© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 32/14 vom 09.08.2014

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Gaucks unappetitliche Rede
Erster Weltkrieg: Bundespräsident vermittelt Eindruck deutscher Hauptschuld

Durch Weglassungen liefert Gauck ein völlig verzerrtes Bild vom Ersten Weltkrieg, dem inzwischen selbst Historiker widersprechen. Was ficht ihn dazu an?

Es wäre eine Chance gewesen, eine Chance zu mehr Wahrheit und Gerechtigkeit im Umgang mit der deutschen und europäischen Leidensgeschichte des 20. Jahrhunderts. Historiker hatten sich in der allerjüngsten Vergangenheit daran gemacht, den Nebel der Kriegspropaganda wegzublasen, der bislang – unter beschämend eifriger Beteiligung deutscher Historiker – den Blick auf die Wahrheit des Ersten Weltkriegs verhängt hatte und damit den Weg zu wahrer Verständigung frei gemacht, die nur auf dem Boden von Wahrhaftigkeit sprießen kann.

Joachim Gauck hat die Chance vertan. Bei seiner Rede am elsässischen Hartmannsweilerkopf verfiel der Bundespräsident in eine peinliche Tirade eigentlich überwunden geglaubter deutscher Selbstverleugnung. Ein Zitat Gaucks beleuchtet das Elend seines verbogenen Denkens: „Die Idee der Nation ist kostbar. Wo wüsste man das besser als in Frankreich? Aber sie kann auch übersteigert und ins Extrem getrieben werden. Als solche hat sie uns Deutsche zweimal in einen Weltkrieg getrieben – und zweimal unsere beiden Völker gegeneinander aufgehetzt.“

Sprich: Die französische Auffassung steht hier für das „Kostbare“, die deutsche für „Übersteigerung“. Kein Wort vom französischen Revanchismus, der seit 1871 zum Krieg drängte, als Frankreich einen von ihm begonnenen Krieg verloren hatte. Kein Wort davon, wie Paris im Vorfeld des Ersten Weltkriegs zu den Hauptkriegstreibern zählte und dass es mit dem Wahnwitz des Versailler Diktats 1919 das Tor zur Hölle aufstieß. Nein, Deutschland habe Frankreich im Ersten Weltkrieg „überfallen“, so Gauck.

In Lüttich sprach der Bundespräsident vom „unglückseligen Schlieffenplan“. Dass die Generalstäbe in Paris und London längst ebenfalls Aufmarschpläne gegen Deutschland in der Schublade hatten – auch davon schweigt Gauck.

Bezeichnend ist, dass der Tag des Kriegsbeginns, der 28. Juli 1914, bei den Gedenkfeiern keine nennenswerte Rolle spielt. Grund: Da war Deutschland noch gar nicht dabei, trat erst vier Tage später aktiv in den Konflikt ein. Dieses chronologische Detail allein gibt jedem Laien Aufschluss darüber, dass die Gemengelage weit komplizierter war als es Gaucks Reden glauben machen sollen.

Welches Ziel verfolgen der Präsident und seine Gleichgesinnten? Gauck lässt es an einer Stelle seiner Elsässer Rede durchblicken. Dort schwört er die Deutschen auf Treue zu den „gemeinsamen europäischen Institutionen“ ein und warnt vor „Populisten“. Soll den Deutschen erneut eine historische Bringschuld eingetrichtert werden, auf dass sie die Zahlmeisterrolle trotz aller Brüsseler Widersinnigkeiten kritiklos weiterspielen? Dann ergäbe Gaucks Rede tatsächlich einen „historischen“ Sinn, doch es wäre ein unappetitlich perfider.

Hans Heckel


Peinliche Vernachlässigung
IT-Sicherheit: Bundesregierung will mehr, als sie kann

Muss man sich diese Blöße wirklich geben? Diese Frage kommt angesichts der Meldung auf, dass sich das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) derzeit nicht einmal mehr die Kekse für die Bewirtung von Gästen leisten, geschweige denn eine Aktualisierung der eigens empfohlenen Schutzstandards in Auftrag geben könne.

Die dem Innenministerium unterstellte Behörde, die in Zeiten des NSA-Skandals an besonderer Bedeutung gewonnen hat, leidet laut Informationen des „Handelsblattes“ dermaßen unter den Folgen eines Bundestagsbeschlusses, dass es offenbar nur seinen regulären Betrieb am Laufen halten kann. Das Parlament hatte nämlich beschlossen, dass alle Bundesbehörden nicht mehr auf unverbrauchte Mittel aus dem Vorjahr zurückgreifen können. Da das BSI diese 28 Millionen Euro aber bereits fest eingeplant und auch entsprechende Verträge geschlossen hatte, muss es diese jetzt irgendwie einsparen.

Innenminister Thomas de Maizière hätte es eigentlich nicht so weit kommen lassen dürfen, denn der CDU-Politiker hat ein massives Interesse daran, den Ruf der Behörde nicht noch weiter zu ramponieren. Dieses hatte sich Anfang des Jahres Kritik gefallen lassen müssen, als es vollkommen verspätet auf den Diebstahl von 16 Millionen E-Mail-Zugangsdaten hingewiesen hatte.

Trotzdem spielt die Behörde in de Maizières Entwurf des IT-Sicherheitsgesetzes eine wichtige Rolle. So sollen künftig Betreiber von Kraft- und Wasserwerken sowie Telekommunikationsunternehmen Cyberangriffe an die Behörde melden, die wiederum ein Lagebild erstellt und Maßnahmen vorschlägt. Die Wirtschaft sieht diesen Plan jedoch kritisch, da die Behörde mit ihren 580 Mitarbeitern bereits am Limit arbeite. Bel


USA sichern sich Vorteile
Berlin hält Sanktionen ein, Washington lässt Ausnahmen zu

Kaum waren schärfere Sanktionen gegen Russland beschlossen, ging Deutschland mit dem Ausfuhrverbot für eine Rüstungsanlage des Rheinmetallkonzerns nach Mulino ins Wolgagebiet über die geforderten Sanktionen hinaus. „Es geht nicht um Geld, sondern um Menschenleben“, rechtfertigte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) das Verbot ungeachtet der Tatsache, dass der überwiegende Teil der Anlage bereits erstellt wurde und die Russen eine hohe Anzahlung geleistet hatten. Damit stellt Berlin wieder einmal vorauseilenden Gehorsam unter Beweis, denn die EU-Sanktionen sollten nicht für bereits geschlossene Verträge gelten. Gabriel können auch mögliche Schadenersatzforderungen seitens Rheinmetall und berechtigte Vertragsstrafen, die Russland einfordern will, nicht von seiner Haltung abbringen.

Anders reagieren Frankreich und die USA. Trotz Kritik der EU-Partner will Frankreich zwei Flugzeugträger vom Typ „Mistral“ an Russland ausliefern. Noch geschickter passen die USA die Sanktionspolitik ihren Interessen an. Weil Exxon und Rosneft gemeinsam Milliarden in ein Terminal für Flüssiggas investieren und im Nordpolarmeer nach Öl bohren wollen, hat Washington solche Projekte von den Sanktionen ausgenommen.

Und das, obwohl Rosneft mehrheitlich staatlich kontrolliert ist. Nachdem der Konzern den Konkurrenten TNK-BP für 56 Milliarden Dollar geschluckt hatte, stieg er zum größten Ölkonzern der Welt auf. Die USA holten Rosneft-Chef Igor Setschin mit ins Boot, um sich auf dem russischen Energiemarkt zu positionieren. Da der Handel im Interesse von Amerika ist, hat Washington keine Probleme damit, eine Ausnahme zuzulassen. Die Kosten für den Wirtschaftskrieg der USA mit Russland tragen andere, allen voran Deutschland. MRK


Hans Heckel:
Raus mit ihnen!

Es muss deutschen Beobachtern die heiße Wut hochkommen, was „Report München“ und die „Zeit“ an die Öffentlichkeit gebracht haben: Muslimische „Flüchtlinge“ drangsalieren Christen in deutschen Asyllagern, die aus dem Orient wegen religiöser Verfolgung durch islamische Fanatiker geflohen sind. Besonders drastisch der Fall einer irakischen Christenfamilie, die so sehr schikaniert wurde, dass sie aus Deutschland zurück ins heimische Mossul floh. Dort musste sie dieser Tage erneut auf die Flucht gehen vor den Schergen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS).

Der stellvertretende Bundestagspräsident Johannes Singhammer (CSU) schlägt als Gegenmaßnahme die getrennte Unterbringung von Christen und Muslimen in den Lagern vor. Das reicht nicht. Bayerns Integrationsbeauftragter Martin Neumeyer (CSU) geht den entscheidenden Schritt weiter und fordert, Asylbewerber, die in Deutschland Christen drangsalieren, abzuschieben.

Das ist in der Tat die einzig angemessene Antwort auf diese Schande. Dass es sich bei den Tätern nicht um politisch Verfolgte handeln kann, ist offensichtlich. Vielmehr zählen sie zu den Verfolgern, den Tätern, für die kein Platz sein darf in Deutschland. Da kann es nur heißen: Raus mit ihnen!

Abermals wird den Deutschen vor Augen geführt, zu welch grotesken und sogar verabscheuungswürdigen Resultaten eine Asylpolitik führen kann, die jeden Willen zur Kontrolle der Ankömmlinge aufgegeben hat. Und wie ein abendländisch geprägtes Land seine Grundsätze aus falscher Toleranz zugunsten finsterer Fanatiker opfert. Damit muss Schluss sein.


S. 2 Aktuell

Notlösungen statt Not lösen
Kommunen ächzen unter Ansturm von Asylbewerbern, doch nötige Gesetzesänderungen hängen beim Bundesrat

Die Zahlen werden mittlerweile fast wöchentlich nach oben korrigiert. Rund 60000 Menschen stellten in den ersten fünf Monaten dieses Jahres einen Asylantrag in Deutschland. Dies sind rund 60 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) rechnet bis zum Jahresende mit insgesamt 200000 Asylbewerbern, doch es ist eine eher zurückhaltende Schätzung: „Wie sich die Sache genau entwickelt, kann niemand seriös vorhersagen“, teilt seine Behörde mit. Doch intern kalkuliert sie mit einer Zahl, die um das Siebenfache höher liegen könnte als im Jahr 2008. Seit dem Jahr steigt die Menge der Asylbewerber wieder stetig an. Zwar befindet man sich noch weit entfernt von früheren Höchstmarken – 1992 wurden vor der Reform des Asylrechts rund 400000 Anträge gezählt – doch die Situation ist prekär.

Für die Bearbeitung jedes Einzelfalls ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zuständig. Dort stöhnen die Mitarbeiter vor Überlastung, teilweise war die Personalnot so groß, dass Polizisten oder Bundeswehrsoldaten zur Unterstützung abgestellt wurden. Die Bundesregierung hat nun 300 zusätzliche Stellen zugesagt. Doch noch sind sie nicht da. Die Personalknappheit zieht das Verfahren in die Länge, derzeit geht man von einer Bearbeitungszeit zwischen sieben Monaten und einem Jahr aus. Dies alles kostet natürlich Geld. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts entsteht durch die Asylbewerber derzeit ein Finanzbedarf von mehr als einer Milliarde Euro. Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz hat jeder Bewerber ein Recht auf Unterkunft, Verpflegung und Gesundheitsversorgung. Das kostet den Staat etwas mehr als 500 Euro monatlich pro Person, wobei es zwischen den einzelnen Bundesländern Unterschiede gibt. Hinzu kommen die Kosten, die den Behörden für die Bearbeitung entstehen. Asylbewerber, die in die Bundesrepublik einreisen, werden nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt. Dort werden sie in sogenannten Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht und dann weiter auf die Kommunen verteilt. Die Städte und Gemeinden sind für die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge zuständig.

Wegen des wachsenden Zustroms sind viele Asylbewerberheime mittlerweile überfüllt. Teilweise sind die Gebäude auch in einem derart baufälligen Zustand, dass dringender Renovierungsbedarf herrscht. Es fehlt jedoch überall an Geld. Manche Kommunen sind dazu übergangen, die Flüchtlinge in stillgelegten Hotels, Containern oder Zelten unterzubringen.

„Die Städte sind selbstverständlich weiter bereit, Menschen aus humanitären Gründen aufzunehmen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Stephan Articus, der Nachrichten-agentur dpa. Ohne zusätzliche Hilfe der Länder sei das aber kaum zu bewältigen. In Bayern erhielten die Kommunen rund 80 Prozent ihrer Auslagen zurück. Manche Städte in Nordrhein-Westfalen bekämen dagegen nur 20 Prozent ihrer Kosten vom Land erstattet. Viele Kommunen hätten ohnehin große finanzielle Probleme. Die zusätzliche Belastung treffe sie besonders hart.

Die meisten Asylsuchenden, die erstmals in Deutschland einen Antrag auf Asyl stellten, kamen im vergangenen Jahr aus Russland. Der Großteil sind nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Tsche-tschenen. Sie flüchten oftmals mit Hilfe professioneller Schlepper über die Ukraine und Polen nach Deutschland. Durch die schwierige Situation in Ländern wie Syrien, dem Libanon oder dem Irak hat sich die Lage nun noch einmal verschärft. In diesen Staaten werde sich die Lage im Laufe der kommenden zwölf Monate nur wenig verändern, sagte BAMF-Chef Manfred Schmidt: „Wenn ich mir diese Regionen anschaue, kann ich aktuell prognostizieren, dass die Zugangszahlen weiter steigen werden.“

Asylberechtigt sind grundsätzlich Personen, die in ihrem Heimatland der Verfolgung staatlicher Stellen ausgesetzt sind. Armut, Bürgerkrieg, Naturkatastrophen oder Perspektivlosigkeit sind dagegen keine Gründe für einen Asylanspruch. Nichtsdestotrotz steigt die Zahl der Armutsflüchtlinge. Eine hohe Zahl an Bewerbern kommt derzeit aus Serbien, einem Land, das die Aufnahme in die Europäische Union anstrebt. Seit Jahresbeginn sind die Zahlen explodiert. Gering ist allerdings die Anerkennungsquote. Sie beträgt bei Serben gerade einmal 0,2 Prozent, bei Syrern sind es dagegen rund 95 Prozent. Im vergangenen Jahr lag die Ablehnungsquote insgesamt bei rund 38 Prozent. Abgeschoben werden aber nicht alle abgelehnten Asylbewerber. Haben sie keinen gültigen Pass, sprechen gesundheitliche oder humanitäre Gründe dagegen, wird eine „Duldung“ ausgesprochen. Bis zur tatsächlichen Abschiebung kann es Jahre dauern und können enorme Kosten entstehen.

Die Bundesregierung hatte vor einiger Zeit ein Gesetz eingebracht, damit Balkanstaaten wie Serbien als „sichere Herkunftsländer“ eingestuft werden können, doch derzeit hängt es beim Bundesrat fest. Damit würde sich das Verfahren beschleunigen. „Für wirklich politisch Verfolgte muss ein reiches Land wie Deutschland aber immer Platz haben“, sagt Innenminister de Maizière.

Peter Entinger


Informationskrieg nicht erkannt
Zweifel an Schuld der Separatisten: Halten USA bewusst Erkenntnisse zum Absturz von MH17 zurück?

Die Berichterstattung der Medien über den Flugzeugabsturz in der Ost-Ukraine wirft viele Fragen auf und führt zu Spekulationen. Nicht nur die führenden Printmedien, sondern auch die Nachrichten von ARD und ZDF  propagieren eine einseitige Sichtweise. Hieß es an einem Abend bei der „Tagesschau“ noch, die ukrainische Armee behindere durch ihre Großoffensive auf die von Separatisten besetzte Region, in der sich die Absturzstelle der malaysischen Boeing befindet, die Aufklärungsarbeiten, berichtete das „heute-Journal“ am nächsten Tag, die Sanktionen gegen Russland seien verhängt worden, weil Moskau diese verhindere.

Seit Tagen ist dagegen kein Wort mehr über die Auswertung von Flugschreibern und des Stimmenrekorders der Unglücksmaschine zu hören. Eigentlich sollten die Ergebnisse innerhalb einer Woche vorliegen, aber das Thema ist komplett aus der Berichterstattung verschwunden. Nur die Auswertungen könnten Aufschluss darüber geben, was sich wirklich ereignet hat. Die Flugschreiber werden in England ausgewertet, doch über den Inhalt herrschte bis Redaktionsschluss beharrliches Schweigen.

An der Version der US-Geheimdienste, Separatisten hätten die Maschine mit einer Boden-Luft-Rakete Buk (SA-11) abgeschossen, hegen inzwischen nicht nur die Russen Zweifel. Dass vor der Tragödie Raketensysteme dieser Art über die russisch-ukrainische Grenze gebracht worden seien, können US-Satelliten- oder Radaraufzeichnungen nicht belegen.

Es gibt Zeugenaussagen, die von zwei Kampfjets berichten, die die MH-17 begleitet haben sollen. Das beobachteten Bewohner, aber auch ein spanischer Luftraumkontrolleur Russland hat Radaraufzeichnungen veröffentlicht, die mindestens eine ukrainische SU-25 in der Nähe der MH-17 zeigen. Der kanadische OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw, ein gebürtiger Ukrainer, spricht von pockennarbigen Löchern am Cockpit, die wie Einschüsse aus einem Maschinengewehr aussähen. Diese könnten nicht von einer Rakete stammen, sondern ließen auf den Abschuss aus Bordkanonen eines Kampfjets schließen. Solche besitzen die Separatisten aber nicht.

Peter Haisenko, ein ehemaliger Pilot der Lufthansa, studierte die im Internet veröffentlichten Fotos des Flugzeugwracks. Auch er sagt, die Beschädigungen, die sich hauptsächlich auf den Cockpit-Bereich beschränkten, könnten unmöglich von einer Rakete stammen. Eher rührten die Einschüsse von einer 30-Millimeter-Kanone her, mit der SU-25-Kampfjets bestückt sind. Die Geschosse führen zu einer schnellen Abfolge von Explosionen im Innern des Cockpits und lassen die Maschine wie einen Luftballon zerplatzen.

Dass Meinungen wie die Bociurkiws’ nur auf „youtube“ zu sehen und Haisenkos Darstellung nur in seinem eigenen Portal „Anderwelt“ im Netz veröffentlicht sind, gibt Anlass zu Spekulationen. Wurde MH-17 über dem Gebiet der prorussischen Separatisten zum Absturz gebracht, um das Feindbild von den „bösen Russen“ am Leben zu erhalten? Ist die ukrainische Armee für den Absturz verantwortlich?

Dies hält der estnische Ex-General Urmas Rossimägi für möglich. Er geht davon aus, dass die Ermittlungen ergebnislos ausgehen werden, wenn klar würde, dass die ukrainische Armee für den Abschuss verantwortlich ist. Eine solche Wahrheit sei inakzeptabel, weil sie nicht ins Bild passe.

Moskau bemängelt, dass Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen schon ein politisches Urteil zum Boeing-Absturz fällte, ehe die Ermittlungen abgeschlossen sind. Rasmussen sprach von „zahlreichen Angaben“, die die Schuld der ukrainischen Separatisten beweisen sollen. Details nannte er auch auf Nachfrage nicht. Der Vorsitzende des russischen Rats für Außen- und Verteidigungspolitik, Fjodor Lukjanow, spricht von einem Informationskrieg der USA, der als Druckinstrument gegen die europäischen Regierungen verwendet werde, die von der Idee weiterer Sanktionen nicht begeistert seien.

Für einen Informationskrieg der USA sprechen einige ins Auge fallende Parallelen: Kaum hatte das Weimarer Dreieck im vergangenen Jahr eine Einigung mit Ex-Präsident Viktor Janukowitsch erzielt, wurde dieser gestürzt. Unmittelbar nachdem Präsident Poroschenko einen Waffenstillstand um den Absturzort verkündet hatte, rückten ukrainische Streitkräfte auf die umliegenden Städte und Dörfer vor. Laut „Focus“ gibt es Mutmaßungen über eine geheime Abmachung zwischen Merkel und Putin über einen Friedensplan zur Beilegung der Ukraine-Krise. Dieser sah vor, dass die internationale Gemeinschaft Putins Annexion der Krim akzeptiere, wenn Russland eine finanzielle Kompensation an die Ukraine zahle. Der Abschuss der Passagiermaschine MH-17 machte diesen Plan, sofern es ihn gab, zunichte. Solche Ungereimtheiten scheinen die Vertreter der Leitmedien nicht zu veranlassen, offizielle Darstellungen zu hinterfragen. M. Rosenthal-Kappi


MELDUNGEN

Streit um Armutsmigration

Berlin – Das von Andreas Nahles (SPD) geführte Arbeitsministerium und das von Thomas de Maizière geführte Innenministerium (CDU) können sich nicht auf eine gemeinsame Fassung für den Abschlussbericht zur Armutsmigration einigen. Obwohl dieser bereits im Juni hätte vorliegen sollen und die Zeit auch wegen der zunehmenden Zahl an Zuwanderern aus diesem Segment drängt, erschweren unterschiedliche Ansichten über die daraus resultierenden Gesetzesänderungen eine Fertigstellung. So beharrt das Innenministerium darauf, den Missbrauch des Kindergeldbezuges einzuschränken. Auch soll klar geregelt werden, dass nur, wer sich aktiv in Deutschland um Arbeit bemühe, einen Anspruch auf Hartz IV habe. Zudem ist es de Maizière wichtig, dass die Änderungen nicht unter die Zustimmungspflicht der Länder fallen, da in mehreren Ländern auch die Grünen mit in den Regierungen sitzen, die entsprechende Gesetze blockieren könnten. Dies ist bereits beim Asylverschärfungsgesetz, bei dem es darum geht, Länder wie Serbien als „sichere Herkunftsländer“ zu deklarieren, der Fall. Bel

 

Von Geburt an deutsch

Berlin – Von rund neun Millionen Kindern, die in den Jahren 2000 bis 2012 in Deutschland geboren sind, erwarben 8,5 Millionen mit Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft. Bei 1,2 Millionen dieser Kinder war allerdings nur ein Elternteil deutsch beziehungsweise mindestens eines der ausländischen Elternteile lebte seit mindestens acht Jahren in Deutschland und hatte somit Anspruch auf ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Bel


S. 3 Preussen/Berlin

Rot-Rot überhört die Signale
Brandenburgs Unternehmen: Grassierender Fachkräftemangel Folge schlechter Schulbildung

Brandenburgs Firmen haben Probleme, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Die Ursache liegt in der Bildungspolitik. Doch dies spielt die rot-rote Landesregierung herunter und setzt auf Soziales.

Brandenburgs Firmen gehen vermehrt Kompromisse ein, um sich Fachkräfte zu sichern. Das hat nun eine jährlich stattfindende Umfrage bei 1016 Betrieben der Mark ergeben. Demnach sehen sich die befragten Firmen 2013 bei einem Drittel der eingestellten Fachkräfte gezwungen, Anforderungen zurückschrauben, um überhaupt einstellen zu können. Das ist ein Gefahrensignal für den wirtschaftlichen Standort.

Im Jahr 2005 lag diese Quote noch bei 19 Prozent. Die Kompromissbereitschaft der Märker Unternehmer ist seit einiger Zeit größer als im Bundesdurchschnitt, auch das geht aus der Studie hervor, die nun im Arbeitsministerium des Landes vorgestellt wurde.

Abstriche machen die Firmen demnach bei der Einarbeitungszeit und den fachlichen Qualifikationen, die sie berufsbedingt von den Einstellungswilligen verlangen. Auch beim Gehalt der Neuen zahlen die Firmen drauf: 2005 waren die Arbeitgeber bei 13 Prozent der neu eingestellten Fachkräfte zu finanziellen Zugeständnissen bereit, im vergangenen Jahr erhöhte sich der Wert auf 22 Prozent. Rund 70 Prozent der befragten Firmen sind aktuell bereit, auch Bewerber mit schlechten Schulleistungen einzustellen. Bei 23 Prozent geht es sogar ganz ohne Abschluss.

Die Studie „Entwicklung von Betrieben und Beschäftigung in Brandenburg“ wird mit Geld des Europäischen Sozialfonds gefördert und geht dieses Jahr in die 18. Auflage. Der Auftraggeber ist Arbeitsminister Günter Baaske (SPD). Im Fazit stellt seine Studie trotz der skizzierten Entwicklung einen „leichten Rückgang des Fachkräftebedarfs und weitere Entspannung der Besetzungsproblematik in 2013“ fest. „Einstellungen mit Kompromissen erleichterten Deckung des Fachkräftebedarfs“, wertet das Papier die Lage sogar positiv.

Das erleben die Firmen anders. Brandenburgs Betriebe stehen bei der Wahl fachlich qualifizierter Mitarbeiter gleich vor mehreren Herausforderungen: „Zum einen konkurrieren sie mit anderen Regionen, zum anderen zeichnet sich durch die Rückläufigkeit der Schülerzahlen ein Wettbewerb innerhalb der Berufe und bezogen auf die Bildungswege (Hochschulausbildung versus Facharbeiterausbildung) ab.“ So lautet das Fazit des Arbeitskreises „Fachkräfte“ der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) im Juni. Das Projekt suchte nach guten Beispielen, Anregungen und Netzwerken zum Thema Fachkräfte. Sechs konkrete Fälle guter Fachkräftesicherung standen im Mittelpunkt. Als Teil der „Industriekonferenz Brandenburg“ weisen die Ergebnisse über den lokalen Rahmen hinaus. Auf der Konferenz, eröffnet von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Wirtschaftsminister Ralf Christoffers („Die Linke“) bekam die Landespolitik nicht nur die Sicht in den drei Brandenburger Industrie-Schwerpunkten Metall, Kunststoffe-Chemie und Ernährungswirtschaft zu hören. Es gab für die Politiker auch konkrete Empfehlungen. Die Wirtschaft sieht „Unterstützungsbedarf auf politischer Ebene“ gleich mehrfach. So regt der Arbeitskreis eine „verpflichtende einheitliche Berufsorientierung in Schulen“ an. Neben der Forderung nach besserer Außendarstellung Brandenburgs (Marketing) steht die Förderung von Infrastruktur und strukturschwachen Regionen ganz oben auf dieser Liste der Forderungen zur Gewinnung von Fachkräften.

Rot-Rot greift solche, die Bildungs- und Strukturpolitik des Landes kritisierenden Forderungen indes kaum auf: Baaske forderte Jugendliche zu mehr eigener Berufsvorbereitung auf – von Defiziten an den Schulen kein Wort. Das Ministerium spielt die Entwicklung bei Fachkräften herunter, gibt Entwarnung: 10000 Stellen seien jetzt landesweit kurzfristig nicht besetzt worden; 2012 noch 13000.

Statt nach Ursachen zu fragen, betont Baaske die soziale Komponente des Papiers, den ebenfalls festgestellten hohen Anteil von Mini-Jobs, Teilzeitarbeit und Leiharbeit. Der Minister bezeichnet den Anstieg befristeter Beschäftigung als „besorgniserregend“. Die Zusammenhänge von immer weniger gut Ausgebildeten und steigendem Niedriglohnsektor bleiben unbeleuchtet. Dabei enthält die Studie noch weitere alarmierende Details. Sie zeigen jenseits bundesweiter Trends spezielle Fehlentwicklungen in Brandenburg.

Dass „fast jeder zweite Personalabgang unfreiwillig, gut jeder vierte freiwillig“ erfolgt, ist ein Alarmsignal, ebenso die hohe Quote „freiwillig“ durchfallender Lehrlinge, aus Angst vor der Arbeitslosigkeit nach dem Abschluss. Zu letzterem fiel Baaske nur ein, jeder habe das Recht, die Prüfung zu wiederholen. Und auch bei den Hochqualifizierten stellt die Studie Rot-Rot kein gutes Zeugnis aus. Die Nichtbesetzungsquote stieg von 30 Prozent (2008) auf 38 Prozent (2013). Gerade den kleinen und mittleren Betrieben gehen demnach die Möglichkeiten aus, Kräfte für freie Stellen zu finden. Sverre Gutschmidt


Heidi Hetzer zeigt’s den Jungen
von Theo Maass

Die „Alten“ haben es in unserer Gesellschaft nicht leicht. Manchmal nimmt man sie nicht ernst, viele fühlen sich benachteiligt, weil sie von einigen Banken nicht mal mehr als kreditwürdig angesehen werden. Aber gerade die „Alten“ zeigen den „Jungen“ gelegentlich, dass sie noch da sind und Dinge zuwege bringen, die andere für unmöglich halten. So rettete der Schauspieler und Komiker Dieter Hallervorden – nächstes Jahr feiert er immerhin schon seinen 80. Geburtstag – im Jahre 2008 durch seine Engagement das von der Schließung bedrohte Schlosspark-Theater in Berlin-Steglitz, an dem zuvor andere, jüngere gescheitert waren.

Heidi Hetzer ist außerhalb Berlins weniger populär als Hallervorden, aber in der Spreemetropole bekannt wie ein bunter Hund. Die inzwischen 77-jährige frühere Händlerin von Opel-Automobilen ist eine Institution in der deutschen Hauptstadt. Zu einer Zeit, als es keine Gender-Ideologie und Frauenförder­pläne gab, setzte sie sich am hart um­kämpften Automarkt durch. Wer die Stadt­autobahn in Berlin-Charlottenburg befährt, passiert zwangsläufig ihr damaliges Geschäftshaus, auf dessen Dach nach der deutschen Vereinigung jahrelang ein blinkender „Trabbi“ stand.

Nun will die Seniorin, die schon 200 Rallyes gefahren ist, mit einem Auto, das noch älter ist als sie selbst, einem Hudson, Baujahr 1930, einmal die Welt umrunden. Dabei hat sie nicht vor, das Steuer aus der Hand zu geben, denn ihr 25-jähriger Beifahrer hat keinen Führerschein.

Nicht allen gefällt das Unternehmen. Die linksalternative Tageszeitung „taz“ faselt allen Ernstes von „Piefigkeit“ und jammert, Hetzer „verprasst dabei das Erbe ihrer Kinder“. Neben einem Sponsor bringt Heidi Hetzer 300000 Euro privates Vermögen für die Fahrt auf.

Ein linksalternatives Blatt als Sachwalter wohlhabender Erben? Es ist wohl eher der Widerwille gegen Abenteurertum und Leistungswillen, welcher die „taz“ gegen Hetzer aufbringt. Wenn es wahr ist, was Bismarck einst über manche Familien-Karrieren behauptete, nämlich, dass die erste Generation ein Vermögen erwerbe, die zweite das Vermögen verwalte und die dritte schließlich Kunstgeschichte studiere, dann sind die gehässigen Nebentöne eines Blattes die sinnbildlich der von Bismarck angesprochenen dritten Generation entspricht, durchaus konsequent.

Hetzer will Russland, Australien, die USA, Argentinien, Namibia und Südafrika durchfahren. Ich gönne ihr von Herzen viel Erfolg und eine möglichst pannenfreie Heimkehr nach Berlin – wo sie hingehört.


Berlin wird abgenabelt
Bahnanbindung der Hauptstadt ab Dezember noch schlechter

Das Angebot internationaler Bahnverbindungen von und nach Berlin wird sich mit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember abermals verschlechtern. Nachdem die Zahl der Nachtzüge ohnehin schon stark gesunken ist, sollen ab dem 14. Dezember auch die Nachtverbindungen nach Paris, Amsterdam und Kopenhagen wegfallen. Ausgedünnt wird ebenso das Angebot an Tagesverbindungen.

So hat die polnische Bahngesellschaft PKP angekündigt, aus wirtschaftlichen Gründen ihren Eurocity-Zug nach Breslau zu streichen. Bereits im Jahr 2006 war die Nachtzugverbindung in die schlesische Metropole eingestellt worden.

Werden die Pläne so umgesetzt wie angekündigt, würde erstmals seit 1846 keine direkte Fernzugverbindung zwischen Berlin und Breslau mehr bestehen. Bereits im Jahr 1842 war die erste Strecke von Berlin nach Frankfurt an der Oder in Betrieb genommen worden. Vier Jahre später schloss sich die Verbindung Frankfurt–Breslau über Guben und Sorau an.

Dabei gilt die Verbindung zwischen Berlin und Breslau schon heute als unbefriedigend. So waren seitens der Wirtschaft Forderungen nach einer Verbesserung laut geworden. Nun kommt es entgegengesetzt.

Vor dem Aus steht ab Dezember auch eine Direktverbindung nach Wien. Angekündigt ist, dass der Nachfolger des 1957 eingeführten Tages-Schnellzugs „Vindobona“ wegfallen wird. Nach Angaben der Bahn passt der Zug nicht in das neue Konzept, das zwischen Prag und Wien einen Taktfahrplan mit anderen Zügen vorsieht. Als Folge müssen Bahnreisende mit dem Ziel Wien künftig in Prag umsteigen.

Insgesamt sind die Fernverbindungen, die die Bahn für die deutsche Hauptstadt anbietet, damit auf einen kläglichen Rest zusammengeschrumpft. Fraglich ist, ob der Versuch von Reisenden erfolgreich sein wird, mit einer Petition die weitere Ausdünnung des Fahrplans noch zu stoppen. Aus Sicht der Bahn verursachen die Fernverbindungen trotz guter Buchungszahlen zu hohe Verluste. Im Gegensatz zu Fernbussen muss die Bahn für die Nutzung der Strecken und Stationen Entgelte zahlen. Im Nachteil sieht sich die Bahn auch gegenüber dem Flugverkehr. Auf einigen Strecken ins Ausland müssen Zugbetreiber Mineralöl-, Öko- und Mehrwertsteuer zahlen, während die Fluggesellschaften für Kerosin nach wie vor ein Steuerprivileg genießen. Norman Hanert


Öko-Sackgasse
Stadtwerke: Berlin erleidet Bruchlandung

Berlins Abgeordnetenhaus wollte, dass die Hauptstadt ein eigenes Stadtwerk als Gegengewicht zu kommerziellen Anbietern bekommt. Doch nun droht dem Projekt eine vorzeitige Bruchlandung. Grund ist mangelnde politische Unterstützung und die Festlegung auf Ökostrom.

Rund 600000 Berliner forderten beim Volksentscheid im November die Einrichtung eines Stadtwerks. Der rot-schwarze Senat beschloss im Abgeordnetenhaus, einen neuen stadteigenen Energieversorger aufzubauen. Früh kritisierte die Opposition das Vorhaben wegen seiner Ausstattung als „Bonsai-Projekt“. Das Konzept für die neue kommunale Einrichtung erarbeiten derzeit die Berliner Wasserbetriebe.

Noch bevor es steht, wird klar: Es gibt voraussichtlich keinen Ökostrom, dabei stand der im Zentrum des Plans. Das Problem: Das Abgeordnetenhaus hat den Auftrag für das Stadtwerk sehr eng umrissen. Es soll nur Strom aus Erneuerbaren Energien herstellen und verkaufen. Eine Übergangszeit ist nicht vorgesehen, der Ankauf grüner Energie von außen auch nicht. Zu den dafür nötigen massiven Investitionen in Erneuerbare Energien ist Berlin jedoch finanziell kaum in der Lage und ein wirtschaftlicher Betrieb unter dieser Vorgabe kaum möglich. Ulrich Nußbaum, Berlins parteiloser Finanzsenator und inzwischen als neuer Aufsichtsratschef der Wasserbetriebe eingesetzt, will nun mit der Opposition aus Grünen, „Linken“ und „Piraten“ verhandeln. Die fordert eine Enquetekommission des Abgeordnetenhauses, um die Energiepolitik Berlins grundsätzlich infrage zu stellen. SV


Elf Parteien treten an

Am 28. Juli lief die Frist ab, bis zu der Parteien und politische Vereinigungen Listenvorschläge zu den brandenburgischen Landtagswahlen am 14. September abgeben konnten. Neben den im Landtag vertretenen Parteien SPD, CDU, „Die Linke“, Grüne und FDP kandidieren erstmals die Alternative für Deutschland (AfD) sowie die Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler (BVB/Freie Wähler). Zudem treten DKP, Republikaner, NPD sowie die „Piraten“ an. Während die FDP von den Meinungsforschern im nicht mehr wahrnehmbaren Bereich gemessen wird, trauen sie der AfD einen Stimmenanteil zwischen fünf und sechs Prozent zu. Die Grünen sind seit einem Umfragehoch im Sommer 2013 auf einen Wert um sechs Prozent abgefallen. Die SPD behauptet in den Umfragen ihren Spitzenplatz bisher knapp vor der CDU. Der Wahlvorschlag einer „Deutschen Nationalversammlung“ (DNV) wurde aus formalen Gründen nicht zugelassen. H.L.


S. 4 Hintergrund

..., was nicht sein darf
Bundesverfassungsschutz unterdrückt gezielt Hinweise auf Wirtschaftsspionage

Die Liste der Fehlleistungen der Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist schier endlos – und nun hat der neueste Amtsinhaber ein weiteres Exempel dafür geliefert, dass Karrierejuristen wirklich nicht unbedingt die besten Geheimdienstler abgeben.

Erst teilte Hans-Georg Maaßen gegenüber dem „Handelsblatt“ mit, ihm „liegen keinerlei Erkenntnisse vor, die die These einer Wirtschaftsspionage aus dem Westen stützen könnten“, dann präsentierte er einen Verfassungsschutzbericht, in dem den Medien unterstellt wird, Panik zu verbreiten, was das Ausmaß der nachrichtendienstlichen Attacken westlicher Partnerländer gegen die deutsche Wirtschaft betrifft. Am auffälligsten ist dabei die völlige Nichterwähnung der französischen Geheimdienste, obwohl gerade diese besonders aggressiv operieren.

Und das sollte Maaßen eigentlich auch wissen, weil man in Paris überhaupt keinen Hehl daraus macht. So sagte die damalige Außenhandelsministerin Nicole Bricq Ende vorigen Jahres in einem Interview mit der Nachrichten-agentur Reuters: „Wirtschaftsspionage ist eine Realität.“ Deshalb müssten die Franzosen darin „besser sein als die Deutschen, die Briten und die Amerikaner“. Und tatsächlich sind die Dienste der Grande Nation hervorragend aufgestellt, was die Fähigkeit zur staatlich gelenkten Ausspähung der Wirtschaft anderer Länder und damit auch der Bundesrepublik betrifft.

Hauptakteur ist laut einer Vielzahl entsprechender Enthüllungen der Auslandsnachrichtendienst DGSE, der dem Verteidigungsministerium untersteht und seine Erkenntnisse an die Staatsunternehmen weiterleitet. Er arbeitet ganz ähnlich wie die NSA und betreibt gegen Deutschland gerichtete Lauschstationen; desgleichen hat die DGSE kein Problem damit, das Privatleben hochrangiger Wirtschaftsführer zu durchschnüffeln, um Ansatzpunkte für Erpressungen und ähnliches zu finden. Außerdem wäre da noch das angeblich zivile Komitee für Wettbewerb und Sicherheit der Wirtschaft (CCSE), dem ebenfalls schon illegale „Datensammlungen“ auf hiesigem Boden nachgewiesen werden konnten.

