© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 27/15 vom 04.07.2015

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Die gewollte Krise
Griechenland-Hängepartie ist gegen jede Vernunft, hat aber Methode

Das Spiel um den Grexit scheint kein Ende zu nehmen. Dabei gibt es eigentlich nur eine Frage, die indes niemand stellt: Warum gerade Griechenland?

Was auf den ersten Blick eine griechische Malaise zu sein scheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als die zentrale EU-Euro-Fehlkonstruktion. Es ist nämlich irreführend, die traurigen griechischen Finanz-Daten zu beklagen, ohne diejenigen anderer Länder damit zu vergleichen. Nach dem Vertrag von Maastricht darf die Gesamtverschuldung eines Staates 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreiten. Mit 177 Prozent liegt Griechenland deutlich darüber. Doch auch andere Länder können sich damit messen: Italien mit 132 Prozent, Portugal mit 130 und Irland mit 108 Prozent. Gerade diese beiden letzteren sind von Interesse, denn sie werden von den Granden der EU immer angeführt als diejenigen Länder, denen es durch kluge Brüsseler Politik und eigene Anstrengung gelungen sei, sich aus dem Schulden-Sumpf zu befreien. Wie bitte? Mit weit über 100 Prozent Gesamtverschuldung? Andere Länder stehen besser, aber noch lange nicht gut da. Der EU-Durchschnitt liegt bei vertragswidrigen 87 Prozent.

Freilich hat Griechenland auch bei der Staatsverschuldung, gemessen an den Staatseinnahmen, mit 387 Prozent einen unrühmlichen ersten Platz inne, allerdings wieder gefolgt von den angeblich so erfolgreichen Ländern Irland und Portugal. Mit 168 Prozent dümpelt Deutschland wieder einmal im Mittelfeld, aber wenigstens noch sichtbar unter dem EU-Durchschnitt von 192 Punkten. Von Relevanz im Hinblick auf die leider vergessenen Maastricht-Verträge ist auch die vorgeschriebene Obergrenze der neuen Staatsverschuldung pro Jahr. Sie liegt vereinbarungsgemäß bei drei Prozent der Staatseinnahmen. Doch von den Euro-Ländern weisen 24 ein höheres Defizit auf.

Warum also Griechenland und immer nur Griechenland? Die Antwort ist in dem Beweggrund zu suchen, der für die Einführung des Euro verantwortlich war. Es handelte und handelt sich dabei um eine rein politische Absicht, die in auffälliger Weise mit nationalökonomischen Realitäten und Gesetzen im Konflikt steht. Mit dem Euro sollte und soll die Notwendigkeit eines immer enger und zentralistischer werdenden Zusammenschlusses der Länder Europas erzwungen werden. Dazu sind im Sinne der EU-Magnaten sogar die unvermeidlichen Probleme von Nutzen. Während man Irland und Portugal, wenn auch zu Unrecht, als Beispiele für Sinn und Erfolg des Euro anführt, dient Griechenland als Beleg dafür, dass nur ein engerer politischer Schulterschluss zum endgültigen Erfolg führen kann.

Allerdings droht die Sache aus dem Ruder zu laufen. Da aber die politische Absicht Urgrund der Gemeinschaftswährung ist und nicht die wirtschaftliche Vernunft, muss Griechenland unter allen Umständen im Euro bleiben. Sonst könnte sich nämlich flächendeckend die Einsicht durchsetzen, dass das, was ökonomisch unsinnig ist, auch politisch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Florian Stumfall


IS auf dem Vormarsch
Anschläge in Europa – Deutsche Mädchen als Bräute für Kämpfer

Die Terroristen des Islamischen Staats (IS) haben wieder zugeschlagen. Mitten im Ramadan, dem Monat der Einkehr und Besinnung, verübten sie drei Anschläge in Frankreich, Tunesien und in Kuwait. Ein geplanter Anschlag auf eine Militärparade in London konnte nur durch einen Zufall verhindert werden. Weil ein Investigativreporter des Boulevard-

blatts „Sun“ sich verdeckt bei einer IS-Gruppe eingeschleust hatte und in die Pläne einbezogen war, konnte die Absicht des Hackers und Anführers des IS-Cyber-Kalifats, Junaid Hussain, vereitelt werden. Statt, wie befohlen, die Bombe in der Menge zu zünden, hatte der Reporter die Polizei eingeschaltet. Hussain, ein nach Syrien geflohener Brite, war den Behörden bekannt.

Weniger spektakulär, dafür aber umso subtiler, geht die Anwerbung minderjähriger Mädchen als Bräute für die IS-Kämpfer vonstatten. Laut Recherchen eines Reporterteams sollen bereits mehr als 100 Mädchen nach Syrien oder in den Irak ausgereist sein, wo sie laut Innenminister Thomas de Maizière dann „verkauft, versklavt, vergewaltigt und menschenunwürdig behandelt“ werden. Die Anwerbung läuft über soziale Netzwerke wie „Facebook“. Die Rekrutierung erfolgt dabei nach einem Schneeballsystem. IS-Frauen suchen gezielt nach jungen Mädchen, um sie mit den Kämpfern zu verheiraten und den Nachwuchs des Kalifats zu sichern.

Es wäre an der Zeit, in Europa über wirksame Anti-Terror-Maßnahmen nachzudenken. Wenn es nicht schon zu spät ist, wie selbst Iraner, die vor dem Mullahregime geflüchtet sind und in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben, mutmaßen. Selbst treue Anhänger des islamischen Glaubens sind schockiert über die Skrupellosigkeit des IS. M. Rosenthal-Kappi


Sanktionsfolgen enorm
Österreichische Studie: Schaden für Europa 100 Milliarden Euro

Wie das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung berechnete, sind die Schäden der faktisch von den USA angeordneten Boykottpolitik für Europa enorm. Allein in Deutschland stünden wegen der Russland-Sanktionen knapp eine halbe Million Arbeitsplätze auf der Kippe, davon fast 200000 unmittelbar und weitere 300000 mittelfristig. 27 Milliarden Euro an Wertschöpfung seien gefährdet. Für die gesamte EU beliefen sich die Zahlen auf 100 Milliarden Euro und zwei Millionen Arbeitsplätze.

Deutschland ist demnach das mit Abstand am stärksten betroffene Land. Die EU selbst bevorzugt optimistischere Berechnungen. Wie die Autoren der österreichischen Studie aufzeigen, hätten sich allerdings seit Beginn der Sanktionen stets die langfristig angelegten pessimistischeren Werte bestätigt, so dass die von ihnen genannten Zahlen als realistischer anzusehen seien. Selbst bei einer Zugrundelegung der günstigeren Werte der letzten Monate, von denen die EU ausgeht, wären die Gesamteffekte kaum besser, da hier Langfristfaktoren greifen, welche die Österreicher ebenfalls berechneten.

Tatsächlich hält die EU einen Großteil der von ihr erhobenen Daten zur Wirkung der Sanktionen geheim, was ein bezeichnendes Licht auf die in ihnen steckende Dramatik wirft. Der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes, geht von einem gravierenden langfristigen Schaden für die deutsche Wirtschaft aus, wenn die Sanktionen noch ein weiteres Jahr andauerten. Dann hätte Russland als weitgehenden Ersatz für den Handel mit Europa neue Handelskontakte mit China etabliert, die ihm zwar keine qualitativ vergleichbaren, aber doch nach im Lande verbreiteten Ansichten für den eigenen Bedarf hinreichend gute Waren sicherten. T.W.W.


Jan Heitmann:
Eine Schande

Würde man zu gehässiger Übertreibung neigen, könnte man sagen: Bundespräsident Joachim Gauck muss gar nicht erst den Mund aufmachen, um Kopfschütteln hervorzurufen. Jeder blamiert sich bekanntlich so gut er kann, und wenn Gauck das tut, ist das eigentlich seine Sache. Das gilt aber nicht, wenn er damit zugleich unser Land blamiert. So geschehen bei der Übergabe eines offiziellen Staatsgeschenks an niemanden Geringeren als die in Deutschland weilende britische Königin. Dabei stand dahinter eine an sich löbliche Absicht. Gauck wollte der greisen Monarchin etwas Persönliches überreichen, eine Erinnerung an ihre Kindheit. So entschied er sich für ein Gemälde der Künstlerin Nicole Leidenfrost, gemalt nach einem Foto, das die Queen als Neunjährige zu Pferde mit ihrem Vater zeigt.

Doch gut gemeint ist nicht gut gemacht. Was das perfekte Geschenk hätte sein können, geriet zum Affront. Dass die Beschenkte das Werk für nicht gelungen hält, konnte sie nicht verbergen, und aus dem Buckinghampalast ist zu hören, das Bild entspreche „nicht den üblichen hohen Standards“. Die britischen Medien ereifern sich über die „unaufrichtige“ Gabe, die „aussieht wie die Arbeit eines Fünfjährigen“ und sprechen von einer Beleidigung ihrer Königin. Kunst entsteht bekanntlich im Auge des Betrachters und darüber, was Kunst ist und was nicht, lässt sich trefflich streiten. Für den Kunstkritiker Mark Hudson ist Leidenfrosts Bild „grotesker Kitsch“ und er stellt die Frage, ob die Königin den Deutschen nicht mehr wert sei als „diese Schande“. Diese Frage muss der Bundespräsident beantworten – der Queen, den Briten und uns, in deren Namen er sich diesen Fauxpas erlaubt hat.


S. 2 Aktuell

Schweiz bereitet sich auf EU-Zerfall vor
Die griechische Schuldenkrise könnte zum Anfang vom Ende der Europäischen Union werden

Mit der Zuspitzung der Lage in Griechenland erscheint ein Austritt eines Landes aus der Eurozone und sogar aus der Europäischen Union nicht mehr undenkbar. Die griechische Schuldenkrise droht nur der Vorbote einer umfassenden Krise der EU zu sein.

Erneut bereitet sich die Schweizer Armee auf einen Zerfall der europäischen Ordnung vor. Im September sollen 5000 Soldaten in der Westschweiz für ein Szenario üben, das „Europa zerfällt“ lautet. Angenommen wird, dass es als Folge einer Wirtschaftskrise zu ethnischen Spannungen in Europa kommt und die Schweiz von Flüchtlingsströmen überflutet wird. Offiziell handelt es sich um ein fiktives Szenario, das in einem Europa der Zukunft spielt. Tatsächlich ist aber unübersehbar, dass sich die EU schon jetzt in einer tiefen Krise befindet. Längst geht es nicht mehr darum, ob die EU zu einer weltpolitischen Supermacht aufsteigen kann, sondern darum, ob sich überhaupt ein Zerfall der EU noch verhindern lässt. Bereits erkennbar sind die Bruchlinien, an denen das Projekt EU zu scheitern droht.

Enorme politische Sprengkraft steckt etwa in der Unfähigkeit, eine Lösung für die illegale Masseneinwanderung nach Europa zu finden. Es gelingt bislang, weder durch Sicherung der Außengrenzen den weiteren Zustrom zu begrenzen noch sich intern über die Lastenverteilung zu einigen. Länder wie Italien und Griechenland zeigen sich überfordert, den Massenansturm auf ihre Grenzen aufzuhalten – Großbritannien, Dänemark und die osteuropäischen Länder lehnen es ganz offensichtlich ab, die Folgen dieses Versagens zu tragen und zum Ziel einer Massenzuwanderung zu werden. Als Folge liegt inzwischen die Dublin-Vereinbarung zum EU-Asylrecht in Trümmern, der Ruf nach Wiedereinführung von Grenzkontrollen dürfte bald folgen.

Allerdings ist Brüssel nicht nur beim Thema Massenzuwanderung immer weniger in der Lage, einzelne Länder auf Linie zu bringen. In eine ausweglose Lage hat sich die EU ebenso bei dem Projekt „Euro“ manövriert. Offenkundig ist, dass eine vergemeinschaftete Währung für höchst unterschiedliche Volkswirtschaften zu extremen Verwerfungen führt, die sich nur mit massiven Transferzahlungen und hoher Verschuldung abmildern lassen. Um das Versagen zu übertünchen, hat man nicht einmal davor zurückgeschreckt, ganz massive Rechtsbrüche zu begehen oder zu dulden. Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ ganz richtig anmerkt, ist der Euro-Raum inzwischen zu einer Union ohne durchsetzbare Regeln verkommen. Maßgeblich hat hierzu das Gezerre um Griechenlands Schuldenwirtschaft samt den diversen faulen Kompromissen beigetragen, das mittlerweile fünf Jahre andauert.

Drohende Verluste in Höhe von Hunderten Milliarden Euro an europäischen Steuergeldern im Zuge der sogenannten Griechenland- oder Euro-Rettung werden es künftig schwerer machen, offen und transparent Transfermechanismen innerhalb der EU zu installieren, da dies zentrifugale Kräfte in der Eurozone und in Europa stärken würde. So ist der Rückgriff auf versteckte Transferinstrumente und damit noch mehr Intransparenz und Verschleierung zu befürchten. Nunmehr auch noch mit einer faktischen Blanko-Vollmacht des Europäischen Gerichtshofs ausgestattet, könnte etwa die Europäische Zentralbank noch massiver als bisher eine direkte Staatsfinanzierung betreiben. Wie lange sich der Offenbarungseid beim Projekt Euro mit solchen Mitteln verzögern lässt, bleibt abzuwarten.

Zu Recht merkt Marine Le Pen von Frankreichs Front National an, dass Griechenland möglicherweise kein Einzelfall bleibt: „Wir haben ein paar Monate Aufschub gewonnen, aber das Problem wird zurückkommen. Heute reden wir über den Grexit, morgen wird es der Brexit sein und am Tag nach dem Morgen der Frexit.“ Norman Hanert


Befreiung vom kommunistischen Erbe
In der Ukraine werden Hunderte von Städten und Ortschaften umbenannt

Schon während der Euromajdan-Proteste wurden in Kiew und anderen Städten der Ukraine die Statuen von Wladimir Iljitsch Lenin, Josef Stalin, Geheimdienstchef Felix Dserschinskij und anderen Funktionären der kommunistischen Diktatur und sowjetrussischen Fremdherrschaft gestürzt. Nun sollen auf Beschluss des ukrainischen Parlaments die Namen Hunderter Städte und Orte, die nach kommunistischen Funktionären benannt sind, als Symbole der Unterdrückung verschwinden.

Das Parlament der Ukraine, die Werchowna Rada (Oberster Rat), hat am 9. April ein Antitotalitarismusgesetz verabschiedet, das die kommunistischen und nationalsozialistischen Regime als verbrecherisch verurteilt und die öffentliche Zurschaustellung, Verwendung und Verbreitung ihrer Symbolik verbietet. Das Gesetz enthält außerdem ein Verbot der öffentlichen Leugnung des verbrecherischen Charakters dieser Regime. Gegen das Gesetz gab es in der Obersten Rada etliche Vorbehalte.

Dem Gesetz wie auch dem von Präsident Petro Poroschenko forcierten Entkommunisierungsprozess wirft die heutige Opposition eine einseitige Verteufelung der kommunistischen Vergangenheit und eine Beschönigung der Ukrainischen Nationalisten vor. So werde der Führer der Ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera als Nationalheld gefeiert und die Angehörigen der Ukrainischen Aufstandsarmee würden als Kämpfer gegen die kommunistische Vorherrschaft der UdSSR und für eine unabhängige Ukraine gewürdigt, wobei aber ihre Rolle an der Seite des Dritten Reiches sowie ihre Beteiligung an Massakern an Polen und Juden verschwiegen oder bagatellisiert würden. Anstelle der kommunistischen Führer würden nun – vor allem in der Westukraine – Statuen Banderas und anderer Nationalistenführer aufgestellt. Diese Bedenken werden sowohl in der Ukraine als auch in der Diaspora in Kanada und den USA kaum verstanden.

Ein wichtiger Bestandteil des Entkommunisierungsprojekts der Ukraine ist neben der Beseitigung von Lenin- und Stalinstatuen die Umbenennung der nach kommunistischen Führern der Sowjetära benannten Städte, Oblasti, Rajons, Dörfer, Straßen und Plätze, Organisationen und sogar Handelsmarken. 871 Ortschaften sollen bis zum 21. November ihre alten historischen Namen oder neue Bezeichnungen erhalten. Das ukrainische Institut der nationalen Erinnerung (www.memory.gov.ua) publizierte im Juni dieses Jahres eine Liste der Städte und Dörfer mit Namen kommunistischer Führer, die sich überwiegend Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben. Die Mitarbeiter des Instituts haben dazu fast 30000 Ortsnamen auf ihre Herkunft hin kritisch untersucht.

Am 21. Mai traten die Gesetze zur Befreiung vom Kommunismus in Kraft, aufgrund derer die Ukraine von totalitärer Symbolik „gereinigt“ werden soll. Bis zum 21. November, dem zweiten Jahrestag des Beginns der Massenproteste der Studenten in Kiew, soll die symbolische Befreiung der Ukraine vom kommunistischen Erbe erfolgen. Dabei sollen nach Mitteilung des Instituts der nationalen Erinnerung zunächst 22 Städte und 44 Ortschaften ihre historischen Namen zurückerhalten oder neue Namen bekommen.

Am größten ist die Zahl der Orte mit sowjetkommunistischen Namen in der Ostukraine, also in den Oblasti Donezk und Lugansk sowie im Kampfgebiet der vom Kreml unterstützten Separatisten. Der Gouverneur des Lugansker Gebiets fand allein 14 Dörfer mit sowjetischen Namen. Gegen die Umbenennungsaktion regt sich auch Widerstand: So will der Charkower Gouverneur eine Arbeitsgruppe für Fragen der Toponymie (Ortsnamenkunde) einsetzen, denn er meint, die Umbenennung der zahlreichen Objekte würde enorme Kosten verursachen. Allein die Umbenennung der überall zu findenden Straßen, Plätze und Alleen, die nach Lenin benannten sind, würde Millionen kosten. In der Ostukraine finde man bis jetzt immer noch Ortsnamen wie Dzerschinsk, Kalinino, Krasnaja Swesda (Roter Stern) sowie Iljitschisk und Uljanowka – die von Lenins zweitem Vornamen Iljitsch beziehungsweise seinem eigentlichen Nachnamen Uljanow abgeleitet sind.

Damit die vorgesehenen Umbenennungen auch von den betroffenen Orten und der Bevölkerung mitgetragen werden, verfügte der ukrainische Justizminister Pavel Petrenko, dass die Kommunen selbst entscheiden, „ob sie in einer Stadt mit dem Namen eines Diktators oder Repräsentanten des totalitären Regimes, der von der kommunistischen Ideologie zum Helden erhoben wurde, leben wollen oder nicht.“

Ein halbes Jahr Frist haben die Städte und Gemeinden, die Umbenennungen vorzunehmen. Wer es in dieser Zeit nicht schafft oder gar nicht will, dem wird die Kiewer Regierung mit Verordnungen nachhelfen. Die Nachbarländer der Ukraine hätten derartige Gesetze schon längst beschlossen. In der Ukraine sei die Gesellschaft inzwischen auch dazu herangereift, meinte der Minister.

Dass jetzt Ortschaften und Straßen nach dem umstrittenen Nationalhelden Stepan Bandera und anderen Kämpfern der Nationalisten benannt werden, dürfte Unruhe und neue Kontroversen landesweit hervorrufen. Ob die ukrainische Regierung für die Namensaktion geeignete unbelastete Persönlichkeiten findet, bleibt abzuwarten.

Hans-Joachim Hoppe


MELDUNGEN

Minirockverbot wegen Asylanten

Pocking – Die niederbayerische Stadt Pocking liefert einen überzeugenden Beweis für die schleichende Islamisierung der deutschen Gesellschaft. Nachdem die Turnhalle des örtlichen Wilhelm-Diess-Gymnasiums zur Notunterkunft für 200 syrische Asylbewerber umgebaut wurde, forderte die Schulleitung die Eltern in einem Rundschreiben dazu auf, ihren Kindern folgende Verhaltensregeln mitzugeben: „Die Asylbewerber sind von ihrer eigenen Kultur geprägt. Da unsere Schule in direkter Nachbarschaft ist, sollte eine zurückhaltende Alltagskleidung angemessen sein, um Diskrepanzen zu vermeiden. Durchsichtige Tops oder Blusen, kurze Shorts oder Miniröcke könnten zu Missverständnissen führen. Ein direktes Anglotzen/Begaffen oder das Fotografieren sollte unbedingt vermieden werden.“ J.H.

 

Neuer Vorstand für Stiftung

Berlin – Der Stiftungsrat der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung hat Prof. Dr. Winfrid Halder zum neuen Stiftungsdirektor gewählt. Der Historiker ist seit 2006 Direktor der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf und Privatdozent an der Universität Düsseldorf. Im Bewerbungsverfahren habe er aufgrund seiner langjährigen Praxis als Leiter einer Einrichtung, die sich der Pflege und der Weiterentwicklung des Kultur­erbes der Deutschen aus den historischen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa verschrieben habe, überzeugen können, sagte Bernd Fabricius, Präsident des im Stiftungsrat vertretenen Bundes der Vertriebenen. Halder wird sein neues Amt im Herbst antreten. Seine vorrangige Aufgabe wird es sein, das Stiftungskonzept umzusetzen. Seine ausgewiesene fachliche Expertise und die breite Unterstützung durch den Stiftungsrat bildeten dafür ein solides Fundament, erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters. J.H.

 

BR streicht Ramadan-Logo

München – Weil hunderttausende Muslime, die im Freistaat lebten und dort ihren Rundfunkbeitrag entrichteten, „wie alle anderen Einwohner Bayerns“ ebenso einen Anspruch darauf hätten, „in den Programmen des Bayerischen Rundfunks präsent zu sein“, strahlt der Sender während des islamischen Fastenmonats Ramadan regelmäßig Beiträge zu diesem Themenschwerpunkt aus. Um „den Themenschwerpunkt einzuläuten“, sei bei den Sendungen ein Logo mit dem islamischen Halbmond gezeigt worden, erklärte eine Sprecherin des BR. Das hat zu einem Proteststurm in den sozialen Medien und beim Zuschauerservice des Senders geführt. Um zu verhindern, dass die Debatte um das Logo „die inhaltliche Dis­kussion über die Beiträge überdeckt“, hat der Sender das Logo inzwischen entfernt. Man wolle verhindern, dass es „Verwirrungen auslöst bei den Zuschauern und dadurch von der Sache ablenkt“, so die BR-Sprecherin weiter. „Programmlich“ werde sich jedoch nichts ändern. Der Themenschwerpunkt sei „ein Zeichen der Anerkennung gegenüber diesen Menschen“ und solle zugleich „allen Zuschauern breites Wissen über den Ramadan vermitteln“. U.M.


S. 3 Deutschland

Welche Rolle spielt der dritte Mann?
Die bisherige Darstellung des Todestages von Mundlos und Böhnhardt steckt voller unbeantworteter Fragen

„Gab es einen vierten NSU-Täter?“ – so titelten zahlreiche Medien, nachdem es beim Münchner NSU-Prozess am 212. Verhandlungstag eine entsprechende Zeugenaussage gegeben hat. Die vermeintliche Sensation ist allerdings keineswegs eine Neuigkeit. Die wahren Sensationen liegen vielmehr ganz woanders.

In den Ermittlungsakten, die vor über einem Jahr an die Öffentlichkeit durchgestochen wurden, finden sich schon lange Hinweise darauf, dass an dem letzten Bankraub, den Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Jahre 2011 begangen haben sollen, eine bislang unbekannte Person beteiligt war. Beim Prozess vor dem Oberlandesgericht in München ging es allerdings um den mutmaßlich ersten Raubüberfall von Mundlos und Böhnhardt im Dezember 1998. Nach einem Überfall auf einen Supermarkt in Chemnitz seien drei Personen „rausgerannt“, so die Aussage eines Zeugen vor dem Oberlandesgericht. Die Person, die ihm bedroht und auf ihn geschossen habe, sei schmächtig gewesen und habe eine „helle Stimme“ gehabt, so die Aussage des Zeugen weiter. Dem Bundeskriminalamt hatte der Zeuge hingegen von einer männlichen Stimme berichtet. Damit würde Zschäpe zumindest als Schützin bei der Flucht nach dem Raubüberfall kaum infrage kommen. Im Raum steht damit der Verdacht, dass es damals einen unbekannten, dritten männlichen Täter gegeben hat.

Warum ausgerechnet diese Zeugenaussage zu dem mutmaßlich ersten Bankraub des NSU aus dem Jahr 1998 in einigen Medien so hohe Wellen geschlagen hat, bleibt einigermaßen erklärungsbedürftig. In den Ermittlungsakten, die über die sogenannten NSU-Leaks an die Öffentlichkeit gelangt sind, finden sich nämlich schon lange Indizien, die für einen unbekannten Mittäter sprechen. Dieser könnte nicht nur am letzten Raubüberfall beteiligt gewesen sein, der dem NSU zugeschrieben wird, sondern sogar beim Tod von Mundlos und Böhnhardt eine Rolle gespielt haben.

Konkret geht es dabei um die Vorgänge am 4. November 2011, als es in Eisenach zu einem Überfall auf eine Sparkasse kam. Wie aus den Ermittlungsakten hervorgeht, hat ein Zeuge ausgesagt, er habe knapp eine Stunde vor dem Banküberfall am Steuer des mutmaßlichen NSU-Wohnmobils eine männliche Person mit „schulterlangem“ Haar gesehen. Derselbe Zeuge, sah das Wohnmobil samt langhaarigem Mann 30 Minuten später nochmals an einem Parkplatz stehen. Diese Aussage passt ebenso wenig auf die kahlgeschorenen Mundlos und Böhnhardt wie die Beschreibung eines Zeugen, der den Bankraub unmittelbar miterlebte. Einer der Bankräuber sei „etwas kleiner und eher dicklich“ gewesen. Mundlos und Böhnhardt waren allerdings ausgesprochen großgewachsen und schlank.

Zunächst erscheint der Hinweis, dass die beiden Rechtsradikalen Mundlos und Böhnhardt ausgerechnet einen langhaarigen Komplizen gehabt haben sollen, erstaunlich. Eine mögliche Erklärung könnten Verbindungen des NSU-Trios zum Rockermilieu sein. So stimmt eine DNA-Spur, die nach einer Schießerei vor dem Clubhaus der Bandidos in Berlin-Wedding am 5. Juli 2012 gefunden wurde, zumindest teilweise mit einer Spur aus dem vermutlich letzten Versteck des NSU in Zwickau überein. Beate Zschäpe wiederum tauchte im Jahr 2010 als Besucherin auf, als in Erfurt Mitglieder der Rockergruppe Bandidos vor Gericht standen.

Die Vermutung des Bloggers „Fatalist“ zu diesen erstaunlichen Querverbindungen des NSU: „Wahrscheinlich sind sie eine Aushorchzelle gewesen, die in den letzten Jahren vielleicht sogar gegen die Hells Angels und Bandidos eingesetzt gewesen ist.“ „Fatalist“, dem von unbekannter Seite Kopien sämtlicher NSU-Ermittlungsakten zugespielt wurden, und dem Rechercheverbund „Arbeitskreis NSU“ ist es zu verdanken, dass inzwischen nicht nur Zeugenhinweise, auf einen weiteren Tatbeteiligten bei dem Bankraub vom 4. November 2011 bekannt wurden.

Interessant ist ebenso, dass die Berichterstattung der Lokalpresse darauf schließen lässt, dass sich die Thüringer Polizei noch am Nachmittag dieses Tages nicht einmal sicher war, ob die tot aufgefundenen Mundlos und Böhnhardt tatsächlich die gesuchten Bankräuber sind. Hätte man die Beute bei den beiden gefunden, wie dies offiziell dargestellt wird, dann hätte es eigentlich keine Zweifel geben sollen. Auch die Kleidung von Mundlos gibt Rätsel auf – als er tot im Wohnmobil aufgefunden wurde, trug er keine „Bankräuberklamotten“. Zu klären ist ebenfalls, die Frage, warum die Polizei zunächst davon ausging, ein weiterer Täter würde sich auf der Flucht befinden.

Warum derlei Fragen weder in den etablierten Leitmedien, noch von dem Münchner Oberlandesgericht thematisiert werden, wird mit Blick auf die Details schnell klar. Unversehens stellt sich nämlich der Eindruck ein, dass die bisherige Darstellung des Todestages von Mundlos und Böhnhardt immer noch voller unbeantworteter Fragen steckt. Norman Hanert


Steuern auf Mütterrente
Besonders Bürger, die vor 2015 in Rente gingen, trifft es hart

Die seit Juli 2014 geltende sogenannte Mütterrente bleibt nicht nur auf geringem Niveau, Rentner müssen die nicht als eigene Rentenart gewertete Zahlung in höherem Umfang versteuern, als den meisten bewusst ist. Der Bund der Steuerzahler fordert vom Bundesfinanzministerium Aufklärung.

Rentenberechnung ist eine komplexe Sache. Die von der Politik letzten Sommer beschlossene Mütterrente macht die Materie komplizierter: Mütter oder Väter, deren Kinder vor 1992 geboren sind, erhalten für die Erziehung jedes Kindes seit Anfang Juli 2014 einen zusätzlichen Entgeltpunkt in ihrer Rentenberechnung. Eine entsprechende Rentenerhöhung ist die Folge, die Mütterrente. Da eine Anrechnung anderer sozialer Leistungen erfolgt, bleibt die Erhöhung für kleine Renten oft nur geringfügig oder fällt aus (siehe PAZ 26/15). Dass auch ein nachträglicher Abzug durch die Steuer droht, ahnen viele Rentner nicht.

Lange vor der Mütterrente hat der Gesetzgeber 2005 Alt- und Neurenten zu mindestens 50 Prozent steuerpflichtig gemacht. Eine Staffelung bis zur hundertprozentigen nachgelagerten Besteuerung der Renten bei Rentenantritt 2040 ist vorgesehen. Die Verwaltung rechnet jetzt bei der Mütterrente so, als wäre diese schon mit Rentenantritt bezogen worden. Wer vor 2014 in Rente ging, hat somit Probleme, die Rechnung zu durchschauen. Die Politik hat der Verwaltung ein ebenso aufwändiges wie erklärungsbedürftiges System vorgeschrieben.

Vergangenen November sah es so aus, als hätte die Finanzverwaltung ein Einsehen: Aus Schleswig-Holstein erging die Weisung (Finanzministerium Schleswig-Holstein, Erlass vom 10. No­vem­ber 2014, VI 307 – S 2255 – 152), dass die Rentenerhöhung durch die Mütterrente keine regelmäßige Rentenanpassung sei. Es handele sich um eine außerordentliche Neufestsetzung des Jahresbetrags der Rente. Das heißt, der steuerfreie Rentenanteil der Gesamtrente steigt mit der Mütterrente. Die scheinbar gute Nachricht hat bei genauer Betrachtung einen Haken: Ein Teil der Mütterrente unterliegt sehr wohl der Besteuerung, auch wenn der steuerfreie Teil der Rente insgesamt neu berechnet wird. Wie hoch der steuerfreie Anteil ist, hängt vom Jahr des Rentenbeginns ab.

Der steuerfreie Anteil bezieht sich demnach nicht auf die im Jahr 2014 ausgezahlte Mütterrente, sondern wird auf das Jahr des Rentenbeginns zurückgerechnet. „Dies wird den Senioren jedoch nicht erklärt“, kritisiert der Bund der Steuerzahler. Besonders vor 2005 Verrentete haben demnach mit einem hohen steuerpflichtigen Rentenanpassungsbetrag zu rechnen. Im Einzelfall könnte es dank Mütterrente sogar dazu kommen, dass Rentner höhere Steuern zahlen müssten oder erstmals überhaupt dem Finanzamt etwas schuldig seien. Im Steuerbescheid ist der Zusammenhang nicht unbedingt nachvollziehbar. Das solle Finanzminister Wolfgang Schäub­le ändern, fordert der Bund der Steuerzahler. Sverre Gutschmidt


MELDUNGEN

»Weckruf« darf doch bleiben

Berlin – Das Parteischiedsgericht der AfD hat das von ihm am Dienstag vergangener Woche ausgesprochene Verbot von Bernd Luckes Verein „Weckruf 2015“ auf Antrag des Bundesvorstandes zurückgenommen. Lucke hatte das Verbot als „Eilmaßnahme eines einzelnen Richters am Bundesschiedsgericht“ kritisiert, „die jeder sachlichen Berechtigung entbehrte“. Die schnelle Korrektur dieser Entscheidung nehme er „mit großer Befriedigung“ auf. Wie Lucke weiter mitteilte, habe das Schiedsgericht nun als Ganzes auf Antrag des Parteivorstands entschieden, dass der von Luckes parteiinternen Gegnern als „Spalter-Verein“ bezeichnete „Weckruf“ nicht satzungswidrig sei. Der Bundesvorstand habe daraufhin sogar explizit beschlossen, dass AfD-Mitglieder „frei seien, sich dem Verein anzuschließen“. J.H.

 

Kriegerehrenallee soll weg

Hamburg – Auf dem Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, dem größten Parkfriedhof der Welt, ruhen auf einem Gräberfeld mehr als 3200 deutsche Soldaten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Die daran vorbeiführende Straße trägt seit 1914 den Namen Kriegerehrenallee. Sehr zum Ärger einer Initiative, der Vertreter der Landeszentrale für Politische Bildung, der Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge angehören. Sie fordern eine Umbenennung, denn eine Ehrung der Soldaten „impliziert die Akzeptanz der deutschen Kriegsziele“. Die hier bestatteten Soldaten hätten nicht ihr Vaterland verteidigt, sondern ausschließlich Eroberungskriege geführt. Die Friedhofsleitung begrüßt die Initiative und hat, vorbehaltlich der behördlichen Zustimmung, die Umbenennung angekündigt. J.H.


S. 4 Notwehr und Waffenbesitz

Mit der Waffe in der Hand
Eine lebensbedrohliche Notwehrsituation? Der Blick auf drei aufsehenerregende Fälle

Rasant steigende Einbruchszahlen verunsichern Deutschlands Bürger. Wer sich allerdings mit der Waffe in der Hand gegen die Kriminellen wehrt, findet sich schnell als Täter vor Gericht wieder. Das machen gerade in letzter Zeit aufsehenerregende Fälle deutlich.

Kaum mag man sich den Schrecken dieses Abends vorstellen. Da sind die beiden Fremden, die vor der Haustür lauern. Da ist der grässliche Moment, in dem sie beginnen die Tür einzutreten. Nebenan liegt der hilflose Vater im Bett. Und dann ist da das Gefühl der Waffe in der eigenen Hand. Der Zeigefinger krümmt sich, ein Schuss peitscht. Mit grenzenloser Erleichterung sieht man die Eindringlinge fliehen, einer scheint getroffen. Später dann die Erkenntnis, dass man einen Menschen getötet hat.

Im Hamburger Stadtteil Jenfeld ist es passiert. Der 63-jährige Rentner Dieter B., der mit seinem demenzkranken Vater allein in einem Einfamilienhaus lebt, erschießt einen 25-jährigen nigerianischen Einbrecher. Moustapha A. ist ein polizeibekannter Intensivtäter. Er und sein Komplize hatten vorher bereits einmal an der Tür von Dieter B. geklingelt und nach einem angeblichen Krankenwagen-Einsatz gefragt. Wahrscheinlich taten sie es, um Haus und Bewohner auszuspionieren.

15 Minuten später sind sie wieder da und klingeln noch einmal. Aber Dieter B. ist misstrauisch geworden. Er ist Sportschütze und Mitglied in einem Schützenverein. Jetzt hat er eine tschechische Pistole 24, Kaliber 9 Millimeter, dabei. Sie steckt in seiner Gesäßtasche. Außerdem legt er einen Riegel vor, als er die Tür öffnet. Davon aber lassen sich die beiden Männer nicht aufhalten. Sie beginnen die Tür einzutreten. Dieter B. schießt. Die Täter flüchten, 200 Meter weiter bricht Moustapha A. zusammen und stirbt. Die Kugel hatte sein Herz getroffen. Später zeigt sich, dass Dieter B. für die Tatwaffe keine Genehmigung besitzt. Er wird sich wegen unerlaubten Waffenbesitzes verantworten müssen. Wegen der Tatumstände wird die Strafe vermutlich milde ausfallen, sagt ein Anwalt voraus.

Was an jenem Abend kurz vor 23 Uhr in Hamburg geschieht, ist der bislang letzte Fall einer Reihe aufsehenerregender Fälle, in denen sich Hausbewohner gegen Einbrecher zur Wehr setzten. Nicht alle lassen sich so eindeutig dem Bereich Notwehr zuordnen. Ende letzten Jahres wurde der Rentner Ernst B. aus Sittensen bei Hamburg wegen Totschlags verurteilt. Er hatte im Dezember 2010 Labinot S. (16) erschossen. Der Kosovo-Albaner war mit vier anderen Kumpanen, einem Kongolesen, einem kurdischstämmigen Iraker und zwei Deutschtürken, in sein Haus eingedrungen. Unter anderem würgten sie den damals 77-Jährigen mit einem Schal. Als sie die Alarmanlage seines Safes auslösten, wollten sie fliehen. In diesem Moment gelangte ihr Opfer an seine Waffe. Der passionierte Jäger schoss – allerdings aufs falsche Körperteil: „Ein gezielter Schuss auf Arme oder Beine wäre ausreichend gewesen“, hielt ihm der Richter später vor. Als Jäger hätte er wissen müssen, dass er nicht auf den Oberkörper zielen dürfe. Ernst B. erhielt eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung.

Offen ist dagegen der Ausgang eines Falles, der sich erst vor wenigen Tagen in Hannover ereignete. Als ein 18-jähriger Osteuropäer zusammen mit zwei anderen versucht, eine Autowerkstatt aufzubrechen, greift dessen Besitzer zur Waffe. Der 40-jährige Familienvater – er ist wie Dieter B. Mitglied in einem Sportschützenverein – schießt und trifft. Auch eine Notoperation kann den Schwerstverletzten nicht mehr retten. Der Rechtsanwalt des Werkstattbesitzers spricht von Notwehr. Das Amtsgericht in Hannover erlässt dennoch Haftbefehl wegen Verdachts auf Totschlag.

