© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 19/16 vom 13.05.2016

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Komplett verrannt
EU scheitert mit ihrer Asylpolitik an der eigenen Heuchelei und Halsstarrigkeit

Jede Woche neue Hiobsbotschaften: Brüssel und Berlin stehen mit dem Rücken zur Wand – und bleiben dennoch unbelehrbar.

Die Europäische Union ist schnellsten Schrittes dabei, sich in ihrer eigenen Asyl-, Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik komplett zu verrennen. Die Nervosität der Verantwortlichen steigt im selben Maße, wie sich die Schreckensmeldungen häufen.

Beinahe flehentlich hatte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eben noch die ersten „Erfolge“ des Kuhhandels mit der Türkei beschworen – da zerfetzte Recep Tayyip Erdogan das Übereinkommen mit lautem Getöse gleichsam in der Luft. Bundeskanzlerin Merkel eilte zu ihrem italienischen Amtskollegen Matteo Renzi nach Rom, um gemeinsam mit ihm Druck aufzubauen auf Österreich, damit es den Brenner-Pass für die erwarteten Asylmassen offenhalte. Juncker verurteilte eine mögliche Schließung des Brenner gar als „Katastrophe“ für Europa. Ohne Erfolg: Wien bleibt stur, will den Pass im Falle eines Massenansturms schließen und trifft, unbeeindruckt vom Protest aus Brüssel, Berlin und Rom, die entsprechenden technischen Vorbereitungen.

Nach den niederschmetternden Worten aus Ankara rückt nun Griechenland wieder in den Vordergrund. Es steht zu erwarten, dass Athen der Versuchung kaum wird widerstehen können, seine (nach einem Absprung Ankaras erst recht) unentbehrliche Rolle als Frontstaat der Asylflut in finanzielle „Erleichterungen“ bei der Griechenland- und Euro-Krise umzumünzen. Mit Aussicht auf Erfolg, denn Berlin ließe sich wahrscheinlich erpressen. So würden sich Euro- und Asylkrise auf das Explosivste vermengen, indem alte und neue Fehler der EU- und Euro-Politik einander begegnen und gegenseitig befeuern.

Der Druck auf Österreich und die nicht nachlassende Kritik an Mazedonien wegen geplanter oder vollzogener Grenzkontrollen lassen erkennen, dass weder Merkel noch Juncker in den vergangenen Monaten dazugelernt haben. Wäre es nach ihnen gegangen, strömten vermutlich heute noch jede Woche Zehntausende über ungeschützte Grenzen nach Deutschland. Es verwundert daher nicht, dass Kritiker der deutschen Regierungschefin Doppelmoral vorhalten. Denn einerseits feiert Merkel die zurückgegangenen Zuzugszahlen als Ergebnis „unserer“ Politik. Gleichzeitig aber greift sie jene Länder an, die wie Mazedonien, Ungarn oder Österreich diesen Rückgang gegen Merkels Widerstand durch ihre Grenzkontrollen eigentlich bewerkstelligt haben.

Kaum im Blick steht die Wirkung, welche die ebenso chaotische wie fanatische Asylpolitik von Berlin und Brüssel auf die Briten zeitigt, die am 23. Juni über ihren Verbleib in der EU abstimmen sollen. Merkels und Junckers Halsstarrigkeit, ihre Heuchelei und ihr Größenwahn sind die eindrucksvollste Werbung für den „Brexit“, welche sich die „Los von Brüssel“-Front auf der Insel jemals wünschen konnte.         Hans Heckel


Knall in Wien
Österreich: Kanzler Faymanns Rücktritt erschien unvermeidbar

Zwei Wochen lang waren die Wogen bei Österreichs Sozialdemokraten hochgegangen, ehe er selbst von Bord ging: Vergangenen Montag legte Werner Faymann seine Funktionen als Bundeskanzler und Chef der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) nieder.

Wäre Faymann nicht zurückgetreten, hätte der Parteivorstand wohl wenige Stunden später seine Ablösung beschlossen. „Dieses Land braucht einen Kanzler, wo die Partei voll hinter ihm steht“, begründete der Zurückgetretene seinen Schritt: „Wer diesen Rückhalt nicht hat, kann diese Aufgabe nicht leisten.“

Spätestens am 1. Mai, als Hunderte Genossen ihren Chef während dessen Rede zum Tag der Arbeit mit einem Pfeifkonzert bedachten, konnte sich ganz Österreich von diesem fehlenden Rückhalt überzeugen. Doch bereits eine Woche davor waren die Alarmglocken in Form eines beispiellosen Wahldebakels bei der Bundespräsidentenwahl geschrillt, die zugleich den Anfang vom Ende der siebeneinhalb Jahre währenden Ära Faymann eingeläutet hatten. Einzig Faymann schien nicht seine eigene Person als Auslöser des Debakels zu identifizieren. Lediglich 11,2 Prozent Stimmenanteil für den sozialdemokratischen Kandidaten Rudolf Hundstorfer konnten nicht mehr über die große Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierungspartei und ihrem Kanzler hinwegtäuschen.

Immer mehr Genossen wagten es fortan, ihren Parteichef öffentlich zum Rücktritt aufzufordern, immer mehr forderten aber auch eine Neuausrichtung der Partei oder rüttelten an dem roten Tabu, auf die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) zuzugehen und eine Zusammenarbeit mit diesem freiheitlichen Schreckgespenst nicht mehr auszuschließen. Michael Link (siehe Bericht Seite 2)


Andersgläubige tyrannisiert
Menschenrechtler kritisieren islamistische Aktivitäten in Asyl-Heimen

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) berichtet, dass sich die Atmosphäre in Aufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber dramatisch verschlechtere, sobald dort muslimische Gebetsräume entstehen und regelmäßig öffentliche Gebete durchgeführt würden. Radikalen Muslimen sei es dadurch möglich, auf Christen, Jesiden, Säkulare und Muslime mit anderen Bekenntnissen einen Gruppenzwang aufzubauen, dem diese in den beengten Unterkünften nicht entrinnen könnten und der sich mit der Zeit immer weiter verschärfe. Das gehe schließlich so weit, dass sich Islamisten auf religiöse Speisevorschriften beriefen und „unreinen Ungläubigen“ den Zugang zu Kühlschränken und Kochmöglichkeiten verweigerten. Bewohner berichteten, dass sie durch das laute Abspielen religiöser Inhalte, vor allem von Koran-Rezitationen, tyrannisiert würden.

Die Einrichtung von muslimischen Gebetsräumen, die von Islamisten als „Moschee“ bezeichnet und benutzt würden, komme de facto einer Privilegierung der größten Flüchtlingsgruppe gleich. Die Praxis habe gezeigt, dass dies massiv den religiösen Frieden in den Einrichtungen störe. Religiöse Spannungen gehörten, so die IGFM weiter,  zu den Hauptgründen für das Morden im Irak und in Syrien. Es sei notwendig, diesen Spannungen in Deutschland möglichst wenig Raum zu geben. Gemeinschaftsunterkünfte sollten am besten ein neutraler, säkularer Schutzraum sein.

Die IGFM fordert, der Staat müsse sich auf die Seite der Schwächsten stellen und die religiösen Minderheiten in den Gemeinschaftsunterkünften schützen. Das Recht zur persönlichen religiösen Selbstbestimmung werde dadurch nicht beschränkt, betont die IGFM.    U.M.


Jan Heitmann:
Nackte Angst

Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Olaf Scholz sorgt mit einem Thesenpapier für Diskussionen, in dem er für eine Inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD statt für deren Diffamierung plädiert. Wenn nun einige AfDler triumphieren, Scholz habe endlich erkannt, dass ihre Positionen die richtigen seien und er die Partei als Gesprächspartner auf Augenhöhe anerkenne, sind sie auf dem Holzweg. Scholz hat lediglich ein gutes Gedächtnis. Er hat nicht vergessen, wie die Wähler seine seit Jahrzehnten in Hamburg selbstherrlich regierende SPD im Jahre 2001 zum Teufel jagten. Das taten sie vor allem, weil die SPD über viele Jahre das Thema Innere Sicherheit sträflich vernachlässigt hatte. Doch statt auf den Unmut der Bürger zu reagieren, verunglimpfte Scholz den ihm verhassten Ronald B. Schill, der beharrlich den Finger in die klaffende Wunde gelegt hatte, als Rechtspopulisten. Die Folge: Ausgerechnet der nahm nach der Wahl an seinem Schreibtisch als Innensenator Platz. Scholz‘ Thesenpapier ist angesichts der Wahlerfolge der AfD also nichts anderes als Ausdruck politischer Taktik. Ihn treibt die nackte Angst vor einer Wiederholung des Desasters von 2001.

Sollte dem nicht so sein, könnte Scholz das problemlos unter Beweis stellen. Denn auch in Hamburg wird die AfD von einem Bündnis aus Regierungs- und Oppositionsparteien systematisch an der parlamentarischen Teilhabe gehindert. Der Erste Bürgermeister Scholz, nicht ohne Grund „König Olaf“ genannt, könnte das mit einem Machtwort ändern. Würde die mächtige SPD-Fraktion aus der Phalanx der Ausgrenzer ausscheren, würde dieses undemokratische Bündnis schnell zerfallen. Nehmen wir Scholz beim Wort.   


S. 2 Aktuell

Faymann sprang vom sinkenden Schiff
Mit dem Rücktritt des Partei- und Regierungschefs sind die Probleme der SPÖ nicht gelöst

Überlebenskünstler hatten ihn viele genannt – angesichts des Aussitzens so mancher Krise. Doch diese Krise konnte selbst er politisch nicht überstehen. Ein Wahldebakel, ein Pfeifkonzert samt Buhrufen am 1. Mai und sich häufende Rücktrittsforderungen aus der eigenen Partei nötigten den SPÖ-Vorsitzenden und Bundeskanzler Werner Faymann zum Rückzug aus beiden Ämtern.

Zu groß war der Druck aus der eigenen Partei geworden, bis Faymann in einer kurzfristig einberufenen Erklärung Montagmittag seinen Rückzug als Kanzler und Parteivorsitzender bekannt gab. Somit hat Faymann die von einer wachsenden Zahl seiner Parteigenossen betriebene öffentliche Demontage selbst vollendet.

„Rechnen Sie weiter mit mir“, wurde Bundeskanzler Faymann noch im Vormonat bei Fragen zu einer möglichen Ablösung als SPÖ-Chef nicht müde zu betonen. Tatsächlich rechneten jedoch immer weniger mit Faymann – weder in- noch außerhalb seiner Partei. Stattdessen forderten immer mehr seiner Parteifreunde offen seine Ablösung als Parteichef. Dem Vernehmen nach hatte ihm der Wiener SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl sein Vertrauen entzogen. Häupl galt dank seiner persönlichen Autorität und der mit Abstand wichtigsten Landespartei im Rücken als letzte Instanz.

Die Schlappe der SPÖ bei der Bundespräsidentenwahl vom 24. April – der eigene Kandidat Rudolf Hundstorfer lag 24 Prozentpunkte hinter dem Kandidaten Norbert Hofer von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) – war nur das Tüpfelchen auf dem i. Faymann habe „in keinen für die Menschen relevanten Bereichen wie Arbeit, Wohnen, Bildung, Gesundheit eigene Gedanken oder Konzepte entwickelt“, heißt es in einem seitens Faymann-Kritikern geplanten Antrag auf Vorverlegung des SPÖ-Parteitags. Zudem habe er auch keine langfristige politische Agenda gezeigt, keine Idee, wie er das Land gestalten wolle. Stattdessen habe er „den Nie­dergang der SPÖ begleitet, administriert, aber nichts unternommen, um den Niedergang aufzuhalten“.

Der Rücktritt reiche jedoch für eine Neuordnung der Partei nicht aus, äußerte sich der Salzburger SPÖ-Bürgermeister Heinz Schaden. „Nur ein neuer Kopf löst sicher nicht die Probleme der Partei. Die Mühen der Ebene liegen noch vor uns.“ Inhaltlich gehe es um die Spaltung in der Asylfrage, aber auch darum, welche Haltung die Sozialdemokratie in Zukunft zur FPÖ einnehme.

Am Streit über die Positionierung zur FPÖ zeigt sich, dass auch nach Faymanns Rücktritt die SPÖ vor einer Zerreißprobe stehen könnte. Während der interimistische Parteichef Häupl eine Zusammenarbeit mit den Freiheitlichen strikt ablehnt, mehren sich in der SPÖ die Stimmen gegen den bisherigen Anti-FPÖ-Kurs der Partei.

„Wir müssen mit allen Parteien reden. Auch mit der FPÖ“, fordert etwa der Abgeordnete Harald Troch. Der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl, der auf Landesebene bereits seit dem Vorjahr mit den Freiheitlichen koaliert, steht für eine Öffnung seiner Partei zur FPÖ auch auf Bundesebene. Auch Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser zeigte sich für einem neuen Kurs durchaus offen und schlug vor: „Wir können einen Mechanismus für Koalitionen festlegen.“ Er befürworte kein Dogma gegen Rot-Blau, sondern es solle „von Fall zu Fall“ entschieden werden. Selbst Altkanzler Franz Vranitzky, einst Erzrivale des früheren FPÖ-Obmannes Jörg Haider, lehnt eine Anti-FPÖ-Doktrin ab. Die Unzufriedenheit mit dem SPÖ-Kurs zeigt sich auch in den Arbeiterbezirken, wo die FPÖ bei den letzten Wahlen besonders stark zugelegt hat.

Immer mehr SPÖ-Politiker kommen zu dem Schluss, dass eine weitere Ausgrenzung der Freiheitlichen diese nicht aufhalten, sondern in Gegenteil den Aufstieg ihrer Partei – und zugleich den Absturz der SPÖ – noch weiter beschleunigen könne.

Sollte die angeschlagene Koalition mit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) zerbrechen und es zu einer vorgezogenen Nationalratswahl kommen, könnte diese für die SPÖ zu einem Waterloo werden: Nach derzeitigen Umfragen liegt die SPÖ gemeinsam mit der ÖVP mit 22 Prozent bereits zehn Prozentpunkte hinter der FPÖ. Dieses verdeutlicht die derzeitige Lage der SPÖ. Sie ist ernst und nicht sehr hoffnungsvoll.

Noch am Montag trat wenige Stunden nach Faymanns Abgang der 70-köpfige Parteivorstand zusammen, um die Zukunft der SPÖ zu diskutieren. Dabei hat Michael Häupl die interimistische Parteiführung übernommen.

Binnen acht Tagen soll Faymanns Nachfolger feststehen. Als Favoriten werden der 50-jährige Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), Christian Kern, sowie der internationale Medienmanager und ehemalige Intendant des Österreichischen Rundfunks (ORF), Gerhard Zeiler, gehandelt. Medienberichten zufolge favorisiert Häupl den 60-jährigen Zeiler, während mehrere Landesorganisationen und Teile der Gewerkschaft Kern bevorzugen.

Die beiden in der Stichwahl am 22. Mai verbliebenen Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen von den Grünen und der Freiheitliche Norbert Hofer würden beide einen Austausch des Bundeskanzlers ohne Neuwahlen akzeptieren. Hofer, der mit 35 Prozent den ersten Wahlgang klar für sich entschieden hatte, wies Befürchtungen zurück, einen entsprechenden Vorschlag der Sozialdemokraten nicht akzeptieren zu wollen. Er kündigte bereits an, einen von der SPÖ vorgeschlagenen neuen Bundeskanzler zu vereidigen: „Denn ich habe auch Interesse daran, wenn Österreich besser regiert wird.“

                Michael Link


Christen im Libanon unter doppeltem Druck
Der Islamische Staat fordert die Konversion zum Islam, und die Zedernrepublik soll ein arabischer Staat werden

Im Gegensatz zu den anderen arabischen Staaten hat der Libanon derzeit einen Staatschef, der Christ ist. Das liegt an dem das politische System der Zedernrepublik prägenden religiösen Proporz zwischen christlichen und muslimischen Gruppen. Als der Libanon 1943 von Frankreich unabhängig wurde, einigte man sich im sogenannten Nationalen Pakt auf die Verteilung der Sitze für die religiösen Gruppen im Parlament im Verhältnis sechs (Christen) zu fünf (Muslime), weil die Christen nach der Volkszählung im Jahr 1932 mit 52 Prozent eine knappe Mehrheit der Bevölkerung im Land stellten. Da jedoch die Muslime eine weitaus höhere Geburtenrate als die Christen hatten und zahlreiche Christen in der Folgezeit aus dem Land auswanderten, sank der Bevölkerungsanteil der Christen.

Obwohl das politische System allen konfessionellen Bevölkerungsgruppen eine Teilhabe am politischen Leben ermöglicht, gilt der Zedernstaat als instabil, wofür auch die  derzeitige, schon Jahre andauernde Regierungskrise spricht. Das Proporzsystem konnte auch nicht verhindern, dass ein jahrelanger Machtkampf zwischen christlichen Parteien und Muslimen tobte, der seinen Höhepunkt im Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 erreichte. Grund für diesen Krieg waren die Palästinaflüchtlinge, die nach 1948 zahlreich im Libanon aufgenommen worden waren, sich dann aber in gewissen Regionen zu Herren aufschwangen. Wegen seiner Öffnung nach Westen und seiner überschaubaren Größe war die sogenannte Schweiz des Orients für viele konservative und reiche Araber zum beliebten Ausweichland, aber auch zum Schauplatz widerstrebender Einflüsse geworden, die das Land mit zugrunde richteten. Syrien intervenierte 1975 militärisch im Libanon. 1989 einigte man sich nach saudischer Vermittlung auf eine neue Verteilung der Konfessionen im Parlament, diesmal im Verhältnis eins zu eins für beide Hauptreligionen. Der neue starke Klan wurde der sunnitische Hariri-Klan, der auch in Saudi-Arabien verwurzelt ist. Nach dem Abzug syrischer Truppen prägte ab 2005 der innerislamische Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten und nicht mehr der zwischen Christen und Muslimen das Zedernland.

Aus den in seiner Nähe tobenden Bürgerkriegen konnte sich das Land erstaunlicherweise heraushalten, obwohl 100000 Flüchtlinge in den Libanon geströmt sind. Der Einfluss von Dschihadisten und Salafisten wird auch im Libanon immer größer. Jetzt bedrohen dschihadistische Gruppen die libanesischen Christen und verlangen, dass sie sich dem Islam unterwerfen. Der Islamische Staat (IS), der auch beansprucht, die gesamte Levante zu beherrschen, wozu der Libanon gehört, hat sich im gebirgigen Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Libanon, das zwischen dem IS und der schiitischen Hisbollah umkämpft ist, seit Jahren fest eingenistet.

Saad Hariri, ein von Saudi-Arabien unterstützter und dort auch lebender sunnitischer Politiker und Sohn des 2005 bei einem Sprengstoffanschlag getöteten damaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, lud kürzlich sämtliche libanesischen Parteien in sein Büro ein, um ein Dokument zu unterzeichnen, das bekräftigt, dass der Libanon ein arabischer Staat sei. Die libanesischen Christen, die in ihrer Mehrheit Maroniten sind, sprechen zwar Arabisch, aber sie leiten ihre Herkunft von Aramäern und Phöniziern ab, den Ureinwohnern der Region. Wenn also der Libanon ein offiziell arabischer Staat werden soll, gehören die Christen, die noch vor 100 Jahren die Mehrheit stellten, irgendwann einmal nicht mehr dazu. Bislang war der Libanon für die Christen im Nahen Osten wie eine Insel der Sicherheit und ein Rückzugsgebiet für Glaubensbrüder, die sich in der Nachbarschaft immer mehr einem weiteren Völkermord ausgesetzt sehen und zu Hunderttausenden die Region verlassen.

Zu denken geben muss, dass sich zu dieser Initiative der sunnitische Hariri-Klan und die schiitische Hisbollah wieder zusammengetan haben, auch wenn sie sich sonst spinnefeind sind und gelegentlich auch die Waffen gegeneinander sprechen lassen. Vor Kurzem wurden bekannt, dass sich der Hariri-Klan und die Hisbollah auch bereits im Drogenhandel und der Geldwäsche-Mafia verbündet haben. Architekten dieser seltsamen auf Kriminalität basierenden Allianz sollen die Saudis sein. Dazu passt, dass in der arabischen Welt gemunkelt wird, dass Saad Hariri ein illegitimer Sohn des von 1975 bis 1982 regierenden vierten saudischen Königs Chalid sei.     Bodo Bost


MELDUNGEN

Millionen für Migrantenvereine

Berlin – Seit 2013 hat der Bund 2,34 Millionen Euro an zehn „Migrantenorganisationen“ gezahlt. Dadurch sollen die Empfänger in die Lage versetzt werden, „selbstständig Mittel für die operative Arbeit zu gewinnen“. Die bisherigen Beobachtungen des Projektverlaufs haben laut Bundesregierung gezeigt, dass mit der finanziellen Förderung des hauptamtlichen Personals „eine Professionalisierung der Aktivitäten der Migrantendachorganisationen“ einhergehe.                U.M.

 

Türkei zahlt fürs Burka-Tragen

Pasardschik – Die bulgarische Stadt Pasardschik hat ein generelles Verschleierungsverbot für Frauen erlassen. Damit reagierten die Stadtväter auf die zunehmende Anzahl an vollverschleierten Frauen, die mittlerweile das Stadtbild prägen. Diese würden nämlich die Burka nicht aus Glaubensgründen tragen, sondern weil sie aus der Türkei dafür bezahlt würden, ihren Glauben möglichst offen und provokativ nach außen zu tragen, so die Begründung. Im christlich-orthodox geprägten Bulgarien leben seit der Zeit des Osmanischen Reiches Muslime. Auffällig ist jedoch, dass die Burkas vermehrt in Gebieten auftauchen, in denen gar keine Muslime wohnen. Nach Erkenntnissen der Behörden der 70000 Bewohner zählenden Stadt handelt es sich in vielen Fällen um Zigeunerfrauen, die umgerechnet 60 Euro pro Monat dafür bekommen, dass sie verschleiert auf die Straße gehen. Das sieht auch die Parlamentspartei Patriotische Front (PF) so. Der Abgeordnete und Co-Vorsitzende Krassimir Karakatschanow beruft sich auf Informationen des bulgarischen Geheimdienstes und wirft der Türkei vor, eine bewusste Politik der Islamisierung im Nachbarland zu betreiben.         J.H.

 

»Vergesst Tschernobyl«

Minsk – Als das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl vor 30 Jahren explodierte, wurden aufgrund der Wind- und Wetterverhältnisse vor allem große Gebiete nördlich des Reaktors auf dem Territorium von Weißrussland kontaminiert. Seitdem gilt fast ein Viertel des Landes als nuklear verstrahlt. Etwa zwei Millionen Menschen sind in Weißrussland offiziell als Tscherno­byl-Opfer anerkannt − das ist jeder Fünfte. Gleichwohl wurde mit dem Bau des ersten weißrussischen Atomkraftwerks begonnen. Zwei Reaktoren russischer Herkunft mit einer Leistung von je 1200 Megawatt sollen in Ostrowez bei Grodno entstehen. Die Kosten werden auf fast 23 Milliarden US-Dollar geschätzt. Sie sollen überwiegend mit Krediten aus Russland finanziert werden, die das kleine Land damit jahrzehntelang völlig an Russland binden. Die Anlage sei nicht vergleichbar mit der in Tschernobyl, behauptet Staatspräsident Alexander Lukaschenko. Proteste gegen den Kraftwerkbau werden in dem autokratisch regierten Land im Keim erstickt und zumeist mit 15 Tagen Gefängnis bestraft. Nur noch eine kleine Gruppe von Atomkraftgegnern wehrt sich gegen den Bau. Dank staatlicher Propaganda sind nach neuesten staatlichen Angaben nur noch 23 Prozent der Bevölkerung  gegen den Bau. Etwa die Hälfte ist dafür. Seit zehn Jahren gibt es eine Kampagne unter dem Motto „Vergesst Tschernobyl“, die offensichtlich Früchte getragen hat.   B.B.


S. 3 Deutschland

Schutzlücken im Sexualstrafrecht
Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht haben den politischen Druck für Rechtsänderungen erhöht

Die Reform des Sexualstrafrechts wurde schon vor den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht debattiert. Doch erst seit den massenhaften sexuellen Übergriffen auf Frauen durch ausländische Zuwanderer in Köln wurde auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass es Schutzlücken im Sexualstrafrecht gibt. Welche rechtlichen Schutzlücken gibt es? Wie können und sollen sie geschlossen werden?

Am 28. April fand im Bundestag die erste Lesung des Gesetzentwurfes zur Änderung des Sexualstrafrechts statt. Der Entwurf stammt aus dem von Heiko Maas (SPD) geführten Bundesjustizministerium. Maas erklärte im Bundestag, es gäbe so „eklatante Schutzlücken“, dass diese auch im Vorgriff auf die im Herbst erwarteten Ergebnisse einer Expertenkommission sofort geschlossen werden sollten. Bei den Straftaten Vergewaltigung und sexuelle Nötigung gebe es eine Verurteilungsquote von nur acht Prozent. Dabei wisse man, dass nur etwa zehn Prozent der Vergewaltigungen überhaupt angezeigt würden. Dies läge nicht nur an Beweisschwierigkeiten, sondern auch an den Schutzlücken im Strafrecht.

Sexuelle Nötigung und Vergewaltigung sind gemäß Paragraf 177 des Strafgesetzbuches (StGB) strafbar. In der Begründung für ihren Gesetzentwurf verweist die Bundesregierung darauf, dass es Situationen gebe, in denen die Voraussetzungen des Pa­ra­gra­fen 177 StGB nicht vorlägen, die aber dennoch in strafwürdiger Weise für sexuelle Handlungen ausgenutzt würden. Etwa wenn das Opfer aufgrund der überraschenden Handlungen des Täters keinen Widerstand leisten könne oder wenn das Opfer nur aus Furcht von Widerstand absehe. Ein solches Verhalten könne nach gegenwärtiger Rechtslage auch von anderen StGB-Vorschriften nur unter bestimmten weiteren Voraussetzungen bestraft werden, die in bestimmten Fallkonstellationen häufig jedoch nicht gegeben seien.

Unter anderem soll der bisherige Paragraf 179 StGB (der jetzt noch mit „Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen“ überschrieben ist) künftig heißen: „Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung besonderer Umstände.“ Der Absatz 1 soll künftig lauten:

„(1) Wer unter Ausnutzung einer Lage, in der eine andere Person

1. aufgrund ihres körperlichen oder psychischen Zustands zum Widerstand unfähig ist,

2. aufgrund der überraschenden Begehung der Tat zum Widerstand unfähig ist oder

3.  im Fall ihres Widerstandes ein empfindliches Übel befürchtet,

sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder an sich von dieser Person vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen der Nummern 2 und 3 mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“

Bei einem Fachgespräch der CDU/CSU-Fraktion im Februar hatte der Tübinger Strafrechtsprofessor Jürgen Eisele erklärt, durch die geplanten Än­de­rungen würden viele strafwürdige Fälle tatsächlich erfasst.

„Dennoch“, sagte er, „bleiben gewisse Lücken bestehen, und zwar in den Fällen, in denen es um Belästigung geht, die eine gewisse Erheblichkeit nicht überschreiten.“ Gemäß Pa­ra­graf 184 h StGB sind „sexuelle Handlungen nur solche, die im Hinblick auf das jeweils geschützte Rechtsgut von einiger Erheblichkeit sind“. Die Rechtsprechung hierzu sei „relativ uneinheitlich“ und deshalb gebe es auch eine gewisse Unsicherheit. Nicht erfasst werden soll nach der Rechtsprechung etwa ein „einfacher Kuss auf die Wange, kurzes Anfassen im Brustbereich, während massive Berührungen erfasst werden sollen“. Die Erheblichkeitsschwelle sei von der Rechtsprechung in den letzten zehn Jahren „etwas abgesetzt“, also mehr Fälle als erheblich gewertet worden. Auch habe man vermehrt den Tatbestand der Beleidigung angewendet.

Bezüglich sexueller Belästigungen könnte nach Ansicht Eiseles das bestehende Recht in Deutschland auch großzügiger ausgelegt werden, um zu einer „gewissen Erheblichkeit“ zu gelangen. „In Fällen, in denen etwa in den Brustbereich oder zwischen die Beine gegriffen wird“, erklärte Eisele, „wäre das meiner Ansicht nach unproblematisch mit dem Wortlaut zu vereinbaren.“ Wenn man die Problematik nicht der Rechtsprechung überlassen wolle, neige er dazu, einen Tatbestand der sexuellen Belästigung zu empfehlen. Dieser solle nur körperliche Berührungen erfassen, nicht etwa auch anzügliche Bemerkungen. Ferner solle ein Sexualbezug erforderlich sein. Denn je weiter man eine solche Vorschrift fasse, umso mehr könnten vor allem „im persönlichen Näheverhältnis übliche Handlungen“ in die Gefahr einer Strafbarkeit kommen, etwa „Umarmung unter Freunden und Ähnliches“. Das Delikt solle nur subsidiär gegenüber typischen Sexualdelikten wie Vergewaltigung zum Zug kommen und außerdem Antragsdelikt sein.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Richterin Elisabeth Winkelmeier-Becker erklärte bei der ersten Lesung des Gesetzentwurfes im Bundestag, sie halte weitere Ergänzungen für notwendig. „Sexuelle Übergriffe, die nicht gleich unter ,Vergewaltigung‘ zu fassen sind, sondern als bloßes Grapschen oberhalb der Kleidung gelten, sind bisher nicht angemessen sanktioniert, allenfalls als Beleidigung, und das geht am Schutzgut völlig vorbei.“ Grapschen sei kein Kavaliersdelikt.

Dem Regensburger Strafrechtsprofessor Tonio Walter geht der Gesetzentwurf hingegen zu weit. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb er: „Die neuen Tatbestände sind voraussetzungsarm. Das heißt, man macht sich schnell strafbar – und es ist leicht, jemanden falsch zu beschuldigen. Diese Gefahr wird in der Reformdis­kussion bislang ausgeblendet.“ Professor Eisele erklärte auf Frage der PAZ, er teile diese Befürchtung nicht. Durch eine Herabsetzung rechtlicher Hürden könnten zwar mehr Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Dies bedeute aber nicht, dass es auch zu mehr Verurteilungen aufgrund falscher Beschuldigungen komme. Michael Leh (siehe auch Kommentar Seite 8)


Der Sachsen-Anhalt-Effekt
Tatsächliche Werte der AfD höher, als in Umfragen ermittelt

Umfragen kündigen für die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern eine politische Sensation an. Denn wie das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap ermittelte, konnte die AfD in Meck­lenburg-Vorpommern in der Wählergunst deutlich zulegen. Ermittelt wurde eine Zustimmung von 18 Prozent. Eine Umfrage des Instituts INSA hatten für die AfD im Februar noch gut zwei Prozentpunkte weniger prognostiziert. Bereits die jetzt ermittelten 18 Prozent würden die AfD in dem nordostdeutschen Bundesland nach CDU und SPD zur drittstärksten Partei machen. Wie von Infratest dimap ermittelt wurde, droht der CDU in Mecklenburg-Vorpommern ein Absturz des Stimmenanteils von 29 auf 24 Prozent. Ein Debakel kündigt sich für die SPD an: Bei den letzten Landtagswahlen im Jahr 2011 noch mit 35,6 Prozent die stärkste Partei im Schweriner Landtag, werden für die Sozialdemokraten nur noch magere 22 Prozent vorhergesagt. Die Linke würde drei Punkte einbüßen und auf 16 Prozent fallen.

In den ermittelten Zahlen steckt eine hohe politische Brisanz. Wie sich vor allem bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt deutlich gezeigt hat, ist auf die Wahlumfragen nämlich nur noch bedingt Verlass. Ermittelt wurden für die AfD im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nämlich Werte, die je nach Umfrageinstitut zwischen 17 und 19 Prozent lagen. Abgeschnitten hatte der politische Neustarter am Wahlsonntag dann aber gut fünf bis sieben Punkte höher. Wiederholt sich das in Sachsen-Anhalt aufgetretene Phänomen, dann könnte die AfD bei der Wahl am 4. September in Mecklenburg-Vorpommern erstmals zur stärksten Partei in einem deutschen Landtag werden. Die im April ermittelten 18 Prozent zuzüglich fünf bis sieben Prozentpunkte Abweichung von den Umfragewerten würden die AfD nämlich in einen Bereich von 23 bis 25 Prozent bringen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dürften sich die Altparteien vermutlich an dem orientieren, was mittlerweile in Magdeburg zustande gekommen ist: eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen.

Tatsächlich besteht sogar eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass der „Sachsen-Anhalt-Effekt“ bei den Wahlen im September noch einmal für eine politische Überraschung sorgen wird. Vermutet wird nämlich inzwischen, dass es sich um eine generelle Erscheinung handelt, dass bei Umfragen die Wählerpräferenz für die AfD nicht realistisch ermittelt wird. Als mögliche Erklärung wird inzwischen vermutet, dass ein Teil der Umfrageteilnehmer zögert, fremden Personen am Telefon ihre tatsächlichen Wahlpräferenzen für eine sogenannte „rechtspopulistische“ Partei mitzuteilen.

Politisch spannend dürfte es vor diesem Hintergrund auch in Berlin werden. Für die Abgeordnetenhauswahlen, die für den 18. September angesetzt sind, sieht die jüngste Umfrage von Infratest dimap die AfD bei 13 Prozent. Auch die Werte, die Infratest dimap für die Berliner SPD vorgelegt hat, sprechen wie schon in Mecklenburg-Vorpommern für einen Einbruch bei den Wahlchancen der Sozialdemokraten. Sah eine Forsa-Umfrage die Berliner SPD im Januar noch bei 29 Prozent, so wurden jetzt von Infratest dimap nur noch 23 Prozent ermittelt. Ähnlich wie in Schwerin könnte es im Herbst somit auch in Berlin auf eine schwierige Regierungsbildung hinauslaufen.      N.H.


NRW-Staatskanzlei mauert
Dem Landtag werden Akten zu Silvesterkrawallen vorenthalten

Die Vorgänge der Silvesternacht in Köln beschäftigen schon seit einiger Zeit einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags von Nordrhein-Westfalen, und trotzdem vergeht keine Sitzung, in der nicht neue Vorwürfe gegen leitende Polizeibeamte und höchste politische Kreise laut werden. Nun geraten sogar die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihr Parteifreund, der Innenminister Ralf Jäger, schwer unter Druck. Kraft hatte noch am 4. Januar von einer „lückenlosen Aufklärung“ gesprochen, doch nun mauert die Staatskanzlei offenbar. Zuletzt hatte die CDU eine „unvollständige Aktenlage“ moniert und die Landesregierung aufgefordert, die Karten auf den Tisch zu legen.

Staatskanzlei-Chef Franz-Josef Lersch-Mense reagierte barsch. Es gebe keine weiteren Akten mehr im Sinne des Untersuchungsauftrags. Und die, die es gäbe, müss­ten nicht übersandt werden, weil sie vertraulich seien. „Die Überzeugungskraft der im Nachgang von der Landesregierung getroffenen Entscheidungen ist stärker, wenn der Entscheidungsweg der Öffentlichkeit unzugänglich bleibt“, heißt es bemerkenswert offen, und: „Eine Veröffentlichung könnte die Funktionsfähigkeit der Regierung nachhaltig beeinträchtigen.“

In der Silvesternacht war es auf der Domplatte der Rhein-Metropole zu Ausschreitungen von ausländischen Männern gekommen. Mehrere Dutzend Frauen wurden sexuell massiv belästigt, teilweise soll es zu Vergewaltigungen gekommen sein. Wie die Kölner Zeitung „Express“ berichtete, hatte das engste Umfeld der Ministerpräsidentin bereits am 1. Januar eine dringende Meldung über die Vorkommen erhalten. Unter anderem sollen Krafts Büroleiter und ihr direktes Vorzimmer von einer Vergewaltigung sowie Diebstahls- und Raubdelikten durch eine „größere ausländische Personengruppe“ gewusst haben. Kraft bestreitet dies bis heute. Rückendeckung erhält sie von der Staatskanzlei. Diese räumt die Existenz dieser Meldung ein, allerdings habe man „es für nicht geboten gehalten“, die Ministerpräsidentin zu informieren.

Uninformiert zeigt sich auch Innenminister Jäger. Er bestreitet die Existenz eines Anrufes, der derzeit für viel Wirbel sorgt. Ein Mitarbeiter der Landesleitstelle soll am Neujahrsmittag in der Kölner Wache angerufen und eine Korrektur des Einsatzberichtes gefordert haben. „Das sind doch keine Vergewaltigungen“, habe der Anrufer in harschem Ton erklärt. Und gefordert: „Den Begriff streicht ihr bitte. Dies ist auch ein Wunsch des Ministeriums.“ Ein 52-jähriger Kripobeamter hat diesen Vorfall vor dem Untersuchungsausschuss zu Protokoll gegeben. Der Innenminister, der eine interne Prüfung angeordnet hatte, erklärte dagegen, dass sich kein Mitarbeiter an einem solchen Anruf erinnern könne. Eine solche Anweisung habe es nicht gegeben.

Der CDU-Landesvorsitzende Armin Laschet setzt darauf, dass der Untersuchungsausschuss „die ominöse Figur in der Leitstelle, die wild in Köln anruft“, bald finden wird. „Wenn eine Person der Landesleitstelle in einem öffentlichen Polizeipräsidium anruft, muss man doch wissen, wer das war“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Als Folge der Übergriffe wurde Polizeipräsident Jürgen Albers entlassen. Innenminister Jäger glaubte damit, die Affäre aussitzen zu können. Ein Trugschluss.              Peter Entinger


MELDUNGEN

Opposition ohne Sonderrechte

Karlsruhe – Das Bundesverfassungsgericht hat die Schaffung spezifischer Rechte für die Oppositionsfraktionen des deutschen Bundestages abgelehnt. Das Grundgesetz begründe weder explizit spezifische Rechte, noch ließe sich ein Gebot der Schaffung solcher Rechte daraus ableiten, hieß es zur Begründung. Spezifische Oppositionsrechte seien zudem mit der Gleichheit der Abgeordneten und ihrer Zusammenschlüsse unvereinbar. Geklagt hatte die Fraktion der Linkspartei, weil sie ihre Minderheiten- und Oppositionsrechte im 18. Bundestag eingeschränkt sah, da nur 127 der 631 Sitze auf die Opposition entfallen. Damit erreicht sie die gesetzlich verankerten Quoren für die Ausübung bestimmter Minderheitenrechte nicht. J.H.

