© Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 24/17 vom 16.06.2017.05.2017

S. 1 Preußische Allgemeine Zeitung

Die Bürger brechen aus
Was die Wahlen in den USA, Großbritannien und Frankreich gemeinsam haben

Donald Trump, Jeremy Corbyn und Emmanuel Macron − nichts vereint sie. Und doch stehen alle drei für einen historischen Trend.

Auf den ersten Blick haben die politischen Erdbeben, welche die drei wichtigsten Verbündeten Deutschlands seit einem Jahr erschüttern, wenig miteinander gemein. Näher betrachtet aber zeigen sie ein gemeinsames         Muster.

Ob in den USA, in Großbritannien oder zuletzt in Frankreich, überall haben die Bürger ihren politischen Eliten Schläge verpasst wie seit Generationen nicht. Es begann mit der Brexit-Abstimmung vor einem Jahr, setzte sich über den Sieg von Donald Trump fort bis zum Vormarsch von Jeremy Corbyn bei den britischen Parlamentswahlen und endete nun in Paris, wo die Wähler das seit Jahrzehnten herrschende Parteiensystem weggefegt haben.

Die Protagonisten der drei Erschütterungen könnten zwar unterschiedlicher kaum sein. Beim Brexit stand der nationalkonservative EU-Gegner Nigel Farage an vorderster Front, ein Jahr später scharten sich unerwartet viele Briten um den roten Rebellen Corbyn. In den USA gelangte der bunt schillernde, anti-intellektuelle Donald Trump zur Macht − wie Corbyn von der eigenen Parteiführung erbittert bekämpft. In Frankreich hat der geschmeidige Ex-Sozialist Emmanuel Macron die alten Parteien, insbesondere die sozialistische, überrannt.

Wie es aussieht, ging es den Bürgern noch vor weltanschaulichen Fragen insbesondere darum, die Etablierten, die „alten Eliten“, abzustrafen oder gleich ganz vom Hof zu jagen. Wer an deren Stelle treten würde, war vielen zweitrangig − Hauptsache diejenigen, die seit ewig oben sind, verschwinden endlich. Man ist ihrer in einem Maße überdrüssig, welches bei der Suche nach einer Alternative regelrecht wahllos macht.

Deutschland bildet in diesem Reigen eine verblüffende Ausnahme. Regierungschefin Merkel und ihre Partei können glänzende Zustimmungswerte vorweisen, zumal der SPD-Herausforderer kaum etwas wirklich Abweichendes bietet.

Überhaupt gelang es Merkel, die politische Linke zu neutralisieren, indem sie in allen Punkten, die heute in den Vordergrund gestellt werden (Asyl, Zuwanderung, „Gender“, Energie oder Klima), die linken Positionen zu ihren eigenen gemacht hat. Gegen rechts wurde eine Front errichtet, die schon die geringste Abweichung in diese Richtung mit einem Furor erstickt, welche manchen an die „Mobilisierung aller Kräfte“ in der DDR erinnert.

Die in Berlin Herrschenden profitieren davon, dass sich die Masse hierzulande von den wirtschaftlichen Problemen verschont glaubt, welche in den drei westlichen Ländern weite Kreise des Volkes quälen. In Deutschland dürfte es erst spannend werden, wenn diese wirtschaftliche Selbstgenügsamkeit in die Krise gerät. Welche Kraft aber die dann unruhig gewordenen Bürger hinter sich vereinen, ist völlig offen.             Hans Heckel


Warnung vor neuer Anschlagsserie im Ramadan
In den diesjährigen Fastenmonat fällt das 50. Jubiläum des Sechstagekriegs – Israel, Ägypten und Jordanien gelten als besonders gefährdet

Terrorexperten warnen davor, dass der Islamische Staat (IS) den Fastenmonat Ramadan, der dieses Jahr vom 27. Mai bis zum 24. Juni dauert, für eine neue Anschlagsserie nutzen könnte. Schon in den vergangenen Jahren kam es während des Ramadan weltweit zu einem starken Anstieg terroristischer Aktivitäten mit Hunderten von Toten. Auch in diesem Jahr forderte der IS in einem Propagandavideo zum Ramadanbeginn seine Anhänger auf, vermehrt Anschläge nach dem Muster von Manchester zu begehen. Sogar von einem Heiligen Krieg gegen den Westen ist die Rede. Das 50. Jubiläum des Sechstagekrieges im Nahen Osten (siehe Nr. 22) fällt in den diesjährigen Ramadan. Als sieben Jahre nach dem Sechstagekrieg der Jom-Kippur-Krieg folgte, begann dieser mit einem Angriff Ägyptens auf Israel im Fastenmonat, weshalb er auf arabischer Seite auch „Ramadan-Krieg“ genannt wird. Gerade in Israel, Ägypten und Jordanien, die damals Kriegsparteien waren, werden Anschläge erwartet.

Im Ramadan sollen sich Muslime auf jene Dinge konzentrieren, die sie ihrem Glauben und Gott näherbringen. Für die allermeisten heißt das: fasten, beten, Gutes tun und den freundschaftlichen Umgang mit den Mitmenschen pflegen. Von Sonnen­auf- bis Sonnenuntergang ist Essen und Trinken komplett untersagt, in diesem Jahr von ungefähr 5 Uhr bis 21.30 Uhr. Auch Sex und Rauchen sind verboten. Vom Fasten ausgenommen sind Kranke, Reisende, Kinder und Frauen während der Schwangerschaft. Wegen des islamischen Mondjahres fällt der Ramadan jedes Jahr in eine andere Zeit. In diesem Jahr endet er am 24. Juni.

Doch hat der Ramadan seit der Entstehung des Islams auch eine kriegerisch-dschihadistische Komponente. Mohammed selbst zog im Ramadan 624 gegen die Mekkaner zu Felde und besiegte sie in einer legendären Schlacht. Darauf beziehen sich die Dschihadisten heute, wenn sie gerade während des Ramadan für ihre Religion kämpfen und töten. Radikale Gelehrte bestärkten sie darin.

Die islamische Blutspur des Terrors begann im letzten Jahr in einer Schwulenbar in Orlando/Florida. Über den Flughafen von Istanbul kam sie in ein Schiitenviertel in Bagdad, wo mehr als 300 Menschen bei Anschlägen starben. Zu Ende ging der Ramadanmonat, einer der blutigsten seit Menschengedenken, mit einem Selbstmordanschlag im saudi-arabischen Medina in der Nähe des Prophetengrabes. Mit dem Anschlag am Grabe Mohammeds war der Terror genau dort angekommen, von wo er im Verständnis der Salafisten einst ausgegangen war, nämlich von Mohammed selbst.

Der Ramadan wird nicht nur von den Terroristen missbraucht, auch viele muslimische Länder, die aus dem Fasten eine gesellschaftliche, von einer Ramadanpolizei überwachte Verpflichtung machen, versündigen sich an ihm, denn eigentlich soll das Fasten freiwillig erfolgen. Vielerorts wird deshalb auch ein überwachtes gemeinsames Fastenbrechen organisiert, wo dann in den verbleibenden sechs bis sieben Nachstunden drei üppige Mahlzeiten serviert werden, die vielerorts zu Magendurchbrüchen und damit zu einem Hochbetrieb in den Krankenhäusern führen. Welchen religiösen Sinn das Fasten hat, neben dem, die muslimische Gemeinschaft gegen Andersgläubige und Ungläubige zu festigen, weiß fast kein Muslim. In den palästinensischen Autonomiegebieten hat das Religionsministerium, das für die Durchführung des Ramadans zuständig ist, ein Verbot von Ehescheidungen im Ramadan erlassen. Es war nämlich festgestellt worden, dass es im Ramadan in den letzten Jahren infolge des Zwangsfastens zu immer mehr Eheproblemen gekommen war und die Scheidungsziffern in die Höhe geschossen waren. Dem hat man jetzt seitens der Obrigkeit einen Riegel vorgeschoben. Ob das alles im Sinne Allahs ist, der gemäß dem Islam im Ramadan die Menschen eigentlich zur Besinnung rufen möchte, sei dahingestellt.             

Bodo Bost (siehe auch Kommentar Seite 8)


Jan Heitmann:
Weiter kämpfen!

Die Offensive auf Rakka, die faktische Hauptstadt des sogenannten Islamischen Staats, ist in vollem Gange. Unterstützt von US-amerikanischen Luft- und Artillerieangriffen stoßen Kämpfer eines von Kurden angeführten Bündnisses aus drei Richtungen auf die Stadt in Nordostsyrien vor. Illusionen über einen schnellen Sieg sind jedoch unangebracht. „Der Kampf um Rakka wird lang und schwer“, erklärte der US-Generalleutnant Steve Townsend, Kommandeur der Anti-IS-Koalition. Daran, dass diese am Ende nicht nur hier, sondern auch im irakischen Mossul siegreich sein und die militärische Präsenz des IS dort beenden wird, gibt es angesichts ihrer militärischen Überlegenheit keine ernsthaften Zweifel.

Nichts aber wäre sträflicher, als die islamische Terrororganisation bereits abzuschreiben und in den Bemühungen zu ihrer Bekämpfung nachzulassen. Denn selbst, wenn der IS die Kontrolle über diese beiden für ihn als Schaltzentralen seiner weltweiten Terroraktionen wichtigen Städte verlieren sollte, wäre er nicht handlungsunfähig. Je mehr er auf dem ursprünglichen Territorium des von ihm selbsterrichteten Kalifats ins Hintertreffen gerät, desto mehr droht er mit weiteren Anschlägen in Europa und an anderen Orten der Welt. Was die Terroristen anzurichten vermögen, haben sie mit den jüngsten Anschlägen in London und Manchester, vor allem aber mit dem Doppelanschlag in Teheran bewiesen. Auf Grund dieser Erfahrungen wäre es zu empfehlen, diese Warnungen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Der IS ist weiter entschlossen und mit allen Mitteln zu bekämpfen, auch wenn es nicht leicht wird. Wer anders handelt, macht sich an zukünftigen Mordtaten mitschuldig.


S. 2 Aktuell

»Die Massenmigration ist eine Tragödie«
Er spricht von Schlachtfeldern und von Europa in tödlicher Gefahr – Ein Klartext-Interview mit Vaclav Klaus 

Ob Einwanderungspolitik, Euro oder die Arroganz der EU-Eliten – kein europäischer Staatsmann findet derzeit wohl so deutliche Worte wie Vaclav Klaus, wenn es um die Krisenherde auf dem Kontinent geht. Die PAZ traf den langjährigen tschechischen Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten in Hamburg zum Interview.

PAZ: Auf einer internationalen Konferenz in Griechenland, kurz nach dem Brexit-Beschluss in Großbritannien, hat man Sie und Boris Johnson, den britischen Außenminister, als die beiden heutigen Hauptfeinde Europas bezeichnet. Bekennen Sie sich im Sinne der Anklage schuldig?

Vaclav Klaus (lächelt): Dass ausgerechnet wir zwei die Komplizen in diesem angeblichen Verbrechen sind, war mir bis dahin auch neu. Ich bin natürlich kein Feind Europas, ich bin nur ein Feind der Menschen, die die Europäische Union in ihrer heutigen Form repräsentieren. Sie wollen die Nationalstaaten liquidieren und den Kontinent entdemokratisieren. Sie wollen einen neuen europäischen Menschen schaffen. Solche Versuche gab es auch schon in der Vergangenheit. In diesem Land wissen Sie das ja. Frau Merkel und Herr Juncker wollen jetzt den Homo Bruxellarum, wie ich ihn nenne. Da sich dieses Geschöpf mit den Menschen aus den alten europäischen Ländern nicht so leicht verwirklichen lässt, brauchen sie die Migranten – ein biss-chen vereinfachend gesagt, ist das die Situation.

PAZ: Wird der Brexit daran etwas ändern?

Klaus: Er hat es schon getan. Er hat gezeigt, dass nicht nur einzelne ‚Extremisten‘ wie Vaclav Klaus oder in Deutschland die Vertreter der AfD gegen die EU und ihre Irrationalität aufstehen. Das Gleiche hat nun über die Hälfte der Menschen in Großbritannien getan. Das war für uns etwas sehr Wichtiges.

PAZ: Wäre es nicht noch wichtiger, dass andere Länder folgen?

Klaus: Ich bin nicht sicher, dass es möglich ist, anderswo denselben Weg zu gehen. Großbritannien ist als Insel am Rande Kontinentaleuropas in einer Luxusposition. Die Tschechische Republik beispielsweise liegt im Herzen Europas und ist umschlossen von EU-Mitgliedsländern. Das ist eine völlig andere Situation. Eine radikale, gemeinsame Wende in Europa ist nötig, und Deutschland ist aus meiner Sicht das wichtigste Schlachtfeld. Hier und nicht in den kleineren Ländern wird der Konflikt über die Zukunft Europas entschieden.

PAZ: Schlachtfeld? Das hört sich ein wenig beängstigend an? Welche Gruppen und Positionen treffen da aufeinander?

Klaus: Man kann ohne Übertreibung von einem Krieg in Europa sprechen. Auf der einen Seite, und das ist meine Seite, stehen Freiheit, Demokratie, die traditionelle Familie und das in der Geschichte bewährte menschliche Benehmen. Weitere Schlagworte wären die Souveränität der europäischen Nationalstaaten, Patriotismus, Auslandsreisen und Auslandsaufenthalte statt Migration. Diese Seite ist relativ still, friedlich, höflich und zur Diskussion bereit.

PAZ: Wohingegen die andere Seite …

Klaus: Sie steht für Politische Korrektheit, Multikulturalismus, Human Rightismus, Feminismus, Genderismus und die Agressivität des Homosexualismus. Sie steht für Massenmigration, Unifizierung, Zentralisierung und Standardisierung Europas. Auch der Kulturmarxismus der Frankfurter Schule gehört dazu sowie Frau Merkel und die Herren Juncker und Schulz. Diese Seite ist arrogant, aggressiv und monologisch. Leider hat sie die lauteren Sprachrohre und die stärkere Artillerie zu Verfügung.

PAZ: Mmh?

Klaus: Sie schauen skeptisch. Aber so übersichtlich sind die Karten heute verteilt. Und diese Klarheit darf auch nie vernebelt werden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Deutschen ihre Verantwortung in aller Tiefe und Breite sehen, ob sie die Schicksalhaftigkeit und Dringlichkeit dieses besonderen historischen Momentes erkennen, und ob sie sich damit so aufmerksam wie nötig beschäftigen.

PAZ: Wie Sie selbst aber auch schon sagten, für die Menschen, die Freiheit, Demokratie, Patriotismus und die traditionelle Familie schätzen, ist es momentan schwer in der Öffentlichkeit, Gehör zu finden.

Klaus: Ja, das ist leider richtig. Ich weiß auch nicht, ob die Mehrheit der Deutschen fähig ist, die enorme Manipulation und Indoktrinierung durch die heutigen europäischen Eliten zu durchschauen.

PAZ: Fühlen Sie sich an die Zeiten des Kommunismus erinnert?

Klaus: Ich benutze solche Vergleiche nicht so gerne. Die Sowjetunion habe ich zu ihrer Zeit kritisiert. Heute kritisiere ich die EU. Natürlich ist sie immer noch besser als die Sowjetunion, aber im Prinzip sind sich manche Mechanismen ähnlich. Das Niveau der Indoktrinierung ist wirklich vergleichbar – nicht mit dem in der stalinistischen Ära, aber mit dem im Spätkommunismus.

PAZ: Wie würden Sie vor diesem Hintergrund die Wahlen in Deutschland bewerten?

Klaus: Da ist die Situation derzeit für mich sehr enttäuschend. Den deutschen Eliten ist es gelungen, einen Quasistreit zwischen Angela Merkel und Martin Schulz zu inszenieren. Diese fiktive Auseinandersetzung wird wahrscheinlich den Wahlkampf dominieren. Ich hatte gehofft, dass zum ersten Mal seit Jahrzehnten die entscheidenden Themen der deutschen beziehungsweise europäischen Gesellschaft zur Debatte stünden. Ich hätte mir eine Konfrontation  zwischen dem arroganten politischen Establishment und den normalen Menschen gewünscht.

PAZ: So schlimm es ist, vielleicht werden die blutigen Anschläge der radikalen Moslems  mehr Menschen die Augen öffnen.

Klaus: Wir bekommen diese schrecklichen Tragödien mittlerweile fast täglich in den Medien zu sehen. Ich hoffe sehr, dass es bald allen klar wird, dass diese Bilder und Nachrichten ein unvermeidlicher Bestandteil der Massenmigration sind. Der Terrorismus ist aber nur die Spitze des Eisberges. Die eigentliche Massenmigration ist die Tragödie. Ich nenne sie, glaube ich, ganz berechtigt, eine Völkerwanderung. Sie wird Europa vernichten. Sie bedroht unsere Zivilisation und Kultur, unsere Freiheit und Demokratie. Nicht zuletzt ist sie eine Bedrohung der europäischen Prosperität.

PAZ: Sie machen uns schon wieder Angst.

Klaus: Leider zu recht. Die Gefahr haben übrigens schon lange vor mir andere Leute erkannt und benannt. Vor ein paar Wochen habe ich einen 27 Jahre alten Essay von Umberto Eco gelesen.

PAZ: Der italienische Philosoph und Schriftsteller, der im vergangenen Jahr verstorben ist.

Klaus: Er warnte schon 1990 vor der Migration. Sie würde die ethnische Umgestaltung, eine unvorstellbare Änderung der Sitten und des Benehmens sowie eine unaufhaltsame Hybridisierung der Menschen in Europa zur Folge haben. Das wollte damals niemand hören.

PAZ: Jetzt haben Sie zusammen mit ihrem langjährigem Berater Jiri Weigl selbst ein Buch zum Thema vorgelegt. „Völkerwanderung: Kurze Erläuterung der aktuellen Migrationskrise“, heißt es. Was ist die Kernthese?

Klaus: Meine Hauptbotschaft ist, dass die Massenmigration mit all ihren verheerenden Konsequenzen nicht die Migranten verursacht haben, sondern die europäischen Politiker. Genau genommen – und das muss man besonders hier in Deutschland laut sagen, auch wenn es ein politisch sehr unkorrektes Statement ist –  waren es vor allem die deutschen Politiker. Sie haben die expliziten Einladungen ausgesprochen. Nur deshalb sind die Migranten da. Bei uns in Tschechien ist diese Erkenntnis übrigens längst nicht so weit vom medialen Mainstream entfernt wie bei Ihnen.

PAZ: Gibt es einen Ausweg aus der Krise?

Klaus: Wir brauchen nicht nur Reformen, sondern eine radikale Wende. Daran müssen wir in allen Ländern arbeiten. Wie gesagt, spielt Deutschland dabei eine besondere Rolle. Mit den alten EU-Eliten ist eine solche radikale Wende jedenfalls unmöglich. Sie sind ganz und gar von der Ideologie des Multikulturalismus durchdrungen.

PAZ: Wie lange geben Sie denn der EU in ihrer jetzigen Form? Vielleicht werden andere strukturelle Probleme wie der Euro ihr ohnehin ein baldiges Ende bereiten.

Klaus: Wissen Sie, in der kommunistischen Ära träumten wir permanent vom Ende des Systems. Immer gab es irgendwelche Ereignisse, die, so glaubten wir, darauf hindeuteten würden. Trotzdem existierte der Kommunismus 70 Jahre lang. Da möchte ich zur EU keine Prognosen abgeben. Aber es stimmt. Der Euro und Schengen …

PAZ: … also das Schengener Abkommen, mit dem 1985 die  Kontrollen an den Binnengrenzen der EU abgeschafft wurden ...

Klaus: Diese beiden Dinge haben die heutige Tragödie Europas verursacht. Nehmen sie den Euro. Sicher kann man ein paar Länder in einer Währungsunion zusammenbringen, aber nicht 19 Staaten, die absolut heterogen sind und fast nichts gemeinsam haben. Neulich hatte ich ein Treffen mit 300 Gymnasiasten aus Pilsen. Ich habe ihnen erklärt, dass der Euro wie ein Versuch ist, ein Auto zu bauen, das aus den Einzeleilen eines Mercedes und eines Trabants besteht. Das kann nicht funktionieren, und das verstehen auch alle mit Ausnahme ihrer Bundeskanzler. Vor 20 Jahren habe ich stundenlang mit Helmut Kohl über dieses Thema gesprochen. Ich glaube, er wollte einfach nicht begreifen. Für ihn war der Euro ein politisches Projekt, die wirtschaftlichen Folgen dagegen absolut irrelevant.

PAZ: Denken Sie manchmal mit Bedauern an die ursprüngliche Vision der europäischen Integration zurück?

Klaus: Ja, das tue ich. Es ging darum,  eine Wiederholung des kata-strophalen Zweiten Weltkrieges zu verhindern und Deutschland an Europa zu binden. Die Werte der Freiheit und der Demokratie sollten gefestigt werden. Man wollte Wohlstand schaffen mit Hilfe eines gemeinsamen Marktes und durch die Beseitigung von Handelsbarrieren. Das war und ist eine wundervolle Idee.

Das Interview führten Frank Horns und Manuel Ruoff


MELDUNGEN

Kurden stimmen im September ab

Erbil – Die kurdische Autonomieregierung hat in einer gemeinsamen Erklärung mit mehr als 14 Parteien und Organisationen Kurdistans bekanntgegeben, dass am 25. September ein Referendum zur Unabhängigkeit stattfinden soll. Ein Referendum über die Loslösung der kurdischen Gebiete vom Rest des Irak ist eine alte Forderung der Kurdenführung. Im Jahr 2014 hatte sie eine solche Volksabstimmung schon einmal angekündigt, dann aber nach Gesprächen mit der Zentralregierung in Bagdad wieder abgesagt. Sollte sie dieses Mal nicht einlenken, dürfte das in den Nachbarländern des Irak, in denen es ebenfalls kurdische Minderheiten gibt, für Spannungen sorgen. Die dortigen Regierungen lehnen eine Unabhängigkeit der Kurden im Nordirak ab, weil sie ähnliche Bestrebungen ihrer eigenen kurdischen Minderheiten fürchten.           J.H.

 

Beutekunst kehrt zurück

Berlin – Beutekunst-Restitution einmal andersherum: Das US-amerikanische Kelsey Museum of Archaeology der University of Michigan hat dem Ägyptischen Museum auf der Museumsinsel Berlin eine Fayence-Stele zurückgegeben, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen galt. Bei dem Objekt handelt es sich um den oberen Teil einer Stele, die mit einer türkisblauen Glasur (ägyptische Fayence) überzogen ist. Diese Glasur macht das um 1259 v. Chr. entstandene Stück besonders wertvoll, weil die Fayence-Technik im Alten Ägypten nur selten für Stelen genutzt wurde. Die Bildfläche zeigt rechts den Stelen-Inhaber Ptahmose, den Bürgermeister von Memphis unter Ramses II. (zirka 1279‒– 1213 v. Chr.). Er erhebt beide Hände zur Anbetung von Osiris, dem Gott der Unterwelt, und dessen göttlicher Gemahlin Isis. Die Stele war 1910 von den Staatlichen Museen aus einer englischen Sammlung erworben und im Neuen Museum ausgestellt worden. Während des Zweiten Weltkriegs war das Haus geschlossen. Viele Ausstellungsstücke fielen den Bombenangriffen zum Opfer. Wie man jetzt weiß, überstand die Fayence-Stele den Krieg. Sie war laut Inventarbuch in einem Porphyr-Sarkophag untergebracht, der mit Sandsäcken geschützt im Ausstellungsbereich des Museums verblieb, und wurde nach dem Krieg als vermisst vermerkt. In das Kelsey Museum gelangte sie 1981 als Zuwendung von Samuel Abraham Goudsmit. Der in Den Haag geborene Goudsmit (1902 – 1978) war kurz nach seiner Physik-Promotion in die USA gezogen, um an der Universität von Michigan in Ann Arbor zu arbeiten. Nachdem sein Interesse für Ägyptologie bereits zu Studienzeiten geweckt worden war, baute er im Laufe der Jahre auch eine Sammlung von Altertümern auf, die er später dem Kelsey Museum vermachte. Die Fayence-Stele erwarb er seinen persönlichen Notizen zufolge 1945 in Deutschland von einem privaten Sammler. Dort war er als wissenschaftlicher Leiter der sogenannten Alsos-Mission tätig, einer Geheimoperation der US-Armee, die auskundschaften sollte, wie weit Deutschlands Bemühungen zur Entwicklung der Atombombe gediehen waren. Der niederländische Ägyptologe Nico Staring identifizierte die Stele kürzlich im Kelsey Museum durch den Vergleich eines historischen Fotos aus Berlin mit einer aktuellen Farbaufnahme aus Ann Arbor. J.H.


S. 3 Deutschland

Kritik an Klimapolitik in der Union
Berliner Kreis fordert einen »Abschied von deutschen Sonderzielen« bei der CO2-Bekämpfung

Die Ankündigung des US-Präsidenten Donald Trump, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen, hat weltweit für Aufruhr gesorgt. Nun gerät die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer eigenen Partei in leichte Bedrängnis.

Denn auch in der CDU gibt es Menschen, welche die Thesen von Trump zum Klimawandel nicht so abwegig finden, wie es der bundesdeutsche Mainstream glauben machen will. Am 3. Juni hat der Berliner Kreis in der Union e.V., dem zahlreiche Bundes- und Kommunalpolitiker der Union angehören, in einer Erklärung ein Ende der „moralischen Erpressung“ durch die Klimaforschung und den „Abschied von deutschen Sonderzielen“ bei der Bekämpfung des Kohlendioxids gefordert.

Die etablierten Medien reagierten erwartungsgemäß aufgeregt, der vermeintliche PR-Coup im Zuge der Trump-Erklärung schien gelungen. Philipp Lengsfeld, Bundestagsabgeordneter und einer der Autoren des Papiers, streitet einen zeitlichen Zusammenhang dagegen ab. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ erklärte er, das infrage stehende Papier zur Klima- und Energiepolitik sei seit Monaten in Vorbereitung gewesen. Die Positionierung sei keine Reaktion und erst recht keine Unterstützung der Politik von US-Präsident Trump. Dennoch ist die Aufregung groß.

Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz zeigte sich beispielsweise äußerst empört über den Vorstoß der CDU-Konservativen: „Teile der Union sind offensichtlich auf Trump-Kurs“, sagte der SPD-Kanzlerkandidat der „Süddeutschen Zeitung“. „Frau Merkel als CDU-Vorsitzende muss jetzt in ihrer Partei für Klarheit sorgen, sonst wird ihr Kurs als Regierungschefin schnell unglaubwürdig.“ Es komme jetzt darauf an, „dass Europa seiner Führungsrolle gerecht wird“, sagte der SPD-Chef.

Der Klimaschutz ist weltweit längst zu einer Ideologie geworden. Im Kern geht es darum, dass alle herrschenden Meinungen davon ausgehen, dass der Mensch für die globale Erwärmung und das Abschmelzen der Pole direkt verantwortlich sei. „Die Menschheit beeinflusst durch Nutzung fossiler Brennstoffe, Abholzen von Regenwäldern und Viehzucht zunehmend das Klima und die Temperatur auf der Erde. So erhöht sich die Menge der in der Atmosphäre natürlich vorkommenden Treibhausgase enorm, und dies verstärkt den Treibhauseffekt und die Klimaerwärmung“, heißt es beispielsweise in einer Stellungnahme der EU-Kommission.

In den vergangenen Jahren sind mehrere Untersuchungen dazu erschienen, was Menschen zum Klimawandel denken und warum. Eine Metastudie, die in der britischen Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurde, hat beispielsweise herausgefunden, dass die Weltanschauung beim Thema Klimawandel wichtiger sei als zum Beispiel der Bildungsgrad. Alle erdenklichen Faktoren hätten weniger Einfluss auf die Ansicht einer Person zum Klimawandel als Parteipräferenzen oder die ideologische Grundhaltung der betreffenden Person. „Wenn beispielswiese jemand Parteien rechts der Mitte wählt, konservativ eingestellt ist und das Individuum betont, wenn er die freie Marktwirtschaft hochhält, staatliche Interventionen kritisch sieht und Unternehmen grundsätzlich vertraut – dann steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass diese Person den Klimawandel für wenig bedeutsam oder gar für inexistent hält“, heißt es in der Studie. Im Gegenzug wurde klargestellt: „Je linker und fortschrittlicher sich die Menschen selbst sehen, desto größer ist ihr Interesse am Klimawandel.“

Verantwortlich hierfür ist unter anderem der ehemalige US-Präsident Barack Obama gewesen. Als der im Wahlkampf 2008 vor der Siegessäule in Berlin sprach, hörten mehr als 200000 Menschen seine Botschaft: „Wir müssen dafür sorgen, dass alle Nationen – meine eingeschlossen – mit der gleichen Ernsthaftigkeit vorgehen wie eure Nation und das CO2 reduzieren, das wir in die Atmosphäre ausstoßen.“ Später sollte Obama häufiger von einer „grünen Revolution“ sprechen. Es ist daher wenig überraschend, dass sein Nachfolger Trump auch dieses Thema komplett umkrempeln will.

In der Bundesrepublik hatte Obama stets viele Anhänger. Als vor sechs Jahren in Fukushima ein Kernkraftwerk brannte, stellte sich Kanzlerin Merkel an die Spitze der Klima-Bewegten. Die milliardenschwere, aber unausgegorene und bis heute höchst ineffiziente Energiewende wurde in Windeseile durchgepeitscht und gehört seitdem zum politischen Selbstverständnis Deutschlands.

