© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 01/15 vom 03.01.2015

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Frieden nur zum Schein
Ließ Kiew die Verhandlungen mit Separatisten in Minsk platzen?

Erneut sind die Verhandlungen über einen Frieden in der Ukraine ins Stocken geraten. Die Konfliktparteien beharren auf ihren festgefahrenen Positionen, während das Land wirtschaftlich im Chaos versinkt und die Menschen in den Rebellengebieten weiter leiden und umkommen.

Die Friedensverhandlungen in Minsk wurden abgesagt. So vermeldeten es unsere Leitmedien lapidar am Sonnabend nach Weihnachten. Von wem und warum, erfuhren wir indessen nicht. Vielmehr hieß es nebulös, das geplante Treffen sei „allem Anschein nach geplatzt“. Insgesamt wurden die geführten Gespräche als „geheimnisvoll“ bezeichnet, da außer vonseiten Vertretern der Separatisten über Inhalte kaum etwas bekannt wurde.

Was war passiert? Am Heiligabend traf sich in Minsk eine Kontaktgruppe, die Verhandlungen über die Beilegung des Ukrainekonflikts in Fortsetzung des Septemberabkommens führen sollte.

Daran nahmen Vertreter der Separatisten aus dem Donezkgebiet, sowie solche der Ukraine, Weißrusslands, Russlands und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) teil. Herausgekommen ist kaum mehr als in den zuvor geführten mehrstündigen Telefonaten. Als wichtigster Erfolg wird der gegenseitige Austausch Gefangener gewertet. Separatistenvertreter Denis Puschilin teilte der Agentur Interfax mit, die Aufständischen hätten mit der OSZE die neue Zusammenkunft vorbereitet, aber die ukrainische Seite habe nicht geantwortet. Die ukrainische Delegation warf den Separatisten aus Donezk und Lugansk vor, das Septemberabkommen revidieren zu wollen. Zudem kritisierte Kiew, dass die Separatisten nur inkompetente Vertreter nach Minsk geschickt hätten, die über die Absprachen vom September nicht einmal informiert gewesen seien.

Rebellenführer Alexander Sachartschenko, der selbst nicht nach Minsk gereist war, unterstellt der Ukraine, die Friedensverhandlungen nur zum Schein zu führen, um Zeit zur Umgruppierung ihrer Armee zu gewinnen. Vor allem Vertreter des Großkapitals seien daran interessiert, dass der Krieg weitergehe.

Kiew hingegen wirft den Separatisten die Verletzung der Waffenruhe vor und betont, dass ein Abzug der schweren Militärtechnik erst dann beginnen könne, wenn die Feuerpause tatsächlich eingehalten werde.

Es entsteht der Eindruck, dass geopolitische Spielchen auf Kosten der Menschen in der Ukraine gespielt werden, die, nachdem das ukrainische Parlament am Dienstag vergangener Woche ein Gesetz über das Ende des blockfreien Status der Ukraine verabschiedet und so den Weg für eine Nato-Mitgliedschaft geebnet hat, noch lange nicht auf ein Ende des Kriegs hoffen dürfen. Moskau fühlt sich nun noch mehr von der Nato bedroht und hat bereist seine Militärdoktrin dahingehend geändert. Sowohl die Ukraine als auch ihre Rebellenrepubliken stehen vor den Trümmern des vergangenen Jahres.

Manuela Rosenthal-Kappi


Vor die Tür gesetzt
Italien: Zigeuner kapern fremden Wohnraum

Wartezeiten von bis zu zehn Jahren und massiver Zuwanderungsdruck haben in Italien zu einem regelrechten Krieg um Sozialwohnungen geführt. Schon länger bekannt ist das Phänomen, dass Wohnungen ganz einfach illegal besetzt werden. Oftmals handelte es sich dabei um leerstehende Sozialwohnungen, zuweilen reichte auch eine längere Abwesenheit der Mieter, etwa ein Krankenhausaufenthalt, damit die rechtmäßigen Bewohner die Wohnung von Fremden besetzt vorfanden.

Nach Berichten italienischer Medien hat das Problem der illegalen Wohnungsbesetzungen inzwischen nochmals eine neue Qualität angenommen. Galt früher eine längere Abwesenheit für Mieter von Sozialwohnungen als Risiko, so reicht mittlerweile schon ein kurzer Einkauf oder das Abholen der Kinder aus der Schule aus, um bei der Rückkehr das Türschloss ausgetauscht vorzufinden. Oftmals brechen schwarzafrikanische Asyl­­be­- werber oder Zigeuner aus Rumänien in Mehrfamilienhäuser ein und besetzten diese, während die Mieter kurz abwesend sind.

Die italienische Polizei gibt sich bisher ziemlich machtlos. Die Hausbesetzer drohen nämlich häufig, sich von den Fenstern in den Tod zu stürzen. Die Räumung mehrerer Sozialwohnungen in Mailand artete im November sogar in eine Straßenschlacht aus. Norman Hanert


Kampagne gegen das Gesamtprojekt
Zum Rücktritt des Direktors der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung

Der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen (LO), Stephan Grigat, erklärt zur Sitzung des Stiftungsrates der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung und zum Amtsverzicht des Stiftungsdirektors Prof. Dr. Manfred Kittel:

Mit Unbehagen hat die Landsmannschaft Ostpreußen die Vorgänge der letzten Wochen in der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung zur Kenntnis genommen.

Die Landsmannschaft Ostpreußen bedauert, dass Stiftungsdirektor Prof. Dr. Manfred Kittel um seine Versetzung gebeten und seine Tätigkeit in der Stiftung beendet hat – eine direkte Folge einer von interessierter Seite gegen ihn geführten und offenbar gegen den Erfolg des Gesamtprojektes gerichteten Kampagne.

Wenngleich die Zusammenarbeit mit Prof. Kittel nicht immer störungsfrei war, sind seine wissenschaftliche Reputation und seine Fachkompetenz hinsichtlich der Einordnung und Bewertung des Vertreibungsunrechts unbestritten. Der noch zu findende Nachfolger wird sich daran messen lassen müssen.

Sehr befremdlich ist die Art und Weise, in der der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beraterkreises, Prof. Dr. Stefan Troebst, diese Kampagne angestoßen hat und die Beteiligung auch anderer Mitglieder des Beraterkreises daran. Kritik wurde nicht in den dafür vorgesehenen Gremien, sondern in der Öffentlichkeit geübt. Die Vorwürfe, die zum Sturz des Stiftungsdirektors führten, hatten bei genauerem Hinsehen wenig Substanz, zumal die Aufnahme der kritisierten Ausstellung ins Stiftungsprogramm von Troebst selbst angeregt worden war. Nicht hinnehmbar ist das Infragestellen der Stiftungskonzeption durch mehrere Mitglieder des Wissenschaftlichen Beraterkreises. Dieses Vorgehen lässt den Schluss zu, dass die betreffenden Berater die Grundlage ihrer Beratungstätigkeit entweder nicht kennen oder nicht akzeptieren.

Die Vertrauensbasis innerhalb der Stiftung einerseits und zwischen der Stiftung und der interessierten Öffentlichkeit andererseits, namentlich den vom Vertreibungsunrecht Betroffenen, ist beschädigt. Vordringliche Aufgabe aller Beteiligten ist, neues Vertrauen zu schaffen. Die Konsequenzen dieser Affäre sollten sich nicht auf den Rücktritt des Stiftungsdirektors beschränken.


Jan Heitmann:
Ein Abenteuer

Der frühere EU-Kommissar Stavros Dimas ist im griechischen Parlament mit dem Versuch gescheitert, neuer griechischer Präsident zu werden. Laut Verfassung müssen nun bis Anfang Februar vorgezogene Parlamentswahlen stattfinden. Diese werden nicht nur von den Regierungen der EU-Mitgliedsländer, sondern auch an den Finanzmärkten gefürchtet, denn Umfragen zufolge könnte das oppositionelle Linksbündnis Syriza unter seinem Chef Alexis Tsipras stärkste Kraft werden. Das wiederum dürfte erhebliche Auswirkungen auf die weiteren Verhandlungen Griechenlands mit seinen internationalen Kreditgebern, darunter die Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, haben. Syriza übt scharfe Kritik an der von den Gläubigern geforderten Reformpolitik zum Abbau des Staatsdefizits und setzt sich für eine Neuaushandlung des griechischen Sparprogramms sowie einen Schuldenschnitt ein.

Sollte Syriza bei den Parlamentswahlen tatsächlich vorn liegen, stünde der Abschluss der Verhandlungen in Frage. Der konservative Regierungschef Antonis Samaras, der Dimas ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt hatte, warnte vergeblich vor einem „nationalen Abenteuer“, das dessen Scheitern mit sich bringen würde. Doch sein Appell an die Abgeordneten, sich der Konsequenzen bewusst zu sein, die ihre Stimme für die Zukunft des Landes haben werde, verhallte ungehört. Um aus innenpolitischem Egoismus Neuwahlen zu erzwingen, steuern sie auf die Zahlungsunfähigkeit ihres Landes hin. Damit wäre der Euro erneut gefährdet und müsste wieder mit großem Aufwand „gerettet“ werden.


S. 2 Aktuell

Schurken, Macher, Hoffnungsträger
Wird 2015 ihr Jahr? Diese Menschen werden aller Voraraussicht nach eine wichtige Rolle spielen

Krieg in der Ukraine, Vormarsch der IS-Terrorkämpfer im Nahen Osten, Ebola-Epidemie in Zentralafrika – wer Ende 2013 einen Ausblick auf das nächste Jahr gewagt hätte, wäre mit seinen Vorhersagen der tatsächlichen Zukunft in vielen Punkten wohl kaum nahegekommen.

Dennoch sei hier ein Ausblick auf das Jahr 2015 gewagt. Zehn Personen haben wir ausgewählt, die vorausschtlich eine wichtige Rolle spielen und die Geschicke vieler Menschen – im Guten ebenso wie im Schlechten – beeinflussen werden.

Heiß diskutiert waren in der Redaktion viele Namen – solche, die es auf die Seite geschafft haben und andere, die keinen Platz fanden wie Pegida-Organisator Lutz Bachmann, Podemos-Führer Pablo Iglesias oder Marine le Pen vom französischen Front National. Auch sie können zu bestimmenden Figuren der nächsten zwölf Monate werden, während ein Mensch wie Abu Bakr al Baghdadi vielleicht noch vor Auslieferung dieser Ausgabe von einem Bombenattacke in Mossul ausgelöscht wird. Niemand weiß es, aber eines ist klar: 2015 wird spannend. Frank Horns

Im Jahr 2014 brachte Terrorkalif Abu Bakr al-Baghdadi (44) mit seinen IS-Anhängern ein Maß an Brutalität und Barbarei in die Welt, das selbst die Untaten der Taliban überstieg. Er beherrscht nun weite Teile Syriens sowie des Iraks und steht mit seinem Truppen an der Grenze zum Natoland Türkei. Immer mal wieder totgesagt, überlebte er bislang alle Angriffe auf sein Leben. Experten fragen sich allerdings, ob die Großmächte den gebürtigen Iraker wirklich nicht stoppen können oder ob er für sie nur eine Schachfigur im strategischen Ringen um den Nahen Osten ist.

 

Ihr Ja zur Kandidatur als Präsidentschaftkandidatin der Demokraten für die US-Wahlen 2016 wird nahezu täglich erwartet. Wenn sie antritt, hat Hillary Diane Rodham Clinton (68) gute Chancen. Laut Umfragen würde die Ex-Präsidentengattin und Ex-Außenministerin derzeit wohl auch alle möglichen republikanischen Konkurrenten wie Jeb Bush oder Rand Paul schlagen können. Und das, obwohl die Wählerschaft gar nicht genau weiß, wofür sie steht. Eine klare Postion in den verschiedenen Politikbereichen ließ sie bislang vermissen.

 

Schlecht bestellt ist es um eine politische Klasse, wenn sie bereits ausrangierte Politiker reaktivieren muss. Für Ex-Präsident Nicolas Sarkozy (60) bedeutete die desolate Lage seiner Partei UMP aber die Möglichkeit zum Comeback. Seit November ist er ihr Parteivorsitzender. Die Chancen stehen gut, dass der schillernde Carla-Bruni-Gatte trotz vieler Skandale auch bei den Präsidentschaftswahlen 2017 antreten wird, Dann wird er sich wohl vor allem als bürgerliche Alternative zu Marine le Pen und ihrem Front National positionieren.

 

Sitzt hier der starke Mann für die Ära nach Angela Merkel? Jens Spahn (34) hat mit seinem erstaunlichen Auftritt beim CDU-Parteitag deutliche Akzente für die Zukunft gesetzt. Mit seiner überraschenden Wahl ins Präsidium gelang ihm der Zutritt in den engsten Führungskreis der CDU. Mit seinem klaren Worten zur Abschaffung der kalten Progression hat er viele Sympathien gewonnen. Wie kein Zweiter formuliert der Bundestagsabgeordete aus dem Münsterland, dem man einen Hang zur entwaffendenden Ehrlichkeit nachsagt, das Unbehagen in der Union an vielen Fehlentwicklungen der Ära Merkel. Für Finanzminister Wolfgang Schäuble ist er „einer der Streitlustigeren in der Partei”. Abzuwarten bleibt, ob er die Restlaufzeit der allmächtigen Kanzlerin schadlos übersteht. Anderen potenziellen Konkurrenten wie Norbert Röttgen oder einst Friedrich Merz ist es weniger gut gelungen.

 

Mit seiner Alternative für Deutschland könnte Bernd Lucke (52) die politische Landschaft der Republik nachhaltig verändern. Ob es gelingt, wird sich vor allem 2015 zeigen. Zwar stehen in diesem Jahr mit den Bürgerschaftswahlen in Hamburg und Bremen nur zwei größere Bürgerentscheide an, aber beim Bundesparteitag im Januar muss sich die Partei, die mittlerweile auf 20000 Mitglieder angewachsen ist, einer Zerreißprobe stellen. Lucke möchte die Führungsspitze der AfD verschlanken und als alleiniger Vorsitzender den Kurs bestimmen. Dagegen wehrt sich vor allem der brandenburgische Landes- und Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland, der Lucke vorwarf, ein „Kontrollfreak” zu sein. Ein weiteres strittiges Themen ist Luckes zögerliche Haltung zu Pegida. Bleibt Lucke der starke Mann in der AfD und kann er den Zusammenhalt der Partei absichern, rücken Wahlerfolge für 2016 in greifbare Nähe. Derzeit liegt die Partei des Hamburger Professors für Makroökonomie in allen Umfragen deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde.

 

Ein monarchischer Führungsstil wird Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (57) nachgesagt. Bei Umfragen erziehlt er trotzdem hohe Beliebtheitswerte. Gelingt es ihm im Februar die absolute Mehrheit zu verteidigen, dürfte bei den Sozialdemokraten keiner mehr an ihm vorbeikommen.

 

So sieht das Schreckgespenst der Europäischen Union aus: Nigel Farage (51), Kopf der UK Independence Party (Ukip) treibt mit seinen EU-kritischen Äußerungen die Mächtigen in Brüssel und Straßburg zur Weißglut. Bringt er es bei den englischen Parlamentswahlen im Mai gar zum Wahlsieg, könnte er die Staatengemeinschaft in den Grundfesten erschüttern. Zumal auch anderswo, etwa mit der deutschen AfD oder Italiens Fünf-Sterne-Bewegung, EU-kritische Parteien in der Wählergunst zulegen. Farage fordert nicht nur den EU-Austritt, sondern auch den Stopp der Masseneinweinderung.

 

Wer ist eigentlich Michael Müller? Nach dem schillernden Klaus Wowereit wirkt Berlins neues Oberhaupt und ehemaliger Bausenator unscheinbar und ist außerhalb der Stadt kaum bekannt. Als Hauptstadt-Bürgermeister einer SPD-CDU-Koalition wird Müller (50) dennoch fortan ein wichtige Rolle in der Politik spielen. Zum Neubeginn kokettierte der gebürtige Tempelhofer mit seinem fehlenden Glamourfaktor und versprach ernsthafte Regierungsarbeit. Seine Aufgaben sind gewaltig: Unter Wowereits Amtszeit wurden zentrale Themen wie Kriminalitätsbekämpfung, Infrastruktur, Wohnungsbau und Schuldenbekämpfung vernachlässigt. „Eine im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten evidente wirtschaftliche Schwäche” bescheinigte jüngst der Historker Paul Nolte. Professor an der Universität Berlin, der Stadt und forderte jemanden für eine „harte Agenda”. Ob Müller dafür geignet ist und nebenbei auch den Dauerskandal um den (Endlos-)Bau des Berliner Flughafens beenden kann, wird sich 2015 zeigen. Im parteinternen Kampf um die Wowereit-Nachfolge führte Konkurrent Jan Stöß immer wieder an, dass es mit Müller als langjährigem Wowereit-Gefährten keinen wirklichen Neuanfang geben könne, sondern nur „eine Fortsetzung der bisherigen Politik.”

 

Gezeitenwechsel im Bund der Vertriebenen: Auf Erika Steinbach folgte im November der CSU-Bundestagsabgeordnete Bernd-Bernhard Fabritius (49). Als erster BDV-Präsident ist er kein Vertriebener sondern ein Aussiedler, der mit seiner Familie aus Rumänien kam. Der Verband soll unter seiner Leitung eine Interessenvertretung aller Deutscher mit Wurzeln in Ost- und Südosteuropa werden.

 

Bodo Ramelow (58) hat gut grinsen. Als neuer thüringischer Ministerpräsident ist er der neue Star der Linken. Seine Koalition mit SPD und Grünen könnte sogar als Vorbild für ähnliche Konstellationen im Bund dienen. Wie stabil Rot-Rot-Grün ist, muss sich allerdings zeigen. Ramelow selbst macht bei seinen Auftritten mit populistischem Gespür vieles richtig. Auch dass er sich deutlich von der SED-Vergangenheit distanzierte, dürfte gut ankommen. Nicht zu Unrecht bleibt er für viele aber ein Wolf im Schafpelz. Er habe valiumgetränkte Kreide gefressen, attestierte ihm Ex-DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz. Dem lange Zeit vom Verfassungsschutz überwachten Ramelow droht zudem ein Strafverfahren, weil er 2010 widerrechtlich ein genehmigte Demonstration verhindern wollte.


MELDUNGEN

EU-Bürger weiter ohne Klagerecht

Luxemburg – Bürger können die EU-Institutionen auch weiterhin nicht vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg verklagen. Das hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg auf Bitten der EU-Kommission in einem Gutachten festgestellt. Die EU beabsichtigt, der Europäischen Menschenrechtskonvention beizutreten. Dann wäre es möglich, die EU als einzelner Bürger direkt in Straßburg zu verklagen, wenn man seine Rechte durch EU-Recht verletzt sieht. Bisher kann vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof nur gegen einzelne Mitgliedsstaaten geklagt werden. Der Europäische Gerichtshof betrachtet die Pläne der EU zum Beitritt zur Europäischen Menschenrechtskonvention als nicht mit EU-Recht vereinbar. J.H.

 

Keine Freiheit in Weißrussland

Minsk – Nach Erkenntnissen des Auswärtigen Amts gibt es in Weißrussland keine Anzeichen von mehr Offenheit im politischen und menschenrechtlichen Bereich. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Versammlungsfreiheit und die Pressefreiheit seien weiterhin eingeschränkt. Obwohl das Land immer noch von Russland abhängig sei, habe der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko klare Zeichen gesetzt, sich von Putin abzugrenzen und sich mehr der EU zuzuwenden. Im Hinblick auf die Ukraine-Krise präsentiere sich Lukaschenko im Inneren als Garant für Stabilität und Sicherheit. Die Bevölkerung fürchte sich vor einem „Maidan-Effekt“, weshalb er Unterstützung erhalte. Die Opposition hingegen bleibe schwach, sei zerrissen und uneinig, genieße kaum Vertrauen in der Bevölkerung und sei dauernden Schikanen ausgesetzt. Oppositionelle würden selbst wegen geringfügiger Delikte wie Fluchen oder Rowdytum verhaftet oder mit Geldstrafen belegt. U.M.

 

Neuer Kurs für Deutsche Welle

Berlin – Die Koalitionsfraktionen haben die Aufgabenplanung des Auslandssenders Deutsche Welle (DW) im Kulturausschuss des Bundestages gebilligt. Kern des Papiers ist der Umbau der Anstalt von einem Informationssender zu einem reinen Nachrichtensender. Zudem soll das englischsprachige Fernsehprogramm zu Lasten der deutschen und anderer Sprachen verstärkt werden. Die Opposition kritisiert, dass der Sender zukünftig mehr auf Entscheider und Teilnehmer an der politischen Meinungsbildung ausgerichtet werden soll. Schon seit längerer Zeit üben Journalistenverbände und Politiker Kritik am DW-Intendanten Peter Limbourg, weil er mit dem chinesischen Staatsfernsehen kooperiert und das deutschsprachige Angebot reduziert. Im Gegensatz zu den anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wird die Deutsche Welle nicht aus Mitteln des zwangseingetriebenen Rundfunkbeitrags finanziert, sondern in Form eines Bundeszuschusses aus Steuergeldern. Parlament und Regierung können zwar zur Aufgabenplanung des Auslandssenders Stellung nehmen, die Entscheidung darüber treffen der Sender und seine Gremien jedoch in eigener Verantwortung (siehe PAZ 39 und 44/2014). J.H.


S. 3 Deutschland

Was Pegida mit 1989 verbindet
Dass die Wurzeln der Bürgerbewegung in Mitteldeutschland liegen, hat seine guten Gründe

Die Spaziergänge und Kundgebungen von Pegida sind nicht rechtsextrem, wohl aber extrem unbequem für die Politiker. Statt des Volks erweisen sich seine Vertreter als politikverdrossen.

Mit der Frage, ob die Einheimischen bedingungslos ihre materiellen Grundlagen mit beliebigen außereuropäischen Fremdlingen teilen sollen, wurde das Nachdenken darüber akut, wie die Deutschen überhaupt in ihrem Land leben wollen. Diese Wissenslücke wollen sich die Versammelten nicht länger mit Phrasen befüllen lassen. Und es ist kein Zufall, dass die Frage danach nun in Mitteldeutschland zuerst gestellt wird.

Die unaufrichtige Handhabung des Flüchtlingsproblems gab diesmal nur das Signal, so wie die „Wende“ 1989 ebenfalls durch einen konkreten Anlass ausgelöst wurde. Für die wachsende Halbleiterindustrie wurde 1987 der Bau eines Reinstsiliziumwerks beschlossen. Am Standort in Dresden-Gittersee sollten damit zugleich tausende Arbeitsplätze des schließenden Uranbergbaus aufgefangen werden. Ständige Transporte des hochentzündlichen, schwergiftigen Grundstoffs durch das Stadtgebiet wären die Folge gewesen. Durch gezielte Indiskretion erhielt 1988 der Gemeinde­pfarrer von Coschütz/Gittersee Wilfried Weißflog davon Kenntnis.

Im Februar 1989 fanden die ersten Einwohnerversammlungen statt. „Ich habe den DDR-Bürger noch nie so mutig, noch nie so ohne Rück­sicht, dass ihm was an das Bein fahren könnte, erlebt“, erinnert sich Weißflog daran, wie bereits im Sommer vor dem Werksgelände demonstriert wurde. Dabei waren bald auch Protestplakate gegen die Wahlmanipulation zu sehen.

Als der Superintendent im Ruhestand Weißflog unlängst auf einem Foto als Pegida-Spaziergänger auszumachen war, erklärte er in einem Leserbrief, warum er wieder dabei ist, und dass er „mit Neonazis und AfD nichts, aber auch gar nichts gemeinsam“ habe.

Weil primitive Hetze bei den Versammelten selbst nicht zu vernehmen ist, wird sie ständig von außen in die Diskussion hineingedrückt. Da wird der Popanz von Islamhassern und Rassisten beschrien, um den weiteren Zulauf zu unterbinden. In der Absicht, Pegida aus einer für Sachsen angeblich typischen reaktionären Grundhaltung abzuleiten, verweist ein Journalist nicht nur auf die vorübergehende Präsenz einer rechten Partei im Landtag, sondern ebenso auf das Bestehen des Instituts für Totalitarismusforschung an der Universität Dresden. Damit zeigt er nur, dass seine Vorurteile aufeinander abgestimmt sind.

Seit Jahren muss eine schweigende Mehrheit der Dresdner hinnehmen, wie ein stilles Gedenken an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg unmöglich gemacht wird. Statt in die Verständigung mit dem eigenen Volk wieder einzutreten, bleiben die Politiker allein um Außenwirkung besorgt. Im Herbst 1989 war zu erleben, wie englischsprachige Touristen von der Elbbrücke aus die ersten größeren systemkritischen Umzüge mit Sprechchören um die Hofkirche biegen sahen. Unwillkürlich kam ihnen der Vergleich mit Aufmärschen der Hitlerzeit auf die Zunge. Einer vergleichbaren Rücksichtnahme wäre damals möglicherweise die Wiedervereinigung geopfert worden.

Dass sich gerade in Dresden die Menschen versammeln, hat auch mit dem Zusammenstehen während des Hochwassers zu tun. Einer der Helfer resümierte: „Das Wasser hat ja nicht nur genommen. Mir hat es auch was gegeben. Wer diesen Zusammenhalt erlebt hat, ist ein bisschen versöhnt mit der Menschheit. Ich wünschte, so etwas hielte länger vor.“ Nun sieht es allerdings so aus, als hätte es tatsächlich länger vorgehalten. Denn mancher von denen, die heute als Ordner dafür sorgen, dass die Demonstrationen friedlich verlaufen, hat 2013 im „dynamischen Fluthilfezentrum“ im Dresdner Dynamostadion mitgewirkt und zur Verleihung des Sächsischen Fluthelfer-Ordens 2013 an Pegida-Sprecher Lutz Bachmann lächelte im Januar 2014 neben ihm die Dresdner Oberbürgermeisterin ins Kameraobjektiv.

Soziologen der Dresdner Universität erinnerten daran, dass Pegida keineswegs das Gegenteil, sondern ein Teil der „Zivilgesellschaft“ ist. Der Arnold-Gehlen-Schüler Karl-Siegbert Rehberg bezog sich ebenfalls auf den Umbruch von 1989. Sachsen sei damals in beispielloser Geschwindigkeit deindustrialisiert worden. Das habe Empfindungen hervorgerufen, die sich nicht sofort artikulierten, da zunächst eine „Schock­starre“ eingetreten sei, dann habe es Schwankungen in der Wahrnehmung gegeben. Inzwischen sei die Lage entschieden.

Die Zukunft wird zeigen, ob der 1989 begonnene Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit eine Fortsetzung findet. Auf einem Spruchband war am 15. Dezember in Dresden zu lesen: „Weil wir die Knechtschaft kennen, ist uns die Freiheit heilig.“

Sebastian Hennig


Beide Seiten unzufrieden
Arbeitgeber und Gewerkschaften kritisieren Mindestlohngesetz

Am 1. Januar ist der Mindestlohn in Kraft getreten. Nun sind die Arbeitgeber grundsätzlich verpflichtet, ihren Mitarbeitern einen Stundenlohn von mindestens 8,50 Euro zu zahlen. Mit diesem Gesetz wollte die Große Koalition in Berlin ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit schaffen und den Arbeitsmarkt reformieren. Doch pünktlich zum Start ist die Unzufriedenheit auf beiden Seiten, bei Arbeitnehmern wie Arbeitgebern, groß.

Gewerkschaftsvertreter kritisieren, viele Arbeitgeber würden versuchen, das Gesetz zu umgehen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warf Arbeitgebern vor, gezielte Versuche zur Umgehung der Lohnuntergrenze zu unternehmen. Anwälte berieten Unternehmen dabei, sagte das DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell der Deutschen Presse-Agentur: „Eine der größten Lücken betrifft die Jugendlichen.“

Nach Angaben des DGB suchten etwa Zeitungsausträger Rat bei der Gewerkschaft. Sie seien angesprochen worden, ob Minderjährige in der Familie seien. „Auf diese sollte dann der Auftrag umgeschrieben werden, so dass der Mindestlohn entfällt – auch wenn weiter die Erwachsenen die Zustellung machen würden“, beschwerte sich Körzell und führte aus: „Diesen Umgehungstatbestand halte ich für eine Sauerei.“

Der DGB erklärte weiter, dass es Bestrebungen von Unternehmen gebe, Langzeitarbeitslose für ein halbes Jahr einzustellen. Für diese Kurzzeitbeschäftigung wird auch nach dem neuen Gesetz kein Mindestlohn fällig. Nach Ablauf des Vertrags solle der Arbeitnehmer dann durch einen weiteren Langzeitarbeitslosen ersetzt werden. Der Gewerkschaftsbund kündigt an, gegen solche Praktiken rechtliche Schritte einzuleiten. „Wir werden diejenigen, die bereit sind, dagegen zu klagen, vor den Gerichten vertreten“, sagte Körzell und fügte einschränkend hinzu: „Es können aber nur Gewerkschaftsmitglieder vertreten werden.“ Der DGB kündigte außerdem an, auffällige Arbeitgeber zu melden. „Wir werden auch dafür sorgen, dass diese Arbeitgeber bei der zuständigen Finanzkontrolle Schwarz­arbeit an den Pranger gestellt werden, damit sie auf lange Sicht ihr Handwerk gelegt bekommen.“

Die Arbeitgebervertreter reagierten auf die DGB-Vorhaltungen empört und wiesen die Kritik zurück. Es sei skandalös, dass der DGB Unternehmen ohne konkreten Anlass unlautere Absichten unterstelle: „Statt die Risiken eines flächendeckenden Mindestlohns für Beschäftigung und Konjunktur in den Blick zu nehmen, wird mit haltlosen Vorwürfen Stimmung gemacht“, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“.

Wirtschaftsverbände warnen, die Politik habe ein „bürokratisches Monster“ geschaffen. „Das Mindestlohngesetz bringt erhebliche Bürokratiekosten und Rechts­unsicherheit mit sich“, moniert Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gegenüber dem „Handelsblatt“. Kritisiert wird in diesem Zusammenhang vor allem der Passus im neuen Mindestlohngesetz, dem zufolge der „Arbeitgeber verpflichtet ist, Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit aufzuzeichnen“, womit sichergestellt werden soll, dass die Arbeitgeber nicht den Mindestlohn unterlaufen, indem sie ihre Mitarbeiter unbezahlte Überstunden machen lassen. Peter Entinger


MELDUNGEN

Gurlitt: Nur drei Werke geraubt

München – Die Arbeitsgruppe zur Aufklärung der Herkunft der Werke aus der Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt konnte bisher nur drei Gemälde „mit höchster Wahrscheinlichkeit“ als sogenannte NS-Raubkunst identifizieren. Nach Angaben der Bundesregierung konnte bei 507 Werken ausgeschlossen worden, dass es sich um NS-Raubkunst handelt. So seien in 276 Fällen die Werke als rechtmäßiges Eigentum der Familie Gurlitt eingestuft worden. 231 Werke seien zwar im Rahmen der NS-Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt worden, hätten sich aber schon vor 1933 im Besitz öffentlicher Museen und Sammlungen befunden. Von den insgesamt 1258 Werken der Sammlung hätten die Experten 1230 einem bestimmten Künstler zuordnen können. J.H.

 

»Recht ging vor Nutzen«

Berlin – Es sei immer „Recht vor Nutzen“ gegangen. Mit diesen klaren Worten hat Reinhardt Breitfelder, ehemals Verantwortlicher beim Bundesnachrichtendienst (BND) für die technische Aufklärung, die gemeinsam mit dem US-Geheimdienst NSA betriebene Auswertung internationaler Telekommunikation beschrieben. Vor dem NSA-Untersuchungsausschuss erklärte er, es seien keine Daten über deutsche Bürger an die USA weitergegeben worden. Bei einer solchen Kooperation handele es sich um ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Dabei gehe es nicht um Freundschaft, sondern um die Durchsetzung eigener Interessen. Da der BND darauf bestanden habe, dass auf deutschem Boden deutsches Recht gelte, sei die Zusammenarbeit mit der NSA „heikel“ und bisweilen „zäh“ gewesen und habe mehrfach vor dem Scheitern gestanden. U.M.


S. 4 Hintergrund: Konversion zum Islam

Eine Form innerer Emigration
Warum Deutsche ohne Migrationshintergrund zum Islam übertreten

Hierzulande leben wahrscheinlich um die 40000 Bundesbürger ohne Immigrationshintergrund, die den Übertritt zum Islam vollzogen haben, wobei jedes Jahr geschätzte 4000 hinzukommen. Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage nach dem Warum.

Die wohl fundiertesten Antworten hierauf stammen von der Leipziger Kulturanthropologin Monika Wohlrab-Sahr. Diese hatte die Gelegenheit, zahlreiche Biografien konvertierter Bundesbürger ohne Immigrationshintergrund zu analysieren und gelangte dabei zu der eindeutigen Erkenntnis, dass die Hinwendung zur muslimischen Religion in den allermeisten Fällen im Verlaufe individueller Krisen erfolgt, die aus beruflichen und sozialen Misserfolgen resultieren; dazu kommen die jugendtypischen Schwierigkeiten bei der Suche nach der eigenen Identität. Desgleichen diagnostizierte Wohlrab-Sahr gravierende sexuelle oder beziehungsmäßige Schwierigkeiten aufgrund einer tiefen Verunsicherung angesichts der fortschreitenden Erosion der traditionellen Geschlechterordnung durch Homosexualisierung, Feminismus und Gender-Wahn.

Und genau bei solchen Problemlagen bietet der Islam nun prakti-kable Auswege. So ermöglicht die Konversion eine radikale Neudefinition der eigenen Persönlichkeit, die vordem als fragwürdig wahrgenommen wurde – nach außen hin sichtbar durch die Annahme von muslimischen Namen sowie auch wohlklingender arabischer Pseudo-Titel. Außerdem führt der Übertritt zum Islam zu einer strikten Durchstrukturierung der Lebensführung. Schließlich handelt es sich hier ja um eine Religion mit klaren Vorgaben und der Pflicht, diese auch tagtäglich zu befolgen. Damit bekommt der Konvertit Halt und Sicherheit – manchmal zum ersten Mal in seinem Leben. Dies wiederum führt zu einer verbesserten Alltagsbewältigung.

Darüber hinaus stehen dem Neu-Muslim nun attraktive alternative Aufstiegsmöglichkeiten jenseits der bisherigen hindernisgespickten Karrierewege offen, und zwar nicht nur innerhalb der Hierarchie von Terrorgruppen wie dem Islamischen Staat, sondern auch im „Zivilleben“ der Bundesrepublik. So konnte ein kleiner Postbeamter namens Werner „Jahja“ Schülzke nach seiner Konversion zum allseits hofierten Vizepräsidenten der Islamischen Föderation Berlin avancieren.

Weiterhin bietet der Islam die Möglichkeit zu einer geschlechtsspezifischen Lebensführung auf der Basis von religiös fundierten Moralvorstellungen und Rollenordnungen, die nicht begründet oder gar verteidigt werden müssen und Männern wie Frauen gleichermaßen entgegenkommen: Die einen erhalten die Chance, sich im traditionellen Sinne überlegen zu fühlen und dementsprechend aufzutreten, die anderen können den Mehrfachbelastungen entfliehen, die einer Frau in der modernen westlichen Welt winken.

Und zu guter Letzt ist der Übertritt zum Islam auch noch eine Art von symbolischer Emigration aus der Gesellschaft, die für das eigene Versagen und die eigenen Schwierigkeiten verantwortlich gemacht wird. Dabei kann sich der Konvertit sogar von seiner ungeliebten Heimat und deren Kultur distanzieren, ohne die Mühen und Risiken der realen Auswanderung in ein islamisches Land tragen zu müssen.

Natürlich bieten auch andere Religionen ein ähnliches Problemlösungspotenzial. Aber der Islam wird derzeit einfach am ehesten wahrgenommen, weil er überall präsent ist. Das heißt, es gibt einen Schneeballeffekt: Je mehr Muslime als Bezugs- oder Vorbildpersonen existieren, desto häufiger ziehen Menschen in einer Lebenskrise den Übertritt zum Islam ins Kalkül. Wolfgang Kaufmann


Türöffner für den Islam
Wie Türken und Araber deutsche Konvertiten instrumentalisieren

Für den Islam in Deutschland ist es überaus vorteilhaft, dass sich immer wieder Menschen von der christlich-abendländischen Kultur lossagen und konvertieren, denn dadurch gewinnt die Religion Mohammeds an Prestige. Zum anderen zeigen die Konvertiten eine ausgeprägte Bereitschaft, aktiv für die Stärkung und Verbreitung des Islam auf deutschem Boden einzutreten, was ebenfalls zu einer Festigung von dessen Machtposition hierzulande führt. Dabei erzielen nicht die einheimischen Terroristen vom Schlage eines Eric Breininger oder Fritz Gelowicz die größten Erfolge, sondern die emsigen Netzwerker und Vereinsmeier.

Hinter vielen der Islam-Organisationen in Deutschland stecken nämlich Konvertiten: Diese gründeten unter anderem die Deutsche Muslim-Liga (die ihrerseits dann wieder an der Installierung des Zentralrats der Muslime beteiligt war), die Islamische Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime, die Muslim-Gemeinschaft, die Muslimische Jugend in Deutschland, die Islamischen Pfadfinder und die Wohlfahrtsorganisation „Muslime helfen“. Dazu geben oder gaben deutsche Konvertiten wichtige Szeneblätter heraus, darunter „Al-Islam“ sowie die „Islamische Zeitung“ und die „Muslim-Zeitung“. Ebenso verdienen die zwei Institute zur Erforschung, oder besser Propagierung, des Islam Erwähnung, die auf Initiative der Konvertiten „Scheich“ Abdullah Halis Dornbrach und Andreas Abu Bakr Rieger entstanden sind. Und dann wäre da noch der erst kürzlich von der Bildfläche verschwundene Dar-us-Salam-Buchversand beziehungsweise -Verlag von Tilman Schaib-le, dessen Angebotsliste auch zahlreiche radikal-islamische Pamphlete enthielt.

