© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 52/16 vom 30.12.2016

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Das Spiel mit dem »Hass«
Terror: Aggressiv versuchen Politiker, sich ihrer Verantwortung zu entziehen

Die Warner hatten recht. Doch mit perfiden Attacken wollen die politisch Verantwortlichen ihre Kritiker zum Schweigen bringen.

In der Debatte um den bestialischen Terroranschlag von Berlin scheint es den Entscheidern in der Politik vor allem darum zu gehen, jede Frage nach ihrer politischen Verantwortlichkeit mit allen Mitteln zu ersticken. In bizarrer Umkehrung der Wirklichkeit wird Kritikern gar „Verhöhnung“ oder „Instrumentalisierung der Opfer“ unterstellt, wenn sie politische Verantwortung einklagen.

Dass Politiker und andere Tonangeber nun allenthalben dazu aufrufen, sich insbesondere „gegen den Hass“ zu stellen, wirkt auf den ersten Blick vernünftig und folgerichtig. Auf den zweiten Blick aber wird eine perfide Strategie sichtbar. Seit Beginn der unkontrollierten Massenzuwanderung wird Menschen, die auf die Gefahren hinweisen, die vom politischen, gewaltbereiten Islam ausgehen, vorgehalten, „Hass“ zu säen.

In dreister Umkehrung der Wirklichkeit stellt man sie sogar mit den Einpeitschern des radikalen Islams auf eine Stufe, indem man sie ebenfalls mit dem Etikett „Hassprediger“ zu belegen versucht. So geschah es auch Leuten, die schon 2015 davor warnten, dass über die Balkanroute auch Terroristen ins Land gelangen könnten.

Die aggressive Rabulistik der politisch Verantwortlichen und ihrer medialen Herolde hat nicht allein zum Ziel, das politische Versagen zu überdecken, welches das Tor zur Katastrophe von Berlin geöffnet hat. Es dient überdies zur Tarnung der Hilflosigkeit angesichts der künftigen, ebenso fatalen wie absehbaren Auswirkungen eigenen politischen Handelns.

Allenthalben wird nun viel von besserer Kontrolle gesprochen. Jedoch befinden sich mehr als 500 sogenannte „Gefährder“ im Land, die eigentlich lückenlos überwacht werden müssten. Dazu aber wären mehr als 30000 Beamte (bis zu 60 pro Person) nötig, die schlicht nicht zur Verfügung stehen. Die pure Zahl der Hereingelassenen überfordert den Staat bei weitem.

Und die Versäumnisse reichen noch weit tiefer: Seit Jahrzehnten ist unübersehbar, dass die Integration und Assimilierung festgefügter islamisch-orientalischer Milieus erheblich schwerer fällt als die irgendeiner anderen Einwanderergruppe. Dennoch haben die etablierten Parteien eine weitere Massenzuwanderung ausgerechnet aus diesem Kulturkreis zugelassen, ja teils geradezu provoziert.

Hinzu kommen Gesetze und Strukturen, die es einem Anis Amri ermöglicht haben, sich in Deutschland umzutreiben, wie es ihm beliebt. Hatte die Kanzlerin nicht schon vor dem jüngsten Anschlag beteuert, dass man alles „auf den Weg gebracht“ habe zur besseren Steuerung und Kontrolle der neuesten Massenzuwanderung? Davon scheint in der Realität nicht viel angekommen zu sein.

Es bleibt abzuwarten, ob sich die Deutschen auch nach Berlin noch mithilfe solcher Phrasen beruhigen lassen. Wenn nicht, wird 2017 hart für Merkel.  Hans Heckel


Nach der Asylflut kommt die Terrorflut
Von Köln bis Berlin zieht sich eine blutige Spur  – Das war vorhersehbar

Der Silvester-Terrornacht von Köln und Hamburg folgten Würzburg, Ansbach und Freiburg und jetzt der Breitscheidplatz in Berlin. An allen Taten waren muslimische Immigranten beteiligt, die im Rahmen der Massenzuwanderung unkontrolliert in unser Land geströmt sind.

Das Jahr, das mit der Silvesternacht in Köln und Hamburg mit massenhaftem Sex-Terror gegen feiernde Frauen begonnen hatte, mündet jetzt in massenhaften Killer-Terror, verübt an weihnachtlich feiernden Menschen. Dazwischen lagen noch Würzburg, Ansbach und Freiburg. Bei allen „Ereignissen“ waren Muslime und Asylsucher die Haupttäter. Von allen Terrorschauplätzen ging das Signal aus, dass mit dem Islam und den Zuwanderern unser Land sich verändern soll und dass diese Veränderung bei den Festen und der Feierkultur beginnen soll. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass als nächstes Ostern und Karneval an der Reihe sind. Zwei Millionen muslimische Zuwanderer, die durch das Einfallstor Asyl in den beiden letzten Jahren unser Land heimgesucht haben, wollen nicht mehr nur unser Mitleid und unsere großzügigen sozialen Leistungen, jetzt wollen sie mitreden, unser Leben nach ihren steinzeitlichen Vorstellungen verändern. Nach Köln und Berlin wird an vielen Orten schon das Böllerschießen an Silvester verboten sein, Weihnachtsmärkte wird es im nächsten Jahr, wenn überhaupt, nur noch an weit abgeschirmten Plätzen, weit weg von Straßen und Zufahrtsmöglichkeiten geben. Bei Karneval werden immer mehr Umzüge abgesagt und die Kirchen werden zu Ostern und Weihnachten bald so bewacht werden müssen wie seit einigen Jahren bereits die Synagogen.

In Nizza hatte der Täter, der nach demselben Muster vorging wie der in Berlin, Dutzende Helfer und Mitwisser, sonst hätte er diesen Terrorakt am französischen Nationalfeiertag nicht begehen können. In Frankreich hörte man schon fünf Minuten nach dem Terrorakt in Nizza von offizieller Seite, dass es sich um einen islamistischen Terrorakt handelte, und hat alle damit verbundenen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Im Fall Berlin dagegen wird die These vom radikalisierten Einzeltäter wiedergekäut, der just vor Weihnachten seinen religiös motivierten Terror in Berlin an einem der bekanntesten, belebtesten und symbolträchtigsten Plätze Deutschlands voll- endete. Das ist der Volksverdummung zu viel.          Bodo Bost


Beitrag vorerst stabil
Regierung legt Rentenbericht vor

Der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung wird im kommenden Jahr bei 18,7 Prozent liegen und bis 2021 auf diesem Niveau stagnieren. Anschließend steigt er schrittweise auf über 20,2 Prozent im Jahr 2025 bis auf 21,8 Prozent im Jahr 2030 an. Das geht aus dem Rentenversicherungsbericht 2016 der Bundesregierung hervor. Die Beitragseinnahmen der Rentenversicherung stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bis Oktober 2016 um rund 3,9 Prozent. Die Nachhaltigkeitsrücklage beträgt 32,2 Milliarden Euro, was 1,6 Monatsausgaben entspricht.

Nach den dem Bericht zugrunde liegenden Modellrechnungen steigen die Renten bis zum Jahr 2030 um insgesamt rund 35 Prozent an. Das entspricht einer durchschnittlichen Steigerungsrate von 2,1 Prozent pro Jahr. Das Sicherungs- niveau vor Steuern, also das Verhältnis von Renten zu Löhnen, beträgt derzeit 48 Prozent und sinkt bis 2030 auf 44,5 Prozent.

Im Juli 2015 betrug die durchschnittliche Höhe der gesetzlichen Rente für Männer 1025 Euro und für Frauen 640 Euro. Getrennt nach alten und neuen Bundesländern haben die Rentnerinnen im Osten der Bundesrepublik aufgrund ihrer längeren Erwerbstätigkeit eine deutlich höhere Rente (838 Euro) als die Rentnerinnen  im Westen (586 Euro).  J.H.


Jan Heitmann:
Feind im Land

Es ist ein düsteres Bild, das die Politik sowie die Staats- und Konzernmedien vom kommenden Jahr zeichnen. Demnach ist der Frieden in Gefahr. Wegen Putin und seiner Weltherrschaftsambitionen. Man mag über die Annexion der Krim denken, wie man will, aber „die Welt“ ist die Halbinsel im Schwarzen Meer ganz bestimmt nicht. Und Anstrengungen zur Eroberung fremden Territoriums lässt Putin nicht erkennen. Auch ist Russlands Engagement in Syrien nicht fragwürdiger als das der USA. Da sind wir auch schon beim nächsten Gefährder des Weltfriedens: Donald Trump. Dabei hat der einen historischen Paradigmenwechsel angekündigt. Anders als seine Vorgänger will er auf militärische Aggression als Mittel der US-Außenpolitik verzichten. Wie er ausgerechnet damit den Frieden gefährden soll, mögen uns seine Kritiker einmal erklären.

Vor Putin oder Trump müssen wir uns nicht fürchten. Fürchten müssen wir uns vor einem Feind im eigenen Land. Der sitzt nämlich im Kanzleramt. Im Jahre 1683 belagerten die Türken Wien. Doch statt sich dem weit überlegenen Feind zu ergeben, kämpften die Wiener auf den Mauern und Zinnen ihrer Stadt entschlossen für die Freiheit des ganzen Abendlandes. Hätten sie so gehandelt wie Bundeskanzlerin Merkel, stünde Europa schon seit Jahrhunderten unter dem Joch der osmanischen Menschenschlächter. Merkel aber hat nicht nur nichts zur Verteidigung unseres Landes gegen die muslimischen Heerscharen unternom- men, sie hat sogar die ohnehin nur noch schwachen Verteidigungsanlagen eingerissen. Nun haben wir die islamistischen Massenmörder im Land. Um den wahren Gefährder unserer Sicherheit zu erkennen, müssen wir nicht über die Grenzen blicken.


S. 2 Aktuell

»Schützt endlich die Außengrenzen!«
Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, sieht gravierende politische Versäumnisse

Der Präsident der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, veröffentlichte kürzlich eine bemerkenswerte Aufklärungs- und Warnschrift: „Deutschland in Gefahr – Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt“. Darin belegt er anhand vielfältiger Beispiele, warum sich Deutschland im Krisenmodus befindet. Im PAZ-Interview mit Bernd Kallina kritisiert das CDU-Mitglied Kanzlerin Merkel und die Beschwichtigungspolitik vieler ihrer Anhänger.

PAZ: Seit Jahrzehnten warnen deutsche Spitzenpolitiker vor den negativen Folgen von Massenmigration in unserem Land. Trotzdem öffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel im letzten Jahr die Grenzen noch zusätzlich für illegale Masseneinwanderung. Wie erklären Sie sich das?

Rainer Wendt: Die Grenze wurde nicht geöffnet, aber auch nicht geschlossen. Dies hätte eine gemeinsame Anstrengung der Mitgliedstaaten der EU erfordert. Die als „humanitäre Entscheidung“ bezeichnete Einreise von Flüchtlingen aus Ungarn sollte eine Ausnahmeentscheidung sein. Sie wurde für lange Zeit zur Regel. Dieser Kontrollverlust war und bleibt für viele Menschen Auslöser für Sorge und Angst. Das Kanzleramt ist gleich mehreren Fehleinschätzungen erlegen

PAZ: Welche Fehleinschätzungen meinen Sie?

Wendt: Sowohl die Leistungsfähigkeit der Behörden als auch die Aufnahmebereitschaft der Deutschen wurden massiv überschätzt. Andererseits wurde die Signalwirkung auf die große Zahl der Menschen, die auf dem Weg waren und sich auf den Weg nach Deutschland machten, dramatisch unterschätzt. Im Umfeld der Kanzlerin hatte man erwartet, dass der Flüchtlingsstrom einfach von alleine geringer und schließlich versiegen würde, eine weitere Fehleinschätzung. Erst die Vereinbarung mit der Türkei und die Schließung der Balkanroute minderten den Ansturm.

PAZ: Damit hat die Kanzlerin nicht nur die deutsche Gesellschaft und ihre eigene Partei gespalten, sondern auch Europa, wo doch das jahrzehntelang gültige Nachkriegs-Credo lautete, Deutschland dürfe sich in der EU nicht isolieren. Sehen Sie Auswege aus dieser offenkundigen Fehlentwicklung?

Wendt: Auf dem CDU-Parteitag in Essen hat die Kanzlerin erklärt, dass sich Situationen wie im Spätsommer 2015 nicht wiederholen dürften. Dies war ein Eingeständnis der Fehlerhaftigkeit ihrer Einschätzungen. In Europa wird vermutlich ein noch deutlicheres Signal der Einsicht erwartet, um wieder gemeinsam an den Problemen arbeiten zu können. Nur in europäischer Gemeinsamkeit können die politischen Ziele erreicht werden. Dazu zählt vor allem der wirksame Schutz der Außengrenzen, der noch immer nicht erreicht ist. Und es ist die EU, die mit einer Stimme dafür eintreten muss, dass Menschen zurückgeführt werden können, die hier kein Bleibereicht haben. Und dann muss die Rückführung auch konsequent beginnen.

PAZ: Kürzlich erschütterte der mutmaßlich von einem illegalen Einwanderer begangene Sexualmord an einer Freiburger Studentin unser Land, gewiss kein Einzelfall von Migranten-Kriminalität, wenn wir an die letzte Silvesternacht denken. Was halten Sie von den Beschwichtigungsfomeln, dass derartige Delikte ja auch von „Bio-Deutschen“ begangen würden und man die Herkunft von Tätern nicht überbewerten dürfe?

Wendt: Solche Formeln bringen den Opfern nichts und heizen eher die Stimmung an den Stammtischen an. Der Hinweis auf deutsche Täter ist fachlich richtig, muss den Opfern und Angehörigen aber wie Hohn vorkommen. Deshalb ist es notwendig, offen und sachlich über zusätzliche Probleme und neue Phänomene zu sprechen, die damit verbunden sind, dass unter den vielen Menschen, die zu uns gekommen sind, sondern auch solche sind, die wir genau im Auge behalten und vor der wir die Bevölkerung schützen müssen.

PAZ: Die „Frankfurter Rundschau“ wirft Ihnen vor, Sie würden mit Ihrem Buch nur Untergangsphantasien provozieren, Deutschland sei wirtschaftlich erfolgreich und es herrsche quasi Vollbeschäftigung. Nehmen Sie die Realität nur selektiv wahr, „postfaktisch“, sozusagen?

Wendt: „Deutschland in Gefahr“ heißt sehr bewusst nicht „Deutschland geht unter“ und nirgends werden „Untergangsphantasien“ bedient, im Gegenteil. Hätten die Kritiker bis zum Ende gelesen, wären ihnen die positiven Zustandsbeschreibungen unseres Landes ebenso wenig entgangen wie die vielen Lösungsvorschläge, die ich gemacht habe.

PAZ: Ihnen wird gelegentlich eine gewisse politische Nähe zur AfD vorwurfsvoll nachgesagt. Ihre Antwort?

Wendt: Ich bin vor über 40 Jahren in die CDU eingetreten, weil ich die Ostpolitik von Willy Brandt für falsch hielt. Das habe ich nicht richtig eingeschätzt, wie sich später herausstellte. Trotzdem bin ich von der CDU als der wichtigsten politischen Kraft, die unser Land geprägt hat, nach wie vor sehr überzeugt. Das schließt die Kritik an Fehlentscheidungen ein. Der Kurs der Partei muss anders, die Entscheidungen müssen besser werden, aber ihre Werte und Grundlagen stimmen. Ich werde auch im kommenden Jahr mit großer Begeisterung für meine Partei Wahlkampf machen und trotzdem aus meiner Kritik keinen Hehl machen und sie zeigt ja auch Wirkung. Die AfD ignoriere ich nicht und ich beschimpfe auch nicht ihre Wählerinnen und Wähler, aber ich werbe dafür, dass sie sich abwenden und CDU wählen.

PAZ: Kritiker unserer innenpolitischen Bedrohungslagen halten die viel beschworene „Gefahr von rechts“ für übertrieben. Beispielsweise durch den Hinweis, dass nur im rechtsextremen Bereich Propagandadelikte existieren, die statistisch dort schwer ins Gewicht fallen, nicht jedoch beim Linksextremismus, wo es diese Deliktart gar nicht gibt. Ein berechtigter Einwand, der die wirkliche Bedrohungslage verzerrt?

Wendt: Alle Sicherheitsbehörden müssen hoch wachsam sein, dass die vielen Attacken gegen Menschen anderer Herkunft, ihre Unterkünfte und Unterstützer nicht zu rechtem Terror werden. Deshalb müssen auch unsere Verfassungsschutzbehörden mehr Unterstützung bekommen, um entstehende rechtsextremistische Strukturen genau zu beobachten und die Politik rechtzeitig zu alarmieren, damit mit den Mitteln des Rechtsstaates rasch und konsequent reagiert werden kann.

PAZ: Sie sehen Deutschland in Gefahr und diagnostizieren einen schwachen Staat, der unsere Sicherheit aufs Spiel setze. Woran machen Sie diese Schwäche im Kern fest, was sind die entscheidenden Ursachen?

Wendt: Nicht nur die Sicherheitsbehörden sind durch die vielen Sparorgien der vergangenen Jahrzehnte vernachlässigt worden. Riesige Investitionsstaus an unseren Schulen, in Rathäusern, Gerichten, Justizvollzugsanstalten und an vielen anderen Stellen staatlicher Verwaltung haben den Staat geschwächt und teilweise bis zur Unkenntlichkeit klein gemacht. Nordrhein-Westfalen und Berlin etwa haben besonders viel abgebaut und gestrichen, andere Länder waren zurückhaltender. Aber alle wollten den „schlanken Staat“, der jetzt häufig schwindsüchtig und kaum noch belastbar daherkommt. Ein Staat, der wichtige Bereiche der Daseinsfürsorge einfach Geschäftemachern überträgt, macht den Menschen Angst. Die Furcht vor Kriminalität und Gewalt ist eben keine Erscheinung der Flüchtlingskrise, sondern ein seit etlichen Jahren zu beobachtendes Resultat des Rück­zugs des Staates aus seiner Verantwortung für das Gemeinwesen.

PAZ: Sie beklagen den Personalabbau in der Polizei als einen der gravierenden Schwachpunkte bei der Inneren Sicherheit. Genügt hier eine quantitative Umkehr oder kommt es noch auf andere Faktoren an, falls ja, auf welche?

Wendt: Schon in den 90er Jahren wurde mit der Philosophie vom „Bürger als Kunden“ und der einfältigen Politikformel „Privat vor Staat“ die öffentliche Daseinsfürsorge systematisch geschwächt. Angesichts von Terror, Gewaltkriminalität und dem Erstarken extremistischer Randgruppen steigt die Bereitschaft, wieder mehr Personal einzustellen. Die Bundesregierung hat mit ihren Beschlüssen zur Inneren Sicherheit eine Vorlage gegeben, der jetzt die Länder folgen müssen. Die Sicherheitsbehörden des Bundes wachsen kräftig auf, es gibt Geld für notwendige Beschaffungen. Neben Personal brauchen wir allerdings auch moderne Technik und bessere Gesetze. Polizei und Nachrichtendienste müssen eher hinsehen und eingreifen können, der Verfassungsschutz muss in seinen Befugnissen gestärkt werden. Außerdem brauchen wir mehr moderne Videotechnik für gefährliche Orte, um Gefahrensituationen frühzeitig erkennen und eingreifen zu können.

PAZ: Sie befürchten offene Unruhen und innenpolitische Gruppenkonflikte, wenn die Verteilungskämpfe in unserem Land größer würden. Ein düsteres Konflikt-Szenario, das Sie tatsächlich für realistisch halten?

Wendt: Es gibt schon jetzt immer wieder Ausbrüche von Gewalt, wenn sich rivalisierende Banden ins Gehege kommen. Wir stehen fassungslos da, wenn ein Auto in die Luft gesprengt wird, Menschen erschossen und erstochen werden und große Gruppen mit Waffen aufeinander losgehen. Die Konflikte sind längst da und sie sind unterschiedlich motiviert. Niemand weiß, wann und in welchem Ausmaß außenpolitisch bedingte Konflikte in Deutschland ausgetragen werden und wie sich Verteilungskämpfe auswirken, bei denen es um die Vormachtstellung in Städten, Stadtteilen und bestimmten Milieus geht.

PAZ: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, heißt es oft. Worin könnte das Rettende bestehen?

Wendt: Es gibt leider nicht den berühmten „Roten Knopf“, auf den man nur drücken muss und die Zeiten werden friedlich. Das Bekenntnis zu einem starken Staat ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass drohende Gefahren für den inneren Frieden in unserem Land zumindest abgemildert werden. Dazu zählen massive Investitionen in unsere soziale Infrastruktur. Wenn wir Schulen verkommen und das Personal an unseren Schulen allein lassen, vernachlässigen wir unsere Kinder. Wo Unordnung, Disziplinlosigkeit, Gewalt und Verfall das Bild bestimmen, wachsen keine selbstbewussten und reifen jungen Menschen heran, dort herrschen Unsicherheit und Angst. Und zu einem starken Staat gehört auch ein wehrhafter Rechtsstaat. Dazu zählen auch eine starke Justiz und ein gut ausgestatteter Justizvollzug. Es nutzt nichts, die Polizei allein zu stärken, wenn Staatsanwaltschaften und Gerichte in der Vorgangsflut ersticken. Nur eine gut ausgestattete Justiz kann bewältigen, was Sicherheitsbehörden aufdecken und ermitteln.


MELDUNGEN

Dänemarkt weist Zigeunerin aus

Kopenhagen – Ein dänisches Gericht hat eine slowakische Zigeunerin wegen Bettelns zu einer Haftstrafe von 40 Tagen und anschließender Ausweisung verurteilt. Betteln ist im Königreich verboten, doch ist es das erste Mal, dass dieses Gesetz in allen Bestandteilen konsequent durchgesetzt wurde. Die Zigeunerin war bereits einmal polizeilich verwarnt worden, weshalb das Gericht in seinem Urteil herausstellte, dass sie ausschließlich zum Zwecke des Bettelns ins Land gekommen sei. Das Gesetz sieht nach einer ersten Verwarnung Haftstrafen von bis zu sechs Monaten vor. Nach einer Ausweisung ist es grundsätzlich verboten, ein weiteres Mal nach Dänemark einzureisen.             T.W.W.

 

Tschechen und Slowaken einig

Prag/Preßburg – 25 Jahre nach der Auflösung der Tschechoslowakei sind sich Tschechen und Slowaken weithin einig: Noch nie haben sie so einvernehmlich miteinander gelebt wie heute. Der Wegfall des gemeinsamen Staates hätte einen enormen Druck von ihren wechselseitigen Beziehungen genommen, und erst jetzt seien sie sich über die sie verbindenden Momente wirklich bewusst geworden, heißt es. Gemeinsam will man nun 2018 den 100. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakei, den 50. Jahrestag des Prager Frühlings und eben auch das 25-jährige Jubiläum der beiderseitigen Eigenständigkeit begehen. An letzterer wollen inzwischen beide Seiten ehern festhalten, und der slowakische Präsident Andrej Kiska brachte die Haltung der einst von vielen Tschechen verächtlich als „Bauerntölpel“ verhöhnten Slowaken auf den Punkt: Die gemeinsame Wegstrecke sei eine Voraussetzung für die jetzige staatliche Eigenständigkeit gewesen, für welche man daher sehr dankbar wäre.    T.W.W.

 

700 OSZE-Leute in der UKraine

Kiew – Im Rahmen der Sonderbeobachtermission SMM der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in der Ukraine sind mit dem Stand von Oktober 2016 knapp 700 Beobachter im Einsatz. Davon werden 594 in den Regionen Donezk und Luhansk eingesetzt. Deutschland hat insgesamt 37 Experten zur SMM entsandt, davon sind 29 in den beiden genannten Regionen im Einsatz. Zu den zentralen Aufgaben der Mission gehört die Überwachung des Waffenstillstands, des Abzugs von Waffen und der Entflechtung in den Konfliktgebieten. Die Mission hat von Januar bis Ende Oktober über insgesamt 1338 Fälle von Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit oder anderen Beschränkungen ihrer Tätigkeit berichtet. 326 dieser Fälle ereigneten sich in regierungskontrolliertem Gebiet, 964 Fälle in den gegenwärtig nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten. In 48 Fällen, war eine eindeutige Zuordnung nicht möglich. In insgesamt 18 Fällen wurden verschiedene Arten von Beschuss in der näheren Umgebung von SMM-Beobachtern verzeichnet.              J.H.


S. 3 Deutschland

Auf zum letzten Gefecht
Oskar Lafontaine kämpft bei der Landtagswahl im Saarland für eine rot-rot-grüne Regierung

Am 26. März startet das Superwahljahr mit der Landtagswahl im Saarland. Ex-Ministerpräsident Oskar Lafontaine feilt an einem rot-rot-grünen Bündnis. Es wäre seine späte Versöhnung mit der SPD.

73 Jahre alt ist er mittlerweile. Sein Gang ist schleppend geworden, sein Interesse an parlamentarischer Arbeit eher gering. Doch noch immer ist Oskar Lafontaine der Politiker im Saarland, der die Hallen füllt. Alleine seine Ankündigung, dass er die Linkspartei noch einmal in den Landtagswahlkampf führen wird, hat dazu geführt, dass die Zustimmungswerte stiegen. Wollten vor einem Jahr nur noch zehn Prozent ihre Stimme der „Linken“ geben, so waren es zuletzt wieder 15 Prozent. Damit liegt die Linkspartei nur noch geringfügig hinter dem Ergebnis, dass sie 2012 erzielte. „Wir wollen es wissen, wir wollen einen echten Politikwechsel, und wir werden sehen, wer dazu bereit ist“, rief Lafontaine vor wenigen Wochen, als ihn seine Partei noch einmal zum Spitzenkandidaten wählte.

Gut 13 Jahre lang, von 1985 bis 1998, regierte „Lafo“ nach Gutsherrenart an der Saar, nachdem er zuvor Bürgermeister der Landeshauptstadt Saarbrücken gewesen war. Nach dem Wahlsieg von Rot-Grün, der Niedersachsens Ministerpräsidenten Gerhard Schröder ins Kanzleramt brachte, zog es auch ihn nach Berlin, wo er aber nach wenigen Monaten das Handtuch warf. Das Ende ist bekannt. Lafontaine begann einen Rachefeldzug gegen die Agenda 2010, verließ die SPD und wurde Anführer der heutigen Linkspartei. Nach Querelen auf Bundesebene zog er sich wieder ins Saarland zurück, wo er mit seiner Ehefrau, der „Linken“-Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht, lebt.

Die einst von ihm geführte SPD war zwischenzeitlich im Saarland auf rund 25 Prozent abgestürzt. Der heutige Bundesjustizminister und Landesvorsitzende der SPD Saarland, Heiko Maas, sah zwischen 1999 und 2012 als Vorsitzender der SPD-Fraktion und Oppositionsführer im Landtag des Saarlandes weder gegen den CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller noch gegen die CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer einen Stich. Es gibt viele Genossen, die Lafontaine dies lange übel genommen haben. Erst 2009 bewegte er sich auf seine Ex-Partei zu, wollte Maas mit Hilfe der Grünen trotz eines schwachen Resultats in die Staatskanzlei hieven. Doch die Grünen mit ihrem umstrittenen Frontmann Hubert Ulrich streikten, entschieden sich für ein Bündnis mit CDU und FDP, was in einem Chaos endete. Seitdem regieren Union und SPD gemeinsam unter Führung Kramp-Karrenbauers. Maas hat es nach Berlin gezogen.

Maas’ Nachfolgerin als Spitzenkandidat der saarländischen SPD, Saarlands Ministerin für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr sowie stellvertretende Ministerpräsidentin, Anke Rehlinger, hält sich alle Optionen offen. Auf eine Fortsetzung der Großen Koalition nach der Landtagswahl im März 2017 will sich die SPD jedenfalls nicht festlegen. „Wir wollen stärkste Kraft werden“, sagte Rehlinger. Rot-Rot-Grün schloss sie nicht aus: „Es ist eine rechnerische Möglichkeit.“ Lafontaine selbst steht bereit. Das Saarland brauche einen Regierungswechsel, sagte er mit Blick auf die derzeitige Große Koalition. Er habe sich entschieden, bei der Wahl ins Rennen zu gehen, „weil ich mit der Landespolitik nicht mehr einverstanden bin, und weil ich zutiefst davon überzeugt bin, wir sollten jetzt den Versuch unternehmen, uns an der Regierung zu beteiligen, um frischen Wind in die Landespolitik zu bringen“.

Wer Lafontaine kennt, weiß, dass er ein harter Verhandlungspartner sein würde. Außenpolitische Differenzen, wie sie auf Bundesebene zwischen SPD und Linkspartei zu spüren sind, dürften im Saarland keine Rolle spielen. Die rechnerischen Voraussetzungen für einen Machtwechsel sind gut. Zwar dürfte die SPD hinter der CDU erneut nur das zweitbeste Ergebnis erzielen, aber die Linkspartei könnte mit Wahlkampf-Lokomotive Lafontaine nahe an die 20-Prozent-Marke kommen. Gemeinsam mit den Grünen würde es dann reichen.

Doch ob die mitmachen, ist fraglich. Deren „ewiger“ Spitzenkandidat Ulrich lässt sich bitten. „Wir werden nach der Wahl mit beiden Lagern reden, wenn es die Mehrheitsverhältnisse hergeben.“ Allerdings erwarte er „lustige Debatten“ mit Oskar Lafontaine über die Energiewende. Auch eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP wollte er nicht ausschließen: „Das wäre vielleicht nicht einmal das Schlechteste“, so der grüne Spitzenkandidat. Im Saarland, das außerhalb der Städte Saarbrücken, Neunkirchen und Völklingen stark ländlich geprägt ist, tobt ein erbitterter Meinungskrieg zwischen Kohlekraft- und Windkraftgegnern. Beide Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Grünen setzen während des Wahlkampfs auf die Befürworter Erneuerbarer Energien. Lafontaine warf er vor, an der Seite von Windkraftgegner Enoch zu Guttenberg mit allen Mitteln gegen die Energiewende zu polemisieren. Guttenberg wettere gegen „Windkraftprofiteure“ und nenne das Aufstellen von Windrädern gar ein „Verbrechen des Staates“.

Lafontaine versucht das Thema kleinzureden. Kein Geheimnis ist, dass er als Befürworter der Kohlekraftwerke gilt, auch weil im strukturschwachen Land immer noch eine Menge Arbeitsplätze dranhängen. Allerdings wird er im Wahlkampf andere Themen forcieren, die Asylkrise und die soziale Frage in den Mittelpunkt stellen. Dabei wird er auch potenzielle Wähler der Alternative für Deutschland ansprechen wollen, die im Saarland nach dauerhaften Streitigkeiten extrem angeschlagen ist. „Wir werden mindestens doppelt so stark wie die“, verspricht Lafontaine vor seinem letzten Gefecht.               Peter Entinger


Trost für die Volkskirchen
Auch Nichtchristen besuchen gerne den Religionsunterricht

Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland haben es seit Jahren schwer. Massenaustritte und Sinnkrisen prägen ihr Bild. Der Religionsunterricht in den Schulen bleibt aber wenigstens gefragt. Wie sowohl seitens der katholischen als auch der Evangelischen Kirche in Deutschland mitgeteilt wurde, melde sich nur eine kleine Zahl von Schülern vom Religionsunterricht ab, und eine steigende Zahl religionsloser Kinder entscheide sich aus eigenem Interesse zur Teilnahme an dem Fach. Vor allem in mitteldeutschen, also Bundesländern auf dem ehemaligen Territorium der atheistischen DDR, sei der Anteil der Schüler, die den evangelischen Religionsunterricht besuchen, deutlich gestiegen, erklärte der Schulreferent der Evangelischen Kirche in Deutschland, Matthias Otte, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. 

Demgegenüber stehen aber Zahlen, die vor einigen Wochen veröffentlich wurden. Mehr als zwei Drittel der Deutschen seien für eine Abschaffung des Religionsunterrichts, ergab im September eine Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. 69 Prozent plädierten stattdessen für einen allgemeinen Werteunterricht.

Die Religiosität der Jugend ist im Wandel. 2012 ging die Bischofskonferenz davon aus, dass rund drei Millionen Schüler den katholischen Unterricht besuchen. Gegenwärtig wird nicht einmal die Hälfte der Säuglinge im ersten Lebensjahr getauft. Entsprechend sinkt der Anteil christlicher Schüler. Dafür steigt sowohl die Zahl der Jungen und Mädchen ohne Religionszugehörigkeit als auch die der Kinder muslimischen Glaubens.

Die christlichen Kirchen dis­kutieren seit Jahren über eine verstärkte Zusammenarbeit. Dem steht aber ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts entgegen, das im Jahr 1987 festlegte, dass der Religionsunterricht „keine überkonfessionelle, vergleichende Betrachtung religiöser Lehren“ sei. „Sein Gegenstand ist vielmehr der Bekenntnisinhalt, nämlich die Glaubenssätze der jeweiligen Religionsgemeinschaft.“

Die große Mehrheit der Religionspädagogen in Deutschland spricht sich dennoch für eine Weiterentwicklung des Religionsunterrichts mit gemeinsamen bundesweiten Standards aus. Man wolle grundsätzlich am konfessionellen Unterricht festhalten, aber stärker als bisher mit der jeweils anderen Konfession zusammenarbeiten sowie mit jüdischen und islamischen Religionspädagogen, heißt es in einem Positionspapier, das der Katholischen Nachrichten-Agentur vorliegt. Angesichts der aktuellen Herausforderungen brauche eine plurale Gesellschaft „Menschen, die im Bereich der Religion begründet urteilen können, sowie religiös sprachfähig und dialogbereit sind“. Ein zukunftsfähiger Religionsunterricht leiste dazu einen wichtigen Beitrag.

Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland zeigen sich offen für diese Diskussion. Sie fürchten unterschwellig eine einseitige Ausweitung des Islam an deutschen Schulen. Denn der wachsenden Zahl religiös oft intensiv sozialisierter muslimischer Kinder stünden Schüler gegenüber, die nur noch schwach oder überhaupt nicht mehr christlich verwurzelt seien.         P.E.


Komplett neuer Vorstand
Berliner Sehitlik-Moschee: Rätselraten über Intervention Ankaras

Der siebenköpfige Vorstand der Berliner Sehitlik-Moschee ist offenbar auf Weisung des türkischen Generalkonsulats komplett ausgetauscht worden. Laut einem Bericht der „Berliner Zeitung“ war in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm unlängst eine reguläre Vorstandswahl angesetzt, bei der der türkische Religionsattaché Ahmet Fuat Candir direkt auf die Kandidatenaufstellung Einfluss genommen haben soll. Laut dem Bericht hat Candir eine geschlossene Liste von Kandidaten vorgelegt, die zur Abstimmung gestellt werden durften.

Über die Hintergründe der Ablösung des bisherigen Vorstands der Sehitlik-Moschee kann bislang nur spekuliert werden. Möglich ist, dass der auf die deutsche Öffentlichkeit zielende Kurs des bisherigen Vorstands in Ankara Anstoß erregt hat. Wiederholt hat Berlins größte Moschee deutsche Politiker eingeladen, ebenso waren ein jüdischer Rabbiner und der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, bereits Gäste der Sehitlik-Moschee.

Nicht auszuschließen ist aber auch ein anderer Hintergrund des Eingreifens. Durch einen Bericht der Zeitung „Cumhuriyet“ ist eine Anweisung der Religionsbehörde Dianet vom September dieses Jahres an die türkischen Botschaften und Konsulate bekannt geworden,  ins Ausland entsandte Lehrer und Kulturvereinsvorstände zu beobachten und Informationen über sie zu liefern. Interessiert ist die Religionsbehörde offenbar an Informationen über Türken, die der Gülen-Bewegung oder anderen Erdogan-kritischen Organisationen nahestehen. Beobachter halten es vor diesem Hintergrund für möglich, dass der bisherige Vorstand der Sehitlik-Moschee sich geweigert haben könnte, Informationen zu liefern. Allerdings könnten auch Mitglieder des bisherigen Moscheenvorstandes selbst bei der Religionsbehörde Dianet in den Verdacht geraten sein, in Opposition zur amtierenden türkischen Regierung zu stehen. Wie der „Spiegel“ berichtet, hat der religionspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, dem Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe Material übermittelt, das nahelegt, dass Imame der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) im Auftrag der Regierung in Ankara türkischstämmige Gläubige in Deutschland ausspionieren. Beck soll auch Strafanzeige wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit gestellt haben.