Als sich die Alternative für Deutschland vor vier Jahren gründete und beim Thema Klimawandel abweichende Thesen veröffentlichte, verstieg sich der selbsternannte linke Vordenker Jakob Augstein zur These, „dass Klimaleugnung und Ausländerhass die Kehrseite der selben rechtspopulistischen Medaille“ seien. Dieses Totschlagargument zieht sich wie ein roter Faden durch Politik und Gesellschaft in Deutschland. Als der mecklenburgische AfD-Abgeordnete Ralf Borschke vor einigen Wochen während einer Landtagssitzung den Klimawandel als Fiktion bezeichnete und davon sprach, dass „Kohlendioxid positiv, gut für die Natur sei und die Produktion steigere“, wurde er ausgelacht und verhöhnt. „Auch eine Wissenschaft kann zur Religion oder zur Ideologie werden. Wenn sie dann auch noch eine transnationale Demokratie fordern, wird es eine Diktatur“, sagte der Totalitarismusforscher Wolfgang Wippermann zum Thema Klimwandel im Jahr 2011. Das war übrigens noch vor der Energiewende.    Peter Entinger


Ernüchternde Bilanz
DMB fordert nach zwei Jahren Mietpreisbremse Nachbesserungen

Nach zwei Jahren Erfahrung mit dem gemeinhin „Mietpreisbremse“ genannten  Gesetz zur Dämpfung des Mietanstiegs auf angespannten Wohnungsmärkten und zur Stärkung des Bestellerprinzips bei der Wohnungsvermittlung (Mietrechtsnovellierungsgesetz), das am 1. Juni 2015 in Kraft trat, zeigt sich der Deutsche Mieterbund mit den Wirkungen unzufrieden und fordert deshalb Nachbesserungen von der Politik. Nach Ansicht des DMB wurden von ihm für nötig befundene Reformen vor allem von den Unionsparteien ausgebremst. „Das Gesetz war schlechtweg unbrauchbar und hat sich in der Praxis nicht durchgesetzt. Im Gegenteil, es sind immer wieder Ausweichmanöver erfunden worden. Es fehlen einfach wesentliche Inhalte zu einer wesentlichen Mietpreisbremse“, erklärte Franz Georg Rips, der Präsident des DMB. Die Große Koalition habe eine richtige Idee einfach schlecht umgesetzt.

Dabei war die Mietpreisbremse eines der markantesten Ziele der Regierung aus Union und SPD. Nichtsdestoweniger waren  Teile der CDU bis zum Ende dagegen, Unterstützung erhielten sie vor allem von Immobilienmaklern. „Die Mietpreisbremse ist eine Investitionsbremse“, hieß es in einer Erklärung. Die Firmen würden keine Wohnungen mehr bauen, wenn die Mieten gedeckelt würden. Sogar die Lust aufs Modernisieren würde zurückgehen.

Zwei Jahre später fällt die Bilanz desaströs aus. Denn die Mieten in Deutschland steigen nach Daten des Mieterbundes weiter an. Wenn Mieter 2016 in Großstädten in eine neue Wohnung gezogen seien, hätten sie durchschnittlich 6,3 Prozent mehr Miete gezahlt, als 2015. Die sogenannten Wiedervermietungsmieten seien damit noch stärker gestiegen als in den Vorjahren. Und dies, obwohl die neue Regelung in Kraft getreten sei.

Das Amtsgericht in Hamburg-Altona stellte sogar die Rechtmäßigkeit der Mietpreisbremse in Frage. In einem Urteil vom März lehnten die Richter die Forderung eines Mieters ab, der von seinem Vermieter 2100 Euro zurückverlangt hatte. Er hatte einen Mietvertrag unterschrieben, sich aber später auf die Mietpreisbremse berufen. Seine Miete liege über der erlaubten Höchstgrenze von 110 Prozent der vom Vormieter gezahlten Miete. Das Gericht befand in seinem Urteil, dass die Mietpreisbremse ein prinzipielles Problem habe. Ihr fehle eine ausreichende Begründung. Dieses Urteil hat nach Einschätzung von Juristen Präzedenzcharakter. Die Mietpreisbremse sei damit gerichtlich kaum durchsetzbar.

Die Wirksamkeit der Mietpreisbremse wird ferner dadurch eingeschränkt, dass es an einer gesetzlichen Regelung fehlt, dass Vermieter die bisherige Miete in einem neuen Mietvertrag angeben müssen. Die CDU – so der Mieterbund – habe dies bisher mit Rücksicht auf die „Immobilienlobby verhindert“.

Davon abgesehen würden auch deutlich zu wenig neue Wohnungen gebaut. Die Zahl der Neubauten sei seit 2013 zwar um knapp ein Drittel gestiegen, dies sei aber immer noch zu wenig. ,,Mittlerweile fehlen eine Million Wohnungen in Deutschland, vor allem in Großstädten, Ballungsgebieten und Universitätsstädten“, heißt es in einer Erklärung. Auch deshalb sei in den Großstädten regelrechter Mietwucher an der Tagesordnung.              P.E.


Kein »gläserner« Asylsucher
Mobiltelefonauswertung und Fußfessel in der Praxis wirkungslos

Über ein halbes Jahr nachdem in Berlin ein tunesischer Islamist ein schweres Attentat verübt hat, haben Bundestag und Bundesrat eine Gesetzesnovelle zum Umgang mit Asylbewerbern und extremistischen Gefährdern beschlossen. Nach richterlicher Anhörung können damit Gefährder zum Tragen einer Fußfessel gezwungen werden. Änderungen gibt es auch bei der Abschiebehaft für Ausreisepflichtige. Eine Abschiebehaft wird künftig auch dann möglich sein, wenn eine Abschiebung innerhalb von drei Monaten nicht sichergestellt ist. Auch Asylbewerber, die als gefährlich eingestuft werden, sollen künftig leichter in Abschiebehaft genommen werden können.

Teil des beschlossenen Sicherheitspakts ist auch die Möglichkeit einer Auswertung von Mobiltelefonen- und Laptopdaten von Asylbewerbern. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) soll auf diese Weise die Identität von Antragstellern klären können, wenn diese keine Identitätspapiere vorweisen. Bislang stellt eine deutliche Mehrheit der Ankommenden einen Asylantrag, ohne Papiere vorzuweisen. Speziell dieser Teil der Gesetzesnovelle ist heftig kritisiert worden. So warnte etwa die Organisation „Pro Asyl“, die Regierung wolle durch eine „Massenauslesung von Handydaten“ den „gläsernen Flüchtling“ schaffen.

Es ist allerdings fraglich, ob das BAMF die neuen Möglichkeiten in der Praxis überhaupt effektiv nutzen kann. Die Handyauswertung stellt nämlich einen erheblichen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte dar. Das Bundesverfassungsgericht hat mit seiner Rechtsprechung zum Großen Lauschangriff strenge Vorgaben zum Datenschutz gemacht. Wie die Zeitung „Die Welt“ berichtet, sind die juristischen Hürden zum Auswerten der Handydaten so hoch, dass eine Auswertung der Daten beim BAMFnur durch Angestellte mit einer Befähigung zum Richteramt erfolgen könne. Unter anderem zitiert die „Welt“ den CDU-Bundestagsabgeordneten Heribert Hirte: „Leider hat der Bundestag in dem beschlossenen Gesetz nur die wenigen Volljuristen im Bundesamt zur Auswertung befugt“. So dürfte die Aufgabe einer Identitätsklärung über eine Handyauswertung mit dem vorhandenen Personalbestand des Bundesamtes nicht zu bewältigen sein. Bislang legen zwei von drei Asylbewerbern bei ihrer Antragstellung keine Identitätspapiere vor. Jeden Monat kommen Tausende neue Anträge dazu. Dementsprechend ernüchternd klingt die Einschätzung durch einen Juristen auf „verfassungsblog.de“: „Daher müsste das BAMF entweder massenweise Volljuristen zum Auslesen von Handydaten einstellen oder die Norm könnte praktisch nicht vollzogen werden.“

Starke Skepsis ist auch bei dem Instrument der elektronischen Fußfessel für islamische Gefährder und extremistische Straftäter angebracht. Nur wenige Tage nachdem der Bundesrat das Sicherheitspaket angenommen hatte, war es im bayerischen Arnschwang zu einer schweren Gewalttat in einer Asylunterkunft gekommen. Ein 41-jähriger Afghane erstach ein fünf Jahre altes Kind. Wegen einer früheren Verurteilung wegen schwerer Brandstiftung stand der Afghane unter sogenannter Führungsaufsicht, ihm war das Tragen einer elektronischen Fußfessel auferlegt worden.                Norman Hanert


MELDUNGEN

Befristete Grenzkontrollen

Berlin – Deutschland führt ab sofort Grenzkontrollen durch. Grund ist nicht etwa, die Bevölkerung vor Terroranschlägen durch illegal einreisende Ausländer zu schützen, sondern die Sicherheit der Teilnehmer des G20-Gipfels, der am 7. und 8. Juli in Hamburg stattfindet. Die Kontrollen sollen bis zum 11. Juli „lageabhängig, das heißt örtlich und zeitlich flexibel“ erfolgen, teilte das Bundesinnenministerium mit. „Für mich hat die Sicherheit des Gipfels oberste Priorität und diese beginnt nun mal bereits an unseren Grenzen“, erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière.            J.H.

 

Horst Mahlers Frau ohne Konto

Berlin – Das Landgericht Berlin hat nach Informationen der Tageszeitung „Neues Deutschland“ die Kündigung eines Bankkontos der Ehefrau des wegen Volksverhetzung verurteilten Rechtsextremisten Horst Mahler für rechtens erklärt. Die Ehefrau war seit 20 Jahren Kundin eines öffentlich-rechtlichen Kreditinstituts, bevor dieses die Vertragsbeziehung ohne Angabe von Gründen kündigte. Auf Nachfrage der Betroffenen erklärte der Filialleiter, die Kündigung sei erfolgt, weil Mahler dazu aufgerufen habe, Spenden für seine Flucht und seinen Lebensunterhalt auf das Konto einzuzahlen. Das Landgericht entschied, dass die Kündigung gerechtfertigt gewesen sei, denn die Bank sei nicht verpflichtet, eine Strafvereitelung zu unterstützen. Dabei komme es nicht darauf an, ob die Ehefrau selbst gehandelt oder den Missbrauch des Kontos verschuldet habe. Allein entscheidend sei, dass der Bank die Vertragsbeziehung nicht mehr zumutbar sei, denn ihr drohe andernfalls ein erheblicher Ansehensverlust. Nachdem er vorübergehend Haftverschonung erhalten hatte, war Mahler vor dem erneuten Haftantritt nach Ungarn geflohen.         J.H.


S. 4 Telefon-Revolution

Zukunft in Kinderschuhen
Telefonanbieter treiben die Digitalisierung voran – oft ohne Rücksicht auf Kunden

Telekommunikationsanbieter forcieren derzeit deutschlandweit die Einrichtung des schnellen Internet. Der Marktführer Telekom will bis 2018 alle Anschlüsse auf die neue Internet-Protokoll-Technologie (IP) umstellen – nicht immer zur Freude der Kunden.

„Wir möchten Ihren Telefonanschluss auf die neue Technologie umstellen. Für Sie als treuen Kunden fallen keine Kosten an und Sie erhalten sogar noch sechs Monate lang eine Gutschrift von fünf Euro auf Ihre Rechnung, wenn Sie der Umstellung zustimmen. In den nächsten Tagen erhalten Sie dann lediglich einen neuen Router, an den Sie Ihre Geräte anschließen.“ Unerwähnt bleibt bei solchen Anrufen, dass mit Annahme des Angebots der Vertrag sich um 24 Monate verlängert. Wer den Auftrag dann widerruft, muss damit rechnen, bald ohne Telefon und Internet dazustehen. Denn einmal angeschoben, lässt sich der Umstellungsvorgang nicht mehr aufhalten. Verursacher des damit verbundenen Ärgers ist laut Anbieter O2 die Telekom, weil diese ihre Mitbewerber dazu zwinge, auf

Voice over IP (Internet Protokoll) umzustellen. Die Vorteile der neuen Technik sollen immens sein: Neben einer besseren Übertragungsgeschwindigkeit biete sie eine bessere Sprachqualität und schnelleres Internet.

Nach dem Abschalten des analogen Fernsehens wird nun auch das analoge Telefonieren flächendeckend zwangsabgeschafft. Verweigert ein Kunde die Umstellung, droht die Telekom mit der Kündigung des Anschlusses zum Ende der Vertragslaufzeit. Nutzer haben kaum eine Chance, sich dagegen zu wehren. Kunden, die nur Telefon ohne Internet nutzen, sollen von der Umstellung ohnehin nichts merken.

Die Telekom plant, bis 2018 alle Telekommunikations-Anschlüsse auf den IP-basierten Standard umzustellen. Sie hat bereits im vergangenen Jahr elf Milliarden Euro in den Netzausbau investiert, davon fünf Milliarden Euro in Deutschland. Dass der Branchenriese bei der Modernisierung oft ohne Rücksicht auf seine Kunden und die seiner Mitbewerber agiert, beweisen Hunderte von Beschwerden, die sowohl bei der Bundesnetzagentur als auch bei Verbraucherzentralen eingegangen sind. Die Kunden beschweren sich darüber, dass sie unzureichend aufgeklärt worden seien und bemängeln die fehlende Erreichbarkeit und Kundenfreundlichkeit der Mitarbeiter. Beklagt werden ferner undurchsichtige und verwirrende Informationen auf der Internetseite des Unternehmens. Darüber hinaus meldeten Kunden, dass es zu wochen- und monatelangen Ausfällen gekommen sei, obwohl die Telefonanbieter angekündigt hätten, die Umstellung sei ohne Techniker und ohne großen Aufwand möglich.

Schon der simple Austausch eines Routers stellt den Laien allerdings nicht selten vor Hürden, da ein IP-Router in der Regel ohne Bedienungsanleitung geliefert wird und die Einrichtung Schritt für Schritt am PC erfolgt. Der Router soll sich von selbst konfigurieren. Dennoch kann die Einrichtung aller Geräte anderthalb Stunden oder mehr in Anspruch nehmen.

Mitbewerber wie Vodafone oder O2 kritisieren die Telekom dafür, dass sie mit ihrem „Vectoring“, das heißt der Aufrüstung herkömmlicher Kupferleitungen, ihre Monopolstellung nutze, und so Investitionen in eine fortschrittlichere Technik behindere. Gemeint ist der Ausbau des Glasfasernetzes, das tatsächlich die Telekommunikation revolutionieren wird, da es Daten mit optischen Signalen in Lichtgeschwindigkeit überträgt. Das ermöglicht eine noch schnellere Übertragungsgeschwindigkeit als bei herkömmlichen DSL-Anschlüssen und ist noch unempfindlicher gegenüber elektrischen oder magnetischen Störfeldern. Daten können per Glasfaser auch über längere Strecken ohne Qualitätsverlust übertragen werden. Die Telekom hat zwar angekündigt, selbst den Ausbau des Glasfasernetzes voranzutreiben, stellt aber zuvor noch Millionen analoge Telefonanschlüsse auf VoIP um. Manuela Rosenthal-Kappi


Deutschland abgehängt
Ausbau des Glasfasernetzes geht nicht schnell genug voran

Der größte Konkurrent für VoIP ist das Glasfaser-Internet, das eine völlig neue Geschwindigkeitsdimension ins weltweite Netz ermöglicht. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) hinkt Deutschland bei direkten Glasfaseranschlüssen im europäischen Vergleich meilenweit hinterher. Im weltweiten Vergleich der Surf-Geschwindigkeit belegt Deutschland laut Akamei-Report gar nur Platz 24, hinter Schweden und Tschechien. Führend sind Südkorea, Hongkong und Japan.

Als Bremse für den Ausbau des Glasfasernetzes in Deutschland sehen die Autoren unkoordinierte Förderprogramme des Bundes. Die Politik schaffe nicht genügend Anreize, direkt in Glasfaser zu investieren. Stattdessen fördere sie eine Brückentechnologie, wie das sogenannte Vectoring der Telekom. Dabei werden Glasfaserkabel nur bis zur Anschlussstelle der Telekom verlegt, per VDSL wird das bisherige Kupferkabel weiterverwendet. Die so erzielte Geschwindigkeit fällt weit hinter das von der EU angestrebte Breitbandziel mit einer Übertragungsrate von 100 Megabitt pro Sekunde zurück. Laut einem Entwurf der EU-Kommission soll bis zum Jahr 2025 jeder Haushalt in Europa über einen schnellen Internetanschluss verfügen.

Doch der Ausbau des Glasfasernetzes kostet viel Geld. Den Großteil der Kosten verursachen die für FTTC (Fiber-to-the-Curb), also Glasfaser bis zum Bordstein, notwendigen Erdarbeiten. Die EU setzt auf Deregulierung und will damit Alternativ-Anbietern den Zugang zum Markt ermöglichen. Eine Regelung, die der Telekom nicht gefallen dürfte, da sie beim Ausbau ihres eigenen Glasfasernetzes Konkurrenz bekommt. Die Vectoring-Methode beim Ausbau ihrer veralteten Kupferkabel könnte sich als Fehlinvestition erweisen.

ISI hat sich Länder angesehen, die eine höhere Verbreitung von FTTC vorweisen können, darunter Schweden, Spanien und die Schweiz. Der deutschen Politik werfen die Autoren eine „fehlende gesamtstaatliche Strategie, unkoordinierte Förderprogramme und fehlenden Mut“ vor, so das Fazit der von der Bertelsmannstiftung in Auftrag gegebenen Studie „Ausbaustrategien für Breitbandnetz in Europa“.             MRK


Welche Vor- und Nachteile VoIP bringt

IP-Telefonie oder Voice over IP bezieht sich auf die Übertragungsart von Telefonaten. Jahrzehntelang wurden sie analog über zwei Kupferkabel übertragen. Im Zuge der Digitalisierung wird nun das Telefonnetz schrittweise umgerüstet. Telefoniert wird künftig über das Internet.  Gespräche werden nicht mehr als durchgängiger Datenstrom gesendet, sondern in kleinen Päckchen über das Netzwerk.

Für die Telekommunikationsanbieter hat das beträchtliche Vorteile: Die Bündelung der Technik an wenigen zentralen Stellen bietet eine enorme Kos-tenersparnis. Beim herkömmlichen Telefondienst muss der Anbieter ein dezentrales Netz an Vermittlungsstellen betreiben, bei IP-Telefonie kann er die Technik an wenigen zentralen Stellen bündeln.

Der klassische, leitungsvermittelte Telefondienst mit analoger und ISDN-Technik belegt ein breites Frequenzspektrum auf den Kupferdoppeladern der Anschlüsse. Durch die Umstellung werden diese Kapazitäten frei für DSL-Signale. Man erreicht so eine größere Reichweite, und die Geschwindigkeit des Anschlusses wird gesteigert. Der lästige Kabelsalat entfällt, da alle Geräte an einen Router angeschlossen werden. Zusatzgeräte wie Splitter sind nicht mehr nötig. Aussetzer, Verzögerungen oder Verbindungsabbrüche lassen sich bei stabiler DSL-Leitung größtenteils ausschließen.

Ein großer Nachteil der neuen Technik ist, dass bei einem Stromausfall kein Telefonieren mehr möglich ist. Auch Hausnotrufanlagen für Senioren oder Alarmanlagen funktionieren nicht ohne Internetverbindung. Der Notruf ist dann nur bei Geräten mit Akkus noch aktiv.

Verbraucherzentralen fordern die kostenfreie Installation durch Telefonanbieter für ältere Menschen und technische Laien. Senioren, die sich überfordert fühlen und keine Hilfe von ihrem Telefonanbieter erhalten, können sich an die Deutsche Seniorenliga wenden (deutsche-seniorenliga.de).        MRK


Zeitzeugen

Timotheus Höttges – Bei der Aktionärs-Hauptversammlung Ende Mai versprach der Telekom-Chef, in den kommenden zwei Jahren alle Haushalte in Deutschland mit schnellem Internet mit einem Tempo von mindestens 50 Mega-bit pro Sekunde auszustatten. Derzeit investiert der Branchenriese in den zügigen Glasfasernetzausbau.

Bernd Beckert– Als Koordinator der Studie „Ausbaustrategien für Breitbandnetz in Europa“ des Fraunhofer-Instituts ISI sieht Becker das schnelle Internet vor allem für Firmen, aber auch für Bürger als einen entscheidenden Standortfaktor. Die Autoren der Studie sehen in der engeren Einbindung von Ländern und Kommunen eine Chance für den beschleunigten Ausbau des Glasfasernetzes, weil diese ein besonderes Interesse an moderner Infrastruktur hätten.

Alexander Dobrindt – Aufgrund  eines Kabinettsbeschlusses will der Bund laut dem Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur den Breitbandausbau in Deutschland mit 2,7 Miliarden Euro fördern. „Mit dem Bundesförderprogramm für den Breitbandausbau schließen wir die weißen Flecken auf der Landkarte“, sagte Dobrindt. Gemeint sind damit vor allem ländliche Regionen, in denen die Kommunen und Landkreise den Netzausbau allein wirtschaftlich nicht stemmen können.

Hannes Ametsrieder – Der Vodafone-Deutschland-Chef und Telekom-Kritiker lobt den EU-Entwurf zur Förderung der Hochgeschwindigkeits-Internetnetze, der eine neue Ordnung vorsieht. Damit würden Monopolisten, die den Fortschritt behindern, in ihre Schranken gewiesen und so auch  der Weg frei für einen Ausbau echter Zukunftstechnologien wie das Glasfasernetz. 

Stephan Albers – Die Politik müsse sich zur reinen Glasfaser bekennen und ein langfristiges, tragfähiges Infrastrukturziel setzen, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands Breitbandkommunikation (BREKO). Um ein Glasfasernetz in Deutschland flächendeckend zu bauen, würden zirka 80 Milliarden Euro benötigt. Um den Infrastrukturwettbewerb auf dem Telekommunikationsmarkt anzukurbeln, veranstaltet der BREKO seit einigen Jahren eine Glasfasermesse.


S. 5 Preussen/Berlin

Nach linksaußen völlig offen
Etablierte Politiker in Berlin grenzen sich nicht mal zum Schein vom linksextremen Rand ab

Bekannt gewordene Kontakte des AfD-Nachwuchses zur „Identitären Bewegung“ haben den öffentlichen Druck auf die junge Partei weiter erhöht. Dass sich einige der etablierte Parteien sehr viel schwerer damit tun, sich von Extremisten abzugrenzen oder auch nur linksextreme Gewalt öffentlich zu ächten, wird bei den Attacken gern übergangen.

Als Berlins Christdemokraten und Liberale vor nicht einmal einem Jahr  SPD, Grüne, Linkspartei und Piraten zu einem gemeinsamen Beschluss gegen linke Gewalt eingeladen haben, wollten die drei auf keinen Fall mitziehen. Kein Problem war es dagegen gewesen, alle sechs Parteien zuvor zu einem „Konsens gegen rechts“ zusammenzubringen.

Monate später bemerkten aufmerksame Beobachter, dass auch der 250 Seiten lange Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün den Begriff „Linksextremismus“ kein einziges Mal erwähnt. Speziell beim Berliner, aber auch beim  Brandenburger Landesverband der Linkspartei fällt zudem auf, dass trotz Nähe zu Organisationen, die vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft werden, erstaunliche politische Karrieren möglich sind.

Bereits im Jahr 2013 sorgte der Fall des damaligen Vizevorsitzenden der Linkspartei in Brandenburg, Norbert Müller, für eine öffentliche Diskussion. Per Pressemitteilung drang an die Öffentlichkeit, dass der als Nachrücker in den Landtag gelangte Abgeordnete Mitglied der „Roten Hilfe“ ist. Müller stellte seinerzeit klar, dass er auch weiterhin an einer Mitgliedschaft bei der Organisation festhalten wolle. „Mit dem Einzug in den Landtag verändern sich weder meine Mitgliedschaften, noch meine Überzeugungen“, so der Politiker damals.

Abermals als Nachrücker sitzt Müller seit Dezember 2014 sogar im Deutschen Bundestag. Die Organisation, von der er sich nicht distanzieren wollte, ist in der Öffentlichkeit bislang weit weniger bekannt als etwa die „Antifa“. Der Brandenburger Verfassungsschutz misst der Roten Hilfe allerdings durchaus Bedeutung zu. „Innerhalb des Linksextremismus behauptet die ,Rote Hilfe‘ ihre Rolle als übergreifende, zwischen allen Strömungen vermittelnde Konsensorganisation und kümmert sich unter anderem um den Rechtsbeistand für politisch motivierte Straftäter“, so die Bewertung der Verfassungsschützer. 

Auch die Einschätzung, die der damalige brandenburgische Innenminister Ralf Holzschuher (SPD) im Jahr 2013 zur „Roten Hilfe“ abgegeben hat, ist aufschlussreich. Als Antwort auf eine CDU-Anfrage im Landtag sprach Holzschuher von einer Scharnierfunktion des Vereins, da er als einzige linksextreme Organisation auch von vielen Linksalternativen akzeptiert werde. Der Innenminister wies auch auf das spezielle Gefahrenpotenzial der „Roten Hilfe“ hin: Zum einen schlage der Verein eine Brücke zu „inhaftierten Linksextremisten, die Straftaten begangen haben, sodass diese auch nach der Haft nahtlos an ihre früheren politischen Aktivitäten anknüpfen können“. Dazu pflege die „Rote Hilfe“ aber auch „massiv das Feindbild ,Staat‘ und zielt mit ihrer Strategie darauf ab, den Staat und seine Institutionen als ,Repressionsapparat‘ zu verunglimpfen … Sie erweckt bei ihren Mitgliedern ein Gefühl ständiger Überwachung und Repression.“

Norbert Müller ist nicht der einzige Politiker bei der brandenburgischen Linkspartei, an dem im Zusammenhang mit der „Roten Hilfe“ Kritik laut geworden ist. Ein Zeitungsbericht erwähnte vor Kurzem in einem sehr positiv gehaltenen Tenor die engagierte Arbeit der  Linkspartei-Politikerin Isabelle Vandré im NSU-Untersuchungsausschuss des Potsdamer Landtags. Für René Springer, den stellvertretenden Kreisvorsitzenden der AfD Potsdam, war dies der Anlass für scharfe Kritik: „Wenn es in der Berichterstattung über die Abgeordnete Isabelle Vandré lediglich heißt, sie sei der linken Studentenbewegung in Potsdam zuzuordnen, ist das in etwa so, als wenn man über einen knallharten Rechtsextremen sagt, er stamme aus dem konservativen Studentenmilieu.“

Tatsächlich führt die Politikerin auf ihrer Internetseite (https://isabelle-vandre.de) unter „Persönliches – Sonstige Mitgliedschaften“ unter anderem den Verein „Rote Hilfe e.V.“ an. Wie im Fall des Bundestagsabgeordneten Norbert Müller handelt es sich dabei um eben jene Organisation, die im Brandenburger Verfassungsschutzbericht als linksextrem bezeichnet wird. Erstaunlich ist vor diesem Hintergrund nicht allein, dass Vandré im Herbst 2014 über die Liste der Linkspartei überhaupt in den Landtag einziehen konnte. Fragen wirft auch die Mitarbeit der 27-jährigen im NSU-Untersuchungsausschuss auf. Immerhin geht es im Ausschuss insbesondere darum, die Arbeit des Verfassungsschutzes zu bewerten.          Hermann Müller


Ronald Reagan am Brandenburger Tor
von Vera Lengsfeld

Touristen und Passanten staunten am  12. Juni um 11 Uhr nicht schlecht, als plötzlich die Stimme Ronald Reagans über den Pariser Platz schallte. Am historischen Ort, wo der amerikanische Präsident vor 30 Jahren seine Rede im noch geteilten Berlin hielt, stand eine lebensgroße Papp­figur, der Originalton kam vom Band.

Diese Aktion zur Erinnerung an eines der bedeutendsten Ereignisse der Stadt war die Tat eines Einzelkämpfers, der sich „Waldprediger von Eberswalde“ nennt. Er hatte sich vor Monaten an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Müller (SPD), gewandt, um zu erfahren, was die Stadt anlässlich des Jubiläums plant. Die Antwort war, dass die Stadt keinen Anlass sieht, Reagans zu gedenken. Sie habe das schon häufig genug getan.

Die Reaktionen der Menschen am Brandenburger Tor waren Erstaunen, aufflammendes Interesse und Freude. Ich sprach mit zwei Männern, die mir erzählten, wie sie vor 30 Jahren versucht hätten, dem Brandenburger Tor möglichst nahe zu kommen, um Reagan wenigstens aus der Ferne zu hören. Aber am Volksbildungsministerium, heute beherbergt das Gebäude Abgeordnetenbüros des Bundestages, war Schluss. Zusätzlich zur Betonsperre, die vor dem Pariser Platz aufgebaut war, hinter der man das Brandenburger Tor von ferne betrachten konnte, stand zusätzlich eine Kette von Volkspolizisten. Männer in Zivil beobachteten genau, wer sich der Absperrung näherte und kontrollierten alle, die es wagten. Auch meine Gesprächspartner wurden befragt. Sie konnten aber beweisen, dass sie aus dem damaligen „Tal der Ahnungslosen“, der Gegend hinter Dresden, stammten, wo der Empfang von Westfernsehen immer noch schlecht war. Sie kamen mit dem Hinweis, sich zügig zu entfernen, davon. Weniger Glückliche, das konnten sie beobachten, wurden zu Lastkraftwagen geführt, die in der heutigen Behrenstraße standen.

