen. Zündapp-Fans kommen zu dem Treffen nicht nur aus Bayern, sondern auch aus anderen Bundesländern, zum Teil sogar aus dem Ausland. So hat sich diesmal ein Teilnehmer aus der Schweiz angemeldet. Nicht ausgeschlossen, dass dieser damit den Preis für die weiteste Anreise erhält. Prämiert wird auch die schönste Zündapp – das wird aber für die Jury eine schwierigere Aufgabe, denn hier wird die (Aus-) Wahl schwierig.

Um 10 Uhr geht es am 13. Juli mit einem Weißwurstfrühschoppen los. Am Vormittag treffen die Teilnehmer aus nah und fern ein und stehen für ein Plachandern gerne zur Verfügung. Um 14 Uhr dröhnen dann die Motoren auf, denn da startet die kleine Ausfahrt rund um Thonlohe. Willkommen sind auch Old­timer-Motorräder anderer Hersteller – ob Hercules, Kreidler, MZ, die Zündapp-Freunde freuen sich auf viele Teilnehmer. Bleibt nur zu hoffen, dass dem Treffen gutes Wetter beschieden ist. Bei schlechter Witterung ist Hallenbetrieb, und es gibt dann sogar Unterstellmöglichkeiten für die Fahrzeuge. Markus Bauer


Hochprozentig lecker
Im Sommer Früchte sammeln und für den Rumtopf einmachen

Der Rumtopf gehört wie Maibowle und Weih­nachtspunsch zu den alten Hausgetränken mit jahrhundertelanger Geschichte. Die aus Zuckerrohrmelasse hergestellte Spirituose unterstreicht das Aroma der Früchte, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen.

Das Prinzip des Rumtopfs ist einfach: Früchte, Zucker und Rum sollte man in dieser Jahreszeit in einen Topf füllen und monatelang sich selbst überlassen. Aber manche Früchte sind nicht für die Verwendung im Rumtopf geeignet. Andere enthalten zu viel Wasser, wodurch der Alkoholgehalt des Rums herabgesetzt und Schädlingen die Tür geöffnet wird. Wer sich die Sache einteilen kann, kommt mit einem Rumtopf leicht bis zum nächsten Frühling durch.

Für die Zubereitung braucht man einen nicht zu breiten Steinguttopf mit Deckel sowie einen langen Löffel oder eine Schöpfkelle. An Töpfen wurden vor allem in den 80er Jahren zahlreiche recht kitschige Versionen angeboten. Jeder glasierte Steinguttopf mit dichtschließendem Deckel ist geeignet. Der Topf sollte auch nicht zu warm stehen, ein kühleres Zimmer ist ideal.

Aber welchen Rum nimmt man? Als minderwertig scheidet auf jedem Fall der sogenannte „Inländer-Rum“ aus, früher als „Façonrum“ gehandelt. Es ist ein Gemisch aus Alkohol und Wasser, dem künstliche Aromastoffe und Farben zugesetzt wurden. Der Geschmack dieser Produkte ist für einen guten Rumtopf jedoch ungeeignet. Richtiger Rum entsteht als Nebenprodukt bei der Erzeugung von Rohrzucker. Dabei fällt Melasse an, ein kräftig süßer, aromatischer Zuckersaft. Für Rumtopf sollte man die stärkeren Sorten mit mindestens 54 Prozent Alkohol verwenden, da der An­satz wegen der Früchte nach und nach eher schwächer wird, der Alkohol aber zum Konservieren nötig ist.

Die Wahl des Rums folgt dem geschmacklichen Ziel, das man mit dem Rumtopf verfolgt. Hat man eher säuerliche, herbe Früchte, so wird ein schwerer, körperreicher Jamaica-Rum einiges zur Abrundung beitragen. Soll der Rumtopf insgesamt „heller“ und frischer schmecken, so empfiehlt sich für den Ansatz ein strohgelber oder so­gar weißer, zartsüßer Rum, etwa aus Kuba oder Puerto Rico. Mittelschwerer Rum kommt aus Barbados, Haiti und den Jungferninseln. Der ist besonders mild, dunkel und schwer, mit einem an Vanille erinnernden Aroma. Mit einer passenden Auswahl an Früchten lässt sich auf diese Weise der Rumtopf zu einem ganz neuen Erlebnis machen.

Nach und nach kommt Lage um Lage in den Rumtopf und wird jeweils mit etwas Zucker − Faustregel: halbes Gewicht der Früchte − bestreut. Dann gießt man so viel Rum auf, bis alle Früchte fingerbreit bedeckt sind. Nach einigen Wochen kann der Rumtopf geöffnet und mit der nächsten Früchtelage beschickt werden. Umgerührt wird stets nur mit einem sauberen Löffel, damit keine Fremdstoffe in den Rumtopf gelangen.