Eine Nachbarin schüttelt darüber nur den Kopf und beschreibt den Wekstattbesitzer als „freundlich, hilfsbereit und besonnen“. Sie fügt hinzu: „Mir tut es furchtbar leid, dass er in so eine Situation gekommen ist.“ Frank Horns


Alles genau geregelt
Weitere Verbote treffen nur diejenigen, die ihre Waffen legal besitzen

Als 1972 über eine Reform des Waffenrechts debattiert wurde, warnte der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD) vor einer übertriebenen Reglementierung des privaten Waffenbesitzes: „Ein Staat ist immer so frei wie sein Waffengesetz.“ Demnach dürfte es in Deutschland mit der Freiheit eigentlich nicht allzu weit her sein, gilt hier doch mittlerweile eines der schärfsten Waffengesetze der Welt. Besitz, Gebrauch, Aufbewahrung und Transport von Waffen sind genau geregelt. Zuwiderhandlungen werden waffen- und strafrechtlich geahndet. In Deutschland gibt es etwa 5,5 Millionen legale Schusswaffen in Privatbesitz. Um eine von ihnen erwerben zu dürfen, muss man Jäger, Sportschütze, Sammler, im Sicherheitsgewerbe tätig oder eine gefährdete Person sein. Privatpersonen dürfen Lang- und Kurzwaffen besitzen, sofern diese nach Art und Anzahl nicht über den üblichen Umfang für Jagd-, Sport- und Verteidigungszwecke hinausgehen. Vollautomatische Waffen und Vorderschaftrepetierer (Pumpguns) beispielsweise sind verboten.

Die Erteilung einer waffenrechtlichen Erlaubnis ist neben der Volljährigkeit an die persönliche Zuverlässigkeit und Eignung geknüpft. Außerdem muss man das Bedürfnis zum Besitz einer Waffe belegen sowie seine Sachkunde in einer theoretischen und praktischen Prüfung nachweisen. Entfällt eine der Voraussetzungen, wird die Erlaubnis durch die Waffenbehörde entzogen und die Waffe muss abgegeben werden.

Ereignet sich irgendwo ein Vorfall in Zusammenhang mit einer Schusswaffe, wird sogleich der Ruf nach einer Verschärfung des Waffengesetzes und sogar nach einem generellen Verbot privater Schusswaffen laut. Dabei wird allerdings außer Acht gelassen, dass legale Schusswaffen in den entsprechenden Statistiken eine kaum wahrnehmbare Größe darstellen. Das bedeutet, dass annähernd alle der fast 1,5 Millionen Besitzer legaler Waffen damit verantwortungsvoll umgehen, sich rechtskonform verhalten und nie auffällig werden. Selbst die Kriminalstatistik von Ländern, deren Waffengesetze wesentlich liberaler als hierzulande sind, widerlegen die These, dass mehr legale Waffen automatisch zu mehr Waffenmissbrauch führten und ein restriktiver Zugang zu legalen Waffen diesen somit reduzieren würde. Denn dort, wo der Zugang zu legalen Waffen zwischenzeitlich erschwert wurde, nahm die Zahl illegaler Waffen zu, während die kriminalstatistischen Fallzahlen unverändert blieben oder, wie im Fall Großbritanniens, sogar zunahmen.

Befürworter des legalen privaten Waffenbesitzes argumentieren, dass dieser auch ein Freiheitsrecht gegenüber dem Staat sei, dessen Gewaltmonopol dadurch nicht angetastet werde. Ein generelles Waffenverbot stelle unbescholtene Bürger unter Generalverdacht, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehörten. Die politische Forderung nach einer totalen „Entwaffnung der Gesellschaft“ sei nicht sachlich begründet, sondern habe ausschließlich ideologische Gründe. Letztendlich sei sie der Ausdruck eines tiefen Misstrauens der Politik gegenüber dem mündigen und gesetzestreuen Bürger. Jan Heitmann


Nicht alles, was geht, ist auch erlaubt

Wer angegriffen wird, kann sich verteidigen. Allerdings ist nicht jede Verteidigung auch eine Notwehrhandlung, die straffrei bleibt. Paragraf 32 Absatz 2 des Strafgesetzbuches nennt die Voraussetzungen dafür: „Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden. Voraussetzung der Notwehr ist demnach zunächst ein Angriff auf Leben, Gesundheit, Freiheit oder Besitz. Dieser muss in diesem Augenblick stattfinden oder unmittelbar bevorstehen und darf nicht bereits abgebrochen sein. Wer also vorbeugend zu Abwehrmaßnahmen greift oder hinter einem flüchtenden Angreifer hinterherschießt, kann sich nicht auf Notwehr berufen. Zudem muss der Angriff rechtswidrig sein. Wer sich also gegen eine polizeiliche Maßnahme zur Wehr setzt, handelt nicht in Notwehr.

Die Notwehrhandlung muss erforderlich sein. Es ist also stets das mildeste, in der jeweiligen Situation zum Ziel führende Mittel anzuwenden. Auch darf der durch die Notwehrhandlung entstandene Schaden nicht außer Verhältnis zu der drohenden Gefahr stehen. Dabei sind Menschenleben grundsätzlich höher zu bewerten als Sachwerte. Wer diese Grundsätze außer Acht lässt und das erforderliche Maß überschreitet, macht sich einer strafbaren Notwehrüberschreitung (Notwehrexzess) schuldig. Diese bleibt allerdings straffrei, wenn der Täter aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken über die Grenzen der Notwehr hinausgegangen ist.

Ein besonderer Fall ist die sogenannte vermeintliche Notwehrlage (Putativnotwehr). Eine solche liegt vor, wenn die Abwehrhandlung in der irrigen Annahme durchgeführt wird, dass die Voraussetzungen für eine gerechtfertigte Notwehr vorlägen. J.H.


Zeitzeugen

Oscar Pistorius – Wie wenige andere verkörpert der berühmte südafrikanische Sprinter und mehrfache Goldmedaillengewinner bei den Paralympischen Spiele die Abgründe, die rund um das Recht auf Notwehr lauern. Der 29-Jährige stand im vergangenen Jahr vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen seine Lebensgefährtin Reeva Steenkamp ermordert zu haben. Er hatte mit einer Pistole vier Mal durch die geschlossene Badezimmertür geschossen und das Fotomodell dabei tödlich getroffen. Nach eigener Angabe schoss Pistorius versehentlich auf sie, da er sie für einen Einbrecher hielt. Die Richterin folgte seinen unglaubwürdigen Aussagen nicht. Pistorius wurde wegen Totschlags zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Albert Camus – Der französische Literaturnobelpreisträger (1913–1960) verfasste die wohl bekannteste dichterische Auseinandersetzung mit dem Thema Notwehr. Sein Roman „Der Fremde“ spielt in den 30er Jahren in Algerien und handelt von einem Mann namens Meursault, der am Strand einen Araber erschießt, der mit einem Messer auf ihn losgehen will. Vor Gericht findet Mersault, der sich allerdings auch kaum verteidigt, keine Gnade. Er wird zum Tode durch die Guillotine verurteilt.

Diren Dede – Selbstjustiz und leichtfertiger Waffengebrauch können zu Bluttaten führen, bei denen Unschuldige sterben oder in denen Menschen harmlose Bagatelldelikte mit dem Leben bezahlen. Der Fall des 17-jährigen deutschen Austauschschülers aus Hamburg, der im letzten Jahr in Montana erschossen wurde, weil er in eine fremde Garage eindrang, zählt dazu. Der Täter Markus Karmaa wurde Anfang des Jahres von einem US-Gericht zu 70 Jahren Haft verurteilt.

Gustav Heinemann – Dass der dritte Präsident der Bundesrepublik ein Waffenarr gewesen wäre, ist nicht bekannt. Dennoch stritt der SPD-Politiker (1899–1976) 1972 gegen die übertriebene Reglementierung des privaten Waffenbesitzes. Heinemanns Anliegen war es, die Eigeninititaive der Bürger gegenüber Parteien und Behörden zu stärken.


S. 5 Preussen/Berlin

»Kulturhafen« statt Flughafen
Berlins Grüne fordern 200 Millionen Euro für kulturelle Nutzung von Tempelhof

Berlins Grüne wollen den einstigen Flughafen Tempelhof zu einem „Kulturhafen“ mit Museen umfunktionieren. Sie fordern vom Senat 200 Millionen Euro für den Bau. Das vom Senat geplante Museum zum Kalten Krieg könne dort einziehen und es soll Platz für die „freie Szene“ geben. Die Partei will diese Woche ein Konzept im Abgeordnetenhaus vorlegen.

Das denkmalgeschützte Flughafengebäude ist das viertgrößte zusammenhängende Gebäude der Welt. Es braucht dringend eine Sanierung, das ist Konsens. Die Stadt vermarktet die „Eventlocation“ über ihre hundertprozentige Tochter Tempelhof Projekt GmbH. Deren Veranstaltungskalender legt das Dilemma des geschichtsträchtigen Ortes bloß. Zumba-Tanz und Kunstprojekte um Zuwanderer sowie alternatives Theater bringen kaum genug Miete, um die 300000 Quadratmeter umbauten Raum zu erhalten – allein die Haupthalle bietet 4500. Das Alliierten-Museum mit Sitz in Berlin-Zehlendorf betreibt in Tempelhof sein Depot mit derzeit kostenlosem Eintritt. Die bisherige Nutzung ist also ein klares Zuschussgeschäft für Berlin.

Durch die Entscheidung des einstigen rot-roten Senats, den Flughafen zu schließen, halste Berlins Politik dem Steuerzahler hohe Kosten auf. Im Jahr 2009 standen 5,7 Millionen Euro Ausgaben pro Jahr nur Einnahmen von 2,6 Millionen Euro gegenüber. Aktuell decken die Mieteinnahmen von 13,5 Millionen Euro knapp die laufenden Betriebsausgaben. Statt Investitionen drohen rote Zahlen. Faktisch kostete der Flughafen ohne Betrieb den Steuerzahler lange mehr als mit. Der Senat hatte einst das Gegenteil verkündet.

Das Problem machen sich die Grünen mit einem eigenen Konzept zunutze. Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek kritisierte die schlechte Auslastung. Um den drohenden Verfall aufzuhalten, müsse die Instandhaltung zum Teil über mehr Vermietung finanziert werden. „Wir wollen ein Sanierungskonzept, das finanziell tragfähig ist.“ Damit eine Modernisierung bis zum Jahr 2025 gelingt, wollen die Grünen vom Senat, sprich dem Steuerzahler, eine Verdopplung des für den Bau bereitstehenden Geldes: 200 Millionen Euro binnen zehn Jahren. Laut Kapek könne neben dem Alliiertenmuseum und dem Luftfahrtmuseum auch das eigentlich für den Checkpoint Charlie geplante Museum für den Kalten Krieg einziehen.

Der Vorschlag kommt zu einer Zeit, da der Senat den demütigenden Volksentscheid vom 25. Mai letzten Jahres überwindet. Der Entscheid durchkreuzte die von Rot-Schwarz unterstütze Wohnbebauung des Tempelhofer Feldes. Mit dieser wollte der Senat den Unterhalt der Flughafenbauten finanziell ausgleichen. Freiraum statt Wohnraum lautete das Ergebnis, das Rot-Schwarz überrumpelte und die unter der Leitung des jetzigen Bürgermeisters und damaligen Bausenators Michael Müller (SPD) geplanten 4000 Wohnungen verhinderte – vorerst.

Seit April sucht die Landesregierung einen Ausweg, indem sie ihre Firma Tempelhof-Projekt an der Nachnutzung des zur Schließung anberaumten Flughafens Tegel beteiligen will. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) sitzt seither bei Tempelhof-Projekt im Aufsichtsrat. Müller wertet die Firma als allgemeinen Träger der Entwicklung von Berlins Brachen auf. Über die direkte Beteiligung an der Tegel-Projekt GmbH kann die Firma ihrer Aufgabe auf Umwegen nachkommen. Sie baut Wohnungen, aber zuerst in Tegel. Eine „Richtungsentscheidung“ für die Planungsfirma kündigte der Senat für diesen Mai an – das erklärt den Vorstoß der Grünen. Da der langjährige Chef von Tempelhof-Projekt Gerhard Steindorf in den Ruhestand geht, hält der Senat sich alle Möglichkeiten einer Vergrößerung offen.

Die Grünen hingegen wollen jetzt ein konkretes Projekt für Tempelhof erzwingen. Kapek geht es darum, das Volksbegehren für die Zukunft zu zementieren, das sie als „enormen Erfolg“ wertet. Damit widersprechen die Grünen ihrer eigenen Forderung, die Einnahmen zu erhöhen. Widersprüchlich ist auch der von Kapek vorgeschlagene Mix aus Kommerz und Kultur: Geschäfte sollen entstehen, wo noch Check-in-Schalter sind, zugleich sind 40 Ateliers für die „freie Szene“ vorgesehen. Der Senat hat im Gegensatz dazu längst eingesehen, dass Einnahmen nicht über Kunst und Projekte der „freien“, sprich linksalternativen Szene gelingen, sondern nur über kalkulierbare Projekte für Wohnen und Gewerbe.

Die größte Gefahr droht Müller nicht von den Grünen oder dem Volksbegehren. In der Koalition droht Zwist, wer die „Neustrukturierung“ leiten darf: die Tempelhof-Projekt GmbH unter SPD-Aufsicht oder das CDU-geführte Wirtschaftsressort. Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) wünscht sich die Wista-Managment GmbH unter ihrem Zugriff als neuen großen Drahtzieher der Brachen. Die CDU argumentiert, die Wista habe ihren Erfolg bereits bewiesen. „Die Tempelhof-Projekt war keine Erfolgsgeschichte“, ätzte CDU-Fraktionschef Stefan Evers Richtung SPD.

Sverre Gutschmidt


Verkehrsideologie statt Verkehrspolitik
von Theo Maass

Am 2. Oktober 1967 fuhr im Westteil Berlins die letzte Straßenbahn. Dieses Verkehrsmittel wurde durch den großzügigen Ausbau des U-Bahn-Netzes und neue Busverbindungen ersetzt. Dort, wo es vom Verkehrsaufkommen gerechtfertigt war, konnte die Straßenbahn von der doppelt so schnellen und um ein Vielfaches in der Transportkapazität leistungsstärkeren U-Bahn abgelöst werden. Allerdings ist der Bau eines U-Bahn Tunnels um ein vielfaches teurer. Auch im Ostteil der Stadt wollte man das zunehmend nicht mehr zeitgemäße Verkehrsmittel Straßenbahn ausmustern, scheiterte aber schließlich daran, dass es nicht finanzierbar war. So wurden Ende der 70er Jahre Straßenbahnneubaustrecken nach den Neubausiedlungen Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf gebaut. Eigentlich sah die Gesamtberliner U-Bahn-Planung dort den Bau der U-Bahn-Linien 10 und 11 vor, für die in der Vergangenheit erhebliche bauliche Vorleistungen erbracht worden waren.

Die ehemalige Hauptstadt der DDR ist mit U-Bahnen deutlich „unterversorgt“. Nur zwei von neun Linien fahren durch den Ostteil der Stadt, zwei weitere streifen dieses Stadtgebiet. Im Vergleich zu Hauptstädten wie London und Paris besitzt Berlin nur einen Bruchteil des dortigen U-Bahn-Netzes. Mit der Wiedervereinigung sahen grüne „Verkehrspolitiker“ die Chance, die im Westteil der Stadt verbannte Straßenbahn dort wieder zu etablieren. Ihr Argument: weniger Baukosten. Die geringere Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit blenden sie aus. Sie setzen sich damit dem Verdacht aus, keine Verkehrspolitik, sondern eine Autofahrer-Diskriminierungspolitik zu betreiben. Der Hintergedanke: Jede Straßenbahn fährt oberirdisch und nimmt dem motorisierten Straßenverkehr Platz weg. Die SPD war bislang immer dagegen. Neben verkehrspolitischen Aspekten spielte dabei eine Rolle, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe – und damit der Anteil treuer SPD Wähler – sehr hoch ist. Auch die Frage der Arbeitsplätze im Baugewerbe mag bei der bisherigen Haltung der SPD eine Rolle gespielt haben. Der neue Verkehrssenator Andreas Geisel von der SPD hat nun bekannt gegeben, dass er künftig in den ehemaligen Westsektoren der Stadt den Ausbau der Straßenbahn betreiben wolle. Das könnte eine inhaltliche Annäherung an die Grünen in der Hauptstadt sein. Geisel ignoriert das hohe Gefahrenpotenzial, das der Straßenbahnverkehr mit sich bringt. Eine Kleine Anfrage des damaligen CDU-Abgeordneten Rainer Ueckert aus dem Jahre 2008 ergab, dass es im Jahre 2007 nicht weniger als 695 Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Straßenbahnen in der Stadt gegeben hat.


»Drang nach Westen«
Viele Polen siedeln sich westlich von Stettin im Nordosten der Bundesrepublik an

Wurde mit dem polnischen Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 von einigen polnischen Politikern gern die Gefahr eines deutschen „Drangs nach Osten“ beschworen, so hat sich im Umland von Stettin nunmehr das genaue Gegenteil eingestellt. Seitdem im Jahr 2007 auch die Grenzkontrollen weggefallen sind, siedeln sich immer mehr Polen in den Landkreisen Uckermark (Brandenburg) und Uecker-Randow (Meck­lenburg-Vorpommern) an. Vor allem Löcknitz hat sich zu einem Zentrum polnischer Zuzügler entwickelt. Nur rund 20 Kilometer und etwas Wald, mehr liegen nicht zwischen der Kleinstadt und Stettin. In Medienberichten ist die Rede davon, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung des Ortes inzwischen aus Polen besteht. Entstanden ist mittlerweile eine ganze Infrastruktur, die auf die Bedürfnisse der Neubewohner ausgerichtet ist. Mit zweisprachigen Werbetafeln suchen Immobilienmakler polnische Kunden für ihre Objekte, ebenso existieren Geschäfte und eine Kindertagesstätte in denen ganz selbstverständlich Polnisch gesprochen wird. Als Kooperationsangebot ist vor einigen Jahren sogar ein deutsch-polnische Gymnasium entstanden, zu dem jeden Tag zusätzlich noch 130 Schüler mit dem Bus aus Stettin nach Löcknitz kommen.

Als Motiv der Polen, sich nach einer Wohnung oder einem Haus westliche der Oder umzusehen, werden regelmäßig die günstigen Immobilienpreise genannt. Die Großstadt Stettin mit ihren über 400000 Einwohner gilt als teuer. Für den Preis einer kleinen Wohnung im Stettiner Stadtzentrum ist im nordöstlichen Zipfel Brandenburgs beziehungsweise Ost-Vorpommerns oftmals ein ganzes Haus zu haben. Über einen weiteren Vorteil wird zumindest in der medialen Berichterstattung weit weniger gesprochen. Der Wohnsitz im Bundesgebiet ermöglicht den Polen auch den Bezug deutscher Sozialleistungen wie etwa Kindergeld.

Von den Bürgermeistern der pommerschen und brandenburgischen Orte, die zum Ziel polnischer Zuwanderung geworden sind, wird die bisherige Entwicklung in den Medien im Regelfall als Erfolgsgeschichte dargestellt. Während sich anderswo Kleinstädte und Dörfer entvölkern, sorgen die zuziehenden Polen für steigende Bevölkerungszahlen. Da inzwischen auch polnische Gewerbetreibende den Vorteil der niedrigen Immobilienpreise westlich der Oder entdeckt haben, sind in Orten wie Löcknitz auch neue Arbeitsplätze entstanden. In einer Region, die mit der höchsten Arbeitslosenquote in Deutschland zu kämpfen hat, ist dies zweifellos viel Wert.

Zweistellige Wahlergebnisse der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) zeigen aber auch, dass die Euphorie der Lokalpolitiker hinsichtlich des polnischen Zuzugs in der Bevölkerung nicht immer geteilt wird. Ausgeblendet wird zumeist nämlich, dass die Entwicklung nicht nur eine ökonomische Seite hat. Vor dem Hintergrund konkreter historischer Erfahrungen sind in der deutsche Bevölkerung schnell Ängste vor Verdrängung und Identitätsverlust geweckt. Dass die gesamte Region seit Jahrzehnten in einer ungünstigen Randlage ist, hängt zudem maßgeblich damit zusammen, dass im Jahr 1945 die deutsche Großstadt Stettin von Polen annektiert wurde.

Norman Hanert


Royaler Stein
Queen für Potsdamer Garnisonkirche

Die Unterstützer des Wiederaufbaus der im April 1945 von britischen Bombern zerstörten Potsdamer Garnisonkirche haben von allerhöchster Stelle Unterstützung bekommen. Anlässlich ihres Besuches in Deutschland hat die britische Königin Eliza­beth II. die Patenschaft für einen Ziegelstein mit der Inschrift „The Queen’s Visit to Germany 2015“ (Besuch der Königin in Deutschland) übernommen. Der Stein soll beim Wiederaufbau verwendet und so ein Teil der wiedererstandenen Barockkirche werden.

Dieser symbolische Akt ist auch ein Signal an die Gegner des Bauprojekts, steht die Monarchin doch gewiss nicht in Verdacht, dem Preußentum zu huldigen, auch wenn sie mehr deutsche als britische Vorfahren hat und eng mit den Hohenzollern verwandt ist. Die britische Botschaft in Berlin erklärte, die Queen wolle mit der Patenschaft „ein Zeichen der Versöhnung setzen“. Sie wünsche dem Projekt „Glück und Erfolg“. Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), Mitglied des Kuratoriums der Wiederaufbau-Stiftung, freut sich darüber: „Damit werden unsere Bemühungen unterstützt, den Turm der Garnisonkirche als Zentrum für Frieden und Versöhnung möglichst schnell aufzubauen.“

Initiatorin der Patenschaft ist die Bundestagsabgeordnete und frühere Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Katharina Reiche (CDU), die sich für den Wiederaufbau des früheren Wahrzeichens Potsdams einsetzt. Reiche zeigte sich „glücklich“ über diese „großartige Geste“ der Königin. Auch der Kuratoriumsvorsitzende, Altbischof Wolfgang Huber, ist „froh und dankbar“. Jan Heitmann


S. 6 Ausland

Fauler EU-Kompromiss beim Asyl
Wer will, kann Italien und Griechenland entlasten – Ungarn weist vergebens auf seine Überlastung hin

Ein Kompromiss soll übertünchen, dass das bisherige EU-System zum europaweiten Umgang mit Asylbewerbern faktisch gescheitert ist. Immer mehr Länder machen die Grenzen dicht, so dass die Belastung für Länder wie Deutschland immer mehr ansteigt.

Mit einem lautstarken Auftritt hat Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi auf dem EU-Gipfel am 25. Juni den Eindruck erweckt, die Italiener und die Griechen hätten die Lasten steigender Asylbewerberzahlen quasi im Alleingang zu stemmen. „Wenn dies eure Idee von Europa ist, dann könnt ihr sie behalten. Zeigt entweder Solidarität, oder verschwendet nicht unsere Zeit“, so Renzi, als zu vorgerückter Stunde noch immer keine Einigung erzielt war, wer Italien und Griechenland Asylbewerber abnimmt. Nicht erwähnt hat Renzi freilich, dass sich auch Italien bislang wenig solidarisch mit seinen Nachbarn verhalten hat. Tatsächlich wollen nämlich nur die wenigsten, die per Boot über das Mittelmeer kommen, auch in Italien bleiben. Seit Jahren war es stillschweigende Praxis, dass Rom einen Großteil der Asylbewerber faktisch an das übrige Europa weiterreichte. Entgegen EU-Vereinbarungen wurden viele der illegal Eingereisten nicht in Italien registriert. Stillschweigend zugesehen wurde ebenso, wenn Zehntausende Nordafrikaner anschließend ihren Asylantrag in anderen EU-Staaten stellten. Solange Länder wie Frankreich, Österreich und die Schweiz dieses Spiel tolerierten, konnte Rom mit dem bestehenden System gut leben.

Inzwischen spielen Italiens Nachbarn jedoch nicht mehr mit. Seit einiger Zeit schickt Frankreich illegal Eingereiste wieder zurück nach Italien. Von der Schweizer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga musste sich Renzi wiederum die Feststellung anhören, dass die Schweiz auf klaren Garantien bestehe, dass alle in Italien ankommenden Asylsuchenden auch offiziell registriert werden.

Nun haben sich die EU-Staats- und -Regierungschefs auf einen Kompromiss geeinigt. Die italienische Regierung und die EU-Kommission hatten ein festes Quotensystem zur Verteilung der Asylbewerber auf aller EU-Länder gefordert. Stattdessen wollen oder sollen die anderen EU-Staaten auf freiwilliger Basis 40000 Asylbewerber aus Italien und Griechenland in den kommenden beiden Jahren aufnehmen. Vermutlich werden es schließlich einige wenige Länder sein – unter ihnen Deutschland und Schweden – die einen Großteil der Belastung stemmen werden.

Bereits im Vorfeld des Gipfels hatte die ungarische Regierung darauf aufmerksam gemacht, wie ungleich die Lasten verteilt sind. Die Regierung in Budapest hatte angekündigt, Ungarn werde die Dublin-III-Vereinbarung aussetzen und keine aus Westeuropa abgeschobenen Asylbewerber mehr aufnehmen. Dublin III sieht vor, dass Asylbegehrende nur in dem EU-Mitgliedsstaat einen Antrag stellen dürfen, den sie als erstes betreten haben. Wie Regierungssprecher Zoltan Kovacs erklärte, verfüge Ungarn nur über die Kapazität, 2500 bis 3000 Asylsuchende unterzubringen. Diese sei ausgeschöpft, weshalb man sich zu diesem Schritt gezwungen sehe. Bis zum jetzigen Zeitpunkt seien im laufenden Jahr weit über 60000 Asylanträge registriert worden. Dies sei, so Kovacs, bereits mehr als im gesamten Vorjahr und auch die absolut höchste Zahl in Europa. Täglich kämen 700 bis 800 dazu. Im Gegensatz zu Griechenland oder Italien registriere Ungarn über 90 Prozent der Asylsuchenden, so der Regierungssprecher. Hintergrund der schon nach einem Tag von Budapest zurückgenommenen Ankündigung sind vermutlich Pläne von Ländern wie Österreich, tausende Asylbewerber nach Ungarn zurückzuführen.

Zu Recht macht die Regierung in Budapest auf den Missstand aufmerksam, dass die Diskussion bislang sehr einseitig verlaufen ist und Italien keineswegs die Hauptlast in der Asylfrage trägt. Das bestätigt auch EU-Ratspräsident Donald Tusk: „Seit Beginn des Jahres wurde ein Drittel der Asylbewerber in Ungarn registriert – das ist mehr als in Italien.“ Laut der europäischen Grenzschutzagentur Frontex ist die ungarisch-serbische Grenze zu einem der wichtigsten Eintrittstore für die illegale Einreise geworden. Anfang der sogenannten Westbalkan-Route, auf der derzeit Tausende unterwegs sein sollen, ist allerdings Griechenland, das ebenfalls Teil des Schengenraums ist. Norman Hanert


Familiensache Weißes Haus
Bush-Clan schickt Jeb ins Rennen – Der ist mehr als der »kleine Bruder«

Wenn ein Familienname für die Personifizierung der US-Politik steht, so ist es Kennedy. Dabei haben die Bushs dem einflussreichen Clan längst den Rang abgelaufen. Denn George H. W. Bush könnte gelingen, was Joseph Kennedy vergeblich versucht hat: Nicht nur einen, sondern gleich zwei seiner Söhne ins Weiße Haus zu bringen. Und dabei war er sogar selbst schon von 1989 bis 1993 US-Präsident.

Als solcher ist George Bush sen. gerade den Deutschen als Gestalter von staatsmännischem Format in Erinnerung geblieben. Unter dem Motto „Wir machen das“ hat er 1989/90 den Gegnern einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten unbeirrbar deren Zustimmung abgerungen. Selbst dem von der Situation zunächst überforderten Helmut Kohl hat er zunächst Richtung und Geschwindigkeit des Vereinigungsprozesses vorgegeben. Als es 1991 darum ging, das Schicksal von Saddam Hussein mit militärischen Mitteln zu besiegeln, verzichtete er darauf. Er wusste, was dann unausweichlich kommen würde: die Destabilisierung des Landes und ein Machtvakuum, das Islamisten und Separatisten für ihre Zwecke nutzen würden. Also genau das, mit dem die Welt heute als Folge der verfehlten Politik seines Sohnes George W. konfrontiert ist.

Das Erbe von dessen Regierungszeit macht den Namen Bush für seinen jüngeren Bruder John Ellis, genannt Jeb, zum Fluch und Segen zugleich. Doch dass der 62-jährige Jeb nicht nach seinem Bruder, sondern nach dem Vater kommt, gibt der Familie die reelle Chance, zum dritten Mal das Weiße Haus zu erobern. In der politischen Auseinandersetzung ist der republikanische Präsidentschaftsbewerber hart in der Sache, aber moderat im Ton. Markige Reden, wie sie sein Bruder gern hielt, sind ebenso wenig seine Sache wie medienwirksame Massenveranstaltungen, bei denen Barack Obama sich wie ein Superstar feiern lässt. Selbst bei der Auseinandersetzung mit diesem verzichtet er auf übertriebene Polemik – sehr zum Unmut mancher seiner republikanischen Parteifreunde, sehen die in dem ersten schwarzen US-Präsidenten doch so etwas wie den leibhaftigen Satan. Wie jeder in seiner Familie hat auch Jeb Bush ein ausgeprägtes Gespür für Macht. Mit seinem Leitspruch, die USA müss-ten wieder führen, grenzt er sich deutlich von der Außenpolitik Oba­mas ab und findet damit Anschluss an die seines Bruders. Doch im Gegensatz zu diesem ist Jeb hochgebildet und weltoffen. Er vermag auch komplizierte Dinge zu verstehen, sorgfältig zu analysieren und zu einem fundierten Urteil zu kommen. So tritt der neue Hoffnungsträger der Bush-Dynastie, der mit einer Mexikanerin verheiratet ist und Spanisch spricht, für eine gemäßigte Einwanderungs-, Sozial-und Bildungspolitik ein.

Jeb ist zwar der jüngere, aber gewiss nicht der kleine Bruder des Ex-Präsidenten. Als Banker und Immobilienunternehmer hat er bewiesen, dass er auch ohne die Protektion der Familie und abseits der Politik erfolgreich ist. Dass er seine politischen Ambitionen bereits mit dem Amt des Gouverneurs von Florida (1999–2007) als erfüllt betrachtete, kann daher nicht verwundern. Als Gouverneur hat er den Bundesstaat entschuldet, Wirtschaftsförderungsprogramme aufgelegt, das Bildungssystem reformiert und den Umweltschutz vorangebracht. Ihm ist zuzutrauen, diese Erfolgsgeschichte auf nationaler Ebene zu wiederholen. Es ist indes kein Geheimnis, dass er erst durch einen „Tritt in den Hintern“, so sein Bruder, von der Familie dazu gebracht werden musste, dies auch anzustreben. Jan Heitmann


Angst vor Bunter Revolution
Moskau setzt Generalstabsakademie gegen fremden Einfluss ein

In Russland nimmt die Tendenz zu, die internationale Zusammenarbeit einzuschränken. Dies bekam jüngst Christoph Strässer, der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, zu spüren. Er sagte eine geplante Reise nach Moskau und Wladikawkas im Kaukasus kurzfristig ab, nachdem die russische Seite ihm zu verstehen gegeben hatte, dass sein Besuch gegenwärtig nicht erwünscht sei.

Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), beklagen, sich vorzukommen wie Spione im eigenen Land. Ein am 6. Juni in Kraft getretenes Gesetz über „unerwünschte ausländische Organisationen“ macht ihnen das Leben schwer. Wie das vor drei Jahren eingeführte „Gesetz über ausländische Agenten“, infolge dessen in Russland tätige und vom Ausland finanzierte NGO sich als Agenten registrieren lassen mussten, soll das neue Gesetz den politischen Einfluss westlicher Länder in innenpolitische Angelegenheiten Russlands beschränken. Je nach Auslegung droht Initiativen von Oppositionellen, Intellektuellen, Soldatenmüttern, aber auch der Gorbatschow-Stiftung Strafverfolgung oder sogar ein Verbot.

Als Putin anlässlich des zehnten Jubiläums der Gesellschaftskammer in Moskau auftrat, verteidigte er das Gesetz. Es richte sich nicht nur gegen politische Einmischung von außen, sondern auch gegen den Missbrauch von Steuerprivilegien. Unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit werde mit allem möglichen, „von Nägeln bis Brillanten“ gehandelt. Dem Staat entgingen auf diese Weise immense Steuereinnahmen.

Die Gesellschaftskammer, als gesellschaftliches und politisches Bindeglied zur Regierung gegründet, pflichtete dem Präsidenten bei. Die Kammer wird selbst von Mitgliedern als ineffektiv kritisiert.

Nach der Krim-Annexion fühlt Moskau sich vom Westen zu Unrecht kritisiert und missverstanden. Seitdem schürt die Kremlpropaganda Hass und Argwohn gegen den Westen. Vor diesem Hintergrund wundert es kaum, dass die Gesetze gegen NGO verschärft wurden.

Russland stellt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die durch die USA forcierte Sanktionspolitik des Westens. Gegensanktionen und militärische Aufrüstung sind ein Teil davon, die ideologische Sensibilisierung des Volks ein weiterer. Gegen Versuche, das Land zu destabilisieren, hat Verteidigungsminister Sergej Schojgu nun die Militärakademie des russischen Generalstabs mit methodischen Ausarbeitungen zur Abwehr von „Bunten Revolu-tionen“ beauftragt.  An der Ausarbeitung einer „tiefgründigen“ Forschungarbeit über die Auswirkung von „Bunten Revolutionen“ auf die Bevölkerung sollen Wissenschaftler der namhaftesten russischen Universitäten mitwirken.

Schojgu will einen Kollaps wie den vieler ehemaliger Sowjetrepubliken nach dem Zerfall der Sowjetunion verhindern. Er ist der Überzeugung, dass „Bunte Revolutionen“ sowie der „Arabische Frühling“ Versuche westlicher Staaten waren, anderen Völkern ihre Rezepte für das eigene Leben aufzudrängen, ohne dabei Traditionen und nationale Besonderheiten zu berücksichtigen. Die Folge sei eine langfristige Destabilisierung des betroffenen Landes und der Region. Die aktuellen Maßnahmen werden vor dem Hintergrund getroffen, dass Präsident Putin von Aktionen Kenntnis erhalten haben will, die für die Zeit der Wahlkämpfe für die Duma-Wahlen 2016 und die Präsidentenwahl 2018 vom Westen geplant seien.

Manuela Rosenthal-Kappi


MELDUNGEN

Botschaft warnt Scheinasylanten

Tirana – Mit einer Anzeigenkampagne in den größten albanischen Zeitungen will die deutsche Botschaft in Albanien potenzielle Zuwanderer davon abhalten, nach Deutschland zu kommen. Unter der Überschrift „Kein Wirtschaftsasyl in Deutschland“ warnt sie die Albaner vor „skrupellosen Geschäftemachern“, die „aus Profitgier Märchen über Asylgewährung, Arbeitsstellen und Wohnungen in Deutschland verbreiten“. Albanien ist derzeit das Hauptherkunftsland bei den Asylanträgen. Allein im Mai gab es über 4700 Erstanträge. Die Anerkennungsquote ist mit 0,6 Prozent im Vergleich zu der anderer Zuwanderergruppen außerordentlich gering. J.H.

 

UN-Tribunal zu MH-17

Den Haag – Knapp ein Jahr nach dem Absturz von Flug MH-17 haben sich die Niederlande, Malaysia und drei weitere Länder dafür ausgesprochen, den Fall vor ein UN-Tribunal zu stellen. Malaysia will einen Resolutionsentwurf im UN-Sicherheitsrat einbringen, in dem die Gründung eines solchen Tribunals gefordert wird. Weil es sich bei den meisten der 298 Opfer um Niederländer handelte, hatte Den Haag die Ermittlungen geleitet. Im September 2014 wurden erste Ergehnisse vorgelegt, die ledigleich besagten, dass die Katastrophe „durch äußere Einwirkung von Objekten mit hoher Geschwindigkeit“ verursacht worden sei. Die Ermittlungen standen in der Kritik, weil 147 Unterlagen für geheim erklärt wurden. Insbesondere Russland hatte die USA wiederholt aufgefordert, ihre Satellitenaufnahmen vorzulegen. Prorussische Separatisten und die ukrainische Regierung werfen sich gegenseitig vor, für den Abschuss verantwortlich zu sein. Im Oktober soll ein Abschlussbericht vorgelegt werden. MRK


S. 7 Wirtschaft

Memeler Gasterminal droht Pleite
Litauens Versuch, von russischen Erdgaslieferungen unabhängig zu werden, erweist sich als unrentabel

Anfang des Jahres hatte der Flüssiggasterminal vor Memel mit großem propagandistischen Getöse gegen Russland den regulären Betrieb aufgenommen. Jetzt zeichnet sich ab, dass die litauische Energiepolitik erneut zu einem Desaster führt.

Allen offiziellen Verlautbarungen nach sollte das für weit über den Bedarf des Landes hinaus ausgelegte Projekt unmittelbar zu einem massiven Absinken der Gaspreise führen, sich in kürzester Zeit amortisieren und Russland als Gaslieferanten mit dem Auslaufen der aktuellen Verträge zum Jahresende 2015 überflüssig machen. Trotz des Hafens und obwohl Russland seine Gaspreise in Reaktion auf das neue Terminal um etwa 20 Prozent reduzierte, erhöhte sich der durchschnittliche Gaspreis für die Litauer in diesem Winter aber deutlich – und das bei einem tendenziell sinkenden Verbrauch. Im staatlichen Regularien unterliegenden innerlitauischen Gasaustauschsystem lagen die Preise um 20 bis 30 Prozent höher als im Vorjahr. Selbst im Falle von günstigeren Sonderverträgen der Großunternehmen mit dem Gashafen übersteigen sie den aktuell von Gazprom angebotenen Tarif um etwa zehn Prozent.

Die allgemeine Verteuerung führte in Wilna zu Preissteigerungen bei den privaten Gaskunden von sieben Prozent, wobei weitere Erhöhungen noch zu erwarten sind. Offensichtlich blieben auch die Einkaufspreise für das aus Norwegen bezogene Flüssiggas nicht so günstig wie bisher verlautbart, und erweisen sich gegenüber den politisch motivierten Einstiegspreisen deutlich im Steigen.

Der relativ hohe Gaspreis wird in Litauen erwartungsgemäß zu einer zunehmenden Nutzung alternativer Energiequellen wie etwa Biokraftstoffen und -gas führen und die Absatzmöglichkeiten des Memeler Gases weiter beschränken. Mit Wilna und Kaunas haben die beiden größten Städte Litauens bereits den Bau von Verstromungsanlagen für Biodiesel ausgeschrieben – und auch deshalb ist ein weiterer Einbruch des Gasbedarfs abzusehen.