Dessen ungeachtet scheinen DGSE und CCSE für Maaßens Behörde genauso irrelevant zu sein wie die britischen und US-amerikanischen Dienste, weil – so die Feststellung im aktuellen Verfassungsschutzbericht – „Hinweise von Unternehmen auf Spionageaktivitäten … fehlen“. Allerdings vergaßen die Kölner Schlapphüte zu erwähnen, wer für die Zurückhaltung der Industrie verantwortlich zeichnet: nämlich sie selbst! Immerhin gilt es schon seit Längerem als ausgemacht, dass die Bundesregierung den Verfassungsschutz angewiesen habe, Informationen über westliche Geheimdienstaktionen zulasten der heimischen Wirtschaft zu unterdrücken. So äußerte ein „Whistleblower“ gegenüber Reportern des WDR-Magazins „Plusminus“: „Wir dürfen unsere Erkenntnisse meist weder an den Staatsanwalt noch an die betroffenen Firmen weitergeben – aus Rücksicht auf unsere Verbündeten“, womit auch und gerade das benachbarte Frankreich gemeint war. Seit dem Bekanntwerden dieser Aussagen, die bezeichnenderweise nie dementiert wurden, tendiert die Bereitschaft ausgespähter Unternehmen, sich dem Verfassungsschutz zu offenbaren, natürlich gegen Null.

Deshalb zeugt es von einer bemerkenswerten Dreistigkeit zu behaupten, es gebe keine westliche Wirtschaftsspionage gegen Deutschland – und die fehlenden Anzeigen seien der Beweis dafür. Wenn Maaßen weiter so agiert, kann es passieren, dass er eines Tages ganz ähnlich ruhmlos endet wie seine Vorgänger Otto John, Hubert Schrübbers, Günther Nollau, Eichard Meier, Heribert Hellenbroich, Ludwig-Holger Pfahls, Eckart Werthebach und Heinz Fromm.

Wolfgang Kaufmann


Von »Freunden« umzingelt
Spione aus aller Welt sind erpicht auf deutsche Erkenntnisse

In einem Memo der US-Botschaft in Berlin, das auf der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht wurde, heißt es unter anderem: „Frankreichs Spionage ist so verbreitet, dass sie der deutschen Wirtschaft insgesamt mehr Schaden zufügt als die von China und Russland.“ Dabei wird freilich ausgeblendet, dass neben der DGSE und dem CCSE eben nicht nur die beiden Auslandsgeheimdienste Moskaus sowie das chinesische Ministerium für Staatssicherheit und die 2. beziehungsweise 3. Hauptverwaltung des Generalstabs der Volksbefreiungsarmee Wirtschaftsspionage in der Bundesrepublik betreiben, sondern genauso die NSA und die CIA. Aber auch damit nicht genug: Gleichfalls ein Stück vom Kuchen abhaben wollen die Briten, die den MI6 und das NSA-Pendant GCHQ ins Feld schicken, die Belgier mit ihrem ADIV (Allgemeiner Nachrichten- und Sicherheitsdienst) und die Schweden, deren durchaus effektiven UND (Nachrichtenbetrieb) kaum jemand kennt. Ähnlich agil operieren der NIS, also der Nationale Nachrichtendienst Südkoreas, sowie die japanische „Außenhandelsorganisation“ JETRO, derzeit der einzige reine Wirtschaftsgeheimdienst der Welt. Außerdem wäre da noch Israel, dessen Industriespionage in der Bundesrepublik vermittels des Mossad und des „Büros für wissenschaftliche Beziehungen“ (Lakam) ein besonders heißes Eisen ist.

Wir sind also tatsächlich von Freunden nur so umzingelt, wie Hans-Dietrich Genscher nach der deutschen Vereinigung feststellte. Dabei interessieren sich die Schnüffler dieser „Freunde“ wie die Wirtschaftsspione der Russen und Chinesen vor allem für neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrttechnik sowie der Rüstungs- und Energiewirtschaft; dazu kommt neuerdings eine gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber dem Finanzsektor.

Bemerkenswerterweise handeln die oben genannten Dienste oft im Einklang mit geltendem Recht ihres Landes: So fordert ein 20 Jahre altes britisches Gesetz, dass sich die Geheimdienste Seiner Majestät auch um die „wirtschaftliche Wohlfahrt“ des Vereinigten Königreiches zu kümmern hätten. Oder es liegen präsidiale Ermächtigungen vor wie im Falle Bill Clintons, der die US-„Geheimdienstgemeinde“ dreimal dazu anhielt, eine intensivere Wirtschaftsspionage zu betreiben.

Weitere Aktivitäten auf diesem Gebiet gehen vom Iran und Nordkorea aus. Dabei versuchen die Agenten des Teheraner VEVAK (Ministerium für Nachrichtenwesen und Staatssicherheit) beziehungsweise des Pjöngjanger „Büros für allgemeine Aufklärung“, in den Besitz von Erkenntnissen zu kommen, die es den beiden „Schurkenstaaten“ erlauben, ihre Nuklear- und Raketenprogramme trotz der internationalen Boykottmaßnahmen voranzutreiben.

Der Gesamtschaden, den die deutsche Wirtschaft infolge der Spionage seitens der erwähnten Mächte und ihrer ineffektiven Bekämpfung durch die deutschen Geheimdienste erleidet, ist immens: Nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure beläuft er sich auf 100 Milliarden Euro pro Jahr; dazu kommt die Vernichtung von schätzungsweise 50000 Arbeitsplätzen im selben Zeitraum. W.K.


Paris bewahrt die Tradition

Wirtschaftsspionage hat in Frankreich eine lange Tradition: Schon im 16. Jahrhundert wurden gezielt Ausländer angeworben, die geheime Fertigungstechniken kannten. Und am 17. Januar 1791 erließ die Nationalversammlung gar ein Gesetz, das dazu ermunterte, Erfindungen in anderen Ländern zu stehlen und in Frankreich patentieren zu lassen.

Die Wirtschaftsspionage speziell gegen Deutschland erlebte dann nach dem Zweiten Weltkrieg einen Aufschwung, weil die alliierten Kontrollrechte dazu missbraucht werden konnten, Spitzenunternehmen wie Bayer oder die Maximilianshütte AG auszuforschen (Operation Onyx).

Mit dem Ende des Kalten Krieges geriet die Industriespionage dann erklärtermaßen zur Hauptaufgabe der französischen Auslandsgeheimdienste. So äußerte der damalige DGSE-Direktor Claude Silberzahn: „Heutzutage muss Spionage vor allem auf die Wirtschaft, die Wissenschaften, die Technologie und Finanzen ausgerichtet sein.“

Dies bekam nicht zuletzt Siemens zu spüren. 1993 stand der Hersteller von Hochgeschwindigkeitszügen kurz davor, einen Milliardenauftrag Südkoreas zu ergattern, doch dann erhielt nicht der deutsche ICE, sondern der französische TGV den Zuschlag, weil der Siemens-Konkurrent Alstom immer wieder knapp unter den Preisangeboten der Deutschen geblieben war, wofür es nur eine einzige Erklärung gibt: gezielte Ausspähung durch die DGSE.

Der gleiche Dienst zapfte 1999 in großem Stile Telefonleitungen der Manager des deutschen Stromkonzerns VEBA an. Diesmal wollten die Franzosen Details über die Atomausstiegspläne der Bundesregierung erfahren, um danach ihre energiewirtschaftliche Strategie auszurichten. W.K.


Zeitzeugen

Bernard Bajolet – Der Diplomat wurde am 11. April 2013 zum neuen Direktor des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE ernannt und löste damit Erard Corbin de Mangoux ab. Zuvor war Bajolet Botschafter in Bosnien, Jordanien, Algerien, Afghanistan und dem Irak gewesen. Außerdem hatte er unter Präsident Nicolas Sarkozy von 2008 bis 2011 als Nationaler Geheimdienstkoordinator fungiert.

Christian Harbulot – Gemeinsam mit General Jean Pichot-Duclos, dem Ex-Chef der französischen Geheimdienstakademie, gründete der Historiker, Wirtschaftsberater und Reserveoffizier 1997 die École de Guerre Économique (Schule für Wirtschaftskrieg) in Paris, an der seither unter seiner Leitung Nachwuchskader für die Wirtschaftsspionage beziehungsweise deren Abwehr ausgebildet werden.

Martin Lindner – Als Reaktion auf die ausufernde Wirtschaftsspionage fremder Mächte in der Bundesrepublik forderte der ehemalige stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion unlängst geheimdienstliche Gegenangriffe durch den Bundesnachrichtendienst. Damit steht er allerdings allein auf weiter Flur – die anderen deutschen Politiker setzen lieber auf internationale Abkommen, welche die Spione ausbremsen sollen.

Michael George – Die Wirtschaft müsse endlich mehr Vertrauen in die deutschen Nachrichtendienste haben und bei Verdacht auf Industriespionage Anzeige erstatten, meint der Leiter des Cyber-Allianzzentrums des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz, der Ende 2013 sein Aufklärungsbuch „Gehackt. Wie Angriffe aus dem Netz uns alle bedrohen“ auf den Markt gebracht hat.

Berry Smutny – „Frankreich ist das Reich des Bösen, was den Technologiediebstahl angeht, und Deutschland weiß das.“ Wegen dieser inoffiziellen Äußerung vom Oktober 2009, die von Wikileaks publik gemacht wurde, verlor der Vorstandschef des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB-Systems Anfang 2011 seinen Job. Dem vorausgegangen war heftiger Druck vonseiten Frankreichs und der Bundesregierung.


S. 5 Deutschland

Mietpreisbremse befeuert Landflucht
Neues Gesetz schafft massive Fehlanreize und nimmt der Provinz einen ihrer letzten Trümpfe

Während die Politik wegen der steigenden Mieten in den Großstädten inzwischen einen regen Aktionismus entfacht hat, ist beim Problem Landflucht und der drohenden Verödung ganzer Regionen bisher kein Konzept erkennbar. Tatsächlich hängen beide Probleme aber eng zusammen

„Knappheit und steigende Mieten in den Großstädten sind die Kehrseite von Schrumpfung und zunehmendem Leerstand in der Fläche“, so das Fazit, welches das auf Immobilienfragen spezialisierte Empirica-Institut in einer Untersuchung zieht. Inhalt der Studie war unter anderem das Phänomen, dass es vor allem die Jugend immer stärker in einige wenige attraktive Städte zieht, während viele Regionen flächendeckend zunehmend von Wohnungsleerstand und Überalterung der Bevölkerung geprägt sind. Als die entscheidende Antriebskraft bei dieser Entwicklung gilt die größere Auswahl an Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten in Metropolen wie München, Hamburg und Berlin. Daneben werden regelmäßig bessere Einkaufsmöglichkeiten, das Angebot von Bus- oder Bahnverbindungen, die Nähe zum Arbeitsplatz und die bessere medizinische Versorgung als Pluspunkte genannt.

Die Liste der Argumente, die für einen Umzug in eine Großstadt sprechen, macht deutlich, wie schwierig es sein wird, die langfristige Verödung ganzer Landstriche in Deutschland zu stoppen. Nach Berechnungen des Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) werden Landflucht und niedrige Geburtenraten viele Gegenden künftig regelrecht ausbluten lassen. Unabhängig von der Himmelsrichtung werden fast alle Teile Deutschlands von dieser Ent- wicklung betroffen sein. Als Folge drohen bis zum Jahr 2030, fast überall Arbeitsplätze zu verschwinden, so die Warnung der Hamburger Wirtschaftsforscher. Für Probleme des ländlichen Raums wie klamme Kassen, Ärztemangel, Abwanderung und Immobilienleerstand, die drastisch zunehmen werden, ist bisher kaum ein plausibles Konzept der Politik erkennbar. Verschärfend kommt hinzu, dass auch das politische Personal in den Regionen mit den anstehenden Problemen bisher ziemlich alleingelassen wird. Während große Städte auf einen professionellen Verwaltungsapparat zurückgreifen können, sind auf dem Land Gemeinderäte und Bürgermeister meist ehrenamtlich tätig und auf sich allein gestellt.

Angesichts des ganzen Bündels an Problemen könnte sich gerade die inzwischen beschlossene Mietpreisbremse als fataler zusätzlicher Fehlanreiz entpuppen, der die Sogwirkung von Großstädten noch weiter verstärkt. Zu befürchten ist, dass die Mietpreisbremse – wie fast jeder staatliche Eingriff – nicht den gewünschten Effekt haben wird und obendrein neue Probleme schafft. Bisher wenig thematisiert wird etwa, dass das staatliche Festsetzen von Mietpreisen sinnvolle Marktregeln aushebelt. Angebot und Nachfrage würden nämlich dafür sorgen, dass auch Mittelzentren und Ortschaften in der breiten Fläche gegenüber großen Metropolen wieder Attraktivität zurückgewinnen können – durch niedrige Mieten und günstige Immobilienpreise. Indem staatlicherseits dafür gesorgt wird, dass Mieten in großen Metropolen deutlich unter dem Marktwert angeboten werden müssen, wird der „Provinz“ allerdings ein wichtiger Trumpf wieder aus der Hand genommen.

Durch den noch künstlich verstärkten Anreiz zur Ansiedlung in Großstädten droht obendrein eine Verschärfung des Problems Wohnungsmangel, dem mit Steuergeldern zu Leibe gerückt wird. Paradoxerweise herrscht in der Fläche künftig aber immer stärker Wohnungsleerstand, muss in Dörfern und Kleinstädten Infrastruktur kostspielig zurückgebaut werden. Zu befürchten ist, dass auch ein anderes Phänomen zunehmen wird, das in der Öffentlichkeit bisher wenig wahrgenommen wird. Die Zahl der sogenannten „Auspendler“ – Arbeitnehmer, die in Metropolen wohnen, und ins Umland pendeln – hat in den letzten Jahren extrem stark zugenommen. Reiner Braun vom Vorstand des Forschungsinstituts Empirica plädiert vor dem Hintergrund dieser gravierenden Probleme dafür, statt auf das Instrument Mietpreisbremse besser auf einen Umbau der Pendlerpauschale zu setzen, der das Pendeln attraktiver machen würde. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass eine Stärkung der „Provinz“ wahrscheinlich das beste Rezept gegen überbordende Mieten in den Metropolen ist.

Allerdings könnte sich nicht nur die Mietpreisbremse am Ende als Irrweg erweisen. Zu hinterfragen ist ebenso, welchen Sinn es macht, per sozialem Wohnungsbau massiv neuen Wohnraum zu errichten. Aufgrund der ungebrochenen demografischen Entwicklung werden langfristig nämlich auch größere Städte ein Schrumpfen der Haushaltszahlen und ein Nachlassen der Wohnungsnachfrage zu spüren bekommen. Die staatliche Wohnungsbauförderung von heute fördert somit den Leerstand der Zukunft. Letztendlich könnte sich die rechtzeitige Aufwertung des ländlichen Raums als die deutlich preiswertere und nachhaltigere Lösungen erweisen. Norman Hanert


Massenansturm blieb aus
Viel weniger Wähler als erwartet bei türkischer Präsidentschaftswahl

Für die erste Direktwahl eines türkischen Staatspräsidenten gibt es rund 1,4 Millionen wahlberechtigte Türken in Deutschland. In sieben Mega-Wahllokalen haben sie vom 31. Juli bis 3. August ihre Stimmen abgeben können. In Berlin, München, Hannover, Essen, Karlsruhe, Frankfurt und Düsseldorf wurden dafür Sportarenen oder Messehallen gemietet. Umfragen vor der Wahl ergaben, dass die Mehrheit der hiesigen Türken die konservativ-islamische Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bevorzugt, der auch Favorit bei der Präsidentschaftswahl ist. Eine Studie der Hacettepe-Universität in Ankara schätzte die Zahl der Erdogan-Anhänger in Deutschland auf 58 Prozent. Erdogan absolvierte Wahlkampfauftritte nicht nur in Berlin und Köln, sondern auch in Wien, Paris und Lyon. Insgesamt soll es etwa 2,6 Millionen wahlberechtigte Auslandstürken geben.

Eine Briefwahl im Ausland hatte die „Hohe Wahlkommission“ in Ankara nicht gestattet. Das machte je nach Wohnort weite Fahrten in ein Wahllokal erforderlich. Da die Türken mangels Wählerverzeichnissen keine Wahlbenachrichtigungen erhielten, mussten sie sich per Internet bei der türkischen Wahlbehörde registrieren lassen. Es hätte nicht gereicht, sich mit Ausweis in einem Wahllokal einzufinden. Damit sollen insbesondere ältere Türken Probleme gehabt haben. Um für den vermeintlichen Massenandrang in den Wahllokalen gerüstet zu sein, sollte man sich auch noch per Internet einen Wunschtermin für die Stimmabgabe in einem Zeitfenster von vier Stunden geben lassen. Wer das nicht tat, bekam einen Termin zugewiesen.

Medienberichten zufolge sollen sich nur 92000 der rund 1,4 Millionen türkischen Wahlberechtigten für die Wahl in Deutschland registriert haben. Ein AKP-Abgeordneter behauptete, die Hälfte der wahlberechtigt gewesenen Auslandstürken sei jetzt im Urlaub und es hätten rund 380000 von ihnen an der türkischen Grenze ihre Stimme abgegeben. An Grenzübergängen und Flughäfen gibt es Wahlurnen für Auslandstürken; im Lande selbst kann nur wählen, wer dort seinen Hauptwohnsitz hat.

Der Journalist Ali Yildrim aus Spandau machte gegenüber der „Berliner Morgenpost“ folgende Angaben über die Stimmabgaben im Wahllokal Olympiastadion: „2475 Menschen wählten am ersten Tag, 1790 am zweiten und 2864 am dritten.“ Für den vierten Tag prognostizierte er eine ähnlich niedrige Zahl. Die „Bild“-Zeitung hatte gemeldet, ihr liege eine Liste des türkischen Wahlleiters vor, wonach sich von den 141000 Stimmberechtigten in der deutschen Hauptstadt nur 7547 für die Wahl hätten registrieren lassen.

Eine Pressesprecherin der türkischen Botschaft in Berlin konnte gegenüber der PAZ diese Zahlen weder bestätigen noch dementieren. Wie sie mitteilte, sollen türkische Staatsangehörige auch bei den Parlamentswahlen in der Türkei 2015 in Deutschland abstimmen können. Aufgrund der diesjährigen Erfahrungen werde das Wahlverfahren eventuell geändert. Nach der Stimmabgabe wurden die Wahlurnen in die Türkei gebracht, wo sie am dortigen Wahltag, dem 10. August, ausgezählt werden. Falls Erdogan nicht im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht, kommt es am 24. August in der Türkei zur Stichwahl, in Deutschland einige Tage vorher (siehe auch Seite 8). M. Leh


Mangel durch Rabattverträge
Immer mehr Medikamente sind nicht mehr sofort verfügbar

Immer mehr Patienten machen die Erfahrung, dass sie in der Apotheke nicht das vom Arzt verschriebene Medikament erhalten. Angst kommt auf, wenn das dringend benötigte Diabetesmittel anscheinend nicht lieferbar ist. Dann liegt es am Engagement und dem Improvisationstalent des Apothekers, den Kunden zu beruhigen und ihm zu helfen. Besonders belastend wird es für Krebspatienten, wenn die lebensrettende Chemotherapie in einem Krankenhaus aufgrund von Medikamentenmangel verschoben werden muss.

2013 befragte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hierzu 20 Apotheken, die bundesweit mehr als 140 Kliniken versorgen. Den Kliniken bereitet die Unsicherheit bei der Medikamentenlieferung zunehmend Sorgen, weil es um lebenswichtige Krebsmittel, Impfstoffe, Antibiotika oder Schilddrüsen-Hormonpräparate geht. Im monatlichen Durchschnitt konnte eine solche Krankenhausapotheke an die 20 Medikamente nicht oder nur in kleinen Mengen zur Verfügung stellen. 2012 waren 25 Arzneimittel pro Monat und Apotheke nicht lieferbar gewesen.

Eine Gefährdung der Patienten durch die Engpässe besteht nach Ansicht des Vorsitzenden des Verbandes der Klinikapotheker in Europa, Roberto Frontini, jedoch nicht, weil die Apotheken sehr gut zusammenarbeiten würden. Seien allerdings bestimmte Präparate gar nicht auf Lager, müssten diese erst zeitaufwendig und teuer aus dem Ausland beschafft werden.

Eine Ursache für die Lieferschwierigkeiten sehen die Apotheken in den Verträgen der Krankenkassen mit den Pharmaherstellern. Um die Kosten zu senken, schließen die Krankenkassen sogenannte Rabattverträge ab und legen fest, welche Präparate die Versicherten erstattet bekommen. Aufgrund dieses Kostendrucks lassen Unternehmen ihre Produkte verstärkt im Ausland produzieren, was aber die Versorgungssicherheit gefährdet. Denn fällt die Produktion bei einem Vertragsunternehmen aus, kann das Medikament nicht sofort bei einem anderen Hersteller ohne Rabattvertrag in Auftrag gegeben werden, weil diese ihre Produktion heruntergefahren haben.

Diese Entwicklung hat eine weitere unerfreuliche Auswirkung für die deutschen Patienten: Arzneimittelexperten, wie der Bremer Wissenschaftler Gerd Glaeske, vermuten, dass einige Hersteller die Medikamente lieber ins Ausland liefern, wo höhere Preise erzielt werden. Beispielsweise sind manche Schilddrüsenmedikamente in Portugal teurer als hierzulande.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat inzwischen eine Liste im Internet eingerichtet, auf der Unternehmen freiwillig über nicht lieferbare Medikamente informieren können. Ohne jede Verbindlichkeit wird ein solches Register jedoch sinnlos. Bislang sind dort nur 15 Präparate mit Lieferschwierigkeiten gelistet, was keinesfalls der Realität entspricht. Es kommt hinzu, dass überwiegend Arzneimittel zur Behandlung lebensbedrohlicher oder schwerwiegender Erkrankungen, wie Onkologika und Antibiotika, gemeldet sind, für die keine Alternativpräparate verfügbar sind. Fehlende Antidepressiva oder Schilddrüsenmedikamente, bei denen der Apotheker erst beim Hersteller die Verfügbarkeit erfragen muss, finden sich hier eher nicht. Ulrich Blode


MELDUNGEN

Verdacht der Wahlfälschung

Halle – Nur der Hartnäckigkeit eines Wahlhelfers ist es zu verdanken, dass die Staatsanwaltschaft Halle gegen den damaligen Wahlvorsteher des Wahlbezirks 571-03 bei der EU-Wahl, Manfred D., wegen Wahlfälschung ermittelt. Dem Wahlhelfer war aufgefallen, dass es deutlich mehr Stimmen gab, als Wahlberechtigte erschienen waren. Schon früh meldete er seinen Verdacht der Stadt Halle, die auch den Stimmbezirk neu auszählen ließ und 101 zusätzliche Stimmen für die Partei „Die Linke“ ausmachte. Auch wurde das Ergebnis im Nachhinein korrigiert. Nur Konsequenzen für Manfred D. blieben aus. Daraufhin erstattete der Wahlhelfer Anzeige, so dass dem Wahlvorsteher jetzt bis zu fünf Jahre Haft drohen. Laut Bundesregierung gab es bisher in den letzten zehn Jahren keine einzige belegbare Manipulation. Bel

 

Linksextremismus im Blick

Berlin – Der gewaltorientierte Linksextremismus habe laut der Bundesregierung grundsätzlich „erhöhte und kontinuierliche Aufmerksamkeit“ verdient. Dies habe „zuletzt besonders nachdrücklich die Gewalteskalation in Hamburg im Dezember 2013“ belegt, schreibt die Regierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage. Ulla Jelpke, Sevim Dagdelen, Petra Pau und weitere Abgeordnete der Fraktion „Die Linke“ hatten angefragt, wieso der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, eine wissenschaftliche Studie zum Thema Linksextremismus in Auftrag gegeben hat. Die Antwort der Bundesregierung ist insoweit überraschend, da noch vor wenigen Wochen Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) behauptet hatte, Linksextremismus sei ein „aufgebauschtes“ Problem. Bel


S. 6 Ausland

EU-Außenpolitik: Teure Illusion
EU-Staaten zeigen sich nicht willens, Kritik am Auswärtigen Dienst zu deuten und diesen zu reformieren

Kristalina Georgieva contra Federica Mogherini lauten die Namen der Kontrahentinnen um den Posten der EU-Außenbeauftragten. Doch während sich das Personalkarussell dreht, ist völlig aus dem Blick geraten, dass nicht nur die Besetzung der wichtigen EU-Position von Bedeutung ist, sondern als Erstes eine Neuausrichtung des Amtes anstehen müsste.

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi ist sauer. Er ist fest überzeugt, dass seinen Sozialdemokraten der zweitwichtigste EU-Posten, der des EU-Außenbeauftragten, zusteht. Da die Fraktion der Konservativen im EU-Parlament mit Jean-Claude Juncker den EU-Kommissionspräsidenten stellen darf, seien nun die Sozialdemokraten dran. Und da seine Partei neben der CDU/CSU die stärkste im EU-Parlament sei, so Renzi, dürfte er über den Posten entscheiden. Als Kandidatin hat er bereits die Außenministerin seines Landes ins Rennen geschickt, doch Mogherini hat erst wenige Monate Berufserfahrung in dieser Position und gilt vor allem den osteuropäischen Staaten als zu russlandfreundlich.

Juncker hingegen möchte die Bulgarin Georgieva als seine Vize-Präsidentin, eine Funktion, die der Posteninhaber des Außenbeauftragten ebenfalls innehat. Doch bisher konnten sich die Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten nicht dazu durchringen, einer der beiden Damen den Vorzug zu geben. Dabei drängt die Zeit. Am 30. August soll das Personaltableau von Juncker für die neue EU-Kommission, die ab November die Arbeit übernehmen soll, stehen.

Doch im Streit um die Nachfolgerin für Catherine Ashton, die den Posten freiwillig zur Verfügung stellt, auf deren Entscheidung jedoch von allen Seiten mit Erleichterung reagiert wurde, ist untergangen, dass die Probleme beim Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) nicht nur in Ashtons Person begründet sind, wenngleich die Britin auch fast alles falsch machte, was man falsch machen kann. Allenfalls bei den Atomverhandlungen zwischen dem Iran auf der einen sowie der EU und den USA auf der anderen Seite kann man ihr eine hohe Präsenz nachweisen. Und bei den neueren Verhandlungen zwischen Serbien und dem Kosovo saß sie ebenfalls mit am Tisch und soll sogar einige Vermittlungserfolge bewirkt haben, doch ansonsten blieb Ashton blass. Als eher fatal kann ihr Einsatz für das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine bewertet werden, das als Brandbeschleuniger der Krise in der Region betrachtet wird, da es neben wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit auch einen militärischen Teil beinhalt, den sich Russland so nicht bieten lassen konnte. Im Rahmen der Ukraine-Krise selbst lassen sich die EU-Staaten stets direkt von ihren Außenministern vertreten, auch weil jedes Land hier eine im Detail eigene Position vertritt.

Aber nicht nur auf dem internationalen Parkett, sondern auch beim Aufbau des neu gegründeten EAD hat Ashton versagt. Nicht nur der Europäische Rechnungshof stellt ihr hier ein miserables Zeugnis aus, das sich allerdings nicht nur die Britin zu Herzen nehmen sollte, denn es gilt im Grunde der gesamten Europäischen Union. Deren EAD sei nämlich übereilt aus dem Boden gestampft worden, ohne dass die Aufgaben jemals klar definiert worden seien. Keine EU-Behörde habe so viele hohe und teure Beamte. So gehe ein Großteil des Jahresbudgets in Höhe von fast 800 Millionen Euro überwiegend für die Bezahlung der 3400 Mitarbeiter drauf. In der Folge habe beispielweise zeitweise das Geld gefehlt, um ein IT-System zu gewährleisten, das die sichere Übermittlung sensibler Daten gewährleistet. Und selbst bei hausinternen Kontrollen schneidet das Amt schlecht ab. So soll laut „Spiegel“ das für Kontrollen der 140 EU-Botschaften zuständige Referat diesen meist schlecht organisierte Arbeitsabläufe, Geldverschwendung und inkompetente Diplomaten attestiert haben. Dabei hatten gerade kleinere Länder wie Litauen, Polen, Portugal oder die Slowakei auf die EU-Botschaften gehofft. Da sie sich kein über den Globus weit verzweigtes Netz von Botschaften leisten können, hatten sie darauf spekuliert, dass die Bürger ihrer Länder hier unkompliziert auf den Service der Visa-Ausstellung und den Schutz ihrer Interessen setzen und im Notfall von hier aus in ihre Heimat evakuiert werden könnten.

Doch unkompliziert ist beim EAD offenbar nichts. Das jetzige Gerangel um die Besetzung des Postens steht in einer langen Kette von am Ende zumeist faulen Kompromissen. Eigentlich hatten die EU-Mitgliedsstaaten beim Verfassungskonvent 2002/03 geplant, das Amt eines Außenministers zu schaffen, dann aber gemerkt, dass selbst die kleinen Länder ungern das letzte Wort in Sachen Außenpolitik an die EU abgeben wollten.

Um diesen Souveränitätsverzicht zu umgehen, wurde das Amt des EU-Außenbeauftragte geschaffen, der aber nicht nur der EU-Kommission, sondern auch dem Rat der EU unterstellt ist, in dem alle 28 EU-Regierungschefs sitzen und somit Einfluss nehmen können. Da jedes Land ein Vetorecht hat, läuft der EU-Außenbeauftragte somit schon von der Hierarchie her an einer sehr kurzen Leine. Und dann will auch noch die EU-Kommission mitreden.

„Das Amt ist von Symbolik getragen“, erklärte Sabine von Oppeln von der Freien Universität Berlin vor Kurzem dem „Fokus“ den grundsätzlichen Fehler im System. „Es soll den Anspruch

einer gemeinsamen Außenpolitik zeigen ... Eine gemeinsame Außenpolitik der EU existiert nicht. Es gibt nur mal mehr, mal weniger gelungene Absprachen zwischen den Mitgliedsstaaten.“ Doch anstatt ehrlich dem EAD die Aufgaben zuzuschreiben, die man ihm nur überlassen will, wird für viel Steuerzahlergeld die Illusion einer gemeinsamen Außenpolitik aufrecht-erhalten. Rebecca Bellano


»Swapo hat abgewirtschaftet«
Namibier zornig über Regierungspartei – Wahlen im November

Ende November sollen in Namibia, der einstigen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Parlaments- und Präsidentenwahlen stattfinden. Dabei mehren sich die Zeichen, dass die seit 25 Jahren regierende Swapo ihre komfortable Zweidrittelmehrheit in der Nationalversammlung verliert. Grund hierfür ist der weitverbreitete Zorn der Namibier über die extrem hohe Arbeitslosigkeit, die bei Jugendlichen 70 Prozent beträgt, den miserablen Zustand des Bildungs- und Gesundheitssystems, eine weltweit einmalig ungerechte Einkommensverteilung sowie die Selbstbereicherung und Arroganz der Swapo-Funktionäre.

Dies veranlasste die bisher eher ein Schattendasein fristende Opposition jetzt zu einer Generalattacke gegen die korrupte und inkompetente Führung des Landes. „Die Swapo hat abgewirtschaftet und muss dringend als regierende Partei abgelöst werden“, sagte der Chef der größten Oppositionsgruppe RDP, Hidipo Hamutenya, am 28. Juli. Und die Präsidenten von CoD und SWANU, Ben Ulenga und Usutuaije Maambedruja, assistierten: „Die Lebensbedingungen des Großteils der Bevölkerung werden immer schlimmer“, wodurch „eine kritische und beängstigende Situation erreicht“ sei.

Die Swapo unter ihrem Vorsitzenden Hifikepunye Pohamba, der zugleich als Staatspräsident fungiert, steht also mit dem Rücken zur Wand und reagiert hierauf mit einer Doppelstrategie. Zum einen unternimmt sie alles, um ihre parlamentarische Machtposition auch für den Fall von Mandatsverlusten nach der Wahl zu sichern. So legte die Partei Ende Juli einen Entwurf für eine Verfassungsänderung vor, die laut der einhelligen Meinung der wie üblich arrogant übergangenen Opposition darauf hinausläuft, das Stimmgewicht der bisherigen Regierungspartei in der Nationalversammlung „durch die Hintertür“ zu erhöhen. Außerdem strebt sie danach, ihre Pfründe vermittels einer verpflichtenden Frauenquote und der Erhöhung der Zahl der Abgeordneten von 72 auf 96 zu sichern.

Zum anderen versucht die Swapo von den aktuellen Problemen des Landes abzulenken, indem sie alte antideutsche Ressentiments wieder aufwärmt. So wütete der Swapo-Abgeordnete Kazenambo Kazenambo am 22. Juli gegen die SPD-Bundestagsabgeordnete Doris Barnett, die zum Abschluss des Namibia-Aufenthaltes einer Delegation des Haushaltsausschusses gesagt hatte, eine Entschädigung für die Herero zusätzlich zur umfangreichen Entwicklungshilfe Deutschlands sei indiskutabel. Kazenambo unterstellte der Parlamentarierin Trunksucht und schob dann die erpresserische Drohung nach: Die Bundesregierung solle wissen, „dass wir für unsere Forderung auf die Straße gehen und uns irgendwann nicht mehr an nationale oder internationale Gesetze halten werden“.

Derartige Ausfälle sind natürlich der Gipfel der Unverschämtheit, denn Namibia hat seit seinem Eintritt in die Unabhängigkeit bereits eine Milliarde Euro an direkter oder indirekter Entwicklungshilfe aus Deutschland bezogen und weitere Zahlungen stehen in Aussicht. Wenige Tage nach Kazenambos Brandrede unterzeichneten der deutsche Botschafter Onno Hückmann und der namibische Planungschef Tom Alweendo einen Vertrag über technische und finanzielle Kooperation, der der einstigen Kolonie weitere 70 Millionen Euro beschert. Aber das muss der einfache namibische Wähler ja nicht wissen.

Wolfgang Kaufmann


Am Ende geht es ums Geld
Ausgang des Unabhängigkeits-Referendums in Schottland ungewiss

Gut vier Millionen wahlberechtigte Schotten befinden am 18. September über die Unabhängigkeit ihres Landes. Dem Ausgang dieses Referendums blicken nicht nur Großbritannien und die EU mit Sorge entgegen. Auch anderen sind die Vorgänge jenseits des Ärmelkanals nicht geheuer, gibt es doch in Spanien, Italien, Belgien, Rumänien und Frankreich ähnliche Unabhängigkeits-Bewegungen. Würden die Schotten mehrheitlich die Frage „Sollte Schottland ein unabhängiges Land sein?“ mit „Ja“ beantworten, so gäbe dies diesen mächtigen Auftrieb.

Wenn es nach Alex Salmond und seiner Nationalpartei (SNP) geht, die seit der Wahl 2011 über 69 von 129 Sitzen im Parlament zu Edinburgh verfügt, so ist die Sache klar: Wird in der Volksabstimmung für die Unabhängigkeit plädiert, wird Schottland, dessen 5,3 Millionen Einwohner zehn Prozent der britischen Bevölkerung ausmachen, am 24. März 2016 unabhängig. Der schottischen Volksabstimmung würden somit eineinhalb Jahre Trennungsverhandlungen und die Eigenstaatlichkeit folgen.

Laut Umfragen sind die Chancen dafür allerdings durchwachsen: 36 Prozent der Ende Juni Befragten waren für die Unabhängigkeit, 44 Prozent dagegen und immerhin 20 Prozent wussten demnach noch nicht, wofür sie sich entscheiden. Das hängt mit der Referendumsfrage zusammen. Diese ist die „Reduktionsform“ dessen, was Intention der überparteilichen Organisation „Yes Scotland“ war. Die Einigung Salmons, dessen SNP den „Verbleib Schottlands unter der Krone und im Pfund-Sterling“ befürwortet, mit Premier David Cameron ist nur über diese eine Frage zustandegekommen. Wäre es nach „Yes Scotland“ gegangen, so hätte am 18. September auch über „die gänzliche wirtschaftliche und finanzielle Unabhängigkeit vom Britischen Königreich“ befunden werden sollen. Umfragen zufolge würden bei einem derartigen zusätzlich in Frageform gekleideten Referendumsbestandteil „wohl mehr als 90 Prozent der Schotten ganz klar für die Unabhängigkeit“ stimmen. Denn es sind gerade die wirtschaftlichen Faktoren, die für Konflikte zwischen London und Edinburgh sorgen. So verfügt Schottland derzeit nicht über die Kontrolle über die eigene Wirtschaft.

Es ist die Regierung in London, die die Einnahmen aus der Nordsee-Ölförderung einstreicht. Gegenwärtig fließt alles in Schottland Erwirtschaftete in den britischen Staatshaushalt. Was Edinburgh aus London zurückerhält, steht in keinem Verhältnis zu dem, was die fünf Millionen Schotten an Wertschöpfung erbringen. Zwar darf das schottische Regionalparlament beispielsweise in der Gesundheits- und in der Kulturpolitik eigenständig Gesetze erlassen, doch Westminster verfügt in allem über ein Überstimmungsrecht.

Sollte das Referendum so ausgehen, dass sich „Ja“ und „Nein“ die Waage halten, dann wird es Verhandlungen über den Ausbau der dortigen autonomen Befugnisse geben. Tories, Labour, Liberaldemokraten haben sich darauf festgelegt, dass die Schotten weiterreichende Selbstverwaltungsrechte erhalten sollen. Dass dann Waliser, Nordiren und Engländer ähnliche Ansprüche stellen werden, dürfte klar sein. Votieren die schottischen Wähler mehrheitlich gegen die Unabhängigkeit, wäre dies für Premier Cameron von Vorteil. Denn im ganzen Vereinigten Königreich dürfte sich dann die politische Stimmung zu seinen Gunsten verschieben und den Tories einen aussichtsreichen Wechsel ins Wahljahr 2015 verheißen. Reinhard Liesing


MELDUNGEN

London zeigt EU Grenzen auf

London – Mit seinem Vorschlag, den Zustrom von Einwanderern künftig zu begrenzen, indem man EU-Neumitgliedern nicht bereits nach sieben Jahren die Arbeitnehmer- und Personenfreizügigkeit gewährt, hat der britische Vize-Premier Nick Clegg vermutlich für wenig Begeisterung in Brüssel gesorgt. Noch weniger Jubel dürfte jedoch die von Londons Bürgermeister Boris Johnson in Auftrag gegebene Studie zu den wirtschaftlichen Folgen für die Hauptstadt im Falle eines EU-Austrittes ausgelöst haben. Diese kam nämlich zu dem Ergebnis, dass es für die britische Finanzmetropole zwar am lukrativsten sei, in der EU zu verbleiben, aber nur, wenn sich diese von Grund auf reformiere. Verharre Brüssel jedoch im Status quo, sei für London ein EU-Austritt finanziell vorteilhafter, da Großbritannien dann eine eigene Handelspolitik betreiben könne. Bel

 

Muslime wegen Hunden empört

Glasgow – Ungewöhnliche Kritik hat die Eröffnungszeremonie der diesjährigen Commonwealth-Spiele in Glasgow auf sich gezogen. Malaysische Politiker und Religionsführer werfen den Organisatoren vor, speziell im Hinblick auf den Ramadan (islamische Fastenzeit) sei die Anwesenheit von Hunden bei der Eröffnung des Sportereignisses ein Zeichen von Respektlosigkeit gegenüber muslimischen Ländern gewesen. Wie der britische „Telegraph“ berichtet, liegen von mehreren malaysischen Politikern inzwischen sogar Forderungen nach einer Entschuldigung durch den Veranstalter vor. Anlass der Empörung sind rund 40 Scotchterrier, die bei der Eröffnungsveranstaltung die jeweiligen Sportmannschaften bei ihrem Einzug ins Glasgower Stadion begleitet hatten. N.H.