Und welcher Zucker? Sehr gut passt Rohzucker, weil er Aromastoffe beinhaltet, die den Rumtopf harmonisieren. Auch brauner Kandis ist geeignet und natürlich der herkömmliche Raffinadezucker. Wenn man die sommerliche Frische der Früchte unterstreichen will, kann man auch Zitronensaft dazugeben. Körperreiche Säure mit tiefem Aroma gewinnt man mit etwas Balsamessig. Die Schalen von Bitterorangen oder Zitronen geben dem Rumtopf einen aromatischen Akzent.

Den Auftakt als Rumtopf-Füllung machen normalerweise Erdbeeren. Es lohnt sich, besonders aromatische Sorten zu verwenden. Damit möglichst wenig Wasser in den Ansatz gelangt, müssen die Erdbeeren nach dem Waschen gründlich trockengetupft werden. Wer in seinem Garten auch ein paar Kräuter hat, kann damit seinen Rumtopf würzen. Raute, Thymian, Wermut und andere Heilpflanzen geben dem Rumtopf erst den letzten Schliff. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, denn diese Kräuter haben einen starken Vorgeschmack. Da zu Erdbeeren grüner Pfeffer passt, kann auch damit gewürzt werden, außerdem mit Schwarzkümmel, Anis (ganz wenig!), Zimt, Macis, ein paar Nelken oder einem Lorbeerblatt. Für all diese Beigaben gilt: Weniger ist mehr! Alexander Glück


S. 22 Neue Bücher

Sie schaffen Leben
Die Bedeutung der Bienen

Wer sich nur zwei Minuten mit den Bienen befasst, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Der Bien“, wie ein deutscher Imker aus dem 19. Jahrhundert den komplexen Organismus des Bienenstaates nannte, arbeitet so faszinierend, dass sich so etwas niemand von dieser Welt hätte ausdenken können. „Willst du Gottes Wunder sehen, musst du zu den Bienen gehen!“, sagt schon ein altes Sprichwort.

Seit 5000 Jahren macht sich der Mensch nun die Bienenvölker Untertan. Und in den letzten Jahren haben wir es übertrieben. Die Bienenvölker sterben aus. Eine Milbe greift die Bienenbrut an. Die Insekten haben nicht genug Abwehrpotenzial, weil man sie nur noch zur Honigproduktion züchtete. Viele Pflanzenarten sind zudem ausgerottet worden und nicht zuletzt, hat der Gifteinsatz in der Landwirtschaft sein Übriges getan.

Wer eintauchen möchte in die bewegende Welt unseres nützlichen Mitbewohners, kann sich sattsehen an überwältigenden Fotos der im Verlag Dölling und Galitz erschienene „Makrokosmos Honigbiene“. Noch nie gesehene Detail-Aufnahmen überraschen den Interessierten. Das verrät bereits das Titelbild. Blütenstaub sei kostbarer als Goldstaub, behaupten die Verfasser und man kann ihnen nur zustimmen. Jeder dritte Bissen, den wir essen, ist das Ergebnis einer Bienenbestäubung. 80 Prozent der Wildpflanzen und 95 Prozent der Kulturpflanzen werden von Bienen bestäubt.

Bienen verhindern durch ihren unermüdlichen und sehr emsigen Einsatz globale Hungerkatastrophen. Gedankt hat es den braun-gelben Summern bisher niemand. Im Gegenteil! Ein in der Landwirtschaft eingesetztes Nervengift gegen Maiszünzler, einem weltweit bedeutenden Maisschädling, desorientiert auch die Bienen. Sie finden nicht mehr nach Haus zurück. Ganz besonders in den USA kollabieren ganze Bienenvölker.

Der Autor richtet seine Einleitung „An uns!“, erklärt den Bienenkosmos und wie sehr wir vom Gleichgewicht der Natur abhängig sind. Der Wissenschaftsjournalist Claus-Peter Lieckfeld versteht es, dem Leser in fünf Kapiteln die Bienenwelt nahezubringen.

Wir sollten dem weisen Albert Einstein Glauben schenken, der da sagte, ein Aussterben der Bienen überlebte der Mensch nur um vier Jahre.

Silvia Friedrich

Claus-Peter Lieckfeld: „Makrokosmos Honigbiene“, Dölling und Galitz, München 2014, geb., 80 Seiten, 19,90 Euro


Hauptsache schrill
Euro-Krise für alarmistischen Bestseller missbraucht

Verärgert knallt der Mann der Rezensentin, Sparkassenangestellter von Beruf, das Buch zurück auf den Tisch. „Wer nicht weiß, was er schreiben soll, der zieht über Banken her“, so sein Urteil über „Der Crash ist die Lösung. Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“ nach wenigen Minuten des Durchblätterns. Zugegeben, da das Urteil eines Bankbetriebswirts in diesem Fall nicht als objektiv gelten kann, das Buch auf der „Spiegel“-Bestseller-Liste weit oben steht und bei Amazon fast durchweg gute Leser-Kritiken hat, lohnt sich ein eigener Blick in das neuste Werk der beiden Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich, die mit „Der größte Raubzug der Geschichte“ bereits 2013 einen Bestseller gelandet hatten.