Schon sechs Wochen vor dem Eintreffen des US-Präsidenten lag der „Maßnahmeplan“ der Staatssicherheit zum Besuch vor. Es wurden Inoffizielle Mitarbeiter (IM) und weitere Quellen beauftragt, Informationen zu sammeln, vor allem bei der West-Berliner Polizei, den alliierten Streitkräften und dem Verein ehemaliger DDR-Bürger. Im Stasi-Archiv liegen Fotos, die den Menschenauflauf im Osten, den die Stasi so fürchtete, zeigen.

Reagan wandte sich nicht nur an die West-Berliner, sondern auch an den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow. Er sprach die legendären Worte: „Mr. Gorbatschow, tear this wall down“.

Er wurde in der deutschen Presse dafür als mindestens realitätsfremd gescholten, behielt aber gegenüber seinen Kritikern recht. Danke, Ronald Reagan!


Jahrelang verschlafen
Pflege: Berlin womöglich Zentrum eines Milliardenbetrugs

Bundesweit sollen rund 230 ambulante Pflegedienste die Sozialkassen möglicherweise um Milliardenbeträge geprellt haben. Wie der Bayerische Rundfunk (BR) und die  „Welt“ unter Berufung auf den Bericht einer Sonderermittlungsgruppe des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Landeskriminalamts (LKA) Nordrhein-Westfalen berichten, sollen betrügerische Pflegedienste im Zusammenspiel mit Ärzten, Patienten und deren Familienangehörigen Leistungen abgerechnet haben, die nie erbracht wurden.

Das BKA schätzt den jährlichen Schaden offenbar auf mindestens eine Milliarde Euro. Die Ermittlungen laufen angeblich bereits seit 2014. Bei den Verdächtigen soll es sich um russischsprachige Personen handeln. Viele von ihnen stehen im Verdacht, neben Pflegebetrug auch in Geldwäsche und Schutzgelderpressungen verwickelt zu sein.

Im Zentrum der Machenschaften steht den Ermittlungen zufolge Berlin. In der Hauptstadt ist das Problem des Pflegebetrugs tatsächlich seit Jahren bekannt (siehe PAZ 52/2011). Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, weist seit Langem auf die Aktivitäten krimineller Pflegedienste hin. Der „Tagesspiegel“ zitiert von Dassel: „Unregelmäßigkeiten, Intransparenz, illegale Beschäftigung und Betrug in der Pflegebranche – nichts davon ist neu.“

Berlins CDU hat inzwischen signalisiert, dass sie die mafiösen Dienste im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses thematisieren will. Der sozialpolitische Sprecher der dortigen AfD-Fraktion, Herbert Mohr, kritisiert nicht nur den amtierenden Senat, sondern wirft auch dem Vorgängersenat jahrelange Untätigkeit vor: „Bereits im September 2011 hatte das Bezirksamt Neukölln mitgeteilt, dass alleine in seinem Zuständigkeitsbereich die Pflegekassen jährlich um bis zu fünf Millionen Euro geprellt würden. Passiert ist jedoch bis heute nichts Konkretes. Die damalige Sozialsenatorin Bluhm (Linkspartei) verwies lediglich auf einen runden Tisch. Auch Mario Czaja (CDU), der Nachfolger Bluhms, ließ das Thema mit seinem Amtsantritt im Dezember 2011 komplett im Sande verlaufen.“

Im Falle Berlins spielt offenbar auch die Überlastung der Staatsanwälte eine wichtige Rolle. Obwohl über Razzien verwertbare Erkenntnisse zusammengetragen wurden, soll es in einigen Fällen teilweise über Jahre zu keinen Anklagen gekommen sein.          N.H.


»Zweifel« am Kreuz
Kunstinstallation am Schloss soll Kritik von links durchkreuzen

Sieben großgeschriebene Leuchtbuchstaben könnten bald das Berliner Schloss zieren. Wenn es nach den drei Gründungsintendanten des Humboldtforums, Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger, geht, dann soll das Wort „Zweifel“ ein großgeschriebenes Gegengewicht zum Kreuz abgeben, mit dem die Schlosskuppel gekrönt werden soll.

Der Vorschlag des Intendan­tentrios sieht vor, eine Installation des norwegischen Künstlers Lars Ø. Ramberg zu reaktivieren, die bereits 2005 einen Rest des damaligen Palasts der Republik bekrönte. Der acht Meter hohe und 40 Meter lange Schriftzug „ZWEIFEL“ aus neonfarbenen Lettern richtete sich damals gegen ein undemokratisches System. Jetzt soll er Zweifel am Kreuz und damit am Christentum ausdrücken.

Nachdem die Stiftung Humboldt-Forum bekannt gegeben hatte, dass nach genügend Spendeneingängen die Kuppel des Schlosses samt Laterne und silbernem Kreuz vollständig rekonstruiert werden kann, kam Kritik von links. Allen voran Berlins Kultursenator Klaus Lederer rief zum „Verzicht auf das Kreuz“ auf:   „Emanzipieren wir uns von einer auferlegten Verengung der Sicht auf unsere Herkunft, unsere Wurzeln, unsere Kultur“ und beharre man nicht „auf Eigenheiten“.

Da der Haushaltsausschuss des Bundestages 2011 die Wiederrichtung des Kreuzes mit vorsah und andere Religionsgemeinschaften keine Einwände sehen, sprechen sich auch die drei Intendanten für das Kreuz aus. „Das Kuppelkreuz ist zweifelsohne mehr als nur bauhistorisch relevant für die Schlosskonstruktion, und es ist mehr als ein Hauptsinnzeichen des Christentums“, schrieben sie in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Man solle, so heißt es weiter, „verfängliche Denkmäler mit problematischer Aussage“ nicht abreißen und damit vergessen lassen, sondern kommentierend ergänzen.

Als „kommentierende Ergänzung“ schlagen sie auf der Ostseite des Daches des Humboldtforums nicht nur den Schriftzug „Zweifel“ vor, sondern vor dem Schloss auch die Aufstellung einer Nachbildung des buddhistisches Sanchi-Tors aus den Dahlemer Sammlungen, das als „südasiatische Antwort auf das frühklassizistische Brandenburger Tor“ fungieren könne. Geht es so weiter, droht das rekonstruierte klassizistische Berliner Schloss damit für beliebige politische Antworten für alles Mögliche herhalten zu müssen.   Harald Tews


S. 6 Ausland

Mehr als ein innerarabischer Streit
Wie Katar Saudi-Arabien, die USA und deren Verbündete in der Region gegen sich aufgebracht hat

Das ist ein Paukenschlag, selbst im Vorderen Orient, der immer für eine Überraschung gut ist. Während die christliche Welt den Pfingstmontag begann, beendeten die Golfstaaten Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre diplomatischen Beziehungen zum Nachbarn Katar.

Kurz darauf schlossen sich Ägypten und das, was von Libyen noch übrig ist, dieser Demarche an. Schließlich folgte noch die Regierung des Jemen, in dem Saudi-Arabien Krieg führt, dem Boykott. Zur exotischen Ergänzung haben schließlich auch die Malediven ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. Mit einem Schwergewicht wie Saudi-Arabien will man sich schließlich gutstellen.

Mit dem diplomatischen Affront ist es aber noch nicht getan. Zudem wurden alle Katarer, die sich in den benachbarten arabischen Ländern aufhalten, aufgefordert, binnen zweier Wochen in ihren Heimatstaat zurückzukehren. Als erster Staat schloss Ägypten alle Seehäfen und Flugplätze für Schiffe und Flugzeuge aus Katar. Dann unterbanden Saudi-Arabien und Ägypten jeglichen Reiseverkehr mit Katar, sei es zu Lande, zu Wasser oder in der Luft. Kurz darauf haben verschiedene arabische Luftlinien ihre Flüge nach der katarischen Hauptstadt Dohar eingestellt. Laut Reuters haben die Fluggesellschaften Emirates, Etihad Airways, Saudia, Gulf Air und Egypt Air ihre Flüge nach Katar abgesagt. Umgekehrt kündigte bereits die katarische Fluglinie Qatar Airways an, ihre Flüge nach Saudi-Arabien einzustellen.

Wie der Sender al-Arabiya mitteilte, wurden alle Grenzen zu dem Land geschlossen, das eine ausgesetzte Halbinsel mit einer einzigen Grenze zu Saudi-Arabien darstellt. Umgehend reagierte die Börse in Dohar auf diese Entwick­lung. Im Laufe der ersten Stunde nach Öffnung kam es zu einem Kurzsturz von 7,6 Prozent.

Als Begründung für diese Maßnahmen führten die beteiligten Regierungen an, Doha unterstütze Terrororganisationen wie al-Kaida und den Islamischen Staat oder auch die Muslimbruderschaft. Diese Erkenntnis ist so neu wie die, dass auch in Arabien die Sonne im Osten aufgeht. Zudem hätten die Katarer Mühe, für die radikalen Moslems auch nur annähernd so viel Geld aufzubringen, wie es die Saudis ständig und seit Jahren tun. Dieser Vorwurf und die Szenerie, wonach man in Riad und anderswo erst kürzlich von den Finanzströmen zu den radikalen Moslems erfahren hätte, sind derart lächerlich, dass sie umso mehr zur Ausleuchtung des tatsächlichen Hintergrunds herausfordern.

Dass die offizielle Erklärung mit der Finanzierung der radikalen Moslems ein frecher Humbug ist, wissen auch ihre Urheber. Etwas ganz anderes wollen sie damit verschleiern. Im Persischen Golf, zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Iran, liegt das South-Pars-Gasfeld (South Pars Gas-Condensate field), das inklusive des Nord-Felds (North Dome Field) das größte bisher entdeckte Gasfeld der Welt, das nicht Teil einer Erdöllagerstätte ist. Die Ausbeutung teilen sich seit geraumer Zeit Katar und der Iran, weil sich das Lager in die Hoheitsgebiete beider Länder erstreckt.

Nun kann man derlei Geschäfte auf zweierlei Arten abwickeln, entweder im Streit, worunter beide Seiten leiden, oder aber schiedlich, was beiden nützt. Wie es scheint, haben sich Katar und der Iran auf die letztere Art verstanden und auf diese Weise eine doppelte Grenze überwunden: die zwischen der islamischen Sunna, deren Hüter Saudi-Arabien ist, und der Schia, deren stärkste Macht der Iran darstellt, den beiden verfeindeten Konfessionen des Islam, und, was nicht weniger schwer wiegt, den historischen und vor allem auch kulturell begründeten Abgrund zwischen den Arabern und den Persern.

Auf solche Weise hat sich Katar ins arabische Abseits manövriert. Erst dieser Tage, Ende Mai, verkündete die katarische staatliche Nachrichtenagentur, der Herrscher, Emir Tamim bin Hamd al Thani, habe die Nachbarländer getadelt und gleichzeitig den benachbarten Iran als ein Land gelobt, das zur Stabilität der Region beitrage. Das allein schon hätte auch ohne Erdgas für ein Zerwürfnis ausgereicht.

Was auf den ersten, oberflächlichen Blick wie ein innerarabischer Streit aussieht, gewinnt dadurch eine überregionale Bedeutung, dass in dem Gefüge um das South-Pars-Gasfeld auch die US-Multis Exxon und Total anzutreffen sind. Schon jetzt beeinflussen die Erdgasvorkommen in der Golfregion die internationale Politik auf erhebliche Weise. Es liegt nämlich im Interesse der US-amerikanischen Energieriesen, Erdgas von dort über Rohrleitungen in die Türkei zu transportieren, um es von dort in Europa zu verkaufen. Neben dem wirtschaftlichen Gewinn wäre damit für Washington ein weiterer, strategischer Vorteil verbunden, nämlich der, dass man auf diese Weise die Möglichkeiten Russlands, in Europa Erdgas zu verkaufen, verringern und somit dem Gegner eine erheblichen Schaden zufügen könnte. Diesem Plan steht allerdings bis zum heutigen Tage der syrische Präsident Baschar al-Assad entgegen, durch dessen Land eine solche Pipeline geführt werden müsste. Jetzt haben die USA mit Katar einen neuen Gegner.  Florian Stumfall (siehe Kommentar Seite 8)


Erdogan auf hinduistisch
Indiens Premier und seine Partei gehen auf Distanz zum Laizismus

Im westindischen Rajasthan lynchte ein aufgebrachter Mob einen Muslim, weil dieser das Fleisch einer Kuh gegessen haben soll. Es war ein neuer Tiefpunkt in einem eskalierenden Kulturkampf um religiöse Speisevorschriften und ihre Interpretation. Radikale Hindu-Nationalisten machen sich immer häufiger mit klammheimlicher Duldung örtlicher Behörden auf die Jagd nach Angehörigen der muslimischen Minderheit oder Dalits, jenen Menschen ohne Kastenzugehörigkeit, die lange als „Unberühbare“ diffamiert wurden. Anders als für Hindus ist für diese Inder die Kuh ein normales Nutztier, Rindfleisch ein vergleichsweise günstiger Lieferant von Eiweiß. Muslime und Dalits spielen auch in Indiens boomender Fleischindustrie eine herausragende Rolle. Indien ist der weltweit größte Exporteur von Rind- und Büffelfleisch, noch vor Brasilien, Australien, den USA und Argentinien. Die indische Fleischindustrie garantiert mehreren Millionen Menschen einen Lebensunterhalt.

Die hinduistische Bharatiya Janata Party (BJP) von Premierminister Narendra Modi will ihre Macht in der größten Demokratie der Welt auf Dauer sichern. Der Einsatz für die Kuh, einem für Hindus heiligem Wesen, soll ein Element in dieser Langzeitstrategie sein. Die Partei Modis, der vor Kurzem Deutschland besucht hat, braucht, um Wahlen zu gewinnen, nicht die Stimmen der religiösen Minderheiten, da die Hindus eine Mehrheit von 80 Prozent in Indien ausmachen.

Bei den Parlamentswahlen in Uttar Pradesh, dem mit über 200 Millionen Bewohnern bevölkerungsreichsten Bundesstaat des Landes, errang die BJP einen Erd­rutschsieg und übertrug einem radikalen Hindu-Priester die Regierungsverantwortung. Der Politiker im Priestergewand ließ sofort 17 von 41 fleischverarbeitenden Betrieben schließen, 30000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Die Mehrheit der Betroffenen waren Nicht-Hindus. Der ansonsten um das Ansehen des Investitionsstandortes Indien so bemühte Ministerpräsident hüllte sich in Schweigen. Modi ist nach außen nicht der Anführer des Kulturkampfes für die Kuh. Er und seine Berater sollen jedoch im Hintergrund die Fäden ziehen.

In allen Bundesstaaten, in denen die BJP regiert, ist der Schutz der Kuh ein wichtiges Thema. Im Bundesstaat Gujarat, in dem Modi lange regierte, muss, wer eine Kuh tötet, mit lebenslanger Haftstrafe rechnen. Die Mehrheit der indischen Bundesstaaten verbietet den Verzehr von Rindfleisch. So erließ Maharashtra 2015 ein generelles Rindfleischverbot für seine 110 Millionen Einwohner. Wer also in Mumbai, Indiens quirliger Wirtschaftsmetropole, Rindfleisch im Kühlschrank deponiert oder es gar verspeist, handelt laut Gesetz kriminell und könnte mit einer Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren und einem Bußgeld bestraft werden. Das gilt auch für Nicht-Inder.

Mehrere Umfragen im Land ergaben jedoch, dass immerhin 80 Millionen Inder gelegentlich Rind essen, neben 63 Millionen Muslimen sind darunter auch Millionen Hindus. Insgesamt werden gut 400000 Tonnen Rindfleisch jährlich konsumiert. Den Hindus sind Rinder im Gegensatz zu Büffeln heilig. Und für die gut 180 Millionen Muslime im Land gilt wiederum das Schwein als unrein. Bleiben noch die Angehörigen der Jain-Religion, für die sämtliche Tiere schützenswert sind, selbst Mücken.       Bodo Bost


Riad greift nach Kosovo
Wachsender Einfluss von Saudis und Türken in der Balkanrepublik

Wegen Werbung für den Dschihad in Syrien und dem Irak, Anstiftung zum Hass, Propagierung von religiöser Intoleranz sowie schließlich Steuervergehen ist in der kosovarischen Hauptstadt Pristina der Chefprediger der Zentralmoschee, Shefet Krasniqi (51), verhaftet worden. Der Oberimam des Kosovo gehörte in den 1990er Jahren zu den ersten Kosovaren, die ihre Studien in Saudi-Arabien absolviert haben.

Krasniqi ist kein Einzelfall. Nach einer Meldung des „Figaro“ soll im Raum Pristina in 22 Moscheen zum Heiligen Krieg aufgerufen worden sein, sozusagen unter den Augen von EU-Soldaten und EU-Beamten, die in der Gegend stationiert sind. Das kleine Westbalkanland ist zu Europas Dschihad-Zentrale geworden. Im Kosovo hat sich der radikale saudi-arabische Staatsislam der Wahhabiten festgesetzt. Wie die Salafisten vertreten die Wahhabiten einen Steinzeitislam, der sich streng an Mohammeds 7. Jahrhundert orientiert.

Von den heute über 800 Moscheen im Kosovo stammen 240 von Geldgebern aus Saudi-Arabien, die vermittelt über Stiftungen oder Nichtregierungsorganisationen seit 1999 Geld in den Kosovo transferieren. Vor allem diese neuen Moscheen werden heute für die wahhabitische Indoktrinierung der Kosovaren verantwortlich gemacht. Während der Westen unter Federführung der Amerikaner 1999 glaubte, die Militärintervention zur Loslösung von Jugoslawien würde im Kosovo die Demokratie einführen, nutzten die Saudis die von außen eingeführte Demokratie, um ihre Version des Steinzeitislam einzuführen.

Aber die Geldgeber aus Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und Bahrein bauten nicht nur Moscheen und bezahlten die Ausbildung von Hunderten von Imamen auf der arabischen Halbinsel. Religiöse Stiftungen bezahlten auch laut der französischen Zeitung „Le Figaro“ den betreffenden Personen Bart- und Schleiergelder in Höhe zwischen 100 und 300 Euro, wenn Männer sich einen Salafistenbart wachsen ließen oder Frauen sich verschleierten.

Während es vor dem Jahre 2000 kaum verschleierte Frauen im Kosovo gegeben hatte, wird deren Zahl mittlerweile immer größer. Der Ramadan, früher Privatsache, wird nun öffentlich durchgeführt und staatlicherseits überwacht. Albanischer Nationalismus, der einst zum Aufstand der Kosovaren gegen Slobodan Miloševic geführt hatte, ist längst durch den Wahhabismus abgelöst worden.

Von der Europäischen Union hat das Kosovo seit 1999 etwa fünf Milliarden Euro Hilfsgelder erhalten, viel mehr pro Kopf als nach dem Zweiten Weltkrieg die etwa 16 Milliarden US-Dollar Marshallplan-Hilfe für 16 europäische Länder. Trotzdem ist das Kosovo weiterhin das ärmste Land Europas. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 und die Jugendarbeitslosigkeit bei 70 Prozent.

Während eine EU-Perspektive für das bettelarme Westbalkanland in weite Ferne gerückt ist, bietet Recep Tayyip Erdogan im Rahmen seiner neuen türkischen Großmachtpolitik dem Kosovo bereits Ersatz. Die einstige Kolonialmacht investiert im Westbalkan in Flughäfen, Straßen und Banken und schickt Imame in den Kosovo. Ankara fordert allerdings vom Kosovo, Schulbücher so zu korrigieren, dass die Osmanische Geschichte schöner erscheint, im­merhin setzt Erdogan gerade dazu an, eine Renaissance des Osmanischen Reiches zu vollziehen.             B.B.


MELDUNGEN

Saudis wollten nicht gedenken

Adelaide – Die saudische Fußballnationalmannschaft hat vor einem WM-Qualifikationsspiel in Australien die Schweigeminute für die Opfer der jüngsten islamistischen Terrorangriffe in London missachtet. Die australischen Spieler versammelten sich am Mittelkreis, um zusammen mit dem Publikum in einer Schweigeminute der Terroropfer zu gedenken. Die saudischen Spieler taten so, als bekämen sie nicht mit, was da vor sich ging. Sie zerstreuten sich auf dem Spielfeld, machten zum Teil Lockerungsübungen, einer richtete sich die Schnürsenkel. Andere verschränkten ihre Arme hinter dem Rücken, aber sie standen zumindest still.          B.B.

 

Keine Philippinos mehr nach Katar

Manila – Die philippinische Regierung lässt ihre Landsleute nicht mehr als Gastarbeiter nach Katar ausreisen. Das Verbot soll so lange aufrechterhalten werden, „bis die Entwicklung der Lage im Emirat ausreichend geklärt und umfassend bewertet werden kann“, heißt es dazu. Philippinische Arbeitskräfte, die sich bereits in Katar befinden, dürfen jedoch dort bleiben. Eine der Gefahren für die eigenen Staatsbürger sieht die Regierung in einer möglichen Lebensmittelknappheit im mit Sanktionen belegten Katar (siehe nebenstehenden Artikel), weil das Land rund 90 Prozent seiner Lebensmittel importieren muss. Die Philippinen profitieren stark von ihren Gastarbeitern in den Golfstaaten, die im vergangenen Jahr 24 Milliarden Euro nach Hause schickten. Die Wirtschaft Katars wiederum ist stark von ausländischen Arbeitskräften abhängig. Regierungsangaben zufolge sind fast 90 Prozent der 2,5 Millionen Menschen in dem Emirat aus dem Ausland.        J.H.


S. 7 Wirtschaft

Schifffahrtskrise weitet sich aus
Traditionsreederei Rickmers ist das nächste Opfer eines gnadenlosen Konzentrationsprozesses

Der anhaltenden Schifffahrtskrise fallen mittlerweile auch Großreedereien zum Opfer. Während das Überangebot an Schifftonnage weiter zunimmt, stagnieren die Weltwirtschaft und damit auch der Seetransport. Nach dem Konkurs der südkoreanischen Reederei Hanjin im Herbst 2016 hat nun die Hamburger Traditionsreederei Rickmers Insolvenz angemeldet.

Mit 114 zu vermietenden Schiffen gehört die Rickmers Holding AG zu den größten Charterreedereien und maritimen Dienstleistern der Welt. Im Besitz des Unternehmens mit rund 2000 Mitarbeitern sind des Weiteren 33 selbst bereederte Containerfrachter, vier Massengutfrachter und zwei Autotransporter. Infolge der niedrigen Charterraten und weil die großen Linienreedereien zuerst ihre eigenen Schiffe auslasten, bevor sie welche chartern, summierten sich für die Rickmers-Gruppe Schulden in Höhe von 1,7 Milliarden Euro. 400 bis 600 Millionen hatte die HSH Nordbank zur Finanzierung des Unternehmens beigetragen. Nachdem sich der ehemals größte Schiffsfinanzierer der Welt Anfang 2017 von fragwürdigen Krediten aus der Schiffsfinanzierung im Wert von 1,7 Milliarden Euro befreien konnte, verwundert es nicht, dass das Sanierungskonzept des Reeders Bertram Rickmers von der HSH Nordbank und seinen übrigen Gläubigern zurückgewiesen wurde. Rickmers wollte mehr als 75 Prozent seiner Firmenanteile abgeben, um seine Gläubiger zu bezahlen.

Bereits im März dieses Jahres hatte der Oetker-Konzern die vermutlich ebenfalls Verluste einfahrende Reederei Hamburg Süd für 4,7 Milliarden Euro an die dänische Maersk Line verkauft. Damit verfügt der Weltmarktführer Maersk über eine Ladekapazität von 2,5 Millionen Standard-Containern, was 17 Prozent Marktanteil entspricht. Es folgen die italienisch-schweizerische Reederei Mediterranean Shipping Company (MSC) mit 13 Prozent sowie das französische Schifffahrts- und Logistikunternehmen CMA CGM mit acht Prozent. Die Marktkonzentration nimmt ihren Lauf.

Die Schifffahrtskrise ist zwar 2008 durch die Lehman-Pleite ausgelöst worden, aber doch großenteils selbstverschuldet. Trotz deutlicher Warnzeichen nach Jahren der überproportionalen Steigerungsraten im Welthandel wurden in der Branche keine vorsorglichen Maßnahmen für den Fall einer Banken- oder Konjunkturkrise ergriffen – jeder hatte Angst, ins Hintertreffen zu geraten. Obwohl viele Containerschiffe gleich in der Anfangsphase stillgelegt wurden, fuhren die Reedereien jahrelang Verluste ein. Hunderte Schiffe, die nicht mehr benötigt wurden, waren weiterhin im Zulauf.

In dieser schwierigen Lage gaben die Dänen 2011 den Startschuss für eine weitere Steigerung des Verdrängungswettbewerbs im Seetransport. Trotz des Überangebots an Tonnage orderte Maersk gleich 20 Neubauten sogenannter Mega-Liner auf koreanischen und chinesischen Werften, wo seit Jahrzehnten mithilfe staatlicher Subventionen konkurrenzlos billig Schiffe gebaut werden. Mit den neuen, 400 Meter langen und 60 Meter breiten Riesenschiffen mit Stellplätzen für 18000 20-Fuß-Container kann bis zur Hälfte der Kosten für Treibstoff und Personal eingespart werden. Oft wird durch günstige Angebote eine 95-prozentige Auslastung erreicht. Andere große Reedereien zogen nach und brachten ebensolche Frachter in Fahrt, was den Druck auf die Fracht- und Charterraten weiter erhöht hat.

Bis 2016 wurden über 150 dieser Kolosse ausgeliefert. Sie dominieren auf den Hauptfahrtrouten von Asien nach Europa und nach Amerika. Kleinere Containerschiffe wurden aus diesem Linienverkehr verdrängt. Viele Reeder mussten ihre gut gewarteten Schiffe zum Schrottwert verkaufen. Von einem rücksichtslosen Verdrängungswettbewerb sprach der völlig desillusionierte frühere Chef der Hamburger Reederei Hapag Lloyd, Michael Behrendt, kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt im Jahr 2014. „Wir sind davon überzeugt, dass es in Zukunft nur noch fünf bis sieben globale Linienreedereien geben wird“, äußerte kürzlich sein Nachfolger Rolf Habben Jansen. Acht von 20 der weltgrößten Containerreedereien sind bereits vom Markt verschwunden. Weltweit fusionieren die größten Reedereien und gründen Allianzen, um Kräfte zu bündeln. Unbehelligt von den Wettbewerbshütern bildeten Maersk und MSC 2016 ihr Bündnis „2 M“.

Im Zuge der Schifffahrtskrise kippte das bisherige Geschäfts- und Finanzierungsmodell für den Kauf oder Bau von Schiffen durch Bankenkredite und den teils dubiosen Vertrieb von geschlossenen Schiffsfonds. In Deutschland hatten 450000 Anleger Kapital in Schiffsfonds mit langen Laufzeiten investiert, um Anteile an Containerschiffen, Tankern und Massengutfrachtern zu erwerben. Bis zur Lehman-Pleite flossen 3,5 Milliarden Euro in diese angeblich sicheren Anlagen. Hinter den mehr als 600 Schiffs-Insolvenzen im Zeitraum 2008 bis 2014 steht ein geschätzter Totalverlust von 50 Milliarden Euro von Anlegern und Banken.

Heute sind die Reedereien mehr denn je darauf angewiesen, Finanzinvestoren für ihre Geschäfte zu gewinnen. Im nächsten Jahr laufen zahlreiche neue Großschiffe vom Stapel, die das Überangebot trotz vorzeitiger Verschrottungen noch verschärfen werden. Ein Ende der Schifffahrtskrise ist nicht in Sicht. D. Jestrzemski


43 Fragen zu Finanzrisiken
Anleihekäufe können Deutschland bis zu 95 Milliarden Euro kosten

Die Europäische Zentralbank und die Zentralbanken der Eurozone kaufen jeden Monat Anleihen von Staaten und Unternehmen im Wert von 60 Milliarden Euro auf. Bis Jahres-ende sollen so insgesamt Anleihen in Höhe von 2,3 Billionen Euro an den Märkten eingesammelt werden. Die EZB begründet diese Käufe mit der Absicht, die langfristigen Zinsen am Finanzmarkt niedrig zu halten und so die Wirtschaft zu stimulieren.

Beim Bundesverfassungsgericht iegen gegen dieses Anleihekaufprogramm mittlerweile mehrere Klagen vor. Wie der „Tagesspiegel“ berichtet, hat das Verfassungsgericht der Europäischen Zentralbank insgesamt 43 Fragen gestellt, um Auskunft über die Risiken für Deutschland durch die Anleihekäufe zu erhalten. Nach Darstellung der EZB könnten für Deutschland Kosten von 95 Milliarden Euro entstehen, wenn sämtliche Anleihen ausfallen, die von der EZB und den nationalen Zentralbanken bis Jahresende aufgekauft werden. Folgt man der EZB, dann haften die Mitgliedsbanken zum einen für Anleihen, die von der Zentralbank in Frankfurt selbst erworben werden. Die nationalen Notenbanken haften zudem auch gemeinsam für Verluste bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwick­lungsbanken – egal ob diese von der EZB oder einer der Euro-Zentralbanken gekauft wurden. Laut EZB umfassen die für eine gemeinsame Haftung infrage kommenden Papiere lediglich 20 Prozent aller Anleihekäufe aus dem öffentlichen Sektor. Als konkrete Zahl wurden 380 Milliarden Euro angegeben. Die Bundesbank als größte nationale Zentralbank des Euroraums würde bei einem Ausfall allerdings das größte Risiko tragen.