S. 7 Wirtschaft

Symbolpolitik gefährdet Arbeitsplätze
Wirtschaftsminister blockiert deutsche Rüstungsexporte, doch wollte er etwas bewegen, müsste er USA überzeugen

Während im Koalitionsvertrag eigentlich ein Festhalten an den noch unter Rot-Grün festgelegten Richtlinien zu Rüstungsexporten vereinbart war, schafft Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) insgeheim vollendete Tatsachen.

Um das „Geschäft mit dem Tod“ nicht zu fördern, wolle er keine Waffenexporte an Bürgerkriegsländer und Unrechtsregime zulassen, so Gabriel unlängst in der Illustrierten „Stern“. Tatsächlich könnte Gabriels Politik als Wirtschaftsminister aber sogar das Aus für eine eigenständige deutsche Rüstungswirtschaft einleiten.

Glaubt man den Berichten deutscher Waffenhersteller, dann zögert man in Gabriels Wirtschaftsministerium nämlich längst nicht mehr nur bei Exportanfragen für umstrittene Großaufträge wie etwa Panzerbestellungen. Wie das österreichische „Wirtschaftsblatt“ berichtet, sollen sich nach Schätzungen deutscher Waffenschmieden derzeit rund 2000 Exportanträge und Voranfragen im Wirtschaftsministerium stapeln. Geklagt wird darüber, dass inzwischen selbst Exportbegehren für unspektakuläre Teile wie etwa Zündhütchen in der Warteschleife festhängen, die früher als völlig problemlos galten. Ersten Firmen würde deswegen sogar schon das Wasser bis zum Hals stehen. Betroffen scheinen dabei auch in vielen Fällen deutsche Hersteller zu sein, die nur Zulieferer für Firmen in Frankreich, Großbritannien oder Belgien für deren Exporte in Drittländer sind.

Noch bleiben die wartenden Kunden bei der Stange. Deutsche Lieferanten haben auch in der Rüstungsbranche einen hervorragenden Ruf, bei einigen Komponenten hat Deutschland einen Weltmarktanteil von bis zu 90 Prozent. Langfristig zu befürchten ist allerdings, dass Gabriels Verschleppungstaktik verheerende Folgen haben wird. Haftet deutschen Herstellern erst einmal der Ruf an, im Ernstfall nicht liefern zu können, droht künftig ein Ausschluss von internationalen Projekten. Das dürftige Auftragsvolumen durch die Bundeswehr ist zum Überleben der Branche wiederum viel zu gering. Das Ende der Entwicklung ist leicht absehbar: Die deutschen Firmen wandern ins Ausland ab.

Inzwischen hat Gabriels Verschleppungstaktik eine erstaunliche Allianz entstehen lassen. In einem scharf formulierten Brief werfen Unionspolitiker wie Roderich Kiesewetter, Mark Hauptmann und Hans-Peter Uhl Gabriel vor, sich ohne Abstimmung für eine völlige Abkehr von der bisherigen deutschen Ausfuhrpolitik von Rüstungsgütern entschieden zu haben. Tatsächlich gefährdet Gabriels Alleingang einen wichtigen Politikansatz Merkels. Um nicht in jeden Konflikt deutsche Truppen schicken zu müssen, sollen Krisenstaaten so ertüchtigt werden, dass sie ihre Probleme selbst bewältigen können.

Neben den Unionsabgeordneten machen inzwischen sogar schon Gewerkschaftsvertreter gegen den Kurs des Wirtschaftsministers Gabriel mobil. Rund 20 Betriebsräte haben in einem Brief an Gabriel ihre Bedenken gegen seinen Kurs deutlich gemacht und vor Arbeitsplatzabbau und Abwanderung von Unternehmen gewarnt.

Offen bleibt einstweilen, was Gabriel veranlasst, sich mit Koalitionspartnern, Gewerkschaften und Unternehmern gleichermaßen anzulegen. Rüstungsgeschäfte seien im Kern kein Instrument der Wirtschaftspolitik, sondern ein Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik, so die Argumentation des Vizekanzlers. Tatsächlich scheint Gabriel aber dabei zu sein, mit einer ruinierten Rüstungsindustrie leichtfertig ein Instrument der Außenpolitik aus der Hand zu geben, um stattdessen Symbolpolitik zu betreiben.

Anlass, Rüstungsexporte in Länder wie Saudi-Arabien oder Katar kritisch zu hinterfragen, gibt es tatsächlich zuhauf. Laut Israels Staatspräsident Shimon Peres handelt es sich bei Katar um den weltgrößten finanziellen Förderer des Terrorismus. Wie die „Times of Israel“ berichtet, wird Katar unter anderem vorgeworfen, die Raketen der Hamas im Gaza-Streifen bezahlt zu haben. Indizien, dass Katar auch im Syrien-Konflikt eine verhängnisvolle Rolle gespielt hat, gibt es ebenso. Nicht vergessen werden darf dabei allerdings, dass Staaten wie Saudi-Arabien und Katar wichtige Verbündete der USA sind, die entsprechend Rückendeckung genießen und hochgerüstet werden. Allein Katar hat von den USA im letzten März Zusagen für Rüstungslieferungen über elf Milliarden Dollar erhalten.

Wenn Gabriel sicherheitspolitisch tatsächlich etwas bewegen will, müsste in vielen Fällen Wa-shington der Hauptadressat seiner Bemühungen sein. Daran ist tatsächlich so wenig zu denken wie an eine einheitliche Sicherheitspolitik des Westens, wie selbst Israel im Fall Katars zu spüren bekommt.

Der Verdacht, dass Gabriel in Sachen Rüstungsindustrie vor allem Symbolpolitik betreibt, besteht noch aus einem anderen Grund: Geht es beispielsweise um die Lieferung von deutschen Panzern in den Nahen Osten, erhebt sich nicht zuletzt aus den Reihen der SPD regelmäßig ein Sturm von Kritik. Kaufen sich Länder wie Katar und Saudi-Arabien allerdings in deutsche Unternehmen ein, werden sie von der deutschen Politik als willkommene Investoren hofiert.

Bleibt die Frage, was Gabriel bei seinem Konfrontationskurs wirklich antreibt. Will er 2017 eine linke Mehrheit hinter sich bringen, muss er beim symbolträchtigen Thema Rüstungspolitik punkten, so die Vermutung, die das Wiener „Wirtschaftsblatt“ angesichts der Verschleppungstaktik in Gabriels Wirtschaftsministerium äußert.

Norman Hanert


Flucht aus London
Wegen Sanktionen: Russen ziehen Geld ab

Der City of London, einem der größten Kapitalmärkte der Welt, droht Ungemach: Seit Tagen sind Geldflüsse Richtung Osten zu beobachten. Russische Oligarchen ziehen ihr Kapital aus London ab, weil sie befürchten, dass es konfisziert werden könnte. London galt bisher bei den Russen als sicherer Anlageort. 113 Firmen aus Russland und den GUS-Ländern sind an der Londoner Börse gelistet. Eine beträchtliche Zahl von Oligarchen hat ihr Geld in Fußballklubs –wie der Milliardär Roman Abramowitsch beim FC Chelsea – oder in Immobilien investiert.

Bei den beschlossenen EU-Sanktionen gegen Russland ist Firmen, an denen der russische Staat mehr als 50 Prozent hält, der Zugang zu günstigen Finanzierungen im Westen verwehrt. Die Maßnahmen lösten vor allem bei BP Alarm aus, die eng mit dem russischen Ölriesen Rosneft verflochten ist. Der britische Ölkonzern hält 20 Prozent Anteile an Rosneft. Kremlgegner haben sich in den britischen Steueroasen Guernsey, der Isle of Man und Gibraltar niedergelassen.

Doch auch darüber hinaus muss sich die City of London auf negative Folgen einstellen. Die EU-Sanktionen gegen Russland könnten der City als wichtigstem Wirtschaftssektor Großbritanniens schaden, denn der Kapitalmarkt von London wird Geschäfte verlieren, wenn russische Banken diese nicht mehr im Westen tätigen können. Das Geld der Oligarchen spielt daher eine große Rolle für die Briten, wenn auch die Realwirtschaft weit weniger mit Russland verflochten ist als die Deutschlands.

Nicht nur London, sondern auch europäische Krisenländer wie Italien und Griechenland fürchten negative Folgen für ihre Wirtschaft. Italien fordert deshalb eine Lockerung der Sparmaßnahmen, da diese wegen der Sanktionen nicht mehr eingehalten werden könnten.

Ebenso fürchten Griechenland und Zypern Schlimmes. Für Griechenland sind Russland und die Ukraine wichtige Absatzmärkte für die Landwirtschaft, in Zypern unterhalten zahlreiche russische Unternehmen wegen Steuervorteilen Zweigstellen. 2013 flossen elf Milliarden Dollar aus Russland nach Zypern. In den vergangenen Jahren verzeichneten beide Länder einen Anstieg russischer Touristen um über 20 Prozent, die nun verprellt werden könnten. MRK


Kanada macht es möglich
USA verdanken niedrige Energiepreise auch schmutzigem Öl aus dem Nachbarstaat

Am 29. Mai landeten 600000 Barrel aus Teersanden gewonnenen Öls im Hafen der spanischen Stadt Bilbao an. Es war die erste große Ladung von Bitumen-Rohöl für die EU, erworben von der in Spanien beheimateten Ölgesellschaft Repso und gefördert in dem riesigen Reservoir in Alberta, Kanada, den Athabasca-Öl-Sanden. Umweltorganisationen wie Greenpeace reagierten mit Protestaktionen und Warnungen, dass Europa in Zukunft immer abhängiger werden könnte von immer schmutzigerem Öl, dessen Gewinnung, Verarbeitung und Transport der Umwelt schwere Schäden zufügen können.

Nur zu vertraut sind derartige Proteste bisher vom durch Fracking gewonnenen Rohöl aus Schiefergestein, dessen Förderung das Grundwasser und die Luft vergiften. Weniger bekannt in Europa ist die Ölgewinnung aus Teersanden, bei der ähnliche stark umweltgefährdende Methoden eingesetzt werden. Teersand-Öl (Bitumen) gibt es in kleineren Mengen in diversen Ländern der Welt. Über das größte Reservoir jedoch verfügt Kanada, gefolgt von Russland und Kasachstan.

Kanada hat in seiner Provinz Alberta, die an die USA grenzt, die Alberta- oder Athabascar-Öl-Sanden, die sich am Athabascar Fluss entlangziehen. Diese Ölsand-Ablagerungen liegen unter 140000 Quadratkilometern Wald, Wüste und Sumpfgebieten und enthalten über 1,7 Trillionen Barrel von Bitumen-Sand, was in etwa der gesamten Reserve von konventionell förderbarem Öl in der Welt entspricht. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) listet Kanadas mit neuester Technologie zu gewinnendes reines Rohöl mit 178 Milliarden Barrel, was den drittgrößten Öl-Reserven der Welt nach Saudi-Arabien und Venezuelas Orinoco-Vorkommen gleichkommt.

Teersand-Öl wird erst seit ein paar Jahren zu den Öl-Reserven der Welt gerechnet, als 2009 mit zwei neuen Fördermethoden die Gewinnung großer Mengen möglich wurde. Der Oberflächenabbau ist die umweltschädlichste. Dabei werden riesige Flächen von Land mit gewaltigen hydraulischen Schaufeln ausgegraben. Die „In situ“-Methode dagegen arbeitet mit der SAGD-Technik (Wasserdampf). Hiermit werden 80 Prozent der Teersande gefördert. „In situ“ hinterlässt große Teiche mit den verwendeten toxischen Chemikalien, auch bleiben krebserregende Chemikalien in der Luft wie in den Massen von verbrauchtem Sand beim Oberflächenabbau zurück.

Die betroffene Bevölkerung in der Region besteht vor allem aus Indianern der „Fort McKay First Nation“, die ein gesetzliches Recht haben, ungestört wie seit Jahrhunderten Jagd und Fischfang zu betreiben. Sie haben sich jedoch notgedrungen der Entwicklung angepasst, Firmen gegründet, die Dienstleistungen für die Ölgesellschaften erbringen, und planen selbst eine eigene Mine.

Die großen internationalen Öl-Gesellschaften, darunter Syn-crude und Suncor aus Kanada sowie Shell, Total und Imperial Oil, operieren alle in Alberta mit Partnern wie Chevron, BP, Marathon, Oxy und ConocoPhilips. Sie sollen bis 2015 vier Millionen Barrel pro Tag produzieren für Kosten von 18 bis 22 US-Cent pro Barrel – mit Umwandlung von Rohöl in synthetisches Öl von 36 bis 40 US-Cent, bei derzeitigem Weltmarktpreis des Barrel Öls von 50 US-Cent. Hauptabnehmer des Öls, das durch Rohrleitungen und per Zug verfrachtet wird, sind derzeit die USA, die den größten Teil ihres gesamten Import-Öls inzwischen aus Kanada beziehen, über eine Million Barrel Bitumen am Tag. Sie verhandeln zurzeit über einen noch größeren Anteil an den rapide ansteigenden Fördermengen.

Doch ist auch in China plötzlich ein großes Interesse an Bitumen-Öl erwacht. Während US-Präsident Barack Obama seine Entscheidung über den Bau der heftig umstrittenen Keystone-XL-Pipe-line von Alberta nach Houston, Texas, im Wahljahr verzögert, hat PetroChina mit der Rohrleitungsfirma Enbridge einen Vertrag über den Bau einer Pipeline abgeschlossen, die vier Millionen Barrel am Tag von Alberta an den Westküsten-Hafen Kitimat von Britisch Columbia bringen soll. Und die China National Petroleum Corporation sowie Sinopec, Chinas größtes Raffinerie- und Chemieunternehmen, sind dabei, mit Aktienkäufen in die Förderung von Teersand-Öl zu investieren.

Liselotte Millauer


MELDUNGEN

So viel Öko-Strom wie nie zuvor

Berlin – Dank des sonnigen Wetters, aber auch durch den Bau neuer Windräder stieg der Anteil des verbrauchten Stroms aus Erneuerbaren Energien im ersten Halbjahr auf 28,5 Prozent. Wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) mitteilte, lag der Anteil im Vergleichszeit-raum 2013 noch bei 24,6 Prozent. Allerdings ist der Gesamtstromverbrauch auch leicht rückläufig. Bel

 

Muss Athen bald Banken retten?

Athen – Derzeit werden in Griechenland Kredite in Höhe von 77 Milliarden Euro nicht mehr bedient, was einem Drittel aller ausgegebenen Darlehen entspricht. Zwar haben die Banken für die Hälfte der Ausfälle bereits Rück-stellungen gebildet, doch scheuen sie weitere Abschreibungen. Bel

 

Privatisierungen stocken weiter

Athen – Die griechische Privatisierungsbehörde Taiped hat zum 1. August mit dem Ex-Banker Pashalis Bouhoris einen neuen Vorstandsvorsitzenden erhalten. Er ist der fünfte Mann innerhalb von vier Jahren auf diesem Posten. Inzwischen wird auch nicht mehr erwartet, dass Griechenland 50 Milliarden Euro bis 2015 durch den Verkauf von Staatsbetrieben einnimmt, sondern nur noch maximal 8,5 Milliarden Euro bis Ende 2016. Bisher wurden 2,7 Milliarden Euro davon erreicht. Die Privatisierung der Hafengesellschaften von Piräus und Thessaloniki sowie des Flughafens von Athen sind in Planung. Der Verkauf von Wasserwerken wurde jedoch als verfassungswidrig untersagt. Und Brüssel war gegen aserbaidschanische und russische Beteiligungen an griechischen Gasfirmen. Bel


S. 8 Forum

Hauptsache Frau
von Maria Bornhöft

Große Aufregung herrscht derzeit über die Kandidaten für die EU-Kommissionsposten, die die 28 EU-Mitgliedsländer nominiert haben. Dabei spielt die Frage, ob diese die notwendige Qualifikation mitbringen, jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr herrscht große Erregung über den Umstand, dass unter den 28 Nominierten nur eine Handvoll Frauen ist, dabei hatte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker doch eine jüngere und vor allem weiblichere Führungsriege versprochen.

Es ist schon fast wieder amüsant, wie in Zeiten, in denen Männer und Frauen doch gleichberechtigt sein sollen, plötzlich das Geschlecht einer Person eine größere Rolle spielt als jemals zuvor und gleichzeitig die Frage der Qualifikation zur Nebensache degradiert wird.

Allerdings kann die Qualifikation auch noch keine Rolle spielen, denn es ist noch gar nicht klar, welcher Kandidat welches Ressort zugeteilt bekommt. Erst werfen die Länder ihre Leute ins Rennen um die Posten und erst in der zweiten Runde wird darum geschachert, welches Land welches Ressort bekommt. Da kann es dann sein, dass ein Verteidigungsexperte den Bereich Soziales zugeteilt bekommt.


Händehalten
von Manuel Ruoff

Grundsätzlich ist nichts gegen ein Händehalten Gaucks mit Hollande einzuwenden. Aber für den Erhalt des Friedens ist das zurzeit so sinnvoll wie ein Händehalten Wilhelms II. mit Franz Joseph vor 100 Jahren. Denn so wie 1914 die Gefahr, dass Deutschland durch Nibelungentreue zu Österreich in einen Krieg mit Russland hineingezogen wurde, ungleich größer war, als dass sich der preußisch-österreichische Waffengang von 1866 wiederholte, ist 2014 die Gefahr, dass Deutschland durch Treue zu Frankreich und den anderen Westmächten in einen Krieg mit Russland hineingezogen wird, ungleich größer, als dass sich der deutsch-französische Waffengang von 1914/18 wiederholt.

Vor diesem Hintergrund ist es auch unangebracht, wenn Gauck das hohe Lied auf die EU singt und gegen die „europafeindlichen Populisten“ wettert. Sind es doch gerade die EU-Skeptiker, denen von den Etablierten Sympathien für Putin vorgeworfen werden und von denen noch am ehesten zu erhoffen ist, dass sie Brüssel daran hindern werden, auf Geheiß Washingtons die in der EU zusammengeschlossenen Völker gegen Russland zu führen.

Anders als für die Franzosen war der Erste Weltkrieg für die Deutschen nicht nur ein deutsch-französischer Waffengang, sondern auch eine deutsch-russische Auseinandersetzung, aus der keiner der Beteiligten, sondern andere als lachende Dritte hervorgingen. Die Gefahr einer abermaligen Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen zum Nutzen Dritter ist im Wachsen begriffen. Von daher hätte mir ein Händehalten des deutschen Staatsoberhaupts mit Putin mehr gegeben.


Also doch gut integriert?
von Rebecca Bellano

Die meisten Medien interpretieren die Tatsache, dass nicht einmal jeder zehnte wahlberechtigte Türke in Deutschland bei der türkischen Präsidentschaftswahl teilgenommen, sprich die sieben über das gesamte Bundesgebiet verteilten Wahllokale aufgesucht hat, als Zeichen einer guten Integration. Zwar geben viele zu bedenken, dass das komplizierte Wahlverfahren mit Voranmeldung über das Internet viele, vor allem Ältere, abgeschreckt habe, insgesamt zeige aber die geringe Wahlbeteiligung auch, dass der für das Amt des türkischen Präsidenten kandidierende türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und auch seine Konkurrenten weniger Einfluss auf die Auslandstürken hätten als vermutet.

Auf jeden Fall stimmt die Einschätzung, dass Erdogan, der die Auslandstürken nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und anderen Ländern mit viel Getöse besucht hat, trotz voller Hallen bei seinen Auftritten die Wähler nicht in Scharen an die Urnen treiben konnte. Es war schon peinlich, wie schwach die auf einen Massenansturm von Wählern ausgelegten Wahllokale wie das Berliner Olympiastadion frequentiert waren.

Allerdings darf man nicht vergessen, dass viele der ausgewanderten Türken den unteren Bildungsschichten angehören, und deren Wahlbeteiligung liegt zumeist unter dem Durchschnitt. Und Deutschtürken der jüngeren Generation, die höhere Bildungsabschlüsse haben, dürfte wohl nicht der Sinn nach Stimmabgabe für die Wahl in der Türkei stehen, so sie denn überhaupt noch einen türkischen Pass haben.

Spannend ist aber, dass in der Debatte nie folgende Frage eine Rolle gespielt hat: Ist es gegenüber den in der Türkei lebenden Türken gerecht, wenn Millionen seit Jahrzehnten in Europa lebende Landsleute darüber mitentscheiden dürfen, wer künftig das Land, in dem diese nur noch ihren Urlaub verbringen, lenkt und steuert? Und, das dürfte wohl auch ein Grund für die geringe Wahlbeteiligung gewesen sein, was haben sie in Deutschland davon, wenn sie wählen, wer in ihrer alten Heimat oder gar nur der Heimat ihrer Vorfahren die politischen Fäden zieht? Selbst wer im Geiste noch in dem Land seiner Geburt verhaftet ist, hat keinen wirklichen Vorteil davon, zumal eigentlich vor Beginn der Wahl feststand, dass Erdogan aus ihr als Gewinner hervorgehen würde, ob nun bereits nach dem ersten Wahlgang oder erst nach der Stichwahl.

Und was sagt diese Wahl nun über den Grad der Integration der in Deutschland an ihrer türkischen Staatsbürgerschaft festhaltenden Zuwanderer aus? Ehrlich gesagt: wenig. Wären diese 1,4 Millionen zur Teilnahme an der Wahl in der Türkei berechtigten Zuwanderer wirklich integriert, hätten sie kaum noch die türkische Staatsbürgerschaft. An ihr hängen sie offenbar jedoch nur aus emotionalen Gründen und nicht, weil es sie drängt, ihre staatsbürgerlichen Rechte wie das Wahlrecht wahrzunehmen.


Frei gedacht
Krieg mit Russland: Wer zündelt?
von Eva Herman

Viel wird berichtet über die Krise in der Ukraine, über die Rolle des „Aggressors Russland“, jetzt über den Abschuss der MH-17. Außenminister Frank-Walter Steinmeier brachte die angebliche Wahrheit über die jüngsten EU-Sanktionen gegenüber Russland ans Licht: Weil MH-17 abstürzte und sich die Separatisten am Unglücksort unwürdig benahmen, wird Russland mit weiteren Sanktionen belegt. Und das, obwohl die US-Geheimdienste bisher verlautbarten, dass keine direkte Beteiligung Russlands am vermutlichen Abschuss des Unglücksfluges nachweisbar ist. Die Zeitungen sind randvoll, in den abendlichen Talkshows äußern sich vermeintliche Experten. Doch was ist die Wahrheit?

Fakt ist, dass viele Menschen jetzt verunsichert sind. Sie trauen den offiziellen Berichten der Medien immer weniger. Das zeigt ganz aktuell die Leser-Revolte gegen den „Spiegel“, der auf seinem letzten Titelblatt die Forderung aufstellte: Stoppt Putin jetzt! Protest-Mahnwachen sind nun geplant vor dem Hamburger „Spiegel“-Haus wegen der „Kriegshetze“, hunderte Abos sollen inzwischen gekündigt worden sein. Die Bürger spüren: Da ist etwas faul, an dieser vermeintlichen Konstellation des „bösen Russen“ und des „guten Westens“.

Wir wissen längst, dass die Krim im Frühjahr nicht von Wladimir Putin „annektiert“ wurde, sondern dass es eine Volksabstimmung gab, bei der sich fast 100 Prozent der Bürger für den Anschluss an Russland ausgesprochen hatten. Wir wissen inzwischen auch, dass der Westen nicht immer gut ist, vor allem, seit er mit seinen Nato-Bombern Jugoslawien plattmachte, auch den Irak, auch Libyen, und dass auch Syrien auf der Liste steht. Was ist also das Ziel in Sachen Russland? Warum der zunehmende Stress? Warum die steten Schuldzuweisungen, warum die harschen Sanktionen, die nun den Rest der einstigen Freundschaft, vor allem auch zwischen Deutschland und Russland, zerstören? Will man Krieg?

Die USA sind pleite. Wer pleite ist, braucht Krieg! Das war immer so. Russland ist ein Rohstoff-Gigant. Es investiert hunderte Milliarden in die Förderung seiner Bodenschätze. Derzeit erschließt man neue Erdöl-, Erdgas-, Kohle- und Metallvorkommen. Russland liegt geostrategisch an wichtiger Position, wenn man vor allem auch China ins Auge fasst. Russland ist unbequem, es gehört zu den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), die sich zunehmend vom We-sten abwenden und nun, durch die jüngste Gründung ihrer eigenen BRICS-Großbank, der Dollar-Weltleitwährung den Kampf angesagt haben. Neben den wirtschaftlichen Zielen geht es hier vor allem um die internationale Terrorismusbekämpfung und umfangreiche militärische Großmanöver. Ein Angriff gegen die Nato, sagt der We-sten. Russland gehört auch, zusammen mit China, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan zur Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), an der auch der Iran, die Türkei und Weißrussland interessiert sind. Die Mongolei, Indien, Pakistan und der Iran gehören zu den Beobachterstaaten. Welch eine Allianz! Die Länder umfassen etwa die Hälfte der Menschheit!

Der US-Vorwurf, die SOZ sei nur deswegen gegründet worden, um den wachsenden westlichen Einfluss in Zentralasien zu blockieren, wurde zurückgewiesen. Interessant auch: Wenn spätestens zum Ende dieses Jahres die ausländischen Truppen aus Afghanistan abziehen wollen, was passiert dann mit dem schwierigen Land am Hindukusch? Die Antwort kam unlängst von Chinas Staatschef Hu Jintao: Die Asiaten, so seine Botschaft, würden sich dann stärker mit dem Problem befassen. Dass Afghanistan jetzt ebenso einen Beobachterstatus bei der SOZ innehat, dürfte als Beruhigungsmittel nicht gerade tauglich sein für den Westen.

Der Weg von Europa nach Russland führt durch die Ukraine. Dieses Land besitzt ebenso zahllose Bodenreichtümer, doch es ist vor allem durch seine Lage hochinteressant. Wird man Russlands und Chinas nur habhaft, wenn man sie geografisch in die Klemme nimmt? Ein Nachteil dürfte es jedenfalls nicht sein.

Sehen wir uns die zurückliegenden Unruhen in der Ukraine an: Diese zeugen nicht von einem tiefen Wunsch der dortigen Bürger, sich dem Westen anzuschließen, um die Segnungen des „hochentwickelten Abendlandes“ genießen zu können. Viele Ukrainer haben russische Wurzeln, oder sie sind durch Heirat oder andere Verbindungen eng mit dem großen Nachbarn verbunden. Die ukrainische Mentalität ist den Russen zweifellos näher als uns „Wessis“, Kultur und Traditionen ebenso. Waren es also wirklich stets unzufriedene Ukrainer, die in den vergangenen Jahren auf die Straßen gingen und die Farbenrevolutionen anzettelten? Oder wer?

Nehmen wir die ehemalige Gasprinzessin Julia Timoschenko. War es die Ukraine, die ihr am Herzen lag, das Schicksal der Menschen? Oder war sie, die ihr Land durch dubiose Gasgeschäfte um mehrere Milliarden erleichtert hatte, vielleicht gezielt für einen Umsturz eingesetzt worden? Und Vitali Klitschko, der Boxer, wie ernst meint er es als Politiker, als UDAR-Partei-Vorsitzender? Will er tatsächlich das Beste für die Ukraine, wenn er ihre „Modernisierung“ und eine Annäherung an die EU anpeilt? Warum wird seine Partei von Angela Merkels Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt?

Nächste Frage: War der Machtwechsel an der Spitze der ukrainischen Regierung im Frühjahr wirklich rechtens? Oder handelte es sich, ganz platt gesagt, um einen ordinären Putsch, um die Richtung des Einflusses zu ändern? Von Ost nach West?

Wenn westliche Medien unisono dasselbe berichten, wenn sie, wie von gleicher Stelle gesteuert, gewisse Personen erheben, während sie andere hinten herunterfallen lassen beziehungsweise diese verteufeln, dann sollte der Leser wachsam werden. Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch wurde aus dem Amt gejagt, dreistellige Millionensummen, die alleine in der Schweiz gelagert waren, auf Eis gelegt. Der Mann ist für die Welt nicht mehr existent. Er kann von Glück sagen, dass er noch lebt. Anderen, die der Westen auf dem Kieker hatte, erging es übler, wir erinnern uns:

War es damals nicht genauso, als Saddam Hussein in den Nachrichten plötzlich offiziell nicht mehr als irakischer Staatspräsident oder Premierminister bezeichnet wurde, sondern als „Machthaber“, als „Despot“? Und wie war es mit dem libyschen Staatsoberhaupt Muammar al Gaddafi, der jahrzehntelang mit westlichen Politikern Geschäfte machte, und von einem Tag auf den anderen zum „Diktator“ mutierte?

Wer sich im Internet ansieht, welche Bruderküsse es zwischen Gaddafi und Gerhard Schröder, Guido Westerwelle, Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, Tony Blair und so weiter gibt, kann kaum fassen, was danach geschah: Im Angesicht der Welt-Kameralinsen wurde das Schicksal der erwähnten Staatschefs über Nacht beschlossen: Ihre Länder wurden von der Nato totgebombt, ihre Position wurde die von Gejagten: Persona non grata! Sie allesamt wurden getötet, Saddam gehenkt, Gaddafi gepfählt, nur Assad lebt ... noch.

Die Ereignisse überschlagen sich. Die Ukraine ist zum Gradmesser zwischen Krieg und Frieden geworden. USA und EU werden zunehmend aggressiver. Und Russland ist stark, Putin hat mächtige Verbündete. Lasst uns beten, dass es nicht zum Krieg kommt. Denn wir sind dann mittendrin!


S. 9 Kultur

Aachen im Glanz des Kaisers
Drei Ausstellungen in der Krönungsstadt von Karl dem Großen zeugen von dessen Leben und Wirken

Derzeit verblasst der imposante Aachener Dom, der in der Krönungsstadt von Karl dem Großen steht, hinter drei Ausstellungen zu mittelalterlicher Kultur, die das historische Stadtzentrum Aachens im „Karlsjahr“ – 1200 Jahre nach Karls Tod am 28. Januar 814 – offeriert.

Im Krönungssaal des Rathauses durchwandert man „Orte der Macht“: Karl, ab 768 König des Fränkischen Reichs und ab Weihnachten 800 Kaiser (Imperator) des größten europäischen Reichs nach Fall des Römischen Imperiums, das von den Pyrenäen bis zur Elbe und vom Atlantik bis zum Mittelmeer reichte, brauchte keine Hauptstadt. Er zog mit einem Tross von 1000 Bediensteten reihum (und selten angekündigt) zu seinen über 100 Pfalzen, um zu kontrollieren, zu befehlen und Recht zu sprechen. Er führte blutige Kriege (gegen Sachsen und Langobarden), war aber vor allem gläubiger Christ, der den Glauben als Rück-grat seines Gottesgnadentums und die Kirche als besten Verbündeten ansah.

Seine „Politik vom Sattel aus“ wurde zur glücklichen und erfolgreichen Herrschaft durch „einheitsstiftende Reformen“: Er reformierte Kirche, Heer und Gerichtswesen – die er im Grunde nur von archaischem Ballast befreien musste, um sie effizient zu machen –, schuf wertbeständiges Geld und mit der „karolingischen Minuskel“ eine praktikable Handschrift (samt Satzzeichen wie Punkt und Komma), die noch hinter modernen Schriftkonventionen erkennbar ist. Er pochte in seiner bildungsfernen Zeit auf Unterricht, festigte Maße, Preise und Gewichte, baute Straßen, Brücken und Kanäle, auch nutzte er kreativ die Erkenntnisse der Antike, so Vitruvs „Zehn Bücher über Architektur“ aus vorchristlicher Zeit. Jetzt kann man die Ergebnisse dieser Arbeit sehen: Bücher, Schriften und Werkzeuge, Töpferei- und Ackergeräte, Handwerksausrüstungen und immer wieder Baumodelle, so auch von seiner Lieblingspfalz in Aachen, wo er ab 794 sein Nomadenleben beendete, weil ihm hier heiße Quellen sein Rheuma linderten und umliegende Wälder zur Jagd lockten.

Ähnlich vielfältig ist die Ausstellung „Karls Kunst“, mit der am 20. Juni das neue Stadtmuseum „Centre Charlemagne“ eröffnet wurde. Karl unterhielt eine „Hofschule“, von deren in Europa verstreuten Schätzen jetzt 30 Handschriften und Prachtbände, darunter Unikate wie das „Aachener Karlsepos“ aus dem 9. Jahrhundert, nach Aachen auf Zeit zurückkehrten, von Leihgebern wie dem Vatikan überlassen. Star der Exponate ist der massige Tassilokelch, be­nannt nach einem aufrührerischen Bayernherzog, dem wir die erste Erwähnung unserer Muttersprache verdanken: Karl hatte ihn 788 „quod theodisca lingua herisliz dicitur“, also wegen Fahnenflucht, zum Tode verurteilt, dann aber den bayerischen Feigling begnadigt und den Kelch wohl als Sühneleistung eingezogen.

Daneben finden sich Bilder aus Leben und Handwerk der Karlszeit, auch moderne Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg, als die Schlacht um Aachen im Oktober 1944 große Zerstörungen verursachte. Vom April 1945 datiert ist ein Bild des US-Soldaten Ivan Babcock, der tumb unter der „Reichskrone“ hervorgrinst, ganz wie später ein Kamerad in gleicher Rolle als „Emperor of the Ruhr-River“. Die beiden trugen Kopien der Reichskrone, die Albrecht Dürer 1512 samt anderen Reichskleinodien in einem Pracht-Bildnis verewigte und die heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg ausgestellt ist.

Karls legendäre Kleinodien sind nur noch in Resten vorhanden, weshalb die dritte Ausstellung in der Domschatzkammer bescheiden „Verlorene Schätze“ heißt, obwohl die Exponate beeindrucken: Karlsbüste, Karls Armreliquiar, Jagdhorn, Waffen, Prachtgewänder, Altarbilder, Monstranzen, Kelche und weitere, die zumeist nach Karls Epoche entstanden. Eng mit ihm verbunden ist der marmorne Proserpina-Sarkophag aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, in dem Karl von seinem Tod 814 bis zu seiner Heiligsprechung 1165 gelegen hat – „wahrscheinlich“, wie die Ausstellungsmacher betonen. Aber dass jede Antwort zu Karl neue Fragen aufwirft, werden die Aachen-Besucher bestätigen.

Ist er wirklich am 2. April 742 geboren, wie verlief seine Kindheit bis zum 14. Jahr (wozu nicht einmal sein Freund und Biograf Einhard 829 in seiner „Vita Karoli Magni“ etwas wusste)? War er auch physisch ein „Großer“ von 1,92 Metern, wie Einhards Maßangabe „sieben seiner Füße“ gedeutet wurde? Wo genau hat er in Aachen gewohnt, an welcher Stelle im Dom wurde er bestattet? Trug er einen Vollbart, wie ihn Dürer porträtierte, oder war „Karlus Imp(erator) Aug(ustus)“ glattrasiert, wie auf den Denaren abgebildet, die er im 8. Jahrhundert als „Hauptmünze“ einführte? Ist sein Thron wirklich zu Karls Lebzeiten entstanden, da er doch erst 936 erstmalig erwähnt wird? Stammen dessen Platten aus der Grabeskirche von Jerusalem oder sind sie römischer Straßenbelag? War Karl ein Analphabet, wie in Aachen manche Straßentafeln besagen, oder das kongeniale Haupt der in Aachen versammelten besten Gelehrten aus Spanien, Frankreich und Italien, die Aachen zum kulturellen Zentrum jener Zeit und zum „neuen Athen“ machten?

Karl kannte noch kein „Europa“, gilt aber als „Vater Europas“, der Aachen 1950 zum „Karlspreis“ für europäische Meriten inspirierte. Erster Preisträger war Richard Coudenhove-Kalergi, der Gründer der Paneuropa-Union.

Wolf Oschlies


Die Erste ihrer Art
Leipzig–Dresden: Vor 175 Jahren fuhr erstmals eine Fernbahn über deutschen Boden

Die Bahn macht mobil – im Jahre 1839 stimmte dieser Slogan auf jeden Fall, denn mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Leipzig nach Dresden hatte ein jeder, der zumindest einen Taler und sechs Groschen für ein Ticket der 3. Klasse berappen konnte, die Möglichkeit, die 115 Kilometer zwischen den beiden Städten statt in der Postkutsche im Eisenbahnwaggon zurückzulegen, was auf eine Zeitersparnis von immerhin 20 Stunden hinauslief. Die Tatsache, dass sich die Inbetriebnahme der Strecke der Leipzig-Dresdner-Eisenbahn (LDE) am 7. April zum nunmehr 175. Male jährt, nahm das Dresdner Verkehrsmuseum zum Anlass, eine Sonderausstellung über diese erste deutsche Fernbahnlinie zu zeigen, die noch bis zum 28. September zu sehen sein wird.

Blickfang der Exposition sind dabei zwei Lokomotiven. Bei der ersteren handelt es sich um einen perfekten Nachbau der „Saxonia“, der ersten in Deutschland konstruierten und gefertigten Lok, mit der die LDE auch ihren Fahrbetrieb begann. Das andere Schaustück ist eine Leihgabe aus dem National Railway Museum in York: eine originale englische „Old Coppernob“ aus dem Jahre 1846, die freilich im Gegensatz zu ihrem Pendant aus Dresden-Übigau niemals auf den Schienen des Königreiches Sachsen unterwegs gewesen war. Dazu kommt als drittes Großexponat noch ein LDE-Güterwagen von 1843. Ansonsten dominieren Schautafeln, die über die Geschichte der Strecke beziehungsweise die Leipzig-Dresdner-Eisenbahn-Compagnie informieren. Diese private Aktiengesellschaft existierte ab 1835, also genau dem Jahr, in dem die Lokomotive „Adler“ von Robert Stephenson erstmals die sechs Kilometer zwischen Nürnberg und Fürth

zurücklegte, womit die Geburtsstunde des deutschen Eisenbahnverkehrs schlug. Die Betreibergesellschaft konnte 37 Jahre lang beachtliche Gewinne erzielen, weshalb sie sämtliche Übernahmeangebote des Staates zurückwies. Dann allerdings stürzte während des Februarhochwassers von 1876 die komplette, 342 Meter lange Elbbrücke bei Riesa ein, woraufhin die Aktionäre die Strecke nun doch an die Königlich-Sächsischen Staatseisenbahnen übertrugen, die inzwischen zahllose weitere Linien gebaut hatten, welche die Leipzig-Dresdner Eisenbahn wie ein riesiges Spinnennetz umgaben.

Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Ausstellungsmacher auch dem komplizierten Bau der Strecke, in dessen Verlauf unter anderem 102 Brücken und ein 514 Meter langer Tunnel entstanden, was die Kosten von 1,8 Millionen Talern und den Einsatz von bis zu 6000 Arbeitern erklärt.