Doch abgesehen davon, dass sich darin wenig findet, was ein in Wirtschaftsfragen halbwegs Gebildeter nur aufgrund seiner Zeitungs- und Buchlektüre der letzten Jahre selber hätte niederschreiben können, wird hier ein ernstes Thema unseriös verheizt. Dabei stimmen viele genannte Fakten, aber sie werden verkürzt vorgestellt. Ja, die Zentralbanken haben viel zu viel billiges Geld ausgegeben, was früher oder später fatale Folgen haben dürfte. Ja, die Bankenaufsicht ist zahnlos und die Finanzwelt hat in den letzten Jahren hoch riskante Geschäfte getätigt, für die die Steuerzahler jetzt die Zeche zahlen müssen. Aber bitte, wo haben die Sparkassen gigantische Paläste? Und natürlich wollen auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken Geld verdienen, das ist nicht wirklich überraschend, das will selbst jeder Kioskbesitzer, doch ihnen deswegen „Profit um jeden Preis“ zu unterstellen, ist doch ziemlich weit hergeholt. Wenn, dann müssten vor allem die Politiker an den Pranger gestellt werden, die nämlich die Landesbanken auf die Spekulationsschiene getrieben haben, doch weder die Politiker noch die Landesbanken, von denen mehrere im Rahmen der Bankenkrise gerettet werden mussten, werden hier erwähnt. Ansonsten gibt es in Deutschland mehr als 400 Sparkassen und weil über ein halbes Dutzend von ihnen Skandälchen zu berichten sind, kann man nicht alle anderen dafür mit in die Haftung nehmen.

Dann geht es darum, dass Deutschland, zwar Exportweltmeister ist, davon aber nicht wirklich profitiert. Hier kommen die Autoren unter anderem auf das Target-2-System der EZB zu sprechen, das tatsächlich ungerecht ist, aber von ifo-Chef Hans-Werner Sinn bereits viel besser dargestellt wurde. Auch wird die Lage in verschiedenen Euro-Ländern beleuchtet, was alles gut und richtig ist, aber sich nicht von anderen Informationen abhebt, die täglich in der Zeitung zu lesen sind. Weiter geht es zu den Folgen der Niedrigzinspolitik der EZB, die sogenannte „kalte Enteignung“, die nun auch in den meisten Medien in epischer Breite erläutert wurden.

Voller Spannung erwartet man nun den Teil des Buches, in dem die Frage beantwortet wird, wie man angesichts der zuvor geschilderten katastrophalen Ausgangslage sein Vermögen schützen kann. Doch als erstes stellen die Autoren vor, was es für Vermögensanlagen gibt. Dann widmen sie sich jeder einzelnen und untersuchen, wie sich die derzeitige Lage auf sie auswirken. Hierbei überwiegen negative Tendenzen, was nicht nur an der aktuellen Lage liegt, sondern auch an der Schwerpunktsetzung der Autoren.

Der bei den Deutschen so beliebte Bausparvertrag wird nur in wenigen Zeilen erklärt, um dann auf den Provisionsskandal der Wüstenrot hinzuweisen. Nirgendwo wird erwähnt, dass es für jemanden, der in Zeiten niedriger Zinsen, also jetzt, ein Haus finanziert, durchaus sinnvoll ist, sich über einen Bausparvertrag die niedrigen Zinsen auch für die Zukunft zu sichern, denn wenn nach zehn Jahren die Zinsbindung der Hypothek ausläuft, könnten die heutigen Niedrigzinsen von knapp unter drei Prozent wieder gestiegen sein, beispielsweise auf acht Prozent, wie es Ende der 80er der Fall war. Das kann jeder Hausfinanzierung den Todesstoß versetzen und der Hausbesitzer muss verkaufen. Doch mit solchen Details geben sich die Autoren nicht ab, sie vertiefen sich lieber in das Thema schlechte Finanzberatung. Wobei: Ohne Zweifel gibt es hier massive Defizite, nur in einem Land, in dem das Allgemeinwissen über Finanzfragen minimal ist, sind die Anleger wohl kaum in der Lage, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, und könnten sie es, hätten dubiose Finanzberater nicht so leichtes Spiel.

Zieht man ein Fazit der Anlagetipps, so steht man am Ende mit etwas Gold, Silber und Whiskey da, fast allem anderen erteilen die Autoren eine Absage. So auch Immobilien, denn da Weik und Friedrich Kredite ablehnen, man aber ein Haus kaum bar bezahlen kann, kommt es für sie schon deswegen nicht infrage.