Vorwürfe in diese Richtung sind indessen nicht neu. Bereits im Jahr 2015 hatte das Magazin „Focus“ über Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes MIT in Deutschland berichtet. Genannt wurde in diesem Zusammenhang unter anderem die staatliche Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld, die als wichtiger Stützpunkt des MIT gelten soll. Bundesweit unterstehen der Ditib rund 900 Moscheevereine. Medienberichte lassen darauf schließen, dass mittlerweile auch die politische Haltung von denjenigen Lehrern unter die Lupe genommen wird, die von der Türkei nach Deutschland entsandt worden sind. So unterrichten allein in Berlin derzeit 50 türkische Lehrer an 150 allgemeinbildenden Berliner Schulen fakultativ Türkisch und Heimatkunde. Grundlage ihrer Tätigkeit ist eine bereits vor Jahrzehnten erlassene Brüsseler Richtlinie über die schulische Betreuung von Gastarbeiterkindern. Norman Hanert


MELDUNGEN

Diplomatisches Kunst-Fiasko

Berlin – Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat die geplante Ausstellung „Die Teheran Sammlung. Das Teheran Museum für Zeitgenössische Kunst in Berlin“ abgesagt. Die ursprünglich für den 4. Dezember vorgesehene Eröffnung in der Berliner Gemäldegalerie wurde zunächst verschoben, da für die noch zu Schah-Zeiten im Iran gesammelten Werke westlicher Kunst keine Ausfuhrgenehmigungen vorlagen. Da eine weitere Verzögerung nicht vertretbar ist, habe man nun den Kooperationsvertrag mit dem Teheraner Museum gekündigt. Das bedeutet nicht nur ein finanzielles Fiasko für die SPK, sondern auch ein diplomatisches für Außenminister Frank-Walter-Steinmeier, der den Kunst-Transfer 2015 beim Atomabkommen mit dem Iran eingefädelt hatte.       tws

 

Archivgut früher zugänglich

Berlin – Nach einer Novelle des Bundesarchivgesetzes sind alle öffentlichen Stellen des Bundes verpflichtet, ihre Unterlagen nach spätestens 30 Jahren dem Bundesarchiv anzubieten. Zudem soll die Schutzfrist von personenbezogenen Akten von 30 auf zehn Jahre nach dem Tod der betroffenen Person verkürzt werden. Die personenbezogene Schutzfrist für Amtsträger und Personen der Zeitgeschichte soll ganz entfallen, wenn nicht private Lebensbereiche betroffen sind. Von 60 auf 30 Jahre verkürzt werden soll zudem die Schutzfrist für Archivgut, das Geheimhaltungsvorschriften unterliegt. Die Nachrichtendienste müssen ihre Unterlagen allerdings nur dann anbieten, „wenn sie deren Verfügungsberechtigung unterliegen und zwingende Gründe des nachrichtendienstlichen Quellen- und Methodenschutzes sowie der Schutz der Identität der bei ihnen beschäftigten Personen einer Abgabe nicht entgegen stehen“.          J.H.


S. 4 Internet

Striptease per Pokémon
Wie der unbedarfte Bürger spielerisch seine Daten preisgibt

„Pokémon Go“ ist ein populäres Spiel für Tablet-Computer oder Smartphones. Spieler können sich eine Spielfigur, einen sogenannten Avatar, schaffen und dann virtuelle Phantasiewesen, die Pokémons, einfangen und trainieren. Das Spiel wird im Freien gespielt und benutzt reale Objekte wie die Elbphilharmonie oder das Münchener Rathaus, um eine virtuelle Spielewelt zu erzeugen.

Wie der US-amerikanische Fachjournalist Bryan Lunduke herausfand, hat der Spaß einen hohen Preis – die Privatsphäre der Spieler. Wer sich die Pokémon-Go-Software herunterlädt, gibt dem Hersteller Niantic weitreichende Zugriffsmöglichkeiten. Die Spieler werden sozusagen gläsern. Niantic findet auch andere Nutzer und ihre Daten, kann die Kontaktliste lesen, die GPS-Positionen abfragen, Inhalte auf einem angeschlossenen USB-Speicher lesen, ändern oder löschen sowie Bilder und Videos aufzeichnen. Die Spielesoftware kann Daten aus dem Internet senden und empfangen, Netzwerkverbindungen aufzeichnen sowie sich mit angeschlossenen Bluetooth-Geräten verbinden und diese ansteuern.

Das so ausgestattete Smartphone oder Tablet kann verraten, wo sich sein Eigentümer gerade aufhält, wie er aussieht, mit wem er spricht, was er sagt, und welche Informationen auf dem Gerät gespeichert sind. Man mag einwenden, das sei notwendig, um draußen Pokémon spielen zu können. Aber als Spieler muss man darauf vertrauen, dass Niantic schon nichts Schlimmes mit diesen Daten anstellen wird.

Aber nicht nur Pokémon liefert derart umfassende Daten über seine Nutzer. Das sogenannte Internet der Dinge (IdD) dringt in immer mehr Lebensbereiche ein. So ziemlich alles ist heutzutage netzwerkfähig – Autos, Kühlschränke, die Heizung zuhause, Spielzeug, medizinische Geräte, auch Herzschrittmacher. Möglich machen das die immer kleiner und billiger werdenden Chips sowie die ebenfalls immer kompaktere Funktechnik. Laut dem Marktforschungsinstitut Gartner sind auf der ganzen Welt schon sechs Milliarden Dinge online, in vier Jahren sollen es 21 Milliarden sein – mehr als Menschen auf der Erde leben.

Hier stellt sich nicht nur die Frage, wer alles Zugriff auf zum Teil sehr private Daten bekommt. Auch die Sicherheit ist ein großes Problem. In einem Test für die Zeitschrift „Wired“ gelang es zwei Hackern, den Jeep des Journalisten Andy Greenberg zu kapern und Getriebe, Motor und Bremsen lahmzulegen. Daraufhin rief der Jeep-Hersteller Fiat Chrysler Automobiles 1,4 Millionen Autos zurück, um deren elektronische Sicherheit aufzurüsten.

Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ sahen sich im Internet der Dinge um und fanden Tausende von Geräten, auf die so gut wie jeder zugreifen konnte. Es gibt sogar eine spezielle Suchmaschine, die mit dem Internet verbundene Geräte anzeigt. Mit nur minimalem technischen Wissen bekamen die Reporter Zugriff auf Babyphones, Webcams in Privatwohnungen und auf private Computernetze, auf denen eingescannte vertrauliche Unterlagen deponiert waren, etwa Personalausweise. Wer ein vernetztes Gerät hackt, kann oft nicht nur das Gerät selbst manipulieren, sondern auch andere, die mit ihm verbunden sind.

Das liegt daran, dass viele Hersteller keine Updates bereitstellen, um Sicherheitslücken zu schließen, bei Passwörtern leicht zu erratende Standardkombinationen verwenden oder sogar ganz auf Verschlüsselung verzichten. Gängige Antivirenprogramme lassen sich auf smarter Technik oft nicht installieren. Zudem kennen sich viele Verantwortliche mit den Sicherheitsproblemen Zehntausender miteinander vernetzter Geräte nicht hinreichend aus.

Erfahrungsgemäß reagiert die Industrie nur auf spektakuläre Pannen. Für den Endanwender bleibt nur, sich schon vor einem Kauf über Sicherheitsprobleme und mögliche Lösungen zu informieren. Und vielleicht auf die kostenlose Fitness-App auf dem Smartphone zu verzichten, die einem möglicherweise hilft, aber hauptsächlich für den Hersteller gut verkäufliche Daten sammelt. Oder das Pokémon-Spielen sein zu lassen.       Friedrich List


Nächsthöherer Level
Das IdD hebt das Infiltrationsrisiko auf eine neue Ebene

Im Jahre 2010 ging die Geschichte um den Computerwurm „Stuxnet“ durch die Presse. „Stuxnet“ war ein Schadprogramm, das die Computernetze des iranischen Atomprogramms infiltriert hatte. Die Urheber sind bis heute nicht bekannt, als wahrscheinlich gelten die USA und Israel.

Das Internet der Dinge (IdD) hebt dieses Infiltrationsrisiko auf eine neue Ebene. Denn bisher waren das Netz der Maschinen und das Internet nicht miteinander verbunden. Das Internet der Dinge begann denn auch als Vernetzung von industriellen Anlagen, Firmenrechnern, von Produktion, Logistik und Verkauf. Aber als Telefonverbindungen über das Internet möglich wurden, vernetzte Überwachungskameras, Geldautomaten und viele andere über das Internet kommunizierende Geräte, begannen beide Netze miteinander zu verschmelzen. Also wanderten die Sicherheitsprobleme des öffentlichen Internets auch ins Internet der Dinge.

So zeigte ein Test des Sicherheitsforschers Robert Graham, dass eine haushaltsübliche Überwachungskamera, die nicht speziell gesichert war, bereits 98 Sekunden nach der Verbindung zum Internet infiziert war. Das ist deswegen so leicht, weil jedes Gerät über einen Webserver verfügt, auf den von überallher zugegriffen werden kann. Das half einem Hacker, der laut Medienberichten im texanischen Houston die Babykamera im Zimmer eines zweijährigen Mädchens gekapert hatte und das Kind sogar beschimpfen konnte. Die Stiftung Warentest fand bei mehreren Babycams ähnliche Lücken.

Auch  kann die Technik plötzlich bockig sein. So beschwerten sich im Januar 2016 US-Kunden des zu Google gehörenden Unternehmens Nest, dass ihre Thermostate nicht mehr funktionierten und die Heizungen mitten im Winter kalt blieben.

Gleichwohl geht der Ausbau des Internets der Dinge weiter. So will der US-Elektronikriese IBM in den nächsten vier Jahren drei Milliarden Dollar in seine neue Sparte für die entsprechenden Produkte investieren. Siemens wirbt für Backöfen, die der Besitzer vorheizen kann, während er von der Arbeit nach Hause fährt.              F.L.


Wenn in Europa die Lichter ausgehen

Der Roman „Blackout“ des deutschen Thriller-Autors Marc Elberg ist schon seit einiger Zeit auf dem Markt. Er erzählt, wie Cyber-Terroristen die Stromnetze in der Europäischen Union und in den USA abschalten und wie die digital vernetzten Gesellschaften des Westens nach und nach zusammenbrechen. Die Terroristen sind im Roman politische Radikale, die auf den Trümmern der westlichen Gesellschaften eine neue Ordnung errichten wollen.

Elberg hat diese Ereigniskette minutiös recherchiert. In den meisten Haushalten messen sogenannte smart meter oder intelligente Stromzähler den Verbrauch und regeln die Stromabnahme. Die Zähler sind miteinander vernetzt und kommunizieren auch mit den Leitstellen der großen Stromversorger. Die Terroristen haben nun den größten Hersteller von Zähler-Software sowie Betriebssystemen für Stromnetz-Leitstellen und Kraftwerke infiltriert und in den Produkten des Unternehmens

„Hintertüren“ installiert. So nennen Programmierer versteckte Zugänge, die sie in ihren Programmen hinterlassen, um diese später problemlos warten und reparieren zu können. Eigentlich gehen Programmierer damit keine großen Risiken ein, denn die Hintertüren sind natürlich geheim.

Wer nun unbemerkt eigene Hintertüren hinterlässt, kann sich in den betreffenden Computersystemen recht frei bewegen. Das nutzen die Terroristen für sich aus. Und sie haben nicht nur die Steuerung unserer Stromversorgung infiltriert, sondern auch die elektronischen Nachrichtenverbindungen und Datennetze von Regierung, Polizei, Militär und Geheimdiensten. Als die Terroristen über die Stromzähler die Stromnetze sabotieren, Kraftwerke ausfallen und die Ordnung nach und nach zusammenbricht, sind sie auch über die Gegenmaßnahmen auf dem Laufenden. Sie sind sogar in der Lage, den Nachrichtenverkehr der Behörden zu manipulieren. Die Folgen sind apokalyptisch.           F.L.


Zeitzeugen

Hervais Simo – Der Spezialist für technischen Datenschutz am Fraunhofer-Institut für Sicherheit in der Informationstechnik sieht große Sicherheitslücken bei ans Internet angeschlossenen Geräten. Trotz Verschlüsselung seien die Verbindungen anfällig für Eindringlinge. Problematisch sei dabei, dass vielen Nutzern nicht bewusst sei, dass ihre Geräte mit dem Internet verbunden sind, so Simo zum Österreichischen Rundfunk.

Chris O’Connor – Der US-amerikanische General Manager für die neue Internet-der-Dinge-Sparte des Elektronikkonzerns IBM erwartet eine weitere Chance für neue Technologien, datengestützte Dienste und Geschäftsmodelle. „In den kommenden Jahren wird es fünf- bis siebenmal so viele Geräte für das Internet der Dinge geben, wie Menschen auf diesem Planeten. Das bedeutet ein Potenzial von 50 Milliarden Geräten.“

James Clapper – Der pensionierte Luftwaffengeneral ist noch bis zum 17. Januar der Nationale Geheimdienstdirektor der USA. In einem Bericht vor dem Kongress meinte er hinsichtlich schlecht gesicherter vernetzter Geräte: „Diese Entwicklungen werden eine Herausforderung für unsere Cyberabwehr und unsere Spionagepraxis sein, aber auch neue Möglichkeiten für unsere Ermittler schaffen.“

Andreas Sachs – Der Diplom-Informatiker leitet das Referat IT-Sicherheit und technischer Datenschutz beim Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht. Ihn interessiert, was die vielen Sensoren für das Individuum bedeuten: „Je mehr solcher Datenquellen man kombiniert, desto vollständiger wird das Persönlichkeitsbild.“ Das Landesamt berät jedes Jahr mehr Bürger und Unternehmen, erhält aber auch mehr Beschwerden.

Bryan Lunduke – Der Experte für das offene Betriebssystem Linux, an dem er mitarbeitet, lebt in Kalifornien und arbeitet sowohl als Journalist wie auch als Software-Entwickler. Er schreibt für die Zeitschrift „Network World“ über digitale Sicherheit, Vertraulichkeit im Internet und Open-Source-Programme wie Linux. Außerdem gründete er Jupiter Broadcasting, eine Radio- und TV-Station im Internet.


S. 5 Preussen/Berlin

Scharia in der Senatskanzlei
Anhängerin eines strengen Islam: Berliner SPD streitet über neue Staatssekretärin Chebli

Sawsan Chebli (38), Kind einer palästinensischen Asylsuchergroßfamilie, wurde in der rot-rot-grünen Berliner Senatskanzlei Staatsekretärin für Bundes- und Europangelegenheiten. Die junge Bilderbuch-Immigrantin bekennt sich zu einem konservativen Islam und zur Scharia und fordert so die weniger gläubigen türkischstämmigen Genossen heraus. Einige fürchten gar, Chebli könnte die erste kopftuchtragende deutsche Ministerin werden.

Die Lebensgeschichte von Sawsan Chebli liest sich wie ein modernes Märchen. 1978 wurde sie als zwölftes von insgesamt 13 Kindern einer palästinensischen Großfamilie in Moabit geboren. Ihre Eltern waren aus dem Libanon eingereist. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, der Vater saß sogar in Abschiebehaft.

Auch Sawsan war bis zu ihrem 15. Lebensjahr in Deutschland von den Behörden nur geduldet, sie konnte aber wegen fehlender Staatsangehörigkeit nicht abgeschoben werden. Dennoch machte sie Ende der 90er Jahre, nachdem sie die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hatte, ein fabelhaftes Abitur und studierte Politikwissenschaft.

Schon in ihrer Studienzeit trat sie der SPD bei und wurde als Beispiel für gelungene Integration gefeiert. Altgenossen förderten und protegierten die ehrgeizige junge Muslimin. Innensenator Ehrhart Körting holte sie 2010 als „Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten“ in seine Berliner Behörde – eine eigens für Chebli kreierte Position.

2014 machte Frank-Walter Steinmeier sie zur stellvertretenden Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Als sich Chebli am 14. Dezember vom Auswärtigen Amt verabschiedete, sagte sie wörtlich: „Ich hatte wahnsinnig intensive drei Jahre, die besten drei Jahre meines Lebens. Jeder von Ihnen, der mich kannte, wusste, dass ich wahrscheinlich jenseits dieses Forums noch ein biss­chen anders drauf war als hier.“ Mit „anders drauf“ meinte sie ihren streng islamischen Hintergrund.

Chebli hat es aus schwierigen sozialen Verhältnissen ganz nach oben geschafft. Beide Eltern waren Analphabeten, legten aber großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder. In der Familie wurde nur Arabisch gesprochen. Alle Kinder gingen ohne Deutschkenntnisse in die Schule. Wäre Chebli 20 Jahre später geboren, wäre sie vielleicht eine Salafistin geworden. Ihr ältester Bruder ist heute Imam in Schweden; er führte die ursprünglich nicht so religiöse Familie an den strengen Islam heran. Die Mutter lernte sogar, um den Koran zu verstehen, Arabisch zu lesen und zu schreiben.

Chebli bezeichnet sich selbst als religiös-konservativ. Sie lebt streng religiös. Sie betet, fastet, hält sich an die islamischen Speisevorschriften und trinkt keinen Alkohol. Ein Kopftuch bezeichnet sie zwar als religiöse Pflicht, sie trägt es nur deshalb nicht, weil es „heute kaum eine Möglichkeit gibt, in Deutschland Karriere damit zu machen“.

Das Bild von der hübschen, erfolgreichen Berliner Immigrantin hat jedoch Risse bekommen. Bereits als Sprecherin des Außenamts wirkte Chebli zuweilen unsicher, manchmal überfordert. Auf Nachfragen bei Bundespressekonferenzen reagierte sie schon mal pampig und genervt. So erhielt ein Journalist auf die Frage, für welche Fluchtursachen die Bundesregierung mitverantwortlich sei, die Antwort, dass dies eine „fast unverschämte“ Frage sei. Steinmeier hielt dennoch eisern an seiner Entdeckung fest.

Im August bezeichnete Chebli in einem gemeinsamen Interview mit ihrem neuen Chef Michael Müller das islamische Recht als „absolut kompatibel“ mit dem Grundgesetz, da es „zum größten Teil nur das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen regelt“. Diese Aussage sorgt nun für Ärger unter ihren Genossen in Berlin.

Die türkischstämmige ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün nennt Cheblis Besetzung „eine krasse Fehlentscheidung“ des Regierenden Bürgermeisters Müller. Akgün, die für die strenge Trennung von Staat und Religion eintritt, wirft Chebli vor, „einen gestrigen Islam“ zu vertreten. Auch Müllers türkischstämmiger Parteifreund Erol Özkaraca, bis 2015 stellvertretender Kreisvorsitzender der SPD Neukölln, hält Cheblis Beförderung für eine „absolute Fehlentscheidung“. Sie wolle den konservativen Islam in Deutschland hoffähig machen, sagte er. Die SPD müsse sich fragen lassen, ob sie das auch wolle. Er drohte gar mit Parteiaustritt.

Selbst Steinmeier dürfte wegen Chebli vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Februar noch ins Schwitzen kommen. Schließlich hat sie ihre verharmlosende Scharia-Aussage zu einem Zeitpunkt gemacht, als sie noch seine Sprecherin im Auswärtigen Amt war und ein solches Interview sicherlich nicht ohne Absprache hätte geben dürfen. Bodo Bost


Breitscheidplatz
von Vera Lengsfeld

Seit dem 19. Dezember hat Berlin ein neues Symbol auf einem der geschichtsträchtigsten Plätze der Stadt. Neben der Gedächtniskirche, deren ruinierter Turm mit hypermodernem Anbau an die Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg und den anschließenden Wiederaufbau erinnert, steht in Sichtweite das Europacenter, Symbol des einstigen West-Berlin.

Im Eingangsbereich der Kirche hängt das Original der „Madonna von Stalingrad“, die Holzkohlezeichnung eines Arztes, der gemeinsam mit seinen eingeschlossenen Kameraden Weihnachten 1942 im Kessel verbringen musste. Die Zeichnung wurde mit der letzten Maschine, die den Kessel verließ, gerettet. Ihr Schöpfer starb in Kriegsgefangenschaft, Opfer einer irrationalen, verantwortungslosen Politik.

Wenn das diesjährige Fest vorüber ist und die letzten Trümmer des ersten islamistischen Anschlags beseitigt sind, wird Berlin hier ein Denkmal aufstellen müssen. Es ist jetzt schon abzusehen, dass dies eine schwierige Aufgabe werden wird.

Wie soll der Text lauten?

An dieser Stelle wurden zwölf Menschen getötet und Dutzende verletzt, weil ein verurteilter islamistischer Gewalttäter sich nach der Öffnung unserer Grenzen durch Kanzlerin Merkel und der Anweisung von Innenminister de Maizière, auch Menschen ohne oder mit gefälschten Pässen ins Land zu lassen, nach Deutschland aufmachte.

Weder Merkels freundliches Gesicht, noch die Willkommens-Teddybären oder die großzügige finanzielle Unterstützung haben den Mann milde gestimmt. Sein Hass auf das Land, das ihm so viel Gutes tat, war so groß, dass er zum skrupellosen Mörder ihm völlig unbekannter Menschen wurde.

Der Mörder, obwohl er sehr bald von unseren Sicherheitsorganen als „Gefährder“ eingestuft wurde, konnte sich ungehindert im Land bewegen, unbekümmert seine Residenzpflicht verletzen, mit Hilfe seiner Mehrfachidentitäten an unterschiedlichen Orten multiple Unterstützungen beziehen. Er landete zwar in Abschiebehaft, als sein Asylantrag abgelehnt wurde, wurde aber wieder freigelassen, weil er kein Dokument besaß, das seine Abschiebung ermöglicht hätte.

So ein Mann kann unerkannt einen Anschlag planen und durchführen. Für ein solches Versagen unserer Sicherheitsorgane fehlen die Worte. Die zwölf Toten sind nicht nur Opfer eines skrupellosen Mörders, sondern einer Politik, die seit Monaten unseren Rechtsstaat systematisch schwächt, indem sie nach Gusto geltende Gesetze außer Kraft setzt. Das soll sich, wenn es nach der Politik von Linkspartei bis Union geht, nicht ändern. Der nächste Anschlag ist programmiert.

Wir sollen uns an den Terror gewöhnen.

Das darf nicht sein!


»Gender« wird Pflicht
SPD in Lichtenberg will Wortwahl in der BVV vorschreiben

In der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Berlin-Lichtenberg könnte bald eine geschlechtsneutrale Sprache zur Pflicht werden. Wie es in einem Antrag der SPD-Fraktion heißt, sollen Anträge, Anfragen und Kenntnisnahmen künftig nur noch in zugleich weiblicher und männlicher Form formuliert werden dürfen.

Demnach soll die Geschäftsordnung der BVV dahingehend geändert werden, dass nur Drucksachen behandelt werden können, die in einer „gegenderten“ Sprache formuliert sind: „Drucksachen, die beispielsweise nur die männliche oder nur die weibliche Form benutzen, können nicht Bestandteil der Tagesordnung einer BVV sein“, auch bei dringenden Drucksachen.

Nicht festgelegt werden soll offenbar, welche „gendergerechten“ Formulierungen in der Lichtenberger BVV konkret verwendet werden sollen. Kevin Hönicke, der Fraktionschef der SPD, begründet dies damit, dass auch in der Wissenschaft noch keine abschließende Festlegung stattgefunden habe.

Auch CDU-Fraktionschef Gregor Hoffmann sieht weiteren Forschungsbedarf zu den „gendergerechten“ Formulierungen. Allerdings sind aus den Reihen der CDU-Fraktion auch generelle Vorbehalte zu hören. Man benötige in Lichtenberg Lösungen für dringend anstehende Fragen wie Schulplätze, wachsende Stadt, kaputte Infrastruktur, wirtschaftliche Entwicklung oder die Sicherung lokalen Grüns. Dies sei entscheidender als der Zwang zu „gendergerechten“ Anträgen. Aus Sicht des CDU-Fraktionsvorsitzenden begrenzt der Antrag der SPD in der bislang vorliegenden Form die demokratische Teilhabe und würde abgelehnt werden.

Trotz dieser Skepsis ist davon auszugehen, dass der Antrag der SPD-Fraktion die Mehrheit bekommen wird. Einem Pressebericht zufolge hat Bürgermeister Michael Grunst (Linke) bereits seine Zustimmung signalisiert. In der BVV Lichtenberg bildet die  „Linke“ eine Kooperationsgemeinschaft mit der SPD. Die Unterstützung der Grünen für den Antrag gilt als wahrscheinlich.

Gerade der Bezirk Lichtenberg gilt seit der Berlin-Wahl im Herbst als eine der Hochburgen der AfD.  Ein AfD-Kandidat erzielte im Wahlkreis Lichtenberg 1 ein Direktmandat für das Berliner Abgeordnetenhaus. In der Bezirksverordnetenversammlung konnte sich die Partei nach Linkspartei und SPD als drittstärkste Kraft etab­lieren.  Norman Hanert


Furcht vor Wolf
Raubtier soll getötet oder gefangen werden

In Brandenburg soll erstmals ein sogenannter „Problemwolf“ getötet oder gefangen werden. Rund um die Stadt Rathenow ist in den vergangenen Wochen mehrfach ein Wolf aufgetaucht, dessen Verhalten als artuntypisch eingeschätzt wird. Zeugen haben das Tier im Garten einer Kindertagesstätte in Rathenow und in einer Wohnsiedlung gesehen. In einem Fall soll sich der Wolf sogar einem Kind genähert haben.

Daher hat der zuständige Referatsleiter des Landesumweltamts beim Landrat des Kreises Havelland beantragt, „im Interesse der öffentlichen Sicherheit“ den Wolf „zu fangen beziehungsweise zu töten“. Zwar genießt der Wolf in den meisten EU-Ländern den höchstmöglichen Schutzstatus, dennoch sieht das sogenannte Wolfsmanagement Brandenburgs und anderer Länder die Möglichkeit vor, Problemwölfe notfalls auch zu töten. So ist in Niedersachsen im Mai 2016 ein Wolf getötet worden, der sich ohne Scheu immer wieder Menschen genähert hatte.

Da es nicht ohne Weiteres möglich ist, ein Tier in einem Wohngebiet zu jagen, wird bei dem nun in der Region Rathenow aufgetauchten Wolf möglicherweise zunächst eine Lebendfalle zum Einsatz kommen. Erst dann könnte der gefangene Wolf von einem Tierarzt getötet werden. Nach Angaben des brandenburgischen Umweltministeriums ist auch ein Beschuss mit Gummigeschossen zum Vertreiben oder aber eine Umsiedlung des Wolfs denkbar. Die Behörden glauben, dass der Wolf von einem Truppenübungsgelände in Sachsen-Anhalt gekommen ist, auf dem es unlängst eine Übung gegeben hat.          N.H.


»Arbeiten in Dreckslöchern«

Tagelang musste die Auskunfts- und Fahndungsstelle der Berliner Polizei am Platz der Luftbrücke wegen Rattenbefall geschlossen werden. Am 12. Dezember wurde die erste Ratte gesehen, weitere folgten. Die Stelle ist Teil der Einsatzleitzentrale der Berliner Polizei. Dort sind acht bis neun Beamte rund um die Uhr beschäftigt. Der tageweise Umzug der Dienststelle in andere Räumlichkeiten mit Laptops scheiterte, weil die Software dort nicht funktionierte. Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, lässt seiner Wut über die Zustände freien Lauf: „Es ist allgemein bekannt, dass unsere Kollegen in echten Dreckslöchern arbeiten müssen. Wenn sich Ratten jetzt auch noch quer durch unser Kommunikationszentrum nagen, ist das an Peinlichkeit nicht zu überbieten und gesundheitsgefährdend.“ Die Polizeiführung erklärte, dass, nachdem „Rattenbekämpfer“ tätig waren, nun in den Diensträumen keine Ratten mehr angetroffen worden seien.     H.L.


S. 6 Ausland

Jubel in Aleppo über die Befreiung
Verloren haben der Islamische Staat, die Al-Nusra-Front und deren westliche Verbündete

Auch wenn in den westlichen Medien der Eindruck erweckt wird, Aleppo sei restlos zerstört, und zwar durch die Vernichtungswut des eigenen Präsidenten und seiner russischen Helfer, gibt es noch ein anderes Bild der Stadt.

Im Zentrum hatten die christlichen Bewohner einen großen Baum geschmückt und feierten nicht nur das bevorstehende Weihnachten, sondern zusammen mit ihren moslemischen Nachbarn auch die Befreiung vom Terror der Islamisten.

Diese Befreiung allerdings ist für den Islamischen Staat (IS), die Al-Nusra-Front und die zahlreichen anderen extremistischen Gruppen ein schwerer, offen erkennbarer Rückschlag. Allerdings gibt es dort noch weitere, von den westlichen Staatsmedien nach Möglichkeit vertuschte, Kampfgefährten, für welche die Räumung des Ostteils der Stadt eine gelinde Katastrophe darstellt.

Es geht darum, dass russische Spezialeinheiten, die in die schon leeren Viertel von Ost-Aleppo einrückten, rätselhafte Funksignale auffingen. Als sie die Sache verfolgten, stießen sie auf einen perfekt getarnten und versteckten, riesigen Bunker, dem, als er geöffnet war, 130 Offiziere und Geheimdienstmänner entstiegen, die meisten aus Nato-Ländern, andere aus Israel, Saudi-Arabien und den anderen Golfstaaten. Insgesamt waren Militärs aus 22 Ländern dort, darunter auch aus Deutschland. Den Leuten war es soweit nicht schlecht gegangen, der Bunker enthielt Lebensmittel für mindestens ein Jahr und war mit leistungsfähigen Systemen ausgerüstet, die für Frischluft sorgten.

Baschar al-Dschafari, Syriens Ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen, las vor dem Sicherheitsrat eine ausgewählte Namensliste der Bunkerbesatzung vor und äußerte die Vermutung, dass deren Vorhandensein der Grund für die „hysterischen Aktivitäten“ im UN-Sicherheitsrat bei der Verbringung von Rebellen aus Ost-Aleppo sei.

Jetzt ist zu erwarten, dass sich die Frage nach der Rolle der Nato im Krieg gegen Syrien aufgrund völlig neuer Erkenntnisse stellt. Denn die Offiziere waren so unvorsichtig gewesen, sämtliche schriftlichen Unterlagen wie auch ihre Computer treulich aufzuheben, sodass dieses ganze Material unbeschadet von den Russen eingesammelt und mitgenommen werden konnte. Was die Offiziere selbst angeht, so befinden sie sich derzeit in der Obhut des syrischen Militärs, wo man sie sicherlich um Aufklärung darüber bitten wird, was es denn mit diesem Bunker auf sich gehabt haben mag. Immerhin kann das Geheimnis um den Bunker mit seiner hochkarätigen Besatzung eine Rolle bei den verschiedenen Verzögerungen des Abzuges gespielt haben. Denn es hätte ja im Interesse der Nato-Offiziere liegen müssen, dass sie unerkannt das Feld räumen können. Doch das ist nun misslungen.

Dabei hat die islamistisch-westliche Koalition die Niederlage kommen sehen. Schließlich haben der IS und seine Verbündeten in Ost-Aleppo an die 35000 Kämpfer verloren. Je unausweichlicher die Niederlage wurde, umso mehr steigerte sich die Propaganda, die den Krieg begleitete. Dabei wurde einem siebenjährigen Mädchen eine ungewöhnlich makabre Rolle aufgezwungen. Angeblich war es Bana al-Abed, so sein Name, die per Smartphone regelmäßig aus dem zerstörten Stadtviertel erschütternde Meldungen über ihr Leben gesendet haben soll – in perfektem Englisch. Auf Rückfragen in Arabisch aber antwortete das Mädchen nie. Der Hintergrund ist der, dass die Mutter des Kindes, eine Englischlehrerin mit offenbar mangelhaften Arabischkenntnissen, nicht im Stande war, in dieser Sprache zu antworten. Der Umstand, dass der Vater der Familie enge Beziehungen zum IS unterhält, rundet das Bild ab.

Eine zweite Säule der islamistischen Propaganda war Dr. Hamza al Khatib, ein Arzt, der in allen Krankenhäusern Aleppos Verwundete operiert zu haben scheint, obwohl er nur Allgemeinmediziner ist. Wo immer ein Kamerateam auftauchte – Dr. al Khatib war schon da. Allerdings sah man ihn auch auf Bildern mit Kämpfern der salafistischen Miliz Ahrar al-Scham, die sich schon 2011 gegen die Regierung erhoben hatte. Dort zeigte sich der Arzt mit seinen Freunden, die in Siegerposen ihre Maschinenpistolen in die Luft recken. Und es gibt auch ein Bild, das Dr. al Khatib zusammen mit Bana al-Abed zeigt, der Siebenjährigen mit den vorzüglichen strategisch-politischen Analysen in elegantem Oxfordenglisch.

Kurz nach der Befreiung Aleppos würdigte der syrische Staatspräsident Baschar al-Assad dieses Ereignis als ein Verdienst der Regierungsarmee und deren Verbündeter und nannte die Zurückeroberung einen „Sieg nicht nur Syriens, sondern auch derjenigen, die am Anti-Terror-Kampf teilgenommen hätten, darunter auch des Iran und Russlands“.  Allerdings ist allen Beteiligten klar, dass mit diesem Sieg der Krieg noch nicht beendet ist. Deshalb hat sich wenige Tage nach dem Ereignis der russische Außenminister Sergej Law­row mit seinen Amtskollegen aus der Türkei und dem Iran, Mevlüt Cavusoglu und Mohammed Dschawad Sarif, in Moskau zusammengetan, um die Möglichkeiten einer politischen Lösung zu besprechen.

Dieses Dreierbündnis zeigt ebenso wie der Ausgang der Schlacht um Aleppo, dass der Einfluss des Westens auf die Ereignisse in Syrien und im gesamten Nahen Osten schwindet. Der „regime change“ (Regimewechsel) ist gescheitert. Stellvertretend für die ganze EU und ebenso wie die USA zieht der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen daraus die Konsequenz: mehr Sanktionen gegen Russland. Florian Stumfall


Aus für »Kafeel«-System
Auf internationalen Druck: Katar schafft moderne Leibeigenschaft ab

Die WM in Katar ist seit der Vergabe durch den Fußball-Weltverband FIFA umstritten. Die Dauer-Kritik an den Arbeitsbedingungen in Katar, die Forderungen laut werden ließ, dem Land die WM-Ausrichtung 2022 zu entziehen,  hat offenbar zu einem Umdenken im Herrscherhaus des Landes geführt.

Laut Gesetz musste bislang  jede ausländische Arbeitskraft einen lokalen „Sponsor“ oder Bürgen haben, auf Arabisch „Kafeel“. Dieses System gibt dem Arbeitgeber umfassende Macht über seinen Arbeitnehmer, da letzterer dem Arbeitgeber seinen Pass aushändigen muss und ohne seine Zustimmung weder die Arbeitsstelle wechseln noch das Land verlassen kann.  Der Sponsor kann seinen „Leibeigenen“ an der Ausreise hindern, sein Gehalt zurückbehalten oder sogar ein Strafverfahren gegen ihn einleiten. Das  „Kafeel“-System wurde in allen Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC) in den 1970er Jahren eingeführt, um den großen Zustrom von Gastarbeitern zu kontrollieren.. Problematisch ist bereits der Vertragsabschluss mit nicht-arabischen Arbeitnehmern, der meist in deren Heimatland erfolgt. Gültig sind nämlich allein die in Arabisch verfassten Dokumente, die von den Verträgen in Englisch oder der Muttersprache der Arbeitnehmer erheblich abweichen können. Schon seit Jahren gab es Rufe nach einer Reform dieses Systems.

Nun hat Katars Regierung eingelenkt und versprochen, das System abzuschaffen, spielt jedoch offenbar auf Zeit. Im vergangenen Sommer hatte Katar Verbesserungen für ausländische Arbeiter noch für das ausklingende Jahr angekündigt. Jetzt  erst sollen die 2,1 Millionen ausländischen Arbeitskräfte im Land kafalafreie Verträge erhalten. Künftig braucht ein Arbeitnehmer keine Genehmigung des Arbeitgebers mehr, wenn er das Land verlassen will. Ein Ausreiseantrag soll als angenommen gelten, wenn der Chef nicht innerhalb von drei Tagen sein Veto einlegt. Zu den Neuerungen gehört auch, dass, wer misshandelt wird, seinen Arbeitsplatz wechseln darf. Das bisher benötigte Ausreisevisum fällt weg. Nach dem neuen System brauchen Arbeitnehmer ein Bankkonto. Jede im Arbeitsvertrag genannte Summe muss durch eine Überweisung belegt werden. Bislang besitzen jedoch nur wenige Arbeitsmigranten überhaupt ein Bankkonto; nach Schätzungen von NGOs und Gewerkschaften etwa ein Fünftel. Die Zentralbank von Katar hat den Banken zwar Anweisung gegeben, Konten für die ausländischen Arbeitskräfte zu eröffnen, aber die Banken haben es offenbar nicht eilig. Sie wollen keine Horden von armen Arbeitern in ihren Filialen haben und stellen stattdessen lieber mobile Geldautomaten auf. Die Banken bleiben reserviert für die reichen Kataris und westliche Ausländer.

Nach Untersuchungen des Internationalen Gewerkschaftsbunds kamen seit 2010 auf WM-Baustellen etwa 1200 Arbeiter ums Leben. Inder bilden mit 650000 Arbeitskräften die größte Exilgemeinde in Katar, gefolgt von Nepalesen (500000) und Philippinern (250000). Bis zur WM sollen weitere 500000 Arbeitsmigranten nach Katar kommen. Der monatliche Durchschnittsverdienst der ausländischen Arbeiter liegt bei 1115 Katar-Riyal (zirka 275 Euro), inklusive Wohngeld. Das steht in keinem Verhältnis zum Durchschnittseinkommen der rund 250000 katarischen Staatsbürger, das auf monatlich 10800 Euro geschätzt wird. An dieser Diskrepanz wird sich auch nach Abschaffung des Kafeel-Systems nichts ändern. Bodo Bost


Rückfall in religiöse Gewalt
Séléka-Rebellen greifen in Zentralafrika erneut zur Staatsmacht

Bei Kämpfen im Norden der Zentralafrikanischen Republik sind in den letzten Wochen hunderte Menschen ums Leben gekommen. Die Séléka-Rebellen um die Stadt Kaga-Bandoro werden wieder aktiver. Der fragile Frieden in der Zentralafrikanischen Republik seit der Wahl des neuen Präsidenten Taoudéra im Februar steht vor dem Zusammenbruch. Brennpunkt der neuen Gewalt ist die Kleinstadt Kaga-Bandoro rund 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Ende 2015 riefen die Séléka hier einen muslimischen Staat aus. Bereits 2013 war die Region Ausgangspunkt der muslimischen Rebellenallianz Séléka bei ihrem Marsch auf Bangui. 2015 konnte sie nach einer französischen Friedensmission von der Macht vertrieben werden.