Erfreulich an der Sonderschau und keineswegs selbstverständlich ist der Umstand, dass sie ohne neumodische museumsdi-daktische Spielereien und die oft zu sehenden krampfhaften Versuche auskommt, Geschichte „von unten“ zu zeigen. Stattdessen verweist sie lieber auf konkrete Ereignisse. So berichtet eine Tafel über die Eröffnung der Zweigbahn von Priestewitz nach

Großenhain im Jahre 1862, durch die eine direkte Verbindung zwischen der LDE und dem preußischen Eisenbahnnetz entstand. Und dann wäre da noch die Erinnerung an den Sommer 1866. Damals führten Preußen und dessen Verbündete Krieg gegen den Deutschen Bund. In diesem Zusammenhang erging ein Ultimatum an Sachsen, sich zu unterwerfen und den Durchmarsch preußischer Truppen zu ermöglichen. Daraufhin sprengten sächsische Pioniere am 16. Juni Teile der Bahnbrücke in Riesa. Allerdings zeitigte die Aktion keinerlei Nutzen, da die Preußen die Brücke mittels vorausschauend vorgefertigter Teile innerhalb von 24 Stunden wieder befahrbar machten.

Wolfgang Kaufmann


Mutter der »Mumins«
Zum 100. Geburtstag von Tove Jansson

Außerhalb Finnlands ist die Künstlerin Tove Jansson nur aus einem Grund bekannt: Sie ist die Schöpferin der „Mumins“. Mit ihren Bildergeschichten aus dem Leben der Familie Mumin, die in fast 50 Sprachen übersetzt wurden und über 20 Millionen Leser begeisterten, erlangt Jansson Weltruhm. Ihre Heimatstadt Helsinki ehrt die 2001 Verstorbene zu ih­rem 100. Ge­burtstag mit einer großen Retrospektive. Die umfassende Ausstellung im „Ateneum“ zeigt ein Le­benswerk, das beeindruckend ist, sowohl von seiner künstlerischen Qualität als auch durch seine große stilistische Bandbreite.

Am 9. August 1914 in eine schwedisch-stämmige Künstlerfamilie geboren, offenbart Tove früh ihr Talent. Ihrem Vater, Bildhauer Viktor Jansson, steht sie als Jugendliche mehrfach Modell, ihrer Mutter Signe, einer Buchillustratorin, hilft sie beim Zeichnen. Mit 16 Jahren geht sie zum Kunststudium nach Stockholm, ab 1934 studiert sie in Helsinki, 1938 für ein Jahr in Paris.

Jansson ist als Zeichnerin ebenso begabt wie als Malerin. Sie porträtiert ihre Familie, Freunde und immer wieder sich selbst. Ihre Bilder zeigen sie von Jugend an bis weit über 60, wobei sie ihren Alterungsprozess schonungslos dokumentiert. Daneben illustriert sie Bücher, zeichnet für Tageszeitungen und Magazine. Wagemutig sind ihre politischen Karikaturen während des Zweiten Weltkriegs, in denen sie Hitler und Stalin gleichermaßen als Monster entlarvt.

Zeitgleich entstehen die ers­ten Bildergeschichten der Mumins – die heile Welt der Familie als Kon­trapunkt zur äußeren Bedrohung. Die Vorbilder ihrer Figuren findet sie in ihrer Familie: Muminpapa ist Vater Viktor, Muminmama ist Mutter Signe, die anderen sind Angehörige und Freunde. Die ersten Mumin-Comics erscheinen im Magazin „Ny Tid“, die letzten aus ihrer Feder 1970. Damals stirbt ihre Mutter, was ihr ein Fortsetzen der Geschichten unmöglich macht. Spätere Mumin-Comics stammen von ihrem Bruder Lars, der ihr zuvor assistierte. A. Fischer


S. 10 Geschichte

Krieg und Frieden in einer Brust
Vor 2000 Jahren starb Augustus, eine der widersprüchlichsten Gestalten der Weltgeschichte

Unter den zahlreichen Gedenktagen des Jahres 2014 ist er der älteste – und zugleich der am wenigsten gewürdigte: der Todestag des römischen Kaisers Augustus.

Nomen est omen: Geboren als Gaius Octavus mit den Beinamen Thurinus und Kaipias, mit 20 umbenannt in Gaius Iulius Divi filius Caesar, von Zeitgenossen aber auch Octavianus genannt und seit dem 36. Lebensjahr der Nachwelt bis heute bekannt als Augustus. Der immer wieder mal wechselnde Namen steht symbolisch für die unterschiedlichsten Eigenschaften, die dem Gründer des römischen Kaiserreichs teils nachgesagt werden, teils wohl wirklich zu eigen waren.

Bis heute sind sich die Historiker nicht einig, was für ein Mensch er war und wie seine Bedeutung für den Ablauf der Weltgeschichte einzuschätzen ist. Da ist der am 23. September 63 vor Christus geborene Sohn aus etwas heruntergekommenem Adelsgeschlecht, der als Halbwaise bei der Großmutter aufwuchs und offenbar stark geprägt wurde von deren Bruder. Das war nämlich kein Geringerer als Gaius Julius Caesar, der sich gerade anschick­te, die römische Republik aus den Angeln zu heben und sich selbst zum Diktator auf Lebenszeit zu machen.

Caesar hatte dem Jüngling den unbedingten Willen zur Macht mitgegeben und wohl auch die Skrupellosigkeit, diesem Ziel alle moralischen und ideologischen Bedenken unterzuordnen. Folgerichtig hatte Caesar Octavius testamentarisch adoptiert und zu seinem Alleinerben bestimmt.

Da ist auf der anderen Seite der junge Mann, der zeitweise mit den erbitterten Gegnern seines Namensgebers sympathisiert und sich von dem überzeugten Republikaner Cicero als Gegenpart des caesartreuen Marcus Antonius instrumentalisieren lässt. Erst als ihm das opportun erscheint, wechselt er die Seite und wird zum Vollstrecker der Pläne Caesars.

Wie Caesar betreibt er das Ende der Republik, um sich dauerhaft als Alleinherrscher zu installieren. Hemmungslos und brutal ordnet er diesem Zweck jedes Mittel unter, lässt Freunde fallen, wenn sie ihm nicht mehr nützen, benutzt Feinde, wenn er sich davon einen Vorteil verspricht.

Aber anders als Caesar versteht er es geschickt, die res publica mit ihren eigenen Mitteln auszuhebeln. Klug nutzt er die republikanischen Institutionen, um deren traditionelle Machtbefugnis auszuhöhlen und auf sich herüberzuziehen.

Zugleich erweist er sich als Urvater der politischen Propaganda. Er reißt nicht einfach die Macht an sich, wie Caesar das versuchte. Er lässt sich wählen oder berufen, zum Konsul, zum Tribun, zum Pontifex maximus, zum „starken Mann“ des Triumvirats, schließlich zum Imperator. Der republikanische Senat, dessen Entmachtung er Schritt für Schritt vorantreibt, feiert ihn zugleich als „Retter der Republik“. Noch zwei Jahrtausende später lässt er Berthold Brecht an die „Kälber, die ihren Schlächter selber wählen“ denken und gibt das historische Vorbild für den demokratisch verbrämten Aufstieg eines Adolf Hitler oder Recep Tayyip Erdogan.

Historische Gerechtigkeit aber verlangt, nicht nur den jungen Octavianus zu sehen, der rücksichtslos seinen Weg nach ganz oben verfolgt. Zum Gesamtbild gehört eben auch der oben angekommene Augustus, der dem von 100-jährigem Bürgerkrieg zerfressenen Römischen Reich jahrzehntelangen Frieden und jahrhundertelange politische Stabilität beschert. Der den Bürgern Rechtssicherheit und Wohlstand gewährt. Der Kultur und Wissenschaft fördert. Der Anstand und Moral zu neuer Geltung verhilft, indem er das unwürdige Techtel-mechtel des einstigen Mitstreiters Marcus Antonius mit Kleopatra gewaltsam enden lässt.

Das Jahr 27 v. Chr. markiert die Wende. Der Senat tagt mehrere Tage, pro forma setzt er die altbewährte staatliche Ordnung mit ihren demokratischen und rechtsstaatlichen Elementen wieder ein, macht in Wirklichkeit aber den Weg frei zu einer neuen, monarchistischen Staatsform, indem er Octavianus zu Augustus (der Erhabene) macht. Von der alten Republik bleibt nur noch die Fassade – und die bewusst gepflegte Erinnerung an den Stadtgründer Romulus und den siegreichen Feldherrn Caesar.

Aber Augustus hat nicht nur wieder einmal den Namen gewechselt. Wir erleben nun einen völlig anderen Menschen. Nun dient militärische Macht fast nur noch dazu, die Grenzen und den Bestand des Reiches zu sichern; Eroberungszüge wie das mit der Varusschlacht kläglich beendete Germanien-Abenteuer bleiben die Ausnahme. Die ansonsten Jahrzehnte anhaltende Pax Augusta erweist sich als Wohlstandsmotor. Treffend beschreibt der Chronist Velleius Paterculus, wie das Volk die Herrschaft des neuen Kaisers wahrnahm: „Die Äcker fanden wieder Pflege, die Heiligtümer wurden geehrt, die Menschen genossen Ruhe und Frieden und waren sicher im Besitz ihres Eigentums.“

Der altehrwürdige Senat, entmachtet, aber immer noch existierend, durfte den Imperator im Jahre 2 vor Christus mit einem Titel ehren, der mehr als alle Historiker-Elogen aussagt über den Wandel vom brutal nach Macht strebenden Octavianus zum gütig und gerecht diese Macht ausübenden Augustus: pater patriae (Vater des Vaterlandes). Der durchaus PR-bewusste Kaiser, der auch diese Titulierung natürlich selber inspiriert hatte, wollte damit dem ganzen Volk signalisieren, wie sehr er an alte Traditionen anknüpft: der Herrscher als „primus inter pares“ (Erster unter Gleichen) wie einst der „princeps senatus“ (heute wäre das etwa der Parlamentspräsident), der seine Rolle als „pater familiae“ versteht, also als treusorgender Familienvater.

Dieses Amtsverständnis kennzeichnete Jahrhunderte später auch das preußische Königtum. Insbesondere Friedrich der Große sah sich als erster Diener des Staates. Auch er reformierte und stabilisierte den Staat zum Wohle der Bürger. Aber auch er schaffte das nicht ohne gelegentliche Härte und kriegerische Mittel. So erkennen wir im Alten Fritz nicht nur Augustus, sondern auch den jungen Octavianus.

Der Begründer des römischen Kaiserreichs erreichte das für damalige Verhältnisse durchaus stolze Alter von fast 77 Jahren. Am 19. August des Jahres 14 nach Christus, also vor 2000 Jahren, verstarb er in der Nähe von Neapel. Der Titel „der Große“ blieb ihm versagt – doch zählt er zu den ganz Großen der Weltgeschichte – mit dunklen Schatten, aber auch viel Licht.

Hans-Jürgen Mahlitz


Ihr gelang der Durchbruch in die Heimat
Im August/September 1939 fuhr die »Bremen« von New York nach Murmansk, und im Dezember von dort nach Wesermünde

Der Sommer 1939 war überschattet von der drohenden Kriegsgefahr in Europa. Die Reiselust war nur gering, doch viele Amerikaner nutzten die Gelegenheit, wieder in die Heimat zurückzukehren, bevor es zum Krieg kam. Der Schnelldampfer „Bremen“, das Flaggschiff der Reederei Norddeutscher Lloyd, das auf der Jungfernfahrt nach New York 1929 das „Blaue Band“ für die schnellste Atlantiküberquerung erhalten hatte, verließ am 23. August 1939 Europa. Bereits einen Tag später befuhr kein britisches, französisches oder polnisches Schiff mehr deutsche Hoheitsgewässer. Am 25. August 1939 sandte das Reichsverkehrsministerium die Weisung, dass alle Schiffe in die Heimat zurückkehren, den Englischen Kanal meiden und nur noch verschlüsselt funken sollten. Die „Bremen“ setzte jedoch unter Kapitän Adolf Ahrens den Weg nach New York fort, traf dort am Abend des 28. August 1939 ein und sollte bereits am nächsten Morgen wieder ohne Passagiere nach Bremerhaven zurückfahren. Mit fadenscheinigen Begründungen hielt jedoch die New Yorker Zollbehörde das Schiff für Durchsuchungen fest.

Erst am 30. August 1939 konnte die „Bremen“ abends den Hafen von New York verlassen, um bei strömendem Regen, schlechter Sicht und schwerer See den gefährlichen Heimweg anzutreten. Auf Ausweichkurs und möglichst unsichtbar für andere Schiffe, die ihre Position verraten konnten, schlich sich die „Bremen“ an Kanada und Neufundland entlang, währenddessen an Bord alle Vorbereitungen zur Selbstversenkung getroffen wurden. Zur besseren Tarnung strich die Besatzung das Schiff grau, denn nach Kriegseintritt der Engländer hatte die Jagd auf die „Bremen“ begonnen. Per Funk wurde die „Bremen“ durch die Dänemarkstraße nach Murmansk umgeleitet, wo das für die sommerliche Atlantiküberquerung ausgerüstete Schiff Schnee und Eis trotzen musste. Sechseinhalb Tage nach dem Aufbruch aus New York traf sie in dem sowjetischen Hafen unversehrt ein.

Die Weltpresse rätselte über das Verschwinden der „Bremen“, es wurden Vermutungen laut, die Engländer hätten das Schiff aufgebracht oder es wäre unter italienischer Flagge im Mittelmeer unterwegs. Um die Verpflegungssituation zu entschärfen, wurde der größte Teil der Besatzung nach Hause geschickt, es blieben nur etwa 70 Seeleute zurück. Neben den fehlenden Lebensmitteln war auch der Mangel an Heizöl ein Problem. Dieser konnte jedoch im Oktober durch ein einlaufendes deutsches Tankschiff behoben werden. Die Tage in Murmansk verliefen für die Besatzung ereignislos. Höhepunkt waren die Abende in den Klubhäusern für ausländische und russische Seeleute. Nachdem am 30. November der sowjetisch-finnische Winterkrieg ausgebrochen war, wurden die Überlegungen über einen erneuten Durchbruch in die Heimat immer stärker. Am 6. Dezember traf ein Transport mit 57 Mann aus Deutschland ein, um die „Bremen“ bereits am 10. Dezember 1939 wieder in Fahrt zu bringen.

Nach der Abfahrt aus Murmansk fuhr die „Bremen“ außerhalb der Sichtweite der norwegischen Küste und ab dem 12. Dezember unter dem Schutz deutscher Flugzeuge. Ein Versuch des englischen U-Boots „Salmon“, die „Bremen“ zu stoppen, wurde durch ein Flugzeug abgewehrt und so machte das Schiff am 13. Dezember wieder in Wesermünde fest. Der doppelt gelungene Durchbruch wurde als „Siegesfahrt der Bremen“ propagandistisch ausgeschlachtet und der Norddeutsche Lloyd beförderte Kapitän Ahrens zum Kommodore der Flotte.

Fortan diente die „Bremen“ als Wohnschiff der Kriegsmarine. Am 16. März 1941 nahm das Schicksal der „Bremen“ ein unrühmliches Ende. Durch ein Feuer, das ein Schiffsjunge gelegt hatte, brannte die „Bremen“ vollkommen aus. Die Einzelheiten der Tat wurden jedoch nie restlos aufgeklärt. Nach dem Abwracken 1946 wurde der Rest des Schiffskörpers weseraufwärts geschleppt und ist dort bei extremem Niedrigwasser immer noch sichtbar. Britta Heitmann


Erfolgreich mit »Kindermehl«

Der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt sitzt in der französischsprachigen Schweiz, doch sein Gründer ist ein Deutscher. Der am 10. August 1814 in Frankfurt am Main geborene Heinrich Nestle war der Sohn eines Glasermeisters. Nach einer Apothekerlehre ging er auf Wanderschaft. Möglicherweise wegen seiner Kontakte zur liberalen Opposition verschlug es ihn nach Vevey (Vivis) in der französischsprachigen Schweiz, wo er sich ab 1839 Henri Nestlé nannte. Dort wurde er erst Mitarbeiter des Stadtapothekers M. Nicollier, eines Schülers des deutschen Chemikers Justus von Liebig. Eine eigene Apotheke zu gründen blieb ihm verwehrt, aber mit Hilfe seines Arbeitgebers und der deutschen Verwandtschaft machte er den Schritt in die Selbstständigkeit.

Als erstes versuchte er es mit der Produktion von Mineralwasser und Limonaden, seiner Leidenschaft, und anderen Nahrungsmitteln. 1849 richtete er sich ein Laboratorium ein und fabrizierte, fußend auf den Erkenntnissen Liebigs, Mineraldünger sowie Flüssiggas, das er ab 1858 seiner neuen Heimatstadt Vevey für die Straßenbeleuchtung verkaufte. 1862 endete die Belieferung, da die Stadt vom Bezug von Flüssiggas auf die Eigenproduktion von Steinkohlengas überging.

Ein neues Produkt musste her und wieder wandelte Nestle auf den Spuren Liebigs. Nachdem letzterer 1865 die Muttermilch analysiert hatte und eine Anleitung zur ernährungswissenschaftlich richtigen, aber umständlichen Zubereitung einer modernen Säuglingsersatznahrung veröffentlicht hatte, entwickelte Nestle eine ebenso qualitativ hochwertige wie in der Herstellung kostengünstige Babynahrung namens „Kindermehl“. Der erste Test bei einem kranken Säugling verlief sehr vielversprechend und so setzten Nestle und seine Frau voll auf dieses Produkt. Das Kindermehl wurde auch ökonomisch ein voller Erfolg. Eigene Kinder blieben dem Ehepaar versagt. 1875 verkaufte Nestle das florierende Unternehmen samt seinem Namen und seiner Unterschrift an Geschäftsfreunde, um mit seiner Ehefrau einen geruhsamen Ruhestand zu genießen. Am 7. Juli 1890 starb Heinrich Nestle auf seinem Ruhesitz im schweizerischen Glion. Manuel Ruoff


S. 11 Preussen

Russen marschieren in die Mausefalle
Die deutsche 8. schlug einen Bogen um die Narew-Armee und bereitete damit den Sieg von Tannenberg vor

Nachdem Helmuth von Moltke als Chef des Großen Generalstabes die Notleine gezogen und Maximilian von Prittwitz und Gaffron am 22. August 1914 von der Führung der 8. Armee, die Ostpreußen verteidigen sollte, entbunden hatte, setzte er seine Hoffnungen auf einen Bürgerlichen: Erich Ludendorff.

Erich Friedrich Wilhelm Ludendorff war zu dieser Zeit erst 49 Jahre alt, aber bereits General. Manche im Generalstab hielten ihn für einen Genius. Er galt als „Held von Lüttich“, hatte er doch im gerade erst begonnenen Weltkrieg mit Lüttich eine der größten Festungen Europas genommen, wofür er als einer der ersten in diesem Krieg den Pour le Mérite erhielt. Ludendorff hatte einen Plan, aber er war dienstjung und die Generäle in Ostpreußen waren dienstälter als er. Er wurde deshalb „nur“ Chef des Stabes der 8. Armee. Für den Posten des Armeeoberbefehlshabers wurde ein alter ostdeutscher General reaktiviert, von dem nicht zu befürchten war, dass er Ludendorffs Pläne durchkreuzte: Paul von Hindenburg.

Die beiden unterschiedlichen Generäle ergänzten sich sehr gut. Ludendorff galt zwar als intelligent und begabt, aber nervenschwach. Hindenburg hingegen entsprach nicht nur von seinen Körpermaßen her dem Ideal einer deutschen Eiche. Er war von stoischer Ruhe. Hindenburg schien einem Fels in der Brandung zu gleichen, an dem die russischen Invasoren zerschellten. Einen Mann von solch großväterlicher Souveränität hatten die Deutschen seit Wilhelm I. und dessen Kanzler Otto von Bismarck nicht mehr an ihrer Spitze gehabt. Friedrich III. hatte nur 99 Tage regiert und Wilhelm II. verkörperte eher Umtriebigkeit, Modernität und Fortschrittsglauben. Hindenburg hingegen entsprach eher dem Typus des Vaters des Vaterlandes. In guten Zeiten scheint dieser Typus überflüssig, aber in schlechten greift man gerne darauf zurück. Das galt für den Ersten Weltkrieg nach dem Ausbleiben der kriegsentscheidenden Anfangserfolge genauso wie in der krisengeschüttelten Endphase der Weimarer Republik.

Am 23. August übernahm Hindenburg mit Ludendorff als seinem Stabschef das Kommando über die 8. Armee. Seinen neuen Untergebenen stellte er sich mit den Worten vor: „Wir wollen Vertrauen zueinander fassen und gemeinsam unsere Schuldigkeit tun.“ „Das ist typisch Hindenburg: warmherzig und völlig ohne Phrase“, um es mit Franz Uhle-Wettler zu sagen. Man könnte auch sagen: die rechten Worte zur rechten Zeit.

Ludendorff und Hindenburg wagten nun das fast Unfassbare. Mit einem absoluten Mindestmaß an Kräften verzögerten sie den Vormarsch der Njemen-Armee Richtung Westen, Richtung Berlin, während das Gros der 8. Armee sich von der Njemen-Armee löste und im Süden Ostpreußens die Narew-Armee einkesselte und vernichtete. Doch Schritt für Schritt.

Am 19. August hatte die Narew-Armee Ostpreußens Südgrenze überschritten. Es waren die Tage der Schlacht bei Gumbinnen. Zu dieser Zeit stand das Gros der deutschen 8. Armee mit dem I., dem XVII. und dem I. Reservekorps der Njemen-Armee gegen­über. Zwischen der Narew-Armee und Allenstein stand quer zur Marschrichtung der Russen und parallel zur ostpreußischen Südgrenze nur das XX. Armeekorps als Sperrriegel.

Dieses XX. Korps erhielt nun von Hindenburg den Befehl, notfalls zurückzuweichen, aber auf keinen Fall zu brechen. Zur Unterstützung dieses Korps wurde als erstes das I. Armeekorps per Bahn in einem großen Bogen an ihren rechten Flügel verlegt. Das I. Reservekorps und das XVII. Korps folgten später, mit dem Ziel, den linken Flügel des XX. Korps zu unterstützen.

Bevor es dazu kam, gab jedoch am 24. August der linke Flügel des XX. Korps nach. Das Korps vollzog einen Rückwärtsschwenk um seinen fast stehen bleibenden rechten Flügel und gab damit der Narew-Armee den Weg Richtung Nord­osten frei.

Alexander Samsonow teilte daraufhin die von ihm befehligte Narew-Armee. Der Hauptteil blieb am Feind und vollzog den Schwenk des XX. Korps nach. Das rechte VI. Armeekorps allerdings ließ er Richtung Nordosten marschieren, um die Verbindung mit der Njemen-Armee her­zu­stellen. Stattdessen stieß das Korps aber auf das deutsche XVII. und das I. Reservekorps, die auf dem Weg Richtung Südwesten waren, um sich dem linken Flügel des XX. Korps anzuschließen. Das russische VI. Korps wurde abgedrängt und stand Samsonow fortan nicht mehr zur Verfügung.

Ebenso wie das VI. Korps auf dem rechten Flügel ging der Narew-Armee auf dem linken Flügel ihr I. Korps verloren. Es vollzog den Einmarsch in Ostpreußen nämlich nicht mit. Es blieb nahe der ostpreußischen Südgrenze stehen, um die russischen Versorgungslinien auf polnischem Gebiet gegen Westen zu decken.

Wieder zeigte Hermann von François seine Eigensinnigkeit. Er verzögerte und verschleppte den deutschen Angriff auf die Narew-Armee, weil er erst die vollständige Entladung seines mit der Eisenbahn angereisten I. Armeekorps abwarten wollte. Diese Verzögerung war für die Deutschen insofern von Vorteil, als die Narew-Armee dadurch immer tiefer in das südliche Ostpreußen und damit in die Mausefalle mit Deutschen im Westen, Norden und Osten hineindrang. Nun musste „nur“ noch in der Tannenbergschlacht der Sack unten, sprich an der ostpreußischen Südgrenze, dicht gemacht werden. Manuel Ruoff


Albrecht gründete bahnbrechende Universität
Anders als in Rostock und Greifswald waren in Königsberg die Bürger nicht an der Gründung beteiligt

Der 17. August 1544 war ein bedeutender Tag in der Geschichte Ostpreußens. An diesem Tage – es war ein Sonntag – eröffnete Herzog Albrecht feierlich die von ihm in Königsberg gegründete Universität im Kollegiengebäude am Dom und führte den Rektor Georg Sabinus, Philipp Melanchthons Schwiegersohn, und die Professoren in ihre Ämter ein.

In mancherlei Hinsicht nahm die junge Universität von vornherein eine Sonderstellung ein. So waren rund ein Jahrhundert zuvor die Universitäten Rostock und Greifswald auf die Initiative oder doch mit Unterstützung der Bürgerschaft ins Leben gerufen worden. In Königsberg war das anders. Zwar gab der Kneiphof den Grund und Boden her und half beim Aufbau des Hauses, aber nur gegen erhebliche Gegenleistungen. Der Stifter war der Herzog, und so war die Albertina von vornherein eine Landesuniversität, der die Aufgabe zugedacht war, Theologen, Juristen und Ärzte auszubilden für die Bedürfnisse des Landes.

In vorprotestantischer Zeit wäre die Königsberger Universität höchstwahrscheinlich aus dem Domkapitel hervorgegangen. Das bestand aber seit 20 Jahren nicht mehr. Dennoch gab es einen Zusammenhang, wurde doch die Albertina auf dem ehemaligen Besitz des Bistums Samland errichtet, und die enge Verbindung zwischen Universität und Dom war schon dadurch gegeben, dass die Pfarrer der drei großen Stadtkirchen zugleich an der Albertina Lehrstühle innehatten. Vom Begründer war ihr bewusst die Aufgabe zugedacht, den lutherischen Glauben in der Landeskirche zu festigen und zu bewahren. Katholiken und Männer jüdischen Glaubens konnten nicht Professoren werden. Im Übrigen pflegte sie bewusst den Geist des Humanismus, den der Herzog an seinem Hofe einzuführen bemüht war.

Von dieser Grundlage her und unauslöschbar hat die Albertina ihre Gestalt in die Geistesgeschichte Preußens und weit darüber hinaus in die der Menschheit hineingestellt. Seit den Tagen Herzog Albrechts hat Königsberg an Gewicht im internationalen Gespräch um Beträchtliches zugenommen. Nicht nur wurden von hier unendliche Fäden ins deutsche Land gesponnen, bereits in jenen Tagen begann ein Prozess der Wechselwirkung zwischen der neuen Gründung und anderen Schulen des Landes, die der weitblickende Herzog anlegte, wobei wie von selbst die Grundlage für das eigenständige Geistesleben des Landes Preußen entstand, das uns alle genährt hat bis auf den heutigen Tag.

Darüber hinaus wird es immer denkwürdig-wichtig bleiben, wie König Friedrich Wilhelm I. das schwer darniederliegende ostpreußische Land nur dadurch neu beleben konnte, indem er sich der Hilfestellung der Universität bediente. Gerade er, dem man eine Feindschaft gegen den Geist nachsagte, knüpfte an die Kräfte an, über die der Mensch in seiner Einsamkeit und Hilflosigkeit verfügt, an den Glauben. Schon der Große Kurfürst hatte sich der Einsicht bedeutender Gelehrter, die an der Albertina wirkten, bedient, um eine neue staatliche Ordnung vorzubereiten.

Aus dieser gewachsenen Geisteswelt entspringt schließlich die Lehre von Immanuel Kant, der seiner Universität und damit auch seinem Land Weltruf bereitet. Bis in sein hohes Alter hinein hat Kant um den letzten Sinn dieser Welt gerungen. Was er und neben ihm der Philosoph und Kameralwissenschaftler Christian Jakob Kraus in den Hörsälen entwickelten, das strömte in die große Zeit Preußens hinein. Die Freiheit des einzelnen zu Verantwortlichkeit vor der Gesamtheit, das war der Gedanke, der eine neue Epoche der preußischen und damit auch der deutschen Geschichte eingeleitet hat. Niemand kann bestreiten, dass in diesem Vorgang das Wesen der Albertus-Universität nachhaltig verwoben ist.

Zugleich hat der Ruhm Kants auch die Regierung veranlasst, der Albertina eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wilhelm von Humboldt gab der Wirksamkeit neue Impulse. Der Sinn moderner Wissenschaftlichkeit, geschult an Kantschen Ideen, fand nun vielfältigen Ausdruck im Lehr- und Forschungsbetrieb. Vor allem waren es die Naturwissenschaften, die nun am Ausgang einer stolzen Entwicklung standen, und im Laufe des Jahrhunderts sind größte Leistungen von der Albertina ausgegangen, die bahnbrechende Bedeutung für den Gang der Wissenschaft überhaupt erlangt haben. E.B.

(siehe auch Seite 13)


Bruch mit der Tradition

Alle preußischen Könige hießen entweder Friedrich, Wilhelm oder Friedrich Wilhelm. Was die Spitze des Hauses Hohenzollern anging, schien diese Tradition auch für die Zeit nach der Novemberrevolution fürs Erste gewahrt. Wilhelms II. 1882 geborener Ältester und dessen 1906 geborener Ältester hießen beide Wilhelm. Ein zumindest vorläufiges Ende fand diese Tradition, als der älteste Sohn des letzten Kronprinzen 1940 fiel, ohne einen Sohn hinterlassen zu haben. An seine Stelle trat deshalb sein nächstjüngerer Bruder Louis Ferdinand. Mit diesem wurde nach dem Tod des Kronprinzen im Jahre 1951 erstmals seit langer Zeit kein Friedrich und/oder Wilhelm Chef des Hauses.

Allerdings schien die nun beginnende sowohl Friedrich- als auch Wilhelm-lose Ära nur eine Episode, denn Louis Ferdinands 1939 zur Welt gekommener ältester Sohn hieß wieder Friedrich Wilhelm. Doch abermals ließ das Schicksal es anders kommen. Louis Ferdinands Ältester heiratete 1967 mit Waltraud Freydag eine Bürgerliche und verlor damit seine Ansprüche. Sein nächstjüngerer Bruder Michael war keine Alternative, hatte er doch bereits vor Fried­rich Wilhelm mit Jutta Jörn eine Bürgerliche getraut. So wurde nun Louis Ferdinands dritter Sohn gleichen Namens, der damals noch ledig war, designierter Nachfolger seines Vaters als Chef des Hauses.

Louis Ferdinand junior, wie er manchmal auch zur Abgrenzung von seinem Vater genannt wird, heiratete 1975 Donata Emma Gräfin zu Castell-Rüdenhausen und wusste, dass sein ältester Sohn voraussichtlich einmal Chef des Hauses Hohenzollern werden würde. Trotzdem entschieden sich er und seine Frau für den Namen Georg Friedrich, als der Stammhalter 1976 zur Welt kam. Dieses war insofern eine Premiere, als nun erstmals bewusst mit der Tradition der Friedrichs, Wilhelms und Friedrich Wilhelms an der Spitze des Hauses gebrochen worden war. Auch Louis Ferdinands erster und einziger Sohn kehrte nicht zu der Namenstradition zurück. Als sich zwei Jahre nach seiner Heirat mit Sophie Prinzessin von Isenburg der erste Nachwuchs einstellte, entschied sich das Paar, seinen Zwillingen die Namen Carl Friedrich und Louis Ferdinand zu geben. Eine Rückkehr zur alten Namenstradition ist bis auf Weiteres nicht in Sicht. Louis Ferdinand hat insofern eine für die Spitze des Hauses Hohenzollern möglicherweise wegweisende Entscheidung getroffen, auch wenn er selber wegen eines tödlichen Manöverunfalls im Jahre 1977 nie Chef des Hauses Hohenzollern wurde, vielmehr sein Sohn nach seines Vaters Tod 1994 direkt dessen Nachfolger wurde. M.R.


S. 12 Leserforum

Leserforum

Wichtiges Verbindungsglied

Zu: Letzte Attacke gegen Garnisonkirche (Nr. 31)

Der Bericht spielt den Ball in eine falsche Richtung. Denn auch wenn man die Argumente der Gegner eines Wiederaufbaus der Garnisonkirche nicht teilen muss, da jene sehr oft nicht wenig Polemik enthalten, handelt es sich hierbei immer noch um eine Gruppierung aus der Mitte der Gesellschaft. Die, was in einer Demokratie ihr gutes Recht ist, nicht so schnell aufgeben wird. Deswegen hätten die Befürworter vor allem die Potsdamer wesentlich besser über den eigentlichen Kerngedanken der (Versöhnungs-)Idee aufklären müssen.

Kaum ein anderes historisches Gebäude in Deutschland eignet sich mehr dazu, um insbesondere das Eliteversagen von 1933 in einer wissenschaftlichen Dokumentation einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen. Weshalb es hier auch nicht um einen Konflikt zwischen Alteingesessenen und Uralteingesessenen geht, sondern um ein Projekt, das Vergangenheit und Zukunft verbinden soll.

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

 

 

Nicht sauber verhalten

Zu: Weder Chauvinist noch Autokrat (Nr. 31)

Ein erstklassiger Artikel! Die damaligen preußischen Offiziere, zu denen mein Vater gehörte, hätten es lieber gesehen, wenn der Kaiser an der Spitze seiner Truppen nach Berlin geritten wäre. Er hätte seinen Thron verteidigen und notfalls zugunsten seines Sohnes abdanken müssen. Der Kronprinz wäre ein außerordentlich guter Kaiser gewesen. Die „Wertegemeinschaft“ hätte dies aber wohl nicht zugelassen, so dass das Unglück, welches über uns und die Welt gekommen ist, seinen Lauf genommen hätte.

Der große Hindenburg hat sich bei der Abdankung dem Kaiser gegenüber nicht ganz sauber verhalten. Die Tochter des Kaisers, Viktoria, schreibt in ihren Erinnerungen, man habe bei den Verwandten, dem russischen Zaren und dem englischen König, versucht, den Krieg zu verhindern, habe aber feststellen müssen, dass diese nichts zu sagen hatten, sondern dass ganz andere Kräfte im Hintergrund wirkten.

Karin Khemlyani-Albrecht, Bendestorf

 

 

Menschen zweiter Klasse

Zu: Madrid soll 2020 fallen (Nr. 29)

Unsere Nachrichtengeber werden schon wissen, wie auch diese Information zu verharmlosen ist. Da ordnet die Führung des „Islamischen Staates“, den wir bis vor einigen Tagen Isis nannten, an, alle Frauen zwischen elf Jahren und 48 Jahren „genital zu verstümmeln“. In deren Machtbereich werden also ab sofort alle Frauen ihrer Klitoris beraubt, ohne Rück­sicht, mit purer Gewalt, denn es ist von Allah gewollt.

Der Machtbereich dieser Islamisten breitet sich weiter aus, auch mit Hilfe der in Deutschland lebenden „Gotteskrieger“. Wie hat noch unser ehemaliger Bundespräsident Wulff gesagt? „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Hat er etwa daran gedacht, dass auch bei uns im Mittelalter Frauen Menschen zweiter Klasse waren und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, weil sie zum Beispiel rothaarig waren?

Wie können wir uns vor dem Islamismus schützen, der ja auf leisen Sohlen auch zu uns kommt und erst auf Kriegswaffen umsteigt, wenn ihm die Zeit dazu reif scheint. Ach ja, uns Männern passiert nicht viel, wir lernen halt, uns gen Mekka zu verbeugen und auf dem Gebetsteppich zu knien, aber was gehen uns unsere Frauen an? Sie werden halt lernen zu gehorchen. Und wenn sie voll verschleiert sind, sieht man noch nicht einmal das schmerzverzogene Gesicht nach der Beschneidung. Auch müssen wir dann keine Angst mehr haben, sie könnten sich von uns scheiden lassen wollen, denn dagegen hilft Steinigung.

Gerhard Hahl, Altenholz

 

 

Kollateralschaden

Zu: Mit aller Macht gegen Putin (Nr. 31)

Bingo! Es stimmt: Die Sanktionen und die Hetze gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin dienen allein geostrategischen Interessen. Sie nutzen den Verei­nigten Staaten, um einen Keil zwischen die EU (speziell Deutschland) und Russland zu treiben. Die US-Amerikaner sehen ihre Weltmachtsphantasien in Gefahr, wenn Europa und Russland zu sehr harmonieren.

Sollte sich die Krise von einem kalten zu einem wirklichen Krieg ausweiten, so würde dieser vom Westen natürlich hauptsächlich mit US-Waffen via Deutschland ausgeführt und wir könnten als „bedauerlicher“ Kollateralschaden von der Landkarte und auch aus der Geschichte verschwinden. Manch einem wäre das wohl nicht einmal so unangenehm. Es kann eben auch der Frömmste nicht …

Eva-Maria Licht, Herrsching

 

 

Wählbare CSU

Zu: Zurück zu den Wurzeln (Nr. 31)

Ich würde mir von Herzen wünschen, dass die CSU wieder zu ihren konservativen Wurzeln (als es noch die Deutschland-Stiftung und das dazugehörende CDU/CSU-nahe Nachrichtenmagazin „Deutschlandmagazin“ gegeben hat) zurückfindet. Wenn die CSU bundesweit antreten würde mit Sitz in Berlin und mit schwarz-rot-goldenem CSU-Logo, vom Geist und Inhalt her in etwa identisch mit der Deutschen Sozialen Union (DSU), dann würde ich die CSU mit ganzer Kraft unterstützen und diese dann auch wählen.

Christoph Hölker, Recklinghausen

 

 

Recht blauäugig

Zu: Vieles erscheint faul (Nr. 30)

Auslöser der ganzen Ermittlungen zu dieser Mordserie der rechtsradikalen NSU-Terrorzelle war ja der angebliche „Selbstmord“ der beiden Hauptverdächtigen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Diese sollten sich nach einem „geglückten“ Bankraub in Eisenach angeblich selbst in ihrem Wohnmobil getötet haben, nachdem sie dieses zuvor noch angezündet hatten.

Nach allem, was danach so alles langsam an die Öffentlichkeit kam von US-amerikanischen Geheimdienstlern, die sich in der Nähe des Polizistenmords von Heilbronn aufgehalten haben sollen bis zu dem – auch in der obigen Buchbesprechung geschilderten – Aufenthalt des deutschen Verfassungsschützers in einem Internetcafé in Kassel, stinkt hier doch von Anfang an alles dermaßen zum Himmel.

Wer hier noch an doppelten „Selbstmord“ der beiden Top-Terroristen glaubt, der glaubt auch an den Weihnachtsmann.

Herbert Schmidt, Schauenburg

 

 

Opfer der Entrüstungsorgie

Zu: Zu wenig für Neuanfang (Nr. 30)

Der Artikel fasst die aussichtslose Situation der Partei der Republikaner (Rep) trefflich zusammen. Es ließe sich noch vieles ergänzen. Hauptsächlich für den beispiellosen Niedergang der Partei war natürlich die repressive Verfolgung seitens des Staates sowie die diffamierende Berichterstattung der Medien seit ihrer Gründung. Beamte, die Mitglieder der Rep waren, wurden entlassen, mit Disziplinarmaßnahmen überzogen oder mit lebenslänglichem Beförderungsstopp „belohnt“.