 

Geldstrafe für Pegida-Chef

Dresden – Das Amtsgericht Dresden hat den Pegida-Gründer Lutz Bachmann wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe von 9600 Euro verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der vorbestrafte Bachmann auf seiner Facebook-Seite Asylsucher unter anderem als „Gelumpe“ und „Viehzeug“ beschimpft hat. Dadurch habe er sie herabgewürdigt und so den öffentlichen Frieden gestört. Auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit könne er sich dabei nicht berufen, so Richter Hans Hlavka: „Wenn ein Gesetz verletzt wird, dann gibt es keine Meinungsfreiheit.“ Bachmann bestreitet, die Kommentare verfasst zu haben. Diese stammten von einer unbekannten Person, ließ er durch seine Verteidigerin erklären. Die Anklage hatte sieben Monate Haft gefordert und will Rechtsmittel einlegen. Der Fall schlägt bis ins Ausland Wellen. So berichtete auch die Tageszeitung „Hindu“, eines der auflagenstärksten Blätter Indiens, sogar mit Bild über den Prozess.              U.M.


S. 4 Hillary Clinton

Seriös und erfahren?
»Benghazigate« kratzt am Image der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton

Seriosität und politische Erfahrung sind es offenbar, mit denen Hillary Clinton gegenüber Donald Trump im Rennen um das Weiße Haus punkten will. Doch wie ist es darum bei der ehemaligen First Lady und Außenministerin, der Personifizierung des Establishments nicht nur in den USA, bestellt?

„Wenn man Commander in Chief und Präsident werden will. Was weiß man? Was hat man geleistet? Und was hat man vor?“, so die ehemalige Außenministerin gegen­über dem Fernsehsender CNN in Anspielung auf ihren Konkurrenten, der bislang keine Amtserfahrungen vorweisen kann. Leicht kann sich jedoch der auf Donald Trump gemünzte Vorwurf mangelnder Erfahrung und Professionalität als Bumerang erweisen. Speziell ihre vierjährige Amtszeit als Außenministerin unter Barack Obama bietet genug Angriffsfläche sowie Anlässe, an ihrer Kompetenz zu zweifeln.

Gleich zwei Skanadale könnten Hillary Clinton in politischer Hinsicht noch gefährlich werden. Da ist zum einen eine E-Mail-Affäre und zum anderen der sogenannte Bengasi-Skandal. Es zeugt nicht gerade von Professionalität, dass Clinton einräumen musste, während ihrer gesamten Zeit als US-Außenministerin eine private Mail-Adresse und einen privaten Mailserver für ihre dienstliche Korrespondenz verwendet zu haben. Offenbar lagen auf Clintons privatem Mailserver auch einige der bestgehüteten Amtsgeheimnisse Washingtons. So wurde zur Freude der oppositionellen Republikaner unter anderem bekannt, dass Clinton über ihre private E-Mail-Adresse auch Dokumente verschickt hat, die den Angriff auf das US-amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi am 11. September 2012 betreffen.

Dieses „Benghazigate“ ist mittlerweile der zweite Dauerbrenner für Kritiker von Hillary Clinton. Im Fokus stand dabei bisher die Frage, ob Clinton eine Mitverantwortung daran trägt, dass 2012 in der libyschen Hafenstadt vier US-Amerikaner zu Tode gekommen sind. Als damalige Außenministerin sah sich Clinton dem Vorwurf ausgesetzt, trotz warnender Depeschen des Botschafters vor Ort nicht genug für die Sicherheit der diplomatischen Einrichtung getan zu haben.

Mittlerweile hat der Journalist Seymour Hersh einen noch viel brisanteren Vorwurf erhoben. In einem Interview brachte Hersh die damalige US-Außenministerin zum ersten Mal ganz direkt mit einer Geheimdienstoperation in Verbindung, die über das US-Konsulat in Bengasi abgewickelt worden sein soll. Die Recherchen von Hersh ergeben folgendes Bild: Mit aktiver Hilfe der CIA sollen 2012 islamistische Rebellen Sarin-Giftgas aus den Beständen der geschlagenen libyschen Armee nach Syrien gebracht haben, wo es am 21. August 2013 in der Stadt Ghuta gegen die Zivilbevölkerung zum Einsatz kam.

Bereits 2013 und 2014 hatte Hersh in Artikeln für die „London Review of Books“ Belege vorgelegt, wonach die Obama-Regierung fälschlicherweise der Assad-Regierung die Schuld an dem Giftgasanschlag gegeben hat, um einen Vorwand für ein militärisches Eingreifen in Syrien zu haben.

Inzwischen hat Hersh in der Angelegenheit noch einmal nachgelegt: Hillary Clinton sei nicht nur die Hauptverantwortliche, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch über alle Details der Geheimdienstoperation um die Sarin-Beschaffung informiert gewesen. Der Vorwurf wiegt schwer: Hersh hat sich im Laufe von Jahrzehnten als Journalist eine hohe Glaubwürdigkeit erworben. Zahlreiche Informanten in Geheimdiensten und Regierungen haben es ihm erlaubt, mittlerweile Dutzende Skandale aufzudecken. Norman Hanert


Wenig verantwortungsvoll
Was Clintons Umgang mit E-Mails zum Skandal macht

Kurz bevor sie Anfang 2009 als Außenministerin der USA vereidigt wurde, begann Hillary Clinton nach eigenen Angaben aus Gründen der „Zweck­mäßigkeit“ damit, die neu registrierte E-Mail-Adresse hdr22@clintonemail.com zu nutzen. Im Gebrauch war dazu ein privater E-Mail-Server, der sich im Hause der Clintons im Bundesstaat New York befand. Den Server sicherte man offenbar nicht gesondert vor potenziellen Angriffen durch Hacker, weil eine konkrete Anweisung dazu nie erfolgte. Auch eine Verschlüsselung der Kommunikation im Internet erfolgte erst nach über zwei Monaten. Über die private E-Mail-Adresse erledigte Hillary Clinton ihre gesamte berufliche und private elektronische Korrespondenz und zwar über die ganze vierjährige Amtszeit als US-Außenministerin. Die vorgeschlagene Bereitstellung eines Computers für ihre persönliche Nutzung in ihrem Büro kam dagegen nie zustande. Im Juni 2011 erfolgte eine Anweisung an Untergebene, den Gebrauch privater E-Mail-Adressen für dienstliche Zwecke zu unterlassen. Clinton selbst setzte die Nutzung ihrer privaten E-Mail-Adresse jedoch fort.

Gescheitert ist offenbar im August 2011 auch der Versuch, ihr ein „offizielles“ Blackberry-Telefon zur Verfügung zu stellen. Zur damaligen Zeit hatte man von einem solchen Gerät nur Zugriff auf eine E-Mail-Adresse, was Clinton später auch als Erklär+ung für ihr Verhalten anführte. Aus Sicht der oppositionellen Republikaner hat Clinton dagegen auf eine private Adresse zurückgegriffen, um ihre gesamte Korrespondenz – dienstlich wie privat – unter Verschluss halten zu können.

Am 2. März 2015 und damitrund zwei Jahre nach Hillary Clintons Ablösung durch John Kerry  deutete die „New York Times“ in einem Artikel an, dass Clintons Verhalten eventuell gegen Vorgaben des Bundes verstoßen haben könnte. Obwohl dies nicht zuzutreffen scheint, erregte die Angelegenheit schnell beträchtliches Aufsehen und wurde von den Republikanern instrumentalisiert. Im Mai 2015 begann schließlich das Außenministerium mit der Veröffentlichung erster E-Mails. Markus Matthes


Die Motive sind immer noch umstritten

Unter anderem mit Maschinengewehren, Raketenwerfen und Granaten griff eine schwerbewaffnete Gruppe von Kämpfern am 11. September 2012 das US-Konsulat in der libyschen Stadt Bengasi an. Den Schlusspunkt der Aktion stellte das Eindringen militanter Islamisten in die Gebäude der diplomatischen Vertretung dar. Sie verschütteten kanisterweise Petroleum und stecken schließlich die Einrichtung in Brand. Die Ereignisse kosteten vier US-Bürger – unter ihnen der Botschafter Christopher Stevens – das Leben.

Das Weißen Haus bezeichnete den Angriff zunächst als spontane Reaktion. Tatsächlich war es an jenem Septembertag in vielen muslimischen Ländern zu Protesten gekommen. Der Anlass: ein islamkritisches Video, das auf der Internetplattform Youtube veröffentlicht worden war. Inzwischen sind die damaligen Vorkommnisse intensiv untersucht worden, nichtsdestotrotz bleiben Fragen offen.

Erkenntnisstand ist momentan, dass Gruppen die Angriffe durchführten, die zum Teil vorher mit den USA zusammengearbeitet hatten. Umstritten sind dagegen immer noch die Motive der Angreifer. Der jemenitische Zweig Al-Kaidas bezeichnete den Angriff auf das Konsulat als Racheakt für einen im Juni 2012 bei einem US-amerikanischen Drohnenangriff getöteten Islamisten. Inzwischen sind aber auch mehrfach Hinweise aufgetaucht, dass über die diplomatische US-Vertretung in Bengasi Waffen aus den Arsenalen des gestürzten Diktators Muammar al-Gaddafis aufgekauft und über die Türkei nach Syrien geschmuggelt wurden.

Im Juni 2014 fassten US-Spezialeinheiten den Anführer der Terrorgruppe Ansar al-Scharia (Anhänger des islamischen Rechts), der im Verdacht steht, Organisator des Überfalls auf das Konsulat gewesen zu sein.      N.H.


Zeitzeugen

Kevin McCarthy – Mit Bezug auf die Untersuchung um Hillary Clintons Agieren nach dem Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi im Jahr 2012 redete der 51-jährige Fraktionsvorsitzende der Republikaner im US-Repräsentantenhaus in einem Fernsehinterview Klartext: „Alle dachten, Hillary Clinton sei nicht zu stoppen. Wir aber haben einen Ausschuss zusammengestellt. Und wo stehen ihre Umfragewerte heute? Sie fallen.“

Diana Johnstone – In ihrem Buch „Die Chaos-Königin. Hillary Clinton und die Außenpolitik der selbsternannten Weltmacht“ wirft sie der ehemaligen Außenministerin das Fehlen eigener Prinzipien und einen unbedingten Aufstiegswillen vor. Clintons Außenpolitik sei maßgeblich von den US-amerikanischen Neocons beeinflusst worden. Einziges Ergebnis der Außenpolitik Hillary Clintons sei das Entstehen von Chaos gewesen.

Seymour Hersh – Er gilt als der bekannteste investigative Journalist der USA. Bekannt wurde Sy, so sein Spitzname, als er im Jahr 1969 das von US-Soldaten begangene Kriegsverbrechen von My Lai aufdeckte. Im Jahr 2004 war er daran beteiligt, den Folterskandal im irakischen Abu-Ghuaraib-Gefängnis öffentlich zu machen.

Christof Lehmann – Am 7. Oktober 2013 veröffentlichte der Publizist unter dem Titel „Top US and Saudi Officials responsible for Chemical Weapons in Syria“ Rechercheergebnisse zu dem Giftgasanschlag in der syrischen Stadt Ghuta. Er beschuldigt den Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff Martin Dempsey, CIA-Direktor John Brennan, den damaligen saudischen Geheimdienstchef Prinz Bandar und das Innenministerium Saudi-Arabiens, für den Giftgasanschlag verantwortlich zu sein.

Christopher Stevens – Am 11. September 2012 ist der damalige Botschafter der USA in Libyen bei einem Angriff von Islamisten in Bengasi getötet worden. Von 2007 bis 2009 war er stellvertretender Leiter der diplomatischen Vertretung seines Landes in Libyen gewesen. Von März bis November 2011 fungierte er als „Special Representative“ beim Nationalen Übergangsrat in Libyen.


S. 5 Preussen/Berlin

Breslau rückt wieder näher
Zumindest diesen Sommer verbindet ein Zug die schlesische Hauptstadt mit Berlin

Ob Breslau, Thorn oder Stettin: Die Bahnverbindungen von Berlin in den historischen Osten Deutschlands im heutigen Polen sind beschämend schlecht. Breslau macht diesen Sommer jedoch eine positive Ausnahme.

Offenbar bedurfte es erst eines Anlasses wie der Erklärung Breslaus zur Europäischen Kulturhauptstadt 2016, damit wieder eine vernünftige Zuganbindung von Berlin in Richtung Niederschlesien angeboten wird. Zumindest für den kommenden Sommer wird Berlin und Breslau jetzt ein sogenannter „Kulturzug“ verbinden. Bis zum 30. September fährt dieser an den Wochenenden und an Feiertagen von der Spree in die schlesische Metropole und zurück. Zwischenstationen macht der Zug in Cottbus, Forst sowie in Sorau [Zary], Sagan [Zagan] und Liegnitz [Legnica]. Mit an Bord des Zuges ist eine Bibliothek. Angekündigt ist, dass es regelmäßig auf der Fahrt Lesungen und andere Kulturangebote geben soll.

Der von den Ländern Berlin, Brandenburg und der Stadt Breslau mitfinanzierte Fahrpreis für die viereinhalbstündige Reise beträgt nur 19 Euro pro Strecke. Die Beteiligung der niederschlesischen Metropole hat einen guten Grund: Breslau ist bemüht, sich weltoffen zu zeigen, um als Touristenstadt attraktiver zu werden. Ein Meilenstein dabei könnte durchaus das laufende Jahr werden. Breslau ist neben dem spanischen San Sebastián Europäische Kulturhauptstadt 2016, geplant sind bis Ende des Jahres 1000 einzelne Veranstaltungen.

Der Kulturzug soll für Berlin und Brandenburg in diesem Frühjahr nicht die einzige neue Bahnverbindung in Richtung Osten sein. Auch Thorn [Torun] an der Weichsel, dessen Altstadt von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde, soll von Berlin aus künftig wieder per Direktverbindung erreichbar sein. Abzuwarten bleibt, ob es sich bei den neuen Angeboten nach Breslau und Thorn um einen grundlegenden Einstellungswechsel bei der Bahn handelt. Medienberichten zufolge geht die Initiative für den „Kulturzug“ auf die beteiligten Länder zurück und nicht auf die Deutsche Bahn.

Generell kann das Angebot des Bahnkonzerns zu Zielen im historischen Ostdeutschland bislang nicht sonderlich überzeugen. Mehrere Direktverbindungen, wie zum Beispiel der Eurocity „Wawel“ von Berlin nach Breslau, alle Nachtzugverbindungen und auch mehrere Regionalzüge wurden im Laufe der vergangenen Jahre eingestellt.

Als symptomatisch kann gelten, was bei der Modernisierung der Zugverbindung von Berlin nach Stettin zu beobachten ist. Daran, dass die Stettiner schnell und bequem per Bahn zum Theaterbesuch oder Einkauf nach Berlin fahren können, wie aus der Vorkriegszeit berichtet wird, ist nicht mehr zu denken. Die Züge sind inzwischen gut zwei Stunden unterwegs –selbst Dampfloks schafften die Strecke früher in gut 30 Minuten weniger. Ausgebremst wird die Verbindung vor allem durch ein Nadelöhr: Die an sich zweigleisige elektrifizierte Strecke ist auf dem Streckenabschnitt zwischen dem brandenburgischen Passow bis Stettin-Scheune [Szczecin-Gumience] auf einer Länge von 40 Kilometern nur eingleisig und nicht elektrifiziert. Diese Infrastrukturlücke schränkt den Nutzen der insgesamt 138 Kilometer langen Trasse massiv ein.

Verhandlungen zu einem Staatsvertrag über die Modernisierung der Bahnstrecke Angermünde-Stettin zogen sich erst acht Jahre hin, bis 2012 endlich ein unterschriftsreifer Text vorlag. Weitergekommen ist die Modernisierung der Trasse damit allerdings noch immer nicht. Bei den 2013 angelaufenen Verhandlungen zwischen Bund und Deutscher Bahn über den Umfang des Ausbaus erschien es lange so, als wenn der Bahnkonzern eine Sparvariante durchsetzen wolle. Man könne nicht überdimensioniert planen, es werde nur gebaut, wo Züge auch genutzt würden, so ein Bahnsprecher im vergangenen Jahr.

Für Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD), der zugleich Polen-Koordinator der Bundesregierung ist, war dies unter anderem ein Grund, zum ersten deutsch-polnischen Bahngipfel am 11. September 2015 nach Potsdam einzuladen. Dort kündigte Bahnchef Rüdiger Grube  immerhin an, dass die Strecke Berlin–Stettin zweigleisig ausgebaut und durchgängig elektrifiziert werden soll. Allerdings ist erneut Geduld gefordert: Die Fertigstellung ist erst zum Jahr 2020 angekündigt.

Verschenkt ist mit solcherart Verkehrspolitik ein immenses wirtschaftliches Potenzial für die Region Berlin-Brandenburg. Allein im Großraum Stettin leben mehr als 700000 Menschen. Für die Stettiner sind die Flughäfen Berlin-Tegel und Schönefeld meist die beste Option, wenn es um Fernreisen geht. Durch eine zögerliche, oftmals sogar ignorante Verkehrspolitik wurde mittlerweile ein Vierteljahrhundert an Chancen verschenkt. Viele exotische Ziele sind von Berlin aus mit dem Flugzeug schnell und bequem erreichbar, eine Zugfahrt nach Kolberg oder Grünberg gleicht dagegen oftmals immer noch einer kleinen Weltreise.

Ins Bild passend, wird es sich auch beim „Kulturzug“ nach Breslau zunächst einmal um ein zeitlich befristetes Projekt handeln. „Von ihm soll aber ein deutliches Signal für eine verlässliche Fernverbindung nach Breslau und weiter nach Schlesien ausgehen“, so Woidke. Angekündigt ist, dass  der märkische Ministerpräsident in den kommenden Wochen in Gesprächen mit deutschen und polnischen Verantwortlichen bessere Verbindungen voranbringen will.                 Norman Hanert


Nützliche Idiotin der Islamisierung
von Theo Maass

Barbara John (CDU), bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, hat sich dieser Tage zu den Auffälligkeiten muslimischer Immigranten in Deutschland geäußert. Toleranz fordert die in der Berliner CDU wenig schmeichelhaft „Türken-Bärbel“ genannte, inzwischen 78-jährige Politikerin von der einheimischen Mehrheitsgesellschaft ein. Anlass war eine Debatte um die Weigerung von Moslems, Frauen zur Begrüßung die Hand zu geben. „Welcher kulturelle Wert ist denn beschädigt, wenn Kopftücher getragen oder der Handschlag verweigert wird?        Befürchten wir tatsächlich, dass die Errungenschaften der Aufklärung und der Demokratie, die hier über Jahrtausende erkämpft wurden, kaputtgehen, wenn mir jemand die Hand nicht schüttelt?“

2003 versuchte sie gemeinsam mit Rita Süssmuth (CDU) und Marieluise Beck (Grüne), für mehr Toleranz für moslemische Frauen zu werben, die das Kopftuch im öffentlichen Dienst tragen wollen. Der damalige Vorsitzende der Berliner Jungen Union, Tim Peters, bezeichnete sie damals als „nützliche Idioten“ des fundamentalistischen Islam.

Wenig tolerant zeigte sich John im Umgang mit islamkritischen Parteifreunden. Als 2009 René Stadtkewitz (CDU-Pankow) und Kurt Wansner (CDU-Kreuzberg) im Abgeordnetenhaus zu einer kritischen Diskussionsveranstaltung über den Islam einladen wollten, spuckte sie so lange Gift und Galle, bis die Veranstaltung nicht stattfand. Ergebnis: Stadtkewitz gründete eine eigene Partei („Die Freiheit“), mit der er 2011 in Konkurrenz zur CDU antrat, allerdings ohne Erfolg. Damals war die Zeit für derartige politische Projekte offenbar noch nicht reif. Keine Frage, dass John auf CDU-Wähler abschreckend wirkt und wirkte. Dennoch unternahm weder die Landes- noch die Bundespartei etwas, ihr den Stuhl vor die Tür zu stellen.

Das Ergebnis ist (nicht nur) in Berlin zu besichtigen. In der Hauptstadt schaut sich der CDU-Chef und Innensenator Frank Henkel die 20-Prozent-Marke in den Umfragen an – von unten. Barbara John hat in der Union Narrenfreiheit. Deswegen kann sie es sich erlauben, ihre alteingesessenen Mitbürger ungeachtet der immer sichtbarer werdenden Überfremdung weiter zu schulmeistern.

„Uns fehlt die angelsächsische Nüchternheit. Immer schön in der Mitte bleiben, auch wenn es im Weltgeschehen hoch hergeht. Heute begeistert und morgen enttäuscht und verbiestert hat leicht pathologische Züge.“ Angelsächsische Nüchternheit? Großbritannien sperrt sich entschieden gegen weitere massenhafte Zuwanderung aus islamischen Ländern, weil man dort einschneidende Erfahrungen damit gemacht hat, was bei zu viel „Nüchternheit“ herauskommen kann.


Trickst der Senat bei A100?
Grüne und Linkspartei wollen Ausbau des Stadtrings stoppen

Auf dem Tisch des Bundesverkehrsministers liegt ein Brief der Fraktion der Linkspartei im Bundestag, der für Streit sorgt. Es geht um die Abschnitte 16 und 17 der Autobahn A100 in Berlin (Stadtring): „Die Deklarierung eines Bauprojekts als ,im Bau befindlich‘, für das es noch nicht einmal Bau- und Planungsrecht gibt, hebelt die demokratische und gesellschaftliche Diskussion über Für und Wider aus.“

Der Grund der Beschwerde ist der im März öffentlich ausgelegte Entwurf für den Bundesverkehrswegeplan 2030. Einwände dagegen waren bis Anfang Mai vorzubringen. Wenn der Plan rechtskräftig wird, ist ein juristisches Vorgehen dagegen schwieriger, aber gleichwohl weiter möglich.

Grüne und Linkspartei kämpfen seit Jahren gegen den Weiterbau der Autobahn. Ihre Hoffnung ruhte bislang auf den Berliner Landtagswahlen im September. Nun fürchten sie, dass es in Sachen A100 für eine neu formierte Landesregierung wenig zu entscheiden geben könnte, weil dann schon alles festgezurrt sein dürfte. Nach den jüngsten Umfragen würde die bisher regierende rot-schwarze Koalition nur noch 44 bis 45 Prozent erlangen. Danach könnte die SPD ab Herbst nur noch mit einem rot-rot-grünen Bündnis weiterregieren. Der verkehrspolitische Sprecher der Linkspartei im Abgeordnetenhaus, Harald Wolf, frohlockt: „Nach den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen könnte die SPD im Herbst gezwungen sein, mit zwei Parteien in Koalitionsverhandlungen zu gehen, die den Weiterbau (der A100) ablehnen.“

Das Bundesverkehrsministerium hat im Bundesverkehrswegeplan etwas getrickst. Dort werden die Bauabschnitte 16 und 17 (Autobahndreieck Neukölln – Storkower Straße) in ihrer Gesamtheit als „im Bau“ ausgewiesen. Dabei treffe dies nur auf Abschnitt 16 zu, monieren Kritiker. Aber wenn man es ganz genau nimmt, dann ist die Deklarierung als „im Bau“ doch nicht so falsch. Beim Umbau des Bahnhofs Ostkreuz wurde baulich für einen Tunnel vorgesorgt und der Bahnhof liegt eindeutig im Abschnitt 17.

Harald Moritz von den Grünen prophezeit ein „wesentlich höheres Prozesspotenzial als beim       16. Bauabschnitt“. Es erscheint skurril, dass die „Linke“, die ihre meisten Wähler (noch) im Ostteil der Stadt findet, den „Ossis“, die mit ihrem Auto jeden Tag im Stau stehen, ihre Stadtautobahn nicht gönnt. Die grüne Klientel dürfte mit der Haltung ihrer Partei dagegen zufrieden sein. H.L.


1. Mai: 59 Beamte verletzt
Innensenator Henkel zieht positive Bilanz – Zweifel angebracht

Eine „überwiegend positive“ Bilanz  nach dem „Myfest“ und der „Revolutionären      1. Mai Demonstration“ haben Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) und Polizeipräsident Klaus Kandt gezogen. Der 1. Mai sei weitgehend friedlich verlaufen, das Konzept der Polizei aufgegangen, so die Einschätzung des in Berlin traditionell kritischen Feiertags durch den Senator. In der Walpurgisnacht und am 1. Mai hatte die Polizei 6091 Beamte im Einsatz.

„Die Einsatzkräfte hatten die Lage die ganze Zeit gut im Griff“, so Henkel. Nach seiner Darstellung hat es die Polizei geschafft, nach einem kurzen kritischen Moment am Ende der Demo die Situation schnell einzudämmen. Die Doppelstrategie aus zurück­haltendem Auftreten und konsequentem Zugriff habe sich erneut bewährt. „Der 1. Mai ist sicher auch weiterhin kein völlig normaler Tag, aber es ist auch keine Krawallparty wie früher mehr“, so Henkels Bewertung.

Ob der Tag in der Hauptstadt tatsächlich so friedlich verlief, wie vom Senator dargestellt, darf bezweifelt werden. Gemeldet wurde immerhin, dass 59 Polizisten im Einsatz Verletzungen erlitten haben. Allein bei einem Einsatz am Lausitzer Platz waren 45 Beamte verletzt worden. Im Zuge eines kurzen heftigen Gewaltausbruchs hatten auf dem Platz in Kreuzberg gegen 20 Uhr vermummte Personen Bundespolizisten mit Steinen und Flaschen beworfen.

Wie aus Presseberichten hervorgeht, hatte die Polizei sogar mit einer sogenannten „Spontandemo“ von Linksradikalen gerechnet. So hatte im Vorfeld ein Bündnis linker Gruppen zur „Revolutionären 1. Mai Demo“ aufgerufen. Mobilisiert wurden dann tatsächlich mehrere hundert Demonstrationsteilnehmer, die sich gegen 18 Uhr auf dem Kreuzberger Oranienplatz versammelten.

Mit der Begründung, man wolle Krawallmachern keinen Vorwand für eine Eskalation liefern, ließ die Polizei ungeachtet eines Verbots die Teilnehmer gewähren. Möglich wurde damit, dass die Linksradikalen durch die Oranienstraße zogen. Gezündet wurden dabei Feuerwerkskörper. Auch während des weiteren Umzugs über Heinrich-Heine- und Köpenicker Straße kam es zu Stein- und Flaschenwürfen. Die Polizeiführung setzte dennoch auf Zurückhaltung. Von ihr als Erfolg gewertet wurde, dass der Versuch des „schwarzen Blocks“ gescheitert sei, weitere Demonstranten mit Provokationen zur Militanz zu bewegen.     N.H.


S. 6 Ausland

Panik in Durchwinkländern
Wie Hellas fürchtet auch Italien, auf den Asylsuchern sitzen zu bleiben, die es ins Land gelassen hat

Was vielen Gipfeltreffen von Regierungen oder Staatschefs und auch Dutzenden Nato-Kriegsschiffen nicht gelang, scheinen jetzt strenge Grenzkontrollen in Österreich und Mazedonien zu bewirken. Sie haben den Flüchtlingsstrom über Europas Grenzen hinweg zum Stehen gebracht und stauen ihn in den Ländern, die ihn durch vernachlässigte oder nicht vorhandene EU-Außengrenzkontrollen verursacht haben: Griechenland und Italien.

In Griechenland schießt sich Ministerpräsident Alexis Tsipras seit Monaten auf Mazedonien ein und droht mit EU- und Nato-Blockade für das Nachbarland, das angeblich auch einer griechischen Provinz den Namen gestohlen haben soll. In Italien schießt man sich auf Österreich ein, seitdem man dort angefangen hat, sich gegen den erwarteten Zustrom über den Brenner zu rüsten.

Seitdem von italienischen Politikern jetzt erstmals konkrete Taten zur Asylpolitik anstatt Durchwinken und Konferenzabsitzen erwartet werden, geraten einige in Panik und schicken Demonstranten an die Brennergrenze, um dort ihren Frust anstatt gegen eine gescheiterte Asylpolitik lieber gegen Österreich, das schon immer leichtes Feindbild war, abzuladen. Am Brenner kam es so zu den stärksten Protestaktionen seit mehreren Jahrzehnten, weil immer mehr italienische Politiker überzeugt sind, dass der nach der Schließung der Balkanroute in Italien erwartete Asylsucherzustrom, wenn er sein Ablassventil verloren hat, Italien tief ins Chaos stürzt. Fast täglich droht Ministerpräsident Matteo Renzi Österreich jetzt mit der europäischen Keule, falls am Brenner streng kontrolliert werde.

Italienische Zeitungen vergleichen die Pläne für den 600-Meter-Zaun am Brenner schon mit der Berliner Mauer. Seltsamerweise richtet sich der Zorn weniger gegen den großen Nachbarn Frankreich, der schon immer seine Grenzen gegen Italien abgeschottet hat. Weil Italien seine Seegrenzen nicht zu sichern vermag, werden bei anhaltendem Zustrom am Ende Hunderttausende von Migranten in Italien festsitzen, so wie dies bereits jetzt mit gut 50000 Menschen in Griechenland der Fall ist. Auf diesen massenhaften Zustrom aber sind weder Italien noch Griechenland, beides traditionelle Durchwinkländer, vorbereitet.

Beide Staaten gehen seit Jahren die wachsenden Asylprobleme mit einer Mischung aus Laxheit und Ignoranz an. Anstatt Integration und Notfallplänen, wie es sie seit Beginn der Massenzuwanderung in Nordeuropa gibt, setzt man in Südeuropa auf Abwarten und Durchwinken. Es gibt zwar in diesen Ländern offiziell ein Asylrecht, aber kaum Leistungen zur Integration, man hofft einfach, dass die Asylsucher nach Norden weiterziehen. Für die, die dennoch in diesen Ländern hängen bleiben, gibt es dann oft nur Schwarzarbeit, Drogenhandel, Prostitution, Bettelei und so weiter zum Überleben. All das ist natürlich illegal, aber Polizei und Ordnungsbehörden schauen aus Bequemlichkeit meistens weg.

In Regionen mit starker Mafiapräsenz wie in Süditalien hat diese bereits das Asylgeschäft entdeckt. Dort, wo es Notunterkünfte von Asylsuchern gibt, versucht die Mafia Beamte zu korrumpieren und die Asylhilfe selbst zu übernommen. Die Sozialhilfen des Staates werden von der Mafia einkassiert, die dann auch die „Betreuung“ der Asylsucher auf ihre Art übernimmt. Asylsucher, die sich weigern die fälligen Schutzgelder zu bezahlen, müssen dann mit dem Schlimmsten rechnen.

Regierungen wie die Italiens oder Griechenlands, die bisher nur auf Durchwinken eingestellt waren, wird es schwerfallen, ihre Bürger zu einer Willkommenskultur zu überreden, zumal wenn die autochthone Bevölkerung selbst zur Hälfte arbeitslos ist und sich vom Staat im Stich gelassen fühlt. Eine Willkommenskultur ist auch kaum noch zu vermitteln, wenn − wie nach Italien − nur noch zehn bis 20 Prozent der Asylsucher aus Kriegsgebieten kommen und der große Rest zumeist junge männliche Wohlstandsflüchtlinge sind aus Ländern wie Nigeria, Ghana oder dem Senegal mit demokratisch gewählten Regierungen. Wenn Italien oder Griechenland sich weiterhin weigern, konstruktive Lösungen mit zu suchen und die Verantwortung für ihre Asylsucher lieber anderen Ländern oder der Mafia überlassen, wird die Völkerwanderung in diesen Ländern zu einer tickenden Zeitbombe. Bodo Bost


Wirbel um BBC-Film
Dokumentation über MH17 lässt Zweifel an offizieller Version zu

Da die Absturzursache der im Juli 2014 über dem ukrainischen Separatistengebiet abgestürzten malaysischen MH17-Maschine nie mit letzter Gewissheit geklärt wurde, ranken sich viele Gerüchte und Verschwörungstheorien um die Flugzeugkatastrophe. Für neuen Wirbel sorgte die vor Kurzem ausgestrahlte BBC-Dokumentation mit dem Titel „Conspiracy Files. Who shot down MH17?“ Darin beleuchtet Regisseur und Produzent Mike Rudin zunächst die offizielle Version des holländischen Sicherheitsrats. Dieser Version stellt Rudin andere Erklärungsversuche entgegen, auch die, dass ein ukrainisches Kampfflugzeug vom Typ Su-25 die Boeing abgeschossen haben könnte.

Diese Theorie stützt sich auf Recherchen des Berliner Journalisten Billy Six, der vier Monate in der Ukraine verbracht hat und mit hunderten Menschen über die Flugzeugtragödie sprach. Sieben Zeugen des Absturzes haben ihm erzählt, dass sie am Unglückstag Kriegsflugzeuge gesehen und einen Knall gehört hätten. Einer der Befragten wollte eine Rakete in der Luft gesehen haben.

Six geht davon aus, dass die Boeing von zwei Militärflugzeugen Su-25 getroffen wurde. Eines habe ins Cockpit gefeuert, um die Piloten auszuschalten, das zweite habe eine Luft-zu-Luft-Rakete abgefeuert. Es gibt Befürworter und Gegner dieser These. Im Film kommen beide Seiten zu Wort.

Auch der steilen Behauptung des Mitarbeiters des russischen Informationszentrums für Analysen und Sicherheit, Sergej Sokolow, der den US-Geheimdienst für den Absturz verantwortlich macht, wird Raum gegeben.

Was soll der Film bezwecken und warum erscheint die Dokumentation gerade jetzt, knapp zwei Jahre nach der Tragödie? Rudin erklärt es in der Doku selbst: Weil so viele Russen und Ukrainer in den Separatistengebieten Zweifel an der offiziellen Version hegten, habe ihn das Thema gereizt. Sein Ziel sei es, allen Untersuchungen, Vermutungen und Verschwörungstheorien nachzugehen, sie im Film darzustellen, jedoch, ohne zu bewerten. Das überlasse er dem Zuschauer.

Wenn allerdings im Film russische und amerikanische Deutungsversuche zwar gegenübergestellt, am Ende aber der ehemalige Botschafter der USA in der Ukraine, Steven Pfeiffer und der Journalist und Putin-Gegner Peter Pome­ranzew russischen Medien vorwerfen, „ständig Verschwörungstheorien zu produzieren, um die Russen so zu verwirren“, dann entsteht schon der Eindruck, dass hier manipuliert werden soll. So fassen es zumindest die Russen auf, die dem staatlichen Sender BBC ihrerseits vorwerfen, als Propaganda-Instrument ihrer Regierung zu dienen.

Wie bereits der Titel „Conspiracy Files“ suggeriert, handelt es sich um eine Serie über Verschwörungstheorien. Rudin hat bereits mehrere Dokumentationen über mysteriöse Ereignisse gedreht, etwa über den Tod von Prinzessin Diana oder auch über die Anschläge vom 9. September in Amerika.

Was russische Politiker erfreuen dürfte, ist eine allmähliche Veränderung in der Berichterstattung über die Ukraine in westlichen Medien. Am Tag vor der BBC-Ausstrahlung berichtete „The Daily Express“, die BBC-Doku habe bestätigt, dass für den Absturz ein ukrainisches Militärflugzeug für den MH17-Absturz verantwortlich sei.

Auch ein anderer Film der BBC, „Ukraine: Die Maske der Revolution“, zeigt deutlich anti-ukrainische Tendenzen.

                Manuela Rosenthal-Kappi


Keine Moschee in Nizza
Bürgermeister verbietet Eröffnung und verklagt den Präfekten

Unter dem Eindruck der islamistischen Massaker von Paris weigert sich der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, der vom saudischen Religionsministerium finanzierten hypermodernen Al-Nour-Moschee, die ohne Zustimmung des Stadtrates erbaut wurde, die Genehmigung zur Eröffnung zu erteilen.

Seit den Attentaten von Paris im vergangenen Jahr versuchen die französischen Staatsorgane, die islamischen Vereine und vor allem die Moscheen in Frankreich einer ständig verstärkten Kontrolle zu unterziehen. Mehrere Moscheen und islamis(tis)che Vereine wurden nach dem 13. November in der Region von Paris bereits geschlossen. Im Visier stehen gegenwärtig vor allem die Moscheen, die von ausländischen, nicht kontrollierbaren Fonds finanziert werden.

Um eine solche handelt es sich auch bei der nun in Rede stehenden Al-Nour-Moschee in Nizza. Bekannt ist zumindest, dass der saudische Minister für islamische Angelegenheiten, Scheich Saleh ben Abdel Aziz Al-Cheikh, der Eigentümer des Gebäudes ist. Dieser war bereits mehrmals damit aufgefallen, dass er auf der arabischen Halbinsel dazu aufgerufen hatte alle christlichen Kirchen zu zerstören. Sein eigenes Land Saudi-Arabien kann er damit nicht gemeint haben, denn dort sind Kirchen schon längst verboten. Diese Intoleranz hindert den Minister aber nicht daran, die Toleranz des Westens weidlich auszunutzen. Dort baut er weiter prächtige Moscheen.

Estrosi gehört der vom ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy geführten bürgerlichen Oppositionspartei Les Républicains (LR, Die Republikaner) an. Der ehemalige Motorradrennfahrer, der seit 2008 als Bürgermeister seiner Heimatstadt Nizza dient und seit 2010 den fünften Wahlkreis des Départements Alpes-Maritimes in der Nationalversammlung vertritt, stört sich daran, dass Saudi-Arabien zwar einerseits zu den größten Kriegstreibern im Nahen Osten gehört, aber andererseits keine muslimischen Kriegsflüchtlinge aus der Region bei sich aufnimmt. Stattdessen lenkt es die Wanderungsströme lieber gen Westen, um dort dann für die größtenteils muslimischen Asylsucher prächtige Moscheen zu bauen.

Da Estrosi nicht einen ausländischen Minister verklagen kann, richtete er jetzt mit Rückendeckung seines gesamten Stadtrates, eine Klage gegen Adolphe Colrat. Colrat, der als zuständiger Präfekt den Zentralstaat auf der Ebene der Départements vertritt, hatte die Öffnung der Al-Nour-Moschee in Nizza genehmigt, allerdings gleichzeitig verlangt, dass die Moschee von keiner ausländischen Autorität abhänge. Gegen den Vorwurf, dass er seine Befugnisse überschritten habe, argumentiert er, in der Moschee würden nicht nur Muslime aus Nizza beten, sondern aus dem gesamten Departement, dessen zwar nicht gewählter aber von Paris ernannter Präfekt er sei. Jetzt entscheidet ein Gericht.               Bodo Bost


MELDUNGEN

Gericht billigt Asyl-Referendum

Budapest – Das Oberste Gericht Ungarns hat das Vorhaben von Ministerpräsident Viktor Orbán, das Volk in einem Referendum über verbindliche „Flüchtlingskontingente“ abstimmen zu lassen, für rechtmäßig erklärt. Dabei billigte es ausdrücklich die Fragestellung des Referendums: „Wollen Sie, dass die Europäische Union ohne Zustimmung des ungarischen Parlaments die verpflichtende Ansiedlung von nicht-ungarischen Bürgern in Ungarn anordnet?“ Orban plant, die Volksbefragung zwischen August und Dezember durchzuführen. Seine Kampagne für ein „Nein“ läuft bereits seit April. Die EU-Innenminister hatten Ende September 2015 die Verteilung von Asylbewerbern nach einer Quote beschlossen.  Budapest sieht dadurch seine Souveränitätsrechte verletzt.           J.H.