Andererseits betrachten die Alt-Muslime ihre neu hinzugekommenen deutschen Glaubensgenossen trotz all dieser Aktivitäten mit Misstrauen, was sicher damit zu tun hat, dass einem Menschen, der seine Religion einmal gewechselt hat, ja durchaus auch noch eine zweite Konversion zuzutrauen ist. Man entwickelt also kein besonders inniges Verhältnis zu den früheren „Ungläubigen“, weiß aber genau, dass diese unentbehrlich sind, wenn es darum geht, den Islam nach außen hin zu vertreten und ihm ein vertrauteres, sprich deutsches Gesicht zu geben; dazu kommen die vielfältigen praktischen Hilfeleistungen. Hierauf reagieren manche Konvertiten dann auch mit Ernüchterung. So klagte einer, die Muslime aus der arabischen Welt und der Türkei sähen in ihm vorrangig den „Besorger von Aufenthaltserlaubnissen, Wohnungen oder Arbeitsplätzen und nur wenige den gleichberechtigten Bruder, der sich redlich auf dem Weg des Islam bemüht“.

Die meisten deutschen Neu-Muslime demonstrieren aber lieber eine vorbildliche Glaubensstrenge, um die vielen „verlorenen“ Jahre ihres früheren Lebens wettzumachen und die islamische Gemeinschaft innerhalb und außerhalb Deutschlands zu beeindrucken. Deshalb ist es kein Zufall, dass einige der fanatischsten Gefolgsleute des Islamischen Staates Konvertiten sind. W.K.


Moslem zu werden, ist überaus leicht

Moslem zu werden, ist überaus leicht, auch wenn man in keine Familie islamischen Glaubens hineingeboren wird, was einen Menschen schon ganz automatisch zum Mitglied der weltweiten Gemeinschaft der Muslime macht. Es genügt das überzeugte Aussprechen des Glaubensbekenntnisses, genannt Schahada: „La ilaha illa Allah, Muhammad rasul Allah“, zu Deutsch: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.“ Dabei sollten idealerweise zwei muslimische Zeugen zugegen sein; darüber hinaus ist es hilfreich, die Konversion in einer Moschee zu vollziehen, denn nur dann gibt es die Urkunde, die den Glaubenswechsel bestätigt und später zum Beispiel für die Wallfahrt nach Mekka benötigt wird.

Die ersten Deutschen, die formell zum Islam übertraten, waren Forschungsreisende, Militärs und Religionswissenschaftler. Später entschieden sich dann vor allem Frauen, die einen muslimischen Mann geheiratet hatten, für die Konversion. Heute hingegen dominieren die jugendlichen Sinnsucher. Und das merkt man den Angeboten der Moscheen und Islamverbände auch an: Diese sind ganz offensichtlich auf Menschen unter 30 zugeschnitten. So existieren zahllose kunterbunte und mit eingängigen Texten versehene Ratgeberseiten zum Thema Konversion in Internet, und vielfach wird beim Besuch derselben sofort zum Chat mit einem persönlichen Berater eingeladen. Allerdings gilt auch: So einfach wie der Übertritt zum Islam ist, so dramatisch können die Konsequenzen sein, wenn der Betreffende seine Entscheidung rück­gängig macht, denn der „Abfall vom wahren Glauben“ gehört nach islamischem Recht zu den todeswürdigen Verbrechen. W.K.


Zeitzeugen

Philip Bergner alias Abu Usama al-Almani – Mit einem Fahrzeug voller Sprengstoff raste der 27-jährige Pizzabote und IS-Kämpfer aus Dinslaken Anfang August 2014 in die Peschmerga-Stellungen bei Mossul. Dabei starben 20 kurdische Kämpfer und der Konvertit, der mit der Aktion seine Ergebenheit gegenüber dem Islam beweisen wollte. Er war der dritte Deutsche, der sich im Irak auf diese Weise opferte.

Khaled al-Almani – In einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk äußerte der konvertierte deutsche Jungakademiker, der seinen richtigen Namen vorsichtshalber nicht nennen wollte, unter Bezug auf persönliche Beobachtungen in der islamischen Szene, Dschihadismus und Salafismus seien im Grunde faschistische Bewegungen und mit Sicherheit gefährlicher als der Neonazismus.

Karl Wolff – Der frühere SS-Obergruppenführer und Chef des Persönlichen Stabes von Heinrich Himmler konvertierte 1984, also kurz vor seinem Tode, zum Islam. Maßgeblich verantwortlich für diesen Schritt war Wolffs Tochter Helga alias Fatima Grimm, die seit 1971 den Geschäftsführenden Ausschuss der Islamischen Gemeinschaft in Süddeutschland leitete und später zum Ehrenmitglied im Beirat des Zentralrats der Muslime in Deutschland ernannt wurde.

Ayyub Axel Köhler – Nach seiner Konversion im Jahre 1963 avancierte der Geophysiker und FDP-Lokalpolitiker unter anderem zum Vorsitzenden der Deutschen Muslim-Liga, Sprecher des Koordinierungsrates der Muslime sowie Vorsitzenden beziehungsweise Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Aus der letztgenannten Funktion wurde Köhler dann freilich von Aiman Mazyek herausgedrängt.

Raimund Hamid Prochaska – Im Oktober 1997 wurde der Lehrer und Islamkonvertit aus Schwäbisch Gmünd zum neuen Amir (Führer) der Organisation Muslimische Jugend gewählt. Kurz darauf begann seine Ehefrau Fereshta Ludin einen Rechtsstreit mit dem Bundesland Baden-Württemberg, um zu erzwingen, mit Kopftuch unterrichten zu dürfen. An dessen Ende stand das sogenannte „Kopftuchurteil“ des Bundesverfassungsgerichtes vom 24. September 2003.


S. 5 Preussen/Berlin

Räuber als Gendarm
Selbst ehemalige Intensivtäter willkommen: Bevorzugt Berlin ausländische Polizeibewerber?

Ex-Senator Thilo Sarrazin erhebt schwere Vorwürfe: Die Einstellungspraxis der Berliner Polizei gefährde langfristig die innere Sicherheit. Der Sprecher der Polizei wiegelt ab.

Begreifen Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) und Polizeipräsident Klaus Kandt die Arbeit der Polizei inzwischen weniger als Dienst für den Bürger denn als integrationsfördernde Maßnahme? Vorwürfe, die Thilo Sarrazin unlängst erhoben hat, legen diesen Schluss zumindest nahe: Türkisch- und arabischstämmige Bewerber für die Polizei-Laufbahn würden mit Sonderbehandlungen begünstigt, so ein Vorwurf, den Sarrazin in einem Beitrag für die Schweizer „Weltwoche“ erhoben hat.

Dabei hätten viele Polizeibewerber mit ausländischen Wurzeln sogar eine kriminelle Vergangenheit. Darum seien die Anforderungen an ein Polizeiliches Führungszeugnis, das man bei jeder Bewerbung vorlegen muss, bewusst entschärft worden. Statt wie bisher zehn müsse man nur noch fünf Jahre vor einer Bewerbung straffrei geblieben sein, kritisiert Sarrazin. Der erfolgreiche Buchautor sieht die Gefahr, dass diese „ungesetzliche neue Praxis“ die Qualitätsstandards der Polizei in der Hauptstadt aushöhlt.

Berlins Polizeisprecher Stefan Redlich weist die Vorwürfe energisch zurück: Zu keinem Zeitpunkt sei bei der Polizei gegen die Grundsätze der Gleichbehandlung und der Bestenauswahl verstoßen worden. Nicht unbedingt beruhigend Redlichs Aussage, dass es niemals eine Zehn- oder Fünfjahresgrenze bei einer strafrechtlichen Vorbelastung von Bewerbern gegeben habe, dass es also möglich sei, auch Vorbestrafte in den Polizeidienst aufzunehmen. Ob ein Bewerber für den Dienst geeignet sei, werde anhand vieler Faktoren beurteilt, und selbstverständlich müsse die deutsche Sprache beherrscht werden, so Redlich.

Bei näherer Betrachtung entpuppen sich die angeführten Kriterien allerdings als recht flexibel in der Auslegung: Eindeutig zurückgeschraubt wurden in Berlin etwa die Anforderungen an die Deutschkenntnisse von Bewerbern. Sie müssen bereits seit dem Jahr 2009 kein fehlerfreies Deutsch mehr beherrschen. Laut „Tagesspiegel“ wird es mittlerweile sogar schon als ausreichend angesehen, wenn die Bewerber der Ausbildung folgen können.

Auf der anderen Seite erhalten nach Angaben des CDU-Innenexperten Peter Trapp jene Aspiranten, die neben Deutsch eine weitere „Bedarfssprache“ – etwa Türkisch und Arabisch – vorweisen können, „Zusatzpunkte“. In der Praxis dürfte beides auf eine Bevorzugung nichtdeutscher Bewerber hinauslaufen.

Dafür, dass bei der Berliner Polizei die Einstellungshürden zugunsten von Personen mit sogenanntem Migrationshintergrund sogar ziemlich drastisch nach unten geschraubt wurden, spricht ein Vergleich mit der Berliner Feuerwehr.

Bei Deutschlands größter Berufsfeuerwehr mit über 3600 Mitarbeitern waren Anfang 2014 gerade einmal fünf Prozent der Auszubildenden Immigranten, der größte Teil von ihnen stammt zudem nicht aus der Türkei oder arabischen Ländern, sondern aus Polen. Völlig anders sehen die Zahlen bei der Berliner Polizei aus. Derzeit haben etwa 20 Prozent der Auszubildenden bei der Berliner Polizei nichtdeutsche Wurzeln.

Die auffallende Diskrepanz dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass es Landesbranddirektor Wilfried Gräfling trotz Durchfallquoten von 95 Prozent bisher abgelehnt hat, die Einstellungsanforderungen abzusenken. „Wir sind schon auf dem Mindestlevel“, so Gräfling.

Die Vorwürfe gegen die Polizeiführung, und damit auch gegen den Innensenator sind nicht gänzlich neu. Erst im September 2014 hatte der Fall des palästinensischstämmigen Fadi Saad weit über Berlins Grenzen für Schlagzeilen gesorgt. Als ehemaliges Mitglied der „Araber Boys 21“, einer Weddinger Straßengang, blickte Saad auf eine Vergangenheit als sogenannter Intensivtäter zurück.

Zumindest in Berlin aber scheint dies einer Karriere bei der Polizei nicht im Wege zu stehen. Seit September ist das Ex-Gangmitglied Anwärter für den Mittleren Dienst bei der Berliner Schutzpolizei, und damit auf bestem Weg zur Verbeamtung. Polizisten, die Saad teilweise sogar noch aus seiner kriminellen Vergangenheit kennen, haben die Einstellung teilweise sogar mit Bitternis aufgenommen. „Andere Bewerber werden abgelehnt, die noch nie mit der Polizei im Konflikt waren“, so ein Beamter.

Thilo Sarrazin äußert die Befürchtung, das mit einer derartigen Personalpolitik „langfristig die Qualität der Polizei sowie die Einheitlichkeit ihres Verhaltens und damit der Rechtsdurchsetzung gefährdet sind. Das wird man nicht sofort merken, dafür in zehn oder 20 Jahren um so mehr“, so der Ex-Senator.

Tatsächlich fühlen sich viele Berliner angesichts grassierender Taschendiebstähle, Wohnungseinbrüche und brutaler Gewalttaten im öffentlichen Raum schon jetzt oftmals schutzlos und von der Polizei alleingelassen. Sollte sich irgendwann auch noch der Eindruck hinzugesellen, dass man selbst der Polizei nicht mehr vertrauen kann, sind schnell Zustände erreicht, die aus Dritte-Welt-Ländern bekannt sind. Das Infragestellen des Gewaltmonopols des Staates, eine Erosion des Rechtsempfindens und eine zunehmende Selbstjustiz könnten dann nur noch eine Frage der Zeit sein. Norman Hanert


Berlin, wie haste dir (gar nich) vaändert!
von Klaus Gröbig

Nur fünf Jahre, von 1948 bis 1953, regierte Ernst Reuter Berlin, doch seine Zeit prägten viele schicksalhafte Ereignisse wie die Berliner Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949, die Entscheidung über den großen U-Bahn-Ausbau und die Stadtautobahn. Von strategischer Bedeutung war der 1955 begonnene Neubau der U-Bahnlinie 9. Sie stellte nach ihrer Fertigstellung die einzige Nord-Süd-Verbindung unter Umgehung Ost-Berlins dar. Auch der Bau des innerstädtischen Autobahnrings folgte dieser grundsätzlichen Überlegung.

Am 3. Oktober 1957 trat der politische Hoffnungsträger der SPD, Willy Brandt, das Amt des Regierenden Bürgermeisters an. Anders als sein späterer Nachfolger, Richard von Weizsäcker, fasste er offenbar diesen Posten nicht als Sprungbrett für „bessere“ Positionen auf. Als er nach neun Jahren am 1. Dezember 1966 Heinrich Albertz Platz machte, war in der Stadt viel gebaut worden, von dem spätere Generationen noch heute zehren. Beim Bau der Berliner Mauer bewährte sich Brandt als standfester Politiker, der über die Parteigrenzen hinaus hohes Ansehen genoss. Die Nachfolger wie Klaus Schütz hatten zwar keine neuen Visionen, aber sie verwalteten das politische Erbe gut.

Ausgerechnet mit dem Wechsel zur bürgerlichen Regierung unter Richard von Weizsäcker (CDU) war es damit vorbei. Der Ausbau der Infrastruktur lahmte. Das angeschlagene Ansehen des bürgerlichen Senats konnte Eberhard Diepgen ab 1984 nicht wieder herstellen, so dass er im Frühjahr 1989 abgewählt wurde. Die bürgerliche Mehrheit war verspielt. Die Vereinigung verschaffte Diepgen eine weitere zehnjährige Regierungszeit. Die SPD traute sich noch nicht, mit den SED-Nachfolgern zu koalieren. Mit seiner Entscheidung, den öffentlich Bediensteten in Berlin rasch volle Lohnangleichung zu gewähren, ruinierte Diepgen die Stadtfinanzen.

Klaus Wowereit „traute“ sich 2001, mit der Mauerbauerpartei zu koalieren. Unter dem regierenden „Partymeister“ hatten die SED-Erben allerdings wenig zu melden. Michael Müller, der „Neue“, ist gewiss ein guter Verwalter im Sinne von Klaus Schütz. In der letzten Amtszeit Wowereits sind hinsichtlich des Autobahn- und U-Bahnausbaus wichtige Entscheidungen ohnehin schon getroffen worden, die Müller nur umsetzen muss. 2016 dürfte die Stunde von Jan Stöß oder Raed Saleh kommen, die eine Regierung nach Thüringer Modell bilden könnten.

Bismarck wusste: Die erste Generation erarbeitet ein Vermögen, die zweite verwaltet es. Die dritte Generation studiert Kunstgeschichte. Und die vierte verkommt vollends. Dafür könnte Berlin nun Versuchsfeld werden.


Millionen für Tegel
Berlin modernisiert alten Flughafen – Wird BER 2017 wieder nichts?

Die Rollwege und Vorfeldflächen des Flughafens Berlin-Tegel sollen saniert werden. Das gab die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg bekannt. Angeblicher Kostenpunkt: 20 Millionen Euro. Das Land Berlin habe auf die Sanierungsarbeiten gedrängt. Kurz zuvor hatte BER-Geschäftsführer Hartmut Mehdorn erklärt, dass der im Bau befindliche neue Großflughafen Ende 2017 eröffnet werden solle. Ein Termin, der wieder nicht zu halten ist, weshalb nun in Tegel investiert wird? Die umfangreichen Investitionen in Tegel lassen diesen Verdacht jedenfalls aufkommen. Von der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg heißt es nebulös: „Wir kümmern uns um Tegel.“

Allerdings wird es wohl nicht bei den beiden erwähnten Maßnahmen bleiben. Nach den Planungen der Flughafengesellschaft werden auch die sanitären Anlagen renoviert. Zudem werden Rollbänder für Koffer und die Klimaanlage erneuert. Bereits 2013 musste Tegel umfangreich ausgebaut werden. 17,5 Millionen Euro flossen in Technik, Ausstattung sowie in den Einkaufs- und Gastronomiebereich. Senatssprecherin Daniela Augenstein: „Es ist klar, dass Tegel an der Belastungsgrenze ist und dass der Flughafen betriebsfähig bleiben muss“. Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) assistiert: „Wir sind es den Kunden in Tegel schuldig, dass sie einen Gegenwert erhalten für das, was sie bezahlen. Wir können uns keinen Ausfall leisten.“

Die künftigen und die bereits erfolgten Investition wurden notwendig, weil die zunächst für Juni 2012 geplante Eröffnung des BER wegen massiver Planungs- und Baumängel mehrfach verschoben wurde. Nun konzentriert sich nach der voreiligen Schließung des Flughafens Tempelhof der Flugverkehr in Berlin immer mehr auf Tegel, weil der bestehende zweite Altflughafen Schönefeld weniger angenommen wird. Trotz vieler Unzulänglichkeiten steigen die Fluggastzahlen von Tegel weiter.

Es ist gesetzlich geregelt, dass Tegel sechs Monate nach der BER-Inbetriebnahme schließen muss. Spannend ist die Frage, ob die anvisierten 20 Millionen Euro für die angekündigten Maßnahmen ausreichen werden. Zumal sich die Erklärungen, was den Umfang der Arbeiten angeht, widersprechen. Öffentliche Bauvorhaben in Berlin blieben in den vergangenen Jahren mit schöner Regelmäßigkeit nicht im zuvor angekündigten Kostenrahmen. Theo Maass


Bund soll für Berlin zahlen
Zu teuer: Bayern rebelliert gegen den Länderfinanzausgleich

Aus bayerischer Sicht laufen die Verhandlungen über eine Neuordnung des Länderfinanzausgleichs schlecht. Mit knapp fünf Milliarden Euro zahlt der Freistaat inzwischen weit mehr als die Hälfte des Ausgleichs, die meisten Länder und der Bund zeigen aber kein Interesse, Bayerns Milliardenlast zu reduzieren.

Schlecht stehen insbesondere die Chancen für einen Vorschlag, den Bayern zusammen mit dem grün-rot regierten Baden-Württemberg vorgelegt hat. Demnach soll Berlin nach dem Auslaufen der aktuell gültigen Regeln im Jahr 2019 weitgehend aus dem Länderfinanzausgleich herausgenommen und stärker vom Bund finanziert werden. Beide Geberländer müssten bei Umsetzung dieser Idee etwa drei Milliarden Euro weniger in den Länderfinanzausgleich einzahlen als derzeit.

Abgelehnt wird der Vorschlag insbesondere von Berlin selbst, das bisher einen Großteil der Gelder aus dem Finanzausgleich erhält. Hintergrund sind Befürchtungen, dass mit einer Sonderrolle für Berlin außerhalb des Länderfinanzausgleichs die Mittel nicht mehr so automatisch fließen wie bisher. Tatsächlich ist durchaus denkbar, dass der Bund für seine Zahlungen Auflagen erteilt oder Gegenleistungen erwartet.

Vor diesem Hintergrund kann kaum überraschen, dass mittlerweile von Seiten Berlins die Drohung einer Verfassungsklage im Raum steht. Eine Herausnahme aus dem Finanzausgleich sei eine unzulässige Ungleichbehandlung mit den 15 anderen Bundesländern, so die über Medien gestreute Ansicht. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) scheint wenig geneigt, den Bund zusätzliche Kosten für Berlin schultern zu lassen.

Trotz der negativen Signale scheinen CSU-Politiker die Hoffnung auf weniger Belastung für Bayern noch nicht aufgegeben zu haben. Da insgesamt eine Neuregelung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen ansteht, scheint tatsächlich die Möglichkeit für eine Kompromisslösung gegeben.

Als Ansatzpunkt bietet sich die Tatsache an, dass nicht über einzelne Punkte isoliert entschieden wird, sondern alle Themen am Ende in einem Gesamtpaket zusammengefasst werden. Aus Sicht von CSU-Chef Horst Seehofer ist eine deutliche Reduktion des Länderfinanzausgleichs dringend notwendig, damit das Versprechen einer Tilgung aller bayerischen Staatsschulden bis 2030 gehalten werden kann. N.H.


S. 6 Ausland

Libyen steht kurz vor dem Zerfall
Der IS hat auf dem Territorium des gefallenen Staates ein Emirat errichtet

Reichlich drei Jahre nach dem gewaltsamen Sturz von Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi mit Hilfe des Westens rivalisieren an die 250 Milizen um die Macht im Lande, wobei die islamistischen Kräfte nun endgültig die Oberhand zu gewinnen scheinen.

Diese verübten im Sommer 2014 einen Staatsstreich, nachdem sie die Parlamentswahlen vom 25. Juni verloren hatten. Dabei erhielt ihre Militärallianz namens Fadschr Libya (Libysche Morgendämmerung), zu der unter anderem auch Terrorgruppen wie die Al Kaida im Maghreb gehören, vermutlich Rückendeckung aus Katar, Saudi-Arabien und der Türkei. Jedenfalls gelang es den Islamisten, die Kontrolle über die Hauptstadt Tripolis zu erringen und den alten, abgewählten Nationalkongress wieder einzusetzen, woraufhin der dann am 25. August eine „Regierung der nationalen Rettung“ unter Omar al-Hassi installierte. Währenddessen war das neue Parlament, nunmehr Abgeordnetenrat genannt, in die ostlibysche Stadt Tobruk geflüchtet, wo es seinerseits im September Abdullah Thenni zum Ministerpräsidenten kürte, was Libyen zu einem Staat mit zwei Regierungen machte.

Anschließend beauftragte die durch die Parlamentswahlen legitimierte und vom Westen anerkannte Führung in Tobruk den pensionierten Generalmajor Chalifa Haftar, der schon seit einiger Zeit an der Spitze einer eigenen Privattruppe gegen die ebenfalls islamistischen Ansar-al-Sharia-Milizen in Benghazi kämpfte, mit der Vertreibung der Fadschr Libya aus dem Westen des Landes beziehungsweise Tripolis. Allerdings gelang Haftar hierbei noch kein wesentlicher Durchbruch, obwohl seine „Nationale Armee“ sogar von der ägyptischen Luftwaffe und der algerischen Regierung unterstützt wurde. Ebenso sorgte die Konzentration auf die Wiedererringung der Macht im Raum Tripolis und Benghazi dafür, dass der Islamische Staat in Libyen Fuß fassen konnte.

Der erste Schritt hierzu erfolgte vor einem Jahr. Damals verließen zahlreiche libysche IS-Kämpfer den Irak und Syrien und kehrten in ihre Heimatstadt Derna zurück, wo sie den sogenannten Schura-Rat der Jugend des Islam gründeten, der alle liquidierte, die sich ihm in den Weg stellten – einschließlich der fundamentalistischen Märtyrer der Abu-Salem-Brigade. Dadurch erlangten die IS-Veteranen sukzessive die Kontrolle über die 100000-Einwohner-Ortschaft an der Küste der Cyrenaika. Am Ende dieses Prozesses stand dann am 5. Oktober ein erster öffentlicher Treueschwur an die Adresse des IS-Führers und Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi, der mit einem großen Autokorso, bestehend aus 60 Pick­ups, gefeiert wurde.

Doch irgendwie zeitigte diese spektakuläre Aktion keine spürbare Wirkung, weshalb die nun mittlerweile 800 IS-Anhänger in Derna ihr Gelöbnis Ende Oktober in aller Form wiederholten, woraufhin der Kalif dann endlich am 13. November im Rahmen seiner regelmäßigen Audiobotschaften verkündete: „Oh Moslems, freut Euch über die frohen Neuigkeiten, dass der Islamische Staat sich weiter ausgedehnt hat, bis in andere Länder wie Saudi-Arabien, Jemen, Ägypten, Libyen und Algerien. Hiermit erklären wir die Annahme der Gefolgschaft der Gruppen in diesen Ländern und wir annullieren die einheimischen Namen dieser Gruppen, erklären diese Länder zu Emiraten des Islamischen Staates und setzen unsere Gefolgsmänner dort ein.“

Das war zwar pures Wunschdenken, was die angebliche Expansion nach Saudi-Arabien, Jemen, Ägypten und Algerien betraf, aber im libyschen Derna bestand nun tatsächlich ein real existierender Brückenkopf des Kalifats, den al-Bagdadi dann auch gleich noch ganz offiziell zur „Wilayah Barqah“, das heißt zur IS-Provinz Ostlibyen, erhob. Ebenso ernannte er einen Statthalter für die selbige, der zugleich als oberster Richter von Derna fungieren sollte. Dabei fiel seine Wahl auf den Jemeniten und Islam-Prediger Mohammed Abdullah alias Abu al-Baraa el-Azdi.

Seitdem herrschen in Derna die gleichen Zustände, wie man sie auch aus dem Kerngebiet des Islamischen Staates kennt, einschließlich öffentlicher Auspeitschungen und Enthauptungen für banale Vergehen, die im Fußballstadion der Stadt zelebriert werden. Des Weiteren unterhält der IS in „Wilayah Barqah“ ein Trainingslager für seinen Nachwuchs, das laut Geheimdienstberichten im Jebel-Akhdar-Gebirge südwestlich von Derna liegt. Die dort ausgebildeten Kämpfer sollen höchstwahrscheinlich die derzeit im Aufbau befindlichen neuen Zellen des Islamischen Staates in al-Bayda, Benghazi, Sirte, al-Khums und Tripolis verstärken.

Damit hat sich der IS nun in einer Region etabliert, die nur noch 350 Kilometer von der EU-Außengrenze entfernt liegt, und macht darüber hinaus Anstalten, noch weiter zu expandieren.

Wolfgang Kaufmann


USA beschwören Cyberkrieg herauf
Washington bastelt an der »Achse des Bösen« − Nordkorea soll angeblich Internetterror gegen die Supermacht ausüben

Ein unsäglicher Klamaukfilm genügt, um in den USA Terrorängste zu schüren. Der Hollywoodstreifen „Das Interview“, in dem Nordkoreas Diktator Kim Jong-un den Filmtod stirbt, spielt derzeit eine erhebliche Rolle bei einer verbalen Aufrüstung der USA und des verfeindeten Nordkorea. Nachdem das FBI Nordkorea beschuldigt hatte, einen Datendiebstahl bei der für den Film verantwortlichen Produktionsgesellschaft Sony Pictures begangen zu haben, und Präsident Barack Obama daraufhin mit „angemessenen Reaktionen“ gedroht hatte, warnte Pjöngjang vor einem „ultra-harten Reaktionskrieg“. Obamas angekündigte Sanktionen würden dann „durch die härtesten Gegenaktionen auf das Weiße Haus, das Pentagon und das ganze Land bei weitem übertroffen“.

Bei der Affäre um den Sony-Film lassen beide Seiten die Mus­keln spielen. Das wirtschaftlich isolierte Nordkorea polterte in gewohnter Weise gegen mögliche Sanktionsverschärfungen. Und die USA, die gerade mit Kuba freundschaftliche Bande zu einem „Schurkenstaat“ knüpfen, polieren zum Abreagieren dafür ein altes Feindbild auf. Die vom Ex-Präsidenten George W. Bush einst erdachte „Achse des Bösen“ will gepflegt sein, damit sich die USA vor aller Welt weiterhin als Friedensmacht ausweisen können. Da kommt der Einbruch in das On­line-System durch Datendiebe, sogenannte Hacker, auf das in Los Angeles beheimatete Sony Pic­tures, dessen Mutterkonzern der japanische Elektronikmulti Sony ist, gerade recht.

Angefangen hatte die außenpolitische Krise mit einem dreisten Kriminalfall. Mitte November war eine Internet-Hackergruppe, die sich „Friedenswächter“ nennt und deren englisches Kürzel „GOP“ als ironischer Hinweis auf die als „Grand Old Party“ bezeichnete Partei der Republikaner verstanden werden kann, illegal in das Netzwerk von Sony Pictures eingedrungen und hatte dabei Unmengen von Daten erbeutet. Neben neuen Sony-Filmen, Privatadressen von Filmstars und dem Drehbuch zum nächsten „James Bond“-Film wurden auch E-Mails abgefangen und ins weltweite Netz gestellt. Die schlechte Meinung eines Filmproduzenten über Hollywood-Schönheit Angelina Jolie, die er als „minimal talentierte, verzogene Göre“ bezeichnete, hatte sich bis in die deutschen Medien verbreitet.

Die im schlechten Englisch abgefassten Botschaften deuteten darauf hin, dass die Hacker von Sony Pictures nur darauf aus waren, Geld zu erpressen. Nachdem sie im Dezember über die Medien von der Sony-Produktion „Das Interview“ erfuhren, packten sie die Gelegenheit beim Schopf, um zusätzlichen Druck auf den Konzern auszuüben. Als sie dann großspurig mit Anschlägen ähnlich denen am 11. September 2001 in New York drohten, wenn der Film in den US-Kinos gezeigt wird, wollte Sony Pictures den für den 25. Dezember geplanten Filmstart ursprünglich absagen. Auf Druck Präsident Obamas, der diesen Kniefall vor den Erpressern kritisiert hatte, kam der Film dann doch in die Kinos.

Weil der Hackerangriff von Rechnern ausgegangen sein soll, auf denen die koreanische Sprache eingestellt war, vermuteten die US-Behörden, dass die Übeltäter in Korea sitzen – natürlich nicht in Süd-, sondern in Nordkorea. Als dann auch nordkoreanische Überläufer behaupteten, von Pjöngjang aus werde durch ein als „Unit 121“ bezeichnetes geheimdienstliches „Generalbüro für Aufklärung“ gezielt Cyberkrieg betrieben, stellte sich Oba­ma auf die Seite der Hardliner. Zwar handele es sich bei dem Hackerangriff nicht um einen Kriegsakt, sondern nur um Vandalismus, trotzdem erwägt er, Nordkorea wieder auf die Liste der Terrorunterstützerstaaten zu setzen, von der es vor sechs Jahren gestrichen wurde.

Dabei ist keineswegs klar, dass Nordkorea, das auch jede Schuld abstreitet und das sich mit seinen wenigen hundert Internetanschlüssen Online-technisch noch im Steinzeitalter befindet, hinter der Cyberattacke steht. So ist bemerkenswert, dass die Erpresser bei ihrer ersten Drohbotschaft den Film „Das Interview“ mit keinem Wort erwähnten. Wären Nordkoreaner am Werk gewesen, hätten sie ihn gleich erbost beschimpft. Die Sprachumstellung an Rechnern zum Beispiel auf Koreanisch ist unter Hackern zudem eine bewährte Methode, um polizeilichen Fahndern eine falsche Fährte zu legen. Außerdem wurde die Schadsoftware laut Experten viel zu schlampig programmiert. Staatlicher Cyberkrieg wie die vermutlich von den USA initiierte Stuxnet-Sabotage, die vor ein paar Jahren das iranische Atomprogramm lahmlegte, laufe eher im Geheimen ab und werde nicht die Öffentlichkeit getragen, was schließlich nur die Gefahr erhöhe, entdeckt zu werden.

Spekuliert wird auch über firmeninterne Sabotage. Vor einem Jahr waren gut ausgebildete Sony-Mitarbeiter, die beste Insider-Kenntnisse besaßen, von einer Entlassungswelle betroffen und könnten sich nun dafür rächen. Hilfe könnten sie von ehemaligen Kollegen erhalten haben, die ihnen einen direkten Zugang zum Firmennetzwerk ermöglichten, um so anonym die Schadsoftware aufzuspielen. Dass es ein Kinderspiel ist, Sonys Firmennetz aus­zutricksen, beweist der erneute Hackerangriff auf Onlinekunden der Sony-Playstation kurz nach Weihnachten. Schon 2011 wurden auf diese Weise tausende Kreditkartennummern ausgespäht.

Im neuen Fall legt „Das Interview“ vielleicht zu Unrecht eine Fährte zum kommunistischen Land. Filmkritiker, die den kläglichen Film schon gesehen haben, sehen darin außer Kim Jong-uns Tod keine grobe Verunglimpfung des Diktators. Stattdessen werden sogar seine menschlichen Züge gezeigt, etwa wenn ihm bei einem US-Poplied die Tränen kommen.

Dass die USA nun Nordkorea beschuldigen, kann also auf einem grandiosen Missverständnis beruhen, das angesichts zweier Atommächte fatale Folgen haben könnte. Die USA haben bereits zum Gegenschlag ausgeholt und nordkoreanische Internetverbindungen zeitweise gekappt. Der Cyberkrieg ist somit schon voll entbrannt.

Harald Tews (siehe Kommentar Seite 8)


MELDUNGEN

Waren MaidanKräfte schuld?

Kiew – Eine Beteiligung militanter Maidan-Kräfte am Kiewer Blutbad vom 20. Februar 2014 will der kanadisch-ukrainische Politikwissenschaftler Ivan Katchanovski von der Universität Ottawa nachgewiesen haben. Eine Auswertung von Übertragungen ukrainischer TV-Sender, aufgefangenen Funkgesprächen der Sicherheitskräfte und Augenzeugenberichten habe ergeben, dass Maidan-Kräfte das Blutbad mit Schüssen auf die Polizei nicht nur initiiert, sondern Scharfschützen auch auf die eigenen Leute gefeuert hätten. Zweifel an den Thesen der damaligen Opposition hegt Katchanovski auch hinsichtlich eines angeblichen Motivs. Dass der damalige Staatschef Viktor Janukowitsch einen Massenmord befohlen haben soll, sei aus politikwissenschaftlicher Perspektive irrational. N.H.

 

Eritrea nimmt Asylanten aus

Genf – Nach Recherchen der „Neuen Zürcher Zeitung“ werden aus Eritrea stammende Asylbewerber, die in der Schweiz leben, von ihrem Herkunftsland zu Geldzahlungen gezwungen. Demnach treibt das Generalkonsulat Eritreas in Genf bei geflüchteten Landsleuten regelmäßig Einkommensteuer in Höhe von zwei Prozent ein. Brisant sind die Vorwürfe nicht nur vor dem Hintergrund, dass geschätzte 90 Prozent der Asylanten aus Eri­trea in der Schweiz Sozialhilfe erhalten. Die UN vermuten, dass Eritrea mit den eingenommenen Geldern unter anderem die islamistische Terrororganisation „Al-Shabab“ un­ter­stützt. Wie ebenfalls berichtet wird, soll Eritreas Generalkonsulat in Genf auch dabei behilflich sein, Reisen von Asylanten in den afrikanischen Staat vor den Schweizer Behörden zu verschleiern. Nach Schweizer Recht dürfen anerkannte Flüchtlinge nicht in ihren Heimat- und Verfolgerstaat reisen. N.H.


S. 7 Wirtschaft

Ungewohnter Wettbewerb
Der deutschen Landwirtschaft drohen durch TTIP ein sinkendes Preisniveau und weniger Subventionen

Ein gemeinsamer translantischer Markt, wie ihn TTIP vorsieht, wäre für die deutsche Landwirtschaft eine große Herausforderung. Denn in den USA erhalten Landwirte weniger staatliche Subventionen, sie sind daher den Kräften des Marktes mit seinen Preisschwankungen stärker ausgesetzt als ihre Berufskollegen in Europa und entsprechend wettbewerbsfähiger.

Seit Juni 2013 finden zwischen der EU und den USA geheime Gespräche über ein Transatlantisches Freihandelsabkommen (Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP) statt. Mit den Wirtschaftsräumen USA und EU soll die weltgrößte Freihandelszone geschaffen werden. An der Abfassung des vorläufigen Vertragstextes haben Unternehmensverbände entscheidend mitgewirkt. TTIP können die EU-Mitgliedsstaaten nur als Ganzes annehmen oder ablehnen. Dies ist ein Novum in der Politik und neben dem umstrittenen Investitionsschutz einer der bedenklichsten Punkte. Bedenklich ist auch, dass immer noch nicht alle Einzelheiten des Vertragswerks bekannt sind und von ihm entgegen allen anders lautenden Beteuerungen voraussichtlich in erster Linie international aufgestellte Konzerne profitieren werden.

Von den Auswirkungen von TTIP wäre auch die Landwirtschaft betroffen. Es ist eine Angleichung der europäischen an die niedrigeren US-amerikanischen Produktionsstandards zu erwarten. Die Getreideimporte aus den USA nach Europa dürften weiter zunehmen. Speziell in Deutschland, Europas größtem Fleischexporteur, sind billiger US-amerikanischer Gen-Mais und Gen-Soja als Futtermittel sehr nachgefragt. Trotzdem blieb der komplexe Bereich Landwirtschaft in der medialen Diskussion über TTIP bisher ausgespart. Lediglich die Forderung, dass Chlorhähnchen, Hormonfleisch und Gen-Mais in Deutschland nicht in den deutschen Handel gelangen dürften, wurde immer wieder von TTIP-Kritikern vorgebracht. Hierzu kam aus Regierungskreisen die Mitteilung, dass derartige Sorgen unbegründet seien. Was nicht zutrifft, da Chlorhuhn, Gen-Mais und Hormonfleisch über verarbeitete Lebensmittel wie Suppen zum deutschen Verbraucher gelangen könnten.