In den 90er Jahren wurde der saarländische Rep-Vorsitzende Weiss als Polizeibeamter mit 36 Jahren in den Ruhestand versetzt. Später versuchte die saarländische Justiz in Einklang mit der gleichgeschalteten „Saarbrücker Zeitung“ ihm einen Mordversuch an seiner Freundin anzuhängen. Das Verfahren wurde ergebnislos eingestellt, sorgte aber für negative Schlagzeilen.

Zielgerecht vor Wahlen trat mal der Bundesorganisationsleiter (VS-Agent) mit seiner Freundin (Bundesvorstandsmitglied) zurück; er durfte dann zur besten Sendezeit sich im ZDF bei Ruprecht Eser über die angebliche Radikalität ausweinen. Danach verschwanden beide in der Versenkung. 1999 wollte der damalige Verteidigungsminister Scharping zwei brave Feldwebel der Bundeswehr um ihre Ruhestandsbezüge bringen, was sehr knapp verhindert werden konnte.

Ganz interessant: Ende der 80er Jahre sprach die langjährige Europa-Abgeordnete der CDU im Saarland auf einer Mitgliederversammlung der CDU-Wiebelskirchen davon, „dass vielleicht irgendwann mal die Rep als stiller Koalitionspartner infrage kämen“. Sie wurde sofort energisch zu­rück­gepfiffen. Die nicht gerechtfertigte Erwähnung im VS-Bericht machte der Partei zu schaffen; die letztendliche Tilgung brachte keine besseren Wahlergebnisse.

Die schikanöse, diffamierende Personalpolitik von Schönhuber (intellektuelles Kraftwerk ohne Sicherungen, rhetorisch glänzend) wurde von Dr. Schlierer fortgesetzt, er widmete diesem Anliegen den Hauptteil seiner Zeit. Der jetzige starke Mann der Rep, Gärtner, versucht neuerdings zur Gaudi des politischen Gegners, mit Schwarzafrikanern auf Wahlplakaten auf Stimmenfang zu gehen. Vergeblich! In seiner Bilanz muss man dem Doppelakademiker Schlierer recht geben: Die Rep sind Geschichte und ein passendes Beispiel für die Vernichtung von Parteien, die sich nicht der „political correctness“ beugen.

Markus Krämer, Allendorf


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Russen ehren deutsche Professoren
Gedenksteineinweihung am »Tag der Stadt« – Druck der Öffentlichkeit brachte Investor zum Einlenken

Immer wieder wird in Königsberg heftig um den Erhalt des deutschen Kulturerbes gestritten. So auch um die Grabstätten des Gelehrtenfriedhofs auf dem Hügel, wo einst das Observatorium stand. Dem engagierten Einsatz von Bürgerintiativen ist es zu verdanken, dass am „Tag der Stadt“ ein neuer Gedenkstein für die ehemaligen Professoren der Albertina enthüllt werden konnte.

An der Enthüllungszeremonie nahmen die Abgeordneten des Stadtrats Andrej Kropotkin, Andrej Schumilin und Jewgenij Bercholas, dessen Baufirma das Denkmalprojekt in die Tat umgesetzt hatte, teil. Auf der Gedenktafel sind die Namen der Albertina-Professoren zu lesen, die in Königsberg gelebt und gewirkt haben. Neben ihren Lebensdaten wird über ihr jeweiliges Wissenschaftsgebiet informiert.

Zahlreiche Wissenschaftler und Künstler nahmen an der Enthüllungszeremonie teil. Sie legten Blumen an der Gedenkstätte nieder. Ein Zeichen dafür, dass dieser historische Ort für viele Stadtbewohner von Bedeutung ist.

Genau darüber war zuvor heftig gestritten worden. Als bekannt wurde, dass an dem Ort des ehemaligen Gelehrtenfriedhofs ein Mehrfamilienhaus entstehen sollte, hatten sich Bürgerinitiativen vehement für den Erhalt des historisch bedeutenden Ortes eingesetzt. Dies entfachte einen öffentlich geführten Streit darüber, inwieweit dieses Gelände in der Stadtmitte für die Geschichte und das historische Erbe Königsbergs überhaupt von Bedeutung sei. Während die eine Seite sich für den Erhalt des Professorenfriedhofs an der historischen Stätte einsetzte, bezweifelten andere, dass es sich um den Professorenfriedhof handele, da die Grabstätte nicht genau zu verorten seien und es fraglich sei, ob die Professoren hier begraben seien.

Nachdem Gouverneur Nikolaj Zukanow sich in die Diskussion eingemischt und ein genaueres Studium der Geschichte angemahnt hatte, fühlte sich auch die Stadtverwaltung genötigt, Stellung zu beziehen. Königsbergs Bürgermeister Alexander Jaroschuk ordnete eine Untersuchung im Gebietsarchiv an, um die genaue Lage des Gelehrtenfriedhofs festzustellen. Um die Spannungen in der Stadtführung zu glätten, wurde beschlossen, eine Gedenktafel aufzustellen. Der Investor, dem das Grundstück als Baugrund zugesprochen worden war, erklärte sich bereit, einen Teil für die Errichtung einer Gedenkstätte abzugeben. Der Bildhauer Walerij Kowaljow wurde mit der Herstellung des Denkmals beauftragt, das nun der Öffentlichkeit übergeben wurde. Den oberen Teil des Gedenksteins ziert eine Darstellung des Gründers der Albertina, Herzog Albrecht. Der Raum um die Gedenkstätte wurde in Form eines halbrunden Amphitheaters angelegt. Der Vorsitzende des Stadt-rats, Andrej Kropotkin, erklärte diese Aufteilung damit, dass die Studenten und jungen Wissenschaftler der Stadt über ihre zukünftigen wissenschaftlichen Entdeckungen nachdenken könnten, wenn sie auf den Bänken säßen,

Unter den geehrten Professoren sind der Gründer des Königsberger Observatoriums, der berühmte Astronom und Mathematiker Friedrich Wilhelm Bessel, der Medizinprofessor und Chirurg Karl Ernst Albrecht Wagner, der Chemieprofessor Gustav Werther, der Königsberger Oberbürgermeister und Schriftsteller Theodor von Hippel, der Direktor des Botanischen Gartens Robert Caspary, der Komponist und Musikprofessor Louis Köhler, der Philologe Karl Lehrs, der Physiker Franz Ernst Neumann, der Mathematikprofessor Friedrich Julius Richelot sowie der Philologe und Schriftsteller Johann Karl Rosenkranz.

Der Gedenkstein zu Ehren der deutschen Professoren liegt in unmittelbarer Nähe des neu errichteten Denkmals für den Ersten Weltkrieg.

Jurij Tschernyschew(siehe auch Seite 11)


Zarin Elisabeth verrostet
Aufgrund massiver Baumängel: Das Fundament des Denkmals wird zur Tropfsteinhöhle

Nicht nur alten deutschen Denkmälern, sondern auch neuzeitlichen russischen droht der Verfall: In Pillau ist die erst 2004 errichtete, 16 Tonnen schwere Statue der Zarin Elisabeth gefährdet, das als eines der markantesten Wahrzeichen Pillaus gilt.

Die Idee, in Pillau der russischen Zarin Elisabeth Petrowna ein Denkmal zu setzen, entstand in Moskau schon Ende der 90er Jahre. Zurzeit der Herrschaft Elisa­beths geriet während des Siebenjährigen Krieges Ostpreußen für einige Jahre unter russische Herrschaft. In diesem Sinne sollte die Wahl des Ortes im „westlichsten Zipfel Russlands“ eine symbolträchtige gesellschaftspolitische Wirkung erzielen. Die Realisierung des Projekts oblag dem russischen Ministerium für Kultur.

Als Fundament für das monumentale Denkmal dient ein in der Art einer Festung gestalteter Unterbau. Planung und Ausführung wurden gemeinsam mit der regionalen öffentlichen Stiftung „Fort Elisabeth“ umgesetzt. Die Leitung hatte der vormalige Bürgermeister Fjodor Jaroschewitsch übernommen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Stiftung, in deren Besitz sich das Fundament befindet, öffentliche Mittel erhalten, aber die Bauarbeiten daran nicht zu Ende geführt hat. So kam es, dass im Laufe der Zeit in das hohle Fundament Wasser eindrang und das Bauwerk durchfeuchtet hat. Und das in einem solchen Ausmaß, dass sich im Innenraum sogar Stalaktiten gebildet haben. Statt des geplanten Museums im Inneren der Festung entsteht nun ungewollt eine Tropfsteinhöhle. Die Stützkonstruktion aus Metall rostet und verliert an Festigkeit. Da die innen hohle Bronzestatue Kontakt mit dem Sockel hat, wird auch sie von der Feuchtigkeit beeinträchtigt. Das Problem könnte eigentlich leicht gelöst werden, aber wie so oft, verhindern ungelöste Rechtsfragen die Arbeitsaufnahme. Die Stiftung „Fort Elisabeth“ ist Eigentümerin des Fundaments, auf dem die Statue steht. Die Skulptur selbst gehört aber dem Ozeanmuseum in Königsberg. Die Mitarbeiter des Museums dürfen das Innere des Fundaments nicht betreten. Das Museum zog deshalb 2009 sogar schon vor Gericht und gewann auch die Klage. Doch bis heute verweigern die Eigentümer den Zutritt zur Festung,

Inzwischen ist deutlich sichtbar, dass das Denkmal repariert werden muss. Da es keine Möglichkeit gibt, den Zustand des Fundamants zu beeinflussen, hat das Ozeanmuseum nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Denkmal nach Königsberg an das Pregelufer zu holen oder es dem Verfall zu überlassen. Die Stadt Pillau sieht auch keine Möglichkeit, sich um den Erhalt der Skulptur zu kümmern, da sie keine Mittel frei hat.

Dabei sollte die majestätische Statue der Zarin ursprünglich ähnlich wie die Freiheitsstatue in New York ankommende Schiffe begrüßen. Sie sollte darüber hinaus von der wiedererlangten Größe Russlands zeugen. J.T.


MELDUNGEN

Waldbrände auf der Nehrung

Nidden – Infolge der über Wochen anhaltenden Trockenheit mit Temperaturen von zeitweise 38 Grad Celsius brachen vergangenen Monat auf der Kurischen Nehrung mehrere Waldbrände aus. Dank des wirkungsvollen Einsatzes der Feuerwehr und der Ordnungskräfte des Naturparks konnten diese bislang eingedämmt und beendet werden. Ein offensichtlich sehr gut funktionierendes Meldesystem sorgte für einen sofortigen und lagebezogenen Einsatz. Neben Löschfahrzeugen mit mobilen Wassertanks kamen auch mehrere Hubschrauber zum Einsatz. Diese schöpften aus der Ostsee mit besonderen Vorrichtungen Wasser, das über den Brandstellen abgelassen wurde. Eine Gefährdung zeichnete sich bisweilen für die Autos von Badenden an wenig besuchten Strandabschnitten ab, falls diese in den Zufahrten von Waldwegen abgestellt waren. Aber auch in diesen Fällen suchte die Polizei die Badegäste rechtzeitig direkt am Strand auf und informierte sie über die herannahende Gefahr. Bisher ist durch das umsichtige Agieren der zuständigen Stellen niemand durch die Waldbrände zu Schaden gekommen. W.T.R.

 

Mit Preisträger nach Nidden

Hamburg – Christian Papendick, im Kulturforum der Reemtsma-Stiftung im Hanna-Reemtsma-Haus in Hamburg-Rissen tätiger Kulturpreisträger der Landsmannschaft Ostpreußen, fährt vom 9. bis 19. Sep­tember mit einer Reisegruppe auf die Kurische Nehrung. Von Kiel aus geht es per Schiff nach Memel. Nach der Ankunft im Fährhafen geht es per Bus und Autofähre nach Nidden, wo die Gruppe in dem direkt am Kurischen Haff gelegenen ehemaligen Künstlerhotel Hermann Blode, jetzt Nidos Smilte, Quartier bezieht. Im Programm ist ein Rundgang durch Nidden vorgesehen mit dem Besuch der Fischerkirche und des berühmten Fischerfriedhofs. Ferner aufgesucht werden der nördliche Ortsteil mit Fischer- und Künstlerhäusern, darunter das Thomas-Mann-Haus, die Bernsteingalerie von Kazimiras Mizgieris und der Ortsteil Haken mit einem Gartenlokal. Weiter stehen auf dem Programm Busfahrten zur Hohen Düne, den nördlichen Fischerdörfern Preil und Perwelk sowie Schwarzort. Per Schiff geht es über das Kurische Haff ins Memeldelta. Zwischendurch gibt es einen freien Tag, zum Beispiel für einen Strandaufenthalt. Mit dem Bus wird Königsberg angefahren, wo einem Orgelkonzert im wieder aufgebauten Dom gelauscht wird. Auch eine Fahrt nach Memel samt Stadtbesichtigung steht auf dem Programm. Am 18. September heißt es Abschied nehmen von Nidden. Abends geht es zurück nach Kiel, wo man gegen 19 Uhr ankommt. Nähere Informationen erteilt Christian Papendick, Kriemhildstraße 15D, 22559 Hamburg, Telefon (040) 81958370 oder (040) 3802060. C.P.


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

es ist immer erfreulich, wenn sich ein geplantes Vorhaben realisiert und bis zur Vollendung gebracht werden kann. So sage ich Herrn Heinz Timmreck aus Bad Salz­uflen meine Anerkennung für die großartige Recherchearbeit, die er geleistet hat – ja, wieder geleistet hat, muss man sagen, denn Herr Timmreck lässt seinem ersten Buch „Letzte Flüchtlingszüge aus Ostpreußen“ nun einen Ergänzungsband folgen, der vorerst den Arbeitstitel „Flucht mit der Bahn 1944/45“ trägt. Das Buch soll im Spätherbst erscheinen, die Arbeit liegt jetzt als Manuskript vor und nach einigen, wenn auch leider nur kurzen Blicken in die Seiten, wird es eine Fülle von Berichten enthalten, von denen einige aus dem Kreis unserer Ostpreußischen Familie kommen. Denn ich hatte ja unsere Leser und Leserinnen nach der Besprechung des ersten Buches von Heinz Timmreck über seine weiteren Pläne informiert. Bereits im Dezember 2012 hatte er mir mitgeteilt, dass er einen Ergänzungsband plane, weil er nach dem Erscheinen seines ersten Buches weitere Berichte und Dokumente erhalten habe. Der eigentliche Anstoß zu diesem neuen Band kam von dem im selben Ort wohnenden Schriftsteller Heinz Schoen, der Herrn Timmreck beratend zur Seite stand. Leider verstarb der bekannte Autor mitten in dieser Vorbereitungsarbeit, und Heinz Timmreck musste die in seinem Sinne angefangene Arbeit allein fortsetzen, die nun abgeschlossen ist – bis auf einige Ergänzungen und Korrekturen. Aus diesem Grunde hat sich Herr Timmreck an mich gewandt mit der Bitte, einige seiner Fragen an unsere Leserschaft weiterzugeben. Sie beziehen sich vor allem auf die Illustration, denn er ist noch immer auf der Suche nach geeigneten Fotos. Dazu schreibt Herr Timmreck:

„Leider sind Aufnahmen von der Flucht mit der Bahn äußerst rar. Als Titelbild hatte ich mir das Foto eines an der Marienburg Richtung Westen vorbei fahrenden Zuges vorgestellt. Es existiert tatsächlich, denn es ist in der Ausgabe des Ostpreußenblattes Folge 4/1974 abgebildet. Der Text dazu lautet: ,Auf der Fahrt nach Berlin: Ein Königsberger D-Zug passiert die Marienburg‘. Als Quelle wurde unter dem Foto ,Kahrau‘ angegeben.“

Leider lässt sich nach so langer Zeit nicht mehr der betreffende Einsender der Aufnahme zurückverfolgen, eine Suche im Internet blieb leider auch erfolglos. Falls jemand hier bei der Spurensuche nach der richtigen Quelle helfen kann, bitte an Herrn Timmreck schreiben. Der auch für weitere Aufnahmen, die während der Flucht mit der Eisenbahn gemacht wurden, dankbar wäre. (Heinz Timmreck, Schwalbenweg 7 in 32107 Bad Salzuflen, Telefon 05222/7403, E-Mail: mail@heinz-timmreck.de)

Mit einem Zug hat auch im Januar 1945 Hans-Georg Gusek die Stadt Sensburg verlassen, allerdings ging die Fahrt nicht Richtung Westen, sondern, wie man seinen Erinnerungen entnehmen kann, nach Pillau. Er berichtet aus der Perspektive eines sechsjährigen Jungen, der seine Informationen durch eigene Beobachtungen und aus Gesprächen der Erwachsenen, die er aufschnappte, erhielt und bewahrte. Hans-Georg Gusek, *28. Dezember 1938 in Peitschendorf, war mit einem Beinbruch in das Krankenhaus Sensburg eingeliefert worden. Als die Evakuierung des Krankenhauses gegen Ende des Monats begann, hatte das Kind keinerlei Kontaktmöglichkeiten zu seiner Familie. Hans-Georg Gusek berichtet:

„Ich wurde – noch bettlägerig – in einen Zug verladen. In der Nacht wurde der Zug gewechselt, das muss in Rastenburg gewesen sein. Ich wurde über eine Distanz von vielleicht 150 Metern über viele Gleise zu dem Anschlusszug getragen, dabei hörte ich in der Ferne Geschützdonner. Am Zielort des Zuges (Pillau?) wurde ich auf ein größeres Schiff verladen. Dessen Namen habe ich nicht erfahren. Ich lag dort in einem größeren Saal, dessen Decke von einem einfachen Stuckabsatz begrenzt war. Er war voll belegt mit dort lagernden Menschen. Die Überfahrt endete in Swinemünde. Dort wurde ich in einen Lazarettzug gebracht. Mein Wagen war mit grob gezimmerten zwei- oder dreistöckigen Betten ausgestattet. Hier gehörten auch Soldaten zu den Mitfahrenden. Nach einigen Tagen hörte ich aus sehr ernsten Gesprächen von einem Schiffsunglück (Wilhelm Gustloff?). Meine – vorläufige – Endstation war das Krankenhaus in Lüneburg.“

Soweit also die Erinnerungen des heute 75-Jährigen an seine Fluchtwege, die er allein ohne seine Familie durchstehen musste. Nun möchte er sie bestätigt wissen oder auch korrigiert und ergänzt haben. Wer kann etwas über die Evakuierung des Sensburger Krankenhauses aussagen, war vielleicht auch mit dabei? Wer war auch auf dem Schiff, das die Patienten aus diesem Krankenhaus aufnahm, wurde vielleicht mit dem Lazarettzug weiter befördert. Jeder Hinweis wäre für Herrn Gusek wichtig, damit er seine Erinnerungen an diese schlimmste Phase seines jungen Lebens richtig einordnen kann. (Hans-Georg Gusek, Duisburger Straße 3 in 10707 Berlin, Telefon: 030/88709815, E-Mail: simgus@t-online.de)

Wer auf Ahnenforschung in die ostpreußische Heimat seiner Vorfahren reist, kommt oft mit mehr Fragen zurück, als er im Gepäck hatte. Denn vieles Überlieferte ist nicht mehr einzuordnen, da die Markierungspunkte nicht vorhanden sind. Die heutigen Bewohner wissen nichts mehr von der Zeit vor der sowjetischen Eroberung, manche vielleicht noch brauchbare Auskunft scheitert an den Sprachschwierigkeiten. So kommt es, dass sich vor allem jüngere Menschen an uns wenden, um über die Ostpreußische Familie die Informationen zu bekommen, die für sie wichtig sind, damit ihre Suche endlich Erfolg hat. Den wünscht sich auch Frau Marianne Pielka geborene Tonski für ihre Mutter, in dem sie sich mit folgender Bitte an uns wendet:

„Zu Ostern war ich mit meiner Mutter nach 69 Jahren in ihrer ostpreußischen Heimat Neidenburg. Leider hat sie nicht mehr viel wiedererkannt. Ihr Name ist Christel Tonski geborene Amenda. Sie hat meinen Vater, den Fleischermeister Otto Tonski aus Neidenburg am 11. Oktober 1943 geheiratet und war bis zu ihrer Flucht im Januar 1945 dort ansässig. Wann meinem Vater die Flucht gelang, weiß ich leider nicht, er ist 1977 verstorben und hat wie so viele Vertriebene damals nie darüber gesprochen. Da er eine Schwester in Berlin hatte, fanden sich meine Eltern im Herbst 1945 dort wieder. Was ich weiß ist, dass sie eine Fleischerei in Neidenburg hatten, vermutlich in der Bismarckstraße 13. Leider konnte meine Mutter beim Besuch ihrer Heimatstadt die Straße nicht wiedererkennen. Vielleicht besitzt noch jemand einen alten deutschen Stadtplan oder erinnert sich an das Geschäft. Meine Mutter meinte, sich zu erinnern, dass es hinter dem Rathaus die Straße links sein müsste. Sie hatte noch einen Bruder, Alfred Amenda, *1. Mai 1926, sie selbst wurde am 1. Juni 1925 geboren. Die Geschwister wuchsen getrennt auf. Ihr Vater hieß Erwin oder August Laser, er war anderweitig verheiratet und lebte in Neidenburg. Ihre Mutter Auguste Amenda, *22. August 1898, stammte wahrscheinlich aus Straglau Kreis Osterode. Es würde mich sehr freuen, wenn ich bei meinem nächsten Besuch in Neidenburg vor einem Stück Familiengeschichte stehen könnte.“

Soweit die Mail von Frau Marianne Pielka, die ich wörtlich wiedergegeben habe, weil sie unsere Ospreußische Familie direkt angesprochen hat. Einige der von ihr gestellten Fragen werden mit Sicherheit unsere aus Neidenburg stammenden Leser beantworten können. Vielleicht finden sich auch unter den Älteren noch Zeitzeugen, die sich an die Fleischerei Tonski erinnern oder sogar die Familie gekannt haben. Es wäre erfreulich, wenn die nächste Heimatreise für Mutter und Tochter die Erwartungen erfüllen könnte, die an die erste vergeblich gestellt wurden. (Marianne Pielka, Königsberger Straße 15A in 12207 Berlin, Telefon 0172/3117253.)

Das erhoffe ich auch für Frau Dagmar Gumpert aus Holzminden, denn sie war ebenfalls auf Spurensuche in Masuren, nur etwas nördlicher: in Lötzen. Genauer gesagt in dem nur drei Kilometer von Lötzen entfernten Sulimmen, denn dort wuchs ihre Mutter Mathilde Littmann auf. Die Familie stammte nicht aus Ostpreußen, deshalb betrifft der Suchwunsch von Frau Gumpert auch nicht mehr oder minder entfernte Verwandte, es geht der Tochter vielmehr um eine Durchleuchtung der Kindheit ihrer Mutter. Und da sind ehemalige Sulimmer oder Lötzener gefragt, die vielleicht mit dem elternlosen Mädchen zusammen die Schulbank gedrückt haben oder mit ihm konfirmiert wurden. Mathilde wurde am 12. Februar 1915 im damals polnischen Janow geboren, heute gehört der Ort zur Ukraine. Das Kind war noch nicht einmal ein Jahr alt, da musste die Drei-Generationen-Familie ihre Heimat verlassen und fand in dem masurischen Dorf Sulimmen eine neue Heimstadt. Noch während des Krieges verstarben die Urgroßmutter des Kindes, Ida Markwart, und leider auch Mathildes Mutter. Das Kind wurde von seiner Großmutter Anna Rosine Fechner, in zweiter Ehe Paruschkewitz, erzogen und wuchs in Sulimmen auf. Am 17. März 1923 wurde Mathilde in der evangelischen Kirche in Lötzen konfirmiert, und war dann als junges Mädchen im dortigen Feierabendhaus tätig. Nach ihrer Heirat mit Heinz Gustav Bandowski aus Königsberg zog sie in die ostpreußische Metropole und ging 1944 von dort auf die Flucht. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Fragen von Frau Gumpert konzentrieren sich auf ehemalige Bekannte der Familie aus Sulimmen und Lötzen. Vielleicht gibt es noch ehemalige Nachbarn, die sich an Mathilde Littmann oder ihre Großmutter Anna Rosine Fechner/Paruschkewitz erinnern? Die Reihen der ehemaligen Mitschüler und Mitschülerinnen dürfte sich bereits gelichtet haben, ebenfalls die der Mitkonfirmanden. Da aber Mathilde bis zu ihrer Heirat in Sulimmen lebte, könnte sich vielleicht doch manch ein ehemaliger Bewohner des fast 500 Seelen zählenden Dorfes an sie erinnern. Das betrifft auch ehemalige Mitarbeiterinnen des Feier­abendhauses in Lötzen – das übrigens noch steht, wie Frau Gumpert auf ihrer Masurenreise feststellen konnte. Sie war auch auf dem Friedhof in der Hoffnung, das Grab ihrer Großmutter zu ent­decken, aber vergeblich. Dagmar Gumpert wäre aber für alle Hinweise, die ihr auf ihrer Spurensuche helfen könnten, sehr dankbar.

Wie sie sich bereits darum bemüht hat, ist schon eine kleine Geschichte für sich und beweist, dass unsere Ostpreußische Familie auch noch nach Jahr und Tag Hinweise erbringen kann. Frau Gumpert entdeckte im Internet nämlich den Namen Sulimmen in einer Suchfrage, die in der Ostpreußischen Familie in der Ausgabe vom 18. Januar 2003 erschienen war. In dieser hatten wir die Frage unseres Landsmannes Georg Schwarz aus Chile, der für seinen Freund Carlos nach dessen Jugendfreund aus Crossen suchte, veröffentlicht. In Bezug auf seine eigene Person hatte Herr Schwarz kurz angeben, dass er in Tilsit geboren sei, seine Kindheit aber in Sulimmen verbracht habe. Frau Gumpert schrieb ihn deshalb unter unserer Redaktionsadresse an, aber leider war uns ein Herr Schwarz unbekannt – na ja, die Angelegenheit klärte sich schnell, und wir bemühten uns um Weiterleitung. Aber inzwischen sind elf Jahre vergangen, und wir konnten bisher keine Verbindung zu Herrn Georg Schwarz in Quilpue herstellen. Falls unser Landsmann in Chile diese Zeilen liest, bitten wir ihn, sich mit Frau Gumpert in Verbindung zu setzen, die sogar meint, dass es sich bei Herrn Schwarz um eine ehemaligen Nachbarn handeln könnte. (Dagmar Gumpert, Meiernberg 24 in 37603 Holzminden, Telefon/Fax 05531/5130, E-Mail: gum-hol@t-online.de)

Eure Ruth Geede


Es stand ein Ziegenbock auf dem Anger
Eine heitere Kindheitserinnerung von Frieda Peltz

In diesem Traumsommer gehen die Gedanken von uns Älteren zurück in die sonnenheißen Sommer unserer Kindheit – und es gibt in der Erinnerung nur solche Sommer – und zu fröhlichen unbeschwerten Spieltagen in einer herrlichen Natur. Daran musste ich denken, als mir bei der Sichtung meines ostpreußischen Literaturfundus aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts – Anlass ist eine Literaturpräsentation – eine Erzählung in die Hände fiel, die gut zu diesen Erinnerungen passt. Sie stammt von einer Schriftstellerin, deren Erzählungen zu den besten gehörten, die im Ostpreußen der 30/40er Jahre geschrieben wurden: Frieda Peltz, 1899 in Rößel geboren, damals in Hohenstein wohnhaft, in Königsberg ihre Arbeiten präsentierend. Sie selber muss die Kindheitserinnerung „Der Ziegenbock“ sehr geliebt haben, denn sie hat diese der noch kurz vor Kriegsausbruch konzipierten Anthologie der ostpreußischen Autoren „Land der dunklen Wälder“ als Werkprobe beigesteuert. Und es ist wirklich eine köstliche Geschichte, wie Ihr nun lesen werdet:

„Vor meinem Fenster geht eine lange gerade Straße, deren Ende ich nicht sehen kann, und immer denke ich, dass es dieselbe Straße ist, auf der ich gegangen bin, als ich noch Kind war. Ja, wenn man oben um die Ecke biegt, müsste der Anger kommen, denke ich, der grüne Wiesenanger mit den vielen Butterblumen, den vielen kleinen Häusern und den vielen Kindern. Der Anger! Man sollte es nicht glauben. Welche Bilder mit einem einzigen Wort erwachen. Vater und Mutter gingen zu jener Zeit jeden Sonntag über den Anger. Dann war es stiller als an den Werktagen. Der schmale Weg, auf dem man im Gänsemarsch gehen muss­te, führte auf und ab, und wo er am höchsten war, stand ein Haus, vor dem ein kleiner Entenpfuhl lag. Und eines Sonntags stand da oben auf dem Grasdreieck vor dem Haus, was mich so sehr entzückte: ein Ziegenbock! Sein drohendes Gehörn und seinen Spitzbart hatten wir schon von Weitem gesehen. Ein mächtiges Vieh! Ich meine noch, das harte Licht seiner gelbgläsernen Augen zu sehen, in denen das Geheimnisvollste das schwarze Pupillenstäbchen war, auf das ich noch immer wie gebannt starrte, als die Eltern hinter dem Hügel verschwunden waren. ,Er stinkt‘, hatte Vater von dem Ziegenbock gesagt, und Mutter hatte die Flucht ergriffen. Ich konnte nicht finden, dass er stank – was heißt finden, es ging einfach alles unter in dem Einmaligen solcher Begegnung. Das Vieh war gerade beim Fressen, und das Wunderbare geschah, es ließ sich von mir anfassen. Vater und Mutter waren fort, ich war versunken. Meine Hände fuhren über das harte, zottelige Fell, es fasste sich so gut an, und der Geruch des gekauten Grases kam aus seinem Maul – einfach schön!

Nach einem großen Bogen kam die Straße wieder am Fuß des Hügels vorüber, auf dem ich stand. Da unten gingen Vater und Mutter. Ein eiliges und zugleich unbehagliches Gefühl beschlich mich. Ich trabte querfeldein und war still und stumm, als ich die Eltern erreicht hatte. Auf einmal drehte Mutter den Kopf. ,Der Wind kommt von drüben, was solch ein Ziegenbock stinkt!‘ Vater sog tief die Luft ein. ,Wahrhaftig‘, sagte er und lachte über Mutter, die zum Weitergehen drängte. Ich verstand meine Mutter nicht. So sehr ich die Nase in den Wind hielt, ich roch nichts, was ich hätte ablehnen müssen. Nach einer Weile blieb Mutter abermals stehen. ,Ekelhaft‘, sagte sie, ,wie man bloß solch ein Tier halten kann. Es verpestet die ganze Gegend.‘ Ich war geradezu traurig. Ich wagte gar nicht zu sagen, dass ich ihn gestreichelt hatte.

Wir kamen wieder in die Nähe der Stadthäuser. Mutter blieb stehen und stöhnte gequält: ,Ich kann es nicht mehr ertragen. Sage mal …‘ – zu meinem Vater – ,hältst du es für möglich, dass der Ziegenbock bis hier …‘ Ich fiel meiner Mutter ins Wort, ich konnte es einfach nicht mehr anhören. ,I wo‘, sagte ich. Mutter drehte sich um. Ein fürchterlicher Verdacht stieg in ihr auf. Sie sah auf meine Hände. Sauber waren sie nicht. Ich wollte zuerst die linke, dann die rechte Hand auf den Rücken legen, aber wenn Mütter erst argwöhnisch sind, ist es zu spät für alle Vorsicht. ,Zeig mal deine Hände!‘ Mutter neigte sich sehr vorsichtig – und fuhr zurück. ,Oh‘, stöhnte sie und drehte sich mit einem hastigen Ruck um. Ich war gespannt, ob sie fallen würde – da fiel mein Blick auf Vater. Er war krebsrot und bog sich vor Lachen. Ich lachte mit, es schien mir auf einmal alles gelöst. Ich hatte ,Ziegenbockhände‘ – das machte mich glücklich.

Ich weiß nicht, was noch geschah an jenem Sonntag. Ich weiß nur, dass ich von da an meine Spaziergänge auf dem Anger allein machte, viel und gründlich meine Hände wusch, wenn ich heim kam, und dass sich meine außergewöhnliche Sympathie für Ziegenböcke im Laufe der Zeit verflüchtigt hat. Nur die Sehnsucht nach dem Anger ist geblieben.“

R.G.


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 107. GEBURTSTAG

Amonat, Gustav, aus Rotbach, Kreis Lyck, am 9. August

ZUM 101. GEBURTSTAG

Bsdurreck, Selma, geb. Klingenberg, am Heldenfelde-Romotten, Kreis Lyck, am 15. August

Schmidt, Herbert, aus Gedwangen, Kreis Neidenburg, am 9. August

Siemund, Fritz, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 13. August

ZUM 96. GEBURTSTAG

Strupath, Elfriede, geb. Steppat, aus Reinlacken, Kreis Wehlau, am 15. August

ZUM 95. GEBURTSTAG

Habedank, Erich, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 13. August

Rabe, Hildegard, geb. Lalla, aus Bartendorf, und Bartossen, Kreis Lyck, am 11. August

Seidel, Elfriede, geb. Pillich, aus Ortelsburg, am 12. August

ZUM 94. GEBURTSTAG

Borchers, Ella, geb. Schmidt, aus Genslack, Kreis Wehlau, am 13. August

Flemming, Helmut, aus Rodenau, Kreis Lötzen, am 9. August

Franke, Martha-Maria, aus Buschwalde, Kreis Neidenburg, am 13. August

Hartmann, Elisabeth, geb. Pohl, aus Ortelsburg, am 11. August

Littmann, Gerda, aus Hainau, Kreis Ebenrode, am 12. August

Rimek, Erich, aus Altkirchen, Kreis Ortelsburg, am 11. August

Schweiger, Edith, geb. Merten, aus Dreimühlen, Kreis Lyck, am 11. August

ZUM 93. GEBURTSTAG

Balscheit, Hans Georg, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 12. August

Draasch, Käte, aus Pillau, Kreis Samland, am 9. August

Hartmann, Luci, geb. Deckmann, aus Argemünde, Kreis Elchniederung, am 11. August

Kadelka, Marie, geb. Niklas, aus Kechlersdorf, Kreis Lyck, am 9. August

Koropp, Sönnlin, geb. Hilger, aus Dullen, Kreis Treuburg, am 11. August

Michaelis, Elisabeth, geb. Ziemens, aus Herzogshöhe, Kreis Treuburg, am 10. August

Motikat, Grete-Maria, aus Wildwiese, Kreis Elchniederung, am 14. August

Redetzky, Horst, aus Kleindünen, Kreis Elchniederung, am 14. August

Rudas, Elisabeth, geb. Weber, aus Allenburg, Kreis Wehlau, am 11. August

Stein, Hanna, geb. Neumann, aus Bartenhof, Kreis Wehlau, am 15. August

ZUM 92. GEBURTSTAG

Czekay, Margarete, geb. Alexander, aus Kahlfelde, Kreis Ortelsburg, am 9. August

Kubelke, Christel, geb. Sprengel, aus Rhein, Kreis Lötzen, am 12. August

Lask, Karl, aus Kleschen, Kreis Treuburg, am 15. August

Pehrs, Hildegard, geb. Guddusch, aus Tilsit, am 10. August

Walraven, Gertrud, geb. Franke, aus Zohpen, Kreis Wehlau, am 10. August

ZUM 91. GEBURTSTAG

Fendt, Hildegard, geb. Podworny, aus Milussen, Kreis Lyck, am 12. August

Fischer, Gerhard, aus Baitenberg, Kreis Lyck, am 9. August

Gäßler, Gerda, geb. Bomke, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 10. August

Grzesik, Hildegard, geb. Schwede, aus Petersdorf, Kreis Wehlau, am 10. August

Kiefer, Dora, geb. Glagau, aus Posselau, Kreis Samland, am 14. August

Klimaschewski, Ursula, geb. Zielinski, aus Prostken, Kreis Lyck, am 9. August

Klopp, Ernestine, geb. Baumgart, aus Baitenberg, Kreis Lyck, am 15. August

Kochan, Lieselotte, geb. Kochan, aus Herzogshöhe, Kreis Treuburg, am 14. August

Kutrieb, Hedwig, geb. Wilkop, aus Malshöfen, Kreis Neidenburg, am 11. August

Noetzel, Bruno, aus Langenberg, Kreis Elchniederung, am 11. August

Steinbacher, Margarete, aus Stärken, Kreis Ebenrode, am 11. August

Treuenfels, Ruth von, aus Schönfeld, Kreis Preußisch-Holland, am 10. August

ZUM 90. GEBURTSTAG

Behrendt, Helmut, aus Treuburg, am 11. August

Döge, Elisabeth, geb. Kühnemann, aus Königsberg/Preußen, am 8. August

Hoffmeister, Edith, geb. Naguschewski, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 9. August

Kieckebusch, Anny von, geb. Buchhorn, aus Wöterkeim, am 15. August

Kröhnert, Eva, geb. Naujoks, aus Balten, Kreis Elchniederung, am 14. August

Soboll, Walter, aus Sentken, Kreis Lyck, am 9. August

Sommerfeld, Hanna, geb. Langer, aus Willenheim, Kreis Lyck, am 9. August

Wänkhaus, Irene, geb. Kurrat, aus Finkenhagen, Kreis Tilsit-Ragnit, am 9. August

ZUM 85. GEBURTSTAG

Albrecht, Bruno, aus Rautenburg, Kreis Elchniederung, am 13. August

Ballay, Fritz, aus Willenberg, Kreis Ortelsburg, am 14. August

Belling, Alfred, aus Auerbach, Kreis Wehlau, am 10. August

Bronnert, Werner, aus irkenheim, Kreis Elchniederung, am 15. August

Donder, Günter, aus Stettenbach, Kreis Lyck, am 9. August

Dormeyer, Else, geb. Adomeit, aus Mühlenkreuz, Kreis Elchniederung, am 14. August

Gieseler, Anni, geb. Schirrmacher, aus Lank, Kreis Heiligenbeil, am 15. August

Hauer, Helga, geb. Szomm, aus Wehlau, am 12. August

Hrastnick, Erna, geb. Krüger, aus Frischenau, Kreis Wehlau, am 9. August

Keding, Helmut, aus Grünwiese, Kreis Elchniederung, am 10. August

Leibinn, Gustav, aus Kuglacken, Kreis Wehlau, am 13. August

Mark, Edith, geb. Boeck, aus Neukirch, Kreis Elchniederung, am 11. August

Moeck, Martin, aus Stosnau, Kreis Treuburg, am 13. August

Nellesen, Helmut, aus Pregelswalde, Kreis Wehlau, am 10. August

Peukert, Gretel, geb. Joppien, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 12. August

Rathje, Ingeborg, geb. Schmieder, aus Lyck, Yorkstraße 6, am 13. August

Reese, Hildegard, geb. Ceranski, aus Lindenort, Kreis Ortelsburg, am 13. August

Schenk, Erna-Frieda, geb. Dwilies, aus Scharken, Tilsit-Ragnit, am 15. August

Schmidt, Erika, geb. Maschlinski, aus Bobern, Kreis Lyck, am 9. August

Schoenecken, Leonore, geb. Barzik, aus Seedorf, Kreis Lyck, am 10. August

Troegel, Heinz, aus Lyck, am 11. August

Walter, Ilse, geb. Faust, aus Korben, Kreis Samland, am 10. August

ZUM 80. GEBURTSTAG

Beckmann, Willi, aus Tawellenbruch, Kreis Elchniederung, am 15. August

Blömke, Heinz, aus Pillau, Kreis Samland, am 13. August

Chlupka, Edeltraud, aus Klein Rauschen, Kreis Lyck, am 11. August

Doering, Elfriede, geb. Schlagowski, aus Neufelde, Kreis Elchniederung, am 9. August

Gebhard, Beate, geb. Graumann, aus Grauden, Kreis Wehlau, am 10. August

Göpfert, Christel, geb. Rosteck, aus Lyck, am 10. August

Habicht, Christel, geb. Kolakowski, aus Hellengrund, Kreis Ortelsburg, am 12. August

Hack, Brigitte, geb. Goerigk, aus Groß Degesen, Kreis Ebenrode, am 12. August

Häntzschel, Ursula, geb. Brader, aus Ebenrode, am 10. August

Haub, Renate, aus Lyck, am 11. August

Jachmann, Rudi, aus Fließdorf, Kreis Lyck, am 12. August

Jacob, Grete, geb. Wittke, aus Wehlau, am 9. August

Klein, Marianne, geb. Hennig, aus Ebenrode, am 10. August

Kluge, Heinz, aus Quilitten, Kreis Heiligenbeil, am 14. August

Lindenberg, Bruno, aus Kattenau, Kreis Ebenrode, am 9. August

Lyß, Dr. Horst, aus Reichenwalde, Kreis Lyck, am 14. August

McDermid, Elfriede, geb. Lingies, aus Altenkirch, Kreis Tilsit-Ragnit, am 14. August

Meschkat, Hannelore, aus Trumpeiten, Kreis Elchniederung, am 9. August

Nehrke, Willi, aus Grünwald, Kreis Heiligenbeil, am 13. August

Norbereit, Elfriede, geb. Mlinarzyk, aus Kölmersdorf, Kreis Lyck, am 12. August

Tänzer, Margarete, geb. Hammerschmidt, aus Mühlengarten, Kreis Ebenrode, am 13. August

Taubert, Marianne, geb. Pawlowski, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 15. August

Thiel, Bernhard, aus Pregelswalde, Kreis Wehlau, am 15. August

Troegel, Heinz, aus Lyck, am 11. August

Wegner, Gisela, geb. Schadwinkel, aus Paterswalde, Kreis Wehlau, am 11. August

Wondzinski, Horst, aus Ortelsburg, am 15. August

Zimmermann, Lisbeth, geb. Fehlau, aus Großheidenstein, Kreis Elchniederung, am 10. August

ZUM 75. GEBURTSTAG

Beisler, Günther, aus Birkenmühle, Kreis Ebenrode, am 10. August

Gromberg, Winfried, aus Theerwisch, Kreis Ortelsburg, am 10. August

Jahn, Gisela, geb. Pallat, aus Aßlacken, Kreis Wehlau, am 15. August

Janz, Gerhard, aus Lakendorf, Kreis Elchniederung, am 10. August

Kizina, Erika, aus Altkirchen, Kreis Ortelsburg, am 12. August

Lanzendorfer, Erika, geb. Belusa, aus Heinrichstal, Kreis Treuburg, am 11. August

Lascheit, Gerhard, aus Karkeln, Kreis Elchniederung, am 11. August

Sneykus, Friedlinde, aus Eichhorn, Kreis Treuburg, am 14. August

Sohn, Horst, aus Schatzberg, Kreis Preußisch Eylau, am 13. August

Vohland, Audlind, geb. Burghardt, aus Insterburg, am 11. August

Waterstrat, Werner, aus Muschaken, Kreis Neidenburg, am 13. August

Willert-Fust, Waltraut, geb. Willert, aus Magotten, Kreis Wehlau, am 12. August

Zacharias, Ursula, geb. Twardy, aus Saiden, Kreis Treuburg, am 9. August


S. 16-17 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Ludwigsburg – Dienstag, 26. August, 15 Uhr, Krauthof, Baihinger Straße 27: Sommerfest.