 

Dänemark bestraft Schleuser

Kopenhagen – Personen, die Illegale bei der Ein- oder Durchreise unterstützen, werden in Dänemark juristisch belangt. Zur Begründung heißt es, sie hätten gegen geltendes Recht verstoßen, denn das Gesetz mache keinen Unterschied zwischen Menschenschmuggel aus humanitären und aus finanziellen Gründen. Derzeit ermitteln die Behörden gegen 230 Personen. Ihnen wird vorgeworfen, Illegalen bei der Einreise nach Dänemark beziehungsweise bei der Weiterreise nach Schweden geholfen zu haben. Ein Paar musste bereits 6000 Euro Strafe zahlen, weil es Illegale mit dem Pkw von Deutschland nach Dänemark und weiter nach Schweden transportiert hat. Die Staatsbahn hingegen hat keine Konsequenzen zu befürchten, obwohl auch ihr Menschenschmuggel vorgeworfen wird. Die Bahn hat im vergangenen Jahr tausende Illegale durch Dänemark nach Schweden befördert – sogar kostenfrei.           J.H.


S. 7 Wirtschaft

Mehr arbeitslose als arbeitende Syrer
Verhältnis von Beschäftigten zu Arbeitslosen verschlechtert sich bei den großen Asylsuchergruppen stark

An Studien über die wirtschaftliche Situation von Immigranten mangelt es nicht. Häufig kommen sie zu dem Ergebnis, dass ihre Aussichten schlechter seien als die der einheimischen Bevölkerung. Der Datenreport 2016, der in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, gibt auch wenig Anlass zur Hoffnung.

Mehr als 450 Seiten haben Wissenschaftler vom Statistischen Bundesamt, der Bundeszentrale für politische Bildung und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zusammengetragen und dabei auch Ergebnisse früherer Untersuchungen berücksichtigt. „Wir wollten den Lebensverlauf von Migranten nachverfolgen, um daraus zu lernen. Etwa, was man jetzt bei den Flüchtlingen anders und richtiger machen kann“, sagte WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger gegenüber dem Internetportal der „Tagesschau“. Der Anteil der Erwerbslosen war demnach bei der Bevölkerung mit Immigrationshintergrund (sieben Prozent) im Jahr 2014 deutlich höher als bei der Bevölkerung ohne Immigrationshintergrund (vier Prozent). 65 Prozent der 15- bis 64-Jährigen mit Immigrationshintergrund waren erwerbstätig – elf Prozentpunkte weniger als in der Bevölkerung ohne Immigrationshintergrund. Besonders groß sind die Unterschiede bei den Frauen: Insgesamt standen 37 Prozent aller Frauen mit Immigrationshintergrund dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Bei den Frauen ohne Immigrationshintergrund waren es 24 Prozent.

Dabei gibt es allerdings große Unterschiede zwischen einzelnen Immigrantengruppen. Deutlich ist der Einfluss der Bildung. Mit höherem Bildungsstand verbessern sich ihre Chancen am Arbeitsmarkt, sie erzielen höhere Einkommen und ihr Armutsrisiko sinkt. Das sei eine absolute Parallele zur einheimischen Bevölkerung, erklärt WZB-Präsidentin Allmendinger. 2014 verdienten Zuwanderer mit niedrigem Bildungsabschluss 272 Euro weniger als jene mit mittlerem Abschluss, diese wiederum 683 Euro weniger als solche mit hohem Abschluss. Bei Menschen ohne Immigrationshintergrund betrugen die Unterschiede 311 Euro und 963 Euro.

Einen positiven Ansatz wollen die Wissenschaftler aber ausgemacht haben. Unter den nach dem Jahr 2000 Zugewanderten ist der Anteil derer, die Abitur oder einen Hochschulabschluss haben sogar etwas höher als in der Gesamtbevölkerung. Dennoch schneiden Immigrantenkinder im Gesamtvergleich immer noch schlechter ab, was die WZB-Präsidentin „mit strukturellen Problemen des Bildungssystems“ erklärt. Immer noch würden die Kinder von Immigranten, die über gleiche Leistungen und gleiche Fähigkeiten verfügten, seltener auf höhere weiterführende Schulen geschickt, es gebe Diskriminierung.

Interessant ist die Studie vor allem unter dem Aspekt, dass erstmals die Lebenssituation älterer Immigranten (Generation 50plus) untersucht wurde. Sie schneiden im Vergleich mit der einheimischen Bevölkerung besonders schlecht ab. Die Armutsquote unter älteren Gastarbeitern ist besonders hoch. Von diesen aus Anwerbeländern stammenden Menschen hätten fast zwei Drittel keinen berufsqualifizierenden Abschluss. Nur die Hälfte gehe noch einer Beschäftigung nach. Mehr als ein Viertel beziehe bereits eine Rente, meist aufgrund von Erwerbsunfähigkeit. Armutsgefährdet sind demnach knapp ein Viertel der 50- bis 64-Jährigen und gut ein Drittel der über 65-Jährigen.

Interessanterweise stuften viele Immigranten ihre persönliche und wirtschaftliche Lebenssituation wesentlich optimistischer ein, als es die Datenlage vermuten lasse. Sie seien sogar etwas zufriedener als die Bevölkerung ohne Immigrationshintergrund und blick­ten optimistischer in die Zukunft. Ihre Lebenszufriedenheit in fünf Jahren würden sie sogar deutlich besser als Menschen ohne Immigrationshintergrund einschätzen, sagt die WZB-Präsidentin.

Von besonderem Interesse aufgrund der aktuellen Zuwanderungsproblematik waren für die Forscher auch die Erkenntnisse über die Integrationsfähigkeit von anerkannten Asylsuchenden. Doch auch hier sind die Ergebnisse eher unterdurchschnittlich.

Zwar werden anerkannte Asylbewerber in den Arbeitsmarktstatistiken nicht gesondert geführt. Aber die Wissenschaftler haben in ihrer Arbeit die Angaben zu Beschäftigung und Arbeitslosigkeit nach Staatsangehörigkeit ausgewertet. Setzt man die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Relation zur Zahl der Arbeitslosen, so kamen 2015 in Deutschland insgesamt elf Beschäftige auf einen Arbeitslosen. Viel schlechter ist dieses Verhältnis bei den großen Flüchtlingsgruppen: Bei den Irakern gab es etwa gleich viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wie Arbeitslose, bei den Syrern waren die Arbeitslosen sogar in der Mehrheit. Seit 2011 hat sich diese Beschäftigten-Arbeitslosen-Relation für die wichtigen Flüchtlingsgruppen deutlich verschlechtert. „Dies steht in deutlichem Gegensatz zum Trend in Deutschland insgesamt, der aufgrund der günstigen Konjunktur positiv war“, sagte WZB-Wissenschaftlerin Mareike Bünning gegenüber „Spiegel Online“

Bünning appellierte an die Politik, sich mit diesem Thema noch stärker auseinanderzusetzen. „Wir wissen sehr wenig über Flüchtlinge, die zu uns kommen. Bildungsabschlüsse und Qualifikationen werden nicht statistisch erfasst, Probleme gibt es auch durch mangelnde Sprachkenntnisse.“ Zudem seien Zuwanderer oft durch lange Reisewege aus ihren Herkunftsländern und lange Asylverfahren raus aus dem Arbeitsmarkt. „Der Wiedereinstieg wird somit immer schwieriger.“     Peter Entinger


Verpönt, aber praktisch
Bundesregierung will kostenlose Plastiktüten abschaffen

Sie gelten als ein Symbol der Wegwerfgesellschaft. Auf eine Billion Plastiktüten pro Jahr schätzen Umweltverbände den weltweiten Verbrauch. In Deutschland soll jeder Bürger mehr als 70 Einwegtüten pro Jahr benutzen. Doch damit soll es bald vorbei sein. Die kostenlose Tüte wird in Deutschland zum Auslaufmodell. Rund 260 Handelsunternehmen haben sich laut Umweltministerium dazu verpflichtet, von Juli an Geld für die umweltschädlichen Tragetaschen zu verlangen, um so den Verbrauch zu drosseln. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland immer noch unter dem Durchschnitt, laut einer Statistik bedeuten die rund 70 Tüten pro Jahr den viertniedrigsten Wert. Bis 2019 soll der Verbrauch laut einer EU-Richtlinie im Schnitt auf 90 gesenkt werden, in den folgenden sechs Jahren auf 40.

In Deutschland gab es in den vergangenen Monaten heftige Verhandlungen hinter den Kulissen. Bundesumweltministerin Barbara Hendrix hatte vom Handel vehement gefordert, die kostenlose Ausgabe von Tüten zu beenden. Doch nicht alle Branchen ziehen mit. „Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir diese Form für unsere Mitglieder nicht als zielführend erachten«, sagte der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, Daniel Schneider, der Tageszeitung „Die Welt“. Sein Verband könne für die rund 12000 selbstständigen Bäcker im Land keine Verpflichtungserklärung abgeben.

Auch in der Bekleidungsindustrie gibt es Bedenken. Mindestens ein Drittel der Textilhändler setzte schon seit Längerem auf Papiertüten statt auf Plastik, sagte Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE) der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Gerade für den Textilhandel sei der Umgang mit Bezahl-Tüten eine schwierige Gratwanderung, meint er. Kunden, die bereits mehrere hundert Euro für ein Kleidungsstück ausgegeben hätten, würden wenig Verständnis zeigen, auch noch für die Tüte zahlen zu müssen.

Bei Papiertüten stelle sich das Problem, dass sie nicht so reißfest seien und zudem bei Regen aufweichen könnten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland bekräftigt diese Bedenken. „Die beste Tüte ist zwar die, die gar nicht produziert wird“, erklärt BUND-Sprecher Sascha Roth, verschweigt die Vorzüge der Plastiktüte aber nicht: „Damit Papiertüten nicht einreißen, werden lange, mit Chemikalien behandelte Zellstofffasern verwendet. Die Tütenwände müssen zudem dicker sein als bei Plastiktüten, damit sie nicht reißen.“ Durch den Einsatz von Recyclingpapier werde ihre Bilanz zwar besser, aber sie müssten immer noch drei- bis viermal gebraucht werden, um mit einfachen Plastiktüten mitzuhalten.

Probleme beim Umstieg von Plastik auf Papier hat auch die Nahrungsmittelindustrie. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat bei einer Stichprobe in neun von 42 Lebensmitteln Rückstände aromatischer Mineralöle entdeckt, darunter in Reis und Cornflakes. Als wesentliche Quelle für solche Übertragungen gelten Druckfarben, die in Kartons aus recyceltem Papier enthalten sind. Foodwatch fordert von der EU, neue Wege bei der Schaffung umweltfreundlicher Verpackungen zu fördern. Joghurtbecher aus Milchsäure oder Teller aus Blättern dürften nicht als Spinnerei abgetan werden. Peter Entinger


Vor Ruin und Bürgerkrieg
Ölpreisverfall und Strommangel setzen Venezuela zu

Die soziale Krise und die damit zusammenhängenden Proteste in Venezuela verschärfen sich immer mehr. Obwohl das Land einer der größten Erdölexporteure ist, hat sich eine Energiekrise ungekannten Ausmaßes verbreitet, welche die Regierung von Präsident Nicolás Maduro veranlasst hat, alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes vorerst nur noch montags und dienstags arbeiten zu lassen. Schulen sollen künftig freitags geschlossen bleiben. Dabei geht man von der These aus, dass je weniger Menschen arbeiten, desto weniger Strom verbraucht wird. Die Regierung macht das Wetterphänomen El Niño und die von ihm ausgelöste extreme Dürre, die zu einer Wasserknappheit in den 18 für die Stromerzeugung wichtigen Talsperren des Landes geführt hat, dafür verantwortlich. Kritiker werfen der sozialistischen Regierung jedoch Misswirtschaft vor.

Im Bundesstaat Zulia mit der Hauptstadt Maracaibo – dem eigentlich reichsten Bundesstaat des Landes, weil hier die größten Erdölreserven liegen – haben sich die sozialen Proteste zugespitzt. Dort kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit vielen Verletzten und 100 Festnahmen.

Die Opposition hat mit einer Unterschriftensammlung für ein Referendum über eine Amtsenthebung von Präsident Maduro begonnen, der zur zentralen Zielscheibe geworden ist. Als erstes muss sie die Unterschriften von einem Prozent der wahlberechtigten Bürger, also von knapp 200000 Menschen, sammeln. Sollte ihr dieses gelingen, müsste sie in einem zweiten Schritt noch einmal vier Millionen Unterschriften zusammenbekommen.

Drei Jahre nach dem Tod des charismatischen Führers Hugo Chávez hat sein Nachfolger das Land komplett heruntergewirtschaftet und das Volk gegen sich aufgebracht. Maduro ist es auch nach drei Jahren noch nicht gelungen, aus dem Schatten des sozialistischen Übervaters, der die Bolivarische Revolution verkündet hatte, herauszutreten. Er versucht es noch nicht einmal. Maduro ist kein charismatischer Redner, seinen Posten hat er seiner Loyalität gegenüber dem lange kranken und geschwächten Chavez zu verdanken, der ihn aus diesem Grunde zum Vizepräsidenten gemacht hatte.

So wie Chavez früher dem Castro-Regime in Kuba mit verbilligten Ölverkäufen zu überleben verhalf, hofft Maduro jetzt, dass Kuba ihm hilft, mit der größten sozialen Krise in Venezuela fertig zu werden. Der ehemalige Busfahrer hat ein Jahr auf Kuba gelebt; zu Raúl und Fidel Castro hat er einen guten Draht.

Aber immer mehr Venezolaner haben von diesem aus Kuba ferngesteuerten Castro-Maduro-Regime die Nase voll. Die Läden sind leer, die hohe Inflation trifft vor allem die ärmsten Teile der Bevölkerung, und die Gewalt auf der Straße ist unerträglich geworden. Venezuela hat keine funktionierenden unabhängigen Institutionen mehr.

Die Protestbewegung kommt diesmal nicht von links, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Es geht gegen eine etablierte und gealterte Führungsriege der Sozialisten, die es sich an den Fleischtöpfen des milliardenschweren staatlichen Erdölkonzerns bequem gemacht hat. Mit dem Erdölpreisverfall sind diese Fleischtöpfe jetzt leer und das Land bankrott. Venezuela ist eines der korruptesten Länder der Welt. Das Land steht vor einem drohenden Bürgerkrieg und vor dem Ruin von fast 20 Jahren sozialistischer Experimente    Bodo Bost


MELDUNGEN

Japaner führt Weltspitze an

Berlin – Der japanische Hersteller Subaru ist dem Forschungsinstitut Center of Automotive Management zufolge der rentabelste Autobauer der Welt. Das Unternehmen konnte im vergangenen Jahr 17 Prozent seines Umsatzes als Gewinn verbuchen. Auf den nächsten Plätzen folgen BMW und Toyota. Schlusslicht bei den acht größten Marken ist VW, dessen Überschuss auf minus 1,9 Prozent sank. Weiter im Kommen ist der Elektroautobauer Tesla. Für dessen neuestes Modell 3 gingen innerhalb von nur sieben Tagen 325000 Bestellungen ein. Die Besteller leisteten eine Anzahlung von je 1000 Euro auf das rund 30000 Euro teure Auto. Der Liefertermin ist noch ungewiss.   J.H.

 

Noch mehr Geld für den Staat

Berlin – Bund, Länder und Gemeinden können der jüngsten Steuerschätzung zufolge bis zum Jahr 2020 mit Steuermehreinnahmen von 42,4 Milliarden Euro rechnen. Im laufenden Jahr könnte das Steueraufkommen des Staates nach der neuen Prognose auf 691,2 Milliarden Euro klettern und damit um 5,0 Milliarden höher ausfallen als noch im vergangenen November geschätzt. Im Jahr 2020 werden die Einnahmen vermutlich auf 808 Milliarden Euro steigen. U.M.


S. 8 Forum

Kalter Kaffee
von Manuela Rosenthal-Kappi

Nichts an den Theorien, die die BBC-Dokumentationen vorstellt, ist neu. Dass eine aus der Luft abgefeuerte Rakete den Absturz von MH17 herbeigeführt haben könnte, hatte vor knapp zwei Jahren bereits der ehemalige Lufthansa-Flugkapitän Peter Haisenko anhand von Fotos der gefundenen Wrackteile zur Dis-kussion gestellt. Selbst der Chef der OECD-Mission in der Ostukraine, Michael Bociurkiv, der als einer der ersten an der Unfallstelle war, hatte Zweifel an der Vision vom Einsatz einer Boden-Luft-Rakete geäußert.

Was die BBC in einer „aktuellen“ Dokumentation vorsetzt, ist nichts anderes als aufgewärmter kalter Kaffee. Fragt sich, ob sie als weiterer Beitrag zur anti-russischen Propaganda beitragen oder im Gegenteil, den Blick auf die Ukraine schärfen soll. Die Aussage des Filmemachers Mike Rudin, dass die Leute nicht glauben könnten, dass ihr Land zu einem solchen Verbrechen wie dem Abschuss einer Zivilmaschine fähig sei und die Schuld deshalb dem Feind zuweisen, legt Letzteres nahe. Zumindest lässt er die Möglichkeit zu, dass die Ukraine für den Absturz verantwortlich sein könnte. Doch dies bewegt sich im Rahmen der Spekulation. Aufklärung bringt der Film nicht.


Kurswechsel?
von Wolf Oschlies

Viktor Murachowskij, Militärberater der russischen Regierung, hat viele „Siegesparaden“ am 9. Mai erlebt, aber keine wie die 2016: Wenig martialisch mit den jüngst gebildeten Formationen (Russische Garde und Frauenbataillon als „Perle der Parade“), kaum waffenklirrend bei nur 135 Stück „Technik“, schmissige Musik und neues „Firmenzeichen“: Alle 10000 Soldaten lächelten, wo sie früher grimmig schauten.

Anderswo dürfte eher Wladimir Putins Rede erstaunt haben: Landesväterlich („das ist auch ein familiärer Feiertag“), unpathetisch patriotisch („evakuierte Bevölkerung und Industrie versorgten die Armee mit Panzern und Flugzeugen“), staatsmännisch global („der Terrorismus ist die neue Bedrohung der Welt. Russland ist bereit für ein blockfreies Sicherheitssystem“) und kampfbereit aus Tradition („unsere Soldaten sind Fortsetzer früheren Heldentums“).

Sanfte Worte aus ökonomischen Nöten? Die Wirtschaft fiel 2015 um 3,7 Prozent, 2016 wird es noch übler wegen rück-läufiger Öl- und Gaserlöse. Von denen hängt Russlands Budget zu 50 Prozent ab, aber die nied-rige Produktivität der Ölwirtschaft bessert sich nicht. Der Rubel fällt weiter. Die ausländischen Investitionen sind auf 6,7 Milliarden Dollar gefallen.

Politisch drücken Sanktionen, klagt Außenminister Sergej Lawrow, woran der „strategische Partner“ Deutschland Mitschuld trägt. Angela Merkel belastet das bilaterale Verhältnis „zum Schaden ökonomischer Interessen“. Mit der „russophoben“ Nato ist kaum zu reden.


Mit heißer Nadel gestrickt
von Michael Leh

Die aktuell geplanten Änderungen im Sexualstrafrecht werden mit heißer Nadel gestrickt. Der Regensburger Strafrechtler Tonio Walter weist zurecht darauf hin, vor Gesetzesänderungen solle besser erst der Abschlussbericht der von Bundesjustizminister Heiko Maas ja schon eingesetzten Expertenkommission abgewartet werden. „Würde jetzt schon vorab ein Tatbestand geändert, bestände die Gefahr, ihn bei der Gesamtreform erneut ändern zu müssen. Das könnte unser Sexualstrafrecht nicht gebrauchen“, erklärte Walter. Und: „Gesetzesreformen in kurzer Folge führen zu rechtlichen Problemen und Fehlern der Justiz.“

Der gesetzgeberische Aktionismus rührt vor allem aus dem politischen Druck, den die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht erzeugten. Walter merkt dazu auch an: „In Köln hat nicht das Strafrecht versagt, sondern die Polizei.“ Die Politik und insbesondere die von Merkel geführte Bundesregierung wollen jedoch gegenüber der empörten Bevölkerung den Eindruck erwecken, sie unternähmen etwas wirksam gegen Barbareien wie in Köln. Dazu werden aber auch gewiss notwendige Verbesserungen im Sexualstrafrecht voraussichtlich nicht viel beitragen.

Trotz über 1000 Strafanzeigen allein wegen der Silvesternacht in Köln, darunter fast die Hälfte Anzeigen wegen sexueller Übergriffe, gelang es bisher kaum, Täter zu identifizieren. Diese agierten als Mob im Schutz ihrer großen Zahl. Trotz Warnungen speziell auch vor mutmaßlich nordafrikanischen Tätern war die Polizei nicht ausreichend präsent. Das kennt man längst aus vielen anderen deutschen Stadtteilen: Überfälle durch Gruppen und mangelnde Polizeipräsenz. Sexuelle Übergriffe einschließlich Raubtaten auf Mädchen und Frauen durch Zuwanderer – darunter viele sogenannte Flüchtlinge – finden inzwischen quer durchs Land statt. Es ist kaum übertrieben, wenn man sagt: „Köln ist überall.“ Dazu hat die im Wortsinne gemeingefährliche „Flüchtlingspolitk“ Merkels wie ein Brandbeschleuniger beigetragen.

Doch darüber wird im Bundestag nicht diskutiert. Vermutlich wissen auch die meisten Abgeordneten nicht über die Kriminalitätslage genug Bescheid. Die überregionalen Medien einschließlich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks berichten so gut wie nicht darüber, wie dramatisch oft Frauen und Mädchen längst Opfer von Tätern ausländischer Herkunft werden. Berichte stehen fast nur in der Lokalpresse und in lokalen Polizeimeldungen. Daher bekommt auch der größte Teil der deutschen Bevölkerung nicht mit, was insgesamt vor sich geht.


Frei gedacht
Der Zahn der Zeit
von Eva Herman

Kürzlich gab ich der Reporterin eines der bekannten Radiosender Deutschlands ein Interview. Die Frau kam von den Öffentlich-Rechtlichen und arbeitete noch ähnlich, wie es vor 20, 30 Jahren üblich gewesen war: Sie war mit dem Zug angereist und hatte ihr Aufnahmegerät dabei. Eine sympathische Person der alten Garde, die sich bei mir angemeldet hatte mit dem Vorhaben, eine Reportage über den Feminismus zu machen. Sie selbst stehe diesem Politikmodell sehr positiv gegenüber, früher sei sie für die Rechte der Frau auf die Straße gegangen. Von mir erwartete die Mittvierzigerin eine Gegenposition. Als sie die ersten Fragen formulierte, war es bereits zu spüren: Sie meinte es ernst, sah die Forderungen der modernen Frau immer noch nicht ausreichend erfüllt. Gleichzeitig verlieh sie ihrer Verwunderung Ausdruck, dass die jungen Frauen heutzutage immer wieder in die alte „Rolle“ zurückfielen.

Ich gebe zu, dass mein Medienkonsum sich in den letzten Jahren stark verändert hat. So ist es mir nicht mehr möglich, Essays oder Artikel zu Ende zu lesen, die sich mit diesen oder anderen politischen Gegenwartsthemen beschäftigen, da mir die Mainstreampositionen inzwischen derart wirr erscheinen, dass mir meine schöne Zeit viel zu schade ist. Auch einen Fernseher besitze ich nicht, allein die zahllosen, quälenden TV-Talkshows zeigen, wie wenig der einzelne Mensch heute noch selbst zu denken und empfinden in der Lage ist: Alles wird aus einseitiger Perspektive betrachtet, manche Gegenredner in unrühmlicher Weise angegriffen. Ich hatte also lange nichts von den aktuellen, feministischen Forderungen gehört. Nun denn, die „alte Rolle“ der Frau sei es, so die Journalistin, dass diese trotz aller erkämpften „Rechte“ immer wieder in das Muster der Mutter und Hausfrau zurückfiele, gerade bei den jungen Menschen sei dies deutlich erkennbar. Woran dies wohl liegen könnte?

Sollte ich etwa jetzt wieder ganz von vorne anfangen in den Erklärungen? Offenbar. Und so sprachen wir schon bald über die Natur, über den Schöpfer, der nach einem genialen Plan Mann und Frau erschuf, die er in der Ergänzung ihrer Fähigkeiten zu einer Gemeinschaft zusammenschloss, damit jeder seine speziellen Begabungen in sinnvoller Weise für ein gelungenes Leben einsetzen möge. Doch als die Menschheit begonnen hatte, sich eigenwillig über die feststehenden Grundgesetze der Natur hinwegzusetzen, weil sie meinte, immer fortschrittlicher und moderner zu sein, begann ihr Leidensweg: Die natürliche Ordnung auf dieser Erde wurde ausgehebelt, Verwirrung und Chaos entstanden.

Es war der berühmte Tunnelblick, der sich bei der freundlichen Frau alsbald einstellte, wie ich es in derartigen Diskussionen seit Jahren erlebe, eine Art innere Schau; vielleicht war es die uralte Melodie von den einfachen Gesetzen unseres Schöpfers und der unmittelbaren Wirkung darauf, sobald wir diese besserwisserisch verlassen?

Die jungen Frauen von heute haben wenig mitbekommen von den Kämpfen vorheriger Generationen, die sich einst für alle möglichen „Frauenrechte“ einsetzten, auch wenig von dem geschürten Widerstand gegen die Männer, die, wie Deutschlands meist schwarzgekuttete Vorprescherin Alice Schwarzer es jahrzehntelang der Welt vermittelte, entweder schlurfige Weicheier oder gewaltbereite Machos seien. Nein, junge Frauen stehen heute vor einer merkwürdig atomisierten Welt, wo kaum jemand noch in seine eigene Kraft kommen und daraus wirken kann. Sie sollen wie selbstverständlich studieren, eine Ausbildung absolvieren, und dann sollen sie Erfolg haben, ihr eigenes Geld verdienen, vor allem unabhängig sollen sie sein, vom Mann und auch von eventuellen Kindern. Letztere gibt man heute ebenfalls ganz selbstverständlich in die Fremdbetreuung, manchmal sind die Kleinen erst wenige Wochen alt. Da unsere Gesellschaft dies alles wie selbstverständlich akzeptiert, sogar vorschreibt, da über diese Themen stets auch nur einseitig berichtet wird in den Medien, ist dieses Verhalten mittlerweile zu einem ungeschriebenen Gesetz geworden, unter welchem die jungen Frauen schwer leiden (Männer und Kinder übrigens gleichermaßen, wie auch die Unternehmen). Die meisten leiden, ohne genau zu wissen, wo die Ursache liegt, sie spüren nur das Unglück, welchem sie nicht mehr entkommen können in dieser so modernen Gesellschaft, wo nur noch in Geld bewertbare Leistung zählt, und wo eine Gegenrede inzwischen zu einem unkalkulierbaren Abenteuer geworden ist.

Die heutige Lage ist bestes Beispiel dafür, in welch verhältnismäßig kurzer Zeit eine ganze Gesellschaft durch gezielte Propaganda umerzogen und abgerichtet werden kann. Doch solange sich im Innern der Menschen noch Widerstand regt, könnte man von dem berühmten Fünkchen Hoffnung sprechen, welches in diesem Lande vor sich hin glimmt. Was hatte ich vor zehn Jahren schon gehofft, dieses Fünkchen würde sich zu einer ansehnlichen Flamme entwickeln, so, wie schon so manche echte Revolution im Laufe der Geschichte für eine Umkehr sorgte. Die Reporterin, die zuweilen nachdenklich erschien, fragte nach Lösungen. Ich musste passen, denn Einzellösungen gibt es ja nicht mehr, ein radikaler Systemwechsel in der Familienpolitik, wie ich ihn vor Jahren noch gefordert hatte, genügt ebenso längst nicht mehr. Zu verzahnt sind sämtliche gesellschafts- und finanzpolitischen Belange unserer globalen Welt, die alleine nur noch nach dem Prinzip des Umverteilungsmechanismus von fleißig nach reich funktioniert: Die vielen fleißigen Menschen arbeiten wie ver-  rückt, sorgen für ein Produktivitätswachstum, welches alle 20 Jahre eine Steigerung von etwa 35 Prozent ausmacht, und erhalten dabei doch immer weniger Geld. Dieses landet vielmehr in dem immer stärker anwachsenden, globalen Kapitalsammelbecken einiger weniger Menschen, die sich unsere Welt gerade „untertan machen wollen“.

Und nun? Was könnten die Frauen jetzt tun, damit es besser wird, war die Frage? Sie müssen gar nichts mehr machen, so die Antwort, denn die Veränderung der Gesellschaft ist schon in vollem Gange, aber auf ganz andere Weise. Seit letztem Jahr werden die europäischen Länder, allen voran Deutschland, mit „Flüchtlingen“ geflutet, die nach UN-Vorstellungen die Wirtschaft des aussterbenden Kontinents retten sollen. Im Gegensatz zu uns, die wir die niedrigste Geburtenrate der Welt haben, auch aufgrund ausgeprägter, feministischer Ideologien, können die aus Arabien und Afrika einreisenden Menschen mit jeweils mehreren Kindern pro Paar bestens ihre Art für die Zukunft erhalten. Nach dem Gesetz der Stärke werden sie hier schon bald in der Mehrheit sein. Da die meist muslimisch geprägten Menschen vom Feminismus wenig wissen, im Gegenteil, die Rechte der Frauen dort oft missachtet werden, wird sich diese politische Debatte bald erledigt haben. Spätestens, wenn unsere Enkelkinder verschleiert zur Schule gehen werden, wird der Begriff Feminismus endgültig in den Archiven der Geschichte verschwunden sein. Dann wird die Gesellschaft über ganz andere Themen diskutieren, von denen man heute noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung hat.

Ich nehme an, die Journalistin kam gut wieder nach Hause. Das Gespräch war wahrscheinlich anders gelaufen, als sie es sich gedacht hatte.


S. 9 Kultur

Der Muff von 100 Jahren
Entstaubt, geputzt, retuschiert − Hamburger Kunsthalle wurde fit gemacht für die Zukunft

Die Hamburger können sich freuen: Den ganzen Mai über können sie kostenlos in ihre Kunsthalle gehen. Zuvor blieb die Gemäldegalerie zwei Jahre lang wegen Sanierungsarbeiten geschlossen.

Ermöglicht wurde das Vorhaben durch eine 15-Millionen-Euro-Sachspende der Dorit & Alexander Otto Stiftung sowie Mitteln der Stadt Hamburg von fast sieben Millionen Euro. Dabei finanzierte der aus der Hamburger Versandunternehmerfamilie stammende Alexander Otto, der   mit seiner Firma ECE auch zahlreiche Einkaufszentren betreibt, die Planungs- und Bauleistungen. Die Stadt selbst leistete ihren Beitrag zur Sanierung des Gemälde- und Skulpturendepots sowie zur barrierefreien, besucherfreundlichen Umgestaltung der Außenanlagen. Bürgerliches Engagement für die Kunst hat in der Hansestadt Tradition. Schon der Gründungsbau wurde zu zwei Dritteln privat finanziert.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Sammlungen wachsen und mit ihnen die Museumsräume. Die Hamburger Kunsthalle macht da keine Ausnahme. 1869 öffnete der Gründungsbau seine Tore, 1919 der mit ihm verbundene Neubau, 1997 der frei stehende Kubus mit der Galerie der Gegenwart. Seit dem 30. April sind die Bauten enger denn je miteinander verschmolzen.

Was ist neu? Auffälligste Neuerung ist die Rückverlegung des Eingangs vom Neubau gegenüber dem Hauptbahnhof zum seit 100 Jahren ungenutzten Haupteingang des Gründungsbaus in Blick­richtung Binnenalster. Alle an­deren Eingänge wurden geschlossen. Die Galerie der Gegenwart, in der zukünftig auch die Sonderausstellungen ihren Platz haben, erreicht man nur noch durch den Tunnel mit Jenny Holzers Leuchtschriftband „Ceiling Snake“.

Vor genau zehn Jahren konnten die Hamburger bereits die Sanierung des Gründungsbaus feiern. Dabei wurde besonderes Augenmerk auf die schmuckreiche Neorenaissance-Fassade gelegt − mit ihren Künstlerporträts und -skulpturen ein Höhepunkte der „architecture parlante“. Der Eintritt zwischen den lebensgroßen Nischenfiguren von Raffael und Michelangelo über die Freitreppe durch die verglaste Loggia ist zweifellos erhabener als durch die ebenerdige schlichte Doppeltür in den letzten 100 Jahren.

Mit dem neuen Zugang erhielt auch das säulenreiche Foyer samt Vestibülen und pompösem Treppenhaus neuen Glanz. Der historistische Überschwang der Dekoration entsprach nicht immer dem Ge­schmack. In den 1940er Jahren waren die Gemälde eingerollt und Säulen wie Wände grau übertüncht worden. Eine graue Säule erinnert bis heute an diese Zeit.

Die Marmortreppe führt direkt zu den Ausstellungsräumen im ersten Stock. Über 100 Jahre empfing den Besucher im jetzigen Ein- und Ausgangssaal mit Kunstwerken der 50er Jahre das größte Gemälde des Hauses: der 5,20 mal 9,50 Meter große „Ein­zug Kaiser Karls V. in Antwerpen“ des österreichischen Malers Hans Makart. Der Historienschinken von 1878 passt heute nicht mehr ins Konzept und versteckt sich nun hinter einer Doppelwand.

Unsichtbar ist die modernisierte technische Infrastruktur: die neuen Lüftungs-, Rauchabzugs- und Klimaanlagen, Elektroinstallationen, Alarm- und Brandmelder sowie Akustikdecken. Un­übersehbar neu dagegen sind die LED-Beleuchtung, der Parkettboden, die Holzvertäfelung und die Türrahmen. Ehemals stoffbespannte Wände wurden durch Wandpaneele mit integrierter Luftzirkulation ersetzt und zur Freude für das Auge je nach Sammlungsgebiet mit verschiedenen Farbanstrichen versehen: Blau für die Alten Meister, Gelb für Aufklärung und Romantik, Graugrün für das 19. Jahrhundert, Violettlila für die Französische Moderne, Grau für die Kabinette.

Hell und freundlich, großzügig und übersichtlich führt die neue chronologische Hängung durch 750 Jahre Kunstgeschichte vom Mittelalter bis zur Klassischen Moderne einschließlich der 60er Jahre. Die 70er bis heute beherbergt die benachbarte Galerie der Ge­genwart. Dabei wird man auch thematisch an die Hand genommen. Ohne den Zeitablauf zu stören, machen jederzeit auswechselbare Themenräume den Fächer der Kunsthistorie weit auf. Da gruppieren sich Altäre und An­dachtsbilder um das berühmte Meister-Bertram-Retabel, stehen sich um Paris Bordone und Jan Massys Renaissance in Italien und nördlich der Alpen gegenüber, begeistert die Poesie der Landschaft, zeigt sich die Kunst der Konfession, eröffnen niederländische Architekturbilder Perspektiven, kontrastiert Lebensfreude mit Vergänglichkeit, begegnen sich Bauern und Zecher, erhellen Skizzen die Entstehung der Werke.

Ihre Schwerpunkte hat die Kunsthalle dabei nicht eingebüßt. Im Gegenteil: Auch die herausragende Sammlung des 19. Jahrhunderts fügt sich in die ordnenden und vergleichenden Kriterien ein. So teilt sich Adolph Menzel mit seinem „Friedrich der Große in Lissa: Bonsoir Messieurs“ von 1858 den Raum „Facetten des Realismus“ mit Leibl, Thoma, Trübner. Philipp Otto Runge und Caspar D. Friedrich dagegen spielen weiterhin ein Solokonzert.

Auch die Sammlung Klassische Moderne mit ihren bedeutenden Werkgruppen und herausragenden Einzelobjekten folgt wechselnden kunstpädagogischen Prinzipien. So ist etwa im Raum „Kubismus: Welt in Würfel und Kristall“ Karl Schmidt-Rottluff neben Feininger, Picasso, Juan Gris, André Derain und Delaunay zu sehen und im Themensaal „Unmittelbar und unverfälscht“ an der Seite von Ernst Ludwig Kirchner und Otto Müller.

Ohne Zweifel wird die Kunsthalle bis heute vom Geist ihres ersten Direktors Alfred Lichtwark bestimmt. Schon in seiner An­trittsrede erklärte er: „Wir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das tätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift.“ Da das durch die Modernisierung auf besonders ansprechende und unaufdringliche Weise gelingt, haben Alt- und Neubau den neuen Namen Lichtwark-Galerie auf jeden Fall verdient.        Helga Schnehagen

Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Bis 31. Mai Eintritt, Führungen und Programm (außer Konzerte) frei. Nächste Sonderausstellung: „Manet – sehen. Der Blick der Moderne“ ab 27. Mai.


Abschied mit Elan
Sir Simon Rattles letzte Saison bei den Berliner Philharmonikern

Die Berliner Philharmoniker gehen mit ihrem Chef Simon Rattle im August in ihre letzte gemeinsame Spielzeit. In der Saison danach wird Rattle „im Spagat“ in Berlin und in London verantwortlich sein. Danach übergibt er den Stab endgültig an seinen Nachfolger Kirill Petrenko. Von Abschied und Trennung spürt man allerdings im Moment noch nichts. Auf der Jahrespressekonferenz am vergangenen Donnerstag zur kommenden Saison versprühte der nunmehr 62 Jahre alte englische Dirigent, der seit 16 Jahren in Berlin arbeitet, wie immer einen Elan, mit dem er seit Jahren Orchester und Besucher für sich einnimmt.