Während des gesamten Winters lief die Memeler Anlage daher am untersten Rand ihrer Kapazität, und Abnehmer für die eingeplante Vervielfachung der Nachfrage sind weder im Lande noch in den anderen baltischen Staaten in Sicht. Vielmehr geht gerade in den Nachbarländern der Gasverbrauch deutlich zurück. Auch der weitgehend mit EU-Mitteln bezahlte Ausbau des litauischen Gasleitungsnetzes, um dieses für einen Export der neuen Gaslieferungen ins nördliche Baltikum und nach Polen vorzubereiten, wird angesichts massiver Interessenskollisionen mit den dortigen Energieanbietern keine Lösung bieten. So hat der mit seiner Verbindung zu Gazprom sehr zufriedene lettische Monopolist Latvijas Gaze in aller Deutlichkeit erklärt, dass er nicht an einem Kauf des überteuerten, nicht benötigten und logistisch aufwendig zu verteilenden Gases aus Litauen interessiert sei. Litauen hofft nun auf die von der EU für Lettland ab 2017 angesetzte Entflechtung des Gasmarktes und die damit einhergehende Schwächung der Gasunternehmen, um sich gegenüber den bisherigen Anbietern durchsetzen und das dortige Leitungssystem nutzen zu können. Dass die Letten sich allerdings so einfach gängeln lassen, darf bezweifelt werden.

Einstweilen hält die litauische Regierung nach neuen „Optionen“ Ausschau. Wie der Energieminister versicherte, würde sich „Südamerika“ als Gasabnehmer anbieten. Freilich ist es völlig schleierhaft, warum man Erdgas zunächst bis ans Ende der Ostsee verfrachten sollte, um es von hier über den Atlantik weiter zu verschiffen. Die offensichtliche Unsinnigkeit dieses Ansatzes und das zu erwartende Fehlen jedes erkennbaren größeren Abnehmers in Übersee hat das litauische Parlament nicht davon abgehalten, das Gesetz zum Flüssiggas-terminal dahinehend zu modifizieren, dass es nun auch einen Weiterverkauf des Gases über See erlaubt. Dies wird zwar formal Lieferungen nach Estland und Polen erlauben, wofür unlängst zwei Grundübereinkommen unterzeichnet wurden, so dass dieser rechtskonform beginnen kann – wenn auch erst nach der geplanten Fertigstellung der Umfüllanlagen 2017. Angesichts der geringen Menge des in beiden Ländern absetzbaren Flüssiggases wird dies allein aber die Rentabilität der litauischen Anlage nicht sicherstellen können.

Ohne weitere staatliche Fördermaßnahmen ist ein Konkurs des Memeler Hafens unausweichlich. Alternative Konzepte wie eine Überholung der noch aus sowjetischer Zeit stammenden Gasleitungs- und -verbrennungsanlagen oder andere verbrauchsmindernde Maßnahmen wären in jedem Fall auch bei einem hochpreisigen und mengenbeschränkten Gasangebot eine günstigere Lösung gewesen.

Einigen Litauern schwant inzwischen, dass man ihr Land bei der ganzen Angelegenheit gnadenlos über den Tisch gezogen hat. Grund hierfür sind freilich weniger die komplexen Marktstrukturen als die jüngst veröffentlichten Zahlen für den Kauf des Rückvergasungsschiffes: Die Norweger hatten für den Bau des Schiffes in Korea nur 243 Millionen Euro bezahlt, während die Mietsumme für die zunächst zehnjährige Vertragsdauer deutlich über 500 Millionen Euro beträgt – womit sich auch nach Abzug aller Zusatzkosten ein satter Gewinn für die Skandinavier ergibt.

Ein vernichtendes Urteil über den Memeler Gashafen ließ sich unlängst aus Estland vernehmen. Wie die Regierung des in seiner Energieversorgung weitgehend unabhängigen Landes streute, wolle sie sich nicht auf die litauische Anlage verlassen. Diese sei zwar „eine gute Zwischenlösung“, werde aber möglicherweise nur kurze Zeit bestehen. Man wolle daher seine – ohnehin nur minimalen – Einfuhren von Flüssiggas lieber aus Finnland beziehen, und das sei auch den anderen baltischen Staaten anzuraten. Sollten sich, wie sich andeutet, die finnischen Pläne zum Bau eines gemeinsamen Gashafens mit Estland zerschlagen, würde man alternativ ein eigenes, nur für den Eigenbedarf konzipiertes Terminal ohne Finanzierung seitens der EU bauen. Das kleine Estland manövriert sich eben seltener in unsinnige Großprojekte hinein als das sich seit jeher als baltische Vormacht fühlende Litauen.

Thomas W. Wyrwoll


Der Feind trägt Business-Schuhe
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace und ihr unseriöses Geschäftsgebaren

Vom „bitteren Beigeschmack der europäischen Apfelproduktion“, schwadronierten die Umweltaktivisten. Greenpeace hatte Boden und Grundwasser von konventionellen Obstplantagen untersucht und angeblich Bedenkliches festgestellt. Wieder einmal konnte die Organisation auf dramatischen Umweltfrevel hinweisen. Vor den Toren Hamburgs, im Alten Land, dem größten Obstanbaugebiet Deutschlands, entdeckten die Öko-Kontrolleure unter anderem Spuren von DDT und dem Regenwurmkiller Carbendazim, einem Fungizid.

„Die industrielle Apfelproduktion setzt nach wie vor gefährliche Pestizide ein, die Umwelt und Verbraucher schädigen können“, behauptete Dirk Zimmermann, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, unwidersprochen im „NDR“, in der „Bild“, bei „n-tv“ und etwa einem Dutzend anderen Medien, die bereitwillig über die „düsteren Schattenseiten des deutschen Lieblingsobstes“ berichteten.

Abseits des „Fallobst-Journalismus“ empörten sich Experten allerdings eher über die Schattenseiten der Umweltschutzorganisation. Wieder einmal hatte Greenpeace maßlos übertrieben. So stellte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit fest, dass die gemessenen DDT-Konzentrationen in den Proben aus dem „Alten Land deutlich geringer waren als etwa die Grenzwerte, die für Kinderspielplätze gelten. Auch die Carbendazim-Rückstände waren so niedrig, dass sie keinem Regenwurm Magenverstimmungen verursachen dürften. Die Spuren beider Substanzen stammen höchstwahrscheinlich aus den Zeiten, als beide Mittel noch erlaubt waren.

Überhaupt stößt Panikmache vor Pestiziden in der Öffentlichkeit zwar auf breite Resonanz, begründet ist sie aber nicht. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR): „In Deutschland kennen wir keine Fälle, in denen Verbraucher durch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf Lebensmitteln wie Obst und Gemüse gesundheitlich beeinträchtigt wurden.“

Gesundheitsrisiken auf dem Speiseteller werden den Deutschen mittlerweile aus einer ganz anderen Richtung her aufgetischt: Das zeigt zum Beispiel die schlimmste Lebensmittelkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik. 2011 erkrankten 4000 Menschen, weil sie Biosalatsprossen aßen, die mit gefährlichen Ehec-Bakterien verseucht waren. Hunderte erlitten einen irreparablen Nierenschaden, 53 starben. Das tödliche Gemüse stammte aus einer bioveganen Gärtnerei.

Derlei krankheitserregendes, aber ökologisch korrekt herangezogenes Grünzeug ist für die Greenpeace-Aktivisten natürlich kein Thema. Ihr Feind trägt Business-Schuhe und keine Birkenstocksandalen. Dabei ist aus der kanadischen Hippiekommune, die 1971 mit einem Fischkutter auszog, um Atombombentests vor Alaska zu verhindern, längst selbst ein global agierender Konzern geworden. Die mächtigste Umweltschutzorganisation der Welt hat ihren Hauptsitz im holländischen Amsterdam und Vertretungen in 41 Ländern. Beschäftigt werden rund 2400 Mitarbeiter. Angst um die Umwelt ist die Ware, die das Unternehmen feilbietet, Spenden ihr Lohn. Knapp 50 Millionen Euro fließen Greenpeace jährlich allein aus Deutschland zu. „Wenn wir unsere 500000 Förderer anschreiben, nehmen wir für jede eingesetzte Werbemillion sieben Millionen an Spenden ein“, erklärt Greenpeace’s oberster Geldsammler Gerhard Wallmeyer. Genug Geld um beispielsweise für die Niederlassung in Hamburg einen protzigen Klinkerpalast im angesagten und teuren Stadtteil HafenCity zu errichten.

Damit die Greenpeace-Anhänger spendabel bleiben, werden die Kampagnen und Initiativen so ausgewählt, dass sie den größtmöglichen Effekt erzielen. Die Wahrheit ist dabei oft ebenso zweitrangig wie der tatsächliche Nutzen für die Umwelt. Während Greenpeace im südlichen Polarmeer große Wellen für die Medien schlägt, um sogenannte Minkwale vor den Harpunen japanischer Walfänger zu retten, sind anderswo tatsächlich Tierarten vom Aussterben bedroht. Helfen tut ihnen niemand. Die Wale dagegen sind schon lange nicht mehr gefährdet. Bestandschätzungen bewegen sich derzeit bei 500000 Tieren. Tendenz steigend.

„Greenpeace hat sich von Logik und Wissenschaft verbschiedet“, kritisierte schon vor einigen Jahren der Umweltschützer Patrick Moore. Der Mann ist nicht irgendjemand. Er war einmal Gründungsmitglied und Präsident der Organisation. Frank Horns


Nord Stream wächst
Internationales Konsortium trifft Übereinkunft

Nachdem das russische Erdgasunternehmen Gazprom Anfang Juni angekündigt hatte, das 2019 auslaufende Gasdurchleitungsabkommen mit der Ukraine nicht zu verlängern, ging plötzlich alles ganz schnell: Auf dem XIX. Petersburger Weltwirtschaftsforum unterzeichneten Gazprom-Chef Alexej Miller, E.ON-Vorstandsvorsitzender Klaus Schäfer, der Geschäftsführer des niederländisch-britischen Energieriesen Royal Dutch Shell, Ben van Beurden, und das Vorstandsmitglied des österreichischen Rohstoffunternehmens OMV, Manfred Leitner, eine Übereinkunft zum Bau zweier neuer Stränge der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream.

Beide Leitungen sollen wie der erste Strang, der russisches Erdgas unter anderem vom sibirischen Erdgasfeld Juschno-Russkoje durch die Ostsee nach Deutschland transportiert, auf dem Weg von der russischen bis zur deutschen Küste komplett unter dem Meer verlegt werden und zusammen über eine Transportkapazität von 55 Milliarden Kubikmetern Gas jährlich verfügen. Für den Bau ist die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft nach dem Vorbild der im Jahre 2005 gegründeten Nord Stream AG, deren Anteile von Gazprom, Wintershall, E.ON, Gasunie und GDF Suez gehalten werden, angedacht.

Noch im Januar hatte Miller die geplante Turkish-StreamPipeline durch das Schwarze Meer als vollständigen Ersatz für die Ukraine-Pipeline bezeichnet, was aber wohl nur eine politische Geste war – ihre Kapazität dürfte eher für das südliche Europa bestimmt sein. Wegen der desolaten Lage Griechenlands muss Gazprom die Finanzierung für den Teilabschnitt auf griechischem Boden selbst übernehmen, wobei auch die übrigen Balkanländer stets Unsicherheitsfaktoren bleiben. Die neuen Ostsee-Pipelines dürften hingegen das deutsch-russische Gasgeschäft auch langfristig auf solide Grundlagen stellen. Hierzu passt, dass in der offiziell nicht-öffentlichen Liste der in St. Petersburg getroffenen Vereinbarungen auch eine gemeinsame Erschließung gigantischer neuer Erdöl- und Gasfelder in Nordsibirien aufgeführt ist. T.W.W.


MELDUNGEN

Berufsregeln sollen bleiben

Berlin – Die Regierungsfraktionen fordern, dass „notwendige, bewährte und verhältnismäßige Berufszugangsregelungen in Deutschland gewahrt bleiben“ und fordern die Bundesregierung auf, gegenüber der EU durchzusetzen, dass die Frage der Reglementierung von Berufen eine autonome Entscheidung der EU-Mitgliedstaaten bleibe. In dem Antrag heißt es: „Unsere Standards, auch im Hinblick auf unser hohes Qualifikationsniveau und das berechtigte Vertrauen in bestimmte Qualitätsstandards müssen aufrechterhalten und weiterent­wickelt werden.“ Vor allem seien Produkte und Dienstleistungen ein Ausdruck der hohen Qualitätsstandards „Made in Germany“ und trügen ganz wesentlich zur Wirtschaftskraft Deutschlands bei. J.H.

 

Bafin untersucht Chefwechsel

Frankfurt/Main – Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) nimmt den Chefwechsel bei der Deutschen Bank unter die Lupe. Sie prüft, ob die Ad-hoc-Mitteilung zum Vorstandswechsel rechtzeitig veröffentlicht wurde. Börsennotierte Unternehmen müssen Nachrichten sofort („ad hoc“) veröffentlichen, wenn diese den Kurs ihrer Aktie stark beeinflussen können. U.M.


S. 8 Forum

Am Ende muss die Gerechtigkeit siegen!
von Wolfgang Thüne

In einer Messe am 12. April 2015 hat Papst Franziskus den Mord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern durch das Osmanische Reich im Jahr 1915 als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet und ihn in die Reihe mit den späteren Völkermorden des Nationalsozialismus und Stalinismus gestellt. Die deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl, Annette Schavan, blieb der Papstmesse zum Gedenken an das „armenische Martyrium“ demonstrativ fern. Dabei hätte sie mit ihrem Gottesdienstbesuch den Papst daran erinnern können, dass die Vertreibung der Deutschen auch Völkermord war. Papst Pius XII. hatte sich 1945 vehement gegen „Kollektivschuld“ und „Kollektivstrafe“ ausgesprochen. Es half nicht! Die Provinzen Ostpreußen, Pommern und Schlesien wurden gründlich „ethnisch gesäubert“, die Deutschen vertrieben.

Am 20. Juni war Weltflüchtlingstag, bei dem zum ersten Mal Deutschland offiziell jener zwölf bis 14 Millionen Deutscher gedachte, die am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Flucht und Vertreibung ihrer Heimat beraubt wurden. Die Festrede hielt Bundespräsident Joachim Gauck. Er sagte: „Zum ersten Mal gedenkt Deutschland an einem offiziellen bundesweiten Gedenktag jener Millionen von Deutschen, die am Ende des zweiten Weltkrieges zwangsweise ihre Heimat verloren.“ Dieses Eingeständnis, dass „Deutschland“ erstmals 70 Jahre nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 offiziell der Vertreibung durch den „Bevölkerungstransfer“ von „Millionen Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Böhmen, Mähren“ und dem dabei erlittenen unendlichen Leid gedenkt, ist eine Schande. Das Wort „Völkermord“ fällt nicht. Hierzu stellt Bundespräsident Gauck lapidar und nüchtern fest: „Vertreibung galt als legitime Reaktion auf nationalsozialistische Besatzungs- und Vernichtungspolitik.“ Dabei hatte Gauck am 23. April die türkischen Massaker vor 100 Jahren als „Völkermord“ klassifiziert.

In seiner Rede meinte Bundespräsident Gauck, dass die Vertreibung den „alliierten Regierungschefs Churchill, Roosevelt und Stalin als adäquate Antwort auf den Tod und Terror, mit dem Nazi-Deutschland den Kontinent überzogen hatte“, erschien. Fast zur Entschuldigung der Täter sagte er: „Die Vertreibung galt als gerechte Strafe für deutsche Verbrechen.“ Ein ganz subjektives Rechtsverständnis lässt Gauck als Theologe erkennen, wenn er sagt: „Als die Potsdamer Beschlüsse im August 1945 die rechtliche Basis“ für die Vertreibungen schufen, „waren längst Fakten geschaffen“, wenn auch nicht „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“.

Nein, Vertreibung ist nicht erst heute völkerrechtswidrig, sie war es auch im Jahre 1945. Sie verletzt nämlich die Haager Konventionen von 1899 und 1907. Sie wurden durch die Genfer Konvention von 1949 bekräftigt und bestätigt. Erste feste Regeln zur Kriegsführung wurden bei der Brüsseler Konferenz von 1874 festgelegt. Die Haager Landkriegsordnungen, denen 84 Staaten zugestimmt hatten, Polen wurde 1925 Vertragspartner, sind für alle Staaten bindend; sie gelten als Völkergewohnheitsrecht. Dieses war auch für die Siegermächte des Ersten und Zweiten Weltkrieges bindend. Doch wie hieß es schon im alten Rom? „Wehe den Besiegten!“ Im Ernstfall geht Macht vor Recht und schafft Fakten, denen sich die Besiegten fügen und durch Verträge wie den Zwei-plus-Vier-Vertrag, mit dem die Oder-Neiße-Linie zur „Grenze“ erklärt wurde, um des Friedens willen fügen müssen, ganz ohne Friedensvertrag.

Erinnert sei an den US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Seine 14 Punkte vom 8. Januar 1918 garantierten das Selbstbestimmungsrecht. In Punkt 13 steht in Bezug auf Polen: „Ein unabhängiger Staat sollte errichtet werden, der alle Gebiete einbeziehen sollte, die von unbestritten polnischer Bevölkerung bewohnt sind.“ Das Deutsche Reich willigte am 11. November 1918 dem Waffenstillstand ein, musste aber im Friedensvertrag vom 28. Juni 1919 die Annexion des „Korridors“ akzeptieren. Lediglich in Masuren und Oberschlesien wurden unter alliierter Kontrolle Volksabstimmungen zugelassen. Im südlichen Ostpreußen, dem Regierungsbezirk Allenstein, fand am 11. Juli 1920 die Abstimmung statt. Bei einer Wahlbeteiligung von 87 Prozent stimmten 97,9 Prozent für den Verbleib beim Deutschen Reich. Ob der Missachtung des Selbstbestimmungsrechts verweigerte der Kongress der USA die Ratifikation des „Versailler Vertrages“. Hätten England und Frankreich sich an das Völkerrecht gehalten, der Welt und Deutschland wäre das „Dritte Reich“ wohl erspart geblieben.

Die Aussage der „Drei Mächte“ von Potsdam, dass das Deutsche Reich in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 fortbestehe, hat sich als Schall und Rauch erwiesen. Auch einen Friedensvertrag, mit dem ein Krieg offiziell beendet wird, gibt es nicht und wird es wohl auch nicht geben. Dabei kennt jeder den Satz: „Gerechtigkeit schafft Frieden“ – „Justitia fiat Pax“!

Der ehemalige Sekretär des Uno-Menschenrechtsausschusses, Alfred de Zayas sagte: „Mann bedenke, dass die ethnische Säuberung im ehemaligen Jugoslawien vom internationalen Tribunal in Den Haag als Völkermord verurteilt worden sind. Die Vertreibung der Deutschen war nachweislich härter und verlustreicher als das Geschehen in Bosnien und Kosovo.“ „Um als Völkermord zu gelten, ist es nicht nötig, dass alle Mitglieder der Gruppe massakriert wurden. Auch nicht alle Armenier, nicht alle Juden, nicht alle Tutsis wurden ausgerottet.“ Jede Vertreibung verstößt gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907 wie die Genfer Konvention. Mit gutem Grund werden die Vertreibungen als Verbrechen gegen die Menschheit, als Völkermord und damit unverjährbare Kriegsverbrechen definiert. Die Bestrafung des Völkermordes ist in der Resolution 180 vom 21. November 1947 und 260 vom 9. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen worden.

Die Anfänge des Völkerrechts sind von Hugo Grotius im Jahre 1625 in seinem Buch „Vom Recht des Krieges und des Friedens“ niedergelegt worden. Wie sich Sieger zu verhalten haben, ist bei Immanuel Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ 1795 nachzulesen. Und wie ein gerechter Frieden gestaltet werden kann, zeigt der Westfälische Frieden vom 24. Oktober 1648. Mit ihm wurde nicht nur der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 in Deutschland, sondern zugleich auch der 80-jährige Unabhängigkeitskrieg der Niederlande von 1568 bis 1648 beendet.


Frei gedacht
Von der CDU und dem Mühlstein
von Eva Herman

Ist die CDU noch christlich? Diese Schlagzeile wird derzeit in deutschen Medien anlässlich des 70. Geburtstages der Partei diskutiert. In den Artikeln werden Überlegungen angestellt, die zeigen, dass die Frage tatsächlich ernst gemeint ist. Auch im Internet wird über Werthaltigkeit und Verfall des großen C bei der sogenannten Volkspartei diskutiert. Es ist erstaunlich, wie viel Energie einige Leute in eines der inzwischen unwichtigsten Themen investieren, denn jeder Blinde hat längst erkannt, dass sowohl das C als auch die ganze Partei, wie gar die gesamte Parteienlandschaft, für gesunde Lebensstrukturen überflüssig geworden sind. Allerdings muss jeder Mensch, der mehr als die monoton vorgefertigte Meinung aus Zeitung und Fernsehen als Grundlage für die Wahrheit benötigt, erst einmal selbst etliche bequeme Ansichten abwerfen, bevor er vordringen kann in das Reich zutreffender Tatsachen und Fakten.

Wer also glaubt, dass die Parteien die Menschheit besser machen, der irrt sich. Wer der Ansicht ist, dass Politiker unser Bestes wollen, kann sich ebenfalls wieder hinlegen und weiterschlafen, ihm ist nicht zu helfen. Denn die Politiker haben gar nichts zu sagen, sondern sie führen in aller Regel nur jene Pläne aus, die andere, uns meist völlig unbekannte Leute sich ausdenken. Wer das nicht glauben will, weil sonst seine schöne, heile Welt zusammenbrechen würde, der lese mit offenem Sinn das Zitat des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, in dem er 2010 in einer ARD-Sendung der Öffentlichkeit reinen Wein einschenkte: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“ Eine Sternstunde übrigens in Sachen Volksaufklärung, die jedoch durch keine weitere Medienunterstützung den Weg in unser Bewusstsein finden konnte, weil dies schlicht nicht vorgesehen war.

Erinnern wir uns: Gibt es auch nur eine Politik-Entscheidung der letzten Jahre, die etwa segensreich für die Menschen im Land ausgefallen wäre? Die Einführung des Euro? Die Ban­ken­rettungen? Die Ab­schaffung der Wehr­pflicht? Das TTIP-Abkommen? Die Kriegseinsätze der Nato? Die flächendeckenden Kinderkrippen? Die Frauenquote? Hat irgendeine Partei irgendetwas wirklich Gutes, vor allem Nachhaltiges auch für die Natur, eingeführt und umgesetzt? Etwas, was dem Einzelnen Segen bringt, ihm das Herz erfreut, Unterstützung und Hilfe für sein Leben und das seiner Familie bringt? Etwas auch, das sein Vertrauen in die Welt, und, von mir aus, auch in die Partei, stärkt? Es ist bei dieser Frage übrigens gleichgültig, ob die CDU gerade als Regierungspartei ausgewiesen war oder die SPD, ob man auch gerade mit gelb, grün, blau oder irgendwelchen jamaikanischen Regenbogenfarben koalierte: Etwas Gescheites kam doch nie heraus, jedenfalls nichts, was für das Volk und die Welt sinnvoll gewesen wäre. Lobbyisten allerdings freuen sich zunehmend, denn ihre Kassen klingeln stets und immer lauter, ohne dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekommt. Lobbyisten sind Leute, die für Geld alles tun, sie verraten Land und Leute, um sich die eigenen Taschen voll zu machen. Sie arbeiten häufig für Auftraggeber, die sie nicht kennen, was ihnen aber egal ist. Dass diese besonders geldgierige Berufsgattung auch vermehrt unter den Politikern zu finden ist, kommt nur hin und wieder ans Licht der Öffentlich, aus Versehen, sozusagen.

Wir wollen aber bei der Eingangsfrage bleiben, denn der 70. Partei-Geburtstag ist ein feiner Anlass zum Feiern und Dis­kutieren: Ist die CDU also noch christlich? Zuvor müssen wir untersuchen, was der Begriff „christlich“ überhaupt bedeutet. Denn die überall grassierenden Wortschlampereien machen ein verständnisvolles Miteinander nahezu unmöglich. Die christliche Lehre entspricht dem Bekenntnis zum Gottessohn Jesus Christus. Jeder gläubige Christ muss sich dementsprechend unter anderem mit einer der wichtigsten Forderungen des Heilands auseinandersetzen: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Ein hoher Appell, eine unglaubliche Herausforderung.

Nun wollen wir uns, neben den genannten Themen von Euro-Einführung und Bankenrettung, das aus meiner Sicht verheerendste Thema näher ansehen, das die CDU ermöglichte: die neue Volksbildung. Hier bildet die zehnjährige Amtszeit Angela Merkels den Eckstein: Schon Kleinstkinder werden heute, politisch korrekt, ihren Müttern entrissen und werden, ganz nach sozialistischer Ostblockmanier, in „frühkindlichen Bildungsstätten“ erzogen. Ein werteorientierter Unterricht an Schulen und Universitäten, zu dem vor allem Moral und Verantwortung gehören, ist verschwunden. Das dreigliedrige Schulsystem wurde abgeschafft, eingeführt wurde stattdessen eine flächendeckende Sexualisierung unserer Kinder – es geht schon in den Kitas los.

Ebenso gibt es zahlreiche neugeschaffene Posten im öffentlichen Dienst, in Behörden, Sendern, Universitäten, Unternehmen – zum Thema Gender. Dieser Begriff beinhaltet schlicht und einfach die neue „Lehre“, dass es die zwei Geschlechter von Mann und Frau gar nicht gibt, sondern dass diese nur menschenerdacht seien. Nun wird schon den Kleinsten in manchen Gender-Kitas ihr Mädchen- beziehungsweise Jungsverhalten aberzogen, sie werden „geschlechterneutralisiert“. Milliardensummen fließen jährlich in die Gender-Programme, denen ein radikaler Feminismus vorausging. Seit einigen Jahren wird, Schritt für Schritt, die „sexuelle Orientierung“ in die Gesetzgebungen gebracht, wonach anstatt der Geschlechter von Mann und Frau inzwischen Dutzende verschiedene Formen sexueller Praktiken als „gendernormal“ gelistet werden, von denen früher die meisten noch unter die Bezeichnung Perversion fielen. Dazu gehören unter anderem Fetischismus, Exhibitionismus, Sadismus, Sodomie, und, welch eine Überraschung, auch die Pädophilie!

Die sich christlich-demokratisch nennende Kanzlerin hält es hier wohl mit der Politiker-Weisheit, die dem damaligen luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker in einem „Spiegel“-Interview 1999 entschlüpft war: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert“, verriet der Politiker über die Tricks, zu denen er die Staats- und Regierungschefs der EU in der Europapolitik ermunterte. „Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter, Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

Unsere Welt bricht auseinander, kein Stein bleibt auf dem anderen. Wir schauen dabei zu und diskutieren abends am Stammtisch wirklich ernsthaft die Frage, ob die CDU noch christlich ist? Die CDU ist eine Genderpartei: Gender macht Frauen zu Männern, Männer werden zu Waschlappen erzogen, die Kinder frühsexualisiert, sie, die doch stets das Schick­sal der nachfolgenden Generationen bestimmen. In diesem Zusammenhang und am Ende sei noch einmal der Begründer der christlichen Lehre, Jesus, zitiert: „Das will ich euch sagen: Wenn jemand den Glauben eines dieser Menschen, der mir wie ein Kind vertraut, zerstört, käme er noch gut davon, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“


S. 9 Kultur

Einfach unkaputtbar
Viele Karrieren, ein Phänomen − Arnold Schwarzenegger kehrt als »Terminator« in die Kinos zurück

Arnold Schwarzenegger ist zu­rück. Als Terminator kämpft er im fünften Teil der Filmserie, die als „Terminator: Genisys“ am 9. Juli in die Kinos kommt, als T-800 gegen Maschinenwesen, die einfach unkaputtbar sind – so wie er selbst auch.

In dem 1993er Science-Fiction-Film „Demolition Man“ fällt Hauptdarsteller Sylvester Stallone aus allen Wolken, als er von der „Arnold-Schwarzenegger-Bibliothek“ hört und erfährt, dass sein Filmkollege in früheren Zeiten einmal Präsident der USA war. Die Prophezeiung einer politischen Karriere des Bodybuilders und Actionhelden kam in dem in ferner Zukunft spielenden Film der Wahrheit recht nahe. Zehn Jahre später wurde der gebürtige Österreicher Gouverneur von Kalifornien, und würde es die US-Verfassung auch Bürgen erlauben, die nicht in den USA geboren wurden, für das höchste Staatsamt zu kandidieren, dann wäre womöglich nicht Jeb Bush, sondern Schwarzenegger der republikanische Herausforderer von Hillary Clinton bei den bevorstehenden US-Wahlen.

Schwarzenegger ist in den USA beliebt wie kaum ein anderer. Und das durchgängig seit fast einem halben Jahrhundert. Als Bodybuilder, Schauspieler und Politiker erwarb er Sympathien, die ihn von einem Triumph zum nächsten führten. Woran andere scheiterten, gelang ihm dank seiner physischen Präsenz mit scheinbarer Leichtigkeit: die zielstrebige Karriereplanung.

Mit nichts als ein paar Muskelpillen im Koffer wanderte er 1968 in die USA aus und startete Karriere Nr. 1: die des weltweit erfolgreichsten Bodybuilders. Wohl wissend, dass auch seine Muskelmassen früher oder später schrumpfen werden, schuf er sich ein zweites Standbein als Immobilenmakler, das ihn zwar zum Millionär machte aber nicht zum Olymp dauerhaften Ruhms führte. Diese Chance aber sah er nur beim Film, wo er seine Karriere Nr. 2 begann. Ohne ihn wäre der billige Fantasie-Schund „Conan der Barbar“ von 1982 nie zum Welterfolg geworden. Gerade weil „Arnie“ wegen seiner begrenzten mimischen Möglichkeiten wie ein unbeholfenes Kind mit Pelz und Schwert durch die Gegend tapst und nur drei oder vier vollständige Sätze sprechen muss, wurde er Kult. Und seitdem er zwei Jahre später im ersten „Terminator“-Film mitwirkte, gilt er als Hollywoods Actionheld schlechthin.

Eine Sache unterscheidet ihn von anderen Muskelpaketen wie Chuck Norris, Jean-Claude van Damme, Dolph Lundgren, Steven Seagal oder dem deutschen Schwarzenegger-Freund Ralf Moeller, die ebenso schauspielerisch minderbegabt als Actionhelden die Leinwände unsicher machen: die Fähigkeit, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen, und gleichzeitig als menschlicher Panzer der Armen und Schwachen ernstgenommen zu werden. Allenfalls sein Freund Sylvester Stallone und Bruce Willis können in dieser Liga mithalten. Schwarzeneggers lässiges „Hasta la vista, Baby“ aus dem zweiten der nunmehr fünf „Terminator“-Filme zieht sich wie ein Dauerwitz durch viele seiner Auftritte, ohne dass man seiner überdrüssig wird. Selbst sein selbstironischer Werbeauftritt, als er sich kürzlich als „Teminator“ in Lederjacke in den Alltag von Los Angeles stürzte und als lebende Wachsfigur Passanten erschreckte, geriet bei ihm nicht zur Lachnummer.

Da aber auch Actionhelden nicht jünger werden, entschloss er sich für Karriere Nr. 3: als Politiker. Die Heirat mit John F. Kennedys Nichte Maria Shriver war ein erster planmäßiger Schritt dahin. Seine Regentschaft in Kalifornien überstand er trotz vieler Anfeindungen relativ unbeschadet. Sein Nimbus als Actionstar machte ihn beinahe unangreifbar und verhalf ihm sogar zur Wiederwahl. Seitdem diese letzte Amtszeit vorüber ist, und er von Shriver geschieden ist – „das größte Versagen meines Lebens“, sagte er – beginnt nun Karriere Nr. 4: die des alternden Filmstars, der selbst so eine Gewaltorgie wie „Terminator: Genisys“ noch zu einem für Zuschauer einigermaßen erträglichen Ereignis macht.

Seit fast 50 Jahren erfindet sich das Vermarktungs-Phänomen Schwarzenegger immer neu. Vielleicht plant er schon Karriere Nr. 5, 6 und 7: als Musiker, Schriftsteller oder Maler. Alter schützt vor Torheit nicht, vor allem nicht bei einem, der einfach un­kaputtbar ist. Harald Tews


Fabelhaftes Original
Vor 300 Jahren kam der Fabeldichter Gellert zur Welt

Die zweistündige Audienz bei Friedrich II. im Jahr 1760 blieb bei Christian Fürchtegott Gellert in lebhafter Erinnerung haften. Als er ihn empfing, kannte der König keines der Werke des damals meistgelesenen Dichters deutscher Sprache. Gellert musste ihm erst einmal eine seiner Fabeln, mit denen er sich seine Meriten erwarb, auswendig vorsagen. Den folgenden Dialog gab Gellert so wieder: „Der König: Hat er den Lafontaine nachgeahmet? – Ich: Nein, Sire, ich bin ein Original; das kann ich ohne Eitelkeit sagen; aber darum sage ich noch nicht, daß ich ein gutes Original bin.“

Kurz danach war die Audienz beendet. Ständig auf den französischen Fabeldichter Jean de La Fontaine (1621–1695) angesprochen zu werden, missfiel dem sensiblen Gellert. Mit seinen 1746/48 erschienen „Fabeln und Erzählungen“ griff der Dichter eine Gattung auf, die seit dem Barock äußerst beliebt war. Übersetzungen des römischen Fabeldichters Äsop leiteten eine Blütezeit dieser gleichnishaften Dichtungen ein, in denen oft Tiere menschliche Züge tragen. Vor Gellert machte Fried­rich von Hagedorn die Gattung populär, nach ihm war es Lessing. Doch nur Gellert wurde dank seiner Fabeln zu einem der ersten volkstümlichen Dichter in Deutschland.

Kaum ein gelehrter Haushalt, in dem seine Fabeln nicht gelesen wurden. Auch in Goethes elterlicher Bibliothek standen Gellert-Ausgaben. Umso ge­schmeichelter war der angehende Dichter, als er 1765 in Leipzig Vorlesungen des dort als Poesie-Professor tätigen Gellert besuchte und von ihm Ratschläge erhielt. Goethe sprach von „Verehrung und Liebe“, die der „Gewissenrat für ganz Deutschland“ unter den jungen Leuten ge­noss: „Nicht groß von Gestalt, zierlich, aber nicht hager, sanfte, eher traurige Augen, eine sehr schöne Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, ein feiner Mund, ein gefälliges Oval des Ge­sichts: alles machte seine Gegenwart angenehm und wünschenswert.“

Nachdem er den frömmelnden Mann, der seine Studenten „mit weinerlicher Stimme fragte, ob wir denn auch fleißig in die Kirche gingen“, näher kennenlernte, wandelte sich Goethes anfängliche Ehrfurcht in Spott um. Es waren denn auch die Sturm-und-Dränger, welche einen vorläufigen Schlussstrich unter die Rezeption des bis dahin gefeierten Moralapostels zogen und statt seiner dem Oden-Dichter Klopstock die Lorbeeren aufs Haupt setzten.

Trotzdem hat der am 4. Juli 1715 als Pastorensohn im sächsischen Hainichen geborene Gellert bis heute seine Spuren hinterlassen. Einige seiner Kirchenlieder wie das Osterlied „Jesus lebt, mit ihm auch ich“ finden sich noch immer in evangelischen und teilweise so­gar katholischen Gesangsbüchern.

Gellerts religiöse Oden und Lieder entstanden erst in seiner letzten Schaffensphase, als der stets kränkelnde Hypochonder den Tod kommen sah. Mit Lustspielen wie „Die Betschwester“ oder „Die zärtlichen Schwestern“ hatte er zuvor die Komödiengattung aufpoliert. Im Mittelpunkt standen nicht mehr die Hanswurste, über die man lachen sollte, sondern empfindsame Charaktere, die Mitleid und Rührung erwecken sollten. Als „weinerliche Lustspiele“ prägten sie ebenso die Zeit der Empfindsamkeit wie Gellerts einziger Roman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“, den Gellert 1747/48 anonym veröffentlichte. Zu anrüchig war diese Gattung damals, als dass er als Autor damit in Verbindung gebracht werden wollte. Doch sollte dieser höchst erfolgreiche Roman bis Goethes „Leiden des jungen Werthers“ lange Zeit der einzig bedeutungsvolle sein, der sich nicht mit antiken Themen, sondern dem damaligen Hier und Jetzt der Ehe befasste.

Gellert selbst war nie verheiratet. Er starb am 13. Dezember 1769 in Leipzig. Als der Arzt ihm mitteilte, sein letztes Stündchen habe ge­schlagen habe, soll Gellert erleichtert gesagt haben: „Gott sei Dank, nur noch eine Stunde!“ Und als Fried­rich II. von seinem Tod hörte, fand er doch noch lobende Worte für Gellert: „le plus raisonnable de tous les savants allemands“ − der Vernünftigste unter den deutschen Gelehrten. Harald Tews

Infos zum Gellert-Jahr und -Mu­seum in Hainichen: www.gellert2015.de


Dinos machen Kasse
»Jurassic World« überrascht mit bestem Kinostart aller Zeiten

Der vierte Teil der Film-Reihe „Jurassic Park“ übertrifft alle Erwartungen. Er führt nicht nur die Kino-Bestenliste an, sondern brach auch alte Rekorde. Allein am ersten Wochenende spielte das Dino-Abenteuer 511,8 Millionen US-Dollar ein und übertrumpfte damit den bisherigen Weltrekordhalter „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ der im Sommer 2011 stolze 483,2 Millionen Dollar umsetzte.

„Jurassic World“ hat in die Kino-Branche eingeschlagen wie eine Bombe und die alt eingesessenen Spitzenreiter gut durchgeschüttelt. Mit einem solchen Erfolg hatte niemand in der Branche gerechnet. Der dritte und bislang letzte Teil der „Jurassic Park“-Serie kam 2001 unter Regisseur Joe Johnston in die Kinos und konnte Dino-Fans nicht überzeugen – der Film blieb hinter den Erwartungen zurück und konnte nicht an die beiden Vorgängererfolge anknüpfen. 14 Jahre später kommt unter Regie von Colin Trevorrow „Jurassic World“ heraus und lässt die Ära des ersten Saurier-Films wieder auferstehen.

Hauptdarsteller sind Chris Pratt und Bryce Dallas Howard, zwei Sympathieträger, die die Zu­schauer bereits aus „Guardians of the Galaxy“ (Pratt) und „Spider- Man 3“ (Howard) kennen. Und noch einen weiteren markanten Unterschied gibt es zum Vorgänger: „Endlich gibt es einen funktionierenden Park. Nachdem diese Planung zuvor grandios scheiterte, hat es ein Millionär nun endlich geschafft, einen richtigen Dinopark zu erschaffen“, erklärt Kinoexperte Torsten Eggerth von Moviejones.de. Und der Park hat es in sich.