Ulm/Neu-Ulm – Sonnabend, 16. August, 14.30 Uhr, Ulmer Stuben: Monatliches Treffen. – Der Landesverband veranstaltet eine Sechs-Tages-Fahrt zum zentralen Tag der Heimat in Berlin. Sie beginnt am 26. August, führt nach Bad Frankenhausen, Wernigerode, Quedlinburg und Berlin, wo am 30. August die zentrale Feierstunde zum Tag der Heimat stattfindet. Der Festakt findet nicht im Kongresszentrum, sondern im Urania-Palast statt.

Rückfahrt am 31. August. Anmeldungen nimmt Frau Wulf, BdV Stuttgart, entgegen.

Weinheim/Bergstraße – Mittwoch, 6. August, 14.30 Uhr, Café Wolf: „Es dunkelt schon in der Heide, nach Hause woll’n wir gehen“ (in Gedanken immer und immer wieder), „Wir haben das Korn geschnitten mit unserem blanken Schwert…“ (Ostpreußen mit seinen unendlichen Kornfeldern, die Kornkammer Deutschlands). So will die Gruppe bei ihrer Zusammenkunft der geliebten Heimat mit einem Beitrag über die Rominter Heide gedenken und mit schönen Liedern umrahmt hochleben lassen.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Landshut – Dienstag, 19. August, 14 Uhr, Gasthaus Zur Insel: Treffen der Gruppe.

München – Jeden Montag, 18 bis 20 Uhr, Haus des Deutschen Ostens: Der ostpreußischer Sängerkreis trifft sich. Kontakt: Dr. Gerhard Gräf, Offenbachstraße 60, 85598 Baldham, Informationen unter Telefon (08106) 4960.

 

BREMEN

Vorsitzender: Helmut Gutzeit, Telefon (0421) 25 09 29, Fax (0421) 25 01 88, Hodenberger Straße 39 b, 28355 Bremen. Stellvertrende Vorsitzende: Marita Jachens-Paul, Ratiborer Straße 48, 27578 Bremerhaven, Telefon (0471) 86176. Landesgeschäftsführer: Jörg Schulz, Am Anjes Moor 4, 27628 Uthlede, Telefon (04296) 74 77 01.

Bremen – Das Deutschlandtreffen der Ostpreußen in Kassel war für die Gruppe Bremen ein Jahreshöhepunkt, an den sie gerne zurückdenkt. Dank des erfreulich großen Interesses konnte wieder ein eigener Bus für die Gruppe über die Firma JWD-Reisen eingesetzt und in netter Gemeinschaft ein Drei-Tages-Ausflug einschließlich Stadtexkursion durchgeführt werden.

Besonders erfolgreich war aber auch das Projekt, einen eigenen Informations- und Ausstellungsstand einzurichten und zu besetzen. Thema der Ausstellung war, passend zur 100-jährigen Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, das Thema „Kriegshilfsverein Bremen für Schirwinft/Ostpreußen e.V.“. Die Ausstellungstafeln waren vor einigen Jahren bereits in Bremen gezeigt worden und boten nun in Kassel einen passenden Rahmen für den Infotisch der Gruppe. Dieser war mit seinem Angebot an antiquarischen und neuen Büchern, Landkarten und heimatlichen Spirituosen ein Anziehungspunkt für viele Besucher. Die mitgebrachten Spirituosen und Landkarten wurden vollständig ausverkauft. Bei den Büchern blieb nur ein kleiner Rest, so dass Gerda Steffens, die den Transport der Materialien besorgte, nicht viel wieder einpacken musste. Die Mitglieder der Reisegruppe begrüßten es, einen Treffpunkt in der Halle zu wissen, zu dem sie zwischendurch immer wieder kommen konnten, um neue Eindrücke zu besprechen und sich auszutauschen. Die Damen Richter, Schramm, Lutze und Mentz, die zusammen mit dem Vorsitzenden Lohmann die Standbetreuung übernommen hatten, sprachen anschließend übereinstimmend von interessanten Stunden, die sie in munterer Gesellschaft und mit guten Gesprächen in Kassel verbracht hatten.

Das nächste Zusammentreffen ist der „Sommerausklang mit Beetenbartsch und Schmandschinken“ am 7. September um 15 Uhr im Hotel Atlantic am Flughafen Bremen. Dazu hat die Gruppe ein Programm mit jahreszeitlich passenden Liedern, auch zum Mitsingen, vorbereitet und einen Chor eingeladen. Da sich in diesem Jahr der Todestag Agnes Miegels zum 50. Male jährt, wird auch die Vorsitzende der „Agnes-Miegel-Gesellschaft“, Dr. Marianne Kopp, nach Bremen kommen. Ihr Vortrag zu Agnes Miegel hat einen Schwerpunkt in der Darstellung der Freundschaft Miegels zur Bremer Dichterin Alma Rogge. – Die Preise der Veranstaltung werden aus den Erlösen des Verkaufs antiquarischer Bücher gesponsert. Sie sind gegenüber dem Vorjahr unverändert und betragen: Eintritt und Essen (Schmandschinken) 15 Euro, Eintritt und Essen (Beetenbartsch) 10 Euro, Eintritt und Essen (fleischloser Gemüseteller) 10 Euro. Vor dem Essen gibt es in alter Tradition den gemeinsamen „Stobbe-Machandel“. Anmeldungen werden in der Geschäftsstelle erbeten: Donnerstags von 15 bis 17 Uhr oder auf Anrufbeantworter Telefon (0421) 3469718. Bezahlung bei Anmeldung.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Kippingstr. 13, 20144 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Fried-rich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

KREISGRUPPE

Insterburg – Die Gruppe trifft sich jeden 1. Mittwoch im Monat (außer Januar und Juli) mit Liedern und kulturellem Programm um 12 Uhr, Hotel Zum Zeppelin, Frohmestraße 123–125. Kontakt: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg. Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

Königsberg – Dienstag, 12. August: Die Gruppe lädt herzlich zu ihrem Sommerausflug an die Ostsee ein. Besuch des Vogelparks Niendorf/Timmendorfer Strand. Mittagessen, Spaziergang an der Ostsee, Kaffeetrinken. Kosten zirka 45 Euro. Abfahrt 9 Uhr, Hamburg-Moorweide. Gäste sind herzlich willkommen. Anmeldungen bitte baldmöglichst an Brigitte Reimer, Telefon (040) 873495.

 

HESSEN

Vorsitzender: Eberhard Traum, Wächtersbacherstraße 33, 63636 Brachtal, Telefon (06053) 708612.

Darmstadt-Dieburg – Sonnabend, 16. August, 15 Uhr, Luise-Büchner-Haus/Bürgerhaus Am See, Neu-Kranichstein, Grundstraße 10 (EKZ): Monatstreffen. Nach der Kaffeetafel würdigt Christian Keller die Leistungen des Elbinger Unternehmers Ferdinand Schichau anlässlich seines 200. Geburtstages.

Wiesbaden – Bedeutende Frauen – Beim Monatstreffen zeichneten Helga Kukwa und Lieselotte Paul Lebensbilder von bedeutenden Frauen, die in West- oder Ostpreußen geboren sind – mit Ausnahme der dänischen Prinzessin Dorothea von Preußen, die 1504 in Schloss Gottorf in Schleswig das Licht der Welt erblickte und durch Heirat mit Herzog Albrecht von Preußen erste Herzogin des Herzogtums Preußens wurde. Sie förderte den Protestantismus im Lande und war bekannt für ihre Wohltätigkeit. Bei Gründung der Königsberger Albertus-Universität stiftete sie aus ihrem Leibgedinge einen Teil des Kollegienhauses mit dem Konvikt für zehn Freitische. Mit der amüsanten Geschichte „Ohlke auf Reisen“ erhielten die Besucher eine Kostprobe der Königsberger Heimatdichterin Charlotte Wüstendörfer, einziges Kind eines Fotografen und Malers. Ihre Erzählungen und Balladen schrieb sie meist in samländischen Platt. Ihr bekanntestes Werk ist die prußische Erzählung „Patulne und Turune“. Nach der Flucht aus Ostpreußen starb sie im Flüchtlingslager in Stralsund mit nur 53 Jahren. Ebenfalls aus Königsberg stammt die Grafikerin, Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, die zu den bekanntesten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts zählt. Als erste Frau wurde sie 1919 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und erhielt gleichzeitig den Professorentitel. Durch die Kriegsereignisse wurden zahlreiche Grafiken, Drucke und Druck-platten der Künstlerin zerstört. Den Verlust ihres gefallenen Sohnes Peter im Ersten Weltkrieg verarbeitete Käthe Kollwitz in der Skulptur „Mutter mit totem Sohn“, von ihr als „Pietà“ bezeichnet. Eine auf 1,60 Meter vergrößerte Kopie steht in der Berliner „Neuen Wache“ unter den Linden, der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland und erinnert an die Opfer von Krieg und Gewalt-herrschaft. Als einzige katholische Heilige der Heimat und als Patronin des Deutschen Ordens und Preußens stellten die Referenten Dorothea von Montau vor, geboren am 6. Februar 1347 in Groß Montau bei Marienwerder. Schon als Kind hatte Dorothea ungewöhnliche Eingebungen und fühlte sich zu harter Buße getrieben. So verschenkte sie nach dem Tode ihres Mannes ihr Vermögen und blieb freiwillig bis zum Lebensende als Reklusin im Marienwerder Dom, eingeschlossen in einer Zelle. Aus der Memelstadt Tilsit stammt Johanna Wolff. Neben Agnes Miegel zählt die als Waise aufgewachsene Schriftstellerin zur bedeutendsten Vertreterin der ostpreußischen Frauendichtung. Mit ihrer Autobiografie „Hanneken: Ein Buch von Armut und Arbeit“ aus dem Jahr 1913, später als Neuauflage in „Hanneken: Eine Geschichte von Arbeit und Aufstieg“ umbenannt, hatte sie ihren größten Erfolg. Am 3. Mai 1943 starb Johanna Wolff in Orselina (Tessin). Auf der Grabplatte steht nur der Namen Hanneken und darunter die Abschiedsworte des wenige Tage nach ihr verstorbenen Mannes: „Keiner hat dich genug geliebt“. Schon 1884 hatte Johanna Ambrosius erste Gedichte geschrieben. Die bekannteste Dichtung „Mein Heimatland“ mit der Anfangszeile „Sie sagen all, du bist nicht schön“ war bald als erstes Ostpreußenlied in aller Munde. Am 3. August 1854 geboren, wuchs Johanna in ärmsten Verhältnissen in Lengwethen bei Ragnit auf und besuchte bis zum 11. Lebensjahr die dortige Dorfschule, wo sie sich bei den Lehrern den Ruf „Kleine Plaudertasche“ einhandelte. Das Grab der 1939 gestorbenen Natur- und Heimatdichterin befindet sich auf dem Neuen Luisenfriedhof in Königsberg. Bereits mit 17 Jahren veröffentlichte die am 13. Februar 1916 geborene Schriftstellerin und Journalistin Ruth Geede ihre ersten Texte. Und nur drei Jahre später erschien ihr erstes Buch mit plattdeutschen Erzählungen. Noch heute schreibt die Königsbergerin mit ihren 98 Jahren in der Preußischen Allgemeinen Zeitung/Ostpreußenblatt) Artikel aus Ostpreußen – und das seit Gründung der Zeitung 1950. Ihre Kolumne „Ostpreußische Familie“ ist dort nicht mehr wegzudenken. Aus ihrer Feder stammen auch Hörspiele und Bühnenstücke, einige wurden im Ohnsorg-Theater in Hamburg aufgeführt. Ihre journalistische Arbeit begann Ruth Geede als freie Mitarbeiterin beim damaligen Reichssender Königsberg. Dort setzte sie sich leidenschaftlich für den Erhalt der ostpreußischen Mundart und dem heimatlichem Platt ein. Dieses Anliegen spiegelt sich auch in der vorgelesenen Geschichte „Vom lieben Gottchen und vom Wetterchen“ wider.

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Buxtehude – Freitag, 29. August: Besuch der „Alten Wassermühle in Övelgönne“. 14.30 Uhr: Treffen und Abfahrt auf dem Schafmarktplatz in Altkloster, soweit möglich, mit Pkw. 14.45 Uhr: Abfahrt ZOB. 15.15 Uhr: Övelgönne – Wassermühle, Hemberg 5. Führung „Leben und Arbeiten als Müller“, anschließend Kaffee und Kuchen in der Mühle. Zeit zum Plachandern. Die Gruppe wird versuchen, alle Teilnehmer mit Pkw zur Mühle zu bringen. Bitte bei der Anmeldung daher bitte angeben, ob Pkw vorhanden und wie viele Personen mitgenommen werden können. Statt eines festen Kotenbeitrags bittet die Gruppe um eine entsprechende Spende. Anmeldung bis zum 22. August erforderlich. Ansprechpartner: Wolfgang Weyer, Telefon (04161) 3406.

Helmstedt – Donnerstag, 14. August, 15 Uhr, Begegnungsstätte, Schützenwall 4: Treffen der Gruppe.

Osnabrück – Freitag, 15. August, 15 Uhr, Gaststätte Bürgerbräu, Blumenhaller Weg 43: Treffen der Frauengruppe. – Dienstag, 26. August, 16.30 Uhr, Hotel Ibis, Blumenhaller Weg 152: Kegeln.

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Bonn – Dienstag, 5. August, 18 Uhr, Gedenkstein am Rheinufer unterhalb der Beethovenhalle: Gedenken an die Unterzeichnung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Anschließend Beisammensein im Restaurant Da Capo in der Beethovenhalle. Der schon angekündigte Stammtisch der Ostpreußen am 5. August fällt daher aus. – Der Frauenkreis hat im August Ferien.

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 bis 20 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal, 1. Etage: Chorprobe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft. – Dienstag, 26. August, 19 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal: Filmvorführung „Die große Illusion“ (F 1937).

Essen – Freitag, 15. August: Die Kreisgruppe besucht das Museum Haus Königsberg in Duisburg. Abfahrt um 9.45 Uhr, am Bahnhof Essen-West (Eishallenseite) mit dem Bus des Busunternehmens Lawrenz. Nach einer Führung im Museum Haus Königsberg durch den Leiter des Museums, Lorenz Grimoni, erwartet die Teilnehmer im Restaurant Drei-Giebel-Haus das Mittagessen. Das Drei-Giebel-Haus ist eines der ältesten Häuser Duisburgs. Nach dem Mittagessen beginnt dann um 15 Uhr am Schwanentor eine Hafenrundfahrt durch den Binnenhafen von Duisburg, die gegen 17 Uhr zu Ende sein wird. Der Binnenhafen von Duisburg ist der größte in Europa. Gegen 18 Uhr wird die Gruppe wieder am Bahnhof Essen-West zurück sein. Es sind noch einige Plätze frei. Teilneh-merkosten 20 Euro. Anmeldungen bitte bei Bernhard Kehren, Essen, Telefon (0201) 62 62 71 oder Doris Fromm, Essen, Telefon (02 01) 5076059.

Gütersloh – Donnerstag, 14. August, 15.30 Uhr, Gütersloher Brauhaus, Unter den Ulmen: Treffen der ostpreußischen Frauengruppe. – Ostpreußischer Singkreis: Die Treffen finden zurzeit einmal im Monat von 15 bis 17 Uhr in der Elly-Heuss-Knapp-Schule, Moltkestraße 13, statt. Kontakt und Informationen: Renate Thamm, Telefon (05241) 40422.

Leverkusen – Die Mitglieder der Gruppe sind fast alle nicht mehr „jung“, sie sind aber immer noch erstaunlich zugänglich für alles, was neu und unbekannt ist. Seit 27 Jahren machen sie Tagesfahrten, um Städte, Schlösser, Denkmäler mit geschichtlichem Hintergrund zu besuchen und kennenzulernen. Auf der letzten Gruppenfahrt nach Ostpreußen, einschließlich Königsberg und Rauschen, auf der sie viele Städte und Museen besuchten, wurde der allgemeine Entschluss gefasst, ihr Land, hier, wo sie die zweite Heimat gefunden haben, eingehend kennenzulernen, was sie nun über Jahre tun. Die letzte Tagesfahrt im Juli führte nach Unna mit Stadt- und Kirchenführung des ältesten Hauses der Stadt und dem Besuch des Lichtkunstmuseums. Was der Leiterin der Reisegruppen, Frau Pelka, große Freude macht, ist das Bestreben der Gruppe alles Unbekannte kennenzulernen. Die sehr aktive Frauengruppe der LM macht noch dazu jedes Jahr eine Fahrt mit dem gleichen Hintergrund, aber dazu mit fröhlichen Überraschungen, was sie auch wieder im September vorhaben. Die Mitglieder hoffen sehr, dass dieser wunderschöne Zusammenhalt noch lange Bestand haben darf.

Mülheim an der Ruhr – Dienstag, 12. August, 14.45 Uhr, Wasserbahnhof Mülheim: Schiffsausflug nach Kettwig.

Siegen – Sonnabend, 9. August, 10 Uhr, Treffpunkt Wanderparkplatz „Alte Schanze“, 50 Meter vor dem Orteingangsschild Hohenhain: Der Bund der Vertriebenen lädt alle Landsmannschaften zum Wandertag ein. Wanderung im Bereich eines noch gut zu erkennenden Bodendenkmals, einer mittelalterlichen Grenzanlage. Der Wanderweg führt von dort weiter zum „Dreiherrenstein“. Es handelt sich um historische Grenzsteine dreier Herrschaftsgebiete: a) Nassau-Oranien-Siegen, b) Herzogtum Westfalen c) Wildenburg mit den Hatzfelde. Weiterer Verlauf: Wanderung zum „Hühnerkamp“. Bauer Zielenbach erwartet die Gäste. Führung durch seine Landwirtschaft mit 150 Milchkühen, der weitere Weg führt nach Hohenhain, Mittagessen im Restaurant Alte Schanze um zirka 12.30 Uhr. Nach der Mittagspause folgt die Fahrt nach Krottorf, Besuch des Wasserschlosess Krottorf mit seinem Parkgelände und der Wasserschlossanlage. Ab zirka 16 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen in der Gaststätte „Wildenburger Hof“. Auskünfte unter Telefon (02734) 3535 und (0271) 57451. – Dank Spenden der Landesgruppe NRW und anderer landsmannschaftlicher Spender konnten erneut finanzielle Hilfen und Paketsendungen an alte und kranke Landsleute in die Heimatgebiete mitgegeben werden. Für die Empfänger ist es eine große Hilfe und das Gefühl, nicht vergessen zu sein. Die ehemalige Vorsitzende Thilde Utikal (Königsbergerin) leitete die Kreisgruppe und Frauengruppe der Landsmannschaft über 20 Jahre. Sie führte bereits soziale Arbeit mit Mitglieder-Unterstützung durch, verbunden mit Besuchen im südlichen Ostpreußen bei verbliebenen Landsleuten. Der Kulturwart, seit Mitte der 70er Jahre in die landsmannschaftliche Arbeit eingebunden, führte diese Betreuungsarbeit weiter mit persönlichen Kontakten nach Ostpreußen. Die Büchersammlung in der Ostpreußenstube, in den BdV-Räumen in Siegen, Seilereiweg 19, konnte erneut durch einige beachtliche Bücherspenden erweitert werden. Die BdV-Geschäftsstelle ist jeweils mittwochs von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Auskünfte unter Telefon (02738) 8847.

Witten – Montag, 18. August, 15 Uhr, Evangelisch-Lutherische Kreuzgemeinde, Lutherstraße 6–10: Urlaubsberichte. Erlebnisse der Mitglieder.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Mittwoch, 20. August,: Nachmittagsfahrt mit dem Schiff der Primus-Linie in den Rheingau. Abfahrt ab Mainz/Fischtor, Anlegestelle der Primus-Linie um 14.15 Uhr, Rückkehr gegen 17.05 Uhr (Ankunft Mainz/Fischtor). – Jeden Freitag, 13 Uhr, Café Oase, Schönbornstraße 16, 55116: Die Gruppe trifft sich zum Kartenspielen.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle, Telefon privat (0345) 2080680.

Magdeburg – Dienstag, 26. August, 13.30 Uhr, Immermannstraße: Treffen der Stickerchen.

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner. Geschäftsstelle: Telefon (0431) 554758, Wilhelminenstr. 47/49, 24103 Kiel.

Mölln – Mittwoch, 27. August, 15 Uhr, Quellenhof: Erste Mitgliederversammlung im zweiten Halbjahr. Mitglied Conrad-Kowalski wird einen Vortrag über das ostpreußische Volkslied als Teil der deutschen Volksliedkultur halten. Im Jahre 1773 prägte Johann Herder den Begriff des Volksliedes. Lieder über die Wanderlust, Liebesleid und Freud‘, Sehnsucht nach der Liebsten und Heimat zeichneten ein buntes Bild der deutschen Volksliedkultur. Herder wurde besonders fündig in Ostpreußen und Litauen. Weiter wird bekannt gegeben, dass der Ortsverband nochmals in diesen Jahr eine Ausfahrt machen wird. Herr Schumacher hat mit der Firma Vokuhl aus Mölln eine Tagesbusfahrt, am 20. August nach Holtsee und Eckernförde ausgearbeitet. In Holtsee werden die Teilnehmer in einer Käserei eine zweistündige Brotmahlzeit machen, in Eckernförde geht es zu einer Besichtigung in einer Bonbonfabrik und anschließend ist noch Zeit zum Bummeln in der Fußgängerzone von Eckernförde. Am Hafen von Eckernförde steht das Kurfürstendenkmal von Friedrich Wilhelm dem Großen, dem Kurfürsten und Erbauer der Zitadelle von Pillau. Am 30. August fährt der Bund der Vertriebenen (BDV) unter der Leitung von Frau Kindermann aus Ratzeburg zum Tag der Heimat nach Berlin. Im September findet ein Ostheimatgottesdienst in der Johannis Kirche in Lüneburg statt. Zu diesen beiden Veranstaltungen ist der Ortsverband auch eingeladen. Zu all diesen Veranstaltungen sind auch die Landsleute aus Pommern, Danzig, Schlesien und Mölln sehr herzlich eingeladen.


Tuisconia in Landshut
Königsberger Studentenprunkfahne beendete abenteuerlichen Weg

Einen abenteuerlichen Weg legte die 1899 geweihte Prunkfahne der Akademischen Studentenverbindung Tuis-conia Königsberg (Bonn) zu Landshut zurück. Zunächst hing sie im Verbindungshaus in der Goltzallee, hunderte katholische, vor allem ostpreußische Studenten legten auf ihr das Gelöbnis ab, ihrer Verbindung bis zum Lebens-ende treu zu bleiben und sich für Kirche, Wissenschaft, Freundschaft und Vaterland einzusetzen.

1938 enteigneten die Nationalsozialisten Haus und Prunkfahne und brachten sie ins Brauchtumsmuseum auf der Festung Marienberg in Würzburg. Dort überlebte sie Flucht, Vertreibung und Bombenhagel, bis sie 1946 wieder in den Besitz der Tuisconia kam, die sich inzwischen in Bonn neu konstituiert hatte.

Angesichts der starken Konkurrenz konnte sich Tuisconia in Bonn nicht halten. Das Haus in der Argelanderstraße nah dem Regierungsviertel musste verkauft werden. 2011 gab es einen Neuanfang an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Landshut/Niederbayern. Beim 117. Stiftungsfest am letzten Juliwochen-ende 2014 brachten Bonner Studenten der Verbindung Ripuaria, die die Fahne gehütet hatten, das reich bestickte Prunkstück an die Isar. Im Rahmen eines festlichen Kommerses übernahm es der Senior der Verbindung Tuisconia Moritz Fischer, Sohn des Chefredakteurs der „Sudetendeutschen Zeitung“. Nun hat die Fahne ihren Platz im neuen Haus der Tuisconia am Mövenweg, dem sogenannten „Mövennest“.

Redner auf dem Festkommers war der Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Martin Neumeyer, zum Thema „Migration und Integration in Bayern“.

Diplomchemiker Dr. Hansjörg Hey, der die Übersiedlung von Bonn nach Landshut eingefädelt und erfolgreich durchgeführt hatte, gab nun sein Amt als Vorsitzender der Altherrenschaft in jüngere Hände. Sein Nachfolger wurde Studienrat Joseph Wolfgarten (Osnabrück).

Die Farbenstrophe der Tuisconia wird nun auf allen feierlichen Veranstaltungen in Landshut selbst oder bei Besuchen der Verbindung bei anderen Korporationen gesungen werden und die Erinnerung an die ostpreußische Hauptstadt wach halten: „Königsberg zu gingst verloren, Du der Tuisconen Stadt. Fern von Dir ward neugeboren, was kein Sturm vernichtet hat …“

2013 hat eine Delegation der Tuisconen Königsberg besucht, wo sie auch in der Universität empfangen wurde. N. Matern


Heimat des Herzens
Autor Blazejewski entdeckt im Ermland sein eigenes Ich

Mit fünf Jahren wurde Hans Blazejewski 1944/45 von seiner Mutter mit auf die Flucht aus Königsberg genommen. Geboren wurde er in Tilsit, aufgewachsen ist er in Westfalen und musste „die besten Jahre seiner Kindheit“ in einem katholischen Kinderheim verbringen. Es nimmt nicht wunder, dass Blazejewski, der mehrere Berufe ausgeübt hat, einen Sehnsuchtsort namens Heimat suchte und lange Zeit nicht fand. Dann aber machte er sich auf in die Gegend, in der einst seine Großmutter, das Ohmchen, zu Hause war, reiste ins heute polnische Ermland und fand dort die Heimat seines Herzens. Er spürte oder meinte zu spüren, dass seine Gene überwiegend ermländischer Herkunft sind, wie er in seinem historisierenden Roman „Ermland-Blues“ bekennt, dessen Untertitel „Von Hurenkindern, einem katholischen Priester, einer Kräuterhexe und einer erträumten Heimat“ lautet.

Blazejewski hatte schon fleißig amtliche Dokumente, Zeitungen und Kirchenbücher im Hinblick auf das königliche Amtsdorf Neu Mertinsdorf studiert, das bis 1945 zum Pfarrbezirk Groß Bartelsdorf gehörte, als ihm die Idee zu seinem Roman auf dem ehemaligen Klomfaß-Hof kam. Traumwandlerisch verliefen nach eigenem Bekunden seine „Begegnungen“ mit der jungen Protagonistin Catharina, die eines Nachts vor ihm gestanden, sich vorgestellt und ihn gebeten habe, alles aufzuschreiben, was sie ihm erzählen wolle. So entstand ein sehr persönliches Buch mit Betrachtungen über das Ermland und seine Geschichte, getragen von der schmerzlichen Lebenserfahrung, dass „man so gern meecht bleiben und muss doch fort“.

Neu Mertinsdorf am Dadaj-See liegt in der Gegend von Bischofsburg, nicht weit entfernt vom Masurischen, wo die Protestanten lebten, von denen man sich im Ermland distanzierte – und umgekehrt. Drüben, „das waren die Preußen, masurische Preußen. Hüben im Ermland, das waren für die von Drüben die Polen, die Katholischen. Eigentlich ja auch Preußen, aber wiederum nicht so richtige“. Heute wird der Klomfaß-Hof von einer polnischen Familie bewohnt, die den Autor großzügig mit „Ermländisch Spichtches“ versorgte.

Nicht zuletzt von dieser Redeweise mit den zahlreichen deutsch-polnischen Wortbildungen, dem ermländischen Dialekt eben, lebt die einfache, aber poetische Geschichte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts um die junge, ledige Mutter Catharina Dobrozowski aus Neu Mertinsdorf und den Pfarrer Tadeusz Masoweczki in Groß Bartelsdorf. Blazejewski ist ein Erzähltalent, das zu entdecken sich lohnt. Man sollte aber nicht grundsätzlich Anstoß nehmen an seinem recht ausgeprägten Interesse an den Gottheiten der heidnisch-prußischen Urbevölkerung und an deren heiligen Stätten, die einst von den Ordensrittern nach der Eroberung ihres Herrschaftsgebietes systematisch zerstört wurden. Er selbst will einen dieser „Kraftorte“ aufgesucht haben. Im Roman lässt sich die dritte Hauptperson, die geheimnisvolle alte Babka, jedes Jahr zur Sommersonnenwende auf die Halbinsel im Dadaj-See rudern, wo der Hexenberg liegt, um den sich Gruselgeschichten ranken. Die alte Kräuterfrau ist Hebamme, Apothekerin, Heilerin und Seherin, halb Christin, halb Heidin. Von der Bevölkerung des Pfarrbezirks wird sie akzeptiert und häufig um Hilfe gebeten, obwohl über ihr merkwürdiges Gebaren so manches gemunkelt wird.

Bekannt ist zwar die noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert auf dem Land weit verbreitete Neigung der Menschen zum Aberglauben, dass aber die „gut katol’schen und frommen“ Leute einer „Zauberischen“ beträchtliches Vertrauen entgegengebracht haben sollen, erscheint zumindest ungewöhnlich. Aber behaupten kann man das ja durchaus in einem verträumten Roman, in dem sich Historisches und Imaginäres auf ganz eigentümliche, bezaubernde Weise vermischen. D. Jestrzemski

Hans Blazejeweski: „Ermland-Blues. Von Hurenkindern, einem katholischen Priester, einer Kräuterhexe und einer erträumten Heimat“, Sichtweise Verlag, Lehrte, broschiert, 215 Seiten, 11,90 Euro


S. 18 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

EBENRODE (STALLUPÖNEN)

Kreisvertreter: Dr. Gerhard Kuebart, Schiefe Breite 12a, 632657 Lemgo, Telefon (05261) 8 81 39, E-Mail: gerhard.kuebart@ googlemail.com.

Unser Hauptkreis- und regionales Ostpreußentreffen fand bei herrlichem Sommerwetter regen Zuspruch, die einzelnen Veranstaltungen waren gut besucht und die Gremien konnten ihrer Arbeit nachgehen. Der Filmabend am Freitag gab einen eindrucksvollen Rückblick auf das, was Ostpreußen einmal war und regte immer neue Gespräche an. Pfarrer i. R. Kurt Perrey mahnte am Ehrenmal und in der Andacht in bewegenden Worten zum Frieden, was selbst in Europa wieder nötig geworden ist. Erfreulich zahlreich war die Teilnahme öffentlicher Amtsträger an der Feierstunde, langsam dämmert es einigen, was sie an uns haben. Direktor Dr. Mähnert verdeutlichte anschaulich die zukünftige Gestalt des Ostpreußischen Landesmuseums einer interessiert lauschenden Zuhörerschaft. Die anschließend servierten Königsberger Klopse aus griechischer Küche waren gewöhnungsbedürftig, aber wo sollen die Griechen ostpreußische Küche lernen? Am Nachmittag brachte der Ostpreußenchor Hamburg Besinnliches und beschwingte Melodien, zum Abschluss erheiterte der Volkstanzkreis Winsen mit jugendlich munteren Darbietungen. Allen Organisatoren, Mitwirkenden und Teilnehmern sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.

Um angesammelte Hilfsgüter ihrer Bestimmung zuzuführen, plant unser Mitglied Gerhard Scheer vom 30. August bis zum 5. September noch eine günstige Reise über Posen nach Stallupönen/Ebenrode, Schloßberg, Trakehnen mit Tempelhüter. Übernachtet wird im Gasthaus Alte Apotheke, das mit den neu ausgebauten Zimmern nun eine ganze Busladung aufnehmen kann. Von hier aus sind auch Taxifahrten in die jeweiligen Heimatorte möglich. Gumbinnen, Insterburg, Gestüt Georgenburg, Königsberg, und die Marienburg stehen auf dem Programm, Einzelheiten erfragen Sie bitte bei Scheer-Reisen Wuppertal, Telefon (0202) 500077.

 

ELCH-NIEDERUNG

Kreisvertreter: Manfred Romeike, Anselm-Feuerbach-Str. 6, 52146 Würselen, Telefon/Fax (02405) 73810. Geschäftsstelle: Hartmut Dawideit, Telefon (034203) 33567, Am Ring 9, 04442 Zwenkau.

Einladung und Programm für das Kreistreffen und der Mitgliederversammlung der ehemaligen Bewohner des Kreises Elchniederung und deren Nachfahren sowie aller Freunde Ostpreußens: Vom 12. bis 14. September 2014 in Bad Nenndorf Hotel „Esplanade“ (05723) 798110 Bahnhofstraße 8, 31542 Bad Nenndorf. Freitag, 12. September, ab 14 Uhr: Eröffnung des Tagungsbüros Foyer, ab 14 Uhr: Delegierten-Versammlung im Hotel, ab 14 Uhr: Treffen im Restaurant, 16 bis 18 Uhr, im Keller: Film- und/oder Diavorträge Leitung: W. Nienke.

Sonnabend, 13. September, 9 Uhr: Eröffnung des Tagungsbüros, ab 9.30 Uhr: Treffen im Restaurant, 10 bis 12 Uhr, im Keller: Unser Bildarchiv/unsere Homepage/Film- und/oder Diavorträge Leitung: W. Nienke, 12 Uhr: Mittagessen im Restaurant, 14 Uhr: Eröffnung der Mitgliederversammlung durch den Vorsitzenden M. Romeike: Totenehrung, Berichte über die Kreisgemeinschaft und Kirchspielgebiete sowie Wahlen. 16 Uhr: Im Restaurant gemütliches Beisammensein, Plachandern, 16 bis 18 Uhr, im Keller: Weitere Bilder, Filme, Bilderfassung (scannen) Leitung.: W. Nienke, ab 18 Uhr: Musikalische Unterhaltung. Sonntag, 14. September, ab 10 Uhr: Gottesdienst in der Kirche Steinhude, Besuch des Agnes-Miegel-Hauses und Ausklang im Hotel. Wie bei allen Treffen steht das freundschaftliche Wiedersehen unserer Landsleute im Mittelpunkt unserer Bemühungen, und Sie werden feststellen, dass alles, was Ihrer Bequemlichkeit dient, in Bad Nenndorf vorhanden ist. Mittelpunkt unseres diesjährigen Treffens ist das Hotel Esplanade in Bad Nenndorf. Hier spielt sich das Treffen ab zwischen alten und neuen Freunden, hier werden nicht nur Bildbände, Bücher, Heimatbriefe und Kartenmaterial zum Kauf angeboten, hier sind auch wieder die Kirchspielvertretung und Heimatkreisdatei vertreten in der Hoffnung, dass es, wie in den vergangenen Jahren, wieder viele Landsleute gibt, die zum ersten Mal an einem Treffen teilnehmen und Auskunft geben können über Landsleute, die bisher für uns verschollen sind. Wir haben versucht, an alles zu denken, was Ihnen den Aufenthalt in Bad Nenndorf so angenehm wie möglich macht. Nutzen Sie diese umfangreichen Vorarbeiten und kommen Sie zum Treffen. Wir freuen uns auf ihr Kommen und erwarten Sie. Anmeldungen befinden sich im Heimatbrief, Sie können sich auch direkt an die Geschäftsstelle wenden.