Seit 2015 ist Kaga Bandoro erneut Sammelbecken geflüchteter Séléka-Kämpfer, aber auch viele christliche Dorfbewohner aus dem Umland sind unter dem Schutz der UN-Soldaten in die Stadt geflohen. Die Stadt war seither praktisch geteilt. Rund 200000 Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Am 12. Oktober griffen mutmaßliche Ex-Séléka-Kämpfer das Vertriebenenlager „Evêché“ (Bischofssitz) an, nachdem einer der Ihren beim versuchten Diebstahl eines Generators getötet worden war. Mindestens 37 Menschen wurden getötet. Der christliche Teil der Bevölkerung traut den pakistanischen UN-Blauhelmen nicht, weil sie Muslime sind. Eric Christ Gallo, Kaga Bandoros Wahlkreisabgeordneter der Partei UNDP (Nationalunion für Demokratie und Fortschritt) des christlichen Millionärs Michel Amine, gab an, dass es in Kaga Bandoro bis zu 300 Tote unter der „Bevölkerung“ gegeben habe.

Muslimische Rebellen hatten im Frühjahr 2013 den christlichen Präsidenten François Bozizé gestürzt. Daraufhin bekämpften sich Milizen der muslimischen Minderheit, die nur 10 Prozent der Bevölkerung stellt, und der christlichen Mehrheit, die etwa 80 Prozent der Bevölkerung ausmacht. In dem Konflikt starben Tausende Menschen. Seit den Präsidentenwahlen im Februar hatte sich die Lage einigermaßen stabilisiert. Derzeit sind rund 13000 Blauhelmsoldaten in der Zentralafrikanischen Republik stationiert.

Der mächtige Mann der Séléka-Rebellion ist der 43-jährige General Noureddine Adam. Der ehemalige Profiboxer hat in Kairo studiert und viele Jahre im Exil in Dubai verbracht. Sein Bruder Ahmat ist der Sprecher des Imams der Zentralmoschee von Bangui. Adam war einige Monate Sicherheitsminister der Séléka, er hat mit ihnen das Land verlassen und im Tschad Aufnahme gefunden. Im April ist er nach Zentralafrika zurückgekehrt und hat sich in seiner Heimatstadt  Ndélé  niedergelassen. Er ist zurückgekehrt, um die Séléka-Rebellion, die sich zersplittert hatte, wieder zu einen. Adam könnte dies gelingen, da er durch seine Kontakte in die Golf-Region über die nötigen finanziellen Ressour-cen verfügt.

Es gibt einen Haftbefehl gegen Noureddine Adam, aber die zentralafrikanischen Behörden sträuben sich, ihn durchzusetzen. Nur wenn der Haftbefehl an die Minusca-Kräfte der Uno weitergeleitet würde, hätte er Aussicht auf Erfolg. Allerdings setzt die Minsuca kurz vor ihrem endgültigen Abzug auf die versöhnenden Kräfte im Lande, da könnte die Verhaftung eines der Séléka-Führer zur Unruhe führen. Noureddine Adam wird zudem vom mächtigen Sultan von N’délé, Ibrahim Senoussi Kamoun, unterstützt. Dieser ist eine moralische Autorität im Norden der Republik.             B. B.


MELDUNGEN

Trumps frühe Ambitionen

Washington – Der tschechoslowakische Staatssicherheitsdienst StB hat vor Jahrzehnten den jetzt gewählten US-Präsidenten Donald Trump überwacht. Grund dafür war dessen frühere mährische Ehefrau Ivana, die durch ihre frühere Heirat mit einem Österreicher ins Visier geraten war. Im Anschluss an ihre Übersiedlung nach Kanada wurde sie als Werberin für die Olympischen Spiele von Montreal tätig. Dort lernte sie den jungen Trump kennen, den sie 1977 heiratete, wodurch sie blitzartig zu einem primären Beobachtungsziel avancierte. Unter Berufung auf eine Notiz des sie ausspähenden Agenten berichtete das tschechische Fernsehen, dass Trump bereits 1988 mit einer Präsidentschaftsbewerbung für das Jahr 1996 geliebäugelt und dabei auch fest einen Sieg vor Augen gehabt habe.                T.W.W.

 

Tschechiens neue Nationalparks

Prag – Die Tschechische Republik hat ein neues Nationalparkgesetz erlassen. Demnach sollen zum einen die Schutzbestimmungen für die Kernzonen der Parks gelockert und diese auch Touristen zugänglich gemacht, andererseits aber die Fläche der Gesamtschutzzonen ohne forstliche oder sonstige wirtschaftliche Nutzung einschließlich des Siedlungsbaus ausgeweitet und auf 15 Jahre festgeschrieben werden. Alle vier tschechischen Nationalparks liegen in den historischen deutschen Siedlungsgebieten und sind allein daher für deutsche Besucher von besonderem Interesse: Riesengebirge, Böhmische Schweiz, Böhmerwald und Thayatal. Vor allem im Falle des Böhmerwaldes gibt es vehemente Kritik am neuen Gesetz, da es angeblich die Entwick­lung der dortigen Ortschaften erschwere.        T.W.W.


S. 7 Wirtschaft

Menetekel für die Welt
Kampf gegen Schattenwirtschaft und Korruption? – Indien hat den Krieg gegen das Bargeld eröffnet

In einem überraschenden Schritt hat Indiens Regierung Anfang November einen Großteil der Rupien-Banknoten kurzerhand zu unzulässigen Zahlungsmitteln erklärt. Die sogenannte Demonetarisierung soll nur der Auftakt zu einem radikalen Umbau Indiens sein.

Im Schatten der US-Präsidentschaftswahlen hat Indiens Regierungschef Narendra Modi in der Nacht vom 8. auf den 9. November die 500- und 1000-Rupien-Banknoten für ungültig erklärt. Mit einem Schlag sind damit 86 Prozent der Geldnoten Indiens zu ungültigen Zahlungsmitteln geworden. Der Öffentlichkeit gegenüber wurde die Bargeldreform als Schlag gegen Schattenwirtschaft und Korruption dargestellt. Bis zum 30. Dezember besteht die Möglichkeit, bis zu 4000 Rupien (etwa 54 Euro) direkt in neue 500- oder 2000-Rupien-Scheine umzutauschen, der Rest muss zunächst auf ein Konto eingezahlt werden. Angesichts von endlosen Warteschlangen vor den Banken war kaum zu übersehen, dass die in ihrer Dimension einzigartige Bargeldreform schlecht vorbereitet worden war. Gerade in Indien ist die Ausgangsbedingungen für ein derartiges Unterfangen denkbar ungünstig. Bislang bestreiten die Inder 95 Prozent ihrer Transaktionen per Bargeld. Nach Angaben der Weltbank besaß im Jahr 2014 fast die Hälfte aller Inder kein eigenes Bankkonto. Besonders betroffen sind von der Bargeldreform die Armen Indiens und die Bewohner des ländlichen Raum. Umso gravierender sind die Auswirkungen der Reform. Auch nach Wochen leidet das Land noch immer unter extremer Bargeldknappheit. Zu spüren bekommen den Mangel an Liquidität vor allem die kleinen Gewerbetreibenden, die nur selten Kartenzahlungen anbieten können.

Allerdings werfen nicht nur die wirtschaftlichen Kollateralschäden Zweifel an dem Demonetarisierungsversuch in Indien auf. Fraglich ist nämlich, ob der Rupien-Coup der erhoffte große Wurf im Kampf gegen Indiens gewaltige Schattenwirtschaft ist. Schätzungen gehen dahin, dass dieser informelle Sektor bis zu 25 Prozent der Wirtschaftsleistung von Asiens drittgrößter Volkswirtschaft ausmacht. Allerdings lassen Daten des Finanzministeriums aus Steuerrazzien vermuten, dass der Anteil illegaler Gelder nur bei vier bis sieben Prozent des Bargeldbestands liegt. In Indien selbst werden viele Schwarzgelder in anderen Anlageformen wie etwa Gold gehalten oder aber sind längst ins Ausland transferiert worden. So war es der Regierungschef Narendra Modi selbst, der davon sprach, dass Inder 250 Milliarden US-Dollar auf Schweizer Bankkonten gehortet hätten. Die überraschende Rupientauschaktion dürfte kaum dazu beitragen, solche Gelder auf Auslandskonten zurück nach Indien zu holen.

Zusätzliche Befürchtungen dürfte der Regierungschef geweckt haben, indem er immer weitreichendere Ziele genannt hat. Zunächst pries Modi den Bargeldumtausch als Schlag gegen die Korruption und Steuerhinterziehung. „Einige dachten, sie kämen damit durch, ihr Schwarzgeld auf die Bank zu bringen. Sie haben die Regierung unterschätzt. Sie sind schon in der Falle und werden jetzt gefangen, mit der Hilfe neuer Technologien.“ Ging es anfangs nur um Bargeldumtausch, wurde später sogar die Abschaffung des Bargelds zum Primärziel des Währungcoups erklärt. „Es ist nicht mehr ein Krieg gegen das Schwarzgeld, sondern ein Krieg gegen das Bargeld“, beschrieb die Wirtschaftszeitung „MINT“ die Wendung.

Modi könnte allerdings noch weitere Überraschungen in petto haben. Er kündigte an: „Es gibt einen ausgeklügelten Plan, doch ich werde meine Karten nur langsam auf den Tisch legen.“ Vor allem in der Hauptstadt Neu-Delhi sind Spekulationen aufgekommen, Modi werde als nächsten Reformschritt die Einführung einer Bankentransaktionssteuer bekannt geben, die alle anderen Steuern ersetzt. Aufgetaucht ist die Idee einer solchen Steuer bereits vor einigen Jahren als Vorschlag einer Denkfabrik. Tatsächlich hat Indiens Steuersystem bislang ein massives Problem: Eine Schätzung besagt, dass nur rund ein Prozent aller Inder überhaupt Einkommenssteuer bezahlen.

Ob Modi überhaupt die Gelegenheit bekommt, das Problem der Steuerhinterziehung noch grundlegend anzugehen, bleibt abzuwarten. Bereits kurzfristig scheint ein Scheitern der Reformpläne möglich. So wirkt sich der anhaltende Bargeldmangel lähmend auf die indische Wirtschaft aus. Hinzukommen könnten in Bälde größere Proteste der Bevölkerung gegen das Geldexperiment, wenn sich die geweckten Erwartungen nicht erfüllen. Die Regierung hat nämlich in Aussicht gestellt, anfallende Erlöse aus der Demonetarisierung dem Volk zugutekommen zu lassen. Gehofft wird dabei auf sogenannte „windfall profits“ durch Schwarzgelder, die Steuerhinterzieher aus Angst vor Strafen nicht umgetauscht haben. Wie hoch die versprochene Umverteilung ausfällt, werden die Inder im Februrar erfahren, wenn der Finanzminister seinen Haushaltsplan vorlegt.             Norman Hanert


»Schlimmste Steueroasen«
Oxfam legt Rangliste vor – Die Niederlande bereits auf Platz 3

Laut einer Untersuchung von Oxfam, einem in Oxford sitzenden und 1942 gegründeten internationalen Verbund von verschiedenen Hilfs- und Entwick­lungsorganisationen, besitzen die reichsten 62 Personen der Welt mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammengenommen. Ein Grund dafür sind Steueroasen. So entgehen laut Schätzungen allein den Entwicklungsländern jährlich 100 Milliarden US-Dollar durch Steuervermeidung multinationaler Konzerne.

Die EU-Mitgliedsstaaten Irland, Luxemburg, Niederlande, Großbritannien und Zypern gehören nach einem Bericht der Hilfsorganisation Oxfam mit dem Titel „Steuerkämpfe“ zu den 15 „schlimmsten Steueroasen“ der Welt. Kriterien für die Oxfam-Rangliste waren extrem niedrige oder keine Unternehmenssteuersätze und die Gewährung unverhältnismäßiger Steueranreize. Den ersten Platz auf der Liste belegt Bermuda, gefolgt von den Cayman-Inseln, den Niederlanden, der Schweiz und Singapur. Auf den weiteren Plätzen stehen Irland, Luxemburg, Curaçao, Hongkong, Zypern die Bahamas, Jersey, Barbados, Mauritius und die Britischen Jungferninseln.

Panama findet sich nicht auf der Liste, obwohl doch gerade die sogenannten Panama Papers das Thema in der letzten Zeit wieder in die Medien gebracht hatten. Schattenfinanzplätze gibt es längst nicht mehr nur in der Karibik. 90 Prozent der 200 größten Unternehmen haben Ableger in Steueroasen. Der durchschnittliche Steuersatz ging in den letzten 25 Jahren von 40 auf unter 30 Prozent zurück. Die durchschnittlichen Steuereinnahmen in den OECD-Ländern sanken zwischen 2007 und 2014 von 3,6 auf 2,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Vor rund einem Jahr war der sogenannte Lux-Leaks-Skandal aufgeflogen. Journalisten eines internationalen Konsortiums hatten dabei aufgezeigt, wie multinationale Konzerne dank der Steueroase Luxemburg Milliarden an Steuern sparten. Im Juni dieses Jahres standen drei Männer deswegen vor Gericht, weil sie kompromittierende Dokumente weitergegeben haben sollen. Zwei ehemalige Mitarbeiter der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) waren zu zwölf beziehungsweise neun Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 1500 beziehungsweise 1000 Euro verurteilt worden. Die beiden Verurteilten und die Staatsanwaltschaft hatten gegen das Urteil Berufung eingelegt. Die Runde zwei des Prozesses startete am selben Tag, als Oxfam die neue Liste veröffentlichte.

Der deutsche EU-Abgeordnete Sven Giegold sprach von einer „grotesken Situation“. Einerseits stünden die drei Angeklagten vor einem neuen Verfahren und ihrem beruflichen Ruin, andererseits sei der Architekt des Steuerparadieses Luxemburg, Jean-Claude Juncker, jetzt Präsident der EU-Kommission, konstatierte der Bündnisgrüne.

Oxfam kritisiert, dass Luxemburg, ebenso wie das Vereinigte Königreich, Ungarn und Belgien, bereits eine Senkung der Körperschaftssteuer für Unternehmen angekündigt haben. Die britische Premierministerin Theresa May und der künftige US-Präsident Donald Trump haben bereits angekündigt die Firmensteuern zu senken. Das dürfte den Steuerwettlauf in der Welt wieder beschleunigen.          Bodo Bost


Premiere mit Wasserstoff
HY4: Das erste Passagierflugzeug mit Brennstoffzellenantrieb

Es sieht ein bisschen ungewöhnlich aus, aber es fliegt. Die HY4 ist das erste Passagierflugzeug der Welt, das von Brennstoffzellen angetrieben wird. Gebaut haben das Flugzeug Forscher und Ingenieure des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Mit dieser Technologie rückt das abgas- und schadstofffreie Fliegen in den Bereich des Machbaren.

Die HY4 erinnert stark an einen Katamaran. Es bietet Platz für vier Personen, die jeweils zu zweit in den beiden äußeren Rümpfen sitzen. Die Antriebsanlage mit Propeller, Getriebe und dem Brennstoffzellensystem ist im Zentralrumpf auf dem Mittelflügel untergebracht. „Der Katamaran eignet sich gut für die Gewichtsverteilung, weil wir auf dem Mittelflügel das meiste Gewicht aufbringen mussten“, sagt Josef Kallo, der zuständige Projektleiter beim DLR-Institut für Technische Thermodynamik.

Der im Zentralrumpf eingebaute Antriebsstrang besteht aus der Brennstoffzelle selbst, einem Wasserstoffspeicher und einer Hochleistungsbatterie. Hinzu kommen ein 80 Kilowatt starker Elektromotor sowie Getriebe und Propeller. Die Brennstoffzelle erzeugt Energie, indem sie Wasserstoff mit Sauerstoff reagieren lässt und so direkt in elektrische Energie umwandelt. Das Abfallprodukt ist schlichtes Wasser. Die Hochleistungsbatterie liefert zusätzliche Energie für den Start und für Steigflüge.

Trotz seines ungewöhnlichen Aussehens sind die Flugeigenschaften des Flugzeugs völlig unproblematisch. „Die Piloten sagen, es liegt satt in der Luft“, sagt Kallo, „auch bei Landungen mit Seitenwinden ist es gut steuerbar.“ Nur der extrem leise Motor sei am Anfang etwas ungewohnt.

Nach der ersten Serie von Probeflügen kommt HY4 jedoch wieder in die Halle. Das Brennstoffzellen-System und der Antrieb werden demontiert und gewartet. Kallo hofft, durch weitere Verbesserungen zwischen fünf und sieben Prozent mehr Leistung und eine höhere Spannung zu erreichen. Kommenden Sommer oder Herbst sollen die nächsten Testflüge stattfinden. „2018 würden wir gerne anfangen, längere Strecken zu fliegen und Erfahrungen mit neuen Komponenten zu sammeln“, so Kallo. HY4 soll für drei bis fünf Jahre fliegen, um Erfahrungen zu sammeln und den Antrieb weiter zu verbessern.

Einsatzgebiete für Brennstoffzellen-Flugzeuge sieht Kallo im Regionalluftverkehr. Sie könnten als 200 bis 250 Kilometer pro Stunde schnelle Lufttaxis für vier bis sechs Passagiere dienen. Diese Taxis verbinden kleine Flugplätze untereinander oder mit größeren Flughäfen und sorgen in schlecht erschlossenen Regionen für schnelle Verbindungen. Das zweite Szenario sieht größere Flugzeuge mit 19 bis 40 Plätzen vor, die Reichweiten zwischen 800 und 1000 Kilometern erreichen und zwischen 400 und 450 Kilometer in der Stunde schnell sind. Sie könnten zwischen Stuttgart und Friedrichshafen oder zwischen Hamburg und Hannover verkehren oder die Strecke Stuttgart–Leipzig–Stuttgart in drei Stunden bewältigen.    Friedrich List


MELDUNGEN

Saudis ziehen Geld aus USA ab

Riad – Saudi-Arabien hat seine Drohung wahr gemacht und nach der Verabschiedung eines US-Gesetzes, das Klagen gegen Saudi-Arabien wegen der Anschläge vom 11. September 2001 zulässt, seine Investitionen in den USA eingeschränkt: Der saudische Nationalfonds wird ab sofort kein Geld mehr in den USA anlegen. Bereits zuvor hatte das Königreich begonnen, erste Tranchen seiner in den USA gehaltenen Wertpapiere zu veräußern. Jetzt steht zudem im Raum, den geplanten Aktienverkauf des staatlichen Ölgiganten Saudi Aramco an einer außeramerikanischen Börse vorzunehmen. Die USA haben im Gegenzug den Verkauf von Präzisionsmunition für den Krieg der Saudis gegen den Jemen gestoppt.             T.W.W.

 

Knapp zwei Wochen krank

Berlin – Im Jahr 2015 waren nach Angaben der gesetzlichen Krankenversicherung die Arbeitnehmer durchschnittlich 11,7 Tage krank gemeldet. Die Zahl der Ausfalltage durch Arbeitsunfähigkeit lag insgesamt bei 587 Millionen. Die meisten Ausfalltage entfallen auf Erkrankungen des Muskel- und Skelett-Systems und des Bindegewebes und auf psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen.      J.H.


S. 8 Forum

Unsensibel
von Thomas W. Wyrwoll

In Großbritannien wurde die erste Banknote der neuen Serie G in Umlauf gebracht, die bis zum kommenden Frühjahr ihren Vorläufer ersetzen soll. Wie sich herausstellte, enthält dieser hochmoderne und extrem wi-derstandsfähige Schein tierischen Talg, der vor allem aus Rindern und Schafen gewonnen wird. Seitdem kommt es zu Protesten der Veganer sowie der im Lande zahlreichen Hindus, denen gerade Rinder als heilig gelten.

Einem Staat, der offiziell in penetranter Weise Rücksicht auf die religiösen Befindlichkeiten seiner Völker nimmt und dafür sogar die „einheimischen“ Weihnachtsbäume aus der Öffentlichkeit verbannt, hätte ein solcher Fauxpas nicht passieren dürfen.

Zumal die Briten in gleicher Sache bereits Erfahrung haben: 1857 brach in Britisch-Indien der Sepoy-Aufstand aus, nachdem indische Soldaten erkannten, dass die Papierpatronen ihrer neuen Gewehre, die sie mit dem Mund zu öffnen hatten, mit Rinder- und Schweinetalg behandelt worden waren – ein religiöser Tabubruch für Hindus und Moslems gleichermaßen.


Selbstinszenierung
von Frank Horns

Eigentlich fehlt nur noch ein Fanfarenstoß. Der „Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung“ hat Weltbewegendes aufgedeckt. Der Nachrichtensprecher von NDR-Info meldet es an diesem Morgen. Der schaudernden Öffentlichkeit offenbaren die Meisterjournalisten um den Ex-Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo eine Sicherheitslücke im Ticketsystem einiger Fluggesellschaften. Wer im Internet bucht, könnte Opfer eines Kriminellen werden. Ein Hacker wäre unter Umständen in der Lage, sich einen Flugschein zu ergaunern. Das ist zwar bislang noch nie passiert, aber um die Relevanz der Nachricht geht es kaum. Das Ganze ist eine pompöse Selbstinszenierung, ein wichtigtuerisches Statement und – schlussendlich – eine Simulation. „Wir betreiben hier Enthüllungsjournalismus!“ heißt das vorgetäuschte Trugbild.

Der Rechercheverbund ist dabei nur einer von mehreren Zusammenschlüssen „investigativer Journalisten“. Correctiv heißt ein anderer. „Wir glauben nicht, wir hinterfragen und klären auf“, verkünden die Correctiv-Leute auf ihrer Internetseite. Ein dort veröffentlichter Artikel über die Pläne der AfD zum Arbeitslosengeld enthält vor allem unbewiesene Vermutungen. Wie selbstverständlich wird die Partei als rechtsradikal verleumdet. Im Sommer schaffte es eine Correctiv-Story in diverse Medien. Ein Portal für Hotelreservierungen hatte Bettenanbieter höher gelistet, wenn sie einen Obolus bezahlten. Das Skandälchen wurde wieder einmal als grandioser Akt des Enthüllungs-Journalismus verkauft. Enthüllt wurde vor allem eines: Die Lügen-, Lücken- und Pinocchio-Medien schreiben, senden und funken konsequent an den echten Skandalen vorbei.


In der Asylfalle
von Eberhard Hamer

Nach Kriegsende haben die Siegermächte und viele während der Naziherrschaft in ausländisches Asyl geflohene Rückkehrer das Asylrecht im Grundgesetz verankert. Artikel 16 gibt jedem in der Welt ein Asylrecht in Deutschland, wenn er in seinem Heimatland verfolgt wird. Das meinte ursprünglich politische Verfolgung wie beispielsweise die der Juden während der NS-Herrschaft, wurde aber vom Bundesverfassungsgericht ständig ausgeweitet. Als Verfolgung gilt inzwischen auch gesellschaftliche Nichtanerkennung von Schwulen und Lesben, die Einberufung zum Militär (Eritrea), religiöse Verfolgung (Christen, Islam) oder allgemeine Flucht vor Kriegshandlungen (Syrien). Von den im letzten Jahr angekommenen sogenannten Flüchtlingen sind aber selbst bei großzügigster Auslegung mehr als zwei Drittel nicht aus wirklichen Fluchtgründen zu uns gekommen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie zu Hause keine Perspektive, um sich herum Armut und keine Arbeitsmöglichkeiten sehen. Statt Fluchtwanderung haben wir also überwiegend Armutswanderung. Die „Flüchtlinge“ suchen nicht Schutz, sondern Sozialleistungen. Deshalb wandern sie auch bevorzugt nach Deutschland ein, wo es die höchsten Sozialleistungen und sogar Familiennachzug und durch Klagemöglichkeit jahrelangen Sozialaufenthalt (Duldung) gibt.

Nun kommt eine ganz neue Qualität der Verfolgung auf uns zu: Die Assad-Truppen und die Kurden vertreiben zunehmend IS-Mörder, Terroristen, Kriminelle, Aufständische und deren Familien aus Syrien und anderen Städten. Diese kommen nun zu Hunderttausenden in die mit ihnen verbündete Türkei, welche sie aber nicht behalten will, sondern gleich über Bulgarien und Serbien nach Deutschland weiterleitet.

Wir werden also in Kürze hunderttausende kriminelle radikalislamische Terroristen in Deutschland einreisen oder einsickern sehen, die verfolgt werden – allerdings nicht von einem Unrechtssystem, sondern von Völkerrecht und Strafrecht. Sind nun auch von der Justiz und vom Gesetz mit Strafe bedrohte Kriminelle „Verfolgte“ im Sinne des Asylparagrafen? Nach dem Wortlaut des Artikels 16 sind sie „verfolgt“. Das rot-grün beherrschte Bundesverfassungsgericht könnte ihnen also „Schutz vor Verfolgung“ zubilligen, obwohl sie ausschließlich von Recht und Gesetz verfolgt sind. Kriminelle, Radikale, Mörder und Aufständische sind bereits massenhaft auf dem Wege, hier in Deutschland Schutz vor internationalem Recht und vor den Gesetzen ihres Landes (Schutz des Unrechts gegenüber dem Recht) mit Hilfe des Asylparagrafen einzufordern. Würden sie zurückgeschickt, würden sie zu Hause bestraft. Unsere vor Mitleid triefenden Verfassungsrichter werden nach bisheriger Praxis solche Kriminelle kaum ihrer einheimischen Justiz ausliefern, zumal unsere politisch korrekte Politik die in Syrien legal gewählte Regierung als „Machthaber“ diffamiert.

Es könnte also sein, dass nicht nur hunderttausende von kriminellen islamischen Terroristen zu uns kommen, sondern diese auch  bei uns bleiben dürfen. Der Gedanke ist schrecklich – wie die ganze Ratlosigkeit unserer Regierung im Flüchtlingswillkommen der Sozialimmigration.


Gegenwind
Wie souverän ist Deutschland wirklich?
von Florian Stumfall

Neben anderen Altlasten wird ins neue Jahr auch eine Gerichtssache übergehen, die an die Substanz deutscher Staatlichkeit rührt. Es handelt sich um die Klage des Jemeniten Faisal bin Ali Jaber und zweier seiner engsten Verwandten gegen die Bundesrepublik Deutschland. Verhandlungsgegenstand ist der Tod zweier Familienmitglieder, die während einer Hochzeitsfeier von US-Drohnen getroffen wurden. Für die jemenitische Familie ist das eine Katastrophe, für die US Air Force Alltag. Tausende unschuldiger Menschen sind schon durch deren Drohnen zu Tode gekommen. Aber warum findet ein Prozess dagegen in Deutschland statt und warum ist die deutsche Regierung der Beklagte?

Die Erklärung ist einfach. Ohne die US-Basis in Ramstein könnte die US Air Force im Nahen und Mittleren Osten sowie im nordöstlichen Afrika keine Drohnen-Angriffe fliegen. Die Entfernung zu den Zielgebieten im Irak, in Somalia, im Jemen oder Pakistan ist so groß, dass wegen der Erdkrümmung eine Relaisstation notwendig ist, und als solche dient eben Ramstein.

Das ist die geophysikalische Seite des Problems, dann gibt es noch eine rechtliche. Diese Tötungen durch Drohnen, ohne Prozess, ohne Beweisführung, ohne Richter, durch willkürlichen Entschluss wären auch dann als Mord einzustufen, wenn bei jedem Angriff tatsächlich Terroristen getroffen würden. Denn auch diese haben Anspruch auf den Schutz eines Rechtsstaates, als den sich die USA ausgeben, und dessen Strafprozessordnung. Wieso aber wird Deutschland angeklagt? Ganz einfach, Ramstein liegt auf deutschem Grund und Boden, und daher ist die Regierung, die das Geschehen in der US-Basis zulässt, der Beihilfe verdächtig.

Von einem solchen Verdacht könnte sich die Berliner Regierung nur reinigen, wenn sie erklärte, dass sie auf Ramstein kein Zugriffsrecht, keinerlei Rechtstitel und keine Möglichkeit der Ahndung von Straftaten habe. Schwer vorzustellen, dass sich Kanzlerin Angela Merkel oder einer ihrer zuständigen Minister auf eine solche Argumentation einließe. Vielmehr hat sie sich über Jahre hinweg um jede Frage nach Ramstein und was sich dort ereignet, herumgedrückt, geleugnet und Unwissen vorgeschützt, bis vor wenigen Wochen das Außenamt einem Bundestagsabgeordneten bestätigte, man unterstütze in Ramstein „die Planung, Überwachung und Auswertung von zugewiesenen Luftoperationen“. Dieses Eingeständnis war etwas allgemein gehalten. Davon, dass ohne deutsche Beteiligung die Drohnenmorde der USA nicht durchführbar wären, wollte man denn doch nicht sprechen.

Auch andere Dinge im Zusammenhang mit Ramstein hält man lieber unter Verschluss. Im Laufe des vergangenen Herbstes lieferten dort die USA – mit der Zustimmung der Kanzlerin Angela Merkel – 20 Atombomben neuerer Bauart an, was für sich genommen schon misslich genug ist. Schlimmer aber ist, dass für einen Einsatz dieser Bomben deutsche „Tornados“ umgerüstet und deren deutsche Piloten ausgebildet wurden. Dies berührt vor allem den Atomwaffensperrvertrag und das Grundgesetz. Im Artikel II des Atomwaffensperrvertrages verpflichtet sich Deutschland „Kernwaffen und sonstige Kernsprengkörper oder die Verfügungsgewalt darüber von niemandem unmittelbar oder mittelbar anzunehmen, Kernwaffen oder sonstige Kernsprengkörper weder herzustellen noch sonstwie zu erwerben und keine Unterstützung zur Herstellung von Kernwaffen oder sonstigen Kernsprengkörpern zu suchen oder anzunehmen“.

Soweit der Atomwaffensperrvertrag, der durch Ramstein eindeutig gebrochen wird. Anders verhält es sich mit dem Grundgesetz. Im Ausführungsgesetz zu dessen Artikel 26 wird zwar verboten, „Atomwaffen zu entwickeln, herzustellen, mit ihnen Handel zu treiben, von einem anderen zu erwerben oder einem anderen zu überlassen, einzuführen, auszuführen, durch das Bundesgebiet durchzuführen, oder sonst in das Bundesgebiet oder aus dem Bundesgebiet zu verbringen oder sonst die tatsächliche Gewalt über sie auszuüben“ und gegen alle diese Verdikte verstieße die heutige Praxis, aber im Paragrafen zuvor hat sich die Nato von diesen Vorschriften ausgenommen. All das gilt nur für „Atomwaffen, die nicht der Verfügungsgewalt von Mitgliedsstaaten dieses Vertrags unterstehen“.

Also gelten für US-Atomwaffen auf deutschen Boden andere Regeln, das heißt, es gelten die US-Regeln. Man nennt das in der Nato „nukleare Teilhabe“. Damit macht man aus atomaren Habenichtsen Handlanger unter US-Befehl und lädt einen guten Teil an Verantwortung auf die Vasallen ab. So konnten zwar die USA das Grundgesetz mit einem juristischen Winkelzug und einer erheblichen Einflussnahme auf die deutsche Gesetzgebung umgehen, der Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag indes bleibt bestehen.

Was ebenfalls Bestand hat, ist die Frage, warum die Bundesregierung in der causa Ramstein derart zurückhaltend handelt. Die beiden genannten Problembereiche, Drohnen und Atomwaffen, sind ja nicht die einzigen Ärgernisse, es kommen andere dazu, wie die Unmöglichkeit von Strafverfolgungen und die damit einhergehende Störung des Rechtsfriedens. Mag sein, dass Merkel persönlich so viel an dem bestehenden Verhältnis Deutschlands gegenüber den USA liegt, vielleicht aus persönlichen Gründen, niemand weiß es. Kann aber auch sein, dass sie das Geschehen in und um Ramstein – und anderen US-Basen – duldet, weil sie keine andere Möglichkeit hat. Denn die Entscheidungsbefugnis eines deutschen Kanzlers ist begrenzt.

Da sind zunächst einmal die Einschränkungen an Souveränität, welche die Mitgliedschaft in einem so engen Bündnis wie der Nato mit sich bringt. Dies wiegt umso schwerer, als bis heute der Bündnisfall gilt, der nach dem 11. September 2001 ausgerufen worden ist. Danach gilt innerhalb der Nato gewissermaßen der Kriegsfall. Im Falle Deutschlands ist diese Abhängigkeit dadurch verstärkt, dass sich die USA, Großbritannien und Frankreich bei den geheimen Verhandlungen zur Wiedervereinigung aus dem Besatzungsstatut einige Vorrechte in die Gegenwart gerettet haben, so die Erlaubnis, in Deutschland Firmen und Privatpersonen auszuspionieren. Hier liegt der Grund für die spärlichen Reaktionen der Regierung auf den NSA-Skandal. Was die USA auf diesem Feld in Deutschland tun, ist zwar unmoralisch, entspricht aber den Abmachungen. Dagegen ist schlecht protestieren.

Dazu gehört aufs engste die sogenannte Kanzlerakte, die der SPD-Politiker Egon Bahr durch seine Zeugenschaft am 14. Mai 2009 in der „Zeit“ aus dem dunklen Bereich der Sagenwelt in die Wirklichkeit geführt hat. Bahr beschreibt, wie dem neu gewählten Kanzler Willy Brandt drei Schreiben zur Unterschrift vorgelegt wurden. Wörtlich: „Jeweils an die Botschafter der drei Mächte – der Vereinigten Staaten, Frankreichs und Großbritanniens – in ihrer Eigenschaft als Hohe Kommissare gerichtet. Damit sollte er zustimmend bestätigen, was die Militärgouverneu-re in ihrem Genehmigungsschreiben zum Grundgesetz vom 12. Mai 1949 an verbindlichen Vorbehalten gemacht hatten.“ Brandt weigerte sich zunächst, einen solchen „Unterwerfungsvertrag“ zu unterschreiben, musste es aber dann doch tun. Seit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1991 gelten zwar die alliierten Vorbehalte als erloschen, die Kanzlerakte aber gibt es heute noch. Deutschlands Status und die Handlungsfreiheit des Kanzlers sind außerdem begrenzt durch die Bestimmungen der Feindstaat-Klauseln der UN-Charta.


S. 9 Kultur

»Noch nie so gut wie heute«
Die Deutschen seien Miesepeter, schimpfen Politiker − dabei hat deren Skepsis triftige Gründe

Mit Zahlen und Fakten versuchen Politiker und Medien, den Deutschen klarzumachen, wie blendend sie dastünden. Warum glauben sie das nicht so recht?

Den Deutschen sei es noch nie so gut gegangen wie heute, beteuern Experten, Politiker und Medien im Gleichklang. Eine Botschaft, die es verdient hätte, mit stolzer Freude verkündet zu werden, oder? Fehlanzeige: Die Genannten tragen sie in einem Ton fast vorwurfsvollen Unverständnisses vor, weil sie den Verdacht hegen, dass die Deutschen ihre Lage keineswegs so rosig sehen, wie sie es nach Meinung der Fachkundigen tun sollten.

In einem „Faktencheck“ hat kürzlich das „Hamburger Abendblatt“ seinen Lesern vorgestellt, was sich für die Hansestädter in den vergangenen 25 Jahren alles verbessert habe, vom Gehalt über den Anteil der Schulabgänger mit Abitur bis zur Lebenserwartung oder der Zahl der Beschäftigten. Das Blatt wundert sich ob der vielen positiven Daten darüber, dass dennoch eine Stimmung des „Früher war alles besser“ durch die Stadt wabert.

Was steckt dahinter? Wirklich bloß die so oft zitierten „diffusen Ängste und Befürchtungen“? Notorische Nörgelei? Oder spüren die Menschen etwas, das sich mit simplen Zahlkolonnen nicht entkräften lässt? In Umfragen unterteilen die Deutschen zwischen der persönlichen und der allgemeinen Lage. Dass dabei die eigene Situation meist zuversichtlicher eingeschätzt wird als die generelle, ist ein alter Hut. Diese Differenz stellen Meinungsforscher seit Jahrzehnten fest.

Hinzu aber kommt die Unterscheidung zwischen der derzeitigen Lage und der Erwartung, wie es weitergehen dürfte. Die Zeiten, als es sicher zu sein erschien, dass es für einen selbst aufwärts gehen wird und dass − erst recht − die kommende Generation besser dastehen sollte als die eigene, sind vorbei.

In der breiten Mittelschicht ist an die Stelle einstiger Zuversicht eine tiefgründige Verunsicherung getreten, die aber keineswegs „diffusen“ Ursprungs ist, sondern auf konkreten Entwicklungen fußt. Und Angehörige der Unterschicht erleiden längst am eigenen Leibe eine spürbare Verschlechterung ihrer Situation gegenüber einer tatsächlich besseren Vergangenheit.

So arbeiten laut Bundesarbeitsministerium mehr als 20 Prozent der Beschäftigten für Niedriglöhne von unter zehn Euro pro Stunde. In den neuen Bundesländern sind es sogar 30 Prozent; im

Westen hat sich der Anteil von 16,4 Prozent 2006 auf 18,4 Prozent 2014 erhöht. Dabei darf nicht vergessen werden, dass eine exzessive Zuwanderungspolitik vor allem Geringqualifizierte ins Land lässt, welche hier mit den ohnehin wenig verdienenden Deutschen am Arbeitsmarkt konkurrieren − mit entsprechenden Folgen für das Lohnniveau.

Dass die Mittelschicht fürchtet, einem Abstieg entgegenzugehen, hat ebenfalls reale Gründe. Millionen haben privat für das Alter vorgesorgt. Doch die Zinspolitik lässt die Rücklagen verdampfen. Noch schlimmer sieht es für die Nachrückenden aus: Die realen Negativzinsen haben Instrumente zum Vermögensaufbau wie etwa den Bausparvertrag praktisch zerstört. Auch das einfache Ansparen von Vermögen auf dem Bankkonto ist weitgehend blockiert. Bei langfristigen Sparanlagen machten die Zinserträge in Zeiten „normaler“ Sätze oft bis zu zwei Drittel des Endbetrages aus. Die fehlen heute.