Überdimensionale Dinosaurier, die in spektakulären Szenen nicht nur die Besucher auf Isla Nublar zum Staunen bringen, sondern auch die Zuschauer in den Kinosälen in 3D mitreißen. Noch eine weitere Zutat verhilft dem Film zu seinem Erfolg: eine gehörige Portion Nostalgie und ein cleveres Marketing, das diese richtig einzusetzen weiß. „Die Marke Jurassic Park ruhte zwar bei Universal seit 2001, doch sie war nie völlig aus dem Bewusstsein der Zu­schauer verschwunden, was maßgeblich zum Erfolg beiträgt. Regisseur Trevorrow schafft es in vielen Szenen, genau dieses Ge­fühl von Nostalgie zu treffen: Der Jurassic Park ist eröffnet!

Überhaupt scheint im Kino die Nostalgie wieder ganz großgeschrieben zu werden. Egal ob das bereits gestartete „Mad Max – Fury Road“, „Terminator: Genisys“ oder „Star Wars Das Erwachen der Macht“ im Dezember. Die Etablierung des Bösen tut dabei ihr Übriges und gibt dem Streifen die gehörige Portion Action und Spannung.

Der Bösewicht in Form des hyperintelligenten Indominus Rex, der Jagd auf alles macht, was sich bewegt, ist eine ebenso ge­heimnisvolle und mächtige Figur wie einst der Ty­rannosaurus Rex. „Regisseur Trevorrow hat im vierten Teil der Serie eigentlich alles richtig ge­macht. Es gibt viele charmante Anspielungen auf das Original, or­dentlich Action und natürlich viele Di­nos“, sagt Eggerth.

Schon nach dem Startwochen­ende hat „Jurassic World“ die Produktionskosten von geschätzten 150 Millionen Dollar mehr als dreimal eingespielt und liegt auf Kurs, auch den ersten Teil der Dino-Saga deutlich zu überbieten, der 1,03 Milliarden US-Dollar an den Kinokassen holte – inklusive der 3D-Wiederaufführung im Jahr 2013. Kommende Kinofilme wie „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ oder „James Bond: Spectre“ müssen sich sehr anstrengen, um diesen Start übertrumpfen zu können. Meike Stephan


MELDUNGEN

Matthias Schulz löst Flimm ab

Berlin − Das Personenkarussell in der Berliner Kultur dreht sich weiter auf Hochtouren. Jetzt wurde bekannt, dass Matthias Schulz als Nachfolger von Jürgen Flimm zum Intendanten der Staatsoper Unter den Linden be­stellt wurde. Der Münchener Kulturmanager, der seit 2012 Ge­schäftsführer und künstlerischer Leiter der Stiftung Mozarteum Salzburg ist, wird die Intendanz am 1. September 2017 übernehmen. Da derzeit die Renovierung der Staatsoper läuft, wird sich die Intendanz im ersten Jahr mit der von Flimm, der das neu renovierte Haus noch eröffnen wird, um einige Monate überschneiden. Alleinige Verantwortung trägt Schulz ab der Saison 2018/19. Zuvor schon erregten andere Personalentscheidungen in Berlin viel Aufsehen. So wird der belgische Kurator Chris Dercon 2017 Chef der Volksbühne, der Brite Neil MacGregor wurde Leiter des Humboldt-Forums, und der Russe Kirill Petrenko soll 2018 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker werden. tws

 

Abschied vom RIAS mit »Elias«

Berlin − Nach acht Jahren verabschiedet sich der Dresdner Dirigent Hans-Christoph Rademann als Leiter des RIAS-Kammerchors. Seine Abschiedsvorstellung gibt er am 3. Juli beim Rheingau Musikfestival und am 5. Juli im Konzerthaus Berlin mit Mendelssohns Oratorium „Elias“. tws


S. 10 Geschichte

Nationalkämpfer und Kirchenkritiker
Vor 600 Jahren verbrannte der Böhme Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen

600 Jahre ist Jan Hus nun mittlerweile tot. Nichtsdestotrotz polarisiert der böhmische Nationalkämpfer und Kirchenkritiker bis heute die Menschen.

Erst unlängst forderte der französische Publizist Alfred Grosser bei einem Vortrag im alten Speichersaal des Konzils von Konstanz die Heiligsprechung des Märtyrers. Andere sehen den böhmischen Reformator kritischer. Der bekannte Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller äußerte in einem Interview, Jan Hus sei nicht in erster Linie wegen seiner theologischen Aussagen, sondern aufgrund seines national-böhmischen Engagements gleichsam unter die Räder der Politik gekommen. Deswegen sei er nach damaligem Rechtsverständnis am 6. Juli 1415 zu Recht auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.

Jan Hus wurde im südböhmischen Husinec, daher sein Name Hus, als Sohn eines Fuhrmanns in einfachen Verhältnissen geboren. Aufgrund seiner Begabung erhielt er eine gute Schulbildung. Er durfte schon im Alter von 15 Jahren in der damaligen „Goldenen“ Metropole der Wissenschaft, an der Universität von Prag, studieren. Dort legte er 1396 die Magisterprüfung an der philosophischen Fakultät ab und wurde sogleich zum Dozenten berufen. Durch die Schriften des englischen Kirchenkritikers John Wyclif erlebte Hus eine Art Bekehrung. Er nahm dessen Schriften begeistert auf. Seine Hauptleidenschaft wurde fürderhin die Frage nach der Wahrheit des Evangeliums. So schrieb er später: „Alle religiöse Wahrheit ist in der Schrift enthalten … Wir können den Teufel nur mit den Waffen überwinden, die auch Christus zu seinem Siege gebrauchte, nämlich mit der heiligen Schrift.“

Neben seiner Tätigkeit als Professor an der Prager Universität studierte Hus zwei Jahre Theologie und wurde im Jahre 1400 zum Diakon und Priester geweiht. Ab 1402 erhielt er als Prediger der Prager Bethlehemskapelle ein Forum, das ihm große öffentliche Aufmerksamkeit sicherte. Sein Auftrag dort lautete, „dem einfachen Volk Gottes Wort in einfachem Tschechisch zu predigen“. Bis zu 3000 Zuhörer sollen dem rhetorisch gewandten Prediger gelauscht haben. Schon in seiner ersten Predigt kritisierte er in harschen Worten die kirchlichen Zustände seiner Zeit, die Unmoral und Habgier vieler seiner Kollegen. Obwohl Hus selbst sein Einkommen von den Abgaben armer Bauern südlich von Prag bezog, scheute er sich nicht, den Besitz der Kirche und die Pachtzinsen der Kirche zu kritisieren.

Zur gleichen Zeit fanden bereits kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des in Wien inhaftierten Königs Václav (Wenzel) IV. und denen seines Bruders Zikmund, des Königs von Ungarn, statt. Der neue Erzbischof von Prag, Zbynko Zajíc von Hasenburg, stand den Reformanliegen von Hus zunächst durchaus offen gegenüber. So verbot er der Geistlichkeit prächtige Gewänder oder ausschweifende Gelage. Gleichzeitig wurden in der Universität nach einer leidenschaftlich geführten Disputation wichtige Schriften des Oxforder Theologen John Wyclif unter Androhung der Exkommunikation und des Verlustes der Universitätszugehörigkeit verboten. Das traf Hus gleichsam ins Herz.

Ebenso wie Wyclif lehnte Hus die hierarchische Struktur der Kirche mit dem Papst als Oberhaupt ab wie die Rolle von Konzilen bei der Klärung theologischer Streitfragen. In der Tradition der Reformbewegungen der Waldenser oder der Katharer, die im 13. und 14. Jahrhundert ähnliche Forderungen erhoben hatten, zweifelte er am Sinn und der Bedeutung der kirchlichen Sakramente. Langsam wurde Hus vom Kirchenreformer zum Revolutionär. Er beschimpfte den Papst als „Antichristen“ und damit als Teufel in Person. Teils in ähnlichen Worten wie Martin Luther ein Jahrhundert später rief er zum „Wiederstand“ gegen die kirchlichen Autoritäten seiner Zeit auf, was deren Gegenreaktion naturgemäß provozieren musste.

Neuere historische Untersuchungen zeigen übrigens, dass die kirchlichen Zustände gar nicht so düster waren, wie von Hus dargestellt. Die Reformorden der Dominikaner und Franziskaner, im 13. Jahrhundert gegründet und im 14. Jahrhundert zahlreich in ganz Europa ausgebreitet, hatten bereits das Ideal der christlichen Armut propagiert und überall seit rund 150 Jahren das Evangelium in der Volkssprache verkündet. Viele der von Hus angeprangerten Zustände hatten sich bereits geändert. So diente die radikale Kirchenkritik dem böhmischen Reformer wohl eher als rhetorisches Mittel. Echte Reformversuche innerhalb der Kirche unternahm er nie.

Die nationale Frage dagegen erwies sich bald als ein explosives Gemisch. Im Jahr 1409 verfügte Václav IV. das Kuttenberger Dekret, durch das die Stimmenverhältnisse der „Nationen“ im Universitätsrat umgekehrt wurden. Hatte bisher jede Landesgruppe – die bayerische, die sächsische, die schlesische und die tschechische – je eine Stimme, wurde nun der einheimischen tschechischen mit einem Schlag das dreifache Gewicht zugestanden. Ein Aufruhr folgte, bedeutete das Dekret doch einen massiven Einschnitt in die Autonomie der Universität durch die Krone. Daraufhin verließen rund 800 Universitätsangehörige aus deutschen Ländern Prag und gingen größtenteils nach Leipzig, wo in der Folge die Universität gegründet wurde.

So begleiteten Hus im Grunde zwei Themen, das der theologischen Streitfragen und das der böhmisch-tschechischen Nationalität, auf seiner Reise nach Konstanz. Die Reise dorthin war ein Wagnis, denn schon im Juli 1412 hatten zwei vormalige Mitstreiter von Hus die universitäre Verurteilung von 45 ausgewählten Artikeln Wyclifs und von sechs Ketzereien von Hus durchgesetzt. Da Václav IV. keine Unruhe im Lande wollte, ließ er Hus zunächst gewähren, sicherte ihm sogar Schutz auf dem Konzil von Konstanz zu. Doch Hus unterschätzte, dass Vác­lav IV. auf der internationalen Bühne keine Macht mehr hatte. Dort regierten dessen Gegner, auf der theologischen wie der politischen Ebene. Hus wurde zwar auf dem von 1414 bis 1418 tagenden Konzil von Konstanz noch gehört, aber als Häretiker verurteilt. Alle Angebote, seine Thesen zu widerrufen, lehnt er ab. Nach Ablegung der Beichte und erfolgter Absolution erlitt er am 6. Juli 1415 den Feuertod auf dem Scheiterhaufen. Seine böhmischen Anhänger sahen Jan Hus in der Folgezeit als Märtyrer und begannen die Hussitenkriege, die von 1419 bis 1439 vom Königreich Böhmen ausgingen. Hinrich E. Bues


Hannoveraner statt Preußen, Briten und Franzosen
Das Bomann-Museum Celle rückt in seiner Sonderausstellung »Waterloo« die Vorfahren der Niedersachsen ins Zentrum

Was die berühmte Schlacht vom 18. Juni 1815 betrifft, sind der französische Verlierer Napoleon sowie auf der Seite der Sieger der Brite Wellington und der Preuße Blücher bestens bekannt. Aber an Alten, Baring oder Halkett erinnert sich kein Mensch mehr. Das befürchtet zumindest Norbert Steinau – und versucht mit der bis zum 11. Oktober im Bomann-Museum Celle zu sehenden Ausstellung „Waterloo“ für Abhilfe zu sorgen. Der Kurator rückt den Anteil der Hannoveraner am Sieg gegen Bonapartes Truppen in den Blick­punkt.

Zu Beginn des fünftägigen Feldzugs verfügte Napoleon über 124000 Mann. Die preußische Armee bestand aus 128000 Soldaten. Die alliierte Armee unter Arthur Wellesley, dem ersten Duke of Wellington, hatte 107000 Mann. Ein Viertel von ihnen waren Hannoveraner. Zum Aufgebot gehörten sowohl Angehörige der ab 1813 neu aufgestellten Königlich Hannoverschen Armee als auch der King’s German Legion. Letztere war eine kampferprobte Elitetruppe, die von Pommern bis Gibraltar im Einsatz gewesen war. Viele ihrer Leute waren ehemalige Offiziere und Soldaten der hannoverschen Armee, die Georg III. als Kurfürst von Hannover nach der Niederlage gegen die Franzosen 1803 hatte auflösen müssen. Als britischer König aber machte er ihnen das Angebot, in die neu geschaffene King’s German Legion einzutreten.

Das 1892 als „Vaterländisches Museum“ gegründete und nach seinem Gründer und erstem Museumsdirektor Wilhelm Bomann benannte Bomann-Museum verfügt über die bedeutendste militärhistorische Sammlung Norddeutschlands. Und so stützt sich die aktuelle Sonderausstellung vor allem auf den eigenen Fundus: Bilder und Dokumente, Waffen, Uniformen, einzigartige Stücke wie die Fahne der 4. Schwadron des 2. Dragoner-Regiments und die Trommel des 2. Linienbataillons der King’s German Legion sowie viele andere Objekte. Sie sind um ein 60 Quadratmeter großes Diorama des Schlachtfeldes gruppiert, das mit 15000 Figürchen bestückt ist.

Das Diorama ist zweigeteilt. Der eine Teil zeigt die Kämpfe gegen Mittag. Der andere die vom Nachmittag. Zentraler Orientierungspunkt ist das Gehöft La Haye Sainte. Es war mit 400 Soldaten der King’s German Legion unter dem Kommando von Major Georg Baring besetzt. Die sahen sich in ihrem Gehöft schwersten Angriffen der Franzosen ausgesetzt. Steinau kommentiert: „Bis zum heutigen Tag ist die Wichtigkeit des Besitzes von La Haye Sainte für den Ausgang der Schlacht bei Waterloo umstritten. Fest steht jedoch, dass dieser Posten im Laufe des Tages im Bewusstsein der Angreifer und Verteidiger immer wichtiger wurde.“ Baring erhielt mehrfach Verstärkung. Aber seine Männer litten unter Munitionsmangel. Nachdem die letzte Patrone verschossen war, gab Baring das Gehöft gegen 18.30 Uhr auf. Von seinen ursprünglichen 400 Leuten waren ihm nur 42 geblieben.

Neben einem Splitter von der Seitentür des erbittert umkämpften Gehöfts, der Baring 20 Jahre nach den Ereignissen überreicht wurde, sind seine Orden und Ehrenzeichen ausgestellt, darunter die britische Waterloo-Medaille aus dem Jahre 1816. Gerade in diesen personenbezogenen Stücken liegt der besondere Reiz der Ausstellung. Kurator Steinau kann zu jedem eine spannende Geschichte erzählen. Besonders stolz ist er auf das von Joseph Paelinck gemalte Porträt aus dem Jahre 1818, das General Carl August von Alten als Kommandeur der 3. Britischen Division auf dem Schlachtfeld zeigt. Das Gemälde war 100 Jahre verschollen und gelangte erst letztes Jahr in den Besitz des Museums. Dem gegen Ende der Schlacht schwer verwundeten Carl von Alten unterstanden organisatorisch alle hannoverschen Truppenteile und die King’s German Legion. Später stieg er zum Königlich Hannoverschen Generalinspekteur der Armee und Kriegsminister auf.

Ein ganz außerordentliches Objekt ist der in einer Vitrine liegende Säbel von Hugh Halkett. Nach Beendigung seiner militärischen Laufbahn ließ sich Halkett in Celle nieder. Der in vielen Schlachten geführte Säbel hing über seinem Sofa. Der Schotte kommandierte bei Belle-Alliance die 3. Hannoversche Brigade mit den Landwehrbataillonen Bremervörde, Salzgitter, Osnabrück und Quakenbrück. Nachdem die Preußen gegen 17 Uhr begonnen hatten, die rechte Flanke der französischen Armee zu attackieren, wurde die Zeit für Napoleon knapp. Er unternahm gegen 19 Uhr einen verzweifelten letzten Versuch, in Wellingtons Zentrum die feindlichen Linien zu durchbrechen. Dazu ließ er acht Bataillone der Kaisergarde vorrücken. Der Angriff wurde jedoch abgeschlagen und Napoleons Elitetruppe zog sich fluchtartig zurück. Wilhelm Richers, Leutnant im Landwehrbataillon Osnabrück, berichtete später: „Ein höherer Officier war in den Bestrebungen, die alte Garde wieder zum Stehen zu bringen besonders thätig. Endlich stürzte das Pferd des höheren Officiers von einer Kugel getroffen. Sobald der Oberst es ersah zog er den Säbel, gab seinem Pferd die Sporen u. jagte im Galopp auf den gestürzten Reiter zu.“ Der besagte Oberst war Halkett. Er nahm den damals berühmten Brigadegeneral Pierre Cambronne gefangen. Cambronne behauptete später hartnäckig, diese für ihn so schmachvolle Episode habe nie stattgefunden. Halkett aber hatte sich nach Auffassung seiner Zeitgenossen mit dieser Tat „unsterblichen“ Ruhm erworben. Er wurde als einziger Brite fest in die Königlich Hannoversche Armee übernommen. Dort brachte er es bis zum General.

Veit-Mario Thiede

Nähere Informationen: Bomann-Museum, Museum für Kulturgeschichte, Schloßplatz 7, 29221 Celle, E-Mail: bomann-museum@celle.de


S. 11 Preussen

Tiere und Persönlichkeiten waren sein Metier
Vor 125 Jahren starb der Maler und Grafiker Carl Steffeck in Königsberg, wo er ab 1880 die Kunstakademie leitete

„Königin Luise mit ihren beiden ältesten Söhnen im Park von Luisenwahl“ ist das wohl berühmteste Bild der preußischen Landesmutter als Familienmutter. Es ist auch – zumindest für Freunde und Bewunderer der Ehefrau Friedrich Wil­helms III. und Mutter Friedrich Wil­helms IV. wie Wilhelms I. – das bedeutendste Werk Carl Steffecks. Am 11. Juli jährt sich sein Tod das 125. Mal.

Den älteren Königsbergern ist der Stadtpark Luisenwahl im Stadtteil Hufen sicher noch ein Begriff. Er ist nicht nur durch seinen Namen, sondern auch durch das Luisenhaus, das Luisendenkmal und die Aufenthalte der Königin in ihm eng mit der legendären Preußin verbunden. Von letzteren zeugen zahlreiche Bilder, die einst der Maler Carl Constantin Heinrich Steffeck malte. Als besonders typisch gilt das Gemälde, das die Landesmutter mit ihren beiden ältesten Söhnen im Park von Luisenwahl zeigt.

Carl Steffeck machte zunächst als Künstler in Berlin Karriere, ehe er im Alter als Direktor der Königsberger Kunstakademie fungierte. Er schuf viele Porträts, historische Gemälde und vor allem beeindruckende Tierbilder. Dazu gehörten treffliche Pferdeporträts, die ihm den Ruf eines Pferdemalers eintrugen und den Arbeiten von Franz Krüger, seinem vormaligen Lehrer, ebenbürtig sind. Mit seinem hinterlassenen Werk einschließlich der Luisenwahl-Bilder erreichte Steffeck eine beträchtliche Nachwirkung.

Der Künstler wurde am 4. April 1818 in Berlin geboren. Seine kunstinteressierten Eltern erkannten früh die zeichnerische Begabung des Jungen und förderten sie nach Kräften. So besuchte er schon als Gymnasiast die Berliner Kunstakademie. Mit Erfolg. 1837 wurde er in die Meisterklasse von Franz Krüger aufgenommen, dem legendären Pferdemaler, der ihn handwerklich und thematisch nachhaltig prägte. Von Krüger wechselte Steffeck ins Atelier von Carl Joseph Begas, einer anderen Künstler-Berühmtheit dieser Zeit. Es folgten Studienaufenthalte in Paris und Italien. In Paris orientierte er sich an Paul Delaroche, der zu dieser Zeit als der gefragteste Geschichtsmaler galt, und Horace Vernet, der durch Darstellung der großen Schlachten Napoleons I. internationale Bekanntheit erlangte. Nach seiner Heimkehr nach Berlin arbeitete Steffeck als freischaffender Künstler. Seine Tier- und Historienbilder fanden Anklang. Mehr noch. Er genoss bald den Ruf eines Meisters sowie Schnellmalers und unterrichtete nun seinerseits Schüler. Zu den frühen Steffeck-Jüngern gehörte Max Liebermann, der dann selbst zu einer berühmten Malergröße aufstieg. Liebermann war es auch, der darüber berichtete, dass sein Lehrer für viele Porträts nur eine Sitzung brauchte: „Der Porträtierte konnte das Bild oft noch nass mit nach Hause nehmen.“

1848 erntete Steffeck für sein Bild „Albrecht Achilles im Kampf mit den Nürnbergern um eine Standarte“ den ersten größeren Lorbeer. Darin brachte der Maler alle seine Vorzüge in Abwandlung seiner bekannten ehemaligen Lehrer voll zur Geltung. In meisterlicher Vollkommenheit im Aufbau und in der Farbgebung vereinte er die Historien- und Pferdedarstellung. Fortan ging es bergauf. Die Auftragsmalerei stieg stetig. Immer mehr Schüler wollten von ihm unterrichtet werden. Zu seinen Schülern zählte nun auch Hans von Marees. 1859 wurde er zum Professor an der Königlichen Preußischen Akademie der Künste in Berlin befördert. Neben historischen Bildern wie „Der Sieger von Königgrätz“ und „Auf dem Schlachtfeld von Sedan“ entstanden jede Menge Reiterporträts wie „Kaiser Wilhelm I.“ und „Johann Gottfried Schadow“ sowie immer wieder Tiergemälde wie „Hunde“, „Der lauernde Fuchs“ und „Wettrennen“. Steffeck gehörte zur ersten Reihe der Berliner Künstler und wurde 1880 mit der Leitung der Königsberger Kunstakademie betraut.

Zu Königsberg hatte das geschichtsverbundene Königshaus eine besondere Beziehung. Der Maler verarbeitete jetzt diese Besonderheit in zahlreichen Bildern. Das reichte von einem Bilderzyklus aus der preußischen Geschichte für das Wilhelm-Gymnasium in Königsberg bis zum Gemälde „Königin Luise mit ihren beiden ältesten Söhnen im Park von Luisenwahl“, das 1886 entstand. Der höchste Punkt im Park war der Lieblingsplatz Luises bei ihren Aufenthalten in Königsberg, dort, wo ihr Sohn Wilhelm 1874 das Luisendenkmal errichten ließ.

Die Königsberger Jahre bekrönten die Erfolgsgeschichte von Steffeck. Er starb hier am 11. Juli 1890 an den Folgen eines Schlag­anfalls. Seine letzte Ruhe fand der Maler auf dem Französischen Friedhof in der Berliner Chausseestraße. Den großen Grabstein ziert ein Porträt-Medaillon, das Fried­rich Reusch aus Königsberg schuf. Martin Stolzenau


Erforscher des ostpreußischen Waldes
Durch den rechtzeitigen Wechsel nach Greifswald konnte Friedrich Mager an die Forschungen in Königsberg anknüpfen

Vor 130 Jahren, am 13. Juli 1885, wurde Friedrich Mager im schlesischen Lauban geboren. Dort besuchte er auch das humanistische Gymnasium, an dem er die Reifeprüfung ablegte. Danach begann er das Studium der Geografie und Geschichte im Sommersemester 1906 an der Universität Greifswald. Er studierte dann drei Semester in Halle, ging für ein Semester nach Breslau, bis er im Wintersemester 1908/09 nach Greifswald zurückkehrte. Geografie studierte er dort bei dem Professor Max Friedrichsen, der auf seine weitere Laufbahn entscheidenden Einfluss nehmen sollte. Mager promovierte in Greifswald am 10. Dezember 1910 mit einer historischen Arbeit.

Nach kurzer Hauslehrertätigkeit in Oberschlesien zog er 1912 nach Schleswig und begann dort seine Arbeit zur Entwicklungsgeschichte der Kulturlandschaft des gleichnamigen Herzogtums. Diese Arbeit wurde bald unterbrochen, als er von Friederichsen den Auftrag übernahm, kulturgeografische Untersuchungen in Kurland vorzunehmen. Grundlage jeder kulturgeografischen Untersuchung war nach Magers Überzeugung das gründliche Kennenlernen des Untersuchungsraums aus eigener Anschauung. So bereiste er Kurland 1917/18 mit Pferd und Wagen, wobei nicht weniger als 6000 Kilometer zurückgelegt wurden. 1919 erschien seine Monografie über Kurland; sie bildete die Grundlage für seine Habilitation an der Albertus-Universität Königsberg, der Albertina.

Betreut wurde er weiterhin von Friederichsen, der inzwischen den Lehrstuhl für Geografie an der dortigen Universität übernommen hatte. Mager war anfangs sein Assistent. 1920 erhielt er einen Lehrauftrag für Wirtschaftsgeografie. Zwei Jahre später wurde er außerordentlicher Professor.

Im Herbst jenes Jahres 1922 wurde in Königsberg die „Wanderausstellung Ostpreußen“ eröffnet. Wissenschaftlicher Leiter dieser Ausstellung war Friederichsen. Er hatte Mager die Aufgabe übertragen, eine allgemeinverständliche Einführung dafür zu schreiben. Daraus entstand ein Buch von 170 Seiten Umfang mit dem Titel „Ostpreußen – Die natürlichen Grundlagen seiner Wirtschaft – eine Quelle deutscher Kraft“. Es war keine eigene Forschungsarbeit, sondern vielmehr eine zusammenhängende Darstellung der natürlichen Grundlagen des Landes unter Berücksichtigung des damaligen Forschungsstands.

Das Werk zeichnet sich – wie auch alle späteren Arbeiten – durch klare Gliederung und sachgerechte Darstellung aus, so dass man es auch heute noch mit großem Gewinn liest. In fünf Kapiteln werden Lage, Oberflächenformen, Klima, Hydrografie und Vegetation behandelt. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk von Heimatkundlern und Erdkundelehrern viel benutzt.

Wichtiger sind dann aber die eigenen Forschungsarbeiten Magers zur Kulturlandschaftsentwicklung und zur Waldgeschichte Preußens geworden. Diese Untersuchungen beruhen vor allem auf sorgfältiger Auswertung des vorhandenen Archivmaterials. So wurden beispielsweise von Mager für sein letztes großes Werk „Der Wald in Altpreußen als Wirtschaftsraum“ (zwei Bände, 1960) Archivalien aus folgenden Archiven des Ostens benutzt: Staatsarchive Königsberg und Danzig, Stadtarchiv Elbing, Fürstlich-Dohnasches Archiv zu Schlobitten, Archiv der Herrschaft Döhlau im Kreis Osterode sowie Akten der Regierungen zu Königsberg, Allenstein und Gumbinnen. Hinzu kamen gedruckte und ungedruckte Quellen der Universität Königsberg, Chroniken sowie die ältere und jüngere darstellende Literatur und das einschlägige Kartenmaterial.

In allen Forschungsarbeiten Magers sind der Wald, seine Nutzung durch den Menschen und die dadurch verursachten Veränderungen der Waldlandschaft das zentrale Thema. Mager kommt zu der Auffassung, dass Altpreußen nach Klima und Bodenverhältnissen ein ausgesprochenes Waldland ist und ursprünglich fast hundertprozentig mit Wald und Bruch bedeckt war. Dieser hatte weitgehend Urwaldcharakter, obwohl bereits für die frühgeschichtliche Zeit eine extensive Nutzung nachweisbar ist. In „Der Wald in Altpreußen als Wirtschaftsraum“ wird die Verbreitung des Waldes an vier Karten erläutert, welche die Waldverbreitung um 1280, 1570, 1800 und 1930 zeigen.

Als der Deutsche Ritterorden 1280 ins Land kam, war es noch zu acht Zehnteln mit Wald bedeckt. Besonders dicht war die Bedeckung im Bereich der Großen Wildnis, also vorwiegend der früheren Regierungsbezirke Allenstein und Gumbinnen. In der Zeit von 1280 bis 1400 setzte dann im großen Umfange die Rodung und die Landnahme ein. Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert ist die Entwicklung des Waldes sehr unterschiedlich gewesen. Kriege und die Pest verursachten Rückschläge. Im 18. Jahrhundert setzte die Kolonisation erneut ein, die Waldfläche betrug nur noch 33 Prozent. Diese Tendenz hielt an, so dass bis 1900 die Waldfläche zugunsten der Agrarfläche auf 17,4 Prozent gesunken war.

Mager befasst sich ausführlich mit der wirtschaftlichen Bedeutung des Waldes. Er führt aus, dass nicht die Jagd, sondern die Holzerzeugung und -verwertung der wichtigste Wirtschaftszweig war. Man benötigte Holz als Brennstoff, da man die Kohle noch nicht kannte und Torf weder schätzte noch im größeren Umfang verwendete. Holz benötigte man auch für den Hausbau, selbst in der Stadt war anfangs das Steinhaus noch selten. Darüber hinaus werden die anderen wirtschaftlichen Möglichkeiten, die der Wald bietet, ausführlich besprochen.

Ausdruck der Entwicklung des Waldes ist aber nicht nur die Feststellung seiner Verarbeitung vom Mittelalter bis in die Neuzeit, sondern auch die Veränderung in der Zusammensetzung der Holzarten. Mager stellte fest, dass die Eiche zu Beginn der historischen Zeit der Hauptbaum und zugleich der wertvollste Baum Ostpreußens war. Sein Vorkommen im 20. Jahrhundert kann man nur als „bescheidene Überbleibsel“ bezeichnen. Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sahen in dem Wald nur ein Ausbeutungsobjekt, sie haben damit auch die qualitative Minderung des Waldes verursacht.

Insgesamt verbreiteten sich anstelle des Laubwalds schnellwachsende Nadelhölzer, soweit nicht überhaupt von einer Waldverwüstung gesprochen werden muss. Das treffendste Beispiel dafür sind die verheerenden Auswirkungen der Abholzung des Waldes auf der Kurischen Nehrung. Von Mager erschien 1938 darüber eine besondere Untersuchung. Er stellte fest, dass der 98 Kilometer lange Waldgürtel der Kurischen Nehrung noch im 15. Jahrhundert fast vollständig erhalten war. Schonungslose Nutzung zerstörte die Vegetationsdecke des Waldbodens, so dass der Wind den untergelagerten Sand herauswehen konnte. Es entwickelten sich Wanderdünen, die beim Vorrücken nach Osten den Nehrungswald verschütteten und schließlich auch die Dörfer bedrohten.

Mager blieb 20 Jahre in Königsberg, er heiratete dort, Ostpreußen wurde ihm zur „zweiten Heimat“. Man kann es als gütige Fügung ansehen, dass ihn 1941 ein Ruf der Universität Greifswald erreichte. Dort konnte er den Lehrstuhl für Historische Geografie und Kulturlandschaftsforschung übernehmen. So blieb ihm die Flucht aus Ostpreußen erspart. Auch seine wertvollen Materialsammlungen und seine Bibliothek blieben erhalten. Besonders seine Forschungsunterlagen waren unersetzlich, weil durch die Kriegs- und Nachkriegsereignisse die Archive für Magers Landsleute größtenteils unerreichbar waren, soweit sie überhaupt noch existierten. Nur deshalb konnte Mager auch nach 1945 seine Darstellung der Waldgeschichte Altpreußens fortsetzen.

1951 übernahm Mager das Direktorat des Geografischen Instituts in Greifswald bis zu einer Emeritierung 1953. 1960 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Halle, war Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher (Leopoldina) zu Halle und wurde mit der vom Zentralverband für Deutsche Landeskunde gestifteten Robert-Gradmann-Medaille ausgezeichnet.

Am 17. März 1974 starb Friedrich Mager nach kurzer Krankheit in Greifswald. Die Kulturlandschaftsforschung Ostpreußens verdankt ihm eine große Zahl wertvoller und weiterhin gültiger Beiträge. E.B.


S. 12 Leserforum

Leserforum

Nato als Spielball geopolitischer Interessen

Zu: Mehrheit gegen Beistandspflicht (Nr. 25)

Die Nato war und ist ein Bündnis mit vielen Gesichtern. Die größte Zustimmung, zumindest im westlichen Teil Deutschlands, genoss sie, als sie zu Zeiten des sowjetischen „Imperiums“ in der Funktion wahrgenommen wurde, durch ein Gleichgewicht des Schreckens dafür zu sorgen, dass aus dem Kalten Krieg kein heißer wurde. Nach der Auflösung ihres Gegenspielers, des Warschauer Pakts, wäre an und für sich ihre „Mission“ erfüllt gewesen.

Doch nun scheint es offenbar zu werden, dass sie kein sakrales Werkzeug Gottes ist, sondern ganz profan den geostrategischen und geopolitischen Interessen der Vereinigten Staaten als Großmacht dient, ohne den Europäern wirklich ein Mehr an Frieden zu bringen. So sieht es inzwischen auch Michail Gorbatschow, der wahrlich kein Gefolgsmann von Wladimir Putin ist.

Die Taktik der Nato, seit dem Verfall der Sowjetunion in fast sämtliche freiwillig oder unter Druck von Russland geräumte Gebiete nachzustoßen, findet offensichtlich immer weniger die Zustimmung der Deutschen und anderer Europäer. Besonders pikant ist dieser Prozess auch deshalb, da die Nato stets im Schlepptau der EU agierte. Zunächst wurde ein mitteleuropäisches oder osteuropäisches Land EU-Mitglied und bald darauf trat es in die Nato ein. Da Russland selbst unter Putin seit einiger Zeit vermehrt geostrategische und geopolitische Ziele verfolgt, musste es zwangsläufig zum Interessenskonflikt kommen, der nun die Auswüchse zeitigt.

Eine fortgesetzte Strategie der Spannung, von wem auch immer, wird bei den Europäern immer weniger Verständnis finden, die glauben zu erkennen, dass man sich für hehre Absichtserklärungen von hochgerüsteten Mächten nichts kaufen kann, sondern nur deren Taten zählen. Die jüngsten NSA-Spähaffären waren diesbezüglich nicht besonders vertrauensbildend.

Roland Grassl, Bühl

 

 

Listenreiche Griechen übertrumpfen bald alle

Zu: Der Fluch des Geldes (Nr. 25)

Geld korrumpiert stets und alle Beteiligten. Dies ist auch deutsche historische Erfahrung. Beispiele: Im Spätmittelalter florierten Hanse und Städtebünde. Was kümmerte da der Verlust des Ordensstaates oder Reichsitaliens? Um 1800 war Preußen satt; zehn Jahre später war es halbiert und Vasall Napoleons. 100 Jahre später nahm das wilhelminische Deutschland den enormen Aufstieg in Industrie, Wirtschaft und Handel als Entreebillet für politische Weltmachtstellung. „Wir sind wieder wer“ war die Illusionsformel der alten westdeutschen Bundesrepublik. Man gab sich so gut wie keine Rechenschaft, dass man „fett, aber (politisch) impotent“ (Churchill) geworden war und im Kern bis heute geblieben ist.

Man zeige also nicht mit Häme oder Empörung auf die Griechen wegen der Alltagskorruption. Die griechische Seele wird davon nicht verbogen. Wie der listenreiche Odysseus sind sie pragmatisch, frech und kühn. Europa ist bei ihnen nie zum Bekenntnis, zur „raison d’etre“ (Daseinszweck) übersteigert worden. Als Nation sind sie intakt und frei vom deutschen Korrektheitssyndrom. Nicht nur innenpolitisch, wie die links-rechts Regierung zeigt. So wie vorher mit der Türkei wegen der Zyperngriechen und der Abgrenzung von Hoheitsgewässern in der Ägäis legen sie sich nun mit der EU und dem IWF an. Darüber hinaus flirten sie mit dem woanders geächteten Russland.

Zu bedenken ist auch: Eine Staatspleite bedeutet noch lange keinen tödlichen Absturz. Solche Zusammenbrüche gab es immer wieder, zuletzt Argentinien betreffend. Und keine deutsche ökonomische Potenz, kein angeblich hohes Ansehen der Kanzlerin wiegt die demografische Katastrofe unserer auch mental in Schwindsucht begriffenen Nation auf. Brüssel und Berlin sollten endlich beherzigen: Mit Geld kann man viel, aber nicht alles erreichen. Ein neuer Geist tut not, ist aber mit dem derzeitigen Personal nicht vorstellbar.

Rolf Kraft, Koblenz

 

 

War alles verkehrt?

Zu: Keine Ehre für deutsche Soldaten (Nr. 24) und: Terrible Simplificateur (Nr. 24)

Werter Herr Meckel, in der Podiumsdiskussion des Deutschen Historischen Museums Berlin mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) „Gedenken ohne zu ehren“ haben Sie als Präsident des VDK und als Pfarrer geäußert, „wir können doch deutsche Soldaten nicht ehren“.

Als Betroffener und als jahrelanger Spender für den VDK empfinde ich tiefe Verachtung und überlege, wie Sie das Amt als Präsident ausführen.

Mein Bruder ist bei den Kämpfen um Berlin mit 19 Jahren als Soldat Ende April/Mai 1945 ums Leben gekommen und hat erst nach 1989 eine würdige Ruhestätte in der Kriegsgräberstätte Bee­litz gefunden, auch Dank der Arbeit des VDK.

Zum Volkstrauertag wird dort von der Stadt, den gesellschaftlichen Vertretern und der Bundeswehr der Toten gedacht und geehrt. War und ist das alles Ihrer Meinung nach verkehrt?

Dr. Ulrich Krielke, Berlin

 

 

Wetterleuchten am Horizont der EU kündigt nichts als Unheil an

Zu: Der Fluch des Geldes (Nr. 25)

Es gibt mehrere Ursachen für das Griechenland-Desaster. Die Einführung des Euro war ein politisches Projekt. Wie üblich bei politischen Projekten – entscheidend war nicht der Sachverstand, sondern der politische Wille, das heißt letztlich Machtinteressen. Im Vordergrund stand, Deutschland sollte nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nicht in die Versuchung kommen, selbst über seinen Weg zu entscheiden, sondern ein unauflöslicher Bestandteil des „Westens“ bleiben, mit allen seinen Konsequenzen. Erweitertes Ziel ist es, möglichst ganz Europa als „westliche Wertegemeinschaft“ zu stabilisieren und damit den US-amerikanischen Einfluss bis an die Grenzen Russlands zu sichern.