Rattle hat das Orchester sehr auf die Mo­derne getrimmt. Das anfangs zögerliche, manchmal sogar murrende Publikum ist ihm inzwischen gefolgt. Nach dem Kraftakt im Herbst 2015 mit allen Beethoven-Sinfonien – der Zyklus wurde zweimal in Berlin und danach in Gänze auch in Wien, London, New York und jetzt Tokio gespielt –, ist die vertraute Klassik in den kommenden Monaten wenig präsent: Beethoven gerade einmal, Mozart und Brahms immerhin viermal, Bruck­ner, Tschaikowsky und Mah­ler jeweils dreimal. Dafür gibt es an Neuem gleich sieben Uraufführungen und vier deutsche Erstaufführungen, sie alle im normalen Abonnement.

Statt zuletzt immer einen „Ar­tist in Residence“ hat sich das Orchester diesmal mit dem 70-jährigen US-amerikanischen Dirigenten und Komponisten John Adams einen „Composer in Residence“ gewählt. Adams wird in fünf Konzerten aufgeführt, unter anderem mit seinem großen Passionsoratorium „The Gospel According to the Other Mary“, das Rattle mit prominenter Besetzung selbst leiten wird.

Opernaufführungen ist das Konzertorchester Berliner Philharmoniker inzwischen gewohnt. Viermal stehen Opern auf dem Programm: Der erste Akt von Richard Wagners „Walküre“, Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ und – „besonders spannend“ (Rattle) – György Ligetis extrem modernes Stück „La Grand Macabre“ in szenischer Ausführung von Peter Sellars, außerdem Puccinis „Tosca“, die auch dreimal bei den Osterfestspielen in Baden-Baden gegeben wird.

In Berliner Musikkreisen wird gelegentlich bedauert, dass der „Platzhirsch“ Philharmoniker beinahe alle anderen überstrahlt. Das auf Ferenc Friscay, den großen Dirigenten der Nachkriegsjahre, zu­rückgehende Deutsche Sinfonie-Orchester beispielsweise hat in den vergangenen zehn Jahren drei prominente Dirigenten (Nagano, Metzmacher, Sokhiev) wieder ziehen lassen (müssen?). Da fehlt die langjährige Zu­sam­menarbeit, die man sich in der Philharmonie nun auch von Rattles Nachfolger Kirill Petrenko erhofft. Der russische Dirigent wird in der kommenden Saison lediglich einmal antreten: Abseits aller Abonnentenreihen dirigiert er zweimal ein höchst konventionelles Programm mit Mozart und Tschaikowsky; vielleicht will er seinen Einstand nicht gleich als Bürgerschreck geben.            Dirk Klose


Faustischer Autor
Bulgakow und sein »Meister und Margarita«

Fragt man Freunde russischer Literatur nach dem besten Werk aus der Sowjetzeit, kommt als Antwort meist wie aus der Pistole geschossen: „Der Meister und Margarita“. Der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez bezeichnete das Hauptwerk von Michail Bulgakow als sein „Lieblingsbuch“. Tatsächlich scheint die grotesk verzerrte Realität in Bulgakows Roman auf den als „magischen Realismus“ bezeichneten Stil von Márquez’ Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ abgefärbt zu haben, der nur ein Jahr nach dem post­hum erstmals veröffentlichen Bulgakow-Roman erschienen war.

Als „Der Meister und Margarita“ 1966 als Fortsetzungsroman in einer russischen Zeitschrift er­schien, war dessen Autor schon lange Tod. Die Werke des vor 125 Jahren (am 15. Mai nach gregorianischem, am 3. Mai 1891 nach julianischem Kalender) in Kiew geborenen Mannes, der sich der staatlichen Doktrin des Sozialistischen Realismus konsequent verweigerte, durften in der Stalin-Ära nicht gedruckt werden. Als 1929 seine Dramen nicht mehr gespielt werden konnten, schrieb er einen mutigen Brief an Stalin: „Ich bitte zu berücksichtigen, dass ein Schreibverbot für mich gleichbedeutend ist mit einer Beerdigung bei lebendigem Leibe … Ich bitte die Regierung der UdSSR, mich innerhalb einer bestimmten Frist ausreisen zu lassen.“

Stalin, der im Theater zuvor an­geblich 13 Mal Bulgakows Stück „Die Tage der Geschwister Turbin“ – es beruht auf dessen Bürgerkriegs-Roman „Die weiße Gar­de“ – gesehen hatte, zeigte sich von so viel Courage beeindruckt und rief den Autor, der im Bürgerkrieg noch aufseiten der antibolschewistischen Weißen Armee gekämpf hatte, persönlich an. Er überredete ihn, die Heimat nicht zu verlassen, und verschaffte ihm, der als Arzt im Ersten Weltkrieg an der Front Gliedmaßen amputiert hatte, eine Tätigkeit als Regieassistent am Theater.

Nebenbei jedoch schrieb, verwarf und überarbeite Bulgakow von 1928 bis zu seinem Tod an Nierenversagen 1940 seinen auf Motiven von Goethes „Faust“ be­ruhenden Roman „Der Meister und Margarita“. Als das Buch in den 60ern endlich erscheinen konnte, waren viele von der an E.T.A. Hoffmann erinnernden vielschichtigen Phantastik be­geistert. Der Teufel, der im Roman ganz Moskau aufräumt, inspirierte sogar Mick Jagger zu dem Rolling-Stones-Klassiker „Sympathy for the Devil“.         Harald Tews


Filmtipp

Als „ziemlich bester Freund“ hatte Omar Sy 2011 mit Filmpartner François Cluzet viele Lacher auf seiner Seite. Die französische Filmkomödie war da­mals weltweit ein Kinohit, der Ti­tel selbst, „Ziemlich beste Freunde“, wurde zum geflügelten Wort. Dass Monsieur Chocolat zu ähnlichen Ehren kommt, darf bezweifelt werden, denn in dem französischen Film, der am 19. Mai in unsere Kinos kommt, lacht man nicht mit dem schwarzen Helden, sondern über ihn. Omar Sy darf in dem Film sein unterkühltes komödiantisches Talent als Zirkusclown namens Chocolat ausleben, wobei er seinem von James Thiérrée, einem Enkelsohn Charlie Chaplins, gespielten Clowns­partner Footit die Schau stiehlt.

Der Film basiert auf der wahren Geschichte eines Clownsduos, das vor über 100 Jahren in Frankreich als schwarz-weißes Slapstickpaar für Furore sorgte. Ob­gleich hinter der Bühne gleichberechtigte Partner, gaben die beiden in der Manege ein koloniales Herr-und-Sklave-Verhältnis zum Besten: Der Weiße durfte den Schwarzen hemmungslos prügeln, und das Publikum johlte, bis dem Schwarzen einmal das La­chen verging und er zurückschlug − ein Skandal war geboren. Fern jeder multikulturellen Anbiederei zeigt der Film mit feiner Ironie ein Stück Kultur- und Sittengeschichte früherer Zeiten, in denen man sich das Lachen noch nicht kraft gesellschaftlicher Selbstzensur untersagen musste.       tws


MELDUNGEN

Edgar Allen Poe im Doppelpack

Göttingen − Mit der Doppel-CD „La Chute de la Maison Usher“ und „Le Diable dans le Beffroi“ von Claude Debussy legt das Göttinger Symphonie Orchester unter seinem Chefdirigenten Christoph-Mathias Mueller eine spannende Neuaufnahme vor (Panclassics PC 10342). Beide Opernfragmente basieren auf Erzählungen von Edgar Allen Poe. Debussy selbst sah vor, dass sie ausschließlich im Verbund aufgeführt werden sollten. In diesem originalen Werkzusammenhang wurden die komplettierten Kurzopern erstmals in einem Konzert im Dezember 2013 gespielt, dessen Livemitschnitt jetzt als Weltersteinspielung veröffentlicht wird. tws

 

Meys »Heimweh nach Berlin«

Berlin − Fast 50 Jahre nach seinem Debütalbum legt der Liedermacher Reinhard Mey eine neue CD vor. „Mr. Lee“ heißt sein nun insgesamt 27. Studio-Album (Electrola/Universal Music), in dem der 73-Jährige mit noch immer  jugendlich sanfter Stimme seine Sehnsüchte nach fernen Orten und der grenzenlosen Freiheit besingt, als schwebe er immer noch „Über den Wolken“. Da er­klingt in „Lucky Laschinski“ eine Liebeserklärung an alle Katzen, Hunde und Menschen und in „Heimweh nach Berlin“ eine an „Friedrichshain mit seinen idyllischen Partywinkeln, wo dir die Partygänger nachts gern in den Hausflur pinkeln“. Zusätzlich finden sich Bonus-Lieder wie „Zeit zu leben“, eine Hommage an seinen Freund Klaus Hoffmann und „Lavender’s Blue“, ein Wiegenlied aus dem England des 17. Jahrhunderts. Beide Male begleitet ihn seine Tochter Victoria-Luise.      tws


S. 10 Geschichte & Preussen

Länderübergreifendes Gedenken an Karl IV.
Ausstellungen in der Tschechei, Bayern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg zum 700. Geburtstag des Schöpfers der Goldenen Bulle

Am 14. Mai 1316 wurde der spätere böhmische König und Kaiser Karl IV. aus dem Geschlecht der Luxemburger in Prag geboren. In Tschechien wird er als „Vater des Vaterlandes“ gefeiert. In Deutschland ist das Verhältnis zum „Stiefvater des Reiches“ reservierter. Geachtet wird er für den Erlass der Goldenen Bulle, die 1356 in Nürnberg verkündet wurde. Sie legte die sieben Kurfürsten als Königswähler fest und war als „Grundgesetz“ des Heiligen Römischen Reiches bis 1806 in Kraft. Karls Geburtsjubiläum ist Anlass für diverse Ausstellungen in Deutschland und Tschechien.

Pünktlich zum Geburtstag wird in der Prager Wallenstein-Reitschule die bedeutendste Ausstellung eröffnet. Sie wandert weiter nach Nürnberg, wo sie ab Oktober im Germanischen Nationalmuseum zu sehen sein wird. Mit Hilfe von 150 Kunstwerken, Urkunden, kulturhistorischen und alltagsgegenständlichen Zeugnissen eröffnet sie einen facettenreichen Blick auf den Herrscher und seine Zeit. Zu den Glanzstücken gehören ein vom Prager Erzbischof Ocko von Vlasim gestiftetes Gemälde des kniend vor der Madonna betenden Kaisers und Reliquiare aus dem Prager Domschatz.

Korrespondenzort der Schau ist das von Karl in Lauf an der Pegnitz erbaute Wenzelschloss. Seine Hauptattraktion ist der mit 112 in die Wände gemeißelten und farbig gefassten Wappen böhmischer Adelsfamilien geschmückte Saal. Lauf liegt an der Goldenen Straße, deren Route Karl festlegte. Bei Strafe war es den Kaufleuten verboten, auf einem anderen Handelsweg zwischen Prag und Nürnberg zu ziehen.

Nach Prag war Nürnberg der bevorzugte Aufenthaltsort Karls IV. Seine prominenteste dortige Hinterlassenschaft ist die Frauenkirche am Hauptmarkt, die er 1355 stiftete. Allerdings verbindet sich damit ein unrühmliches Kapitel seiner Regierungsgeschichte. Mit Billigung Karls stürmten 1347 Nürnberger Bürger das Judenviertel, brachten 562 jüdische Mitbürger um und vertrieben die anderen. Anstelle des Judenviertels entstand der Marktplatz und auf den Grundmauern der Synagoge wurde die Frauenkirche erbaut.

Karl war der einzige mittelalterliche Herrscher, der eine Autobiografie verfasste. In ihr rühmt er sich, fünf Sprachen zu beherrschen: Deutsch, Böhmisch, Italienisch, Lateinisch und Französisch. Auf Geheiß seines Vaters Johann begab er sich mit sieben Jahren zur Erziehung an den Hof seines Onkels: König Karl IV. von Frankreich. Auf den Namen Wenzel getauft, nahm er nach der Firmung dessen Namen an: Karl. Sein Erzieher war der spätere Papst Clemens VI. Darauf wird Karls ausgeprägte Frömmigkeit sowie sein gutes Einvernehmen mit Päpsten und Klerus zurückgeführt, die ihm jedoch den Spottnamen „Pfaffenkönig“ eintrugen. Das ganze Gegenteil eines Pfaffenkönigs war der mit dem Kirchenbann belegte Wittelsbacher Kaiser Ludwig der Bayer. Zu dessen Gegenkönig wurde Karl 1346 gewählt. Erst nach dem unerwarteten Tod Ludwigs 1347 konnte Karl IV. seine Macht im Reich etablieren. In Rom erfolgte 1355 seine Erhebung zum Kaiser.

Zwar zog Karl wiederholt in die Schlacht. Aber militärische Gewalt – das damals bevorzugte Mittel zur Durchsetzung von Interessen – ersetzte er in starkem Maße durch Verhandlungen und Kompromissbereitschaft. Daher wird er als gewandter Diplomat gerühmt – doch ebenso als bedenkenloser Finanzjongleur kritisiert. Beides hängt jedoch zusammen. Um sich Rück­halt im Reich zu verschaffen, bestätigte und erweiterte er den Reichsstädten, weltlichen und geistlichen Herrschern Privilegien auf Kosten der Königsrechte. Kompromisse erkaufte er nicht selten mit Geld, das er sich wiederholt durch die Verpfändung von Reichsgut verschaffte. Dadurch handelte er sich den Namen „Stiefvater des Reiches“ ein. Als besonders kostspielig erwies sich die Erweiterung seiner Hausmacht. Er hatte es – nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Kurstimme – auf die Mark Brandenburg abgesehen, in welcher der Wittelsbacher Otto der Faule herrschte. Der Erwerb gelang 1373: Otto strich 500000 Gulden ein. Zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort in der Mark Brandenburg wählte Karl die Burg von Tangermünde. Aus Karls Zeiten sind dort noch die Alte Kanzlei und der Kapitelturm erhalten. Im Burgmuseum läuft die Sonderausstellung „Karl IV. – ein Kaiser an Elbe und Havel“.

Unter dem Titel „Ein Kaiser in Brandenburg“ beteiligt sich das Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte am Ausstellungsreigen. Zu den herausragenden Exponaten gehört Karls Landbuch der Mark Brandenburg, das die Grundlagen für geordnetes Verwalten und Wirtschaften schuf.

Karls besonderes Augenmerk galt seinem Stammland Böhmen. Er hat dort ein erlesenes Erbe als Bauherr und Kunstmäzen hinterlassen. Das ganze Land ist von Gedenkorten für den 1347 zum böhmischen König gekrönten Karl IV. durchzogen. Die ersten drei Jahre seines Lebens verbrachte er auf der Burg Elbogen (Loket), die er später als Jagdschloss nutzte. Bei einem Jagdausflug wurde er auf heiße Quellen aufmerksam – und gründete dort Karlsbad (Karlovy Vary). Aufgrund des Silberabbaus stieg Kuttenberg (Kutná Hora) zur Schatzkammer des Landes auf. Die in Kuttenberg geschlagenen „Prager Groschen“ waren im gesamten Heiligen Römischen Reich beliebtes Zahlungsmittel.

Eine besonders imponierende Hinterlassenschaft des Herrschers ist die Burg Karlstein. Ihr kostbarster Raum ist die 1365 geweihte Kapelle des Heiligen Kreuzes im Großen Turm. An ihrer vergoldeten Gewölbedecke blinken Sterne aus venezianischem Glas. Die Wände sind in der unteren Zone mit Blattgold und Halbedelsteinen geschmückt. Die obere Zone besetzen 129 Gemälde, die überlebensgroß die Häupter von Heiligen darstellen. In den Rahmen waren deren Reliquien eingelassen. Unter dem Schutz dieses „Himmelsheeres“ standen die bis 1421 hinter dem Altar aufbewahrten Krönungskleinodien des Heiligen Römischen Reiches. Die eindrucksvollen Tafelbilder schuf Karls Hofmaler: Meister Theodorikus. Sieben von ihnen, darunter die Darstellung Karls des Großen, sind durch Kopien ersetzt. Die Originale werden auf der großen Karls-Ausstellung in Prag und Nürnberg gezeigt.

Ganz wesentlich hat Karl zur Schönheit, Geschichte und Kultur Prags beigetragen. Die Metropole verdankt ihm die Gründung der ersten Universität Mitteleuropas, die Prager Neustadt und die Karlsbrücke mit dem Altstädter Brückenturm. Sankt Veit ist der Schutzpatron der Brücke und des Prager Doms, dessen Grundstein Karl gemeinsam mit seinem Vater 1344 legte. In der unterirdischen Herrschergruft ist der am 29. November in seinem Geburtsort gestorbene böhmische König und Kaiser bestattet.         Veit-Mario Thiede

Die von der Nationalgalerie Prag, dem Haus der Bayerischen Geschichte und dem Germanischen Nationalmuseum in Zusammenarbeit mit dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) Leipzig veranstaltete Bayerisch-Tschechische Landesausstellung 2016/17 ist vom 15. Mai bis 25. September in der Prager Wallenstein-Reitschule und vom 20. Oktober bis zum 5. März 2017 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen. Die Wanderausstellung der Städtischen Museen Tangermünde „Karl IV. – Ein Kaiser an Elbe und Havel“ ist noch bis zum 31. Ok­tober im Burgmuseum Schlossfreiheit zu besichtigen. „Karl IV. – Ein Kaiser in Brandenburg“ wird erst noch vom 16. September bis zum 15. Januar 2017 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam gezeigt.


Die erste große Luftlandeoperation
Mit der Eroberung Kretas vor 75 Jahren versuchte die Wehrmacht, den Nachschub ihres Afrikakorps zu sichern

Vor 75 Jahren eroberten deutsche Fallschirm- und Gebirgsjäger die griechische Insel Kreta, auf der sich Commonwealth-Truppen festgesetzt hatten. Dieser Handstreich war die erste große Luftlandeoperation der Geschichte. Allerdings führte das Unternehmen zu erheblichen Verlusten, die nicht zuletzt aus der völkerrechtswidrigen Kriegführung der Gegenseite resultierten.

Zur Absicherung ihrer Positionen im östlichen Mittelmeerraum begannen die Briten im November 1940 damit, Militäreinheiten nach Kreta zu verlegen. Hierdurch stand ihnen nun neben Malta noch ein zweiter Inselstützpunkt zur Verfügung, von dem aus sie den Nachschubverkehr der Achsenmächte in Richtung Nordafrika attackieren konnten. Daher drängte die deutsche Seekriegsleitung auf die Eroberung Kretas. Diese erforderte allerdings wegen der Überlegenheit des Empire zur See den Einsatz von Luftlandetruppen.

Ein entsprechender Plan wurde bis zum 15. April 1941 vom General der Flieger Alexander Löhr ausgearbeitet. Jedoch zögerte Adolf Hitler zunächst, zuzustimmen. Das änderte sich erst, als er erkannte, dass die Insel als potenzielle Ausgangsbasis für feindliche Luftangriffe auf die rumänischen Erdölfelder taugte, welche für den bevorstehenden Russlandfeldzug von zentraler Bedeutung waren. Hieraufhin erließ Hitler am 25. April 1941 die Führerweisung Nr. 28 für das „Unternehmen Merkur“ über die „Wegnahme von Kreta“.

Die Gesamtleitung der Operation lag in den Händen vor Löhr. Der verfügte unter anderem über die Jagd- und Bomberstaffeln des VIII. Fliegerkorps: alles in allem 650 Maschinen. Dazu kam das XI. Fliegerkorps. Zu diesem gehörten zehn „Kampfgruppen zur besonderen Verwendung“ mit 550 Transportflugzeugen vom Typ Junkers Ju 52 sowie 60 Lastenseglern. Diese sollten sowohl die 15000 Fallschirmjäger der 7. Fliegerdivision von Generalleutnant Wilhelm Süßmann als auch die 14000 Gebirgsjäger der 5. Gebirgsdivision unter Generalmajor Julius Ringel nach Kreta bringen. Neben der Luftwaffe war auch die Kriegsmarine beteiligt. Der Admiral Südost, Karlgeorg Schuster, stellte für das Übersetzen von Verstärkungen zwei Dampferstaffeln mit sieben Frachtern und zwei Motorseglerstaffeln mit 63 Fahrzeugen bereit. Deren Schutz übernahm die italienische Marine. Ebenso steuerte der Verbündete noch 62 eigene Kampfflugzeuge bei.

Löhrs Plan sah vor, an vier Stellen der Insel zu landen, und zwar in der Hauptstadt Chania und auf dem Flughafen von Maleme sowie in Rethymno und Iraklio. Dabei verließ sich der Luftwaffengeneral bei der Kräfteplanung auf das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht, das meldete, dass lediglich 15000 britische und kaum griechische Soldaten auf Kreta stationiert seien. Tatsächlich jedoch hatte der Feind inzwischen 42640 Mann zusammengezogen, die unter dem Kommando des neuseeländischen Generalmajors Bernard Freyberg standen. Und der wusste infolge der Entzifferung der deutschen Funksprüche, die mit der Enigma-Maschine verschlüsselt worden waren, auch ganz genau, was die Deutschen vorhatten. Trotzdem verlegte die Royal Air Force sämtliche Kampfflieger kurz vor Angriffsbeginn nach Ägypten, weil die Briten auf ihre Überlegenheit zur See setzten. Immerhin konnten sie ja vier Schlachtschiffe, einen Flugzeugträger, elf Kreuzer und 29 Zerstörer aufbieten, welche die Truppentransporter der gegnerischen Seite auf den Meeresgrund schicken sollten. Desgleichen erhielt Freyberg keine Erlaubnis, die kretischen Flugfelder präventiv unbrauchbar zu machen – noch ein kapitaler Fehler.

Das Unternehmen Merkur begann am 20. Mai 1941 um 7.15 Uhr mit der Bombardierung der vorgesehenen Absetzzonen und der anschließenden Luftlandung bei Maleme und Chania. Dem folgten am Nachmittag weitere Angriffe an den anderen beiden Punkten. In deren Verlauf kam General Süßmann infolge des Absturzes seines Lastenseglers über der Insel Ägina ums Leben. Und auch sonst waren die deutschen Verluste sehr hoch. Das resultierte zum einen aus der heftigen Gegenwehr der vorgewarnten Inselbesatzung, wobei besonders die 2. Neuseeländische Division in Maleme sehr verbissen kämpfte. Zum anderen zeitigte die naturgemäß leichte Bewaffnung der Luftlande- und Gebirgstruppen nachteilige Folgen.

Außerdem verhielt sich die kretische Zivilbevölkerung nicht wie erwartet deutschfreundlich. Hier hatte das Amt Ausland/Abwehr noch eine totale Fehleinschätzung geliefert. Die Inselgriechen bildeten vielmehr Milizen und Bürgerwehren, die aktiv an den Gefechten teilnahmen und zahllose Übergriffe gegen verwundete oder versprengte Fallschirm- und Gebirgsjäger begingen – bis hin zu Folterungen und Verstümmelungen, die später von der Wehrmachtuntersuchungsstelle dokumentiert wurden. Deshalb reagierte die deutsche Seite schließlich mit Vergeltungsmaßnahmen, die heute oftmals zu Unrecht unter „Kriegsverbrechen“ rangieren.

Aber auch die Commonwealth-Verbände ließen sich massive Verstöße gegen die Genfer Konvention zuschulden kommen. So schossen die britischen Kampfschiffe, die Schusters Motorseg­lerstaffeln attackierten und dabei trotz äußerst tapferer Gegenwehr des unterlegenen italienischen Geleitschutzes zwölf Transporter versenkten, gezielt auf Schiffbrüchige, die hilflos im Wasser trieben.

Ungeachtet ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit erlangten die deutschen Landungseinheiten bis zum 27. Mai die Oberhand, wo­raufhin der griechische König Georg II. von Kreta aus weiter nach Ägypten flüchtete und die Briten mit der Evakuierung ihrer Truppen begannen, die fünf Tage später endete. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Empire 15743 Mann eingebüßt. Dazu kamen 2011 Marineangehörige, die infolge der Versenkung von drei Kreuzern und sechs Zerstörern der Mittelmeerflotte durch das VIII. Fliegerkorps fielen.

Die Verluste auf deutscher Seite wurden später offiziell mit 3714 Gefallenen beziffert – allerdings liegen schon alleine auf dem Soldatenfriedhof in Maleme 4465 tote Wehrmachtsangehörige. Außerdem musste die Luftwaffe 272 Maschinen abschreiben.

Aus strategischer Sicht hätte der Besetzung Kretas die Landung auf Malta folgen müssen, die auch tatsächlich unter dem Namen „Unternehmen Herkules“ für den Juli 1942 geplant war, aber wegen des hohen Blutzolls beim „Unternehmen Merkur“ schließlich unterblieb. Der Besitz Maltas genügte den Briten, die Nachschubversorgung für das Deutsche Afrika-Korps von Generalfeldmarschall Erwin Rommel derart massiv zu stören, dass die Deutschen die Schlacht vor El Alamein verloren. Insofern waren die Opfer vom Mai 1941 also umsonst.            

                Wolfgang Kaufmann


S. 11 Geschichte & Preussen

Von Sigmaringen nach Bukarest
Vor 150 Jahren wurde der Hohenzollernprinz Karl Eitel Friedrich mit Unterstützung Napoleons III. Fürst von Rumänien

Wer die Vorgeschichte des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 kennt, weiß, dass Napoleon III. bereit war, Krieg zu führen, um zu verhindern, dass der Hohenzollernprinz Leopold König von Spanien wurde. Weniger bekannt dürfte sein, dass kein halbes Jahrzehnt zuvor Leopolds Bruder Karl Eitel Friedrich Fürst von Rumänien wurde – und das mit maßgeblicher Unterstützung des Kaisers der Franzosen.

Bedenkt man den geografischen Abstand zwischen Frankreich und Rumänien, verbindet die beiden Länder bemerkenswert viel. Die Gemeinsamkeiten reichen von der Sprache bis zur Flagge. Beide Staatsvölker sprechen eine romanische Sprache. Und nach französischem Vorbild zeigt die rumänische Flagge drei senkrecht angeordnete Streifen, von denen die äußeren auch noch mit den französischen identisch sind. Selbst im rumänischen Automobilbau zeigt sich der französische Einfluss. Der rumänische Autohersteller UAP begann mit der Lizenzfertigung von Renault-Modellen unter der Bezeichnung „Dacia“ und nach der „Wende“ ging der Dacia-Hersteller in den Besitz von Renault über.

Auch orientierte sich der Gründer des Fürstentums Rumänien, Alexandru Ioan Cuza, bei der Modernisierung des Landes an Frankreich. Mit dieser Modernisierung erregte der erste Fürst von Rumänien den Unwillen des rumänischen Klerus und Adels, des konservativen Nachbarn Russland sowie des ähnlich konservativen Osmanischen Reiches, dessen Oberhoheit das Fürstentum unterstand. Der Gegner waren zu viele, und der Fürst wurde von seinem Militär weggeputscht. Ein neuer Fürst musste her.

Gerne griff das Konzert der Großmächte – heute nennt man das internationale Gemeinschaft – bei derartigen Vakanzen auf Prinzen aus unbedeutenden Häusern zurück, die zwar einerseits edelblütig und standesgemäß waren, deren Machterweiterung aber andererseits nicht das Gleichgewicht der Großmächte zu gefährden drohte. Hier bot sich vor allem eine Suche in Deutschland an, das aufgrund seiner traditionellen Kleinstaaterei zahlreiche Familien dieser Art zu bieten hatte. Zu nennen ist hier neben den Battenbergs vor allem das Haus Sachsen-Coburg und Gotha.

Im Falle Rumäniens war auch ein Prinz aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha die erste Wahl: der belgische Königssohn Philippe Graf von Flandern. Der Belgier deutsch-französischer Herkunft verzichtete jedoch, und stattdessen wurde schließlich sein deutscher Schwager Prinz Karl Eitel Friedrich Rumäniens zweiter Fürst. Dieser gehörte zwar dem Haus Hohenzollern an, aber nicht etwa dem in Berlin und damit eine Großmacht regierenden brandenburgischen Zweig, sondern der katholisch gebliebenen schwäbischen Linie Sigmaringen. Obwohl es also nicht um den Preußen regierenden Zweig der Hohenzollernfamilie ging, wäre eine solche Kandidatur 1870 wohl an Napoleon gescheitert, statt von ihr unterstützt zu werden. Hieran lässt Napoleons Reaktion auf die Kandidatur Prinz Leopolds von Hohenzollern-Sigmaringen für den spanischen Thron kaum Zweifel. Den entscheidenden Unterschied machte der zeitlich dazwischen liegende Deutsche Krieg von 1866 aus, der Preußen zur führenden deutschen Macht aufsteigen ließ. Bis zu diesem Krieg hatte noch Österreich diese Rolle inne, und solange dies so war, hatte der Franzosenkaiser gemäß der Strategie divide et impera (teile und herrsche) gegen eine mäßige Macht­erweiterung der Hohenzollern und damit Preußens nichts einzuwenden.

So wie sein Onkel Napoleon I. ein Kind der Französischen Revolution von 1789 gewesen war, war Napoleon III. eines der 48er Revolution. Während andere Herrscher sich mit dem Gottesgnadentum legitimierten, stützte er sich auf den Willen des Volkes. Plebiszite spielten deshalb auch in seiner Politik eine für die damalige Zeit bemerkenswert große Rolle. So können wir es denn wohl auch auf Napoleons Einfluss zurück­führen, dass Karl Eitel Friedrich als Fürst von Rumänien durch eine Volksabstimmung abgenickt wurde. Nach dieser Abstimmung vom 20. April 1866 zog der deutsche Prinz am 22. Mai 1866 als Fürst Carol I. unter großer Anteilnahme seiner neuen Landesleute in seine neue Hauptstadt ein.

Durch den Frieden von San Stefano wurde Carols Fürstentum 1878 vom Kriegsverlierer Osmanisches Reich unabhängig. Mit dem Gewinn der Souveränität war die Voraussetzung für ein Königreich geschaffen und drei Jahre darauf ließ der Fürst sich zum König von Rumänien krönen. Karl Eitel Friedrich/Carol I. hat den modernen rumänischen Nationalstaat nicht gegründet und er war auch nicht dessen erster Führer, aber er führte das Land in die Souveränität und war dessen erster König.

In der Innenpolitik bemühte sich Carol I. wie sein Vorgänger Alexandru Ioan Cuza um eine Modernisierung des wegen seiner langen Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich rückständigen Balkanlandes – wenn auch weniger nach französischem Vorbild denn nach dem Preußens, dessen Armee er jahrelang als deren Offizier hatte kennenlernen können. Außerdem waren seine Reformen auch weniger radikal. Der Verzicht auf eine entschiedene Bekämpfung der sozialen Ungleichheit hatte zur Folge, dass es einerseits in seiner Regierungszeit (1907) zu einem Bauernaufstand kam, er andererseits aber auch nicht von den herrschenden Funktionseliten weggeputscht wurde wie sein Vorgänger.

Außenpolitisch suchte Carol die Anlehnung an die deutschen Großmächte. 1883 trat Rumänien dem deutsch-österreich-ungarisch-italienischem Dreibund bei. Deshalb empfand er es auch als „Ehrensache“, auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg einzutreten. Gegen die eher ententefreundlichen Funktionseliten seines Landes konnte er jedoch gerade einmal eine strikte Neutralität durchsetzen. Diese Niederlage verdüsterte seine letzten Lebenswochen. Der König starb am 10. Oktober 1914. Keine zwei Jahre später trat sein Königreich unter seinem Neffen und Nachfolger Ferdinand I. – einem Sohn des spanischen Thronkandidaten Prinz Leopold – an der Seite der Entente in den Weltkrieg ein.    Manuel Ruoff


Erster Biograf des Herzogs Albrecht von Preußen
Vor 300 Jahren kam der evangelische Theologe, Historiker, Bibliothekar und Schriftsteller Friedrich Samuel Bock in Königsberg zur Welt

Friedrich Samuel Bock ist der erste Biograf Herzog Albrechts. Der Königsberger schrieb auch über die Entstehung des Bernsteins, die Naturgeschichte der Heringe und die preußische Ornithologie. Sein Hauptwerk indes ist seine von 1782 bis 1785 in Dessau erschienene fünfbändige Wirtschaftsgeschichte. Diesen „Versuch einer wirthschaftlichen Naturgeschichte von dem Königreich Ost- und Westpreußen“ mit den Bänden „Allgemeine geographische, anthropologische, meteorologische und historische Abhandlungen“, „Das unterirdische Preußen, oder das Fossilienreich dieses Landes“, „Inländische Säugethiere, Vögel, Amphibien und Fische“ und „Ergänzungen zu den ersten vier Bänden und ein vollständiges Register über das gesamte Werk“ lobte noch Mitte des vorigen Jahrhunderts kein Geringerer denn Fritz Gause in der „Neuen Deutschen Biographie“ („NDB“) als „stofflich heute noch von großem Wert“.

Der am 20. Mai 1716 in Königsberg geborene Friedrich Samuel Bock, Sohn des Königsberger Stadtchirurgen Georg Bock und dessen Ehefrau Barbara, jüngerer Bruder des Poesieprofessors Fichters, Mundartforschers und „Idioticon Prussicum“-Herausgebers Johann Georg Bock sowie Kollege von Immanuel Kant an der Albertus-Universität, lehrte neben der Theologie griechische Literatur und Philosophie. In lateinischer Sprache verfasste er mehrere kirchenpolitische Schriften. Doch je älter er wurde, desto mehr wendete er sich den Naturwissenschaften zu. Mit zunehmendem Alter wich bei dem Professor das schwärmerisch-poetische Betrachten der Natur dem Forscherdrang, was Nutzen bringen und Schaden abwenden könnte.

In den Jahren 1773 und 1774 arbeitete Bock für die Wochenzeitschrift „Preußischer Sammler“. Als der Königsberger Verleger Hartung diese beliebte und immer ausverkaufte Zeitschrift eingehen ließ, fühlte sich Bock verpflichtet, „zum Nutzen des Vaterlandes“ ein eigenes Werk zu schaffen. Nach langem Suchen fand er in Dessau einen Verleger. 1782 war sein Werk vollendet.

Wie aus der Einführung zu erkennen ist, lag dem fleißigen Gelehrten besonders daran, allen falschen Nachrichten über Ost- und Westpreußen entgegenzutreten. In den Kapiteln über Landwirtschaft zog Bock Vergleiche zwischen dem Samland, Natangen, Preußisch Litauen, dem Ermland, Masuren, dem Oberland und Westpreußen mit ihren verschiedenartigen Böden und Anbaumöglichkeiten. Im Samland befragte er die Pächter von Schaaken, Sudnicken und Kaymen über Anbauweise, Ackergerät und Viehhaltung, rechnete aus, wie viel Vieh auf jeder Hufe Landes gehalten werden musste, um dafür ausreichende Mengen Dünger zu haben, empfahl, auch mit Mergel und Schlamm den Boden zu verbessern.

Voll Wärme setzte sich Bock für den Anbau von Hirse und Buchweizen auf sandigen Böden ein. Er riet dem Landvolk in den Werdern, wo es Gras und Korn damals noch mit Sicheln schnitt, endlich wie sonst überall im Lande mit Sensen zu mähen.

Oft lobte Bock die Lebensart der Landbewohner. Er behandelt den „vernünftigen Einwohner“ im Stil der Aufklärungszeit: „Durch seine Vernunft wird er fähig, alle sichtbare Geschöpfe zur Ehre des Werkmeisters, der sie hervorgebracht, zu gebrauchen.“ Ähnlich äußerten sich 250 Jahre eher die Humanisten, besonders Copernicus.

Lebensalter, Größe und Gewicht der Einwohnerschaft werden gründlich untersucht. Leute im biblischen Alter – Bock nennt den Schlosser Hartknoch in Lyck und den Schuhmacher Schulz in Königsberg – fragte er aus, wie es heute die Meinungsforscher tun.

Eindringlich verglich Bock die Stadtmenschen seiner Zeit mit den Altpreußen, deren Lebensart er ausführlich schilderte: „Die ehemaligen Einwohner waren stark von Gliedern und selten von einer Krankheit befallen. Weichlichkeit war ihnen verhaßt, und nichts würde ihnen seltsamer vorgekommen seyn, als die heute so genannte feine Lebensart.“

Im gleichen Sinn wie Wolfgang von Goethe 100 Jahre später und ähnlich wie mancher Reformer des 19. und 20. Jahrhunderts forderte Bock damals schon Gesetze zur Förderung der Gesundheit: „Vielleicht würden Gesetze, wodurch kostbaren Speisen und Getränken ein Ende gesetzet, Leibesübungen für die Jugend angeordnet und die Kinder nebst den Lehrern in den Schulen auch zu nützlichen mechanischen Künsten ausgebildet würden, einen großen Einfluss auf die Verbesserung der Menschenart haben.“

Bei solchen Erwägungen blieb der Professor nicht stehen. Seine praktischen Anweisungen füllten den größten Teil der fünf Bände. Er bedauerte das Versiegen alter Heilquellen in Rastenburg, Heiligelinde und Rößel, „sie wirkten wie die in Bad Pyrmont“, in Allenburg, Löwenhagen, Balga, Ottlau, Thorn und Soldau. Er nannte zahlreiche Heilpflanzen und beschrieb ihre Anwendung.

Drei Bände seiner Naturgeschichte füllte Bock mit Nutzanwendungen pflanzlicher, tierischer und mineralischer Stoffe für die Herstellung von Hausgerät und Webereien, für Färberei, Seifenkochen und Lichterziehen. Von den Heil- und Färbegewächsen ging er zur pflanzlichen Nahrung über. Hier führte er die Gesetze Friedrich Wilhelm I. über den Gartenbau an. Er lobte die „Kraut- und Kohlgärtner, so vorzüglich Fremde und Kolonisten sind“.

Von den Gärtnern ließ sich Bock gute Mittel für die Bekämpfung der Schädlinge nennen, von seinen Hausmädchen die ländlichen Kochrezepte, von denen viele noch heute bei seinen Landsleuten angewendet werden: Klunkermus, Flammfladen, Keilchen, Kissehl. Ein ganzer Band handelt von Erden, Fossilien und Steinen, „vornehmlich von Bernstein“, dessen hohes Alter Bock als erster richtig einschätzte.

Er selbst wurde knapp 70 Jahre alt. Am 30. September 1785 starb er in der Stadt seines Lebens und Wirkens. Das Alter, das er an seinen gesunden Landsleuten rühmt, konnte er nicht erreichen. Hatte er nicht nach den Ratschlägen gelebt, mit denen er auf viele Leser seiner Bücher einwirkte?