Bemerkenswert ist, dass die Verfassungsrichter die EZB selbst mit einer Einschätzung der Risiken ihrer Geldpolitik beauftragt haben. Dies legt zwar die EZB ein Stück weit fest, andererseits wäre es durchaus naheliegend gewesen, einen unabhängigen Experten oder ein Forschungsinstitut mit einem Gutachten zu beauftragen statt der EZB als involviertem Akteur.

Trotz starker Kritik aus Ländern wie Deutschland scheint die EZB an ihrer ultralockeren Geldpolitik erst einmal festhalten zu wollen. Nach einer Tagung des EZB-Rats im estnischen Tallinn am 8. Juni teilte die Notenbank mit, dass sie den Leitzins, zu dem Geschäftsbanken bei ihr Geld aufnehmen können, weiterhin bei null Prozent belässt. Zudem will der EZB-Rat auch die umstrittenen Anleihenkäufe bis mindestens Ende dieses Jahres fortsetzen. Norman Hanert


Riestern unattraktiv
Niedrigzinspolitik der EZB torpediert das Geschäftsmodell

Die Zahl der nach dem sozialdemokratischen Bundesarbeitsminister von 1998 bis 2002 benannten Riester-Renten zur privaten Altersvorsorge sinkt. Im ersten Quartal des Jahres 2017 gab es nach Angaben des Bundessozialministeriums 16,514 Millionen Verträge, Ende 2016 waren es noch 16,542 Millionen gewesen. Vor vier Jahren hatte der Bestand, bereinigt um stornierte Verträge, die 16-Millionen-Marke erreicht, 2014 waren es 16,293 Millionen, 2015 dann 16,489. Die Zahl der Verträge, bei denen die Beitragszahlungen ausgesetzt wurden, wird mittlerweile auf ein Fünftel geschätzt.

Mit der Einführung der Rente im Jahre 2002 hatte die von Gerhard Schröder geführte rot-grüne Bun-desregierung die Vorsorgelücke ausgleichem wollen, die sich aus dem Absenken des Rentenniveaus ergibt. Die Deutschen sollten fortan stärker selbst vorsorgen und dafür einen Zuschuss vom Staat erhalten. Traditionell werden in den ersten beiden Quartalen eines Jahres kaum Riester-Renten abgeschlossen. Erst im Herbst, wenn es gilt, noch Zulagen für das Jahr zu erhalten, setzt ein „Riester-Run“ ein.

Durch die geplante Erhöhung der Grundzulage von derzeit 154 Euro auf 175 Euro pro Jahr erhofft sich die Bundesregierung wieder mehr Attraktivität der Riester-Rente. Doch Experten halten das Instrument der privaten Vorsorge mittlerweile für zu unattraktiv. Der Garantiezins für eine klassische Riester-Renten-Versicherung sei inzwischen auf Niedrigzinsniveau angekommen. Nicht mehr als 0,9 Prozent dürfen die Versicherer ihren Kunden versprechen. Nur wer mit Aktien oder Fonds mehr Risiko eingehe, könne auch auf Renditen von vier bis sechs Prozent hoffen – allerdings bei höheren Kursschwankungen, analysiert das Nachrichtenmagazin „Focus“.

„Undurchsichtig, unrentabel, unfair“, lautet daher das Urteil des Holländers Rogier Minderhout. Der ehemalige Investmentbanker und Gründer der digitalen Rentenversicherung MyPension stellt der Riester-Rente ein vernichtendes Urteil aus: „Die klassische Riester-Rente ist gescheitert.“ Ein heute 30-jähriger Mann müsse über 90 Jahre alt werden, um seine eingezahlten Beiträge samt Zinsen zurückzubekommen. Damit sei die Riester-Rente ein Verlustgeschäft, vor allem für Geringverdiener und Personen, die längere Zeit arbeitslos waren. Minderhout: „Während die Finanz- und Versicherungswirtschaft von Provisionen profitiert, droht Millionen von Riester-Sparern die Altersarmut.“

Karl-Josef Laumann, Sprecher des Arbeitnehmerflügels der Union, kritisierte die Riester-Rente und die Anbieter hart. Es sei fraglich, ob es sich angesichts der stagnierenden Nachfrage noch lohne, Milliardenbeträge an die Versicherer und in die Fördertöpfe zu überweisen. „Riester ist nicht in Stein gemeißelt“, sagte der CDU-Politiker dem „Versicherungsjournal“.

Vier Monate vor der Bundestagswahl könnte Riester tatsächlich ein Wahlkampfthema werden. Die SPD hat angekündigt, dass sie die private Vorsorge thematisieren will. Denn Branchenkenner schlagen Alarm. „Was die Deutschen derzeit im Schnitt für die Altersvorsorge sparen, reicht nicht aus, um im Alter gut davon leben zu können“, sagte Manfred Knof, Vorstandschef der Allianzversicherungen. Rentner bräuchten „idealerweise 60 bis 80 Prozent“ ihres vorigen Nettoeinkommens. Derzeit verfügten die Bundesbürger aber nur über 35 bis 40 Prozent. P.E.


MELDUNGEN

Immer weniger Tarifbindung

Berlin – Die Tarifbindung im Einzelhandel ist in den vergangenen Jahren weiter gesunken. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linkspartei hervor. Demnach arbeiteten im Jahr 2015 nur noch rund 26 Prozent der Einzelhandels-Beschäftigten in Mitteldeutschland und 38 Prozent der Beschäftigten im Westen zu Bedingungen von Verbandstarifverträgen. 2012 lagen diese Werte noch bei 33 beziehungsweise bei 41 Prozent. Firmentarifverträge galten 2015 nur für rund vier Prozent der Beschäftigten.  J.H.

 

Jahresarbeitszeit weiter gesunken

Berlin – Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit der Erwerbstätigen in Deutschland ist seit der Jahrtausendwende deutlich gesunken. Lag die durchschnittliche Arbeitszeit eines Erwerbstätigen im Jahr 2000 noch bei rund 1450 und im Jahr 2015 bei rund 1370, waren es im Jahr 2016 nur noch rund 1360 Stunden. In Mitteldeutschland lag die Arbeitszeit in allen genannten Zeiträumen deutlich über der im Westen. Experten führen das gesunkene Arbeitszeitvolumen auf die steigenden Teilzeitquoten zurück.   J.H.


S. 8 Forum

Falsches Ziel
von Harald Tews

Für die europäischen Fußballverbände kommt die diplomatische Krise um Katar wie gerufen. Endlich gibt es einen Anlass, seinen Unmut gegen die Fußballweltmeisterschaft, die 2022 in dem Emirat ausgetragen werden soll, zu äußern. Dass der Wüstenstaat den Terror unterstützen soll, dass er die WM durch Bestechung erkauft hat, dass die ausländischen Arbeiter der WM-Stadien wie Sklaven behandelt werden – alles das wusste man schon lange vorher. Wer das jetzt als Grund sogar für einen Boykott anführt, der ist mehr als verlogen.

Denn die Fußballfunktionäre schießen gegen Katar, wollen aber die Fifa treffen. Ihnen ist es ein Dorn im Auge, dass die WM wegen der Hitze zwischen dem 21. November und 18. Dezember ausgetragen werden soll. Das bringt den Spielplan der europäischen Clubs durcheinander, die sich dann mitten in der Saison befinden. Außerdem befürchtet man in dem Zwergstaat, wo eher Kamelrennen als Fußball Volksport ist, leere Stadien während des Turniers. Das ist schlecht fürs Image. Doch keine Sorge: Solange Vereine wie der FC Bayern oder FC Barcelona Sponsorenverträge mit katarischen Unternehmen haben, wird der offizielle Protestschrei gegen das kleine Land rasch wieder verstummen. Geld stopft eben doch die Protestmünder.


Dank unerwünscht
von Jan Heitmann

Rettung über See“. Dieser Begriff steht für die Evakuierung von über zwei Millionen Ostdeutschen durch die Kriegsmarine am Ende des Krieges. Wer so dem Zugriff der Roten Armee entkommen konnte, ist den Marinesoldaten ewig dankbar. Diesen Dank einmal persönlich abzustatten war den Ost- und Westpreußen aus Schwarzenbek ein Bedürfnis. Die Gelegenheit dazu sollte ein Besuch bei der Marine in Kiel bieten. Das Besuchsprogramm stand lange fest, doch dann sagte die Marine aus „Kapazitätsgründen“ kurzfristig ab.

Die beabsichtigte Danksagung meinte der zuständige Offizier noch kommentieren zu müssen: „Sie würdigen die Ereignisse und Maßnahmen im Zusammenhang mit der Rettung einer großen Zahl von Menschen aus Baltijsk und Gdinia [ja, so steht es da, gerade so, als ob Pillau und Gdingen schon damals so gehießen hätten] durch Einheiten der damaligen Kriegsmarine ... Ihr Wunsch, der Deutschen Marine stellvertretend für die an Ihrer Rettung beteiligten Einheiten der Kriegsmarine zu danken, ist nachvollziehbar, gleichwohl kann ich diesem nicht entsprechen. Die Deutsche Marine ... steht in keiner wie auch immer gearteten Traditionspflege zu Einheiten der Kriegsmarine. Bei allem Verständnis für Ihren Wunsch kann die Deutsche Marine keine Danksagung für humanitäre Verdienste der Kriegsmarine entgegennehmen.“

Arme Marine, hat sie doch gar keine Tadition. Traditionsbildend für die Bundeswehr sind bekanntlich nur der Widerstand gegen das NS-Regime und die preußischen Reformen. Und bei beidem war die Marine nicht dabei.


Kindermassaker ein Fanal
von Bodo Bost

Wenn die Briten dachten, dass sie mit der Überwindung des IRA-Terrors vor fast 20 Jahren die Zeiten des Terrors hinter sich gebracht hätten, müssen sie sich jetzt angesichts der Terrorserie, welche die Insel heimsucht, radikal eines Besseren belehren lassen. Sogar auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen mit der IRA warnte diese mögliche Opfer telefonisch kurz vor einer Explosion. Denn irgendwo am Grunde ihrer schwarzen Seele hatten die IRA-Terroristen noch einen Schimmer an Menschlichkeit bewahrt. Beim islamischen Terrorismus ist es nicht mehr so. Je grausamer die Tat, je gnadenloser das Töten, je mehr und je jüngere Ungläubige getötet werden, desto näher kommt der Killer dem islamischen Paradies. Das ist die verdrehte Denkweise muslimischer Fanatiker, die ihre Wurzeln im Koran hat, wie so vieles im Supermarkt Islam, wo es für jeden Geschmack etwas gibt. Das zynischste, mit bestialischer Bosheit durchgeführte Attentat war das Selbstmordattentat eines Fanatikers mit einer Nagelsplitterbombe unter den jugendlichen Konzertbesuchern in Manchester.

In Großbritannien hat man jahrzehntelang versucht, auf Muslime zuzugehen und ihnen Konzession nach Konzession gemacht: Muslime wurden am demokratischen Prozess beteiligt und viele von ihnen gelangten in höchste Positionen in Regierungen und im öffentlichen Dienst. Es wurden neue Gesetze erlassen, um Kritik am Islam und an den Muslimen zu beschneiden und es wurden sogar einige Islamkritiker aus vorauseilendem Gehorsam eingesperrt, islamistische Gefährder dagegen weniger. Politiker haben sich für koloniale Verbrechen gegenüber Muslimen entschuldigt, die Balfour-Deklaration wurde für ungültig erklärt. Britische Politiker sind vor dem Islam zu Kreuze gekrochen. Sie haben es sogar zugelassen, dass sich die Scharia in das britische Leben einschleichen konnte. Das hat den islamischen Terror nicht aufgehalten. Manchester und London wurden damit nicht verhindert.

Der abgetretene französische Präsident François Hollande hatte angesichts der Massaker islamistischer Fanatiker in Paris, Nizza und Rouen von Krieg gesprochen und die Menschen, die den Attentaten entkommen waren, hatten diese als Krieg erlebt. Seit damals gilt in Frankreich der Ausnahmezustand, der angesichts neuer Attentate immer wieder verlängert wird. Auch Großbritannien hatte die Terrorwarnung nach Manchester auf die höchste Stufe erhöht, sie dann jedoch vor dem zweiten Fahrzeugmassaker auf der London Bridge wieder herabgefahren. Wenn der radikale Islam Europa den Krieg erklärt und bei den schwächsten Gliedern der Gesellschaft, den Kindern, zuschlägt, dann muss das Konsequenzen haben. Es wird Zeit, diese sogenannte Religion, die Krieg und Gewalt und Kindermord duldet und deren Anhänger in den sozialen Netzwerken darüber Freudenparties feiern, zu entlarven. Schon in der Bibel war der Kindermord, sei es in Bethlehem oder auch in Ägypten, ein Fanal, mit dem Zeitenwenden angekündigt wurden. Es bleibt zu hoffen, dass das Kindermassaker von Manchester ein ähnliches Fanal ist.


Gegenwind
Einzug der Scharia in die deutsche Rechtsprechung
von Florian Stumfall

Der Fall hatte auch in Deutschland Schlagzeilen gemacht, weil er in Teilen auch hier verhandelt worden war: Der jüngste Sohn der türkischen Familie Sürücü hatte seine Schwester Hatun wegen deren westlicher Lebensauffassung ermordet. Sie habe Schande auf die Sippe gebracht, so die Begründung. Die beiden älteren Brüder standen von Anfang an im Verdacht, den jüngeren zu der Tat angestiftet zu haben, wurden aber von einem Berliner Gericht freigesprochen. Allerdings hob der Bundesgerichtshof dieses Urteil auf, und, als es jetzt gefährlich wurde, setzten sich die beiden älteren Brüder in die Türkei ab. Dort wurden sie von allen Vorwürfen einer Schuld enthoben.

Unabhängig von der Beweisbarkeit einer Abrede im Falle Sürücü zeigen dieser Vorgang und viele ähnlich gelagerte, dass sich die Rechtsauffassung der isla-mischen Welt erheblich von derjenigen in Europa unterscheidet. Hierzulande gehört es nicht zur Rechtstradition, in der Rechtspflege den Begriff „Ehrenmord“ als ein entschuldigendes, um Verständnis heischendes und mildernde Umstände rechtfertigendes Moment zu werten. Jedenfalls war das bis vor Kurzem so, allerdings scheint es, als träte in jüngerer Zeit hier eine Wandlung ein.

Es ist kein Zufall, dass diese Erscheinung oftmals an Beispielen sichtbar wird, bei denen Frauen eine wichtige Rolle spielen, respektive die Art, wie islamisch geprägte Männer mit Frauen umgehen. So wurde in Deutschland ein 23-jähriger Türke, der eine junge Frau über vier Stunden lang vergewaltigt hatte, vom Gericht freigesprochen, denn es habe keinen Vorsatz erkennen können und die Frau „konnte nicht beurteilen, ob er (der Täter) mit der Mentalität des türkischen Kulturkreises das Geschehen, das sie als Vergewaltigung erlebte, vielleicht einfach nur für wilden Sex gehalten hat“.

Aussagestark ist auch ein Beispiel aus dem toleranten Schweden. Dort entkam ein vorbestrafter Iraker einer Gefängnisstrafe auch wegen Vergewaltigung, weil er das „Nein“ des Mädchens nur auf den von ihm erzwungenen Analsex bezog und daher eine eigentliche Vergewaltigung gar nicht stattgefunden habe.

Außerdem leide der Beklagte wahrscheinlich an ADHS, einer Störung der Mitteilungsfähigkeit im Umgang mit anderen.

Im März 2014 ermordete ein naturalisierter Afghane seine schwangere Freundin, weil diese das Kind weder abtreiben noch islamisch erziehen lassen wollte. Der Täter kündigte an, sie werde „den Afghanen in ihm“ kennenlernen, was auch eintrat. Er erstach die junge Frau mit drei Messerstichen. Das Landgericht Wiesbaden sah davon ab, eine besondere Schwere der Schuld festzustellen, denn der Täter habe sich „aufgrund seiner kulturellen und religiösen Herkunft in einer Zwangslage befunden“.

Vorkommnisse wie diese wirken sich zum doppelten Schaden aus. Zum einen müssen die Opfer erleben, dass ein Gericht ihnen die Gerechtigkeit, die sie suchen, verweigert, zum anderen wird das Rechtssystem ausgehebelt, das vorschreibt, dass vor Gericht alle gleich zu behandeln seien. Kulturelle Freikarten für Vergewaltigungen oder irgendwelche anderen Verbrechen sehen weder das deutsche noch irgendein anderes europäisches Strafrecht vor.

Eine Ungleichbehandlung bedeutet auch der Fall einer Berliner Lehrerin, die in die Schlagzeilen geriet, weil ihr von der Schulleitung verboten worden war, im Unterricht um ihren Hals ein kleines Silberkreuz zu tragen. Das Berliner Neutralitätsgesetz steht dem entgegen. Andererseits gibt es ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2015, das ein Verbot des islamischen Kopftuchs an Schulen für verfassungswidrig erklärt. Was freilich die Lehrerin aus Berlin-Wedding angeht, so war die Sache mit dem Verbot noch nicht beendet. Als die Frau mit einem kleinen Fisch aus Silber an der Halskette erschien, wurde ihr auch dieser Schmuck verboten. Der Grund: Der Fisch war im frühen Christentum ein Symbol für Christus.

Sonderregelungen für Mohammedaner sind in Deutschland und weiteren Ländern Europas an der Tagesordnung. In Holland sind islamische Anwälte von der Höflichkeitspflicht befreit, sich vor dem Gericht zu erheben; das ist ihnen nicht zuzumuten, weil es keine islamische Institution ist. In Norwegen gilt bei Mord und anderen Verbrechen gegen das Leben „gekränkte Ehre“ als strafmildernd – aber nur für Mohammedaner, nicht für Christen. In England dürfen Polizisten muslimische Wohnungen nur noch ohne Schuhe betreten. Umgekehrt müssen etwa Rauschgifthunde eigene Schuhe tragen, denn sie gelten den Muslimen als unrein. Im holländischen Maastricht musste aus den Exponaten von „Tefaf“, einer weltweit bedeutenden Kunstausstellung, das Werk „Persepolis“ entfernt werden. Es hatte zu islamischem Entsetzen ein weibliches Gesicht auf einem Perserteppich gezeigt.

Es begann einst mit der zartfühlenden Rücksicht, die Banken veranlasste, ihre Sparschweinchen zu entfernen, damit nicht durch solchen Anblick ein Muselmann seelischen Schaden nehmen möge. Heute geht es um gewichtigere Fragen. Jeder Deutsche im ursprünglichen Sinne, also jeder Angehörige der deutschen Kulturnation, der sich zweimal verheiratet, kommt bei Entdeckung vor die Schranken des Gerichts. Der Vorwurf lautet nach dem Paragrafen 172 Strafgesetzbuch auf Bigamie, die Strafandrohung beträgt bis zu drei Jahren Gefängnis. Hat in Deutschland ein Türke vier Frauen, so kommen sie alle in den Genuss der Förderungen durch den Sozialstaat einschließlich einer Witwenrente – einer pro Kopftuch, natürlich.

Mit dem Skandal der Kinderehen hat sich die Bundesregierung allzu lange herumgeschlagen. Für den Sohn des Propheten kein Problem, Mohammed nämlich hat unter anderem eine Neunjährige geheiratet, was den Vorgang für alle seine Anhänger sanktioniert. Jetzt liegt eine erträgliche Lösung vor, die indes von den Grünen bereits heftig bekämpft wird. Deren Rechtspolitikerin Katja Keul schimpft: „Damit werden denjenigen, die wir eigentlich schützen sollten, ihre Unterhalts-, Versorgungsausgleichs- und Erbansprüche genommen.“ Kinderehe also nur zum Schutz der Kinder – das ist die Argumentation des Islam. Wie ist das dann mit dem Ehrenmord? Zum Schutz der Frau?

In die Monate Mai und Juni fällt der islamische Fastenmonat Ramadan. Aus diesem Anlass hat heuer die Berliner Polizei von ihrer Führung einen Verhaltenskodex zum Umgang mit jungen männlichen Mohammedanern übereignet bekommen. Diese Personengruppe könnte nämlich durch den Nahrungsentzug besonders reizbar sein. Die besorgte Polizei-Obrigkeit bittet daher um Verständnis im Falle einer „gewissen Aufgebrachtheit“ und lässt wissen: „Um den unterschiedli-chen Anforderungen gerecht zu werden, helfen das Bewusstsein und die Sensibilität für kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheiten oder Gemeinsamkeiten.“

Und hier sind wir bei der alten Frage, wer denn die Bringschuld trage beim ewigen Problem der Integration. Was, wenn die uransässige deutsche Bevölkerung auch ihre Eigenheiten und Vorlieben hätte, wenn auch sie gerne auf Sensibilität und Rücksichtnahme träfe und es gerne sähe, wenn Sonderrechte für Angehörige fremder Kulturen abgeschafft würden?


S. 9 Kultur

Edles Leben, elendiges Ende
Der erste Mann, der Kunstgeschichte systematisch studierte – Ausstellungen ehren Johann Joachim Winckelmann

Johann Joachim Winckelmann gilt  als Begründer der modernen Al­tertumswissenschaft. Sein 300. Geburtstag steht erst im Dezember an, doch schon jetzt wird der Wegbereiter des deutschen Klassizismus in Ausstellungen wie ein Star gefeiert.

Die Redewendung „Edle Einfalt und stille Größe“ ist Allgemeingut. Sie stammt von Winckelmann. Wie hat er sie gemeint? Und wer war er überhaupt? Antworten darauf geben Ausstellungen in Weimar und Wörlitz und in seiner Geburtsstadt Stendal, wo Deutschlands erster bedeutender Kunsthistoriker am 9. Dezember 1717 zur Welt kam.

Das Neue Museum Weimar präsentiert Plastiken, Gemälde, Grafiken, Bücher und Dokumente zu Person, Werk und Wirkung. Der Sohn eines armen Schusters machte in Rom eine glanzvolle Karriere. Der Kardinal und herausragende Antikensammler Alessandro Albani engagierte Winckelmann als Bibliothekar. Der Papst ernannte ihn gar zum Oberaufseher aller Altertümer in und um Rom. Am 8. Juni 1768 fiel Winckelmann in Triest einem Raubmörder in die Hände. Zu den eindrucksvollsten Schauobjekten gehört die Mordakte Winckelmanns mit einer Zeichnung des Tatmessers.

Den Mord an Winckelmann kommentierte Johann Wolfgang von Goethe in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ so: „Wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht von Winckelmanns Tod zwischen uns nieder ..., sein frühzeitiger Tod schärfte die Aufmerksamkeit auf den Wert seines Lebens. Ja vielleicht wäre die Wirkung seiner Tätigkeit ... nicht so groß gewesen, als sie jetzt werden musste, da er  ... auch noch durch ein seltsames und widerwärtiges Ende vom Schicksal ausgezeichnet worden.“ Nicht zuletzt der Dichterfürst und seine Weimarer Kunstfreunde sorgten für Winckelmanns bis heute andauernden Nachruhm.

In seiner 1754 verfassten De­bütschrift „Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst“ verkündete Winckelmann: „Das allgemein vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Grösse.“ Unter „Einfalt“ versteht er nicht etwa „Einfältigkeit“, sondern die Klarheit und Lauterkeit des Geistes und der Seele. Die von Klarheit und Lauterkeit  durchgeistigten und beseelten Kunstwerke der Antike können als moralische Vorbilder dienen. Als Beispiel führt er den Todeskampf des Laokoon an: „Sein Elend geht uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser grosse Mann, das Elend ertragen zu können.“

Weimar zeigt Gipsabgüsse der von Winckelmann besonders ge­schätzten Skulpturen. Die „Marmor-Originale“, bei denen es sich zumeist um antike römische Kopien weit älterer griechischer Skulpturen handelt, hatte er in Rom eingehend studiert. Etwa den anmutigen Apoll vom Belvedere. Er schrieb: „Ich vergesse alles andere über dem Anblicke dieses Wunderwerks der Kunst.“

Auch ein Original ist ausgestellt: Der „Winckelmann’sche Faun“ (2. Jahrhundert n. Chr.) ist eine der wenigen Antiken, die Winckelmann besessen hat. Er schwärmte: „Schöner als jeder Schönheitsgedanke in Marmor ausgedrückt.“ Viele seiner Antikenbeschreibungen versammelte Winckelmann in seinem Hauptwerk: der „Geschichte der Kunst des Althertums“ (1764). Darin entwickelte er eine historische Ordnung für antike Kunstwerke, die auf der Abfolge von Stilen basiert. Dieses stilgeschichtliche Ordnungsmodell übernahmen die Altertumswissenschaftler und Kunsthistoriker.

Eine Porträtgalerie nimmt Winckelmanns Erscheinung in den Blick. Am besten gefiel er sich auf dem Bildnis, das Anton von Maron 1768 gemalt hat. Winckelmann sieht uns an und macht eine belehrende Geste. Seine Kleidung wirkt eigentümlich. Er steckt in einem mit weißlichem Plüschfell gefütterten rötlichen Hausmantel und trägt eine Art Turban. Das soll wohl seinen Aufstieg in bessere Kreise signalisieren. Denn in ähnlicher Aufmachung ließen sich auch die gut betuchten britischen Rom-Besucher porträtieren. Marons Winckelmann-Porträt wandert im Juli nach Wörlitz weiter. Hier wird es neben seiner Kopie gezeigt, die Fürst Franz von Anhalt-Dessau in Auftrag gab.

Die Winckelmann im Gartenreich Wörlitz gewidmete Schau beginnt am 18. Juni. Im Haus der Fürstin erzählen Gemälde, Plastiken, Handschriften, Bücher und Grafiken von den engen Beziehungen zwischen ihm und Fürst Franz von Anhalt-Dessau. Der Fürst hatte auf seiner 1765/66 absolvierten Italienreise Winckelmann besucht. Zwischen ihnen entwickelte sich ein freundschaftliches Lehrer-Schüler-Verhältnis.

Ausstellungskurator Ingo Pfeiffer berichtet: „Winckelmann er­kannte in Fürst Franz den zukünftigen Förderer einer neuen Kunst in Deutschland“, die ihre Anregungen aus der Antike bezog. Ein halbes Jahr nach Winckelmanns Tod nahmen der Fürst und sein Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff den Bau des Schlosses Wörlitz auf. Das Gebäude selbst und seine Ausstattung sind die Keimzelle des deutschen Klassizismus.

Im Erdgeschoss ist die Ausstattung der Erbauungszeit vollständig erhalten. Zahlreiche Plastiken, Reliefs und Wandmalereien beziehen sich auf antike Werke, die Winckelmann beschrieben hat. Den Besucher empfängt Winckelmanns größter Schwarm: Der als Gipsabguss inmitten der Eingangsrotunde auf einem Sockel platzierte Apoll vom Belvedere. In eine Fensternische der Bibliothek ließ Fürst Franz das Profilbildnis Winckelmanns malen. Im Schlafzimmer des Fürsten fällt die von Winckelmann als seltene Darstellung gewürdigte antike Statuette des volltrunken Wasser lassenden Herkules auf. Die hatte Winckelmanns Arbeitgeber Kardinal Al­bani 1766 Fürst Franz geschenkt.

Stendal ehrt Winckelmann seit 1859 mit einem Denkmal am nach ihm benannten Platz. Die Stadt weist überdies das weltweit einzige Winckelmann gewidmete Museum auf. Die Dauerausstellung ist derzeit geschlossen, denn das von der Winckelmann-Gesellschaft betriebene Museum wird komplett umgestaltet und erhält einen Erweiterungsbau. Nächstes Jahr soll rechtzeitig vor Winckelmanns 250. Todestag alles fertig sein. Die Wiedereröffnung ist bereits für den 26. Mai 2018 angekündigt. Veit-Mario Thiede

Winckelmann. Moderne Antike: bis 2. Juli im Neuen Museum, Weimarplatz 5, Weimar, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 12 bis 20 Uhr, Eintritt: 6,50 Euro, Telefon (03643) 545400, Internet: www. klassik-stiftung.de/winckelmann. Revolution des guten Ge­schmacks. Winckelmann, Fürst Franz und das Schloss Wörlitz: 18. Juni bis 17. September im Haus der Fürstin und im Schloss Wörlitz, Landschaftspark Wörlitz, Oranienbaum-Wörlitz, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 6 Euro, Telefon (034905) 4090, Internet: www. gartenreich.com. Infos zum derzeit wegen Umbau und Erweiterung geschlossen Winckelmann-Museums Stendal unter www. winckelmann-gesellschaft.com


Ein schönes Miststück
ARD-Film erinnert an die vor 100 Jahren hingerichtete Mata Hari

Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Hier die Tänzerin Mata Hari, 1876 als Margaretha Geertruida Zelle in Leeuwarden geboren. Dort die elf Jahre jüngere Dr. Elsbeth Schragmüller, ge­nannt Mademoiselle Commandeuse, während des ersten Weltkrieges eine der ersten weiblichen Spioninnen im deutschen Geheimdienst. Mata Hari hat ihre besten Zeiten hinter sich und ist in Geldnot. Schragmüller sucht eine Agentin, die sich in höchsten Kreisen bewegen und souverän täuschen kann. Die beiden Frauen lernen sich bei langen Spaziergängen im Taunus näher kennen und werden handelseinig. Mata Hari soll als Agentin „H 21“ bei den Franzosen spionieren.