Ökonomisch hatten alle Beitrittsländer zum Euro ganz eigene Vorstellungen und Ziele. Darüber wurde vorsichtshalber nicht so offen im Detail gesprochen, man begnügte sich mit allgemeinen Phrasen und Wunschvorstellungen, man wollte „das Projekt doch nicht gefährden“.

Damit nahm das Unglück seinen vorhersehbaren Lauf. Während die einen sich redlich mühten, sich an die Vereinbarungen zu halten, dünkten sich andere schlauer und waren nur auf ihren Vorteil bedacht. Da man das „Projekt Euro“ nicht gefährden wollte, nahm man das irgendwie in Kauf nach dem Motto „merkt doch keiner“ und wenn, dann wird es schon nicht so schlimm kommen.

Nun liegt es auch in der Logik der Sache, dass ein solch laxer Umgang mit den eigenen Regeln auch allerlei „zwielichtige Geschäftemacher“ anlockt. Und die dann, natürlich ganz legal, ihr Geschäftsmodell daran ausrichten. So holte man sich noch Hilfe von „Insidern“, die dabei halfen, die richtigen Lücken zwecks Gewinnmaximierung zu schaffen und zu nutzen.

Am erfolgreichsten erwies sich dabei das uralte Modell von ganz gewöhnlichen Kriminellen, das von Dealern und Junkies. Erst wurden leicht und fast unbemerkt an Staaten Kredite vergeben, die diese immer mehr in die Abhängigkeit führten. Die Dealer, sprich Banken und Hedgefonds, machen und machten großartige Gewinne mit den Junkies, sprich den Staaten. Diese wurden dadurch immer „süchtiger nach Geld“, was diese wiederum an ihre Klientel verteilen konnten. Keiner dachte ans Morgen, „Super Mario“ schoss auch schon mal den Weg frei, um ans Geld zu kommen, „Mutti Merkel“ garantierte und deklarierte das System als „alternativlos“. So glaubte man, das finanzielle „Perpetuum Mobile“ erfunden zu haben. Kanzlerin Angela Merkel als Physikerin hätte wissen müssen, das es das nicht gibt.

Es stimmt: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“, und genau da sind wir jetzt angelangt.

Unsere Politiker sitzen nun in der selbst geschaffenen Falle. Entweder sie beenden die Zahlungen an Griechenland oder der Staat geht in Insolvenz und verlässt die Eurozone. Damit beweisen sie ihr Scheitern und vernichten Milliarden von Steuergeldern. Alle dafür Verantwortlichen sind noch im Amt und müssen sich nun vor ihren Parlamenten und Wählern erklären. Äußerst unangenehm.

Die zweite Variante, man zahlt einfach weiter, erfindet noch ein paar „Alternativlosigkeiten“ und hofft den Kollaps auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, wenn man nicht mehr im Amt ist. Ob diese Rechnung aufgeht, hängt davon ab, inwiefern der Steuerzahler weiterhin bereit ist, neue Belastungen durch Steuern, Maut, Abgaben und so weiter zu akzeptieren, bei gleichzeitig schwindendem Vermögen und maroder werdender Infrastruktur. Von Mehrbelastungen durch unkontrollierte und wachsende Migrantenströme ganz zu schweigen.

Es wird so kommen: In letzter Minute wird uns eine alternativlose und geniale Lösung präsentiert, wobei angeblich alle nachgeben mussten. Die EU-kritischen Parteien in allen Ländern der Europäischen Union werden weiteren Zulauf bekommen, sie sind die Wetterleuchten am Horizont. Wann das „Unwetter“ über uns hereinbricht und wie heftig es sein wird, alles das wissen wir nicht, nur dass es kommt, ist gewiss. Wir sollten vorbereitet oder weit weg sein.

Lothar Liedtke, Lima/Peru

 

 

Voll im Griff

Zu: Russe dirigiert Berliner (Nr. 25)

Ich habe Kirill Petrenko vor einem Jahr in Bayreuth erlebt, wo er Wagners „Ring des Nibelungen“ dirigierte. Ich war hingerissen von seiner subtilen Stabführung. Das Bayreuther Orchester hatte er die ganze Zeit über voll im Griff. Ich hoffe, dass es ihm auch gelingen wird, sich bei den Berliner Philharmonikern durchzusetzen. Ob Russe, Brite oder Italiener − die Nationalität spielt am Pult sowieso keine Rolle.

Matthias Schöne, Hannover

 

 

Ein Gauckler und Allerweltspräsident

Zu: Verdruss und Verdacht (Nr. 19) und: Teure Juxreise (Nr. 22)

Gaukler waren Trickkünstler auf Jahrmärkten zur Belustigung des Volkes. Dieses und weit mehr macht der Herr Bundespräsident Joachim Gauck auf seiner höheren Ebene erheblich wirkungsvoller. Außerdem sind Gaukler im Vergleich zu ihm kleine Stümper, die noch nie Bundespräsident wurden. Folglich ist Herr Joachim Gauck von viel größerem Kaliber, also nicht nur ein Gaukler. Als Pfarrer in der DDR war Herr Gauck noch ein frommer Mann, der sich für die allgemeinen Menschenrechte einsetzte. Damit errang er Sympathie sowie auch Hochachtung.

Und jetzt? Als Bundespräsident hat er eine eigene Auffassung von seinem Amtseid. Wie hält er das denn so mit „vor Schaden bewahren, Wohlstand mehren“ und so? Für Deutschland? Als Bundespräsident hat er einen viel weiteren Horizont. In Deutschland gab es nach seinen Auslassungen auch gute Einwohner, die verfolgt wurden oder in Konzentrationslager zwecks grausamer Ermordung kamen. Dass der Rest aber nur aus Nazis bestand, deren Nachkommen fast alle Verbrechen weltweit wieder gutmachen müssen, ist allerdings neu und hauptsächlich auf seinem Mist gewachsen.

Neu ist auch seine Erkenntnis, dass alle Sieger über Deutschland Befreier sind, auch wenn sie plündernd, vergewaltigend, mordend und landraubend Deutschland „befreiten“! Meiner Meinung nach ist Herr Gauck nicht nur ein Allerweltspräsident, sondern auch noch ein schlechter Bundespräsident für Deutschland.

Heinz-Dietrich Koske, Köln

 

 

Thema beendet

Zu: 70 Jahre Kriegsende (Nr. 19)

Ihre Beiträge zum Gedenken an das Kriegsende sprechen mir aus der Seele. Ich habe jeden, der im Zusammenhang mit dem Kriegs­ende von „Befreiung“ sprach, geantwortet: Wir sind nicht befreit, sondern vertrieben worden. Meistens war damit das Thema beendet gewesen.

Der diesjährige 70. Jahrestag am 8. Mai hat natürlich auch bei mir wieder sehr viel ins Gedächtnis gerufen, was ich tief versteckt hatte.

Renate Meins, Ahrensburg

 

 

Warten lohnt sich

Zu: Danke, „Ver.di“ (Nr. 25)

Man muss kein Freund der Gewerkschaften sein. Allerdings muss ich als ehemaliges Gewerkschaftsmitglied eine Lanze für die Streikenden brechen. In keinem Land der Welt wird wohl so viel gejammert wie dem unsrigen.

Eltern beschweren sich über streikende Erzieherinnen und darüber, dass sie ihre Kinder ein paar Wochen im Jahr selbst betreuen müssen, der Nächste meckert, dass seine Zeitung ein paar Tage später kommt. Warum aber gestreikt wird, fragt niemand.

Dass die DHL/Post schon seit Jahren viele ihrer Angestellten mit Zeitverträgen hinhält, ist nicht neu. Nun versucht sie, diese Leute fest einzustellen und das zu einem weitaus geringeren Lohn als ihn diejenigen bekommen, die die gleiche Arbeit leisten. Natürlich kein Weihnachtsgeld und auch kein Urlaubsgeld. Ja und da dürfen die Leute ja froh sein, dass es endlich einen Festvertrag gibt, denkt sich der eine oder andere. Woanders verdient man ja noch weniger Geld.

Dieses Unternehmen macht seit Jahren Milliardengewinne und schüttet zirka 50 Prozent dieses Geldes als Dividende aus. Hier geht es wohl eher darum, Aktionäre zu bedienen, die ihr Geld arbeiten lassen, statt Menschen einen fairen Lohn zu zahlen, die mit ihrer körperlichen Arbeit das Geld verdienen.

Denken wir einen Schritt weiter. Von diesem neuen Lohn wird eine Familie nicht leben können. Aufstocken ist angesagt! Hartz IV trotz Arbeit! Das geht einmal mehr auf Kosten der Steuerzahler. Von den dem Staat und der Gemeinschaft entgehenden Einnahmen in die Sozialkassen, die uns alle betreffen (privat Versicherte ausgenommen) und der entstehenden Altersarmut einmal ganz zu schweigen. Diese Einnahmeverluste werden uns irgendwann alle treffen.

Nun kann man als Angestellter artig bitte, bitte sagen. Wer allerdings glaubt, dass sich etwas ändert, muss sehr naiv sein. Verglichen mit Frankreich und dem Rest Europas wird in unseren Land wohl mit am wenigsten gestreikt.

Wir beschweren uns über mangelnde Solidarität im Land und führen gleichzeitig Neiddebatten. Können wir uns das leisten? Ich denke nicht, und darum warte ich gerne aus Solidarität mit den Streikenden ein paar Tage auf meine Zeitung, die Preußische Allgemeine. Die langfristigen Folgen kommen mich und uns alle teurer zu stehen.

Sven Behrens, Bremervörde


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Friedliche Zusammenarbeit lohnt sich
In Sensburg trafen sich deutsche und polnische Partner zum 24. Sommerfest der deutschen Minderheit

Über 1000 Teilnehmer haben am 20. Juni am 24. Sommerfest des Dachverbandes der deutschen Gesellschaften südlichen Ostpreußen, der VdGEM in Sensburg teilgenommen. Der Vorsitzende Hendryk Hoch begrüßte Gäste aus Politik sowie die Chöre und Tanzgruppen, die zum Gelingen der Veranstaltung beitrugen.

Die Kulisse für das 24. Sommerfest der deutschen Minderheit im südlichen Ostpreußen war gut gewählt: das malerisch am Schoßsee gelegene, 5000 Zuschauer fassende Amphitheater von Sensburg, das über die in den letzten Jahren entstandene Uferpromenade mit dem Zentrum der Stadt verbunden ist. An diesen Ort hatte der VdGEM am 20. Juni eingeladen. 1200 Gäste waren der Einladung gefolgt und strömten am späten Sonnabendvormittag dorthin.

In ihren Grußworten betonten die Bürgermeisterin von Sensburg Otolia Siemieniec und der Landrat des Kreises Sensburg Antoni Karasś den gesellschaftlichen und kulturellen Beitrag der Deutschen Minderheit, aber auch die Kontakte zu den ehemaligen Bewohnern. Diese wirken sich unter anderem in der Partnerschaft der Stadt mit Grünberg/Hessen und den Beziehungen des Kreises Sensburg zum Kreis Remscheid aus, in dem die Kreisgemeinschaft Sensburg ihren Sitz hat. Aus beiden Regionen waren die deutschen Partner angereist.

In seiner Rede erinnerte Stephan Grigat, der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, an den am selben Tag gefeierten Weltflüchtlingstag, in dessen Rahmen erstmals der Gedenktag für die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung begangen wurde. Zu ihnen gehöre auch ein großer Teil der in der Heimat gebliebenen Ostpreußen, so Grigat: „Sie muss-ten bleiben. Aber Sie durften auch bleiben, in Ihrem Land. Sie geben Ostpreußen Kontinuität.“ Joanna Wankowska-Sobiesiak, die Bevollmächtigte des Woiwoden von Ermland und Masuren für Minderheitenfragen, griff das Thema auf: „Sehr viele von uns, die wir hier leben, wissen, was Vertreibung bedeutet – die Ukrainer, die Bewohner Wolhyniens und der ehemaligen polnischen Ostgebiete.“ Sie gab der Hoffnung Ausdruck, dass das dadurch entstandene friedliche Zusammenleben noch sehr lange erhalten bleiben wird.

Eine Frau, die mit ihrer Tätigkeit diese Verständigung seit den Anfängen ihres Vereins stärkt, ist Herta Andrulonis. Die inzwischen beinahe 80 Jahre alte Vorsitzende der deutschen Gesellschaft in Angerburg ist bereits vor einigen Jahren für ihren aktiven Einsatz zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt ernannt worden. Beim Sommerfest ergriff nun Stephan Grigat die Chance, sie in einem würdigen Rahmen für ihr langjähriges Engagement mit der Goldenen Ehrennadel der Landsmannschaft Ostpreußen auszuzeichnen.

Den artistischen Teil des Tages durfte diesmal die Tanzgruppe „Saga“ aus Bartenstein eröffnen, die inzwischen in ihrer dritten Generation auftritt. Neben bekannten Gruppen wie den Chören der deutschen Gesellschaften oder den jungen „Tannen“ aus Osterode konnten die Gäste auch neue Gesichter bewundern. Einige davon gehörten den Kindern der Volkstanzgruppe „Zajączek“ (Häs-chen) der Grundschule mit erweitertem Deutschunterricht in Hohensee, die mit der deutschen Gesellschaft „Bärentatze“ in Sensburg kooperiert. Sie präsentierten ihr seit zwei Jahren erworbenes Können in Trachten in regionalem Stil. Kürzer, aber wesentlich intensiver hatten die „Rastenburger Schlümpfe“ von der dortigen Gesellschaft der Deutschen Minderheit trainiert. Seit März haben sie sich auf ihren Auftritt bei der polnischen Talentshow „Mam talent“ vorbereitet, und die zweite Runde Anfang Juli in Warschau erreicht. Ihren Tanz zeigten sie im Rahmen eines Theaterstücks zu den Schlümpfen. Schon etwas Bühnenerfahrung hat dagegen Viktoria Krzenzek, die mit ihrer großen Schwester Monika das Lied „Seemann“ vortrug. Beide sind regelmäßig Teilnehmerinnen des Wettbewerbs des deutschen Liedes in Osterode, dessen Seriensieger Mateusz Gawronski einmal mehr auf einem Sommerfest glänzte. Eine Tradition ist der Wettbewerb zum Wissen über Ostpreußen. Zu gewinnen gab es diesmal den frisch erschienenen Vortragsband der Konferenz zum 100. Jahrestag der Schlacht bei Tannenberg, die der VdGEM im August 2014 organisiert hatte.

Nach der Preisverleihung muss-ten die Gewinner ihn schnell in Sicherheit bringen, denn es goss kurz vor Ende des Sommerfestes auf einmal in Strömen. Die Zuschauer retteten sich von der dachlosen Tribüne auf die überdachte Bühne. Dichtgedrängt, trocken und frohen Mutes genossen sie von dort das restliche Programm bis zum Ostpreußenlied, das wie üblich das Sommerfest beschloss.

Uwe Hahnkamp


Pleite bedroht Schlachthof-Gebäude
Fleischkombinat in Königsberg steht vor dem Aus – Stadt sucht Investoren für Bau von Wohnkomplex

Das „Kaliningrader Fleischkombinat“, das sich im Gebäude des ehemaligen Schlachthofs in Rosenau in der Arweider Allee befindet, ist pleite. Im Januar 2013 hatte die Leitung des Kombinats bereits beim Amtsgericht einen Insolvenzantrag gestellt. Grund waren Schulden in Höhe von zirka 11,8 Millionen Euro, die nicht mehr zurückgezahlt werden konnten. Das Unternehmen stand bei kommunalen Dienstleistern wie Strom- und Wasseranbietern in der Kreide, aber auch bei seinen Mitarbeitern.

Das Königsberger Schiedsgericht verpflichtete die Leitung des Fleischkombinats, alle Unterlagen über das Eigentum dem Konkursverwalter zu übergeben. Der Wert des Kombinats wird auf 3,5 Millionen Euro geschätzt. Der Russischen Landwirtschaftsbank, einem der größten Gläubiger des Unternehmens, wird das Eigentum des ehemaligen Fleischkombinats zur Verwertung übertragen.

Über die Nutzung des Grundstücks, auf dem sich die Fleischfabrik befindet, existieren schon konkrete Pläne: Ein neuer Wohnkomplex soll hier entstehen.

Für einen potenziellen Investor ist es daher wichtig, dem Gebäude den Status eines Denkmalschutzobjekts zu entziehen. Wie die städtischen Behörden signalisierten, haben sie keine Einwände. Dennoch könnte die Umsetzung des Bauvorhabens problematisch werden, vermutet jedenfalls der Vorsitzende des Komitees für Architektur und Bauen, Arthur Krupin, da ein Teil des ehemaligen Fleischkombinats zum kulturellen Erbe zählt. Der Wasserturm, das Verwaltungsgebäude und vier Wohnhäuser sind noch vom Königsberger Schlachthof übrig. .Die Geschichte des Schlachthofs in Rosenau begann im April 1888, als eine Delegation des Königsberger Magistrats sich auf eine Reise in andere Städte begeben hatte, in denen es moderne Schlachthöfe gab, um sich mit deren Erfahrungen vertraut zu machen. 1895 baute der Stadtbaurat und Architekt Paul Mühlbach, der auch Krankenhäuser, Schulen, Feuerwehrgebäude und die Schlossteichanlage am Münzplatz bauen ließ, den neuen städtischen Schlachthof. Nach dem Krieg wurde am 14. August 1945 an der Stelle des Königsberger Schlachthofs ein neues Unternehmen gegründet, das fast 70 Jahre lang existierte.

Jurij Tschernyschew


MELDUNGEN

3. Olympiade in Sensburg

Sensburg – Zum dritten Mal fand am 27./28. Juni in Sensburg die Sommerolympiade statt, zu der fast 100 Teilnehmer aus Allenstein, Bartenstein, Braunsberg, Heilsberg, Lyck, Ortelsburg, Osterode, Rastenburg und Sensburg angereist waren. Am ersten Tag konnten sie sich in den Disziplinen Dreikampf, Crosslauf, Mini-Fußball, Volleyball, Sportschießen, Darts und Tennis messen. Die Sieger wurden am Abend geehrt. Am nächsten Tag folgte ein „Geocoaching“, eine Art elektronische Schnitzeljagd. Die Suche führte zu den wichtigsten Gebäuden und Sehenwürdigkeiten Sensburgs, bei deren Erreichen die Teilnehmer Stempel erhielten. Über den Sieger des Spiels entschied ein Quiz über Ostpreußen. (Näheres in Folge 28). PAZ

 

Geheimnis des Hochmeisters

Königsberg – Das Museum „Friedländer Tor“ beschreitet neue Wege, um den Besuchern die Geschichte der Stadt nahe zu bringen. In der Sommersaison startet unter dem Titel „Geheimnis der alten Schriftrolle“ ein Ratespiel. Anhand von Fragen soll der Besucher „das Geheimnis einer alten Schriftrolle des 15. Hochmeisters des detuschen Ordens“ lösen. Dabei wird er durch die Räume des Museums geleitet und interaktiv mit den Exponaten der Ausstellung vertraut gemacht. Das Ratespiel richtet sich an Altersgruppen von acht bis 60 Jahre. Das etwa einstündige Programm ist für Gruppen von etwa zehn bis 20 Personen gedacht. Anmeldungen sind unter Telefon 007-112-64-40-20 möglich. MRK

 

Störungen des Verkehrs

Allenstein – Straße Nr. S7: Liebemühl [Miłomłyn], Baustelle. Straße Nr. 7: Liebemühl – Osterode [Ostróda], Baustelle; Osterode – Hohenstein [Olsztynek], Baustelle; Berghof [Tatary] – Candien [Kanigowo], Baustelle; Palicken [Pawliki] – Powiersen [Powierz], Baustelle; Powiersen – Napierken [Napierki], Baustelle. Straße Nr. 15: Osterode, Baustelle. Straße Nr. 16: Groß Herzogswalde [Laseczno], Fußgängerzonenbau; Wyssocken [Wysokie] – Rutki, Baustelle; Kulessen [Kulesze] – Skomentnen [Skometno], Bau-stelle. Straße Nr. 16d: Lyck [Ełk], Umgehungsstraße, Baustelle. Straße Nr. 51: Bartenstein [Bartoszyce], Baustelle; Heilsberg [Lidzbark Warminski], Olsztynskastraße, Baustelle; Allenstein – Pagelshof [Ameryka], Baustelle. Straße Nr. 57: Ortelsburg [Szczytno] – Willenberg [Wielbark], Baustelle; Groß Schiemanen [Szymany], Baustelle. Straße Nr. 58: Schwarzenofen [Czarny Piec] – Hartigswalde [Dłuzek], Baustelle. Straße Nr. 59: Rhein [Ryn], Fußgängerzonenerneuerung. Straße Nr. 65: Treuburg [Olecko], Umgehungsstraße, Baustelle; Lyck – Prostken [Prostki], Baustelle; Bogusze – Staatsgrenze, Baustelle. E.G.


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

unsere Ostpreußische Familie betätigt fleißig die Buschtrommel, denn es melden sich immer mehr Suchende bei uns, denen bisher die PAZ und damit auch das Ostpreußenblatt mit unserer Familienkolumne unbekannt waren, die aber die Empfehlung bekamen, sich an uns zu wenden. Mundpropaganda nennt man das, denn zumeist werden die Informationen über unsere Zeitung in Gesprächen weitergegeben – so auch von Frau Marquard aus Potsdam an Frau Birgit Bache aus Berlin. Allerdings kam diese Verbindung auch wieder über einen Umweg zustande, und der führt in das heutige Ostpreußen, nach Heilsberg, denn dort war Frau Bache im April auf Spurensuche nach ihrem Großvater. Sie kam mit dem Stadtführer ins Gespräch und der gab ihr den Rat, sich an Frau Marquardt zu wenden. Aber unsere Leserin konnte Frau Bache auch nicht weiterhelfen und riet ihr, sich an uns zu wenden. So haben wir nun ihren Suchwunsch vorliegen und wollen ihn an unsere Leserinnen und Leser weitergeben und hoffen, dass sie Frau Bache bei der Spurensuche nach ihrem Großvater weiterhelfen können. Und die führt, wie es sich aufgrund ihrer Ostpreußenreise vermuten lässt, nach Heilsberg.

Die väterliche Linie von Frau Bache geborene Schmidt, kommt aus Ostpreußen. Allerdings wurde ihr Großvater Theodor Schmidt in Hamm geboren. Er muss wohl schon in jungen Jahren nach Ostpreußen gezogen sein, denn seine Ehefrau Hedwig, geborene Foth stammt von dort, leider ist ihr Geburtsort nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass sie aus Gerdauen stammte, denn dort kam Frau Baches Vater, Rudolf Wolfgang Schmidt, am 21. Januar 1918 zur Welt. Erst sehr viel später, etwa 1935, wurde seine Schwester Adelheid geboren. Da wohnte die Familie bereits in Heilsberg, Volksgartenstraße 9. Theodor Schmidt war dort selbständiger Bauunternehmen, wie ihn die Telefonbücher von 1938 ausweisen. Seine Frau erlebte das bittere Kriegsende und die Flucht nicht mehr, sie verstarb 1944 in Heilsberg. Hedwig hatte noch eine Zwillingsschwester, die sich der kleinen Adelheid annahm, als der Einmarsch der Russen bevorstand, und mit ihr fliehen konnte. Rudolf Schmidt erlebte das Kriegs­ende auch nicht in der Heimat, sondern als Soldat. Nur Theodor Schmidt blieb in Heilsberg, aber wie sein Schicksal verlief, hat seine Familie nie erfahren. Es gibt keine Vermisstenmeldung oder irgendwelche Hinweise, was mit ihm geschah. Nun ist also unsere Leserschaft gefragt, aber ob sie helfen kann, ist fraglich. Zwar werden sich noch ältere Heilsberger an den Bauunternehmer Theodor Schmidt erinnern, Nachbarn, Freunde und Bekannte aus seinem Geschäftsbereich, aber dass es Hinweise über seinen Verbleib nach dem Russeneinfall geben wird, ist kaum anzunehmen. Die mit ihm diese schrecklichen Stunden erlebten, haben vielleicht ein ähnliches Schicksal wie er erlitten. Da wir aber nie etwas unversucht lassen, geben wir die Frage von Frau Bache nach dem Verbleib ihres Großvaters weiter und hoffen, dass sich wenigstens einige Spuren finden lassen. (Birgit Bache, Franz-Mett-Straße 22 in 10319 Berlin, Telefon 030/5129962.)

Leichter ist schon die Suche, wenn alte, aber noch verwendbare Fotografien vorliegen, und manchmal sind sie überhaupt erst der Anlass für eine gezielte Nachfrage. So auch für Herrn Gerhard Glowienka aus Hilden, der im Nachlass seiner Eltern mehrere Fotos entdeckte, die zweifellos zur Familiengeschichte gehören, aber nicht einzuordnen sind. Da er keine Verwandten befragen kann, wendet er sich an uns mit der Bitte, drei dieser Bilder zu veröffentlichen. Nun ist es zwar nicht ein ganzes Fotoalbum, wie es uns schon öfters angeboten wurde, aber vorerst müssen wir uns auf ein Foto beschränken und da nehmen wir das, auf dem die meisten Personen abgebildet sind, denn es verspricht einen größeren Infor­mantenkreis. Es wird in Ostpreußen, wahrscheinlich in Masuren, aufgenommen sein, denn Herrn Glowienkas Vater Richard stammt von dort. Er gibt dessen Herkunftsort mit Althöfen (früher Alt Bagenice) an, aber der ehemalige Name ist in keinem Register zu finden. Da es mehrere Orte mit dem Namen Althöfen gibt, ist anzunehmen, dass es sich um ein kleines Dorf im Kreis Sensburg handelt, das heute auf Polnisch Bageniece heißt. Ehe es 1938 in Althöfen umbenannt wurde, hieß es Alt Bagnowen. Rudolf Glowienka war in erster Ehe verheiratet mit Friederike geborene Gischk aus Rastenburg, hat dann im Dezember 1918 zum zweiten Mal geheiratet. Weitere Angaben liegen leider nicht vor. Es ist anzunehmen, dass das Foto bei einem Besuch des rechts stehenden Herrn – Richard Glowienka? – gemacht wurde. Die Gastgeber haben sich vor der Tür des lang gestreckten Hauses versammelt, und da die Kleidung nicht gerade festlich aussieht – bis auf das junge Mädchen mit dem Rüschenkragen –, dürfte die Aufnahme an einem Alltag gemacht worden sein. Da keine Beschriftung vorliegt, kann Herr Glowienka keinerlei Angaben zu dem Foto machen, weder zu den Abgebildeten noch wo und wann es aufgenommen wurde. Wenn es sich bei dem Ort um Althöfen handelt, so müssten Haus und Familie von ehemaligen Nachbarn leicht zu identifizieren sein, denn das kleine Dorf hatte nur knapp 150 Bewohner. Also: Wer erkennt Angehörige oder Bekannte auf dem Bild und kann damit Herrn Glowienka bei seiner Familienforschung helfen? (Gerhard Glowienka, Hagdornstraße 38 in 40721 Hilden.)

Dass es tatsächlich auch heute möglich ist, auf Fotos, die vor einem Dreivierteljahrhundert aufgenommen wurden, vertraute Gesichter zu entdecken, hat unsere Ostpreußische Familie schon in so manchem Fall bewiesen. Und ein neuer scheint sich da gerade anzubahnen, denn Herr Norbert Haack kann zu seinem Klassenfoto, das wir in Folge 22 veröffentlichten, eine erfreuliche Resonanz melden. Zuerst rief ein Leser bei ihm an, dessen 95-jährige Mutter glaubte, in dem abgebildeten Gebäudeteil ihre alte Schule in Queetz, Kreis Heilsberg zu entdecken. Sie will sogar zwei der abgebildeten Kinder erkannt haben. Dann aber meldete sich eine Leserin, die meint, dass es sich um die Schule in Gr. Ottenhagen handeln müsste. Das liegt ja nun nicht weit von Königsberg entfernt, in dem der Fotograf sein Atelier hatte. Was tun? Herr Haack tat das Naheliegende und vermittelte den Anrufern die gegenseitige Telefonnummer. Bisher hat er leider noch nichts von den Betreffenden gehört, wird uns aber benachrichtigen, wie die Sache weiter verläuft. Einer von beiden Anrufern dürfte wahrscheinlich Recht haben – aber wer?

So, das wäre ein kleines Zwischenspiel, denn nun geht es wieder weiter mit Ahnenforschung und Familienfindung. Hierzu begrüße ich ganz herzlich unseren neuen Leser, Herrn Dipl.-Ing. F. Axel Berger aus Odenthal-Heide. Obgleich seine Frage nicht ganz leicht zu beantworten sein wird, hoffe ich doch, dass wir ihn nicht enttäuschen. Sie geht zwar von seiner aus Ostpreußen stammenden Urgroßmutter aus, hat aber mehr grundsätzlichen Charakter. Herr Berger stammt aus einer Familie, in der nie etwas von der Vergangenheit erzählt wurde. Sein ganzes Wissen beruht auf zufällig aufgeschnappten Brocken, und die können auch zu Irritationen führen. Um bei der Weitergabe seines Wunsches an unsere Leser Fehlinterpretationen zu vermeiden, bringen wir sein Anliegen im Wortlaut:

„Im Nachlass meiner verstorbenen Mutter fand ich für den Ariernachweis gesammelte Urkunden, die in gerader mütterlicher Linie bis zu meiner Ururgroßmutter Willmine geborene Singer führen. Sie war verheiratet mit dem 1822 geborenen Gastwirt Christian Lutat und brachte am 4. Mai 1856 in Klein Gerlauken, Kreis Insterburg, meine Urgroßmutter Auguste zur Welt. Der Name Singer, eindeutig nicht ostpreußischen Ursprungs, elektrisierte mich. Sollte es sich um eine konvertierte Jüdin handeln und ich, der sich seit Jahren intensiv mit dem Judentum befasst, demnach halachischer Jude sein? Die knappe Woche, die mir im Leipziger Archiv zur Verfügung stand, führte nicht näher zum Ziel. Nun haben ja zahlreiche ostpreußische Kirchenbücher den Krieg in Eifeler Bergwerkschächten unbeschadet überstanden, um dann nach Ende des Krieges Plünderungen und Brandschatzungen zum Opfer zu fallen. Wie ich später herausfand, ohne dem bisher in Leipzig nachgehen zu können, gab es reformierte Schweizer Auswanderer, unter denen der Name Singer nicht selten war. Eine sinnvolle Fortsetzung könnte meine Suche in den Büchern der Gemeinde Neunischken finden. Obwohl sich mein erster Eindruck also ziemlich sicher als falsch erweist, bleibt die folgende Frage, zu der ich bisher nirgends etwas finden konnte:

Gab es in Ostpreußen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts im Großraum Insterburg Taufen und Übertritte jüdischer Bürger und wenn ja, wo könnte man darüber etwas erfahren?“

Es wird schwer sein, zu dem sehr komplexen Thema brauchbare Informationen zu erhalten, zumal Herr Berger ja schon selber viele Stellen bemüht hat. Auch eine Anfrage bei Frau Dr. Ruth Leiserowitz wurde zwar freundlich beantwortet, ohne jedoch Herrn Berger weiterhelfen zu können. Vielleicht kann es nun jemand aus unserem Leserkreis, der sich mit diesem Thema befasst hat oder Hinweise für weitere Nachforschungen geben kann. (Dipl.-Ing. F. Axel Berger, Johann-Häck-Straße 14 in 51519 Odenthal-Heide, Telefon 02174/743967, Fax 02174/743968, E-Mail: axel@berger-odenthal.de)

Eure Ruth Geede


Richtig schabbern kann man doch nicht erlernen
Anregung zu einer kleinen Sprachprüfung in »echt Ostpreußisch«

Wir haben in der letzten Zeit nach vielen Schick­salen geforscht oder von ihnen berichtet, und manche haben uns doch sehr bewegt. Da in den nächsten Ausgaben weitere folgen werden, tut es gut, eine kleine Atempause einzulegen und das „Lachen“ aus unserem Familienpungel zu grapschen, denn sprichwörtlich haben wir Ostpreußen ja „Lache on Griene en eenem Sack“ – wobei man unter Grienen kein Grinsen, sondern ein jämmerliches Weinen versteht. Und damit sind wir schon mitten in unserer kleinen Sprachkunde, zu der unsere Leserin Ilsegret Böhm aus Hamburg den Anlass gab, denn sie sandte uns folgenden Brief, der uns zum Glück noch vor dem Poststreik erreichte: „Liebe Frau Geede, finden Ihre Leser auch noch mehr Wörter mit dem weichen ,sch‘ – daran hat mein Mann erkannt, dass eine Lehrerin unserer Söhne aus Ostpreußen stammte.“ Und Frau Böhm legt gleich eine ganze Sammlung solcher Wörter vor. Weil sie dabei die Satzform wählt, wird auch mancher Nichtkenner des ostpreußischen Dialekts den Inhalt verstehen können.

„Dumme Schnuss, ich wird dich nicht puschen, wenn du so viel schabberst und nicht mit einem Schubs in die Wuschen kommst. Du Duschak bist ein Ruscheldups, sonst wärscht nicht gegen den Laternenpfahl geknallt und hättst dir die dicke Bruusch geholt. Jetzt brauchst du aus der Droscherie Podszun ein Pflaster, und dann ziehe ich mir mein Schäckert an und hole mir vom Schuhgeschäft Kosziak ein Paar schöne Wuschen. Du kannst ja das Katzchen puschen oder schusche-patrusche machen, bis es schnurrt, das beruhigt.“

Soweit die kleine „sch“-Probe von Ilsegret Böhm, die man beliebig ergänzen kann. Aber zuvor sollte man versuchen, die Sätze laut zu sprechen, und dann wird es sich zeigen, ob man echt ostpreußisch schabbern kann. Denn das ist ein Geheimnis, das die noch in der Heimat geborenen Ostpreußen als unverwechselbares Sprachgut mitgenommen haben: Nur sie haben es im Gefühl, wann das „sch“ kurz und hart und wann es lang gezogen und butterweich gesprochen wird. Waren es nicht die ersten zärtlichen Laute, die wir aus Mutters Mund hörten: „Schusche, patrusche, schlaf´ ein.“ Sie sind sogar in die Literatur eingegangen, denn Agnes Miegel hat sie in ihr 1932 geschriebenes Gedicht „Mutter Ostpreußen“ eingefügt, in dem sie ihre Liebe zur Heimatsprache bekundet:

„Denn mit ihnen (Worten), o Mutter, hast du uns gestreichelt, riefst aus dem Kinderteich du lockend die Seelchen zu dir: Trautsterche, Duche, wo bist du? Putt­hänncke, Putthoancke. Komm, min Schoapke, to mi. Schusche, Patrusche, schloap, schloap.“

Die meisten Sprecher werden hier passen, selbst professionelle Rezitatoren, die nicht aus Ostpreußen stammen, aber gerne unseren Dialekt zur Belustigung ihres Pub­likums benutzen, werden ihre Schwierigkeiten haben. Da sind eben die echten Ostpreußen gefragt, die zwar auch nicht erklären können, wann das „sch“ weich oder hart gesprochen wird, es aber einfach richtig machen. Nehmen wir zum Beispiel das Wort „Schaf“. Wie will man einem Unwissenden erklären, dass es als Schimpfwort „Du Schaf“ wie aus der Pistole geschossen kommt, aber bei der zärtlichen Streicheleinheit „Schafchen, du …“ das „sch“ sanft wie Maibutter im Mund zerfließt. Dieses weiche „sch“, das durch einen leichten Zungenstrich am Gaumen, manchmal mit einem gehauchten „t“ davor, zustande kommt, gibt jedem damit beginnenden Wort eine warme Klangfärbung. Es zerschmilzt wie die von Mutterchen selbst gemachten Schmandbonbons seligen Angedenkens und ist wie diese unverwechselbar ostpreußisch.

Unsere Sprache bietet überhaupt für einen Linguisten reiche Pfründe. Geradezu unnachahmlich ist das „ei“. Es wird durchaus nicht immer breit gesprochen mit lang gezogenem ausklingenden „i“ – es kann manchmal sehr weich klingen, wie eine Liebkosung. Dem harten „nein“ wird die Schärfe genommen, das ostpreußische „nei“ wirkt versöhnlich, fast wie eine Entschuldigung, dass man etwas ablehnen muss.

Wenn sich zwei echte Ostpreußen begegnen, ist zumeist der erste Begrüßungslaut ein singendes „ei“ – worauf dann gewöhnlich folgt: „Wie jeiht?“ Die Antwort beginnt wiederum mit einem „ei“, ergänzt etwa durch: „Na, jeiht!“ Womit schon viel gesagt ist. Manchmal ist es auch ein fragendes „na“? Sehr lang und ein Stück die Tonleiter hochkletternd. Solch ein „naaaa“ kann bedeuten „Wie geht es dir?“ Aber auch „Was willst du hier?“ oder „Kommst du endlich!“ Lautstark ausgesprochen will es besagen: „Mit mir nicht!“ Oder „Bis hierher und nicht weiter!“ Oft genügt dieses unverwechselbare „Na“ aber auch, den Gegner zu beschwichtigen. Unsere Sprache ist eben sehr modulationsfähig. Auch das „i“ hat seine Eigenständigkeit. Ein „I wo“ bedeutet eine sanfte, ein „I was“ eine schroffere Ablehnung, ein lang gezogenes „iiii“ ist Ausdruck des Erschreckens oder bezieht sich auf etwas Ekelhaftes. Wann das „e“ wie „ä“ und wann dieses wie ein doppeltes „e“ ausgesprochen wird – „Nä, Mänsch, Keethchen“ –, das wissen nur die Sprachforscher oder die Ostpreußen.

Aber wir wollen ja keine sprachwissenschaftlichen Definitionen bringen, sondern gemäß der Vorgabe von Frau Ilsegret Böhm ganz einfach liebevoll schabbern – nicht etwa laut braschen: Wie wäre es denn mit ein bisschen Schmand zum Kaffee oder ein Löffelche mit Muschkebad? Letzteres bedeutet Streuzucker, allgemein „Farin“ genannt. Und der – in unserer heutigen Küche wieder entdeckte – Schmand stammt von der bunten Muschekuh, man vorsichtig, dass du dich beim Eingießen nicht beschwaukst. Da möcht die Tante Lusch glupschen und einen Flunsch ziehen, die kriegt ja den Schlunk nich voll und wird sowieso wieder rumtratschen, unser Kaffee wär der reinste Plurksch. Da tut ein Schlubberchen Meschkinnes schon gut, aber nur ein kleinnuschiges, sonst wird mir schwummerig, ich werd’ ganz benuschelt und rutsch amend aus den Latschen.