Diese private Unsicherheit, um nicht zu sagen: Aussichtslosigkeit, paart sich mit dem Eindruck einer allgemeinen Erosion einst fester Bezugsrahmen in Staat und Gesellschaft. Die Menschen registrieren sehr wohl, dass eine halsbrecherische Notenbankpolitik die Axt an die Dauerhaftigkeit ihres Geldes setzt. Sie haben nicht vergessen, mit welcher Selbstverständlichkeit Regeln und Gesetze gebrochen wurden, um das Experiment mit ihrem Geld fortzusetzen, ja immer weiter ausdehnen zu können. Der ungestüme Glaube an eine bessere Zukunft basierte nicht zuletzt auf dem Vertrauen auf die Stabilität der eigenen Währung, die damals D-Mark hieß. Mit dem Euro und dessen Dauerkrise hat dieser Optimisms seinen Ausgangspunkt verloren.

Schließlich hat der von oben inszenierte Kontrollverlust in der Asyl- und Zuwanderungspolitik ein Gefühl der Schutzlosigkeit erzeugt, schon lange vor dem Massenmord von Berlin. Kanzlerin Merkel selbst hatte behauptet, sie könne nicht kontrollieren, „wer zu uns kommt“.

Dass diese Behauptung Unsinn war, belegen die Beispiele all jener Länder Kontinentaleuropas, die ihre Grenzen sehr wohl effektiv schützen und kontrollieren. Was Merkel in Wahrheit zum Ausdruck brachte ist, das ihre Regierung die deutschen Grenzen gar nicht kontrollieren wollte. Damit verletzt der Staat seine elementare Schutzpflicht. Die Folgen waren kurz vor Weihnachten in Berlin zu besichtigen. Dass der Staat nach dem Chaosjahr 2015 die „Kontrolle wiedergewonnen“ habe, wie allenthalben beteuert wurde, ist mit dem Anschlag widerlegt. Zudem erleben die Deutschen infolge der „Willkommenskultur“ in ihrem Land die massive zahlenmäßige Ausbreitung einer Religion, die einiges im Gepäck hat, das Angst macht.

Egal, ob wirtschaftlich, gesellschaftlich oder politisch: Die Deutschen haben gute Gründe für ihre Beklemmung. Es ist indes nicht auszuschließen, dass sie eines Tages nach den Verursachern der Gefahren und Miseren suchen werden. Denn keines der Probleme ist einfach über sie gekommen, es handelt sich um die Resultate absichtlich herbeigeführter Politik. Dass die dafür Verantwortlichen die Lage so schön wie möglich reden, ist daher nur verständlich.      Hans Heckel


Himmel und Hölle
In Dresden ist zu sehen, wie flämische Maler Landschaften erfanden

Ein Sonnenstrahl fällt auf Noah, der vor der Arche betet. Ob Stachelschwein, Gürteltier oder Nasenbär: Es herrscht gelassene Aufbruchsstimmung. Mehr als 150 Tiere bis hin zu Wasserfrosch und Fliege hat Roelant Savery auf seinem prachtvollen Gemälde „Vor der Sintflut“ (1620) versammelt. Sein Meisterwerk ist der erste Blick­fang der Ausstellung „Das Paradies auf Erden“ im Lipsiusbau von Dresden. Ihr Thema ist die Erfindung und frühe Entwicklung der Landschafskunst in der flämischen Ma­lerei des 16. und 17. Jahrhunderts.

Aufgeboten sind 141 Ölgemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken von Brueghel bis Rubens. Die meisten Stücke gehören der Dresdener Gemäldegalerie Alte Meister. Sie verfügt über eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen flämischer Landschaftsmalerei. Gewusst hat das aber kaum jemand. Denn die Mehrzahl der Bilder schlummerte bis zu dieser Sonderschau im Depot.

Bevor die Landschaftsmalerei zur eigenständigen Bildgattung aufstieg, war sie Hintergrundkulisse auf Heiligendarstellungen. Das belegt die Schau mit Beispielen. Beim weiteren Rundgang kehrt sich das Verhältnis um: Die Landschaft wächst, die Figuren­szenen schrumpfen. Gleichrangig mit der Natur sind Menschen und Tiere auf der von Peter Paul Ru­bens äußerst dramatisch geschilderten „Wildschweinjagd“ (um 1616–1618) abgebildet. Bei den meisten anderen Werken nimmt die Landschaftsschilderung weit mehr Raum als die Figurendarstellung ein. Aber sie spielt trotz ihrer Kleinheit eine tragende Rolle. In Lucas van Valckenborchs „Winterlandschaft bei Antwerpen mit Schneefall“ (1575) wimmelt die Bevölkerung nur so durch den kalten und diesigen Tag.

Statt ihrer Zeitgenossen setzten die Maler auch mythologische Figuren in ihre Landschaftsbilder. Besonders gern aber werteten sie dies durch biblische Szenen auf. Oft ist das fromme Geschehen in eine „Weltlandschaft“ eingebettet. Sie zeigt nicht etwa einen realen Ort, sondern die Welt an sich in ihrer ganzen Vielfalt aus Bergen und Flusstälern, Wäldern und Meeresbuchten, Burgen, Städten und Feldern. Ihr Pionier ist Joachim Patinir. Ausgestellt ist seine „Landschaft mit der Flucht nach Ägypten“ (um 1516/17).

Dramatischer Höhepunkt der Schau ist die von Jan Brueghel dem Älteren gemalte „Versuchung des heiligen Antonius“ (1604). Hell leuchtend treten am Himmel und im Dickicht Ungeheuer aus der Dunkelheit. Links vorn scharen sie sich um Satan in Gestalt einer schönen Verführerin, die den Eremiten Antonius antippt. Aber der lässt sich nicht in Versuchung bringen. Neben solch höllenhaften Landschaften hatte Breughel der Ältere mit Paradieslandschaften großen Erfolg. Ihre mit wechselnder Tierbesetzung aufwartenden farbgewaltigen Va­riationen waren auch für seinen Sohn Jan Breughel den Jüngeren ein Verkaufsschlager. Ein vom Junior produziertes Beispiel ist ausgestellt: die einnehmende „Paradieslandschaft mit der Erschaffung Evas“.    Veit-Mario Thiede

Bis 15. Januar 2017 in der Kunsthalle im Lipsiusbau, Brühlsche Terrasse, Dresden, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 8 Euro, Telefon (0351) 49142000, Internet: www.skd.museum/paradies. Der Katalog aus dem Sandstein Verlag kostet in der Ausstellung 28 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro.


Die Unvergessenen
Nicht nur bei Kennedy, Adenauer, Brand liegen runde Jahrestage an

Das Jahr 2017 steht im Zeichen von Martin Luther. Vor 500 Jahren nagelte er seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg, was die Reformation auslöste (31.10.1517). Das Jubiläum überdeckt fast andere wichtige historische Jahrestage wie die des Beginns der Februar- und der Oktoberrevolution in Russland, die vor genau 100 Jahren begannen (23.2. und 7.11. nach julianischem Kalender), sowie die Jubiläen von be­deutenden Herrschern, Künstlern und Nobelpreisträgern.

So werden sich die Medien ge­genseitig übertreffen, um den 100. Ge­burtstag des US-Präsidenten John F. Kennedy (29.5.), den 50. To­destag von Konrad Adenauer (19.4.) und den 25. Todestag von Willy Brandt (8.10.) zu würdigen. Österreich bereitet sich auf den 300. Geburtstag von Kaiserin Maria Theresia (13.5.) sowie den 250. Geburtstag des Tiroler Freiheitskämpfers Andreas Hofer vor (22.11.). Auch die Niederlande werden gleich zwei historische Persönlichkeiten groß würdigen: ihren König Wilhelm III., der vor 200 Jahren geboren wurde (19.2.), und die vor 350 Jahren gestorbene Luise Henriette von Oranien, die spätere Frau des Großen Kurfürsten von Brandenburg (18.6.).

Wie schwer sich Deutschland mit seiner Geschichte tut, wird sich zeigen, wenn die 150. Geburtstage des letzten Reichskanzlers des Kaiserreichs, Max von Baden (10.7.), sowie der beiden getöteten Weimarer Politiker Kurt Eisner (14.5.) und Walther Rathenau (29.9.) anstehen. Einen gewaltsamen Tod starb vor 100 Jahren auch die Spionin Mata Hari (15.10.). Und APO-Gesänge dürften zum 50. Todestag von Benno Ohnesorg zu hören sein (2.6.). Ähnlich wie Indien mit dem 100. Geburtstag Indira Gandhis (19.11.) und Frankreich mit dem 375. Todestag Kardinal Richelieus dürfte sich besonders Spanien mit dem 125. Geburtstag des Diktators Francisco Franco (beide am 4.12.) schwertun. Der runden Todestage der römischen Herrscher Trajan (8.8.117) und Caracalla (8.4.217) wird man dagegen unbeschwert gedenken können.

Bei den Gedenktagen der Naturforscher und Gelehrten ragt eine Frau heraus: Maria Sibylla Merian. Die Forscherin und Künstlerin, die mit ihren Zeichnungen der Tier- und Pflanzenwelt Maßstäbe setzte, starb vor 300 Jahren (13.1.). Gleich am 1. Januar wird des 200. Todestags des Uran-Entdeckers Martin Heinrich Klaproth gedacht und am 8. Januar des 375. Todestags des Galileo Galilei. Es folgen der 100. Todestag von Ferdinand Graf von Zeppelin (8.3.), der 100. Todestag des aus Westpreußen stammenden ersten Medizinnobelpreisträges Emil von Behring (31.3.), die vor 150 Jahren geborene doppelte Nobelpreisträgerin Marie Curie (7.11.), der 150. Geburtstag des Flugpioniers Wilbur Wright (16.4.) und – nicht zu vergessen – der 250. Geburtstag des preußischen Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt (22.6.) so­wie der 200. Geburtstag des Historikers und preußischen Abgeordneten Theodor Mommsen (30.11.).

Unter den Industriellen seien hervorgehoben: der 150. Geburtstag des aus Schwaben stammenden Hollywood-Tycoons Carl Laemmle (17.1.), der 75. Todestag von Robert Bosch (12.3.), der 200. Geburtstag des Spielzeugherstellers Theodor Friedrich Wilhelm Märklin (2.4.), der 175. Geburtstag von Carl von Linde (11.6.) sowie der 125. Todestag von Werner von Siemens (6.12.).

Von den Künstlern und Literaten seien zunächst drei Frauen genannt: die Königsberger Künstlerin Käthe Kollwitz wurde vor 150. Jahren geboren (8.7.), die französische Autorin Madame de Staël starb ebenso vor 200 Jahren (14.7.) wie ihre britische Kollegin Jane Austen (18.7.). Gestorben sind vor 350 Jahren der Autor von „Gullivers Reisen“, Jonathan Swift (30.11.), vor 250 Jahren der Komponist Georg Phi­lipp Telemann (25.6.) und vor 200 Jahren der aus Tilsit stammende Lyriker Max von Schenkendorf (11.12.). Geboren wurden vor 175 Jahren Karl May (25.2.), vor 100 Jahren der ostpreußische Autor Johannes Bo­browski (9.4.), vor 200 Jahren der Vormärz-Dichter Georg Herwegh (31.5.), der US-Philosoph Henry David Thoreau (12.7.) sowie auch Theodor Storm (14.9.).

300. Ge­burtstage feiern der französische Enzyklopädist Jean-Baptiste d’Alembert (16.11.) sowie der Goethe-Freund und Kunsthistoriker Jo­hann Joachim Winckelmann (9.12.). Den Abschluss der Chronologie bildet ein Literaturnobelpreisträger: Heinrich Böll wurde 21. Dezember vor 100 Jahren geboren.  H. Tews


Kinotipp

Keine Weltraummonster, keine Halunken mit Lichtschwertern, ja, nicht einmal ein Actionfeuerwerk mit explodierenden Raumschiffen – der Film Passengers, der am 5. Januar in die Kinos kommt, spielt auf ungewöhnliche Weise gegen Erwartungen an, die man bei Science-Fiction-Filmen  hegt. Eigentlich handelt es sich um einen nur von zwei Personen getragenen Liebesfilm, der rein zufällig im Weltraum spielt.

Man stelle sich ein Kreuzfahrtschiff vor, das mit nur zwei Passagieren an Bord per Au­topilot auf den Weltmeeren fährt. So kommen sich die zwei Passagiere (Chris Pratt und die „Tribute von Panem“-Heroine Jennifer Lawrence) vor, die 80 Jahre zu früh aus ihrem Kälteschlaf erwachen, der eigentlich dafür sorgen soll, dass sie nach ihrer 120 Jahre dauernden Reise zu einem anderen Planeten noch frisch und jugendlich sind. Was tun, während die 5000 anderen Passagiere und die Crew weiter in ihren Kälteboxen konserviert sind? Man verliebt sich.

Das ist nicht besonders aufregend, und hinsichtlich der Dialoge mit einem Barkeeper-Androiden (Michael Sheen) und der me­ditativen Einsamkeit im All nahm man auch reichlich Anleihen bei den Science-Fiction-Klassikern „2001: Odyssee im Weltraum“ und „Lautlos im Weltraum“. Die technischen Finessen fügen das aber zu einem sehenswerten Liebesaben­teuer zusammen. H. Tews


S. 10 Geschichte & Preussen

Rasputin: Die »Stimme der russischen Erde«
Vor 100 Jahren wurde der Bauer und Wunderheiler aus dem sibirischen Tobolsk heimtückisch ermordet

Um den zur Kultfigur emporgehobenen Rasputin, als „Liebhaber der russischen Kaiserin“ besungen, ranken sich viele Legenden und Gerüchte. Vor 100 Jahren, am 30. Dezember 1916, fiel er einem Mordkomplott verärgerter Teile des Romanowclans und verprellter Würdenträger zum Opfer.

„Rasputin, ein moralisch verkommener und in der Rolle eines Wanderpropheten posierender Bauer aus der Gegend von Tobolsk, hat Geschichte gemacht“, urteilt Günther Stökl in seinem Standardwerk „Russische Geschichte“. Selbst heute, 100 Jahre nach dem Tod Rasputins, stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass ein Analphabet und als bäuerisch, grob und ungeschlacht beschriebener ärmlicher Wanderprediger es bis ins Zentrum der Macht im zaristischen Russland brachte.

Rasputin, der eigentlich Grigorij Jefimowitsch Nowych hieß, stammt aus dem sibirischen Dorf Pokrowskoje im Gebiet Tobolsk, wo er am 21. Januar 1869 (9. Januar nach dem julianischen Kalender) das Licht der Welt erblickte. Im Alter von 17 Jahren wurde er Pilger, um sich näher mit der Religion bekannt zu machen. 1903 machte er sich auf den Weg nach St. Petersburg. Er reihte sich ein in die Schar der „Stranniki“, der Wanderprediger, die verlaust und bettelnd durch das Land zogen und dank ihrer seherischen Fähigkeiten von der Großmut der gehobenen Gesellschaft lebten. Als „Staretz“  („Alter“, der bereits mehrere Stufen als Einsiedler durchlaufen hat) zählte Rasputin bereits zur Elite der „Stranniki“, als er an den Zarenhof kam.

Kirchenvertreter sollen Rasputin die Tür nach St. Petersburg geöffnet haben. Vor allem Johann von Kronstadt, der Beichtvater des Zaren Nikolaus II., soll Rasputin den Zugang zur höheren Gesellschaft ermöglicht haben. Mit Kaiserin Alexandra wurde der Geist­heiler durch deren Verwandtschaft bekannt. Als der Hund von Fürst Nikolaj Nikolajewitsch, einem Onkel des Zaren, und dessen Frau Anastasja ernsthaft erkrankte, empfahl der Tierarzt jemanden aus Sibirien, der die Krankheit besprechen könne. Dieser Jemand war Rasputin. Der schon todgeweihte Hund überlebte. Später heilte Rasputin Anastasja, was auf die Zarin großen Eindruck machte.

Ein Grund für den Erfolg Ras­putins liegt sicherlich in der weit verbreiteten abergläubischen Verehrung, die man in Russland auch heute noch Randerscheinungen des religiösen Lebens entgegenbringt. Rasputin beeindruckte die Kaiserin mit seiner ernsten Frömmigkeit. Er verkörperte für sie das einfache russische Volk, bei dem Orthodoxie, Autokratie und Volkstum in einer Person zusammenflossen.

Entscheidend ist jedoch die Krankheit des langersehnten Thronfolgers Alexej, der an der Bluterkrankheit litt. Viele Scharlatane, Hellseher und Wunderheiler wechselten sich am Hof ab. Sie alle konnten dem Zarewitsch nicht helfen, dennoch blieb der Glaube an Wunder in der Zarenfamilie erhalten. Als Alexej sich 1907 ernsthaft verletzt hatte und die  Ärzte hilflos waren, schlug Rasputins Stunde. Er konnte – vermutlich psychosomatisch bedingt – den Blutfluss stoppen und die Qualen des Jungen lindern. Nun glaubte das Regentenpaar, in Ras­putin die „Stimme der russischen Erde“ zu entdecken. Damit war der legendäre Aufstieg des Wunderheilers in die adelige Gesellschaft besiegelt.

Der Geistheiler, von abstoßendem Äußeren und als stinkend beschrieben, hatte dennoch dank seines instinktsicheren Einfühlungsvermögens gerade auf Frauen eine magische Anziehungskraft. Darüber hinaus besaß er einen ungewöhnlich scharfen Verstand und präzise analytische Gaben, was ihm dazu verhalf, schwierige Situationen für sich zu nutzen und politisch Einfluss zu nehmen. Zunächst begegnete Nikolaus Ras­putin mit Distanz, doch da er dem Thronfolger geholfen hatte, wuchs das Vertrauen in ihn. Er stieg zum wichtigsten Berater und engsten Vertrauten des Kaiserpaars auf.

Nikolaus II. gilt als schwacher und tragischer Zar. Er war angetreten, wie seine Vorväter als autokratischer Selbstherrscher zu regieren. Er betrachtete die Mo-narchie als Gottesgnadentum und wurde darin von seiner Gemahlin unterstützt. Mit der Industrialisierung waren mit dem Bürgertum und der Arbeiterschaft aber neue Gesellschaftsstrukturen entstanden, die Mitsprache forderten. Der Zar verweigerte jedoch jegliche politische und soziale Reformen. Im Jahr 1905 kam es zu einer ersten Revolution aufgrund der schlechten Versorgungslage. Die sich abzeichnende Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg führte zu einem Autoritätsverlust des autokratischen Regierungssystems. Als der Zar eine friedliche Demonstration niederschießen ließ, begann der Stern der Romanow-Dynastie zu sinken. Dieser Realität verschloss sich das Zarenpaar. Stattdessen gab es sich aller Warnungen zum Trotz der Vorstellung hin, an Rasputin hänge das Leben ihres Sohnes und das Schicksal des russischen Reiches.

Der Unmut der vom Hof verdrängten Würdenträger und der Gesellschaft gegen Rasputin stieg, dessen Unmoral und Korruptheit waren Tagesgespräch. Ihm wurde vorgeworfen, den Frauen der Gesellschaft den Kopf zu verdrehen. Bordellbesuche und Treffen in konspirativen Wohnungen wurden ihm nachgesagt. Jeder Würdenträger, der es wagte, sich bei Nikolaus über Rasputin zu beklagen, wurde entlassen.

Die Presse stürzte sich in der Folge auf den Staretz, berichtete über dessen Ausschweifungen, verbreitete schwerwiegende Gerüchte und machte auch vor der Zarin nicht halt: Sie sei die Geliebte Rasputins, wurde kolportiert. Wegen ihrer deutschen Herkunft stand sie unter dem Verdacht, eine preußische Spionin zu sein. Für diese Anschuldigungen gibt es keine Beweise:  Alexandra Fjodrowna war nicht nur eine treu liebende Ehefrau, sie war mit Herz und Seele zum russisch-orthodoxen Glauben konvertiert und liebte das russische Volk.   Alexandra stand zudem in Opposition zum deutschen Kaiser Wilhelm II.

Gegner der Monarchie, Neider und um den Einfluss am Hof ringende Würdenträger nutzten die Handlungen der Zarin zu scharfen Angriffen gegen die herrschende Dynastie. Weil Alexandra sich wie keine andere nichtregierende Zarin in die Regierungspolitik einmischte und weil sie sich schützend vor Rasputin stellte, wurde ihr die Verantwortung für Fehlentscheidungen ihres Mannes in die Schuhe geschoben.

Rasputin wurde häufig nach dem Leben getrachtet, doch sämtliche Attentate auf ihn blieben folgenlos. Zu den hochgestellten Feinden Rasputins zählten die Mutter des Zaren, Maria Fjodorowna, wie auch Alexandras Schwester, Elisabeth Fjodorowna. Gemeinsam mit Fürstin Sinaida Nikolajewna Jussupowa, deren Sohn Felix und dem Dumaabgeordneten Wladimir Purischkewitsch planten sie ein Komplott. Der Plan bestand darin, dass Fürstin Irina, eine Verwandte des Zaren und eine Schönheit, deren Reizen der Schwerenöter Rasputin nicht widerstehen würde, diesen in das Haus Jussupow locken sollte. Rasputin nahm die Einladung trotz Warnungen an. Der britische Geheimdienst soll ebenso von dem bevorstehenden Attentat gewusst haben wie weite Teile der St. Petersburger Gesellschaft. Am 30. Dezember (17. Dezember) 1916 wurde der Plan in die Tat umgesetzt. Rasputin wurde vergiftet, dann schoss Jussupow auf ihn, und Purischkewitsch erledigte den Rest.

Mitten im Ersten Weltkrieg, auf den Russland schlecht vorbereitet war, kam es 1917 zur Revolution. Die Kritiker, die den Zaren davor gewarnt hatten, Rasputins Einfluss werde zur Zersetzung und dem Verfall des Staates führen, sollten recht behalten. Alle weitsichtigen Berater, die ihn von notwendigen Reformen hätten überzeugen können, hatte Nikolaus II. entlassen. Manuela Rosenthal-Kappi


Ihr Nachbau wird als Jugendherberge genutzt
Der Raddampfer »Die Weser« – Das erste von einem deutschen Schiffbauer gebaute und einem deutschen Reeder betriebene Dampfschiff

Mit großem Interesse schaute man von Bremen an der Weser nach Amerika, wo Robert Fulton, der Begründer der Dampfschifffahrt, bereits ab 1807 Schiffe mit Dampfmaschinen ausrüstete, war doch der Schiffsweg von Bremen nach Vegesack und Brake bei widrigen Winden sehr schwierig. Der Kaufmann Fried­rich Schröder sah das Potenzial dieser neuen Technik und beantragte im Frühjahr 1816 beim Bremer Senat die alleinige Lizenz zum Betrieb von Dampfschiffen auf der Weser, die ihm für 15 Jahre gewährt wurde.

In Europa galten die Engländer als Vorreiter beim Dampfschiffbau, und die meisten Reeder ließen ihre Schiffe auf englischen Werften bauen oder dafür englische Spezialisten nach Deutschland kommen. Schröder vergab den Auftrag jedoch an die Bauwerft Johann Lange bei Vegesack. Damit wurde „Die Weser“ als erstes Dampfschiff in Deutschland von einem deutschen Schiffbauer gebaut. Lediglich die Maschineneinrichtung wurde noch von der Firma des Dampfmaschinenpioniers James Watt aus Birmingham bezogen.

Johann Lange sammelte mit dem Planungsingenieur Treviranus und dem zukünftigen Kapitän auf einer Studienreise in England Kenntnisse über den Dampfschiffbau. Der Stapellauf erfolgte bereits am 30. Dezember 1816. „Die Weser“ war ein 24 Meter langer grüngestrichener Schaufelraddampfer, der maximal 80 Passagiere transportieren konnte. Es gab einen prachtvoll eingerichteten Salon mit Mahagoniausstattung für die erste Klasse, in dem sogar eine kleine Bibliothek vorhanden war. Aber auch die zweite Klasse aus Tannenholz war gemütlich eingerichtet, und auf dem geräumigen Oberdeck luden gepolsterte grüne Bänke zum Verweilen ein. Die Dampfmaschine von Boulton & Watt erreichte eine Leistung von 14 PS, was einer Geschwindigkeit von 5,5 Knoten, etwa zehn Kilometern pro Stunde, entsprach. Der immerhin neun Meter hohe Schornstein konnte zusammen mit dem Mast umgeklappt werden, damit die Weserbrücke passiert werden konnte.

Im Jahr der Inbetriebnahme 1817 beförderte das Schiff bereits 10000 Passagiere. Es blieb 16 Jahre im Liniendienst auf der Weser in Fahrt. 1818 brachte Lange noch ein zweites Dampfboot in Fahrt, die „Herzog von Cambridge“. Allerdings machten die schwierigen Flussverhältnisse durch Versandung und langsam fahrende Weserkähne, welche die Fahrrinne blockierten, auch für ein Dampfschiff den wirtschaftlichen Betrieb schwierig, und die geplante Hin- und Rückfahrt an einem Tage von Bremen nach Brake ließ sich nicht realisieren. Schröder musste Verluste tragen. Sein Versuch, die Freie Hansestadt Bremen an den Verlusten zu beteiligen, schlug fehl. Dennoch blieb „Die Weser“ mit Unterbrechungen bis 1833 in Fahrt, deutlich länger als das Berliner Dampfschiff „Prinzessin Charlotte von Preußen“, das nach nur drei Jahren bereits wieder den Dienst einstellte (siehe PAZ Nr. 42).

Das Schiff „Die Weser“ ist heute wieder im Bremer Stadtbild präsent. Der Nachbau aus dem Jahr 2008, der eigentlich wieder auf der Weser in Fahrt gehen sollte, wird von der Jugendherberge Bremen als schwimmende Unterkunft genutzt. Britta Heitmann


S. 11 Geschichte & Preussen

Wie Ansbach und Bayreuth zu Preußen kamen
Vor 225 Jahren trat der kinderlose Markgraf Karl Alexander seine fränkischen Fürstentümer an seinen Vetter in Berlin ab

Ab 1792 waren die Reichsterritorien Brandenburg, Ansbach und Bayreuth in der Hand des preußischen Königs vereint. Keine drei Jahrzehnte vorher war das noch etwas anders gewesen. Da waren die drei Territorien zwar auch schon in der Hand der Hohenzollern, aber dreier unterschiedlicher Linien. Wie konnte es zu der dazwischen liegenden Macht­erweiterung Brandenburg-Preußens kommen?

1768 regierte in Ansbach seit elf Jahren Markgraf Karl Alexander, in Brandenburg seit fünf Jahren Markgraf Friedrich Christian und in Brandenburg Friedrich der Große. Die Personalunion zwischen den beiden fränkischen Markgraftümern hatte 1603 geendet. In jenem Jahr war die ältere Linie der fränkischen Hohenzollern mit dem Tode von Georg Friedrich I. ausgestorben. Die beiden Markgrafschaften, die Georg Fried­rich I. noch gemeinsam regiert hatte, wurden zwischen den beiden jüngeren Brüdern des brandenburgischen Kurfürsten Joachim Friedrich aufgeteilt.

Christian erhielt Bayreuth und Joachim Ernst Ansbach. Die von Christian begründete Linie in Bayreuth starb 1769 mit dem Tode von Fried­rich Christian aus und Bayreuth fiel an Karl Alexander.

Allerdings blieb Karl Alexander selber kinderlos. Möglicherweise hatte er sich bereits als junger Erbprinz bei einer Reise nach Turin und Savoyen mit der Syphilis angesteckt. Jedenfalls erschien es absehbar, dass nach seinem Tode seine Markgrafschaften an die in Brandenburg regierende Linie fallen würden. Die zunehmende Gewissheit, sein Erbe nicht einem Nachkommen hinterlassen zu können, mag ein Grund dafür gewesen sein, dass er die Lust an der Regierungsarbeit schließlich verlor. Ein anderer mag die 1782 beginnende Liaison mit der britischen Baroness Lady Elizabeth Craven gewesen sein. Durch sie wuchs die ohnehin schon sehr starke Vorliebe des Ansbachers für alles Ausländische ins Grenzenlose. So sprach er nun viel mehr Englisch als das von ihm verachtete Deutsch. Darüber hinaus entfremdete sich der Fürst auch seiner höheren Beamtenschaft, die den Lebensstil des Landesherrn immer weniger guthieß.

Deshalb beschloss Karl Alexander, nicht erst seinen Tod abzuwarten, sondern bereits zu Lebzeiten seine Markgrafschaften an die Brandenburger Verwandtschaft abzutreten, an die sie nach seinem Tode aufgrund der zollerschen Familienverträge und der Vereinbarungen im Frieden von Teschen vom 13. Mai 1779 ohnehin gefallen wären. Planvoll hatte bereits sein Großvater, der Soldatenkönig, darauf hingearbeitet, in Franken Fuß zu fassen. Bereits 1729 hatte die zweitälteste seiner das Erwachsenenalter erreichenden Töchter, Friderike Luise, Karl Alexanders Vater und Vorgänger in Ansbach, Markgraf Karl Fried­rich Wilhelm, geheiratet. Und zwei Jahre später hatte Friderike Luises ältere Schwester, Wilhelmine, dem Erbprinzen und späteren Markgrafen von Bayreuth, Fried­rich III., das Jawort gegeben.

Das Aushandeln des Abtretungsvertrags oblag dem vormaligen braunschweigischen Beamten sowie späteren preußischen Staatskanzler und Reformer Karl August Freiherr von Hardenberg, der ab Oktober 1790 als Leitender Minister in Ansbach fungierte, aber zuvörderst im Interesse seines späteren Arbeitgebers Preußen handelte. Die von ihm zustande gebrachte geheime Abmachung wurde am 16. Januar 1791 anlässlich eines Besuches des Markgrafen in Berlin unterzeichnet. Sie sah vor, dass Karl Alexander jährlich 304000 Gulden als „konventionsgemäße Kompetenz“, also Leibrente, erhalten sollte.

Vier Monate später reisten der regierungsmüde Fürst und Lady Craven nach Lissabon, wo die beiden frisch Verwitweten heirateten. Außerdem erteilte der Markgraf Hardenberg am 9. Juni von Portugal aus die Vollmacht, an seiner Stelle die komplette Regierungsgewalt auszu­üben. Anschließend begab er sich weiter nach Bordeaux. Dort unterzeichnete Karl Alexander am 2. Dezember 1791 die formelle Abdankungsurkunde, mit der er die Herrschaft über Ansbach und Bayreuth an seinen in Berlin regierenden Vetter Fried­rich Wilhelm II. übertrug. Wirksam wurde diese Willenserklärung dann zum 31. Dezember 1791.

Davon erfuhr die Welt freilich erst Ende Januar 1792, nachdem das Berliner Kabinettsministerium Hardenberg angewiesen hatte, das auf den 5. des Monats datierte Regierungsantrittspatent Friedrich Wilhelms nunmehr öffentlich bekannt zu machen. Zu dem Zeitpunkt weilte Karl Alexander bereits in England.

Zunächst schaltete und waltete Hardenberg als Statthalter in Ansbach-Bayreuth wie ein Vizekönig. Er suchte die Konfrontation mit dem lokalen Adel und beschnitt dessen traditionelle Rechte, um Ansbach-Bayreuth zu arrondieren und es nach dem Vorbild Preußen-Brandenburgs zu homogenisieren. Außerdem ging Hardenberg nun daran, seine schon länger gehegten Pläne hinsichtlich grundlegender Verwaltungsreformen in die Tat umzusetzen. Dabei erzielte er beachtliche Erfolge. Dennoch erregte das eigenständige und angeblich auch verschwenderische Agieren des Freiherrn Anstoß in Berlin. Deshalb schränkte Fried­rich Wilhelm II. dessen Kompetenzen 1798 ein und machte einige der Neuerungen sogar rück­gängig.

Unter Friedrich Wilhelms II. Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm III. gingen Ansbach und Bayreuth der in Berlin regierenden Hohenzollernlinie bereits wieder verloren. 1805 kam Ansbach durch den preußisch-französischen Vertrag von Schönbrunn zu Frankreich. Verantwortlich hierfür war die schwache preußische Verhandlungsposition nach der Schlacht von Austerlitz, in der Napoleon obsiegt hatte. Bereits am nächsten Tag übertrug Bonaparte seinerseits Ansbach an das mit ihm verbündete Bayern. Nach dem Vierten Koalitionskrieg trat Berlin 1807 im Frieden von Tilsit auch noch Bayreuth an Frankreich ab, das es 1810 für 15 Millionen Francs wiederum an Bayern verkaufte. Damit endete die kurze Episode der preußischen Oberhoheit über Ansbach-Bayreuth.

Den preußischen Verlust Ansbachs erlebte Karl Alexander noch mit, den Bayreuths nicht mehr. Der „Regent im Ruhestand“ starb am 5. Januar 1806 in seiner Wahlheimat und der Heimat seiner letzten Ehefrau. Die Leichenfeier fand am 24. Februar statt und damit  an jenem Tag, an dem der französische Marschall und spätere schwedische König Jean Baptiste Bernadotte Ansbach im Auftrage des ersten bayerischen Königs, Maximilian I. Joseph, besetzte. Wolfgang Kaufmann/M.R.


Ein Autodidakt entdeckte das Uran
Vor 200 Jahren starb mit Martin Heinrich Klaproth der erste Chemieprofessor der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität

Der am 1. Dezember 1743 in Wernigerode im Harz geborene Martin Heinrich Klaproth war das dritte von vier Kindern armer Eltern. Der Vater, der in der Stadt als Schneidermeister wirkte, ermöglichte dem Jungen einen weiterführenden Bildungsweg und unterstützte auch dessen naturwissenschaftliche Orientierung. Klaproth besuchte zunächst die heimische Lateinschule, absolvierte anschließend in der Rats­apotheke von Quedlinburg eine Apothekerlehre und vervollkommnete sich dann als Gehilfe in der Hofapotheke in Quedlinburg. 1768 wechselte der Schneidersohn nach Berlin, wo er in der Mohren­apotheke arbeitete und sich bei bekannten Chemikern zusätzliche Anregungen holte. Es folgten eine Arbeit in der Ratsapotheke in Danzig und 1771 der Eintritt in die Berliner Apotheke „Zum weißen Schwan“, die von Valentin Rose geführt wurde, einem namhaften Pharmazeuten und Chemiker. Rose gedieh zum väterlichen Freund, gewann Klaproth für wissenschaftliches Arbeiten und ernannte ihn für den Fall seines Todes zum Nachfolger sowie Vormund seiner Kinder. Nach dem Tod seines Chefs erfüllte der so Geehrte dessen Vorgaben. 1780 heiratete er Christiane Sophie Lehmann, eine vermögende Nichte des bedeutenden Chemikers Andreas Sigismund Marggraf. Klaproth kaufte Marggrafs Bärenapotheke, richtete dort ein Forschungslabor ein und legte zudem das Pharmazeutische Staatsexamen ab. Nun legte der Aufsteiger so richtig los.

Klaproth experimentierte, wurde Mitglied des „Collegium medico-chirurgicum“ mit der Zulassung als Lehrer sowie Prüfer und hielt im Ergebnis seiner Forschungen eigene Vorlesungen. 1784 übernahm er an der neuen Bergschule ein Lehramt. Erfolg und wachsendes Ansehen blieben nicht aus. 1787 wurde der aufstrebende Naturwissenschaftler als Dozent an die Artillerieschule berufen, der späteren Militärakademie. Dazu gehörte der Titel eines Professors. Klaproth lehrte, forschte, galt als herausragender Analytiker, entdeckte die Elemente Titan, Zirconium, Uran, Tellur sowie Strontium, beeinflusste solchermaßen das moderne chemische Denken in Deutschland und wurde als „ordentlich besoldeter Chemiker“ in die Akademie der Wissenschaften berufen. Das bedeutete den Ritterschlag als Wissenschaftler. Er verkaufte seine Apotheke, bezog in der Akademie eine Dienstwohnung und nutzte ab 1800 das Akademielaboratorium für seine weiterführenden Forschungen. Parallel gab er sechs Bände „Beiträge zur chemischen Kenntnis der Mineralkörper“ heraus. Die Mineralienanalyse war für ihn ein zentrales Arbeitsfeld. Dazu gehörte auch eine riesige Mineraliensammlung, die schließlich 4828 Objekte umfasste. Ab 1807 veröffentlichte er zusammen mit einem Partner ein neuartiges „Chemisches Wörterbuch“. Dazu kam sein Beitrag zur modernen Apothekengesetzgebung in Preußen. Klaproth schwamm als Wissenschaftler auf einer Erfolgswelle und galt in ganz Deutschland ohne Fachstudium an einer Universität, ohne Promotion oder Habilitation als Autorität. Da wundert es nicht, dass er bei der Gründung der „Friedrich-Wilhelm-Universität“ in Berlin auf Vorschlag vieler Kapazitäten wie den Humboldtbrüdern zum ersten Chemieprofessor erhoben wurde.

Aber die Gesundheit des Aufsteigers war angeschlagen. Ab 1814 folgten mehrere Schlaganfälle, die den wohl hervorragendsten deutschen Chemiker seiner Zeit zur Reduzierung seiner Arbeit zwangen und am 1. Januar 1817 zum Tod führten. Martin Stolzenau


S. 12 Leserforum

Leserforum

Trump-Gegner haben auf das falsche Pferd gesetzt

Zu: Die Wahrheit (Nr. 47)

Für die meisten Deutschen gab es in der letzten Zeit wahrlich wenig Grund zur Freude. Die Erwartungen, dass sich in nächster Zeit etwas Bedeutsames ändern könnte, waren gedämpft. Umso überraschender dann das Wahlergebnis aus den USA. Für viele Menschen hierzulande war es ein Anlass zur Freude, besteht doch nun die Hoffnung auf politische Veränderung, die sich mit Verzögerung auch auf Europa auswirken wird.