In der Landwirtschaft geht es im Hinblick auf TTIP aber um viel mehr. Die USA sind der stärkste Agrarexporteur der Welt. Nimmt man die Produktionsweise in den USA und in Europa in den Blick, so stößt man auf grundverschiedene Rahmenbedingungen. Wer behauptet, man könne beide Erzeugergebiete zusammenlegen, ohne dass sich Turbulenzen entwickelten, verschweigt die Problemfelder. In den USA erhalten Landwirte weniger staatliche Subventionen, sie sind daher den Kräften des Marktes mit seinen Preisschwankungen stärker ausgesetzt als ihre Berufskollegen in Europa. In den Vereinigten Staaten hat sich eine rein auf ökonomischen Gewinn ausgerichtete industrielle Landwirtschaft durchgesetzt. Monokultur ist Standard, während in Europa im Gegensatz dazu meist Fruchtwechselwirtschaft praktiziert wird. In der europäischen Landwirtschaft werden durch Subventionen viele Härten des Marktes abgefedert und vieles gefördert, so dass auch Öko-Bauern und Familienbetriebe überleben können. Das Abkommen soll, so fordern deutsche Politiker, einen „fairen und nachhaltigen Handel“ garantieren. Bei einem freien Wettbewerb wäre mit einem Kräftemessen der Agrar-Riesen beiderseits des Nordatlantiks zu rechnen, was womöglich das Aus für die kleinbäuerliche Landwirtschaft zur Folge hätte. Ferner könnte von US-amerikanischen Interessenverbänden die Forderung an die EU ergehen, die Subventionen aus Gründen der Wettbewerbsgleichheit zu kürzen.

In den USA ist der früher stark vertretene Typ der „Familienfarm“ mit einer Größe von etwa 300 Hektar – sechsmal so groß wie der deutsche Durchschnittsbetrieb – rückläufig. Der Grund ist fehlendes Kapital für eine Modernisierung. Wenige Super-Farmen vom Typ „Corporate Farm“ mit einer mittleren Betriebsgröße von 1160 Hektar haben die kleinen und mittleren Betriebe aufgesogen. Es sind Großunternehmen mit viel Fremdkapital. Bei der Bewirtschaftung der Ländereien setzen sie auf elektronische Überwachungs- und Steuerungssysteme sowie hochkomplexe Landmaschinen. Seit etwa 15 Jahren kommt der Agrarinformatik zur Ausübung der sogenannten Präzisionslandwirtschaft zunehmend eine Schlüsselfunktion zu. Satellitennavigation und Sensortechnik ermöglichen es, die Effizienz der Produktion zu erhöhen, indem etwa die Felder zielgenau berieselt und gedüngt werden. Die Vorgänge werden vom Betriebsgebäude aus mit Hilfe von Cloud Computing kontrolliert. Während der Wert der Investitionen in Informationstechnologie bei landwirtschaftlichen Betrieben im Jahr 2000 noch bei durchschnittlich 65000 US-Dollar lag, sind es inzwischen eine halbe Million. Das können sich nur noch wenige leisten. Es zeigt sich aber, dass moderne Informationstechnologie den Großen entscheidende Wettbewerbsvorteile bringt, und zwar vor allem bei Extremwetterereignissen und niedrigen Marktpreisen. Die Datenmenge und -analyse ermöglicht es den Farmern, umgehend geeignete Maßnahmen einzuleiten. Dagmar Jestrzemski


Abgeschmiert
Dem Prestige-Flieger A380 von Airbus droht das Aus

Volkswagen beerdigt mangels Nachfrage den Golf. Porsche wird seinen 911er nicht mehr los und bei Mercedes steht sich die neue S-Klasse in den Schauräumen kaputt: Derartige Nachrichten hätten in der Presse wohl für Leitartikel, Dossiers und besorgte Kommentare über den Industriestandort Deutschland gesorgt. Dass Airbus ernsthaft erwägt, den Bau seines A380 einzustellen, ließ die Öffentlichkeit dagegen seltsam unberührt. Dabei ist diese Nachricht sehr viel gravierender, als es das Ende einer der drei Auto-Ikonen wäre.

Das hat zunächst technische Gründe: Während es in der Autoindustrie etwa drei bis vier Jahre dauert, ein neues Modell zu entwickeln, brauchen Luftfahrtunternehmen dafür Jahrzehnte. Erste Machbarkeitsstudien für den A380 gehen bis in die 80-er Jahre zurück. 2005 hob der Großraumjet dann zum Jungfernflug ab. Angesichts dieser Zeiträume hat eine Modellreihe für das wirtschaftliche Wohlergehen einer Flugzeugschmiede ungleich mehr Bedeutung als bei den Ingenieurs-

kollegen von der Autoindustrie. Zumal der A380 das Modell war, mit dem sich das europäische Unternehmen im Konkurrenzkampf mit dem US-Hersteller Boeing behaupten wollte. Der vierstrahlige XXL-Flieger, der bis zu 850 Passagiere fasst, gehört sozusagen zum Gründungsmythos. Airbus entstand Anfang der 70-er Jahre als Zusammenschluss deutscher, französischer, englischer und spanischer Unternehmen, um mit den US-amerikanischen Herstellern Boeing und McDonnell Douglas (1997 von Boeing geschluckt) konkurrieren zu können. Firmensitz ist das französische Toulouse. Airbus-Montagewerke stehen in Frankreich, Deutschland, Spanien und Großbritannien. In Hamburg ist das dortige Airbus-Werk mit rund 12000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber.

Da ist also ein Firmenriese in die falsche Richtung geflogen. 20 Milliarden Euro Entwicklungskosten wären sozusagen durch die Turbine geblasen. Das mögliche Aus gab Airbus-Finanzchef Harald Wilhelm bei einer Investoren-Versammlung in London bekannt. Der Konzern werde den Flugzeugtyp ab 2018 entweder mit sparsameren Triebwerken ausrüsten oder die Produktion einstellen, erklärte er. Airbus-Chef Thomas Enders schränkte wenig später die Aussichten auf eine Modernisierung ein. Er stellte klar, dass man genau nachrechnen werde, ob sie sich überhaupt lohne. Umgehend gab die Aktie des Luftfahrtkonzerns um mehr als zehn Prozent nach.

Geld verdient hat Airbus mit dem A380 nie. Bis heute wurden 318 Exemplare bestellt. Ein Viertel des Bedarfs, den der Hersteller erwartet hatte. Der Grund: Wichtige Trends im Luftverkehr sprechen gegen den Riesen-Jet. Die Zahl der Strecken, auf denen ein A380 voll wird, ohne dass mit günstigen Preisen nachgeholfen werden muss, nimmt ab. Zudem sind neue, kleinere Langstreckenmaschinen mit nur zwei Triebwerken auf dem Markt und bieten viele Vorteile. Ihre Wartung ist unter anderem günstiger als die eines Flugzeuges mit vier Triebwerken. Insider sehen aber auch interne Gründe für den Misserfolg. Sie bemängeln die Übermacht der Franzosen im europäischen Konzern. Das führe zu Grundsatzentscheidungen in Toulouse, die Frankreich nützen, dem Konzern aber nicht. Ob es zum Beispiel wirklich hilft, jetzt an einer noch größeren Version des Modells zu arbeiten? Der geplante A380-900 soll bis zu 1000 Passagiere befördern können. F. Horns


Wirft Draghi hin?
EZB-Chef könnte italienischer Staatspräsident werden

Sonst eher für Wirtschaftsjournalismus mit nüchternen Zahlen bekannt, berichtet die in New York erscheinende „Fiscal Times“ nun von einer brisanten Personalentscheidung, die sich womöglich an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) anbahnt. Schon in wenigen Tagen könnte der bisherige EZB-Chef Mario Draghi sein Amt niederlegen, um auf einen politischen Spitzenposten nach Italien zu wechseln.

Als Grund wird angegeben, dass Draghi frustriert über die Widerstände gegen seine Geldpolitik sei, gemeint sei damit insbesondere die anhaltende Kritik aus Deutschland. Voraussetzung für einen Wechsel Draghis nach Rom sei aber, so die „Fiscal Times“ unter Berufung auf Quellen in Italien, dass Draghi ein bedeutendes Amt übernehmen könnte. Spekuliert wird vor diesem Hintergrund inzwischen, ob Draghi die Nachfolge des mittlerweile 89-jährigen italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano antreten will. Das seit 2006 amtierende Staatsoberhaupt hat bereits angekündigt, dass es nur noch bis zum 13. Januar im Amt bleiben wolle.

Sollte Draghi tatsächlich den prestigeträchtigsten politischen Posten seines Heimatlandes Italien übernehmen, würde dies Folgen für ganz Europa haben. Gefunden werden müsste dann ein Nachfolger als Chef der EZB. Wahrscheinlich ist, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sich schnell mit Forderungen konfrontiert sehen würde, dass die Deutschen diesmal bei der Besetzung des EZB-Spitzenpostens zum Zuge kommen. Deutschland hatte mit dem damaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber bereits vor drei Jahren einen aussichtsreichen Kandidaten ins Rennen geschickt. Weber wechselte aber lieber zur Schweizer Großbank UBS. Aufgrund einer Absprache, die Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy und der zu dieser Zeit amtierende italienische Regierungschef Silvio Berlusconi getroffen hatten, kam letztendlich Draghi auf den EZB-Posten.

Käme es zu einem Rücktritt Draghis, würde Bundesbankpräsident Jens Weidmann eigentlich als der naheliegendste deutsche Kandidat erscheinen. Tatsächlich dürften die Chancen für den Deutschen allerdings nicht allzu groß sein. Denn wiederholt hat Weidmann Draghis „Euro-Rettungspolitik“ scharf kritisiert – und im Rat der Notenbank sogar gegen das umstrittene Programm zum Kauf von Anleihen gestimmt. Schwer vorstellbar ist deswegen, dass Länder wie Italien oder Frankreich sich mit Weidmann an der Spitze der EZB abfinden würden.

Als sicher kann nicht einmal gelten, dass der Bundesbankpräsident auf die uneingeschränkte Unterstützung von Kanzlerin Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble zählen kann. Gerade wegen der Geldpolitik Draghis war es Krisenländern wie Italien möglich, sich weiter günstig zu verschulden. Dies hat vor allem Bundeskanzlerin Merkel ermöglicht, indem sie auch ohne innenpolitisch umstrittene Krisenmaßnahmen wie das Auflegen von Eurobonds, also gemeinschaftlich garantierte Staatsanleihen, eine Vergemeinschaft der Schulden ermöglicht hat. Norman Hanert


MELDUNGEN

20 Milliarden für die Bahn

Berlin – Die Deutsche Bahn AG erhält seit Beginn des Jahres einen Bundeszuschuss von durchschnittlich vier Milliarden Euro jährlich. Das sieht die Fortschreibung der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung (LuFV) zwischen Bund und Bahn vor. Die Vereinbarung hat eine Laufzeit von fünf Jahren, so dass der Bund insgesamt 20 Milliarden Euro zahlen wird. Die Bahn selbst will in dieser Zeit acht Milliarden Euro investieren. Bisher umfasste die LuFV ein Volumen von drei Milliarden Euro pro Jahr, wozu der Bund etwa 2,5 Milliarden Euro beisteuerte. U.M.

 

Fracking-Gesetz kommt

Berlin – Noch im ersten Quartal des Jahres wird der Bundestag über ein Gesetz zur Regelung der Erdgasförderung nach dem Fracking-Verfahren entscheiden. Nach Angaben der Bundesregierung werde der Schutz der Natur und des Trinkwassers dabei an erster Stelle stehen. Demnach soll es für Gebiete von National -und Naturparks keine Genehmigungen geben. Dies soll auch für den Bereich von Trink- und Heilwasservorkommen gelten. Zu den geplanten Neuregelungen gehört auch die Verlagerung der Beweislast für Schäden auf die Unternehmen. J.H.


S. 8 Forum

Tilsit am Tigris?
von Frank Horns

Wo bleiben die Pfiffe und Buhrufe? Immer mehr Politiker versteigen sich zu einem unsäglichen Vergleich. Da Westdeutschland einst Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen habe, könne es doch jetzt wohl auch ein paar Hundertausend Asylbewerber integrieren, erklären sie. Letzter Verbal-Täter dieser Art war Finanzminister Schäuble in einem „Bild“-Interview.

Wer nur eine Sekunde darüber nachdenkt, erkennt, wie infam der Vergleich ist. Tilsit liegt nun einmal nicht am Tigris, sondern an der Memel, seine Bewohner gingen zum Beten nicht in die Moschee, sie gründeten keine Parallelgesellschaften und sie hätten jeden Einbürgerungstest mit Bravour bestanden. Wer diese Tatsache leugnet, versucht, seine Wähler für dumm zu verkaufen. Aber er tut noch Schlimmeres: Er spricht Millionen Vertrieben aus Ostpreußen, Pommern und anderswo ihre deutsche Nationalität ab. Er verlegt ihre Heimat ins Beliebige. Er raubt sie ein zweites Mal. Wer so argumentiert, muss sich fragen lassen, wie er selbst zu seinem Land steht und ob er ihm wirklich so verbunden ist, wie es für einen deutschen Politiker angemessen wäre.


Richtig gemacht
von Jan Heitmann

Wenn die eine Seite etwas will, ist die andere erst einmal aus Prinzip dagegen. So läuft es meistens in der Politik. Bei der Regelung der Familienpflegezeit haben die Parteien gezeigt, dass sie auch anders können, wenn sie wollen. Von diesem Jahr an haben Arbeitnehmer die Möglichkeit, zur Pflege eines Angehörigen eine zweijährige Familienauszeit sowie zusätzlich eine bezahlte Auszeit von zehn Tagen zu nehmen. Der bereits bestehende Rechtsanspruch auf eine sechsmonatige, wenn auch unbezahlte, Pflegezeit bleibt überdies erhalten. Diese Erleichterung der Vereinbarung von Familie, Pflege und Beruf ist ein größerer sozialer Fortschritt, als es vielen bewusst sein dürfte. Denn die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt rasant zu. Schon bald könnte sie die herkömmlichen Pflegestrukturen sprengen. Deshalb sind in verstärktem Maße die Familienmitglieder gefragt.

Doch was die Politik so gut gemeint hat, könnte am Volk scheitern. Aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für die Krankenkasse DAK geht hervor, dass nur knapp jeder Dritte bereit wäre, Angehörige selbst zu Hause zu pflegen. 17 Prozent würden einen Platz in einem Pflegeheim auswählen, 43 Prozent eine andere Lösung bevorzugen, beispielsweise eine professionelle Pflegekraft ins Haus holen. Als Argument gegen die häusliche Pflege durch die Familie wird gerade bei den Jüngeren vor allem die eigene Berufstätigkeit genannt. Dieses Hindernis ist durch die neuen gesetzlichen Möglichkeiten wenigstens teilweise beseitigt. Die Politik hat ihren Teil dazu in vorbildlicher Weise getan. Sie hat alles richtig gemacht. Nun sind die Angehörigen am Zuge.


Weicheier
von Harald Tews

Der US-Film „Das Interview“ wird nun doch in den Kinos gezeigt. Und das ist gut so. Nicht weil er gut wäre, sondern weil man vor Terrordrohungen nicht kapitulieren darf. Die bloße Warnung von Internet-Erpressern, dass den USA etwas Ähnliches bevorstehen könnte wie am 11. September 2001, wenn der Filmulk über den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un gezeigt werde, reichte aus, um in den USA reflexhafte Ängste hervorzurufen (siehe S. 6). Und das alles vielleicht nur, weil ein paar mit krimineller Energie ausgestattete Scherzbolde an ihren heimischen Rechnern eine leere Drohung hingekritzelt haben.

Sollte Nordkorea tatsächlich hinter der Ak­tion stehen − glaubt man dann ernsthaft, dass kommunistische Selbstmordattentäter aus Asien die Kinosäle stürmen und mit ihren Sprengstoffgürteln alles in die Luft jagen? Dass das nuklear aufgerüstete Nordkorea wegen einer lächerlichen Hollywood-Propaganda gegen Kim Jong-un, der im Film regelrecht abgeschossen wird, eine Atombombe auf das Weiße Haus fallen lässt, ist höchst unwahrscheinlich. Dann hätte das schon längst nach anderen der vielen Satiren über Nordkoreas Diktatoren passieren können. Doch die schon seit Pearl Harbor und den Anschlägen in New York von Kriegsterror traumatisierten US-Amerikaner sehen hinter jedem Busch eine Gefahr lauern, wo sich sonst nichts verbirgt.

Schlimmer als der Einnahmeausfall, den die Produktionsgesellschaft Sony Pictures mit der 40 Millionen Dollar teuren Komödie erlitten hätte, wenn diese an den Kinos keine Kasse macht, ist die Botschaft, die mit der Start-Absage verbunden wäre: Es wäre eine Kapitulation der Meinungsfreiheit vor bloßen Terrordrohungen.

Als der Iran gegenüber Salman Rushdie 1989 die Fatwa wegen seines Buches „Die Satanischen Verse“ aussprach, hatte man im Westen noch mehr Mumm in den Knochen. Damals ließ man sich nicht einschüchtern und publizierte das Buch erst recht – und nichts passierte. Kein Buchladen flog in die Luft, in dem das Buch zum Verkauf auslag, kein Leser musste um sein Leben fürchten, und auch der Autor selbst hat schließlich alle Morddrohungen überstanden.

Die Selbstzensur, die man sich jetzt auferlegen wollte, sendet ein schlechtes Zeichen an alle Autoren, Filmemacher oder Künstler, die sich kritisch mit politischen Themen auseinandersetzen wollen. Sie werden sich zukünftig weniger zutrauen. Die ohnehin schon politisch oft weichgespülte Kultur könnte dadurch noch seichter werden. Statt Terrordrohungen sofort die Stirn zu bieten, ziehen die Produzenten gleich ängstlich die Köpfe ein. Wenigstens das US-Publikum lässt sich von dieser Weich­ei-Mentalität noch nicht anstecken. Es strömte vor Neugier in Scharen in die Kinos. In Deutschland, wo „Das Interview“ Anfang Februar in die Kinos kommen soll, wird es kaum anders sein. So erlangt ein kläglicher Film unverdient große Aufmerksamkeit.


Frei gedacht
In Fesseln liegen viele Seelen, in Ketten manche Wahrheit
von Eva Herman

Es war ein mächtiges Schwingen, das unser Land in der Weihnachtszeit erfüllte. Die Sorge der Menschen, ihr Land zu verlieren, treibt nun viele an. Sie schließen sich zusammen und gehen auf die Straße, viele fragen sich zunehmend, wie ihre Zukunft werden soll. Ist es ihnen zu verdenken? Wohl kaum. Das Schwingen ist nicht, wie gerne öffentlich behauptet, ein übler Vorgang, sondern es ist eine Art Weckruf, der nun offenbar auch jene erreicht, die bislang noch fest schliefen. Sie hatten sich nicht um die zahllosen Symptome gekümmert, die schon jahrzehntelang ihr Umfeld veränderten, hatten sich meist zufrieden gegeben mit den Erklärungen sogenannter Volksvertreter, die immer häufiger merkwürdige Entscheidungen trafen.

Es ist nicht gerecht, wenn nun behauptet wird, all jene, die zunehmend die Straßen füllen, seien Extremisten. Wer sagt, man solle mit Gewalt gegen sie vorgehen, ignoriert, dass sie meist friedlich sind. Wie Pilze sprießen alle möglichen Gruppen aus dem Boden, um jene Menschen zusammenzuschließen, die die unkontrollierte Öffnung Europas, ebenso Deutschlands, für Fremde fürchten. Ist diese Sorge unbegründet? Aber nein. Ist diese Entwicklung überraschend? Mitnichten.

Alles gehört zum großen Spiel. Die Empörung der Medien, der inzwischen tägliche Tadel der Politikdarsteller, die gespielte Entrüstung öffentlicher Personen. Alles läuft wie am Schnürchen, der Plan wird abgearbeitet. Verstehen kann dies nur, wer sich im Klaren darüber ist, welches Ziel schon vor langer Zeit ins Auge gefasst wurde. Dieses Ziel ist zu unbegreiflich, als dass es wirklich wahr sein könnte. Und doch gibt es genügend Belege. Wir erinnern uns an Markierungspunkte vor langer Zeit, in prunkvollen Schlössern wie Versailles oder Potsdam wurden die Weichen für die Zukunft umgestellt. Hier saßen einst Sieger zu Gericht, die den Verlierer abstraften, ihn weitgehend entmündigten. Wir wollen an dieser Stelle nicht über Schuld und Gründe sprechen, Kilometer von Bücherreihen wurden hierzu vollgeschrieben, bis heute wird dafür bezahlt. Nein, nur die Auswirkungen betrachten wir, damit verstanden wird, welche Entwicklungen es sind, die uns heute so verändern. Und wohin die Reise gehen wird, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Die Geschichte unseres Landes, wird sie einst Beispiel dafür sein, wie tief ein Volk erst sinken musste, bevor seine Bewohner aus der Narkose erwachten? Ein Beispiel auch dafür, wie leicht eigentlich eine planmäßige Charakterwäsche funktioniert, um die Mentalität einer ganzen Gesellschaft nachhaltig zu verändern? Heute sind keine Kriege mehr vonnöten, wenn ein Land zerstört werden soll, es gibt wahrlich subtilere Methoden.

Wer sich in der Vergangenheit wunderte über so manche innen- und außenpolitische Entscheidung, wer sich verzweifelt fragte, ob nur er alleine zu erkennen schien, welche verheerenden Fallbeile über uns aufgehängt wurden, wer auch in den Berichten von Zeitung und Fernsehen seine Empfindung, seine wachsende Befürchtung, nie bestätigt sah, sondern im Gegenteil, unerklärliche Vorgänge akzeptieren sollte, die er jedoch nicht akzeptieren konnte und wollte, der war auf dem Weg des Erkennens. Nicht zu einem einzigen Thema fiel ihm der Missstand auf, sondern zu nahezu allen: Geldsystem, Wirtschaftsverzweigungen, Familien- und Sozialpolitik, sämtliche Maßnahmen, welche uns moderner werden lassen sollten. Die Abschaffung der Werte, die Abwendung von Moral und Ethik, die sich wie selbstverständlich dann in die folgenden Generationen grub, die heute kaum noch etwas wissen können von Tugendhaftigkeit und Charakterstärke; der fehlende Zugang zum Volksgut, zur eigenen Kultur und Tradition: Verwundert riebe sich jener Kandidat seine Augen, der nach einer etwa 50-jährigen Abwesenheitspause sich wieder einfinden sollte in diesem Land: Es existiert nicht mehr. Doch was nützt auch das Erkennen all der Symptome? Wie ein dunkler Fluch lastet Druck auf dem Land, welcher ersticken will, was an lichten Fünkchen noch aufsteigen möchte.

Wer nicht mehr stolz sein darf auf seine Wurzeln, wer sich wegducken muss, wenn nur seine Herkunft genannt wird, wer nicht mehr aufschauen darf mit dem bebenden Wunsch auf den Lippen: Gott schütze mein Land, wer immer wieder an seine „Schuld“ gemahnt wird, die er selbst jedoch nie beging, wer von früh an lernt, viele Feinde zu haben, und wenig Verständnis bekommt, der muss anders werden, er muss sich verändern. In der Kinderpsychologie gehört es zum Grundwissen: Ein Kind braucht Liebe, Zuwendung, Verständnis. Jeder Mensch ist darauf angewiesen, dass man ihn fragt, wie es ihm gehe, dass er sich erklären kann für sein Empfinden und sein Verhalten, dass er ernst genommen wird. Ein vorsätzliches Wegwischen dieser Bedürfnisse richtet Schäden in der Seele an, tiefgehende Schäden, die man kaum noch heilen kann. Eine Kollektiverziehung in diesem Sinne muss verheerende Folgen nach sich ziehen.

Nein, die wachsenden Proteste und Demonstrationen sind viel mehr als nur das Symptom für ein einziges politisches Problem. Es ist der Stau an Enttäuschung, Schmerz und Existenzangst, welcher sich nun Tag für Tag zunehmend Bahn bricht, das Unverständnis vieler Gutwollenden in dem allmählichen Erkennen der Unfreiheit. Wer auf einen Topf, in dem hoher Druck herrscht, einen Deckel hält, der braucht viel Kraft. Denn mit dem Anwachsen der inneren Unruhe verstärkt sich die Wirkung: Eines Tages fliegt der Deckel weg, egal, wer ihn noch festzuhalten sucht. Schon hebt er sich hin und wieder, trotz der schweren Gewichte, die man darauf gelegt hat.

Es ist eine alte Geschichte: Der Mensch muss offenbar erst durch tiefe Täler wandern, seine Seele muss erheblich erschüttert werden, er muss in große Not kommen, bis seine innere Sehnsucht nach dem Licht der Wahrheit endlich erwacht. Noch geht es vielen Menschen in unserem Land zu gut, sie haben – im Gegensatz zu einem großen Teil der restlichen Welt – noch genügend zu essen und zu trinken, ihr Fernseher lässt sich allabendlich einschalten. Mehr brauchen sie nicht. Doch wir befinden uns in der Zeit der raschen Veränderung, was gestern noch als sicher galt, hat heute schon keinen Bestand mehr, was gestern zur selbstverständlichen Existenz zählte, kann morgen schon stürzen. Viele Menschen spüren es nun. Die Sorge treibt sie an, lässt ihre Seele bluten wie eine wachsende Wunde. Kalt ist es geworden in Deutschland, das morphogenetische, dunkle Feld, welches sich über uns ständig erweitert, lässt kaum noch Licht herein. In Fesseln liegen viele Seelen, in Ketten so manche Wahrheit: Ein Volk stirbt.

Wer in diesen besinnlichen Tagen zu einem Gebet findet, wer den Konsumzwang für einige wenige Momente ausblenden und sich der inneren Empfindung zuzuwenden in der Lage sieht, der möge nicht nur für sich und seine Lieben bitten. Sondern er denke auch an sein gebeuteltes Land, einst Vorbild in der Welt, welches nun gebunden darniederliegt. Er gebe – nur für einen Moment – alle Kraft in den innigen Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit. Keinen fremden Feind haben wir zu fürchten, sondern nur unsere eigene Schwäche. Gott schütze Deutschland.


S. 9 Kultur

Schärfste Zunge der Weimarer Republik
Auf den Spuren von Kurt Tucholsky in Berlin − Der Autor mit der spitzen Feder wurde vor 125 Jahren in Moabit geboren

Er nannte sich Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Weil er für die in der Weimarer Republik erschienene Zeitschrift „Weltbühne“ fast im Alleingang schrieb, legte sich Kurt Tucholsky etliche Pseudonyme zu. Am 9. Januar 1890 wurde er in Berlin-Moabit geboren.

Das Haus ist noch da, Berlin-Moabit, Lübecker Straße 13. Durch die Eingangstür könnte er gegangen sein. Sie scheint nur übermalt. Gleich über den Hausflur geht es in den Hinterhof. Kindergeschrei aus einer Wohnung, die jetzt einen Hort beherbergt. Im Vorderhaus ein Kunst-Geschäft, das sich frech „Kurt Kurt“ nennt. Mit dem Satiriker, der hier vor 125 Jahren geboren wurde, haben sie nichts zu tun, sagen sie. Rundherum Multikulti-Läden und Büros. An Hausfassaden gekritzelte Schlagzeilen, die auch Tucholsky zu scharfzüngigen Texten animiert hätten: „Mo­abiter Kinder brauchen Hilfe.“ Ein Geschäft für Afrofrisuren klebt neben der „Gaststätte zur Post“. Konservativ oder im Trend?

Eine unentschiedene Straße, die sich nicht festlegen mag. Ein gutbürgerliches Viertel war es einst, jedoch gleich um die Ecke der rote Wedding mit seinen Mietskasernen und Hinterhof-Gestank. Eine Welt voller Gegensätze. So wie der große Sohn dieser Gegend. Die Murmeln spielte er mit reichen und armen Kindern. Hatte so früh den Einblick in eine Welt der Kontraste.

Hineingeboren in eine jüdische, assimilierte Familie, in der die Religionsausübung keine Rolle spielte, war er besonders seinem Vater zugetan. Der Bankdirektor Alex Tucholsky wurde schon bald nach Stettin versetzt. So wuchs der kleine Kurt, zusammen mit den Geschwistern Ellen und Fritz, die ersten Jahre seines Lebens an der Küste auf. 1899 zog die Familie wieder nach Berlin, wo Kurt das Französische Gymnasium und das Königliche Wilhelms-Gymnasium besuchte. Schon 1905 verstarb der geliebte Vater.

Vor zu viel Nähe soll er sich gefürchtet haben, sagt der Biograf Klaus Bellin über den schärfsten Geist der Weimarer Republik. Da der Vater genügend Geld hin­terlassen hat, durfte Tucholsky studieren. Er be­ginnt ein Jurastudium in Berlin, setzt es in Genf fort, doch sein Interesse galt der Literatur. Der Student verbringt drei Tage in Rheinsberg mit der Medizinstudentin Else Weil, die als Vorlage der „Claire“ in der „Rheinsberg“-Erzählung dient. Das Ma­nuskript im Ge­päck reist er mit seinem Freund Kurt Szafranski 1911 nach Prag. Anlass ist die Hoffnung, dort seine Erzählung dem Schriftsteller Max Brod vorzulegen.

Tucholsky hatte bis dahin nur wenige Zeitungsartikel veröffentlicht. Der Besuch ist von Erfolg gekrönt. In Prag kommt es zu einer Begegnung mit Franz Kafka und schon 1912 wird die heitere Liebesgeschichte „Rheinsberg“ veröffentlicht. Sie macht ihn bei einem großen Publikum bekannt. Es folgen etliche Angebote. Er tritt eine Stelle als Mitarbeiter des Theaterkritikmagazins „Schaubühne“ an. Gründer und Herausgeber ist Siegfried Jacobsohn. In ihm findet Tucholsky einen Freund und Lehrmeister. Er schreibe das sauberste Deutsch, eine Mischung aus Lessing mit einem Schuss Judentum, be­schreibt ihn Tucholsky einmal. Auch anderweitig spüren beide gemeinsame Wurzeln, sind Brüder im Geiste. So nimmt es nicht Wunder, dass der junge Mann schnell zum meistgedruckten Autor des Blattes wird. Da aber niemand ausschließlich die Meinungen eines einzigen Schreiberlings lesen mag, beginnt Tucholsky nun seine anderen Charaktere, die er später als „5 PS“ bezeichnete, ins Leben zu rufen. Satirisch, messerscharf und ohne falsche Scham führt er die Feder gegen Militarismus, Nationalismus und sattes Bürgertum. Erich Kästner bezeichnete ihn später einmal als „kleinen dicken Mann, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte.“

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verstummt der Dichter. Der Weltenbrand, das nervöse Europa schon vorher und die Unruhen nach dem Krieg werden zur zentralen Erfahrung in seinem Leben. Versetzt ins Baltikum, lernt er die 19-jährige Mary Gerold aus Riga kennen. Seine einzige längere Liebesbeziehung. Als Mary ihm nach dem Krieg nach Berlin folgt, kühlt die Liebe oberflächlich ab. Er heiratet Else Weil. Aber auch diese Beziehung hält nur kurz. 1924 heiratet er Mary Gerold. Jacobsohn hat seine Zeitschrift nach dem Krieg in „Weltbühne“ umbenannt.

Die links-intellektuellen Hefte sind nun politischer. Be­wegen und er­reichen mit Texten der begabtesten Schreiber der Weimarer Republik, wie Alfred Döblin, Joachim Ringelnatz, Klaus Mann, Erich Kästner und Kurt Tu­cholsky, ein großes Pu­blikum. Justiz, Militär und antidemokratisches Bürgertum werden zur Zielscheibe der Autoren.

Die Inflation zwingt Tucholsky, sich um eine Arbeit in einer Berliner Bank zu kümmern. Erst als Jacobsohn ihn 1924 als Korrespondent nach Paris schicken will, kehrt er zur „Weltbühne“ zurück. Für diese und die „Vossische Zeitung“, berichtet er aus Frankreich, wo er viel über die republikanische Staatsform lernt. 1926 stirbt Jacobsohn. Seine Witwe bittet Tucholsky, die Leitung der „Weltbühne“ zu übernehmen, was dieser nur widerwillig und nur für sechs Monate tut. Da­nach wird der Redakteur Carl von Ossietzky Chef des Blattes. Tucholsky ist deutschlandmüde. In einer Art weiser Voraussicht sucht er sich 1929 in Schweden ein Domizil.

Seine Zerrissenheit zeigt sich auf allen Ebenen. Mary Gerold verlässt ihn wegen weiterer Liebschaften. 1927 hatte er Lisa Matthias kennengelernt. Ein Sommer mit ihr animiert ihn zur Erzählung „Schloss Gripsholm“. Doch die Liaison zerbricht.

Von Ferne beobachtet er, was sich in Deutschland tut und stellt sich publizistisch auf die Seite seines Freundes Ossietzky. Dieser wurde zu Gefängnisaufenthalt verurteilt wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse. Schließlich muss Ossietzky sogar den Kopf hinhalten wegen des in der „Weltbühne“ veröffentlichten Tu­cholsky-Satzes „Soldaten sind Mörder“.

Der Urheber bleibt derweil im schwedischen Exil. Sein Pulver scheint verschossen. In Deutschland gehen wieder mal die Lichter aus. Die Demokratie wird auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennungen dem Feuer übergeben. Tu­cholsky macht sich und seine Schreiberkollegen mit verantwortlich, glaubt, den Nährboden geschaffen zu haben für den Untergang Deutschlands. Er schläft nur noch mit Barbituraten. Diese in Verbindung mit Alkohol könnten die Ursache sein für den frühen Tod am 21. Dezember 1935 in Göteborg. Beabsichtigt oder nicht, bleibt ungeklärt. 1923 hatte er in der Satire „Re­quiem“ einen Spruch für sich ausgedacht, der nie den Weg auf sein Grab fand: „Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze. Gute Nacht.“ Silvia Friedrich


Lob der Alten Meister
Karlsruhe präsentiert Werke des Impressionisten Edgar Degas

Normalerweise verbindet man mit „Impressionis­mus“ spontane Pinselarbeit an der frischen Luft. Der Franzose Edgar Degas (1834−1917) jedoch, der mit einer Ausnahme an allen Impressionisten-Ausstellungen teilnahm, bekannte freimütig: „Keine Kunst ist weniger spontan als die meine.“ Nicht nur das. Seine so unkonventionell anmutenden Szenen aus dem modernen Leben sind am Studium der Alten Meister geschult.

Die Kunsthalle Karlsruhe widmet dem etwas anderen Impressionisten eine Spitzenausstellung mit rund 100 Werken. Zu Beginn der alle Schaffensphasen um­spannenden Schau stellt sich der Meister in einem um 1863 gemalten Selbstbildnis vor. Der gut gekleidete Bankierssohn hält Zylinder und Handschuh in der erhobenen Rechten: „Gestatten, Degas.“ Der Bildaufbau mit dem Landschaftsausblick im Hintergrund erinnert an altmeisterliche Porträts. Die ins moderne Leben transformierte repräsentative Eleganz von Renaissance-Porträts schwingt auch im Gemälde „Die Büglerin“ (um 1869) mit, die in ihrer Arbeitsstube stolz aufgerichtet dasteht und uns mit freundlicher Gelassenheit mustert. Ihr Gesicht hat Degas sorgfältig ausgearbeitet. Der Rest ist – wie in vielen anderen Werken auch – ein virtuos experimenteller und zur Eigenwertigkeit der malerischen Mittel tendierender Um­gang mit Pinsel und Spachtel.

Eigentlich wollte Degas in die Fußstapfen der großen Historienmaler treten. Davon kündet etwa das unvollendet gebliebene Ge­mälde „Junge Spartanerinnen fordern Knaben zum Wettkampf heraus“ (um 1860). Aber er erkannte bald, dass mit der traditionellen Historienmalerei kein Blumentopf mehr zu gewinnen war. Und außerdem war er seit der Pleite der familieneigenen Bank darauf angewiesen, mit seiner Pinselarbeit Geld zu verdienen. Daher verlegte er sich darauf, sein durch das Kopieren der Alten Meister er­worbenes Können auf zeitgemäße Bildthemen anzuwenden. So entwickelte Degas aus Reiterattacken, wie sie etwa seine Bleistiftkopie nach Uccel­los (1397−1475) Re­naissance-Gemälde „Die Schlacht von San Romano“ festhält, Ölbilder mit Jockeys auf der Pfer­derennbahn.

Ein besonderes Faible hatte Degas für die Darstellung von Balletteusen und weiblichen Ak­ten in allen erdenklichen Haltungen und Bewegungen. Ein besonders attraktives Beispiel sind die „Tänzerinnen im Probesaal“ (1895−1898), deren delikate Farbgebung die Wände und die Haut der Damen in Rot, den Boden und die Kleidung dagegen in Grün wiedergibt.

Das Haltungs- und Bewegungsrepertoire der Tänzerinnen in Bild und Skulptur reicht von graziös bis derb und schwerfällig. Aufreizend, ohne dass einem gleich klar wird warum, wirkt das Pastellbild „Steilküste“ (um 1892). Aus der Vogelflugperspektive ist eine begrünte Hügellandschaft dargestellt – die sich unversehens als ein auf dem Rücken liegender Frauenakt entpuppt!

Geradezu anzüglich wirkt schließlich die mit Pastellkreiden überarbeitete Monotypie „Nach dem Bade“ (um 1885): Eine Nack­te streckt uns beim Abtrocknen ihr Hinterteil entgegen. Aber die „Entschuldigung“ in Form von Figurenstudien (um 1856/57), die Degas nach den Seligen in Michelangelos (1475−1564) „Jüngstem Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle anfertigte, hängt gleich daneben. Sie veranschaulichen, dass nackte Hinterteile selbst bei den größten Künstlern vorkommen. Veit-Mario Thiede

Bis 1. Februar 2015 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Straße 2–6, Diens­tag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Telefon (0721) 9263359, Internet: www.kunsthalle-karlsruhe.de. Eintritt: 12 Euro. Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet im Museum 39 Euro, im Buchhandel 49 Euro


In Feierlaune
Bismarck, Cranach, Claudius: Diese Jubiläen stehen 2015 an

Alles eine Frage des Standpunkts: Der Italiener wird von ei­nem Dante-Jahr sprechen, der Franzose vom Ludwig-XIV.-Jahr und der Deutsche vom Bismarck-Jahr. Alle drei freuen sich 2015 auf ein rundes Jubiläum. Ältester Jubilar ist der florentinische Dichter der „Göttlichen Komödie“, Dante Alighieri, der vor 750 Jahren geboren wurde (Mai oder Juni 1265). Der Sonnenkönig Ludwig XIV. starb vor 300 Jahren (1. September 1715). Reichskanzler Otto von Bismarck wurde hingegen vor 200 Jahren geboren (1. April 1815).