Abschließend empfehlen die Autoren, die Bürger sollten ihr Finanzwissen verbessern und sich genau überlegen, wessen Kunde sie sein wollen. Als Beispiel führen die Autoren die Drogeriemarktketten dm und Schlecker an. Erstere würde mit ihrer menschlichen Unternehmensphilosophie punkten, über die andere hätten die Kunden entschieden, weil durchgesickert sei, wie man dort die Mitarbeiter behandle. Dass Schlecker jetzt deswegen pleite gegangen ist, beruht jedoch auf Wunschdenken der Autoren.

Und abschließend: Weik und Friedrich übernehmen keine Haftung für den Erfolg ihrer Finanztipps. Nachvollziehbar!

Rebecca Bellano

Matthias Weik, Marc Friedrich: „Der Crash ist die Lösung. Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“, Eichborn, Köln 2014, geb., 380 Seiten, 19,99 Euro


Mehr als Propaganda
Den Franzosen 1914 bis 1918 deutsche Sicht erklärt

Fortschritte stellen sich in der Geschichtswissenschaft in der Regel dann ein, wenn entweder neue Quellen oder neue Gedanken auftauchen. Und an letzteren herrscht im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg ja glücklicherweise auch kein Mangel. Umso besser, dass es parallel dazu jetzt ebenso noch zur Edition bisher unbekannter Materialien aus der Zeit der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ kommt, wie im Falle der Kriegstagebücher des hessischen Dragoner-Rittmeisters Fritz H. Schnitzer (1875–1945). Dieser Offizier war fast den gesamten Krieg hindurch beim Stab des Kommandanten des Großen Hauptquartiers von Kaiser Wilhelm II. in Charleville-Mézières beziehungsweise Bad Kreuznach und Spa stationiert und hinterließ aus dieser Zeit detaillierte Aufzeichnungen, welche den Zeitraum vom 22. September 1914 bis zum 21. November 1918 abdecken und deren Abschrift immerhin satte 1000 Seiten füllt. Aufgrund der Menge des Materials haben sich die Herausgeber, von denen einer der Sohn von Schnitzer ist, dann auch entschlossen, erst nur vier der zehn Tagebücher zu publizieren und den Rest 2015 nachzureichen.

Die historische Relevanz der Aufzeichnungen des Rittmeisters, der ja an sich keinen besonders hohen Rang bekleidete (ein Rittmeister stand auf derselben Stufe der Hierarchie wie ein Hauptmann), ergibt sich daraus, dass er unter dem Kommando des legendenumwitterten ersten deutschen Militärgeheimdienstchefs Walter Nicolai (1873–1947) agierte, wobei seine Kernaufgabe darin bestand, eine französischsprachige Zeitung für die besetzten Gebiete im Bereich der Westfront sowie die französischen Kriegsgefangenen in Deutschland herauszugeben. Über diese „Gazette des Ardennes“ war nämlich bisher kaum etwas bekannt, obwohl es sich um das mit Abstand bedeutendste Propagandablatt des Ersten Weltkrieges handelte, welches zuletzt in 175000 Exemplaren erschien und sowohl in Frankreich als auch in neutralen Staaten wie der Schweiz und Dänemark gelesen wurde. Letzteres lag daran, dass die Zeitung keine plumpe Agitation betrieb und zahlreiche Nachrichten enthielt, die die Menschen tatsächlich interessierten, wie zum Beispiel die Namen gefallener oder gefangengenommener französischer Soldaten.

Deshalb galt die „Gazette des Ardennes“ in Paris auch als eine nicht zu unterschätzende Gefahr – so brachte man sie unter anderem mit den großen Meutereien in Verbindung, die 1917 das französische Heer erschütterten und nur mit brutaler Gewalt niedergeschlagen werden konnten. Deshalb kam es nach dem Krieg dann zu mehreren Todesurteilen gegen die französischen Mitarbeiter des Blattes, von denen das gegen Emile-Georges Toqué im Mai 1920 vollstreckt wurde.

Lesenswert ist das Tagebuch aber nicht nur wegen der detaillierten Ausführungen über die Produktion und den Vertrieb der „Gazette des Ardennes“, sondern ebenso wegen Schnitzers ungewöhnlicher persönlicher Nähe zum Kaiser. Der Rittmeister saß nämlich ziemlich oft an der Tafel von Wilhelm II. und unterhielt denselben mit Anekdoten aus der Welt der Geheimdienste, auf die sein Gegenüber äußerst begierig war.

Darüber hinaus beweist das Beispiel dieser ungewöhnlichen Quelle wieder einmal deutlich, wie stark sich die Perspektive selbst ausnehmend gut informierter Zeitgenossen von der unterscheidet, die spätere Generationen aufgrund ihres ganz anderen historischen Kenntnisstandes einzunehmen vermögen. So ahnte Schnitzer lange Zeit nicht, welch große Bedeutung die politische Haltung Amerikas für den weiteren Verlauf des Krieges erlangen sollte. Andererseits war dem bürgerlichen Rittmeister aber schon vor der deutschen Niederlage klar, dass die Zeit der „Prärogative des Adels“ vorbei sei und der Adelige künftig „wie jeder andere durch Tüchtigkeit und Gesinnung“ die Befähigung für hohe Stellen werde nachweisen müssen. Wolfgang Kaufmann

Jürgen W. Schmidt, Bernd Schnitzer (Hrsg.): „Militärischer Alltag und Pressearbeit im Großen Hauptquartier Wilhelms II. – die Gazette des Ardennes. Die Kriegstagebücher des Rittmeisters Fritz H. Schnitzer“, Verlag Dr. Köster, Berlin 2014, geb., 322 Seiten, 29,80 Euro


Eine Spurensuche
Wie kam es zum Attentat in Sarajevo 1914?