Obwohl der 9. November bei uns in guter Erinnerung ist, wird er nun noch durch den großartigen Wahlsieg von Donald Trump gekrönt. Aber nicht allen war die Freude ins Gesicht geschrieben. Im Gegenteil, sie waren entsetzt und bestürzt, weil ihnen das Ergebnis nicht passte. Sie haben, wie so oft, einfach auf das falsche Pferd gesetzt. Und nun liegen sie am Boden zerstört. Bin gespannt, wie sie sich aus dieser Situation wieder herausziehen werden.

Die USA als größte westliche Führungsmacht haben den ersten Schritt getan. Bleibt also zu hoffen, dass noch andere, mutige Völker in Europa dem guten Beispiel dieser politischen Wende folgen. Die Zeit dazu ist überreif.

Und wer weiß, es könnte ja sein, dass sich der künftige Präsident der USA seiner deutschen Vorfahren besinnt und in seiner Amtszeit als friedensstiftende Maßnahme auch gegenüber Russland die noch verbliebenen Besatzungssoldaten mit samt den Atomsprengköpfen aus Deutschland ganz nach dem Beispiel der Roten Armee abziehen lässt.

Was Russland in den 90er Jahren geschafft hat, sollte den US-Amerikanern bei ihrem Schuldenstand doch recht leicht fallen. Aus Erfahrung weiß man, dass Deutschland auch diese Aktion bezahlen würde.

Wilhelm Jäkel, Damme

 

 

Kirchen-Arroganz

Zu: „Der Westen ist schuld am Chaos“ (Nr. 51)

Wie die deutschen Christen sich wegbücken, wenn es um das Schicksal ihrer Glaubensbrüder in islamischen Ländern geht, zeigt exemplarisch die Grußpredigt im Vorwort der Bremer Domnachrichten von St. Petri für November 2016. Dr. Peter Ulrich, Prediger, entblödet sich dort nicht, den üblichen politischen Kampagnenschmutz unterzubringen, indem er ganz selbstverständlich Bewegungen wie Pegida herabwürdigt.

Ich habe ihm, als (Noch-)Mitglied dieser Gemeinde, eine entsprechende E-Mail geschrieben, mit dem Hinweis auf die Leiden der Christen in der islamischen Welt. Und dass dies unter anderem der Grund ist, warum Pegida-Anhänger auf die Straße gehen, es gäbe sonst niemanden, der sich darüber empören würde. Ulrichs einzige Reaktion darauf war: „Ich habe Ihre E-Mail zur Kenntnis genommen.“ Mehr fällt diesen arroganten Herrschaften nicht dazu ein.

Chris Benthe, Bremen

 

 

Mahnende Worte aus der Vergangenheit, die ungehört verhallen

Zu: Blutweihnacht (Nr. 51)

Ein großer Teil der Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Kirchen trägt Schuld an dem Anschlag in Berlin. Es ist ja nicht der erste Anschlag dieser Art, es hat schon viele Verbrechen im Namen Allahs gegeben. Auch schon vor dem Jahr 2015. Es hat auch zu früheren Zeitpunkten viele „Warner“ gegeben. Damals hat man diese Menschen noch als Spinner oder Hellseher bezeichnet. Sie wurden noch nicht als Rassisten bezeichnet. Es kann also nicht sein, dass sich heute viele äußern, „das konnte ja keiner ahnen“.

Wer aufmerksam die letzten 15 Jahre verfolgt hat, der konnte es sehr wohl ahnen. Ein hoher Polizeibeamter sagte kürzlich: „Es gibt 80 Millionen Bundestrainer und Kriminalbeamte.“ Wir hätten alles im Griff. Offensichtlich hat es die Justiz und Polizei nicht. Nicht nur nicht in Deutschland, sondern in ganz Europa.

Vor einigen Wochen hat die  Bundeskanzlerin den Menschen geraten, die Sorgen vor dem Islam haben, sich zur Weihnachtszeit wieder verstärkt dem christlichen Liedgut zuzuwenden und die Block­flöte zur Hand zu nehmen, denn sonst ginge uns „ein Stück Heimat verloren“. Oder: Besorgte Bürger müssen eben „mal wieder in den Gottesdienst gehen, ein bisschen bibelfest“ werden oder „ein Bild in der Kirche noch erklären“ können. Mit solchen Sprüchen erklärt man uns für dumm. Als Vorbeterin des Staates hat sie Vorgenanntes nur unzureichend erledigt.

Schon 2004 haben Gerhard Schröder und einige Spitzenpolitiker der Union die Moslems aufgefordert, sich in die Gesellschaft einzugliedern und deren Werte anzuerkennen. Wer in Deutschland lebt, müsse sich „klar und unmissverständlich zu unserer Rechtsordnung und unseren demokratischen Spielregeln bekennen“, so Gerhard Schröder. Weiter sagte Schröder im Jahr 2014: „Weder kann eine Demokratie rechtsfreie Räume noch kann sie Parallelgesellschaften dulden. Wir müssen darauf bestehen, dass unserer Integrationsbereitschaft ein Integrationswille bei denen entspricht, die zu uns kommen“.

Ebenfalls im Jahr 2004 erklärte die damalige CDU-Chefin Merkel, die Idee der multikulturellen Gesellschaft für „dramatisch gescheitert“. Wenige Jahre später hat der damalige australische Premier John Howard in Richtung Muslime Folgendes gesagt: „Einwanderer, nicht Australier, müssen sich anpassen. Akzeptieren sie es, oder verlassen sie das Land. Ich habe es satt, dass diese Nation sich ständig Sorgen machen muss, ob sie einige Individuen oder deren Land beleidigt… Wenn ihr hier nicht glücklich seid, dann geht! Wir haben euch nicht gezwungen, hierher zu kommen. Ihr habt gebeten, hier sein zu dürfen. Also akzeptiert das Land, das euch akzeptiert hat.“

Vier Jahr vorher haben Schröder und Merkel in Kurzform nichts anderes gesagt. Und nun?

Heinz-Peter Kröske, Hameln

 

 

Links weichgespült

Zu: Die irre Welt der „Flüchtlingshelfer“ (Nr. 50)

Es ist das Ergebnis jahrzehntewährender Behämmerung der Jugend durch ein vorwiegend linksgrün gewirktes Lehrpersonal, wenn deutsche Frauen und Mädchen „den kruden Machos aus dem Morgenlande“ mit offenen Armen entgegenkommen. Sie finden dort, was politisch korrekte Pädagogen ihren Schülern nachdrücklich adressiert haben. Ein harmloser Ringkampf unter Zehnjährigen gilt ihnen als untragbarer „Ausbruch von Aggression“. Den gilt es zu „therapieren“.

Woher sollen solch bedauernswerte, weichgespülte „Softies“ ihren Mumm hernehmen, wenn jeder Ansatz dazu gehemmt wird?

Ich habe die Schulbücher meiner Söhne gelesen. Bei allen Darstellungen, Berichten und Geschichten standen Mädchen im Mittelpunkt der Ereignisse. Dass Leistung oder Mut eines Jungen herausgestellt wurde, kam nirgends mehr vor.

Ohnehin sind männliche Wesen nach den gängigen Ideologien von Gender und Feminismus nichts als arme Schweine, schuldig an allem Übel der Welt. Sie können zwar nichts dafür, dass sie keine Frauen sind, aber so ist es nun mal. Kein noch so beflissener Sitzpinkler kommt dagegen an. Je mehr er sich „feminisiert“, desto größere Verachtung trifft ihn.

Eines ernst zu nehmenden Gegenübers beraubt, mehrte sich unter gleichaltrigen Mädchen ein Zicken-Typ mit Kreischton in der Stimme, der sich gern über männliche Unzulänglichkeiten beklagte. „War’s das?“

Wenn vor allem Frauen mit besserer Bildung unter Zuwanderern nach unverzerrter Männlichkeit suchen, ist auch das kein Wunder. Je weiter ein deutsches Kind über Grundschule, Gymnasium und Hochschule aufsteigt, desto stärker ist die ideologische Behämmerung und umso länger ist es ihr ausgesetzt. Die volksfeindliche Saat der 68er, die in Kindern nur Versuchskaninchen sieht, hat sich  der Schulbehörden bemächtigt und schreckt vor keiner Schweinerei zurück.

Volker Wittmann, Philippsburg


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Ein Hauch von Amalienau
Wohnungs-Museum in Königsberg eröffnet – Staatssender schürt Ängste vor »Regermanisierung«

In der Königsberger Schrötterstraße wurde vor Kurzem ein neues Wohnungs-Museum eröffnet, das ostpreußisches Alltagsleben im Stadtteil Amalienau widerspiegelt. Aufgrund der derzeitigen Diskussion um eine drohende „Regermanisierung“ erfuhren die Bürger nur durch soziale Netzwerke davon.

In Königsberg hat vor Kurzem ein neues Museum mit dem Namen „Altes Hufen-Haus“ seine Tore geöffnet. Die Ausstellung widmet sich dem Alltagsleben normaler Bürger zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts und illustriert die Geschichte des Königsberger Bezirks Hufen. Das Gebäude in der Schrötterstraße 11–13 (heute ul. Krassnaja 11) wurde 1912 als Wohnhaus gebaut. Bis 1941 wohnte in der Wohnung Nr. 1, in der sich das Museum befindet, die Familie von Gustav Großmann, eines Kaufmanns und Inhabers eines Lebensmittelgeschäfts. Dass das Familieneinkommen überdurchschnittlich gewesen sein muss, legt die relativ gehobene Ausstattung des Interieurs der Wohnung nahe, die schön und wertvoll aussieht. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die Kuratoren des Museums sich auch bemüht haben, Gutes und Teures zu zeigen. Deshalb unterscheidet sich die Einrichtung der Wohnung vermutlich eher von der einer durchschnittlichen.

Ein erstes Wohnungs-Museum existiert schon auf der Hardenbergstraße [Pugatschowa 12] im selben Stadtteil. Es wurde im April 2014 gegründet. Dort hatte sich vor dem Krieg ein Obdach für die Witwen von Kaufmannsfamilien befunden. Deshalb ist die Ausstellung dieses Museums dem Leben von Königsberger Frauen des frühen 20. Jahrhunderts gewidmet. Die Arbeit an der neuen Ausstellung dauerte über ein Jahr: Sorgfältig wurden Möbel und Einrichtungsgegenstände ausgewählt, Küchenutensilien, Dekorationen, Figuren und vieles mehr gesammelt. Neben der Besichtigung des Interieurs kann man im neuen Wohnungs-Museum mehr über die Geschichte des renommierten Königsberger Stadtteils Amalienau erfahren. Führungen durchs Museums finden dreimal täglich außer Sonntags statt.

Wie schon bei dem ersten Wohnungs-Museum kann man auch beim zweiten alles berühren, sich auf die Stühle setzen, Schränke öffnen und die Kunstwerke aus der Vergangenheit anfassen.

Am Eröffnungstag waren so viele Interessierte gekommen, dass der kleine Raum kaum alle Besucher aufnehmen konnte. Die meisten hatten aus sozialen Netzwerken und durch Mund-zu-Mund-Propaganda von der Eröffnung erfahren. Viele Gäste kamen vorbereitet, das heißt, in Kostümen und Kleidung, die für die Zeit vor dem Krieg typisch waren.

In letzter Zeit wird in den Königsberger Medien in regelmäßigen Abständen die „Germanisierung“ thematisiert. Besonders aktiv zeigen sich in dieser Hinsicht Journalisten des VGTRK (Allrussisches staatliches Fernsehunternehmen) „Kaliningrad“. In der Fachwelt ist eine Diskussion darüber ausgebrochen, wie man einige Ereignisse und kulturelle Initiativen behandeln sollte. Die Vorstellung des neuen Museums hat trotz aller Versuche, das Deutsche zu verdrängen, gezeigt, dass das Interesse an der Geschichte Ostpreußens groß ist und selbst Vertreter der regionalen Behörden nicht gleichgültig lässt. Am Eröffnungstag war auch die Ministerin der Regionalregierung für Kultur, Swetlana Kondratjewa, anwesend, die mit großer Begeisterung die Museumsexponate studierte.

Es wird damit gerechnet, dass auch das neue Museum genauso viele Besucher wie das erste anziehen wird. Neben Führungen sollen in Zukunft auch Musik- und Liederabende im Museum stattfinden.    Jurij Tschernyschew


Deutsch-Eylau in Umfragen vorne
Leserbefragung in Allenstein und Elbing zu Politik und Gesellschaft fand großes Interesse

Die Ergebnisse einer großen regionalen Umfrage zu „Investition des Jahres 2015“ und „Ja oder Nein für die Macht“ wurden kürzlich veröffentlicht. In der Philharmonie von Ermland und Masuren Feliks Nowowiejski in Allenstein hat vor Kurzem eine feierliche Gala anlässlich der Bekanntgabe der Ergebnisse der beiden Umfragen stattgefunden. Die Veranstaltung wurde von der „Allensteiner Zeitung“ und der „Elbinger Tageszeitung“ organisiert.

Die Teilnehmer an der Umfrage „Investition des Jahres 2015“ hatten in fünf Kategorien gewählt: soziale Verantwortung der Geschäftsleute, Investition in die Infrastruktur, Verwendung von EU-Mitteln, Investition in die Entwicklung von Bildung und Kultur, Investitionen zugunsten von Familien.

92 Investitionen wurden mit knapp 10000 Stimmen bewertet. Darüber hinaus wurde „das Unternehmen/der Unternehmer des Jahres 2015“ gewählt. Jurymitglied waren der Präsident der WM-Gruppe, der Herausgeber der „Allensteiner Zeitung“ und der „Elbinger Tageszeitung“.

Sieger der Umfrage „Investition des Jahres 2015“ wurden die Firma Szynaka Möbel, die Kläranlage in Heinrichshof, der Bahnhof von Hochdruck in Entenbruch, der Fußballplatz im Stadion des Stadtzentrums von Lyck und der Schwimmbadbau „Perle“ in Mohrungen.

Es wurden auch Sonderpreise ausgehändigt. Der erste, ein Pokal für die „Beste Geschäftsfrau“, ging an Alina Szynaka, die Vizepräsidentin von Szynaka Möbel, und der zweite wurde den Verantwortlichen für die Investition in den Binnenhafen in Deutsch Eylau überreicht. Der Binnenhafen in Deutsch Eylau ist eine wichtige Investition für die Region. Sie hat  fast vier Millionen Euro betragen, von denen die Europäische Union zwei Millionen übernommen hat. Dank dieser Investition hat Deutsch Eylau jetzt die modernste Einrichtung dieser Art im südlichen Ostpreußen. Das Objekt verfügt über einen Warteraum, eine Essecke mit Panoramaterrasse, Waschräume, eine Sanitäter- und Erste-Hilfe-Einrichtung sowie eine Werkstatt für kleinere Reparaturen von Schiffen. Im Frachthafen wurden die Anlegepositionen für verschiedene Bootsarten wie Segelboote, Tretboote und Kajaks gebaut. Da dies eine Kreisinvestition war, übernahm der amtierende Landrat des Kreises Deutsch Eylau, Marek Polanski, die Auszeichnung auf der Bühne.

Die Leser der „Allensteiner Zeitung“ und der „Elbinger Tageszeitung“ haben vor ein paar Wochen auch an der Abstimmung über die besten Mitglieder der Selbstverwaltungen in der Region teilgenommen. Die Abstimmung unter dem Motto „Ja oder Nein zur Regierung“ stieß auf großes Interesse. Für die Sieger gab es Sonderpokale. Diese wurden in sieben Kategorien vergeben: Präsident, Bürgermeister, Vogt, Landrat, das Stadtratsmitglied, das Gemeinderatsmitglied, das Kreisratsmitglied und das Woiwodschafsratsmitglied.

Die Gewinner dieser Umfrage wurden der Bürgermeister von Neumark in Westpreußen, der Vogt der Gemeinde Benkheim, der Landrat von Heilsberg, die Rätin des Stadtrates von Neidenburg, der Ratsherr des Gemeinderates von Dietrichswalde, die Rätin des Bezirksrats in Bartenstein und Marcin Kulasek, der Ratsherr des Woi-wodschaftsrates.

An der Zeremonie nahmen viele wichtige Gäste teil, unter anderem der Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung und Mitglied des polnischen Parlaments, der Marschall der Woiwodschaft Ermland und Masuren, der Präsident von Allenstein sowie zahlreiche Mitglieder lokaler und regionaler Behörden der Woiwodschaft.

Diese Veranstaltung wurde von künstlerischen Darbietungen begleitet. Solche Umfragen sind nützlich, da ihre Ergebnisse den wirtschaftlichen Zustand der Region widerspiegeln. Die öffentliche Beurteilung von Behördenvertretern erlaubt Prognosen für ihre Chancen bei den nächsten Wahlen. Leszek Chaburski


Altes Kraupischken
»Friedländer Tor« zeigt seltene Aufnahmen

Zurzeit zeigt das Königsberger Museum „Friedländer Tor“ eine Ausstellung „Spaziergänge durch das alte Kraupischken“ über  die kleine Stadt im Kreis Elchniederung. Die Ausstellung wurde anlässlich des 655. Jahrestages Kraupischkens mit Exponaten des Heimatkundlichen Museums in der allgemeinbildenden Mittelschule des heute Uljanowo genannten Kraupischken erstellt. Die Schule ist zum Anziehungspunkt von Bewohnern und Gästen des Orts geworden.

Dank der Initiative des unermüdlichen Schulleiters und Museumsdirektors Jurij Userzow werden Gegenstände und Materialien gesammelt, die vom Leben vor dem Zweiten Weltkrieg und dem modernen Leben des Orts erzählen. Der „Spaziergang durch das alte Kraupischken“ bietet die Gelegenheit, „zu Fuß“ durch das Vorkriegs-Kraupischken zu schlendern, vorbei an Cafés und Geschäften, und an der Kirche anzuhalten, um ihre Fresken zu bewundern. Es sind einzigartige Aufnahmen von Gebäuden zu sehen, die es heute nicht mehr gibt. Der Besucher kann sich von der Schönheit und Einzigartigkeit der kleinen Kreisstadt überzeugen. Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Februar 2017 zu sehen. PAZ

Museum Friedländer Tor, ul. Dzerschinskogo 30, 236004 Kaliningrad, Telefon 007 (4012) 631520.


MELDUNGEN

750 Tonnen Asbest zu viel

Allenstein – Allenstein hat etwa 750 Tonnen Asbest, die bis zum Jahre 2032 abzuschaffen sind. Der Stadtverordndete Jaroslaw Babalski von der Fraktion „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) bezweifelt, dass dies zu schaffen ist. Jedoch überzeugte Zdzislaw Zdanowski, Direktor der Abteilung für Umwelt der Stadtverwaltung, die Mitglieder davon, dass die Stadt mit einem besonderen Etat disponiere. Das meiste Asbest hat mit etwa 108 Tonnen die Ketrzynski-Siedlung (südlich des Bahnhofes Allenstein-West), am wenigsten gibt es in Pieczewo. (im Südosten Allensteins in Richtung Schönwalde).    PAZ

 

Museum in der Altstadt

Allenstein – In einem rnovierungsbedürftigen Haus in der Barbarastraße in unmittelbarerNachbarschaft zur St.-Jacobs-Kathedrale in der Allensteiner Altstadt soll ein Museum der Ermländischen Erzdiözese entstehen. Zunächst muss das Gebäude saniert werden. Das Projekt erhält eine Förderung durch die EU. Von insgesamt zehn Millionen Zloty (zirka 2,27 Millionen Euro) übernimmt die EU 8,5 Millionen (zirka 1,9 Millionen Euro). Die Ausstellungs-Fläche wird 300 Quadratmeter betragen. In der Einrichtung werden sich etwa 250 Exponate befinden, die wegen ihres Zustands für den Gebrauch nicht mehr geeignet sind. Das Museum der Ermländischen Erzdiözese soll 2018 fertiggestellt sein.                  PAZ


S. 14 Ostpreussische Familie

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

das Jahr wird müde, aber unsere Ostpreußische Familie noch lange nicht. Die ist hellwach und legt uns viele Fragen und Wünsche vor, aber es treffen auch immer mehr Erfolgsmeldungen und Dankesbriefe ein, und mit einem will ich gleich beginnen. Er kommt von Herrn Joachim Wagner aus Eschbach, dessen Suche nach den Spuren seiner Kindheit in der Gartenstadt Seligenfeld, einem südlichen Ortsteil von Königsberg, wir in Folge 14 veröffentlicht hatten. Er war über das Echo sehr überrascht, zumal er vorher unsere Zeitung nicht gekannt hatte, wie er schreibt:

„Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst mit der Nase darauf gestoßen werden musste, dass es dieses Suchportal gibt. Mich haben fünf Seligenfelder angerufen beziehungsweise gemailt und mir brauchbare Hinweise gegeben, und diese waren erstaunt, dass ich von der Ostpreußischen Familie nichts wusste. Ich habe erst vor vier Jahren mit dem Recherchieren begonnen und habe über die Flucht und die Jahre davor und danach ein – nicht öffentlich erschienenes – Buch geschrieben, eher ein Bericht, der mich aber antrieb, nun noch eine Ahnentafel zu erstellen. Aber je mehr Antworten ich erhalte, desto mehr Fragen ergeben sich, doch das macht mir sehr viel Freude. Von einer 94-jährigen Seligenfelderin erhalte ich in Kürze einige versprochene Unterlagen, die mir ihre Töchter zusenden wollen. Sie hätte ein Auto voll an Belegen, Büchern und Urkunden, die ich mir abholen könne. Mit einer jahrgangsgleichen Dame (1938) aus Seligenfeld pflege ich inzwischen einen sehr freundlichen Kontakt. Wir meinen, dass es gut sein könnte, dass wir 1944 gemeinsam eingeschult wurden. Erfahren habe ich zudem, dass es in Seligenfeld eine zweiklassige Volksschule gab. Ob diese aber 1944 noch einen Schulbetrieb hatte, ist noch offen. Und nun zum Frisörgeschäft meines Vaters Erich Wagner. Es befand sich nicht direkt in Seligenfeld sondern in der Boelcke- und Immelmannkaserne in der Neuendorfer Straße. Ob hier außer Militärangehörigen auch Externe Zutritt hatten, entzieht sich meiner Kenntnis. Und dann schält sich noch heraus, dass wir bis zum 27. Januar 1945 in Seligenfeld Gartenstadt in der Neuendorfer Straße 20 gewohnt haben.“

Das sei doch eine beachtliche Zwischenbilanz, wie Herr Wagner meint, und das ist sie auch, wenn man bedenkt wie schnell und informativ die Reaktion aus unserem Leserkreis erfolgte.

Dass sich durch unsere Ostpreußische Familie auch persönliche Kontakte ergeben, können wir immer wieder feststellen. So hat Frau Sigrid Biermann aus Schwerin, die ebenfalls in einem südlichen Königsberger Stadtteil, dem Nassen Garten, auf Spurensuche war, diese mit unserem „Königsberger Wanderer“ getätigt. Und obgleich Jörn Pekrul ja ein ausgesprochenes Gespür für Verborgenes hat, blieben die gemeinsamen Suchgänge in den Jahren 2014 und 2015 leider ohne Ergebnis, und deshalb wendet sich Frau Biermann noch einmal an unsere Leserinnen und Leser, die aus Königsberg stammen wie ihre mütterliche Familie Groß. Da Sigrid erst 1949 geboren wurde – ein Jahr nach der Ausweisung ihrer nach dem Krieg in Königsberg verbliebenen Mutter Hildegard Groß –, hat sie alle Informationen über die Heimatstadt ihrer Mutter nur aus den wenigen Erzählungen innerhalb der Familie, aus denen sie als Kind nur wenig entnehmen konnte. Es waren vor allem die Großeltern Ernst und Helene Groß, die von ihrem Leben auf dem Nassen Garten erzählten, wo die Familie in dem Haus Karl-Straße Nr. 2 gewohnt hatte. Sie müssen auch von dem schweren Leben nach der russischen Okkupation Königsbergs berichtet haben, von der Zwangsarbeit und den Misshandlungen, denen sie ausgesetzt waren. Als sie Ende 1948 ausgewiesen wurden, hatten sie nichts mehr als das nackte Leben. Die Großeltern waren damals Ende der 50er, ihre Tochter Hildegard 31 Jahre alt. Als Frau Biermann und Jörn Pekrul zusammen die ehemalige Karl-Straße ausfindig machen wollten, war ihre Suche vergeblich. Sie konnten die Lage nicht ausmachen, es gab auch keinen noch so kleinen Hinweis, wo das Haus hätte stehen können. Nun bleibt für Frau Biermann nur die Hoffnung, dass ehemalige Bewohner des Nassen Gartens sich an die Karl-Straße erinnern und deren Lage beschreiben könnten. Kaum erfüllbar erscheint ihr Wunsch, ein Bild von dem Haus Nr. 2 zu bekommen, und auch die Frage, wer die Familie Groß gekannt hat und etwas über sie sagen kann, dürfte heute nur schwer noch Zeitzeugen finden. Da dies aber die nun leider verspäteten Weihnachtswünsche von Frau Biermann sind, reiche ist sie weiter – vielleicht geschieht ja doch noch ein kleines Wunder. (Sigrid Biermann, Lise-Meitner-Straße 12 in 19063 Schwerin)

Auf das hofft auch Herr Henry Stephan aus Himbergen, denn sein in Folge 42 erschienener Suchwunsch blieb bisher ohne Resonanz. In der Veröffentlichung hatte ich schon meine Vermutung zum Ausdruck gebracht, dass seine Fragen im Rahmen der Familienforschung nicht so leicht zu beantworten seien, vor allem, was seinen aus Oberschlesien stammenden Vater Richard Stephan betrifft. Aber gehofft hatte ich, dass sich jemand aus Tilsit melden würde, der seine von dort stammende Mutter Greta Anna Bieber oder deren Eltern Franz und Charlotte Bieber gekannt hatten. Greta, die im April 1944 den Marinesoldaten Richard Stephan geheiratet hatte, war bis zur Flucht Fachverkäuferin bei der Fleischerei Kumbatzki in Tilsit. Nun teilte mir Herr Stephan mit, dass sich bisher niemand gemeldet habe, aber er gibt die Hoffnung noch nicht auf. „Manche Dinge dauern eben etwas länger“, tröstet er sich und mich.

Und das kann manchmal sehr, sehr lange dauern wie die E-Mail beweist, die wir von Herrn Christian Regge erhielten. Er hatte in einem Ostpreußenblatt vom Mai 1954(!) seinen Familiennamen entdeckt. Gesucht wurde damals ein Franz Regge. „Ich brauche Informationen über meine Familie (Regge/Raigue/Raiguel), und falls Sie was haben, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung“, mailt uns nun der so unerwartet fündig Gewordene. Wir können dieses Angebot nur weiterreichen, denn vielleicht gibt es ja Nachkommen des damals gesuchten Franz Regge oder andere gleichnamige Leserinnen und Leser. (E-Mail: christian-regge@web.de)

Schnell hat dagegen unser Familienfreund Reinhold Kalisch aus Baden-Baden reagiert, als er in den Berichten aus den Heimatkreisen las, dass das Weiterbestehen des Heimatmuseums von Breitenstein (Kraupischken) gefährdet sei. Herr Kalisch, der auf einer Ostpreußenreise das Land seiner mütterlichen Vorfahren kennen und lieben lernte, hatte auch das Heimatmuseum aufgesucht und dabei zu dessen Gründer und Leiter Jurij Userzow Kontakt bekommen. „Schon damals haben wir gut zu einander gefunden“, bekundet Herr Kalisch. Bereits zur Sowjetzeit hatte der Russe als Schulleiter das Museum in den Räumen der Lehranstalt eingerichtet, inzwischen wurde es von tausenden meist deutschen Interessierten besucht, die hier unzählige Exponate aus der Vorkriegszeit finden. Nun wurde Jurij Userzow pensioniert, unterrichtet aber weiter, bis ein Nachfolger ernannt wird. Ob dann das Museum weiter in den Schulräumen bleiben kann, ist eine berechtigte Frage. Zwar hat der russische Landrat zugesichert, nichts gegen den Betreiber zu unternehmen, aber Reinhold Kalisch meint, man sollte rechtzeitig Vorsorge treffen und die Exponate erst einmal katalogisieren. Und dazu bietet er sich an. Er hatte nach seiner Reise bereits für Juri und den Reisebüroleiter Eduard Politiko je ein Fotobuch gestaltet. Nun ist er gerne bereit, mit seinen fotografischen Kenntnissen zu helfen, also zuerst einmal alles abzulichten, in Form von Fotobüchern zu katalogisieren und auf DVD zu brennen, eventuell auch mit Filmen zu arbeiten, sodass auch die Negative verbleiben würden. Dieses großartige Angebot steht erstmal im Raum. Ob, wie und wann es realisiert werden könnte – darüber werden wir zu gegebener Zeit berichten.

Wie auch über das „Wolfskind“ aus Litauen, dem Herr Brandes und sein Freund nun einen mehrwöchigen Aufenthalt in Deutschland ermöglichen können. Dies ist wohl die schönste und bewegendste Geschichte, die wir in diesem Jahr in unserer Kolumne brachten, denn sie beweist, dass Mitgefühl und Hilfsbereitschaft noch immer unser Zusammenleben bestimmen. Und sie wird uns noch weiter verfolgen, denn die Initiatoren haben mehrere Hilfsangebote aus unserem Leserkreis erhalten, und es kommen noch immer Anfragen – also müssen wir mit unserem Bericht und dem damit verbundenen Dank noch etwas warten.

Aber ein ganz großes Dankeschön von mir persönlich, denn noch immer kommen Glückwünsche zu meinem 100. Geburtstag, den ich ja in diesem Jahr feiern konnte, und dabei habe ich mich noch längst nicht bei allen Gratulanten persönlich bedankt und werde es auch nicht können. Aber in diesen stillen Tagen, die wir ja „die Zwölften“ nannten, nehme ich mir den Korb mit den über 300 Glückwünschen noch einmal vor und werde sie in Ruhe lesen und betrachten, denn es sind schon liebevoll gestaltete, kleine Kunstwerke darunter. Große Freude haben mir jetzt noch zwei Heimatbriefe bereitet. Rolf W. Krause hat mir in seinem Sensburger Heimatbrief eine Glückwunschseite gewidmet, und mein alter Ostpreußenblatt-Kollege Horst Zander belegt in den vom ihm herausgegebenen „Kösliner Nachrichten“ seine Glückwünsche mit einem Foto, das ihn mit seiner Frau Lydia und mir zeigt, erst vor drei Monaten aufgenommen – getreu seiner Maxime, Vergangenheit und Gegenwart nahtlos zu verbinden. Was ihm auch durch seine heutige Lebensweise ermöglicht wird, denn Horst Zander lebt jetzt in Hinterpommern, dicht an der ehemaligen Grenze zu Westpreußen, und kann so auf der Basis der Erinnerung an seine hier in seiner Heimatstadt verbrachte Jugend aus dem heutigen Köslin berichten.

Auch wir gehen nahtlos von dem Alten in das Neue Jahr über, denn der Postpungel der Ostpreußischen Familie ist noch prall gefüllt. Und dazu legen wir unsere herzlichen Wünsche für alle unsere Leserinnen und Leser für ein Jahr voller Frieden und Zufriedenheit.

Eure Ruth Geede


Brücken zur deutschen Vergangenheit
Schlesiens Metropole Breslau hat als Kulturhauptstadt Europas dieses Jahr viele Akzente gezeigt

In der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt fand am 9. Mai, dem Europatag, zum ersten Mal nach dem Krieg ein gemeinsames Treffen der Domkapitulare aus Görlitz und Breslau statt. Nach dem Krieg war das Breslauer Domkapitel nach Görlitz übergesiedelt, das als einziges Gebiet des einstigen deutschen Metropolitanbistums unter deutscher Verwaltung geblieben war. Görlitz ist somit ein Erbe der früheren deutschen Breslauer Kirche. Die Domkapitulare beteten zusammen für die Seligsprechung des von 1821 bis 1888 lebenden Gründers der Hedwigschwestern, Engels der Caritas und Domherren Robert Spiske.

Die Wallfahrt der nationalen und ethnischen Minderheiten findet seit 1996 am ersten Junisonntag auf dem St. Annaberg in Niederschlesien statt. Das Motto der diesjährigen Wallfahrt war „Barmherzig wie der Vater“. Die Wallfahrt begann mit dem Rosenkranz zur Barmherzigkeit Gottes, der zweisprachig vom Deutschenseelsorger Pfarrer Peter Tarlinski gehalten wurde. Nachdem der Gastgeber Pater Kurowski alle Anwesenden herzlich willkommen geheißen hatte, folgte auch ein Grußwort des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VDG). Dessen Sprecher Bernard Gaida sagte, so wie in der Geschichte in Schlesien Katholiken und Protestanten, Deutsche und Polen friedlich zusammengelebt hätten, sollten diese auch weiterhin für ein christlich geprägtes Europa beten. Bischof Czaja von Oppeln knüpfte in seiner Predigt an das Evangelium über die Seligpreisungen an. Der sicherste Weg, die Barmherzigkeit zu erfahren, sei, selbst barmherzig zu handeln, sagte der Prediger.

Im April eröffnete das Goethe-Institut den „Pop-up Pavillon“ in Breslau, eine zweigeschossige sieben Meter lange Konstruktion aus Stahl, Glas sowie Licht- und Soundtechnologie. Drei Monate diente der Pop-Up-Pavillon als Diskussionsforum, Spielstätte und Ausstellungsraum. Während der Eröffnungsveranstaltung sprachen die deutsche Schriftstellerin Olga Grjasnowa und der polnische Reporter Filip Springer über europäische Identitäten.

Im Juni wurde im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt die große Freilichtveranstaltung „Flow“ gefeiert, in deren Mittelpunkt die Oder als lebensspendende Wasserader der Stadt stand. In diesem malerischen Spektakel, das zirka 50000 Menschen beobachteten, traten 300 Künstler und 45 Schiffe auf. Am Kaleidoskop der Kulturen nahm auch die Gesangsgruppe der Deutschen Sozialkulturellen Gesellschaft Breslau teil, die einige deutsche Lieder sang. Im „Flow“ wurde die Geschichte des radikalen Wandels erzählt, den die Stadt im 20. Jahrhundert und besonders mit dem fast kompletten Austausch ihrer Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Parks, Brücken und Ufer entlang des Flusses verwandelten sich in Schauplätze für viele Einzelaktionen. So konnten Besucher beispielsweise auf der Insel Vorderbleiche ihre Wünsche für die Zukunft auf Karten schreiben und in einer Rakete deponieren. Höhepunkt war das Konzert eines Orchesters tschechischer, deutscher, polnischer und israelischer Musiker auf der Dominsel. Gespielt wurden Werke junger Komponisten aus allen vier Ländern.

Auch im Bereich Architektur ging man auf die deutsche Vergangenheit Breslaus ein. Im Zentrum stand das Erbe des Werkbundes. Das Projekt „WuWa 2“ knüpfte an die große Werkbundausstellung „Wohnung und Werk­raum“ aus dem Jahre 1929 an. Am 4. und 5. Juni wurden Spaziergänge mit Führung sowie sogenannte Workshops im Rahmen der Max-Berg-Architekturtage organisiert.

Vor dem Breslauer Hauptbahnhof wurde am 9. Mai ein hellblaues Kuppelzelt „Luneta“ von sechs Metern Höhe und zwölf Metern Breite aufgestellt. Dies war eine multimediale Installation, in der die Besucher in Breslau und Berlin gleichzeitig die parallele Wirklichkeit des Partnerortes erleben und miteinander kommunizieren konnten. Das Projekt brachte mit einer Vielzahl von Veranstaltungen die historische, kulturelle und wirtschaftliche Verbindung dieser Städte näher, denn Berlin, so sagt man, sei einst die größte Stadt Schlesiens gewesen.