Der Film „Mata Hari – Tanz mit dem Tod“ (Sonntag, 18. Juni, 21.45 Uhr, Das Erste) stützt sich auf Schragmüllers Bericht „Aus dem deutschen Nachrichtendienst“ von 1929, den sie für die Anthologie „Was wir vom Weltkrieg nicht wissen“ verfasst hat. Die Durchführung der Operation „H-21“ schildert Schragmüllers Kollege Hauptmann von Roepell in einem geheimen Dossier – es liegt heute im Freiburger Militärarchiv.

Was unabhängig vom politischen Hintergrund fasziniert, ist die Magie, die die 1,78 Meter große Holländerin mit dem erfundenen Lebenslauf auf Männer wie Frauen ausübte. Mata Hari, angeblich auf Java geboren, be­herrscht das, was Marketingfachleute heute unter Markenpflege verstehen. Gern tritt sie elegant gekleidet mit einer Dienerin auf, sie versteht sich auf Kontaktpflege und versprüht Glamour, selbst als ihr das Wasser finanziell bis zum Halse steht.

„Margaretha entscheidet sich, ein Männertraum zu sein,“ sagt Autor und Regisseur Kai Christiansen. Ähnlich undurchsichtig wie die Tänzerin selbst, sei auch ihre Kunst. Sie führte wohl einen Schwert- und einen angeblichen Schattentanz aus Indonesien vor, benutzte Schleier, aber es gibt kein einziges Filmdokument ihrer Auftritte. „Wir haben uns da nur angenähert. Ich hatte einen Tänzer, der mit mir geübt hat“, sagt Schauspielerin Natalia Wörner, deren schlängelnder Körper im Film mehr zu erahnen als zu sehen ist.

Was Mata Hari schließlich zum Verhängnis wird, ist ihr naiver Versuch, die Doppelagentin zu spielen und Geld von Deutschen wie Franzosen zu kassieren. Zum Schluss gerät die Kurtisane aller Raffinessen zum Trotz zwischen die Fronten: „Sie spioniert jetzt für die Gegenseite, das Miststück!“, brüllt „La Commandeuse“ und fegt wütend Aktenordner aus den Regalen. Prompt setzen die Deutschen einen Funkspruch ab, der Mata Hari kompromittiert und den die Franzosen entschlüsseln. Im Februar 1917 wird sie in einem Hotel an der Champs-Élysées verhaftet und des Hochverrats beschuldigt. Fünf Monat lang sitzt sie in Untersuchungshaft, während der Verhöre findet sich kein einziger Fürsprecher – nicht einmal ihr russischer Geliebter, der ihr die Ehe versprochen hat, steht noch zu ihr.

Am 15. Oktober 1917 wird Mata Hari in einem Festungsgraben bei Vincennes von einem zwölfköpfigen Erschießungskommando hingerichtet. Was man heute weiß und was die Recherchen des Films belegen sollen: Die schöne Spionin hat kein einziges militärisches Geheimnis in Erfahrung bringen können. Anne Martin


Kühner Seufzer
Johann Stamitz: Der Entdecker der Sinfonie

Diese Preisfrage könnte in so mancher Quizsendung ge­stellt werden: Was ist ein „Mannheimer Seufzer“? Ein Musikforscher wüsste die Antwort. Es hat nichts mit einem Herbstblues der Bewohner der badischen Stadt zu tun, sondern mit einem orchestralen Effekt in einer Sinfonie.

Den musikalischen Seufzer hat ein Komponist aus Böhmen er­funden, der vor 300 Jahren, am 19. Juni 1717, in Deutschbrod ge­boren wurde. Jo­hann Wenzel An­ton Stamitz hat ein Großteil seines Le­bens in Mannheim verbracht, wo er als Hofkomponist und -kapellmeister des Kurfürsten Karl Theodor der Kopf der sogenannten Mannheimer Schule war. Die Mitglieder dieses Komponistenzirkels, darunter heutzutage weitgehend vergessene Tonsetzer wie Ignaz Holzbauer, Anton Fils, Christian Cannabich, Karl Joseph Toeschi, Georg Joseph Vogler, Franz Xaver Richter oder Johann Stamitz’ Sohn Anton, bemühten sich um eine schwungvoll-dynamische Orchestersprache.

Es ist nicht übertrieben, wenn man Stamitz als den eigentlichen Vater der modernen Instrumentalmusik bezeichnet. Mit seinen fast 70 Sinfonien, die er im Laufe seines kurzen, nur 39 Jahre langen Lebens schuf, hat er entscheidende Impulse zur Orchestrierung geliefert, die auch dazu beigetragen haben, dass die Sinfonie bis ins 20. Jahrhundert hinein eine dominierende Stellung im Musikleben erhielt.

Auch wenn keine Stamitz-Komposition wirklich populär geworden ist, so ist die Bedeutung des Mu­sikers kaum zu unterschätzen. Der Musikorscher Hugo Riemann bezeichnete Stamitz als das fehlende Glied zwischen Bach und Haydn, also als Übergang von Ba­rock zur Klassik.

Die klassische Tonsprache eines Mo­zart oder Beethoven findet sich schon bei Stamitz. Mit ähnlichen „Mannheimer Ma­nieren“, wie man die von Stamitz mit erfundenen melodischen Effekte wie „Rakete“, „Wal­ze“ oder eben den „Seufzer“ be­zeichnet, haben auch spätere Komponisten ihre Werke aufgepeppt. Als er am 27. März 1757 in Mannheim starb, sollte diesem produktiven Musiker bald ein anderer die Show stehlen, der kaum ein Jahr zuvor geboren wurde: Mozart.              H. Tews


Montforter Festspiel Träume

Zum dritten Mal lädt das im österreichischen Voralberg gelegene Feldkirch zu den „Montforter Zwischentönen“. Das wegen der guten Erreichbarkeit auch von deutschen Tagesgästen beliebte Musikfest unweit vom Bodensee steht vom 22. Juni bis 2. Juli unter dem Motto „träumen … in die Zukunft, nachts und am Tag“. Einer der Höhepunkte wird am 30. Juni die Aufführung von Henry Purcells barocker Oper „The Fairy Queen“ im Kongress- und Kulturzentrum Montforthaus in Feldkirch sein. In einem Konzert mit dem Ensemble Concerto Stella Matutina, dem bekannten Seelsorger Eugen Drewermann und Projektionen großformatiger Fotografien von René Dalpra erscheint eine Sommernacht der Geister, Könige und heimlich Liebenden. Das moderne Kontrastmittel dazu bietet die Uraufführung des Projekts „Morpheus Metamorphose“ durch die Gewinner des 3. internationalen Konzertdramaturgie-Wettbewerbs „Hugo“. Als Sieger wurde das „ensemble fraktale“ der Musikhochschule Nürnberg gekürt, das den Auftrag erhielt, seine Konzertdesign-Idee auszuarbeiten. Am 22. Juni um 20 Uhr findet im Alten Hallenbad ein traumhafter Parcours durch 400 Jahre Musik statt, von Bach bis zu einer Neukomposition von Dominik Vogl. Programm unter: www.montforter-zwischentoene.at, Karten un­ter www.v-ticket.at oder Telefon (0043) 552273467.                tws


S. 10 Geschichte & Preussen

50 Kinder, ein Hahn und eine Wiege
Vor 250 Jahren wurde Wilhelm von Humboldt geboren – Seine pädagogische Reform wirkt bis heute

Bildung für alle, das war das erklärte Ziel des preußischen Schulreformers und Gelehrten Wilhelm von Humboldt. Vor 250 Jahren, am 22. Juni 1767, wurde er geboren.

Zu seinen Lebzeiten erging es Wilhelm von Humboldt, dem Älteren der Humboldt-Brüder, nicht anders als posthum. Jeder kannte und kennt Alexander von Humboldt (1769–1859), den „zweiten Columbus“, der die moderne Naturforschung mit abenteuerlichen Expeditionen begründete. Wilhelm von Humboldt wirkte im heimatlichen Preußen ebenfalls spektakulär, blieb aber in der Öffentlichkeit unbekannt. Im Bücherbestand des Alten Museums in Berlin füllen die Berichte Alexanders ganze Regale, von Wilhelm gibt es nur Weniges aus seinem gewaltigen schriftlichen Nachlass. Konnte Wilhelm sich nicht mit seinem populären jüngeren Bruder messen?

 Friedrich von Schiller urteilte folgendermaßen: „Alexander imponiert sehr vielen und gewinnt im Vergleiche mit seinem Bruder, weil er ein Maul hat und sich geltend machen kann. Aber ich kann sie, dem Werth nach, gar nicht miteinander vergleichen, so viel achtungswürdiger ist mir Wilhelm.“

Wilhelm und Alexander waren die Söhne des preußischen Offiziers und Kammerherrn Alexander Georg von Humboldt und seiner Frau Elisabeth. Die Eltern holten die besten Hauslehrer nach Schloss Tegel, um den beiden Jungen eine universelle Bildung mitzugeben. Wilhelm galt als der Begabtere und Fleißigere. Mit 13 Jahren sprach er fließend Griechisch, Lateinisch und Französisch. Unterricht in Nationalökonomie, Naturrecht und Philosophie bereitete die Brüder auf das Universitätsstudium vor. Wilhelm sollte Jura studieren, Alexander Staatswirtschaftslehre. Gemeinsam immatrikulierten sie sich an der 1506 in Frankfurt an der Oder gegründete ersten Universität in Brandenburg. Nach einem Semester wechselte Wilhelm an die Georg-August-Universität Göttingen und wandte sich verstärkt der Philosophie zu.

1789 reiste Humboldt mit seinem ehemaligen Lehrer Johann Heinrich Campe in die Stadt, die für liberal denkende Menschen in Mitteleuropa ein Muss war, nach Paris. Die Reisegenossen kamen drei Wochen nach dem Sturm auf die Bastille in der französischen Hauptstadt an. Bei aller Begeisterung für die Französische Revolution erlag Humboldt nicht wie andere große Geister dem Rausch von Liberté, Egalité und Fraternité, ihm missfielen die Intoleranz und die Willkür der neuen Herren.

 1796 starb Elisabeth von Humboldt. Sie hinterließ ihren Söhnen ein beträchtliches Erbe, das sie finanziell unabhängig machte. Bald trennten Weltmeere die Brüder. Alexander erfüllte sich seinen Traum einer Amerika-Expedition. Während er von vergifteten Pfeilen der Eingeborenen und Moskitos umschwirrt den Orinoco in einem Einbaum herunterfuhr und unter gewaltigen Strapazen den Chimborazo in Ecuador erklomm, führte Wilhelm mit seiner Frau Caroline das komfortable Leben eines Preußischen Gesandten am Heiligen Stuhl in Rom. Seine Tätigkeit ließ ihm genügend Raum, um sich mit seinem wissenschaftlichen Lieblingsgebiet, der Antike und dem Humanismus, zu beschäftigen.

1805 besuchte ihn Alexander nach seiner Rückkehr aus Südamerika in der luxuriösen Villa Tomati. Hier scharten sich nicht nur Geistesgrößen, sondern auch die Reichen und Mächtigen um Wilhelm von Humboldt. Der Diplomat galt als glänzender Gastgeber und als Freund aller leiblichen Genüsse.

Die Berufung ins preußische Innenministerium als Leiter der Sektion Kultus und öffentlicher Unterricht beendete die Zeit in Rom. Inzwischen war Preußen im Vierten Koalitionskrieg von 1806/07 zusammengebrochen, und die Preußischen Reformer hatten ihre Chance erhalten. Einer ihrer bedeutendsten, Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein, war seit 1807 Staatsminister und hielt Humboldt für den richtigen Mann, das Schul- und Universitätswesen zu reformieren. Qualitätsvollen Unterricht bekamen bis dahin nur die Sprösslinge von Adelsfamilien und wohlhabenden Bürgern. Die Situation an preußischen Schulen beschrieb eine Kommission mit grimmigem Humor: „Das erste, was wir (in der Schulstube) erblickten, war ein Hühnerhahn und weiterhin zwei Hühner und ein Hund. Am Kamin stand ein Bett … Zunächst am Bette stand eine Wiege, daneben saß die Hausfrau und besänftigte ihr schreiendes Kind. An der einen Wand war eine Schneiderwerkstatt aufgeschlagen, woran ein arbeitender Geselle saß. Den übrigen Raum nahmen die Schulkinder ein … es waren ihrer 50, alle dicht zusammengepfropft.“

Die Kinder wurden von Pfarrern und Feldpredigern unterrichtet. Humboldt führte die „Pädagogische Kandidatur“, Richtlinien für eine allgemeingültige, staatliche Lehrerausbildung und das dreigliedrige Schulsystem ein. Auswendiglernen, das „Pauken“, wollte er aus dem Klassenzimmer verbannen. Das Abitur wurde Pflicht für den Besuch einer Hochschule. Humboldt verlangte, dass sich die Universität „von allen Formen des Staates losmache“. So sollte die von ihm gegründete Berliner Universität, seit 1949 „Humboldt-Universität zu Berlin“, eigene Güter besitzen, um finanziell unabhängig zu sein. Die Einheit von Forschung und Lehre, das freie Vertreten von Lehrmeinungen waren für ihn Grundvoraussetzungen des Universitätsbetriebs. Im Geist des Humanismus sollte jeder Mensch, gleich welchen Standes, die Möglichkeit erhalten, seine Fähigkeiten zu entwickeln und dadurch sein Dasein zu verbessern.

Mit diesen revolutionären Ideen machte sich Humboldt in konservativen Kreisen Feinde. Frustriert trat er schon nach einem Jahr von seinem Amt zurück und wechselte in den diplomatischen Dienst. Das Humboldtsche Bildungsideal aber wurde zum Exportschlager. US-amerikanische Spitzenuniversitäten wie

Yale und Harvard übernahmen sein Konzept. Wilhelm von Humboldt zog sich als 51-Jähriger aus dem Staatsdienst zurück. 1835 starb er auf Schloss Tegel. Klaus J. Groth


Eine rote Wollmütze war sein Markenzeichen
Seine Filme über die Welt unter der Meeresoberfläche machten Jacques-Yves Cousteau berühmt

Sein Markenzeichen war die rote Wollmütze über dem hageren Vogelgesicht mit den hervorstehenden Augen. So ist Jacques-Yves Cousteau noch heute im kollektiven Gedächtnis präsent, obwohl sich der Tod des populären Meeresforschers und Tauchpioniers nun bereits zum 20. Male jährt.

Eigentlich wollte der Rechtsanwaltssohn, dessen Lebensweg am 11. Juni 1910 in Saint-André-de-Cubzac bei Bordeaux begann, Marineflieger werden. Mit diesem Berufsziel besuchte Cousteau ab 1930 die École Navale bei Brest. Dem folgte 1933 der Dienstantritt bei der französischen Kriegsmarine. Allerdings machte ihm ein schwerer Autounfall, den er 1935 erlitt, einen Strich durch die Rechnung. Angesichts von zwölf Knochenbrüchen im zerschmetterten linken Arm war der Pilotentraum ausgeträumt. Stattdessen wandte sich Cousteau, der als Kind nicht schwimmen gehen durfte, weil er als zu schmächtig dafür galt, der Welt unter Wasser zu.

Seinen Lebensunterhalt verdiente er jedoch vorerst als Marineartillerist. In dieser Eigenschaft nahm er am 14. Juni 1940 an der Beschießung der italienischen Hafenstadt Genua durch die 2. französische Kreuzer-Division unter Konteradmiral Edmond-Louis Derrien teil. Nach der französischen Kapitulation soll er sowohl für die Résistance als auch für den Marinegeheimdienst des Französischen Staates (Vichy-Regierung) tätig gewesen sein. Genaueres hierüber ist aber bis heute nicht bekannt. Gerüchten zufolge jagte Cousteau damals italienische Spione. Auf jeden Fall erhielt er 1945 den Orden Croix de guerre für die zurückliegenden Einsätze.

Während des Zweiten Weltkriegs hatte der Offizier Gelegenheit, diverse technische Apparaturen für den Einsatz in den Tiefen der Meere zu entwickeln wie beispielsweise druckfeste Kameras oder Taucher-Fortbewegungshilfen mit Elektroantrieb. Dazu kam die revolutionäre Aqualunge, mit der das relativ unkomplizierte Atmen aus Pressluftflaschen möglich wurde. Dieses Gerät testete Cousteau im Sommer 1943 zusammen mit Philippe Tailliez und Frédéric Dumas im Verlaufe von über 500 Tauchgängen.

Nach dem Krieg räumte der Unterwasserexperte für die französische Marine, in der er noch bis 1949 diente und zum Korvettenkapitän aufstieg, Minen aus dem Mittelmeer oder lokalisierte Schiffswracks. 1947 gelang ihm ein neuer Tieftauchrekord: 91,5 Meter – allerdings mit Atemgerät und nicht ohne, wie vielfach kolportiert wird. Zu diesem Zeitpunkt genoss der Kreis um Cousteau, der als Groupe de Recherches Sous-marines (GRS) firmierte, die Protektion des Marinechefs Vizeadmiral André-Georges Lemonnier.

1950 fand der mittlerweile ins Zivilleben zurückgekehrte Tauchpionier mit Thomas Loel Guinness einen neuen Gönner. Der britische Politiker war bereit, Cousteau den ausgedienten Minensucher „Calypso“ für den symbolischen Betrag von einem Franc pro Jahr zu vermieten. Jedoch stellte der Brite zwei Bedingungen: Der Franzose dürfe ihn niemals um Geld angehen und müsse die Regelung geheim halten.

Ein Jahr später lief die zum Forschungsschiff umgebaute „Calypso“ in Richtung Rotes Meer aus. Damit begann die neue Karriere von Kapitän Cousteau als ziviler Meeresforscher. Möglicherweise erfüllte er nichtsdestoweniger noch den einen oder anderen geheimdienstlichen Auftrag, denn es gab unter Wasser ja nicht nur antike Wracks und merkwürdiges Getier zu entdecken. Auf jeden Fall vertrat der Tauchpionier zumeist die Interessen der Regierung seines Landes. Das zeigte sich unter anderem im Juni 1987, als Cousteau im Auftrag des französischen Centre d’expérimentation du Pacifique (CEP) das Mururoa-Atoll in Polynesien besuchte und dort Proben entnahm, die angeblich bewiesen, dass die bis dahin schon durchgeführten 180 Kernwaffentests zu keiner radioaktiven Verseuchung geführt hätten. Zum „Beweis“ dessen badete Cousteau sogar medienwirksam in der Lagune, woraufhin er von Greenpeace als „Weißwäscher“ verspottet wurde.

Neben der Anerkennung von Seiten vieler Umweltschützer blieb dem Forschungsreisenden aber auch wissenschaftlicher Ruhm weitgehend verwehrt. Zwar erhielt er einen Ehrendoktortitel der renommierten Harvard-Universität und die Mitgliedschaft in der Académie française sowie der National Academy of Sciences der USA, doch gingen die meisten universitären Experten trotzdem auf Distanz zu dem begnadeten Selbstdarsteller Cousteau und seinem „Unterwassertheater“. Zumal sich bald Berichte über frevelhafte Vorgehensweisen gegenüber der maritimen Flora und Fauna häuften.

Bei der Allgemeinheit erlitt die Taucher-Ikone hierdurch freilich keinen Popularitätsverlust: 44 Bücher und 138 Dokumentarfilme, von denen drei einen Oscar gewannen, sorgten dafür, dass die Franzosen Cousteau 20-mal zu ihrem beliebtesten Landsmann kürten. Gleichzeitig floss in wachsendem Maße Geld, das nötig war, um nicht nur die Fahrten mit der „Calypso“, sondern auch solch ambitionierte Projekte wie die „Tauchende Untertasse“ SP-350 „Denise“ sowie die experimentellen Unterwasserstationen Précontinent I bis III im Mittelmeer beziehungsweise dem Roten Meer zu finanzieren. So zahlte der US-Fernsehsender ABC 1966 die damalige Rekordsumme von 4,2 Millionen Dollar für zwölf einstündige Folgen der Reihe „Die Unterwasserwelt des Jacques Cousteau“. Weitere Sponsoren fand der Meeresforscher unter Konzernen wie British Petroleum (BP), denen er bei der Ölsuche im Persischen Golf und anderswo half. Ebenso gehörte Rainier III. von Monaco zu den Unterstützern Cousteaus. Der Staatschef übertrug ihm 1957 die Leitung des Ozeanografischen Museums des Kleinstaates.

Und wie das häufig so ist, wenn jemand zur Legende wird, begannen bald auch einige absurde Mythen über Cousteau zu kursieren. Beispielsweise hieß es in den 1960er Jahren, er sei Antisemit und zum Islam konvertiert. Was den Antisemitismus betrifft, lag eine Verwechslung mit seinem Bruder vor, dem Journalisten und Rechtsextremisten Pierre-Antoine Cousteau. Was die Konversion zum Islam betrifft, wollten sich wohl einige Muslime wichtig tun, indem sie den Prominenten zum Glaubensbruder erklärten. Der tauchende Medienstar blieb zeitlebens Katholik und als solcher wurde er auch im Familiengrab in Saint-André-de-Cubzac bestattet, nachdem er am 25. Juni 1997 an einem Herzinfarkt gestorben war. Wolfgang Kaufmann


S. 11 Geschichte & Preussen

Die fast bessere Hälfte des Großen Kurfürsten
Die niederländische Entwicklungshilfe für Brandenburg und die Souveränität Preußens sind nicht zuletzt Louise Henriettes Werk

Die erste Ehefrau des Großen Kurfürsten und Mutter des ersten preußischen Königs ist alleine schon aus zwei Gründen für die Geschichte Brandenburg-Preußens von größerer Bedeutung. Zum einen half sie ihrer neuen Heimat von ihrer alten zu lernen. Zum anderen beriet sie ihren Mann und trug damit dazu bei, dass er ein souveräner Herrscher wurde.

Die am 27. November 1627 in Den Haag geborene Prinzessin Louise Henriette von Oranien war eine kluge und politisch denkende Frau. Da fiel der Apfel nicht weit vom Stamm, denn ihre Mutter war die Gräfin Amalie zu Solms-Braunfels, die als politisch hochbegabt gilt. Die Suche nach den Spuren der Kurfürstin in der Geschichte des Landes, dessen Landesmutter sie mit 19 Lebensjahren wurde, wird jedoch dadurch erschwert, dass sie sich nicht hervortat, nicht aus der Rolle fiel und eher durch Bescheidenheit glänzte.

So ist denn auch kein Versuch von ihr überliefert, ihre Liebe, den Hugenotten Henri Charles de Trémouille, zu ehelichen. Er galt nicht als standesgemäß. Schließlich war ihr Vater, Prinz Friedrich Heinrich von Oranien, seit 1625 Statthalter der Vereinigten Niederlande. Nachdem ihr ältester Bruder Wilhelm bereits 1641 die älteste Tochter des britischen Königs Karl I. geheiratet hatte, sollte sie als älteste Tochter ihrer Eltern Karls Ältesten heiraten. Doch mit dem Ausbruch des Englischen Bürgerkriegs 1642, der sieben Jahre später mit Karls Hinrichtung endete, verlor diese Partie entscheidend an Attraktivität.

Damit bekam der seit 1640 regierende Große Kurfürst Fried­rich Wilhelm seine Chance. Für den war das auch nur die zweitbeste Lösung. Eigentlich hatte er die seit 1632 regierende schwedische Königin Christina heiraten wollen, nicht zuletzt, weil man mit Pommern ein gemeinsames Interessensgebiet hatte. Aber Fried­rich Wilhelms diesbezügliche Hoffnungen zerschlugen sich, und die Niederlande konnten ihm ja auch etwas bieten. Immerhin waren es ihre Truppen, die seine rheinischen Besitzungen Kleve und Mark besetzt hielten.

1646 wurde geheiratet. Während die Niederlande zu dieser Zeit den Höhepunkt ihres Goldenen Zeitalters (Gouden Eeuw) erlebten, war Brandenburg vom zu Ende gehenden Dreißigjährigen Krieg gezeichnet. Luise Henriette holte zusammen mit ihrem Mann Künstler, Bauleute, Handwerker, Bauern, Gärtner sowie Wasserbau- und andere Experten aus ihrer hochentwickelten alten Heimat in ihre neue, wo sie segensreiche Entwick­lungshilfe leisteten. Sie selber stand dem nicht nach. Nachdem ihr Mann ihr 1650 die im Dreißigjährigen Krieg niedergebrannte und geplünderte Domäne Bötzow unweit Berlins geschenkt hatte, machte sie sich daran, daraus ein Vorbild für das ganze Land zu machen. Sich selbst baute die Oranierin 1651 bis 1655 in dem Mustergut ein Schloss im Stil ihrer alten Heimat, das sie „Oranienburg“ nannte, ein Name, der auf den Ort und das Amt übertragen wurde.

Auch auf außenpolitischem Gebiet war Louise Henriette aktiv. Im 1655 ausgebrochenen Zweiten Polnisch-Schwedischen Krieg wechselte Brandenburg-Preußen mehrmals die Seite. Als „brandenburgisches Wechselfieber“ ist dieser Zickzackkurs in die Geschichtsbücher eingegangen. Louise Henriette machte sich dafür stark, dass sich ihre neue Heimat schließlich wie ihre alte 1657 auf die Seite Polens schlug. Friedrich Wilhelm war als Herzog in Preußen Lehnsmann des polnischen Königs, und dieser dankte jenem die Unterstützung, indem er im Vertrag von Wehlau auf die Lehnsherrschaft über das Herzogtum Preußen verzichtete. 1660 wurde die Souveränität des Herzogs in Preußen im Frieden von Oliva, mit dem der Zweite Nordische Krieg endete, international bestätigt.

Friedrich Wilhelm, dem nachgesagt wird, dass er kein Problem mit starken Frauen gehabt hätte – wofür die Tatsache spricht, dass er lange Zeit an Königin Christina interessiert war –, wusste die Ratschläge seiner Frau, die mancher seiner Zeitgenossen vielleicht als Einmischung abgelehnt hätte, zu schätzen. Nach ihrem Tode meinte er, es sei ihm nie etwas misslungen, wenn er ihrem Rat gefolgt sei. Friedrich Wilhelm schätzte jedoch nicht nur seine erste Frau als Ratgeberin, er liebte sich auch, wie auch sie ihn liebte. Das ist umso bemerkenswerter, als es sich ja nicht um eine Liebesheirat gehandelt hatte, und Braut wie Bräutigam zweite Wahl gewesen waren.

Als Louise Henriette vor 350 Jahren, am 7. Dezember 1667, in Cölln starb, hinterließ sie außer ihrem Ehemann auch drei Söhne. Der älteste, Karl Emil, starb vor seinem Vater 1674 an der Ruhr. Ihr zweiter, Friedrich, trat 1688 das Erbe und die Nachfolge seines Vaters an und wurde 1701 Preußens erster König.       Manuel Ruoff


Der Herrscher als Hobbyautor
Zwischen 1241 und 1248 schrieb Kaiser Friedrich II. das sogenannte Falkenbuch – Es setzte Maßstäbe bis weit in die Neuzeit

Kaiser Friedrich II., der von seinen Anhängern „stupor mundi“ („das Staunen der Welt“) und von seinen Gegnern der „Antichrist“ genannt wurde, war ein Mann der Extreme. Der Nachfahre eines alten, süddeutschen Geschlechts wurde in Jesi bei Ancona in Italien geboren und wuchs in Palermo auf. Als Vierjähriger wurde der letzte mächtige Hohenstaufer zum deutschen König ausgerufen, als 15-Jähriger heiratete er eine zehn Jahre ältere Witwe, später brachte er es auf mindestens 20 illegitime Kinder von so vielen Mätressen, dass sich die Historiker noch heute nicht auf eine Zahl einigen können. Er verbrachte sein halbes Leben im Sattel irgendwo in Deutschland, Italien oder dem Heiligen Land, und oft genug hielt er dabei einen Falken auf der Faust. Greifvögel und die Beizjagd waren die große Leidenschaft des Herrschers. Und auch in ihr bewies Friedrich II., dass er ein ungewöhnlicher Mensch und seiner Zeit weit voraus war.

Andere in seiner Position begnügten sich mit der Falkenjagd. Ein paar Fürsten sammelten auch noch seltene Exemplare, aber Friedrich II. setzte noch einen obendrauf. Er sammelte Falken und Fakten über Falken und wurde damit zu einem der Vorväter der Ornithologie. Dafür steht sein Buch „De arte venandi cum avibus“ (Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen). Das seinem Lieblingssohn Manfred gewidmete sogenannte Falkenbuch schrieb der Herrscher zwischen 1241 und 1248. Dieses Werk aus dem Hochmittelalter blieb bis weit in die Neuzeit das Standardwerk über die Beizjagd.