Ein halbes Jahr später kam in Breslau Adolph von Menzel zur Welt (8. Dezember 1815), der mit seinen Historienbildern wie „Tafelrunde Friedrichs des Großen“ oder „Krönung König Wilhelms I. in Kö­nigsberg“ berühmt wurde. Dessen älterer Malerkollege Caspar David Friedrich, der Schöpfer des „Kreidefelsens auf Rügen“, starb indessen vor 175 Jahren (7. Mai 1840). Doch für Kunstliebhager ist 2015 vor allem das Cranach-Jahr. Lucas Cranach der Jüngere kam vor exakt 500 Jahren zur Welt (4. Okto­ber 1515).

Genau 200 Jahre später wurde der Schriftsteller und Aufklärer Christian Fürchtegott Gellert geboren (4. Juli 1715). Für die Liebhaber des Gedichts „Der Mond ist aufgegangen“ ist 2015 hingegen das Claudius-Jahr. Denn der „Wandsbeker Bote“, wie Matthias Claudius wegen seiner nach seinem Geburtsort − Wandsbek ist heute ein Stadtteil Hamburgs − benannten Postille bezeichnet wird, ist Jubilar gleich im doppelten Sinn. Los geht es schon am 21. Januar, denn an diesem Tag vor 200 Jahren verstarb der Dichter in Hamburg. Claudius verpasste seinen 75. Geburtstag um sieben Monate. Ergo wurde er im jetzigen Jahr zudem noch vor 275 Jahren geboren (15. August 1740).

In dessen Geburtsjahr starb auch König Friedrich Wilhelm I. (31. Mai 1740). Sein Urenkel König Fried­rich Wilhelm III. verstarb wiederum 100 Jahre später (7. Juni 1840), weshalb jetzt seines 175. To­destags gedacht wird. Zwei Brandenburger teilen nicht nur denselben Namen, sondern auch dasselbe Geburtsjahr vor 525 Jahren. Der Hohenzoller Albrecht von Brandenburg, der am 28. Juni 1490 in Cölln an der Spree geboren wurde, war mit seinem Bruder Joachim Markgraf von Brandenburg. Und jener Albrecht von Brandenburg-Preußen, der am 17. Mai 1490 in Ansbach zur Welt kam und 1568 im ostpreußischen Tapiau starb, war der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen.

Womit wir bei den vielen Ostpreußen sind, die 2015 geehrt werden: Der Dichter Walter Heymann fiel vor 100 Jahren im Ersten Weltkrieg bei einem Sturmangriff im französischen Soisson (9. Januar 1915); den Zweiten Weltkrieg hingegen überlebte der Schriftsteller Rudolf Borchardt nicht, der vor 70 Jahren in Tirol an Herzversagen starb (10. Januar 1945); der Kunstprofessor und Maler Eduard Bischoff, der 1959 den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen erhielt, wurde vor 125 Jahren geboren (25. Januar 1890); der bekannte Geograf und Polarforscher Erich von Drygalski kam vor 150 Jahren zur Welt (9. Februar 1865). Im März gedenkt man der Schriftstellerin Gertrud Papendick anlässlich ihres 125. Geburtstags (28. März 1890) und im April der bedeutenden deutschen Künstlerin Käthe Kollwitz sowie des Filmschauspielers Harry Liedtke anlässlich ihrer beider 70. Todestage (22. April sowie 28. April 1945). Der Landschaftsmaler Max Lindh wurde indessen vor 125 Jahren geboren (1. Juni 1890).

Stammen alle bislang genannten Ostpreußen aus Königsberg, so wurde die als Dichterin des Memellandes bekannt gewordene Charlotte Keyser vor 125 Jahren in Ruß (Heydekrug) geboren (2. Juli 1890). Vor 100 Jahren wurde der Opernbariton und Gründer des Rosenau-Trios, Willy Rosenau, in Angerburg geboren (22. Juli 1915). Der Maler Lovis Corinth aus Tapiau starb vor 90 Jahren (17. Juli 1925). Der Tilsiter Dichter Johannes Bobrowski starb vor 50 Jahren (2. September 1965). Drei Komponisten gilt es zu ehren: den vor 100 Jahren in Cranz geborenen Abel Ehrlich (3. September 1915), den vor 75 Jahren verstorbenen Neidenburger Walter Kollo (30. September 1940) und den Königsberger Hermann Gustav Goetz (175. Geburtstag am 2. Dezember 1840). Zu gedenken sind ferner des Danziger Dichters Max Halbe (150. Ge­burtstag am 4. Okto­ber), des Schlagerkomponisten („So ein Tag, so wunderschön wie heute“) Lotar Olias (25. Todestag am 21. Oktober), des Erfinders des Braun-Trockenrasierers, Max Braun, (125. Geburtstag am 25. Oktober 1890) und des Malers Franz Domscheit (50. To­destag am 14. November 1965).

Über viele dieser Gedenktage wird die PAZ, die am 5. April ihren 65. Geburtstag feiern wird, berichten, so wie sie auch den 100. Ge­burtstag des Bayern Franz Josef Strauß (6. September 1915) nicht unterschlagen wird. Harald Tews


S. 10 Preussen

Er visualisierte uns die Reichsgründung
Von Anton von Werner stammt ein Großteil der Gemälde zur Einigung Deutschlands und der Politikgeschichte des Kaiserreiches

Der preußische Historienmaler Anton von Werner gilt als der Hauptvertreter der Kunstrichtung des Wilhelminismus und wurde darüber hinaus durch seine vielfältigen kulturpolitischen Aktivitäten bekannt. Er starb vor 100 Jahren in Berlin.

Am 15. Januar 1871 erhielt der junge Künstler Anton von Werner ein Telegramm folgenden Inhalts: „S.K.H. der Kronprinz läßt Ihnen sagen, daß Sie hier Etwas Ihres Pinsels Würdiges erleben würden, wenn Sie vor dem 18. Januar hier eintreffen können.“ Und tatsächlich folgte von Werner diesem Ruf von Friedrich Wilhelm von Preußen (1831–1888) auch ganz prompt und wurde dadurch Zeuge eines historischen Ereignisses erster Güte, nämlich der Proklamation des Deutschen Kaisers im Spiegelsaal von Versailles.

Die Einladung verdankte der Maler, der am 9. Mai 1843 in Frankfurt an der Oder geboren worden war und einer ursprünglich in Ostpreußen beheimateten Beamten- und Offiziersfamilie entstammte, der Empfehlung von Friedrich I., Großherzog von Baden (1826–1907). Der Schwager des preußischen und späteren deutschen Kronprinzen hatte den Absolventen der Berliner Akademie der Künste sowie der Kunstakademie in Karlsruhe bereits zu Beginn der letzten Phase des Deutsch-Französischen Krieges ins Hauptquartier der III. Armee beordert, weil er von dessen Fähigkeit beeindruckt war, großformatige naturalistische Historienbilder wie zum Beispiel „Die Entführung Heinrich IV. durch Erzbischof Anno von Köln in Kaiserswerth 1062“ zu schaffen.

Infolge der Arbeit an dem Gemälde über die Ausrufung von Wilhelm I. (1797–1888) zum Deutschen Kaiser machte von Werner bald auch die Bekanntschaft des Monarchen, was dazu führte, dass er zu dessen Berater in Kunstfragen avancierte. Offensichtlich traf Werners Stil, der alle seine weiteren Darstellungen von Kriegshandlungen, Hofzeremonien und historischen Begebenheiten prägte, genau den Geschmack Wilhelms: absolute Detailtreue, ja fotografische Genauigkeit auf der einen Seite und das ausgeprägte Bemühen, das dargestellte Ereignis so würdevoll oder gar pathetisch wie möglich zu inszenieren, auf der anderen Seite.

Aufgrund der guten Beziehungen zum Kaiserhaus – zum Kronprinzen bestand spätestens ab 1871 sogar eine regelrechte Freundschaft – stieg von Werner nicht nur zum bekanntesten und damit zugleich am meisten nachgefragten Künstler Berlins auf, sondern auch zum mächtigsten Kulturfunktionär Preußens. Seine diesbezügliche Karriere begann 1874 mit der Wahl zum ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Diese wiederum sorgte dann dafür, dass von Werner im Folgejahr zusätzlich noch das Amt des Direktors der neugegründeten Hochschule für die bildenden Künste übertragen bekam. Damit mutierte er allerdings keineswegs zum königlichen „Hofmaler auf Lebenszeit“, wie in der Literatur oft behauptet wird – schließlich entschied er sich bewusst gegen eine Verbeamtung und für einen Zeitvertrag, der alle fünf Jahre zu verlängern war.

Dem folgte eine höchst produktive Phase, in der solche Werke entstanden wie „Graf Moltke mit seinem Stabe vor Paris“, „Die Stiftung des Schwarzen-Adler-Ordens“, „Die Krönung Friedrichs I. zum König in Preußen in der Schloßkapelle in Königsberg“ sowie „Die Kapitulationsverhandlungen von Donchery“. Die Zustimmung beschränkte sich nicht auf den Kaiser. So attestierte der Kritiker Ludwig Pietsch (1824–1911) den Bildern von Werners „Schneidigkeit“, was damals als dezidiertes Lob galt.

Den Gipfel seines gesellschaftlichen Aufstiegs erlangte Anton von Werner 1887, als er zum Vorsitzenden des Vereins Berliner Künstler gewählt wurde, womit zugleich das Amt des einflussreichen Vorstandes der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft verbunden war. Nun fungierte er nämlich auch noch als Standesvertreter der Künstler in Berlin, Preußen und ganz Deutschland. Allerdings kam es genau dadurch zu wachsenden Problemen, weil von Werner aufgrund seiner überaus starren Kunstauffassung alles andere als integrierend wirkte – insonderheit wandte er sich gegen die Vertreter beziehungsweise Unterstützer des Impressionismus und Expressionismus, woraufhin es zuerst zu einer Spaltung der Berliner Malerszene und dann – nach der Gründung des konkurrierenden Deutschen Künstlerbundes – der deutschen Künstlerschaft insgesamt kam.

Allerdings genoss von Werner auch in dieser Situation noch die Rückendeckung von Kaiser Wilhelm II. (1859–1941), dem er in jungen Jahren Zeichenunterricht erteilt hatte und der ganz genau denselben Kunstgeschmack besaß wie sein Großvater Wilhelm I. Dies zeigte sich vor allem anlässlich der Tschudi-Affäre: Hugo von Tschudi (1851–1911), der Direktor der Berliner Nationalgalerie, hatte ein großes Faible für den Impressionismus entwickelt und daher wohl zu eigenmächtig entsprechende Werke angekauft, weshalb er 1908 seinen Hut nehmen musste, wonach von Werner zum kommissarischen Nachfolger ernannt wurde.

Die Kritiker freilich begannen dem Günstling des Kaisers nun seine permanenten Angriffe auf alles Moderne in der Malerei zu verübeln und gingen dazu über, ihm eine „trockene, künstlerisch nichtssagende und unbefriedigende“ Darstellungsweise zu attestieren – wobei sich an dieser Einschätzung weder in der Weimarer Republik noch in der NS-Zeit oder in Nachkriegsdeutschland etwas ändern sollte. Das einzig Positive, was die Fachwelt ab etwa 1900 noch über von Werner zu äußern pflegte, war die Feststellung, dass er ein „geschickter Berichterstatter“ gewesen sei.

Dahingegen änderte sich für Wilhelm II. gar nichts: Er überhäufte den Maler weiterhin mit hohen Auszeichnungen aller Art wie etwa dem Roten Adlerorden I. Klasse mit Band; darüber hinaus ernannte er ihn zum Wirklich Geheimen Rat. Seitdem gebührte von Werner, der im Übrigen auch Mitglied von weiteren acht Akademien innerhalb und außerhalb Deutschlands war, die Anrede „Exzellenz“. Ja, der Künstler fiel selbst dann nicht in Ungnade, als er sich 1913 weigerte, im Rahmen einer Ausstellung zu seinem 70. Geburtstag auf die Präsentation von Bildern aus dem Deutsch-Französischen Krieg zu verzichten – man hatte ihn aus außenpolitischen Rücksichten darum gebeten, aber der kämpferische Jubilar ging wie stets keinerlei Kompromisse ein, woraufhin die Exposition dann letztendlich komplett ausfiel. 20 Monate später, am 4. Januar 1915, starb Anton von Werner in Berlin. Wolfgang Kaufmann


Preußens höchster Orden für ein Patt
Mit seinem Eingreifen in die Schlacht bei Preußisch-Eylau verhinderte Anton Wilhelm von L’Estocq einen Sieg Napoleons

Ungeachtet der schreck­lichen Niederlage, die sein Land im Vierten Koalitionskrieg von 1806/07 gegen Napoleon erlitt, hat Anton Wilhelm von L’Estocq laut dem 1816 in Stuttgart erschienenen „Conversations-Lexicon oder encyclopädischem Handwörterbuch für gebildete Stände“ in jenem Krieg demonstriert, „was preußische Tapferkeit unter Leitung eines einsichtsvollen Feldherrn vermag“. Vor 200 Jahren ist der Kavallerie-General in Berlin gestorben.

Wie der Name bereits vermuten lässt, war L’Estocq hugenottischer Herkunft. Der erste in Deutschland lebende Angehörige seiner Familie, der Arzt Jean L’Estocq (1647–1732), mit dem auch die Stammreihe beginnt, verließ wie viele seiner Glaubensgenossen Frankreich, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Dabei verschlug es ihn nach Hannover, wo er zum Kurfürstlich Braunschweig-Lüneburgischen Generalchirurgen avancierte. Seine Nachkommen hingegen machten dann zumeist in preußischen Diensten Karriere. So auch Ludwig August von L’Estocq (1688–1747). Dieser brachte es bis zum Oberstlieutenant und starb dann kurz darauf. Damit wurde sein Sohn Anton Wilhelm, der am 16. August 1738 in Celle das Licht der Welt erblickt hatte, zur Waise, denn L’Estocqs Ehefrau Ilse Sophie (1700–1738) war ebenfalls bereits verschieden. Die Erziehung des Knaben übernahm deshalb ein Verwandter in Königsberg, der als Kriegsrat und Kanzler der dortigen Akademie fungierte – aber zugleich mit den Russen kollaborierte, die 1757 in Ostpreußen einrück­ten. Aus diesem Grunde drängte er sein Mündel dann auch, auf die Seite von Zarin Elisabeth I. (1709–1762) zu wechseln. Daraufhin flüchtete der patriotisch gesinnte Anton Wilhelm nach Olmütz, wo er dem preußischen Kürassier-Regiment Gens d’armes beitrat und in dessen Verband an diversen Schlachten des Siebenjährigen Krieges teilnahm. Hierbei zeichnete er sich derart aus, dass er bald zum Secondelieutenant befördert wurde und darüber hinaus 1761 den Pour le Mérite verliehen bekam.

Nach Friedensschluss wechselte L’Estocq in das Husaren-Regiment des legendären Kavallerie-Generals Hans-Joachim von Zieten (1699–1786) und wurde dessen Adjutant. Danach ging es die Karriereleiter weiter beständig hinauf. Vorläufiger Höhepunkt war dabei 1790 die Ernennung zum Kommandeur des II. Bataillons des ehemaligen Zietenschen Regiments, das seit 1786 den Namen seines neuen Chefs, des General-Lieutenants Carl Adolf August Freiherr von Eben und Brunnen (1734–1800), trug. In selbiger Eigenschaft focht L’Estocq im Ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich (1792–1797) und erwarb sich dabei weitere große Verdienste, darunter in den Kämpfen bei Kaiserslautern, Kirchheim-Bolanden, Morsbrunn und Trippstadt. Deshalb betraute König Friedrich Wilhelm II. (1744–1797) den Kavallerie-Offizier im März 1794 mit der Führung des Husaren-Regimentes von Göcking; dem vorausgegangen war die Beförderung zum Obersten.

An der Spitze dieser Einheit sorgte L’Estocq nach dem preußisch-französischen Separatfrieden von Basel vom April/Mai 1795 für die Sicherung der Demarkationslinie gegen Frankreich in Westfalen. Dabei soll er ein bemerkenswertes diplomatisches Geschick an den Tag gelegt haben. Knapp zwei Jahre später, am 2. Februar 1797, stellte ihn der König dann an die Spitze des Husaren-Regiments des verstorbenen Georg Oswald Freiherr von Czettritz (1728–1796). Dem folgten die Beförderung zum Generalmajor (1798) und der Auftrag, die unruhige Grafschaft Mark von dem dort marodierenden „Raubgesindel“ zu säubern (1801). Ein weiteres delikates Unternehmen war die Besetzung des Fürstbistums Paderborn am 1. August 1802. Diese erfolgte in Umsetzung der Beschlüsse des Friedens von Luneville von 1801 und des Pariser Vertrages vom Mai des gleichen Jahres: Die deutschen Fürsten, die durch die Abtretung ihrer linksrheinischer Gebiete an Frankreich territoriale Verluste erlitten hatten, sollten vom Reich entschädigt werden – und zwar durch die Auflösung beziehungsweise Säkularisation der geistlichen Fürstentümer, wobei Paderborn an Preußen fiel.

Im Frühjahr 1803 wiederum verschlug es L’Estocq dann nach Neuostpreußen, also jene Provinz des Königreichs, die 1795 infolge der sogenannten Dritten Teilung Polens geschaffen worden war und den Raum zwischen Ostpreußen und den Flüssen Memel und Bug umfasste. Hier übernahm er den Posten des Kommandierenden Generals und Chefs des Husaren-Regiments Nr. 9, der infolge des plötzlichen Todes von Johann Heinrich Freiherr von Günther (1736–1803) neu besetzt werden musste.

Nach Ausbruch des Vierten Koalitionskrieges zwischen Frankreich und dessen Verbündeten auf der einen Seite sowie Preußen und Russland auf der anderen Seite erhielt der nunmehrige General-Lieutenant L’Estocq das Kommando über die Avantgarde der im Osten Preußens stehenden Truppen. Dabei bekam er im Januar 1807 den Befehl, mit seinem kleinen Kontingent von rund 9000 Mann zur russischen Hauptmacht unter Levin August Theophil von Bennigsen (1745–1826) zu stoßen. Und tatsächlich gelang es dem Husaren-General am 8. Februar 1807 unter Aufbietung aller Kräfte, gerade noch rechtzeitig auf dem Schlachtfeld von Preußisch-Eylau einzutreffen, wo Bennigsens linke Flanke kurz vor dem Zusammenbruch stand. Eine Stunde später hatten die Preußen diese dann auch bereits wieder stabilisiert, so dass das zunächst höchst fatal verlaufene Gefecht gegen Napoleon zumindest mit einem Patt endete. Für diese Leistung erhielt L’Estocq die höchste preußische Auszeichnung überhaupt, den Orden vom Schwarzen Adler.

Nichtsdestotrotz ging der Krieg für Preußen verloren. Die Niederlage brachte den Staat an den Rand des Untergangs und kostete dem Königreich die Hälfte seines Territoriums. Deshalb begann schon bald nach dem Frieden von Tilsit vom Juli 1807 die Suche nach den Ursachen des Debakels. Den größten Beitrag hierzu leistete dabei die von König Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) eingesetzte „Immediatkommission zur Untersuchung der Kapitulationen und sonstigen Ereignisse des letzten Krieges“, der auch L’Estocq angehörte. Darüber hinaus ernannte der Monarch den bewährten Offizier am 12. November 1808 zum Gouverneur von Berlin, das heißt zum Obersten Befehlshaber in der Residenz- und Hauptstadt des preußischen Staates. Dem folgten 1812 die Beförderung zum General der Kavallerie sowie dann 1814 die Einsetzung als Gouverneur von Breslau.

Allerdings nahm der 75-Jährige bald darauf, nämlich am 13. August 1814, seinen Abschied. Ihm wurde eine jährliche Pension von 6000 Talern gewährt. Diese vermochte Anton Wilhelm von L’Estocq jedoch kaum mehr zu genießen, da er bereits am 8. Januar des Folgejahres an einer Lungenentzündung verstarb. W.K.


S. 11 Geschichte

Eine Art deutscher »Lawrence von Arabien«
Ausstellung im Preußen-Museum in Wesel zu Hauptmann Fritz Klein und dessen Orient-Mission vor 100 Jahren

Dem 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs haben verschiedene deutsche Museen Sonderausstellungen gewidmet, darunter gelungene (Jüdisches Museum in Berlin) und mitunter sehr seltsame (Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden). Den Vogel hat wieder einmal das nordrhein-westfälische Preußen-Museum in Wesel unter seinem rührigen Direktor Veit Veltzke mit der Ausstellung „Playing Lawrence on the other side“ abgeschossen.

Veit Veltzkes Sonderausstellungen über Napoleon von 2007 und über Major Ferdinand von Schill im Jahr 2009, die dem Preußen-Museum seinerzeit traumhafte Besucherzahlen bescherten, sind noch in bester Erinnerung. Nunmehr hat er das deutsch-türkische Verhältnis zu Beginn des 20. Jahrhunderts mittels einer Ausstellung beleuchtet. Er hat dieses anhand der bislang allenfalls Eingeweihten bekannten militärischen und politischen Aktivitäten des Hauptmanns Fritz Klein und dessen abenteuerlicher Orient-Mission von 1914 bis 1916 getan.

Der 1877 geborene Fritz Klein stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie im Siegerland, schlug die Laufbahn eines preußischen Offiziers ein und war bereits in den Jahren vor 1914 in militärdiplomatischen Missionen in Südamerika, Ägypten und Persien tätig. Bei Kriegsbeginn wurde Hauptmann Klein an der Westfront eingesetzt. Er ließ sich jedoch über die für Diversionsaktivitäten zuständige Abteilung des Generalstabs Ende 1914 in die Türkei versetzen, um dort entsprechend seinen erworbenen Landes- und Sprachkenntnissen die örtliche islamische Bevölkerung und speziell einige arabische Stämme zum Kampf gegen Engländer und Russen aufzuwiegeln. Er nahm dazu auch auf eigene Initiative Verbindung zu russland- und englandfeindlichen schiitischen Kreisen in Persien auf. Daneben organisierte Klein Diversionsgruppen, die mit beträchtlichem Erfolg englische Erdölleitungen im Mittleren Osten sprengten. Wirksam unterstützt wurde der eigenwillige, doch durchaus energische und charismatische Offizier durch seinen Adjutanten, einen jungen Leutnant namens Edgar Stern, der ein romantischer Bewunderer des Orients war. Jener aus einer jüdischen Familie stammende Leutnant Stern sollte bereits wenige Jahre darauf zu einem bedeutenden deutschen Journalisten avancieren, der dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann als Berater nahestand. Hauptmann Klein wurde dagegen nach einigen Erfolgen ab 1916 wieder als Offizier an der Westfront eingesetzt. Dazu trug gewiss seine kritische und eigenständige Haltung zu den Problemen und Folgen des Kriegs im Mittleren Osten bei. Für Klein war nämlich der vom türkischen Sultan ausgerufene „Heilige Krieg“ eher ein ganz unheiliger Krieg, in dem es viel um wirtschaftliche Interessen, doch sehr viel weniger um die Interessen der dort lebenden Völker ging.

Auf rund 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche wird die Tätigkeit der Expedition Klein in die Orientpolitik des deutschen Kaiserreichs und die Geschichte der deutsch-osmanischen Beziehungen eingebettet. Eine Reihe privater Leihgeber, aber auch das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, das Karl-May-Museum in Radebeul, ja sogar das Schuhmuseum in Weißenfels haben zur Ausstellung aussagekräftige Dokumente und sehenswerte Exponate beigesteuert. Aus dem Museum „Huis Doorn“ stammt der orientalisierte Morgenrock Kaiser Wilhelms II. wie auch der Geschenksäbel des türkischen Sultans Abdul Hamid II. für den deutschen Kaiser. Ein in Isfahan um 1900 aus Wolle geknüpfter, prunkvoller Perserteppich mit einem Ganzfigurenporträt des deutschen Kaisers in Marineuniform belegt, welche Hoffnungen man im Orient auf Wilhelm II. setzte, der sich seit seiner Orientreise von 1898 als Beschützer aller Muslime verstand. Ein orientalisches Teetischchen aus dem Karl-May-Museum Radebeul zeigt, aus welcher Quelle viele Deutsche damals ihre Kenntnisse über den Orient bezogen, nämlich aus den einschlägigen Büchern von Karl May. Es ist belegt, dass die Begeisterung für dessen Werke so weit ging, dass seinerzeit Gymnasiasten freiwillig und begeistert Türkisch lernten und später im Ersten Weltkrieg als junge Offiziere und Berater bei der türkischen Armee Verwendung fanden. Die „Jibbah“ (nachthemdähnliches Oberbekleidungsstück) eines Mahdi-Kommandeurs von 1883 aus dem Sudan belegt, dass bereits vor mehr als 130 Jahren islamische Fundamentalisten sehr gewalttätig für einen „Gottesstaat“ nach ihrem Gusto kämpften. Ein den Besucher berührendes Ausstellungsstück ist der um 1963 bei Jericho aufgefundene türkische Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg. Jenem Helm nach deutschem Muster fehlt der ausladende Vorderschirm, um dadurch dem muslimischen Träger beim Beten das Berühren der Erde mit der Stirn zu ermöglichen. Nachdenklich stimmt den Besucher gleichfalls die Filmrepräsentation „Was blieb von 1001 Nacht?“, die man in einem nachempfundenen Militärzelt zu sehen bekommt. Am Ende der Besichtigungstour möchte man den fleißigen Ausstellungsmachern um Veltzke viele gute Ideen zu künftigen Sonderausstellungen im Preußenmuseum Wesel wünschen. Jürgen W. Schmidt

Die Ausstellung „Playing Lawrence on the other side. Die Expedition Klein und das deutsch-osmanische Bündnis im Ersten Weltkrieg“ ist noch bis zum 25. Januar im Preußen-Museum Wesel, An der Zitadelle 14-20, 46483 Wesel, Telefon (0281) 33996-0, Fax (0281) 33996-330, E-Mail: info@preussenmuseum.de, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintrittspreis beträgt 6,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Ausstellungsband, herausgeben vom Museumsdirektor Dr. Veit Veltzke, im Nicolai-Verlag Berlin erschienen.


Der Terrorismus ist museumsreif
Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt die Ausstellung »RAF – Terroristische Gewalt«

Auf einmal ist alles wieder da. Die Studentenunruhen der späten 60er, Proteste, Wasserwerfer, die in die Menge sprühen. Alles, was im Nebelgrau der bundesdeutschen Geschichte verblasste, wird schlagartig in der Ausstellung wieder präsent. Blutrot hängt das Plakat im Treppenhaus des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Dort präsentiert das Haus der Geschichte Baden-Württemberg noch bis zum März die Ausstellung „RAF – Terroristische Gewalt“.

In weißen Lettern auf rotem Grund stechen einem die Begriffe „RAF“ und „Gewalt“ ins Auge. Dahinter fliegen Bombensplitter herum, scheinbar direkt auf den Besucher zu. Schon hier wird signalisiert, worum es damals ging und hier gehen wird: Gewalt, und wie Menschen dazu kamen, sich in derartige Abgründe zu begeben. Der besondere Bezug zu Baden-Württemberg ergibt sich nicht nur durch die vielen Opfer und führenden Rote-Armee-Fraktion-Mitglieder von dort, sondern vor allem durch die Justizvollzugsanstalt im Stuttgarter Stadtteil Stammheim. Dort waren die Gründer der RAF inhaftiert, dort begingen sie Selbstmord.

„Wer die Entstehung der RAF verstehen will“, müsse allerdings nach Berlin gucken, sagt Paula Lutum-Lenger, Projektleiterin der Ausstellung aus dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg. So wurde die baden-württembergische Präsentation um einen „Berliner Prolog“ erweitert. Und der hat es in sich. „Eigentlich wollten wir die Ausstellung mit einem Schuss beginnen“, sagt Sabrina Müller, Kuratorin der Ausstellung. Es geht um eine Tonbandaufnahme des Schusses, der vom Polizeibeamten Karl Heinz Kurras am 2. Juni 1967 bei der Anti-Schah-Demonstration auf den Studenten Benno Ohnesorg abgegeben wurde. Doch ist die von einem Tontechniker aus Stuttgart gemachte Aufnahme ist auch nach umfangreicher Recherche nicht mehr auffindbar. So schaut man auf stumme filmische Zeitdokumente, wird dennoch in den Bann gezogen. Sie zeigen eine andere Republik. Straßenkämpfe, Terror und Machtlosigkeit vor dem Geschehen.

Es ist eine inszenierte Ausstellung mit starken Bildern. Bedrückend die Enge des rotgewandeten Korridors als erstem Schauraum. In die Wände sind zahllose Gegenstände aus der Zeit der Studentenunruhen eingelassen. Das Konterfei des Schahs auf einer Papiertüte starrt die Besucher an. Gesehen hat man sie schon in Berichten der damaligen Zeit, als sogenannte Jubelperser auf protestierende Studenten einprügelten. Sticker mit „Ami Go Home“-Beschriftungen hängen neben einem bekritzelten Blatt Papier. Schon vergilbt mit Lageplanzeichnung, ruft es am 4. November 1968 zur Schlacht am Tegeler Weg in Berlin-Charlottenburg auf. Filme zeigen Szenen der Rebellion. Polizisten mit Tschakos, der Kopfbedeckung, die ab der Weimarer Zeit von Gesetzeshütern getragen wurde, und Demonstranten, die sich mit gelben Bauhelmen schützen, krachen aufeinander. Man soll die Gewalt und das Unheil spüren, das da in Form eines bis dato nie gekannten Terrors auf den Staat zurollte. Der Fall Benno Ohnesorgs und das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke 1968, dokumentiert durch Fotos, förderten die zunehmende Gewaltbereitschaft und die Entstehung der RAF. Mehrere Mitglieder der im Mai 1970 gegründeten Gruppe waren Zeitzeugen der wachsenden Spannungen der Frontstadt des Kalten Krieges, sahen mehr und mehr die Gewalt als legitimes Mittel im politischen Kampf gegen die Politik der Bundesregierung und den brutalen Krieg in Vietnam.

Die wachsende Radikalisierung wird spürbar im Nachbarraum. Ein Bombenkrater in der Wand, man kennt ihn schon vom Plakat, versprengt hier mannsgroße Teile in den Saal. Die als Splitter getarnten Elemente sind Vitrinen. Sie enthalten Schriftstücke, Flugblätter, Briefe, Zeitungsausschnitte. Hier heißt es lesen. Was auf den ersten Blick etwas langatmig wirkt, wenn man sich durch viele Blätter vergilbten Papieres kämpfen muss, zeigt seine Wirkung im Detail. Ein Schul­aufsatz von 1973, geschrieben vom 17-jährigen Johannes Thimme, dem späteren Unterstützer der RAF. In fast noch kindlicher Schrift vergleicht er die Figur des Michael Kohlhaas mit Andreas Baader und rechtfertigt die Kaufhausbrandstiftungen. Er selber tummelt sich schon bald im Umfeld der Terrororganisation. Eine von ihm 1985 in Stuttgart platzierte Bombe zündet unerwartet und reißt ihn in den Tod. Eine Zielsetzung der Kuratoren ist es zu zeigen, wie Menschen aus bürgerlichen Verhältnissen zu brutalen Mördern mutieren konnten. Ihre Biographien werden neben der chronologischen Entwick­lung der terroristischen Vereinigung vom Gründungsakt bis zur immer noch weltfremden spektakulären Auflösungserklärung 1998 aufgezeigt. Der Weg der Gewalt wird belegt durch Dokumente menschenverachtender Abscheulichkeiten, die dem Lesenden Schauer über den Rücken jagen. In der RAF-Schrift „Dem Volke dienen“ von 1972 findet sich ein Gedicht aus der Mao-Bibel. Darin heißt es „Der Tod ist jedem beschieden, aber nicht jeder Tod hat die gleiche Bedeutung.“ Dieses Menschenbild findet seinesgleichen in jeder Art von Faschismus. Nicht zuletzt in der NS-Ideologie. „Man muss solche Botschaften kennen, um Taten zu verstehen“, lässt Lutum-Lenger wissen.

Auch die Opfer der RAF bekommen endlich Raum, unter anderem werden Kondolenzbriefe an Familie Schleyer ausgestellt, die diese nach der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyers im Jahre 1977 erhielt. Weitere Objekte der Schau sind zwar beeindruckend, wie die Beretta, die bei der Befreiung Andreas Baaders 1970 in Berlin benutzt wurde, oder das Motorrad, das bei der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback 1977 eine Rolle spielte. Jedoch treten sie in den Hintergrund. Die mürben Papierdokumente werden laut, wenn man sie zu lesen beginnt. Zeugen von einer Zeit der größten Herausforderung für die Bundesrepublik. Silvia Friedrich

Nähere Informationen erteilt das Deutsche Historische Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Telefon (030) 203040, E-Mail: info@dhm.de


S. 12 Leserforum

Leserforum

Getrickse um die Mütterrente

Zu: Mütterrente auch für Väter (Nr. 40)

Vor der Bundestagswahl 2013 tönte es laut von den Wahlplakaten unter anderem mit Aussagen wie diesen: Wenn wir die Wahl gewinnen, setzen wir uns für den Mindestlohn und die Mütterrente ein. Alle Mütter, die vor 1992 Kinder geboren haben, sollten sie erhalten. Die Wahl war gewonnen und schon ging das Getrickse los, wie man so billig wie möglich mit der Bezahlung dieser Rente davonkommen könnte.

Wenn die Mütter glauben, sie bekommen diese Rente, die Ihnen laut Wahl versprochen war, so sind sie total auf dem Holzweg. Ich habe zwei Kinder, die 1962 und 1963 geboren wurden. Mein Pech war, dass unser 1963 in Deutschland geborener Sohn noch kein Jahr alt war, als wir für 20 Monate nach Schweden gezogen waren. Schweden ist EU-Mitgliedstaat, aber Ausland, also gibt es für dieses Kind keine Mütterrente.

Um die Auszahlung der Mütterrente möglichst kleinzuhalten, gibt es noch viel mehr Spitzfindigkeiten in dem Gesetz. Irgendwoher müssen ja die klammheimlichen Diätenerhöhungen herkommen. Viele Grüße an die SPD und CDU/CSU.

Anke Brandt, Illertissen-Tiefenbach

 

 

Auf dem Weg zum Gute-Nacht-Land

Zu: Im Gender-Wahn gefangen (Nr. 47)

In was für einem Staat, in was für einer Zeit leben wir nur? Da tötet eine gemäß Hippokratischem Eid zum Lebenserhalt verpflichtete Fachärzteschaft jedes Jahr um die hunderttausend ungeborene Kinder. Trotz ungünstigster, oft erwähnter demografischer Prognosen für uns, wird dieses tödliche Treiben auch noch vom Staat beziehungsweise uns Steuerzahlern finanziert. Man wird an die Tötungsverbrechen eines Unrechtsstaates vor etwa 70 Jahren an behinderten Kindern erinnert.

Da schwärmen Scharen von Sexualexperten aus, um an Kindergärten und Schulen eine Jugend mit „Gender“-Neuigkeiten zu verunsichern. Sind das nicht alles Offizialdelikte, wo der Staatsanwalt tätig werden müsste?

Der „böse“ Putin lässt anders Orientierte gewähren, duldet aber keine Werbung für Sodom und Gomorrha. Beim Stichwort „Sodom und Gomorrha“ müssten bei den Kirchen die Alarmglocken schrillen. Was tut sich da? Statt Satanisches wahrzunehmen, pflegt sie Kumpanei mit dem Zeitgeist. Wie lange wird es dauern, bis das Abendland zum Gute-Nacht-Land mutiert?

Dieter Richter, Kassel

 

 

Herzlicher Dank

Zu: „Kritik an Stiftungsdirektor unbegründet“ (Nr. 48)

Als Mitglied einer nahezu vollständig aus den deutschen Ostprovinzen vertriebenen Familie, von der viele Angehörige dabei umgekommen sind, bin ich allen − besonders der Ex-BdV-Vorsitzenden Erika Steinbach und dem 2005 verstorbenen SPD-Politikers Peter Glotz − von Herzen dankbar, die sich für das Entstehen des Zentrumsstiftung gegen Vertreibungen eingesetzt haben.

15 Millionen deutsche Vertriebene und ein Drittel Verlust deutschen Territoriums müssen genauer als eine Fußnote im europäischen Geschichtsbewusstsein festgehalten werden, wenn wir es mit der Versöhnung ehrlich meinen und dazu beitragen wollen, dass sich derartige Verbrechen nie wiederholen.

Gudula Behm, St. Louis/USA

 

 

CDU-Boot droht zu kentern

Zu: Linke Falle (Nr. 50)

Die etablierten Parteien wie SPD, CDU, Grüne und die Linke schreiten Seit’ an Seit’, wenn es um die Verteidigung ihrer Futtertröge im Deutschen Bundestag geht. Vor geraumer Zeit sorgte noch ein Peer Steinbrück für Lacher bei seinen Kavallerieattacken, und ein Brüderle erfreute sich an gut ausgefüllten Dirndls. Heute gehen die Einheitsbreiparteien nur noch knallhart gegen AfD und Pegida vor, welche allein noch Freiheit und Demokratie in Deutschland verteidigen.