Als krönenden Abschluss des Kulturhauptstadtjahres präsentierten am 17. Dezember 2016 Künstler aus Deutschland, Frankreich, Israel, Tschechien, Schweden und Großbritannien die Performance „Niebo“ (Himmel) in der Breslauer Jahrhunderthalle. Die Botschaft an diesem Abend lautete: Breslau gehört als europäische Stadt all denjenigen, die hier leb(t)en und ihre Spuren hinterließen.  Bodo Bost


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 101. GEBURTSTAG

Trojan, Lieselotte, aus Jürgenau, Kreis Lyck, am 5. Januar

ZUM 99. GEBURTSTAG

Riedel, Hildegard, aus Rostken, Kreis Lyck, am 3. Januar

ZUM 98. GEBURTSTAG

Pichler, Helmut, aus Grenzberg, Kreis Elchniederung, am 3. Januar

ZUM 97. GEBURTSTAG

Bohlmann, Gertrud, geb. Kowalzik, aus Treuburg, am 30. Dezember

Kaiser, Edith, geb. Neiss, aus Berkeln, Kreis Elchniederung, am 30. Dezember

Lesniowski, Helga, geb. Gogolin, aus Geigenau, Kreis Lyck, am 1. Januar

Neumann, Hans-Hubert, aus Starkenberg, Kreis Wehlau, am 1. Januar

Prinz, Else, geb. Zilkenath, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 1. Januar

ZUM 96. GEBURTSTAG

Boldt, Lisbeth, geb. Reichert, aus Lank, Kreis Heiligenbeil, am 4. Januar

Engelke, Edith, geb. Trzaska, aus Neidenburg, am 30. Dezember

Gauda, Gertrud, geb. Erith, aus Weidicken, Kreis Lötzen, am 2. Januar

Krah, Elise, geb. Konrad, aus Liebnicken, Kreis Preußische Eylau, am 3. Januar

Kunert, Rosemarie, geb. Maeckelburg, aus Treuburg, am 3. Januar

Richardt, Johanna, geb. Berger, aus Wehlau, am 3. Januar

ZUM 95. GEBURTSTAG

Hostettler, Traute, geb. Hoffmann, aus Quilitten, Kreis Heiligenbeil, am 2. Januar

Koch, Waltraut, geb. Wegner, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 30. Dezember

Plath, Anni, geb. König, aus Moterau, Kreis Wehlau, am 5. Januar

Walleit, Anneliese, geb. Just, aus Frischenau, Kreis Wehlau, am 3. Januar

Wiegmann, Hildegard, geb. Szesny, aus Birkenwalde, Kreis Lyck, am 4. Januar

ZUM 94. GEBURTSTAG

Dorß, Annemarie, geb. Buhl, aus Maschen, Kreis Lyck, am 1. Januar

Durr, Christel, geb. Heinrich, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 1. Januar

Hansch, Ewald, aus Freiwalde, Kreis Neidenburg, am 31. Dezember

Hedrich, Margarete, geb. Lutz, aus Wiesengrund, Kreis Lyck, am 4. Januar

Heibutzki, Otto, aus Krupinnen, Kreis Treuburg, am 4. Januar

Kuehl, Elsbeth, geb. Biallas, aus Stosnau, Kreis Treuburg, am 4. Januar

Kutzborski, Willi August, aus Fließdorf, Kreis Lyck, am 31. Dezember

Mühlfellner, Edith, geb. Broszeit, aus Gronwalde, Kreis Elchniederung, am 4. Januar

ZUM 93. GEBURTSTAG

Breitbarth, Eva, geb. Jung, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 3. Januar

Evers, Lotti, geb. Cub, aus Prostken, Kreis Lyck, am 1. Januar

Göb, Marianne, aus Steinberg, Kreis Lyck, am 1. Januar

Hirsch, Gertrud, geb. Benger, aus Schloßbach, Kreis Ebenrode, am 1. Januar

Kempchen, Lisbeth, geb. Taubert, aus Scharnau, Kreis Neidenburg, am 2. Januar

Marquardt, Konrad, aus Treuburg, am 31. Dezember

Oswald, Eva, geb. Hübner, aus Neukuhren, Kreis Samland, am 31. Dezember

Specht, Margot, geb. Becher, aus Merunen, Kreis Treuburg, am 30. Dezember

ZUM 92. GEBURTSTAG

Baus, Liesbeth, aus Lissau, Kreis Lyck, am 3. Januar

Gründler, Edith, geb. Scherello, aus Heldenfelde, Kreis Lyck, am 5. Januar

Kewitz, Alfred, aus Grünau, Kreis Lötzen, am 30. Dezember

Schimanski, Herbert, aus Seehag, Kreis Neidenburg, am 5. Januar

Schönlein, Herta, geb. Hornberger, aus Windkeim, Kreis Heiligenbeil, am 1. Januar

Schütz, Herbert, aus Seesken, Kreis Treuburg, am 31. Dezember

ZUM 91. GEBURTSTAG

Brodowski, Herta, aus Deutscheck, Kreis Treuburg, am 3. Januar

Czarnetzki, Erich, aus Gartenau, Kreis Neidenburg, am 4. Januar

Dolassek, Helga, geb. Hendriog, aus Lötzen, am 3. Januar

Hinz, Dora, geb. Hebmüller, aus Sandau, Kreis Ebenrode, am 4. Januar

Horn, Elli, geb. Lemke, aus Schakendorf, Kreis Elchniederung, am 4. Januar

Pillath, Wille, aus Seenwalde Kreis Ortelsburg, am 31. Dezember

Pohl, Trauthilde, aus Seefrieden, Kreis Lyck, am 30. Dezember

Rossa, Erna, geb. Kensy, aus Montwitz, Kreis Ortelsburg, am 2. Januar

Stegeberg, Christel, geb. Vogel, aus Tawellenbruch, Kreis Elchniederung, am 5. Januar

ZUM 90. GEBURTSTAG

Dubberstein, Hildegard, geb. Schetzko, aus Deumenrode, Kreis Lyck, am 4. Januar

Fink, Bruno, aus Grünhayn, Kreis Wehlau, am 1. Januar

Gollnow, Eleonore, geb. Machnik, aus Petersdorf, Kreis Wehlau, am 3. Januar

Hanschmann, Hildegard, geb. Holland, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 30. Dezember

Höger, Erna, geb. Krafzick, aus Lötzen, am 30. Dezember

Jodeit, Rolf, aus Grünhayn, Kreis Wehlau, am 2. Januar

Kuddes, Margarete, geb. Schakohl, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 30. Dezember

Laskus, Karl, aus Neukuhren, Kreis Samland, am 30. Dezember

Leferink, Herta, geb. Mann, aus Jägerdorf, Kreis Neidenburg, am 5. Januar

Mantz, Elfriede, geb. Stodollik, aus Krassau, Kreis Lyck, am 2. Januar

Murawski, Arnold, aus Lyck, Litzmann Straße 9, am 2. Januar

Neumann, Klaus, aus Rogonnen, Kreis Treuburg, am 1. Januar

Notz, Waltraud, aus Walden, Kreis Lyck, am 30. Dezember

Rieper, Margot, geb. Lach, aus Ilgenhöh und Bogumschönen, Kreis Osterode, am 31. Dezember

Rottmann, Liesbeth, geb. Wolff, aus Satticken, Kreis Treuburg, am 5. Januar

Schlieben, Ulrich, aus Ortelsburg, am 3. Januar

Thierbach, Claus, aus Ziegelberg, Kreis Elchniederung, am 3. Januar

ZUM 85. GEBURTSTAG

Bannach, Waltraut, geb. Neumann, aus Lyck, Morgenstraße 32, am 2. Januar

Bartsch, Hedwig, geb. Loch, aus Schnippen, Kreis Lyck, am 2. Januar

Bartsch, Ilse, geb. Kupzik, aus Baitenberg, Kreis Lyck, am 1. Januar

Baumert, Editha, geb. Wlost, aus Schwalgenort, Kreis Treuburg, am 1. Januar

Bondzio, Helmut-Otto, aus Prostken, Kreis Lyck, am 31. Dezember

Chitralla, Kurt, aus Wallenrode, Kreis Treuburg, am 2. Januar

Gollub, Siegfried, aus Schareiken, Kreis Treuburg, am 1. Januar

Kaltenbach, Hildegard, geb. Kitsch, aus Herdenau, Kreis Elchniederung, am 3. Januar

Naujoks, Hans, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 4. Januar

Paschkewitz, Rolf, aus Ebenrode, am 3. Januar

Paslack, Gisela, geb. Gloswatzki, aus Groß Stürlack, Kreis Lötzen, am 5. Januar

Plewa, Siegfried, aus Pfaffendorf, Kreis Ortelsburg, am 31. Dezember

Quinque, Christel, geb. Milewski, aus Eichensee, Kreis Lyck, am 5. Januar

Radzio, Hans-Eberhard, aus Walden, Kreis Lyck, am 3. Januar

Rohr, Wolfgang, aus Treuburg, am 4. Januar

Schmidtfeld, Günther, aus Eisermühl, Kreis Lötzen, am 4. Januar

Schröder, Waltraut, geb. Murza, aus Stettenbach, Kreis Lyck, am 4. Januar

Schulze, Edith, geb. Nikulski, aus Wittingen, Kreis Lyck, am 3. Januar

Stankewitz, Werner, aus Millau, Kreis Lyck, am 3. Januar

Warda, Ursula, geb. Plaga, aus Lyck, Hindenburgstraße 17, am 3. Januar

Winkelmann, Heinz, aus Lenzendorf, Kreis Lyck, am 3. Januar

Wunderlich, Christel, geb. Haupt, aus Dünen, Kreis Elchniederung, am 31. Dezember

Zilkenath, Heinz, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 3. Januar

ZUM 80. GEBURTSTAG

Bast, Elfriede, geb. Perrey, aus Hohenberge, Kreis Elchniederung, am 4. Januar

Brückmann, Inge, geb. Frischmuth, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 30. Dezember

Domnik, Erika, geb. Stank, aus Samplatten, Kreis Ortelsburg, am 31. Dezember

Drees, Ursula, geb. Pommereit, aus Eibenau, Kreis Treuburg, am 1. Januar

Gregorzewski, Heinz-Dieter, aus Aulacken, Kreis Lyck, am 2. Januar

Haßelhuhn, Jürgen W. A. aus Herzogsau, Kreis Neidenburg, am 3. Januar

Heckmann, Inge, geb. Maurer, aus Eydtkau, Kreis Ebenrode, am 5. Januar

Jadischke, Arnold, aus Klein Sakrau, Kreis Neidenburg, am 2. Januar

Jetzkowitz, Irmgard, geb. Döscher, aus Kalkhöfen, Kreis Ebenrode, am 4. Januar

Kossul, Edith, geb. Perkuhn, aus Bürgersdorf, Kreis Wehlau, am 5. Januar

Kretschmer, Werner, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 3. Januar

Kulbatzki, Ursula, geb. Dittrich, aus Schlöppen, Kreis Treuburg, am 1. Januar

Langner, Horst, aus Wallendorf, Kreis Neidenburg, am 4. Januar

Luther, Gerda, geb. Rietenbach, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 4. Januar

Oeltze, Eva, geb. Monka, aus Ortelsburg, am 5. Januar

Pieper, Anita, geb. Nowakowski, aus Nassawen, Kreis Ebenrode, am 31. Dezember

Schmeer, Ingo, aus Richau, Kreis Wehlau, am 1. Januar

Schramm, Günther, aus Hohenwalde, Kreis Heiligenbeil, am 2. Januar

Skupsch, Siegfried, aus Lötzen, am 4. Januar

Stelling, Dietrich, aus Kölmersdorf, Kreis Lyck, am 1. Januar

Tolk, Edeltraut, geb. Kuczewski, aus Heldenfelde, Kreis Lyck, am 2. Januar

ZUM 75. GEBURTSTAG

Dittrich, Bernhard, aus Schlöppen, Kreis Treuburg, am 4. Januar

Frischmuth, Dieter, aus Rokitten, Kreis Elchniederung, am 30. Dezember

Gonska, Hans, aus Kallenau, Kreis Ortelsburg, am 30. Dezember

Greiner, Gisela, aus Ortelsburg, am 5. Januar

Kröger, Renate, geb. Urbschat, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 2. Januar

Müller, Ingrid, geb. Reinbacher, aus Treuburg, am 30. Dezember

Müller-Eickhoff, Irene, geb. Kerstan, aus Damerau, Kreis Ebenrode, am 2. Januar

Ottich, Klaus, aus Paterswalde, Kreis Wehlau, am 4. Januar

Ropte, Brigitte, geb. Kaminski, aus Bärengrund, Kreis Treuburg, am 1. Januar

Sagromski, Irmgard, geb. Gollan, aus Mensguth, Kreis Ortelsburg, am 30. Dezember

Sibbe, Brigitte, geb. Bromberg, aus Neidenburg, am 31. Dezember


S. 16 Heimatarbeit

Aus den Heimatkreisen

ANGERBURG

Kreisvertreter: Kurt-Werner Sadowski. Kreisgemeinschaft Angerburg e.V., Landkreis Rotenburg (Wümme), Postfach 1440, 27344 Rotenburg (Wümme), Landkreis: Telefon (04261) 9833100, Fax (04261) 9833101.

Gemeinsam mit Ihnen wollen wir das Jahr 2017 bei unserer traditionellen heimatpolitischen Tagung am 18. und 19. Februar in 27356 Rotenburg (Wümme) einleiten. Zu dieser Auftaktveranstaltung in der Theodor-Heuss-Schule (Gerberstraße 16, neben dem Ratsgymnasium) laden der Landkreis Rotenburg als Patenschaftsträger und die Kreisgemeinschaft Angerburg alle geschichtlich und kulturell Interessierten aus nah und fern herzlich ein. Für die Tagung konnten wir erneut herausragende Referenten gewinnen.

Am Sonnabend, 18. Februar, ist die Mensa der Schule ab 14 Uhr geöffnet und es wird Kaffee, Tee und Kuchen angeboten. Nach der Begrüßung der Tagungsteilnehmer um 15 Uhr wird Professor Udo Arnold die Tagung mit seinem Vortrag „Vom Ordensland zum Herzogtum Preußen als erstes protestantisches Fürstentum“ eröffnen. Danach wird Oberstudiendirektor a.D. Hans-Jürgen Kämpfert referieren. Sein Thema: „Nicolaus Copernicus aus Thorn an der Weichsel. – Leben und Werk als Domherr in Frauenburg, als Arzt, Diplomat und weitbekannter Astronom.“ Im Anschluss an die Vorträge besteht jeweils Gelegenheit für Fragen an die Referenten beziehungsweise für eigene Einschätzungen. Mit einem gemeinsamen Abendessen (Elchbraten) gegen 19 Uhr und anregenden Gesprächen mit interessanten Gästen lassen wir den Tag ausklingen.

Am folgenden Sonntag, 19. Februar, setzen wir die Tagung um 9.30 Uhr in der Schule fort. Oberstudiendirektor a.D. Dr. Walter Jarecki wird über die „Reformation in Norddeutschland“ referieren. Im Jahr des Reformationsgedenkens werden den Tagungsteilnehmern auch neue Sichtweisen im Gedächtnis bleiben. Gegen 12 Uhr wird die Tagung mit dem Gesang des Ostpreußenliedes „Land der dunklen Wälder“ beendet.

Verbindliche Anmeldungen, auch für das Elchbratenessen zum Preis von 26 Euro pro Person einschließlich Dessert und Mitteilung von Übernachtungswünschen, werden bis zum 10. Februar (Posteingang) an Brigitte Junker, Sachsenweg 15, 22455 Hamburg, erbeten. Ein Tagungsbeitrag wird nicht erhoben. Eine schriftliche Anmeldebestätigung wird nicht erteilt.

 

GOLDAP

Kreisvertreter: Stephan Grigat, Telefon (05231) 37146, Fax (05231) 24820, Heidentalstraße 83, 32760 Detmold. Geschäftsstelle: Annelies Trucewitz, Hohenfelde 37, 21720 Mittelnkirchen, Telefon (04142) 3552, Telefax (04142) 812065, E-Mail: museum@goldap.de. Internet: www.goldap.de.

In einer Neuauflage ist jetzt die Ortschronik „Gollubien / Unterfelde in Ostpreußen“ erschienen.  Das Buch von Gerhard Obereigner und Reinhard Krumm, Erstausgabe 2003, gehört zu den besten Ortschroniken, die von Dörfern des Kreises Goldap erstellt wurden. Es erscheint jetzt in vollem Umfang mit überarbeitetem Layout. Das Buch im DIN-A4-Format und Paperback-Einband hat eine gut leserliche, nicht zu kleine Schrift. Es behandelt vorrangig den Ort Gollubien (Unterfelde), berichtet aber auch aus dem Kirchort Szittkehmen (Wehrkirchen) und von den ersten Treffen und Reisen in die Heimat. Besonders wertvoll sind die Schulfotos, die fast ausnahmslos mit einer Fotolegende versehen sind.

150 Seiten Textteil und ein ebenso umfangreicher Fototeil beinhalten alles, was man mit einer Dorfchronik vermitteln kann. Neben informellen Seiten über die Geschichte Ostpreußens, des Dorfes Gollubien und den ansässigen Familien haben die beiden Autoren im ersten Teil des Buches viele schöne Gedichte und „Vertellkes“ aufgenommen, so dass es jeden Ostpreußen erfreuen kann.

Aus dem Inhalt: Geographische Standortbestimmung, Geschichte, Bei uns zu Hause, Rundgang durch unser Dorf, Wie wir Feste feierten, Dies und Das, Gedichte, Lieder, Späßchen. Die Gefallenen, Der Volkssturm, Berichte der Zeitzeugen, Zwei Reisen in die Heimat, Heimattreffen der Dorfgemeinschaft und Gemeinschaftsfahrt 2001. Ebenso gibt es einen Fotonachweis und ein gut sortiertes Inhaltsverzeichnis.

Ein sehr zu empfehlendes Buch, das wir ab sofort für Sie vorrätig halten. Der Preis für das 330 Seiten starke Buch beträgt 26,90 Euro. Zu beziehen unter verkauf@goldap.de oder Telefon (04141) 7977537 (nur Mittwochs), oder schriftlich unter „Patenschaftsmuseum Goldap in Ostpreußen“, Harsefelder Straße 44 a, 21680 Stade.

 

INSTERBURG − Stadt und Land

Vorsitzender Stadt & Land: Reiner Buslaps, Am Berg 4, 35510 Butzbach-Kirch-Göns, Tel.: (06033) 66228, Fax (03222) 3721953, E-Mail: R.Buslaps@t-online.de. Kreisgemeinschaft Insterburg Stadt & Land e. V.,  Geschäftsstelle, Am Marktplatz 10, 47829 Krefeld, Postfach 111 208, 47813 Krefeld, Tel.: (02151) 48991, Fax (02151) 491141, E-Mail: info@insterburger.de, Internet: www.insterburger.de, Bürozeiten: Montag – Freitag von 8 bis 12 Uhr.

Heimatgruppe Kiel – Jeder zweite Donnerstag im Monat, Café Rebecca, Matthias-Claudius-Kirche, Kiel-Suchsdorf: Gemeinsames Treffen. Informationen: Hellmut Jucknat, Telefon (0431) 311972.

 

KÖNIGSBERG LAND

Kreisvertreterin: Gisela Broschei, Bleichgrabenstraße 91, 41063 Mönchengladbach, Telefon (02161) 895677, Fax (02161) 87724. Geschäftsstelle: Im Preußen-Museum, Simeonsplatz 12, 32427 Minden, Telefon (0571) 46297, Mi. Sa. u. So. 18-20 Uhr.

Die Kreisgemeinschaft hatte schon zum Deutschlandtreffen der Ostpreußen in Kassel im Jahre 2014 die erweiterte Neuauflage der Arbeit von Helmut Borkowski „Die Kämpfe um Ostpreußen und das Samland 1944 – 1945“ vorgelegt. Das Interesse an dieser schnell vergriffenen Dokumentation ist noch immer so groß, dass ein Neudruck veranlasst wurde. Dieser liegt nun endlich vor.

Das Werk ist bereits im Samländischen Heimatbrief im Herbst 2014 und im Frühling 2015 von Dr. Bärbel Beutner eingehend und mit viel Sachverstand rezensiert worden. Deshalb soll hier – im Einverständnis mit der Autorin – auf diese Buchbesprechungen zum großen Teil wortgetreu zurückgegriffen werden. Sie nennt die Arbeit von Borkowski eine akribisch recherchierte Beschreibung der Kampfhandlungen 1944/1945.

In der erweiterten Auflage konnte Borkowski das umfangreiche Quellenmaterial, das ihm schon für die erste Auflage zur Verfügung stand, durch russische Quellen erweitern. Er nennt im Vorwort die Bücher von Marschall Schukow und Marschall Wassilewsli, die ihm wichtiges Material geliefert haben.

Borkowski beginnt mit der Rekonstruktion der russischen Pläne zum Sommerfeldzug 1944. Mit zwei Fronten sollen die Deutschen im Raum Witebsk und bei Minsk vernichtet werden. Dass die Pläne gelangen, führt Borkowski auf strategische Fehlentscheidungen Hitlers zurück, der im Gegensatz zu Stalin nicht mehr auf die Generäle hörte. Der Autor stellt manche Überlegung an, wie man anders hätte operieren müssen und bedauert die vielen Opfer, die man hätte vermeiden können. Er wirft die Frage auf: „Haben wir Deutschen beim Ostfeldzug eine Chance gehabt?“ Es folgt eine lesenswerte Überlegung zu militärisch und politisch problematischen Entscheidungen. Auf 200 Seiten werden die Kämpfe um Gumbinnen, Memel, Königsberg, Cranz, Fischhausen, Heiligenbeil, Rauschen, Pillau und anderen Orten geschildert. Jede, militärische Einheit jede Kampfhandlung mit Datum, jede Örtlichkeit werden aufgeführt. Jede freigekämpfte Bahnlinie, Brücke und Straße ermöglichte die Rettung von Zivilpersonen.

Mit Gauleiter Koch geht Borkowski scharf ins Gericht. „Hätte dieser auf die Frontbefehlshaber gehört und eine rechtzeitige Evakuierung angeordnet, hätten viele Menschen gerettet werden können. Not und Verzweiflung hätten erspart werden können. Dieser Mann war ein Verhängnis für uns Ostpreußen.“ Historiker bekommen hier ein Nachschlagewerk, das für die Militärgeschichte von besonderem Interesse sein dürfte. Aber auch die Landsleute haben hier Gelegenheit, Genaues über das Schicksal ihres Heimatortes zu erfahren. Werner Schuka, der für Layout und Druckvorbereitung des Bandes verantwortlich ist, fügt redaktionelle Ergänzungen an: Zeittafeln, und Presseartikel aus der Preußischen Allgemeinen Zeitung sowie Briefe und Zeitzeugnisse.

Das Werk ist zu bestellen bei Carl Mückenberger, Neißestraße 13, 32425 Minden, Telefon (0571) 46297. Es kostet 26 Euro.

 

NEIDENBURG

Kreisvertreter: Jürgen Szepanek, Nachtigallenweg 43, 46459 Rees-Haldern, Tel. / Fax (02850) 1017.

Der diesjährige Weihnachtsheimatbrief ist fertig gestellt und zum Versand gebracht worden, Wer ihn noch nicht erhält, aber beziehen möchte, wende sich an unseren Schriftleiter Jürgen Kowalek, Bromberger Straße 26, 28816 Stuhr. Es wird dann umgehend ein Exemplar zugesandt. Eine größere Anzahl der Pfingstheimatbriefe konnte leider nicht zugestellt werden, weil sich die Anschriften der Landsleute geändert haben. Alle Bezieher werden deshalb dringend gebeten, Adressen- und sonstige Personenstandsänderungen dem Mitgliederdatenverwalter Hans-Ulrich Pokraka, An der Friedenseiche 44, 59597 Erwitte, mitzuteilen. Sie vermeiden dadurch Zustellungsverzögerungen und kostenaufwendige Nachforschungen und Nachsendungen.

 

PREUSSISCH EYLAU

Kreisvertreterin: Evelyn v. Borries, Tucherweg 80, 40724 Hilden, Telefon (02103) 64759, Fax: (02103) 23068, E-Mail: evborries@gmx.net. Kartei, Buchversand und Preußisch Eylauer-Heimatmuseum im Kreishaus Verden/Aller Lindhooper Straße 67, 27283 Verden/Aller,  E-Mail: preussisch-eylau@landkreis-verden.de, Internet: www.preussisch-eylau.de. Unser Büro in Verden ist nur noch unregelmäßig besetzt. Bitte wenden Sie sich direkt an die Kreisvertreterin Evelyn v. Borries, Telefon: (02103) 64759 oder Fax: (02103) 23068, E-Mail: evborries@gmx.net

Liebe Kreis-Preußisch-Eylauer! Die November-Ausgabe des Kreisblatts kann sich sehen lassen. Sie spricht in Wort und Bild so viele Themen an, dass für jeden etwas dabei ist. Gerd Birth, dem langjährigen Schriftleiter des Kreisblatts, gebührt Dank, dass er es im Hinblick auf den immer kleiner werdenden Kreis der Mitarbeiter im Vorstand noch einmal übernommen hat, ein Heft zu erstellen. Als interessante Beispiele – neben vielen anderen Themen – seien nur folgende genannt: Das Internierungslager in der Preußisch Eylauer Infanterie-Kaserne von 1945 bis 1947, zwei Berichte über das Gut Waldkeim und die Aufzählung öffentlicher Bekanntmachungen aus dem Kreisblatt zur Kriegswirtschaft im Jahr 1916. Wer das neue Heft nicht erhalten hat, kann um Zusendung bitten bei der Kreisgemeinschaft Preußisch Eylau (Anschrift siehe oben).          Martin Lehmann


S. 17-18 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BUND JUNGES OSTPREUSSEN

Vorsitzender: Marius Jungk, Gst.: Buchtstr. 4, 22087 Hamburg, Tel.: (040) 4140080, E-Post: kontakt@junge-ostpreussen.de, www.junge-ostpreu­ssen.de.

Donnerstag, 29. Dezember, bis Dienstag, 3. Januar: Silvesterfahrt nach Ostpreußen: Informationen: www.junge-ostpreussen.de/47-0-Aktivitaeten.html

 

BERLIN

Vorsitzender: Rüdiger Jakesch, Geschäftsstelle: Forckenbeck-straße 1, 14199, Berlin, Telefon (030) 2547345, E-Mail: info@bdv-bln.de, Internet: www.ostpreussen-berlin.de. Geschäftszeit: Donnerstag von 14 Uhr bis 16 Uhr Außerhalb der Geschäftszeit: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354.

Bartenstein – Anfragen zu gemeinsamen Treffen bei Elfi Fortange, Telefon (030) 4944404.

Rastenburg – Sonntag, 8. Januar, 15. Uhr, Restaurant Stammhaus Rohrdamm 24 B, 13629 Berlin: Gemeinsames Treffen. Anfragen: Martina Sontag, Telefon (033232) 188826

Frauengruppe – Mittwoch, 11. Januar, 13.30 Uhr, Pflegestützpunkt, Wilhelmstraße 116-117, 10963 Berlin: Themen zum Jahreswechsel. Anfragen: Marianne Becker, Telefon (030) 7712354

Königsberg – Freitag, 20. Januar, 14 Uhr, Johann – Georg – Stuben, Johann-Georg-Straße 10, 10709 Berlin-Halensee: gemeinsames Treffen. Anfragen: Elfi Fortange, Telefon 4944404

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Landesgruppe – Die Weih-nachtsausgabe des „Preußen-Kuriers“ steht ab sofort im Internet zum Lesen oder herunterladen bereit. „Die Heimatnachrichten für Ost- und Westpreussen in Bayern“, so der Untertitel, sind auf www.low-bayern.de zu finden. Dort im Menu auf Mediathek gehen und Publikationen anklicken. „Preußen Kurier 3/2016“ ist die aktuelle Ausgabe des Magazins.

Landshut – Donnerstag, 5. Januar, 12 Uhr: Neujahrsessen im restaurant nach Wahl.

 

BREMEN

Vorsitzender: Helmut Gutzeit, Telefon (0421) 25 09 29, Fax (0421) 25 01 88, Hodenberger Straße 39 b, 28355 Bremen. Stellvertrende Vorsitzende: Marita Jachens-Paul, Ratiborer Straße 48, 27578 Bremerhaven, Telefon (0471) 86176. Landesgeschäftsführer: Jörg Schulz, Am Anjes Moor 4, 27628 Uthlede, Telefon (04296) 74 77 01.

Bremervörde – Um 14.40 Uhr ging es los. Barbara Sandmann, die stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe, eröffnete mit einer herzlichen Begrüßung die Adventsfeier im Ernst-Barlach-Haus. Unter anderem konnte sie Herbert Tennigkeit, den ostpreußischen Autor und Rezitator aus Hamburg, willkommen heißen, außerdem das Ehepaar Erika und Willibert Sons von den Danzigern, das Ehepaar Ella und Horst Till, das kürzlich das Fest der Diamantenen Hochzeit gefeiert hat, die gebürtige Königsberger Malerin Inge Kies aus Wremen, sowie Günter Szepanek, der den Abend mit seiner Gitarre musikalisch begleitete.

Nach der vorweihnachtlichen Kaffeetafel war dann die Stunde von Herbert Tennigkeit gekommen. Er wolle die Anwesenden in die schneereiche Weihnachtszeit Ostpreußens bis Anfang der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückführen, erklärte er und versprach damit nicht zu viel. Der in der Nähe von Tilsit geborene Tennigkeit las in seiner unnachahmlichen Art auf hochdeutsch oder im ostpreußischen Dialekt die zur Weihnachtszeit passenden Geschichten und Gedichte. Mit einer besinnlichen Erzählung von einem aus dem Ermland stammenden Obdachlosen am Rhein, der Mundharmonika spielt und Passanten zum Innehalten veranlasst, beendete er den ersten Teil seiner Lesung.

Es folgte Eva Weidmann, die zwei Gedichte vortrug, Nach einer 15-minütigen Pause ging es um 16.10 Uhr mit zwei gemeinsam gesungenen Liedern und einem Gedicht von Helga Bünte weiter im Programm. Danach begann Herbert Tennigkeit mit „Die Weihnachtsfrau“ von Andrea Schomburg den zweiten Teil seiner Lesung, Sie endet mit dem sehr besinnlichen „Fest der Geschenke“. Zeit, Toleranz, Wissen, Zuhörenkönnen, Diskretion und Offenheit seien die sechs wichtigsten Geschenke, die er mit Erinnerungen an die ostpreußische Weihnacht in früherer Zeit verbinden würde.

Barbara Sandmann dankte dann Tennigkeit für sein großes Engagement, mit der er die Bremerhavener Ostpreußen bedacht hatte. Als Schlusslied erklang „O Du fröhliche“ mit der Gitarrenbegleitung von Günter Szepanek. Jürgen Sandmann

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Haus der Heimat, Teilfeld 8, 20459 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

Landesgruppe – Freitag, 30. Dezember, 14 Uhr, Haus der Heimat, Teilfeld 8, (unweit der S-Bahnstation Stadthausbrücke, U-Bahnstation Rödingsmarkt oder Haltestelle der Buslinien 6 und 37): Mit Liedern und Vorträgen zum Brauchtum in der Heimat beenden die ost- und mitteldeutschen Landsmannschaften das Jahr in geselliger Runde.

 

HESSEN

Vorsitzender: Ulrich Bonk, Stellvertretender Vorsitzender: Gerhard Schröder, Engelmühlenweg 3, 64367 Mühltal, Telefon (06151) 148788

Wetzlar – Montag, 9. Januar, 19 Uhr, Restaurant „Grillstuben“, Stoppelberger Hohl 128: Jahreshauptversammlung. Ab 19.45 lautet das Thema eines Vortrages von Margarete Weise „Familiengeschichte in bewegten Zeiten“. Der Eintritt ist frei. Kontakt: Kuno Kutz, Telefon (06441) 770559.

Wiesbaden – Dienstag, 10. Januar, 14,30 Uhr, Wappensaal, Haus der Heimat, Friedrichstraße 35: Heimatnachmittag der Frauengruppe. – Sonnabend, 7. Januar, 11 Uhr, Wappensaal, Haus der Heimat: Neujahrsempfang des Kreisverbandes des BdV. – Donnerstag, 12. Januar, 12 Uhr, Gaststätte Haus Waldlust, Ostpreußenstraße 46: Stammtisch. Serviert wird Schlachtplatte. Es kann auch nach der Speisekarte bestellt werden. Wegen der Platz- und Essendisposition Anmeldungen bitte bis spätestens 6. Januar bei Irmgard Steffen, Telefon (0611) 844938. Anfahrt: Linie 16 der ESWE-Busverbindung Linie 16, Haltestelle Ostpreußenstraße.

– Nachruf –

Drei Mitglieder unserer Landsmannschaft sind in den letzten Wochen von uns gegangen: Am 2. November starb im Alter von 92 Jahren Frau Ilse Meding. Irmgard Radermacher ist am 5. November mit 90 Jahren gestorben und Helmut Kuhrau am 3. Dezember mit 87 Jahren. Den Verstorbenen gilt unser ehrendes Andenken und ihren Angehörigen unser Mitgefühl

 

MECKLENBURG-VORPOMMERN

Vorsitzender: Manfred F. Schukat, Hirtenstraße 7 a, 17389 Anklam, Telefon (03971) 245688.

Parchim – An jedem dritten Donnerstag, 14.30 Uhr, Café Würfel, Scharnhorststraße 2: Treffen der Kreisgruppe. Gemütlicher Nachmittag, um über Erinnerungen zu sprechen, zu singen und zu lachen. Weitere Informationen: Charlotte Meyer, Kleine Kemenadenstraße 4, 19370 Parchim, Telefon (03871) 213545

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Osnabrück – Dienstag, 10. Januar, 16.30 Uhr, Gaststätte Bürgerbräu, Blumenhaller Weg 43: Kegeln.

Rinteln – Donnerstag, 12. Januar, 15 Uhr, Hotel Stadt Kassel, Klosterstraße 42, 31737 Rinteln: Monatstreffen der Gruppe mit Jahreshauptversammlung und Vorstandswahlen. Auskünfte zur landsmannschaftlichen Arbeit in Rinteln gibt es beim Vorsitzenden Joachim Rebuschat unter Telefon (05751) 53 86 oder über: rebuschat@web.de

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Jürgen Zauner, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Bonn – Dienstag, 3. Januar, 18 Uhr, Haus am Rhein, Elsa-Brandström-Straße 74: Beim ersten monatlichen Treffen im neuen Jahr berichtet der langjährige Erste Vorsitzende Manfred Ruhnau über seine Eindrücke beim 11. Treffen der Kreisgemeinschaft Braunsberg in Braunsberg.

Neuss – Jeder zweite Mittwoch im Monat, 15 bis 18 Uhr, Ostdeutsche Heimatstube, Oberstraße 17: Treffen der Frauengruppe. – Ostdeutsche Heimatstube in Neuss, Oberstraße 17: Die Heimatstube ist in der Regel am ersten und letzten Donnerstag im Monat von 15. bis 18 Uhr geöffnet,

Düsseldorf – Jeden Mittwoch, 18.30 Uhr, Eichendorffsaal, Gerhart-Hauptmann-Haus (GHH), Bismarckstraße 90: Probe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft Ostpreußen-Westpreußen-Sudetenland unter der Leitung von Radostina Hristova.

Gütersloh – Der Ostpreußische Singkreis trifft sich in unregelmäßigen Abständen montags von 15 bis 17 Uhr in der Elly-Heuss-Knapp-Realschule, Moltkestraße 13. Neue „Drosseln“ sind immer willkommen. Kontakt: Renate Thamm, Telefon (05241) 40422.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Jeden Freitag, 13 Uhr, Café Oase, Schönbornstraße 16: Gelegenheit zum Kartenspielen.

 

SACHSEN

Vorsitzender: Alexander Schulz, Willy-Reinl-Straße 2, 09116 Chemnitz, E-Mail: alexander.schulz-agentur@gmx.de, Telefon (0371) 301616.

Limbach-Oberfrohna – Zu unserer Weihnachtsfeier und dem Jahresabschluss am 10. Dezember hatte die Kreisgruppe alle Landsleute und Gäste ganz herzlich eingeladen. Ein wunderbares Winterwetter mit viel Sonnenschein hatte uns der Himmel beschert. Emsig schmückten die Vorstandsmitglieder den Saal im Eschemuseum. Herr Weihe hatte für jeden einen kleinen Lichterständer aus Holz hergestellt und mit Bernsteinen verschönert. Die freundlichen Kinder und Enkel begrüßten alle Teilnehmer am Einlass.

Mit Freude konnten wir zu unserer Feier sehr viele Landsleute und Gäste begrüßen. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, mehr als 100 Teilnehmer waren gekommen. Von Johanngeorgenstadt, Wolfen, Leipzig und Chemnitz waren sie unter anderem angereist.

Zur Begrüßung bedankte sich der Vorsitzende Reinhard Gerullis bei allen Anwesenden. Besonders herzlich willkommen geheißen wurde auch der Landesvorsitzende der Ost- und Westpreußen von Sachsen, Alexander Schulz, der auch seine Familie mitgebracht hatte.

Der Saal erstrahlte mit Weih-nachtsschmuck und vielen Lichterketten, Pyramiden waren aufgestellt und erzgebirgische Figuren gab es zu bewundern. Irmgard Gläser hatte ihre typisch ostpreußischen Handarbeiten ausgestellt. Die Tische waren weihnachtlich geschmückt. Selbstgebackene Plätzchen luden zum Naschen ein.

Nach der feierlichen Begrüßung sprach Elli Springwald das Gedicht von Ingrid Koch „Friede sei auf Erden“. Danach kam unsere kleine Solosängerin Maja Büchner und rezitierte ein Weihnachtsgedicht. Anschließend sang sie typisch echt ein erzgebirgisches Weihnachtlied vorgetragen im erzgebirgigen Dialekt. Sie erhielt großen Beifall für den lustigen Vortrag.

Nun stellten sich die Schüler der Gerhard-Hauptmann-Oberschule vor. Wie jedes Jahr erfreuten sie alle Anwesenden mit einem bunten Kulturprogramm. Besinnliches und auch sehr fröhliche Vorträge haben uns erfreut. Für diese wunderbaren Beiträge herzlichen Dank an die Lehrerin Frau Wolf und an die fröhlichen Kinder. Bunte Naschereien wurden durch den Weihnachtsmann überreicht. Langer Beifall belohnte die Kinder für ihre Darbietungen.

Musikalisch begleitet von Kurt Weihe stimmten die Feiernden dann das Lied „Alle Jahre wieder“ an. Es folgte, vorgetragen von der kleinen Urenkelin der Familie Weihe, eine herzerfrischend fröhliche Weihnachtsgeschichte.  Irmgard Gläser erzählte dann die Geschichte vom Salzhering zu Weihnachten – ein Erlebnis aus ihrer Kindheit. Mit musikalischer Begleitung sangen alle das Lied „Leise rieselt der Schnee.“ „Weihnachten“ ein Gedicht von Joseph von Eichendorf, ein sehr bekanntes Gedicht was jeder aus seiner Schulzeit kennt wurde von Hannelore Kedzierski zu Gehör gebracht.

Anschließend folgte eine Pause mit traditioneller ostpreußischer Mohnrolle und Christstollen. Bei Kaffee und Kuchen gab es viele gute Gespräche. Die Gemeinschaft unseres Vereins ist einfach herrlich und sehr harmonisch. Wir sind seit vielen Jahren freundschaftlich miteinander verbunden. Nach der Pause ging es mit fröhlichem Singen und Vorträgen weiter. Helga Büchner sprach über „Weihnachtsträume“. Es folgte das Gedicht „Die stille Zeit“ von H. Rauschenbach, vorgetragen von Fr. Springwald.