Auf uns Heutige wirkt das Vorgehen des kaiserlichen Autors nicht ungewöhnlich. Jahren der Vorarbeit – in Friedrichs Fall in Form von Feldbeobachtungen und Literaturrecherche, wobei der sprachbegabte Kaiser dafür sogar Dokumente aus dem Arabischen übersetzte – folgten eine strukturierte Darstellung mit einer Einführung in die Ornithologie sowie detaillierte Anleitungen zur Zucht, Haltung, Ausbildung und Verwendung von Jagdfalken.

Wie ungewöhnlich das Buch in seiner Zeit war, wird erst klar, wenn man es mit anderen Werken aus dieser Periode vergleicht. Andere, ob sie nun über Falken oder andere Themengebiete schrieben, übernahmen in dieser Zeit meist kritiklos, was sie aus älteren Büchern entnehmen konnten. Fried­rich dagegen ließ in „De arte venandi cum avibus“ nur gelten, was er entweder durch Beobachtung oder durch Experimente belegen konnte. Dabei zeigte sich Friedrich als exzellenter Beobachter, dem kein Detail entging und der offenkundig auch die Geduld hatte, das Balzverhalten oder den Nestbau von wilden Vögeln stundenlang zu studieren.

Der Kaiser war als Autor ebenso gründlich wie brillant, und so ist es kein Wunder, dass „De arte venandi cum avibus“ noch heute als Standardwerk und „Bibel“ der Falkner gilt. Das Buch ist aber nicht nur für Falkner relevant, sondern auch für die Mittelalterhistoriker, die sich mit Logistik und überregionalen Beziehungen beschäftigen.

Im allgemeinen Teil, in dem Friedrich sich generell mit der Vogelwelt beschäftigt, wird klar, dass er sehr viele seiner Beobachtungen in Apulien gemacht hat – da, wo er sein berühmtes achteckiges Castel del Monte erbauen ließ und wo er sich offenkundig zu Hause fühlte. Kommt man aber zur Beschreibung der Falken, wird es international – und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie der Kaiser zu Gerfalken gekommen ist. Diese Unterart der Spezies Falco beschreibt Friedrich fast lyrisch als die schönste und beste. Die Größten sind Gerfalken übrigens auch – im wahrsten Sinne des Wortes: Ein ausgewachsenes Falkenweib der Gattung Falco rusticolus kann bis zu zwei Kilo wiegen und hat eine Spannweite zwischen 105 und 131 Zentimeter. Bei Falken herrscht Sexualdimorphismus, das heißt, es existieren deutliche Unterschiede in Erscheinung, Körperfunktionen oder Verhalten zwischen männlichen und weiblichen Individuen, die nicht auf die Geschlechtsorgane bezogen sind. So ist der Gerfalken-Terzel (Männchen) etwas kleiner und leichter, dafür aber der elegantere Flieger.

Die Gerfalken imponieren aber nicht nur durch ihre Größe, sondern sind beziehungsweise waren auch um ihrer Farben willen begehrt. Bei ihnen reicht das Spektrum von Tiefschwarz bis Reinweiß, wobei Weiß mit brauner oder schwarzer Zeichnung am meisten verbreitet ist. Das weist auf die Herkunft der Vögel hin: Die Hauptbrutgebiete der Gerfalken liegen in der Arktis und der Subarktis. In Europa sind sie im Sommer in Island, Norwegen, Schweden, Finnland und Russland zu Hause, im Winter ziehen sie gen Süden, aber selten mehr als 2000 Kilometer.

Und damit sind wir am entscheidenden Punkt: Wie kamen Falken, die so hoch im Norden leben, zu Kaiser Fried­rich II. nach Apulien? Man muss es sich vorstellen: Ein Gerfalke wurde zum Beispiel auf der Kamtschatka-Halbinsel gefangen. Von dort aus reiste er – vermutlich auf einem Schiff übers Meer nach Nordfrankreich. Dann ging es über Land weiter ins ungefähr 2000 Kilometer entfernte Apulien. Das ist selbst für uns heute eine ganz schöne Entfernung. Im Mittelalter aber dürfte der Falkner, der das Luxustier für den Kaiser beförderte, zwischen vier und sechs Wochen im Sattel gesessen haben.

In Apulien angekommen, hat er vielleicht einen Kollegen aus Osteuropa getroffen. Dort brüten nämlich die Saker Falken (falco cherrug) – und die mochte der Kaiser fast so gerne wie die Gerfalken. Sie sind nur wenig kleiner, haben aber gegenüber den geflügelten Nordlichtern den Vorteil, dass sie als Bewohner von Wald­steppen nicht so hitzeempfindlich sind.

Friedrich II. hatte es offenkundig mit der Rassenvielfalt. In seiner Falknerei gab es außerdem Turm- und Wanderfalken – in Nordeuropa zu Hause und daher auch bei uns zu beobachten – sowie Lannerfalken, die zwar auch in Italien brüten, aber bis Arabien und Afrika verbreitet sind. Sie waren schon im Mittelalter die bevorzugten Jagdpartner der Araber. Zu denen wiederum unterhielt Fried­rich politische und Handelsbeziehungen, und so schenkte er schon einmal einen bei ihm gezüchteten Falken an einen Scheich und bekam dafür einen Lannerfalken zurück.

An den Falken des Kaisers zeigte sich, wie weitreichend die Beziehungen damals schon waren und in „De arte venandi cum avibus“ – eine sehr schöne, reich illustrierte Ausgabe davon kann man übrigens in der päpstlichen Bibliothek in Rom bewundern – wurde es dokumentiert. Sibylle Luise Binder


S. 12 Mensch & Zeit

Städte für Mad-Max-Radler
Fahrradfreundlich soll es überall zugehen – das hat unerwartete Folgen

Die neuen Könige der Straße rollen bescheiden daher. Hubraum, Spritverbrauch und elektronische Einparkhilfen sind ihnen egal. Das übersichtliche Gefährt lässt sich leicht per Augenmaß kratzerfrei abstellen, und statt eines Verbrennungsmotors treibt die eigene Muskelkraft das Stahlgestänge auf zwei Rädern voran. Für kräftigen Rückenwind sorgt zudem der Zeitgeist. Radfahrer sind eindeutig die besseren Menschen. Also werden für sie und ihr Fortkommen derzeit Städte und ganze Regionen umgestaltet. Am Ende dieser Entwicklung könnten sich die deutschen Metropolen radikal verändert haben, freut sich bereits die Online-Zeitung „Huffington Post“.

Im Ruhrgebiet entsteht Deutschlands erster Radschnellweg. Ab 2020 sollen Radler auf 100 Kilometer zwischen Hamm und Bochum freie Fahrt haben. Auf einem stillgelegten Bahndamm geht es quer durchs Ruhrgebiet. 52000 Pkw-Fahrten sollen dadurch jährlich vermieden werden. Elf Kilometer Schnellweg sind bereits angelegt, die restlichen sollen folgen. Derzeit

stockt es in Essen, da der Stadtrat den vorgesehenen Streckenabschnitt als Bauland verkaufen möchte. Das Ganze dürfte nicht mehr als hinhaltender Widerstand sein. Wer könnte sich schon durchsetzen gegen die vom reinen Ökoglauben beseelten Drahtesel-Aktivisten, die bei Gegenwind erst recht kräftig in die Pedale treten.

In Berlin stehen schon jetzt quasi alle Ampeln auf Grün für den neuen Straßenadel. Dort wird unter der rot-rot-grünen Koalition das erste Radgesetz Deutschlands verabschiedet. Es schreibt fest, dass an allen Hauptstraßen – etwa 1600 Kilometer – zwei Meter breite Radwege eingerichtet werden. Insgesamt sollen jährlich 50 Millionen Euro Radfahrern den Weg ebnen. Berlin soll zur Fahrradhauptstadt Europas werden, so der Plan.

Ob die Visionäre dabei einen ziemlich unangenehmen Effekt beachtetet haben? Das wachsende Straßen-Glück für Radfahrer lockt mehr und mehr Nutzer an. Umso breiter und schöner ein Radweg ist, umso häufiger wird er befahren. So wie beispielsweise im dänischen Kopenhagen. Dank Fahrradschnellwegen, Fahrradbrücken und extra breiten Radwegen waren dort 2016 zum ersten Mal mehr Radfahrer als Autos in der Innenstadt unterwegs. Die Folge: Staus! Zur Hauptverkehrszeit schieben sie sich Reifen an Reifen quälend langsam durch die Innenstadt. An den Ampeln dauerte es oft mehrere Grünphasen bis es weitergeht. Das sorgt für Unmut und Aggression. Aufsehen erregte eine Demonstration von John Heilbrunn, dem Vizevorsitzenden des dänischen Blindenverbands. Heilbrunn, ein älterer Herr, ließ sich filmen, als er mit seinem weißen Blindenstock auf den Boden schlagend versuchte, einen Fahrradweg zu passieren. Statt anzuhalten oder auch nur langsamer zu werden, schrien ihn die vorbeizischenden Fahrradfahrer aggressiv an: „Weg vom Fahrradweg“ oder „Pass doch auf, Schwachkopf“.

Die Mad-Max-Radler schrecken selbst andere Drahtesel-Fans ab. Ein Experte vor Ort: „Wir hören immer öfter von Leuten, die gerne mit den Rad fahren würden, es sich aber nicht trauen. Sie fürchten sich nicht vor den Autos, sondern vor den Radfahrern.“     Frank Horns


Der Moment der Woche

Geschafft! 936 US-Kadetten schreien ihren Begeisterung am Sonnabend-Vormittag laut heraus. Auf den Rängen des knapp 40000 Zuschauer fassenden Football-Stadions der Militärakademie in West Point jubeln Freunde und Verwandte mit. Ihre Liebsten haben die vierjährige Ausbildung an der weltberühmten Soldaten-Kaderschmiede absolviert. Im Range eines Leutnants starten sie nun ihre Karriere in der United States Army – getreu dem West-Point-Motto „Pflicht, Ehre, Vaterland“. Die US-amerikanische Gesellschaft wird ihnen dafür Respekt und Anerkennung entgegenbringen. Generalverdacht und Rundum-Kritik an den Streitkräften nach Art von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen? In den USA undenkbar.   FH


Ausspähen, infiltrieren, bekämpfen
Einst ging es gegen Grüne und Republikaner, heute gegen die AfD – Der Verfassungsschutz dient vor allem den etablierten Parteien

Terrorismusbekämpfung? Spionageabwehr? Auf diesen Tätigkeitsfeldern geht es beim Verfassungsschutz ziemlich pannenreich zu. Was die Agenten im Inlandsdienst wirklich gut können? Den Mächtigen unerwünschte Konkurrenz fernhalten.

Die Grundfesten unseres Staates müssen höchst instabil sein. Brave Bürger, die mehr als eine Tempo-30-Zone vor der Haustür fordern und es beispielsweise wagen, Westbindung, Ostverträge, Euroeinführung oder Zuwanderungspolitik zu kritisieren, rütteln ziemlich schnell an ihnen – so sehen es zumindest die hiesigen Herrschaftseliten. Ein spezieller Geheimdienst mit höchst ungewöhnlicher Aufgabenstellung kommt ihnen dann oftmals gerade recht, die ungebührlichen Unruhestifter mundtot zu machen. Die Rede ist vom Verfassungsschutz.

In der Bundesrepublik unterhalten sowohl der Bund als auch alle 16 Länder einen eigenen dieser Inlandsgeheimdienste. In anderen Staaten sind sie häufig Bestandteil des jeweiligen Polizeiapparates. Den deutschen Verfassungsschutzbehörden ist die Ausübung polizeilicher Befugnisse ausdrücklich untersagt. Dafür haben sie einen ungleich weiteren Aufgabenkreis. Beschränken sich andere Länder westlicher Prägung zumeist darauf, ihre Geheimdienste mit der Abwehr von Terrorismus oder fremder Spionage zu betrauen, so dienen die Verfassungsschutzämter der Bundesrepublik überwiegend der Bekämpfung von innerstaatlichen Oppositionsgruppen.

Diese für einen demokratischen Rechtsstaat befremdliche Aufgabenverteilung lässt sich bereits gut an den operativen Ergebnissen der Dienststellen erkennen. Während sich beim Auskundschaften von Terrorgruppen oder beim Aufdecken ausländischer Agentennetzwerke eine Pleite an die nächste reiht, wie etwa im Fall Anis Amri oder dem NSA-Abhörskandal, gibt es beim eigentlichen Kerngeschäft – der Verfolgung politischer Dissidenten – kaum Reibungsverluste.

Deutlich wird das eigenwillige Geschäftsmodell der deutschen Geheimdienstler auch in ihrer öffentlichen Selbstpräsentation. Alljährlich stellen die Leiter der Verfassungsschutzämter gemeinsam mit den zuständigen Innenministern in Bund und Ländern unter großem Medienrummel den „Verfassungsschutzbericht“ vor. Darin werden die „Erkenntnisse“ zusammengefasst, zu denen die Geheimdienste bei ihrer Wühlarbeit gekommen sein wollen. Blättert der unbefangene Leser nur den zuletzt für das Jahr 2015 veröffentlichten Verfassungsschutzbericht durch,  kommt er zu erstaunlichen Einsichten. Auf nur 33 von insgesamt 317 Seiten ist über die Tätigkeit ausländischer Nachrichtendienste in Deutschland nachzulesen. Dem Treiben terroristischer Gruppen und verbotener Organisationen wird schon etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Über die Hälfte des Berichts widmet sich allerdings der Tätigkeit zugelassener und völlig legal arbeitender politischer Parteien und Vereine.

Nun gab und gibt es derer viele, relevant werden sie für die Schlapphüte jedoch immer erst dann, wenn sie entweder in der Größe oder in der Wählergunst die Schwelle des Wahrnehmbaren erreichen. So wurden auch die Grünen im Wahlkampf 1983 vor ihrem Einzug in den Bundestag durch den Dienst überwacht und ausgespäht. Die gesetzlichen Vorgaben für solche Aktionen sind eigentlich eindeutig. Es geht darum, Erkenntnisse über verfassungswidrige Aktivitäten zu gewinnen – beispielsweise Beweise für ein späteres Verbot der betreffenden Organisation. Tatsächlich scheint dies den Verfassungs-Wächtern herzlich egal. Dies erkennt man daran, dass die meisten ins Visier genommenen Gruppen zum Teil seit mehreren Jahrzehnten ausgespäht werden. Hätte sich der Verdacht auf verfassungswidrige Aktivitäten zwischenzeitlich bestätigt, so hätte schon längst ein Verbotsverfahren eingeleitet werden können. Hätten sich hingegen keine Anhaltspunkte hierfür ergeben, so hätte man folgerichtig eigentlich die Beobachtung einstellen müssen. Dies geschieht jedoch bezeichnenderweise nicht. Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen steht im Falle eines Vereins- oder Parteienverbots zu befürchten, dass die Anhänger der aufgelösten Organisation in der Illegalität ihren Tätigkeiten weiter nachgehen und hierdurch schwieriger zu beobachten sind. Eine legal operierende Gruppe kann sehr viel besser durch V-Leute infiltriert werden.

Wie sich in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder gezeigt hat, werden derartige Vereinigungen aber nicht nur zum Zwecke der Informationsgewinnung unterwandert, sondern sie werden nicht selten auch fast vollständig von den Geheimdiensten gesteuert. So standen die Verfassungsschutzämter auch an der Wiege des militanten Linksextremismus in Deutschland Pate. Der V-Mann Peter Urbach teilte bei Demonstrationen der Studentenbewegung gegen die Springer-Presse Molotowcocktails aus, die dann schließlich ihren gewünschten Einsatz fanden. Erst nach diesem Ereignis radikalisierte sich die linke Szene, aus der sich später die RAF formierte. Immer wieder begingen Mitarbeiter der Dienste Straftaten und stifteten andere Personen hierzu an. Mit dieser Form des Beschaffungsextremismus wird die Arbeit legal operierender linker und rechte Oppositionsgruppen diskreditiert und kriminalisiert.

Der wesentliche Grund aber, warum von den zahlreichen in Deutschland ausgespähten Vereinigungen letztlich nur sehr wenige verboten werden, liegt darin, dass es schlichtweg keine rechtlich haltbaren Gründe dafür gibt. Die öffentlich zelebrierte Beobachtung durch den Geheimdienst dient vor allem dazu den politischen Gegner zu brandmarken. Besonders exemplarisch lässt sich dies am Beispiel der konservativen Partei „Die Republikaner“ veranschaulichen. Als diese ab dem Ende der 80-ger Jahre des letzten Jahrhunderts die ersten Wahlerfolge einstreichen konnte und in verschiedene Landesparlamente einzog, beschloss die aus Vertretern der Altparteien bestehende Innenministerkonferenz im Frühjahr 1994, dass die Partei zukünftig durch die Verfassungsschutzbehörden bundesweit zu überwachen sei. Damit hatte das Totenglöcklein der Republikaner geläutet. Soweit sie nicht schon durch ihre jeweiligen Dienstherren kaltgestellt wurden, verließen zahlreiche Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes nach diesem Beschluss aus Angst um ihre berufliche Zukunft die Partei.

Neben diesem personellen Aderlass entbrannte ein heftiger und jahrelang schwelender innerparteilicher Streit, wie mit dieser Entscheidung umzugehen sei. Der sich schließlich durchsetzende Parteichef Rolf Schlierer verordnete seinen Republikanern einen strikten Appeasementkurs gegenüber der herrschenden Politkaste, und die Partei endete nach diesem Kotau in der politischen Bedeutungslosigkeit.

Diese Gefahr droht derzeit auch der AfD. Um nicht ins Visier der Staatsschützer zu geraten, distanziert man sich nach innen und nach außen, legt Treueschwüre auf eine politische Ordnung ab, die ein solches willkürliches Vorgehen überhaupt erst möglich macht, zerstört so die Einheit der Partei und letztlich auch das Vertrauen der Wähler. Die haben der Partei ihr Vertrauen allerdings nicht zuletzt deshalb geschenkt, um dem selbstherrlichen Gebaren der etablierten Parteien endlich einen Riegel vorzuschieben.

Sollte auch die AfD in die Extremismusfalle tappen, besteht für die Altparteien dennoch kein Grund zur Euphorie. Ein politisches System, dass sich vor allem durch das Misstrauen gegenüber seinen Bürgern auszeichnet und sich vor diesen durch den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel zu schützen sucht, kann auf die Dauer keinen Bestand haben. Auch die DDR konnte mit den 90000 hauptamtlichen und den 190000 inoffiziellen Mitarbeitern ihrer Staatssicherheit den Schiffbruch ihrer politischen Klasse letztlich nicht verhindern.

Übrigens: Wie wenig unparteiisch und objektiv der Verfassungsschutz der Bundesrepublik seinen Aufgaben nachgeht, lässt sich auch an seinem nachlässigen Umgang mit den Herrschenden selbst erkennen. Auch hier ließe sich einiges auf Verfassungsmäßigkeit abklopfen. So stellt Altkanzler Helmut Kohl, gleich einem Mafia-Paten, sein Ehrenwort, Großspendern der CDU Anonymität zuzusichern, bis heute über die geltenden Gesetze. Auch die von Angela Merkel ohne politische Abdeckung durch das Parlament willkürlich und im Alleingang beschlossene Grenzöffnung für Millionen von Einwanderern böte sich für eine nähere Prüfung an. Auch müsste die Frage erlaubt sein, ob der Verfassungsschutz in seiner jetzigen Form nicht primär selbst ein Instrument ist, um die Bildung von oppositionellen Parteien und Gruppierungen zu unterbinden, und damit gegen den 1952 vom Verfassungsgericht aufgestellten Grundsatz verstößt, nach dem es eben ein wesentliches Merkmal einer freiheitlichen und demokratischen Grundordnung ist, dass in ihr die Möglichkeit zur Bildung und Ausübung einer parlamentarischen Opposition besteht. Dirk Pelster


S. 13 Das Ostpreußenblatt

Wie die Reformation in den Osten kam
Auf ihrem 27. Kultur- und Begegnungsfest beschäftigte sich die Masurische Gesellschaft in Kruttinnen mit Luther

Zum 27. Mal fand Ende Mai in Kruttinnen das Kultur- und Begegnungsfest der Masurischen Gesellschaft statt. Die diesjährige Tagung war dem 500. Jubiläum der Reformation gewidmet und trug den Titel „Die Reformation und ihre Menschen“.

Nach der Eröffnung und Begrüßung durch den Vorsitzenden Tadeusz Willan folgte das erste Referat „Martin Luthers Liebe zur Musik, Kunst und der deutschen Sprache“ von Hanna Schoenherr, einem Mitglied der Masurischen Gesellschaft. Martin Luthers Frau stellte Brigitte Jäger-Dabek vor. Sie schilderte die Bedeutung Katharina von Boras für die Reformation. Sie habe das Modell des evangelischen Pfarrhauses geschaffen und zur neuen Frauenrolle beigetragen. Sie entschied selbst über ihr Leben, nachdem sie aus dem Kloster geflohen war. Als Luthers Frau sicherte sie den Unterhalt der Familie,kümmerte sich um die Landwirtschaft und Viehzucht. Sie war Gesprächspartnerin für ihren Mann und diskutierte mit seinen Studenten und Kollegen, was zur damaligen Zeiten nicht selbstverständlich war. Luther selbst hatte großen Respekt vor seiner „Käthe“, wie er sie oft nannte.

Der zweite Tag wurde mit dem Referat „Eigentümlichkeiten des masurischen Protestantismus im Licht soziologischer Nachforschung“ von Andrzej Sakson eröffnet. Der Professor schilderte seine soziologischen Forschungen in Masuren  vor der Wende. Das Misstrauen der masurischen Gemeinschaft gegenüber einem fremden Forscher sei damals groß gewesen. Als unschätzbare Hilfe für Sakson erwiesen sich die evangelisch-augsburgischen Priester, die ihm den Kontakt mit der masurischen Bevölkerung vereinfachten. Die Masuren waren überwiegend evangelisch und zeichneten sich durch ihr sogenanntes protestantisches Ethos aus, das durch Arbeitsamkeit, Fleiß, Ehrlichkeit und Verantwortung charakterisiert war. Diese Werte seien mit dem Zustrom der katholischen Zuwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg in Masuren allmählich  verschwunden. Dazu trugen auch die zahlreichen Ausreisen nach der Bun-desrepublik Deutschland, besonders in den 1950er Jahren bei.

Zbigniew Chojnowski sprach zum Thema „Die Reformation und ihre Menschen in masurischen Publikationen“. Die masurische Literatur sei die Frucht der Reformation, weil Luther forderte, die Bibel in der Muttersprache zu lesen. Die ersten Schriftsteller in Masuren waren lutherische Priester, wie Hermann Martin Gustav Gisevius.

Grzegorz Jasinski stellte die evangelischen Pfarrer in Masuren im 19. Jahrhundert vor. Der Professor sprach über Johannes Ebel, Ewald Ebelhof, Friedrich Otto Hermann Gerß, Christian Knapp. Jasinski ist Autor der Publikation „Wörterbuch der evangelischen Pfarrer in Masuren im 19. Jahrhundert“, in dem sich 800 Biogramme befinden.

Das Programm schloss mit dem Referat „Die Reformation in Polen und in Preußen im 16. Jahrhundert. Ähnlichkeiten und Unter-schiede“ von Janusz Małłek. Die Reformation habe zuerst das Herzogtum Preußen erfasst. Es sei das erste lutherische Land in Europa geworden. Am 6. Juli 1525 verordnete Herzog Albrecht, in seinem Land solle das „reine Wort Gottes“ gelehrt werden. Das habe die Bevölkerung enthusiastisch angenommen, vor allem in Königsberg. Vorsichtiger verfuhr man dagegen auf dem Lande. Im Jahre 1530 wurde die Augsburgische Konfession als offiziell geltende angenommen. Das Herzogtum Preußen wurde ein Asylland für die Protestanten aus ganz Europa, vor allem aus Polen. Es siedelten sich die Schwenkfeldianer, die Mennoniten und die Böhmischen Brüder an. Nicht gern gesehen wurden Katholiken. Sie wurden nicht zu Ämtern zugelassen und an der Universität nicht immatrikuliert. In keinem anderen europäischen Land habe die „lutherische Konfessionalisierung“ so früh eingesetzt.

Im Königlichen Preußen hatte die Reformation keine so günstigen Entwicklungsbedingungen. Am Anfang wurde sie enthusiastisch begrüßt, aber die blutige Niederschlagung der sozial-religiösen Revolte in Danzig im Jahre 1526 durch den polnischen König Sigismund den Alten hielt die Reformation auf. Erst in den 1540er Jahren, am Ende der Herrschaft Sigismund des Alten, wagten die Protestanten wieder, sich offen zu dem neuen Glauben zu bekennen. Als Sigismund August im Jahre 1548 den polnischen Thron bestieg, änderte sich ihre Lage. Die Bürger des Königlichen Preußen teilten sich in zwei Lager: in das protestantische und das katholische. In den Jahren 1557 und 1558 erhielten die preußischen Städte Thorn, Elbing und Danzig Religionsprivilegien. Den großen Städten folgten die kleinen, die auch Religionsrechte forderten. Im Jahre 1580 entsprach die Zahl der evangelischen Gemeinden der der Katholischen Pfarreien. Die katholische Kirche überwog auf dem Lande und die Lutheraner überwogen in den Städten.

Polen und Litauen wurden von der Reformation etwas später erfasst. Ab dem Jahr 1520 wurde sie durch antilutherische Edikte Sigismunds des Alten blockiert. Eine deutliche Belebung erhielt die Reformation in Polen in den 1540er Jahren. Neue Anregungen gaben auch Absolventen der Wittenberger Universität. In den Jahren 1523 bis 1546, als an dieser Universität Luther tätig war, studierten dort zirka 100 Polen.

In den 1550er Jahren verbreitete sich der Protestantismus sehr rasch, besonders unter den adligen Eliten. Auf einen günstigen Boden fielen Aufrufe zur Verweigerung der Zehntabgaben an die Kirche und zur Befreiung von der kirchlichen Rechtsprechung. Eine wichtige Etappe in der Geschichte der polnischen Reformation bildeten die Jahre 1556 bis 1610, in denen der bekannte Reformator Johannes a Lasco (Jan Łaski) wirkte. Vieles spricht dafür, dass seine Autorität bewirkte, dass die polnische Reformation, das heißt, ihre Hauptrichtung, vom Luthertum abwich und zum Calvinismus neigte. Die vom Kollegialprinzip geprägte Organisation der calvinistischen Kirche entsprach den polnischen Adligen mehr als die eher zentralistische Struktur der lutherischen. In der calvinistischen Kirche konnte jeder Adelige Einfluss auf die Wahl seines Pfarrers nehmen. In den 1560er Jahren sprachen sich Kleinpolen, Ruthenien und Litauen für den Calvinismus aus. Großpolen blieb dagegen weiterhin der lutherischen Kirche und auch den Böhmischen Brüdern treu. Nur Masowien wurde von der Reformation fast nicht betroffen.

1562 kam es zur Spaltung der protestantischen Bewegung in Polen in die sogenannte große, calvinistische Kirche und die kleine der Polnischen Brüder (Arianer). In der Blütezeit der Reformation in Polen (1570–1580) wirkten im Lande zirka 1000 protestantische Gemeinden, davon war etwa die Hälfte calvinistisch. Dann folgte ein rascher Untergang der Reformationsbewegung mit zahlreichen Konversionen. Die Ursachen des Untergangs der polnischen Reformation oft in der konsequenten Tätigkeit der Jesuiten und der zu großen Nachgiebigkeit der Protes-tanten gesehen. Małłek glaubt, dass  die Ursachen viel komplizierter gewesen, von den Historikern aber bis heute nicht genau untersucht worden seien.

Das 27. Kultur- und Begegnungsfest der Masurischen Gesellschaft wurde am dritten Tag mit dem „Tag der Märchen“ abgeschlossen. Theatergruppen der Grundschule in Kruttinnen zeigten „Aschenputtel“, „Rotkäppchen“, „Opfer der Wehmut“ und „Bestrafte Habgier“. Die Veranstaltung wurde mitfinanziert vom Generalkonsulat der Bundesrepublik in Danzig und vom Vorstand der Woiwodschaft Ermland-Masuren.              Edyta Gladkowska


Er kann’s nicht lassen
Rückkehr des »Tempelhüters« nach Trakehnen: Hagen Mörig kämpft nun auch um Wiedererrichtung der Ziermauer

Er kann’s nicht lassen. Um das Standbild des legendären Hengstes „Tempelhüter“ zurück nach Trakehnen zu holen, scheute der Braunschweiger Hagen Mörig keine Mühen und Wege: 2009 machte er sich von Berlin aus auf den Weg nach Russland. Seit Jahren kämpfte Mörig, der ehemalige Zahntechnikermeister, dafür, dass die Statue des legendären Trakehner-Hengstes in seine Heimat zurückkehrt. Die Russen hatten sie einst als Kriegsbeute mitgenommen. Es ist die Geschichte eines langen diplomatischen Tauziehens. Schließlich gelang es doch, eine Kopie des legendären Hengstes „Tempelhüter“ in Trakehnen aufzustellen, ihn auf diese Wiese zu-

rückzuholen ins ehemalige Ostpreußen. Die über Jahre angefallenen Gesamtkosten dafür betrugen etwa 75000 Euro, die Mörig zum größten Teil aus seinem Privatvermögen eingebracht hat.