Nichts ist schlimmer, als wenn das bürgerliche Lager durch demokratiefeindliche, auf Klassenkampf ausgerichtete sozialistische und zunehmend islamistische Propaganda gespalten wird. Otto Normalo und Lieschen Müller wollen Einigkeit und Recht und Freiheit. Was ist daran verwerflich? Wenn die CDU sich nicht auf ihre christlichen Werte zurückbesinnt, wird sie scheitern gegen die Ramelows, Claudia Roths und sonstigen Genossen.

Wo bleibt denn nun der CSU-Tiger aus Bayern? Horst Seehofer ist zahnlos geworden an der Maut. Nicht einmal ein Brüller ist vernehmbar. Selbst Merkel ist bei der ganzen Sache unwohl geworden. Vielleicht sollte sie sich doch Bernd Lucke als Steuermann in ihr Boot holen, bevor dieses endgültig kentert und von Rot-Grün feierlich zu Grabe getragen wird.

Hans-Joachim Nehring, Neubrandenburg

 

 

»Nur noch Multikultur ist angesagt«

Zu: Erstarrte Fronten (Nr. 47)

Der Bericht liest sich wie ein Aprilscherz. Kanzlerin Angela Merkel ist für mich eine willige Vollstreckerin US-amerikanischer Politik. Man gewinnt den Eindruck, Präsident Obama ist der Mentor von Merkel. Man kann es auch anders deuten: Die Kanzlerin ist regelrecht besessen, alles in die Tat umzusetzen, was von Oba­ma befohlen wird. Die Sanktionen sind das beste Beispiel dafür.

Während die USA ihre Geschäfte mit Russland weiter ausbauen und sich über die Deutschen kaputtlachen, gehen uns Milliarden von Exporterlösen verloren. Was das aus deutscher Sicht mit Wirtschaftspolitik zu tun hat, ist für viele ein Rätsel und unbegreiflich. Man schadet Deutschland und hilft damit den Vereinigten Staaten. Das ist für mich blinder Kadavergehorsam gegenüber den Vereinigten Staaten.

Ich möchte einige Fakten zur Freundschaft mit den USA darlegen. Wahr ist: Die Westmächte wollten nie einen Friedensvertrag mit Deutschland. Wäre es nach der ehemaligen Sowjetunion gegangen, hätte Deutschland schon längst einen Friedensvertrag. Das dies nicht Realität wurde, haben die Deutschen ihren falschen Freunden in London, Paris und vor allem den USA zu verdanken. Die damalige Sowjetunion ließ trotz der Gründung der beiden Pseudostaaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik nicht locker, und forderte noch drei Jahre nach Gründung der beiden Gebilde den Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland.

Schon 1955 wurde die Bundesrepublik in das westliche Militärbündnis Nato eingegliedert. Dieses wurde nach den Worten von Lord Ismay aus folgenden Gründen geschaffen: „To keep the Americans in, the Germans down, and the Russians out“. Auf Deutsch, die Amerikaner drin, die Deutschen am Boden und die Russen draußen zu halten. Ein freies, selbstbestimmendes Deutschland lag niemals im Interesse Londons und Washingtons, weshalb die Wünsche Moskaus stets ohne Gehör zu finden bis heute im Sand verlaufen sind.

Selbst jetzt, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, steht Deutschland unter westalliierter Besatzung. Getarnt unter dem Deckmantel der Nato befinden sich westalliierte Truppenverbände auf deutschem Territorium und nutzen dieses für ihre völkerrechtswidrigen Angriffe auf andere Staaten. Noch heute, nachdem Russland als Rechtsnachfolger der UdSSR auf alle Besatzungsrechte verzichtet hat, um den Deutschen in der ehemaligen SBZ ihre Souveränität zu schenken, weigern sich die Ang­loamerikaner standhaft gegen die Aufgabe ihrer Besatzungsgewalt. Wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt, die Angloamerikaner in Zugzwang zu bringen, dann aber nur damit, dass Deutschland und Russland einen Friedensvertrag unterzeichnen.

Doch solange die Parteien der sogenannten Transatlantiker – CDU/CSU, SPD und Grüne – noch in der Politik mitzureden haben, wird die deutsche Bundesregierung weder einen Finger rühren noch einen Gedanken in diese Richtung verschwenden. Im Ergebnis eines Friedensvertrages mit Russland könnte Deutschland die Nato verlassen und die Neutralität ausrufen. Der Großteil des deutschen Sprachgebietes – Deutschland, Österreich und die Schweiz – wären dann das neutrale Herz in Europa.

70 Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkrieges haben wir zwar einen Waffenstillstand, befinden uns eigentlich aber noch im Kriegszustand. Angehende Freunde und Verbündete wie die USA, England und Frankreich müssten doch ihre Freundschaft damit untermauern, mit Deutschland einen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Aber Deutschland wird gebraucht als Pufferzone gegen den Osten und als Militärbasis. Die Regierungen in den USA und Deutschland steuern die Medien, und deren Meinungsbildung wird der Bevölkerung als einzige Wahrheit verkauft.

Derzeit beherrscht die Finanz­welt alles, mit dem Ziel, eine Weltregierung zu installieren. Der schwedische Träger des Alternativen Nobelpreises, Johan Galtung, äußerte sich auf einer Kundgebung in Tübingen: „Der Herr Deutschlands sitzt seit 1945 in Washington und der Heilige Geist ist die Nato.“ In der geplanten neuen Weltordnung soll es keinen Platz für europäische Kulturvölker in ihrer bisherigen Form mehr geben, nur noch Multikultur ist angesagt.

Wolfgang Rohde, Sigmaringen


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Bürger klagen über schlechte Ärzte
Trotz Gesundheitsreform fühlen sich Patienten im Königsberger Gebiet schlecht versorgt

Fehlende Medikamente, Schwierigkeiten bei der Terminvergabe, übermäßig lange Wartezeiten und unfreundliche Ärzte – die Beschwerdeliste der Menschen im nördlichen Ostpreußen über die medizinische Versorgung ist lang. Gouverneur Nikolaj Zukanow hat Reformen angekündigt, die jedoch im Alltag noch nicht umgesetzt wurden.

Der staatliche medizinische Dienst kämpft gegen sein schlechtes Ansehen. Zum „Tag der Diabetes“  zeigte er auf dem Königsberger Hansaplatz Präsenz. In zwei Bussen hatten die Bürger Gelegenheit, den Blutdruck und die Lungenfunktion messen zu lassen. Die Patienten mussten lediglich ihren Pass und ihre Versicherungskarte vorzeigen. Daneben konnten sie eine kostenlose Blutzuckeranalyse durchführen lassen. Für viele Bewohner war dieser Service eine echte Überraschung, da die medizinische Prophylaxe seit Langem Luxus ist. Eine kürzlich durchgeführte repräsentative Umfrage des Levada-Zentrums hat ergeben, dass fast 70 Prozent der Russen keine Verbesserung im Gesundheitssystem wahrgenommen haben. Und das trotz des staatlichen Modernisierungsprogramms für das Gesundheitswesen, in das in den vergangenen Jahren viel Geld geflossen ist.

In Königsberg stehen vor allem das städtische Krankenhaus und deren medizinische Leiterin Tatjana Serych in der Kritik. 6112 Patienten haben eine Sammelbeschwerde unterschrieben, die sie Gouverneur Nikolaj Zukanow überreichten. Darin forderten sie die Entlassung der Klinikchefin, gegen die bereits früher Beschwerden eingegangen waren. Die Leiter medizinischer Unternehmen im Königsberger Gebiet haben dazu ihre eigene Meinung. Die Ärztin setzte sich zur Wehr, indem sie den Patienten die Schuld für deren Unzufriedenheit zuwies, weil sie sich nicht an die Empfehlungen ihrer behandelnden Ärzte hielten und sich anschließend über deren schlechte Arbeit beschwerten.

Die Beschwerdeführer bezeichneten die städtische Poliklinik als „Tollhaus“. Selbst um eine gewöhnliche Untersuchung bei einem der Therapeuten zu bekommen, müssen sich die Patienten in eine lange Registraturliste eintragen. Zwar sei es auch möglich, sich auf elektronischem Wege anzumelden, da entsprechende Terminals in jeder medizinischen Einrichtung der Stadt zu finden seien. Doch auch davor bildeten sich endlose Schlangen, da die Eingabe der erforderlichen Daten (Passnummer, Versicherungsnummer und andere persönliche Angaben) eine zeitraubende Prozedur sei. Darüber hinaus werde von Zeit zu Zeit das Programm erneuert, so dass sowohl die Patienten als auch das Klinikpersonal mit der neuen Benutzeroberfläche nicht zurechtkämen.

Aufgrund der massiven Beschwerden wollte Gouverneur Zukanow sich selbst ein Bild von der Qualität des Services machen und begab sich an den Ort des Geschehens. Genauso wie alle übrigen Patienten der Poliklinik reihte er sich in die Schlange ein und musste feststellen, dass er genau so lange für die umständliche Registrierung brauchte wie alle anderen. Es ist keine Seltenheit, dass Patienten bis zu zwei Stunden benötigen, allein um sich anzumelden, und danach noch ein paar weitere, Stunden, bis sie zum Arzt vorgelassen werden. Der Gouverneur beschrieb den Eindruck, den er beim Besuch der städtischen Poliklinik Nr. 2, die sich im Zentrum nahe dem Hotel „Kaliningrad“ befindet, gewonnen hatte, mit deutlichen Worten: „Wir kamen früh an, es gab keine Medikamente, eine Menge uneingelöster Rezepte, und deswegen entstand eine große Unruhe unter den Patienten. Darüber hinaus gab es eine Schlange bei der Registratur, einige Schalter waren nicht besetzt, es gab keinen Telefondienst und keine Möglichkeit, sich übers Internet anzumelden.“

Nach der vom Gouverneur höchstpersönlich durchgeführten Probe sowie einer Überprüfung durch das regionale Gesundheitsministerium konnte das Problem nun teilweise gelöst werden. Im vergangenen Jahr musste Zukanow sich bereits bei den Bürgern für die Unterbrechung der Versorgung mit Medikamenten, vor allem Insulin für Diabetiker, entschuldigen. Im Gebiet war damals ein staatliches Pharmaunternehmen gegründet worden, das mit der Verteilung der Arzneimittel beauftragt worden war. Die Regelung sah vor, dass jeder Patient sein Rezept von seinem behandelnden Arzt dort einlösen können sollte. Doch in der Praxis funktionierte dieser Prozess nicht.

Vor Kurzem wurde der stellvertretende Gesundheitsminister Alexander Rudoj auf eigenen Wunsch entlassen. In den vergangenen zwei Jahren hatte Gouverneur Zukanow bereits zwei Gesundheitsminister ihres Postens enthoben. Wladislaw Golikow, der vom vorherigen Gouverneur Georgij Boos zum Minister ernannt worden war, hatte Zukanow entlassen, weil er den Anforderungen seines Amtes nicht gewachsen sei, der im November 2010 ernannte Alexander Wygowskij wurde nach einer Reihe von Skandalen im April 2012 entlassen. Wladimir Wolf, der im Juli 2012 Gesundheitsminister wurde, droht nun der Rauswurf.

Alexej Silanow, Vize-Premier der Gebietsregierung, sieht allerdings keine Krise bei der medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Der Politiker wies auf die Veränderungen im Gesundheitssystem hin, die mit der Renovierung medizinischer Einrichtungen und der Einführung neuer medizinischer Geräte in Zusammenhang stehe. Die Patientenbeschwerden führte Sila-now auf die schlechte Arbeit der Chefärzte zurück. Inzwischen gaben die Chefärzte der medizinischen Einrichtungen zu, dass sie sich materiell nicht beschweren könnten. Allerdings sei die Bezahlung auch nach der Gesundheitsreform schlecht. Der Bürger hat das Nachsehen. Er zahlt seinen monatlichen Beitrag zur staatlichen Krankenversicherung und zusätzlich, wenn er sich an private Kliniken wendet, um die langen Schlangen in den staatlichen Einrichtungen zu umgehen. Jurij Tschernyschew


Kulturerbe droht Abriss
Ehemaliges königliches Waisenhaus soll einer Straße weichen

Die Fußballweltmeisterschaft in der Russischen Föderation könnte eines der ältesten noch erhaltenen deutschen Gebäude Königsbergs zerstören. Es handelt sich um das im Auftrag von Friedrich I. im Jahre 1703 (nach einigen Angaben 1705) nach Plänen von Joachim Ludwig Schultheiß von Unfried gebaute doppelstöckige Haus im Barockstil, in dem das königliche Waisenhaus untergebracht war. Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Gebäude fast unverändert erhalten geblieben. In den Jahren 1944/45 wurde es beschädigt und erst 1960 repariert, wobei die Fassade sehr vereinfacht wurde. Obwohl die Außenabmessungen und die Fensteröffnungen erhalten sind, gingen der Turm und die originale Innenaufteilung verloren. Nach der Restaurierung waren dort eine Apotheke und andere Dienstleistungsstellen untergebracht. 2007 erhielt das Gebäude den Status eines Objekts des kulturellen Erbes. Doch nun soll das Gebäude einer Verbindungsstraße weichen, die das auf dem Kneiphof geplante Stadion mit der Altstädtischen Langgasse verbinden soll.

Diese Straße könnte zwischen Sackheimer Tor und dem ehemaligen Waisenhaus verlaufen. Die neue Verbindung soll über eine Brücke führen, die noch gebaut werden muss. Sie wird den  Litauer Wall mit der Wiesenwallstraße verbinden. Sie soll eine Bogenkonstruktion erhalten und bis zum Jahr 2017 fertiggestellt sein.

Engagierte Bürger, die sich für den Erhalt alter Bausubstanz einsetzen, kritisieren, dass für eine Fußballweltmeisterschaft, die nur wenige Wochen dauert, Veränderungen im Stadtbild vorgenommen werden sollen, die anschließend nicht rückgängig zu machen sind. In einem anderen Fall hatten Bürgerproteste den Abriss eines Gebäudes in der Nähe des Sackheimer Tors verhindern können. Ob eine Beschwerde beim Gouverneur diesmal dazu führt, ein erhaltenes deutsches Gebäude zu retten, muss sich zeigen. J.T.


Hohe Wertschätzung
Tilsiter wollen Denkmal-Wiedererrichtung

Der in Tilsit geborene Dichter und Schriftsteller Max von Schenkendorf genießt unter den russischen Bewohnern der Stadt am Memelstrom eine hohe Wertschätzung. Mit einer Gedenkfeier wurde anlässlich seines 231. Geburtstages Leben und Werk des preußischen Freiheitssängers gewürdigt. Im Mittelpunkt standen seine patriotischen Lieder und Gedichte, mit denen er in den Befreiungskriegen gegen Napoleon eine zentrale Rolle spielte.

Im Beisein der Kulturamtsleiterin Anna Kulijewa und zahlreicher Gäste las die Vertreterin des russischen Schriftstellerverbandes Ludmila Eise aus seinem lyrischen Schaffen.

Museumsdirektorin Angelika Spiljowa präsentierte eine von dem Bildhauer Andrej Schewzow geschaffene verkleinerte Bronzenachbildung der Schenkendorfstatue, die einst das Tilsiter Stadtzentrum zierte. Die Nachbildung löste auch unter den Anwesenden den Wunsch nach Wiedererrichtung des Denkmals aus. Hans Dzieran


MELDUNGEN

Milliarden für Süd-Ostpreußen

Allenstein – Über zwei Milliarden Euro wird das Staatliche Regional-Entwicklungsprogramm für das südliche Ostpreußen in den Jahren 2014 bis 2020 betragen. Das hat die Europäische Kommission beschlossen. Das Programm wurde durch den Verwaltungsvorstand der Ermländisch-Masurischen Wojewodschaft angenommen. Dank der neuen Finanzmittel wird in den Straßenbau, in die Wärmedämmung von Gebäuden und in die Wasserwege investiert. Ein Sechstel des Budgets wird für die Verringerung der Schadstoffemissionen und für die erneuerbaren Energien verwandt. Gleich hohe Mittel sollen für Gemeinschaftsaktivitäten der Bewohner der Region ausgegeben werden. Von den zwei Milliarden Euro, die das südliche Ostpreußen zur Disposition im Rahmen des Regional-Entwicklungsprogrammes erhält, kommen 1,7 Milliarden als Hilfe von der Europäischen Union. PAZ

 

Regierung streicht Stellen

Königsberg/Moskau – Die Regierung des Königsberger Gebietes steht vor erheblichen personellen Einschnitten. Nach einer Anweisung aus Moskau wurde beschlossen, im Zuge einer Strukturreform den Personalbestand der Gebietsregierung um zehn Prozent zu verringern. Bisher selbstständige Behörden sollen den thematisch naheliegenden Ministerien angegliedert und über 100 Mitarbeiter entlassen werden. Die Fusion des Industrie- mit dem Wirtschaftsministerium, die ebenfalls beabsichtigt war, wurde allerdings nach einem Gespräch mit dem Verband ausländischer Investoren gestoppt. TWW

 

Hai schwer verletzt

Königsberg – Im Tiergarten hat sich ein Riffhai schwer verletzt. Das Tier erlitt einen Nervenzusammenbruch, den Besucher durch ständiges Klopfen an die Scheibe verursachten. Der Hai schwamm in Panik gegen das Glas und verletzte sich mehrfach am Kopf. Da die Besucher nicht vom Klopfen ablassen wollten, wurde das Aquarium geschlossen. T.W.W.

 

Störungen des Verkehrs

Straße Nr. 16: Sensburg, Olsztynska Straße, Baustelle; Eckersberg [Okartowo] – Gregersdorf [Grzegorze], Baustelle. Straße Nr. 54: Glinka – Braunsberg [Braniewo], Baustelle; Braunsberg [Braniewo], Baustelle. Straße Nr. 58: Mörken [Mierki] – Gedwangen [Jedwabno], Reparatur der Schutzplanken; Kurken [Kurki], Brückenbau, einspurig. Straße Nr. 59 Rhein [Ryn], Baustelle. Straße Nr. 65: Prostken [Prostki], Baustelle. E.G.


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

das Neue Jahr ist schon dabei, die ersten Schritte zu tun – aber ich stecke noch tief in den alten Stiefeln des vergangenen Jahres, denn zu den Festen kam noch einmal viel Leserpost, auf die ich ja nicht mehr eingehen konnte. Eigentlich eine Altlast – aber das Wort will ich schnell löschen, denn die Zuschriften sind ja eine Bereicherung für mich wie für die ganze „Ostpreußische Familie“, weil sie Ostpreußen lebendig erhalten und wir durch die individuellen Fragen und Wünsche immer neues Wissen über unsere Heimat gewinnen. Das erkennen auch viele Leserinnen und Leser und haben uns das mit Dank und guten Wünschen bestätigt. Für sie alle will ich unseren immer mitteilsamen Landsmann Knut Walter Perkuhn sprechen lassen, weil er in seinem Schreiben nicht nur auf seine langjährige Ahnenforschung hinweist, sondern auch aufzeigt, welche Bedeutung diese über ihren eigentlichen Rahmen hinaus für die Bewahrung ostpreußischer Geschichte, Kultur und Lebensart hat. Herr Perkuhn spricht zuerst von der Oberflächlichkeit und Betriebsamkeit unserer Zeit, wobei alte Bräuche auf der Strecke bleiben. Kaum einer habe noch Zeit für seinen Nächsten. „So ist die Ostpreußische Familie ein Segen und von unschätzbarem Wert für uns. Es wurde so vielen Menschen geholfen, auch mir, so dass ich Ihnen von ganzem Herzen Dank sagen möchte.“ Und einen Beweis, wie solche Verbindungen zustandekommen und was sie bewirken können, legt er uns vor:

„Kürzlich war in der PAZ ein Bericht über das Bildarchiv Ostpreußen, für das ein Förderverein gegründet wurde, dessen Vorstand Professor Dr. Döhler ist. Er fand dort zweimal den Namen Perkuhn und wurde so auf mich aufmerksam. Bei einem Besuch bei mir konnte ich Herrn Prof. Döhler erklären, dass es sich bei diesen beiden Namen um einen Onkel und einen Großonkel von mir handelte. Er machte mir den Vorschlag, doch Gründungsmitglied des Fördervereins zu werden, dem ich gerne zustimmte. Vor einiger Zeit hatte ich bereits Herrn Dr. Schwarz vom Bildarchiv Ostpreußen meine Forschungsunterlagen zur Auswertung überlassen. Er war überrascht, dass ich solch eine umfangreiche Arbeit mit so vielen Fotodokumenten erstellt hatte, so dass er im Konzept des Bildarchivs eine Extranische für mich einrichten konnte. Das Bildarchiv-Ostpreußen hat bisher 60000 Aufnahmen fototechnisch aufgearbeitet und ins Netz gestellt. Es ist für Jedermann im Internet unter www.ostpreusen.de – Startportal – Bildarchiv Ostpreußen zugänglich, meine Nische unter ,Sammlung Knut Walter Perkuhn‘. Mein Beweggrund war, dem Vergessenwerden unserer Heimat Ostpreußen etwas entgegenzusetzen und die Erinnerung wach zu halten. Während meiner nun 17 Jahre dauernden Ahnenforschung musste ich oftmals feststellen, dass viele Nachfahren kaum Wissen über ihre Eltern, Großeltern und Vorfahren haben, teils aus Desinteresse, teils weil sie keine Möglichkeit hatten, einen möglichen Informanten zu befragen.“

In dieser Hinsicht konnten wir als Ostpreußische Familie in letzter Zeit doch eine Entwicklung zum Positiven feststellen, denn immer mehr Angehörige der „Nachfluchtgeneration“ – wie Jörn Pekrul die nicht mehr in den Fluchtgebieten geborenen, aber sich der Heimat ihrer Eltern und Großeltern verbunden fühlenden Nachkommen so treffend bezeichnet – zeigen sich wissbegierig, und die heutige Extra-Familie ist der beste Beweis dafür. Frau Viola Kleppe, Tochter eines ostpreußischen Vaters, berichtet über das Ergebnis ihrer Umfrage nach dem letzten Weihnachtsfest vor der Flucht, und das ist so erfreulich und aufschlussreich – für sie wie für uns –, dass wir uns keinen besseren Beitrag für diese Folge wünschen können. Mit vier sehr auf die Thematik eingehenden Berichten, die Frau Kleppe uns für die Weih­nachtsausgabe überließ, haben wir ja schon eine Brücke zum Schicksalsmonat Januar geschlagen, an dem vor 70 Jahren der große Exodus begann, denn unterschwellig klang ja in den Erinnerungen bereits eine Vorahnung des Kommenden an. Wir freuen uns für und mit Frau Viola Kleppe über diese in wenigen Wochen erstellte Dokumentation und danken allen Leserinnen und Lesern, die zu dem schönen Erfolg beigetragen haben.

Auch ein anderer Beitrag in der Weihnachtsausgabe hat viel Anklang bei unserer Leserschaft gefunden: die Geschichte des Adventsliedes „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, die wir Herrn Heinz Ney zu verdanken haben. Es ist doch erstaunlich, wie eng geknüpft unser „Netzwerk“ ist. Herr Ney hatte mir schon vor einem Jahr dieses Kapitel aus seinem geplanten Buch „Gottes Häuser in Königsberg“ übersandt, weil er wusste, dass die Altroßgärter Kirche, die in dem Lied eine große Rolle spielt, auch meine Tauf- und Konfirmationskirche war. Ich hatte diesen Beitrag für die Weihnachtsausgabe aufgehoben und war nun bei der Erarbeitung des Manuskriptes, als mich der Adventsgruß einer Königsbergerin erreichte mit dem Hinweis auf dieses Lied, das bis heute ihr Lieblingslied geblieben ist, denn auch sie wurde in der Alt­roßgärter Kirche konfirmiert. Frau Irmgard N. aus Pforzheim dürfte sehr erstaunt gewesen sein, als sie dann die so ausführlich geschilderte Geschichte in der Weihnachtsnummer las, und wohl gedacht haben, dass ihr Adventsgruß mich zu dem Beitrag angeregt hätte. Auch wenn das nicht so ist: Sie dürfte diese schöne Geschichte über ihre/unsere Heimatkirche als unerwartete Weihnachtsgabe empfunden haben.

Und auch von Herrn Ney bekam ich ein Schreiben, das sich allerdings nicht auf die Veröffentlichung bezieht – von der er zu dem Zeitpunkt noch nichts wusste –, sondern ein anderes Kapitel seines Buches betrifft, für das er noch einige Angaben benötigt. Und die erhofft er sich wieder aus unserem Leserkreis, obgleich es dafür nur wenige Informanten geben dürfte, denn es handelt sich um eine kleine Gruppe von Gläubigen, die „Siebenten-Tags-Adventisten“. Die Königsberger STA versammelten sich in einer Kapelle, von der Herr Ney zwar ein Foto besitzt, deren Lage er aber bisher nicht feststellen konnte. Das kleine Gotteshaus dürfte aber nicht im Besitz der Adventisten gewesen sein, denn es haben sich noch andere „Freikirchler“ darin versammelt. Wahrscheinlich mieteten sich die Adventisten dort zusammen mit anderen Gruppen ein. Da sie am Sonnabend, dem biblischen Sabbat, den Gottesdienst feierten, kam es wohl zu keinen Überschneidungen mit anderen Gläubigen. Die Frage von Herrn Ney an unsere Leserinnen und Leser lautet also: Wer kennt das abgebildete Kapellengebäude und kann seinen Standort in Königsberg angeben? Über jede Angabe, auch zu der Entstehungsgeschichte der Kapelle, würde sich Herr Ney freuen. Wie aus seinem Anliegen ersichtlich, wird sein Buch, das demnächst erscheint, ein sehr umfassendes Werk werden. (Heinz Ney, Zum Kahleberg 85 in 14478 Potsdam, Telefon 0331/873666, E-Mail: neypreussen@googlemail.com)

Die Fragen, die Herr Thomas S. aus Alling an unsere Ostpreußische Familie stellt, werden zweifellos einen größeren Informantenkreis erfassen, denn sie betreffen das NKWD-Lager 7533 Preußisch Eylau [Bagrationowsk]. In dem südlich von Königsberg gelegenen Horrorlager, einer ehemaligen Kaserne, sollen allein im Jahre 1945 bis zu 14000 Menschen interniert gewesen sein. Darunter auch die Mutter von Herrn S., deren Schwester und deren Vater, allesamt Zivilisten. Nur die Mutter überlebte die katastrophalen Zustände in dem Massenlager, ihre Schwester gilt seit 1945 als verschollen, ebenso der Großvater von Herrn S.. Dass sie zu den Gefangenen gehörten, die in dem Lager verstarben, in dem es bis zu seiner Auflösung Tausende von Todesfällen gegeben hat – die Zahlen schwanken nach den Schätzungen der Internierten zwischen 8000 und 15000 Toten –, ist wahrscheinlich, aber nicht feststellbar. Trotz aller intensiven Bemühungen von Herrn Thomas S., wenigstens einige Hinweise auf das vermutliche Schicksal der Vermissten zu erhalten, bleibt hier ein Vakuum. Da wird eine Suchfrage, die 1982 im Ostpreußenblatt erschien, für ihn schon zu einem Strohhalm. Sie lautet: „Wer kann bestätigen, dass Herr Roddeck, geboren am 26. April 1930 in Lewitten, Kreis Preußisch Eylau, in der Zeit vom Sommer 1945 bis 1948 im Sanitätslager in Preußisch Eylau war?“ Herr S. meint, dass die Schwester seiner Mutter vermutlich genau aus dieser Krankenstation „fortgeschafft“ wurde und seither verschollen ist. Vielleicht hat sich damals der gesuchte Herr Roddeck gemeldet oder es gab von anderer Seite Informationen über ihn – jedenfalls bittet Thomas S. den oder die Betreffenden, falls sie noch erreichbar sind, sich bei ihm zu melden. Sein Informationsanliegen geht aber weit über diese persönlich bezogene Frage hinaus. Obwohl er sich schon seit Jahren mit der Geschichte des NKWD-Lagers 7533 beschäftigt und bereits viele Institutionen und Archive bemüht hat – darunter auch das Königsberger Rayonarchiv, das er persönlich aufsuchte –, blieben seine Nachforschungen ohne nennenswerte Erfolge beziehungsweise weisen nur einige vage Informationen auf, die aber, vor allem was Zahlen und Fakten betrifft, weit auseinanderklaffen. Zeitzeugenberichte in der Literatur und in den Medien haben ihm einige Einblicke in die Lage der in Preußisch Eylau Internierten vermitteln können, aber es sind eben Informationen aus dritter Hand. Deshalb bittet Herr S. unsere Leserinnen und Leser, die irgendwie Bezug zu dem Lager hatten und darüber Auskunft geben können und wollen, sich bei ihm zu melden. Er ist an jeder Art von Information interessiert, an unveröffentlichten Artikeln, Berichten, Schriftwechseln und sonstigen Aufzeichnungen. Und dann fragt Herr S.: „Gibt es in ihrem Umfeld Fachleute, Kenner oder Interessierte, die mir weiterhelfen können?“ Gerne reiche ich diese Bitte an unsere Ostpreußische Familie weiter, denn sie dürfte das richtige „Umfeld“ für sein Anliegen sein.

Eure Ruth Geede


»Des Vaters Geschichte ist nun auch ein Teil von mir«
Viola Kleppe dankt für die vielen Beiträge zu ihrer Weihnachtsumfrage

Königsberger Marzipan! Seit ich mich erinnern kann, bildet diese Süßigkeit einen Mittelpunkt unseres Weih­nachtsfestes. Als Kind habe ich diese Tradition nie hinterfragt, denn ich fand die „Schweineohren“ und das „Teekonfekt“ köstlich. Für mich gab es ohne Königsberger Marzipan kein Weihnachten! Aber in den letzten Jahren ist mir bewusster geworden, dass diese Süßigkeit für meinen Vater, der aus Ostpreußen stammt, eine ganz besondere Bedeutung hat: Für ihn ist es eine Verbindung zu seiner Heimat. Und an die denkt er gerade in den Weihnachtstagen gerne zurück, weil dann die ganze Familie zusammenkommt wie bei ihm früher zu Hause. Wenn mein Vater heute den Geschmack von Königsberger Marzipan auf der Zunge spürt, dann wird Weih­nachten in Ostpreußen vor seinem inneren Auge wieder lebendig. Die Modelleisenbahn, die zu Weihnachten durch das ganze Haus fahren durfte, die Pfefferkuchen und der große Tannenbaum, der bunt geschmückt bis unter die Decke reichte, kommen ihm in den Sinn. Und das Königsberger Marzipan am Weihnachtsfest 1944 ist für ihn auch der letzte Geschmack einer süßen Kindheit auf dem elterlichen Gut bei Königsberg, bevor die Flucht Mitte Januar seine Kinderzeit abrupt beendete.

Doch die Kindheitserinnerungen meines Vaters standen für mich immer etwas einsam da. Ich war neugierig geworden, woran sich wohl andere Ostpreußen erinnern würden, vor allem, weil das letzte Weihnachtsfest nun 70 Jahre zurück liegt. Dankenswerterweise durfte ich anlässlich dieses Jubiläums dazu einen Aufruf im Ostpreußenblatt veröffentlichen. Zu meiner großen Freude habe ich eine ganze Reihe von Zuschriften bekommen, in denen mir die ostpreußischen Leserinnen und Leser von ihren Erinnerungen an das letzte Weihnachtsfest in der Heimat erzählen. Mir wurde bewusst, dass fast allen Ostpreußen gerade dieses Fest so einprägsam in Erinnerung geblieben ist, weil es so ganz anders war als sonst. Nur eine Ostpreußin hat mir geschrieben, dass sie das Weihnachtsfest „im üblichen Rahmen und ohne Angst und Sorgen“ in Erinnerung habe, so wie mein Vater auch. Doch aus allen anderen Zuschriften ging hervor, dass das Fest von den Kriegsgeschehnissen mehr oder weniger stark geprägt war. So spricht eine Ostpreußin aus einem Dorf am Kurischen Haff vielen Landsleuten aus dem Herzen, wenn sie über die letzte Weihnacht in der Heimat schreibt: „Wer konnte es vergessen. Es tobte ja ein furchtbarer Krieg, das nahe Krachen und die Einschläge waren für uns Kinder beängstigend, obwohl wir uns wenig vorstellen konnten.“ Für manche war das Fest so anders, weil sie bereits Flüchtlinge aufgenommen hatten. Die Sorge um den an der Front stehenden Vater belastete viele Familien, und noch mehr der Schmerz über den Verlust eines gefallenen Angehörigen.

Doch ich war erleichtert zu lesen, dass die Erwachsenen trotz allem versuchten, das Weihnachtsfest ihren Kindern so schön wie möglich zu bereiten. Um Normalität herzustellen, halfen ihnen Rituale. So war in den Zuschriften immer wieder die Rede von traditionellen Vorgängen wie diesen: „Es werden vorher Kekse gebacken, der aus dem Wald geholte Tannenbaum mit den letzten Kerzen und Lametta geschmückt.“ Eine Ostpreußin aus Mohrungen erinnert sich noch, „dass Mutti mit den Lebensmittelkarten gut gewirtschaftet und für kleine Kuchens gespart hatte und alle beim Backen mithelfen durften“. Auch die kleinen Jungen von damals erinnern sich noch im Seniorenalter daran, dass sie Gedichte aufgesagt und mit den Eltern Weihnachtslieder gesungen hatten. Allen blieb unvergessen, dass es zu Weihnachten sehr kalt war und viel Schnee lag. Das hatte mein Vater mir auch immer erzählt. Allerdings nicht von den minus 38 Grad, an die sich eine Ostpreußin erinnern will. Aber diese Minusgrade konnte ich mir schwer vorstellen, weil der Winter im Westen ja sehr mild ist. Sehr berührend empfand ich, dass fast alle Einsender in ihren Erinnerungen an Weihnachten 1944 betonen: „Dass es das letzte Weihnachtsfest in der Heimat sein würde, konnte und wollte niemand glauben.“ Obgleich schon die Front nicht mehr weit war, wie eine Ostpreußin aus dem Kreis Sensburg schreibt: „Wir sitzen zusammen im Wohnzimmer und hören von weitem das Dröhnen der Kanonen. Ein Grollen wie Gewitter – sollen das schon die Stalinorgeln sein? Wir rücken zusammen und singen Weihnachtslieder, doch die Stimmung ist gedrückt.“

Zum Glück zeigen einige Erinnerungen aber auch von humorvollen Erlebnissen, die mich beim Lesen zum Lachen gebracht haben. Da erinnert sich ein Ostpreuße aus dem Kreis Labiau: „Am Heiligen Abend durften wir dann in die gute Stube. Die Geschenke lagen am Weihnachtsbaum – aber abge­deckt. Papa war in den letzten Wochen vor dem Fest immer irgendwo im Dienst. Als der Weihnachtsmann weg war, kam Papa. Wir drei Älteren haben ihn sofort darüber informiert, dass der Weihnachtsmann die Mutti geküsst habe.“

Für all diese Weihnachtserinnerungen, die mir zugesandt wurden, von denen ich hier aus Platzgründen nur einige zitiert habe, möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bedanken. Ich werde sie alle aufbewahren, denn sie sind für mich ein ganz besonderer Schatz. Durch diese persönlichen Erinnerungen ist mir die Heimat meines Vaters ein Stück greifbarer und wirklicher geworden. Wenn ich ein Buch über Ostpreußen lese, erzählt es anonym. Aber die Zuschriften haben mir einen neuen, viel direkteren Bezug ermöglicht. Jetzt hab ich mehr das Gefühl, dass die Geschichte meines Vaters auch ein Teil von mir ist.