Nun bekam jeder Teilnehmer ein kleines wunderbares Geschenk, welches Kurt Weihe hergestellt hatte, überreicht. Natürlich durfte auch der Weihnachtsmann höchstpersönlich nicht fehlen. Es kamen sogar zwei! Sie wurden herzlich begrüßt und verteilten weihnachtliche Süßigkeiten. Viele trugen beim Überreichen fröhliche Lieder und Gedichte vor. Nun sangen zum Abschluss alle noch ein Weih-nachtslied. Mit Selbstgereimtem brachte Reinhard Gerullis anschließend alle Feiernden noch einmal zum zum schmunzeln.

Hannelore Kedzierski

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner, Julius-Wichmann-Weg 19, 23769 Burg auf Fehmarn, Telefon (04371) 8888939, E-Mail: birgit@kreil.info

Bad Oldesloe – In der Dezember-Veranstaltung folgten die Ost- und Westpreußen in Bad Oldesloe einer alten Tradition: Sie trafen sich zum Essen der Martingans in einem Restaurant.

Mit guten Gesprächen über die alten und neuen Zeiten verging die Mittagszeit, dann wurden mundartliche Texte zum Schmunzeln vorgelesen. Dabei kam heraus, dass unsere so beliebte Wruke eine Vokabel aus dem Prussischen ist. Thema war auch das Kreuz des Ostens auf unserem Friedhof.

Weiter geht’s im neuen Jahr am 11. Januar im DRK-Haus in der Lübecker Straße und im Februar mit der Jahreshauptversammlung inklusive Königsberger-Klopse-Essen.

Flensburg – Freitag, 13. Januar, 12 Uhr, AWO-Stadtteilcafe Flensburg: gemeinsames Grünkohlessen. – Freitag, 20. Januar, 15 Uhr AWO-Stadtteilcafe: Erst Kaffeetafel, dann der Vortrag „Das Nordertor in den Jahrhunderten“, Referent ist Dr. Broder Schwensen, Flensburger Stadtgeschichte.

Neumünster – Mittwoch, 11. Januar, 15 Uhr, Stadthalle, Kleinflecken: Im neuen Jahr möchten wir auch wieder viele Teilnehmer begrüßen. Die erste Zusammenkunft der Gruppe Neumünster beginnt mit einer Filmvorführung aus dem ostpreußischen „Schatzkästchen“. Landsmann Dr. Manfred Rüthlein zeigt die schönsten Aufnahmen aus den Jahren 1925 bis 1945.

– Bericht –

Das Mandolinenorchester Einfeld unter der Leitung von Joachim Burlich leitete mit dem Liedstück „Heiligste Nacht“ den Nachmittag ein. Die Vorsitzende Brigitte Profè begrüßte die zahlreich erschienenen Teilnehmer und las den ersten Teil ihre „Gedanken zur Weihnacht“ vor: „Wenn der Kalender ganz schlank geworden ist, wenn die Tage trüb und grau dahindämmern, haben unsere Seelen es oft schwer, die Alltagslast zu tragen. Dann kommt der Sonntag, der so ganz anders ist, als alle anderen vor ihm, denn ein Kerzenlicht leuchtet die Vorweihnachtszeit ein!“

Es ist einfach die Erinnerung an Weihnachten, wie wir es in unseren Kinderjahren erleben durften. Wohl kaum ein Fest ruft so viele Erinnerungen in uns hervor wie die Weihnacht. Je älter wir werden, umso lebendiger wird das Erinnern daran. Gedanken an diese geheimnisvolle Zeit – sie können so glücklich und auch so traurig machen. Aber man könnte doch auch einmal darüber nachdenken, warum die Weihnachtsgeschichte eigentlich im Stall stattfand. Alle Jahre wieder blicken wir auf das Kind in der Krippe und wir wissen, die Weihnacht ist nah.

Weihnachtslieder klangen mit Mandolinenbegleitung von A bis Z durch den Raum. Hildegard Henning und Brigitte Kulessa trugen weihnachtliche Beiträge vor. Es wurde dann der zweite Teil von Brigitte Profé’s Bericht vorgelesen: „Der 24. Dezember ist mehr als ein sich jährlich wiederholendes Datum. Mehr als ein dunkler, kalter Wintertag. Mehr als das Ziel wochenlanger Geschäftigkeit. Er bedeutet sich auf völlig neue Wege – wagen, zum ‚Nicht allein unterwegs‘ sein. Er ist ein Symbol für Ankunft, für ‚angekommen und aufgehoben‘ sein, für Geborgenheit und Nähe.“

Wie immer nach unserer Vorweihnachtsfeier endete der besinnliche weihnachtliche Nachmittag mit den Liedern „O, du fröhliche“ und den beiden Heimatliedern. Wenn Mitglieder sagen, „das war für mich schon Weihnachten“ und so mit den weihnachtlichen Gefühlen und Gedanken nach Hause gehen, dann haben wir das erreicht, was uns auch am Herzen lag. – Fröhliche Weihnachten.    Brigitte Profé

– Ehrung –

Die Gruppe ehrte im Rahmen der Vorweihnachtsfeier auch zehn langjährige Mitglieder mit einer Urkunde und einer Rose. Es waren:

Marga Neumann (65 Jahre Mitgliedschaft)

Ilse Lux (55 Jahre Mitgliedschaft)

Erika Haake (30 Jahre Mitgliedschaft)

Irmgard Schott (30 Jahre Mitgliedschaft)

Gerda Böttger (25 Jahre Mitgliedschaft)

Erika Hintze (20 Jahre Mitgliedschaft)

Edith Hoffmann (20Jahre Mitgliedschaft)

Erhard Dygutsch (15 Jahre Mitgliedschaft)

Gerda Dzeilak (15 Jahre Mitgliedschaft)

Hildegard Henning (10 Jahre Mitgliedschaft).


Wie aus einer anderen Welt
»Man eilte zueinander« – Reinhard Donder über die Gründung der Kreisgemeinschaft Lyck

Die Zeit war so Ende 1947, Anfang 1948, und der Ort war Hamburg. Hier trafen sich viele der vertriebenen Ostpreußen – Lycker waren es besonders viele – und sammelten sich. Heute, nach so langer Zeit (fast drei Generationen), erscheint das alles wie aus einer anderen Welt. Zeitzeugen gibt es nur noch wenige, und wenn, dann waren sie damals sehr jung. Meine Erinnerungen stützen sich auf Gespräche meiner Eltern.

Man traf sich im Bekannten-, Verwandten- und Freundeskreis. Man eilte zueinander, sobald man die Adresse kannte. „Suche… Wer kann Auskunft geben…“, stand auf den Schildern, die so viele Leute hochhielten. Viele klebten Aufrufe an Bäume und andere markante Stellen. Der Suchdienst des DRK sendete im Radio – aber wer hatte schon ein Radio?

Die ersten Treffen der Lycker waren sporadisch. Zufällig, im kleinsten Kreis fand man irgendwo zusammen. So einmal an der Endstation der U1, wo plötzlich unsere typisch masurischen Redewendung erklangen. Ich hatte drei Tanten in Hamburg, welche aus Lyck kamen, so sickerte meist etwas durch. Aber wir hatten andere Sorgen, lebten mit fünf Personen in einem Raum. Noch galt das Reichsgeld.

Otto Skibowski, Färbereibesitzer aus Lyck (Hindenburg-Straße 60), war die treibende Kraft, auch ihn hatte es nach Hamburg verschlagen. Dort organisierte er die ersten Treffen. Sein Aufruf vom 1. April 1948 zum ersten allgemeinen Treffen in Hamburg am 28. April um 11 Uhr auf dem HSV-Sportplatz an der Rothenbaumchaussee gilt als erster „Lycker-Brief“. Er bestand aus einer gefalteten Din-A4-Seite, beigefügt war eine Suchliste. Ebenfalls enthalten: Ein Bericht meiner Tante Wilhelmine Wolffke. Sie verließ Lyck im November 1947 und hat auf der zweiten Seite des Aufrufs detailliert über den aktuellen Zustand der Stadt Lyck im November 1947 Auskunft gegeben.

Dann endlich war der 28. April herangerückt. Das Lycker Treffen auf dem Sportplatz war ein Großereignis! Alles drängte heran. Der Rasen durfte nicht betreten werden, aber auf den Tribünen war Platz, am Eingang dagegen kaum ein Durchkommen. Stundenlang gingen die Suchanzeigen über die Lautsprecher.

Ein steifer Wind wirbelte den Staub der Häuserruinen des kriegszerstörten Hamburg auf. Die Sonne schien dennoch und wärmte. Ein Programm abzuwickeln war unmöglich. Erst um 14.30 Uhr war Zeit für Begrüßungsworte und für eine Andacht mit Gedenken der in der Heimat, auf der Flucht und in der Fremde Verstorbenen. Natürlich wurde auch unserer Kriegsgefangenen gedacht. Otto Skibowski und seine Ehefrau wurden unterstützt von den Eheleuten Ernst, Mischkewitz, Saborowski und Schauks. Unvergessen Skibowskis Worte: „Kreuze standen über dem deutschen Land, wir nannten es das ‚Masurische Golgatha‘. Heute stehen Kreuze über allen deutschen Ländern. Verstreut in alle Winde haben wir Masuren unsere Kreuze mitgenommen. Gott hat es zugelassen, so wollen wir aufrecht unter den Kreuzen stehen.“

Es waren etwa 3800 Teilnehmer bei diesem ersten Lycker Treffen. Mir ist nicht bekannt, dass später eine gleich große Besucherzahl erreicht wurde.

Die Lycker trafen sich dann regelmäßig jeden 1. Sonnabend des Monats im St. Georgenhof unweit des Hauptbahnhofes in Hamburg. Dort wurde auch die Arbeitsgemeinschaft Lyck, Vorläufer der Kreisgemeinschaft, am 15. Dezember 1948 gegründet.

Skibowski hat dann Hamburg verlassen und sich in Treysa bei Kassel angesiedelt. Er blieb aber unser Vorsitzender bis 1974, also über 25 Jahre lang. Der dritte „Lycker-Brief“ erschien am 6. November 1948. Bis zum Sommer 1950 waren es schon sechs Briefe. Der Wunsch Skibowskis, ein Adressbuch aller verstreuten Lycker zu publizieren hat sich erst viel später verwirklicht. Heute haben wir eine Kartei mit etwa 40000 Karteikarten, nahezu jeder ehemalige Bewohner des Kreises ist erwähnt.

Die Lycker Treffen fanden dann regelmäßig jährlich statt. Daneben gab es unzählige Bezirks- und Ortstreffen. Diese Tradition hat sich bis heute erhalten. Nach Übernahme der Patenschaft durch die Stadt Hagen 1955 wurde der Lycker-Brief ín Hagen-Lycker-Brief umbenannt. Bis  heute ist er unser offizielles Mitteilungsblatt. Aus anfangs vier Seiten ist ein Jahrbuch von über 100 Seiten entstanden. Die Auflage erreichte schon mal über 10000 Exemplare.

Die Aktivitäten wurden vom Sitz des Vorsitzenden beziehungsweise von unserer Patenstadt aus gesteuert. Auch wenn die Gründungsstätten von den Anfängen in Hamburg,  etwa der HSV-Sportplatz an der Rothenbaumchaussee, nicht mehr stehen, bleiben unsere Ziele stabil: Unpolitisch, überkonfessionell und um Erhalt der Kultur unserer Altvorderen bemüht sind wir, offen für jeden mit Interesse an Ostpreussen, Masuren und besonders für dem Kreis Lyck.                 Reinhard Donder


Mit Ulla Lachauer „Ostpreußische Lebensgeschichten“ erkunden

Das Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg lädt gemeinsam mit der Autorin, Dokumentarfilmerin und Ostpreußen-Expertin Ulla Lachauer (Foto) zu einer Studienreise ein. Vom 25. September bis zum 1. Oktober 2017 geht es durch das nördliche Ostpreußen bis hinein ins westliche Litauen. Angesteuert werden unter anderem Königsberg, Insterburg, Ragnit, Tilsit, Bittehnen, Willkischken, Heydekrug und Memel.

Das Motto lautet „Ostpreußische Lebensgeschichten“. Ulla Lachauer wird sie den Mitreisenden auf den Busfahrten und in eigens organisierten Lesungen im deutsch-russischen Haus in Königsberg, im Stadtmuseum Tilsit und im Jankus-Museum in Bittehnen nahebringen. Andere Lebensgeschichten werden höchstlebendig von ihren Protagonisten selbst zu erfahren sein: Deutsche, die Landwirtschaft betreiben, ein Russe, der aus Relikten der deutschen Vergangenheit ein Museum geschaffen hat. Besucht wird auch eine Käserei, in der der „Tilsiter“ wieder auferstanden ist, sowie eine einst reformierte Kirche, die zu sowjetischer Zeit Turnhalle war und heute ein orthodoxes Gotteshaus ist.

Welche Rolle spielt die Vergangenheit? In Tilsit, dem Herzen „Preußisch Litauens“, und in den Dörfern jenseits der Memel? In Bittehnen werden die Reisenden auf dem Hof von Lena Grigoleit zu Gast sein. Der Enkel bewirtschaftet heute den Hof nach den Regeln der EU. In Willkischken öffnet die wieder instand gesetzte evangelische Kirche ihre Pforten sowie das kürzlich eröffnete Bobrowski-Museum nebenan. Die Reise endet nach einem Zwischenstopp in Heydekrug auf der Fähre Memel-Kiel.

Weitere Informationen zu Reise und Anmeldung: Kulturreferat für Ostpreußen, Telefon (04131) 7599515, E-Mail: a.kern@ol-lg.de, Internet:  www.ol-lg.de.


S. 19 Heimatarbeit

Mahnmale für den Frieden
Reservisten aus dem Emsland pflegen seit 21 Jahren Kriegsgräber in Ostpreußen

Angerapp, Gumbinnen und Ebenrode: Schon fast 15000 im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten hat der Reservistenverband, Kreisgruppe Emsland/ Grafschaft Bentheim, ein würdiges Grab  verschafft.

Seit 1995 kümmern sich Reservisten und fördernde Mitglieder der Kreisgruppe Emsland/Grafschaft Bentheim im freiwilligen Engagement um Gräber gefallener Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Vom Vorstand der Reservistenkameradschaft Meppen kam Anfang 1995 die Idee, auch in der Russischen Föderation tätig zu werden. Gesagt, getan: Der erste Kriegsgräberpflegeeinsatz konnte erfolgreich abgeschlossen werden. In zwei Wochen wurden die Soldatenfriedhöfe in Angerapp (Osjorsk) und Ströpken (Uschakowo) dem Urwald entrissen. Hier ruhen insgesamt 209 gefallene Soldaten des 1. Weltkrieges – 114 Deutsche und 95 Russische. Seit 1945 wurden Soldatenfriedhöfe des Ersten und Zweiten Weltkrieges nicht gepflegt. Entsprechend mit Busch und Strauchwerk überwachsen waren die Gräber. Umso befriedigender für alle war aber auch das Gefühl, sie nach getaner Arbeit vor dem Vergessen bewahrt zu haben.

Nach der Rückkehr stand für Horst Richardt, dem Ehrenvorsitzenden der Kreisgruppe Emsland des Reservistenverbandes, jedenfalls fest: „Das kann doch nicht alles gewesen sein“. Er plante weiter und so wurden es mittlerweile 21 Einsätze. Zielorte waren immer die Kreise Angerapp, Gumbinnen (Gusev) und Ebenrode (Nesterov) in der Kaliningrader Oblast.

Im Jahr 1995 waren in Ostpreußen 1700 Soldatengrabanlagen registriert. Das sind kleine und mittlere Soldatenfriedhöfe, Gefechtsfeldfriedhöfe, die nicht verändert wurden, Einzel- und Doppelgräber in der Feldmark, Ehrenteile auf den Gemeindefriedhöfen sowie die ehemaligen Garnisonsfriedhöfe, die weiterhin als Zubettungsfriedhöfe für auch aktuell aufgefundene gefallene Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg genutzt werden.

Fazit des freiwilligen Engagements der Reservistenkameradschaft: Insgesamt 21 kleine und mittlere Soldatenfriedhöfe konnten wieder menschenwürdig hergerichtet werden. Auf insgesamt 65 Friedhöfen wurden Instandsetzungsarbeiten durchgeführt. Mit den Maßnahmen konnte für 14952 gefallene Soldaten ein würdiges Grab in einem würdigen Umfeld geschaffen werden. Auf den Soldatenfriedhöfen insbesondere des Ersten Weltkrieges ruhen fast immer deutsche und russische Soldaten Seite an Seite. Unter den 14952 Gefallenen  befinden sich 11171 Deutsche, 3776 Russen und fünf Rumänen.

Alle von der Reservistenkameradschaft gepflegten Friedhöfe sind registriert, aus der wirtschaftlichen Nutzung genommen und grundsätzlich für die Öffentlichkeit zugänglich. Ihre laufende Pflege wird nunmehr durch russische Firmen sichergestellt. Ausschreibung und Vergabe erfolgt durch den Volksbund. Von russischer Seite wurden in den letzten Jahren zu vielen Friedhöfen zudem die Zugangswege erneuert sowie Hinweistafeln oder auch Gedenktafeln angebracht.

Hilfe und Unterstützung in der Arbeit vor Ort hat die Reservistenkameradschaft in den letzten Jahren durch die Kosakenabteilung Gumbinnen erfahren, die nun schon mehr als vier Jahre Seite an Seite mit den Reservisten an der Wiederherstellung der Kriegsgräberstätten  arbeitet. Im Rahmen des 21. Arbeitseinsatzes nahmen die Reservisten an zwei Gedenkveranstaltungen in Tilsit und Insterburg  teil. Gemeinsam mit Vertretern der Kosakenabteilung stellten sie in Uniform die Kranzträger und Fahnenabordnungen. An den feierlichen und bewegenden Veranstaltungen „Zehn Jahre Soldatenfriedhof Tilsit“ beziehungsweise „20 Jahre Soldatenfriedhof Insterburg“ nahmen jeweils rund 200 Personen teil, darunter neben den örtlichen Vertretern viele prominente Gäste aus St. Petersburg und Moskau sowie Vertreter des diplomatischen Corps aus Königsberg, Lettland, Litauen, Polen und Weißrussland.

Die Festrede in Tilsit hielt der ehemalige Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses und Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Reinhard Führer. Er betonte am Beispiel der Wiederherstellung des Soldatenfriedhofes Tilsit die gemeinsame Friedensarbeit und die Bedeutung von Soldatenfriedhöfen als Mahnmale für den Frieden. In Insterburg würdigte die Alterspräsidentin des Thüringer Landtages, Elke Holzapfel, die Arbeit des Volksbundes und mahnte angesichts der schrecklichen Auswirkungen der Weltkriege aber auch des aktuellen Terrors und der Aggression zur Völkerverständigung, zur Versöhnung und zum Frieden. Auf den Friedhöfen wurden gemeinsam mit den Kosaken durch die Reservisten Kränze der Bundesrepublik Deutschland, der Russischen Föderation, der Republiken Litauen, Lettland, Polen und des Präsidenten des Thüringischen Landtages niedergelegt. Mit dem „Lied vom guten Kameraden“ und den Nationalhymnen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland fanden die gelungenen Gedenkveranstaltungen ihren Abschluss.

Nach nun mehr als vier Jahren kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit der Kosakenabteilung aus Gumbinnen auf den Soldatenfriedhöfen und gegenseitiger Teilnahme an Veranstaltungen geselliger Art fanden im Rahmen des diesjährigen Einsatzes die langjährigen Beziehungen durch eine offiziell geschlossene Partnerschaft ein einigendes Band.

Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung und Abschluss des 21. Kriegsgräberpflegeeinsatzes wurde im Rahmen einer kleinen Feierstunde in der Diakonie der Salzburger Kirche in Gumbinnen die Partnerschaft mit den Kosaken offiziell mit Austausch der Partnerschaftsurkunden beschlossen.

Der Austausch der Urkunden erfolgte durch den Marineattaché und Kapitän zur See Torsten Ites von der Deutschen Botschaft in Moskau und den Ataman Kosakengeneral Jurij Anatoljevitsch Sintschenko aus St. Petersburg. Sie übergaben dem Ataman der Kosaken aus Gumbinnen, Walerii Wladimirovitsch Kidalov, sowie dem Kommandoführer der Reservistengruppe, Horst Richardt, die zweisprachigen Urkunden. Marineattaché Ites und Ataman Sintschenko betonten in ihrer Rede die Bedeutung und den Wert der Partnerschaft gerade in den derzeitigen schwierigen Zeiten, wiesen auf die langjährigen intensiven Beziehungen, die gemeinsame Friedensarbeit auf den Kriegsgräberstätten und den beispielhaften bedeutsamen und wertvollen Beitrag zur Versöhnung und Völkerverständigung hin. Beide Seiten verpflichten sich auch weiterhin, die offiziell besiegelte Partnerschaft in vielfältiger Hinsicht mit Leben zu erfüllen.

Im kommenden Jahr wird nach Abschluss des 22. Kriegsgräberpflegeeinsatzes eine Abordnung der Kosaken aus Gumbinnn in Uniform in Meppen zu Gast sein. Neben einem Kulturprogramm ist auch ein gemeinsamer Arbeitseinsatz auf einem russischen Kriegsgefangenenfriedhof an der Nord-Süd-Straße geplant. Das Motto wird wieder lauten: „Arbeit für den Frieden, Versöhnung über den Gräbern, ausgehend von den Kriegstoten und ihren Gräbern über die Grenzen hinweg bis in unsere Herzen.“ Horst Richardt


Eindrucksvoll
Begleitheft zur Ausstellung in Ellingen

Zur Ausstellung „800 Jahre Deutscher Orden in seiner Residenz Ellingen“ im Kulturzentrum Ostpreußen im Deutschordensschloss Ellingen ist ein 64-seitiges mehrfarbiges Begleitbuch entstanden. Die von Bernhard Denga gestalteten Bildtafeln zeigen eindrucksvoll mit zahlreichen historischen Dokumenten, wie der Deutsche Orden entstand, wie es zur Gründung eines Spitals in Ellingen kam und wie der Orden dann in der kleinen Stadt Fuß fasste. Beschrieben werden die von den Ordensbaumeistern errichteten Bauwerke sowie die Lebensgeschichten einflussreicher Zeitgenossen wie Balleirat Johann Jacob Herold oder des Landkomturs Heinrich von Hornstein. Interessant dargestellt werden das Leben der Ellinger Henker, die Zeit der Hexenverfolgung in der Region und der jüdischen Gemeinde. Erläutert werden der Untergang des Ordens in Ellingen, die Eroberung durch Preußen und endlich die Weitergabe der Stadt an das bayerische Königshaus. Die Ausstellung „800 Jahre Deutscher Orden in seiner Residenz in Ellingen“ kann bis zum 5. März besichtigt werden. Sie ist täglich außer montags von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr im Kulturzentrum Ostpreußen, Schloßstraße 9, 91792 Ellingen, geöffnet. Informationen dazu gibt es unter Telefon (09141) 86440 oder info@kulturzentrum-ostpreussen.de. Das Begleitheft kann unter der gleichen Adresse für acht Euro plus Porto und Verpackung erworben werden.

M. Fritsche


S. 20 Heimatarbeit

»Junge Leute zusammenbringen«
Der Bund Junges Ostpreußen bat zum Seminar nach Bad Honnef – Historisches und Brandaktuelles standen auf dem Programm

Das Vortragsprogramm des diesjährigen Herbstseminars des Bundes Junges Ostpreußen (BJO) in Bad Honnef war einem historischen Ereignis gewidmet. Es beleuchtete Aspekte der Wechselbeziehungen zwischen Preußen und Österreich. Aber auch aktuelle Themen des Zeitgeschehens bleiben nicht außen vor. Ebenfalls hatte das Veranstalterteam Gesa Bierwerth und Jochen Zauner wichtige interne Belange des Verbandes auf die Tagesordnung gesetzt. Zukünftige Strategien, Aktivitäten und Projekte wurden in der gemütlichen Atmosphäre der Jugendherberge an der Selhorner Straße besprochen. Der Leitspruch „Ostpreußen erleben“ steht weiterhin im Vordergrund. Man will beim BJO nach wie vor gemeinsam Landschaften erleben, Geschichte entdecken und Gemeinschaft erfahren.

Die Anwesenden verfolgten mit Interesse die facettenreichen Beiträge rund um das Kernthema „150 Jahre Deutscher Krieg – Preußisch-österreichische Perspektiven“. Neben Mittel- und Osteuropa wurde zudem auch Südosteuropa etwas näher ins Blickfeld gerückt.

Die meisten Tagungsbesucher waren an Geschichte interessierte Studenten. Der jüngste Teilnehmer war ein Oberstufenschüler aus Unna, der sehr wissbegierig Fragen an die Referenten stellte.

Der Landesvorsitzende der Landsmannschaft Ostpreußen NRW, Jürgen Zauner, sprach in seinem Vortrag „Als Ostpreuße in Österreich – Vertriebene in Grünau im Almtal 1944/45“ über seine Kindheits- und Jugend-Erinnerungen. Der Zeitzeuge mit evangelisch-masurischen und oberösterreichischen Wurzeln wurde 1939 im katholisch-ermländischen Allenstein geboren. Emotional geprägte Episoden streiften die Kriegszeit und das Schicksal der Familie, die nach dem Tod des Vaters auf Irrwegen nach Kronach in Oberfranken gelangte.

Wilhelm Kreuer vom Vorstand der LO NRW berichtete im Rahmen des Seminars über „Südtirols Kampf um Autonomie – die Geschichte Südtirols ab dem Schicksalsjahr 1918“. Der Vortragende schilderte seine mit Südtirol und ihren Einwohnern verbundenen Eindrücke, die er beruflich sammeln konnte. Während seiner Tätigkeit beim Lastenausgleichsamt der Stadt Köln beschäftigte er sich unter anderem mit Vertriebenen und Umsiedlern, deren Wohnsitz Österreich und Italien war. Kreuer erklärte, dass ihn das Thema „Südtirol“ auch heute noch fasziniert. Unter dem Titel „Zum Mysterium und Martyrium Ostpreußens (Eckartschrift 208 der ÖLM)“ referierte Wolfgang Thüne, LO-Landesvorsitzender in Rheinland-Pfalz.

Mit einem interessanten Beitrag zum Thema „Der preußisch-österreichische Dualismus – ein Überblick“ bot Manuel Ruoff, Historiker und Redakteur der Preußischen Allgemeinen Zeitung, den Tagungsteilnehmern die Möglichkeit, die Rivalität zwischen Österreich und Preußen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und von 1850 bis 1866 näher kennenzulernen. „Dualismus“ sei als teilweise Interessenidentität zu verstehen, etwa im Sinne des Zusammenwirkens der beiden Mächte im Deutschen Bund (1815 bis 1848). Ruoff betonte: „Es ist also die Rede von ‚Doppelherrschaft‘ und ‚Rivalität‘. Das setzt ein Mindestmaß an Gleichwertigkeit, neudeutsch Augenhöhe, voraus. Dazu gehört, dass Preußen neben Österreich die zweite deutsche Großmacht wird.“

Als Gastredner aus Wien konnte der Historiker Peter Wassertheurer gewonnen werden, der den Tagungsteilnehmern mit seinen Vorträgen „Die Vertriebenen in Österreich nach 1945“ und „Der VLÖ: Tätigkeiten und Ziele in Österreich und in den Herkunftsländern“ Aspekte der Vergangenheit und Gegenwart näher brachte.

Das Referat zur „Entwicklung der nationalen Identität in Österreich“, das Karl Katary von der österreichischen Landsmannschaft (ÖLM) für das BJO-Herbstseminar vorbereitet hatte, trug das ÖLM-Mitglied Alwine Hartwig vor. In seinem Beitrag zum Thema „Der Berliner Kongress und die Konstellation der europäischen Mächte“ versuchte der Historiker und Literaturwissenschaftler Walter T. Rix, die politischen Bestrebungen der wichtigsten europäischen Mächte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen. Der Referent erklärte deren Verhältnis zueinander und verwies auch darauf, wie sie sich auf dem Berliner Kongress von 1876 manifestierten.

Wie der BJO-Vorsitzende Marius Jungk am Rande des Seminars verriet, haben sich die Vorstandsmitglieder im laufenden Jahr vor allem darauf konzentriert, etablierte Veranstaltungen fortzuführen und neue Ideen zu verwirklichen. Eine alljährlich stattfindende Veranstaltung ist das in Kooperation mit der Landesgruppe Bayern der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen organisierte große Adventstreffen im ostpreußischen Osterode. Neu war in diesem Jahr – thematisch passend zum Seminar – eine Wanderung zur Ostpreußenhütte im Salzburger Land. Die traditionelle Silvesterfahrt führt erstmals nach Allenstein ins südliche Ostpreußen. Neben der gemeinsamen Feier zur Jahreswende steht auch die Besichtigung der Stadt und weiterer Sehenswürdigkeiten auf dem Programm. Als Höhepunkt für das nächste Jahr ist eine „Sommerfahrt der Generationen“ nach Masuren vom 13. bis 25. August geplant.

Marius Jungk ist überzeugt: „Bei unserem breit angelegten Programm mit unterschiedlichen Schwerpunkten, ist für jeden, der an Ostpreußen interessiert ist, etwas dabei. Landschaften erleben, Geschichte entdecken und Gemeinschaft erfahren sind Ziele, die allen Aktivitäten – darunter Fahrten nach Ostpreußen, Seminare, Paddeltouren, Segeltörns, Radtouren und Kriegsgräberpflege – zugrunde liegen. Die regelmäßigen Besuche in allen drei Teilen der Kulturlandschaft und Kontakt zu den Jugendlichen vor Ort sind dabei besonders wichtig. In dieser Zeit geopolitischer Zuspitzung, die sich in der gesamten Region besonders äußert, können wir eine Vermittlerposition einnehmen und die jungen Leute zusammen bringen“, so Marius Jungk.       Dieter Göllner


S. 21 Reise

Jenseits von »Big Brother«
Quelle der Inspiration zu jeder Jahreszeit – Auf den Hebriden gelang George Orwell sein Meisterwerk »1984«

In der kalten Jahreszeit kann es auf den schottischen Inseln recht stürmisch sein. Der Schriftsteller George Orwell fand auf der He­brideninsel Jura aber sein Idyll, wo er im Roman „1984“ das Schreckens­szenario eines totalitären Staates ausbreiten konnte, in dem der Diktator „Big Brother“ alles unter Beobachtung hat.

Als einen „nur extrem schwer zu erreichenden Ort“ bezeichnete George Orwell die dem Südwesten des schottischen Festlandes vorgelagerte Hebrideninsel Jura. Trotzdem, oder höchstwahrscheinlich gerade deshalb, wählte er das etwa 46 Kilometer lange und bis zu elf Kilometer breite Eiland im Atlantischen Ozean 1945 zu seinem Wohnsitz. Denn der durch seine Satire „Animal Farm“ („Farm der Tiere“) bereits erfolgreiche Autor suchte nach einem Platz, wo er in Ruhe einen neuen Roman, dessen Thema ihn schon seit geraumer Zeit beschäftigte, verfassen konnte. Vielleicht erhoffte er sich in der Seeluft der Insel auch eine Genesung von seiner Lungenkrankheit, die ihm dann im Januar 1950, nur 47 Jahre alt, das Leben kosten sollte.

An den Umständen, nach Jura zu gelangen, hat sich seit Orwells Tagen nur wenig geändert. Um mit dem Auto anreisen zu können, muss vom schottischen Festland aus erst auf die als „Whisky-Insel“ bekannte Isle of Islay übergesetzt werden, von wo eine weitere Fähre den Besucher nach Jura bringt. Überragt wird die Insel von den drei rund 800 Meter hohen „Paps of Jura“. Die aufzuwendenden Mühen für die Besteigung eines dieser Berge dürfen keinesfalls unterschätzt werden, man sollte dafür gut und gerne einen vollen Tag veranschlagen. Zu den Höhepunkten des Insellebens zählt das alljährlich am letzten Mai-Wochenende abgehaltene Bergrennen „Fell Race“ mit Hunderten von Teilnehmern aus ganz Großbritannien.

Aber zurück zu Orwell, dessen Name untrennbar mit Jura verbunden ist. Kann Jura nach wie vor nicht leicht erreicht werden, so trifft das erst recht auf Orwells Haus „Barnhill“ zu, das am nördlichsten Ende der Insel weitab von jeglichen Nachbarn liegt. In dieser selbstgewählten Einsamkeit, begleitet lediglich von seinem kleinen Adoptivsohn Richard und einer Haushälterin, die später von seiner Schwester Avril abgelöst wurde – Orwells Frau war vor dem Umzug nach Jura verstorben –, verfasste er das Manuskript des utopischen Ro­mans „1984“, der ihn weltbekannt machen sollte.

„Sein abschließendes Meisterwerk, fesselnd und zum Verständnis unserer Zeit unverzichtbar“, heißt es dazu in einer der unzähligen Rezensionen dieser beklemmenden Schilderung einer zu­künftigen Gesellschaft, in welcher der Staat alles und jedes überwacht und kontrolliert. Der Titel des Buches, so Gordon Wright in seiner Schrift „Jura and George Orwell“, kam dabei auf eine überaus prosaische Weise zustande. Nach längeren Überlegungen habe Orwell die letzten beiden Ziffern des Jahres, in dem er das Werk vollendete, nämlich 1948, einfach umgedreht.

Den Bewohnern Juras – derzeit sind es etwa 200 Menschen – war George Orwell nur unter seinem bürgerlichen Namen Eric Arthur Blair bekannt. Bedingt durch die Abgeschiedenheit seiner Wohnstatt hatte er freilich nur mit wenigen Menschen Kontakt. Aber diejenigen, die mit ihm zusammentrafen, schildern Orwell als einen ruhigen, traurig dreinblickenden, von seiner Krankheit gezeichneten Zeitgenossen. Den vertrautesten Umgang hatte der Autor wohl mit Mrs. Nelson und deren Familie, seinen gut elf Kilometer vom ihm entfernt im Dörfchen Ardlussa wohnenden nächsten „Nachbarn“. In ihren Erinnerungen „The Reminiscences of Mrs. Nelson“ beschreibt sie bildhaft Orwells einfaches, um nicht zu sagen primitives Leben im vormals von Schafhirten und Jägern genutzten, über Jahre hinweg unbewohnten „Barnhill“. Aber das sei für Orwell, der einem Ideal der Selbstgenügsamkeit nacheiferte, genau richtig gewesen. „Ich hatte den Eindruck“, so Mrs. Nelson, „dass er mit einem Dach über dem Kopf und einem Stück Brot zum Essen schon zufrieden war.“

Trotz der kargen äußeren Um­stände scheint sich Orwell in „Barnhill“, wie auch in der herben Landschaft Juras, sichtlich wohl gefühlt zu haben. Soweit es ihm seine Krankheit und die Arbeit am Manuskript für „1984“ erlaubten, ging er auf Hasenjagd, fuhr mit seinem Boot zum Fischen aufs Meer hinaus oder sammelte Holz und Torf für Heizzwecke. Gegen Ende des Jahres 1947 verschlechterte sich Orwells Ge­sundheitszustand rapide. Nach Wochen in Sanatorien auf dem Festland kehrte er zwar nach „Barnhill“ zurück, erkannte dann aber, dass ein Aufenthalt für ihn dort nicht länger möglich war. Das Kapitel George Orwell und Jura war damit an sein Ende gekommen als der Ort, an dem ein Stück Weltliteratur entstand, wird die Insel jedoch in den Annalen weiterleben.

Wer heute „Barnhill“ besuchen will – da das Anwesen im Privatbesitz ist, kann es nur nach Vereinbarung besichtigt werden –, muss gut zu Fuß sein. Denn die letzten sieben Kilometer zum ehemaligen Domizil des Schriftstellers sind für Kraftfahrzeuge gesperrt. Hat man nach einer etwa zweistündigen Wanderung auf einem Feldweg, ausgehend von der Parkmöglichkeit „Old Quarry at Road End“, „Barnhill“ endlich im Blickfeld, wird sich der Be­trachter kaum Gedanken über den Kontrast entziehen können, wie er zwischen dieser friedvoll in die Natur eingebetteten Inselidylle und der dort gestalteten Schreckensvision von „1984“ besteht. Walter Kreul


In eisigen Höhlen
Alpentouristen wandern in Iglu-Dörfern ein

Um Wintertouristen in eine  bestimmte Alpenregion zu locken, kommen die Einheimischen auf verrückte Ideen. Ein Trend, der sich seit einigen Jahren verstärkt beobachten lässt, sind Unterkünfte in Iglus. Die Schneehütten der Eskimos bieten auch in den Alpen so manchen Vorteil. Erbaut in schneesicheren Zonen oberhalb von 2000 Metern, liegen sie in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Skipisten. Das spart Anfahrtszeiten vom Hotel im Tal aus per Skibus und Seilbahn.

Wie in einem Kühlschrank wohnt man dabei nicht. In Iglu-Dörfern gibt es in­zwischen Wohlfühlzonen mit Whirlpool und sogar Saunen. Übernachtet wird in hochwertigen Schlafsäcken, in denen garantiert niemand friert.

Jedes Iglu wird außerdem individuell von Eiskünstlern gestaltet. Außerdem gibt es Empfangshallen, Bars und Restaurants, deren Schneewände kunstvoll verziert sind. Im Sommer schmilzt dann wieder alles dahin. Dann bleibt Zeit, um neue architektonische Ideen zu sammeln für die nächste Wintersaison. Ein Schweizer Un­ternehmen ist mit diesem Konzept so erfolgreich, dass es bereits in die 21. Saison geht. Aus je über 2000 Tonnen Schnee entstanden in diesem Winter bereits ganze Iglu-Dörfer in Davos Klosters, Engelberg, Gstaad, Stock­horn, Zermatt und Andorra. Seit dem 27. Dezember hat auf der Zugspitze unweit vom Schneefernerhaus am Gletscher ein weiteres geöffnet. Die Preise pro Übernachtung variieren dort je nach Komfort zwischen 119 und 259 Euro.