Das Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914 war Auslöser des Ersten Weltkrieges. Wie es jedoch im Einzelnen dazu kam und warum der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este das Opfer eines kaltblütigen Mordes wurde, ist wiederum aufgrund der folgenden historischen Ereignisse aus dem Blickfeld geraten.

Der 1955 geborene Geograf, Germanist und Buchautor Frank Gerbert hat zu Recherchezwecken für sein Buch „Endstation Sarajevo. Die letzten sieben Tage des Thronfolgers Franz Ferdinand. Eine Spurensuche von Böhmen bis Bosnien“ die Reiseroute des Thronfolgers ebenfalls bereist. Fast 100 Jahre nach dem Attentat besuchte Gerbert die selben Orte und Schauplätze, die auch „FF“ – wie der Autor den Thronfolger kurz und knapp betitelt – in den letzten sieben Tagen seines Lebens aufsuchte. Auf seiner Reise kommt der Autor nicht nur, was „FF“ betrifft, an historischen Stätten vorbei, an denen oft noch die Folgen der Zerstörungen durch den Bosnienkrieg ersichtlich sind. Ihre Beschreibung gibt dem Buch des Autors ein melancholisches Flair.

Auf der Suche nach den Stellen, an denen der Thronfolger fotografiert wurde, machte auch der Autor das ein oder andere Foto. Diese Gegenüberstellungen mit den historischen Fotografien machen das Buch interessant. Gerbert erläutert zudem dem Leser auf seiner Reise von Böhmen nach Bosnien die historischen Hintergründe der Reise von Franz Ferdinand. Dabei geht er auch auf den Charakter des Thronfolgers und dessen krank-hafte Leidenschaft für Jagd sowie die Rolle seiner Frau, Sophie Chotek, und deren schwierige Stellung bei Hofe ein.

Was das Attentat betrifft, so erscheint es aus heutiger Sicht, da Staatsmänner nur noch in gepanzerten Limousinen fahren, absolut unverständlich, dass Franz Ferdinand in einem offenen Automobil durch die Menschenmenge fuhr und sich somit quasi grob fahrlässig der Gefahr eines Attentates auslieferte – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass nur kurz vor dem schicksals-trächtigen Attentat bereits ein Mordversuch mittels einer Bombe auf den Thronfolger fehlgeschlagen war. Hierauf hält der Autor jedoch die passende Erklärung für den Leser parat. Ein Bad in der Menge seiner künftigen Untertanen und das Wahren des äußeren Scheins schienen offensichtlich das Risiko wert und hatten für Franz Ferdinand vor der eigenen Sicherheit höchste Priorität.

Sympathisch und sehr bildhaft gibt der Autor die letzten Tage des Thronfolgers wieder. Er versucht, das Attentat in all seinen Feinheiten zu analysieren, und liefert logische Erklärungsansätze. Dass es sich bei dem Attentäter um einen bosnisch-serbischen jungen Mann handelte, der Mitglied eines nationalen Geheimbundes von Schülern und Studenten war und durch seine Tat die sogenannte Julikrise und damit den Ersten Weltkrieg auslöste, erscheint am Ende des Buches durchaus nachvollziehbar.

Vanessa Ney

Frank Gerbert: „Endstation Sarajevo. Die letzten sieben Tage des Thronfolgers Franz Ferdinand. Eine Spurensuche von Böhmen bis Bosnien“, Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG, Wien 2014, geb., 208 Seiten, 22 Euro


S. 23 Rautenberg Buchhandlung

Rautenberg Buchhandlung


S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Böser Bürger, guter Untertan / Was bei der Spionage-Affäre schiefgelaufen ist, für wie dämlich sie uns halten, und wie man eine Diktatur am besten vorbereitet

Mal ehrlich, steigen Sie da noch durch? Da wurde also ein junger BND-Mann festgesetzt, weil er den Amis Geheimnisse für 25000 Euro verhökert haben soll, sagen die Nachrichten. Dann aber melden sich unentwegt Experten zu Wort, die uns – durchaus glaubwürdig – erklären, dass der BND nur ein Wurmfortsatz, eine Art Zuträgerdienst der amerikanischen Geheimdienste sei, von dem die Amis sowieso alles bekämen, was sie wollten. Aber warum bezahlen sie dann Geld für etwas, das sie sich auch auf dem Dienstweg hätten bestellen können? Merkwürdig.