 

HEILIGENBEIL

Kreisvertreterin: Elke Ruhnke, Im Bökel 76, 42369 Wuppertal, Tel.: (0202) 46 16 13. E-Mail: ruhnke@kreis-gemeinschaft-heiligenbeil.de. Stellvertreter: Christian Perbandt, Im Stegfeld 1, 31275 Lehrte, Tel.: (05132) 57052.

E-Mail: perbandt@kreisge­meinschaft-heiligenbeil.de. 2. stellvertretender Kreisvertreter: Bernd Schmidt, Heideweg 24, 25578 Dägeling, Telefon (04821) 8 42 24. E-Mail: Schmidt.ploessen@gmx.de. 2. Schriftleiterin: Brunhilde Schulz, Zum Rothenstein 22, 58540 Meinerzhagen, Tel.: (02354) 4408, E-Mail: brschulz@dokom.net. Internet: www. kreisgemeinschaft-heiligenbeil.de

Koffer packen: Es wird Zeit, die Koffer zu packen. Unser Kreistreffen in Burgdorf steht vor der Tür! Kommen auch Sie am 6. und 7. September in das Veranstaltungszentrum Burgdorf bei Hannover. Wir freuen uns auf Sie. Programm: Sonnabend, 6. September, 9 Uhr: Öffnung des Veranstaltungszentrums Burgdorf, Sorgenser Straße 31. 11 Uhr: Gedenkminute und Niederlegung von Blumen am Gedenkstein im Park. Ab 10.45 Uhr fährt ein Bus vom Veranstaltungszentrum hin und zurück. 12 Uhr: Öffentliche Mitgliederversammlung der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil im Saal des „Haus der Jugend“. 14 Uhr: Öffnung der Heimatstube und des Archivs in der Wilhelmstraße 3a. Pendelverkehr vom Veranstaltungszentrum zur Heimatstube von 13.45 bis 16 Uhr. 16.30 Uhr: „Neues vom Dienstmädchen Auguste Oschkenat aus der Großstadt“. Heimatbriefe von Dr. Alfred Lau, vorgetragen von Ilse Thomann. 18.30 Uhr: Gemütliches Beisammensein.

Sonntag, 7. September: 9 Uhr: Öffnung des Veranstaltungszentrums. Zirka 10 Uhr: Platzkonzert der Schützenkapelle „Gehrden“. 11 Uhr: Feierstunde im Saal des „Haus der Jugend“. Begrüßung Kreisvertreterin (Elke Ruhnke). Ostpreußenlied. Totenehrung (Christian Perbandt, stellvertretender Kreisvertreter). Choral von Leuthen (Nun danket alle Gott …). Ilse Thomann: „Zuhause: was ist zuhause?“. Grußworte. Festansprache: Ottmar Strehler, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Hannover, Thema: Arbeit des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge in Ostpreußen. Instrumentalstück. Schlusswort (Elke Ruhnke, Kreisvertreterin). Deutschlandlied 3. Strophe. 13.30 Uhr: Öffnung der Heimatstube bis 15 Uhr. Es ist ein Pendelverkehr hin und zurück eingerichtet. 16 Uhr: Offizielles Ende des Hauptkreistreffens. Änderungen vorbehalten.

Freitag, 5. September, ab 15 Uhr bis zirka 17 Uhr im Hotel „Försterberg“ in Burgdorf in der Immenser Straße 10. Leitung: Wolfgang Milewski.

Sonnabend, 6. September, um 15.30 Uhr im Veranstaltungszentrum Burgdorf, Sorgenser Straße 31. Leitung: Viola Reyentanz, geb. Schlenger.

Das Sondertreffen der Kirchspiele Brandenburg und Pörschken findet in diesem Jahr während des Kreistreffens am 6. und 7. September im Veranstaltungszentrum in Burgdorf statt.

Am 16. August begeht Ursula Kunkel, geb. Böhm, aus Heiligenbeil, Neubauer Weg 7, ihren 90. Geburtstag. Frau Kunkel wurde als Tochter von Friedrich Böhm und seiner Frau Martha, geb. Sohn, in Schettnienen Kreis Heiligenbeil geboren.

Sie ist das „Gedächtnis“ der Stadt Heiligenbeil, und sie weiß auch heute noch sehr gut, wer wo in Heiligenbeil gewohnt hat, wann wer geboren ist beziehungsweise wer die Eltern oder Großeltern waren. Man kann auch heute noch jederzeit bei ihr nachfragen. Sie gibt immer sehr bereitwillig Auskunft und ist auch selbst nach wie vor sehr lebhaft an allem, was mit dem Kreis Heiligenbeil, und hier besonders mit der Stadt Heiligenbeil zu tun hat, interessiert.

Frau Kunkel gehörte zu den Landsleuten der ersten Stunde, die seit der Gründung der Kreisgemeinschaft intensiv mitgearbeitet haben, und hier in ganz besonderem Maße mit Paul Birth, der direkt nach dem Krieg versucht hat, die Landsleute wieder zusammenzuführen und Adressen in Erfahrung zu bringen.

In den Jahren 1995 bis 2005 war sie Stadtvertreterin für die Stadt Heiligenbeil. Gleich nachdem der nördliche Teil Ostpreußens wieder zugänglich war, hat sie unzählige Reisen dorthin geleitet und war auch an vielen Hilfsmaßnahmen für die Menschen, die jetzt dort leben, maßgeblich beteiligt. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Silbernen Ehrenzeichen der Kreisgemeinschaft im Jahre 1999, mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Kreisgemeinschaft im Jahr 2004 und mit dem Silbernen Ehrenzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen im Jahr 2010 geehrt.

Frau Kunkel hat bis vor zwei Jahren an fast allen Kreistreffen teilgenommen sowie auch an etlichen Deutschland- und Landestreffen.

Der Vorstand der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil gratuliert Ursula Kunkel ganz herzlich zum Geburtstag und wünscht ihr weiterhin alles Gute, vor allem Gesundheit und dass sie uns noch lange mit ihrem großen Wissen erhalten bleibt.

 

INSTERBURG − Stadt und Land

Vorsitzender Stadt & Land: Reiner Buslaps, Am Berg 4, 35510 Butzbach-Kirch-Göns, Tel.: (06033) 66228, Fax (03222) 3721953, E-Mail: R.Buslaps@t-online.de. Kreisgemeinschaft Insterburg Stadt & Land e. V., Geschäftsstelle, Am Marktplatz 10, 47829 Krefeld, Postfach 111 208, 47813 Krefeld, Tel.: (02151) 48991, Fax (02151) 491141, E-Mail: info@insterburger.de, Internet: www.insterburger.de, Bürozeiten: Montag – Freitag von 8 bis 12 Uhr.

Vom 25. bis 27. September findet das 62. Jahreshaupttreffen der Kreisgemeinschaft Insterburg Stadt und Land e.V. in der Patenstadt Krefeld statt.

Gesamtprogramm: Donnerstag, 25. September, 17 Uhr: Gesprächsrunde der Ratsmitglieder und Heimatgruppenleiter. Besichtigung der Renovierungsarbeiten Insterburger Heimatmuseum im Alten Rathaus, Am Marktplatz 10, 47829 Krefeld-Uerdingen.

Freitag, 26. September, 17 Uhr: Öffentliche Sitzung der Mitglieder und der Ratsversammlung im Sitzungssaal C 2 im Rathaus Krefeld, Von-der-Leyen-Platz 1. Die Tagesordnung kann bei der Geschäftsstelle in Krefeld angefordert werden. Da nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen für Gäste im Rathaus zur Verfügung steht, bitten wir um rechtzeitige Anmeldung in der Geschäftsstelle, Telefon (02151) 48991, Fax (02151) 491141, E-Mail: info@insterburger.de. Sonnabend, 27. September, 11 Uhr: Gottesdienst in der Evangelischen Friedenskirche Krefeld, Mariannenstraße 106/Luisenplatz 1, 47799 Krefeld (Zentrum). Ab 12 Uhr: Mittagessen im Gemeindesaal der evangelischen Friedenskirche Krefeld. Ab 13.30 Uhr: Festveranstaltung – Begrüßung, Programm mit Vorträgen und Musikdarbietungen sowie mundartlichen Gedichten und Geschichten. Anschließend gemütliches Beisammensein und Kaffeetrinken mit selbstgebackenem Kuchen. (Programmänderungen bleiben vorbehalten).

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Ihnen in heimatlicher Gemeinschaft. Evangelische Friedenskirche, Mariannenstraße 106 Luisenplatz 1, 47799 Krefeld. www.friedenskirche.de. Öffentliche Verkehrsmittel: Krefeld-Rheinstraße (210 Meter) U70, U76. Parkmöglichkeiten finden Sie im nahe gelegenen Parkhaus der Sparkasse Krefeld, Ostwall 155, 47798 Krefeld, Einfahrt Neue Linner Straße 81, geöffnet Sonnabend 8 bis 19 Uhr.

Ausfahrt mit dem Parkticket ist 24 Stunden möglich. Eine Anmeldung wäre für unsere Planung hilfreich. Dazu können Sie sich gerne jederzeit mit unserem Büro in Krefeld in Verbindung setzen. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht. Telefon (02151) 48991, Fax: (02151) 491141, E-Mail: info@insterburger.de. Postanschrift: Kreisgemeinschaften Insterburg e.V., Am Marktplatz 10, 47829 Krefeld. Alle Mitglieder, Insterburgerinnen und Insterburger sind herzlich eingeladen. Ihre Kinder und Enkel, ebenso Gäste, die uns kennenlernen möchten, sind herzlich willkommen!

 

LÖTZEN

Kreisvertreter: Dieter Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg. Geschäftsstelle: Ute Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg, Telefon (040) 6083003, Fax: (040) 60890478, E-Mail: KGL.Archiv@gmx.de

Sonnabend, 16. August, Lötzener Heimatmuseum, Sudetenlandstr. 18 h (Böcklersiedlung) in der Patenstadt Neumünster, 10 bis 16 Uhr: Gelegenheit, die Kunstausstellung „Mein Hauptweg, meine Nebenwege“ mit Werken von Elena Steinke (Königsberg, Breklum) zu besuchen. Um 16.15 Uhr beginnt eine Veranstaltung anlässlich des 80. Geburtstages von Arno Surminski. Vor 40 Jahren erschien sein Roman „Jokehnen oder wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?“ Einen Streifzug durch Leben und Werk des Schriftstellers unternehmen Dieter und Ute Eichler. Eintritt frei.

 

LYCK

Kreisvertreterin: Bärbel Wiesensee, Diesberg 6a, 41372 Niederkrüchten, Telefon (02163) 898313. Stellvertr. Kreisvertreter: Dieter Czudnochowski, Lärchenweg 23, 37079 Göttingen, Telefon (0551) 61665. Karteiwart: Siegmar Czerwinski, Telefon (02225) 5180, Quittenstraße 2, 53340 Meckenheim.

Vom 11. bis 18. Juni 2015 findet die Fahrt nach Lyck statt. Jeder kann teilnehmen. Wir treffen uns in Warschau am Hotel Novotel Warszawa Airport, von dort starten wir gemeinsam mit dem Bus nach Lyck und werden im Hotel Rydzewski wohnen. Geplante Aktivitäten sind: Stadtrundgang in Lyck, Besuch der Deutschen Minderheit am Wasserturm, Kleinbahnfahrt mit Picknick, Fahrt nach Nikolaiken, Schiffsfahrt, Besichtigung des historischen Museums, Fahrt durch den Kreis Lyck mit Bunelka, Besuch des Soldatenfriedhofs in Bartossen, Bootsfahrt auf dem Lyck-See.

Die Kosten für Übernachtung und alle aufgeführten Aktivitäten betragen zirka 450 Euro pro Person, Einzelzimmerzuschlag 70 Euro. (Die Anreise bis Warschau und die Rückreise ab Warschau sind nicht im Preis inbegriffen)..

Nähere Informationen finden Sie auf unserer Website www.kreis-lyck.de unter Mittlere Generation, per Mail: heidi-mader@gmx.de oder Telefon (0421) 673 290 26. Auf eine interessante Fahrt freue ich mich und hoffe auf rege Beteiligung. Heidi Mader

Sprecherin der Mittleren Generation

 

NEIDENBURG

Kreisvertreter: Jürgen Szepanek, Nachtigallenweg 43, 46459 Rees-Haldern, Tel. / Fax (02850) 1017.

Um der weiteren starken Nachfrage zu entsprechen, haben wir beschlossen, die inzwischen 4. Auflage unserer drei DVDs fertigen zu lassen. Auf der ersten DVD sind alle „Neidenburger Heimatbriefe“ ab dem Jahre 1947 erfasst. Die zweite DVD beinhaltet die beiden Bücher „Der Kreis Neidenburg/Ostpreußen“ und „Die Landgemeinden des Kreises Neidenburg“, die 1968 und 1969 erschienen sind. In der dritten DVD sind unsere beiden Bildbände „Der Kreis Neidenburg/Ostpreußen im Bild, Band 1“ sowie „Der Kreis Neidenburg/Ostpreußen im Bild, Band 2“ aufgenommen worden. Diese beiden Bücher wurden in den 1980er Jahren erstellt. Für das schnellere Finden einzelner Ortschafen/Namen wurden Suchbegriffe eingearbeitet. Alle genannten Exemplare sind seit vielen Jahren vergriffen und nur noch auf diese Weise zu erhalten. Abgegeben werden sie zum Selbstkostenpreis von 15 Euro pro Stück, alle drei zusammen für 40 Euro inklusive Versandkosten. Bestellungen sind über Telefon oder Fax an den Kreisvertreter zu richten. Der Versand erfolgt umgehend.

 

RASTENBURG

Kreisvertreter: Hubertus Hilgendorff, Tel. (04381) 4366, Dorfstr. 22, 24327 Flehm. Gst.: Patenschaft Rastenburg: Kaiserring 4, 46483 Wesel, Tel. (0281) 26950.

Einladung zur Mitgliederversammlung und Kreistags-Sitzung am Sonntag, 24. August um 11.30 Uhr in der Niederrheinhalle Wesel anlässlich unseres diesjährigen Hauptkreistreffens. Tagesordnung: Begrüßung durch den Kreisvertreter. Feststellung der Anwesenden und Genehmigung des Protokolls vom Vorjahr. Bericht des Kreisvertreters. Kassen- und Prüfungsbericht. Entlastung des Vorstands und der Kassenführung. Haushaltsplan 2015. Heimatbriefe „Rund um die Rastenburg“. Bildband. Rastenburger Treffen 2014/2015. Verschiedenes. Anträge beziehungsweie Vorschläge zur Tagesordnung sind bis zum 15. August 2014 einzureichen.


S. 19 Heimatarbeit

Rückkehr des Königs der Vögel
Mindestens 200 Adlerhorste in Masuren gesichtet – Hohenzollern machten Seeadler zum preußischen Wappenvogel

Der Sturmwind selbst hat diesen riesigen Göttervogel geboren, den gewaltigen Aar, den größten aller heimischen Vögel, der einen unvergesslichen Eindruck auf uns macht, wenn er auf mächtigen 250 Zentimeter messenden Schwingen wie ein Engel plötzlich vom Himmel fällt. Masuren ist das wilde Heimatland dieser Seeadler. Für jeden, der die Natur und ihre Tiere liebt, ist Masuren ein Land von eindrucksvoller Schönheit. In diesem Zauberwald gibt es auch jetzt noch Blüten, Vögel und Tiere, die sonst selten geworden sind. In Bächen und Flüssen jagen Otter, brüten Schwäne. In Masuren sollen mindestens 200 Seeadler-Horste von der Rück-kehr der Tiere zeugen.

In Friedrichshof [Rozogy] im Süden der Johannisburger Heide, dem Ort mit der kleinen Lutherischen Freikirche, die heute noch steht, wurde mein Urgroßvater getauft. Das erklärt meine besondere Zuneigung für die Natur dort, die ich erstmals 1997 aufgesucht hatte, als wir Freunden in Litauen geholfen haben über den Naturschutz nach Europa zurückzufinden. Den Seeadler habe ich damals leider nur himmelhoch kreisend erlebt, so dass an Fotografieren nicht zu denken war.

Zehn Jahre später war ich wieder an der Rutyna. Dort liegt mitten im Wald eine große Wiese, die einst ein großer See war. Es war ein eisiger Winter, und ich habe dort bei dreißig Grad Kälte zehn lange Tage lang jeweils neun Stunden in einem winzigen Tarnversteck zugebracht um mich vor den Adlern zu verstecken, die ich fotografieren wollte. Da, wo sich am Horizont der Wald mit dem Himmel vereint, da wohnen auch die Seeadler. Meine enge Ansitzhütte, in die ich morgens schon bei Dunkelheit schlüpfe, stand an der Nordseite der Waldwiese. „Ich will den großen Adler überlisten, und nichts darf ihn misstrauisch machen.“

Um diese Zeit, Mitte Februar, sitzen die alten Seeadler schon auf ihren Nestern und brüten. Früher hat man sie auf ihren Nestern fotografiert, aber das gilt heute als verpönt, weil es stört und die Gefahr besteht, dass sie ihr Gelege verlassen. Ich warte also an einem Platz mit Lockfutter. Das sind vor allem giftfreie Innereien, aber auch Füchse von der Drückjagd oder ein eingefrorenes Reh, das auf der Straße verunglückt war. Es gibt Leute, die mich für deppert halten, dass ich tagelang bei eisiger Kälte dort warte. Nebel treibt über die Wiese, und es beginnt zu schneien. Lange sind es Kolkraben, die alleine für Abwechslung sorgen. Ende Februar singen sie ihr quorrendes Liebeslied und die verpaarten Raben machen ihre Balzflüge.

Mancher neigt dazu, Seeadler wegen ihrer Wucht und Größe für schwerfällig zu halten. Man muss erst einmal gesehen haben, mit welcher Kraft und Geschicklichkeit sie die gewaltigen Flügel einsetzen und plötzlich aus dem Stand senkrecht starten und in den Balzflug übergehen, bei dem die Tiere sich an den Fängen halten und herabtrudeln lassen.

Doch ist auch ein Jungadler schon ein gewaltiger Vogel, der, wenn er so vor einem sitzt, einen guten Meter hoch ist. Vielleicht habe ich mein Objektiv etwas unachtsam bewegt, denn der Adler entschließt sich zu einem Blitzstart. Mit mächtigem Flügelschlag katapultiert er sich senkrecht in die Höhe, erreicht den Waldrand und geht schon nach wenigen Flügelschlägen in den Segelflug über.

In den folgenden Tagen begegne ich immer wieder Adlern, meist vorjährigen Jungvögeln. Je älter ein Jungadler ist, desto brauner wird er. Der Kopf wird immer heller, der Schnabel gelber und die Iris des Auges wird hell. Morgens, wenn der Wind die Nebelfetzen über die Wiese treibt, sitzen sie irgendwo im Nebel verschleiert. Morgens um fünf Uhr treibt der Wecker mich hinaus, es ist noch dunkel, wenn ich auf meinem Stühlchen Platz nehme für die nächsten neun Stunden. Das ist immer eine Herausforderung für den Tierfotografen, denn manchmal nickt man ein. Um die Chancen zu erhöhen, lege ich ein komplettes Reh aus. Leider half es nicht, den Adler anzulocken, stattdessen kamen 30 Kolkraben die den Rehkadaver binnen zwei Tagen total aufgefressen haben.

Im Hintergrund schnarrten Tannenhäher, ein Bussard kreiste und kam an das Luder, von dem auch die Eichelhäher fraßen.

Schon bei den Römern galten Seeadler als Transporteure der Seelen. Bei Prometheus, der an einen Felsen geschmiedet war, weil er den Menschen das Feuer gebracht hatte, erschien jeden Tag ein Seeadler und fraß seine Leber.

Als der Brandenburger Kurfürst Wilhelm I. von Hohenzollern sich im Dom von Königsberg selber die Königskrone auf sein Haupt setzte, annektierte er nicht nur den Titel des Königs von Preußen, sondern auch den Preußischen Wappenvogel, und das war seit Generationen der Vogel des Landes, der Seeadler. Er ist über alle preußischen Generationen hinweg bis 1947 der Vogel Preußens geblieben und auch heute ist er noch der Adler für Deutschland. Nicht der Steinadler, sondern der Seeadler. Sie sind nicht nur unsere größten Vögel, sie sind auch unerhört vital und fressen alles, was sie erwischen und fangen oder als Luder verendet finden.

Endlich habe ich, nach so vielen Tagen vergeblicher Geduld, Erfolg. Erst segelt ein Jungadler vom Baum herab und beginnt gleich einen Fuchs anzufressen. Doch kaum hat dieses Adlerküken zu fressen begonnen, da höre ich das Fauchen der Schwingen des Alten. Dem Jungadler bleibt der Bissen im Halse stecken, denn der Altadler, der mit jedem Zoll ein König der Vögel ist, ist herabgesegelt von den Bäumen über uns und hat gleich den Jungadler mit seinen Flügeln mächtig verdroschen. Bei ihm ist der Kopf deutlich heller abgesetzt, der Hakenschnabel hellgelb und auch die Iris im Auge hell. Rundum ist er der typische Wappenvogel, ein würdiger alter Adler. Mächtig mit den Flügeln balancierend, hat er binnen einer halben Stunde den Fuchskadaver total aufgefressen. Das Junge sitzt daneben und traut sich nicht an die Beute heran. Beide starten, als der Alte fertig ist, rasch und gleiten segelnd davon und drehen eine Runde hoch über meinem Kopf. Weithin leuchtet der gespreizte weiße Schwanz des Altadlers, wie ein Schlusslicht und mit schwer schlagenden Fittichen streicht er über den Baumwipfeln zur Brutablösung in Richtung des Horstbaums davon. Ich habe zehn Tage Geduld für diese Bilder aufbringen müssen, weit mehr als jeder Jäger für die Jagd braucht.

Wolfgang Alexander Bajohr


S. 20 Heimatarbeit

Erster Weltkrieg in Ostpreußen
Kulturzentrum in Ellingen eröffnete Sonderschau

August 14 – der Erste Weltkrieg in Ostpreußen, Triumph und Tragik“ – die neue Ausstellung im Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen stellt die einschneidenden Veränderungen der bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges gängigen Kriegsführung und seine Auswirkungen auf Ostpreußen dar.

„Deutschland blickte zu Beginn des Erten Weltkrieges nur nach Westen,“ so begann Andreas Kossert von der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin seinen Einführungsvortrag zur neuen Sonderschau im Kulturzentrum Ostpreußen im Barockschloss Ellingen. Die Bevölkerung in Ostpreußen hatte große Angst vor einem „Krieg vor der Haustüre“, denn das Land war an der rund 500 Kilometer langen Grenze von Russland von drei Seiten umschlossen. Die russischen Armeen fielen bereits zwei Wochen nach Kriegsbeginn in das Land ein und besetzten rund zwei Drittel des Landes, nachdem die 8. Armee unter Maximilian von Prittwitz die beiden russischen Armeen, die Njemen-Armee unter Paul von Rennenkampff und die Narew-Armee unter Alexander Wassiljewitsch Samsonow, in der Schlacht bei Gumbinnen vom 19. bis 20. August 1914 nicht hatte aufhalten können..

Von Prittwitz wurde von Generalmajor Erich Ludendorff und Generaloberst Paul von Hindenburg ersetzt, die mit dem Sieg in der Schlacht bei Tannenberg vom 26. bis 31. August die Sicherung von Ostpreußen einleiteten. Dabei gelang deutschen Truppen die Einschließung und weitgehende Vernichtung der Narew-Armee. Vom 6. bis 15. September folgte die Schlacht an den Masurischen Seen, die mit der Niederlage der Njemen-Armee endete. Die russischen Truppen räumten daraufhin den größten Teil Ostpreußens.

Die Schlacht von Tannenberg wurde als Revanche für die Niederlage der Armee des Deutschen Ordens im Jahre 1410 gesehen. Bereits am 29. August 1914 habe Hindenburg Kaiser Wilhelm II. mitgeteilt, dass die „Scharte von 1410 ausgewetzt sei“, so der Berliner Historiker. Hindenburg selbst arbeitete an seinem eigenen Mythos, da die Kämpfe eigentlich nicht wie 1410 bei Tannenberg, sondern bei Hohenstein stattfanden. Der „Retter Ostpreußens“ – Hindenburg – habe hier bereits den Grundstein der späteren antipolnischen Grundstimmung gelegt, die später von den Nationalsozialisten in der Weise für Propagandazwecke derart benutzt worden seisen, dass Deutschland „im Osten unbesiegbar“ sei.

Für die Bevölkerung waren die Kämpfe tragisch, denn neben dem Oberelsaß und Lothringen war diese Region die einzige im Kaiserreich, die von Kampfhandlungen direkt betroffen war. Die Landschaft lag in Trümmern, rund 800000 Menschen waren auf der Flucht, Ende September 1914 erfolgte ein neuer Angriff auf Ostpreußen und erst mit der Winterschlacht in Masuren vom 7. bis 22. Februar 1915 konnte die Bedrohung aus dem Osten für die deutsche Provinz abgewendet werden.

Bereits Ende 1914 stellte eine Kriegsschadenskommission Schäden in Höhe von 1,5 Milliarden Mark fest. Mit Hilfe einer vom Kaiser am 27. August 1914 erlassenen Solidaritätsaktion „Ostpreußenhilfe“ wurden Milliardenbeträge für den Wiederaufbau aufgebracht.

Vor dem Einführungsvortrag hatte Katharina Fürstin von Wrede, die Vorsitzende des Fördervereins Kulturzentrum Ostpreußen, in ihrem Grußwort zur Eröffnung der Sonderschau erwähnt, dass in ihrer eigenen Familie mit österreichisch-ungarischen Wurzeln acht Personen den Ersten Weltkrieg an der Front nicht überlebt haben und dass eine Tante aus dem Hause Wrede als Krankenschwester an der Front gedient hatte.

Der Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen, Wolfgang Freyberg, bezeichnete die 160 Quadratmeter große, speziell auf Ostpreußen ausgerichtete Sonderschau als einmalig in Deutschland. Bei allen anderen historischen Abrissen, die den Ersten Weltkrieg behandeln, sei dieser Landstrich nur mit wenigen Zeilen und Bildern erwähnt. Freyberg begrüßte unter anderen namentlich den Landtagsabgeordneten Manuel Westphal, den Landeskulturreferenten der Landsmannschaft Ostpreußen in Bayern Jürgen Danowski sowie Konrad Vanja, der bis 2012 Direktor des Museums Europäischer Kulturen in Berlin war.

Freybergs Dank richtete sich an das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration sowie den Förderverein, die diese Ausstellung finanzierten, sowie an sein Team, den Historiker Roman Gogan, den Grafiker Bernhard Denga und den wissenschaftlichen Volontär Marco Wachtel, die in einer Gemeinschaftsleistung die Ausstellung in der gezeigten Form vorbereiteten. Die mehrteilige Ausstellung beschreibt mit zahlreichen Bildtafeln die Vorgeschichte des Krieges mit den politischen Entwicklungen seit der 1880er Jahre, die chronologische Zusammenfassung der Kampfhandlungen in Ostpreußen, die Folgen der Kriegszerstörungen und den anschließenden Wiederaufbau. Leihgaben aus Beständen des Ostpreußischen Landesmuseums Lüneburg, des Westpreußischen Landesmuseums Warendorf und des Armee-museums Białystok in Polen ergänzen die Ausstellung.

Manfred E. Fritsche

Die Ausstellung „August 14 – der Ersten Weltkrieg in Ostpreußen, Triumph und Tragik“ ist im Kulturzentrum Ostpreußen, Schloßstraße 9, 91792 Ellingen, bis zum 22. Februar 2015 Dienstag bis Sonntag, 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr (ab Oktober bis 16 Uhr) zu sehen. Weitere Informationen: www.kulturzentrum-ostpreussen.de oder unter Telefon (09141) 86440.


Theatersommer
Dittchenbühne mit neuem Programm

Das verspricht großes Theatervergnügen und Unterhaltung mit Tiefgang zu werden: Im August und September führt das Elmshorner „Forum Baltikum – Dittchenbühne“ Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ auf. Regie führt Raimar Neufeldt, die Hauptrolle spielt Ralf „Kalle“ Skala.

„Der Hauptmann von Köpenick“ beruht auf einer wahren Begebenheit: 1906 schlüpfte der Arbeitslose Wilhelm Voigt in eine Hauptmanns-Uniform, stellte zwei Wachmannschaften unter seinen Befehl und erbeutete im Rathaus von Köpenick die Stadtkasse. Das war Anlass und Hintergrund für das satirische Theaterstück Zuck-mayers, in dem er die preußische Obrigkeitsgläubigkeit, den Bürokratismus und den Militarismus aufs Korn nimmt.

Die Dittchenbühne hat dieses Stück vor einigen Jahren schon einmal gespielt und bringt es jetzt zum zweiten Mal zur Aufführung. Seit Beginn des Vorverkaufs gibt es einen großen Ansturm auf die Karten – die Aufführungen im Theatersaal sind so gut wie ausverkauft, aber für die Freilichtaufführungen im August und September gibt es noch Tickets. Premiere des Stückes ist am 22. August. Nach den Aufführungen auf der Freilichtbühne und im Theatersaal geht die Dittchenbühne im Oktober mit dem Stück auf Tournee in Osteuropa – bis ins russische Murmansk am Eismeer.

Aufführungen im August: Freitag, 22. August, 20 Uhr: Freilicht-Theater der Dittchenbühne“, Premiere, Eintritt: 20 Euro.

Sonntag, 24. August, 16 Uhr: Freilicht-Theater der Dittchenbühne, Eintritt: 12 Euro.

Freitag, 29. August, 20 Uhr im Freilicht-Theater der Dittchenbühne, Eintritt: 12 Euro.

Sonntag, 31. August, 16 Uhr im Freilicht-Theater der Dittchenbühne, Eintritt: 12 Euro.

„Die Freilichtaufführungen haben immer eine ganz spezielle, sommerliche Atmosphäre“, berichtet Neufeldt. „Die Zuschauer können ein ganz besonderes Theatererlebnis genießen – und auch die Darsteller freuen sich immer auf ihre Open-Air-Auftritte!“ Und wenn es mit dem Wetter einmal nicht so klappen sollte, findet die Vorstellung in Theatersaal der Bühne statt.

„Die Veranstaltungen im September und Oktober, die in unserem Theatersaal stattfinden, sind bereits recht ausverkauft“, so Neufeldt. Deshalb sollten Theaterfreunde jetzt die Chance nutzen, den „Hauptmann“ auf der Freilichtbühne zu erleben. Neufeldt: „Aber auch hierfür sollte man nicht zu lange mit der Kartenbestellung warten!“

Kartenreservierung unter Telefon (04121) 89710 oder per E-Mail unter buero@dittchenbuehne.de

„Forum Baltikum – Dittchenbühne“, Hermann-Sudermann-Allee 50, 25335 Elmshorn, www.dittchenbuehne.de – buero@dittchenbuehne.de


S. 21 Lebensstil

Wohlstandsbringer auf Schienen
125 Jahre Rhätische Bahn in der Schweiz: Sie befördert seitdem Waren und Reisende in sonst schwer zugängliche Gegenden

Die Bahnstrecken zwischen Thusis und St. Moritz (Albula) sowie St. Moritz und Tirano (Bernina) sind die berühmtesten Linien der Bündner Bahn und gehören zu den spektakulärsten Schmalspur-Bahnstrecken (1000 Millimeter Spurweite) der Welt.

Die Schweiz rühmt sich, mit 26000 Kilometern Bahn-, Bus- und Schiffsstrecke nicht nur das dichteste Verkehrsnetz der Welt zu besitzen, sondern garantiert auch deren reibungslosen Ablauf im Stunden-takt: pünktlich, sauber, sicher. Die Stars unter den öffentlichen Verkehrswegen sind zweifellos die Panoramastrecken, welche die Alpenrepublik von Montreux am Genfer See bis St. Moritz im Kanton Graubünden, von Romanshorn am Bodensee bis Zermatt im Kanton Wallis durchziehen.

Als bahntechnisches Meisterstück für die Erschließung der hochalpinen Landschaft wurden darunter die Albula- und die Berninalinie, Teilstücke von Glacier und Bernina Express, am 7. Juli 2008 in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen. Damit wurde die Rhätische Bahn (RhB) in der Landschaft Albula/Bernina neben der Semmeringbahn in Österreich sowie dem Mountain Railways of India (Darjeelingbahn, Nilgiribahn, Kalka-Shimlabahn) als dritte Bahnlinie zum Weltkulturerbe erklärt.

Der Bestand der Strecken von Thusis nach St. Moritz (Glacier Express) und St. Moritz nach Ti­rano im italienischen Veltlin (Bernina Express) ist dadurch auf lange Sicht gesichert. Sind der Bund und der Kanton Graubünden im Zusammenhang mit dem begehrten Titel doch verpflichtet, die Strecke einschließlich der umgebenden Landschaft zu erhalten. Denn die Kunstbauten der Bahn bilden mit der besonderen Topografie eine einzigartige Einheit.

Die Albulalinie war 1904 endgültig fertiggestellt. Im Jahr darauf wurde die Bernina Bahngesellschaft gegründet. Fünf Jahre später konnte die Gesamtstrecke von St. Moritz über den Berninapass bis Tirano eröffnet werden. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus, so dass die Rhätische Bahn die Berninabahn 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, übernahm. Heute beeindruckt die kühne Fahrt im 1973 eingeführten Bernina Express die Touristen. 3,5 Stunden dauert es im Sommer von Chur bis ins südliche Tirano, 2,5 Stunden ab St. Moritz. Dabei werden 2253 Meter Höhe erklommen, 196 Brücken und Viadukte überquert sowie 55 Tunnel durchfahren. 291 Brücken, 91 Tunnel sowie den 2033 Meter hohen Oberalppass in der Nähe der Rheinquelle und die Rheinschlucht überquert der Glacier Express zwischen Zermatt und St. Moritz. Der ältere „Bruder“ wurde schon 1930 eingeführt. Die Bahnfahrt quer durch die Schweiz dauert ungefähr acht Stunden.

Glacier- und Bernina-Express haben die Rhätische Bahn, die seit 125 Jahren in Graubünden unterwegs ist, in der Welt berühmt gemacht. Und so entspricht das berühmte Zitat aus dem Aufsatz eines einheimischen Schülers „Die Bündner ernähren sich von Touristen …“ durchaus der Realität. Stammen doch 80 Prozent der RhB-Fahrgäste aus diesem Segment. Insgesamt sind rund zehn Millionen Fahrgäste jedes Jahr mit der RhB unterwegs, darunter in authentischen Zugkompositionen aus dem Dampfzeitalter, Fahrzeugen aus den 30er Jahren oder modernen Panoramawagen.

Ein Erfolg, der aus der Not geboren wurde. Denn die Entscheidung der nationalen und internationalen Verkehrspolitik 1869/71 zugunsten der Gotthardbahn war ein herber Schlag für das Passland im Südosten der Republik. Mit der Eröffnung dieser internationalen Eisenbahnlinie 1882 verfiel der Gebirgskanton Graubünden in eine Depression: Praktisch über Nacht versiegte eine bedeutende Wirtschaftsquelle. Bedeutete der Warenaustausch über die Alpenpässe Julier, Septimer, Splügen und Bernhardin doch seit dem Mittelalter Wohlstand und Verdienst für den Großteil der Bevölkerung.

Ausgerechnet ein Holländer war es, der den Bündnern dann neue Wege eröffnete. Willem Jan Holsboer (1834–1893) überzeugte sie von der Idee, eine innerbündnerische Bahn zu bauen. 1887 gelang ihm die Gründung, die Finanzierung und der Baubeginn der ersten Eisenbahnlinie in Graubünden, der „Schmalspurbahn Landquart–Davos“. Bereits 1889 konnte die Strecke von Landquart nach Klosters eröffnet werden, im Jahr darauf war die Verlängerung bis nach Davos fertiggestellt.

Der Grundstein für das heute 384 Kilometer lange Streckennetz der Rhätischen Bahn war gelegt. Leider konnte Holsboer seine weiteren Bahnprojekte nicht mehr alle selber realisieren. Er verstarb bereits mit 59 Jahren. Doch auch ohne ihn vergrößerte sich durch den Bau weiterer Strecken nach St. Moritz, Disentis/Mustér und Scuol-Tarasp sowie die Fusionen mit der Arosa- und der Berninabahn das Streckennetz stetig.

Die bisher letzte Netzerweiterung ist die 21 Kilometer lange Vereinalinie durch den Vereinatunnel, die am 19. November 1999 in Betrieb genommen wurde. Während frühere Tunnelprojekte wie der Furkabasistunnel oder der Centovallitunnel bei Locarno oder aktuell die Neat für negative Schlagzeilen sorgten und sorgen, kann die Vereinalinie als wahres Musterbauwerk bezüglich Planung, Betriebskonzept sowie Bauzeit, -ausführung und -kosten bezeichnet werden. Nach 8,5 Jahren Bauzeit konnte diese erste Netzerweiterung der Rhätischen Bahn seit 85 Jahren in Betrieb genommen werden – ein gutes halbes Jahr früher als geplant.

Die Leistungsfähigkeit der Rhätischen Bahn zeigt sich aber noch auf einem anderen Gebiet: Rund 700000 Tonnen Waren werden jährlich auf dem Bündner Bahnnetz verschoben. Damit erspart sie den Bündnern über 100000 Lastwagenfahrten. Helga Schnehagen


Preußisches »Pompeji«
Ausgrabungen im 1945 von Russen zerstörten Küstrin

Das heutige Küstrin [Kostrzyn nad Odr]ą hat so gut wie keine Berührung mit der alten Festungsstadt Küstrin, die für kurze Zeit Residenz der Markgrafschaft von Brandenburg-Küstrin war. Und doch gibt es eine eigenartige Verschränkung zwischen der ausgelöschten Altstadt und der weitgehend gesichtslosen Industriemetropole, die auf den Trümmern der Küstriner Neustadt erwachsen ist. Denn das große Abfertigungsgebäude der einstigen Grenzkontrolle unweit der Zitadelle beherbergt heute den Stadtrat. Gleich daneben befindet sich die Verwaltung des Museums der Stadt. Dessen Direktor Ryszard Skałba hat seit 1994 die Freilegung der alten Festungsstadt betrieben.

Dabei haben sich auch ehemalige Küstriner aus dem westlichen Vorland mit ihren Erinnerungen eingefunden. Denn es lebt dort noch mancher, der als Kind mit der Straßenbahn durch das Gelände fuhr, auf dem nun wieder die Straßenpflaster, Bürgersteige, die Haustürtreppen und Kellerfenster freigelegt wurden. Denn mehr ist nicht geblieben von den engbebauten Straßen und Gassen. Inzwischen wurden einige der Bastionen neu befestigt.

Ein Stück der Kurtine zwischen den Bastionen „Brandenburg“ und „König“ ist die „Katte-Promenade“. Hier ereignete sich 1730 der letzte Gang des Freundes und Fluchtgehilfen von Friedrich dem Großen vor dessen Hinrichtung.