An der Zugspitze haben Eis­künstler unter dem Motto „Blumenwiese“ im Dorf „Pflanzen“ in strahlendem Weiß geformt. Auch die anderen Iglu-Dörfer setzen auf Themenfelder. In En­gelberg steht das Element Wasser in all seinen eisigen Facetten im Zentrum, Gstaad entführt die Gäste in die Wüste, und am Stock­horn kann man sich auf „Ritter & Burgen“ freuen.

Im vergangenen Winter feierte die Iglu-Dorf GmbH ihr 20-jähriges Firmenjubiläum mit einem Weltrekord: Das größte Schnee­iglu der Welt mit einem Durchmesser von 12,9 Metern und einer Deckenhöhe von 9,92 Metern wurde im Januar 2016 am Fuße des Matterhorns gebaut. In dieser Saison stehen an allen Standorten insgesamt 233 Schneebetten bereit, die man auch ohne Weltrekord zu füllen hofft.      tws

Infos: www.iglu-dorf.com


Rekord auf Kufen
Hobbyrodler machen Hohe Tauern unsicher

Die Wildkogel-Arena in der Ferienregion Nationalpark Hohe Tauern gehört im Januar den Rodlern. Es gilt, einen Weltrekord aufzustellen. Am 22. Januar wollen rund 500 Rodler die längste geschlossene Rodlerkette bilden. Das erklärte Ziel ist es, gleichzeitig und geschlossen in Fahrt zu kommen und buchstäblich ins Guinness Buch der Rekorde zu rodeln.

Hunderte von Besuchern, Prominente, Me­dienvertreter, Helfer und Si­cherheitspersonen werden für eine grandiose Stimmung vor der Kulisse der Wildkogel-Arena von Neukirchen und Bramberg sorgen. Als zu­sätzliche Motivationshilfe dient die „Weltrekordhaltermedaille“, die alle Teilnehmer erhalten. Aber dazu muss der riskante Weltrekord erst einmal ge­lingen, was nicht einfach sein wird, da die Rodlerkette bei der rasanten Abfahrt nicht auseinanderbrechen darf.

Am Abend zuvor wird der Weltrekordversuch auf der mit 14 Ki­lometern und 1300 Höhenmetern längsten beleuchteten Rodelbahn der Welt mit dem traditionellen „Bockareitn am Wildkogel“ eingeleitet. Unter Flutlicht müssen die Rodler waghalsige Aufgaben be­wältigen. Wer denkt, dass dies nur ein Spaß für die jüngere Generation ist, der hat sich geirrt. Weil Skiabfahrten im hohen Alter mit einem immer größeren Risiko verbunden sind, wagen sich immer mehr schneebegeisterte Senioren auf den Rodelschlitten.

Die Wildkogel-Arena bietet  reichlich Gelegenheit, sein Können auf dem Schlitten unter Beweis  zu stellen. Am 28. Ja­nuar ist der „Tag des Rodelns“ mit Gratis-Bergfahrten am Wildkogel. Im An­schluss findet ein Rodelabend im Bergrestaurant Wildkogel statt. Am 29. Januar gibt es um

10 Uhr ein Langstreckenrodeln auf der 14 Kilometer langen Ro­delbahn vom Wildkogel nach Bramberg. Und am 11. Fe­bruar wird um 13 Uhr das „Sau-Rodeln“ auf der Kühnreitrodelbahn veranstaltet, bei dem weniger der Sport als der Spaß im Vordergrund steht.  H. Tews

Infos: www.wildkogel-arena.at


Das sechste Schiff
Mit Rabatt auf neues Tui-Cruises-Boot

Vom Kreuzfahrtboom der vergangenen Jahre profitiert auch die Hamburger Reederei Tui-Cruises. Seit 2009 ergänzt sie ihre Flotte zuletzt nahezu jährlich mit einem neuen schwimmenden Hotel der Spitzenklasse. Auf insgesamt fünf Passagierdampfern der Marke „Mein Schiff“ können Passagiere derzeit auf Kreuzfahrt gehen. Ein sechstes wird 2017 in Dienst gestellt: Am 1. Juni wird „Mein Schiff 6“ in Hamburg getauft. Es folgt eine Tauffahrt, die am 3. Juni in Kiel endet. Weitere Informationen zur Taufe, ob das Schiff an der Pier oder auf dem Wasser getauft und wer die Taufpatin sein wird, gibt die Reederei erst zu einem späteren Zeitpunkt bekannt.

„Mein Schiff 6“ ist nach der Tauf- und Jungfernfahrt bis Mitte August in der Ostsee mit Baltikum sowie im Nordland un­terwegs. Im An­schluss startet in Hamburg die erste Reise nach New York. Ab September kreuzt der jüngste Flottenzuwachs dann vor der nordamerikanischen Küste. Von New York aus fährt das Schiff zwei unterschiedliche zehn- und elftägigen Routen bis nach Kanada sowie in die Karibik. Ab November fährt es dann in Mittelamerika.

Wer sich bis zum 31. Januar für eine Reise entscheidet, kommt in den Genuss eines Frühbucherra­batts. Danach kostet eine zehntägige Reise auf dem Traumschiff von New York nach Ka­nada über Boston, Bar Harbor, Sydney und Halifax mit dem Premiumpaket, bei dem alles inklusive ist, bei Doppelbelegung in einer Innenkabine ab 1678 Euro pro Person. Mit Flug von und nach Deutschland kostet es ab 2678 Euro pro Person. Etwas teurer sind die elf- bis 14-tägigen Kreuzfahrten in die Karibik. Doch auch hier erhalten Frühbucher noch Ermäßigungen bis Ende Januar.

Die 295 Meter lange „Mein Schiff 6“ bietet Platz für 2534 Passagiere. Auf der Meyer Werft im finnischen Turku sollen 2018 und 2019 für Tui-Cruises zwei weitere Schiffe abgeliefert werden, welche dann die jetzt noch auf den Weltmeeren kreuzenden „Mein Schiff 1“ und „Mein Schiff 2“ ablösen und deren Namen übernehmen sollen.   H. Tews

Infos unter: www.tuicruises.com


S. 22 Neue Bücher

Zeppelin im Roman
Drei Erzählstränge

Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit selbst. Eine besondere Rolle nehmen dabei die Zeppeline ein, diese gigantischen Luftschiffe, die scheinbar schwerelos am Himmel ihre Bahnen ziehen. Diese Faszination bildet den Hintergrund zu Maiken Nielsens Roman „Unter uns die Welt“, der die Lebensgeschichte ihres Großvaters nachzeichnet. Dabei hat sie seine biografischen Daten sehr gründlich recherchiert, die Handlung aber auch noch mit einer fiktiven Liebesgeschichte erweitert.

Christian Nielsen, Jahrgang 1910, ist tief beeindruckt, als er im Alter von vier Jahren einen Zeppelin am Himmel schweben sieht, allerdings schlägt er wie alle Männer seiner Familie erst einmal die Seemannslaufbahn ein. Als Matrose fährt er auf den schnellen Chile-Seglern in den gefährlichen Gewässern um Kap Hoorn und überlebt nur knapp einen Schiffsuntergang. Währenddessen wächst die gleichaltrige Lil auf Hawaii auf und erkämpft sich Chancen, in der von Männern dominierten Zeitungswelt als Reporterin zu arbeiten. Christian mustert dann auf der Yacht „Orion“ des amerikanischen Multimillionärs Julius Forstmann an. Während der Weltreise kommt es zu einer Begegnung mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin“, das sich ebenfalls auf einer Weltfahrt befindet. Beim Landgang in New York sieht er das erste Mal Lil. Nach einem zufälligen weiteren Treffen auf Hawaii und einer kurzen intensiven Liebesbeziehung kehrt Christian an Bord der „Orion“ zurück – und beiden bleibt es nur, Briefe zu schreiben, die aber den jeweiligen Empfänger lange nicht erreichen. Christian wird Offizier, Navigator und Verkehrsflieger. Er heiratet, wird Vater und wechselt zur Zeppelin-Reederei. Mit „Graf Zeppelin“ fliegt er regelmäßig nach Südamerika und trifft dort wieder auf Lil. Die Beziehung lebt wieder auf. Durch Zufall ist er dann an Bord des legendären Luftschiffs „Hindenburg“, das 1937 bei der Landung in Lakehurst bei New York in Flammen aufgeht.

Maiken Nielsen schreibt in drei miteinander verwobenen Erzählsträngen einmal die Lebensgeschichten von Christian und Lil sowie parallel dazu den Verlauf der Entwicklung der Zeppelinfahrt. Der Leser ist mit an Bord bei der Weltfahrt von Hugo Eckener auf „Graf Zeppelin“, begleitet Christian durch sein abenteuerliches Leben und lernt mit Lil die Schwierigkeiten kennen, als Frau in eine Männerdomäne einzudringen. Familiengeschichten sind sehr schwierig zu schreiben, weil oft der Abstand fehlt, allerdings ist es der Autorin hier sehr gut gelungen, und mit der fiktiven Lil hat sie eine interessante Persönlichkeit geschaffen. In der von Trennungen und Missverständnissen geprägten Beziehung mit Christian liegt auch eine sehr große Stärke des Buches. Sowohl das jeweilige Lokalkolorit an den unterschiedlichen Orten wie Sylt, New York, Rio und Hawaii ist treffend beschrieben als besonders auch die politische Stimmung in Deutschland in den 30er Jahren gut eingefangen. Nielsen verknüpft eine historisch authentische Geschichte mit einer fiktiven Komponente zu einem spannend geschriebenen Roman, der dem Leser einen tiefen Einblick in die damalige Zeit gibt. Britta Heitmann

Nielsen, Maiken: „Und unter uns die Welt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, gebunden, 448 Seiten, 19,95 Euro


Veränderte Sichtweise
»Spiegel«-Buch über das Heilige Römische Reich

Dass die Deutschen geschichtsmüde seien, kann nicht stimmen. Geht man durch eine größere Bahnhofsbuchhandlung, ist geradezu auffallend, wie viele Hefte mit historischen Themen angeboten werden. Nicht zuletzt die Wochenmagazine „Die Zeit“ und „Der Spiegel“ überbieten sich geradezu, und sie würden es ja nicht tun, gäbe es keine Nachfrage. Läuft ein Heft besonders erfolgreich, macht der „Spiegel“ gleich noch ein Buch daraus.

So geht es aktuell um die fast 900-jährige Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Dieses aus der Erbmasse Karls des Großen hervorgegangene Reich hat staatsrechtlich bis 1806 bestanden. Das Heilige Römische Reich hat durch die Jahrhunderte fast nur Hohn und Spott erfahren. In unseren Tagen vollzieht sich indes unter Historikern eine stille Revision: Nicht mehr die offenkundigen Mängel des Reiches stehen im Vordergrund, sondern beachtet wird die Vielfalt unterschiedlicher Territorien und Herrschaften, die gleichwohl durch das Band „deutsche Nation“ zusammengehalten wurden.

Auch dieses „Spiegel“-Buch neigt zu dieser Ansicht. Es vereint etwas mehr als 30 Beiträge von 22 Redakteuren des Blattes und einigen frei-en Autoren. In Geschichten, Analysen, Porträts und Interviews spiegeln sie an Einzelbeispielen die wechselvolle Geschichte des Reiches. Das Buch  beginnt mit Otto dem Großen, nennt den Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst, die Macht der Zünfte in den mittelalterlichen Städten, den Luxemburger Kaiser Karl IV. und seine Residenz in Prag, den Dreißigjährigen Krieg, den Aufstieg Preußens, Goethes Sicht auf das Alte Reich, am Ende dann, über 1806 hinausgehend, den anfangs liberalen, später konservativen Theodor Fontane.

Daneben aber, und das ist die eigentliche Würze des Buches, finden sich viele Einzelportraits, etwa zum exzentrischen Ulrich von Hutten, zu starken Frauen als Äbtissinnen (Quedlinburg und Essen), zu Walter von der Vogelweide, zum national und liberal gleichermaßen agierenden Turnvater Jahn und zur deutschlandbegeisterten Madame de Stael. Schließlich werden in drei größeren Interviews mit dem englischen Kulturwissenschaftler Simon Winder sowie den deutschen Historikern Georg Schmidt und Jörn Leonhard die Einzeldarstellungen zu einer Zusammenschau gebracht.

Der Titel suggeriert eine historische Gesamtdarstellung, wie wir sie aus jüngster Zeit etwa von Winkler oder Wehler kennen. Das bietet der Band nicht, richtigerweise müsste er „Episoden aus der deutschen Geschichte“ heißen. Es ist ein bisschen ein Sauseschritt durch die Geschichte, dem man aber gleichwohl gern folgt. Die locker geschriebenen Texte dröseln manch schwierigen Sachverhalt verständlich auf; manchmal gelingen sehr einleuchtende Formulierungen („der schwierige Weg zum Hochdeutschen spiegelt den schwierigen Weg zur Nation“). Mitunter gerät der Text in typischer „Spiegel“-Manier allerdings flapsig oder provozierend: Friedrich der Große – ein „hochfahrender und ruchloser Mann“ – der Magdeburger Dom: „ein Secondhandladen für Sakralbauten-Zubehör“. Man kann es auch anders sehen. Das Archiv des Blattes hat teilweise hervorragende Zitate herausgesucht, leider ohne Quellenangaben. Eine annotierte Bibliographie hilft aber Interessenten gut weiter.

Ausgerechnet der Brite Simon Winder, Cheflektor eines großen Londoner Verlages, macht aus seiner Bewunderung des Alten Reiches kein Hehl; es ist für ihn ein „kulturelles Kraftwerk“, ein „früher und erfolgreicher Föderalismus“. Was für ihn der deutscheste Ort sei? „Lübeck, eine stolze, unabhängige Kaufmannstadt mit Sinn für Musik“. Welche Institution? „Das Gewandhausorchester Leipzig“. Welche Person? „Albrecht Dürer“.  Der Leser reibt sich die Augen!  Dirk Klose

Nils Klawitter, Dietmar Pieper (Hg.): „Das Reich der Deutschen. Wie wir eine Nation wurden“. „Spiegel“-Buch, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016, gebunden, 288 Seiten, 19,99 Euro


Zeppelin für Technikliebhaber
Jörg Koch schildert Fahrten und Modelle der legendären Luftschiffe

Ferdinand Graf von Zeppelin (1838–1917) und die von ihm konstruierten Luftfahrzeuge haben einen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur. Dabei resultierten die Erfolge des Erfinders zweifellos aus der günstigen historischen Konstellation in der Zeit nach der Reichsgründung 1871. Damals war zum einen viel freies Kapital vorhanden, zum anderen herrschte fast grenzenloser Fortschrittsglauben, der nicht nur von Wissenschaftlern und Unternehmern, sondern ebenso vom Volk geteilt wurde. Hierauf verweist der promovierte Historiker Jörg Koch in dem aussagekräftigen Werk „Ferdinand von Zeppelin und seine Luftschiffe“. Er beschreibt darin den Lebensweg des Begründers des Starrluftschiffbaus. Es kommen auch Episoden der militärischen Karriere Zeppelins zur Sprache, wie der Einsatz als Beobachter im amerikanischen Sezessionskrieg 1863 sowie die Teilnahme an den deutschen Einigungskriegen 1866 und 1870/71, nach deren Abschluss der württembergische Offizier immerhin noch bis zum Generalleutnant avancierte.

Ansonsten schildert Koch vor allem die legendären Fahrten der Zeppeline, beispielsweise den ersten 24-Stunden-Langstreckenflug von LZ 4, welcher am 5. August 1908 unweit von Stuttgart in einer Katastrophe endete, die Amerika-, Polar- und Weltfahrten von LZ 127 „Graf Zeppelin“ sowie die letzte Mission der „Hindenburg“ (LZ 129), deren tragisches Ende am 6. Mai 1937 die ganze Welt bewegte.

Durch seinen Erfindergeist wurde Zeppelin quasi zu einem deutschen Nationalhelden, wo-rauf das Buch gleichfalls eingeht: Der Luftschiff-Konstrukteur erhielt 30 hohe Orden Bayerns, Württembergs, Preußens, Sachsens, Badens, Hessen-Darmstadts und Mecklenburgs sowie des europäischen Auslands – dazu kamen fünf Ehrendoktortitel. Nicht ausgespart bleibt auch der militärische Einsatz der Zeppeline im Ersten Weltkrieg, etwa bei Bombenangriffen auf englische Städte und riskanten Aufklärungsmissionen über See: Immerhin zwei Drittel der insgesamt 123 Militärluftschiffe gingen durch Feindeinwirkung verloren.

Kochs Darstellung endet mit  Zeppelins Beerdigung und dem Fortleben des „Mythos Zeppelin“. Dabei bietet der Verfasser eine Vielzahl von Fotos, die man andernorts nur selten zu sehen bekommt. So beispielsweise vom im Bau befindlichen Flugzeugträger „Graf Zeppelin“ oder diversen Details der Agonie der „Hindenburg“ bei der fatal missglückten Landung in Lakehurst. Der hochwertig ausgestattete Band, dessen Preis dafür vergleichsweise niedrig liegt, dürfte ein Leckerbissen für alle Zeppelin-, Geschichts- und Technik-Liebhaber sein.             Wolfgang Kaufmann

Jörg Koch: „Ferdinand von Zeppelin und seine Luftschiffe“, Ares Verlag, Graz 2016, gebunden, 199 Seiten, 24,90 Euro


Ein Land auf der Suche nach sich selbst
»Spiegel«-Korrespondent Christoph Scheuermann veröffentlicht Reportagen von seinen Reisen durch England 

Nach dem Brexit darf Christoph Scheuermann, „Spiegel“-Korrespondent in London, berechtigterweise mit einem erhöhten Interesse an seinem Buch rechnen, das den zugkräftigen Titel trägt: „Unter Briten. Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk“. Offenkundig lehnt sich der Titel an einen aktuellen Bestseller an, auch erinnert er unweigerlich an den Brexit. Die im Buch enthaltenen 25 Reportagen des Autors entstanden großenteils Ende 2015 bis Mitte 2016, als er in England und Schottland unterwegs war, um Stimmungen einzufangen und sich bei ausgewählten und zufälligen Protagonisten für sein geplantes Buch nach ihrer persönlichen Situation zu erkundigen. Er fand „ein Land in der Defensive“, in dem die Erinnerung an das verlorene Empire noch immer wachgehalten wird. Überall klammern sich Menschen an die Hoffnung, dass Großbritannien ohne das Diktat aus Brüssel wieder zu Wohlstand und Glück zurückfinden möge. Denn es ist seit den 80er Jahren so vieles falsch gelaufen im Mutterland des New Commonwealth. Scheuermann hält diese Hoffnung für eine Illusion, liefert aber mit seinem Buch passgenau den Stoff, der bei den Lesern Verständnis für die Entscheidung der Briten weckt, ihre „Splendid Isolation“ gewählt zu haben.

Als Ende 2015 die Schließung von Englands letzter Steinkohlengrube Kellingley in Nord Yorkshire angekündigt wurde, traf der Autor im Club der Kumpel von Notting-ley den 63-jährigen Bergmann John, der 47 Jahre unter Tage gearbeitet hat. John erzählte ihm von der glorreichen Zeit des stolzen und mutigen englischen Bergmanns. Großbritannien ist nicht mehr Europas Werkstatt, seine Working Class ist seit Thatcher nahezu aufgelöst worden. Eine Studie besagt, dass heute doppelt so viele britische Haushalte von Armut betroffen sind wie in den frühen 80er Jahren. Auf dem kurzen Weg von unten nach ganz unten ist das Pfandleihhaus ein Durchgangsort für viele. Davon konnte sich Scheuermann bei einem Pfandleiher im einstigen Arbeiter-Seebad Blackpool im Nordwesten der Insel ein Bild machen.

Francis Fulford ist ein Grundbesitzer aus Devon und landesweit bekannt aus der TV-Dokusoap „The F***ing Fulfords“, die ihn und seine Familie als Beispiel „für Verfall und Wahnsinn“ der Spezies „gentry“ portraitiert hat. Ihm und zahllosen anderen verarmten Landadeligen erbringen Ackerbau und Viehzucht nicht mehr genügend Erträge, um den Betrieb des herrschaftlichen Anwesens zu finanzieren. Im Gespräch mit Scheuermann versprüht Fulford mit jedem Satz eine Portion Sarkasmus. Am meisten verhasst ist ihm die „f***ing political correctness“, die das Land im Würgegriff halte. Einer, der sich für bedrohte Lebensformen in Großbritannien einsetzt, ist Prinz Charles. Der Autor beobachtete ihn bei seinem Besuch eines Dorfpubs. Charles sei der Einzige in der königlichen Familie, der ein Ziel verfolge, lobt er. Doch er repräsentiere ein England, das es nicht mehr gebe. Seinen Kampf hält er für aussichtslos, übersieht aber dabei, dass Charles immerhin zahllose Mitstreiter gewonnen hat.

Nur das britische Establishment ist trotz der Einwanderung aus Pakistan, Indien und der Karibik ziemlich stabil geblieben. Seit Jahrhunderten ist das berühmte Eton College eine Art „Kinderspielplatz der Oberschicht“. „Halb England wird von Old Etonians geführt – Anwaltskanzleien, Unternehmen, Banken, die Regierung.“ Bei einem Gespräch mit Internatsschülern im Eton wird klar, wie dieses System funktioniert.

Was jungen Leuten im ganzen Land Identität verschafft, wirkt manchmal bestürzend, wie die „Alkoholapokalpyse“ bei einem Junggesellinnenabschied. Andere Geschichten über die Vorlieben der Briten handeln vom Fußball, dem Glücksspiel, der Schatzsuche mit Metalldetektoren und dem weit verbreiteten Neuheidentum. Um der im Titel postulierten Tendenz des Sonderbaren gerecht zu werden, hat Scheuermann einige sogenannte magische Orte aufgesucht, von denen es auf der Insel bekanntlich besonders viele gibt. Anders ausgedrückt: Es wohnen dort zahlreiche esoterisch angehauchte Menschen, die bestimmte Orte für sich und ihre Zeremonien beanspruchen.

Dass in diesem Buch schon wieder das Klischee vom skurrilen Engländer bedient wird, war vielleicht unvermeidlich. Etwas weniger davon wäre aber sinnvoll gewesen. Was demgegenüber fehlt, ist ein scharfer Blick auf etwas so Durchschnittliches wie den Alltag eines Arbeiters für den Dienstleistungsbereich mit niedrigem Einkommen – vielleicht, weil dieser riesige Sektor nicht quotenträchtig und auch nicht typisch britisch ist.        D. Jestrzemski

Christoph Scheuermann: „Unter Briten. Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk“, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016, gebunden, 240 Seiten, 17,99 Euro


S. 23 Anzeige Rautenberg Buchhandlung

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S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Im kalten Loch / Wovor wir auf keinen Fall Angst haben dürfen, warum Berlin die Kapitulation fürchtet, und wieso die Terror-Opfer manchen kaum rühren

Sie haben es auch gehört, dutzendfach, hundertfach, tausendfach: Auf keinen Fall dürfen wir jetzt „Angst“ bekommen. Sagen die führenden Politiker im Chor. Die haben ja auch keine. Oder doch? Na jedenfalls nicht vor dem islamischen Terror.

Dafür flattern sie wegen einer ganz anderen Gefahr aufgescheucht herum. Sogenannte „Fake News“, also möglicherweise bewusst gestreute Falschmeldungen, sorgen für erhebliche Verunsicherung in der Spitze der Republik. Beamte des Bundesinnenministeriums haben ein Memorandum verfasst, in dem sie donnern: „Die Akzeptanz eines postfaktischen Zeitalters käme einer politischen Kapitulation gleich.“

Was mit „postfaktisch“ gemeint ist, hatten wir neulich untersucht. Es handelt sich weniger um Falschmeldungen als um Nachrichten und Kommentare, die den Regierenden nicht in dem Kram passen. Die finden sich außerhalb der PAZ vor allem im Internet, weil man über das Netz die Staats- und Konzernmedien umgehen kann, welche den Mächtigen enger zugetan sind denn je.

Wie ernst die Lage ist, verrät die Sprache: „Kapitulation“! Das erinnert an Sein oder Nichtsein, an einen dramatischen Endkampf − und zwar nicht irgendwann, sondern unmittelbar bevorstehend.

Das bei Merkels Kanzleramt angesiedelte Bundespresseamt soll laut dem Memorandum die Führung beim Feldzug gegen ungelegene Veröffentlichungen ergreifen. Da sitzen immerhin stolze 500 Mitarbeiter, fast schon ein kleines Propagandaministerium, das nun ein „Abwehrzentrum“ gegen „Fake News“ bilden möge. Man dürfe keine Zeit verlieren: „Mit Blick auf die Bundestagswahl sollte sehr schnell gehandelt werden“, schreiben Minister de Maizières Beamte sichtlich alarmiert.

Moment mal! Sind Beamte nicht Staatsdiener, lebenslange Angestellte des ganzen Volkes, die unparteiisch allen zu dienen haben und sich niemals zum Werkzeug im parteipolitischen Wettkampf machen dürfen? „Mit Blick auf die Bundestagswahl“? Gilt nicht ein striktes Neutralitätsgebot für Staatsdiener?

Tja, so war das zumindest mal. Muss irgendwo verloren gegangen sein. Wahrscheinlich an der historischen Wegscheide, an der sich die etablierten Parteien entschlossen haben, neue politische Konkurrenten nicht mehr als neue politische Konkurrenten im freien, demokratischen Wettkampf um Wählerstimmen wahrzunehmen, sondern als das Böse in Parteiengestalt. Gegen das Böse müssen selbst „neutrale“ Beamte Farbe bekennen.

Wie richtige Meldungen aussehen, haben wir neulich auf NTV sehen können. Da war von Leuten die Rede, welche den Terror von Berlin missbrauchten. Auf der Straße hätten sie „alte Reichs­flaggen“ geschwenkt. Damit sollte den Zuschauern wohl klargemacht werden, dass das Rechtsradikale waren. Wie auf den Bildern zu sehen, handelte es sich um  Schwarz-Rot-Gold in der Kreuzform skandinavischer Flaggen. Diese Fahne ist einst entworfen worden von Josef Wirmer, einem Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. „Alte Reichsflagge“? Ist das „Fake News“ oder „Qualitätsjournalismus“? Urteilen Sie selbst.

Auf der anderen Seite präsentierte uns der Sender Gegendemonstranten gegen den Aufmarsch der „alten Reichsflaggen“. Dort hätten Menschen für Versöhnung demonstriert und „gegen Hass“. Über diesen vorbildlichen Bürgern flatterte das Banner der „Antifa“, deren vollkommen hassfreie Versöhnlichkeit gegenüber Andersdenkenden allbekannt ist.

Aber kehren wir von so viel lichter Wahrhaftigkeit in der Berichterstattung noch einmal kurz zurück zum düsteren Problem der „Fake News“. Das ist so bedrohlich, dass selbst der oberste Europäer, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nämlich, ein „konsequentes Vorgehen gegen Falschmeldungen im Internet“ fordert.

Da können Sie sehen, wie groß die Bedrohung sein muss. Selbst ein Mann, der einst meinte: „Wenn es ernst wird, muss man eben lügen“, wirft sich in die Schlacht für mehr Ehrlichkeit. Listig versucht er dabei, die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter dazu zu animieren, den Herrschenden beim Herauszensieren missliebiger Texte behilflich zu sein: Glaubwürdigkeit sei das „wichtigste Kapital“ jener weltumspannenden Netzwerke. Leicht gesagt, um seine eigene Glaubwürdigkeit muss sich der Luxemburger schließlich keine Sorgen mehr machen − weg ist weg.

Wir sollten bedenken, dass der Vorschlag mit dem „Abwehrzentrum“ schon vor dem Terrorakt von Berlin formuliert worden war. Wie aufgeheizt muss sich die Stimmung im Innenministerium jetzt ausnehmen? Dass Anis Amri erst in Italien und dort auch nur per Zufall gestellt werden konnte, hinterlässt einen durchwachsenen Eindruck. Das Innenministerium wäre die zuständige Instanz, die uns mal erklären müsste, wie er bis dorthin entwischen konnte. Und wieso ein längst vor der Tat derart auffälliger Gefährder wie Amri nicht wenigstens gründlich beschattet worden war, was die Tat höchstwahrscheinlich hätte verhindern können.

Ach, es gäbe, so de Maizière, ja nicht einmal die juristische Handhabe, um jeden der mehr als 500 Gefährder in Deutschland rund um die Uhr überwachen zu lassen. Und wieso nicht? Die Antwort lässt der Minister lieber aus, weshalb wir sie selber nachliefern: Weil die Politiker des Bundestages die Gesetze so gemacht, die Masseneinwanderung zugelassen und die Sicherheitsstrukturen des Landes so aufgestellt haben, dass das nicht geht.

Koalitionsfreund Ralf Stegner besteht indessen darauf, die Debatte um Flüchtlinge von Sicherheitsbelangen zu trennen. Erstens habe es ja auch deutschen Terrorismus gegeben und zweitens hätten die Flüchtlinge mit Terrorismus genauso wenig zu tun wie Deutsche, sagte er laut „Tagesspiegel“. Da haben wir’s wieder: Im Grunde ist gar nichts passiert! Jedenfalls nichts, was nicht auch Deutsche hätten tun können. Außerdem ist es viel wahrscheinlicher, beim Essen zu ersticken als einem Terrorakt zum Opfer zu fallen, wie uns die ARD schon im Sommer mitgeteilt hat.

Man möchte in die Herzen der Leute gucken, die dermaßen verharmlosen. Erinnern Sie sich an die maximale Empörung nach (wirklichen oder vermeintlichen) rassistischen Übergriffen gegen Nichtdeutsche? An die massiven Gefühlswallungen und die empörte Verachtungswelle, die den mutmaßlichen Tätern entgegenschlugen und allen, die man weltanschaulicher Nähe zu ihnen bezichtigen mochte?

Heute dagegen wird uns geradezu verordnet, in trüber, stoischer Stille über die Verbrechen hinwegzugehen. Ein „Spiegel online“-Autor bekennt, ihn lasse das Geschehen seltsam kalt. Obwohl in Berlin zuhause, bleibe ihm der Horror abstrakt, als sei er in einem fernen Land geschehen.

Woher kommt die Kälte? Mit welch ausgeprägtem Mitleid wird über das Leid der Menschen in Syrien, Irak oder Afrika berichtet. Und man stelle sich vor, zwölf Asylsucher wären beim Anschlag eines Deutschen umgekommen. Hätten wir bei „Spiegel online“ dann auch lesen können, wie kalt einen das lasse?

Vielleicht liegt die Ursache ja hier: Jahrzehntelang haben wir eingeübt, Deutsche nur sehr eingeschränkt als Opfer ausländischer Gräuel wahrzunehmen. Wenn überhaupt, geschah dies stets mit dem einschränkenden Hinweis, „die“ Deutschen hätten ja auch ... oder „die“ Deutschen hätten schließlich angefangen. So wurde zahllosen Deutschen möglicherweise ihre Fähigkeit zum Mitgefühl mit den eigenen Landsleuten ganz langsam, aber gründlich abtrainiert, ohne dass sie es gemerkt haben.

Selbst wenn in Berlin auch Ausländer ermordet wurden − Ziel waren Deutschland und die Deutschen. Da blicken viele der „Trainierten“ betreten nun in ein kaltes Loch, wo im Falle von nichtdeutschen Opfern ihre „Wut und Trauer“ aufgelodert wären.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Ermittlung gegen Hotelportal

Kiew – Wie die russische Wirtschaftszeitung „Kommersant“ berichtet, ermittelt die ukrainische Staatsanwaltschaft gegen das international tätige Hotelportal „booking.com“. Kiew drohe dem Unternehmen mit Sitz in Amsterdam mit einer Sperre in der Ukraine, weil über das Onlineportal Hotels auf der Krim gebucht werden können. Das Portal verletze wegen der Zusammenarbeit mit der Krim-Regierung die ukrainischen Einreisebestimmungen, so der Vorwurf. MRK

 

»Die Freiheit« löst sich auf

München – Die islamkritische Partei „Die Freiheit“ löst sich zum Jahresende auf. Der letzte Bundesvorsitzende Michael Stürzenberger begründet dies damit, dass Islamkritik heute in den Händen der AfD „bestens aufgehoben“ sei. In seiner Schlusserklärung appelliert Stürzenberger an die Medien, ihre „beschönigende, verharmlosende und vertuschende Berichterstattung zum Thema Islam“ zu beenden.              H.H.

 

Gegen Worte statt gegen Taten

Dass die Polizei zur Täterfahndung soziale Netzwerke nutzt, sollte angesichts der millionenfachen Reichweite selbstverständlich sein. Auf Unverständnis stieß deshalb Hamburgs Weigerung, über Facebook nach dem Berlin-Attentäter Anis Amri zu fahnden. Weil der grüne Justizsenator Till Steffen erst mit zwölfstündiger Verspätung die Internetfahndung freigab, steht ihm jetzt ein ungemütliches Jahresende bevor.

Es stehen bereits Entlassungsforderungen im Raum. Tatsächlich scheint Steffen der Kampf gegen „Hasskommentare“ im Internet wichtiger zu sein als der Kampf gegen Verbrechen. Weil Facebook auch bei Fahndungsseiten der Polizei nicht bereit ist, die Kommentarfunktion abzuschalten, ist Hamburg neben Bremen das einzige Bundesland, das nicht via Facebook nach Tätern fahndet. Erst auf Druck der Medien hatte Steffen im Fall von Anis Amri eine verspätete Ausnahmegenehmigung erteilt.

Der 43-jährige Jurist aus Wiesbaden ist aber laut „Hamburger Abendblatt“ der „Mann mit dem langen Atem“, der Kritik weglächeln kann. So hatte er schon von 2008 bis 2010 als Justizsenator unter Ole von Beust durchgehalten, bis die Grünen, bei denen er seit 1990 Mitglied ist, die schwarz-grüne Koalition platzen ließen. Seit April 2015 ist er Senator in der rot-grünen Koalition unter Olaf Scholz.

Einen Rausschmiss kann sich der von der CDU als „Datenschutzfetischist“ und „Sicherheitsrisiko“ kritisierte Steffen erlauben. In Hamburg hat der promovierte Naturschutzrechtsexperte ein berufliches Standbein in einer Anwaltssozietät. Jetzt muss er nur noch die Silvesternacht überstehen und der Polizei erlauben, Lagemeldungen aus St. Pauli per Twitter zu verbreiten. Sollte wie im Vorjahr die Lage außer Kontrolle geraten, dürften seine Tage als Senator gezählt sein.      H. Tews


MEINUNGEN

Torsten Krauel wundert sich in der „Welt“ (27. Dezember) über die Ungleichbehandlung von Ausländern und Deutschen am Beispiel des Attentäters Anis Amri:

„Es war absurd, dass er in der Nähe der Schweizer Grenze aus der kurzzeitigen Abschiebehaft nur deshalb entlassen wurde, weil er keinen Pass hatte ... Jeder Inländer ohne gültige Papiere wird zur Kasse gebeten. Anis Amri durfte einfach gehen.“

 

 

Karlheinz Weißmann lobt in der „Jungen Freiheit“ (21. Dezember) die Reaktion des künftigen US-Präsidenten Donald Trump auf den radikal-islamischen Anschlag von Berlin:

„Dass Trump die religiöse Dimension des Konfliktes ausdrücklich genannt hat und kein Wort fällt über die ,westlichen Werte‘ oder die der ,Aufklärung‘, gegen die sich die Berliner, Brüsseler, Pariser, Londoner, Madrider Anschläge der Islamisten angeblich gerichtet haben, bringt einen Sachverhalt zur Sprache, den nicht nur unsere Politiker, sondern auch die Sprecher der großen Kirchen sorgsam beschweigen.“

 

 

Sebastian Antrak weist die Forderung der Politik, auf die Gräueltat mit „Mäßigung“ zu reagieren, auf „Tichys Einblick“ (21. Dezember) mit Empörung zurück:

„Um Himmels Willen keine voreiligen Schlüsse ziehen – es könnte ja zu richtigen und wichtigen Fragen führen ... Jeder Verantwortliche, ob auf einem Sitz im Bundestag oder am Schreibtisch einer Redaktion, der Mäßigung und leise Töne will, ist nicht mehr zu retten. Wir haben verrohte Menschen importiert, die unseren Frieden kaputt gemacht haben. Importiert von Politikern, die auch jetzt wieder jede Verantwortung von sich weisen oder Mitschuldige in anderen politischen Strömungen suchen.“

 

 

Die SPD-Politikerin Lale Agkün nimmt auf Facebook (21. Dezember) das Attentat zum Anlass für einen Appell an ihre Glaubensbrüder:

„Ich, als Muslimin, schäme mich zutiefst, dass Menschen im Namen des Islam unschuldige Menschen umbringen. Ich bin nicht mehr bereit, solche Taten als ‚Einzeltaten von durchgeknallten Einzeltätern‘ hinzunehmen. Ich bin auch nicht mehr bereit, den ewigen, ermüdenden Wiederholungen ‚Das habe nichts mit dem Islam zu tun‘ zu lauschen ... Ich fordere alle weltoffenen und säkularen Muslime auf: Stellt Euch aktiv auf gegen den politischen Islam! Der politische Islam liefert die Rechtfertigung für diese Taten!“

 

 

Im „Spiegel“ (27. Dezember) sagt Philipp Wittrock Kanzlerin Merkel wegen der Terror-Bedrohung  harten Streit im Wahljahr 2017 voraus:

„Angela Merkel wird im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehen. Der Vertrauensvorschuss, der bei den letzten Wahlen zum Sieg gereicht hat, ist aufgebraucht, bei ihrer vierten Kandidatur scheiden sich an ihr die Geister. Es ist eine Rolle, die der CDU-Chefin noch nie behagt hat, geht sie dem politischen Nahkampf doch wenn möglich stets aus dem Weg. Das wird im nächsten Jahr kaum mehr möglich sein.“