Seine Wirtschaftsgeschichte Ost- und Westpreußens lasen Kaufleute, Gutsbesitzer und Regierungsbeamte. Sie gaben seine Lehren weiter, als die fünf Bände vergessen waren und ihr Urheber im Professorengewölbe des Königsberger Doms, knapp 20 Jahre vor seinem großen Kollegen Kant, die letzte Ruhe gefunden hatte.

Friedrich Samuel Bock, der spät geheiratet hatte, hinterließ außer seiner Frau Anna, geborene Tortilovius, aus Insterburg, die einzige Tochter Justina, die nach einem merkwürdigen Leben Stammutter zahlreicher ostpreußischer Familien wurde. Ihre und ihrer Nachkommen seltsame Geschichte hat Bocks Ururenkelin Erminia von Olfers geborene von Batocki in ihrem Lebenswerk, dem Roman „Das Taubenhaus“, geschildert. E.B.


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AfD macht »Feuer unter dem Hintern«

Zu: Viele Schmuddelkinder (Nr. 18)

Die AfD in der jetzigen Auslegung gibt es praktisch erst seit dem Juli 2015, als ihr Gründer Prof. Lücke seinen Laptop zuklappte und geschlagen die Bühne verließ. Die Partei ist also noch nicht einmal ein Jahr alt! Erinnern wir uns an den Einzug der „Grünen“ als äußerliche Vertreter der Unterschicht, so wird sich dieses Bild sicher im nächsten Jahr nicht wiederholen, wenn 60 bis 90 Abgeordnete der AfD einziehen und ebenso viele Hinterbänkler aus allen Parteien weichen müssen (samt je einem Büroleiter pro MdB).

Viele von ihnen werden dann Hartz IV beziehen, weil sie zwar weiß Gott was alles studiert, aber keinen Abschluss und damit keinen Beruf haben. Davor zittern sie und kämpfen schon jetzt gegen den Fall ins Nichts. Deshalb aber die zukünftigen „Neuen“ schon unter Generalverdacht zu stellen, ist unfair, denn neben einigen Schmuddelkindern werden sicher vorzügliche Leute an der Spitze stehen und den Altparteien Feuer unter dem Hintern machen, Deutschlandhasser und ewige Vergangenheitsbewältiger werden dann allerdings nicht darunter sein.

Walter Held, Traunstein

 

 

Patriotischer Beitrag zum Wohlfahrtsgewinn

Zu: Historische Kampfansage (Nr. 18)

Die Überschrift greift zu kurz. Zum einen überschätzt die AfD gewaltig ihre Kräfte, da die gegenwärtige Popularität im Wesentlichen auf der Flüchtlingskrise basiert, was sehr deutlich die nied­rigen Umfragewerte bis exakt vor dem Ereignis zeigen. Zum anderen bleibt es als Reaktion auf die 68er ebenso falsch, nahezu alles beim Thema Integration schlecht zu reden, da nicht wenige Personen mit Immigrationshintergrund sich bereits als elementaren Teil dieser Gesellschaft betrachten, was man zum Beispiel bei großen Fußballturnieren sieht, wo sich jene nicht selten sogar in vorderster Reihe am sportlichen Patriotismus mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne beteiligen.

Deshalb bleibt die wichtigste Tugend, um die schwierigen Herausforderungen der (Post-)Moderne erfolgreich zu meistern, dass man genügend differenziert, zumal es historische Ereignisse wie etwa nach 1945 gibt, bei denen schon einmal aus ihrer Heimat gewaltsam vertriebene Menschen einen erheblichen und leider heutzutage gerne vergessenen Beitrag zum Wohlfahrtsgewinn des hiesigen Gemeinwesens geleistet haben.

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

 

 

Glatte Unwahrheit

Zu: „Klaipeda liebt Memel“ (Nr. 17)

Wenn Memels Bürgermeister Arturas Schulzas bei der Tafelrunde in Elmshorn zu dem Ergebnis kommt, „Klaipeda liebt Memel“, möchte ich in Erinnerung rufen, dass in Memel (Klaipeda) ein Gedenkstein steht, der an den „Aufstand“ der Memelländer 1923 erinnert. Soll heißen: Die Memelländer wollten los vom Reich und eingegliedert werden in Litauen. Aus historischer Sicht ist das eine glatte Unwahrheit. Die Wahlen im Memelland zwischen 1924 bis 1938 weisen eine haushohe Mehrheit für das Deutschtum im Memelland aus. Die älteste Stadt Ostpreußens hat es nicht verdient, so in historischer Hinsicht eingestuft zu werden.

Die von Herrn Neufeldt genannten Persönlichkeiten möchte ich noch ergänzen. Von zirka 40 Dichtern und Erzählern des Memellandes hier eine Auswahl, allen voran Simon Dach. Weiter: Max Szameitat, Liesbeth Purwins-Irritié, Charlotte Kayser, Ewald Swars, Elisabeth Bromner-Hoepfner, Klaus Reuter, Alfred Brust, Grete Fischer, Rudolf Naujok, Paul Brock.

Bernd Dauskardt, Hollenstedt

 

 

Die vier „A“

Zu: Deutschland droht Höfesterben (Nr. 17)

In den 80er Jahren sagte uns Prof. Höffinghoff von der Fachhochschule Bingen: „Die Dörfer werden nur noch aus vier ,A‘ bestehen.“ Alten, Asozialen, Ausländern und ausgeflippten Akademikern. Heute sind in den damals untersuchten Gemeinden schon große Flächen verdornt. Siehe Mittel-Rhein, siehe Russland oder der Westen der USA. Dort verfallen schon ganze Dörfer.

Diese Milchpreis-Misere ist nur das Tüpfelchen auf dem i. Die Familien werden schwersten Belastungen ausgesetzt. Die Antwort unserer Theoretiker ist, wachse oder weiche. Was mit den Familien geschieht, fragt keiner. Das Land wird menschenleer. Und es verdornt! Dornen haben keinen Erholungswert. Nicht umsonst zahlt die Schweiz ihren Bergbauern erhebliche Gelder, damit sie den Abfall der Touristen aufsammeln und die Wiesen offenhalten.

Gerade große Betriebe hatten in den Krisen die größten Schwierigkeiten, die Löhne aufzubringen. Heute werden sofort die Leute entlassen, der Viehstall wird verkauft, dann reicht es für alles andere auch nicht mehr.

Wir brauchen eine grundlegende Änderung unserer Denkweise. Leider wird das nicht gehen, ohne dass wir festgefahrene Wege verlassen. Darunter verstehe ich „die heilige Kuh“: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Das ist aber für verderbliche Waren nicht machbar.

Karl Feller, Gau-Algesheim

 

 

Nadelstiche der USA gegen Russland sorgen für neuen Kalten Krieg

Zu: Nato rüstet in Europas Osten auf (Nr. 17)

Seit Jahren liest man immer wieder Nachrichten über die Bemühungen der von den USA und der von ihr gelenkten Nato, Europas Osten gegen das aggressive, russische Verhalten in Sachen Krim und Ukraine zu sichern und zu stärken. Dabei stellt sich die Frage: Wer hat diese Entwicklung heraufbeschworen? Doch nicht Russland allein. Es waren unsere „amerikanischen Freunde“, die Russland immer wieder mit einzelnen Nadelstichen wie der Positionierung von angeblich gegen Persien gerichteten Raketenstellungen in Polen (Masuren) provozierten. Diese Entwicklung haben sie mit Hilfe ihrer Nato-Erfüllungsgehilfen – sprich Mitglieder – konsequent fortgesetzt, sodass man heute schon offen von einem neuen Kalten Krieg spricht.

Hoffentlich haben die baltischen Staaten, Polen und die europäischen Nato-Mitgliedstaaten den letzten heißen und kalten Krieg noch nicht vergessen. Russland hat es ganz sicherlich nicht. Es wird auf diese andauernden US-Provokationen, wie das in obigem Artikel klar zum Ausdruck kommt, die notwendigen militärischen Maßnahmen treffen.

Der Wunsch der baltischen Staaten, Polens und Rumäniens aufgrund der mit Russland in der Vergangenheit gemachten negativen Erfahrungen nach mehr Sicherheit und Schutz ihrer Ostgrenzen ist durchaus verständlich. Ob aber der gegenwärtige, militärische Weg zu einer Lösung des bestehenden Problems führen wird, ist sicherlich fraglich. Sollte man sich da nicht in erster Linie mit seinem russischen Nachbarn um eine friedliche, anstatt einer militärischen Lösung, bemühen?

Hier ist der gesunde Menschenverstand gefragt. Die europäischen Nato-Mitglieder sollten sich fragen, ob sie im Bündnisfall einen heißen Stellvertreterkrieg für US-Interessen führen wollen. Im Vordergrund stehen hier wohl amerikanische und nicht europäische Interessen.

Theodor Preuss, Immenstaad


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Kann die Fußball-WM Schlösser retten?
Königsberger Regionalregierung plant Touristenrouten – Besuch einiger Ruinen zurzeit lebensgefährlich

Zur Fußballweltmeisterschaft 2018 will das Königsberger Gebiet sich herausputzen. Die Regierung setzt auf das kulturelle Erbe, das Touristen ins Land locken soll. Doch nun kamen Experten zur Erkenntnis, dass zur Sicherung der Ruinen noch einige Baumaßnahmen notwendig sind.

Die Burgen und Schlösser des Königsberger Gebiets gelten zu Recht als einzigartige Zeugnisse des reichen architektonischen und historischen Erbes der Region, die als Anziehungspunkte für Touristen, für kulturelle Veranstaltungen, historische Rekonstruktionen und Festivals gerne genutzt werden. In diesem Zusammenhang erinnert man sich an die Schlösser, von denen es Dutzende im nördlichen Ostpreußen gibt.

Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft hat das Ministerium für Tourismus es als notwendig erachtet, eine Auswahl an Touristenrouten zu erarbeiten. Aus 50 Entwürfen wurden drei ausgewählt, da­runter eine zum Thema „Befestigungsanlagen und Schlösser im Königsberger Gebiet“. Die Idee, die Schlösser in die Reiseroute für Touristen einzubeziehen, ist nicht neu. Schon viele Jahre wurde da­rüber diskutiert, mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Soweit war alles gut. Doch plötzlich, während einer Sitzung der Gesellschaftskammer des Gebiets zum Thema „Mittelalterliche Burgen: Möglichkeiten, Wiederbelebung, Nutzung im Interesse der regionalen Entwicklung“; warnten Experten davor, dass der Besuch gerade dieser Schlösser lebensgefährlich sein kann.

Laut dem kommissarischen Leiter des regionalen Denkmalschutzes, Evgenij Maslow, befinden sich die Schlösser nämlich in schlechtem Zustand, ihre Substanz sei als gefährlich einzustufen. Bauarbeiten seien notwendig, um sie zu erhalten. Von zehn Schlössern, die in der Touristenroute enthalten sein sollen, könnten nur sechs ohne Lebensgefahr. besichtigt werden Von den fast 60 Burgen, die sich im nördlichen Ostpreußen befinden, gelten 19 als schützenswerte Objekte des Kulturerbes. Zehn von ihnen sind in der staatlichen Liste als Ruinen aufgeführt. Nur bei sieben Schlössern (Preußisch Eylau, Tapiau, Neuhausen, Labiau und Georgenburg) ist eine teilweise Rekonstruktion möglich.

2010 hat die Regionalregierung einen Teil der Kirchen und Schlösser der Russisch Orthodoxen Kirche (ROK) übertragen mit der Verpflichtung, für den Erhalt der Bauten zu sorgen. Doch seit dieser Zeit ist es an keinem dieser Gebäude zu wesentlichen Veränderungen gekommen. Im Gegenteil:  Die orthodoxe Diözese des Königsberger Gebiets hat die Regionalregierung um finanzielle Unterstützung für den Erhalt und Reparaturen an den Kulturdenkmälern gebeten. Ende 2015 wurde die Forderung der ROK zum Erhalt von Fördermitteln zur Reparatur des Schlosses Brandenburg genehmigt.

Die Diözese der ROK empfindet den Erhalt der ihr überlassenen Bauten des kulturellen Erbes als Last. Das gab zumindest der Abteilungsleiter für Immobilien der Königsberger Diözese, Viktor Wassiljew, an. Aber gleichzeitig lehnt die ROK es ab, das Eigentum an jemand anderen zu übergeben. Sie ist lediglich bereit, die Schlösser gegen eine geringe Miete zur freien Nutzung zur Verfügung zu stellen. Doch bislang haben sich keine solchen Mieter gefunden.

Es kommen immer mehr Touristen ins nördliche Ostpreußen, und bis zur WM bleibt nicht mehr viel Zeit. Deshalb finden an einigen Schlössern Erhaltungsarbeiten statt. In diesem Jahr sind Erhaltungsmaßnahmen in Ragnit und Balga geplant. So könnte die WM ostpreußische Schlösser doch noch vor dem Verfall retten.

                Jurij Tschernyschew


Krieg in Hohenstein
Ethnografisches Museum stellte Schlachten von 1944 nach

Im Ethnografischen Park in Hohenstein (Museum für Volksarchitektur) fand Mitte April unter dem Titel „Der Sturm“ eine große historische Inszenierung der Ereignisse aus dem Jahr 1944 statt. Zu dieser Rekonstruktion waren  Zuschauer aus Hohenstein [Olsztynek] und aus der Umgebung gekommen. Die Vorbereitungen hatten zwei Monate zuvor begonnen: Vorrichtungen für die Pyrotechnik, Medizindienst und Brandschutz mussten organisiert werden.

Die historische Vorlage für die Aktion „Der Sturm“ (polnisch Akcja „Burza“) bildete eine militärische Operation der polnischen Heimatarmee im Jahr 1944, kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen auf das Gebiet der zweiten Republik Polen. Die Hauptziele der Operation waren, die deutsche Verteidigung durch  Militäraktionen und Sabotage zu schwächen und die Einrichtung einer pro-sowjetischen Regierung in Polen zu verhindern.

Es war bereits die zweite historische Inszenierung dieser Art im Museum in Hohenstein. Wie im vergangenen Jahr fand die nachgestellte Schlacht unter freiem Himmel unter realen Bedingungen statt. Die Produktion erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig.

Das Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig hatte vier Inszenierungen militärischer Gefechte vorbereitet, die während der Operation „Der Sturm“ im Jahr 1944 stattgefunden hatten. Polnische Partisanen kämpften damals gegen deutsche Soldaten, aber auch gegen litauische Einheiten, die mit den Deutschen kollaborierten. Daneben waren auch sowjetische Partisanen beteiligt, die sich in dem Rudnicka Urwald in Litauen versteckten.

Weitere Schlachteninszenierungen betrafen deutsch-sowjetische Kämpfe, die der Aktion auch ihren Namen „Der Sturm“ gegeben hatten. Der Höhepunkt des ganzen Tages war die Hauptinszenierung um 14 Uhr. Sie versetzte die Zuschauer an den Schauplatz von Wilna, wo die Operation „Scharfes Tor“ begonnen hatte. Anlässlich der Feiern des „Jahres der Stilldunkelmänner“ (Stilldunkelmänner waren Fallschirmjäger, polnische Spezialkräfte, die während des Zweiten Weltkrieges im Westen ausgebildet worden waren und über den besetzten Gebieten absprangen), wurden Schattenrisse von Fallschirmjägern und Heimatarmee gezeigt, die im Rahmen der präsentierten Truppen gewirkt hatten.

Rund 70 Akteure sowie zahlreiche historische Ausrüstungsgegenstände wie drei Panzer, Kanonen, Lastwagen, Autos und Motorräder waren an der Rekonstruktion beteiligt. Jeder Zuschauer erhielt eine kostenlose Broschüre mit dem historischen Hintergrund der vorgestellten Veranstaltungen. Im Museum war ein Guerillalager nachgebildet, wo die Zuschauer eine warme Mahlzeit aus einer originalen Feldküche genießen konnten.        Leszek Chaburski


Mit der Axt verteidigen
Bau der Gasleitung Polen–Litauen sorgt für Unmut bei Bauern

Die Planer der Gasleitung Polen–Litauen bereiten polnischen Grundstückseigentümern einige unliebsame Überraschungen. Als erste traten die Bauern der Gemeinde Raczki auf den Plan. Sie bemühen sich um eine Begegnung mit dem Podlachischen Woiwoden.

Die Bauern wollen die Gasleitungs-Verleger nicht auf ihre Grundstücke lassen, wenn niemand bereit sei, ihre Zweifel zu zerstreuen. Sie drohen damit, ihre Grundstücke notfalls mit Äxten zu verteidigen.  Die Bauern wollen jeden, durch deren Grundstücke die Gasleitung Polen–Litauen durchgezogen werden soll, mobilisieren.  Die Sorge der Bauern von Raczki bezieht sich auf die vorgesehenen Änderungen im Grundbuch. Niemand habe sie bislang darüber informiert, wie ihre Grundstücke zerschnitten würde, und sehen in der Grundbuchänderung eine Beschneidung ihrer Rechte.

Die Gasleitung Polen–Litauen soll eine wichtige Investition zur Sicherheit der Energieversorgung Polens sein. Mit den Bauern aus Raczki habe niemand verhandelt,  sagen die Betroffenen. Besonders für die Bauern sei es wichtig, dass die Felder nach Beendigung der Bauarbeiten in den vorherigen Zustand versetzt würden. Aber den Planern komme das nicht in den Sinn. Für das Verlegen der Rohre wird ein Streifen von mehr als 20 Metern benötigt. Nach Beendigung der Investition soll ein zwölf Meter breiter Streifen für die notwendigen Kontrollen freigehalten werden. Feldarbeiten, die der Gasleitung schaden, werden dann verboten sein. Zwar wissen die Bauern, dass sie  eine einmalige Entschädigung erhalten sollen, aber für den Nutzungsausfall und die Beschränkungen im Grundbuch ist kein Ausgleich vorgesehen. Ein so geteiltes Feld sei wertlos, argumentieren die Bauern.

Im vergangenen Monat schrieben die Bauern einen Brief an den Podlachischen Woiwoden Bohdan Paszkowski. Er ist der höchste Vertreter der Regierung in der Region. Der Bau der Gasleitung ist eine staatliche Investition, doch bislang hat der Woiwode den Bauern nicht geantwortet. Wie Anna Idzkowska, die Pressereferentin der Woiwodschaft, erklärte, habe das Amt keinerlei Dokumente über den Bau der Gasleitung. Wenn der Woiwode alles analysiert habe, werde er sich mit den Bauern treffen. Wann das sein wird, ist noch ungewiss.

Die Vertreter der Firma Gas-System, die die Gasleitung baut, versichern, dass allen Grundstückseigentümern bald eine Information zum Thema Gasleitung zukommen wird. Und wer sich nicht ausreichend informiert sieht, der solle einen Brief schreiben. Er erhalte bestimmt Antwort. Die Frage der Entschädigung falle in die Kompetenz des Woiwoden. Die Eintragung in die Grundbücher ergebe sich aus den Verwaltungsvorschriften. Ein Teil der Gasleitung verläuft über den äußersten östlichen Teil des Kreises Lyck.            PAZ


MELDUNGEN

Schiemanen ist ein Volltreffer

Schiemanen – Die Tourismus-Branche verzeichnet zehn Prozent mehr Buchungen in Hotels und Pensionen als im Vorjahr. Für die positive Entwicklung wird unter anderem die Eröffnung des Flughafens in Schiemanen verantwortlich gemacht, da durch ihn das südliche Ostpreußens besser erreichbar ist. Das freut besonders den Bürgermeister von Nikolaiken, Piotr Jakubowski.     PAZ

 

Störungen des Verkehrs

Allenstein – Straße Nr. S7: Liebemühl [Miłomłyn], Baustelle. Straße Nr. S7j: Rontzken [Raczki] –  Zalusken [Załuski], Baustelle. Straße Nr. 7: Elbing [Elblag] – Jazowa, Baustelle; Liebemühl – Osterode [Ostróda], Baustelle; Osterode – Hohenstein [Olsztynek], Baustelle; Zalusken - Napierken [Napierki], Baustelle. Straße Nr. 7j: Zalusken  – Neidenburg [Nidzica], Baustelle. Straße Nr. 15: Rheinsgut [Rynskie] – Mörlen [Morliny], Baustelle. Straße Nr. 16: Osterode – Alt Jablonken [Stare Jabłonki], Baustelle, Arys [Orzysz] – Lyck [Ełk], Baustelle. Straße Nr. 22: Elbing [Elblag] – Fichthorst [Jegłownik], Baustelle. Straße Nr. 51: Heilsberg [Lidzbark Warminski], Baustelle; Allenstein [Olsztyn] – Pagelshof [Ameryka], Baustelle. Straße Nr. 59: Moythienen [Mojtyny], Brückeumbau. Straße Nr. 63: Arys [Orzysz] – Johannisburg [Pisz], Brückenbau. Straße Nr. 65: Goldap – Treuburg [Olecko], Brückenbau; Herzogskirchen [Gaski] – Przytullen [Przytuły], Baustelle.      E.G.


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

„Bitte, liebe Frau Geede, schreiben Sie mir einen Anfang“ – so beginnt der Brief von Herrn Manfred Hofer, der für unsere Leser kein Unbekannter ist, seit er uns die deutsch-litauischen Gesangbücher seiner Großmutter Auguste Ussat überlassen hat. Ich brauchte keinen Anfang zu schreiben, den hat er uns mit seiner ersten Zeile selber geliefert, denn er geht sofort auf die beiden Bücher ein, deren weiteren Verbleib er mit großem Interesse verfolgt. Auch ihm wäre es sehr recht, wenn dieses Erbe seiner Großmutter, das sie trotz aller Schwierigkeiten gerettet hatte, einen würdigen Platz in der Patronatskirche von Coadjuthen, einen Ehrenplatz finden würde. Dann wären sie zu ihren ostpreußisch-litauischen Wurzeln zurückgekehrt, meint Herr Hofer – eine bessere Lösung gäbe es nicht.

Der erste Schritt dazu ist getan, denn Herr Günter Uschtrin hat mich inzwischen besucht, um die wertvollen Bücher persönlich abzuholen und sie vorerst in Gewahrsam zu nehmen. Denn wie er gegenüber Herrn Hofer in einem Schreiben versichert, betrachtet er sich keineswegs als Eigentümer der Bücher, sondern als Treuhänder für einen weitergehenden Verwendungszweck. Der wird ein endgültiger sein, denn der Plan, diesen Büchern in der wundervoll restaurierten Coadjuther Patronatskirche aus dem Jahr 1734 einen Ehrenplatz zu geben, hat nun mit der Weitergabe an Herrn Uschtrin konkrete Formen angenommen. Es wird alles sorgsam vorbereitet ablaufen. Herr Uschtrin und seine deutsche Coadjuthengruppe treffen sich im September, um die endgültige Übergabe vorzubereiten. Vorgesehen ist die Aufbewahrung der über 100 Jahre alten Gesangbücher in einer beleuchteten Glasvitrine, sodass sie für jeden Kirchengänger sichtbar sind. Die Vitrine soll gegen Diebstahl gesichert sein, denn die Bücher dürften in Litauen einen hohen Seltenheitswert haben.

Wie Herr Uschtrin in einem Schreiben an Herrn Hofer ausführt, geschieht dies vor dem Hintergrund der historischen Tatsache, dass im nördlichen Ostpreußen und insbesondere im Memelland die dort seit Jahrhunderten lebenden „preußischen Litauer“ – mit deutscher Staatsangehörigkeit – neben Deutsch auch ihre Muttersprache Litauisch gesprochen haben. Noch im 20. Jahrhundert, also während der litauischen Besetzung des Memelgebietes (1923–1939) wurde in der Coadjuther Kirche eine Sonntagspredigt in litauischer Sprache abgehalten. Das wissen viele Ostpreußen nicht mehr, stellt Herr Uschtrin immer wieder fest, aber das ist eine Tatsache, die zur preußischen Geschichte gehört. Angesichts dieses historischen Hintergrundes wird das wertvolle Kulturgut aus dem Nachlass der Auguste Ussat dorthin zurückgegeben, wo es ursprünglich herstammt. Das wäre, so meint Herr Hofer, auch im Sinne seiner lieben Großmutter und auch seiner Mutter gewesen, die beide Bücher sorgsam bewahrt hat.

Die Nachforschungen, die Herr Uschtrin über die Familiengeschichte der Ussats und ihre eventuelle Verbindung zu Coadjuthen unternommen hatte, haben Herrn Manfred Hofer bewogen, sich noch einmal sehr genau mit den geretteten Daten zu befassen, und die geben so einiges her – allerdings ist keine Verbindung zu der vermuteten Helene Ussat, der Mutter des Hauptmann von Köpenick, erkennbar, die aus Coadjuthen stammt. Was aber nicht bedeutet, dass nicht doch eine Verwandtschaft „wie das siebende Wasser vom Kissehl“ – so nannte man in Ostpreußen eine sehr weitläufige Versippung – bestanden hätte, denn unter Kindermangel litten alteingesessene ostpreußische Familien gerade nicht. Beweisbar auch in meiner Familie: mein Großvater war das jüngste von 16 Kindern.

Günter Uschtrin war nicht alleine zu mir nach Hamburg gekommen – an seiner Seite unser ständiger Mitdenker Bernd Dauskardt, und er kam nicht nur als Zeuge der Übergabe der Gesangbücher – alles muss eben bei alten Preußen seine Richtigkeit haben -, sondern als Gesprächsteilnehmer an einer Dreierrunde, in der es vor allem um die von beiden Herren ausgeübten Aktivitäten geht, die das Memelland betreffen. Denn niemand kennt dieses nördlichste Ostpreußen so gut wie Günter Uschtrin, der mit seinem Buch „Wo liegt Coaduthen?“ eine ungemein umfassende Memellandchronik geschaffen hat, und Bernd Dauskardt, der behauptet, dort in jedem, aber wirklich in jedem Winkel gewesen zu sein. Er würde darauf jede Wette eingehen – in weiser Voraussicht unterließ ich es lieber zu wetten. Stattdessen haben wir lange und lebhaft über neue Möglichkeiten diskutiert, denn trotz seiner körperlichen Behinderung, die ihm schon zu schaffen macht, möchte Bernd Dauskardt unbedingt noch in diesem Sommer wieder dorthin, Pläne sind bereits erstellt. Es dürfte sich da auch in Zusammenhang mit unserer Ostpreußischen Familie etwas ergeben.

Manchmal wird man auch in der eigenen Sippe fündig – das musste Herr Uschtrin feststellen, als er den Familienfundus durchforstete und dabei im Nachlass eines Onkels auf ein Gedicht stieß, das ihm unbekannt war und das ihn sofort faszinierte, denn was wurde in ihm besungen? Natürlich der Memelstrom! Dieser Verwandte, Walter Rödszus, *1907, stammte aus Splitter bei Tilsit, er selbst hat das lyrische Gedicht verfasst und es handschriftlich hinterlassen. Es dürfte also noch nie veröffentlicht worden sein, was auch vielleicht daran liegt, dass es elf Strophen umfasst, und so ist es auch uns leider unmöglich, es hier zu bringen. Aber vielleicht können wir ihm doch eine Stimme geben, und zwar die von Herbert Tennigkeit, wenn der Schauspieler im Rahmen seiner Vortragsreise mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge vom 15. bis 22. Juli auch im Memelgebiet Lesungen halten wird. Das wäre dann eine Uraufführung dieses lyrischen Gedichts des 1988 verstorbenen Autors, das eine späte Heimkehr zu dem Strom seiner Kindheit besingt: „Und kehr ich heim nach langen Jahren, heim unterm blauen Himmelsdom, dann will ich wieder einmal fahren auf meinem alten Memelstrom!“

Auch unser Familienfreund und Landsmann Knut Walter Perkuhn aus Wriedel wurde in der eigenen Familie fündig, was für ihn allerdings keine Überraschung war, denn das Bild seines Großonkels Edwin Perkuhn ist schon lange in deren Besitz. Aber als er das schöne Vorfrühlingsbild der Malerin Christine Kramm in unserer Oster­ausgabe sah, löste es sofort die Erinnerung an seinen Großonkel und dessen Werke aus, von denen viele im heimatlichen Zehlaubruch entstanden sind, in dieser ostpreußischen Urlandschaft, die nur eineinhalb Kilometer von dem Familiengut Lisettenfeld entfernt lag. Der ältere Bruder seines Großvaters strebte eine künstlerische Laufbahn an und wurde auf dieser durch seine Landschafts- und Tierbilder so erfolgreich, dass er als freischaffender Künstler in Dießen am Ammersee, wo er während des Krieges ein Haus erwarb, in Ruhe malen konnte. Dort erwarb nach dem Krieg die Mutter von Knut Walter Perkuhn ein Ölbild, das zwei kämpfende Elche im Zehlaubruch zeigt. Der Großneffe übersandte uns nun ein Foto dieses noch immer im Besitz der Familie befindlichen Gemäldes, das durch die Urwüchsigkeit von Landschaft und Elchwild fast archaisch anmutet. Es führt uns wieder einmal vor Augen, welche Wunderwelten unsere Heimat birgt. Die Zehlau war das einzige noch wachsende Hochmoor Deutschlands und wurde bereits 1910 unter Naturschutz gestellt.

Eine – nicht ganz unerwartete Reaktion – kann Herr Karl-Heinz Gast aus Lindern auf sein Anliegen nach Informationen über die Königsberger Medizinische Universitätsklinik in der Drummstraße verzeichnen, obgleich das Foto, aus dem diese zu entnehmen sind, eigentlich nur ein Kinderbild ist. Es zeigt ein kleines Mädchen mit Schultüte am Tag seiner Einschulung im März 1941. Frau Renate Koch geborene Schlesiger aus Landsberg hatte es uns zugesandt, als sie die Suchfrage von Herrn Gast in Folge 1/16 gelesen hatte, denn das große Gebäude, vor dem die kleine Renate steht, ist das von Herrn Gast gesuchte Medizinische Institut. Diese Originalaufnahme bedeutet für ihn deshalb sehr viel für seine Nachforschungen – „ so langsam bekomme ich eine Vorstellung von dem Komplex Uni-Klinikum“, schreibt er voller Freude über diese Entdeckung. Jedes Mosaiksteinchen ist ihm wichtig für die Konzeption einer Gedenkfeier für den Wissenschaftler Karl Ernst von Baer, die im November 1917 von der gleichnamigen Stiftung an dessen ehemaliger Wirkungsstätte in Königsberg veranstaltet werden soll. Für von Baer, dem Begründer der vergleichenden Embryologie, und für zwei weitere herausragende Wissenschaftler, die in Königsberg und Dorpat gewirkt haben – Karl Friedrich Burdach und Karl Bogislaus Reichert –, soll in beiden Städten ein Denkmal errichtet werden. Herrn Gast geht es darum, möglichst genaue Angaben zu dem Uni-Klinikum und seine Lage in Text und Bild zu erhalten. Der Bericht von Frau Koch, den wir auszugsweise veröffentlichten, hilft ihm da schon weiter – aber Herr Gast hegt noch weitere Hoffnungen, da die Erinnerungen von Renate Koch genaue Ortskenntnisse aufweisen, und auf diese setzt Herr Gast nun in einem Schreiben an Frau Koch, in dem er an sie spezielle Fragen stellt. Das haben wir nun an Frau Koch weiterleiten können und hoffen, dass es zu einer erfreulichen Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Lesern kommt. Aber auch alle anderen Königsberger sind gefragt, die dort gewohnt haben oder im Uni-Klinikum eine berufliche Tätigkeit ausübten. Und ganz besonders unsere Rastenburger Leser, denn dort wurde der Wissenschaftler Karl Bogislaus Reichert (1811–1883) geboren, ein Student Bears, der zu einem Pionier in der Zelltechnik wurde. Zu der Festveranstaltung in Königsberg sollen auch Nachfahren und andere Familienangehörige der Geehrten eingeladen werden, so auch die von Reichert. Gibt es über diese Rastenburger Familie irgendwelche Informationen? (Karl-Heinz Gast, Maarstraße 29 in 52511 Geilenkirchen, Telefon 02462/6670.)

So, Landslied, nu hebb wie Pingste. Wir werden heute nicht mehr Birkenbüsche vor die Türe stellen und auch nicht, wie früher auf dem Lande üblich, die Dielen mit Kalmusstrempeln bestreuen. Aber diesen Duft von jungem Grün hat man noch irgendwie in der Nase, wenn man sich als – heute höflich „Senior“ genannter – schon sehr Betagter an die Pfingstfeste der Kindheit erinnert. Da passt ein Wort von Siegfried Lenz, das mir die Heimatgruppe der Insterburger aus Darmstadt zu meinem Hundertsten auf den weiteren Lebensweg mitgab:

Heimat ist der Winkel vielfältiger Geborgenheit. Es ist der Platz, an dem man aufgehoben ist, zu Sprache, im Gefühl, ja selbst im Schweigen aufgehoben. Ein Land ist erst dann verloren, wenn man sich nicht mehr erinnert.

Eure Ruth Geede


Schreib mal irgendwas!
Breslau hat einen deutschen »Stadtschreiber«

Ich wage es nicht, mich mit der Rolle eines Botschafters zu identifizieren – ich bin ein ganz normaler Schriftsteller, der als Beobachter und als Flaneur diese Stadt entdeckt, sowohl in ihrer Gegenwart als auch in ihrer wechselvollen Vergangenheit“, definiert Marko Martin sein Selbstverständnis, mit dem er künftig vorrangig mittels eines Blogs über die Europäische Kulturhauptstadt Breslau berichten soll.

Im Herzen Breslaus ist der gebürtige Burgstädter in der Bar „BarBara“ an der Ecke Schweidnitzer Straße/Stadtgraben [Swidnicka/Kazimiera Wielkiego] zum städtischen „Stadtschreiber“ proklamiert worden. Der Sachse setzte sich gegen 79 Mitbewerber durch. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein städtisches Amt, sondern ein Stipendium, mit dem das Deutsche Kulturforum östliches Europa aus Potsdam gewissermaßen auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik betreibt. Denn das Kulturforum ist zur Jahrtausendwende vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geschaffen worden. Das Stipendium soll „das gemeinsame kulturelle Erbe der Deutschen und ihrer Nachbarn in jenen Regionen Mittel- und Osteuropas, in denen Deutsche gelebt haben und heute noch leben, in der Öffentlichkeit bekannt machen. Fördern soll es außergewöhnliches Engagement für gegenseitiges Verständnis und interkulturellen Dialog“, so das auf der Homepage des Kulturforums dargestellte Selbstverständnis. Breslau ist dabei nach Danzig (2009), Fünfkirchen (2010), Reval (2011), Marburg/Drau (2012), Kaschau (2013), Riga (2014) und Pilsen (2015) der achte Anlauf.

Der Vorstandsvorsitzende des Kulturforums, der Schlesier Winfried Smaczny, beschrieb bei der Amtseinführung die Doppelrolle des Stadtschreibers. Dieser solle Wirkungen, die die Stadt auf ihn habe, nach Innen (nach Schlesien) und auch nach Außen (Bundesrepublik Deutschland) reflektieren „und im günstigen Fall ein Gefühl der Nähe und Nachbarschaft erzeugen“. Dazu gehört explizit auch der Blick auf die Minderheiten der Stadt, wobei die deutsche hier gleichrangig zu anderen stehe und zum Beispiel auch sexuelle Minderheiten gemeint sein können. Nun gut – die Zwänge eben der auswärtigen deutschen Kulturpolitik.

Dabei fiel in den lokalen Medien das Interesse deutlich stärker aus, als an den bisherigen Standorten. Henryk Kowal, einen Gast aus dem historischen Kernpolen bei der Amtseinführung, irritiert allerdings der Titel des Amtes. „Was ein ‚pisarz miejski’ (Stadtschreiber) sein soll, kann ich mir nicht richtig vorstellen. Immerhin fand ich gerade diese Frage so interessant, dass ich vielleicht gerade deshalb hierhergefunden habe“, sagt er. Er scheint mit dieser Frage nicht allein zu sein, zumal die sprachliche Anlehnung an die historischen „Stadtschreiber“ in der polnischen Sprache keinen Sinn ergibt.

Am Ende der Amtseinführung stellt sich jedoch noch eine ganz andere Frage: Gedenkt der Kulturbetrieb sich einmal mehr selbst zu feiern? Wer den Stadtschreiberblog von Sabrina Janesch von 2009 aus Danzig studiert, wird zu den meisten Einträgen über das Wetter, ein Käffchen in der Innenstadt oder einen Bummel, bei dem die überstrapazierten Menschen aus aller Welt beschrieben werden, keinen oder bestenfalls einmal einen Kommentar finden. Die Strahlkraft vieler schlecht gepflegter Facebook-Profile – ganz ohne Stipendium – ist oft deutlich höher.