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 101. GEBURTSTAG

Schulz, Helmut, aus Lyck, Bismarckstraße, am 8. Januar

ZUM 99. GEBURTSTAG

Trojan, Lieselotte, geb. Trojan, aus Jürgenau, Kreis Lyck, am 5. Januar

Warda, Erna, aus Kölmersdorf, Kreis Lyck, am 9. Januar

ZUM 97. GEBURTSTAG

Riedel, Hildegard, aus Rostken, Kreis Lyck, am 3. Januar

ZUM 96. GEBURTSTAG

Kronert, Hilde, geb. Dziabel, aus Borchersdorf, Kreis Neidenburg, am 5. Januar

ZUM 95. GEBURTSTAG

Fabian, Emil, aus Lübeckfelde, Kreis Lyck, am 5. Januar

Rother, Frieda, geb. Konstanty, verwitwete Schmidt, aus Petersgrund, Kreis Lyck, am 7. Januar

Schmidt, Elli, geb. Luick, aus Neukuhren, Kreis Samland, am 4. Januar

ZUM 94. GEBURTSTAG

Bauer, Gertrud, geb. Kupiczenski, aus Lyck, v. Mackensen-Str. 2, am 7. Januar

Bendig, Herta, geb. Struwe, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 6. Januar

Esrom, Erna, geb. Launus, aus Lesgewangen, Kreis Tilsit-Ragnit, am 9. Januar

Fiedler, Brigitte, geb. Fiedler, aus Plibischken, Kreis Wehlau, am 4. Januar

Krah, Elise, geb. Konrad, aus Liebnicken, Kreis Preußisch Eylau, am 3. Januar

Linkel, Martha, geb. Seller, aus Mulden, Kreis Lyck, am 5. Januar

Marchlowitz, Horst, aus Neidenburg, am 5. Januar

Richardt, Johanna, geb. Berger, aus Wehlau, am 3. Januar

Szesny-Wischnewski, Gertrud, aus Martinshöhe, Kreis Lyck, am 7. Januar

ZUM 93. GEBURTSTAG

Borowy, Gertrud, aus Borschimmen, Kreis Lyck, am 6. Januar

Eckstein, Hildegard, geb. Jopp, aus Soffen, Kreis Lyck, am 9. Januar

Eggert, Anna, geb. Galla, aus Ittau, Kreis Neidenburg, am 9. Januar

Hostettler, Traute, geb. Hoffmann, aus Quilitten, Kreis Heiligenbeil, am 2. Januar

Markert, Irmgard, geb. Barzick, aus Seedorf, Kreis Lyck, am 5. Januar

Matzkeit, Gerda, aus Plaubuden, Kreis Gerdauen, am 6. Januar

Plath, Anni, geb. König, aus Moterau, Kreis Wehlau, am 5. Januar

Rogowski, Erna, geb. Joswig, aus Ehrenwalde, Kreis Lyck, am 7. Januar

Thierbächer, Heinz, aus Mohrungen, am 5. Januar

Walleit, Anneliese, geb. Just, aus Frischenau, Kreis Wehlau, am 3. Januar

Wiegmann, Hildegard, geb. Szesny, aus Birkenwalde, Kreis Lyck, am 4. Januar

ZUM 92. GEBURTSTAG

Dürr, Christel, geb. Heinrich, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 1. Januar

Hedrich, Margarete, geb. Lutz, aus Wiesengrund, Kreis Lyck, am 4. Januar

Hiesler, Ewald, aus Rastenburg, am 2. Januar

Höppner, Ilse, geb. Tobleck, aus Poppendorf, Kreis Wehlau, am 6. Januar

Kugge, Gertrud, aus Gorlau, Kreis Lyck, am 7. Januar

Neumann, Heinz, aus Angerwiese, Kreis Tilsit-Ragnit, am 4. Januar

Salecker, Kurt, aus Ebenrode, am 7. Januar

Strycker, Hildegard, geb. Mertinkat, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 1. Januar

ZUM 91. GEBURTSTAG

Heider, Hildegard, geb. Boßmann, aus Palmnicken, Kreis Samland, 7. Januar

Breitbarth, Eva, geb. Jung, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 3. Januar

Hochwald, Heinz, aus Altenkirch, Kreis Tilsit-Ragnit, am 9. Januar

Kurth, Gertrude, geb. Göhlke, aus Petersdorf, Kreis Wehlau, am 8. Januar

Schmidt, Gertrud, geb. Knorr, aus Sanditten, Kreis Wehlau, am 7. Januar

Schneider, Johanna, geb. Ullrich, aus Wehlau, am 6. Januar

Vanderstoep, Margarete, geb. Kubillim, aus Ebenrode, am 6. Januar

ZUM 90. GEBURTSTAG

Autenrieth, Hildegard, geb. Borowy, aus Millau, Kreis Lyck, am 6. Januar

Baus, Liesbeth, aus Lissau, Kreis Lyck, am 3. Januar

Bischoff, Hildegard, aus Sentken, Kreis Lyck, am 9. Januar

Gottschling, Else, geb. Gießmann, aus Hohenstein, am 5. Januar

Gründler, Edith, geb. Scherello, aus Heldenfelde, Kreis Lyck, am 5. Januar

Heske, Elfriede, aus Windkeim/Klein Windkeim, Kreis Heiligenbeil, am 8. Januar

Ilian, Gerhard, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 2. Januar

Malunat, Hannelore, aus Groß Engelau, Kreis Wehlau, am 8. Januar

Otterbeck, Waltraud, geb. Pohlke, aus Heilsberg, am 4. Januar

Schimanski, Herbert, aus Seehag, Kreis Neidenburg, am 5. Januar

Schimpfle, Ilse-Marie, aus Lyck, am 6. Januar

Schönlein, Herta, geb. Hornberger, aus Windkeim, Kreis Heiligenbeil, am 1. Januar

Tulowitzki, Waltraut, geb. Radeck, aus Gimmendorf, Kreis Neidenburg, am 9. Januar

Watzkat, Heinz, aus Rossitten, Kreis Samland, am 5. Januar

Weber, Otto, aus Groß Trakehnen, Kreis Ebenrode, am 9. Januar

Wittke, Harry, aus Nadrau, Kreis Samland, am 5. Januar

ZUM 85. GEBURTSTAG

Bergmann, Christel, geb. Petschulat, aus Petersdorf, Kreis Wehlau, am 8. Januar

Bolscho, Willi, aus Steinkendorf, Kreis Lyck, am 8. Januar

Fahning, Käthe, geb. Bednarzick, aus Altenkirch, Kreis Tilsit-Ragnit, am 9. Januar

Hentschel, Christel, geb. Peter, aus Wehlau, am 9. Januar

Hergoss, Irmgard, geb. Klaaß, aus Fischhausen, Kreis Samland, am 5. Januar

Hüddersen, Margot, geb. Scharfschwert, aus Wischehnen, Kreis Samland, am 2. Januar

Jung, Eva, geb. Jelling, aus Regeln, Kreis Lyck, am 7. Januar

Langer, Eilli, geb. Konopka, aus Petersgrund, Kreis Lyck, am 4. Januar

Polkowski, Georg, aus Gusken, Kreis Johannisburg, am 28. Dezember

Reeve, Robert, aus Allenburg, Kreis Wehlau, am 8. Januar

Trost, Heinrich, aus Auerbach, Kreis Wehlau, am 4. Januar

Wegerich, Christa, geb. Sklomeit, aus Ebenrode, am 2. Januar

Weichert, Ruth, geb. Scharfschwer, aus Neukuhren, Kreis Samland, am 9. Januar

Zilz, Assaf, aus Dräwen, Kreis Ebenrode, am 4. Januar

ZUM 80. GEBURTSTAG

Andersen, Hannelore, geb. Köllner, aus Wehlau, am 4. Januar

Arndt, Fritz, aus Lehndorf, Kreis Samland, am 7. Januar

Barthel, Ruth, geb. Winearske aus Königsberg, am 14. Dezember

Bradtke, Liane, geb. Siedler, aus Wickiau, Kreis Samland, am 2. Januar

Demant, Horst, aus Waltershöhe, Kreis Lyck, am 4. Januar

Fiks, Gerhard, aus Neidenburg, am 5. Januar

Fricke, Brunhild, geb. Mazannek, aus Neukuhren, Kreis Samland, am 7. Januar

Fröbus, Helga, geb. Lockowandt, aus Seebrücken, Kreis Lyck, am 9. Januar

Gerdey, Doris, aus Lübeckfelde, Kreis Lyck, am 7. Januar

Harwardt, Herta, aus Grabnick, Kreis Lyck, am 7. Januar

Hilbrig, Gertrud, aus Goldenau, Kreis Lyck, am 4. Januar

Horning, aus Neu Borovitz/Konin Wartheland, am 6. Januar

Kelch, Helmut, aus Sorgenau, Kreis Samland, am 4. Januar

Kenzler, Sieglinde, geb. Liedtke, aus Wehlau, am 7. Januar

Kubitz, Gisela, geb. Worgull, aus Prostken, Kreis Lyck, am 5. Januar

Muhr, Waltraut, geb. Jankuhn, aus Schwengels, Kreis Heiligenbeil, am 9. Januar

Nikulski, Wally, aus Soltmahnen, im Kreis Lyck, am 4. Januar

Oberpichler, Erhard, aus Schurfelde, Kreis Tilsit-Ragnit, am 7. Januar

Preiksch, Charlotte, geb. Fröhner, aus Goldbach, Kreis Wehlau, am 6. Januar

Reinoß, Herbert, aus Schwarzberge, Kreis Lyck, am 7. Januar

Schammert, Anita, geb. Bruhn, Ehemann aus Angertal, Kreis Angerburg, am 3. Januar

Schulz, Waltraut, geb. Chmielewski, aus Gingen, Kreis Lyck, am 5. Januar

ZUM 75. GEBURTSTAG

Bachor, Else, geb. Junkuhn, aus Neuendorf, Kreis Wehlau, am 3. Januar

Bednarski, Werner, aus Neidenburg, am 9. Januar

Breuer, Hannelore, geb. Gieseck, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 4. Januar

Fuchs, Renate, geb. Glang, aus Paterswalde, Kreis Wehlau, am 6. Januar

Dudek, Gretel, geb. Preuss, aus Laptau, Kreis Samland, am 4. Januar

Gerlach, Hans Georg, aus Canditten, Kreis Preußisch Eylau, am 1. Januar

Kelch, Helmut, aus Fischhausen, am 4. Januar

Knitschke, Christel, geb. Gindthaler, aus Ebenrode, 5. Januar

Lemke, Siegmar, aus Paterswalde, Kreis Wehlau, am 4. Januar

Neumann, Günther, aus Nickelsdorf, Kreis Wehlau, am 9. Januar

Perbandt, Reinhold, aus Quilitten, Kreis Heiligenbeil, am 6. Januar

Seggebruch, Dorothea, geb. Neumann, aus Nautzken, Kreis Labiau, am 6. Januar

Timpe, Rosemarie, geb. Wisboreit, aus Groß Ponnau, Kreis Wehlau, am 9. Januar


S. 16-17 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGES OSTPREUSSEN

Vorsitzender: Stefan Hein, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

Bad Pyrmont – Freitag, 20. bis Sonntag, 22. Februar, Ostheim: BJO-Frühjahrsseminar mit den Themen „2015 – Jahr der Jahrestage: Deutschland und (die) Ostpreußen im 20. Jahrhundert“. Die bekannte DDR-Bürgerrechtlerin und ehemalige Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld zieht eine Bilanz zur Aufarbeitung des SED-Unrechts im Jahr 2015, während Dr. Heike Amos vom Institut für Zeitgeschichte auf die Aktivitäten der Staatssicherheit der DDR in Bezug auf die Vertriebenen eingeht. Der Altsprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm von Gottberg, und der LO-Landesvorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Manfred F. Schukat, können uns aus erster Hand über die Bedeutung des Mauerfalls für die Vertriebenen informieren. Dabei werden persönliche Erfahrungen aus der Zeit der DDR ebenso in den Fokus genommen wie die Herausforderungen diesseits und jenseits von Oder und Neiße nach 1990. Dr. Walter T. Rix teilt seine Erkenntnisse zum Ersten Weltkrieg in Ostpreußen mit uns, während wir zu den Geschehnissen im Frühjahr 1945 noch einmal Zeitzeugen zu Wort kommen lassen möchten. Auskünfte und und Anmeldung bei Jochen Zauner unter Presse@Ostpreussen-NRW.de .

 

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Göppingen – Der Beginn der vorweihnachtlichen Feierstunde am 7. Dezember im schön geschmückten Nebenzimmer der Gaststätte “Frisch-Auf” in Göppingen war auf 12 Uhr festgesetzt. Zur Einstimmung war ein privaten Film über eine Busreise durch Ostpreußen aus diesem Sommer zu sehen. Er begann in Danzig mit der Marienburg. Der Sprecher schilderte ausführlich die Geschichte dieser Ordensburg. Die Reise führte weiter durch viele bekannte Gegenden, wie die Elchniederungen, oder durch Orte, deren polnische Namen uns fremd waren, aber vom Sprecher dann „übersetzt“ wurden. Weitere Stationen waren unter anderem Tilsit, dann die Kurische Nehrung, es gab viele Kontakte mit den dort lebenden Volksgruppen. Schöne Folklore wurde uns vorgeführt, aber auch die Aufbau- und Erhaltungsarbeiten an historischen Gebäuden gezeigt.

Nach dem Essen begrüßte das Vorstandsmitglied Wolfgang Korn nun offiziell die 38 anwesenden Landsleuten mit Familien und Freunden. Mit seinem Vortrag rief er viele Erinnerungen an die alte Heimat mit den oft sehr kalten Winter- und Weihnachtstagen wach. Diese Zeiten damals haben uns geprägt, und sind uns heute noch so lebendig vor Augen, wie wenn es erst gestern gewesen wäre. Dann las er die Namen der Kranken und der entschuldigten Landsleute vor, an erster Stelle natürlich den unseres ehemaligen langjährigen Vorsitzenden, Günter Rudat und seiner Frau. Danach erfolgte die Überreichung von Ehrenurkunden für Landsleute für Ihre langjährige Mitgliedschaft in der LOW Göppingen.

Es folgten weihnachtliche Geschichten und Gedichte, oftmals in schöner ostpreußischer Mundart gekonnt vorgetragen, aber auch über den berühmten ostpreußischen Humor und die besondere gemütliche Art wurde „geschabbert“. Während des Kaffeetrinkens mit gespendeten Stollen und übervollen „Gutslestellern“ wurden Weihnachtslieder angestimmt, die sich die Jubilare gewünscht hatten. Wie in jedem Jahr wurde nun die Kulturspende für den Hauptverein eingesammelt. Dieses Geld unterstützt ostpreußische Heimatarbeit, wie zum Beispiel das Ausrichten von Heimatfesten, Ostpreußentreffen, oder auch Frauengruppenarbeit.

Dann standen wir alle auf, fassten uns an den Händen und sangen unser Heimatlied „Land der dunklen Wälder”. Auf vielfachen Wunsch nach dieser wieder sehr schön gelungenen Adventsfeier stimmten wir dann als Abschluss gemeinsam das Lied: „Stille Nacht, Heilige Nacht”, an.

Herr Korn bedankte sich dann bei allen Mitwirkenden für die rege Unterstützung zum Gelingen der Feier, wünschte dann den Anwesenden, sowie den Kranken oder anderweitig Verhinderten eine frohe Weihnachtszeit, verbunden mit den besten Wünsche für das neue Jahr.

Lahr – Jeden dritten Donnerstag im Monat, 19 Uhr, Begegnungshaus, Friedrichstraße: Treffen des Ostdeutschen Lesekreises.

Wendlingen – Mittwoch, 7. Januar, 14.30 Uhr, Treffpunkt Stadtmitte: regelmäßiges Treffen, danach immer am ersten Mittwoch im Monat

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Hof – Sonnabend, 10. Januar, 15 Uhr, Altdeutsche Bierstube: Jahreshauptversammlung

Weiden – Sonntag, 1. Februar, 14.30 Uhr, Café Mitte, Am Stockerhutpark 1, 92637 Weiden: Nächstes Treffen.

 

BERLIN

Vorsitzender: Rüdiger Jakesch, Geschäftsstelle: Forckenbeck-straße 1, 14199, Berlin, Telefon (030) 2547345, E-Mail: info@bdv-bln.de, Internet: www.ostpreussen-berlin.de. Geschäftszeit: Donnerstag von 14 Uhr bis 16 Uhr Außerhalb der Geschäftszeit: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Frauengruppe – Mittwoch, 14.. Januar,13.30 Uhr, Pflegestützpunkt, Wilhelmstraße 116-117, 10963 Berlin: Rechenschaftsbericht und Kassenbericht. Danach Gedichte zum Jahrswechsel. Anfragen: Marianne Becker, Telefon (030) 771 23 54

 

BREMEN

Vorsitzender: Helmut Gutzeit, Telefon (0421) 25 09 29, Fax (0421) 25 01 88, Hodenberger Straße

39 b, 28355 Bremen. Stellvertrende Vorsitzende: Marita Jachens-Paul, Ratiborer Straße 48, 27578 Bremerhaven, Telefon (0471) 86176. Landesgeschäftsführer: Jörg Schulz, Am Anjes Moor 4, 27628 Uthlede, Telefon (04296) 74 77 01.

Bremen – Jeder 3. Donnerstag im Monat, 15 Uhr, Hotel zur Post, Bahnhofsplatz 11, 28195 Bremen: Treffen der Frauengruppe.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Kippingstr. 13, 20144 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Fried-rich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

Königsberg – Ursula Zimmermann gibt bekannt, dass sie zwar nach Schwerin gezogen ist, aber nicht ins betreute Wohnen. Ihre neue Adresse lautet: Eisenbahnerstraße 30, 19053 Schwerin, Telefon (0365) 20060006. Sie wünscht allen Königsbergern ganz herzlich ein gesundes neue Jahr.

BEZIRKSGRUPPE

Harburg – Sonntag, 11. Januar, 11 Uhr, St. Johanneskirche Harburg: Ostpreußischer Heimatgottesdienst. Die Predigt hält die Pastorin Sabine Kaiser-Reis. Im Anschluss wird zum Gespräch bei Kaffee, Tee und Gebäck in das Gemeindehaus eingeladen. Verwandte, Freunde und Bekannte sind herzlich zur Veranstaltung eingeladen.

 

HESSEN

Vorsitzender: Eberhard Traum, Wächtersbacherstraße 33, 63636 Brachtal, Telefon (06053) 708612.

Darmstadt/Dieburg – Am 6. Dezember wurde der Vorsitzende der Kreisgruppe, Gerhard Rudi Schröder, für seine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet. Anlässlich einer vorweihnachtlichen Feier wurde er durch den Kreisbeigeordneten des Landkreises Darmstadt-Dieburg, Christel Fleischmann und der Bürgermeisterin aus Mühltal, Dr. Astrid Mannes, überreicht. Der Landesvorsitzender der LOW-Hessen, Eberhard Traum, der nicht an der Ehrung teilnehmen konnte, übersandte dieses Grußwort:

„Ich möchte nicht versäumen, im Namen der LOW-Hessen und deren Mitglieder, meine besten Wünsche zum heutigen festlichen Anlass zu senden und Ihnen zu einer verdienten Auszeichnung zu gratulieren. Es gibt viele Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft und mit der Gesellschaft zu beschäftigen.

Vielen gelingt das auch ganz ordentlich und einige stechen sogar aus dieser Masse hervor. Und zu der zweiten Kategorie sind Sie zweifelsfrei zu zählen. Da die meisten dieser Menschen ihre Arbeit im Verborgenen und ehrenamtlich versehen, kann man das nur mit großer Leidenschaft vergleichen. Ihre eigene Vita zeigt die Not und die unglaublichen Kindheitserlebnisse einer Zeit, in der Krieg und Vertreibung zu Leid und Verzweiflung führten, die Sie am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Nicht von ungefähr ist also Ihre Zuneigung und Liebe zur Heimat der Eltern und Großeltern entstanden. Ihr Mitgefühl und das Verständnis für Gleichgesinnte und der Hilfe bei deren Versuchen, sich der Vergangenheit zu nähern und Licht ins Dunkel zu bekommen, hat Sie zu einem besonderen Partner werden lassen. Als langjähriges Vorstandsmitglied in der Landesgruppe der Ostpreußen (LOW-Hessen) und Vorsitzender der Kreisgruppe Darmstadt-Dieburg, haben Sie einen großen Anteil daran, der Landsmannschaften in der Öffentlichkeit zu Ansehen zu verhelfen. Sie haben aus eigener Erfahrung den Draht zu anliegenden Problemen gefunden und sich der Pflicht verschrieben, das Vergangene nicht zu vergessen, ohne gleichzeitig an Verzeihen und Vergeben zu denken und Erinnerungen hochzuhalten.

Die nachfolgenden Generationen können darauf bauen, dass Sie etwas getan haben und noch immer tun, wovon diese die Kraft bekommen, zu verstehen und mit dafür zu sorgen, dass ähnliches nicht wieder geschieht. Ihre ehrenamtliche Arbeit sorgt mit dafür, dass auch die Kultur und Traditionen der alten Heimat nicht in den Geschichtsbüchern als textliche Bemerkungen verstauben, sondern nachvollzogen und ge- wie auch erlebt werden können. Eine Vorlage für folgende Generationen, die nicht wertvoll genug gewürdigt werden kann. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter, ist es Ihnen und uns gelungen, Verbindungen zur ehemaligen Heimat zu knüpfen, dort Freunde zu finden, die auf anderer Seite ähnlich leidvolle Zeiten erlebten. Dass man heute die Heimat besuchen und sie gemeinsam genießen darf, die einmal unsere war und die den anderen inzwischen zur Heimat wurde, hat schon etwas Besonderes und lässt hoffen, doch einige verlorene Zeiten nachzuholen.

Zur heutigen Gelegenheit, der Verleihung einer für Ihre Arbeit wichtige Auszeichnung, möchte ich persönlich gratulieren und Sie ermutigen, nicht im Bestreben nachzulassen, den nachfolgenden Generationen den Weg zu bereiten, das Erbe der Eltern und Großeltern zu würdigen und die Versöhnung mit den heute dort lebenden Menschen zu unterstützen.

Alles Gute für Ihre künftige Arbeit und ein weiterhin gedeihliches Engagement

Wetzlar – Montag, 12. Januar, 19 Uhr, Wetzlarer Grillstuben, Stoppelberger Hohl 128: Jahreshauptversammlung.

Wiesbaden – Zu einer vorweihnachtlichen Feier hat der Kreisverband Wiesbaden der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen ins Haus der Heimat in Wiesbaden geladen. Die Hessische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, war zum stimmungsvollen Adventsnachmittag gekommen und überbrachte im Namen der Hessischen Landesregierung Grüße zur Weihnachtszeit.

Die Landesbeauftragte betonte in ihrem Grußwort: „Das ostdeutsche Kulturerbe wird in seiner Vielfalt deutlich, wenn man einen Blick auf das unterschiedliche Brauchtum im Verlauf des christlichen Jahreskalenders wirft. Die unterschiedlichen landsmannschaftlichen Herkunftsgebiete sind nicht nur an ihrer konfessionellen Ausrichtung erkennbar. Jedes Gebiet hat zudem eigene Traditionen. Dies wird in jedem Jahr aufs Neue sichtbar, wenn die vielen Vorweihnachts- oder Adventsfeiern durchgeführt werden. Die Hessische Landesregierung bekennt sich im Koalitionsvertrag von 2014 eindeutig zur weiteren Unterstützung dieses Kulturerbes.“

Im festlich geschmückten und voll besetzten Festsaal erinnerte die Landesbeauftragte an das west- und ostpreußische Weihnachtskulturgut. Die Anwesenden freuten sich über die Darstellung des typisch ermländischen Brauches vom „Schimmelreiter“, der mit seinem Gefolge: Pracherweib, Storch, Gendarm, Schornsteinfeger und Bärenführer in den Weihnachtstagen die Guten belohnte, die Frechen und Faulen jedoch bestrafte.

Ihren Dank richtete sie an den ehrenamtlichen Unterstützerkreis der Feier in der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen, namentlich an den Kreisvorsitzenden Dieter Schetat, der es immer wieder verstehe, schöne und gut angenommene Veranstaltungen zu organisieren. Mit den Klängen von Klavier und Cello, den Stimmen des Frauenchores unter der Leitung von Liesl Zekert, dem kräftigen Bariton von Helmut Domes und den von Lieslotte Paul und Margitta Krafczyk vorgetragenen Texten habe die

Landsmannschaft allen Gästen ein großes Geschenk bereitet. Damit sei eine festliche Stimmung entstanden, die allen Gästen Weihnachtsfrieden und Weihnachtsfreude gegeben habe.

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Helmstedt – Jeder zweite Donnerstag im Monat, 15 Uhr, Begegnungsstädte Schützenwall 4: Gemeinsames Treffen der Landmannschaft der Ost- und Westpreußen.

Osnabrück – Dienstag, 13. Januar, 16.30 Uhr, Hotel Ibis, Blumenthaller Weg 152: Kegeln

Rinteln – Donnerstag, 8. Januar, 15 Uhr, Hotel Stadt Kassel, Klosterstraße 42, 31737 Rinteln: Monatstreffen mit Jahreshauptversammlung und Vorstandswahlen. Alle Mitglieder der Gruppe sind herzlich eingeladen; wer außerdem Interesse an einer Mitgliedschaft hat, kann ebenfalls gern teilnehmen. Auskünfte und Informationen zur landsmannschaftlichen Arbeit in Rinteln gibt es beim Vorsitzenden Joachim Rebuschat unter Telefon (05751) 5386 oder über: rebuschat@web.de

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Dortmund – Jeden dritten Montag im Monat, 14 bis 17 Uhr, Landgrafenschule, Eingang Märkische Straße, 44139 Dortmund: Treffen der Frauengruppe. Gäste sind willkommen.

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 bis 20 Uhr, GHH/Eichendorff-Saal, 1. Etage: Chorprobe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft.

Essen – Die Kreisgruppe Essen feierte am 12. Dezember in der Gastronomie St. Elisabeth ihr Weihnachtsfest. Der Vorsitzende Bernhard Kehren hatte ein Programm für einen gemütlichen feierlichen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen zusammengestellt. Es wurden bekannte Weihnachtslieder gesungen, die unser Organist Julius Wermter auf der Posaune begleitete. Besonders feierlich war der Gesang seines Schülers Luca mit „Gloria Domini“ und „Dezembernacht“. Verschiedene Beiträge einiger Teilnehmer, die an die alte Heimat erinnerten, aber auch fröhliche Geschichten trugen zur Unterhaltung bei und natürlich gab es auch für alle eine weihnachtliche Überraschung.

Mit dem Heimatlied „Land der dunklen Wälder“ klang der gemütliche Nachmittag aus. Ein Dankeschön an alle, die zum Gelingen beigetragen haben.

Münster – Auch in diesem Jahr war wieder eine große Anzahl von Ost- und Westpreußen erschienen, um in vorweihnachtlicher Stimmung an der von Irmgard Bludau und Edith Ay vorbereiteten stimmungsvollen Weihnachtsfeier Kreisgruppe Münster am 14. Dezember im Friedenskrug in Münster–Angelmodde teilzunehmen. Neben den zahlreichen Mitgliedern konnte der Vorsitzende Stefan Leschniok mit besonderer Freude Ursula Dropmann, Vorsitzende der Pommerschen Landsmannschaft Kreisgruppe Münster, und den neuen Vorsitzenden der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung (OMV) in Münster, den jungen Rechtsreferendar Dietrich Aden, als besondere Gäste begrüßen. Nach der musikalischen Einstimmung durch festliche Musik des Streicherensembles Kolophon gab es ein gemütliches Beisammensein bei Kaffee und Kuchen mit anregenden Gesprächen im weihnachtlich geschmückten Saal des Friedenskruges. Das umfangreiche Programm bestand zu diesem Anlass aus gemeinsam gesungenen Advents- und Weihnachtsliedern wie „Wir sagen Euch an den lieben Advent“, „Macht hoch ….“, „Alle Jahre wieder“, „O Du fröhliche..“ sowie „Stille Nacht,….“.

Die gelungenen Textvorträge in Versform oder Prosa von Edith Ay, Sabine Steinkat, Heinz Frick, Georg Kopka und Dieter Zank waren getragen von weihnachtlicher Stimmung, enthielten Besinnliches, Heiteres, aber auch Ernstes. Die Sinnmitte der Textbeiträge bildete der Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest. Texte wie „Erinnerungen an heimatliches Brauchtum“ oder „Advent“ (Agnes Miegel) waren der sehnsuchtsvollen Rückerinnerung an die alte Heimat gewidmet, während sich andere Vorträge wie „Die Zweite Adventkerze“ oder „Waisenhaus“ der Gegenwart in der neuen Heimat oder gar der Bitternis in anderen Ländern zuwandten. Zu Weihnachten darf Süßes nicht fehlen. Daher bereitete Heinz Frick, Ostpreuße und Konditormeister, mit von ihm nach ostpreußischem Geheimrezept hergestellten Marzipanbroten allen Anwesenden eine besondere Freude. Er hat aber auch ein Herz für Seeleute auf hoher See in der Weihnachtszeit, wie sein klangvoller musikalischer Liedvortrag „St. Niklas war ein Seemann“ zeigte. Abschließend gab es vom Vorsitzenden Lob für die Aktiven der gelungenen Feier, insbesondere aber für Irmgard Bludau, Stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe, und Edith Ay, als Organisatoren der Veranstaltung. Heinz Frick, Beisitzer im Vorstand der Kreisgruppe, sprach dem Vorsitzenden, begleitet von zustimmendem Beifall, Dank und Anerkennung für seine vorbildliche und verantwortungsvolle Arbeit als Vorsteher der Kreisgruppe aus. Mit einigen rückschauenden Worten auf das endende Jahr 2014 und einen kurzen Hinweis auf die Arbeit der Kreisgruppe im neuen Jahr sowie mit Wünschen für gesegnete Weihnachtsfeiertage und für ein gutes neues Jahr 2015 schloss der Vorsitzende Stefan Leschniok die Weihnachtsfeier. Zum Ausklang der Veranstaltung wurden gemeinsam «Land der dunklen Wälder» und «Westpreußen mein lieb’ Heimatland» gesungen.

Dieter Zank

Remscheid – Jeder zweite Donnerstag im Monat, 14.30 Uhr, Gemeindehaus der evangelischen Johannes-Kirchengemeinde in der Eschenstraße: Treffen der Frauengruppe. Jeder dritte Donnerstag im Monat, 14.30 Uhr, ,,Zunftstuben», Palmstraße 10: Treffen der Ostpreußenrunde.

– Bericht –

Die Kreisgruppe Remscheid der Landsmannschaft Ostpreußen führte am 20. November ihre Jahreshauptversammlung durch. Erfreulich viele Landsleute waren der Einladung gefolgt. Nach dem Tätigkeitsbericht der Schriftführerin und dem Vortrag der Schatzmeisterin über die Kasse der letzten beiden Jahre wurde der bisherige Vorstand einstimmig entlastet und einstimmig wiedergewählt: Erste Vorsitzende ist Irmgard Beeck, zweite Vorsitzende Marlies Pokropowitz, Schriftführerin H. Nagorny, Schatzmeisterin Marita Wagner. Das Amt der Frauengruppenleiterin blieb vakant. Ursel Grabosch ist weiterhin die Ansprechpartnerin. Die erste Vorsitzende Irmgard Beeck dankte allen Anwesenden und besonders den Aktiven für die geleistete Arbeit und freut sich auf eine weitere gute Zusammenarbeit.

Siegen – Franz Schneidewind gibt einen Überblick über die Aktivitäten der Kreisgruppe Siegen im Jahr 2014:

Die Veranstaltungen der Kreisgruppe wurden im abgelaufenen Jahr von den Mitgliedern gut besucht. Darunter waren die Jahreshauptversammlung mit ihrem Kulturprogramm und das Königsberger-Klopse-Essen, sowie die Teilnahme an der Veranstaltung zum „Tag der Heimat“, an dem die Kreisgruppe Siegen mit eigenem Programm beteiligt war.

Beim Deutschlandtreffen in Kassel mit rund 10.000 Teilnehmern an beiden Tagen, nahmen auch einige Mitglieder der Kreisgruppe teil. Mit Freude nahmen wir zur Kenntnis, dass unser Mitglied Professor Ulrich Penski auf der Landeskulturtagung in Oberhausen mit dem silbernen Ehrenzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen ausgezeichnet wurde. Die Büchersammlung im Heimatraum am Seilereiweg wird fortgesetzt. In einigen Jahresheimatbriefen wurden Sammelaufrufe abgedruckt. Wir danken den Heimatkreisgemeinschaften für die Unterstützung, sowie verschiedenen Vorstandsmitgliedern unserer Kreisgruppe für die Büchersortierung und Digitalisierung der Bestände. Weiterhin konnten durch Mithilfe der „Bruderhilfe Ostpreußen“ mehrere, betagte und kranke Landsleute in den Heimatgebieten mit Hilfspaketen unterstützt werden. Die Freude und Dankbarkeit bei den Empfängern ist groß, ebenso das Gefühl nicht vergessen zu sein. Aus Privatbesitz (Spenden) konnten einige, jüngere Interssenten mit heimatlichen Literaturspenden bedacht werden. An den Veranstaltungen der Herder-Bibliothek-Siegerland nahmen auch Mitglieder der Kreisgruppe teil.

Allen kranken Landsleuten gute Besserungswünsche und Wohlergehen im Jahr 2015. Die Vorweihnachtsfeier am Sonnabend, 13. Dezember war von den Mitgliedern gut besucht. Es war eine harmonische Veranstaltung mit Gedichtbeiträgen und Liedern, Erinnerungen an ostpreußische Wintererlebnisse, sowie Marzipan und heimatliche Getränken. Als Höhepunkt wurde ein Film über „Trakehnen – einst und heute“ gezeigt. Allen Mitwirkenden für die gelungene Vorweihnachtsfeier vielen Dank!

 

SACHSEN

Vorsitzender: Alexander Schulz, Willy-Reinl-Straße 2, 09116 Chemnitz, E-Mail: alexander.schulz-agentur@gmx.de, Telefon (0371) 301616.

Landesgruppe – Am 15. und 16. November trafen sich die Landsleute in Großwaltersdorf im Landhotel „Trakehnerhof“ zur Jahresabschlussveranstaltung. Es kamen die Vorsitzenden und aktiven Mitarbeiter aus den Städten Leipzig, Torgau, Dresden, Hoyerswerda, Limbach-Oberfrohna sowie Dr. Berger als Vertreter der Insterburger.

Besonders herzlich wurde auch ein junger Vertreter der Ostpreußen begrüßt: Marcus Röthig aus Dresden. Er bemüht sich sehr, eine Gruppe von jüngeren Vertretern für Ostpreußen aufzubauen. Unsere Landsleute stehen ihm mit Rat und Tat zur Seite, um die jüngere Generation zu unterstützen, damit die Heimat weiterlebt und damit Kultur und Brauchtum erhalten bleiben,

In seiner Ansprache bedankte Alexander Schulz sich für das zahlreiche Erscheinen und gab die Tagesordnung bekannt. Auch die neuen Termine für das Jahr 2015 wurden genannt und abgestimmt. Es wurden zudem Vorschläge unterbreitet, wie die Landsleute in den verschiedenen Städten trotz hohen Alters und körperlicher Einschränkungen daran teilnehmen können.

Dann berichteten die Vorsitzenden der Kreisgruppen ausführlich über die Arbeit in ihren Gruppen. Kurt Weihe von der Kreisgemeinschaft Limbach-Oberfrohna konnte eine sehr positive Bilanz ziehen über die Arbeit mit der jüngeren Generation. Er hatte erreicht, dass in diesem Jahr die Schüler der Gerhard-Hauptmann-Schule ihren Geschichtsunterricht in Reichenbach OL im Museum der Vertriebenen vor Ort veranstalteten. Viele Fragen konnten dabei beantwortet werden. Begeisterung und Interesse für Kultur und Brauchtum der neuen Heimatgebiete wurden geweckt. Es ist zu hoffen, dass die Heimat in der Nachfolgegeneration weiterlebt. Kurt Weihe hat durch seinen jahrelangen Einsatz schon einen guten Erfolg dabei zu verzeichnen.

Der Landesvorsitzende gab auf der Jahressabschlussveranstaltung zudem wichtige Informationen bekannt, die er auf der Ländervertretung in Bad Pyrmont erhalten hatte. Am Nachmittag führte dann Reinhard Beierling aus Torgau den Film „Der Ruf der Zarin“ vor. Eine sehr lebendige Diskussion schloss sich an.

Limbach-Oberfrohna – Am 6. Dezember 2014 trafen sich die Landsleute der Ost- und Westpreußen und Gäste in Limbach-Oberfrohna im Esche Museum um den Jahresabschluss zu feiern. Es war die letzte Zusammenkunft in diesem Jahr. Zur Vorbereitung dieser Veranstaltung wurde gebastelt, geschmückt und kleine Geschenke hergestellt. Der Saal erstrahlte im Glanze der vielen bunten Kugeln, Tannengrün und strahlender Kerzen.

Alle Mitglieder des Vorstandes arbeiteten gemeinsam an der Ausgestaltung des Festsaales mit. Die Enkelkinder der Familie Weihe halfen wie immer tatkräftig mit. Die Tische waren schön geschmückt und durch kleine weihnachtliche Gaben und Aufmerksamkeiten von den Frauen der Handarbeitsgruppe bereitgestellt. Einen lieben Gruß zum Weihnachtsfest und für ein gesegnetes neues Jahr hatte sich für alle Teilnehmer Harald Kedzierski ausgedacht. Kurt Weihe hatte seine Arbeiten mit Holz und Bernstein ausgestellt. Irmgard Gläser zeigte eine Ausstellung ihrer Handarbeiten. Reinhard Gerullis begrüßte sehr herzlich alle Teilnehmer und bedankte sich recht herzlich für das zahlreiche Erscheinen. Das Wetter zeigte sich von der schönsten, sonnigen Seite und lockte viele Landsleute zur letzten Veranstaltung.

Zu Beginn wurde von Elli Springwald die Weihnachtsgeschichte erzählt. Danach hörten wir das Gedicht: Zauber der Weihnacht – ebenfalls von ihr vorgetragen. Nun begleitete uns Kurt Weihe mit Musik und alle sangen fröhlich mit: „Bald nun ist Weihnachtszeit“.

Irmgard Gläser trug ein Gedicht vor vom „Advent“. Hannelore Kedzierski erzählte eine bewegende Geschichte von einem ganz besonderen Geschenk, welches ein Kind der Lehrerin zur Weihnacht machte. Helga Büchner trug ein Gedicht vor von Weihnachten, wie es zu Hause in Ostpreußen war. Nun berichtete das Ehepaar Humitzsch von der Kirchgemeinde Niederfrohna über die Sozialarbeit im Königsberger Gebiet. Sie arbeiten als Projektleiter seit vielen Jahren erfolgreich. Frau Humitzsch ist von Beruf Bauprojektantin und konnte dadurch den Grundstein legen für den Aufbau einer Gemeinschaftseinrichtung und die Bauausführung überwachen.

Sie sprachen voller Begeisterung über ihre Arbeit und hatten Bilder mitgebracht wie dieses neue schöne Haus entstanden ist unter schwersten Bedingungen. Von Anfang an bis zur Fertigstellung des Gebäudes ließ sich anhand der Bilder alles verfolgen. Die Freude der Menschen in diesem Gebiet war in den strahlenden dankbaren Gesichtern abzulesen. Der Bericht war sehr interessant und machte nachdenklich. Wir sagen Danke dem Ehepaar Humitzsch.