Wo liegt eigentlich der Ort Trakehnen [Jasnaja Poljana]? Er liegt im südöstlichen russischen Teil Ostpreußens, etwa 15 Kilometer westlich von der litauischen Grenze, unweit des Ortes Gumbinnen. Die Grenze zum jetzigen polnischen Teil Ostpreußens liegt etwa 30 Kilometer südlich.

Mörig hat sehr viele Reisen, viel Engagement und viel eigenes Geld aufgebracht, und damit könnte es doch eigentlich genug sein. Der „Tempelhüter“ steht ja wieder vor dem Landstallmeisterhaus, dort, wo er 1932 von der Preußischen Gestütsverwaltung aufgestellt wurde.

Doch da fehlt noch etwas: Zwischen der Tempelhüterstatue und dem Landstallmeisterhaus gab es nämlich noch eine sogenannte Ziermauer. Und auch die möchte er dort wieder errichten lassen. Sie ist etwa 40 Meter lang, links und rechts gerahmt von etwa vier Meter hohen Säulen mit der Elchschaufel, dem Brandzeichen der Trakehner. Die Mauer dazwischen ist etwa einen Meter hoch. In der Mitte befinden sich neben der Eingangs-treppe Richtung Stallmeisterhaus zwei etwa einen Meter hohe Säulen mit Granitkugeln obenauf. Die Kosten für die Wiedererrichtung werden auf etwa 20000 Euro geschätzt.

Heute herrscht übrigens in dem Stallmeisterhaus wieder reges Leben. Eine Schule ist dort untergebracht. In mehreren Klassenräumen wird unterrichtet, und sogar die Schulverwaltung hat in dem Gebäude Platz gefunden.

Wenn die Ziermauer wieder aufgerichtet ist, will der heute 74-Jährige endgültig in den Ruhestand gehen.           Günter Serafin

Nähere Informationen bei: Hagen Mörig, Innstraße 9, 38120 Braunschweig, Telefon (0531) 848847, E-Mail: hagen.moerig@t-online.de


Störungen des Verkehrs

Allenstein – Straße Nr. 7: Elbing [Elblag] – Jazowa, Baustelle; Liebemühl [Miłomłyn] – Osterode [Ostróda], Baustelle; Osterode – Hohenstein [Olsztynek], Baustelle; Bergheim [Gorki] – Schwenteinen [Swietajny], Baustelle; Zalusken [Załuski] – Napierken [Napierki], Baustelle. Straße Nr. 7j: Zalusken  – Neidenburg [Nidzica], Baustelle. Straße Nr. 15: Rheinsgut [Rynskie] – Mörlen [Morliny], Baustelle. Straße Nr. 16: Osterode – Alt Jablonken [Stare Ja-błonki], Baustelle; Groß Borken [Borki Wielkie] – Sorquitten [Sorkwity], Baustelle; Arys [Orzysz] – Lyck [Ełk], Baustelle. Straße Nr. 16c: Allenstein – Fittigsdorf [Wójtowo], Baustelle. Straße Nr. 51: Bartenstein [Bartoszyce], Baustelle; Heilsberg [Lidzbark Warminski], Baustelle; Allenstein – Pagelshof [Ameryka], Baustelle. Straße Nr. 53: Schönwalde [Szczesne] – Klaukendorf [Klewki], Baustelle; Friedrichshof [Rozogi], Baustelle. Straße Nr. 57: Ortelsburg [Szczytno], Baustelle. Straße Nr. 59: Friedrichshof [Rozogi], Baustelle. .              E.G.


S. 14 Ostpreussische Familie

Frühlingsrauschen

Sie rannten den Hügel um die Wette hinauf, geblendet von der ersten Frühlingssonne. Oben angekommen, warfen sie sich auf den Boden, atemlos, jauchzend und lachend. „Erste“, Luise setzte sich auf. „Quatsch, ich war schneller“, ihr Bruder Johannes funkelte sie an. Sie sah in seine hellblauen Augen, in deren goldenen Sprenkeln die Lichtreflexe tanzten. „Aber ich bin schneller wieder unten“, blitzschnell legte sie sich hin. „Das traust Du Dich nicht.“ „Oh, doch.“ Sie stieß sich ab und rollte seitwärts den Hügel hinunter, wurde schneller und schneller, genoss die Geschwindigkeit, kreischte vergnügt und rollte dann langsam aus. Außer Atem setzte sie sich auf, ein Glücksgefühl von Freiheit und Abenteuer durchströmte sie. Sie sah zu, wie ihr Bruder langsam und sehr kontrolliert den Hügel herunter kullerte, bis er neben ihr zum Halten kam. „Los, noch einmal“, sie lachte ihn an. „Ach nee …“

Die Sonne strahlte durch das kleine Dachfenster, aber es war die Kälte, die Luise weckte. Sie vergrub sich tiefer in das altmodische dicke Federbett, das ihr seit vielen Jahren treue Dienste leistete. In ihrem Kopf klang noch das unbeschwerte Kinderlachen nach. Es war ein schöner Traum gewesen. Sie schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, dann sah sie wieder sich und ihren Bruder unbeschwert durch die ostpreußische Heimat stromern, fühlte nach all den Jahren noch einen Nachklang von diesem Geschwindigkeitsrausch, als sie den Hügel herab rollte, in sich. Sie war im Gegensatz zu ihrem Zwillingsbruder ein wildes Kind gewesen. Die Erinnerung an früher wärmte sie innerlich. Dann kam ein Gefühl von Wehmut dazu, denn aus Ostpreußen hatten sie 1945 fliehen müssen und Johannes war bereits vor vielen Jahren tödlich verunglückt.

Luise öffnete die Augen und war wieder in der Realität angekommen. Die Kälte bedeutete wohl, dass die Heizung wieder ausgefallen war. Hoffentlich konnte ihr Nachbar sie noch einmal in Gang bringen. Auch der Schornsteinfeger hatte ihr wegen der Abgaswerte schon mehrfach zu einem neuen Brenner geraten. Aber den konnte sie sich von ihrer schmalen Rente nun einmal nicht leisten. Bei der Sparkasse hatte man sie auch schon angesprochen, ob sie das Haus nicht lieber verkaufen wolle, denn es lag auf einem wunderschönen Grundstück. Ursprünglich war es etwas abgelegen, aber seit nebenan ein Golfplatz gebaut wurde, suchten immer mehr Großstädter hier nach Ferienhäusern. Und von dem Geld könnte sie doch in einer bequemen Seniorenresidenz leben. Der Gedanke daran machte sie fassungslos. Sie hatte hier mit ihrer Familie nach der Flucht eine neue Heimat gefunden und eisern gespart, um das alte Gesindehäuschen kaufen zu können. Sie wollte nicht noch ein zweites Mal ihr Zuhause verlieren, und wenn es nach ihr ginge, würde sie hier sterben. Aber es blieben ihr ja hoffentlich noch ein paar Jahre. Sie war bisher ganz gut beieinander, nur ihre Augen wurden immer schlechter. Bislang hatte sie die Kosten für eine neue Brille gescheut, aber sie kam wohl nicht länger darum herum.

Sie zog sich warm an, trank ihren Morgentee und beschloss, in den Garten zu gehen. Die Frühlingssonne hatte schon eine erstaunliche Kraft, und Luise harkte die letzten Blätter und trockene Zweige zusammen. Sie war sehr stolz auf ihren gepflegten Garten und mochte besonders den Frühling, wenn die Pflanzen mit neuer Lebenskraft den Winterboden durchbrachen und die ersten grünen Spitzen der Krokusse und Schneeglöckchen das Licht suchten. Ihre Levkojen waren auch schon gut angewachsen. Oft blieben Spaziergänger bewundernd stehen, und sie war einem Plausch über den Gartenzaun auch nicht abgeneigt. So früh waren allerdings selten Spaziergänger unterwegs.

Katja ging langsam den Fußweg entlang. Sie sah ein altes Haus, das schon bessere Tage gesehen hatte, inmitten von einem zauberhaften Garten, in dem bereits am frühen Morgen eine alte Frau herumwerkelte. Interessiert betrachtete sie ihr neues Opfer. Heute hatte sie sich als farblose Frau mittleren Alters zurechtgemacht, so war es immer leicht, in Kontakt zu kommen. „Entschuldigen Sie“, Katja hielt sich leicht schwankend an der Gartenpforte fest, „hätten Sie ein Glas Wasser für mich?“ „Kommen Sie herein“, Luise ging zum Pumpenschwegel, den sie quietschend in Bewegung setzte, „das ist frisches Brunnenwasser“. Katja hielt die Hände darunter und trank das frische Wasser. „Danke.“ Sie lächelte Luise an, die erst zurücklächelte und dann die Augen und den Mund aufriss. Sie hat die Augen erkannt, dachte Katja zufrieden. „Darf ich mich einen Moment setzten?“ Sie deutete auf die Gartenbank. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie hier so einfach überfalle, aber ich habe ihre Reaktion eben gesehen. Erinnere ich Sie an jemanden?“ Luise setzte sich neben die Fremde auf die Bank. „Ihre Augen“, ihre Stimme versagte. Solche hellblauen Augen mit goldenen Sprenkeln darin kannte sie nur von ihrem Spiegelbild – und von Johannes. Zufrieden mit der Qualität ihrer Kontaktlinsen, fing Katja an, die vorbereitete Geschichte zu erzählen: „Entschuldigen Sie, dass ich hier so einfach hereinplatze, aber ich habe nach dem kürzlichen Tod meines Vaters eine unglaubliche Geschichte erfahren. Nicht er, sondern ihr Bruder Johannes soll mein leiblicher Vater gewesen sein.“ „Aber das kann nicht sein.“ Fassungslos starrte Luise der fremden Frau in die Augen. „Mein Bruder Johannes ist seit 40 Jahren tot. „Meine Mutter war eine verheiratete Kollegin ihres Vaters. Sie hatten ein Verhältnis. Ihr Ehemann fuhr zu der Zeit zur See, und ich war dann angeblich ein ,Siebenmonatskind‘. Meine Mutter hat mir erst jetzt nach dem Tod meines Vaters die Wahrheit erzählt. Sie ist selbst schwer krank und sie wollte ihr Gewissen erleichtern.“ Katja floss langsam eine Träne aus dem Augenwinkel. „Dann sind Sie – dann bist Du meine Nichte?“ Luise sah ihr immer noch in die Augen.

„Ich heiße Katja Altmann.“ Sie stand auf, „Entschuldigung, dass ich Sie so überrumpelt habe, ich komme später noch einmal wieder.“ Sie ging durch das Gartentor wieder zurück Richtung Stadt, ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Sie würde „Tante Luise“ schon um den Finger wickeln und ihr den Verkauf des Hauses schmackhaft machen, die alten Leutchen waren ja so gutgläubig. Luise saß hingesunken auf der Bank, versuchte zu verstehen, was sie gesehen und gehört hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr überkorrekter Bruder ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau gehabt haben sollte. Aber diese Augen. Und die Frau war eigentlich ganz sympathisch, die Vorstellung, doch noch Familienangehörige zu haben, gefiel Luise. Verwirrt stand sie auf. Sie brauchte einen Rat, und da kam nur ihr alter Kindheitsfreund Harald in Frage, der seit dem Tod seiner Frau in einer Seniorenresidenz wohnte.

„Luise, wie schön, dass Du mich besuchst, wie geht es Dir?“ Harald empfing sie im hellen Wintergarten, in dem der Nachmittagstee serviert wurde. Luise war immer sehr direkt, aber als die Geschichte jetzt aus ihr heraussprudelte, konnte Harald ihr kaum folgen. Schließlich sah sie ihn an. „Und was hältst Du davon?“ „Weißt Du, uns werden hier ja immer Vorträge angeboten, letztes Mal ging es um falsche Verwandte, die versuchen, alte Leute zu betrügen. Aber ich sehe hier nicht so richtig, wohin das gehen soll.“ „Harald, Du hättest die Augen sehen sollen, wenn die nicht gewesen wären.“ „Luise, ich bin mir nicht sicher, ob Johannes überhaupt Kinder bekommen konnte.“ Luise sah ihn erstaunt an. „Erinnerst Du Dich, wir drei haben doch alle Kinderkrankheiten gleichzeitig bekommen, erst Windpocken, dann Masern und Mumps. Johannes und ich hatten Mumps sehr stark. Rosemarie und ich haben nie Kinder bekommen, weil ich dadurch zeugungsunfähig geworden bin. Aber inzwischen gibt es ja so neumodische Untersuchungen, da kann man genau mit feststellen, ob man blutsverwandt ist.“

Eine leichte Röte überzog Luises Gesicht. Komisch, dass man erst sehr alt werden musste, um über manche Themen zu sprechen. Sie legte ihre Hand auf Haralds Arm. „Das tut mir leid.“ „Wir hatten schöne Jahre miteinander, aber natürlich denke ich manchmal daran, wie es wäre, wenn wir Kinder gehabt hätten.“ „Das geht mir genauso.“ Wehmütig dachte Luise an ihre Jugend zurück, all die vielen Männer, die im Krieg geblieben oder verwundet waren. Aus ihrem Jahrgang waren viele Frauen allein geblieben. Ein hochgewachsener Mann trat in den Raum und grüßte höflich in ihre Richtung. „Das ist mein Schachpartner, er ist neu hier und Kriminalrat a. D. Vielleicht sollten wir ihn um Rat fragen?“ Luise nick­te zustimmend.

Die ersten Frühlingstage vergingen. Luises Nachbar brachte ihre Heizung noch einmal in Gang, und sie machten ihren Garten frühlingsfrisch. Dann kam der Hausputz dran. „Katja“ hatte angerufen und einen weiteren Besuch angekündigt. Luise deckte den Tisch mit ihrem guten Geschirr und stellte die selbstgebackene Nusstorte auf den Tisch. Katja war pünktlich, hatte einen Strauß Tulpen mitgebracht und erkundigte sich besorgt, wie es ihrer Tante so ergehen würde, allein mit Haus und Garten. Luise klagte ein wenig und Katja hörte ihr interessiert zu. Beim nächsten Besuch erzählte Katja ihr dann von einem netten Altersheim mit großem Garten. Dann brachte sie ihren Freund mit, der Notar war und ihr helfen würde, das alte Haus gut zu verkaufen. Nach mehreren Besuchen war Luise überzeugt und ein Verkaufstermin wurde vereinbart. Katja hatte auch hier Beziehungen und Luise sollte alle Gebühren und Steuern sparen.

Zwei Wochen später saß Luise auf der Bank vor ihrem Haus und wartete auf Harald. Der Garten war in voller Frühlingsblüte und die Vögel zwitscherten. Er trat durch das Tor und setzte sich zu ihr. Sie sah verändert aus. Er wuss­te noch aus seinen Ehezeiten, dass alles, was er jetzt dazu sagen würde, wohl in einem Missverständnis enden würde, also sagte er dazu lieber gar nichts. „Harald, Dein Polizist war eine Wucht, wie gut, dass wir ihm alles erzählt haben. Die Bande suchte sich einsame ältere Menschen aus und versuchte dann, über den Verwandtentrick an das Haus zu kommen. Kontaktperson war oft jemand bei der örtlichen Bank, der bedroht oder erpresst wurde. Der falsche Notar wurde hinzugezogen, da so angeblich Steuern und Gebühren gespart würden. Die gutgläubigen Verkäufer sahen nie was von dem Geld, und ihnen wurde Angst gemacht und gesagt, dass sie sich selbst mit dem inoffiziellen Verkauf strafbar gemacht hätten. Es ist unfassbar, wie gutgläubig manche ältere Menschen sind, viele sind aus Angst und Scham nicht einmal zur Polizei gegangen. Die Bande hat dann aber mit falschen Papieren die Häuser gleich weiter verkauft, vorzugsweise an Leute mit Schwarzgeld oder an kriminelle Organisationen, die Geld waschen wollten. Sie waren überall in Deutschland aktiv.“ „Wie gut, dass Du der Frau nicht auf den Leim gegangen bist.“ „Das habe ich ja auch Deiner Hilfe zu verdanken. Und das Beste ist, weil ich bei der Aufklärung so tatkräftig geholfen habe, habe ich die ausgesetzte Belohnung bekommen. Jetzt habe ich die Heizung richtig reparieren lassen.“ „Und ein neues Kleid und eine neue Brille hast Du auch, schick siehst Du aus.“ Harald war endlich aufgefallen, warum sie so verändert aussah.

Er griff nach ihrer Hand. So saßen sie Hand in Hand im Sonnenschein. Sie lächelte ihn an. Vielleicht gab es ja einen zweiten Frühling.             Britta Heitmann


Altbekannte Wege
In Grünberg wurde der deutsch-polnische Journalistenpreis vergeben.

Der sein 20. Jubiläum feiernde deutsch-polnische Journalistenpreis ist Ende Mai im schlesischen Grünberg vergeben worden. Und wie erwartet gingen auch in diesem Jahr die Auszeichnungen an Redakteure bekannter „Qualitätsmedien“ von „FAZ“, NDR und SWR.

Überhaupt hatten deutsche Redakteure der Veranstaltung ihren Stempel aufgedrückt, indem sie ihr Lieblingsthema „Populismus, Migration und das postfaktische Zeitalter. Sprachgebrauch in der neuen politischen Wirklichkeit – Chancen und Gefahren“ nun auch als ersten Workshop dieser deutsch-polnischen Nachbarschaftsveranstaltung übergestülpt hatten, die seit 2014 den Namen des ersten Nach-“Wende“-Regierungschefs Polens, Tadeusz Mozowiecki, trägt. Der Preis wird von den drei Grenzanrainerbundesländern und ihren gegenüberliegenden drei Woiwodschaften Lebuser Land, Westpommern und Niederschlesien sowie der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und der Robert-Bosch-Stiftung gestiftet.

Der erste Preis in der Kategorie Hörfunk und damit ein Preisgeld von 5000 Euro ging an Conrad Lay für sein SWR2-Feature „Eine Stadt, die sich nicht mehr fremd ist, Breslau/Wroclaw: Drei Generationen erzählen“. Lay eröffnet seinen Beitrag mit schrägen Posaunentönen in der Breslauer Magdalenenkirche. Die Bläser, so heißt es, „kommen aus Tschechien, Deutschland und Polen, den Ländern, die die Geschichte der Stadt geprägt haben“. Da war er also wieder, der zelebrierte krampfhafte Europabezug, der „die Stadt undialektisch von ihrer Bevölkerung aus ihrem politischen Bezugsrahmen“ löst und die böhmische Zeit aus der deutschen Geschichte abkoppelt. Aber gelang anderen der Sprung weg von den seit Jahrzehnten geliebten postfaktischen Textblasen, die als Präambel eines Beitrages gleich völlig die Laune verderben, hin zu Fakten?

Preiswürdig sind da vor allem Beiträge, die den Horizont der Mediennutzer durch bislang unbekannte Fakten weiten, diesen also überraschen. Die Preisträgerin für einen Fernsehbeitrag, Dagmar Wittmers, ging da eher den bekannten Weg und nannte ihren prämierten Beitrag „Als Zwangsarbeiter auf dem Lande schuften. Von den Nazis nach Norddeutschland verschleppt“. Ein „Nazithema“ muss wohl dabei sein, auch wenn den deutschen Lesern die weitaus lebensgefährlichere Deportation von Ostdeutschen in die Weiten Sibiriens 1945 damit weiter gänzlich unbekannt bleibt.

Doch das Mahnen vor den Bösen von Rechts ist natürlich kein rein geschichtliches Feld. Letztlich liest sich der Siegerbeitrag Print von Rainer Schulze „Der zerbrochene Spiegel“ aus „FAZ/Rhein-Main-Zeitung“ nicht nur als sicherlich gut gezeichnete Zustandsbeschreibung, wie sich die polnische „Community“ in Frankfurt am Main durch die Verhältnisse im Heimatland politisch spaltet. Denn auch hier nimmt die Einleitung den Leser gleich vor der Regierung vom rechten Rand mahnend mit auf den Weg, anstatt zu vermitteln, was vor dem Regierungswechsel in Polen den gesellschaftlichen Bruch anbahnte.         Edmund Pander


S. 15 Glückwünsche

Wir gratulieren

ZUM 104. GEBURTSTAG

Reimer, Ursula, geb. Zerrath, aus Schwanensee, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

ZUM 102. GEBURTSTAG

Engelke, Hildegard, geb. Sulies, aus Brandenburg, Kreis Elchniederung, am 20. Juni

ZUM 100. GEBURTSTAG

Lüdtke, Ida, geb. Stralla, aus Neuendorf, Kreis Lyck, am 19. Juni

ZUM 99. GEBURTSTAG

Schlick, Herta, geb. Urban, aus Dallnitz, Wasserwerk, Kreis Lyck, am 19. Juni

ZUM 98. GEBURTSTAG

Eder, Erna, geb. Scheidemann, aus Seckenburg, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Marek, Manfred, aus Grünwalde, Kreis Ortelsburg, am 18. Juni

Neumann, Dorothea, geb. Westphal, aus Rautersdorf, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Wedler, Richard, aus Friedlau, Kreis Elchniederung, am 10. Juni

ZUM 97. GEBURTSTAG

Abendroth, Johanna, geb. Kellner, aus Neumühl, Kreis Wehlau, am 22. Juni

ZUM 96. GEBURTSTAG

Hagen, Käte, geb. Marx, aus Lötzen, am 17. Juni

Henseleit, Irmgard, geb. Osten, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 22. Juni

Kaminski, Hildegard, geb. Dudda, aus Lyck, am 18. Juni

Maslo, Hedwig, geb. Masurek, aus Masuren, Kreis Treuburg, am 22. Juni

Mennong, Herta, geb. Juckel, aus Alt-Seckenburg, Kreis Elchniederung, am 20. Juni

ZUM 95. GEBURTSTAG

Balewsky, Elly, geb. Bähr, aus Loye, Kreis Elchniederung, am 11. Juni

Ehrlicher, Dr. Christel, aus Regeln, Kreis Lyck, am 16. Juni

Fallbach, Anni, geb. Grudzinski, aus Großalbrechtsort, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Galka, Wally, aus Eibenau, Kreis Treuburg, am 19. Juni

Kluth, Herbert, aus Monken, Kreis Lyck, am 19. Juni

Peters, Elsbeth, geb. Pietrzenuk, aus Rogonnen, Kreis Treuburg, am 18. Juni

Samoray, Ilse, geb. Lemke, aus Canditten, Kreis Preußisch Eylau, am 18. Juni

Schreiber, Emmi, aus Arys, Kreis Johannisburg, am 22. Juni

Seidenberg, Magdalene, geb. Ohse, aus Schirrau, Kreis Wehlau, am 17. Juni

ZUM 94. GEBURTSTAG

Bessel, Else, geb. Stadie, aus Zohpen, Kreis Wehlau, am 17. Juni

Borchert, Kurt, aus Heinrichswalde, Kreis Elchniederung, am 14. Juni

Büdenhölzer, Erna, geb. Kaspareit, aus Wehlau, am 22. Juni

Drenske, Gertrud, aus Steinberg, Kreis Lyck, am 21. Juni

Izydorezyk, Frieda, geb. Borkowski, aus Steinberg, Kreis Lyck, am 16. Juni

Küster, Ursula, geb. Kühn, aus Königsberg-Tannenwalde, Waldstraße 13, am 19. Juni

Kwassny, Frieda, geb. Borris, aus Eichensee, Kreis Lyck, am 21. Juni

Lampe, Edith, geb. Reimer, aus Schönwiese, Kreis Elchniederung, am 20. Juni

Maass, Erna, geb. Raeder, aus Altbruch, Kreis Ebenrode, am 16. Juni

Preiß, Ella, geb. Palm, aus Rotbach, Kreis Lyck, am 22. Juni

Umlandt, Anni, geb. Wohlgemuth, aus Allenburg, Kreis Wehlau, am 19. Juni

ZUM 93. GEBURTSTAG

Annutsch, Edeltraut, aus Sentken, Kreis Lyck, am 20. Juni

Aukskell, Franz, aus Klein Friedrichsgraben, Kreis Elchniederung, am 19. Juni

Axnick, Gerhard, aus Ludwigsort, Kreis Heiligenbeil, am 22. Juni

Fröhlich, Bruno, aus Lenzendorf, Kreis Lyck, am 22. Juni

Grotholtmann, Elfriede, geb. Vongehr, aus Brittanien, Kreis Elchniederung, am 17. Juni

Kalinowski, Charlotte, geb. Eichler, aus Ortelsburg, am 18. Juni

Kemmesies, Hilde, geb. Kryak, aus Teichwalde, Kreis Treuburg, am 16. Juni

Krause, Ursula, geb. Fischer, aus Wehlau, am 20. Juni

Lischewski, Marta, geb. Klein, aus Mensguth, Kreis Ortelsburg, am 20. Juni

Miller, Erika, geb. Schiemann, aus Grünbaum, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Ogilvie, Annemarie, geb. Pilz, aus Haselberg, Kreis Schloßberg und aus Neusiedel, Kreis Tilsit-Ragnit, am 22. Juni

Perkuhn, Lisbeth, geb. Balschus, aus Grenzberg, Kreis Elchniederung, am 16. Juni

Piotrowski, Elfriede, geb. Boll, aus Dietrichsdorf, Kreis Neidenburg, am 19. Juni

Vongehr, Günther, aus Brittanien, Kreis Elchniederung, am 17. Juni

Wieckenberg, Gertraud, geb. Mauerhoff, aus Treuburg, am 22. Juni

ZUM 92. GEBURTSTAG

Aschmann, Günter, aus Wittenberg, Kreis Preußisch-Eylau, am 18. Juni

Ender, Christel, geb. Gampert, aus Lötzen, am 16. Juni

Fischer, Hedwig, aus Lisken, Kreis Lyck, am 22. Juni

Jordan, Johannes, aus Neidenburg, am 19. Juni

Hennecke, Lilli, geb. Peßlin, aus Argemünde, Kreis Elchniederung, am 10. Juni

Kibgies, Walter, aus Treuburg, am 18. Juni

Lange, Walter, aus Friedrichshof, Kreis Ortelsburg, am 19. Juni

Pietrzik, Traute, geb. Liebergesell, aus Soffen, Kreis Lyck, am 21. Juni

Schulz, Marianne, geb. Schiele, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 22. Juni

Vogt, Dorothea, geb. Zöllner, aus Tapiau, Kreis Wehlau, am 17. Juni

Wischnewski, Walter, aus Hanffen, Kreis Lötzen, am 18. Juni

ZUM 91. GEBURTSTAG

Bauer, Erika, geb. Palm, aus Grenzberg, Kreis Elchniederung, am 14. Juni

Emmerstorfer, Hildegard, geb. von Glasow, aus Partheinen, Kreis Heiligenbeil, am 17. Juni

Freynik, Johannes, aus Großeppingen, Kreis Neidenburg, am 22. Juni

Führer, Hans, aus Grünweide, Kreis Ebenrode, am 20. Juni

Glaubitz, Horst, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Kories, Erwin, aus Grieben, Kreis Ebenrode, am 19. Juni

Kröhnke, Gerhard, aus Alt Seckenburg, Kreis Elchniederung, am 19. Juni

Langer, Hilde, geb. Topeit, aus Lakendorf, Kreis Elchniederung, am 16. Juni

Müller, Lucie, geb. Mrotzek, aus Altkirchen, Kreis Ortelsburg, am 18. Juni

Neckel, Gerda, geb. Gollub, aus Treuburg, am 21. Juni

Radermacher, Irmgard, geb. Scheffler, aus Wehlau, am 17. Juni

Schumann, Hildegard, geb. Pietsch, aus Karkeln, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Twardy, Reinhold, aus Prostken, Kreis Lyck, am 22. Juni

ZUM 90. GEBURTSTAG

Arnold, Dorothea, geb. Arndt, aus Buttenhagen, Kreis Elchniederung, am 16. Juni

Forberg, Hildegard, geb. Czchy, aus Ortelsburg, am 20. Juni

Freyer, Erich, aus Wallenrode, Kreis Treuburg, am 19. Juni

Gortat, Erich, aus Neidenburg, am 18. Juni

Kath, aus Allendorf, Kreis Neidenburg, am 20. Juni

Klein, Gerda, geb. Sawatzki, aus Lötzen, am 18. Juni

Krause, Christel, geb. Reichert, aus Berkeln, Kreis Elchniederung, am 14. Juni

Krawinkel, Gerda, geb. Domnick, aus Neukirch, Kreis Elchniederung, am 11. Juni

Kunz, Käthe, geb. Stankewitz, aus Millau, Kreis Lyck, am 20. Juni

Schneider, Ingeburg, geb. Bendrick, aus Lötzen, am 19. Juni

Schrader, Helmut, aus Gründann, Kreis Elchniederung, am 15. Juni

Steinmann, Anneliese, geb. Nowotzyn, aus Friedrichshof, Kreis Ortelsburg, am 17. Juni

ZUM 85. GEBURTSTAG

Bendszus, Helga, geb. Poweleit, aus Sköpen, Kreis Elchniederung, am 22. Juni

Böhm, Renate, geb. Kuhr, aus Lindendorf, Kreis Wehlau, am 18. Juni

Bonawitz, Edith, geb. Laup, aus Kreuzingen, Kreis Elchniederung, am 13. Juni

Chmielewski, Käthe, geb. Appelbaum, aus Groß Schöndamerau, Kreis Ortelsburg, am 17. Juni