Marko Martin hat sich bereits im vergangenen Oktober in der „Welt“ über das Wesen der heutigen Stadt Breslau ausgelassen und sich womöglich nach dem Geschmack öffentlicher Förderer unter dem Titel: „,Breslau‘ oder ‚Wroclaw‘ – man darf beides sagen“, empfohlen. Das könnte eine ähnliche Langeweile wie 2009 Danzig versprechen, wenn man sich heute noch so erwartbar und doch überflüssig für die deutsche Öffentlichkeit auszudrücken meint. Bei der Einführung kann er solche Vorahnungen auch nicht zerstreuen. Er werde keine Schwerpunkte setzen und aus der Gemütslage des Tages wirken. Es gelte die Devise des polnischen Schrifststellers Witold Gombrowicz, der auf die Frage nach seiner Strategie entgegnete, er habe keine. Er gehe einfach den Spannungen nach, Fragmenten der eigenen Wahrnehmung. Also die hohe Kunst, schöngeistig am Ende wenig echte Farbe zu bekennen? Vielleicht könnte der ein oder andere Blogkommentar ja diesmal mehr Verbindliches herauskitzeln.         Edmund Pander


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 102. GEBURTSTAG

Prawitt, Lisbeth, geb. Moehrke, aus Klein Powayen, Kreis Samland, am 18. Mai

ZUM 100. GEBURTSTAG

Kasper, Margarete, geb. Dombrowski, aus Illowo, Narzym, Kreis Neidenburg, am 19. Mai

Olschewski, Ernst, aus Kielen, Kreis Lyck, am 14. Mai

Wiese, Lieselotte, geb. Nischk, aus Lyck, am 18. Mai

ZUM 98. GEBURTSTAG

Klauss, Eva, geb. Alexander, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 16. Mai

Wagner, Magdalene, geb. Lindenau, aus Gründann, Kreis Elchniederung, am 13. Mai

ZUM 97. GEBURTSTAG

Jablonski, Hanna, geb. Joswig, aus Georgsfelde, Kreis Lyck, am 16. Mai

ZUM 96. GEBURTSTAG

Chmielewski, Margarete, geb. Berg, aus Friedrichsdorf, Kreis Wehlau, 13. Mai

Hetzelt, Gertrud, geb. Lasars, aus Lyck, am 16. Mai

Voss, Gertrud, geb. Pyko, verw. Napierski, aus Neuendorf, Kreis Treuburg, und Denkhein, Kreis Neidenburg, am 17. Mai

ZUM 95. GEBURTSTAG

Doll, Hildegard, geb. Beckmann, aus Schwanensee, Kreis Elchniederung, am 16. Mai

Domnik, Werner, aus Malga, Kreis Neidenburg, am 19. Mai

Jacobeit, Prof. Dr. Wolfgang, aus Lyck, am 13. Mai

Klaas, Ida, geb. Rinau, aus Teichacker, Kreis Ebenrode, am 16. Mai

Mai, Eva, geb. Soltau, aus Peyse, Kreis Samland, am 19. Mai

Ziemba, Elisabeth, geb. Müller, aus Altkirchen, Kreis Ortelsburg, am 18. Mai

ZUM 94. GEBURTSTAG

Bernitzki, Margarete, geb. Jurzeniuk, aus Masuren, Kreis Treuburg, am 17. Mai

Bertulat, Fritz, aus Hüttenfelde, Kreis Tilsit-Ragnit, am 14. Mai

Broschell, Gisela, aus Großschmieden, Kreis Lyck, am 14. Mai

Daniel, Erna, geb. Kruppa, aus Lötzen, am 17. Mai

Kirschnik, Gerda, geb. Balluneit, aus Lehmfelde, Kreis Ebenrode, am 16. Mai

Liedmann, Hildegard, geb. Brock, aus Rhein, Kreis Lötzen, am 17. Mai

Rettkowski, Hans, aus Groß Schläfken, Kreis Neidenburg, am 14. Mai

Robbert, Hildegard, geb. Mügge, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 19. Mai

Sareik, Hilde, geb. Niedzkowski, aus Rogallen, Kreis Lyck, am 18. Mai

ZUM 93. GEBURTSTAG

Birkholz, Erika, geb. Schäfer, aus Jagsten, Kreis Elchniederung, am 19. Mai

Druschke, Hedwig, geb. Markgraf, aus Warten, Kreis Elchniederung, am 15. Mai

Gudd, Willy, aus Kuglack, Kreis Wehlau, am 16. Mai

Hirsch, Charlotte, geb. Kell, aus Sköpen, Kreis Elchniederung, am 19. Mai

Joneleit, Irmgard, geb. Emmenthal, aus Klein Engelau, Kreis Wehlau, am 19. Mai

Schiller, Elli, geb. Tabel, aus Taukitten, Kreis Samland, am 18. Mai

Schmidt, Elsbeth, geb. Lange, aus Bartenhof, Kreis Wehlau, am 18. Mai

Schmidt, Gertrud, geb. Tutahs, aus Ortelsburg, am 18. Mai

Schmidt, Ruth, geb. Steiner, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 14. Mai

Wiechert, Hilda, geb. Venohr, aus Bladiau, Kreis Heiligenbeil, am 17. Mai

ZUM 92. GEBURTSTAG

Achenbach, Werner, aus Ebenrode, am 18. Mai

Behnert, Margot, geb. Scheffler, aus Neidenburg, am 15. Mai

Doberleit, Bruno, aus Moditten, Kreis Samland, am 14. Mai

Engelke, Erika, geb. Butzkies, aus Eckwalde, Kreis Elchniederung, am 19. Mai

Gesk, Ewald, aus Jakuben, Kreis Johannisburg, am 17. Mai

Haut, Hedwig, geb. Bialluch, aus Mensguth, Kreis Ortelsburg, am 13. Mai

Sczesny, Gustav, aus Suleiken, Kreis Treuburg, am 16. Mai

ZUM 91. GEBURTSTAG

Conrad, Hedwig, geb. Kullak, aus Saiden, Kreis Treuburg, am 17. Mai

Goretzki, Rosemarie, geb. Strahlendorf, aus Pillau, Kreis Samland, am 19. Mai

Kovscek, Jutta, geb. Janz, aus Bolzfelde, Kreis Elchniederung, am 15. Mai

Lietz, Adelheid, geb. Pietrzenuk, aus Rogonnen, Kreis Treuburg, am 13. Mai

Loh, Elsa, aus Keipern, Kreis Lyck, am 13. Mai

Rauch, Susanne, aus Auersberg, Kreis Lyck, am 19. Mai

Royla, Erna, geb. Gorski, aus Auersberg, Kreis Lyck, am 16. Mai

ZUM 90. GEBURTSTAG

Borgmeier, Gertrud, geb. Wisotzki, aus Rhein, Kreis Lötzen, am 14. Mai

Bruns, Erna, geb. Wieberneit, aus Stradaunen, Kreis Lyck, am 17. Mai

Domke, Annegret, geb. Gutzeit, aus Rauschen, Kreis Samland, am 13. Mai

Eggers, Ruth, geb. Lange, aus Lyck, am 18. Mai

Ermel, Manfred, aus Roddau Perkuiken, Kreis Wehlau, am 15. Mai

Huck, Heinz, aus Baringen, Kreis Ebenrode, am 19. Mai

Ising, Ilse, aus Troppau, am 13. Mai

Lumma, Willy, aus Rohmanen, Kreis Ortelsburg, am 16. Mai

Michaelis, Ursula, geb. Berger, aus Pillau, Kreis Samland, am 13. Mai

Ratmann, Gerhard, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 18. Mai

Richter, Elfriede, geb. Gerleick, aus Ostseebad Cranz, Kreis Samland, am 16. Mai

Rose, Siegfried, aus Jagsten, Kreis Elchniederung, am 19. Mai

Rywoll, Günter, aus Heiligenbeil, Karbener Weg 3, am 11. Mai

Schweda, Wilhelm, aus Großwalde, Kreis Neidenburg, am 18. Mai

Soboll, Willi, aus Schönhorst, Kreis Lyck, am 17. Mai

Unvericht, Kurt, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 16. Mai

Werner, Hildegard, geb. Minga, aus Gneisthöhe, Kreis Lötzen, am 17. Mai

Woggon, Ruth, geb. Palluck, aus Grabnick, Kreis Lyck, am 13. Mai

Woywadt, Helmut, aus Kurrenberg, Kreis Elchniederung, am 18. Mai

ZUM 85. GEBURTSTAG

Arnold, Edith, geb. Szybalski, aus Griesen, Kreis Treuburg, am 17. Mai

Brink, Reintraut, geb. Kalnowski, aus Schanzenort, Kreis Ebenrode, am 17. Mai

Fölsch, Charlotte, geb. Wanagat, aus Groß Trakehnen, Kreis Ebenrode, am 19. Mai

Gödecke, Christa, geb. Faust, aus Hohenfürst, Kreis Heiligenbeil, am 17. Mai

Gräflich, Inge, geb. Meyer, aus Erlen, Kreis Elchniederung, am 14. Mai

Griephan, Elfriede, geb. Kugge, aus Pobethen, Kreis Samland, am 17. Mai

Janz, Bruno, aus Guttschallen, Kreis Wehlau, am 13. Mai

Langer, Ursel, geb. Tusnat, aus Seedranken, Kreis Treuburg, am 13. Mai

Lokowandt, Gerhard, aus Grabnick, Kreis Lyck, am 15. Mai

Milewski, Heinz, aus Sorquitten, Kreis Sensburg, am 10. Mai

Pätzel, Gerhard, aus Wangnicken, Kreis Samland, am 16. Mai

Pfannebecker, Käthe, geb. Sauer, aus Taplacken, Kreis Wehlau, am 15. Mai

Przetak, Otto, aus Lindenort, Kreis Ortelsburg, am 16. Mai

Ramm, Gerda, geb. Aukthun, aus Grünhayn, Kreis Wehlau, am 18. Mai

Rogowski, Helmut, aus Griesen, Kreis Treuburg, am 16. Mai

Seyda, Reinhard, aus Klein Dankheim, Kreis Ortelsburg, am 18. Mai

Wachtel, Gundola, geb. Schinz, aus Ebenrode, am 14. Mai

Warsewa, Elfriede, geb. Blumenstein, aus Kutzburg, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

ZUM 80. GEBURTSTAG

Badorrek, Liesbeth, geb. Borutta, aus Deutschheide, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

Czernio, Karl-Heinz, aus Lyck, am 14. Mai

Fritsch, Waltraut. geb. Patberg, aus Materschobensee, Kreis Ortelsburg, am 15. Mai

Henning, Ute, geb. Bienko, aus Borken, Kreis Lyck, am 14. Mai

Kutzinski, Horst, aus Nußdorf, Kreis Treuburg, am 17. Mai

Luck, Heinz-Günther, aus Klaussen, Kreis Lyck, am 19. Mai

Marchlewski, Annelore, geb. Meitz, aus Schwengels, Kreis Heiligenbeil, am 17. Mai

Masuch, Rautgunde, aus Klein Schiemanen, Kreis Ortelsburg, am 12. Mai

Moslener, Ingrid, geb. Hansen, aus Naraythen, Kreis Ortelsburg, am 18. Mai

Neumann, Erich, aus Sollniken, Kreis Preußisch Eylau, am 13. Mai

Niedzwetzki, Ulrich, aus Nußdorf, Kreis Treuburg, am 14. Mai

Nisch, Gerhard, aus Prostken, Kreis Lyck, am 16. Mai

Pillath, Klaus, aus Friedrichshof, Kreis Ortelsburg, am 18. Mai

Siewert, Helga, geb. Kehler, aus Goldenau, Kreis Lyck, am 15. Mai

Szubries, Friedhelm, geb. Dzubries, aus Rogonnen, Kreis Treuburg, am 13. Mai

Tausendfreund, Werner, aus Plibischken, Kreis Wehlau, am 16. Mai

Tippel, Jutta, geb. Weiß, aus Grünbaum, Kreis Elchniederung, am 18. Mai

Urban, Reinhard, aus Ziegelberg, Kreis Elchniederung, am 15. Mai

Wentzien, Gisela, geb. Pantel, aus Rauschen, Kreis Samland, am 18. Mai

Wonsak, Siegfried, aus Freidorf, Kreis Neidenburg, am 18. Mai

ZUM 75. GEBURTSTAG

Danneberg, Gerda, geb. Waschulewski, aus Schützendorf, Kreis Ortelsburg, am 13.Mai

Denda, Oswald, aus Miluken, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

Dinkloh, Peter, aus Wehlau, am 13. Mai

Ewert, Ursula, geb. Schwokowski, aus Schloßbach, Kreis Ebenrode, am 16. Mai

Fischer, Gerhard, aus Windkeim/Groß Windkeim, Kreis Heiligenbeil, am 14. Mai

Frank, Ingrid, geb. Witt, aus Puppen, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

Heers, Helga, aus Neidenburg, am 16. Mai

Köhn, Erhard, aus Groß Blumenau, Kreis Samland, am 19. Mai

Kroll, Helga, geb. Gusek, aus Wildenau, Kreis Ortelsburg, am 17. Mai

Moeck, Klaus, aus Kobbelbude, Kreis Samland, am 18. Mai

Müller, Gustav-Adolf, aus Bergwalde und Arlen, Kreis Lötzen, am 13. Mai

Ohm, Hartmut, aus Königsberg, am 14. Mai

Streich, Armin, aus Angertal, Kreis Angerburg, am 14. Mai

Tagge, Hannelore, geb. Nispel, aus Thomaten, Kreis Elchniederung, am 14. Mai

Diamantene Hochzeit

Haack, Gerhard, aus Partheinen, Kreis Heiligenbeil, und Ehefrau Lisa, am 19. Mai


S. 16 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGES OSTPREUSSEN

Vorsitzender: Marius Jungk, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

Sonntag, 19. Juni: Kleines Ostpreußen- und Schlesiertreffen auf Schloss Burg bei Solingen. Der BJO nimmt mit einem Infostand teil. Beginn der Veranstaltung: 11 Uhr, Kundgebung: 14 Uhr.

Freitag, 24. bis Sonntag, 26. Juni 2016: Wanderwochenende zur Ostpreußenhütte im Salzburger Land. Informationen: http://www.junge-ostpreussen.de/47-0-Aktivitaeten.html

Montag, 8., bis Sonntag, 21. August: BJO-Sommerfahrt ins Memelland. Weitere Informationen: www.junge-ostpreussen.de/47-0-Aktivitaeten.html

Freitag, 30. September, bis Montag, 3. Oktober: BJO-Herbstseminar und BJO-Bundestreffen. Informationen: www.facebook.com /events/1032910313418878/

Donnerstag, 24., bis Sonntag, 27. November: Adventstreffen im ostpreußischen Osterode. Informationen: www.junge-ostpreus-sen.de/47-0-Aktivitaeten.html

Donnerstag, 29. Dezember, bis Dienstag, 3. Januar: Silvesterfahrt nach Ostpreußen: Informationen: www.junge-ostpreussen.de

 

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Ludwigsburg – Montag, 23. Mai, 15 Uhr, Kronenstuben, Kronenstraße 2: Stammtisch.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Ansbach – Mittwoch., 18. Mai, 11 Uhr, Reitbahn, Markgrafenschloss: Einweihung des ersten Denkmals in der Bundesrepublik für Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490–1568). Der Bayerische Staatsminister des Innern, Joachim Herrmann, wird anlässlich der Einweihung sprechen. Der Berchtesgadener Bildhauer Friedrich Schelle hat die Bronzestatue erschaffen. Finanziert wurde sie durch Spenden aus der Bevölkerung, darunter viele ost- und westpreußische Landsleute. Die Idee eines Denkmals für Herzog Albrecht entstand bei einer Reise der „Gesellschaft der Freunde des Albrecht von Brandenburg-Ansbach“ nach Ost- und Westpreußen im Jahr 2011.

Bamberg – Mittwoch, 18. Mai, 15 Uhr, Hotel Wilde Rose, Keßlerstraße: Monatstreffen.

Kitzingen – Freitag, 20. Mai, 15 Uhr, Hotel Würzburger Hof: Vortrag von Gustav Patz und Bericht über die Fahrt zur polnischen Ostseeküste.

Nürnberg – Dienstag, 24. Mai, 15 Uhr, Haus der Heimat, Imbuschstraße 1, Nbg.- Langwasser, (Ende U 1): Wir feiern den Muttertag.

 

BERLIN

Vorsitzender: Rüdiger Jakesch, Geschäftsstelle: Forckenbeck-straße 1, 14199, Berlin, Telefon (030) 2547345, E-Mail: info@bdv-bln.de, Internet: www.ostpreussen-berlin.de. Geschäftszeit: Donnerstag von 14 Uhr bis 16 Uhr Außerhalb der Geschäftszeit: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Bartenstein – Treffen der Gruppe. Anfragen bitte richten an  Elfi Fortange, Telefon 4944404.

Angerburg, Darkehmen, Goldap – Donnerstag, 19. Mai, Restaurant „Amera“ Borussiastraße 62, 12103 Berlin: Gemeinsames Treffen mit Gedenken zum Muttertag. Informationen: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354, oder Gertrud Eilsberger, Telefon (03987) 208082.

Königsberg – 20. Mai, 14 Uhr, Johann–Georg–Stuben, Johann-Georg-Straße 10, 10709 Berlin-Halensee: Gemeinsames Treffen. Anfragen: Elfi Fortange, Telefon 4944404.

Rastenburg – Sonntag, 22. Mai, 15 Uhr, Restaurant Stammhaus, Rohrdamm 24 B, 13629 Berlin: Gemeinsames Treffen. Anfragen: Martina Sontag, Telefon (033232) 188826.

Tilsit-Ragnit/Tilsit-Stadt – Sonnabend, 28. Mai, 15 Uhr, Ratskeller Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 102, 10585 Berlin, Anfragen bei Hermann Trilus, Telefon (03303) 403881.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Haus der Heimat, Teilfeld 8, 20459 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

KREISKGRUPPEN

Elchniederung – Mittwoch, 25. Mai, 14 Uhr, Haus Lackemann, Litzowstieg 8: Treffen der Gruppe zum gemütlichen Beisammensein mit fröhlichem Gesang und heiteren Erzählungen sowie Besprechung der sommerlichen Ausfahrt. Gäste sind herzlich willkommen.

Gumbinnen – Sonnabend, 11. Juni, 14 Uhr, Traditionshaus Lackemann, Litzowstieg 8, 22041 Hamburg: Heimatnachmittag. Neuordnung der Heimatkreisgruppe Gumbinnen. Für ein abwechslungsreiches Programm mit Filmvorführung ist gesorgt. Über jeden neuen Gast würden wir uns sehr freuen. Das Haus Lackemann ist mit der U1 bis Wandsbek Markt gut zu erreichen. Zwischen dem Einkaufszentrum Quarree und dem Hotel Thiefental den Durchgang „Hinterm Stern“ nehmen, dann sind es nur wenige Schritte zum Restaurant. Für Pkw-Anreisende Parkhaus 2.

Insterburg, Sensburg – Die Heimatkreisgruppe trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat (außer im Januar und im Juli) zum Singen und einem kulturellem Programm um 12 Uhr, Hotel Zum Zeppelin, Frohmestraße 123–125. Kontakt: Manfred Samel, Fried-rich-Ebert-Straße 69b, 22459 Hamburg. Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de

BEZIRKSGRUPPEN

Hamburg-Bergedorf – Donnerstag 26. Mai: Die Gruppe trifft sich zur Ausfahrt nach Ratzeburg mit Dampferfahrt, Mittagessen, Kaffee und Kuchen um 10 Uhr, Bahnhof Lohbrügger Seite zur Fahrgemeinschaft. – Freitag 27. Mai, 15 Uhr, Haus des Begleiters, Harders Kamp 1: Lesung aus dem Buch von Freya Klier „Wir sind die letzten Kinder Ostpreußens“ und kleine Hörgeräte-Akustiker Information.

 

HESSEN

Vorsitzender: Ulrich Bonk, Stellvertretender Vorsitzender: Gerhard Schröder, Engelmühlenweg 3, 64367 Mühltal, Telefon (06151) 148788

Wiesbaden – Sonnabend, 21. Mai, 15 Uhr, Haus der Heimat, Großer Saal, Wiesbaden, Friedrichstraße 35: Monatstreffen. „Tausend Silberkätzchen trägt der Weidenbaum“. Ein Nachmittag mit Gedichten, Geschichten und Gesang zur Maienzeit, gestaltet von unserer Frauengruppe und Mitgliedern des Chors. Zuvor gibt es Kaffee und Kuchen.

– Bericht –

Auf Initiative der Landtagsabgeordneten Astrid Wallmann konnten Mitglieder und Freunde der Landsmannschaft eine einstündige Plenarsitzung des Hessischen Landtags von der Besuchergalerie miterleben. Die Politikerin hatte eigens einen Donnerstag ausgesucht, weil an diesem Tag zu Beginn der Sitzung fast immer eine aktuelle Stunde zu wichtigen Themen vorangestellt wird. So standen diesmal „Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ auf dem Programm. Redner aller Fraktionen riefen dazu auf, gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit die Stimme zu erheben. Das islamfeindliche Programm der AfD wurde heftig als intolerant, diffamierend und menschenfeindlich kritisiert

Nach dem Einblick in die Plenarsitzung traf sich Astrid Wallmann, die zugleich stellvertretende Vorsitzende und petitionspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion ist, mit unserem Besucherkreis zu einem Gespräch. Sie erläuterte ihre eigenen vielfältigen Aufgaben und die der heute 110 Abgeordneten und beantwortete und diskutierte Fragen der Teilnehmer.

Im Rahmen der Aussprache zum zweiten Tätigkeitsbericht des Petitionsausschusses im Plenum ergriff auch die Landtagsabgeordnete das Wort. Im vergangenen Jahr seien 1220 neue Petitionen an den Petitionsausschuss gerichtet worden, so viele wie seit zehn Jahren nicht mehr, darunter ein beachtlicher Anteil mit aufenthaltsrechtlichem Hintergrund.

Den Abschluss des Besuchsprogramms bildete die Führung durch Räume des historischen Stadtschlosses der nassauischen Herzöge, in dem sich seit Dezember 1946 der Hessische Landtag befindet. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg war es wieder hergestellt worden; anstelle der abgerissenen ehemaligen Reithalle wurde der Plenarsaal errichtet.

Von 1841 war Herzog Adolf von Nassau erster und einziger ständiger Schlossherr. Nachdem er 1866 ins Exil gehen musste, nutzte das Königreich Preußen das Schloss für die Aufenthalte von Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. und machten es bis 1918 zum königlich-preußischen Zweitwohnsitz.

Wilhelm I., seit 1861 König von Preußen und ab 1871 deutscher Kaiser, verweilte mehrmals im Schloss. Sein Enkel Kaiser Wilhelm II. machte Wiesbaden und das Stadtschloss schließlich zu seiner regelmäßigen „Mai“-Residenz. Dem Kaiser zu Ehren waren 1896 die „Internationalen Maifestspiele“ ins Leben gerufen worden. In dieser Zeit erlebte Wiesbaden einen großen Aufschwung, wurde zur „Kaiserstadt“ und hatte um die Jahrhundertwende die meisten Millionäre Deutschlands

Dieter Schetat

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Göttingen – Internationale Begegnungstagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn, in Verbindung mit der Gemeinnützigen Gesellschaft Albertinum e.V., Göttingen: „Deutsche im heutigen Polen und im Kaliningrader Gebiet. Ungewisse Zukunft trotz reicher Tradition?“ Beginn Sonnabend, 4. Juni, 14 Uhr, Hotel Astoria, Hannoversche Straße 51, 37075 Göttingen, und Sonntag, 5. Juni, 9.30 Uhr im Collegium Albertinum, Bonhoefferweg 2, 37075 Göttingen. Die internationale Tagung will eine Begegnung und einen Erfahrungsaustausch von Vertriebenen, Minderheitenangehörigen, Studierenden aus Deutschland, Polen und der Oblast Kaliningrad sowie weiteren Multiplikatoren ermöglichen, und damit zur Weiterentwicklung der Verständigung bzw. des friedlichen und freundschaftlichen Umgangs der Nachbarn in Europa beitragen.

Osnabrück – Freitag, 20. Mai, 15 Uhr, Gaststätte Bürgerbräu, Blumenhaller Weg 43: Treffen der Frauengruppe. – Donnerstag, 26. Mai, 15 Uhr, Gaststätte Bürgerbräu, Blumenhaller Weg 43: Literaturkreis. – Dienstag, 31. Mai, 16.30 Uhr, Hotel Ibis, Blumenhaller Weg 152: Kegeln.

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Landesgruppe – Vorankündigung – Die Kulturveranstaltung der Landsmannschaften der Schlesier und Ostpreußen, Landesgruppen NRW, findet am 19. Juni auf Schloss Burg statt.

Bielefeld – Donnerstag, 19. Mai, 15 Uhr, Kreisvereinigung der Ostdeutschen Landsmannschaften, Wilhelmstraße 1B, 33602 Bielefeld: Heimatliteraturkreis.

Bonn – Dienstag, 24. Mai, 14 Uhr: Treffen des Frauenkreises der LM Ostpreußen. Ort: Nachbarschaftszentrum Brüser Berg, Fahrenheitstraße 49.

Dortmund – Montag, 23. Mai, 14.30 Uhr, Heimatstube, Landgrafenschule (Eingang Märkische Straße): Gemeinschaftliches Treffen.

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 Uhr, Eichendorffsaal, Gerhart-Hauptmann-Haus (GHH), Bismarckstraße 90: Probe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft Ostpreußen-Westpreußen-Sudetenland unter der Leitung von Radostina Hristova. – Freitag, 13. Mai, 18 Uhr, Restaurant Lauren’s, Bismarckstraße 62:  Stammtisch.  – Donnerstag, 19. Mai, 8.30 Uhr, Busbahnhof Worringer Straße: Tagesfahrt nach Warendorf mit Besuch des Westpreußischen Landesmuseums. Donnerstag, 19. Mai, 19 Uhr, Raum 412, GHH: Offenes Singen mit Marion Cals. – Montag, 23. Mai, 19 Uhr, Konferenzraum, GHH: Vortrag zum Thema „Das Jahr ohne Sommer 1816“.

Köln – Am Dienstag, 17. Mai 2016 trifft sich die Ostpreußenrunde zur Versammlung um 14.30 Uhr im Bürgerzentrum Köln-Deutz, Tempelstraße 41-43. Das Lokal ist mit den Linien der KVB 3 und 4 von der Haltestelle Suevenstraße, und den Linien 1 & 7 von Deutzer Freiheit in wenigen Minuten zu erreichen. − Es wohnen in der Kölner Gegend viele in Ostpreußen beheimatete Landsleute. Unsere Gemeinschaft hatte noch vor kurzer Zeit einen guten Zulauf. Leider kommen immer weniger zu unseren Versammlungen. Eingeschriebene Mitglieder bleiben fern. Gibt es dafür eine Erklärung? Ich wende mich an alle PAZ-Leser, mit ostpreußischen Wurzeln, weil es die einzige Möglichkeit ist, und bitte um unverbindliche Antworten. Es kann doch nicht sein, dass das Wenige, das uns mit unserer Heimat verbindet vielleicht daran scheitert, weil es keine Aussprache gibt. Als Schriftführer der Gruppe fühle ich mich dazu verpflichtet, über unser Medium, PAZ, dem Grund des Schwundes nachzugehen und hoffe auf Beteiligung an einer Stellungnahme. Ich bin auch gern bereit, falls erforderlich, telefonisch oder persönlich vertrauliche Aussagen entgegenzunehmen. Es liegt allein an uns, wie gut oder weniger gut unsere Zusammenkünfte ausfallen. Jeder ist gefragt, sich mit Referaten, Diavorträgen oder anderem daran zu beteiligen. Günter Donder, Telefon (0221)712 35 72.

Witten – Montag, 23. Mai, 15 Uhr, Versammlungsraum, Evangelisch-Lutherische Kreuzgemeinde, Lutherstraße 6–10: Deutsche Lieder und Wanderlieder.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Donnerstag, 19. Mai, 14 Uhr, Treffpunkt vor dem Café „Am Rosengarten“, Am Stiftwingert 21: Spaziergang im Rosengarten und im Stadtpark.

 

SACHSEN

Vorsitzender: Alexander Schulz, Willy-Reinl-Straße 2, 09116 Chemnitz, E-Mail: alexander.schulz-agentur@gmx.de, Telefon (0371) 301616.

Landesgruppe – Sonnabend, 4. Juni, 10 Uhr (Einlass ab 9 Uhr), Saal des „Kleingartenvereins Seilbahn“, Max-Liebermann-Straße 91–93, 04157 Leipzig: 4. Heimattreffen. Kulturelle Höhepunkte sind der Auftritt des „Ensemble Sonnenschein“, des „Männerchores Leipzig-Nord“ sowie von Rosa & Peter Wegelin. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Nähere Auskünfte:  Eberhard Grashoff, Telefon: (0341) 9010730, E-Mail.: ebs.grashoff@web.de

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle,  Telefon privat (0345) 2080680.

Magdeburg  – Dienstag, 17. Mai, 13 Uhr, Immermannstraße: Treffen der Stickerchen. – Freitag, 27. Mai, 16 Uhr, TuS Zielitzer Straße: Treffen des Singekreises.

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner. Geschäftsstelle: Telefon (0431) 554758, Wilhelminenstr. 47/49, 24103 Kiel.

Burg auf Fehmarn – Freitag, 20. Mai, 11.50 Uhr, Bushaltestelle oder Exe, 12 Uhr ZOB/Holmpassage: Busfahrt nach Rendsburg, Besuch des Jüdischen Museum. Anschließend Kaffeetafel im Café-Restaurant „Schiffsbegrüßungsanlage Brückenterrassen“ Am Kreishafen in Rendsburg.

Flensburg – Freitag, 20. Mai, 11.50 Uhr, ab Bushaltestelle Exe, 12 Uhr, ZOB/Holmpassage. Vereinigte Landsmannschaften Flensburg e.V. Busfahrt mit der Firma Hansen-Borg nach Rendsburg, Besuch des Jüdischen Museums. Anschließend Kaffeetafel im Café-Restaurant „Schiffsbegrüßungsanlage Brückenterrassen“ am Kreishafen in Rendsburg.


S. 17-19 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

ANGERBURG

Kreisvertreter: Kurt-Werner Sadowski. Kreisgemeinschaft Angerburg e.V., Landkreis Rotenburg (Wümme), Postfach 1440, 27344 Rotenburg (Wümme), Landkreis: Telefon (04261) 9833100, Fax (04261) 9833101.

Am 16. März verstarb nach langer Krankheit Dr. Carl Kraut aus Rotenburg (Wümme) im Alter von 85 Jahren. Von 1968 bis 2001 gehörte er ununterbrochen dem Kreistag des Landkreises Rotenburg und von 1986 bis 2001 dem Rat der Stadt Rotenburg an. Hervorzuheben ist dabei sein soziales Engagement in diesen Gremien. Stets hat er sich auch für die Patenschaft des Landkreises mit dem ostpreußischen Kreis Angerburg eingesetzt. Mehrfach hat Carl Kraut Angerburg (Wegorzewo) besucht, um sich einen persönlichen Eindruck von der sozialen Situation vor Ort zu verschaffen. Für die Ausstattung des Versammlungsraumes der Deutschen Gesellschaft Mauersee in Angerburg hat Carl Kraut die nötigen Finanzmittel beschafft. Er nahm großen Anteil an der Entwicklung unserer Kreisgemeinschaft und war regelmäßiger Besucher unserer Veranstaltungen.

Die Kreisgemeinschaft Angerburg hat Carl Kraut viel zu verdanken und wird ihn stets in dankbarer Erinnerung behalten.

Kurt-Werner Sadowski Kreisvertreter

 

BARTENSTEIN

Kreisvertreter: Christian v. der Groeben, Ringstraße 45, 97950 Großrinderfeld, Telefon (09349) 929252, Fax (09349) 929253, E-Mail: csgroeben@gmx.de.

10. September 2016 in Nienburg/Weser, Hotel zur Krone, Verdener Landstraße 245

 

KÖNIGSBERG LAND

Kreisvertreterin: Gisela Broschei, Bleichgrabenstraße 91, 41063 Mönchengladbach, Telefon (02161) 895677, Fax (02161) 87724. Geschäftsstelle: Im Preußen-Museum, Simeonsplatz 12, 32427 Minden, Telefon (0571) 46297, Mi. Sa. u. So. 18-20 Uhr.

Am Ende unseres Groß Ottenhagener Treffens (vom 15. bis 17. April) wurde vereinbart, dass wir uns auch im Frühjahr des nächsten Jahres wiedersehen wollen. Wir haben uns also in Celle im Intercity-Hotel unter unseren Landsleuten sehr wohl gefühlt. Leider waren einige Freunde durch Krankheit oder wichtige Termine an ihrem Kommen gehindert, wir hoffen aber, dass es im nächsten Jahr wieder besser passt.

Bei der Totenehrung mussten wir auch des erst am 8. Februar 2016 verstorbenen Helmut Fehlau gedenken. Seine Frau hat in einem bewegenden Brief die vielen Stationen seines Lebens aufgezeichnet, die auf die Flucht über die Ostsee mit Mutter und drei Geschwistern, ohne den in Ostpreußen verbliebenen und seitdem verschollenen Vater, folgten. Sein beruflicher Weg ist sicher symptomatisch für viele Flüchtlingskinder. Er führte ihn u.a. über das Erlernen des Müllerberufs, das Minenräumen im Hürtgenwald in der Eifel, die Umschulung zum Erzieher und schließlich folgte eine Ausbildung zum Lehrer an der Gehörlosenschule in Friedberg. Hier hatte er dann endgültig Fuß gefasst und seine Berufung gefunden. Er hinterlässt seine Frau und einen erwachsenen Sohn. Wir werden ihn, der in den letzten Jahren mit seiner Frau an allen Treffen teilgenommen hatte, vermissen.

Zu vermelden ist aber auch Erfreuliches: Wir konnten als „Neuzugänge“ die Nachfahren der Familie Tiefensee (Gastwirtschaft und Kolonialwarengeschäft unterhalb der Groß Ottenhagener Kirche) begrüßen. Die Tochter von Doris Tiefensee war mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn schnell in unsere Runde aufgenommen worden. Letzterer hat uns mit einer interessanten Fotofolge, die zum Teil seine Familie, zum Teil das Dorf betrifft, erfreut. Er hat die Geschichte seiner Familie erforscht und ließ uns nun daran teilhaben. Es hat uns gut getan zu erleben, dass neben Kindern von „echten Flüchtlingen“ nun auch ein Enkel zu uns gekommen ist und uns kenntnisreich mit seinen Bildern durch das Dorf führte. Das sollte eigentlich Schule machen.

Wie in den letzten Jahren, hatten wir in unser Treffen einen Programmpunkt aufgenommen, der die nähere Umgebung Celles betrifft, dieses Mal das Orchideenzentrum Celle. Wir wurden in eine exotische Welt entführt. Wir erfuhren durch einen Filmvortrag und eine fachkundige Führung, dass die Orchideen mit ihren vielen Tausend Arten die größte Pflanzenfamilie ist. Ein kleiner Einkaufsbummel hatte zur Folge, dass die meisten von uns mit einer sorgfältig verpackten Orchidee den Heimweg antraten.

Den Sonnabendabend widmeten wir nach dem üppigen Büffet dem Gedankenaustausch und den bereits geschilderten Fotoaufnahmen.

Am Sonntagmorgen kamen wir noch einmal zum Frühstück zusammen, dankten Birgit Borchert, die uns mit ihrer Fürsorge den Aufenthalt im Hotel wieder schön und behaglich gemacht hatte und verabschiedeten uns in der Hoffnung, uns im nächsten Jahr wiederzusehen, was ich ja bereits am Anfang dieses Berichts gesagt habe. Ein Termin konnte allerdings noch nicht festgelegt werden, weil das Hotel in nächster Zeit von Grund auf renoviert wird und noch nicht vorauszusehen ist, wann die Bautätigkeiten abgeschlossen sein werden.

                Gisela Broschei

 

LÖTZEN

Kreisvertreter: Dieter Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg. Geschäftsstelle: Ute Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg, Telefon (040) 6083003, Fax: (040) 60890478, E-Mail: KGL.Archiv@gmx.de

Auch in diesem Sommer finden Gottesdienste in deutscher Sprache in der evangelischen Kirche in Lötzen (Gizycko) jeweils sonntags um 9.30 Uhr statt. Sie werden gehalten in der Zeitspanne vom 8. Juni bis zum 28. Juni durch Pfarrer Stephan Büttner, vom 13. Juli bis zum 26. Juli durch Pfarrerin Anke Wolf-Steger, vom 2. August bis zum 17. August durch Pfarrer Michael Fröhlich und vom 17. August bis zum 11. September 2016 durch Pfarrer Reinhard Keding.

 

NEIDENBURG

Kreisvertreter: Jürgen Szepanek, Nachtigallenweg 43, 46459 Rees-Haldern, Tel. / Fax (02850) 1017.

Der Pfingstheimatbrief Nummer 146 ist inzwischen fertiggestellt und in Druck gegeben worden. Diese Ausgabe enthält neben vielen Themen auch eine Beschreibung zu unserem diesjährigen Heimattreffen, welches am Sonntag dem 04. September in Berenbostel, einem Ortsteil von Garbsen bei Hannover, stattfindet. Die Räumlichkeiten in der Ev.-luth. Silvanusgemeinde, Auf dem Kronsberg 32, sind ab 9 Uhr geöffnet. Wer den Klang der dort hängenden Glocken aus unserer Neidenburger Kirche hören möchte, möge sich bereits vor dem um 10Uhr stattfindenden Gottesdienst um 09.45 Uhr einfinden.

Alle Landsleute und Freunde der Kreisgemeinschaft, die in der Versandliste erfasst sind, erhalten den Heimatbrief noch vor Pfingsten. Wer den Heimatbrief noch nicht erhält, ihn aber haben möchte, teile bitte seine Anschrift dem Schriftleiter Jürgen Kowalek, Bromberger Straße 26, 28816 Stuhr, mit. Umgehend wird dann ein Exemplar zugesandt. Eine größere Anzahl der Weihnachtsausgabe konnte leider nicht zugestellt werden, weil sich die Anschriften der Landsleute geändert haben. Alle Bezieher werden deshalb dringend gebeten, Adressen- und sonstige Personenstandsänderungen sofort dem Mitgliederdatenverwalter Hans-Ulrich Pokraka, An der Friedenseiche 44, 59597 Erwitte, mitzuteilen. Sie vermeiden dadurch Zustellungsverzögerungen und kostenaufwendige Nachforschungen und Nachsendungen. Auch weisen wir daraufhin, dass wir Geburtsdaten nur veröffentlichen können, wenn sie vorhanden sind bzw. uns bei Fehlen mitgeteilt werden.

Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zurzeit noch DVDs von Heimatbriefen ab dem Jahrgang 1947, wie auch von Kreisbüchern und Bildbänden verfügbar sind. Bestellungen sind an den Kreisvertreter zu richten und werden umgehend erledigt.

 

ORTELSBURG

Kreisvertreter: Dieter Chilla, Bussardweg 11, 48565 Steinfurt, Telefon (02552) 3895, Fax (02552) 996905, E-Mail: kontakt@kreisgemeinschaft-ortelsburg.de. Geschäftsführer: Hans Napierski,  Heinrichstraße 52, 45701 Herten, Telefon (0209) 357931, Internet: www.kreis-ortelsburg.de

Zurück zu den Wurzeln: Der Mythos Masuren (31. Juli bis 9. August 2016) Die jährlichen Fahrten der Kreisgemeinschaft Ortelsburg nach Ostpreußen unterscheiden sich deutlich von den gängigen Pauschalreisen für Touristen. Wir haben das Glück, dass regelmäßig Menschen der verschiedensten Generationen zu den Teilnehmern der Fahrt gehören: Besondere Bedeutung haben die Vertreter der „Erlebnisgeneration“. Von Ihnen erfahren Sie Geschichte aus erster Hand.

Jüngere Menschen sind regelmäßig dabei, um vor Ort zu sehen, wo ihre Vorfahren gelebt haben. In Ortelsburg selbst treffen wir mit den dort lebenden Menschen der Deutschen Minderheit zu eindrucksvollen Gesprächen und fröhlicher Feier zusammen. Wenn Sie die Orte Ihrer Vorfahren besuchen wollen, dann vermitteln wir Ihnen gerne Fahrgelegenheit und Übersetzer.