Nach eine Pause mit Kaffee und Kuchen kam der Weihnachtsmann (Reinhard Gerullis und Jürgen Scheffler) kamen mit dem Schlitten in den Saal. Jeder von uns erhielt einen kleinen Beutel Naschereien. Nach der Stärkung folgte gemeinsamer Gesang: „Leise rieselt der Schnee“ und „Oh Tannenbaum“, begleitet hat uns musikalisch Kurt Weihe.

Die kleine Urenkelin der Familie Weihe trug ein lustiges Gedicht vor von der Winterzeit und dem vielen Schnee und das man dabei auf die Nase fallen kann. Die kleine Maja Büchner sprach ein Gedicht von unserer Heimat Ostpreußen und untermalte es mit Weihnachtsliedern. Beide Kinder erhielten großen Beifall. Annelise Marschall sprach über Weihnachten im Memelland. Irmgard Gläser trug ein Weihnachtsgedicht vor. Anschließend sangen wir gemeinsam Weihnachtslieder. Kurt Weihe berichtete danach über seine Arbeit mit den Schülern der Gerhard Hauptmann Schule. So konnte dieses Jahr ein Bus bereitgestellt werden und es wurde eine Fahrt in das Museum nach Reichenbach OL durchgeführt. Vor Ort fand der Geschichtsunterricht statt. Das Interesse der Schüler war sehr groß und es wurden viele Fragen gestellt. Ein großer Erfolg die Jugend für unsere verlorene Heimat und das Schicksal unserer Menschen zu informieren und sie zu begeistern unsere Kultur und Brauchtum zu erhalten. Zum Abschluss wurden von Reinhard Gerullis Informationen für die Zukunft vorgetragen. Kurt Weihe sprach über die gemeinsamen Fahrten im neuen Jahr und über geplante Veranstaltungen.

Alle Teilnehmer erhielten den Veranstaltungsplan für das Jahr 2015 und sind zu allen Veranstaltungen herzlich eingeladen. Reinhard Gerullis und Kurt Weihe bedankten sich für die gute Zusammenarbeit und wünschten allen frohe Weihnacht und ein gesegnetes, gesundes neues Jahr. Unsere nächste Zusammenkunft findet am Sonnabend, 17. Januar statt.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle, Telefon privat (0345) 2080680.

Magdeburg – Sonntag, 11. Januar, 14 Uhr, Sportgaststätte Post, Spielhagenstraße: „Winter in der ostpreußischen Heimat” – Dienstag, 13. Januar, 13.30 Uhr, Immermannstraße: Stickerchen-Treffen. – Freitag, 2. Januar, 15 Uhr, TuS, Zielitzer Straße: Singekreis-Treffen.

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner. Geschäftsstelle: Telefon (0431) 554758, Wilhelminenstr. 47/49, 24103 Kiel.

Bad Oldesloe – Nach Begrüßung der vorweihnachtlichen Runde dankte die Vorsitzende den Mitgliedern Elfriede Storjohann und den Eheleuten Baltrusch und Makarowski für die liebevolle Vorbereitung des festlichen Nachmittags. Mit ihrem Gedicht „Weihnachtswunder» stimmte sie die Anwesenden auf den Nachmittag ein. Dann wurden die vertrauten Weihnachtslieder gesungen. Katharina Makarowski, Georg Baltrusch und Gisela Brauer lasen Texte über die Bedeutung der Weihnacht, die Feiern und Bräuche in der Heimat und heute. Die Runde wurde musikalisch begleitet von Dietmar Wrage. Gute Wünsche und kleine Aufmerksamkeiten konnten zu Eva Kosuch ins Wichern-Haus auf den Weg gebracht werden.

Pinneberg – Sonntag, 11. Januar, 15 Uhr: Filmvortrag „Ostpreußischer Winter“ von Dr. Hinkelmann. Voranmeldung unter Telefon (04101) 62667 oder (04101) 73473.


S. 18-19 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

ALLENSTEIN LAND

Kreisvertreter: Hans-Peter Blasche, Lankerstraße 40, 40545 Düsseldorf, Telefon (0211) 17181290; (02131) 902700 (dienstl.), Telefax (02131) 902430 (dienstl.) Geschäftsstelle: Gemeindeverwaltung Hagen, Postfach 1209, 49170 Hagen, Telefon (05401) 9770. www.allenstein-landkreis.de

Der Vorstand kam Ende Oktober zu seiner zweiten Sitzung in der neu verfassten Kreisgemeinschaft im westfälischen Hagen. zusammen. Der Kreisvertreter gab bekannt, dass das Finanzamt Osnabrück die Gemeinnützigkeit des Vereins anerkannt hat. Das bringt dem Verein finanzielle Vorteile. Herausragende Themen der Tagesordnung waren das Heimatjahrbuch Weihnachten 2014, die Bruderhilfe 2014, Mitgliederbeitritte, der Neujahrsempfang 2015 und das Heimattreffen 2015.

Das Heimatjahrbuch 2014, das erstmals von dem neuen Schriftleiter Andreas Galenski zusammen gestellt wurde, liegt seit Wochen der Druckerei vor und kommt Mitte Dezember 2014 an die erfassten Bezieher zum Versand. So löblich auch das Publikationsinteresse unserer Leser ist, so mussten doch einige druckreife Artikel zurückgerufen werden, weil das mit der Druckerei vereinbarte Limit überschritten war. Diese Artikel werden 2015 veröffentlicht. Der Bruderhilfe-Beauftragte, Ehrenvorsitzender Herbert Monkowski legte einen schriftlichen Bericht vor, der Gegenstand des neuen Heimatjahrbuches ist. Der Neujahrsempfang 2015 findet am 10. Januar 2015 im Anschluss an die 3. Vorstandssitzung des 7. Kreistages im Hotel Buller in Hagen am Teutoburger Wald (a.T.W.) statt. Es werden Gäste aus den Landkreisen Osnabrück und Allenstein sowie aus der Gemeinde Hagen a.T.W. erwartet. Diese schon zur Tradition gewordene jährliche Begegnung zwischen der Kreisgemeinschaft und ihren Paten und Partnern dient dem Gedankenaustauch und der Arbeitsförderung sowie der Versöhnung einst verfeindeter Völker. Altbürgermeister Hubert Große Kracht, der seit Jahren Ehrenmitglied unserer Kreisgemeinschaft ist, vollendet am 8. Januar sein 90. Lebensjahr. Er gibt am 11. Januar einen Empfang für unseren Vorstand.

Das Heimatkreistreffen 2015 findet wiederum zusammen mit der Stadtgemeinschaft Allenstein in Gelsenkirchen, Schloss Horst statt, und zwar vom 21. bis zum 23. September 2015.

 

ANGERBURG

Kreisvertreter: Kurt-Werner Sadowski. Kreisgemeinschaft Angerburg e.V., Landkreis Rotenburg (Wümme), Postfach 1440, 27344 Rotenburg (Wümme), Landkreis: Telefon (04261) 9833100, Fax (04261) 9833101.

Sport fördert die Gesundheit und stärkt die Persönlichkeit. Alfred Klerner, der am 9. Dezember 95 Jahre alt wurde, war in seinem Leben bis ins hohe Alter sportlich aktiv. Er machte vierundfünfzig Mal das Sportabzeichen.

Noch vor Beginn des zweiten Weltkrieges konnte er seine Ausbildung zum Vermessungstechniker in Angerburg abschließen. Bereits am 2. September 1939 wurde Alfred Klerner zur Wehrmacht einberufen und nahm zuletzt als Infanterist am 2. Weltkrieg teil bis das Ende im Ruhrkessel kam. Es gelang ihm, sich der drohenden Gefangenschaft zu entziehen. Nach Kriegsende war Alfred Klerner zunächst beim Katasteramt Burgdorf und danach beim Katasteramt Celle als Vermessungstechniker tätig, zuletzt als Ingenieur für Vermessungstechnik.

Alfred Klerner war auch dabei, als am 9. Juli 1949 im Fasanenkrug in Hannover-Bothfeld die Kreisgemeinschaft Angerburg gegründet wurde. Er wartete nicht bis er gerufen wurde, sondern übernahm von sich aus wichtige Aufgaben innerhalb der Kreisgemeinschaft. So gehörte er auch von 1973 bis 1977 der Angerburger Kreisvertretung an. Viele Jahre hat Alfred Klerner das Angerburger Zimmer im Honigspeicher, auf dem Heimatbundgelände in Rotenburg (Wümme) zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Freund Wolfgang Laser betreut. Mit wechselnden Schwerpunkten wurden im Honigspeicher Werke von Künstlern aus dem Kreis Angerburg gezeigt, unter anderem Plastiken von Ursula Enseleit, Karin Schulemann und Edith von Sanden sowie Erinnerungsstücke aus der ostpreußischen Heimat.

Für viele Bücher über Angerburg hat Alfred Klerner in unterschiedlichen Ausführungen Karten gefertigt. Besonders seine Stadtkarte von Angerburg nach dem Stand von 1944 hat vielen Besuchern nach 1945 geholfen, sich zu orientieren. Für sein großes Engagement um Angerburg und für Ostpreußen wurde Alfred Klerner 1994 mit dem „Silbernen Ehrenzeichen» und im Jahr 2002 mit dem „Goldenen» Ehrenzeichen» der Landsmannschaft ausgezeichnet.

Die Kreisgemeinschaft Angerburg und alle, die ihn kennen, gratulieren Alfred Klerner sehr herzlich zum 95. Geburtstag und wünschen ihm alles erdenklich Gute und dass die Beschwerden des Alters erträglich bleiben mögen.

 

GERDAUEN

Kreisvertreter: Walter Mogk, Am Eichengrund 1f, , 39629 Bismark (Altmark), Telefon (0151) 12 30 53 77, Fax (03 90 00) 5 13 17. Gst.: Doris Biewald, Blümnerstraße 32, 04229 Leipzig, Telefon (0341) 9600987, E-Mail: geschaeftsstelle@kreis-gerdauen.de.

Zur außerordentlichen Mitgliederversammlung lädt die Heimatkreisgemeinschaft am Mittwoch, 4. Februar, in den Raum des Heimatvereins Wunstorf im Alten Rathaus, Südstraße 1, in 31515 Wunstorf ein. Tagungsbeginn ist um 16.30 Uhr. Das Sitzungsende ist gegen 19 Uhr vorgesehen. Wir möchten darauf hinweisen, dass gemäß unserer geltenden Reisekostenrichtlinie keinerlei Reisekosten der Teilnehmer im Zusammenhang mit der Mitgliederversammlung durch die Heimatkreisgemeinschaft übernommen werden. Die Tagesordnung:

1) Eröffnung der Sitzung

2) Feststellung der ordnungsgemäßen Einberufung

3) Feststellung der Zahl der stimmberechtigten Mitglieder

4) Genehmigung der Tagesordnung

5) Beschlüsse

5.1. Beschluss über das Stiftungsgeschäft der Stiftung Kreis Gerdauen

5.2. Beschluss über die Satzung der Stiftung Kreis Gerdauen

6) Anfragen und Anregungen

7) Schließung der Sitzung

Die Entwürfe von Stiftungsgeschäft und Stiftungssatzung, wie sie der Mitgliederversammlung zur Beschlussfassung vorgelegt werden, werden im Heimatbrief Kreis Gerdauen Nr. 54 (Dezember 2014) abgedruckt. Teilnahme- und stimmberechtigt sind alle Mitglieder der Heimatkreisgemeinschaft Gerdauen e.V. gemäß § 2 der Satzung der Heimatkreisgemeinschaft in der Fassung vom 29. September 2012.

 

KÖNIGSBERG LAND

Kreisvertreterin: Gisela Broschei, Bleichgrabenstraße 91, 41063 Mönchengladbach, Telefon (02161) 895677, Fax (02161) 87724. Geschäftsstelle: Im Preußen-Museum, Simeonsplatz 12, 32427 Minden, Telefon (0571) 46297, Mi. Sa. u. So. 18-20 Uhr.

Hinweis auf eine eine zehntägige Busreise nach Königsberg vom Freitag, 5. Juni. bis Sonntag, 14. Juni: Abfahrt ist in Duisburg um 6 Uhr mit Zwischenübernachtung in Schneidemühl im Hotel Rodlo. Weiterfahrt nach Marienburg, Braunsberg zur Grenze Richtung Königsberg, Hotel Kaliningrad, sieben Übernachtungen. Tagesfahrt am 7. Juni: Richtung Tilsit über Labiau. 8. Juni: Waldau, Heiligenwalde. 9. Juni: Richtung Kurische-Nehrung über Cranz. 10. Juni: Zur freien Verfügung. 11. Juni: Palmnicken-Rauschen. 12. Juni: Letzter Tag in Königsberg noch mal zur freien Verfügung. 13. Juni: Richtung Stettin, Hotel Panorama. 14. Juni: Richtung Deutschland. Änderungen vorbehalten.

Weitere Informationen und das komplette Programm, sowie die Anmeldungen erhalten Sie bei, Willi Skulimma Aakerfährstr. 59, 47058 Duisburg, Telefon (0203) 335746. Oder bei Greif Reisen, Rübezahlstr. 7, 58455 Witten-Heven, Telefon (02302) 24044

 

NEIDENBURG

Kreisvertreter: Jürgen Szepanek, Nachtigallenweg 43, 46459 Rees-Haldern, Tel. / Fax (02850) 1017.

Zu seinem 90. Geburtstag am 22. Mai vergangenen Jahres haben wir Landsmann Janke herzliche Glückwünsche übermittelt. Er hat sich sogar noch telefonisch bei mir bedankt, was uns beide sehr gefreut hat. Innerhalb von Jahrzehnten wurden viele Telefonate mit dem Unterzeichner und anderen Landsleuten geführt, wie auch eine umfangreiche Korrespondenz ausgetauscht. „Das Neidenburger lebende Lexikon», wie er liebe- und respektvoll genannt wurde, ist nun nicht mehr in unseren Reihen. Die entstandene Lücke dieses so heimattreuen Zeitgenossen wird nur schwer zu schließen sein. Schon in den ersten Nachkriegsjahren hat Hermann Janke die Neidenburger Jugend bei Seminaren und Veranstaltungen begleitet. Viele Impulse gingen von ihm aus. Nicht unerwähnt soll hier auch die Heimatliebe seines Vaters Karl Janke bleiben, dessen Reime an verschiedenen Stellen in unseren Heimatbüchern abgedruckt sind. Sicher ein gutes Beispiel der Heimatarbeit, welches dem Sohn vorgelebt wurde. Wenn einer der jüngeren, aber auch vielfach älteren, Neidenburger bei Anfragen nicht mehr recht weiter wusste, hieß es: „Rufen Sie doch mal Hermann Janke in Bielefeld an“. Bei noch so kniffligen Fragen, wusste er immer einen Weg des Weiterkommens. Viele Jahre war der Verstorbene Mitglied unseres Kreistages und eine Zeit lang auch Revisor. Auf Initiative unserer Kreisgemeinschaft wurde der Verstorbene durch die Landsmannschaft Ostpreußen 1997 mit dem Silbernen und im Jahre 2005 mit dem „Goldenen Ehrenzeichen für seine hervorragenden Verdienste um Heimat und Vaterland“ ausgezeichnet.

Am 29. November 2014 hat Hermann Janke seine Augen für immer geschlossen. Die Kreisgemeinschaft Neidenburg dankt dem Verstorbenen für seine außergewöhnlichen Leistungen um seinen Heimatkreis und seine Menschen. Am 4. Dezember wurde auf dem Waldfriedhof in Bielefeld-Sennestadt die Trauerfeier gehalten. Unter den Klängen des Ostpreußenliedes begleiteten wir ihn zur letzten Ruhestätte. Danke Hermann Janke!


Weihnachten im Memelland
Mit 400 gespendeten Lebensmittelpäckchen führen Friedhelm Schülke und Manfred Schukat von West nach Ost

Vor genau 70 Jahren, im Herbst 1945, begann die große Flucht der Zivilbevölkerung aus Ostpreußen. Mit Pferd und Wagen, Schlitten und Bündel flüchteten Millionen Menschen vor dem Krieg.

So war es eine ganz besondere Reise genau in die andere Richtung – von West nach Ost – die Manfred Schukat und Friedhelm Schülke von der Landsmannschaft in Mecklenburg-Vorpommern und dem Bund der Vertriebenen in Anklam zum zweiten Advent unternahmen. Im Gepäck: Etwa 200 liebevoll gepackte Weihnachtspäckchen vom Heimattreffen im Anklamer Volkshaus, dazu weitere 200 Weihnachtstüten mit Stollen, Kaffee, Wurst und Schokolade. So kamen insgesamt 400 Sendungen zusammen – mehr als in den Vorjahren.

Das allererste Päckchen lieferte Familie Partosch aus Anklam ab, das letzte übergab Schwester Erna Dreyszas in Kiel am Fährterminal. Geldbeträge, für die ein Teil der Päckchen gekauft wurde, spendeten der Bibelkreis Blesewitz und über 100 Einzelpersonen. Die Anklamer Fleisch- und Wurstwaren GmbH in Relzow steuerte 150 Kilogramm Dauerwürste bei. Sogar von der Schiller-Schule Berlin-Reinickendorf kamen Pakete. Der stadtbekannte 25 Jahre alte gelbe VW-Bus war fast bis obenan vollgestopft, als es von Anklam über die Autobahn nach Kiel ging.

Tobte während der Überfahrt im vorigen Jahr der Orkan „Xaver“, so gab es diesmal einen Sturm anderer Art: Im Bauch der Fähre amerikanische Panzer und über der Ostsee russische Düsenjäger. Ein ungutes Gefühl – erst recht eingedenk der Kriegsereignisse vor 70 Jahren! Dennoch erreichte der Transport am Abend vor dem zweiten Advent pünktlich die Stadt Memel. Als erstes wurde die evangelische Diakonie „Sandora“ (Eintracht) angesteuert. Dort hatte die Leiterin der Sozialstation, Magdalena Piklaps, mit ihren Helfern gewartet, um die meisten Päckchen auszuladen und später nach einem festen Schlüssel zu verteilen. Denn es gibt im Memelland noch viele deutsche Landsleute, die materiell nicht so gut gestellt sind.

Am Sonntagmorgen hieß es früh aufstehen, um in Heydekrug am evangelischen Gottesdienst teilzunehmen. Mittags traf sich dann der deutsche Verein „Heide“ zur Adventsfeier. Dort überbrachte Manfred Schukat die Weihnachtsgrüße der Spender. 120 Präsente konnten gleich an die Empfänger ausgereicht werden. Dazu wurde Friedhelm Schülke von der Vorsitzenden Gerlinda Stunguriene als litauischer Weihnachtsmann verkleidet. Mit ausgestopftem Bauch, verstellter Stimme und einigen Brocken Litauisch erkannte ihn selbst sein Kollege Manfred Schukat kaum. Die 87-jährige Traute Bakutiene aus Russ musste ein Gedicht aufsagen und folgte sogleich. Als die Reihe an Erika Rademacher aus Kinten kam, hatte sie vor lauter Aufregung ihren kurzen Reim total vergessen. Auch Alfred Užpurvis aus Kukoreiten wurde mit einem Präsent seiner Schwester Heidi Duckwitz aus Ziethen bedacht, die leider nicht mitfahren konnte.

Am Montagmorgen war Bescherung im deutsch-litauischen Hermann-Sudermann-Gymnasium Memel, der einzigen Schule mit deutscher Unterrichtssprache im gesamten Baltikum. Nach der ersten Stunde versammelten sich alle 550 Schüler in der frisch renovierten Aula zum „Adventsmontag“, der dort nach jedem Adventssonntag begangen wird. Einem zuvor einstudierten Programm mit Schneekönigin und Begleitung folgten deutsche Adventslieder – zum Schluss das beliebte „Silber und Gold“ von Rolf Zukowski. Die beiden Anklamer händigten persönlich die Spenden an die Schuldirektorin und die Musiklehrerin aus und luden den Schülerchor zum 20. Landestreffen der Ostpreußen 2015 nach Schwerin ein.

Anschließend ging es in das nahe Kirchdorf Plicken zur Pfarrersfamilie Ludwig und Elsbeth Feting, die auch noch einige Spenden erhielten. Abends hatte Magdalena Piklaps zu einem gemeinsamen Essen eingeladen, um Dankeschön zu sagen. Lange konnte man aber nicht beisammen sein, denn am Dienstag fuhr in aller Frühe die Stadtfähre zur Kurischen Nehrung und ein Linienbus zum bekannten Hauptort Nidden (Nida) mit seinen malerischen Fischerhäusern. Die Morgendämmerung am Kurischen Haff, die riesige Wanderdüne, ein Fußmarsch über zehn Kilometer und ganz frische Elchspuren am Ostseestrand waren Erlebnisse besonderer Art – und über allem eine wunderbare Stille.

Die Rückfahrt mit der Fähre verlief ruhig und fast pünktlich. An Bord war internationales Publikum – litauische, estnische, armenische und kurdische Kraftfahrer tauschten mit den beiden Anklamern ihre Meinungen aus. Der VW-Bus war nun leer, und doch brachte man nach fünf Tagen im unsichtbaren Gepäck den Dank der Empfänger sowie schönste Eindrücke aus dem Memelland zurück. Der Fährgesellschaft DFDS „Seaways Baltic“ und den vielen fleißigen Helfern in Anklam ist besonders Dank zu sagen, denn sie machten diese Aktion erst möglich. Auch 2014 wachte über dem Weihnachtsunternehmen ein Schutzengel.

Friedhelm Schülke


Königsbergs älteste Postkarte
Sammler Evgeny Dvoretski entdeckte eine echte Rarität. Wer kann weiterhelfen?

Wissen Sie, immer wenn ich alte Postkarten in die Hand nehme und sie vor mein Gesicht halte, atme ich den Duft der Geschichte ein.“

Der leidenschaftliche Sammler ostpreußischer Postkarten und russische Journalist Evgeny Dvoretski lebt heute in Hamburg. Vor langer Zeit ist der in Tapiau geborene Autor aus Königsberg nach Deutschland gekommen.

Bei Dvoretskis neuestem Fund handelt es sich wahrscheinlich um eine der ältesten Postkarten aus Königsberg. Er hat sie der Redaktion zugeschickt, um sie den Lesern der PAZ vorzustellen. Eventuell können sie Hinweise auf die Herkunft geben oder bei der Entzifferung der fehlenden Angaben helfen. Die Postkarte aus dem Jahr 1890 wurde in einem hiesigen Auktionshaus erworben. Auf dem Poststempel ist zu lesen: „Königsberg (Pr.) 20.6.90.“ Auf der Vorderseite ist gut das handschriftliche Datum 19.6.1890 erhalten. Dvoretski erklärte, dass ihm die Existenz von Postkarten dieses frühen Erscheinungsdatums bisher nicht bekannt war und das, obwohl er sich schon seit über 30 Jahren mit der Materie beschäftigt.

Die Postkarte zeigt die bekannte Darstellung des Börsengebäudes am Pregel, die Worte „Gruß aus Königsberg“ sind eine traditionelle Formulierung für alle Gelegenheiten, die sich in der Welt der Ansichtskarten bis zum heutigen Tag erhalten hat.

Worüber schrieb der Absender, dessen Name nur schwer zu entziffern ist? Hier sind die Zeilen, die für August Gabelmann in Lahr in der Nähe von Baden-Langenbach bestimmt waren: Lieber August. Immer noch keine Antwort von Dir, was ist eigentlich los? Ich bin bis 25…. (Juni? laut Poststempel) in Breslau. Hoffe ganz bestimmt etwas von dir vorzufinden. … Grüße mir Heide-Marie, Eduard etc. Nierstein noch fort? Was gibt es Neues? Herzlicher Gruß Adolf. Gruß an dein Frl. Schwester, Frl. Leny, etc. Breslau, Weißer Schwan.

Wer dem Sammler bei der genauen Entschlüsselung helfen kann, melde sich bitte in der Redaktion der PAZ unter redakti-on@preussische-allgemeine.de oder telefonisch unter (040) 41400834. PAZ


S. 20 Heimatarbeit

Im neuen Glanz
Umzug: Das Westpreußische Landesmuseum residiert jetzt in einem ehemaligen Franziskaner Kloster

Dass ein Museum im Laufe der Jahre die eine und andere Modernisierung oder Umgestaltung erlebt, ist selbstverständlich. Nicht so oft kommt es jedoch vor, dass ein Haus mit seinem gesamten Inventar umzieht. So geschehen im Falle des Westpreußischen Landesmuseums, das 1975 im historischen Drostenhof von Münster-Wolbeck eröffnet wurde. Seit Dezember 2014 ist das Museum an seinem neuen Domizil im ehemaligen Warendorfer Franziskanerkloster aus dem 17. Jahrhundert zu besuchen.

Zur Wiedereröffnung des Westpreußischen Landesmuseums gab es Anfang Dezember einen Festakt mit geladenen Ehrengästen, darunter Staatsministerin Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Ebenfalls unter den Gästen: Der Warendorfer Bürgermeister Jochen Walter, die Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Barbara Rüschoff-Thale, und der Landrat des Kreises Warendorf, Olaf Gericke.

Bei einem Rundgang verschafften sie sich einen ersten Eindruck von den Räumlichkeiten und den Höhepunkten.

Im Kreuzgang sowie im winkelreichen Obergeschoss mit den Klausurräumen ist in den vergangenen Monaten eine Dauerausstellung entstanden, die die vielfältige Geschichte der Region um Danzig am Unterlauf der Weichsel lebendig hält. Einige Aspekte sind neu in das Konzept eingearbeitet worden, wie etwa Schwerpunkte zur Geschichte der Kaschuben, der Alltagskultur, des Drittes Reiches und der Juden.

Meilensteine aus der Geschichte werden anhand von mehreren Stationen vorgestellt. Der historische Parcours führt vom Deutschen Orden zu den Hansestädten Danzig und Elbing über Friedrich den Großen bis hin zum nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie zur Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung.

Auch wenn die moderne Konzeption des Westpreußischen Landesmuseums am Standort in Warendorf die wechselvolle Geschichte durch zahlreiche Exponate aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet – die Ausstellungsmacher rund um Michael Wienand von der Firma „bild-werk“ haben multimediale Elemente in die neue Präsentation eingebaut – bleibt das Danzig Zimmer einer der Höhepunkte. Zu den Besonderheiten des Hauses zählen aber auch die aus dem 17. Jahrhundert stammende Tapisserie des Eggert von Kempen und eine Reihe von Gemälden des aus Marienburg in Westpreußen stammenden Expressionisten Bruno Krauskopf. Herausragende Exponate sind zudem das Modell einer Kanone im Bernsteinkabinett sowie das Modell der Stadt Elbing vor 1450.

Monika Grütters betonte in ihrer Eröffnungsrede die herausragende kulturelle Bedeutung Westpreußens: „Man muss nicht unbedingt ins Landesmuseum kommen, um Bekanntschaft mit dem kulturellen Erbe Westpreußens zu machen. An diesem Erbe kommt man gar nicht vorbei, weil unser modernes Weltbild aus Westpreußen stammt: Nikolaus Kopernikus, dem in Thorn geborenen Astronomen, verdanken wir die Erkenntnis, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.“

Das Westpreußische Landesmuseum wird getragen von der Kulturstiftung Westpreußen, einer öffentlichen Stiftung des privaten Rechts. Neben Sammeln, Präsentieren, Sichern und Auswerten altpreußischen Kulturgutes gehören zu den Aufgaben der Einrichtung auch die ständige Pflege von Verbindungen und Zusammenarbeit mit kulturellen Institutionen der östlichen Nachbarvölker, insbesondere mit den polnischen im unteren Weichselland. In der Dauerausstellung werden all diese Aspekte berücksichtigt.

Das Landesmuseum wird getragen von der Kulturstiftung Westpreußen, einer öffentlichen Stiftung des privaten Rechts. Neben Sammeln, Präsentieren, Sichern und Auswerten altpreußischen Kulturgutes gehören zu den Aufgaben der Einrichtung auch die ständige Pflege von Verbindungen und Zusammenarbeit mit kulturellen Institutionen der östlichen Nachbarvölker, insbesondere mit den polnischen im unteren Weichselland. In der Dauerausstellung werden all diese Aspekte berücksichtigt. Dieter Göllner

(Text und Interview)


»Neuester Stand der Forschung«
Anlässlich der Eröffnung sprach die Preußische Allgemeine Zeitung mit Martin Steinkühler dem stellvertretender Direktor des Landesmuseums.

PAZ: Welches waren die größten Schwierigkeiten bei der Neustrukturierung und dem Umzug?

Dr. Martin Steinkühler: Der eigentliche Umzug konnte relativ schnell bewerkstelligt werden. Die letzten Monate ist jedoch sehr intensiv an der neuen Dauerausstellung gearbeitet worden. Der aktuelle Stand der Forschung ist eingeflossen. Außerdem wurde eine Präsentationsweise entwickelt, die historische Zusammenhänge nachvollziehbar machen soll. Zusätzlich mussten noch einige Exponate beschafft werden, um Schwerpunkte deutlicher herauszustellen.

PAZ: Welches sind die finanziellen Hintergründe für den neuen Standort?

Steinkühler: Das Museum ist im ehemaligen Franziskanerkloster Mieter der Eigentümerfamilie Horstmann. Ein langfristig angelegter Mietvertrag ermöglicht dem Haus kontinuierliches Arbeiten. Entscheidend ist nicht zuletzt, dass nun fast 50 Prozent mehr Ausstellungsfläche also über 1.000 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Hauptfördergeberin des Hauses ist die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Von dort kommen rund 80 Prozent der Gesamtfördermittel. Weitere Förderung erhält das Museum durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, das Land Nordrhein Westfalen und die Stadt Warendorf. Der Jahresetat einschließlich aller laufenden Kosten bewegt sich im mittleren sechsstelligen Bereich.

PAZ: Wie viele Besucher erwartet sie?

Steinkühler: In Wolbeck hatte das Museum circa 12000 Besucher pro Jahr. Wir arbeiten natürlich darauf hin, diese Zahl zu steigern. Die Angebote des Museums sollen daher mit den lokalen Kulturinstitutionen vernetzt werden. Besonders durch das im Museum ansässige Kulturreferat Westpreußen, das eigene Veranstaltungen und Vermittlungsformate anbietet, sollen auch Schulen angesprochen werden.


S. 21 Reise

Stadt des Bieres und der Engel
Pilsener, Škoda und nun sogar Kulturhauptstadt − Das böhmische Pilsen macht sich in diesem Jahr besonders fein

Das böhmische Pilsen ist neben dem belgischen Mons (Bergen) europäische Kulturhauptstadt 2015. Überall trifft man auf Spuren deutscher Vergangenheit.

Pilsen war jahrzehntelang eine „graue, schmutzige Industriestadt“, erzählt Oberbürgermeister Martin Baxa. Der entspannt wirkende ehemalige Geschichts- und Geografielehrer will seiner Stadt ein neues Image verpassen: Kunst, Kultur, kreativ.

Zwei Straßenbahnstationen außerhalb des Zentrums liegt der Südbahnhof. Die quietschgelbe Bahn „made in ČSSR“ gleitet vorbei an der Großen Synagoge, deren Türme mit den beiden goldenen Davidsternen das Stadtzentrum überragen, passiert das moderne Einkaufszentrum und Reihen grauer Häuserzeilen. Es geht vorbei an vierstöckigen Jugendstil- und verschnörkelten klassizistischen Fassaden – manche frisch saniert, andere noch im realsozialistischen Einheitsgrau. Ein Stilmix aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Mit Handel und Industrie ist Pilsen reich geworden: Maschinenbau, Metallindustrie und eine der größten Brauereien der Welt: 1842 brachte ein bayerischer Braumeister seine Handwerkskunst nach Böhmen. Der Betrieb wuchs zum Großunternehmen Pilsener Urquell heran. Die Stadt lieferte den Namen für die untergärige Biersorte: Pilsener, kurz Pils. Lecker schmeckt die ungefilterte, naturtrübe, nicht pasteurisierte Variante: Ein bronzefarbenes, hefehaltiges Bier, das die Brauereibesucher frisch vom Fass serviert bekommen. Weil es nach zwei, drei Tagen verdirbt, be­kommt man es nur in der Brauerei und einer Altstadt-Kneipe.

An den rohen Wänden des alten Südbahnhofs hängen Fotos in allen Größen. Durch die Gänge hallen Hammerschläge. In einem dunklen Raum werkelt ein 29-Jähriger mit kahlgeschorenem Kopf und Stoppelbart: Lukasch Houdek klebt seine Din-A-3-großen Schwarz-Weiß-Bilder auf die nackten Wände. Auf den etwas unscharfen Fotografien posieren scheinbar verkrüppelte Gestalten mit schwarzen Gesichtern vor verfallenen Häusern im Böhmerwald. Eine verkrümmte Frau holt Wasser aus einem Brunnen. Fotograf Lukasch hatte für die gruselige Serie Freunde verkehrt herum in Trachten gesteckt, die ihm Vertriebene geliehen haben.

Er ist in einem Haus aufgewachsen, das einst Böhmen-Deutschen gehörte. Auf seine Fragen nach der Geschichte erhielt er ausweichende Antworten: „Meine Oma wusste viel aus dem Krieg“, erzählt der Fotograf. „An die Jahre danach konnte sie sich nicht erinnern“.

So fing Lukasch an nachzuforschen, durchsuchte das Internet und tschechische Archive. Was er fand, entsetzte ihn: Dokumente über Massaker an Zivilisten. Er verstehe die Wut der Menschen nach den Verbrechen der Besatzer. „Aber das rechtfertigt nicht die Morde an Unbeteiligten.“ Mit seinen Bildern will er zeigen, dass „wir alle zu Mördern werden können“. Beliebt macht er sich damit in Tschechien nicht. Landsleute beschimpften ihn als Verräter und einem von Deutschen bezahlten Geschichtsfälscher.

Bekannt geworden ist Houdek mit seiner Bilderserie „The Art of Killing“. Darin hat er Massaker an deutschen Zivilisten in Böhmen mit Barbiepuppen nachgestellt und fotografiert. Viele Zeitungen, darunter die „Süddeutsche“, berichteten darüber. Im Herbst startet er sein nächstes Projekt. Mit einer Kollegin will er zeigen, dass sich die Schicksale der heute so unbeliebten Flüchtlinge wenig von denen damals unterscheiden.

1998 zogen die ersten Künstler in das halb verfallene, unbeheizte Nebengebäude des Südbahnhofs. Sie richteten in dem mehr als 100 Jahre alten Jugendstil-Bauwerk Ateliers und Probenräume ein. Auf der Bühne in der ehemaligen Bahnhofshalle spielen Theatergruppen und Tanz-Ensembles. „Wir verbinden Kunst mit Bildung“, berichtet Roman Cernik in der Kneipenstube des Kulturzentrums: Über der selbstgebauten Theke hängt das ausgediente schwarz-weiße Bahnhofsschild. Die Gäste sitzen auf alten Stühlen, die Unterstützer dem Kulturzentrum „Johan“ gespendet haben.

Cernik, Jahrgang 1963, kräftig und bärtig, hat das Zentrum 1998 mitgegründet. „Hauptsächlich ma­chen wir experimentelle Projekte, die verschiedene Kunstrichtungen verbinden. In der als verschlafen-konservativ verschrienen Provinzstadt habe sich das „Johan“ seinen Platz erkämpft. „Der Bürgermeister unterstützt uns. Mit der Europäischen Kulturhauptstadt planen wir Projekte“, freut sich Cernik.

In der Stadt werben Plakate und Fahnen für Pilsens Auftritt als Kulturhauptstadt Europas. Einige ihrer Manager sind wie Außerirdische aus höheren Sphären kultureller Abstraktion ins Böhmerland gefallen. Es sind Intellektuel­le − die meisten aus der Haupt­stadt Prag − wie der künstlerische Leiter des Programms Petr Forman. Unter dem Motto „Open Up“ will der Sohn des Filmregisseurs Miloš Forman („Amadeus“) mit seinem Team die Pilsener und ihre Besucher mit „leicht zugänglichen Angeboten auf hohem Niveau“ begeistern: Zirkus ohne Tusch und Tiere, ein Auftritt bunter Riesenfiguren der Compagnie Royal de Luxe aus Nantes, ein barocker Musiksommer in verfallenen Landkirchen, ein interaktives Riesenkarussell aus Paris, das auf dem Hauptplatz gastieren wird. Das Programm sieht er „an der Nahtstelle zwischen Attraktion und Kunst“.

„Die Pilsener“, sagt Forman, „warten ab, aber wenn sie das Programm sehen, werden sie mitmachen.“ Der Künstler betreibt mit seinem Bruder das international bekannte „Forman Brothers Theatre“. Pilsen kennt er seit Kindertagen.

Pilsen will eine Kulturhauptstadt zum Mitmachen werden. Jakub Deml leitet das Programm „versteckte Stadt“. Mit seinem Team arbeitet er an einheimischen Charakteren, die Besuchern in Handy-Apps die Stadt aus ihrer Sicht nahebringen sollen: der Brauer, der das Pilsener Urquell erfand, ein Arbeiter der Škoda-Werke, ein Künstler oder ein zwölfjähriges Mädchen. Das Ziel: Die Figuren führen Touristen in Viertel, deren Bewohner sie in Empfang nehmen und sie in ihren Alltag einladen. Das Geld dafür kommt nicht nur aus dem 420 Millionen Kronen- (rund 15 Millionen Euro) Budget der Kulturhauptstadt.