Der „Skandal“ sei bloß eine Nebelkerze, mit der von etwas anderem abgelenkt werden solle, erzählen uns die ganz Abgeklärten mit dem diabolischen Grinsen des Eingeweihten. Abgelenkt? Wovon denn? Ganz schön verzwickt.

Unsere Politiker sind auch nicht hilfreich. Ihr Gezeter wirkt wie erbärmlich inszeniertes Affentheater. Innenminister de Maizière gibt sich alle Mühe, so empört wie möglich auszusehen. Bei seinem lauten „So nicht!“ zieht er allerdings die Augenbrauen hoch wie viele Menschen, wenn sie sich gerade nicht „im Zentrum der Wahrheit bewegen“, um das hässliche Wort „lügen“ zu vermeiden. Außenminister Steinmeier poltert, über die Spionage unter Freunden könne man auf keinen Fall „einfach hinweggehen“. Einfach hinweggehen? Geht ja gar nicht mehr.

„Einfach“ hinweggegangen waren wir schon über die erste NSA-Affäre, „zweifach“, als bekannt wurde, dass auch Merkels Telefon abgehört wird. Demnach wären wir jetzt bei „dreifach“.

Vielleicht ist das alles aber auch nur ein riesengroßes Missverständnis. Auffällig geworden war der BND-Mitarbeiter, als er auch zu den Russen Kontakt aufnehmen wollte. Munition gegen Mos­kau wird in Berlin derzeit gern genommen. Möglicherweise hat man die Angelegenheit nur deshalb so groß aufgeblasen, um die düsteren Moskowiter vorzuführen. Als dann herauskam, dass man nicht den bösen Russen, sondern den lieben „Freunden“ auf die Schliche gekommen ist, war schon viel zu viel heiße Empörungsluft auf den Reifen, so dass die Sache von selber weiterrollte.

Das Peinliche ist: Hätte der junge Mann nur mit den Amis weitergekungelt, hätten sie ihn nie entdeckt, weil nach dorthin, zu den „Freunden“ hin, offensichtlich gar keine Spionage-Abwehr betrieben wird. Das sollen die Deutschen aber nicht erfahren, daher muss der Innenminister nun die Brauen bewegen und sein Außenkollege den Ton aufdrehen.

Wie’s nun wohl weitergeht? Na wie schon: gar nicht! Wie beim Rest der NSA-Geschichte bleiben die bundesrepublikanischen Politiker nur so lange erregt, wie die Deutschen ihnen dabei zuschauen. In ein paar Wochen ist alles vorbei, wie bereits bei der letzten und der vorletzten US-Spionage-Kiste. Und bei der nächsten und übernächsten.

Auf den ersten Blick rührend ist, dass die Berliner Politik bis hinauf zum Bundespräsidenten anzunehmen scheint, dass die Deutschen wirklich glauben, Verbündete würden sich nicht gegenseitig ausspionieren, weil man das „unter Freunden“ ja nicht macht. Rührend, auf den ersten Blick, auf den zweiten müssten wir ihnen dafür eigentlich eine runterhauen: Halten die uns wirklich für so dämlich?

Allem Anschein nach schon, und das sogar mit einer gewissen Berechtigung. Im Politik- und Zeitgeschichtsunterricht an deutschen Schulen geht es nicht darum zu erklären, wie „Macht“ funktioniert oder wie Staaten knallhart „Interessen“ durchsetzen und welche Rolle auch Geheimdienste dabei spielen sowie die Propaganda, die aus den anderen die Bösen machen soll.

Nein, wir haben gelernt, dass es eigentlich immer nur um die „Guten“ und die „Bösen“ (meist die Deutschen) ging und alle große Politik hochmoralisch ist. Wer so gebürstet wurde, dem sollte tatsächlich die Phantasie dafür fehlen, wie Politik wirklich funktioniert. Der ist jetzt tatsächlich empört.

Doch wie gesagt, es dauert ja nicht lange. Im Grunde interessieren sich die Deutschen nämlich nicht mehr für Politik. Das heißt natürlich nicht, dass wir keine Gesinnung zur Schau trügen, aber nein! Nur hat das nichts mehr mit Überzeugung zu tun, sondern mit Mode und Pflichterfüllung.

Wie ich das meine? Früher zogen sich die Leute schicke Sachen an, um in der Gesellschaft gut anzukommen. Was darunter war, ging niemanden etwas an. Heute wickeln wir uns in die jeweils angesagte Gesinnung und tragen diese stolz herum.

Der Unterschied ist: Damals wussten die Leute sehr wohl, wie sie unter ihrem „Sonntagsstaat“ aussahen. Wir Zeitgenossen haben dagegen oft gar keine Ahnung mehr, was „darunter“ ist, also: Was wir wirklich denken. Leute, die andauernd überall „Nazis“ anprangern und „Rassismus“ wittern, weil man das heute eben so macht, pöbeln Minuten später mit übelsten Schimpfwörtern gegen „Kanaken“, ohne den Graben zwischen beidem auch nur wahrzunehmen. So habe ich es während meines Urlaubs gerade erst erlebt.