Die Hinfahrt wird Sie über Posen mit einer Besichtigung der Altstadt unter fachkundiger Begleitung führen. Die Weiterfahrt geht über Lichen, wo wir eine absolut ungewöhnliche Basilika besichtigen: das Mariensanktuarium. Bereits am Abend des zweiten Tages treffen wir in Ortelsburg ein und können den Sonnenuntergang am Kleinen Haussee genießen, wo sich auch unser Hotel befindet, in dem wir sieben Übernachtungen gebucht haben.

Von hier aus werden Sie ein Land mit besonderem Mythos befahren: Sie lernen die Endmoränenlandschaft kennen, das Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen, eine der urwüchsigsten Naturlandschaften Europas. Sie sehen Dörfer, in denen Storchennester und Holzhäuser wirken, als sei die Zeit stehen geblieben. Durch die Johannisburger Heide gelangen Sie in die masurische Kleinstadt Johannisburg mit ihrem einladenden Marktplatz. Über Arys geht es weiter nach Lyck, der Geburtsstadt Siegfried Lenz‘, Verfasser des Erzählbandes „So zärtlich war Suleyken“. Mit der „Lycker Schmalspurbahn“ geht es durch die malerische, unveränderte Landschaft des alten Ostpreußens. Sie haben die Möglichkeit auf der Kruttinna, dem seichten, naturbelassenen Fluss Südostpreußens an einer Kanufahrt teilzunehmen oder das Geburtshaus des ostpreußischen Dichters Ernst Wiechert in Kleinort zu besichtigen und sich dort aus seinem Werk vorlesen zu lassen. Bei einem längeren Aufenthalt lernen Sie Nikolaiken mit seinen zahlreichen Bernsteingeschäften und Fischrestaurants kennen. Durch Allenstein, der ermländisch-masurischen Hauptstadt, führt uns eine kundige Stadtführerin. Anschließend haben Sie Gelegenheit, Einkäufe in den zahlreichen Geschäften zu tätigen. In der Nähe Allensteins liegt der Reiterhof „Marengo“, der Sie zu einer Kutschfahrt und folkloristischen Darbietungen einlädt.

Den Abschluss der Fahrt bilden zwei außergewöhnliche Ereignisse: In Passenheim findet ein musikalisch umrahmter Festgottesdienst zum 625-jährigen Bestehen dieser ältesten Backsteinkirche Südostpreußens statt. Am letzten Nachmittag sind Sie eingeladen, um am Großen Haussee an einem Grillfest mit der Deutschen Minderheit aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens teilzunehmen. Auf der Rückfahrt haben Sie die Möglichkeit, die Stadt Thorn, sehenswertes Unesco-Kulturerbe, während einer längeren Pause kennenzulernen.

Zusatzangebot: Sportlich Interessierte können auf einer geführten Fahrradtour die Wälder Masurens vom Sattel aus genießen.

                Dieter Chilla

 

SENSBURG

Kreisvertreterin: Gudrun Froemer, In der Dellen 8a, 51399 Burscheid, Telefon (02174) 768799. Alle Post an: Geschäftsstelle Kreisgemeinschaft Sensburg e.V., Stadtverwaltung Remscheid, 42849 Remscheid, Telefon (02191) 163718, Fax (02191) 163117, E-Mail: info@kreisgemeinschaftsensburg.de, www. kreisgemeinschaftsensburg.de

Die Zahl der Teilnehmer zum Sorquitter Kirchspieltreffen steigert sich von Jahr zu Jahr. Insgesamt 97 Besucher – darin enthalten 27 Landsleute aus dem Warpuhner Kirchspiel – bekundeten ihr Interesse an der heimatlichen Begegnung am 23. April, dem 21. Treffen des Kirchspiels. Die Gäste waren rechtzeitig nach Bad Sassendorf angereist, so dass bereits im Vorfeld genügend Zeit für herzliche Begrüßung, Umarmung  und ersten Erinnerungsaustausch gegeben war. Das offizielle Programm begann um zehn Uhr. Das Treffen wurde eröffnet und geleitet von Conny Buchholz, Ehefrau des Sorquitter Kirchspielvertreters, der sich zu dieser Zeit im Krankenhaus befand. Hilfreich zur Seite standen ihr der Zweite Sorquitter Kirchspielvertreter Werner Albrecht sowie der Warpuhner Kirchspielvertreter Alfred Thiel.

Dass den Festakt eröffnende Geläut der Sorquitter Kirchenglocken ist bereits zur Tradition geworden. Die Teilnehmer erhoben sich von ihren Plätzen und sangen sodann ergriffen die Hymne Ostpreußens. Diese Einstimmung auf die ostpreußische Heimat erzeugte ein erhebendes Gefühl, das  bis zum Ende der Begegnung andauerte.

In ihrer Festrede überbrachte die Rednerin Grüße und Gedanken des erkrankten Organisators des Sorquitter Kirchspieltreffens. Bereits eingangs kam unmissverständlich zum Ausdruck, dass unsere Begegnungen dem Gedenken der Heimat dienen, indem wir regen Austausch über das Erlebte der früheren Jahre pflegen. Daher begegnen wir uns als Heimatfamilie jährlich in Bad Sassendorf. Wir gedenken der Zeit in der Heimat. Sie bleibt unvergessen. Unsere Begegnung als große Heimatfamilie ist von großer Wichtigkeit. Wir tragen dazu bei, dass die Heimatvertriebenen nicht gänzlich in Vergessenheit geraten.

Die weiteren Ausführungen vergegenwärtigten die anstehenden politischen Probleme in unserem Lande: „Seit Monaten werden wir im Fernsehen und in der Presse mit Nachrichten über Flüchtlinge und sogenannte Flüchtlinge bombardiert. Das Verhängnisvolle der Asylpolitik ist, dass kein Ende des Zustroms abzusehen ist. Horst Seehofer, der bayrische Ministerpräsident, erklärte in einem Schreiben an Angela Merkel: „Die aktuelle Lage der Flüchtlingskrise ist dramatisch.“ Er spricht von einem ungebremsten und ungeregelten Zustrom der Flüchtlinge und sagt: „Die Entwicklung kann so nicht weitergehen.“

Die Rede erinnerte auch an die Wahlen in drei Bundesländern. Daraus schlussfolgerte man: Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung hatte den Mut aufgebracht, in den Landtagswahlen zu zeigen, wie er die Politik der Angela Merkel  bewertet. Die Kanzlerin mag Führungsqualitäten besitzen. Eingesetzt hat sie diese überwiegend außerhalb Deutschlands. Sie hat sich für ein vereintes Europa stark gemacht, das aber gar keine wahre Einheit mehr bildet. 

 Abschließend entnahm man den überbrachten Gedanken: „Wir sind heute hier vereint, um der Heimat zu gedenken. Aber da heute so viel von Flüchtlingen die Rede ist, wollen wir uns auch an die Tage erinnern, die für uns zur Flucht wurden. Wir waren Kinder, mit unseren Müttern allein gelassen. Das war eine grausame Flucht. Die meisten kamen nicht weit. Wir hatten seinerzeit kein Handy, kein Smartphone. Woran orientierten wir uns? Wer sagte uns, wohin der Fluchtweg führt? Keine Reporter standen mit ihren Kameras neben den unendlichen Flüchtlingstrecks. Wem in der Welt wurde berichtet, dass Frauen und Mädchen zu Tausenden vergewaltigt wurden, dass alte Männer erschossen wurden? Wem? Wir liefen nicht in der Gewissheit: Am Ende der Flucht erwarten uns Aufnahmelager. Wir liefen um unser Leben. Es gab keinen Politiker,  der die Arme öffnete und verkündete: Kommt, Ihr seid uns willkommen! Wir liefen denen in die Hände, von denen man uns später weismachen wollte: Sie waren unsere Befreier. Das war unsere Flucht. Und dann waren wir Fremde in unserer Heimat, weil wir keine Polen sein wollten und konnten.

Das Fazit der Rede werden die Landsleute gern als Ansporn mit in den Alltag genommen haben: „Wir sind diejenigen, die die Heimat für immer verlassen mussten. Es gab keine Rückkehr. Unser Erscheinen hier als Heimatfamilie ist somit von unendlicher Wichtigkeit. Wir tragen dazu bei, dass die Heimatvertriebenen, also die Flüchtlinge der deutschen Ostgebiete nicht gänzlich in Vergessenheit geraten.“

Nach dem Gedenken der Opfer des Zweiten Weltkrieges und dem namentlichen Gedenken der verstorbenen Landsleute des letzten Jahres wurden Informationen zur vielfältigen Heimatarbeit ausgetauscht. Im Besonderen wurde der in der Heimat verbliebenen Deutschen gedacht. Auch praktisch erwies sich, dass sie nicht vergessen sind. Der ehemalige Kirchspielvertreter von Sorquitten, Gerhard Terner, konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein. Man gedachte seiner und vermisste seine Ansprache in ostpreußischer Mundart.

Auch die Hotelleitung steigerte das Essensangebot enorm. Das üppige Mittagessen und der ausgezeichnete Hausfrauenkuchen trugen dazu bei, dass Leib und Seele durchweg im Einklang blieben.  Am späten Nachmittag trennte man sich  mit einer großen Portion Optimismus, im kommenden Jahr wieder vollzählig dabei zu sein.

                Manfred Buchholz, Sorquitter Kirchspielvertreter

 

TILSIT–STADT

Stadtvertreter: Hans Dzieran, Stadtgemeinschaft Tilsit, Postfach 241, 09002 Chemnitz. Geschäftsführer: Manfred Urbschat, E-Mail: info@tilsit-stadt.de.

Es ist zu einer guten Tradition geworden, dass die drei Nachbarkreise Tilsit-Stadt, Tilsit-Ragnit und Elchniederung ihr alljährliches Heimattreffen gemeinsam veranstalten. So war es auch in diesem Jahr. Der turnusmäßige Veranstalter war die Stadtgemeinschaft Tilsit, die zum 23. April 2016 eingeladen hatte. Als Austragungsort hatte sie die Stadt Gera gewählt, anmutig gelegen im thüringischen Hügelland. Es war eine gute Wahl, denn zweihundert Teilnehmer waren dem Ruf gefolgt und trotz zunehmenden Alters und nachlassender Mobilität nach Gera gekommen.

Das Penta-Hotel, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt und idyllisch neben der Orangerie mit seiner prächtigen Parkanlage und dem Stadttheater gelegen, bot ideale Voraussetzungen für das Treffen. Mit 79 Euro für das Doppelzimmer einschließlich Frühstück waren die Preise moderat und das Restaurant und die geräumige Lobby einladend.

Um neun Uhr begann der Einlass. Der Andrang bei den Anwesenheitslisten ließ eine hohe Teilnehmerzahl erwarten. Regen Zustrom fanden auch die drei Stände mit Angeboten an Heimatliteratur und Landkarten, die dicht umlagert waren. Der Veranstaltungssaal war bald gefüllt. Zusätzliche Stühle wurden an die Tische gestellt.

Pünktlich um zehn Uhr eröffnete der 2. Vorsitzende der Stadtgemeinschaft Tilsit, Erwin Feige, die Veranstaltung und hieß die zahlreich erschienenen Teilnehmer herzlich willkommen. Das Organisationsteam hatte unter seiner Leitung eine zehnmonatige Vorbereitungsarbeit geleistet, damit ein interessantes Programm geboten wird. Die hohe Besucherzahl sei der schönste Lohn für alle Anstrengungen.

Nach dem gemeinsamen Gesang des Ostpreußenliedes sprach Pfarrer Roland Geipel das geistliche Wort und nahm die Totenehrung vor. Er war für den ursprünglich vorgesehenen und kurzfristig ausgefallenen Pfarrer Martin Loseries eingesprungen – auch das eine organisatorische Meisterleistung.

Nach den Grußansprachen der drei Kreisvertreter Hans Dzieran, Dieter Neukamm und Manfred Romeike folgte der Festvortrag, den die Redakteurin der Preußischen Allgemeinen Zeitung, Manuela Rosenthal-Kappi hielt. Er stand unter dem Thema „Land an der Memel – Erbe und Auftrag“. Ausgehend von der geschichts-trächtigen Vergangenheit und dem kulturellen Erbe der Region am Memelstrom schlug sie den Bogen zu den vielfältigen Anstrengungen, das heimatliche Andenken zu bewahren und im Gedächtnis der Menschheit wachzuhalten. Mit gemeinsamen deutsch-russischen Projekten werden auch die heutigen Bewohner in die Pflege des kulturhistorischen Erbes einbezogen. Es gilt, ungeachtet aller außenpolitischen Spannungen auch im Jahr 2016 die grenzüberschreitende Arbeit fortzusetzen und einen Beitrag zur deutsch-russischen Völkerverständigung zu leisten. Dem mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag folgte als nächstes ein kultureller Leckerbissen.

Die Schauspielerin Monica Grabs aus Dresden trug die Gedichte „Rainfarn“ und „Stiller Sommer“        des Tilsiter Dichters Johannes Bobrowski und „Masurische Geschichten“ des ostpreußischen Schriftstellers Siegfried Lenz vor. Die Lesung wurde mit andächtigem Interesse aufgenommen und mit viel Applaus bedacht.

Dann ging es in die Mittagspause. Mehrere Gerichte standen zur Auswahl und die Ausgabe erfolgte zügig und gut vorbereitet.

Nach dem Essen erwartete die Teilnehmer der Auftritt eines stimmgewaltigen Geraer Männerchors. Mit einem Repertoire bekannter Volkslieder erfreute er die Zuhörer, die teilweise mitsangen und die Darbietung mit Zugabe-Rufen belohnten.

Und dann war endlich genügend Zeit zum „Schabbern und Plachandern“ Es gab interessante Begegnungen und neue Bekanntschaften. Immer, wenn Ostpreußen sich treffen, gibt es viel zu erzählen. Die Heimat wurde ganz nah. Erinnerungen an glückliche Kindheitstage am Memelstrom, Erzählungen über Vertreibungserlebnisse und über die Lebenswege in der Fremde machten die Runde. Man gedachte auch derer, die nicht mehr dabei sein konnten. Alter und Krankheit fordern ihren Tribut. Doch als man auseinanderging war man sich einig, im nächsten Jahr, so Gott will, wieder dabei zu sein.

 

TREUBURG

Kreisvertreterin: Ingrid Meyer-Huwe, Heinrich-Heine-Straße 51, 30173 Hannover, Telefon/Fax (0511) 884928, E-Mail: eusebius@kabelmail.de. Stellvertreterin: Eva Knierim, Kaiserstraße 38, 58300 Wetter, Telefon (02335) 846853, e-knierim@t-online.de. Geschäftsführerin: Irmgard Klink, Schlehdornweg 30, 47647 Kerken, Telefon (02833) 3984 (Fax: 3970), iklink@gmx.de. www.treuburg.de. Ansprechpartnerin in Ostpreußen: Hannelore Muraczewska, Wisniowa 1, PL 19-400 Olecko, Telefon (0048) 875 20-3180.

Liebe Treuburger. Mit Riesenschritten kommt unser Treffen in Fintel vom 30. Mai bis zum 3. Juni näher. Für alle, die, die sich nicht langfristig entscheiden konnten, besteht noch die Möglichkeit, an diesem Treffen teilzunehmen. Auch diejenigen, die nur zu unserem Festtag, dem 2. Juni anreisen wollen, besteht diese Möglichkeit. Es ist ein gemeinsames Hauptkreistreffen, zusammen mit einigen Dorftreffen, was sich nun  immer mehr anbietet, da die Anzahl der Menschen, die noch zu den Treffen kommen können, immer geringer wird. So wollten wir die Zeit, die uns bleibt, noch gut nutzen, um uns wieder zu sehen. Anmeldungen können noch bei unserer Organisatorin, Gabriele Janßen, St. Barbara-Weg 4 b, 47647 Kerken, Telefon 028333228, E-Mail: janssen.53@web.de vorgenommen werden. Wir freuen uns schon auf ein Wiedersehen mit allen Landsleuten aus der Stadt und dem Kreis Treuburg in Fintel.

                Ihre Ingrid Meyer-Huve


Gedenken in Gdingen
Gottesdienst für die Toten der „Gustloff“, „Steuben“ und „Goya“

Vor 71 Jahren geschahen drei der größten Tragödien des Weltkriegsendes. Die Flüchtlingsschiffe „Wilhelm Gustloff”, „Steuben“ und „Goya” wurden von russischen U-Booten versenkt. Aus diesem Anlass fand in Gdingen am 16. April, dem Tag des Unterganges der Goya, eine Gedenkfeier für die Opfer der Seekatastrophen statt. Sie wurde vom Bund der Deutschen Bevölkerung in Gdingen unter der Leitung des Vorsitzenden Benedikt Reschke organisiert. Die Hauptfeierlichkeiten fanden in der Seemannskirche statt. Zu den Gästen zählten unter anderem Reinhard Giesen, der deutsche Konsul in Danzig, Ulrich Bonk, der Vorsitzende der Westpreußischen Landsmannschaft und Heinrich Hoch, der Vorsitzende der Verbandes der Deutschen Gesellschaften in Ostpreußen. Hinzu kamen zahlreiche Einwohner aus Gdingen, Danzig, Zoppot und Umgebung. Rund 250 Personen nahmen an den Feierlichkeiten teil.

Andächtig lauschten sie den eindrucksvollen Stimmen des Chores „Stella Maris“ aus Gdingen-Adlershorst unter der Leitung von Danuta Kowalczyk. Die Sänger traten zusammen mit der Geigerin Hanna Król auf. Den Trauergottesdienst in deutscher Sprache hielt Pfarrer André Schmeier, ein Katholische Seelsorge aus dem Ermland, von polnischer Seite war Pater Edward Pracz von der Seemannskirche dabei. Schmeier fand in seiner Predigt bewegende Worte für die tragischen Ereignisse auf See und die Machtlosigkeit der Menschen an Bord der drei Schiffe. Über 20000 fanden den Tod. Überwiegend waren es Zivilisten, darunter auch viele tausend Kinder. Pfarrer Schmeier betonte: „Unserer aller Pflicht ist es, die Opfer zu ehren und die Welt vor weiteren Kriegen zu bewahren.“

Im Anschluss an den Gottesdienst trafen sich die Teilnehmer noch einmal an der Uferpromenade der Stadt. Dort wurden Lichter entzündet, Kränze, Blumengestecke und Blumen niedergelegt oder auch den Wellen der Ostsee übergeben.

Ulrich Bonk von der Landsmannschaft Westpreußen hielt eine bewegende Ansprache ebenso Wojciech Florek, Kapitän zu See und Professor der Polnischen Marine Akademie. Die Gedenkstunde am Meer endete mit dem gemeinsam gesungenen Lied „Wahre Freundschaft“. Sichtlich waren alle Beteiligten in Gedanken bei denjenigen, die in der Ostsee ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

                Benedikt Reschke


S. 20 Heimatarbeit

Radikaler Abbau
Schienenverkehr im nördlichen Ostpreußen

Der Schienenverkehr ist seine Leidenschaft: Als gelernten Eisenbahner verfolgt Ralf Möllering aufmerksam die Entwicklung der heutigen russischen Eisenbahn. Als Vorstandmitglied des „Vereins zur Förderung der Partnerschaft zwischen den Landkreisen Grafschaft Bentheim und Elchniederung (Slawsk)“ kommt er noch dazu bis zu dreimal jährlich in die Heimat. Im nördlichen Ostpreußen allerdings kann er allerdings nur den Niedergang der Eisenbahn beobachten. Hier seine Beschreibung der aktuellen Situation:

Die Bahnstrecke Königsberg-Tilsit, oft als „Rasender Litauer“ bezeichnet, wurde 1889 bis Labiau und 1891 bis Tilsit als Nebenbahn fertiggestellt.  1947 erfolgte die Umspurung auf die russische Spurweite. Damit einhergehend wurden etliche Bahnhöfe „aufgelassen“, wie es so schön umschrieben wird. In unserem Kreisgebiet waren Linkuhnen und Groß Brittanien betroffen. Bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts konnte der Fahrgast dennoch von Heinrichswalde ohne Umsteigen bis in die russische Hauptstadt gelangen. Danach gab es den ersten Einbruch. Es verkehrten bis Ende der 90er Jahre zwei lokbespannte Zugpaare nur noch zwischen Königsberg und Tilsit. Im Jahre 2001 wurde der Betriebsbahnhof Wilhelmsbruch aufgegeben.  Dennoch wurde im Jahre 2008 noch einmal kräftig investiert. Heinrichswalde erhielt einen neuen Stelltisch, neue Signale wurden aufgestellt. Auf weiten Streckenabschnitten wurde der Gleisschotter erneuert. Dann, im November 2015, das überraschende Aus für den Bahnhof Heinrichswalde. Nachdem zwei Jahre zuvor in Kreuzingen die Weichen ausgebaut und die Signale ausgekreuzt wurden, erfolgte gleiches in Heinrichswalde. Der ehemalige Bahnhof wurde zum Haltepunkt zurückgebaut. Somit verbleiben als Kreuzungsmöglichkeiten nur noch die weiterhin bestehenden Bahnhöfe Labiau und Neuhausen. Der täglich einmal pendelnde Triebwagen wird mittlerweile von deutlich weniger Fahrgästen genutzt als noch etwa vor zwei Jahren. Eine völlige Stilllegung der Strecke dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Einen ähnlichen Radikalabbau erlebte auch die Strecke Tilsit- Insterburg. 


30 sehenswerte Gäste auf Zeit
Noch bis zum 16. Juni lockt eine Masuren-Ausstellung ins Lötzener Heimatmuseum

Sie haben ihre Plätze zugewiesen bekommen, die Gäste auf Zeit. Die Mehrzahl der Kunstwerke hängt über halbhohen Bücherregalen an der langen Innenwand des Ausstellungsraumes. Einige kleinformatige Arbeiten wurden auf die Flächen der zwei preußisch-blauen, mehrteiligen Stellwände platziert. Im Eingangsbereich der „Lötzener Heimatstube“ in Neumünster hängen über Eck – in Gesellschaft einer schlichten Vitrine, die Erinnerungsstücke an Ostpreußen im I. Weltkrieg enthält – zwei großformatige Ölgemälde.

Endlich, nach vielen Jahren des Davon-Träumens, konnte eingelöst werden, Masuren in Neumünster zu zeigen. Nicht mehr nur als Werbespruch benutzt, um Menschen in die Lötzener Sammlung und zu den angebotenen Veranstaltungen zu locken, sondern hier nun „Masuren – Weite und Heimlichkeit. Die Landschaft in Werken ostpreußischer Künstler“. Dieses Thema eint die hier ausgestellten Werke, und ist gleichzeitig eine Besonderheit. Noch nie zuvor wurde versucht, die Charakteristika dieser besonderen Landschaft in einer Auswahl von wenig mehr als 30 Werken von insgesamt 16 Künstlern zu verdeutlichen.

Allen hier gezeigten Kunstwerken gemeinsam ist, dass sie aus dem zurzeit wegen Umbau und Erweiterung geschlossenen Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg als Leihgaben nach Neumünster gekommen sind. Mit einer Ausnahme: Die Pastelle, Zeichnungen und das große Aquarell, das die „Landschaft bei Biestern mit Löwentinsee“ zeigt, von Paul Koralus geschaffen, sind aus dem Bestand der Lötzener Sammlung.

Der Reigen der hier vertretenen Namen umfasst Künstler, die in einer Zeitspanne von über 150 Jahren tätig waren. Er beginnt mit Carl Scherres, dessen Gemälde „Masurischer See im Mondlicht“ um 1865 entstand, und er endet mit Gerhard Wendenhorst beeindruckendem Pastell „Sommer überm Land“, das 2007, ein Jahr vor seinem Tod, geschaffen wurde. Für die Besucher sind es Blickfänge, die den Einstieg in die oft vorhandene eigene Erinnerungs- und Erfahrungswelt leicht machen. Hoher Himmel, weites Land, tiefe Stille, glitzernde Wasserflächen zwischen Hügeln und Wäldern, verbinden sie mit Masuren. Mehrfach fielen diese Beschreibungen bei der der Eröffnungsveranstaltung im März. Bei anderen steht Masuren für eine reiche Tier- und Pflanzenwelt, für Bade- und Wassersportmöglichkeiten, für kleinbäuerliche Landwirtschaft und einfaches Leben. Aber auch Alleen und Gutshäuser …“ – „Und“, fügte eine ältere Besucherin hinzu „traumatische Erinnerungen an den Verlust unserer Heimat.“

Und da war dann schon, was von den „Ausstellungsmachern“ Jörn Barfod, Kustos im ostpreußischen Landesmuseum und Ute Eichler vom Lötzener Heimatmuseum  gewünscht wird: Der genaue Blick auf das ausgestellte Kunstwerk. Jedes ist wie ein Fenster, das es uns ermöglicht, Jahrzehnte zurückzuschauen.

Wir, die Betrachter, sind aufgefordert, uns gedanklich auf der Fensterbank aufzustützen und dann das Fenster in die Vergangenheit weit aufzustoßen. Nicht vermeiden lassen sich dabei die Fragestellungen nach: Was von dem, was hier dargestellt wird, ist heute noch vorhanden? Was spricht mich an, berührt mich, weckt Erinnerungen? Erzählt mir das Bild (s)eine Geschichte? Worüber freue ich mich? Worüber kann ich staunen? Und: Auch wenn mir nicht unbedingt alle Namen etwas sagen – was fällt in die angegebene Lebensspanne des jeweiligen Künstlers? – Zwei von ihnen, Willy Wolfermann und R. H. Krauskopf, sind 1945 gestorben. Andere haben, oft unter Verlust ihrer Ateliers und des bisher geschaffenen Werks, den Zweiten Weltkrieg um nicht viele Jahre überlebt: Oskar Gawell um Beispiel oder Karl Kunz. Von dem eigentlich in die Reihe der „Masurenmaler“ gehörenden Ernst Rimmek, zu seiner Zeit anerkannt und erfolgreich, war nicht ein einziges Landschaftsbild aufzutreiben.

Das Idyll „In einem Masurischen Dorf“ von Lieselotte Popp von 1942 gibt es so sicher nicht mehr. Auch Robert Hoffmann-Salpias „Dorf in Masuren“, um 1930 entstanden, mit dem eine Pede tragenden Wasserträger im Vordergrund, gehört einer vergangenen Welt an. „Ein Stückchen Masuren“, diese von Ottilie Ehlers-Kollwitz 1942 geschaffen Darstellung, ist wie eine Illustration zu all den Texten, die von einer Kindheit in Masuren in den 1930er oder der ersten Hälfte der 1940er Jahre erzählen. Und welch ein Farbenleuchten strahlt uns aus dem Sommerbild (1938) von Arthur Degner an! Andere Bilder lassen wahrnehmen, was gar nicht zu sehen ist: den Vogelzug  oder den Harzgeruch der Kiefern, den Wind, der die Segel schwellt, die Rufe Badender, den Geruch des aufsteigenden Rauchs eines Holzfeuers …

Bildwerke, die in den unterschiedlichsten Techniken entstanden sind, kann der Betrachter entdecken: Öl, Aquarell, Pastell, Farbholzschnitt, Holzstich, Feder-, Bleistift- oder Kohlezeichnung. Durch Vergangenes, Vertrautes, Zeitloses verwandeln sie den Ausstellungsraum. Sie präsentieren Masuren in Neumünster, zeigen eine Landschaft, die man „mit dem Herzen erobern muss“ (Günter Schiwy) oder von/in der man träumen kann (polnische Reisewerbung heute). Der verwandelte Raum verwandelt uns – wenn wir uns darauf einlassen. Die Bilder warten auf Betrachter! Der Besucher verlässt den Ausstellungsraum anders als er kam – dank der Gäste auf Zeit.        Ute Eichler

Zu sehen ist die Ausstellung bis Sonnabend, den 16. Juli. Öffnungstage (jeweils in Verbindung mit einem Veranstaltungsangebot): 21. Mai, 18. Juni, 16. Juli und – fast jederzeit – nach telefonischer Absprache unter Telefon (040) 608 30 03. Das Heimatmuseum der Kreisgemeinschaft Lötzen liegt in Neumünster in der Sudetenlandstraße 18h. (Böck-lersiedlung, nähe Kantplatz).


S. 21 Lebensstil

Wenn die Barbara-Glocke dreimal läutet
Zum Pfingstgebet in eine Heilig-Geist-Kirche − Im Rheinland gibt es auffällig viele, die diesen Namen tragen

Zusammen mit dem Vater und dem Sohn ist der Heilige Geist ein Teil der Dreieinigkeit Gottes. Be­sondere Bedeutung erlangt er an Pfingsten. Laut biblischer Überlieferung ergoss er sich an diesem Tag über die Jünger Jesu. Er ermutigte sie so, die Frohe Botschaft weiterzutragen und zu missionieren. Über ganz Deutschland verteilt sind diverse zumeist katholische Kirchen nach ihm benannt.

Im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort beschloss der damalige Kirchenvorstand der Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit im Jahr 1907, die Tochtergemeinde Heilig Geist zu gründen. Der Kirchbaumeister und Architekt Professor Josef Kleesattel errichtete 1910/11 den Neubau an der Moltkestraße. Heilig Geist war zu­nächst nur Rek­torat, wurde je­doch am 1. April 1913 durch den Kölner Erzbischof zur Pfarrgemeinde erhoben. Am 26. Oktober 1913 wurde die Heilig-Geist-Kirche konsekriert.

Kleesattel hat in Düsseldorf insgesamt neun Kirchen gebaut, drei davon in der Derendorf-Pempel­forter Gemeinde: Neben Heilig Geist handelt es sich dabei um Herz Jesu und Sankt Rochus. Der Stil der Kirche Heilig Geist ist historisierend neuromanisch. Vorbild ist die Basilika Santi Nereo e Achilleo in Rom. Aus dieser Anfangszeit sind noch das schöne Taufbecken sowie die Barbara-Glocke, die dreimal täglich zum Angelus-Gebet läutet, erhalten. Das Taufbecken verwendet die Ornamentik der äußeren Portale. Der Architekt hat es selbst entworfen.

Heilige Messen, Sonntagvorabendmessen und liturgische Morgengebete finden hier wie in katholischen Kirchen üblich regelmäßig statt. Messen in französischer Sprache sowie Gottesdienste der ukrainisch-griechisch-katholischen Gemeinde kommen als Besonderheiten hinzu. Dementsprechend un­einheitlich ist die Innenausstattung. Der Prunk, der vielen anderen katholischenKirchen ge­mein ist, fehlt hier – man hat hier den Eindruck, dass für jeden Gebrauch und Ge­schmack etwas vorhanden ist.

In der Nachbarstadt Erkrath ging die dortige katholische Kirchengemeinde einen ganz anderen Weg. Zu Beginn der 1960er Jahre gab es im Stadtteil Trills die zu klein gewordene St. Franzis­kus-Kir­che. Papst Johannes XXIII. (1958–1963) rief am 25. Dezember 1961 das Zweite Vatikanische Konzil aus. In den Jahren 1962 bis 1965 waren Themen wie Religionsfreiheit, das Verhältnis zu Juden und Nichtchristen, die Ökumene, das Apostolat der Laien und die Liturgiereform die zentralen Anliegen. Vor Ort wurden die Ergebnisse von den Pfarrern Johannes Meixner (1958–1972), Gerd Verhoeven (1968–1997) und Bernd Staßen (1970–2007) sowie dem Diakon Willi Bräkler (seit 1971) aufgegriffen und so weit wie möglich in die Gemeindearbeit einbezogen.

Gottfried Böhm wurde 1920 in Offenbach (oder Köln, die Quellenlage ist nicht eindeutig) geboren. Für den inzwischen emeritierten Professor der Technischen Hochschule Aachen zählt die Kirchenarchitektur, vornehmlich im Rheinland, zu einem Schwerpunkt. Im Jahr 1986 erhielt er den Pritzker-Preis, den „No­belpreis“ für Architekten. Die Heilig-Geist-Kirche in Erkrath wurde von 1969 bis 1971 nach seinen Plänen im Stil des Beton-Brutalismus auf einem dreieckigen Grundriss errichtet. Im Zentrum des Kirchenbaus be­findet sich eine Altarinsel, um die sich die Be­stuhlung gruppiert. Das Dach ist mehrfach abgestuft. Es bildet eine Art Kuppel mit Fensteröffnungen. Die Rückwand des Kirchenbaus ist eine geschlossene massive Mauer aus Sichtbeton.

Die Kirche mag architektonisch interessant sein, ist aber unauffällig ins Straßenbild integriert. Man geht leicht am Gotteshaus vorbei, ohne es zu sehen. Es ist weder hinsichtlich der Größe noch Ausstattung mit traditionellen katholischen Kirchen vergleichbar. Was modern erscheinen mag, könnte man als Stilbruch bezeichnen.

Heilig Geist heißt auch eine katholische Kirchengemeinde in der westfälischen Stadt Hagen. Heute zum Pastoralverbund Ha­gen-Mitte gehörend, reichen ihre Wurzeln bis ins Jahr 1924 zurück. Damals waren Emst, Bissingheim und Eppenhausen Vorortsiedlungen von Hagen. Die Initiative zur Gründung der Ge­meinde geht auf den Vikar Heinrich König zurück. Es muss offensichtlich seelsorgerischen Bedarf in den wachsenden Ortschaften gegeben haben. Auf jeden Fall wurde im Jahre 1926 in nur knapp fünf Monaten eine „Be­helfskirche“ gebaut. Sie ist inzwischen zum Pfarrheim umgebaut und trägt seit 2002 den Namen „Heinrich-König-Haus“.

Liborius Valpertz war 1946 Pfarrer in Heilig Geist. Er nahm nach den Zerstörungen und be­ginnenden Wiederaufbauarbeiten Kontakt zum Architekten Dominikus Böhm auf, der nach dem Krieg den Kirchbau in Deutschland maßgeblich mitgeprägt hat. Böhm schaute sich noch im selben Jahr den beabsichtigten Bauplatz an und schick­te im Mai 1947 die ersten Baupläne einschließlich einer ausführlichen Beschreibung seiner Idee.

Es sollte allerdings bis zum Jahr 1953 dauern, bis der Architekt den Auftrag zum Bau der Kirche bekam. Der Kirchbau ist dann allerdings in nur 15 Monaten, teilweise nach Änderungen an den Bauplänen, entstanden. Der Glockenturm hat eine Höhe von 47 Metern. Seine kegelförmige und verschieferte Dachspitze brachte ihm den Spitznamen „Bleistift“ ein. Der Gemeinderaum ist ein separates Bauwerk mit einer Höhe von 15 Metern.

Die Heilig-Geist-Kirche in Hagen liegt heute etwas abseits. Da keine Hinweisschilder in ihre Richtung weisen, wird sich ein ortsunkundiger Gottesdienstbesucher eher in die nahegelegene evangelische Kirche verirren. In ihrer für katholische Verhältnisse eher schmucklosen Ausstattung er­innert die Heilig-Geist-Kirche sogar ein wenig an hiesige evangelische Gotteshäuser. Sehenswert ist auf jeden Fall der Kreuzweg. Er ist in Bildform gehalten und weist auch textile Elemente auf. Auch eine Stuck­decke, die die Feuerzungen des Pfingstfestes symbolisiert, ist hübsch anzusehen.        Andreas Rüdig


Hexentanz am Erbeskopf
Wildtiere, Edelsteine, Keltendörfer − Auf Entdeckungsreise im noch jungen Nationalpark Hunsrück-Hochwald

An Pfingsten vor einem Jahr wurde der Nationalpark Hunsrück-Hochwald offiziell eröffnet. Deutschlands jüngster Nationalpark erstreckt sich über 10000 Hektar von Rheinland-Pfalz bis ins Saarland und ist damit etwa so groß wie die Insel Sylt. Als einer von 25 Parkwächtern schaut Reiner Philippis  dabei zu, wie sich die Natur sich selbst überlässt. Das ist natürlich eine unzureichende Beschreibung seiner Tätigkeit. Denn dort, wo  seit Jahrhunderten Holzwirtschaft betrieben wurde, muss der Mensch nun der Natur helfen, sich zu regulieren. „Früher“, sagt Philippi, „wuchsen hier vor allem Buchen. Seit 4000 Jahren sind sie hier im Hunsrück beheimatet. Da wollen wir wieder hin.“

Wir wandern durch einen lichten Wald. Hellgrün leuchten die Blätter der Bäume in der Sonne, hier und da liegen ein paar altersschwache Exemplare im Gras, von Moos überwuchert oder noch einmal austreibend, vielleicht ihren letzten Frühling erlebend. Philippi zeigt Karpartenbirken und er­klärt, wie die Rosselhalden, die für die Gegend typischen Haufen aus Gesteinsbrocken, entstanden sind. Weiter oben, rund um den Erbeskopf, mit 816 Metern Rheinland-Pfalz’ höchster Berg, lässt er uns Sauerklee kosten. Wir sehen Krüppelbuchen, die dem rauen Klima oberhalb von 700 Metern trotzen, und Vogelbeerbäume.

Auf Holzstegen durchqueren wir den Ehlesbruch, eines der vielen Moore, das mit dem Anbau von Fichten verschwunden war und nun reaktiviert wird, indem der natürliche Wasserfluss wie­derhergestellt wird. Moosbeeren und Sonnentau werden hier wieder einmal wachsen. Aber das benötigt Zeit, viel Zeit. Nur um einen Millimeter im Jahr wächst die Torfschicht in einem lebendigen Moor. „In 30 Jahren“, sagt Philippi, „wird der Wald hier ganz anders aussehen. Dann hat er seinen Urzustand wieder erreicht, dann müsst ihr wiederkommen.“

Wieder auf trockenem Boden sehen wir Mäuse durchs Gebüsch huschen und hoffen, eine Wildkatze bei der Jagd beobachten zu können. Aber keine einzige ist zu entdecken. Dabei leben um die 1000 dieser un­ter Naturschutz stehenden Tiere im Hunsrück, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland. Naturnahe Wälder mit vielen Laubbäumen, Lichtungen und Bächen mögen sie. Und ge­schützte Plätze benötigen sie. Im Wurzelwerk umgestürzter Bäume und in Höhlen von Geröllhalden bringen die Wildkatzen ihre Jungen zur Welt und ziehen sie auf.

Erst im Wildfreigehege Wildenburg in Kempfeld, das neben dem Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf und dem keltischen Ringwall in Otzenhausen eines der Tore zum Nationalpark ist, werden wir fündig. In dem 42 Hektar großen Park ist auch das Wildkatzenzentrum mit Auffang- und Auswilderungsstation untergebracht. In einem Gehege sitzt eine Wildkatze mit gespitzten Ohren vor einem Holzhäuschen. Die Augen benötigen eine Weile, ehe sie die Konturen des Tieres wahrnehmen. Nur noch schwach getigert ist das Fell, eine perfekte Tarnung nicht nur in freier Wildbahn.