Über die Internet-Plattform everfund.cz sammeln die Projektplaner Unterstützung. „Ein Jahr lang haben wir weltweit Finanzierungs-Seiten untersucht“, er­zählt Manager Ondrej, ein 36-Jähriger mit Fusselbart und Hipsterbrille. Eine bunte Kinderzeichnung ziert die Klappe seines Klapprechners. „Das war meine Tochter“, erzählt der junge Papa. Er hat Kulturmanagement studiert. Das Besondere an seiner Internetseite: Die Betreiber beraten Leute, die dort ihre Projekte einstellen wollen, und begleiten sie über die Startphase hinaus. „Wer beim Bühnenbau mit anpacken will oder ein Auto verleihen kann, ist genauso willkommen wie ein Spender.“

Entscheidend für den Erfolg sei die Belohnung, die die Initiatoren auf der Plattform anbieten. „Die Menschen wollen einmalige Erlebnisse und die Projekte mitgestalten. So sammeln derzeit Leute Unterstützung, die eines der vielen zubetonierten Fluss­ufer renaturieren möchten. Denen schlägt Ondrej vor, Helfern ein Picknick mit Freunden am freigelegten Wasser zu spendieren.

Die Stadt mit ihren knapp 180000 Einwohnern steckt voller Ideen. „Wenn du in die Hinterhöfe und Keller schaust, wirst du tollen Menschen begegnen, die ihre Stadt lieben und etwas be­wegen wollen.“ Franziska überschlägt sich fast vor Begeisterung. Seit vier Jahren lebt die Deutsche in Pilsen. Sie spricht fließend Tschechisch. Die quirlige 27-Jährige lobt die Vereine und Projekte, die „auch ohne Fördergelder verrückte Ideen“ umsetzten:

Vor einem leuchtend roten Vorhang geben die jungen Schauspieler des freien Theaters Abasta eine Vorstellung für Freunde. Ein Stück spielen sie auf „Tscheutsch“. In einer Mischung aus Tschechisch und Deutsch nehmen sie Verständigungsprobleme der Nachbarn auf die Schippe: Zwei Männer stecken Rücken an Rücken in einem

T-Shirt. Mal spricht der eine auf Deutsch zum Publikum, dann der andere auf Tschechisch. Der nächste Sketch erzählt vom Rendezvous einer schüchternen Tschechin mit einem großspurigen Deutschen.

„Tscheutsch“ hört man manchmal auch auf den Straßen der Pilsener Altstadt. Der Verein Tandem organisiert deutsch-tschechischen Jugendaustausch und bietet interaktive Stadtführungen auf „Tscheutsch“ an. Wer mitgeht, muss Aufgaben lösen und mit den anderen reden – egal wie.

Anděl zum Beispiel heißt Engel. Die gedeihen in Pilsen prächtig: Als Café-Restaurant, das vegetarische Kost serviert, als vergoldete, wasserspeiende Figur auf dem Platz der Republik oder versteckt an einem Gitter hinter der Sankt- Bartholomäus-Kathedrale: Dort blicken 25 kinderfaustkleine Engelsköpfchen auf die Passanten. Immer wieder bleibt jemand stehen, hält ein abgegriffenes, silber glänzendes Köpfchen fest und geht nach ein paar Sekunden weiter. Wünsche, an die man dabei denkt, gehen der Legende zufolge in Erfüllung. Robert B. Fishman

Europäische Kulturhauptstadt Pilsen 2015: www.plzen2015.cz/de. Deutschsprachige Infoseite: www.pilsen.eu/burger


Feuriges Temperament
Drachen und Feuersteine als Markenzeichen − Belgiens Kulturhauptstadt Mons zwischen alter Tradition und architektonischer Zukunft

Bergen, wie Mons mit deutschem Namen heißt, ist eine Stadt von gerade einmal 94000 Einwohnern. Doch was der Hauptstadt der Provinz Hennegau im Südwesten Belgiens an Quantität fehlt, will sie durch Qualität ausgleichen.

Mit aller Kraft versucht die einstige Grubenstadt in einer Symbiose aus reichem historischen Erbe und neuem Ansporn zum Kultur- und Hochtechnologiezentrum zu mutieren. Von globaler Bedeutung ist sie schon länger: Seit dem 31. März 1967 ist das nahe Casteau Sitz des Militärischen Hauptquartiers der Nato.

„Wo Technologie auf Kultur trifft“ ist daher das zukunftweisende Motto, mit dem sich Mons 2015 der Welt mit zwei Polen präsentiert: dem historischen Stadtzentrum und beachtlichen Neubauten, der reichen Geschichte und jungen IT-Unternehmen. So liegt im Vorort Saint-Ghislain eines der drei Rechenzentren von Google in Europa.

Treffpunkt der technologischen Evolution ist vom 12. März bis 19. Dezember 2015 das Café Europa im Innenhof des renovierten Mundaneum (Eröffnung Frühjahr 2015) in der Rue de Nimy mitten in der Altstadt. 1895 von Paul Otlet und Henri La Fontaine in Brüssel gegründet, wurde es 1993 nach Mons geholt. Als universelle Bibliothek des Weltwissens mit 15 Millionen handschriftlich verzeichneten und nach Themen geordneten Werken ist es quasi ein Vorläufer des Internets, mit dem man schon 1912 bis zu 1500 schriftliche An­fra­gen, vor allem zu den Hauptthemen Pazifismus, Anarchismus und Feminismus, beantworten konnte.

Fünf weitere Neueröffnungen sollen Mons’ Museumslandschaft ab dem Frühjahr bereichern: Die Arthotèque in der Kapelle des ehemaligen Ursulinenklosters in der Rue Claude de Bettignies, soll vom reichen Erbe der Stadt all das zeigen, womit sich die themenbezogenen Museen nicht beschäftigen. Das neue Mons Memorial Museum am Boulevard Dolez, um sich mit der Komplexität des Krieges zu befassen, vor allem mit den beiden Weltkriegen, die Mons zum Schlachtfeld machten und während denen die Stadt beide Male von deutschen Truppen besetzt wurde.

Die drei anderen neuen Mu­seen gehören zum Weltkulturerbe: Das Doudou-Museum hinterm Rathaus, um sich der aufregenden Prozession zu Ehren der Schutzheiligen Waltrudis – im Volksmund Doudou genannt – zu widmen. Ihrem Reliquienschrein im goldenen Prunkwagen folgen alljährlich bis zu 1500 Teilnehmer in alten Handwerker- und Ordenskostümen bis zur Grand Place, auf der zum krönenden Abschluss ein spektakulärer Drachenkampf stattfindet (31. Mai 2015). Zweitens das Silex’s im sechs Kilometer südlich gelegenen Spiennes, um die neolithischen Minen zu erläutern. Es ist eine der ältesten und ausgedehntesten Abbaustätten von Feuerstein in Europa.

Drittens wird mit der Wiedereröffnung des von jeder Ecke der Stadt aus sichtbaren barocken Belfrieds auch ein Info-Zentrum eingeweiht. Gehören doch auch die Glockentürme von Binche, Tournai, Thuin und Charleroi als mächtige lokale Symbole der Un­abhängigkeit zum Weltkulturerbe. Insgesamt verfügen Mons und die Provinz Hennegau über ganze 19 Einträge auf den Welterbe-Listen der Unesco: vom Bergbau bis zu Volksfesten und Militärmärschen, von Schiffshebewerken bis zur Kathedrale von Tournai.

Das Herz von Mons aber ist die Grand Place, der Marktplatz, mit ihren Bürgerhäusern vom 16. Jahrhundert aufwärts. Als Treffpunkt für Genießer ist im Sommer gut ein Drittel der Fläche mit Tischen und Stühlen bestückt. Blickfang ist das gotische Rathaus, das auch innen den Besuch lohnt. Daneben gehört die nahe Stiftskirche St. Waltrudis mit ihren reichen Kunstschätzen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Auch jenseits des historischen Zentrums schickt sich Mons an, Architekturgeschichte zu schreiben. Als Bindeglied zwischen der Altstadt und dem neuen Zentrum um die Kongresshalle sowie dem Geschäftszentrum Les Grand Prés wurde vom spanischen Architekten Santiago Calatrava ein in jeder Hinsicht ultramoderner futuristischer Bahnhof entworfen, der 2017 fertig sein soll. Schon im Festjahr wird wohl das von Stararchitekt Daniel Libeskind gebaute Kongresszentrum eröffnet. Mit einer Fläche von 6500 Quadratmetern setzt es auf eine große Zukunft. Helga Schnehagen


S. 22 Neue Bücher

Auf der Flucht
Erinnerungen an 1945

„Die Angst fuhr immer mit“, betitelte Jürgen Nolte seine Fluchtchronik. Kälte, Hunger, Angst und die Ungewissheit, ob man den Vater wiedersehen würde, waren die ständigen Begleiter während der dramatischen Kutschfahrt im Januar 1945 auf der Flucht vor den herannahenden Russen gen Westen.

Immerhin blieb dem Autor und seinen Angehörigen erspart, was er als Schicksal anderer beschreibt: „Sie machten sich zu spät auf den Weg nach Westen, gerieten zwischen die kämpfenden Fronten und mussten tausendfach Schreckliches erleiden“.

Die Noltes hatten Glück. Mit viel Geschick und Mut meisterte die Mutter kritische Situationen, immer bemüht, ihre drei Kinder zu beschützen. Der Vater, Verwalter des 900 Hektar großen Gutes Jerzew bei Lodz, war zunächst im Wartheland zurückgeblieben, um einen nachfolgenden Flüchtlingstreck zu organisieren.

Nolte beschreibt, vor wem man sich auf der Flucht hüten musste. Gefährlich waren Weißrussen und Kosaken, vormals Kämpfer in der deutschen Wehrmacht, nun eine „Plage“ und „Plünderer“. Zwiespältig das Verhältnis zu lokalen Deutschen, zurückweichenden Truppenteilen und „bornierten NS-Bütteln“, die „mit ihrer Durchhaltepropaganda die Bevölkerung belogen und betrogen“.

Den Deutschen gilt Noltes ganze Aufmerksamkeit – den Bauern, die Flüchtlinge so fair wie zuvor französische Kriegsgefangene behandeln, deutschen Schmieden, die Pferde der Flüchtlinge beschlagen und ihre lädierten Wagen flicken. Daneben gibt es Ellbogentypen, die sich in Trecks vordrängen, Dummköpfe, die ihre Leiterwagen überladen, damit „ihre gute Wäsche nicht den Russen in die Hände falle“, „fanatische NS-Parteigenossen“, die Vater Nolte wegen „Wehrkraftzersetzung“ anzeigen und fast vor ein Erschießungskommando bringen.

Vom Prolog bis zur abschließenden Zeittafel lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass er Hitler und sein Regime als Alleinschuldigen am Krieg ansieht, begünstigt durch viele Umstände – wie den unsinnig harten Versailler Vertrag und Polens rigorose Ablehnung Berliner Kompromisse. Am Ende kam der Krieg samt „nationalsozialistischer Rassen- und Vernichtungspolitik“.

Die Folgen schildert Noltes Buch mit menschlicher Empathie: „Viele Beinamputierte humpelten auf Krücken über die vereiste Straße, Es war ein desillusionierender Kontrast zu den Siegesfanfaren, die im Großdeutschen Rundfunk immer noch zu hören waren.“

Gekonnt verwebt Nolte dabei seine eigenen Erlebnisse mit den Tagebuchaufzeichnungen der Eltern aus dieser Zeit und erzählt die bewegende Geschichte einer Flucht, wie sie um 1945 vieltausendfach erlebt wurde.

Wolf Oschlies

Jürgen Nolte: „Die Angst fuhr immer mit. Unsere dramatische Flucht 1945“, Wartberg Verlag, Gudensberg 2014, broschiert, 144 Seiten, 14,90 Euro


Lektüre für Mutige
Wisnewskis Jahresrückblick: abgründig, abseitig, lesenwert

Aufgepasst, dieses ominöse Veröffentlichungsdatum kann doch kein Zufall sein. Es handelt sich um den 15.1.2015. Zählt man alle sieben Ziffern einzeln zusammen, landet man bei 15. Dann noch die Sieben hinzu addiert, und schon ergibt sich 22. Jetzt, liebe Leser, wird es spannend, denn der 22. Buchstabe im Alphabet ist das V. Also kein Buchstabe wie jeder andere. V steht für Verschwörung und natürlich für „verheimlicht, vertuscht, vergessen“. So heißt das alljährliche Jahrbuch von Gerhard Wisnewski, in dem er kundtut, was seiner Meinung nach in den vergangenen zwölf Monaten von der Mainstream-Presse übersehen, totgeschwiegen oder verfälscht dargestellt wurde.

„verheimlicht, vertuscht, vergessen – Was 2014 nicht in der Zeitung stand“ erscheint am 15. Januar und auf seinen 386 Seiten ist unter anderem auch derart krude Zahlenmystik zu finden. Nachzulesen ist hier auch die Vermutung, dass Michelle Obama ein Mann namens Michael ist, dass ihr (sein) Ehegatte Barack einst als homosexueller Kokain-Junkie unterwegs war, und dass sich eine Krebserkrankung mal eben weghungern lässt. Man müsse nur lange genug auf zuckerhaltige Speisen verzichten.

Vieles in diesem Buch klingt verrückt, anderes dagegen weniger – zum Beispiel das Kapitel über Malala. Das 17-jährige pakistanische Mädchen erhielt jüngst den Friedennobelpreis. Als beinahe madonnenhafte Ikone tritt sie für das Recht der Frauen auf Bildung ein. Wisnewski zeigt – gründlich recherchiert – die Ungereimtheiten und Hintergründe ihres Werdegangs auf und macht deutlich, welche Rolle die US-amerikanische PR-Agentur Edelmann dabei spielt.

Es ist wohl genau diese Mischung aus Abseitigem und durchaus Glaubwürdigem, die den Reiz des Buches ausmacht. Aller Voraussicht nach wird es wie seine Vorgänger den Sprung auf die „Spiegel”-Bestsellerliste schaffen. Das ist im Grunde ein erfreuliches Phänomen. Es zeigt, mit welcher Skepsis viele Deutsche mittlerweile die alltägliche Berichterstattung in den Mainstream-Medien betrachten.

Vor der leichtfertigen Lektüre sei hier allerdings gewarnt. Wisnewskis Buch ist abgründiger und düsterer als jeder Horror-Roman, denn er entführt nicht ins Fiktionale, sondern müht sich, die Wirklichkeit zu dekonstruieren. Nichts ist bei dem ehemaligen TV-Journalisten und Grimme-Preisträger wie es scheint. Absolute Gewissheiten wie Klimawandel und Ebola-Seuche werden zur Inszenierung. Das Grundgerüst unserer Lebensanschauung erweist sich als Konstrukt, dessen Scheinheiligkeit bei näherer Betrachtung an allen Ecken und Enden durchschimmert.

Wisnewski stellt vieles infrage und betrachtet anderes voller Zweifel. Aber sollte gerade dies nicht jeder mündige Bürger tun? Was heute als abwegige Verschwörungstheorie verlacht wird, kann sich morgen als wahr erweisen. Wer hätte es vor einem Jahrzehnt für möglich gehalten, dass die USA in einem offiziellen Bericht bekennen müssen, systematisch Gefangene zu foltern. Wer hätte 2013 geglaubt, das eine Boeing 777 mit 239 Menschen an Bord komplett verschwinden kann, wie mit MH 370 geschehen?

Das Fazit: Die Lektüre des Buches lohnt ebenso wie die der Vorgänger in den Jahren zuvor. Allerdings sollte man dabei, um bei der Zahlenmystik zu bleiben, unbedingt die geheimnisvolle Sieben und die nicht minder magische Dreizehn beherzigen. Der siebte Buchstabe des Alphabetes ist das G, der dreizehnte das M. G wie gesunder und M wie Menschenverstand. Frank Horns

Gerhard Wisnewski: „verheimlicht, vertuscht, vergessen – Was 2015 nicht in der Zeitung stand“, Knaur Taschenbuch, München 2015, broschiert, 368 Seiten, 7,99 Euro


Bella Figura beim Gottesdienst
Günther Jauch und andere TV-Größen über ihre Zeit als Messdiener

Markus Schächter, der bis 2012 Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens war, hat ein Buch über deutsche Prominente geschrieben, die den Weg von den Altarstufen zur Showbühne schafften. Und das außerordentlich erfolgreich.

Der Autor des Werkes „Die Messdiener“ befragte 13 Männer und eine Frau des deutschen Fernsehens zu ihren Erlebnissen rund um den Kirchendienst. Reinhold Beckmann, Alfred Biolek, Jürgen von der Lippe, Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Dieter Kürten, Markus Lanz, Anne Will oder Hape Kerkeling sind in der Publikation vertreten. Sie alle standen schon als Kinder ganz vorne. Von Weihrauch umwölkt, herausgehoben aus der Gemeinde und ihren Altersgenossen durch feierliche Gewänder, durch besondere ritualisierte Formen, durch ihre besondere Rolle als Messdiener.

Heute gehen sie nicht mehr die Altarstufen hinauf, sie schreiten die Show-Treppen herunter – und sind wieder ganz vorne dabei. Das kann kein Zufall sein, mutmaßt der Autor, der selbst ein ehemaliger Ministrant ist. Was also ist geblieben von dieser Kindheit? Von den Werten, die damals galten? Alfred Biolek zum Beispiel war dereinst Messdiener in einer kleinen Bergarbeiterstadt im heutigen Tschechien. Er habe schon früh eine Vorliebe für die Inszenierung, die Musik, den Weihrauch und die Gewänder entwickelt, sagt der Unterhaltungskünstler und Jurist.

500000 aktive Ministrantinnen und Ministranten gibt es derzeit im deutschsprachigen Raum. Ob sich auch unter ihnen zukünftige Showgrößen tummeln, werden wir sehen.

„Es gibt keinen einheitlichen kausalen Zusammenhang dafür, dass so viele Messdiener Karriere auf der Showbühne machten“, sagt Schächter, „das wäre ja auch noch schöner. Aber fast jeder bestätigte, dass der frühe Auftritt in so jungen Jahren und in so wichtigen Funktionen – die meisten hatten als Lektoren für Le-sung und Fürbitte Bella Figura gemacht – bei ihm einen guten Gusto und eine motivierende Genugtuung hinterlassen hat.“ Ein gelungenes Werk, das auch zwischen den Zeilen noch bewegende Aufschlüsse vermittelt. Silvia Friedrich

Markus Schächter: „Die Mess-diener. Von den Altarstufen zur Showbühne“, Herder, Freiburg 2014, gebunden, 192 Seiten, 18,99 Euro


Geistreich und voller Anspielungen
Erstmals ins Deutsche übersetzt: Ein Liebesroman von Alexandre Dumas

Eine reizvolle literarische Neuentdeckung aus der Feder von Alexandre Dumas dem Älteren (1802–1870) bietet die deutsche Erstübersetzung von „Ein Liebesabenteuer“. Erstmals erschien der Liebes- und Reiseroman 1860 in Frankreich. Dumas, Autor weltbekannter Abenteuerromane wie „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“, präsentiert sich hier als Ich-Erzähler.

Er berichtet von einer wenige Jahre zurück liegenden Episode aus seinem Leben, als er mit einer Schauspielerin aus Budapest eine Bahnreise nach Brüssel und Koblenz unternahm, von wo aus man weiter auf dem Rhein mit dem Dampfschiff bis Mannheim fuhr. Tatsächlich hatte ihn im September 1856 eine 25-Jährige ungarische Schauspielerin namens Lilla Bulyowski in seinem Pariser Heim aufgesucht. Sie hatte Dumas noch nie persönlich gesehen, verehrte aber seine Werke. Da die Bekanntschaft von beiden Seiten als erfreulich empfunden wurde, fasste Dumas spontan den Entschluss, die junge Frau auf der von ihr geplanten Reise zur berühmten Tragödin Sophie Schröder in Mannheim zu begleiten.

Mit dem Kunstgriff, die Namen zahlreicher Prominenter aus Gegenwart und Vergangenheit zu erwähnen oder diese in die Handlung mit einzubeziehen, hält Dumas die Neugier seines Publikums wach, und er fesselt seine Leser durch neckische Dialoge, die sich zum geistreichen Schlagabtausch steigern; und so erinnert das Wortgeplänkel zwischen dem Schriftsteller und seiner selbstbewussten Besucherin fast ein wenig an die Degenkämpfe der drei Musketiere. Gelassen nehmen sie es hin, dass ihr gemeinsames Auftreten sie in den Hotels in eine pikante Situation bringt. Zwar lässt das im Titel angekündigte Liebes-

abenteuer auf sich warten, unterdessen aber unterhält der in die Jahre gekommene Autor seine beiden Reisegefährtinnen – kurzzeitig hatte sich die Anzahl der jungen Verehrerinnen auf zwei erhöht – mit der Erzählung von einer stürmischen Liebesaffäre, die sich 20 Jahre zuvor auf See während einer ebenfalls stürmischen Schiffsreise von Neapel nach Sizilien zwischen ihm und einer Opernsängerin angebahnt hatte.

Auch im fortgeschrittenen Alter war der Lebemann Alexandre Dumas nach wie vor für die weiblichen Reize junger Damen höchst empfänglich – möglich ist aber auch, dass er seinen einschlägigen Ruf aus bestimmten Gründen pflegte. Angeblich nur aus Respekt vor Lilla, die ihm vertraut, unterlässt er bei ihr jeden Annäherungsversuch. Dabei hatte sie ihm von vornherein eröffnet, sie sei in ihrer Heimat glücklich verheiratet und Mutter eines Kindes. Das allein aber bewog den Frauenheld scheinbar nicht zur Zurückhaltung. Seinen Lesern gibt er zu verstehen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können. Nun aber bewundert er Lillas Charakter und ihre Geistesgaben, und er bedauert, dass es für ihn als Mann unmöglich sei, eine Frau wie sie zum Freund zu haben. Ob er in diesem Punkt ehrlich war oder nicht, bedauern musste den genussfreudigen Schriftsteller jedenfalls niemand. Essen und Trinken spricht er freudig zu, schwadroniert auch ausgiebig über die deutsche und die französische Küche. Trost für seinen vermutlich schon deutlich geschmälerten Erfolg als Herzensbrecher fand er zudem durch seine große Prominenz: Während ihn in Paris „nur etwa fünf von zehn Leuten“ auf der Straße erkannten, seien es in Brüssel „acht von zehn“, wie er der staunenden Lilla in Belgiens Hauptstadt erklärt.

Trotz der zeittypischen Idealisierungen wirft die temporeiche, humoristische Schilderung des routinierten Autors, der seine Leser durchaus nicht langweilen möchte, ein Licht auf die Mentalitäten der Protagonisten und sonstigen Beteiligten. Dank der gelungenen Übersetzung von Roberto J. Giusti ist diese mit Anmerkungen und einem Nachwort von R. Leick versehene Ausgabe eine literarische Köstlichkeit.

Dagmar Jestrzemski

Alexandre Dumas: „Ein Liebesabenteuer”, Manesse Velag, Zürich 2014, gebunden, 199 Seiten, 19,95 Euro


S. 23 Rautenberg Buchhandlung

Rautenberg Buchhandlung


S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Lästige Wahrheit / Was uns Gerhard Schröder für 2015 empfiehlt, wie dumpf und diffus wir wirklich sind, und wie wir wieder Lust am Wählen bekommen

Haben Sie sich für dieses Jahr schon etwas vorgenommen? Altkanzler Gerhard Schröder hat eine wundervolle Idee, wie wir uns 2015 sinnvoll die Zeit vertreiben können: Um diese Pegida-Bewegung und was da noch so dran hängt, endlich in Grund und Boden zu stampfen, fordert er von uns einen neuen „Aufstand der Anständigen“ gegen Rechts.

Das hat er schon einmal sehr erfolgreich durchgezogen. Aufhänger war der Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge am 2. Oktober 2000. Auf dem Höhepunkt des „Aufstands“ marschierten in Berlin am 9. November 200000 Anständige auf, um gegen Rechts zu demonstrieren, angeführt von Kanzler Schröder, der Oppositionsführerin Angela Merkel und allen anderen, die im Staat etwas zu sagen hatten.

Kurze Zeit darauf schockierten uns die Medien mit einer Geschichte, die zeigte, wie abgrundtief böse die Deutschen sind, und setzten dem Entsetzen damit die Krone auf. Im sächsische Sebnitz hätten Neonazis drei Jahre zuvor einen kleinen Jungen im Freibad ertränkt, während Hunderte Sebnitzer Bürger tatenlos, wenn nicht gar zustimmend dabeistanden. Die Tat sei seitdem unter den Teppich gekehrt worden. Im Internet forderten aufgebrachte Leute, als Strafe die ganze Stadt dem Erdboden gleich zu machen.

Wenige Tage später stellte sich heraus, dass der Tod von Sebnitz ein Unfall und die Neonazi-Geschichte die Erfindung einer Mutter war, die über den Tod ihres Kindes nicht hinwegkam. Einige Wochen darauf wurde überdies gemeldet, dass die Synagoge von zwei jungen Moslems attackiert worden war.

Reaktion? Eigentlich keine. Weniger noch: Schröder findet seinen Windmühlen-Feldzug von damals heute noch so famos, dass er ihn glatt wiederholen möchte. Jedoch hätte er dann frühzeitiger die Regie übernehmen müssen. Da ist heftig geschlampt worden. Wie konnte bloß so schnell herauskommen, dass es Islamisten waren, die vergangenen Sommer die „Juden ins Gas“ wünschten? Das hätte man doch offen lassen können, um die öffentlich in deutschen Straßen gegrölten Parolen – zunächst einmal – den Eingeborenen in die Schuhe zu schieben! Daraus hätten wir gewiss einen neuen „Aufstand“ nach Schröders Geschmack zimmern können. Zu Pegida wäre es danach nie gekommen (die hätten sich gar nicht getraut), denn die Berichtigung, wer die Schreihälse wirklich gewesen sind, wäre, nach dem Drehbuch des Jahres 2000, dermaßen spät und beiläufig erfolgt, dass keine sichtbaren Kratzer auf der Moralpolitur des „Aufstands“ entstanden wären.

Diesmal aber kam die lästige Wahrheit viel zu früh heraus, und nun haben wir den Salat. Wie tief sich die Verunsicherung in die Seelen der Obrigkeit gefressen hat, wurde einem erst über die Feiertage bewusst. Tagelang sahen wir in den Medien ein einziges Wundenlecken und verstörtes Umhertasten nach Wunderwaffen gegen den neuen Bürgerzorn.

Was tun? Sogar gut gemeinte Gegen-Inszenierungen gerieten zum Lacher. Zur bislang größten Dresdener Anti-Pegida-Demo am 8. Dezember mussten bezahlte Kräfte angeheuert werden. Übers Internet suchten die Initiatoren des Anti-Pegida-Aufmarsches sogenannte „Promoter“, welche Ballons aufblasen und verteilen sollten für die Gegendemo. Zehn Euro die Stunde sollte es geben, allerdings nur gegen Vorlage eines Gewerbescheins.

Ja, eines Gewerbescheins. Demnach funktioniert das Anti-Pegida-Gewerbe nach dem gleichen schlanken Muster wie die beliebte Scheinselbständigkeit, gegen welche Gewerkschaften und Sozialverbände seit Jahren so entrüstet ankämpfen: Damit man keine Sozialbeiträge für den Beschäftigten abführen muss, lässt man ihn als „Selbstständigen“ schuften. Dann bleibt er mit den Zusatzkosten allein, der Arbeitgeber tritt ja nur als „Vertragspartner“ auf und ist fein raus.

Derweil präsentierte uns die ARD-Sendung „Panorama“ einen fast authentischen Pegida-Nazi, der sein finsteres Gedankengut offen bekennen mochte. Leider flog den tapferen Aufklärern kurze Zeit später die Enthüllung um die Ohren, dass es sich bei dem Mann in Wahrheit um einen RTL-Reporter handelte, der sich eine Rolle zurechtgelegt hatte.

Was tut man bloß angesichts von so viel Peinlichkeit? Klar doch: Man setzt noch einen drauf! Der ARD-Sender Radio Bremen lud zwischen den Jahren einen „Terrorismus-Forscher“ in sein TV-Magazin, um mit ihm die Pegida-Gefahr an die Wand zu malen. Terror-Warnung vor Pegida!

Die Experten, Politiker und Macher von Qualitätsmedien sind sich trotz aller Rückschläge einig, was zu tun ist: Man muss mit den Menschen reden, um ihnen die diffusen Ängste und dumpfen Ressentiments gegen fremde Kulturen auszutreiben. Wie weit diese unbegründeten Gefühle, welche von Pegida schamlos ausgenutzt werden, verbreitet sind, zeigte sich in Hamburg. Jugendliche „Flüchtlinge“, die bislang lediglich Kioske und Autos aufgebrochen und Passanten bestohlen hatten, waren dort mit Messern, Rasierklingen und Stöcken auf ihre Betreuer losgegangen. Alles halb so wild, attestiert der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde.

Die Betreuer erlebten das offenbar anders und haben sich – unnötig aufgehetzt von ihren „diffusen Ängsten“ vorm aufgeschlitzt werden und ihren „dumpfen Ressentiments“ gegen die Kultur der forschen „Flüchtlinge“ – in einen „sicheren Raum“ geflüchtet. Was es in solchen Unterkünften alles gibt! Solche „sicheren Räume“ kannten wir bislang bloß von Frachtschiffen, die durch Piratengebiete fahren. Da drin schließt sich die Besatzung ein, wenn die Räuber das Schiff gekapert haben.

Um die Lage in Hamburg in den Griff zu bekommen, mussten 14 Peterwagen anrücken; auch die Polizisten wurden angegriffen. Die Hamburger Polizei-Pressestelle, die sonst jedes kleine Delikt meldet, hielt den Vorfall zunächst nicht für berichtenswert. Vermutlich wollte man kein „falsches Signal“ aussenden. Doch auch diese Sache sickerte leider schnell durch, worauf der Polizeisprecher schnippisch verkündete: „Es liegt in unserem Ermessen, welche Ereignisse an die Medien berichtet werden.“ Und da behaupten diese Pegida-Typen doch allen Ernstes, uns werde vieles verschwiegen. Stimmt gar nicht. Es wird nur eben nicht alles berichtet.

Dafür gibt es andere Nachrichten. Beispielsweise über Erscheinungen, die schon deshalb besonders gefährlich sind, weil es sie gar nicht gibt. „Spiegel“-Autor Sascha Lobo (den kennen Sie: Das ist der mit dem roten Irokesenschnitt in den Talkshows) hat eine ganz neue Form von Nazi entworfen, den „Latenz-Nazi“. Das ist ein Nazi, der selber gar nicht weiß, dass er ein Nazi ist, und der trotzdem zweifelsfrei dazugehört.

Das birgt eine neue Qualität. Wir sind es ja schon gewöhnt, dass uns die Tonangeber in Politik und Medien belehren, was wir zu sagen und zu tun haben. Nun aber wollen sie sogar besser wissen als wir selbst, was in unseren Köpfen vor sich geht, und drohen jedem Verdacht-Erreger mit dem Brandmal „Latenz-Nazi“. Sehr praktisch, denn auf die Weise müssen sie niemandem mehr etwas nachweisen, es reicht die Behauptung.

Millionen Bürger verlieren angesichts solcher Volten zunehmend die Lust am Spektakel und gehen nicht einmal mehr wählen. SPD-Generalin Yasmin Fahimi will die Wahlen daher künftig auf Wochen ausdehnen und uns mit mobilen Wahlkabinen auflauern. Auch solle das Wahlrecht vereinfacht werden, damit es besser verstanden werde.

Damit hat sie uns beiläufig mitgeteilt, wofür sie uns hält: für träge und blöd. Zu träge, uns zum Wahllokal zu schleppen, zu blöd um zu kapieren, was wir da machen sollen. Dass die Politik es sein könnte, welche die Bürger vom Wählen abschreckt, darauf kommt Genossin Fahimi nicht. Da scheint eine geistige Trägheit auf, die so manchem ziemlich blöde vorkommen dürfte.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Euro: Fliegt Athen bald raus?

Athen – Zum Jahreswechsel haben sich die Anzeichen verdichtet, dass Griechenland den Euro doch noch verlassen muss. Entgegen allen Beteuerungen bezweifelt der Chefvolkswirt der DZ-Bank, Stefan Bielmeier, dass Athen mit dem Euro wieder Boden unter die Füße bekommt. Der CDU-Haushaltspolitiker Klaus-Peter Willsch hat in diesem Zusammenhang die neuesten Beschlüsse für weitere Hilfen scharf kritisiert. Dafür müssten die Deutschen die Zeche zahlen. H.H.

 

Staatsanwälte in Angst

Wien – Die Vereinigung der österreichischen Staatsanwälte hat an Österreichs Justizminister Wolfgang Brandstetter (parteilos, ÖVP-nah) appelliert, die Namen von Kollegen geheimzuhalten, die in Verfahren gegen Dschihadisten involviert sind. Die Juristen wären sonst akut gefährdet durch Attentate. Würden die Namen weiter öffentlich, „werden wir keine Leute mehr für diesen Job bekommen“, so ein Staatsanwalt. H.H.

 

Pikantes Präsent zum Geburtstag

Umtauschen kann Serbiens Au­ßenminister dieses Geburtstagsgeschenk wohl kaum. Am 1. Januar, dem 49. Jahrestag seiner Geburt, ist Ivica Dacic mit dem Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) „beschenkt“ worden. Besser gesagt: Er ist ihm aufgezwängt worden. Denn der Vorsitz wechselt jährlich an einen anderen Außenminister der 57 Teilnehmerstaaten. Und in diesem Jahr ist eben Serbien an der Reihe.

Dass ausgerechnet Dacic in Zeiten vieler kriegerischer Konflikte den Vorsitz übernimmt, ist pikant. Denn die OSZE ist mit vielen ihrer Beobachter auch in der Ukraine aktiv. Nun fürchten viele westliche Politiker, dass sich unter Dacic an der Beurteilung der Lage in der Ukraine etwas ändern könnte – und zwar zuungunsten Kiews. Denn der im Kosovo aufgewachsene Serbe, der neben Englisch auch Russisch spricht, gilt als äußerst Putin-freundlich.

Vielleicht ist diese Angst auch un­begründet, denn Dacic hat in seinem politischen Leben schon so manche Kehrtwende vollzogen. So wurde er anfangs noch als „kleiner Slobo“ verspottet, weil er wie eine Kopie seines Mentors, des berüchtigten serbischen Politikers Slobodan Miloševic auftrat. In den 90er Jahren war Dacic der treu ergebene Pressesprecher des später wegen des Völkermords im Kosovo vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagten Miloševic.

Inzwischen ist der Vorsitzene der Sozialistischen Partei von seinen nationalistischen Antrieben abgerückt. Durfte er früher unter Miloševic nicht einmal in die EU einreisen, trieb er bis zu seiner Abwahl als Ministerpräsident im April vergangenen Jahres den geplanten Beitritt Serbiens zur EU voran. Was wird nun sein OSZE-„Geschenk“ wohl für ihn sein? Fluch oder Segen? Harald Tews


MEINUNGEN

Peter Winnemöller, Publizist, warnt im christlichen Netzportal „katholon.blog“ (16. Dezember), die neuen Bürgerbewegungen weiter zu verunglimpfen:

„Pegida ist nicht harmlos, wer das behauptet, hat nichts verstanden. Pegida ist aber auch nicht die Gefahr an sich oder gar der Popanz, den linksgutmenschlichgrün tickende Zeitgenossen jetzt gerne an die Wand malen möchten. Pegida ist ein Aufschrei der Bürgerseele unseres Landes. Pegida wird erst dann zur Gefahr, wenn die Politik, die Verwaltung, die Wirtschaft und die Presse die Wutbürger unseres Landes weiter ignorieren und versuchen, sich ein neues Volk zu wählen/zu basteln/zu dekretieren/herbeizuschreiben.“

 

 

Der Kabarettist Dieter Nuhr beklagt in „Planet Interview“ (17. Dezember), dass die Kritik am Islam massiv beschränkt werde:

„Über jede andere Religion kann man ja reden, nur über den Islam nicht, weil es zu konkreter körperlicher Gewalt führt. Sie können alles über Christus sagen, aber nicht über Mohammed. Deswegen finde ich das interessant. Mich interessiert die Einschränkung der Freiheitsrechte nicht nur, wenn sie von der NSA kommt.“

 

 

Henryk M. Broder kritisiert in der „Welt“ (22. Dezember) die Arroganz der Mächtigen gegenüber dem Volk, die sich in den Attacken gegen Pegida manifestiere:

„Was also bringt die politische Elite dermaßen in Rage, dass sie ihren Auftrag vergisst, dem Volke zu dienen, und stattdessen dem Volk Gehorsam abverlangt? Es ist der Hochmut des Vormunds gegenüber dem Mündel, eine abgrundtiefe Verachtung der ,Menschen da draußen im Lande‘. Die werden immer wieder aufgefordert, sich zu engagieren, aber wehe, sie tun es wirklich! Die Menschen ... ahnen, dass irgendetwas nicht stimmt, wenn ihnen immer wieder gesagt wird, es gebe keine ,Armutseinwanderung‘, sie aber gleichzeitig jeden Tag hören und lesen, dass die Gemeinden mit dem nicht vorhandenen Problem nicht fertig werden.“

 

 

Es gäbe gar keine Islamisierung in Deutschland, behaupten Pegida-Gegner. Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, berichtet in seinem „Hauptstadtbrief“ (17. Dezember) von integrierten, gemäßigt-muslimischen Familien:

„Die sagen: Ich habe genug davon. Jetzt holen mich hier die ein, denen ich schon in der Heimat ausgewichen bin. Ich habe keine Lust, mich ständig im Supermarkt fragen zu lassen, warum meine Tochter mit zwölf Jahren immer noch kein Kopftuch trägt. Und ich muss meine Tochter davor bewahren, in der Schule deswegen angefeindet zu werden.“

 

 

Die bekannte Publizistin Cora Stephan verrät auf „NDR-Info“ (21. Dezember) hinsichtlich der Anfeindungen gegen Pegida eine interessante Entdeckung:

„Eines scheint gewiss: Der Trick hat sich verbraucht, alles unter Naziverdacht zu stellen, was vom Parteienkonsens abweicht. Der Bürger hat das Spiel durchschaut: Es ist ein Ablenkungsmanöver.“