Das Netz der Straßen ist nachvollziehbar. „Apothekergasse“, „Rosengasse“ oder „Schloßfreiheit“ steht auf den neugesetzten Schildern. Auf die schwere Zerstörung der Altstadt durch die russische Artillerie während der zwölfwöchigen Belagerung im Frühjahr 1945 folgte die Abtragung der Ruinen zum Zweck der Wiedererrichtung der polnischen Hauptstadt Warschau. Noch verbliebene Bauwerke wurden später dem Erdboden gleichgemacht. Die nahen Kasernen auf der Oderinsel waren von Russen besetzt und das Gelände der früheren Altstadt lag damit im unzugänglichen Sperrbezirk der Grenze.

Inzwischen ist der neu entstandene Park neben dem Vogelschutzgebiet der Warthemündung ein touristischer Hauptanziehungspunkt der Gegend. Auch die polnischen Bewohner nutzen den stillen posturbanen Raum zur Naherholung. Denn gerade dort, wo sie keine mehr ist, wirkt die Stadt Küstrin wohnlicher und menschenfreundlicher als um die schmucklosen Neubauten bei Bahnhof, Volkspark und Zellstofffabrik.

In der spektakelsüchtigen Sprache des Fremdenverkehrs ist von einem „Pompeji an der Oder“ die Rede. Und freilich sehen wir Ziegelmauern, wie sie ähnlich schon für römische Bauten verwendet wurden. Und wie die verwitterten Reste der Küstriner Marienkirche sich im Komplementärkontrast ziegelrot von den umgebenden grünen Büschen und Bäumen abheben, bewirkt ein Farbenspiel wie bei antiken Trümmerstätten. Es ist nicht eigentlich schön, doch es rührt den Spaziergänger durch seine anschauliche Bedeutsamkeit an. Wüst ist diese Stätte nur im zivilisatorischen Sinne. Denn um die Ruine weht noch der belebende Geist einer früheren Zeit. Der sprechende Charakter eines Flächendenkmals soll weiter herauspräpariert werden. Die Bastion „König“, auf der sich bis vor einigen Jahren ein sowjetischer Soldatenfriedhof befand, ist inzwischen wegen Baufälligkeit gesperrt. Ein Geschütz und ein Obelisk davon wurden bereits demontiert. Auch die Soldaten sollen in eine neue Ruhestätte auf dem Neustädter Friedhof überführt werden.

Stattdessen wird nun der Landesvater Hans von Küstrin wieder in seine Residenzstadt einziehen. Zu seinem 500. Geburtstag sollte das im Krieg vernichtete Bronzestandbild, das 1903 Kaiser Wilhelm II. persönlich eingeweiht hatte, zur Aufstellung gelangen. Der Sockel wurde 2010 auf dem Bauhof der Stadt wiederentdeckt. Nach einem im Stadtmuseum vorhandenen Gipsmodell konnte bereits die Gussform rekonstruiert werden. Doch bislang reichen die Spendenmittel für den Guss noch nicht aus. So wurde während der Küstriner Festungstage zunächst einmal der Denkmalsockel an seiner angestammten Stelle eingeweiht. In Stellvertretung des Hans von Küstrin nahm zu diesem Spektakel ersatzweise ein kostümierter Jüngling Aufstellung. Sebastian Hennig


Von Jules Verne inspiriert
Nantes: Ehemaliges Werftgelände wurde künstlerischer Freizeitpark

Nantes an der Loire galt über Jahrhunderte hinweg als traditionsreiche Hafenstadt, die ihren Wohlstand der Seefahrt, dem Handel und dem Schiffbau verdankte. In den letzten Jahren jedoch hat die Stadt ihr Image radikal gewandelt, hin zur Kunst- und Kulturmetropole. Das spektakulärste Projekt dieser Art wurde und wird auf dem ehemaligen Werftgelände der Loire-Insel verwirklicht: „Les Machines de l’île de Nantes.“ Künstlerische Avantgarde und moderne Technik sind hier eine Symbiose eingegangen und haben einen Freizeit- und Vergnügungspark geschaffen, bevölkert von phantastischen Tieren: beweglichen und begehbaren Kunstobjekten, die Besucher aller Altersklassen faszinieren.

Entstanden sind so neuartige und gleichzeitig nostalgische Maschinen, die Ideen aufgreifen aus dem mechanischen Universum Leonardo da Vincis, den berühmten Automaten des 19. Jahrhunderts, den imaginären Welten von Jules Verne und der Industriegeschichte von Nantes. Doch während mit den Automaten des 19. Jahrhunderts versucht wurde, die Natur täuschend nachzuahmen, verleugnen die modernen Kunstobjekte nicht ihren maschinellen Charakter und bieten bei aller Lebensechtheit auch Einblicke in die Konstruktion ihres „Innenlebens“ und ihrer technischen Funktionen.

Dem alten Werftgelände, das nach der Verlagerung des Schiffbaus von Nantes nach St. Nazaire brachlag, wurde durch dieses Ausstellungsprojekt neues Leben eingehaucht. Ebenso wurden für ehemalige Werftarbeiter neue Arbeitsplätze geschaffen. Als Maschinenbediener sind sie zum Teil von außen sichtbar, zum Teil im Inneren der Objekte verborgen tätig. Die 1999 gegründete Gruppe „La Machine“, bestehend aus Künstlern, Architekten, Ingenieuren und Handwerkern unter der Leitung der beiden Ideengeber François Delarozière und Pierre Orefice, ist mit ihrer Arbeit noch keineswegs am Ende.

Als erstes „Kind“ wurde 2007 „Le Grand Éléphant“ geboren: Mit zwölf Metern Höhe, 21 Metern Länge, über 48 Tonnen Gewicht und einer Beförderungskapazität von maximal 50 Personen ist es das größte bis dato fertiggestellte Objekt. 2012 wurde das „Carrousel des Mondes Marins“ eröffnet: ein 25 Meter hohes, dreistöckiges „Karussell der Unterwasserwelten“, bevölkert von 35 phantastischen Seeungeheuern und Meeres­tieren. Auf oder in ihnen nimmt man Platz und kann während der Fahrt die Bewegungen per Hebel und Pedal selbst steuern. Dieses Kunstwerk nähert sich besonders der Vorstellungswelt von Jules Verne an, dem berühmten Sohn der Stadt Nantes, dessen Museum der Insel gegenüber am Ufer der Loire liegt.

Ein weiteres von Delarozière entworfene Objekt ist „La Princesse“: eine 13 Meter lange und 37 Tonnen schwere aus Stahl und Holz gefertigte Riesenspinne. Sie wurde 2008 zum ersten Mal in England präsentiert aus Anlass der Ernennung Liverpools zur europäischen Kulturhauptstadt. Mehrere Tage lang stolzierte das achtbeinige Fabelwesen damals durch Liverpool und sorgte für Verblüffung.

Auf der île de Nantes wurden die in drei ehemaligen Lagerhallen öffentlich ausgestellten Objekte von Beginn an begeistert angenommen. Besucher jeden Alters strömen in Scharen herbei, wenn das Prachtstück der Ausstellung, der riesige Kunstelefant, zum Leben erwacht, sich Schritt für Schritt in Bewegung setzt, dabei laut trompetet und Wasser aus seinem Rüssel spritzt. Nicht nur die bis zu 50 Passagiere auf seinem Rücken und in seinem offenen Bauch haben ihren Spaß, sondern auch die vielen großen und kleinen Zuschauer, die den Elefanten umringen und begleiten auf seinem gut halbstündigen Spaziergang von der großen Halle bis zum Karussell und wieder zurück. Angelika Fischer


S. 22 Neue Bücher

Den Tod ans Licht gezerrt
Autor über das Sterben

Seine Begegnungen mit dem Tod hatte der 1953 geborene Reporter Bartholomäus Grill bisher schon in zahlreichen Afrika-Reportagen in Worte gefasst. Grill, der mit seiner Familie in Kapstadt lebt, war seit 1993 viele Jahre Afrika-Korrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“ und ist derzeit für den „Spiegel“ tätig. Nun hat er sein stark autobiografisch unterlegtes Buch mit dem Titel „Um uns die Toten. Meine Begegnungen mit dem Sterben“ veröffentlicht.

„Media vita in morte sumus“ („Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“). Daran erinnerte die Gläubigen im Mittelalter ein Liedvers. In unserem Kulturkreis wird die bittere Tatsache der Endlichkeit des menschlichen Lebens so gründlich wie irgend möglich aus dem Alltag verdrängt. In seinem inhaltlich aus einzelnen Episoden bestehenden Buch verweist Grill darauf, dass darüber die „Ars moriendi“, die in religiösen Erbauungsschriften einst gelehrte „Kunst des Sterbens“, in Vergessenheit geraten sei. Er möchte uns einen Spiegel vorhalten, indem er an die Verdrängung des Todes aus dem sozialen Leben erinnert, was den einzelnen Menschen ratlos mache angesichts seiner Scheu vor dem Tod.

2005 hatte Grill in der „Zeit“ eine eindringliche Reportage über den assistierten Suizid seines unheilbar kranken jüngeren Bruders Urban bei der Zürcher Organisation Dignitas veröffentlicht, für die er 2006 den Henri-Nannen-Preis erhielt. Die Reportage erschien anschließend auch im „Stern“ und hatte eine überwältigende Leserreaktion zur Folge. Auf Veranlassung des „Stern“-Chefredakteurs Thomas Winterkorn führte er ein Streitgespräch mit dem bekannten katholischen Moralphilosophen Robert Spaemann über das Thema Sterbehilfe. In den Inhalt des vorliegenden Buches wurde neben der preisgekrönten Reportage auch die kontroverse Diskussion zwischen Grill und Spaemann aufgenommen. In weiteren Kapiteln berichtet der Autor über das Lebensende seiner Eltern.

Für einen Teil der Leser mag sein erneuter Schritt an die Öffentlichkeit mit diesen Reportagen schwer nachvollziehbar zu sein. Grill ist jedoch der Ansicht, es bestünde ein allgemeines Bedürfnis, den „verbannten und scheinbar gezähmten Tod wieder näher ans wirkliche Leben heranzuholen“. Mit dem Phänomen des „gezähmten Todes im Verborgenen“ umschreibt er den Umstand, dass 80 Prozent der Menschen in Krankenzimmern und auf Intensivstationen, in Hospizen und Altersheimen sterben. Was hier leider nicht erwähnt wird: Zum Teil beruht das Problem auf einer kollektiven Überforderung. Denn was könnte die Alternative sein in einer verstädterten Gesellschaft mit starker Vereinzelung, in der man seinen Wohnungsnachbarn oft nur dem Namen nach kennt? Grill, der auf dem Dorf in einer erzkatholischen Gegend in Oberbayern aufwuchs, attackiert vor allem die katholische Kirche, der er eine „angemaßte moralische Autorität“ vorwirft. „Bis unter die Bettdecke und ins Grab hinein macht die Kirche ihren Mitgliedern Vorschriften. Der Freitod und die Sterbehilfe sind (aus kirchlicher Sicht) schwerste Verfehlungen.“ Während er als Kind von den Riten an den großen Kirchenfesten fasziniert war, wandelte sich diese Haltung später nach seinen eigenen Worten in Abneigung. Vielfach geht Grill mit der Kirche ins Gericht, manchmal aufgrund eigenen Erlebens. Recht bald hat man in der konsequenten, keineswegs neuartigen Kirchenschelte ein „untergeschmuggeltes“ Zweitthema des Buches erkannt. Dementsprechend gibt es keine tendenzfreien Diskurse über „metaphysische Fragen“, was man als Manko empfindet. Am Ende bleibt man mit bleischweren Gedanken und Gefühlen zurück.

Dagmar Jestrzemski

Bartholomäus Grill: „Um uns die Toten. Meine Begegnungen mit dem Sterben“, Siedler, München 2014, geb., 224 Seiten, 19,99 Euro


Zu kurz gesprungen
GIZ-Chefin über Deutschlands Interessen an Entwicklungspolitik

Monatelang war Tanja Gönner 2011 in den abendlichen TV-Nachrichten ein vertrautes Gesicht. Als Verhandlungsführerin der Befürworter von Stuttgart 21 stand die damalige baden-württembergische Verkehrsministerin den Medien Rede und Antwort, als es darum ging, wie es mit dem Großbauprojekt um den Hauptbahnhof der Landeshauptstadt weitergehen sollte. Dann, mit der Abwahl der CDU aus der Landesregierung, verschwand auch die Vertraute von Ministerpräsident Stefan Mappus in der Versenkung. Inzwischen hat die Juristin allerdings einen durchaus bedeutenderen Posten. Als Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), für die weltweit über 16500 Mitarbeiter arbeiten und deren Geschäftsvolumen 2013 rund 1,9 Milliarden Euro betrug, steht Gönner nun weniger im Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit, doch mit dem Buch „Zieht die größeren Schuhe an! Was Deutschland in der Welt erwartet“ will sie erneut ihre Position zu einem ihr wichtigen Thema verdeutlichen.

Die 1969 Geborene stützt ihre Thesen vor allem auf eine von der GIZ durchgeführte Umfrage, für die Politiker, Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler aus mehreren Ländern zur zukünftigen Rolle Deutschlands befragt wurden. Und wie schon Bundespräsident Joachim Gauck und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen forderten, kommt auch die Umfrage zu dem Schluss – Gönners Buchtitel lässt es erahnen –, dass Deutschland mehr Verantwortung in der Welt übernehmen solle. Doch immerhin betont die Autorin, dass Deutschland dies nicht aus reiner Nächstenliebe tun solle, sondern dass es auch um eigene Interessen ginge wie Ressourcen- und Rohstoffsicherheit, Klima- und Gewässerschutz, Migration und Mobilität, Finanzmarktstabilität und Freiheit der Märkte.

Zeitweise hat man jedoch das Gefühl, die Ausführungen einer Grünen-Politikerin zu lesen. Viel geht es um Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Deutschlands Vorreiterrolle bei den Erneuerbaren Energien und ähnliches. Gerade Deutschlands Erfahrungen mit Erneuerbaren Energien werden hier völlig einseitig hochgejubelt. Angeblich sei der einzige Konstruktionsfehler beim Erneuerbare Energiegesetz (EEG), dass die sinkenden Anlagenkosten nicht berücksichtigt worden seien. Damit verspielt Gönner jedoch ihre eigene Glaubwürdigkeit, denn selbst eingefleischte Befürworter des EEG erkennen inzwischen deutlich mehr Konstruktionsfehler an. Und wo die Politikerin, die auch zeitweise Umweltministerin in Baden-Württemberg war, die vielen grünen Jobs in Deutschland erkennen will, bleibt auch ihr Geheimnis, wurden doch gerade hier in den letzten Jahren viele einst neu geschaffene Stellen wieder abgebaut, zudem gingen infolge der durch die Energiewende steigenden Strompreise in konventionellen Branchen bereits die ersten Jobs verloren.

Trotzdem bietet Gönner neben viel Öko-Gefasel auch einige interessante Aspekte. So greife es zu kurz, die Legitimation der deutschen Entwicklungspolitik nur auf Moral und Humanität aufzubauen. Deutschland habe allein schon aufgrund wirtschaftlich benötigter Ressourcen ein Interesse daran, gute Kontakte zu anderen Ländern zu pflegen. Hierfür solle man den Partnerländern nicht einfach Geld in den Rachen werfen, sondern gezielt Verträge mit ihnen abschließen, in denen man Wissen und Technik gegen Rechtsstaatlichkeit und Rohstoffe tauscht. Als Beispiel führt sie die 2011 mit der Mongolei abgeschlossene Rohstoffpartnerschaft an, bei der deutsche Unternehmen vor Ort helfen, effizient und umweltfreundlich die Bodenschätze zu fördern und zu vermarkten. Auch betont Gönner, dass es anmaßend und zudem sinnlos sei, anderen Ländern das Recht abzusprechen, ihre Rohstoffe auszubeuten. Allerdings sollte Deutschland dabei helfen, das so umweltfreundlich wie möglich zu machen, schließlich verfüge man über das nötige Know-how.

In einem anderen Kapitel macht die Autorin deutlich, warum die Wasserbewirtschaftung in anderen Ländern auch Deutschland zu interessieren hat, obwohl wir hierzulande keinen Wassermangel haben. Hierbei geht sie nicht auf Aspekte wie das Elend der Menschen vor Ort ein, sondern verweist auf aus dem Ausland importierte Güter, für deren Produktion Wasser nun einmal notwendig sei.

Am Ende der Lektüre jedoch ist der Leser zwar ein wenig schlauer, aber keineswegs überzeugt, dass Gönner die richtige Frau auf dem Vorstandsposten der GIZ ist, da ihr bei manchen Dingen eindeutig der Durchblick fehlt. Rebecca Bellano

Tanja Gönner: „Zieht die größeren Schuhe an! Was Deutschland in der Welt erwartet“, Murmann, Hamburg 2014, broschiert, 176 Seiten, 17,99 Euro


Nicht Parteigänger, nicht Dissident
Einblick in das Werk des bulgarischen Schriftstellers Georgi Markov

In dem Buch stellt PAZ-Mitarbeiter Wolf Oschlies den bulgarischen Schriftsteller und Dissidenten Georgi Markov vor, der durch das „Regenschirm-Attentat“, das 1978 in London auf ihn verübt wurde und in dessen Folge er drei Tage später starb, weltweit bekannt wurde. Kaum bekannt sind hingegen Markovs Schriften, von denen Oschlies sieben repräsentative „Proben“ übersetzt hat: Zwei über die „Führer“ der Volksrepublik Bulgarien, zwei über deren sowjetische „Lehrmeister“ sowie drei über den kommunistischen Alltag, seine Miseren und die gelegentlichen Lichtblicke. Davor hat Oschlies eine Einführung gesetzt, die den Autor, sein Leben und sein Werk vorstellt sowie die Umstände seines Todes prüft.

Markov, 1929 in Sofia geboren, veröffentlichte 1961 seine ersten Erzählbände. Bereits 1962 landete er mit dem Roman „Männer“ einen Riesenerfolg, der ihn in ganz Osteuropa bekannt machte und in Bulgarien die begehrte Mitgliedschaft im Schriftstellerverband einbrachte.

Mit einem „Röntgenbild“ des Bulgarischen Schriftstellerverbands, der mit seinem Reichtum und den Privilegien seiner Mitglieder, ganz anders als im restlichen Osteuropa, eine Sonderstellung einnahm, beginnt Oschlies’ Auswahl aus Markovs Reportagen. Es folgen Kapitel über die bulgarische Ablehnung des erzwungenen Personenkults, der sich vor allem an dem 1949 nach dem Muster des Moskauer Lenin-Mausoleums erbauten Mausoleum für Georgi Dimitrov manifestierte, dessen Sprengung am 21. August 1999 Markov nicht mehr erleben durfte.

Kaum weniger brisant sind Markovs spöttische Ausführungen über die angebliche bulgarische „Liebe zum großen Bruder“, nämlich das Verhältnis der Bulgaren zu den Russen und zur Sowjetunion. Nach der Wende hat der erste nichtkommunistische Präsident Bulgariens Schelju Schelew den Bulgaren immer wieder vorgehalten, ihre traditionelle Russophilie sei ein Entwicklungshemmnis, das den Blick zum Westen und die Übernahme westlicher Werte behindere. Auch Markov warnt immer wieder davor als einen Fehler der Bulgaren.

Markov war kein „Dissident“ im ausgeprägten Sinne, aber auch kein Parteigänger des Regimes, bei dem er oft anstieß. Nach wiederholten Publikationsverboten emigrierte er 1969 zunächst nach Italien. Später ließ er sich in London nieder, wo er für die bulgarische Redaktion der BBC tätig war, arbeitete für die Deutsche Welle und für Radio Free Europe.

Aus seinen damaligen Radiobeiträgen hat Oschlies eine Auswahl getroffen, die den Witz und die intelligente Ironie des Verfassers dokumentiert, auch seine Liebe zum eigenen Land und sein Gespür für Wesen und Wollen seiner Landsleute. Diese Markov-Galerie schließt mit dem Kapitel „Begegnungen mit Todor Schiwkow“, dem Staats- und Parteichef, ab, eine Zusammenfassung mehrerer Texte, die durch eine gelegentlich sogar positive Einschätzung Schiwkows verblüfft.

Zu Markovs Texten hat Oschlies erklärende Kommentare gesetzt, dazu am Buchende ein Personen-Verzeichnis, das deutschen Lesern die leider immer noch wenig bekannten Bulgaren näherbringt. Hans-Joachim Hoppe

Wolf Oschlies (Hrsg.): „Georgi Markov. Reportagen aus der Ferne. Augenzeugenberichte aus Nachkriegs-Bulgarien“, Wieser Verlag, Klagenfurt 2014, geb., 200 Seiten, 21 Euro


Kriegstrauma an Enkel vererbt
Untersuchung geht der Frage nach, welche Auswirkungen der Hamburger Feuersturm auf die Zeitzeugen und ihre Familien hatte

Im Sommer 1943 tobte ein apokalyptischer Furor über Hamburg. Tagelang bombardierten britische und US-amerikanische Flugzeuge die Stadt und entfachten einen alles verzehrenden Feuersturm. Rund 35000 Menschen starben, weitere 250000 wurden verletzt.

Von keiner Statistik erfasst sind die seelischen Wunden, die das Geschehen den Überlebenden zugefügt hat. Rund sieben Jahrzehnte nach den Ereignissen mag die These weit hergeholt erscheinen, dass Kriegserfahrungen noch über die Erlebnisgeneration hinaus irgendwelche psychische Auswirkungen haben könnten. In einer bislang einzigartigen Untersuchung haben sich Historiker, Psychoanalytiker und Mediziner mit den Überlebenden und deren Kindern und Kindeskindern beschäftigt, um die lebensgeschichtlichen Folgen dieser Katastrophe und ihre familiäre Weitergabe interdisziplinär zu erforschen. Dabei geht es um das, was die Psychologin Marianne Rauwald als „vererbte Wunden“ bezeichnet hat, um die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf nachfolgende Generationen. Für ihre Studie haben die Autoren Zeitzeugen und deren Angehörige über die persönlichen und familiären Nachwirkungen des Feuersturms befragt. Ausgangsbasis für das Forschungsprojekt waren Zuschriften von Zeitzeugen an eine Regionalzeitung im Rahmen einer Artikelserie zum Hamburger Feuersturm.

In 20 Beiträgen wird untersucht, inwieweit die Zeitzeugen das Geschehen verarbeitet haben und in welcher Weise dieses Einfluss auf die nachfolgenden Generationen hatte oder sogar noch immer hat. Dass die Wissenschaftler dabei zu der Erkenntnis gelangten, dass Zehntausende durch die schreck-lichen Erlebnisse traumatisiert wurden, kann nicht verblüffen. Bemerkenswert ist hingegen ihre Erkenntnis, dass viele Angehörige der zweiten und selbst der dritten Generation noch immer im Schatten des Zweiten Weltkrieges leben. Der Rezensent, Enkel und Kind von Überlebenden des Feuersturms, dessen Familie in ähnlicher Weise betroffen sein müsste, kann indes feststellen, dass dies weder für ihn noch für einen seiner Angehörigen gilt. Ohne den in dem Band zu Wort Gekommenen zu nahe treten zu wollen, kann er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche von ihnen, insbesondere die der Nachkriegsgeneration, bestimmte Verhaltensweisen und Entwicklungen als Auswirkungen eines Traumas fehldeuten oder in ihrer Bedeutung überhöhen.

Die 20 Beiträge sind, abhängig von der wissenschaftlichen Disziplin und der Ausdrucksfähigkeit des jeweiligen Autors, unterschiedlich lesbar. Die Ausführungen der Psychologen und Psychiater mit ihren empirisch gewonnenen Erkenntnissen sind für ein Fachpublikum erhellend, hingegen für den auf diesem Gebiet nicht vorgebildeten und nicht übermäßig interessierten Normalleser überwiegend schwer verdaulich. Die Texte der Historiker sind dagegen allgemeinverständlich und allgemein informativ. Beides liegt bei einem interdisziplinär angelegten Forschungsbericht in der Natur der Sache und schmälert dessen Wert nicht.

Für denjenigen, der sich für einen bisher nicht thematisierten Aspekt des Hamburger Feuersturms interessiert und der wissenschaftlichen Stoff nicht scheut, ist der Band eine wertvolle Ergänzung der ereignisgeschichtlichen Literatur zum Thema. Jan Heitmann

Ulrich Lamparter, Silke Wiegand-Grefe, Dorothee Wierling (Hrsg.): „Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien. Forschungsprojekt zur Weitergabe von Kriegserfahrungen“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, geb., 384 Seiten, 34 Euro


S. 23 Rautenberg Buchhandlung

Rautenberg Buchhandlung


S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Wer ist hier irre? / Wie wir Immigranten in den Wahnsinn treiben, wo man Polizisten straflos attackieren darf, und wo das »wahre Grauen« droht

Alexander Wendt, Redakteur beim „Focus“, stellt eine interessante Frage: Wieso kommt es in Paris, Berlin oder Essen zu antijüdischer Randale von Moslems, nicht aber in New York, wo ebenfalls Juden und Moslems eng zusammenleben? Oder erst recht in Singapur, wo es, gemessen an der Bevölkerungszahl, sogar mehr als doppelt so viele Muslime gebe wie in Deutschland und wo auch Juden wohnen? Dort blieb es selbst auf dem Höhepunkt der Gaza-Krise vollkommen friedlich.

Wendt meint, die Schuld dafür, dass sich viele muslimische Immigranten gerade in unserem Land und einigen europäischen Nachbarn so merkwürdig benehmen, müsse dann wohl bei uns liegen. Wenn das stimmt, muss die nächste Frage lauten: Wie stellen wir das an?

Um das zu beantworten, müssen wir tief in die Windungen und Wendungen eines Gutmenschenkopfes eindringen. Oder in die „Pforzheimer Zeitung“, die uns vor einigen Tagen Einblick gewährt hat in die Welt einer gutmeinenden Blödheit, die mit dem Attribut „lächerlich“ nur zaghaft beschrieben wäre.

Dort lesen wir von einem tragischen Autounfall mit einem frisierten („getunten“) VW-Golf, bei dem der 19-jährige Beifahrer starb und der 24-jährige Fahrer schwer verletzt wurde – beide muslimischen Glaubens. Der Fahrer hatte die Kontrolle über den Wagen verloren und war gegen einen Metallmast gerast.

Was in solchen Fällen folgt, ist traurige Routine, möchte man meinen. Notarzt, Sicherung des Unfallortes, polizeiliche Untersuchung, taktvolle Information der geschockten Angehörigen.

Hier lief es etwas anders ab. Bis zu 200 Freunde und Angehörige des Verstorbenen stürmten den Ort der Tragödie. Dort gingen sie auf Polizei und Rettungskräfte los. Zudem schlugen sie, wie es der Sprecher des Karlsruher Polizeipräsidiums ausdrückte, „in ihrer Verzweiflung auf die Einsatzwagen ein“. Zum Schluss waren neben Notarzt und Rettungswagenbesatzung bis zu acht Streifenwagenbesatzungen im Einsatz, „um die Lage in den Griff zu bekommen“, dazu acht Feuerwehrwagen mit 34 Mann, fünf Helfer vom Notfallnachsorgedienst des DRK und der Notfallseelsorge sowie ein muslimischer Geistlicher.

Schließlich brachte man die „Personengruppe“ in eine nahe gelegene Festhalle, um ihnen, wie es der genannte Polizeisprecher ausdrückte, „die Möglichkeit zu geben, die Trauer auf ihre Art zu bewältigen“. Auf „ihre Art“? Angesichts des Vorangegangenen dürfen wir wohl annehmen, dass sie die Halle in Schutt und Asche gelegt haben.

Ja, fein. Fassen wir also zusammen: Ein muslimischer Immigrant stirbt bei einem Unfall, den sein Fahrer allem Anschein nach selbst verursacht hat. Deutsche Helfer ringen um das Leben des Fahrers, doch Freunden und Familie des Verstorbenen fällt nichts Besseres ein, als den deutschen Helfern eine Straßenschlacht aufzunötigen.

Und was machen unsere Leute: Sie „deeskalieren“ und ordern eine Kompanie Berufströster herbei, damit sie die Rotte liebevoll beruhige und „betreue“.

Wie diese Geschichte wohl in, sagen wir mal, der Türkei abgelaufen wäre? Sicher ganz ähnlich, nur müssen wir uns den ganzen Sabbelkram weg- und eine Staffel bissiger Polizeihunde dazudenken. Die türkische Polizei hätte die „Verzweifelten“ schnell und entschlossen zusammengetrieben, um sie an einen Ort zu bringen, wo sie „auf ihre Art“ darüber nachdenken können, was passiert, wenn man Polizisten, Ärzte, Feuerwehrleute oder Einsatzfahrzeuge grundlos angreift. Allerdings wäre es kaum eine Festhalle geworden, eher ein düsteres Verlies.

In Berlin wurde übrigens gerade der 23-jährige Mohamed A. dafür freigesprochen, dass er elf Polizisten verletzt hat, von denen einer sogar in der Klinik gelandet war. Der Richter sagte, er habe „keine Lust, alle Polizisten zu laden“. Dann lieber Freispruch ... gähn! Der junge Täter weiß also künftig, was er vom deutschen Rechtsstaat zu halten hat. Und alle seine Freunde mit ihm.

Zumal sie darauf zählen können, dass wir unserer „deeskalierenden“ Kriecherei treu bleiben. Gerade erst hatten wir zwar große Empörung gespielt, weil die Frankfurter Polizei antijüdischen Demonstranten ihr Megafon ausgeliehen hatte. So was nie wieder! Da waren sich alle einig.

Von wegen: Jetzt ist in Hagen genau das Gleiche passiert. Hagens Polizeipräsident sieht das ganz „entspannt“, wie der WDR berichtet. Die Demonstranten hätte ja kein eigenes Megafon dabeigehabt, da habe man eben helfen wollen, damit die Veranstaltung friedlich bleibe.

Im nahen Bochum wurde derweil eine junge Frau zu 300 Euro Strafe verurteilt, weil sie mit fünf Freundinnen eine Israelfahne geschwenkt hat, als eine Anti-Israel-Demo vorbeikam. Damit habe sie „keine ungefährliche Situation geschaffen“, begründet das Amtsgericht die Strafe. Anderorts wurden Israelfahnen von der Polizei aus Wohnungsfenstern gerissen, um vorbeiziehende muslimische Demonstranten nicht zu provozieren.

Das Muster dürfte bald auch in anderen Zusammenhängen zum Tragen kommen: Wenn Ihnen ein Antifa-Kämpfer die Fensterscheibe einschmeißt wegen der Deutschlandfahne am Balkon, müssen Sie wohl mit einer Strafe wegen Schaffung einer „nicht ungefährlichen Situation“ rechnen.

Offenkundig nimmt dieser Staat ganz gemächlich die Züge einer Irrenanstalt an, in der alles kopfsteht. Da möchte man schon fast wieder Verständnis haben für die Randalierer aus der „Pforzheimer Zeitung“. Wen wundert’s denn, dass Zuwanderer aus anderen Ländern oder fanatisierte deutsche Jung-Antifas angesichts unserer Beklopptheit den Verstand verlieren und aggressiv werden? Vielleicht sehnen sie sich sogar danach, dass endlich mal einer kommt und ihnen die Hosenbeine strammzieht. Nur, damit sie endlich einmal Grenzen und Strukturen, Ordnung und Recht erkennen können, etwas, woran sie sich halten können, kurz: einen Staat.

Stattdessen hetzen wir Notfallseelsorger oder Deeskalations-Spezialisten auf die armen Leute, auf dass sie vollends ausrasten. Und am Ende gibt es nicht einmal ein Urteil. Da kann man doch nur verrückt werden und Amok laufen! Gegen Polizisten, gegen Ärzte – egal: Wer eben gerade da ist.

Indes, halten wir uns lieber zurück. Was „irre“ ist und was „normal“, das liegt ja weitgehend im Auge des Betrachters. Für den Verrückten ist es der Normale, der offenkundig nicht alle Tassen im Schrank hat.

Der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Matthias Höhn, hat einen üblen geistigen Defekt bei AfD-Chef Bernd Lucke diagnostiziert. Lucke hatte angeregt, dass deutsche Frauen, Akademikerinnen zumal, viel mehr Kinder bekommen müssten. Die Drei-Kind-Familie solle zum neuen Idealbild werden. Dafür müssten die Voraussetzungen geschaffen werden, dass sich das Kinderkriegen und der berufliche Erfolg der Mütter viel besser als jetzt miteinander vereinbaren ließen.

Das findet Höhn nicht bloß „vorgestrig“, „rechtslastig“ und „mehr als unappetitlich“, sondern, so wörtlich, auch „irre“, also geisteskrank. Ihn packe „wahres Grauen“ bei der Vorstellung, dass solche Psychopathen wie die von der AfD demnächst in mehrere Landtage einziehen könnten. Lucke bereite es offenbar Angst, „dass – zum Glück – überholte Rollenbilder einer großen bunten Vielfalt an Lebensentwürfen weichen“, so Höhn.

Donnerwetter, der schießt aber scharf! Noch einmal zur Erinnerung: Was hatte der mutmaßlich durchgeknallte AfD-Chef gefordert? Dass Frauen Kinder und Beruf besser miteinander vereinen können. Gegen Frauen im Beruf hat gerade der Genosse Höhn bestimmt nichts. Also muss es die Idee sein, dass Frauen Kinder kriegen, die für Höhn jene „mehr als unappetitliche“ Wahnvorstellung des irren Herrn Lucke darstellt.

Interessant, nicht wahr? Urteilen Sie selbst, wer von den beiden seine Tassen zählen sollte.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

SPD gegen Deutschtest

Berlin – Die Innenminister der SPD-geführten Bundesländer fordern, dass Ehepartner von in Deutschland lebenden Ausländern künftig keinen Sprachtest mehr machen müssen, um in die Bundesrepublik nachzuziehen. Der Europäische Gerichtshof hatte die Tests für rechtswidrig erklärt, nachdem eine türkische Analphabetin dagegen geklagt hatte. Mit dem Test wollte der Bund Schein- und Zwangsehen bekämpfen sowie die Integration fördern. H.H.

 

USA werden unbeliebter

Washington – Laut einer Studie des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research wächst die antiamerikanische Stimmung in vielen Ländern, so auch in Deutschland. Hier hegen mittlerweile 47 Prozent negative Gefühle gegen die USA bei 51 Prozent Pro-Amerikanern. Nach den Griechen stehen die Deutschen damit als einzige Europäer in den „Top 10“ der USA-Ablehner. 44 Länder weltweit wurden untersucht. H.H.

 

Schuldenmacher will ans Geld

Seine Nominierung für das Amt eines EU-Kommissars hat unter den Befürwortern einer zumindest halbwegs soliden Finanzpolitik Schrecken ausgelöst. Frankreichs Präsident François Hollande will seinen früheren Finanzminister Pierre Moscovici in der nächsten EU-„Regierung“ unter dem Vorsitz des Luxemburgers Jean-Claude Juncker sehen.

Welches Ressort Moscovici ergattern wird, steht noch nicht fest. In jedem Falle strebt er einen Posten mit Einfluss auf Wirtschaft und Finanzen an. Und das treibt andere europäische Regierungen, auch die deutsche, um. Moscovici hat Frankreich finanziell ins Desaster geführt, einen gewaltigen Schuldenberg angehäuft.

Auch als EU-Kommissar setzt er aufs Schuldenmachen und hat jeder Sparpolitik offen den Kampf angesagt. Nach eigenen Worten will er die Europäer wieder mit der EU „versöhnen“ und für mehr Wachstum sorgen. Konkret meint er damit: Noch mehr schuldenfinanzierte Programme, obschon solche Maßnahmen in der Vergangenheit fast völlig verpufft sind.

Der 1957 in Paris geborene Moscovici ist Absolvent der Pariser Hochschule ENA, aus welcher der Großteil der politischen Elite Frankreichs stammt. Sein Vater Serge, ein rumänischer Jude, war 1947 nach Frankreich emigriert, wo er sich als Sozialpsychologe einen Namen machte. Seine ebenfalls jüdische Mutter Marie Bromberg war mit ihrer Familie schon 1932 aus Polen nach Frankreich eingewandert, wo sie die deutsche Besatzungszeit unter falschem Namen überlebte. Beide Eltern waren engagierte Linksintellektuelle.

Seit 1984 Mitglied der Sozialistischen Partei und seit 1994 in verschiedenen Parlaments-, Kabinetts- und Parteiposten tätig ist Moscovici durch und durch Berufspolitiker. H.H.


MEINUNGEN

Die Buchautorin Serap Çileli warnt im „Bayernkurier“ (1. August), dass die zweite und dritte Generation muslimischer Einwanderer sich nicht integriert, ganz im Gegenteil:

„Deutschland sitzt heute auf einem riesigen Pulverfass, das jederzeit in die Luft fliegen kann. Erst vor vier Jahren erforschte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen in Abhängigkeit von ihrer Konfession. Das Ergebnis: Jugendliche aus muslimischen Zuwandererfamilien sind deutlich gewaltbereiter als Migranten aller anderen Konfessionen. Und welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Keine!“

 

 

„Focus“-Herausgeber Helmut Markwort fordert in der Ausgabe vom 28. Juli, den Mitbürgern jüdischen Glaubens den neuen Antisemitismus im Land zu erklären:

„Ihnen müssen wir klar und deutlich sagen, dass es sich bei den widerwärtigen Aktionen ... nicht um eine Rückkehr der nationalsozialistischen Ideologie handelt, sondern um ein Migrationsphänomen. Dieser Judenhass ist importiert. Die Demonstranten stammen, auch wenn einige von ihnen einen deutschen Pass besitzen, aus arabischen Ländern, aus Palästina, aus dem Libanon und aus der Türkei ... Sie missbrauchen die Demonstrationsfreiheit und demonstrieren, dass sie sich nicht in unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung integriert haben.“

 

 

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, warnt im „Spiegel“ vom 28. Juli vor den Folgen der Politik der Großen Koalition:

„Es stimmt, noch läuft die Konjunktur, noch geht es uns in Deutschland gut. Aber zurzeit agiert die Regierung innenpolitisch, als gäbe es kein Morgen. Es ist ja fast wie auf der ,Titanic‘: Überall ist Party, aber niemand sieht die Gefahr des Eisbergs, der plötzlich auftauchen kann. Die Agenda 2010 brauchte einige Jahre, um ihre positive Wirkung zu entfalten. Aber nun dreht die Bundesregierung entscheidende Reformen zurück – und davor warnen wir.“

 

 

In der SPD werden Stimmen laut, die Partei müsse wieder mehr Wirtschaftskompetenz zeigen. Christoph Seils hält das im „Cicero“ (4. August) für bloßes Gerede, denn:

„Einen wirtschaftspolitischen Flügel gibt es in der SPD faktisch nicht mehr ... Wolfgang Clement, der ehemalige Superminister für Wirtschaft und Arbeit, wurde aus der Partei gejagt. Dem Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder nehmen seine Genossen bis heute die Agenda 2010 übel, der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück durfte als Kanzlerkandidat 2013 nicht die wirtschaftspolitische Karte spielen ...“

 

 

Hans-Jürgen Jakobs wirft Horst Seehofer im „Handelsblatt“ (4. August) vor, sich mit seiner Forderung, Russland die Fußball-WM 2018 wegzunehmen, bloß profilieren zu wollen wie derzeit viele andere:

„Die Lust an der großen Sanktions-PR läuft nach dem Motto des politischen Rummels: Wer hat noch nicht, wer will noch einmal?“