Ja, meine liebe Frau Böhm, das ist mein kleines Danke-sch-ön für Ihren netten Beitrag, der sicherlich jetzt viele Leserinnen und Leser anregen wird, phonetisch den eigenen Wortschatz zu überprüfen. Und einen schönen Gruß an die Lehrerin, die unser heimatliches Idiom noch so erkennbar beherrscht! R.G.


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 103. GEBURTSTAG

Lison, Helene, geb. Schöntaub, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 8. Juli

ZUM 101. GEBURTSTAG

Schorsch, Marianne, geb. Fengler, aus Kalgendorf, Kreis Lyck, am 10. Juli

ZUM 100. GEBURTSTAG

Hollack, Lieselotte, geb. Preuß, aus Lyck, am 10. Juli

ZUM 98. GEBURTSTAG

Behrendt, Hedwig, geb. Zich, aus Wehlau, am 10. Juli

ZUM 96. GEBURTSTAG

Wienhold, Hedwig, geb. Wiede, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 9. Juli

ZUM 95. GEBURTSTAG

Dimas, Mary, geb. Grabowski, aus Neidenburg, am 9. Juli

Galla, Frieda, aus Ittau, Kreis Neidenburg, am 8. Juli

Gatzke, Paul, aus Widminnen, Kreis Lötzen, am 4. Juli

Plettner, Felicitas, geb. Wiesemann, aus Grüneberg, Kreis Elchniederung, am 3. Juli

ZUM 94. GEBURTSTAG

Aukthun, Liesbeth, geb. Gutzeit, aus Weißensee, Kreis Wehlau, am 10. Juli

Fetkenheuer, Wolfgang, aus Rhein, Kreis Lötzen, am 7. Juli

Grego, Helene, geb. Gallmeister, aus Kölmersdorf, Kreis Lyck, am 9. Juli

Karok, Heta, aus Hohenwalde, Kreis Heiligenbeil, am 4. Juli

Kilanowski, Erika, geb. Brunn, aus Lyck, am 10. Juli

Liknis, Irmgard, geb. Chlupka, aus Treuburg, am 10. Juli

Priefert, Ursula, geb. Liebenau, aus Groß Blumenau, Kreis Samland, am 10. Juli

Püschel, Elfriede, geb. Tolusch, aus Inse, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

Sonder, Marie, geb. Blask, aus Keipern, Kreis Lyck, am 7. Juli

ZUM 93. GEBURTSTAG

Derichs, Ida, geb. Sczesny, aus Suleiken, Kreis Treuburg, am 4. Juli

Fricke, Hildegard, geb. Röder, aus Treuburg, am 5. Juli

Hensel, Elfriede, geb. Domieniuk, aus Bunhausen, Kreis Lyck, am 6. Juli

Krause, Frieda, geb. Rehberg, aus Grunau, Kreis Heiligenbeil, am 8. Juli

Ting, Gerda, geb. Klemusch, aus Fuchshügel, Kreis Wehlau, am 8. Juli

ZUM 92. GEBURTSTAG

Gardner, Lydia, geb. Thierlert, aus Schanzenort, Kreis Ebenrode, am 7. Juli

Kelch, Lotte, geb. Mellenthin, aus Fließdorf, Kreis Lyck, am 8. Juli

Koth, Margarete, geb. Kilbinski, aus Kelchendorf, Kreis Lyck, am 7. Juli

Kruppa, Ilse, aus Birkenwalde, Kreis Lyck, am 5. Juli

Meyrath, Alfred, geb. Meyrat, aus Wartenhöfen, Kreis Elchniederung, am 7. Juli

Pohl, Elfriede, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 6. Juli

Seidel, Elli, geb. Krause, aus Friedrichsthal, Kreis Wehlau, am 5. Juli

Skalla, Hilde, geb. Prostka, aus Neuendorf, Kreis Lyck, am 5. Juli

ZUM 91. GEBURTSTAG

Funk, Gertraud, geb. Ehresmann, aus Frischenau, Kreis Wehlau, am 8. Juli

Gebhardt, Alice, geb. von Raven, aus Neidenburg, am 5. Juli

Geschull, Willy, aus Ebenrode, am 10. Juli

Hölger, Hildegard, aus Kathrin-höfen, Kreis Samland, am 4. Juli

Hoff, Helmut, aus Plauen, Kreis Wehlau, am 5. Juli

Hoffmann, Gerda, geb. Retat, aus Schirrau, Kreis Wehlau, am 4. Juli

Pyrags, Heinz, aus Kämpen, Kreis Elchniederung, am 9. Juli

Quednau, Gerda, aus Lyck, am 5. Juli

ZUM 90. GEBURTSTAG

Böge, Magdalena, geb. Schöl, aus Aßlacken, Kreis Wehlau, am 9. Juli

Boehnert, Gertrud, geb. Kraffzik, aus Goldensee, Kreis Lötzen, am 10. Juli

Christukat, Hubert, aus Herzogshöhe, Kreis Treuburg, am 7. Juli

Ebner, Klaus, aus Tawellenbruch, Kreis Elchniederung, am 8. Juli

Flaum, Erika, aus Baitenberg, Kreis Lyck, am 9. Juli

Hahn, Erna, geb. Nehmke, aus Strobjehnen, Kreis Samland, am 4. Juli

Joachim, Gert, aus Fröhlichshof, Kreis Ortelsburg, am 4. Juli

Klein, Grete, geb. Grassat, aus Nassawen, Kreis Ebenrode, am 9. Juli

Knospe, Isa, geb. Seidler, aus Damerau, Kreis Wehlau, am 8. Juli

Lenzky, Gerhard, aus Pillau, Kreis Samland, am 5. Juli

Lettau, Erika, aus Auglitten, Kreis Lyck, am 6. Juli

Luxa, Norbert, aus Jürgen, Kreis Treuburg, am 5. Juli

Monzien, Siegfried, aus Parneh-nen, Kreis Wehlau, am 9. Juli

Nütsch, Frieda, geb. Wagner, aus Hollenau, Kreis Ebenrode, am 10. Juli

Schellig, Martha, geb. Sawitzki, aus Kalgendorf, Kreis Lyck, am 8. Juli

Schröter, Christel, geb. Nisius, aus Augam, Kreis Preußisch Eylau, am 9. Juli

Stolz, Dr. med. Dent. Herbert, aus Neuendorf, Kreis Lyck, am 4. Juli

Werner, Irene, geb. Steinbacher, aus Bilderweiten, Kreis Ebenrode, am 8. Juli

ZUM 85. GEBURTSTAG

Bettker, Otto, aus Wiskiauten, Kreis Samland, am 4. Juli

Bombosch, Herta, geb. Phillipowski, aus Neuwiesen, Kreis Ortelsburg, am 5. Juli

Burat, Helmut, aus Neu Trakehnen, Kreis Ebenrode, am 4. Juli

Doppler, Elfriede, geb. Gerwin, aus Zimmerbude, Kreis Samland, am 5. Juli

Dzemski, Horst, aus Neidenburg, am 9. Juli

Esters, Irene, geb. Wissmann, aus Schakendorf, Kreis Elchniederung, am 7. Juli

Freihalter, Rosemarie, geb. Dannenfeldt, aus Lyck, Lycker Garten 53, am 7. Juli

Gehle, Erna, geb. Chlupka, aus Treuburg, am 10. Juli

Gotthardt, Otto, aus Mühlen /Osterode, am 4. Juli

Grund, Elli, geb. Junga, aus Schuttschen, Kreis Neidenburg, am 8. Juli

Hass, Irmgard, geb. Osenger, aus Keipern, Kreis Lyck, am 10. Juli

Heibutzki, Reinhold, aus Krupinnen, Kreis Treuburg, am 6. Juli

Heidenreich, Magdalena, aus Guttenfeld, Kreis Preußisch Eylau, am 4. Juli

Jünnemann, Käthe, geb. Steinhauer, aus St. Lorenz, Kreis Samland, am 9. Juli

Koch, Erika, geb. Tulowitzki, aus Omulefofen, Kreis Neidenburg, am 9. Juli

Kodlin, Leonore, geb. Schrodel, aus Parnehnen, Kreis Wehlau, am 6. Juli

Kurrat, Helmut, aus Gindwillen, Kreis Tilsit-Ragnit, am 9. Juli

Lutterbeck, Ursula, geb. Augstein, aus St. Lorenz, Kreis Samland, am 7. Juli

Rehberg, Georg, aus Lethenen, Kreis Labiau, am 4. Juli

Steputat, Wolfgang, aus Sangnitten, Kreis Preußisch Eylau, am 7. Juli

Tamm, Elfriede, geb. Tulodetzki, aus Talhöfen, Kreis Neidenburg, am 5. Juli

Wittmann, Eckhardt, aus Palmnicken, Kreis Samland, am 5. Juli

ZUM 80. GEBURTSTAG

Ballnus, Werner, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 8. Juli

Bunschei, Ursula, geb. Bandholt, am 8. Juli

Grunwald, Werner, aus Canditten, Kreis Preußisch Eylau, am 6. Juli

Heldt, Herbert, aus Rothenen, Kreis Samland, am 10. Juli

Kahlmeier, Lieselotte, geb. Kulinna, aus Auglitten, Kreis Lyck, am 5. Juli

Kaiser, Christel, geb. Kadereit, aus Rauterskirch, Kreis Elchniederung, am 5. Juli

Labusch, Dieter, aus Samplatten, Kreis Ortelsburg, am 6. Juli

Laschitzki, Elfriede, geb. Koslowski, aus Kandien, Kreis Neidenburg, am 7. Juli

Lunau, Bruno, aus Plautwehnen, Kreis Samland, am 5. Juli

Pasdika, Kurt, am 4. Juli

Penner, Ilse, geb. Haybowitz, aus Groß Jerutten, Kreis Ortelsburg, am 6. Juli

Schöttke, Günter, aus Groß Dirschkeim, Kreis Samland, am 8. Juli

Seitz, Ilse, geb. Wegner, aus Allenburg, Kreis Wehlau, am 10. Juli

Stankewicz, Stanislaw, aus Lyck, am 10. Juli

Ungermann, Fritz, aus Biebers-walde, Kreis Wehlau, am 9. Juli

Witten, Eva, geb. Rogge, aus Plauen, Kreis Wehlau, am 6. Juli

Wrabletz, Waltraut, geb. Droszella, aus Alt Kriewen, Kreis Lyck, am 7. Juli

Zajonz, Ursula, geb. Mrozek, aus Montwitz, Kreis Ortelsburg, am 6. Juli

ZUM 75. GEBURTSTAG

Harms, Grita, geb. Steffeck, aus Reinkental, Kreis Treuburg, am 10. Juli

Janz, Herbert, aus Jodingen, Kreis Elchniederung, am 9. Juli

Kaiser, Anneliese, geb. Schimkat, aus Altschanzenkrug, Kreis Elchniederung, am 2. Juli

Krause, Erika, geb, Bienroth, aus Windberge, Kreis Ebenrode, am 7. Juli

Roggmann, Herta, geb. Pichlo, aus Bredauen, Kreis Ebenrode, am 9. Juli

Schade, Renate, geb. Ernst, aus Kathenau, Kreis Ebenrode, am 10. Juli

Schlenger, Egon, aus Zinten, Wilhelmstraße 22, Kreis Heiligenbeil, am 6. Juli

Seiberle, Christa, aus Pregels-walde, Kreis Wehlau, am 4. Juli

Wedler, Ulrich, aus Neulinkuhnen, Kreis Elchniederung, am 10. Juli

Weylo, Siegfried, aus Herzogskirchen, Kreis Treuburg, am 8. Juli


Zeitzeugen gesucht
Dissertation über ostpreußische Apotheker

Welche Apothekerfamilie kam nach 1945 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die Bundesrepublik oder in das Gebiet der früheren DDR? Wer kennt Nachfahren von vertriebenen Apothekern? PAZ-Leser, die auf diese Fragen eine Antwort wissen, sucht der Pharmaziehistoriker Jochen Schröder. Im Institut für Geschichte der Pharmazie in Marburg arbeitet er an seiner Dissertation über die Vertreibung und Integration deutscher Apotheker nach dem Zweiten Weltkrieg. Schröder: „Bitte melden Sie sich, wenn Sie Kenntnisse, Archivmaterial oder Fotos über Apotheker aus dieser Zeit besitzen. Wir freuen uns über Ihre Hilfe!“

Kontakt: Jochen Schröder, Haidlenstraße 23, 70597 Stuttgart, Telefon (0711) 46 29 11, Fax (0711) 765 33 84, E-Mail: jochen.schroeder@staff.uni-marburg.de, oder: Professor Christoph Friedrich, Institut für Geschichte der Pharmazie, Roter Graben 10, 35032 Marburg, Telefon (06421) 28 22 829, h.fried-rich@staff.uni-marburg.de


S. 16 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGESOSTPREUSSEN

Vorsitzender: Stefan Hein, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

Schloss Burg – Sonntag, 5. Juli: Der BJO beteiligt sich am Kleinen Ostpreußen- und Schlesiertreffen auf Schloss Burg an der Wupper. Beginn der Veranstaltung: 10 Uhr, Kundgebung: 14 Uhr. Weitere Informationen: www.ostpreussen-nrw.de. Dort links auf den Button „Ostpreußentreffen“ klicken.

Breslau – 26. September: In der niederschlesischen Stadt Breslau findet dieses Jahr das Kulturfestival der deutschen Minderheit in der Jahrhunderthalle statt. Dieses gibt es nur alle drei Jahre und ist durchaus etwas Besonderes.

Die Stadtfahrt dient dazu, sich gemeinsam einen Eindruck von der Veranstaltung zu verschaffen, und bietet Gelegenheit, die schöne Stadt zu erkunden, und das natürlich nicht nur am Tage. Die Teilnehmer treffen sich in Breslau am Abend des 24. Septembers und reisen am 27. September wieder ab. Der Altersschwerpunkt der Stadtfahrt liegt zwischen 16 und 35 Jahren. Die Einladung mit weiteren Einzelheiten findet sich auf www.junge-ostpreussen.de.

 

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Frauengruppe – Dienstag 21. Juli, 14,30 Uhr, Kleiner Saal, Haus. der Heimat: Die Frauengruppe trifft sich zu einem abwechslungsreichen Nachmittag. Das Thema; „Reiseberichte“. Auch alle Mitglieder der Kreisgruppe können teilnehmen und, wenn sie möchten, mit eigenen Beiträgen das Programm bereichern. Gäste sind herzlich eingeladen.

Göppingen – Jeweils am ersten Mittwoch im Monat trifft sich um 14 Uhr im Lokal Glashaus, Vordere Karlstraße 41, 73033 Göppingen die Kreisfrauengruppe zu ihren Kulturnachmittagen. Ansprechpartner ist Vera Pallas, Telefon (07162) 5870.

Heidelberg – Sonntag, 5. Juli, 15 Uhr, Hotel Leonardo, Bergheimerstraße 63: Gemeinsames Treffen mit der Landesvorsitzenden Uta Lüttich. Zum 150. Geburtstag von Frieda Jung hält sie einen Vortrag über die Dichterin, die am 4. Juni 1865 in Kiaulkehmen im Kreis Gumbinnen geboren wurde. Gäste sind wie immer herzlich willkommen.

Ulm / Neu Ulm – Sonntag, 12. Juli, 18 Uhr, Donauschwäbisches Zentralmuseum: Südostdeutscher Volkstumsabend mit einer Musikgruppe, Tanz und dem Seniora Chor Ulm.

Weinheim/Bergstraße – Mittwoch, 8. Juli, 14.30 Uhr, Café Wolf: Treffen der Frauengruppe. Das Thema: „Streifzüge durch Ostpreußen, dem Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen“. Dazu gibt es kleine Beiträge und Gedichte.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Altmühlfranken – Sonnabend, 25. Juli, 15 Uhr, Seezentrum Gunzenhausen-Schlungenhof: Seefahrt mit der MS „Gunzenhausen“ auf dem Altmühlsee.

Ansbach – Sonnabend, 25. Juli: Sommerfest auf dem Altmühlsee. Gefeiert wird mit den Landsleuten aus Gunzenhausen/Weißenburg.

Hof – Viele Mitglieder und Gäste waren der Einladung zur Monatsversammlung der Landsmannschaft am 13. Juni ins Restaurant Altdeutsche Bierstube gefolgt. In Vertretung des ersten Vorsitzenden Christian Joachim übernahm Kulturreferent Bernd Hüttner die Begrüßung der Anwesenden, sprach die besten Wünsche für die gewesenen Geburtstagskinder aus und versprach ein heiteres Programm mit lustigen Geschichten, vorgetragen von unseren Mitgliedern. Natürlich begann die Runde gemeinsam mit dem Westpreußenlied. Als Prominenten des Nachmittags hatte Jutta Starosta die erste Miss Germany ausgewählt. Sie kam 1906 in Ostpreußen zur Welt. Zu ihrer Generation gehörten Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) und Billy Wilder (1906–2002). Zu ihrer Lebenszeit wirkten unter anderem Zeitgenossen wie Richard Schirrmann (1874–1961), der Gründer des Deutschen Jugendherbergswerkes und Rose Kennedy (1890–1995), die Mutter von John F. Kennedy, 35. Präsident der USA, und des ehemaligen Justizministers Robert F. Kennedy sowie des US-Senators Edward Kennedy.

Deutschlands erste Miss Germany Hildegard Kwandt starb 2000 im Alter von 94 Jahren in Berlin. Anfang 2000 fand ihr Sohn den Koffer der Mutter – gefüllt mit vielen Erinnerungsstücken – auf dem Dachboden in Berlin. Am 5. März 1927 wurde die 21-jährige Ostpreußin die erste deutsche Schönheitskönigin. Sie wurde überhäuft mit Glückwünschen, Honoraren und Angeboten für Engagements. Es folgten gemeinsam gesungene Volkslieder und viele heitere Anekdoten.

Schmunzelnd saß man nach dem Vortrag noch lange zusammen. Das Ostpreußenlied schloss diesen kurzweiligen Nachmittag ab. Danke, an Euch alle, eine gute Zeit und kommt wieder, rief Bernd Hüttner zum Abschied.

Nächste Termine: Samstag 11. Juli, 15 Uhr Monatsversammlung. Im August ist Sommerpause. Am Sonnabend, 12. September, 15 Uhr: Monatsversammlung. Gäste sind willkommen. Renate Pfaff

Kitzingen – Sonnabend, 18. Juli, 15 Uhr, Hotel Würzburger Hof: Sommerfest. Bei schönem Wetter im Garten.

– Bericht –

Bei einem Kaffeenachmittag im „Würzburger Hof“ wurden langjährige Mitglieder der Landsmannschaft der Ost-/Westpreußen geehrt. Der stellvertretende Vorsitzende, Udo Grüttner, geboren in Altweiler, wurde für zehn Jahre geehrt. Die Schriftführerin Waltraud Patz wurde für 25-jährige Mitgliedschaft und 20-jährige Mitarbeit als Schriftführerin in der Landsmannschaft geehrt.

Eine Ehrenurkunde für 20 Jahre Mitgliedschaft gab es für Gerda Sponsel, geborene Siemoneit, geboren in Wirkutten/Memel. Eine Treueurkunde für 60 Jahre Mitgliedschaft gab es für Brigitte Höhn geborene Pape, aus Lyck. Sie unterhielt uns mit Liedern aus der Heimat mit ihrer Mundharmonika . Alle Geehrten erhielten eine Urkunde und einen Blumenstock beziehungsweise einen Bocksbeutel für die Männer. 

Eine Urkunde für zehn Jahre gab es für Helga Andres geborene Emrich und Martin Andres, geboren in Königsberg, ebenfalls zehn Jahre, die leider an diesem Tag nicht anwesend waren.

Waltraud Patz

Landshut – Dienstag, 7. Juli, 14 Uhr, Minigolf-Platz Mittenwöhr: Gemeinsames Treffen.

München – Freitag, 10 Juli. 14 Uhr, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, 81669 München: Treffen der Frauengruppe.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Haus der Heimat, Teilfeld 8, 20459 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

Landesgruppe – Sonnabend, 18. Juli, 14 Uhr, Traditionshaus „Lackemann“, Litzowstieg 8, 22041 Hamburg (Parkplatz Quarree, Parkhaus P2): Sommerfest 2015: Zum buntem Programm gehören Lesungen, kleine Geschichten zum Schmunzeln sowie ein Filmvortrag „65 Jahre Landesgruppe Hamburg“. Nach der gemeinsamen Kaffee- und Kuchentafel wird Herr Dziobaka die Festgemeinschaft mit seinem LAB-Chor fröhlich einstimmen.

Das Traditionshaus „Lackemann“ ist sehr gut zu erreichen mit der U1 und Bussen. Vom U1- und Busbahnhof Wandsbek-Markt sind es nur wenige Gehminuten. Wenn Sie von der Wandsbeker Marktstraße den Durchgang „Hinterm Stern“ zwischen Quarree und Hotel Tiefenthal durchgegangen sind, sehen Sie es bereits. Weitere Auskünfte erteilt Organisator Siegfried Grawitter, Telefon (040) 205784.

 

HESSEN

Vorsitzender: Eberhard Traum, Wächtersbacherstraße 33, 63636 Brachtal, Telefon (06053) 708612.

Kassel – Donnerstag, 6. August, 14.30 Uhr. AWO-Heim, Am Wehrturm 3, Vortrag von Jürgen Pasche: „Der Wandsbeker Bote -Matthias Claudius“.

– Bericht –

Das letzte Treffen vor der Sommerpause stand unter dem Titel „Das Samland – eine Perle des deutschen Ostens“. Wieder einmal betätigte sich das langjährig aktive Mitglied, Ruth Barthel, als „Perlenfischerin“. Ein dazu passender Filmbeitrag konnte aus technischen Gründen leider nicht eingefügt werden. Dafür erweiterte Ruth Barthel ihren Streifzug durch die Heimat auf andere reizvolle Gebiete der Provinz – vom Memelland bis zur Weichselniederung. Untermalt mit Dichterzeilen rief die Referentin bekannte und unbekannte Schätze und Besonderheiten Ost- und Westpreußens in das Gedächtnis der aufmerksamen Zuhörer. Was war einmal, und was ist noch heute zu besichtigen und zu erleben? Man weiß es ja: Das Ausmaß des Gewesenen ist unermesslich, Landschaft und Natur jedoch bezaubern noch immer. Das Verlust-empfinden wird allerdings kaum geringer, wenn der grüne oder blaue Glanz der Heimat besungen wird: Ja, die Hirsche röhren im Herbst immer noch in der Rominter Heide und anderswo, und geblieben sind Dünenketten und Vogelzug auf der Nehrung – aber soviel Anderes, Entscheidendes verschwand. An den Schluss ihres bewegenden Beitrags setzte die Erzählerin die Mahnung: „Vergessen wir das Land nicht, wo unsere Wurzeln liegen!“

Gerhard Landau

Wetzlar – Sonnabend, 11. Juli, 13 Uhr, Treffpunkt ist das Schützenhaus am Bobenhöllerwald in Nauborn: Grillfest. Kontakt: Kuno Kutz, Telefon (06441) 770559. Am 11. August wird es einen Tagesausflug nach Bad Nauheim geben mit Besuch der Rosenstadt Steinfurth.

Wiesbaden – Donnerstag, 9. Juli, 12 Uhr, Gaststätte Haus Waldlust, Ostpreußenstraße 46, Wiesbaden-Rambach: Stammtisch. Wegen der Platzdisposition bitte unbedingt anmelden bis zum 3. Juli bei Irmgard Steffen, Telefon (0611) 84 49 38. Anfahrt: ESWE-Busverbindung: Linie 16, Haltestelle Ostpreußenstraße. – Dienstag, 14. Juli, 15 Uhr, Gaststätte beim Wiesbadener Tennis- und Hockey-Club, Nerotal: Kaffeetrinken im Grünen der Frauengruppe. Anfahrt: ESWE-Bus Linie 1, Haltestelle Nerotal (Endhaltestelle). Wer Lust zu einem Spaziergang hat, steigt bereits an der Haltestelle „Kriegerdenkmal“ aus. Von dort geht die Gruppe um 14.30 Uhr durch die Nerotal-Anlage zur Gaststätte. Organisation und Leitung Helga Kukwa. – Sonnabend, 18. Juli, 15 Uhr, Kleingartenverein am Wasserwerk, Erbenheim: Sommer-Gartenfest. Für die musikalische Unterhaltung sorgt das bewährte Duo Budau/Dr. Hübenthal. Wegen der Essen-Disposition bitte bis zum 10. Juli bei Irmgard Steffen, Telefon (0611) 84 49 38 anmelden.

Das Gartenfest findet bei jeder Witterung statt; überdachte Bereiche stehen zur Verfügung.

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Helmstedt – Jeder zweite Donnerstag im Monat, 15 Uhr Begegnungsstätte, Schützenwall 4: Gemeinsames Treffen. Die nächsten Termine: 9, Juli, 13. August, 10. September.

Osnabrück – Freitag, 17. Juli, 15 Uhr, Gaststätte Bürgerbräu, Blumenhaller Weg 43; Treffen der Frauengruppe.

Rinteln – Donnerstag, 9. Juli, 15 Uhr, Hotel Stadt Kassel, Klosterstraße, 42, 31737 Rinteln: Bei diesem Monatstreffen wird Dr. Hans-Walter Butschke aus Lemgo anlässlich des 200. Geburtstages von Otto von Bismarck einen Vortrag zum Thema „Bismarcks Entlassung – Ursachen und Wirkungen“ halten. Angehörige und Freunde sowie interessierte Gäste aus Nah und Fern sind ebenfalls herzlich willkommen. Auskünfte und Informationen zur landsmannschaftlichen Arbeit in Rinteln gibt es beim Vorsitzenden Joachim Rebuschat, Telefon (05751) 5386 oder: rebuschat@web.de

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Bonn – Dienstag, 28 Juli, 14 Uhr, Nachbarschaftszentrum Brüser berg. Fahrenheitstraße 49: Treffen des Frauenkreises.

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 Uhr, Eichendorff-Saal, Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus (GHH), Bismarckstraße 90: Chorprobe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft „Ostpreußen-Westpreußen-Sudetenland“ unter Leitung von Radostina Hristova.

Ennepetal – Sonntag, 5. Juli,

11 Uhr, Schloss Burg, Solingen: Kleines Ostpreußentreffen – Donnerstag, 16. Juli, 16 Uhr, Heimatstube, Kirchstraße 52: Monatsversammlung.

Siegen – Die Frauengruppe der Ost- und Westpreußen trifft sich an jedem dritten Dienstag im Monat um 14 Uhr im barrierefreien Café Patmos in Siegen-Geisweid in der Sohlbacher Straße.

Witten – Montag, 20. Juli, 15 Uhr, Versammlungsraum, Evangelisch Lutherische Kreuzgemeinde Witten, Lutherstraße 6–10: Treffen zum Thema „Erlebte Naturschönheit in unserem Lande“.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle, Telefon privat (0345) 2080680.

Dessau – Montag, 13. Juli.

14 Uhr, Seniorenfreizeitstätte Krötenhof, Wasserstraße 50: Sommerfest.

Magdeburg – Dienstag, 21. Juli, 13 Uhr, Immermannstraße: Treffen der Stickerchen.

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner. Geschäftsstelle: Telefon (0431) 554758, Wilhelminenstr. 47/49, 24103 Kiel.

Flensburg – Freitag, 24. Juli, 15 Uhr, AWO Stadtteilcafe, Mathildenstraße 22: Vortrag von Oberstleutnant a. D. Hartwig Wilckens zum Thema „Mai 1945, das Kriegsende in Schleswig-Holstein“.

Neumünster – Mittwoch, 8. Juli, 15 Uhr, Restaurant am Kantplatz: Gemeinsames Treffen zum Thema „Ostpreußische Sprachkultur – so schabberten wir to Hus!“ – Ein typisch ostpreußischer Nachmittag. Gäste sind willkommen!


S. 17-19 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

ALLENSTEIN LAND

Kreisvertreter: Hans-Peter Blasche, Lankerstraße 40, 40545 Düsseldorf, Telefon (0211) 17181290; (02131) 902700 (dienstl.), Telefax (02131) 902430 (dienstl.) Geschäftsstelle: Gemeindeverwaltung Hagen, Postfach 1209, 49170 Hagen, Telefon (05401) 9770. www.allenstein-landkreis.de

Die Jahreshauptversammlung für die neu eingetragenen Mitglieder und den Kreistag fand im April im Großen Sitzungssaal des Rathauses in Hagen am Teutoburger Wald statt. Nach der Eröffnung der Tagung durch Kreisvertreter Hans-Peter Blasche und nach der Begrüßung durch die Kämmerin der Gemeinde, Frau Möller, gab der Kreisvertreter seinen Rechenschaftsbericht ab. Darin zeigte er auf, dass die Mitglieder des geschäftsführenden Vorstandes, so der neue Schriftleiter Andreas Galenski als Nachfolger von Horst Tuguntke und der neue Schatzmeister Artur Korczak im Gefolge von Klaus J. Schwittay hervorragende Vereins-arbeit geleistet haben, so dass die Kreisgemeinschaft dank der Unterstützung der übrigen Vorstandsmitglieder auf Jahre gut aufgestellt ist.

Als Ziele für die zukünftige Vereinsarbeit nannte der Kreisvertreter die Aktualisierung unserer Homepage, ferner die vermehrte Hilfeleistung im Rahmen der Ahnenforschung und die Gründung eines Forums von Genealogen, für die er sich persönlich einsetzten werde.

Schatzmeister Artur Korczak berichtete, vom Kassenprüfer Clemens Seidel bestätigt, dass alle eingegangenen Rechnungen für die Jahre 2014/2015 beglichen seien, dass Auslagen nur im Rahmen des satzungsrechtlich festgelegten Vereinszweckes gemacht worden seien und dass die Konten ausgeglichen seien. Das zuständige Finanzamt Osnabrück-Land hat am 2. Dezember 2014 unserem Verein den Freistellungsbescheid für die Jahre 2014, 2015 und 2016 erteilt. Den vom Schatzmeister vorgestellten Haushaltsplan 2015 nahm die Mitgliederversammlung einstimmig an und erteilte dem Gesamtvorstand Entlastung.

Die Ehrenmitgliedschaft der Kreisgemeinschaft Allenstein-Land e.V. wurde auf Antrag des geschäftsführenden Vorstandes von der Mitgliederversammlung in Anerkennung und Würdigung ihrer jahrzehntelangen Leistungen für unsere Kreisgemeinschaft und für das historische Ostpreußen zuerkannt: Landrat a. D. des Landkreises Osnabrück, Manfred Hugo, und dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten im Landkreis Osnabrück, Georg Schirmbeck. Beide sind seit einigen Jahren Träger des Ehrenzeichens der Landsmannschaft Ostpreußen in Gold. Sie haben die Ehrung angenommen und erhalten am 21. Juli um 18 Uhr im Kreishaus in Osnabrück im festlichen Rahmen ihre Ehrenurkunde.

Das gemeinsame Heimatkreistreffen Allenstein Stadt und Land ist am Sonnabend, dem 12. September, ab 13 Uhr auf Schloss Horst in 45899 Gelsenkirchen, Turfstraße 21. Der Vorstand bittet um zahlreiches Erscheinen.

Horst Tuguntke

 

ANGERBURG

Kreisvertreter: Kurt-Werner Sadowski. Kreisgemeinschaft Angerburg e.V., Landkreis Rotenburg (Wümme), Postfach 1440, 27344 Rotenburg (Wümme), Landkreis: Telefon (04261) 9833100, Fax (04261) 9833101.

Ein Lied geht um die Welt …

… in diesem Fall zog ein Angerburger in die Welt und trug „seine Lieder“ hinaus. Vor 100 Jahren wurde Willy Rosenau am

22. Juli 1915 in Angerburg geboren und verstarb am 26. November 1999 in Baden-Baden. Mit seinem Musik- und Gesangsstudium in Königsberg und Berlin erlangte er die Bühnen- und Konzertsängerreife.

Noch in seiner Heimat trat er als Sänger (Bariton) hervor. Seit 1946 war Willy Rosenau als Konzert-, Oratorien- und Rundfunksänger tätig. 1948 gründete Willy Rosenau zusammen mit Martin Winkler, der als Sprecher fungierte, das Rosenau-Trio. Begleitet wurden sie von der Pianistin Helga Becker-Winkler.

Beachtliche Hörfolgen im In- und Ausland, sowie Schallplattenproduktionen sollten folgen, somit war das Trio weltweit auf Konzertreisen. Seine Heimat hat Willy Rosenau dabei nie vergessen. Das ostpreußische Kulturgut lebte durch das Rosenau-Trio weiter. Von den abendfüllenden Hörfolgen hat Willy Rosenau sechs seinem Heimatkreis Angerburg gewidmet: „Geliebte Heimat Angerburg“, „Walter von Sanden und Otto Suchodolski zu Ehren“, „Ein Volkslied war mein Leben – Walter von Sanden – ein Lebensbild“, „Herr, gib uns helle Augen“ – Leben und Werk von Frieda Jung, „Wanderungen um den Dümmer und Ostpreußen“ – zum 90, Geburtstag von Edith von Sanden, „Geliebte Heimat Angerburg“ – neu bearbeitet.

Viele Ehrungen erhielt Willy Rosenau für sein Schaffen in seinem Leben. Es gab aber neben der Musik noch etwas: Die Literatur. Für „Der Zirkusdirektor“ erhielt er den Angerburger Literaturpreis. Und er gehört zu einigen wenigen, die zu den Kreisältesten der Kreisgemeinschaft Angerburg gewählt wurden.

Sein Vermächtnis an seine Heimat lebt, das „neue“ Rosenau-Trio trägt es weiter. Susanne Hagen

 

ELCH-NIEDERUNG

Kreisvertreter: Manfred Romeike, Anselm-Feuerbach-Str. 6, 52146 Würselen, Telefon/Fax (02405) 73810. Geschäftsstelle: Barbara Dawideit, Telefon (034203) 33567, Am Ring 9, 04442 Zwenkau.

Vom 10. bis 11. September findet das Kreistreffen und die Mitgliederversammlung der Kreisgemeinschaft Elchniederung im Hotel Esplanade in Bad Nenndorf statt. Eingeladen sind alle ehemaligen Bewohner des Kreises, deren Nachfahren sowie aller Freunde Ostpreußens. Das Programm am Donnerstag,

10. September:

14 Uhr: Eröffnung des Tagungsbüros im Foyer/Delegiertenversammlung, Treffen im Restaurant

16 bis 18 Uhr: Film- und/oder Diavorträge.

Das Programm für Freitag, 11. September:

9 Uhr: Eröffnung des Tagungsbüros.

9.30 Uhr: Treffen im Restaurant.

10.15 bis 11.45 Uhr: Unser Bildarchiv/unsere Homepage, Wolfgang Nienke, Film- und/oder Diavorträge; 12 Uhr: Mittagessen im Restaurant.

14 Uhr: Eröffnung des Treffens, Totenehrung, Grußwort der stellvertretenden Landrätin Frau Hartmann-Grolm, Berichte 2015 von den Kirchspielvertretern, Wahlen und Ehrung.

16 Uhr: Gemütliches Beisammensein, Plachandern.

Ab 18 Uhr musikalische Unterhaltung

Weitere Informationen: Für Übernachtungsmöglichkelten bitten wir mit dem Hotel „Esplanade“, Bahnhofstraße 8, 31542 Bad Nenndorf, Telefon (05723) 798110 oder dem „Parkhotel Deutsches Haus“, Bahnhofstraße 22, 31542 Bad Nenndorf, Telefon (05723) 94 370; Fax (05723) 9437 500 oder dem Kur- und Verkehrsverein, Kurhausstraße 4, 31542 Bad Nenndorf, Kontakt aufzunehmen.

Am Sonnabend, 12. September, beginnt um 10 Uhr das Regionaltreffen der Kreisgemeinschaften Tilsit-Ragnit, Elchniederung und der Stadtgemeinschaft Tilsit. Austragungsort ist das Hotel Esplanade, Bahnhofstraße 8, 31542 Bad Nenndorf. Das Programm: Eröffnung durch James-Herbert Lundszien. Es folgen Totenehrung und die Begrüßung durch die Kreisvertreter Manfred Romeike (Elchniederung), Hans Dzieran (Tilsit-Stadt) und Dieter Neukamm (Tilsit-Ragnit). Anschließend hält Jürgen Leiste einen Vortrag zum Thema „Naturschutzgebiet Elchwald gestern und heute“. Zwischen 11.30 Uhr und 13 Uhr: Mittagspause. Als Festredner wird dann Wilhelm von Gottberg das Wort übernehmen. Um 14 Uhr tritt der „Schaumburger Shanty-Chor“ auf. Danach gibt es ein geselliges Beisammensein. Die Schlussworte spricht Manfred Romeike. Gegen 17 Uhr wird die Veranstaltung mit dem gemeinsamen Singen des Qstpreußenliedes beendet.

 

GOLDAP

Kreisvertreter: Stephan Grigat, Telefon (05231) 37146, Fax (05231) 24820, Heidentalstraße 83, 32760 Detmold. Geschäftsstelle: Annelies Trucewitz, Hohenfelde 37, 21720 Mittelnkirchen, Telefon (04142) 3552, Telefax (04142) 812065, E-Mail: museum@goldap.de. Internet: www.goldap.de.

18. Juli, Zakatek am Goldaper See: Goldaper Sommerfest. Weitere Informationen: Annelies Trucewitz, Telefon (04142) 3552.

E-Mail: museum@goldap.de

 

JOHANNISBURG

Kreisvertreter: Dr. Manfred Solenski, Fichtenstraße 14, 26316 Varel, Telefon (04451) 4581, Fax (04451) 9189298, E-Mail: solenski@kreisgemeinschaft-johannisburg.de. Internet: www.kreisge-meinschaft-johannisburg.de

Wie kann es auch wohl anders sein, bei schönen Frühlingswetter konnte der Landsmann Paul Sobotta 28 treue Johannisburger Landsleute in der Landeshauptstadt von NRW in Düsseldorf in dem altbewerten Altstadtlokal „Im goldenen Ring“ herzlich willkommen heißen.

In der hergerichteten „Düsselstube“, man konnte es sichtlich merken, fühlte sich die eingetroffene Johannisburger Großfamilie gleich wohl. Am Empfangstisch wurden die Johannisburger von Erika Tünker, der Schwester von Paul Sobotta, herzlich begrüßt. An den Tischen wurde schon vor Beginn der Veranstaltung tüchtig geschabbert und die neusten Ereignisse gleich ausgetauscht.