Müsste da nicht dringend politische Bildung ansetzen? Aber nicht doch, für die Politik sind solche Doppelwesen ein Geschenk des Himmels, denn sie bieten den perfekten Untertanen! Freie Bürger bestehen darauf, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese offen zu bekunden. Solch biestiges Bürgertum wird uns mit großer Mühe aberzogen. Die staatsnahen Medien setzen alles daran, den verbreiteten Stoßseufzer „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ als finstere Kampfparole geifernder „Wutbürger“ zu entlarven. Wer diesen Satz sagt, so die Botschaft, der hat was Unanständiges vor.

Der gute Untertan hingegen käme nie auf die Idee, irgendetwas „wohl noch sagen“ zu wollen, wenn er den Eindruck hat, dass die Obrigkeit es nicht hören mag. Er glotzt den Mächtigen auf die Lippen und murmelt andachtsvoll nach, was ihm die Hoheiten und ihre Herolde vorsingen, um es später nachzuplappern. Irgendwann hört er völlig auf, selber zu denken, weil das eh nur schlechte Laune macht. Und wer nicht mehr denkt, der merkt nicht, dass er nichts zu melden hat, weil ihm ja sowieso nichts einfällt, was er sagen könnte.

Je mehr der Untertan den Bürger verdrängt, desto ungenierter können die Mächtigen nach Belieben fuhrwerken. Offenbar sind wir auf dem Weg schon recht weit gekommen, wie eine Nachricht aus Brüssel signalisiert. Im EU-Parlament war es bislang üblich, dass die Posten in den Ausschuss-Leitungen nach Größe der Fraktionen gerecht aufgeteilt werden. Das hat nichts mit Parteienkungelei zu tun, sondern ist demokratischer Usus. Beim Präsidium des Bundestages geht das auch so. Da wurde sogar mal ein zusätzlicher Posten eigens geschaffen, weil eine kleine Partei sonst gar keinen Vizepräsidenten-Stuhl abbekommen hätte.

Nun haben im EU-Parlament vor allem die Parteien links der Mitte (nicht die CDU) gegen die Abmachung verstoßen und Kandidaten Euro- oder EU-kritischer Parteien durchfallen lassen. Ja, wie sagte noch Walter Ulbricht, als er die Scheindemokratie der DDR beschrieb: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ In Brüssel heißt es: Abmachungen gelten nur, solange sie unseren Zielen nützen.

So verschimmelt die Demokratie gleichsam im Stehen. Da sie dabei immer unansehnlicher wird, trauert ihr irgendwann auch keiner mehr nach. Laut Umfragen sehnen immer mehr Europäer einen „starken Mann“ herbei, und sogar die „Welt“ wünscht sich einen „europäischen Augustus“, einen Alleinherrscher also, weil unsere Demokratie ohnehin nur noch „Kulisse“ sei.

Ja, der gute, väterliche Diktator, der uns großmütig aus der selbstverschuldeten Misere zieht. Ist es das? Offenbar müssen wir alle paar Generationen erneut auf den gleichen Kokolores hereinfallen, um wieder klar zu werden.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Regierung soll Ramadan feiern

Berlin – Der Botschafter der Türkei in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu, wünscht, dass die Bundesregierung den muslimischen Ramadan auf höchster Ebene feiert. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte dazu, dass der Ramadan als Fest der Versöhnung ein Vorbild sei. Sich zu versöhnen auch mit denen, mit jenen das Versöhnen nicht so leicht sei, „das können wir vom Islam lernen“, so der CDU-Politiker laut „Die Welt“. H.H.

 

Belgien: Wieder ohne Regierung

Den Haag – Nachdem bereits der erste vom belgischen König Phi-lippe mit der Regierungsbildung beauftragte Vermittler vier Wochen nach der Parlamentswahl auf eigenen Wunsch von dieser Aufgabe entbunden wurde, ist immer noch keine neue Regierung in Sicht. Der König hat die Frist jetzt bis zum 14. Juli verlängert. 2010/2011 hatte es 541 Tage gedauert, bis sich die zerstrittenen belgischen Parteien auf eine Regierung hatten einigen konnten. Bel

 

Der Kalif und die verräterische Uhr

Damit hat keiner gerechnet: Ein bislang als „Phantom“ bezeichneter Top-Terrorist, der an zweiter Stelle auf der Liste der meistgesuchten internationalen Verbrecher steht und für dessen Ergreifung das US-Außenministerium zehn Millionen Dollar ausgesetzt hat, soll nun auf einmal sein Gesicht gezeigt haben.