Auf zwei Rundwegen können Besucher den Wildpark erwandern und einen Teil des Huns­rücks erleben − mit Wildschweinen, Luchsen und Waschbären, Rot-, Dam- und Rehwild und seit Pfingsten auch mit einem Wolfsrudel. Für Klaus Görg, Geschäftsführer des Hunsrückvereins, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Wolf auch in die Wälder des Hunsrück zurückkehrt. Mit der neuen Wolfsblut-Landschaft wol­le der Wildpark dazu beitragen, weit verbreitete Vorbehalte ge­genüber dem Wolf abzubauen.

Die Wildheit, das Mystische der Hunsrück-Wälder hat es der Schmuckdesignerin und Goldschmiedemeisterin Jennifer Sauer seit jeher angetan. Sie ist in der Edel­steinstadt Idar-Oberstein ge­boren, in einer Region, in der es vor 300 Millionen Jahren heiß herging. Lavaströme bahnten sich aus dem Inneren der Erde den Weg nach oben. Dabei entstanden mit Gas gefüllte Blasen, in denen sich bei der Abkühlung Mineralien bildeten – Quarze, Amethyste, Jaspis, Achate, die später die Grundlage der Edelsteinindustrie in der Gegend wurden. Bis heute ist Idar-Oberstein ein wichtiger Handelsplatz für Edelsteine in der Welt, auch wenn die Steine, die hier heute bearbeitet werden, vor allem aus Brasilien stammen.

Doch obwohl die meisten Steine von weit her kommen, sind Sauers Schmuckstücke in mehrfacher Hinsicht echte Hunsrücker. Sie hat den Wald zu ihrem Arbeitsthema gemacht, der Wald ist ihre Inspiration. Auf dem Hexentanzplatz oberhalb der Wildenburg, der umrahmt ist von Quarzitklippen und wo einmal eine Keltenburg gestanden haben soll, zeigt die 40-Jährige einige ihrer Ringe und Ketten. Sie legt sie auf bemooste schwere Steine und man erkennt sie wieder, die Pilze, Käfer, Eicheln, Flechten, Blätter und Knospen, die sie anregten, den Schmuck genau so zu gestalten. Zauberhaft ist die „Fliegenpilzreihe“. Roten Achat hat Sauer mit Swarovski-Kristallen belegt, die Fassung des Steins und die Lamellen des Pilzkopfes sind aus geschwärztem Silber. Nichts ist gerade an diesem Ring, er scheint zu leben. „Die Natur fließt in meinen Schmuck ein und wird darin unsterblich“, sagt Sauer.

Steine anderer Art beeindrucken im saarländischen Otzenhausen. Auf dem Dollberg errichteten die Kelten im ersten Jahrhundert v. Chr. eine Befestigungsanlage, die noch heute Ehrfurcht einflößt. Bis zu zehn Meter hoch erhebt sich der Ringwall aus Steinen, die damals auf einer Art Fachwerkgerüst aus Holz aufgeschichtet wurden. Über 2,5 Kilometer ist der Wall lang. Wie es vor 2000 Jahren innerhalb dieser gewaltigen Steinmauer ausgesehen haben könnte, wird künftig im Keltenpark am Fuße des Ringwalls zu erleben sein. Dort wird ein keltisches Dorf mit Wohnhäusern, Werkstätten und Speichern nachgebaut.              Ina Pachmann

Von Mai bis Oktober finden im Nationalpark kostenlose geführte Touren mit Parkwächtern (Rangern) statt. Dienstags startet die Inseltour am Rangertreff Thranenweiher, mittwochs die Grenztour am Rangertreff Sauerbrunnen, donnerstags die Waldtour am Rangertreff Muhl, freitags die Gipfeltour am Rangertreff Erbes­kopf und sonntags die Keltentour am Rangertreff Keltendorf. Alle Touren beginnen um 13 beziehungsweise 14 Uhr. Infos im Internet: www.nationalpark-hunsrueck-hochwald.de; www.hunsrueck­touristik.de; www.naheland.net; www.gastlandschaften.de


Zu Pfingsten voll aufgetankt

Sein goldener Oldtimer ist ein Spritfresser. Dem Unterhaltungskünstler Friedrich Liechtenstein kann es egal sein, solange der Fernsehsender Arte seine Tankstellenfahrt durch Europa bezahlt. Auf der Suche nach den romantischsten Tankstellen in Europa hat Lichtenstein rund 1000 Liter getankt. Sein Treffen mit prominenten Musikern, Künstlern, müden Lkw-Fahrern, verliebten Paaren und einsamen Weltenbummlern ist Pfingstmontag von 11.30 bis 16.50 Uhr auf Arte zu sehen. Im Rahmen des Thementags „Tankstellen-Träume“ wird die zehnteilige Reihe ergänzt durch vier Spielfilme.

Es ist eines der ungewöhnlichsten TV-Projekte des Jahres: Liechtenstein lehnt sich ziemlich weit aus dem Fenster seines Oldtimers. Er möchte die Welt davon überzeugen, dass Tankstellen die romantischsten Orte der Gegenwart sind. Eine steile These, aber „nur steile Thesen machen Spaß“, sagt er und fährt von Deutschland nach Dänemark, Frankreich, Österreich, Luxemburg und Italien bis in die Slowakei. „Ich könnt’ noch tausend Liter tanken, wär’ noch immer nicht am Ziel. Nur du bist in meinen Gedanken und das ist viel“, singt er hinterm Steuer, getrieben vom Ehrgeiz, seine steile These zu beweisen.

Die Tour führt ihn zu futuristischen Autobahn- und Multi­energietankstellen, nostalgischen Hinterhof-Tankstellen, zu Küsten-Zapfsäulen direkt am Meer bis hin zu architektonischen Denkmälern wie die Tankstelle von Arne Jacobsen und die Berliner Kant-Garagen aus den 30er Jahren. Wer Pfingstmontag lieber zu Hause bleiben möchte und sich die Serie ansieht, wird sich voll aufgetankt fühlen.             PAZ


S. 22 Neue Bücher

Unkritischer Putin-Freund
Lob und Kritik für Seipel

Hubert Seipel, geboren 1950, ist ehemaliger Auslandskorrespondent und seit 1991 TV-Dokumentarfilmer. Anfang 2012 sendete die ARD seine Doku „Ich, Putin“, die positiv ankam, anders als Ende 2014 sein Putin-Interview, das massive Kritik erntete als „journalistisches Armutszeugnis“ eines „Putin-Verstehers“ und „unterwürfigste Sendung des Jahres“.

Wie wird die Kritik des aktuellen Putin-Buchs ausfallen? Eine TV-Station lobte es zur Buchmesse 2015 als Zeugnis des „einzigen westlichen Journalisten“, der den „Machthaber während der letzten fünf Jahre“ begleitete. Seipel ist stolz darauf, Putin häufig und an diversen Orten begegnet zu sein, er freut sich über Putins „Vertrauen“, der seine Texte und Filme nicht autorisieren wolle. Das tue er nie und ließ 2008 sogar den „Putewoditel“ (Wegweiser) durchgehen, die scharfe Kritik seiner Personalpolitik, die der aggressive Starpublizist Wladimir Solowjew veröffentlichte. Putin interessiere es kaum, was man über ihn schreibt.

Seipel weiß, dass „für die meisten Menschen in Russland die Welt aus vielen Feinden und wenigen Verbündeten“ besteht. Für US-Präsident Obama sei Russland nur noch eine „Regionalmacht“ und Putin ein „unkonzentrierter Schuljunge in der letzten Schulbank“. Ähnlich höhnisch äußert sich Angela Merkel. Seine „Annexion der Krim“ sei „verbrecherisch“, beinahe mit dem Holocaust vergleichbar. Für Putin sind solche Urteile Beleg dafür, dass er im Westen kein Vertrauen und sein Land keine Achtung genießt.

Das bedauert Seipel und möchte es korrigieren. Da zitiert er eine Aussage Putins „vor Jahren“, dass der Untergang der UdSSR und die Entstehung einer russischen Diaspora im postsowjetischen Raum „eine der großen geopolitischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts“ sei. Können Autor und Lektoren kein Russisch?

Am 25. April 2005 sagte Putin vor dem Föderalparlament: „Die Zertrümmerung der Sowjetunion war die massivste geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts.“ Das klingt erheblich grimmiger.

Nur bei Russen kommt Putins „Katastrophen“-Wort immer noch gut an. Er hat, wie Seipel zu Recht erwähnt, daheim „Popularitäts-werte“ von 80 Prozent, während „unsere Politiker zähneknirschend“ mit ihm reden. Dabei bleibt seine Popularität stabil, solange er es schafft, auswärtige Ereignisse und Äußerungen im Geiste seines „plumpen Hurra-Patriotismus“ umzudeuten. Dabei scheut er selbst Lügen nicht, die Seipel unkritisch nachbetet, etwa dass Russland „versprochen“ worden sei, die Nato werde sich nicht ostwärts erweitern, was sogar Gorbatschow noch 2014 als Märchen bloßstellte.

Putin ist nicht Mitglied, aber Führer der Partei „Einiges Russland“, die Schirinowskij 2009 boshaft „Partei der Gauner und Diebe“ nannte. Er kann machen, was er will, das Gros der Russen wird es als „patriotische Tat“ verbuchen und Seipel nicht kritisieren.

Die letzten zehn Seiten seines Buchs widmet Seipel Putins Gegenwart. Kein Wort von ökonomischen Nöten infolge von Sanktionen, Rubelverfall und Ölpreisniedergang, verstärkt von Korruption. 2015 betrug der Wirtschaftsrückgang 3,7 Prozent, die Inflation über 15 Prozent, der Kapitalabfluss 152 Milliarden US-Dollar. 2016 wird es noch schlimmer, befürchtet Finanzminister Anton Siluanow. Russlands Devisenreserven gehen so rapide zurück, dass das Land in zwei, drei Jahre pleite sein kann.         Wolf Oschlies

Hubert Seipel: „Putin – Innenansichten der Macht“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015, gebunden, 365 Seiten, 22 Euro


Literarische Munition
Monarchie-Gegner Heathcote Williams kritisiert die Windsors

Das ultimative antiroyalistische Buch stammt, wie sollte es anders sein, von einem Briten. Es handelt sich um ein „investigatives Gedicht“ von Heathcote Williams mit dem subversiven Originaltitel „Royal Babylon – The Criminal Record of The British Monarchy“, wobei der Titel der deutschen Ausgabe verharmlosend in „Die Windsors – Eine schrecklich nette Familie“ umgewandelt wurde.

Der deutsche Titel passt jedoch bestens zum Umschlagbild, das eine boshaft grinsende Queen zeigt, ein am Computer bearbeitetes Foto. Der Form nach ist der Text ein essayistisches Gedicht. Macht man sich auf eine rabenschwarze Satire über das englische Königshaus gefasst, so stellt man schon beim Lesen des Vorworts und der ersten Seiten fest, dass es dem Autor keineswegs um schmunzelnde Leser geht: Er meint jedes Wort bitter ernst.

Sein neues Buch ist literarische Munition gegen die „Royals“ in Vergangenheit und Gegenwart, nicht nur gegen Königin Elisabeth, die ihren Status als Oberhaupt Großbritanniens und des Commonwealth mit einem mehr als 1000 Jahre zurückreichenden Stammbaum begründen kann. Williams präsentiert sich als zorniges, gnadenloses Lästermaul, dem anscheinend nichts mehr am Herzen liegt als die sofortige Abschaffung der britischen Monarchie mit ihrem Pomp und Glamour, der die Menschen verblende und zu untertänigen Verehrern degradiere. In Großbritannien ist der Dichter, Schauspieler, Dramaturg und politische Aktivist  Williams als einer der radikalsten Kritiker der Monarchie bekannt. Er genießt weitgehende Narrenfreiheit durch seinen Kultstatus, was eine honorige Geste und wohl nur denkbar ist im „Land der ehrenwerten Tortenwerfer“.

Der Band bietet neben dem deutschen auch den englischen Text, der naturgemäß elegantere Formulierungen aufweist als die deutsche Übersetzung. Aber darauf kommt es hier nicht an, denn Williams präsentiert in gerade noch als poetisch zu bezeichnender Aufmachung eine Negativauslese von Fakten über die Mitglieder des englischen Königshauses, dessen Fortbestehen er als Anachronismus höchster Ausprägung anprangert. Alles, was der Autor gegen „die Firma“, wie sich die Windsors selbst gern nennen, im Einzelnen vorzubringen hat, darunter haarsträubende Tatsachen oder auch Behauptungen, kann er durch Originalzitate oder Sekundärliteratur belegen und sich so entlasten. Sein Dröhnen gegen die reichen und abgehobenen, durch ihre Geldanlagen angeblich in finstere Geschäftsbereiche verwickelten Royals mündet in einem allgemeinen Schmäh, der dem gesamten britischen Hochadel gilt und letztlich auf die herrschende Klasse weltweit gemünzt ist. Dabei beruft er sich auf die Bibel und prominente Stimmen wie die von George Orwell.

Die Königsfamilie bezeichnet er als „Schandfleck im kulturellen Erbe Großbritanniens“. Die Windsors seien „PR-Frontträger der gigantischen britischen Rüstungsindustrie“, hätten Firmenbeteiligungen mit zwielichtigen Partnern. Die Queen unterzeichne noch immer Todesurteile für Staatsangehörige in den ehemaligen britischen Kolonien und Schutzgebieten. Dazu immer wieder die bittere Anklage, dass sich sämtliche jungen und alten Königlichen, wie schon ihre Vorfahren, in ihrer Freizeit mit dem traditionellen Metzeln von Wildtieren vergnügen. Wie übel sie ihre Untergebenen behandeln, dass sie erhöhte Mieten und Pacht kaltschnäuzig einfordern, dadurch sogar Bauern in den Selbstmord getrieben hätten ... Aus den dunklen Seiten der englischen Monarchie entwirft der Autor ein bestürzendes Gesamtbild, in dem er häufig auch auf Deutschland Bezug nimmt. Fazit: „Diesen royalen Import aus Hannover hätte sich England sparen können!“ Da ist es ratsam, rechtzeitig eine distanzierte Haltung zu diesem höchst emotionalen, aber brillanten Anti-Windsor-Pamphlet zu gewinnen.

„Denn Monarchie heißt nichts anderes als die Herrschaft des Geldes übertüncht von manipulativem Mummenschanz: Ein Restglaube daran, die Königin sei eingesetzt von Gottes Gnaden, was alles zur Rechtfertigung ihres unmenschlichen Reichtums dient.“

                Dagmar Jestrzemski

Heathcote Williams: „Die Windsors – Eine schrecklich nette Familie. Royal Babylon“, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2015, broschiert, 174 Seiten, 14,99 Euro


Geschichten aus der »Postsee«
Oliver Lück hat die Wege von Flaschenpostnachrichten recherchiert

Es ist immer eine Schlagzeile wert, wenn wieder einmal die „älteste Flaschenpost der Welt“ gefunden wird, denn der Fund einer solchen fasziniert die Menschen. Historisch betrachtet war es die letzte Möglichkeit von gestrandeten Schiffbrüchigen, mit der Welt Kontakt aufzunehmen in der Hoffnung auf Rettung. Oliver Lück ist dem Mythos der modernen Flaschenpost nachgegangen und hat ein Meer voller Geschichten gefunden, die er in seinem Buch „Flaschenpostgeschichten. Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee“ erzählt.

Das Senden einer Flaschenpost ist eine einseitige Art der Kommunikation, man schickt eine Botschaft auf die Reise, von der man nie weiß, ob, wann oder bei welchem Empfänger sie ankommt – das macht sie so besonders. Im Gegensatz zu den Weltmeeren ist die Ostsee als Binnenmeer ein begrenztes Gebiet, in dem durch Strömungen an einigen Ufern häufiger Strandgut angespült wird. Lück hat die Fundstellen lokalisiert und mit Flaschenpost-Sammlern in Schweden, Dänemark, Litauen, Lettland und Russland Kontakt aufgenommen. Für seine Recherchen hat er sich Zeit genommen, und so sind feinsinnige Porträts von Menschen entstanden, die an der Ostseeküste im Einklang mit Natur und Meer leben. Mit Interesse beschreibt er die Lebensumstände von Arne, dem letzten Fischer auf einer südschwedischen Insel, von Biruta, die Strandgut in einem vergessenen Winkel Lettlands sammelte, und Mogens, dem ehemaligen Strandvogt von Bornholm. Er begibt sich auch auf Spurensuche nach den Absendern, sucht nach deren Geschichten, die hinter dem Brief in der Flasche stecken. So ist es ein magischer Moment, wenn er  bei seinen Recherchen herausfindet, dass der Wunsch von Kristofer aus Malmö, Schriftsteller zu werden, den er 1999 einer Flaschenpost anvertraut hat, in Erfüllung gegangen ist.

Lück ist beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie den Driftwegen von Gegenständen auf der Ostsee nachgegangen. So werden der Absende- und der Fundort einer Flaschenpost vor jedem Kapitel auf einer Karte mit dem Verlauf der Reise gezeichnet. Er hat einen Flaschenpostautomaten entwi-ckelt, den er an der Ostseeküste aufgestellt hat. Er beschreibt die  Schwierigkeiten beim Umbau, aber auch die Reaktionen der Nutzer am Strand. Das Buch ist mit aussagekräftigen Fotos illustriert. Lück beschreibt die Reisen der Flaschenpost auf der Ostsee, die er „Postsee“ nennt, abwechslungsreich und unterhaltsam. Seine Reisen sind wie ein „Roadmovie“ entlang der Ostsee, und er vermittelt die Wünsche und Träume, die mit dem Mythos Flaschenpost verbunden sind. „Eigentlich ist das Flaschenpostschreiben ganz einfach“, erzählt der Flaschenpostredakteur Peter Scharstein ihm in einem Interview, „Flasche her, Zettel rein, Deckel drauf und ab ins Wasser“. Das macht neugierig, es beim nächsten Besuch an der Ostsee selbst zu versuchen.        Britta Heitmann

Lück, Oliver: „Flaschenpostgeschichten. Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee“, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 2015, broschiert, 240 Seiten, 9,99 Euro


Solide Grundlage für Reisen in die Neumark
Wolfgang Kling und Jörg Lüderitz beschreiben das Land östlich von Oder und Neiße unter kulturlandschaftlichen Aspekten

Die Neumark, etwa 80 Kilometer von Berlin und östlich von Oder und Neiße gelegen, war bis 1945 der östliche Teil der Mark Brandenburg. Im heutigen Polen gehört sie zu den Woiwodschaften Westpommern im Norden und Lebus im Süden. Die Warthe trennt die Landschaft in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Wälder, Seen, Felder, Wiesen und, vor 1945, wie heute, eine dünne Besiedlung, Für Berliner war die Neumark, buchstäblich vor den Toren der Stadt gelegen, ein Erholungsgebiet. Das Ackerbürgerstädtchen Berlinchen, heute Barlinek, hieß schon damals wie heute „Perle der Neumark“, nur dass die Polen jetzt hier Ferien machen.

Seit 1945 bis in die Jahre um die „Wende“ in Deutschland und Europa waren Berlinchen und die Neumark deutschen Normalbürgern praktisch verschlossen – mit einer Ausnahme. In den 70er Jahren vereinbarten das kommunistische Polen und die DDR für ihre Bürger einen freien Reiseverkehr zwischen den Nachbarn. Das war das Signal für Jörg Lüderitz, geborener Neumärker und DDR-Bürger, seine Heimat wiederzusehen. Und er tat das vornehmlich per Fahrrad. Diesen Kenntnisvorsprung konnte er nach der Wende nutzen und ausbauen. Ergebnis waren seine Bücher über „neumärkische“ Einzelthemen wie ein Neumärkisches Lesebuch oder Wandern und Radfahren östlich der Oder. Seine neueste Arbeit, zusammen mit dem Co-Autor Wolfgang Kling, gilt als erster Reiseführer, der Geschichte, Natur und Kultur aller Regionen der Neumark beschreibt. Die einführenden Abschnitte geben eine Kurzbeschreibung von Landschaft und Natur sowie einen Abriss der geschichtlichen Entwicklung vor und nach 1945. Zwei Karten in den Innenseiten des Einbandes vermitteln die räumlichen Vorstellungen.

Den Hauptteil des Buches bilden Darstellungen von 40 Reisezielen nördlich und südlich der Warthe. Der Bogen spannt sich von Küstrin über Berlinchen, Landsberg an der Warthe, Drossen, Zielenzig, Sternberg, Schwerin bis Guben. Alle Orte werden mit ihren heutigen polnischen Namen bezeichnet, die früheren deutschen sind in Klammern hinzugefügt. Die beschriebenen Ortschaften decken die gesamte Fläche der Neumark ab, also des östlichen Teiles der früheren Mark Brandenburg, Das Beispiel Berlinchen [Barlinek] zeigt exemplarisch, wie alle Orte in der Darstellung gegliedert werden. Ausführlich wird jeweils die geschichtliche Entwicklung seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart berichtet, gefolgt von den wichtigsten, bekannten und für den Ort charakteristischen Sehenswürdigkeiten. Diese werden vielfach mit Fotos vorgestellt. In den meisten Fällen hilft ein Ortsplan bei der Orientierung.

Breiten Raum nimmt jeweils die Beschreibung der Umgebung der einzelnen Orte ein. Damit ist gewährleistet, dass nicht nur 40 Einzelpunkte behandelt werden, der Leser lernt vielmehr den gesamten Raum kennen. Die Ortsschilderungen werden ergänzt durch Angaben zu Unterkunftsmöglichkeiten, Gastronomie, Verkehrsanbindungen sowie Freizeitangeboten. Diese Gliederung bietet eine hervorragende Orientierung für Planung und Durchführung eines Ausfluges in die Neumark. Besondere Sehenswürdigkeiten werden in eigenen Kapiteln vorgestellt, so zum Beispiel die monumentale Christusstatue von Schwiebus, die Marienkirche in Königsberg in der Neumark oder der Nationalpark an der Drage im Osten angrenzend an die ehemalige Grenzmark Posen-Westpreußen.

Hilfreich sind ein deutsch-polnischer Sprachführer sowie ein deutsch-polnisches Ortsnamenverzeichnis. Der Reiseführer bietet eine solide Grundlage zur Planung und Durchführung einer Exkursion in die Neumark. Besonders wichtig und hervorzuheben sind die historischen Angaben und Informationen zur Geschichte dieses Landstriches: bis 1945 eine seit Jahrhunderten von Deutschen gestaltete Kulturlandschaft, seit 1945 eine polnische Geschichte, die zunehmend die deutschen Wurzeln integriert. Es bleibt zu wünschen, dass gerade bei offenen Grenzen die Zahl der aus Deutschland kommenden Wanderer und Touristen weiter wächst, die Neumark ist ein attraktives Ziel für Touristen, und der Reiseführer kann ein wichtiger Begleiter werden.      Karlheinz Lau

Wolfgang Kling und Jörg Lüderitz: „Neumark – durch die alte Kulturlandschaft östlich von Oder und Neiße“, Trescher Verlag, Berlin 2015, 291 Seiten, broschiert, 14,95 Euro


S. 23 Anzeige Rautenberg Buchhandlung

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S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Kalter Fisch mit altem Wein / Wie Athen unsere Merkel noch tiefer in den Morast führt, wie Seehofer falsch beraten  wurde, und wie wir angstvoll auf Wien blicken

Dass der Internationale Währungsfonds, kurz IWF, keinen besonders guten Ruf genießt, daran ist die Wa­shingtoner Weltorganisation selber schuld. Ihr Auftritt hat immer so etwas Anrüchiges. Da werden schwachbrüstige Länder zunächst von der globalen Finanzindustrie mit gigantischen Krediten aufgeblasen, dann lassen die Institute die Luft wieder ab, und die Länder sacken wirtschaftlich in sich zusammen.

In dem Moment tritt der IWF aus der Kulisse und fordert „Reformen“ und „Liberalisierungen“. Dafür sollen die im Loch steckenden Länder vor allem staatliches Eigentum privatisieren: die Bahn, Häfen und Flughäfen, Strom- und Wasserversorger, andere staatliche Unternehmen und was nicht alles.

Hinter dem IWF hat sich in dem Moment immer schon ein Rudel globaler Großkonzerne versammelt und hält die Fleischermesser bereit, um für sich die leckersten Stücke aus dem siechen Gemeinwesen herauszuschneiden – für ’n Appel und ’n Ei.

Oft ist grundsätzlich gar nichts einzuwenden gegen die Privatisierungen. Nur dass die Konzerne die Filetstücke nie so billig bekommen hätten, wäre das Land nicht zuvor in die Kredit- und Pleitefalle gelockt worden. Der IWF eröffnet dann stets das Buffet: Sobald der Fonds feststellt, dass ein Land „seine Schulden nicht mehr tragen kann“, darf das große Fressen beginnen.

Im Falle Griechenlands liegt die Sache etwas komplizierter. Seit Mai 2010, also seit exakt sechs Jahren, ist der Bankrott offenkundig. Der durfte aber nicht sichtbar werden, weil der Euro ja ein Erfolgsmodell ist und nirgends scheitert. Nie.

Also wurde Geld hineingepumpt, bis es quietscht. Der IWF machte zähneknirschend mit, vor allem, weil Merkel ihn dabei haben wollte, damit der Zirkus ein bisschen weniger unseriös wirken möge.

Nun quietscht es aber dermaßen laut, dass der Fonds Schluss machen will, das Buffet ist ohnehin schon leer: Das Land sei pleite, die Europäer sollten endlich einsehen, dass sie ihr Geld nie wiedersehen und einen Schuldenerlass gewähren, so der IWF. Eigentlich sonnenklar, doch wenn die Euro-Regierungen die Pleite Griechenlands öffentlich anerkennen, ziehen sie den Vorhang weg vor sechs Jahren Schönfärberei. Ihr ganzes Gequatsche von den „guten Fortschritten“ in Hellas flöge ihnen um die Ohren und, was Deutschland angeht,  der AfD direkt in den Schoß.

Die Wut der Euro-Politiker auf den Währungsfonds ist verständlicherweise groß. In Merkel-treuen Medien lesen wir den entrüsteten Vorwurf, dass sich der „IWF weigert, Reformen in Griechenland anzuerkennen, die nicht stattgefunden haben“. Also nur, weil es sie nicht gibt, will der Fonds die Reformen nicht würdigen. Das ist alles andere als hilfreich! Schlimmer noch: Die Europäer sollten den Realitäten ins Auge blicken, schallt es vom IWF. Das ist Erpressung! Was hat denn EU-Politik mit „Realitäten“ zu tun?

Für die Kanzlerin ist die Sache verzwickt. Ihr öffnen sich zwei Auswege, die leider beide in den Morast führen: Entweder sie gibt dem IWF nach und den Blick auf die Realitäten und die Hellas-Pleite frei. Folge siehe oben. Oder sie kleistert die Wirklichkeit weiterhin mit zusätzlichen Milliarden zu. In dem Falle dürfen die Deutschen zusehen, wie noch mehr von ihrem Geld in Hellas (sprich: bei Athens Gläubigern) versinkt, derweil zu Hause alle Angst haben sollen vor Altersarmut.

Sie haben es bemerkt: Wir sind abermals bei dem Treibsand-Szenario angelangt, das wir schon vor zwei Wochen in Augenschein genommen hatten. So oder so, es geht schief. Wohin sie sich auch wenden, überall stoßen die politischen Akteure auf ihre eigenen Spinnereien und werden gezwungen, sich selbst zu entlarven.

Wenn es derart schlimm steht, ist es Zeit, sich dünne zu machen. Die CSU drängt es schon seit Monaten zur Flucht, irgendwie weg von Merkel und der CDU. Die Tragik liegt darin, dass die Bayern nicht wissen, wohin. So zieht Parteichef Horst Seehofer einen Graben nach dem anderen zur großen Schwester. Nach und nach kommt aber heraus, dass all die Gräben bloß virtuell sind, zweidimensional wie ein Wahlplakat, ohne Tiefe.

In dieses Bild fügt sich die neueste „Drohung“ aus München gut hinein. Man werde 2017 möglicherweise einen eigenständigen Wahlkampf zur Bundestagswahl führen, ganz ohne CDU, hören wir den CSU-Chef düster grollen.

Damit ist Seehofer die perfekte Übersetzung des bekannten Spruchs vom „alten Wein in neuen Schläuchen“ gelungen. Er redet nicht von anderen Inhalten als die CDU, sondern nur davon, die gleichen Inhalte für Bayern „eigenständig“ zu verkaufen.

Die Verfassungsklage gegen Merkels Asylpolitik, mit der Horst Seehofer seit Monaten heiß herumfuchtelt, will er dagegen „auf Eis legen“. Da kann sie dann in Ruhe erkalten wie der tote Fisch in der Kiste.

Woher haben die diesen Blödsinn? Die CSU ist vermutlich Opfer überbezahlter PR-Berater geworden, denen politische Inhalte vollkommen schnurz sind. Solche Experten glauben fest daran, dass es nur auf das „Erreichen der Zielgruppe“ durch die richtige „Kommunikation“ ankommt, und schon läuft die Kampagne. Nur auf diesem toten Pfad der falschen Erkenntnis kann die CSU auf die bizarre Idee gestoßen sein, dass der Kniff mit dem „getrennten Wahlkampf“ irgendwen hinterm Ofen hervorlockt.

Dabei geht es den Christsozialen ja noch glänzend, wenn man ihre Lage gegen das Jammertal hält, in welchem die Sozis vor sich hin kümmern. Der „Focus“ stellt die markerschütternde Frage, ob es die SPD in fünf Jahren überhaupt noch geben wird. Das sollten sich die Roten mal überlegen, anstatt darüber zu räsonieren, wer ihr nächster Kanzlerkandidat werden soll und wann sie den küren wollen.

Die Debatte um den SPD-Kanzlerkandidaten für 2017 ist schon in den Graben gefahren, bevor sie ernsthaft hätte beginnen können. Der Kandidat werde erst nach den NRW-Landtagswahlen im Mai 2017 bestimmt, damit der Bundestagswahlkampf danach schön „kurz und schmutzig“ gestaltet werden könne, soll SPD-Chef Gabriel gesagt haben.

„Habe ich nie gesagt“, kontert der Zitierte empört. Wollen wir ihm mal glauben. Aber ist doch interessant, dass ihm zahlreiche Menschen diesen Satz umstandslos zugetraut haben. Auf einen Politiker wie Gabriel, der heute dies, morgen das und übermorgen wieder ganz was anderes sagt, um nachher festzustellen, dass er im Grunde nichts von alledem gesagt hat, auf den scheint „kurz und schmutzig“ recht gut zu passen.

Voller Grauen blicken die Berliner Parteiführungen derweil in die verheulten Augen ihrer österreichischen Freunde. Denen fällt gerade der ganze Laden auseinander, den sie einmal stolz „etabliertes Parteiensystem“ genannt haben. Steht uns das auch bevor?

Es gibt jedenfalls Anzeichen, die nicht eben ermutigen. Dass ein Regime auf seinen Kollaps  zusteuert, erkennt man häufig daran, dass sich seine Erklärungen und Entscheidungen auf immer absurdere Weise von der Wirklichkeit entfernen.

Gehen wir’s mal durch: Angela Merkel pochte erst dieser Tage wieder darauf, dass man innereuropäische Grenzen nicht „schließen“ dürfe. Dass die Leute also weiter massenhaft über unsere Grenze gelangen sollen, was ins Chaos mündet, wenn andere Länder uns nicht schützen. Oder: Berlin gibt sich zuversichtlich, dass Griechenland seine Probleme meistern kann, ohne den Euro verlassen zu müssen, was jenseits aller Wahrscheinlichkeit liegt. Schließlich: Das Bundesinnenministerium stellt fest, dass die Umsetzung der Flüchtlings-Vereinbarungen mit der Türkei „weiter voranschreitet“, obschon der türkische Machthaber Erdogan das Abkommen faktisch längst zerrissen hat.

Was meinen Sie? Machen die’s noch lange? Gut, Sie haben ja recht: Bleiben wir optimistisch.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Touristen meiden Köln

Köln – Das Image von Köln hat durch die Silvester-Exzesse messbaren Schaden genommen, vor allem im Ausland. So ist laut Fremdenverkehrsamt die Touristenzahl im Karnevalsmonat Februar um 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zurückgegangen. Die Anzahl der ausländischen Besucher nahm sogar um fast neun Prozent ab. Die Sprecherin von „Köln Tourismus“ erwartet, dass der Silvester-Skandal die Stadt „noch eine Weile begleiten“ wird.                  H.H.

 

Lokale sperren die AfD aus

München – Nachdem der Münchener „Hofbräukeller“ eine AfD-Veranstaltung nach vorheriger Zusage abgesagt hat, schließen sich weitere Gaststätten der bayerischen Hauptstadt dem Boykott gegen die Partei an. So haben laut „Focus“ die Inhaber von „Ratskeller“, „Muffatwerk“, „Donisl“ und „Backstage“ angekündigt, der AfD aus politischen Gründen ihre Räume zu verweigern.      H.H.

 

Populärer Wiener »Fiaker«

Der Rücktritt des österreichischen Bundeskanzlers Werner Faymann ist ein weiteres Anzeichen der Krise, in der sich die europäische Sozialdemokratie befindet. Rechtskonservative Parteien wie die FPÖ profitieren von der Asylproblematik und ziehen an den linken Parteien vorbei. So geschehen bei der kürzlichen Bundespräsidentenwahl in Österreich, als die FPÖ einen Sieg einfuhr und Faymanns SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer lächerliche elf Prozent erhielt. Als Faymann bei einer Mai-Kundgebung von den eigenen Leuten ausgebuht wurde, war das Maß voll: Er legte alle Ämter nieder (siehe S. 2).

Bis zum Parteitag, auf dem ein neuer Bundeskanzler und SPÖ-Parteivorsitzender gekürt werden soll, übernimmt Michael Häupl kommissarisch die Geschäfte. Der Wiener Bürgermeister ist ein alter Fahrensmann der SPÖ: Volksnah, temperamentvoll und mit allen Wassern gewaschen steht er seit 22 Jahren an der Spitze der Landeshauptstadt. Doch so ganz unfehlbar ist auch er nicht mehr. Konnte er 2001 und 2005 noch die absolute Mehrheit erreichen, rückte ihn bei der Wahl im Oktober vergangenen Jahres die FPÖ mit 27 Prozent dicht auf die Pelle. Häupl verlor die absolute Mehrheit und koaliert seitdem mit den drittplatzierten Grünen.

Für die SPÖ wäre der in dritter Ehe verheiratete, populäre Häupl, der als Zoologe ein Gecko-Experte ist und in früheren Jahren im Naturhistorischen Museum Wien beschäftigt war, ein idealer Kanzler. Wäre da nicht sein Alter. Mit 66 Jahren hat „der Fiaker“, wie sein Spitzname wegen seiner weinseligen Hemdsärmeligkeit lautet, keine großen politischen Ambitionen mehr. Der SPÖ fehlt die personelle Alternative ebenso wie der bundesdeutschen Sozialdemokratie, wo die AfD der SPD das Leben ähnlich schwer macht. Aber anders als Faymann will Sigmar Gabriel die Parteikrise offenbar durchstehen und nicht den Vorsitz abgeben.     Harald Tews


MEINUNGEN

Scharf attackierte Börsenexperte Dirk Müller („Mr. Dax“) in einem Internet-Video (2. Mai) die Haltung der Politik zum TTIP-Handelsabkommen mit den USA:

„Mit einem solchen Partner, der so wenig auf Augenhöhe Verträge abschließen will, einen solchen Vertrag abzuschließen – da muss man schon tief im Glauben stehen ... Die Politiker, die seit Monaten dafür das Wort reden, sollten sich schämen oder am besten gleich zurück­treten“

 

 

Christian Füller bringt in der linken Wochenzeitschrift „Freitag“ (Nr. 18/16) die Furcht der deutschen Linken auf den Punkt:

„(Der) AfD gelingt gerade leider etwas, was der Linken und der SPD fast völlig abhanden zu kommen scheint: Sie schafft den Schulterschluss zwischen dem ,einfachen Mann‘ und dem Bürgertum. Die Spannweite ist beängstigend groß.“

 

 

Im Interview mit der „Südwest-Presse“ (6. Mai) erklärt der Ökonom und Erfolgsautor Matthias Weik, was es mit der Einschränkung des Bargeldverkehrs wirklich auf sich hat:

„In Wirklichkeit geht es darum, uns die Freiheit zu nehmen und uns gnadenlos in die Abhängigkeit von Banken zu treiben. Damit wir Bürger uns dieser Enteignung nicht entziehen können, soll Bargeld in Form von Bargeldzahlungs- und Bargeldabhebungsgrenzen immer weiter eingeschränkt werden.“

 

 

In der Schweizer „Weltwoche“ (8. Mai) geißelt Chefredakteur und Verleger Roger Köppel die Politik gegenüber der islamischen Zuwanderung:

„Sie sagen, dass die Bombenleger in Europa geboren wurden und europäische Pässe hatten. Das ist richtig. Aber hier liegt auch das Alarmierende. Anscheinend sind muslimische Gemeinden in Frankreich, Belgien oder Deutschland Brutstätten der Nichtintegration und der religiösen Verhetzung. Die hochgelobte ,Integrationspolitik‘ der Staaten versagt ... Obschon bereits die Integration der hier geborenen Muslime kaum gelingt, nimmt die EU weitere Millionen von Islamgläubigen aus Nordafrika und dem Nahen Osten auf.“

 

 

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz erläuterte im Deutschlandradio (3. Mai) Gründe für den Vertrauensschwund vieler Medien:

„Wir werden nicht manipuliert im Sinne von belogen, es geht nicht um Propaganda im primitiven Sinne, sondern es wird doch einiges weggelassen. Denken Sie nur an den Kölner Hauptbahnhof.  Damals hatten doch fast alle den Eindruck, die entscheidende Information wird weggelassen aus pädagogischen Motiven, aus politischen Motiven.“

 

 

Der syrisch-deutsche Politologe Bassam Tibi geißelt in der „Welt am Sonntag“ (8.Mai) die Merkelsche Asylpolitik, weil sie der islamistischen Expansion in die Hände spiele:

„Während deutsche Politiker und deutsche Gutmenschen ,in einem deutschen Pathos des Absoluten‘ (Adorno) über Toleranz und das Elend der Flüchtlinge reden, lachen viele Islamisten verächtlich.“