Landsmann Paul Sobotta konnte pünktlich um 12 Uhr das 32. Regionaltreffen eröffnen und hieß alle Anwesenden herzlich willkommen. Schon zum 7. Male, nach dem Tode von Kurt Zwikla, leitete Sobotta das Regionaltreffen in Düsseldorf. Er erklärte: „Ich begrüße persönlich den stellvertretenden Kreisvertreter unserer Kreisgemeinschaft Herrn Detlef Liedtke mit seiner Frau, der auch jetzt gleich einige Grußworte an uns hier richten möchte.“

Was auch gleich geschah. Alle Anwesenden hörten aufmerksam zu, was es da so aus der obersten Führungsetage zu berichten gab.

Grußworte aus Ostpreußen, sie haben richtig gehört, wurden verlesen, vom 1. Vorsitzenden Dietmar Leymanczyk, sowie von der Ehrenvorsitzenden, Mira Kreska, die auch schon im 89. Lebensjahr steht. Weitere Grüße verhinderter bekannter Johannisburger Landsleute kamen von Erich Blask, Irmgard Nissen, Pfarrerin Edeltraud Rostek, den Eheleuten Marianne und Heinrich Willeke aus Gehlenburg, Erna Szesny, geborene Trojan aus dem früheren Wilkenhof, Theo Simanski aus Freundlingen sowie Anita Knop aus Gehsen.

Dann wandte sich Sobotta zunächst an eine weitere Johannisburgerin: „Besonders herzlich möchte ich in dieser Johannisburger Runde Frau Mia Zwikla begrüßen, die mit ihrem verstorbenen Ehemann Kurt Zwikla hier in Düsseldorf diese Regionaltreffen mit viel Erfolg durchgeführt hat.“ Er fuhr fort: „Nun wieder zurück in unsere Wirklichkeit. Draußen ist das Frühlingserwachen in vollem Gange und nicht mehr aufzuhalten. Unsere Gedanken gehen natürlich zurück in unsere ostpreußische Heimat, die etwas über 1000 Kilometer entfernt nach Osten liegt. Auch dort kann man sagen, zieht zaghaft, mit einer Verzögerung von vier bis sechs Wochen, der Frühling ein.

Der markanteste Punkt, wenn der Frühling in unserer Heimat seinen Einzug hält, ist das Eintreffen der vielen Storchenpaare, wenn sie ihre vertrauten Nester wieder beziehen. Ich kann nur einiges, über den Storch in Ostpreußen sagen, hier mit einem kleinen Auszug aus einem Gedicht:

Die Störche sind geblieben, / weil sie jeden See, der Heimat lieben. / Welch ein Glück, die Störche durften bleiben, / denn kein Mensch will einen Storch vertreiben.

Aus alten Aufzeichnungen über Störche in Ostpreußen habe ich folgendes gefunden. Im Jahre 1934 zählte man in ganz Ostpreußen 18270 Storchenpaare, zum Beispiel im Kreis Tilsit–Ragnit fand man 714 Storchennester vor. In manchen Gegenden Ostpreußens waren fünf bis sechs Storchennester auf einem Bauernhof. Dachfirste mussten abgestützt werden, denn so ein Storchennest wog schon schätzungsweise vier bis sechs Zentner. Bei mehreren Storchennestern auf einem Hof, sagte man Glück- und Segen voraus, von dem Kindersegen ganz zu schweigen.

Zwei Wochen vor dem Tod von Frau Ulla Rutkowska, der zweiten Vorsitzenden vom „Verein Rosch“ in Johannisburg, habe ich noch eine Mitteilung bekommen, dass man in der heutigen Zeit rund 48000 Störche gezählt habe. Kein Jäger hätte es übers Herz gebracht einen Storch abzuschießen. Ob auch die jetzigen Bewohner Ostpreußens ein so enges Verhältnis zu Störchen haben, wie die, die über 800 Jahre mit Störchen Geschichte geschrieben haben? Haben die Störche in den 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mit den neuen Bewohnern ihre Sprache erlernt?

Ja, meine lieben Johannisburger, was bedeutet eigentlich das Wort Masuren? Ich führe nochmals an: ‚Stille, Einsamkeit, Kristallne Seen, riesige Wälder, mit Straßen gesäumten Bäumen – den schönen Alleen.‘ Mit viel Gegensätzen, voller Harmonie, in seiner Ursprünglichkeit fasst erhaltenes Gebiet, das ist unsere wunderschöne Heimat! Nicht umsonst sagt man: ‚Der Herrgott schläft in Masuren‘“

Hier beendet Landsmann Paul Sobotta seine Begrüßungsrede mit den Worten: „Wo sich aufhört die Kultur, da fängt sich an der Masur“! Ein wieder kleines gestaltendes Programm nahm seinen weiteren Verlauf. Es folgte die Totenehrung, gesprochen von Paul Sobotta, musikalisch begleitet von Erika Tünker mit der Mundharmonika. Es wurde gedacht an Herbert Knop, Ulla Rutkowska und Klaus Bednarz.

Beiträge aus dem Gedichtband von Gerhard Bosk, von den Marjellchen, Ursula Knocks mit dem „Das Dorf in Masuren“, Karin Grommeck mit „Die Masuren“ und Paul Sobotta mit „Der Morgen“ wurden verlesen. Anschließend wurde der Mai mit dem Lied: „Der Mai ist gekommen“ kräftig begrüßt.

In dem Schlusswort bedankte sich nochmals der Landsmann Paul Sobotta für die Anwesenheit der Johannisburger Großfamilie, den mitbeteiligten Akteuren Erika Tünker, Ursula Knocks und Karin Grommeck.

Landsmann Paul Sobotta verwies noch auf einige Veranstaltungen, wie das kleine Ostpreußen/Schlesier – Treffen am 5. Juli auf Schloss Burg im Bergischen Land, das 60. Hauptkreistreffen der Johannisburger am 13. September in Dortmund hin, und lud schon alle wieder ein, zum 1. Mai 2016 zum 33. Regionaltreffen der Johannisburger hier „Im goldenen Ring“ in Düsseldorf.

Zum Ausklang der Feierstunde wurde gemeinsam das Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder“, gesungen begleitet von Erika Tünker mit ihrer Mundharmonika. Anschließend wurde gemeinsam das Mittagessen eingenommen. Danach schabbern, wer Kaffee und Kuchen möchte. Im Laufe des Nachmittags ging ein jeder freudig und innerlich gestärkt nach Hause. Paul Sobotta

 

LÖTZEN

Kreisvertreter: Dieter Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg. Geschäftsstelle: Ute Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg, Telefon (040) 6083003, Fax: (040) 60890478, E-Mail: KGL.Archiv@gmx.de

Sonnabend, 18. Juli, 10 bis 16 Uhr, Lötzener Heimatmuseum, Sudetenlandstraße 18 h, 24537 Neumünster: „Bücher aus 100 Jahren“ – Ein Verkaufsangebot von Sachbüchern und Belletristik. Der Erlös kommt der Museumsarbeit zugute. Letzter Tag der Ausstellung „Die Kurische Nehrung mit Maleraugen“.

Sonnabend, 25. Juli, 15.30 Uhr, Heimatmuseum: Eröffnung der Ausstellung „Lieselotte Plangger-Popp – Aus dem graphischen Werk einer ostpreußischen Künstlerin“. Nach Begrüßung folgt eine Einführung in Leben und Werk der Künstlerin (1913–2000), die auf den Gut Karlsfelde in Treuburg geboren wurde, durch Dr. Jörn Barfod, Kustos im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg. Für die musikalische Umrahmung sorgen Peter Döring, Violine, (Berlin) und Dr. Eckhard Schlemminger, Viola, (Hamburg). Die Ausstellung ist bis zum bis 21. November zu sehen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg.

 

ORTELSBURG

Kreisvertreter: Dieter Chilla, Bussardweg 11, 48565 Steinfurt, Telefon (02552) 3895, Fax (02552) 996905, E-Mail: kontakt@kreisgemeinschaft-ortelsburg.de. Geschäftsführer: Hans Napierski, Heinrichstraße 52, 45701 Herten, Telefon (0209) 357931, Internet: www.kreis-ortelsburg.de

Voll besetzt war der Preußensaal bei dem diesjährigen Heimatseminar der Kreisgemeinschaft Ortelsburg im Ostheim in Bad Pyrmont. Von den knapp 50 Teilnehmern waren zehn Besucher aus Masuren angereist.

In seinem einleitenden Referat referierte der Kreisvorsitzende Dieter Chilla über die Schwierigkeiten der „Nachgeborenen“, sich ein Bild über Lebensweise und Lebensraum der masurischen Vorfahren zu machen: Auch wenn dieses Bild notwendig ein Konstrukt bleiben muss, so eröffnet es emotionalen und intellektuellen Zugang zu den Menschen und der Geschichte Ostpreußens. Für den Referenten „eine starke, andauernde Motivation“ für eine langes und nachhaltiges Engagement für und in der Heimat seiner Vorfahren.

Zeitsprung: Dr. Manuel Ruoff, Redakteur bei der PAZ, ging in seinen Ausführungen 100 Jahre zurück und referierte über die Schlacht bei Tannenberg im Ersten Weltkrieg. Mit Hilfe geschickt aufbereiteten Kartenmaterials gelang es ihm, das komplexe Kriegsgeschehen im südlichen Ostpreußen anschaulich und verständlich zu machen. Eine didaktische Meisterleistung! Geschichtlichen Spuren folgten auch weitere Referenten: So stellte die Historikerin Angelika Müller Zusammenhänge zwischen dem Leben der Masuren in Ostpreußen und im Ruhrgebiet dar, wobei Sie unter anderem die Befragungen von Zeitzeugen (im Rahmen systematischer „oral history“) überzeugend verarbeitete.

Irmgard Irro ist einen besonderen Weg gegangen: Um die Lebensweise ihrer Vorfahren nachempfinden zu können, hielt sie sich einige Wochen in dem Heimatort ihrer Mutter auf: Sie verband dies mit intensiver historischer Feldforschung, die sie in ihren ausgesprochen lebendigen Vortrag einfließen ließ.

Marc Plessa, ein ausgesprochen sachkundiger Genealoge in der Kreisgemeinschaft Ortelsburg, stellte neue Ergebnisse zur Familienforschung unserer Region vor, die er mit methodischen Tipps für „Neueinsteiger“ auf diesem Gebiet verband.

Völkerverbindende Akzente setzte der Ortelsburger Dialogkreis, in dem besonders engagiert unsere Freunde aus Ortelsburg aktiv wurden: Seit mehreren Jahren räumt diese Gruppe in ihrem Jahresurlaub Friedhöfe aus deutscher Zeit so auf, dass sie für Besucher wieder begehbar werden. In Pyrmont wurde die diesjährige Instandsetzung des Friedhofs in Langenwalde vorbereitet.

Ausgesprochen gegenwartsbezogen war der Vortrag von Professor Dr. Arkadiusz Letkiewicz, Dozent an der Polizeihochschule Szczytno: „Die Neuordnung der Polizei in Polen nach der Wende – eine Herausforderung.“ Anhand von Beispielen machte Professor Letkiewicz deutlich, wie die Umorganisation eines autoritären Apparates in eine demokratische Organisation gelang. Interessanter Aspekt: Führende Mitarbeiter der polnischen Polizei wurden an der Polizeihochschule im westfälischen Münster-Hiltrup fortgebildet. Zahlreiche organisatorische Strukturen der bundesdeutschen Polizei wurden auf die polnische Polizei übertragen.

Emotionale Momente: Zum Abschluss des Sonnabends wurde der polnische Film „Rosa“ vorgeführt (überwiegend im Kreis Ortelsburg mit regionalen Statisten gedreht), in dem dargestellt wird, wie ein polnischer Soldat und eine masurische Bäuerin nach Kriegsende versuchen, eine gemeinsame Existenz aufzubauen. Ein Versuch, der in den diktatorischen, chaotischen Zeitumständen scheitert: Am Ende gibt es auf deutscher und polnischer Seite nur Verlierer. Nach der Filmvorführung herrschte bei den Zuschauern Schweigen, tiefe Betroffenheit.

Sensibel und tiefgründig leitete Sabine Sinagowitz den Sonntagmorgen ein: In ihr geistliches Wort bezog sie auch das Schicksal ihrer masurischen Vorfahren ein. Ausgesprochen positiv waren die Reaktionen am Ende des Seminars. Dr. Manuel Ruoff: „Das war das berührendste Seminar, das ich in diesem Hause erlebt habe.“

Dieter Chilla

Es ist nun schon zu einer guten Tradition geworden, dass wir uns einmal im Jahr im Euro-Strand in Fintel in der Lüneburger Heide treffen. Vom 17. bis 22. Mai war es wieder so weit. Voller Vorfreude auf unser Wiedersehen traten wir die weite Reise an. 50 Personen hatten sich angemeldet. Leider sind zwei Frauen krank geworden und konnten nicht dabei sein und waren traurig.

Alle sind gut angekommen und die Wiedersehensfreude war riesengroß und wir erlebten zur Begrüßung viele warmherzige Umarmungen, worauf wir uns schon das ganze Jahr gefreut haben. In den Gesprächen stand unsere traumhaft schöne Heimat Ostpreußen im Mittelpunkt, die uns so herzlich verbindet.

Viele von uns haben dahin eine Reise gemacht und konnten darüber berichten. Am nächsten Tag waren alle zu einem ostpreußischen Heimatnachmittag eingeladen. Der reservierte Raum war sehr gut vorbereitet und unser Pillkaller stand schon bereit zur Begrüßung. Hannelore Kedzierski begrüßte alle herzlich und war sehr froh, weil alle behütet angekommen waren. Nun hatten wir schöne gemeinsame Tage vor uns und hatten viel Zeit zum Plachandern und fröhlich sein.

Nach der Begrüßung hörten wir das Lied der Glocke aus verschiedenen Vertreibungsgebieten und zur Ehre aller Ostpreußen die erhalten gebliebenen Glocken des Königsberger Doms. Danach hörten wir das Masurenlied, eine CD von unserem ostpreußischen Sänger Bernstein. Wir erhoben uns von den Plätzen und sangen gemeinsam das Ostpreußenlied. Ein Gedicht vom Pillkaller hatte Fritz Pulla vorgetragen, und wir tranken uns zu auf unser frohes, gesundes Wiedersehen.

Auf den Tischen standen für jeden Teilnehmer ein kleines Geschenk und ein Liederbüchlein, das hatte Harald Kedzierski mit viel Liebe vorbereitet. Ein kleines Tässchen mit einem Elchbild und das Wappen von Treuburg verziert, darin waren zwei Heimatgedichte und Bucheckern, gesammelt in Ostpreußen, auf einem kleinen Ständer. In den Bucheckern, die wie eine kleine Hand sind, war ein kleiner Bernstein enthalten, das sollte symbolisch an unsere Heimat erinnern. Ein buntes Programm gemeinsam gestaltet mit Gedichten, Sketchen und Liedern erfreute uns. Mit Freude beteiligten sich daran Fritz Pulla, Peter Koch, Hanni Wyberni und Hannelore Kedzierski. Mit einem ganz zu Herzen gehenden Sologesang überraschte uns Günter Penzek. Er sang das bekannte Lied „Vor meinem Vaterhaus ...“, und wir waren zu Tränen gerührt.

Unser traditionelles Abschlusslied an diesem Nachmittag ist immer: „Kein schöner Land!“ Dabei halten wir uns an den Händen und hoffen auf ein gesundes Wiedersehen im nächsten Jahr so Gott will. An diesem Nachmittag wurden wir bestens bedient von einem freundlichen jungen Mädchen und konnten uns gut unterhalten bei köstlichen Getränken.

Jeden Abend gab es ein buntes Kulturprogramm mit anschießendem Tanz. Eingeladen war jeder einmal zu einer Teestunde, das war ein extra schönes Erlebnis für uns. Es waren Fahrten für uns vorbereitet, und so gab es eine Ganztagsfahrt ins Teufelsmoor und zu den Bremer Stadtmusikanten Eine Halbtagsfahrt in das idyllische Künstlerdorf Worpswede und eine Fahrt in die Hansestadt Lüneburg. Mit der Kutsche ging es gemütlich und lustig durch die Heide. Ein Dankeschön an das freundliche Personal im Euro-strand in Fintel. Sie haben uns einen wunderbaren Urlaub bereitet.

Hannelore Kedzierski

 

TILSIT-RAGNIT

Kreisvertreter: Dieter Neukamm, Am Rosenbaum 48, 51570 Windeck, Telefon (02243) 2999, Fax (02243) 844199. Geschäftsstelle: Eva Lüders, Telefon/Fax (04342) 5335, Kührenerstraße 1 b, 24211 Preetz, E-Mail: Eva.lueders@arcor.de.

Im Pfingstheft 2015 des Heimat-briefes „Land an der Memel“ ist die Einladung der Patenstadt Plön und die Anmeldung zum diesjäh-rigen Schillener Patenschaftstreffen vom 12. bis 13. September veröffentlicht. Letzter Anmeldetermin ist der 31. Juli.

Inzwischen haben mehrfach Landsleute mitgeteilt, dass sie bei der Nutzung des Anmeldeformu-lars Probleme haben. Deshalb hat der Kirchspielvertreter von Schillen das Anmeldeformular aus dem Heft abgescannt und ausgedruckt. Es wurde bereits an alle Teilnehmer versandt, die sich beim letzten Patenschaftstreffen am 2. Juni 2013 in die Anwesenheitsliste eingetragen haben. Bei Bedarf kann das Anmeldeformular bei Walter Klink angefordert werden.

 

TILSIT–STADT

Stadtvertreter: Hans Dzieran, Stadtgemeinschaft Tilsit, Postfach 241, 09002 Chemnitz. Geschäftsführer: Manfred Urbschat, E-Mail: info@tilsit-stadt.de.

Austragungsort des diesjährigen Heimattreffens ist das Hotel „Esplanade“ in 31542 Bad Nenndorf, Bahnhofstraße 8. Es findet am Sonnabend, 12. September, statt. Alle Tilsiter, die schon am Vorabend des Treffens angereist sind, treffen sich am Freitag, dem 11. September, ab 19 Uhr im Park-Hotel Deutsches Haus, 031542 Bad Nenndorf, Bahnhofstrasse 22 zur gemütlichen „Tilsiter Runde“. Im Deutschen Haus können auch Übernachtungen gebucht werden. Das Park-Hotel Deutsches Haus verfügt über 40 Doppelzimmer und fünf Einzelzimmer und ist unter Telefon (05723) 94370 zu erreichen. Es gibt weitere zehn Hotels in Bad Nenndorf zur Auswahl.

Am Sonnabend findet dann das Heimattreffen im Grand-Hotel Esplanade, Bahnhofstraße 8 gemeinsam mit unseren Nachbarn aus der Elchniederung und Tilsit-Ragnit statt. Es ist vom Deutschen Haus bequem in etwa 200 Metern Fußweg zu erreichen. Ab 9 Uhr ist im Hotel Esplanade Einlass. Ab 10 Uhr erwartet uns ein reichhaltiges Programm. Nach der Eröffnung, dem Geistlichen Wort, der Totenehrung und der Begrüßung durch die Kreisvertreter gibt es einen interessanten Vortrag „Naturschutzgebiet Elchwald - gestern und heute“ von Jürgen Leiste.

Von 11.30 bis 13 Uhr kann ein Mittagessen eingenommen werden. Danach hält der frühere Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm von Gottberg, die Festrede. Um 14 Uhr veranstaltet der „Schaumburger Shanty-Chor“ ein heiteres Konzert, welches anschließend in ein geselliges Beisammensein mit viel Zeit zum Plachandern übergeht. Gegen 17 Uhr wird die Veranstaltung zu Ende sein.

Bei einer Anreise per Bahn kann man ab Hannover Hauptbahnhof halbstündlich mit der S-Bahn nach Bad Nenndorf fahren. Vom Bahnhof bis zum Tagungshotel beträgt der Fußweg etwa 800 Meter. Taxen sind am Ort verfügbar. Es gibt auch eine Buslinie zum Hotel. Per Auto benutzt man von der A 2 kommend die Ausfahrt Bad Nenndorf oder fährt über die Bundestraßen 65 oder 442 nach Bad Nenndorf. Parkplätze stehen am Tagungshotel oder Am Thermalbad (von dort kurzer Fußweg durch den Kurpark) zur Verfügung.

Liebe Tilsiterinnen und Tilsiter! Kommt nach Bad Nenndorf, solange Ihr noch gesundheitlich dazu in der Lage seid. Wir wissen, dass es mit jedem Jahr schwerer wird, lange Reisen zu machen, doch umso mehr gilt es, sich aufzuraffen, ehe es zu spät ist. Lasst uns zusammenkommen, um in geselliger Runde, bei Gesprächen und Begegnungen die Erinnerung an die Heimat wachzuhalten. In einer Zeit, wo man die Erinnerung an Ostpreußen zu tilgen versucht, dürfen wir das Land der dunklen Wälder nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Hans Dzieran


Mit Einsatz und Herz
In Sensburg erhielt Herta Andrulonis das Goldene Ehrenzeichen

Zu den Höhepunkten des Sommerfestes der Deutschen Minderheit in Sensburg (siehe Seite 13) gehörte auch ein ganz besonderes Ereignis. Herta Andrulonis, die langjährige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Mauersee in Angerburg, erhielt das Goldene Ehrenzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen. Hier die Laudatio von Stephan Grigat, dem Sprecher der Landsmannschaft: Herta Andrulonis, geborene Freytag, erblickte am 6. Juli 1935 in der ostpreußischen Kreisstadt Angerburg das Licht der Welt.

In der Gründungsversammlung der Deutschen Gesellschaft Mauersee wurde sie am 10. Juni 1995 zur Vorsitzenden gewählt und seitdem von den Mitgliedern mehrfach im Amt bestätigt. Der Deutsche Verein hat gegenwärtig etwa 140 Mitglieder und wird von seiner Vorsitzenden mit großem Einsatz geleitet. Dank der guten Verbindungen von Herta Andrulonis konnte im Herbst des Jahres 1995 die Sozialstation der Johanniter-Unfall-Hilfe für häusliche und ambulante Krankenpflege in Angerburg eröffnet werden. Über viele Jahre arbeitete die Angerburger Vorsitzende zum Wohle aller bedürftigen Bürger vertrauensvoll mit dem Rat der Stadt und der Gemeinde Angerburg sowie der Stadtverwaltung zusammen. Seit August 2008 wird die Sozialstation der Kreisstadt gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft Mauersee, der Preußischen Genossenschaft des Johanniterordens in Dortmund und dem Förderverein für Johanniter Sozialstationen in Burgwedel betrieben. Die Geschäftsführung liegt in den bewährten Händen von Herta Andrulonis. Sie nimmt zudem mit beratender Stimme an den Sitzungen des Rates der Stadt und der Gemeinde teil. Für das gute Miteinander mit den heutigen Bewohnern wurde Herta Andrulonis mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Angerburg [Wegorzewo] ausgezeichnet. Von der hervorragenden Zusammenarbeit mit den örtlichen Verwaltungsstellen, den Kirchen und Schulen profitieren vor allem Heimattouristen aus der Bundesrepublik Deutschland.

Herta Andrulonis gibt mit der Verwaltungsleitung der Sozialstation und der Vereinsführung ein gutes Beispiel für vorbildliches gesellschaftliches Engagement. Mit Frau Magister Barbara Chludzinska Graziewicz, Direktorin des Volks-Kulturmuseums in Angerburg, hat Herta Andrulonis darüberhinaus in vielfältiger Art und Weise zusammengearbeitet.

Seit 1998 engagiert sich Herta Andrulonis auch in der Kreisvertretung der Kreisgemeinschaft Angerburg und ist in diesem Gremium das Sprachrohr der Deutschen im Heimatkreis. Nicht nur die soziale Lage der Deutschen in Angerburg und Umgebung, sondern auch die Geschichte und die Kultur der ostpreußischen Heimat liegt Herta Andrulonis sehr am Herzen. In Würdigung ihrer außergewöhnlichen Leistungen und ihres vielfältigen Einsatzes für Ostpreußen verleiht die Landsmannschaft Ostpreußen Frau Herta Andrulonis das Goldene Ehrenzeichen.


S. 20 Heimatarbeit

Schlossherr mit Motorsäge
Jan Niezwisty ist ein Weltbürger und er hat einen Traum. Er bewahrt Schloss Juditten vor dem Verfall

Ein Auto mit schwedischem Kennzeichen steht auf dem Hof neben dem Schloss. Im Park ist ein älterer Herr im Polo-Hemd mit einer Motorsäge am Werk. Zuerst schaut er ein wenig argwöhnisch auf die Besucher. Die Gegend ist einsam und sie nur liegt acht Kilometer vor der Grenze zum russischen Teil Ostpreußens entfernt.

Der Besuch aus Deutschland aber ist willkommen. Der Schlossbesitzer Jan Niezwiestny beginnt aus seinem Leben zu erzählen. Der Sohn eines Georgiers und einer Russin war als „Dentist“ ausgebildet und während der Regierungszeit von Boris Jelzin zunächst in der „russischen Wirtschaft“ tätig. Danach ging er mit seiner Frau, die deutsche Vorfahren hat und aus dem Raum Gleiwitz stammt, nach Schweden, wo seine Tochter heute lebt. Einige Worte verliert der Eigentümer des Schlosses Juditten über seine Aktivitäten bei der Fährlinie zwischen dem schwedischen Nynäshamn und Gdingen. „Ich habe sie gegründet.“ ist seine knappe Aussage.

Seit 1991 habe er den Verfall des im Stil der Neugotik und des Klassizismus errichteten ostpreußischen Gutes beobachtet. Er berichtet, dass es 1928 immerhin die Geburtsstätte von Eberhard von Kuenheim war, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der BMW AG in München. 1998 gelang es Niezwiestny, das Schloss, die Parkanlage und einige Nebengebäude drumherum zu erwerben. Seither arbeitet er – ohne jeglichen persönlichen Hintergrund zu Ostpreußen zu haben – einfach aus Freude am schönen historischen Gebäude an der Restaurierung des Schlosses.

Der Ort Juditten gehörte ursprünglich der aus Prußen stammenden Adelsfamilie von Lesgewang. 1711 ging er in den Besitz der Familie von Kuenheim über. Ein erstes Gebäude, das Maria Elisabeth von Kuenheim 1733 errichten ließ, wurde in der napoleonischen Zeit zerstört und durch ein klassizistisches Gebäude ersetzt. Dieses, an einem kleinen See gelegen, wurde 1862/63 unter Wilhelm von Kuenheim zu seiner jetzigen Gestalt umgebaut. An das alte Haus erinnert noch ein Relief an der Südwand der Wagenremise mit den Initialen M. E. für Maria Elisabeth und der Jahreszahl 1733. Das Schlossgut diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Familiensitz.

Juditten war eines der ältesten Gestüte in Ostpreußen. Es war berühmt für seine Zucht reinrassiger Trakehner. Das Schlossgebäude überstand den Krieg und wurde danach von staatlichen Stellen und dem Trakehner-Gestüt in

Liesken genutzt. Die Schlossanlage bestand aus einem Palast und einer großen Anzahl von Gebäuden für die landwirtschaftliche Nutzung, von denen viele schon wegen Baufälligkeit beseitigt wurden. Das Schloss steht an einem See in einem Park. Einst war dort ein großer Garten angelegt. Das alte System aus Wegen mit verschiedenen Sorten von Bäumen und Pflanzen und die alte Eichenallee ist heute sehr verwachsen.

Der Palast selbst, im gotischen und klassizistischen Stil erbaut, wurde auf einem rechteckigen Grundriss errichtet: ein zweistöckiges Gebäude über einem hohen Gewölbekeller mit zwei Terrassen. Links und rechts neben den Treppenaufgängen zum Haupteingang stehen zwei Löwen-Skulpturen, die 1889 bei der Weltausstellung in Paris erworben wurden. Diese Bronzelöwen, einer ist schlafend, ein anderer wachend dargestellt, wurden nach einem in Berlin von Christian Daniel Rauch gefertigten Entwurf 1822 in Gleiwitz gegossen.

Seit dem Kauf des Gutes ist Jan Niezwiestny mit dessen Erhalt und Renovierung beschäftigt. Vier Räume bewohnt er selbst, und aus einer ehemaligen Dienstbotenunterkunft möchte er ein Gästehaus machen. Dabei steht er, der als Einzelkämpfer sehr viel selbst machen möchte, vor enormen Problemen. Nässeschäden durch die jahrelang undichten Dächer sind zu beseitigen, mit Dacheindeckung und neuen Dachrinnen wurde der Anfang gemacht. Im Eingangsraum, der durch ein nach oben offenes Treppenhaus mit Lichtkuppel erhellt wird, ist noch der originale Fliesenboden verlegt, während das Parkett aus mehreren Räumen nach dem Kriege als Heizmaterial Verwendung fand.

Teilweise ist in diesen Zimmern noch der Originalstuck vorhan- den. Einige der früheren Kachel-öfen wurden ebenso wie das gesamte Mobiliar in der Nachkriegszeit entfernt. So hat Niezwiestny die heute in den Räumen stehenden antiken Möbel allesamt aus anderen Quellen erworben. Auch im großen Gewölbekeller zeigt der Besitzer die gewaltsamen Aktionen der Vorbesitzer, die zur Metallgewinnung einfach die Türschlösser mit der Motorsäge aus den hölzernen Türblättern ausgesägt haben. Die dort befindliche ehemalige Hauskapelle hat er ebenfalls leer vorgefunden.

Nachdem uns Niezwiestny am Ende des Besuches bis zur Ausfahrt begleitet hat, versperrt er das Tor zum Park. Eine Vorsichtsmaßnahme: „Selbst Metallschrott darf man nicht liegen lassen, weil in dieser Gegend viele Dinge anderweitig gebraucht werden“, so der Schlossbesitzer. Manfred E. Fritsche


S. 21 Lebensstil

Luftschlösser über den Wolken
Kaum Fortschritte beim Flugzeugbau − Ingenieure tüfteln am Superjet von Morgen, scheitern aber an ganz alltäglichen Problemen

Immer leichter, sparsamer und ständig mehr Passagiere: Mit solchen Anforderungen stießen Boeing beim Bau des „Dreamliner“ und Airbus bei dem des A350 an ihre Grenzen. Soll die Sicherheit nicht gefährdet sein, müssen bald andere Konstruktions-Lösungen her.

Man könnte meinen, die Flugzeughersteller von heute bauen alle immer dasselbe Flugzeug – nur in unterschiedlichen Größen und Farben. Nur der größte Airbus, der A380 und der Boeing-Klassiker, die 747 oder Jumbo Jet, stechen durch markantes Aussehen hervor.

Ansonsten dominiert eine schon klassische Form das Bild auf unseren Flughäfen – die meisten Jets sind Tiefdecker mit zwei oder vier, in Flügelgondeln aufgehängten Triebwerken, Pfeilflügeln und einfachen Heckflossen als Höhen- und Seitenleitwerk. Auch die neuesten Modelle der großen Flugzeughersteller Boeing und Airbus, der Boeing 787 „Dream­liner“ und der Airbus A350 folgen diesem Modell.

Der Grund ist einfach. Dieses Design, der sogenannte „Drachen“, ist die optimale Lösung für den Bau von Verkehrsflugzeugen. Der Drachen ist in sich stabil, er fliegt also bei optimaler Steuereinstellung von selber, ähnlich wie ein Fahrrad, das man freihändig fahren kann. Die Gondel-Triebwerke liegen frei im Luftstrom. Und sie sind bei Wartungsarbeiten oder Triebwerkstausch gut zugänglich. Außerdem schirmen die Tragflächen die Passagierkabine gegen den Lärm ab.

Trotzdem kitzeln Flugzeugentwickler weitere Leistungssteigerungen aus dem Drachen heraus. Hier treiben neben den kontinuierlich steigenden Kerosinpreisen die immer strikteren Auflagen beim Lärm- und Umweltschutz den Wandel an. Also stecken in Boeings „Dreamliner“ oder der A350 zahlreiche kleine und große Innovationen.

So ist der „Dreamliner“ das erste Großraum-Verkehrsflugzeug mit einem Rumpf, der überwiegend aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (KFK) besteht. Im „Dreamliner“ finden je nach Version 200 bis 300 Passagiere Platz. Obwohl das Flugzeug deutlich teurer ist als sein Vorgänger, sollen Wartungs- und Be­triebskosten wesentlich niedriger ausfallen.

Zudem soll durch neuentwickelte Triebwerke, Leichtbau und besserer Aerodynamik der Spritverbrauch um 20 Prozent geringer sein als bei vergleichbaren Jets der Konkurrenz. Das erreicht Boeing, indem die Triebwerke keine Zapfluft mehr für die Druck­kabine liefern. Die Stromversorgung übernimmt das Hilfstriebwerk, mit dem die Besatzung am Boden die Jettriebwerke anlässt. So können Triebwerksöle die Kabinenluft nicht mehr verunreinigen, und ihre Leistung kommt vollständig dem Antrieb zugute.

Der Leichtbau spart rund 20 Prozent Gewicht ein – und senkt den Spritverbrauch. Die Hinterkanten der Triebwerksgondeln sind in einem Sägezahnmuster gefertigt, eine Innovation, die auch an anderen Fliegern eingebaut wird. Der Sägezahn sorgt für eine bessere Mischung zwischen heißer Triebwerksluft und kalter Umströmungsluft aus den Turbinenschaufeln. So sind die großen Flugzeuge bei Start und Landung leiser, und vor allem können sich die Passagiere hinter den Tragflächen über einen geringeren Lärmpegel freuen.

Boeing-Konkurrent Airbus wollte zunächst kein neues Flugzeug entwickeln, sondern begann 2004 mit den Planungen einer modernisierten Version des A330. Anfang Oktober 2005 gaben dann die damaligen Anteilseigner EADS und British Aerospace Systems den Startschuss für den A350. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass ein überarbeiteter A330 den Marktanforderungen nicht genügen würde.

Wichtige Airbus-Kunden hatten gefordert, dass der A350 nicht auf den A330 aufbauen, sondern eine komplett neue Flugzeugfamilie begründen sollte. Deshalb begann eine Serie von Überarbeitungen. Also folgten die Entwickler dann doch ihren Konkurrenten bei Boeing und nutzten in steigendem Maße Verbundwerkstoffe.

Der Rumpfquerschnitt wurde vergrößert, die Flügel bestanden nun vollständig aus Verbundwerkstoffen und wogen bis zu fünf Tonnen weniger als eine herkömmliche Konstruktion. Die neue Flugzeugfamilie bestand nun aus drei statt aus zwei Versionen, mit Platz für 250 bis 350 Fluggäste. Die größte Version konnte so mit der Boeing 777-300ER (ER steht für ‚Extended Range’ oder Langstrecke) konkurrieren, aber 20 Prozent weniger Kerosin verbrauchen.

Allerdings zahlten Airbus und Boeing für ihre Innovationen einen hohen Preis. Boeing hatte die Schwierigkeiten bei der Endmontage der Rumpfsegmente unterschätzt und zudem Probleme, die in der ganzen Welt verteilten Zulieferer zu koordinieren. Die zunächst verwendeten Batterien erwiesen sich als Brandrisiko; zudem kam es bei bereits abgelieferten Serienflugzeugen zu Rissen in den Cockpitscheiben.

Airbus erlebte, wie die Probleme bei dem A380 und beim Militärtransporter A400 auch das A350-Programm verzögerten. Also starteten die Prototypen mit großer Verspätung, und auch die ersten Serienmaschinen wurden verspätet ausgeliefert. Boeing konnte daher seinen Vorsprung beim „Dreamliner“ halten. Dieser flog am 15. Dezember 2009 erstmals, Ende September 2011 lieferte Boeing die erste Serienmaschine an Air Nippon ab. Der A350-Prototyp stieg erstmals am 14. Juni 2013 auf. Kurz vor Weih­nachten 2014 ging die erste Se­rienmaschine an Qatar Airways.

Beide Flugzeuge zeigen, wie viel Potenzial im guten alten Drachen steckt. Ihre Konstrukteure haben ein bewährtes Konzept durch innovative Materialien, aerodynamische Verfeinerungen und modernere Triebwerke konsequent weiterentwickelt. Im Grunde ist das ein konservativer Ansatz. Und die Probleme, die die beiden größten Hersteller von Ziviljets dabei hatten, zeigen, welche Risiken selbst dieser Entwick­lungspfad bereithält.

Daher wird es bis auf Weiteres bei herkömmlichen Designs bleiben. Experten tüfteln bereits daran, sie weiter zu optimieren – mit noch leichteren und festeren Materialien, noch geschmeidigeren Oberflächen und noch sparsameren Triebwerken. Friedrich List


Schneller als der Wind
Segeln mit über 68 Sachen − Tragflügelboote machen es möglich

Roland Gäbler ist begeistert vom ersten deutschen Foil-Katamaran. Bei hoher Ge­schwindigkeit hebt er auf Tragflügeln (Hydrofoils) aus dem Wasser ab, bietet weniger Widerstand und zündet so quasi den Turbo.

„Wir sind begeistert! Es macht sehr viel Spaß und ist ein sensationelles Segelgefühl. Er fliegt schneller als gedacht!“ So äußerte sich der mehrfache Tornado-Weltmeister und Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney in der Tornado-Klasse, nachdem er an einem Wochen­ende mit seiner Frau Nahid als Vorschoterin mit dem ersten deutschen Foil-Katamaran, dem Eagle (Adler) HF 20, über den Altmühlsee re­gelrecht „flog“.

Der ehemalige Bundestrainer für die Katamaranklasse lobte dazu den „Cat-Stadl“ in Muhr am See, denn mit dem Eagle HF 20 gibt es nun ein Boot, das ab sieben Knoten Wind auf Tragflügeln sehr gut „foilen“ kann, aber eben auch bei sehr leichten Winden ein neues Geschwindigkeits-Niveau setzt.

Durch sein neuartiges Konzept, die sorgfältige Verarbeitung, beste Materialien, durchdacht angeordnete Beschläge und perfekte Trimmmöglichkeiten sei der Eagle 20 HF einer der aufregendsten Katamarane seiner Klasse, führte der Inhaber von „SailGermany“ in Bremen aus. Gäbler sieht mit den „Foiling Multihulls“ eine neue Ära des Segelsports. Damit könne man Windkraft mit modernster Technik und leidenschaftlicher Teamleistung in maximale Ge­schwindigkeit umsetzen. Das neue Boot bietet mehrere Optionen. Zum einen kann man mit den neuen Foils über das Wasser fliegen. Zum anderen kann man diese abschrauben und ganz normal mit dem geraden Schwertern und Ruderprofilen segeln.