Am vergangenen Wochenende veröffentlichte die Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) ein Propagandavideo, auf dem Ibrahim Awwad Ibrahim Ali al-Badri al-Samarrai zu sehen sein soll, der unter dem Kampfnamen Abu Bakr al-Bagdadi gerade den Irak in ein neues blutiges Chaos stürzt (siehe Seite 6). Im Video ist ein Mann mit Vollbart, schwarzem Turban und Gewand zu sehen, der den Fastenmonat Ramadan nutzte, um von der Kanzel der Al-Nuri-Moschee in Mossul aus zum Kampf sunnitischer Extremisten gegen die schiitische Mehrheit im Irak und andere „Ungläubige“ aufzurufen.

Das irakische Innenministerium bezweifelt die Echtheit des Videos. Der Redner, so heißt es, sei „unbestreitbar“ nicht Bagdadi. Woran man das festmacht, wird nicht erklärt. Etwa an der teuren Uhr, die der selbsternannte Kalif am Handgelenk trägt und die Kenner als Produkt einer Luxusmarke identifizierten? Passt das zu einem Prediger der Armen?

Tatsächlich gilt die Isis nicht als arm. Durch den Verkauf von erbeutetem Rohöl hat sie ihre Milizen finanziert, die gerade den Irak überrollen. Davon dürfte auch der 1971 im irakischen Samarra geborene Bagdadi profitieren, der seit 2010 Chef der Isis ist. Ursprünglich an der Seite von Al-Kaida-Führer al-Zawahiri hat sich Bagdadi von diesem losgelöst, um selbst als „Kalif“ einen islamischen Gottesstaat vom Irak bis zur Levante anzuführen. Harald Tews


MEINUNGEN

Im „Wall Street Journal“ vom 3. Juli kritisiert ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Euro-Rettungspolitik:

„Maßnahmen zur künstlichen Senkung der Zinsabstände durch kostenlosen Versicherungsschutz kaufen nicht Zeit, sondern vergeuden Zeit. Sie erlauben es den Regierungen, Reformen aufzuschieben. Wir sind heute vier Jahre weiter als im Frühjahr 2010, und es ist seitdem an Reformen kaum etwas geschehen ... Ein Euro, in den man nur ein- aber nicht austreten kann, ist ein Gefängnis. Ich verstehe den Absolutismus nicht, dass man sagt, man kann nicht aus dem Euro raus. Das ist nur im Interesse derer, die ihr Geld da angelegt haben, weil bei einem Austritt automatisch an einen Schuldenschnitt gedacht würde. Für die Bevölkerung dieser Länder ist es aber nicht die richtige Strategie, sich an den Euro zu klammern.

 

 

In der „FAZ“ vom 2. Juli geht der Geschichtsprofessor Jörg Baberowski der Frage nach, wieso der deutsche Historiker Sebastian Stopper von den Russen beschuldigt wird, das Andenken sowjetischer Partisanen zu verhöhnen:

„Er hätte wissen müssen, dass die historische Wahrheit der Feind der mythischen ist, und dennoch glaubte er, den Mythos widerlegen zu müssen und beschwor so das Unheil erst herauf. Stopper brach mit einem Tabu. Er beschrieb die militärischen Zwänge des Besatzungsalltags und widerlegte, was in der russischen Erzählung immer schon feststand: dass die Wehrmacht gekommen war, um einen Genozid am sowjetischen Volk zu verüben, und heldenhafte Partisanen sie daran gehindert hätten.“

 

 

In seinem Blog entschlüsselt Michael Klonovsky am 4. Juli ein Schmähwort, dass die Medien in letzter Zeit gern über empörte Bürger stülpen:

„Als ,Kleinbürger mit Ab­stiegsängsten‘ bezeichnet die Gesinnungspresse Menschen, die ihr Leben mit Arbeit verbringen, aber keine Neigung verspüren, für noch mehr fremder Leute Rechnungen aufzukommen.“

 

 

In seinem neuen Buch „Verfallssymptome“ wundert Autor Günther Lachmann sich über die Widerspruchslosigkeit, mit der die Zeitgenossen die Zerstörung ihrer Welt zulassen (zitiert aus „Geolitico“, 8. Juli):

„Überall verdienen die jungen Menschen weniger als ihre Väter und Mütter, sie zahlen höhere Abgaben und können erst viel später in Rente gehen. Und die Älteren bangen unter der Herrschaft der Finanzmärkte um den Lohn ihres Lebens. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Nichts ist mehr sicher. Eine Zivilisation zerfällt. Und die Eliten haben keine Idee, wie die Gesellschaft von morgen aussehen soll.“

 

 

Der britische EU-Kritiker Nigel Farage zeigt sich empört über die traditionswidrige Zurücksetzung seiner Fraktion EFDD bei der Vergabe der Ausschussposten im EU-Parlament:

„Die Zentralismus-Fanatiker haben ihr wahres antidemokratisches Gesicht gezeigt. Sie hassen Kontrolle und Opposition und deshalb hassen sie die EFDD-Gruppe mit einer Leidenschaft, die uns stolz machen sollte.“