Dies hat den Vorteil, dass bei ganz leichten Winden der Zweirümpfer auch ohne großen Wasserwiderstand im „non foiling modus“ sehr schnell segeln kann. Das große Code-Zero-Vorsegel bringt bei geringen Windgeschwindigkeiten zwischen einem und sechs Knoten noch zusätzliche Geschwindigkeit, somit genau in dem Zustand, wo Foils Nachteile bringen.

Gäbler, der vom Tornado höchste Qualität im Bootsbau gewohnt ist, war erfreut über die Bauweise der Eagle-Katamarane aus Muhr am See: „Alles aus bestem Carbon. Sehr stabile Plattform und ein modernes Rigg sowie mit 155 Kilogramm ultraleicht.“

Ein Sommertag am Altmühlsee: Windgeschwindigkeit 25 Knoten, der Eagle 20HF fährt halbwind ohne Spinnaker, nur mit der regulären Fock mit fünf Quadratmetern. Steuermann Timo Späth und der Eagle-Baumeister Heiner Wolfshöfer erreichen 36,8 Knoten.

Diese Bestleistung für den neuen Foil-Katamaran Eagle HF20 aus Muhr am See mit 36,8 Knoten oder 68,15 Kilometer pro Stunde be­deutet einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Mehrrumpfboote mit Doppeltrapez in dieser Klasse mit einer Länge zwischen 18 und 20 Fuß.

Nach dem „Flying Phantom“, dem ersten „Foil“-Renn-Strandkatamaran, dem der Nacra F20 folgte, ist nun der Eagle 20HF serienreif und revolutioniert das Segeln mit Sechs-Meter-Katamaranen.

Damit liegt der Eagle 20HF im Bereich der „Foil“-Jolle „International Moth“ mit 30,7 Knoten (56,9 Stundenkilometer), den diese offiziell bereits am 2. Mai 2010 erreichte. 2014 soll dieses Schiff inoffiziell sogar die Marke von 35 Knoten überschritten ha­ben. Der Weltrekord der großen 32-Fuß-Katamarane vom Typ GC32 liegt derzeit bei 37,9 Knoten, er wurde 2012 vor Dubai gefahren. Manfred E. Fritsche


So wird der Sommer nicht
Die Wettervorhersage mit dem Meteorologen Jörg Kachelmann

Seit seinem erfolgreich überstandenen Gerichtsprozess moderiert Wettermoderator Jörg Kachelmann in den ARD-„Tagesthemen“ keine Wettervorhersagen mehr. Seine Prognosen tut er jetzt auf YouTube in seinem eigenen Wetterkanal kund. Und regelmäßig überzieht er im Internet seine Wetter-Kollegen mit Hohn, wenn sie weit vorausblickende Vorhersagen machen. Als einer im verregneten Mai für manche Regionen in Bayern bis zu 33 Grad und „Sahara-Wetter“ vorhergesagt hatte, twitterte Ka­chelmann spöttisch: „Heute jung fragen, morgen alt aussehen“ oder „25 Grad ist natürlich auch ein schöner Wert für einen Tag mit Saharahitze.“ Meike Stephan hat mit dem Diplom-Meteorologen über die Qualität der deutschen Wettervorhersage, über „Vollpfostenjournalismus“ und den kommenden Sommer gesprochen.

PAZ: Herr Kachelmann, wie ist es um die Qualität der Wettervorhersagen in Deutschland bestellt?

Jörg Kachelmann: Sie war schon mal besser, zumindest was das betrifft, was die meisten Leute sehen. Die Qualität, vor allem der voreingestellten Apps in den Smartphones, ist oft furchtbar und für viele Menschen ist das eben „die Wettervorhersage“. Dazu kommt, dass in den Online-Medien die unseriösen Scharlatane der Branche das Feld dominieren, weil eben unseriöser Stuss wie „Das wird ein Grusel-Sommer“ mehr Klicks generiert als „Niemand weiß, wie der Sommer wird“.

PAZ: Finden Sie, Medien nutzen Wettervorhersagen, um zu dramatisieren?

Kachelmann: 80 Prozent aller Wettergeschichten in den Online-Medien sind fehlerhaft bis falsch, oft bewusst und gezielt irreführend. Aber es bringt eben Klicks, die Währung des Online-Journalismus.

PAZ: Auf Ihrer Facebook-Seite ist die Diskussion ausgebrochen, wie viel Abweichung bei der Temperatur für einen Meteorologen im Normbereich ist. Welche Erfahrungswerte haben Sie?

Kachelmann: Ja, ich habe mit Amüsement in der „Mittelbayerischen“ nach deren Sahara-Vorhersage-Flop gelesen, dass es auf die paar Grad nicht ankäme. Auch das ist natürlich völliger Blödsinn, gerade Energiekunden erwarten heute Vorhersagen mit einer Abweichung von weniger als einem Grad, das ist wichtig für die Planung und für Senkung der Kosten.

PAZ: Bei Ihren Twitter-Einträgen benutzen Sie häufig die Ausdrücke „Vollpfostenjournalis­mus“ „Vollpfostenmeteorologie“. Wie sieht Ihrer Meinung nach eine vernünftige Wettervorhersage aus?

Kachelmann: Eine, die die Grenzen der modernen Meteorologie anerkennt: Manchmal wissen wir schon nach zwei Tagen nicht mehr, was passiert, manchmal wissen wir, dass es in zwei Wochen wahrscheinlich sehr heiß wird. Es ist jeden Tag anders, und eine festgetackerte Welt, in der es immer Symbole und Temperaturen für zehn Tage im Voraus gibt, hat nichts mit der Realität zu tun.

PAZ: Zum Thema Langzeitprognosen: Ab wann kann man eine valide Aussage über den kommenden Sommer treffen?

Kachelmann: Man muss es irgendwann mal auch in Deutschland einsehen: Niemand weiß im Frühling, wie der Sommer wird. Auch der Hundertjährige Kalender ist völliger Blödsinn, er behauptet, dass sich das Wetter aus einem fränkischen Kloster alle sieben Jahre wiederholen würde. Es frustriert mich immer wieder, wie Leute so etwas auch nur in Betracht ziehen können.


S. 22 Neue Bücher

Das Vakuum im Zentrum
Deutschland und Europa

Europäische Geschichte war immer parallel auch deutsche Geschichte. Aufgrund seiner ebenso ungünstigen wie ungeschützten Lage in der geografischen Mitte des Kontinents wurde das von Deutschen bewohnte Territorium unablässig in die Kämpfe um die Vorherrschaft zwischen Atlantik und russischer Steppe einbezogen. Dabei blieben die wesentlichen Probleme, mit denen sich die Europäer in den letzten 550 Jahren konfrontiert sahen, im Grunde stets die gleichen. Das ist die Quint-essenz des Buches von Brendan Simms mit dem Titel „Kampf um die Vorherrschaft. Eine deutsche Geschichte Europas – 1453 bis heute“.

Wie der Historiker aus Cambridge zeigt, ging es seit dem Niedergang der britischen Herrschaft in Frankreich sowie dem Zusammenbruch des byzantinischen Reiches unter den Vorstößen der Osmanen permanent darum, ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen europäischen Mächten zu erzielen, wobei Deutschland zugleich als Puffer und als Bindeglied zwischen den Streithähnen fungieren sollte. Diese Erwartung war freilich genauso widersprüchlich wie das permanente Klagen über die Schwäche beziehungsweise Stärke oder die Einheit beziehungsweise Zersplitterung Deutschlands.

Während er das alles diskutiert, blickt Simms zugleich auch „mit gebührendem Respekt“ auf die Verlierer der europäischen Geschichte: Für ihn „waren die Niederlagen von Karl V., Ludwig XIV., Napoleon und sogar Hitler alles andere als unvermeidlich“ oder historisch vorherbestimmt. Allerdings bleibt er dem Leser schuldig zu sagen, welche konkreten Schlussfolgerungen sich aus dieser Erkenntnis ergeben.

Auch sonst wirkt das Werk reichlich uninspiriert und kommt eher als Fleißarbeit denn als Quelle wissenschaftlicher Überraschungen daher – ganz zu schweigen von der allgemeinen Verdaulichkeit des umfangreichen Textes. Hier unterscheidet sich Simms doch sehr von anderen jüngeren britischen Historikern vom Schlage eines Tom Holland oder Peter Heather, deren brillante Erzählkünste auch und gerade in Deutschland auf Begeisterung stoßen. Daher handelt es sich bei dem Buch keinesfalls um einen „außerordentlichen Wurf“, wie die Kritiker auf der Insel nach dem Erscheinen der englischen Erstausgabe vermeldeten.

Trotzdem freilich sollte man zumindest den abschließenden Ausführungen über den heutigen Zustand der Europäischen Union Beachtung schenken. Laut Simms kranke die EU derzeit maßgeblich daran, dass Deutschland „ein lähmendes politisches Vakuum“ mitten im Zentrum von Europa bilde. Das liege nicht zuletzt am föderalen System der Bundesrepublik, das im Prinzip noch aus der Zeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation stamme und nun auch die EU präge.

Deshalb fordert er eine gewaltige Mobilisierung der Kräfte, „ein kurzes kollektives Feuer“, in dem eine neue, wirklich vereinte Union nach dem Muster der Vereinigten Staaten „gebrannt“ werde. Dabei geht er wie selbstverständlich davon aus, dass die Bundesrepublik in diesem Prozess weitere finanzielle und politische Opfer zu bringen habe. An dieser Stelle agiert Autor Simms ganz offenkundig als Sprachrohr derer, für welche die Fortentwicklung der EU vor allem eines bedeutet: Deutschland noch mehr ausbluten zu lassen und zugleich bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Wolfgang Kaufmann

Brendan Simms: Kampf um die Vorherrschaft. Eine deutsche Geschichte Europas – 1453 bis heute, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014. gebunden, 896 Seiten, 34,99 Euro.


Handbuch des Teufels
Folterstaat USA: Kaum erträglich ist die Lektüre dieser 636 Seiten

Der offizielle Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA“ wurde am 9. Dezember 2014 veröffentlicht. Er basiert auf über sechs Millionen CIA-Dokumenten, die unter anderem Informationen zu geheimen Gefängnissen, misshandelten Insassen sowie Verhör- und Foltermethoden enthalten.

13 Übersetzer machten sich sogleich ans Werk. So konnte bald eine deutsche Fassung im Frankfurter Westend Verlag erscheinen. Der Herausgeber dieses Bandes ist der frühere Richter am Bundesgerichtshof Wolfgang Neškovi. Als Mitglied im Untersuchungsausschuss war er mit dem Fall Kurnaz befasst. Bereits in der Einleitung wählt er deutliche Worte, wenn er beispielsweise ganz unverhohlen von Drohnenmorden redet. Für aufklärerischen Optimismus sieht er allerdings wenige Anhaltspunkte, da die Publikation in den USA keine Zweifel an der Zulässigkeit der Methoden weckte, sondern lediglich die Nützlichkeit erörterte. In Deutschland ist die Wirkung des Buches so verschieden wie unser Rechtsverständnis vom amerikanischen. Was hier wie dort die Verantwortlichen wenig zu stören scheint: In seinem Vorwort erwähnt Nešković jene Haftbefehle, die 2007 vom Amtsgericht München gegen 13 Agenten der CIA erlassen wurden, die einen Deutsch-Libanesen nach Afghanistan verschleppten. Bis heute wurden diese nicht in die USA überstellt. Dabei verweisen die Politiker stets auf das juristische Verfahren, um es dann ihrerseits zu blockieren.

Dieser Report ist ein Apothe-kerhandbuch des Teufels. Darin ist nichts verzeichnet, was Linderung und Heilung verschafft, sondern alles zielt auf Qual und Pein ab. Die Grundlage bildet das Konzept sogenannter „erlernter Hilflosigkeit“. Der Begriff stammt von dem Psychologen Martin Seligman, der bei der Forschung zu den Ursachen von Depression in den 60-ern ein Experiment an Hunden durchführte. Sobald diese lernten, dass Springen ihnen nicht half, Elektroschocks zu entkommen, erduldeten sie bewegungslos die Schmerzen.

Auf den Menschen übertragen, soll dies ein Zustand sein, in dem Gefangene jeden Widerstand aufgeben und ihre Geheimnisse preisgeben. Auch das berüchtigte Waterbording, jenes Verfahren des Beinahe-Ertränkens, soll dazu beitragen.

„Der CIA-Folterreport“ unterrichtet uns detailliert über diese modernen Methoden der Willensbeugung. Stellenweise liest sich das dunkle Buch wie ein Forschungsbericht. Das Gefühl des Ausgeliefertseins und der völligen Hilflosigkeit wird hervorgerufen mittels grellen Lichts oder völliger Dunkelheit, durch Schlafentzug, Nacktheit, mit lärmender Beschallung und zwangsweiser Nahrungszuführung. Das ganze Arsenal der westlichen Komfortgesellschaft von der klinischen Behandlung bis zur populären Musikunterhaltung wird zur Waffe verkehrt, mit der Nichtkämpfende gemartert werden.

Wie Ärzte gehen die Folterer minimalinvasiv vor. Sie gehen unter die Haut, ohne diese dabei auch nur zu ritzen. Während der peinlichen Befragung wird vor allem peinlich genau darauf geachtet, dass keine äußere Spur davon zurückbleibt. Unsere Vorstellung von Gewalt muss revidiert und den Tatsachen angepasst werden, um dem Treiben beizukommen. In früheren Zeiten wurde der Delinquent mit heißen Eisen für das Leben gezeichnet. Heute wird mit einem millimetertiefen Film von Wasser der Atem genommen. Er wird damit raffiniert über beliebige Zeiträume auf dem Grat zwischen Leben und Tod balanciert.

Der ganze Text ist mit Schwärzungen durchzogen, die Abkürzungen, Signaturen und Namen unkenntlich machen. Dies war eine der Bedingungen der CIA, die den Text nach langem Streit mit den Senatsausschuss schließlich freigab. Die Fußnoten nehmen teilweise eine halbe Seite ein. Ein Vortrag den der deutsche Her-ausgeberćbereits 2013 in Bremen gehalten hat, fasst die selbstverständlichen Grundlagen zusammen, gegen die verstoßen wurde. Mit dem nachfolgenden Gesetzentwurf zur parlamentarischen Kontrolle nachrichtendienstlicher Tätigkeit ist die Diskussion über den Umgang mit den Erkenntnissen aus dem Report eröffnet. Dadurch erweitert sich das Buch von einer bloßen Informationsquelle hin zu einer Handlungsaufforderung. Ohne diese Erweiterung wäre die Publikation wohl für den hiesigen Leser unerträglich.

Sebastian Hennig

Wolfgang Nešković (Hg.): „Der CIA-Folterreport. Der offizielle Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA“, Westend Verlag, Frankfurt 2015, gebunden, 636 Seiten, 18 Euro


»A« wie Apfeltörtchen
25 Essays zu Schlagwörtern aus dem Heinrich-Heine-Kosmos

Heinrich Heine (1797– 1856) ist bekannt für seinen hintersinnigen Wortwitz. „Hamborger“, „Nationalzuchthaus“ und „Goethentum“ sind begriffliche Neuschöpfungen Heines, die sarkastisch, ironisch oder einfach nur komisch auf bestimmte gesellschaftliche oder politische Zustände anspielen.

Der Düsseldorfer Germanist und Heine-Spezialist Christian Liedtke (51) hatte die Idee, anhand solcher origineller Wortschöpfungen Heines sowie anderer bedeutsamer Stichworte eine Art von Miniatur-Enzyklopädie mit Wissenswertem und Kuriosem über den Dichter zu schreiben. Sein Buch trägt dementsprechend den Titel „Heinrich Heine. Ein ABC“. Es enthält 25 kurze Essays mit Überschriften von A wie „Apfeltörtchen“ bis Z wie „Zeitgenössinnen“. Davon ausgehend nimmt der Autor in jedem Essay einen bestimmten Aspekt in Heines Leben und Werk in den Blick.

Für die Buchstaben X und Y findet sich ein einziger, „XY-Ungelöst“ überschriebener Essay, in dem offene Fragen zu Heines Biografie aufgeworfen werden. Überraschenderweise hat sich Liedtke bei dem Buchstaben L nicht für „Loreley“, sondern für „Lessing“ entschieden, da Gotthold Ephraim Lessing erklärtermaßen der für Heinrich Heine wichtigste Schriftsteller war. Unter dem Begriff „Ferne“ wird Heine als Autor der unvergleichlichen „Reisebilder“ vorgestellt. Im Essay mit der Überschrift „Korfu“ geht es um den bizarren, bis um 1900 andauernden Streit um Heine-Denkmäler in Deutschland. Das erste wurde in einem Land errichtet, in dem Heine nie gewesen ist, und an einem Ort, den er nie erwähnt hat: auf Korfu.

Christian Liedtke ist Herausgeber beziehungsweise Autor von nunmehr zehn Büchern von und über Heinrich Heine und gilt als einer der besten Kenner des Fachs. Das vorliegende Werk erschien in diesem Jahr beim Verlag Hoffmann & Campe, der seinerzeit schon Heines Verlagshaus war. Den Inhaber Julius Campe und seinen Erfolgsautor verband eine freundschaftliche, dennoch konfliktträchtige Beziehung. Meistens resultierten ihre gegenseitigen Vorwürfe aus ihrer unterschiedlichen Sicht auf die politische Zensur, von der nicht nur Heine, sondern auch der Verlag Hoffmann & Campe betroffen war. Ein verärgerter Heine fasste in seinem Brief an Julius Campe vom 2. Juli 1835 mit dem Wort „Campejaden“ all das zusammen, worunter er glaubte, bei seinem Verleger leiden zu müssen. Auch dies ist eines der Schlagwörter, denen sich der Autor widmet.

So entsteht ein Buch, das in der Wissenschaft andockt, vor allem aber Unterhaltung bieten möchte. Eine gelungene Kombination: Dem Werk ist zu attestieren, dass es eine anregende Lektüre bietet und gültige Einblicke in Heines Leben und seine literarisches Wirkungsgeschichte eröffnet. Es lehrt uns, dass in diesem schriftstellerischen Genie ein Übergangszeitalter reflektiert wurde, das am Beginn der Moderne steht. Dagmar Jestrzemski

Christian Liedtke: „Heinrich Heine. Ein ABC“, Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2015, gebunden, 234 Seiten, 18 Euro


Der Altkanzler und seine Vorbilder
Er schreibt und schreibt – Helmut Schmidt hat wieder ein neues Buch vorgelegt. Es ist durchaus lesenswert

Zugegeben, man begegnet diesem Buch zunächst mit Skepsis. Schon wieder ein Schmidt, denkt man. Was kann er noch wirklich Neues sagen? Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt im Oktober 1982 hat Schmidt, mittlerweile 96 Jahre alt, im Durchschnitt alle zwei Jahre, oft kürzer, ein größeres Buch vorgelegt, und viele sind Bestseller geworden. Jetzt signalisiert er mit dem Titel „Was ich noch sagen wollte“, dass hier nun sein letztes Opus vorliegen könnte, Aber genau weiß er es vielleicht nicht einmal selbst.

Aber dann liest man sich doch fest und lässt sich mitnehmen bei einer Tour d’Horizon zwischen Politik und, sagen wir es ruhig so, Philosophie. Schmidt geht der Frage nach: Was ist eigentlich ein Vorbild? Und daraus folgernd: Wer oder was war und ist für mich ein Vorbild? Anfangs mit mehr biografischem Hintergrund, dann verallgemeinernd, nennt er, was für ihn privat und in der politischen Arbeit Vorbild war, wo er sich angesprochen fühlte und in die Pflicht genommen sah und was für ihn Richtschnur in der Politik wurde.

Schon als Jugendlichen beeindruckten ihn die „Selbstbetrachtungen“ des römischen Philosophenkaisers Marc Aurel; dessen Maxime, Gelassenheit und Pflicht-erfüllung, habe für ihn ein Leben lang gegolten, ohne sie wäre er, wie er sagt, gar nicht durch alle Bedrängnisse der Politik gekommen. Für staatliches Handeln sah er eine wegweisende Richtschnur in Kants Schrift „Vom ewigen Frieden“. Den Verlockungen jeglicher Ideologie zu widerstehen, verdanke er Sozialphilosophen wie Max Weber und Karl Popper – bei Letztgenanntem mag älteren Wegbegleitern Schmidts oder Journalisten in Erinnerung kommen, wie intensiv er sich schon in den Bonner Kanzlerjahren gerade mit Popper, mit dem er in persönlicher Freundschaft verbunden war, auseinandergesetzt hat.

Frühe Vorbilder erlebte Schmidt offenbar schon als Schüler an der Hamburger Lichtwarckschule. In der Weimarer Republik galt sie als eine Reformschule. Es müssen wirklich Vorbilder gewesen sein, denn Schmidt kann zahlreiche Lehrer noch immer sehr genau charakterisieren. Wie überhaupt die ebenso nüchterne wie treffende Charakterisierung von Menschen, seien es Vorbilder, seien es andere, denen Schmidt eher ablehnend gegenübersteht, das Buch lesenswert macht. Auch hier reicht die Vorbild-Skala von antiken Staatsmännern Perikles und Cicero bis zu zahlreichen Zeitgenossen. In Frankreich sind es zum Beispiel der frühere Staatpräsident Valéry Giscard d’Estaing und der Unternehmer Jean Monnet, in Amerika der ehemalige Außenminister George Schultz und Ex-Präsident Gerald Ford, in China war es Staatslenker Deng Xiaoping. Für Deutschland zählt Schmidt unter anderem den „Ruhrbischof“ Franz Hengsbach auf. In allen Fällen erlebte er, wie er dankbar anerkennt, Zuverlässigkeit, Stetigkeit und rückhaltloses Vertrauen.

Bekannt ist, dass Schmidt dem Christentum reserviert gegenübersteht; an einen persönlichen Gott mag er nicht recht glauben, er sagt es auch hier. Uneingeschränkt würdigt er aber das Bemühen der Kirchen um die Wahrung des Weltfriedens.

Das Bekenntnis zu Menschen, die ihm Vorbild und Vertraute waren, bringt es mit, dass Schmidt mehr als sonst aus sich herausgeht. Ein berührendes Kapitel ist seiner vor fünf Jahren verstorbenen Ehefrau Loki gewidmet; ebenso herzliche Passagen gibt es zu der Hamburger Theaterprinzipalin Ida Ehre und zum Wiener Kardinal Franz König. Wie überhaupt dieses Buch bei aller Nüchternheit doch ein sehr persönliches, vielleicht Schmidts persönlichstes Buch geworden ist, auch wenn es manches enthält, was man von ihm schon anderswo gehört oder gelesen hat. Ein wenig erstaunt, dass er beim Thema Gelassenheit und Pflichterfüllung dem großen Preußenkönig, der doch auch nach dieser Maxime gelebt hat, deutlich distanziert gegenübersteht.

Dirk Klose

Helmut Schmidt: „Was ich noch sagen wollte“, Verlag C. H. Beck, München 2015, gebunden, 239 Seiten, 18,95 Euro


S. 23 Rautenberg Buchhandlung

Rautenberg Buchhandlung


S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Klaus J. Groth
Scheintot auf der Intensivstation / »Isch over« heißt nur »Schluss mit lustig«, die Freude der Taschendiebe, und warum nur Bares Wahres bleibt

Wenn Wolfgang Schäuble doch nur recht gehabt hätte! So einen schönen Satz hat er gesprochen. Kurz, knapp, schnörkellos. So ganz nach dem Herzen der genervten Beobachter: „Am 28., 24 Uhr, isch over.“ Ja, wenn es doch nur so wäre. Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt sieht es weniger nach Schäuble als vielmehr nach Hermann Hesse aus. Danach wohnt jedem Ende ein neuer Anfang inne. Das hat der Poet zwar niemals so formuliert, aber es ist die Essenz aus seinem Gedicht „Stufen“ und wird in dieser verballhornten Form gerne zitiert. Das bedeutet: Das Gezerre und Gewürge geht unvermindert weiter. Wenn Wolfgang Schäuble den Griechen den Stecker zieht, dann stehen die noch lange nicht im Dunkeln. Irgendein Aggregat rattert bei Jean Claude Junker oder Martin Schulz immer noch. Die glauben eben noch an das Gute im Menschen Alexis Tsipras. Und bei der Europäischen Zentralbank laufen die Gelddrucker weiter heiß, die Genossen jenseits der Grenzen machen mobil und das Auswärtige Amt fügt seiner Warnung vor vermehrten Taschendiebstählen in Griechenland aktuell den Hinweis hinzu, der Reisende möge sich mit ausreichend Bargeld versehen. Denn die noch im Lande verfügbaren Euros – das steht nun nicht bei den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes – haben die Griechen unter die Matratze gelegt oder im Garten verbuddelt. Weshalb es in Griechenland nicht mehr genug Euros gibt. Jedenfalls kratzen die Banken ihre letzten Cents zusammen und die Bankomaten husten den Kunden trotzdem was.

Es ist allerdings nicht so, dass die Griechen überhaupt keine Euros mehr haben. Die Banken wissen nur nicht, wo die alle sind. Deshalb müssen sie auch ihre Schalter und Automaten schließen. Da kommt so gut wie nichts mehr raus. Vorerst soll das auf eine Woche begrenzt sein. Bei dieser Aussage ist auf das Wort „vorerst“ besonders zu achten. Aber keine Sorge, Ministerpräsident Alexis Tsipras hat versichert, die Einlagen bei den Banken seien sicher. Ja was denn wohl sonst, wenn keiner mehr ran kommt. Und genau deshalb muss das Auswärtige Amt dazu raten, möglichst viele Euros bar nach Griechenland zu bringen. Die vom Amt erwähnten Taschendiebe wird es freuen. Aber letztendlich ist es allerdings auch egal, wer die Euros klaut, die griechische Regierung oder die Taschendiebe, weg ist weg. Wer will denn jammern wegen ein paar hundert Euros, die mit flinker Hand den Besitzer wechseln. Das ist der Lohn des Risikos für den Taschendieb. Darüber sollte man mit dem gleichen Achselzucker hinweggehen wie über die 80 Milliarden Euro, welche die deutschen Steuerzahler in den Schornstein schreiben können. Soviel Opferbereitschaft seien wir Europa schuldig, wird gesagt.

Man muss ja zugeben, so eine Krise hat auch ihre guten Seiten. Ständig kann man was dazulernen. Da gibt es Sachen, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Zum Beispiel Kapitalverkehrskontrolle. Verkehrskontrollen, na klar, da weiß man, was damit gemeint ist. Aber Kapitalsverkehrskontrolle? Hebt die ihre rote Kelle, wenn Banker nach kassiertem Bonus besoffen durch die Gegend rasen? Oder prüft die, ob Geld falsch geparkt wurde? Mit dieser Vermutung kämen wir zumindest in die Nähe der eigentlichen Bedeutung. Der Kapitalverkehrskontrolleur legt fest, wie viel Geld ins Ausland überwiesen werden darf. Das wäre nicht weiter schlimm, weil Otto Normalverbraucher eher selten Geld ins Ausland überweist. Darum verweisen die Kapitalverkehrskontrolleure sehr gerne auf diese Gängelung, weil sie der Mehrheit egal ist. Der Kapitalverkehrskontrolleur legt aber auch fest, wie viel seines eigenen Geldes Otto Normalverbraucher pro Tag ausgezahlt wird. Also genau das, was jetzt in Griechenland passiert. Wir sollten uns daran gut erinnern, wenn wieder einmal darüber nachgedacht wird, das Bargeld abzuschaffen. Dann genügt ein Tastendruck, um digital die Tagesration festzulegen. Wie so etwas funktioniert, können Sie Tag für Tag an den Anzeigetafeln der Tankstellen sehen. Wer an der Taste sitzt, der hat die Kontrolle. Über alles.

Geben wir uns keinen griechischen Illusionen hin. Schäubles „isch over“ heißt nicht mehr als „Schluss mit lustig“. Aber das ist die Sache schon lange nicht mehr.

Mit „isch over“ haben sich die Finanzminister erst einmal Luft verschafft. Oder eine kleine Pause. Sie kamen ja gar nicht mehr aus dem Flieger nach Brüssel raus. Oder sie haben sich gleich eine teure Zweitwohnung in Brüssel für griechische Eventualfälle gemietet. Auf die paar tausend Euro Monatsmiete kam es auch nicht mehr an. Die Ärmsten wussten ja nicht mehr, welcher Eurogipfel vor ihnen liegt, welcher gerade stattfindet, welcher gerade gescheitert war. Irgendwann haben sie aufgehört zu zählen. Und dann haben sie aufgehört, all die neuen Frechheiten zu kommentieren. Die verschlugen ihnen die Sprache, bis sie endlich, endlich die Reißleine zogen: „Isch over“. Danke, Wolfgang, seufzten da die Minister des Geldes. Weil sie dachten, nun sei mal Pause. Nun sei mal etwas anderes als Griechenland, das ewige Thema, an der Reihe. Aber da haben sie sich nicht zum ersten Mal verrechnet.

Immer wieder kommen ihnen die Griechenlandversteher in die Quere. Weil die immer noch nicht verstehen wollen, dass man mit unberechenbaren Leuten nicht rechnen kann. Dazu ist keine höhere Mathematik notwendig, sondern schlichte Lebenserfahrung. Fakten gegen Ideologie, diese Dis­kussion funktioniert nicht. Sie wird aber geführt, und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht.

Wenn Sie jetzt von Griechenland nichts mehr hören mögen, dann ist das durchaus zu verstehen. Beim Fernsehen hat man für diejenigen, welche die ewigen Krimis nicht mehr sehen mögen, Rosamunde Pilcher. Wir haben die Queen. Die alte Dame war in Deutschland, war lieb und nett anzusehen, sie hat uns auf andere Gedanken gebracht. Weil so ein Staatsbesuch gut vorbereitet sein will, haben sich ein paar Leute vorher ein paar Gedanken darüber gemacht. Zum Beispiel darüber, was man dem hohen Gast schenken könne. Die Wahl fiel auf ein buntes Bild, das die Queen als kleines Mädchen zeigt, auf einem Pferd sitzend, geführt von ihrem Vater. Ein echtes Rosamunde-Pilcher-Motiv. Das passt zu einer alten Dame, die vermutlich nicht mehr so richtig sehen kann, wird man gedacht haben mag. Die Königin hat sich für das Geschenk artig bedankt. Aber die Presse, die englische vor allem, die lief über von Hohn und Spott, Gift und Galle. Einfach lächerlich sei die Gabe des Bundespräsidenten.

Der PAZ liegt ein Dokument vor, das allerdings zu einer vollkommen anderen Bewertung des Gemäldes kommen lässt. Es ist der Brief eines Vaters an den Bundespräsidenten. Seiner Bedeutsamkeit wegen zitieren wir dies Dokument vollständig:

„Lieber Herr Bundespräsident!

Bei uns in der Zeitung war neulich ein Bild von dem Bild, das Sie der Königin von England geschenkt haben. Die hat sich darüber bestimmt ganz toll gefreut. Wir freuen uns auch immer, wenn unser Enkelchen Anna-Sofia ein Bild für uns malt. Wir sind nämlich der Opa und die Oma von Anna-Sofia. Die Bilder von Anna-Sofia sind genauso lustig bunt und krickelig wie das für die Königin. Die ist ja wohl auch schon Oma (oder Ur-Oma, kann bei dem Alter ja sein. Da muss ich meine Frau fragen.). Jedenfalls freut sich jede Oma über so ein Bild. Sie als Opa, Herr Bundespräsident, wissen das. Bestimmt haben Sie deshalb das Bild ausgesucht. Und wenn Sie wieder mal was brauchen, können Sie mich gerne anrufen. Anna-Sofia hat viele Bilder mit ganz lustigen Tieren in der Kita gemalt. Da ist bestimmt was bei. Wir würden eines von den Bildern abgeben, wenn es in die richtigen Hände kommt. Aber nur dann!

PS: Anna-Sofia sagt immer, wenn sie mal groß ist, will sie auch mal Königin werden. Oder Expertin. Experten kann man nicht genug haben.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Gerade die Diskussion um Griechenland – wir müssen leider noch einmal darauf zurückkommen – hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig Experten sind!


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Studieren ohne Zeugnisse

Hannover – Zuwanderer mit guten Deutschkenntnissen dürfen in Niedersachsen künftig ohne die Vorlage von Zeugnissen studieren. Zuvor müssen sie jedoch einen Aufnahmetest bestehen. Um ihre Erfolgschance zu erhöhen, können sie einen kostenlosen Sprachkurs besuchen. Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Klajic (Grüne) erklärte, es sei im Interesse der ganzen Gesellschaft, wenn man „das Potenzial dieser Menschen“ nicht brach liegen lasse. J.H.

 

Kants Grabstein gekauft?

Frankfurt/Oder – Wie die „Märkische Oderzeitung“ berichtet, hat der Unternehmer Klaus Kocks nach eigenen Angaben den Grabstein von Immanuel Kant gekauft. Er habe das Original des Steins aus Königsberg auf einer Online-Plattform ersteigert. Als Beweis zeigt er ein Foto auf seiner Facebook-Seite. 5000 Euro in bar habe er dem Russen bezahlt, der die Fracht bis in seinen Garten brachte. Kocks geht davon aus, dass es sich um den Original-Grabstein handelt. J.H.

 

Wiedervereint mit Merkel

Einen der einflussreichsten Strippenzieher der deutschen EU-Politik kennt kaum ein Mensch. Im Schatten von Angela Merkel flüstert Uwe Corsepius seiner Kanzlerin die Leitsätze ihrer Europapolitik zu, ohne dass irgendjemand den schlacksigen Berliner auch nur wahrnimmt. Er war es, der 2007 während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft aus Anlass des 50. Jahrestags der Römischen Verträge die „Berliner Erklärung“ formulierte, mit der man die Ziele und Werte des Staatenverbundes skizzierte. Den ersten Satz dieser Erklärung, „Wir sind zu unserem Glück vereint“, zitiert Merkel in fast jeder ihrer europapolitischen Reden.

Merkel ist jetzt auch wieder zu ihrem Glück beruflich mit dem 54-jährigen Vorzeige-Beamten vereint. Als europapolitischer Berater löst Corsepius im Kanzleramt Nikolaus Meyer-Landrut ab, der als Botschafter nach Paris wechselt. Das Kanzleramt kennt der diplomierte Wirtschaftsexperte wie seine Westentasche. Seit 1994 war er dort tätig, erst unter Helmut Kohl, dann unter Gerhard Schröder, und schließlich war er bereits von 2005 bis 2011 Merkels europapolitischer Berater, ehe sie ihn in Brüssel als Generalsekretär des Rates der Europäischen Union durchsetzte. Dort war er gefürchtet, nachdem er seine Behörde mit ihren 3500 Mitarbeitern kräftig ausgekehrt hatte.

Loyalität, Verschwiegenheit und Unauffälligkeit – das sind Eigenschaften, die Merkel an ihren Mitarbeitern schätzt. Und Corsepius verkörpert sie bis zur Selbstaufgabe. Vielen gilt der Familienvater als Beamter mit wenig Fingerspitzengefühl, der schon mal Botschafter maßregelt, wenn sie ihn warten lassen. Doch für EU-politische Details und Fragen hat er ein Händchen und eine Macht wie kaum ein anderer. Harald Tews


MEINUNGEN

Im Interview mit dem „Münchner Merkur“ (25. Juni) kritisiert Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer den Bundespräsidenten für die von diesem beim Vertriebenengedenktag vorgenommene Gleichsetzung der deutschen Vertriebenen mit den Zuwanderern von heute:

„Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Heimatvertriebenen, dass sie solche Vergleiche nicht gerne hören. Die Ursachen sind jetzt andere, jetzt geht es auch um massenhaften Asylmissbrauch. Ich finde diese Diskussion nicht angezeigt.“

 

 

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“, wirft den Gewerkschaften in einem Leitartikel (23. Juni) vor, mit der derzeitigen Streikserie zu überziehen und am Ende ihre eigenen Arbeitsplätze zu gefährden:

„Viele dieser Streiks treffen nur am Rande den Gegner im Tarifkonflikt, sondern allen voran die Bürger. Die Streiks schwächen das Vertrauen in das Funktionieren der Daseinsvorsorge und damit der Gesellschaft. Hier werden dann auch die Warnungen der Arbeitgeberverbände plausibel. Als Stärke des Standortes galt stets der soziale Frieden. Der DGB war sich in den vergangenen Arbeitskämpfen dessen stets bewusst. Wenn sich nun vor allem kleine Einzelgewerkschaften wie die irrlichternde GDL oder Ufo nur noch um ihre Partikularinteressen kümmern, gerät dieser Frieden in Gefahr.“

 

 

Harald Schmidt, vielseitiger Kabarettist und Schauspieler, macht sich in einem Interview auf der Internetseite des Deutschen Arbeitgeber Verbandes über die Meinungsmache der Massenmedien und politisch korrektes „Neusprech“ lustig:

„Meine Lieblingsnachrichtensendung, das ,Heute Journal‘, hat ja eine überzeugende Arbeitsteilung gefunden. Claus Kleber oder Marietta Slomka bringen uns die boulevardesken Themen wie Kita-Streik oder Grexit nahe, und dann heißt es immer: Weitere Nachrichten jetzt von Heinz Wolf. Und Heinz Wolf verkündet dann Überraschendes im Sinn von ,Asien ist heute im Pazifik versunken‘. Und Claus oder Marietta sagen dann: ,Danke Heinz‘. In diesem ,Danke Heinz‘ ist für mich die Weltlage perfekt zusammengefasst. ... Ich bin ja noch mit Negerküssen und Ami-Huren aufgewachsen, insofern befinde ich mich in einem täglichen Lernprozess in Sachen Willkommenskultur für alle, die als gut ausgebildete Migranten meine Rente sichern. Schlecht ausgebildete Migranten machen bei uns ja schon Comedy.“

 

 

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Helmut Brandt kritisiert in der Wochenzeitung „Das Parlament“ (22. Juni) die mangelnde Toleranz der Befürworter der „Homo-Ehe“:

„Ich sehe nicht, dass es sich hier um eine Gewissensentscheidung handelt, sondern um eine Frage, ob man das gesellschaftspolitisch will oder nicht. Und ich glaube im Übrigen nicht, dass bei den Kollegen der Linken, Grünen und SPD durchweg eine einheitliche Auffassung herrscht. Die Schärfe, mit der die Debatte geführt wird, hat möglicherweise auch dazu geführt, dass einige sich gar nicht mehr trauen würden, bei einer Abstimmung von der Parteilinie abzuweichen. … In der politischen Diskussion um diese Frage wird vieles übertrieben. Das merken wir auch bei den Diskussionen im Bundestag. Die, die am lautesten nach Toleranz rufen, zeigen wenig Toleranz gegenüber der Meinung anderer.“