Ehrig, Manfred, aus Schwiddern, Kreis Treuburg, am 17. Juni

Hacker, Elli, geb. Gregor, aus Ebendorf, Kreis Ortelsburg, am 21. Juni

Hübner, Eleonore, geb. Klempert, aus Groß Leschienen, Kreis Ortelsburg, am 18. Juni

Jahnert, Walter, aus Monken, Kreis Lyck, am 22. Juni

Kland, Helga, geb. Gutzmann, aus Wehlau, am 20. Juni

Liedtke, Harald, aus Wehlau, am 19. Juni

Möller, Gerda, geb. Lasarzewski, aus Goldenau, Kreis Lyck, am 17. Juni

Odenbach, Gerhard, aus Gedwangen, Kreis Neidenburg, am 19. Juni

Rummel, Hans, aus Eisenmühl, Kreis Lötzen und aus Fließdorf, Kreis Lyck, am 20. Juni

Schlotthauber, Marianne, aus Lyck, Morgenstraße 4, am 21. Juni

Seifert, Marlene, geb. Tubenthal, aus Treuburg, am 17. Juni

Sobke, Rudolf, aus Hohenwalde, Kreis Heiligenbeil, am 17. Juni

Sokolowski, Heinz, aus Lyck, am 20. Juni

Symanzik, Irma, geb. Wieschollek, aus Gittau, Kreis Neidenburg, am 22. Juni

Taday, Wilhelm, aus Wallendorf, Kreis Neidenburg, am 18. Juni

Timm, Günter, aus Lindendorf, Kreis Wehlau, am 17. Juni

Zimmermann, Renate, geb. Jackstadt, aus Ginkelsmittel, Kreis Elchniederung, am 14. Juni

ZUM 80. GEBURTSTAG

Bleyer, Hans, aus Altbruch, Kreis Ebenrode, am 19. Juni

Boinski, Therese, geb. Kretschmann, aus Bottau, Kreis Ortelsburg, am 18. Juni

Dahmen, Elly, geb. Neufeld, aus Nareythen, Kreis Ortelsburg, am 18. Juni

Davideit-Bersick, Hanna, geb. Bersick, aus Neukirch, Kreis Elchniederung, am 13. Juni

Drensek, Irmgard, geb. Domsalla, aus Montwitz, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Gronies, Willi, aus Altkirchen, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Gulbis, Günter, aus Tawe, Kreis Elchniederung, am 10. Juni

Heinitz, Bärbel, geb. Kerwat, aus Ebenrode, am 17. Juni

Jaworski, Irmgard, geb. Krahn, aus Langheide, Kreis Lyck, am 17. Juni

Kalender, Georg, aus Goldbach, Kreis Wehlau, am 22. Juni

Krinke, Heinrich, aus Genslack, Kreis Wehlau, am 21. Juni

Matz, Gustav, aus Klein Nuhr, Kreis Wehlau, am 17. Juni

Meckel, Ursula, geb. Nogga, aus Stradaunen, Kreis Lyck, am 18. Juni

Naussed, Hannelore, aus Kuckerneese, Kreis Elchniederung, am 9. Juni

Nowotsch, Brunhilde, geb. Brosowski, aus Fronicken, Kreis Treuburg, am 18. Juni

Ollech, Horst, aus Dimmern, Kreis Ortelsburg, am 22. Juni

Oltersdorf, Gitta, geb. Schmidt, aus Lank, Kreis Heiligenbeil, am 20. Juni

Sack, Erika, geb. Skielo, aus Dreimühlen, Kreis Lyck, am 16. Juni

Salomon, Ernst aus Tranatenberg, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Schacht, Ilse, geb. Janz, aus Gilgetal, Kreis Elchniederung, am 12. Juni

Schönebeck, Helga, geb. Jodeit, aus Plompen, Kreis Wehlau, am 19. Juni

Schulze, Hildegard, geb. Armenat, aus Adlig Linkuhnen, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Symanski, Hans-Jürgen, aus Mostolten, Kreis Lyck, am 17. Juni

Syska, Gerhard, aus Wallen, Kreis Ortelsburg, am 20. Juni

ZUM 75. GEBURTSTAG

Ackermann, Marianne, aus Hüttenfelde, Kreis Tilsit-Ragnit, am 22. Juni

Rose, Heidemarie, geb. Weppe, aus Altenkirch, Kreis Tilsit-Ragnit, am 21. Juni

Steuer, Waltraut, geb. Mey, aus Gerhardsweide, Kreis Elchniederung, am 21. Juni

Vollbrecht, Renate, geb. Symanzik, aus Buttken, Kreis Treuburg, am 19. Juni

Weitschies, Jürgen, aus Seckenburg, Kreis Elchniederung, am 20. Juni


Aus den Heimatkreisen

LÖTZEN

Kreisvertreter: Dieter Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg. Geschäftsstelle: Ute Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg, Telefon (040) 6083003, Fax: (040) 60890478, E-Mail: KGL.Archiv@gmx.de

Sonnabend, 17. Juni, ab 10 Uhr, Lötzener Heimatmuseum, Sudetenlandstraße 18 H (Böcklersiedlung), Neumünster: Sonderausstellung „Versunkene Welt Ostpreußens – Erinnerungsbilder von Eduard Bischoff (1890 – 1974). Um 15.30 Uhr beginnt der Vortrag „Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945 bis 1949“ vom Pastor im Ruhestand Karl-Georg Mix aus Lübeck. Der Eintritt in Ausstellung und Vortrag ist wie immer frei.

Herzliche Einladung zur Feier „190 Jahre der Einweihung der evangelischen Kirche in Lötzen“ (heute evangelisch-augsburgische Kirche in Gizycko). Am Sonnabend, den 1. Juli, werden um 17 Uhr in der Kirche bildhafte Erinnerungen, eine Diaschau mit Musik, gezeigt. Am Sonntag, den 2. Juli, beginnt um 10 Uhr ein Festgottesdienst in deutscher und polnischer Sprache. Um 19 Uhr findet im Rahmen des 40. Internationalen Festivals der Orgel- und Kammermusik in der Kirche ein besonderes Ereignis statt: Das Jubiläumskonzert „40 Jahre sommerliche Orgelkonzerte in der evangelischen Kirche in Lötzen“. Es wird die Kantorei Querfurt zu hören sein. Die Besucher sind an beiden Tagen nach den Veranstaltungen in den Garten des Pfarrhauses Kaffee und Kuchen sowie einem Grillfest eingeladen.

 

TILSIT–STADT

Stadtvertreter: Hans Dzieran, Stadtgemeinschaft Tilsit, Postfach 241, 09002 Chemnitz. Geschäftsführer: Manfred Urbschat, E-Mail: info@tilsit-stadt.de.

Sonnabend, 17. Juni, von 9 bis 18 Uhr, Gaststätte „Seilbahn“, Max-Liebermann-Straße 91, 04157 Leipzig: Mitteldeutsches Regionaltreffen. Alle Tilsiter sind eingeladen. Einlass ist ab 9 Uhr. Um 10 Uhr wird die Veranstaltung mit dem Glockengeläut des Königsberger Doms und dem „Ostpreußenlied“ feierlich eröffnet. Der Stellvertretende Sprecher der Landsmannschaft, Hans-Jörg Froese wird zugegen sein und eine Grußansprache halten. Unter dem Titel „Angekommen in der neuen Heimat“ wird Professor Heinz Radszuweit aus Cottbus seinen Lebensweg vom ostpreußischen Dorfjungen bis in die Höhen der medizinischen Wissenschaft schildern.

Das Programm wird umrahmt von musikalischen Darbietungen des Chors „Heimatmelodie“ aus Dresden, des Kinder-Ensembles „Sonnenschein“ aus Leipzig und des Blasorchesters der Freiwilligen Feuerwehr Seehausen. Das Heimattreffen wird gegen 18 Uhr seinen Abschluss finden. Auskünfte sind bei Eberhard Grashoff, Telefon (0341) 9010730 erhältlich.

Liebe Tilsiterinnen und Tilsiter! Lasst uns die Gelegenheit nutzen, in Leipzig zusammenzukommen. Die Tische für die Tilsiter sind ausgeschildert. Wir werden ausreichend Gelegenheit haben, über Erinnerungen aus der Heimat zu plachandern und uns wieder einmal in heimatlicher Umgebung wohlzufühlen.

Der Vorstand der Stadtgemeinschaft Tilsit


S. 16-18 Heimatarbeit

Landsmannschaftliche Arbeit

BADEN-WÜRTTEMBERG

Vors.: Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon und Fax (0711) 854093, Geschäftsstelle: Haus der Heimat, Schloßstraße 92, 70176 Stuttgart, Tel. und Fax (0711) 6336980.

Landesgruppe – Am 23. September findet in Schwerin das Landestreffen der Ostpreußen in Mecklenburg-Vorpommern statt. Unter anderem werden Gesangsgruppen aus dem südlichen Ostpreußen, wie auch Chöre aus Heydekrug und Memel mit dem Chor des Hermann-Sudermann-Gymnasiums teilnehmen. Dieses Treffen wollen wir zum Anlass nehmen für eine mehrtägige Fahrt vom 19. bis 24. September. Vom 20. bis 22. September unternehmen wir diverse Ausflüge. Es geht unter anderem nach Schwerin, an den Müritzsee, nach Rostock und Warnemünde. Am Sonnabend, den 23. September nehmen wir am Ostpreußen-Treffen in Schwerin teil. Untergebracht sind wir im Steigenberger-Hotel „Stadt Hamburg“ in Wismar.

Die Abfahrt erfolgt ab Göppingen über Stuttgart, Mannheim, Frankfurt nach Wismar. Der Preis für die Fahrt inklusive aller Rundfahrten und fünf Übernachtungen mit Frühstücksbuffet beträgt im Doppelzimmer 490 Euro, im Einzelzimmer 680 Euro.

Anmeldungen bitte bei Uwe Jurgsties, Kirschblütenstraße 13, 68542 Heddesheim, Telefon (06203) 43229 oder bei Uta Lüttich, Feuerbacher Weg 108, 70192 Stuttgart, Telefon (0711) 854093. Mit der Anmeldung ist eine Anzahlung in Höhe von 150 Euro auf das Konto Sparkasse Rhein Neckar Nord DE97 6705 0505 0074 1570 84 zu überweisen; die Restzahlung ist bis zum 5. August zu tätigen.

Göppingen – Vera Pallas berichtet über die vielfältigen Aktivitäten ihrer Frauengruppe im vergangenen Jahr: Wir sind 28 Mitglieder, darunter auch zwei  Männer, alle im Alter zwischen 69 und 92 Jahren. Durchschnittlich nehmen zirka 15 bis 20 Interessierte an den, jeden ersten Mittwoch im Monat stattfindenden, kulturellen Nachmittagen teil. Jedes Mal werden unterschiedliche heimatliche Themen behandelt, unter anderem geht es um berühmte Frauen und Männer.

Regelmäßiges Singen aus unseren, hauptsächlich aus ostpreußischen Liedern bestehenden Heften, die von Familie Korn eigenhändig  zusammengestellt wurden, ist Pflichtprogramm. Die „Geburtstagskinder“ dürfen sich jeden Monat ein Lied aussuchen. Die von mir durchgeführte Stuhlgymnastik mit Musikbegleitung kommt immer gut an. Dazu benutzen wir unterschiedliche Gegenstände, wie zum Beispiel Bälle, Tücher, Webbänder, auch Luftballons oder ausgediente Perlonstrümpfe. Nach langem Stillsitzen und Zuhören, ist das doch eine gute Alternative.

Ausflüge stehen ebenfalls auf dem Programm. Letztes Jahr besuchten wir mit eigenen Pkw das bei Bartholomä gelegene Felsenmeer. Bei herrlichem Sonnenschein genossen wir die einstündige Wanderung auf ebenen Wegen zwischen den hoch aufragenden Felsen. Zum Abschluss bei Kaffee, Kuchen und gespendetem Eis in der Wental-Gaststätte, trafen dann auch die nicht mitgewanderten Frauen mit ihren Männern ein.

Am 30. August hatten wir dann unseren von Familie Korn organisierten Ganztagesausflug. Mit einem Bus fuhren wir nach Bad Waldsee, durften eine Schnapsbrennerei besichtigen, dann eine Stadtrundfahrt mit dem „Zügle“ machen. Den Abschluss machten wir beim „Mostbauern“ bei sehr gutem Essen und Trinken. Am

7. September feierten wir Frauen das 65-jährige Bestehen unserer Gruppe. Wir konnten viele Gäste begrüßen, die das Fest sehr bereicherten. Da wir unser Frauentreffen immer im „Glashaus“ in Salach haben, ließen es sich der stellvertretende Bürgermeister, Hans Paflik, sowie die Seniorenbeauftragte, Frau Schäfer, nicht nehmen, zu unserem Jubiläum einige Grußworte zu sprechen.

Weiter Gäste waren die Landesfrauenbeauftragte Uta Lüttich, unsere Kulturreferentin, Ursula Gehm, sowie drei Frauen aus der aufgelösten Schorndorfer Gruppe sowie zwei Frauen aus der Stuttgarter Gruppe. Auch die Kreisvorsitzende des BdV, Marianne Bayreuther, nahm teil. Mitbringsel für das Fest waren ostpreußische Spezialitäten, wie den Radarkuchen, den Frau Färber aus Stuttgart mitgebracht hatte. Frau Meister spendete uns die eigens von ihrem Mann hergestellten Marzipankartoffeln. Als Dankeschön und Überraschung erhielten alle Teilnehmer ein von mir selbstgewebtes Lesezeichen, mit dem eigenem Vornamen darauf. Unser Fest wurde auch fotografisch von unserem neuen Mitglied, Hans Bollweg, festgehalten.

Mit meinen ostpreußischen Handarbeiten bereichere ich auch regelmäßig die Werkwoche in Helmstedt, den Ostermarkt in Stuttgart sowie die Ausstellungen in Ellingen. Auch gestalte ich das Schülerferienprogramm bei uns mit, ebenso den Weltkindertag, und ich gebe regelmäßig Unterricht über das Weben von Freundschaftsbändern mit Kindern und Erwachsenen. Bei allen Treffen der Landsmannschaft baue ich einen Heimattisch auf und präsentiere vergessene ostpreußische Handarbeiten. Nicht nur gewebte, sondern auch gestrickte und gehäkelte Produkte  werden von mir gezeigt.

In der Adventszeit besuchten wir dann nochmals die Frauen aus der aufgelösten Schorndorfer Gruppe. Wir gestalteten ein paar heimatliche Stunden mit Ihnen, und hatten ein weihnachtliches Essen zusammen. Auf unserer Frauenweihnachtsfeier war der große „Bunte Teller“ die Überraschung. Die darauf liegenden Leckereien ließen Kindheitserinnerungen wachwerden. Beim „Herumreichen“ wurde tüchtig zugegriffen.

Mein Jahresprogramm ist immer voll ausgefüllt. Meine Tätigkeit als Frauengruppenleiterin, ebenso als  Vorstandsmitglied unserer Kreis LOW, dann bin ich auch Teilnehmerin bei der Landesfrauengruppe, und nehme an den Landesdelegierten Versammlungen teil. Ich gehe auch zu den BdV-Frauenverbands-Seminaren in Bad Kissingen, war auch beim kulturhistorischen Seminar in Helmstedt, und ebenso zu den Landeskulturtagen und den Werkwochen in Helmstedt.

Das alles macht sich aber nicht von alleine! Ich habe tüchtige Hilfe und Unterstützung. Dafür sage ich allen ein großes Dankeschön. Liebe Frauen, liebe Margit und Wolfgang Korn, aber auch Du, lieber Hans Bollweg, Ihr seid Spitze, ohne Euch gäbe es dieses Stückchen Heimat bald nicht mehr.

 

BAYERN

Vorsitzender: Friedrich-Wilhelm Böld, Telefon (0821) 517826, Fax (0821) 3451425, Heilig-Grab-Gasse 3, 86150 Augsburg, E-Mail: info@low-bayern.de, Internet: www. low-bayern.de.

Altmühlenfranken – Freitag,

23. Juni, 19 Uhr, Terrasse, Hotel Gasthof „Krone“, Gunzenhausen: gemütliches Beisammensein.

Ansbach – Sonnabend, 24. Juni, 15 Uhr, Orangerie: Eine ostpreußische Adelsfamilie: Marion Gräfin Dönhoff „Der Ritt durch Masuren“.

Bamberg – Mittwoch, 21. Juni, 15 Uhr, Hotel „Wilde Rose“, Keßlerstraße: Monatstreffen, Vortrag Wolfskinder.

München – Sonnabend, 24. Juni, 14.30 Uhr, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, 81669 München: Treffen der Ost- und Westpreußen. Nach der gemeinsamen Kaffeetafel werden die letzten Filme der DVD „Schatzkästchen Ostpreußen“ vorgeführt.

Nürnberg – Dienstag, 27. Juni, 15 Uhr, Haus der Heimat, Imbuschstraße 1, Nürnberg-Langwasser, (Endstation der U1 gegenüber): Treffen der Ost- und Westpreußen. Die Bezirksvorsitzende Heide Bauer aus Ansbach wird dabei sein. Freunde Ostpreußens, Pommerns und des Memellandes sind herzlich willkommen.

 

BRANDENBURG

Vorsitzender: Hans-Jörg Froese, Phoebener Chausseestraße 10, 14542 Werder, Telefon: (03327) 741603, E-Mail: lo.lg.brandenburg@googlemail.co, Internet: https://lolgbrandenburg.wordpress.com/

Landesgruppe – Sonnabend, Freitag, 30. Juni, 18 Uhr, Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam: Der Vorstand der Landesgruppe lädt herzlich zur diesjährigen Mitgliederversammlung ein. Die Versammlung wird in der Museums-Galerie „Die Ersten Preußen“ stattfinden. Der Veranstaltungsraum wird ab 17.30 Uhr geöffnet sein, sodass die Dauerausstellung der Prußenstiftung Tolkemita besichtigt werden kann. Die vorgesehene Tagesordnung:

1. Begrüßung, Totenehrung

2. Feststellung der Beschluss-

fähigkeit, Annahme der Tages-

ordnung

3. Kurzbericht des Vorstands

über die Aktivitäten im

vergangenen Jahr 2016

4. Tätigkeitsbericht des

Vorstands

5. Bericht des Kassenwarts,

Jahresrechnung

6. Bericht der Kassenprüferin

7. Aussprache, Entlastung des

Vorstands

8. Vorhaben im Jahr 2017

9. Verschiedenes

10.Vortrag „Reise durch Ost-

preußen im Juni 2017“ - Von

Potsdam über Danzig, Allen-

stein, Lyck, Tauroggen, Memel

bis nach Nidden und zurück

über Kiel nach Potsdam.

Mitglieder werden gebeten, eventuellle Änderungen/Ergänzungen zur vorgesehenen Tagungsordnung bis zum 21. Juni 2017 per Brief, E-Mail oder Fax zu übermitteln.

 

HAMBURG

Erster Vorsitzender: Hartmut Klingbeutel, Haus der Heimat, Teilfeld 8, 20459 Hamburg, Tel.: (040) 444993, Mobiltelefon (0170) 3102815. 2. Vorsitzender: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69 b, 22459 Hamburg, Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

Landesgruppe – Mittwoch, 28. Juni, 19 Uhr, Sonnin-Raum, Gemeindehauses der Hauptkirche St. Michaelis: Vortrag über „Kirche und Glaube im heutigen russischen Ostpreußen“. Professor Ernst Schaumann schildert Eindrücke und Erfahrungen während seiner Reisen im Obast Kaliningrad, dem früheren Ostpreußen. Eintritt frei, Kollekte erbeten. Die St.-Michaelis-Kirch liegt nahe der S-Bahnstation Stadthausbrücke, U-Bahnstation Rödingsmarkt oder Haltestelle Michaeliskirche (Buslinien 6 und 37).

– Bericht –

Bis 1989 lebte Friedrich Wilhelm Doreen in Ostpreußen. Wir betreuen ihn seit 2016 und helfen dem 1935 in Lauterbach Geborenen bei der Beschaffung deutscher Papiere. Seine Mutter verstarb 1947, sein Vater gehört zu den in Russland gefallenen deutschen Soldaten. Doreen ist der einzige Überlebende der Familie. Er konnte damals als sogenanntes Wolfskind nach Lettland flüchten und überlebte.

Als er 1946 nach Lauterbach zurückkehrte, war dieses blühende deutsche Dorf wie viele andere Orte in Ostpreußen zerstört. Ein gutmütiger Pole nahm ihn auf und gewährte ihm für tägliche harte unbezahlte Feldarbeit Obdach. Das einst noch bei der letzten Volkszählung vom 17. Mai 1939 mit 338 deutschen Bewohnern aufgeführte Dorf ist verschwunden. Neben geschändeten Resten des Friedhofs und Steinen des gesprengten Elternhauses waren alle Gehöfte zerstört und vom Wildwuchs überwuchert. Nur die Reste des Friedhofs – Brauchbares hatten die angesiedelten polnischen Bauern zum Aufbau eigener Häuser verwendet – und Reste von Gräbern deutscher Soldaten, die sich hinterm Haupthaus des Bauernhauses der Doreen befunden haben sollen, waren noch vorhanden. Liebevoll hatte Doreen diese Gräber mit deutschen Daten, solange er konnte gepflegt. Als er dann 1989 von der Wiedervereinigung Deutschlands hörte, verließ er die Heimat und schlug sich ohne Papiere (!) bis Hamburg durch.

Auf der Reise im Mai 2017 im PKW nach Polen, planten wir auch ins heutige Ostpreußen zu fahren, um deutsche Unterlagen (Taufschein, Geburtsurkunde usw.) für ihn zu finden. Über Elbing nach Braunsberg gelangten wir endlich an die Stelle, wo Lauterbach gewesen sein soll. Beim letzten Erkundungsversuch am 26. Mai stießen wir zufällig auf den polnischen Imker Stanislaw Wilk aus Braunsberg, der mit seinen Bienenvölkern in dieser „Wildnis“ lebte. Unser Anliegen lächelnd anhörend, führte er uns durch eine schier unüberwindliche Wildnis zu einem alten, fast nicht mehr erkennbaren Friedhof. Das relativ große Gelände, total überwuchert, wies tatsächlich sichtbare und stark beschädigte Grabstellen mit fehlenden, beziehungsweise zur Seite gehobenen Grabplatten auf. Wilk zeigte dann in eine Richtung und meinte, dass dort viele deutsche Häuser gestanden haben sollen. Doch durch die noch sumpfigere Wildnis war es unmöglich, dort hinzugehen. Wir hatten also tatsächlich Reste des deutschen Lauterbach gefunden! Einiges fotografisch sichernd, die Adressen austauschend und weitere Maßnahmen vorbereitend, fuhren wir zufrieden nach Hamburg zurück. Bei weiteren Nachforschungen ergaben sich Hinweise auf den Ort Lauterbach durch noch Lebende und durch die Erinnerungen von Doreen. Für die hilfreichen Auskünfte durch die Landsleute Brigitte Schulze, Elke Ruhnke und Horst Neumann (Kreisgemeinschaft Heiligenbeil) danken wir sehr. Wir baten den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. dringend, eine Überprüfung bezüglich der deutschen Gefallenen in Lauterbach zu veranlassen. Leider fanden sich bisher keine die Identität von Doreen beweisende Unterlagen des noch lebenden Dorfbewohners Friedrich Wilhelm Doreen; doch sind wir dennoch stolz, das 1945 zerstörte „deutsche Lauterbach wiederentdeckt zu haben!

Willibald C. Piesch,

Hamburg Landeskulturreferat

KREISGRUPPEN

Heiligenbeil – Sonnabend, 1. Juli,

14 Uhr, AWO Seniorentreff, in den neuen Räumen der AWO, im Stadtteilhaus „Horner Freiheit“, Am Gojenboom 46: Sommerfest Kreisgruppe Heiligenbeil, in der Landesgruppe Hamburg. Bei Kaffee und Kuchen sowie Urlaubsbildern aus der Heimat, wollen wir in geselliger Runde mit Ihnen einige fröhliche und besinnliche Stunden miteinander verbringen.

Sie erreichen den AWO Seniorentreff mit der U 4 Richtung Billstedt oder U 2 Richtung Mümmelmannsberg, bis Horner Rennbahn, hier den Ausgang, Am Gojenboom benutzen, direkt gegenüber ist das Stadtteilhaus Horner Freiheit, für Rollstuhlfahrer und Rollatoren gibt es einen Fahrstuhl, hier sind es dann aber drei bis vier Minuten Fußweg, bis zum Stadtteilhaus, Am Gojenboom 46. Anmeldung bis 30. Juni bei Landsmann Konrad Wien, Telefon (040) 32049041.

Insterburg, Sensburg – Die Heimatkreisgruppe trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat (außer im Januar und im Juli) zum Singen und einem kulturellem Programm um 12 Uhr, Hotel Zum Zeppelin, Frohmestraße 123–125. Kontakt: Manfred Samel, Friedrich-Ebert-Straße 69b, 22459 Hamburg. Telefon/Fax (040) 587585, E-Mail: manfred-samel@hamburg.de.

Osterode – Sonnabend, 1. Juli 14 Uhr, Magnolienzimmer, Restaurant Riebeling, Fuhlsbüttler Straße 755, Hamburg-Ohlsdorf: Sommerfest. Das Restaurant liegt direkt am Bahnhof Ohlsdorf, Ausgang Fuhlsbüttler Straße. Wir beginnen mit einer gemeinsamen Kaffeetafel und begrüßen den herannahenden Sommer mit Liedern und Gedichten.

 

HESSEN

Vorsitzender: Ulrich Bonk, Stellvertretender Vorsitzender: Gerhard Schröder, Engelmühlenweg 3, 64367 Mühltal, Telefon (06151) 148788

Dillenburg - Bei der letzten Monatsversammlung der Kreisgruppe konnten wir sogar mal wieder einen Gast begrüßen, der die Ankündigung in der örtlichen Presse gelesen hatte. Zunächst zeigte Lothar Hoffmann, zur Einführung, Bilder aus dem neuesten Kalender des Landkreises Königsberg mit Figuren aus Cadiner Ton. Cadinen war nämlich das Thema des Nachmittags, worüber dann Helga Schnepf sprach.

Cadinen, in der Gemeinde Tolkemit, nicht weit von Elbing, gelegen, war im Mittelalter ein Fran-ziskanerkloster, das 1525 zuerst urkundlich erwähnt wird und das später verfiel. Ruinen zeugen noch von der Anlagernd die damals gepflanzte Eiche am Eingang zum Gelände, die zwar noch steht, aber stark abgestützt ist. Im Jahre 1844 erwarb Kaiser Wilhelm II. das Gut Cadinen und richtete dort seine Sommerresidenz ein. Auf dem Gut gab es auch ein Gestüt, wo Trakehner und andere Rassen gezüchtet wurden. Bekannt wurde Cadinen aber vor allem durch seine Majolika-Manufaktur, in der aus dem in der Umgebung gewonnenen Ton künstlerische Figuren hergestellt wurden. Wir sahen zum Beispiel auf den Bildern des Kalenders einen Vogel, einen liegenden Elch, einen Eisbären, der aus einem Aschenbecher trinkt, und verschiedene verzierte Teller. Die Manufaktur wurde von Kaiser Wilhelm 1904 gegründet, der das Gut dann, samt Gestüt und Werk, seinem Sohn Prinz Louis Ferdinand schenkte. Der war bis zur Flucht im März 1945 Eigentümer.

Helga Schnepf hatte ihre Großmutter, die in Tolkemit gewohnt hatte, und bei der sie manchmal ihre Ferien verbrachte, nach Cadinen gefragt. Die Großmutter hatte ihr erzählt, dass der Kaiser manchmal in Tolkemit war und dann per Schiff nach Kahlberg, dem Seebad auf der Frischen Nehrung, gefahren war. Das hatte das kleine Mädchen damals nicht geglaubt. Erst später, als sie sich für die Geschichte von Cadinen interessierte, ging ihr auf, dass das doch gestimmt haben musste. Wenn der Kaiser sich in Cadinen, seiner Sommerresidenz, aufhielt, konnte er wirklich in Tolkemit gewesen sein. Nach dem Krieg übernahmen die Polen das Gut Cadinen. Das Herrenhaus (Schloss) ist heute ein Luxushotel. Das Gestüt gibt es auch noch und vor allem die Majolika-Manufaktur, die noch immer künstlerische Figuren herstellt. Touristen bewundern vor allem die jetzt 1000-jährige Eiche am Eingang zum Gut.

                Ingrid Nowakiewitsch

Wiesbaden – Sonnabend, 17. Juni, 11 Uhr, BdV-Gedenkstein, Kranichstraße, Wiesbaden-Kohlheck: Feierstunde zum Tag der Heimat. – Sonnabend, 17. Juni, 15 Uhr, Großer Saal, Haus der Heimat, Friedrichstraße 35: Monatstreffen zum Thema „Luthers Wirken in Ostpreußen“. Vortrag von Dr. Bärbel Beutner aus Unna. Mit Veröffentlichung einer neuen Gottesdienstordnung durch Herzog Albrecht im März 1526 war das Herzogtum Preußen erste Land, in dem Luthers Lehre kirchlich eingeführt wurde. Kommen Sie zu diesem heimatgeschichtlichen Vortag und bringen Sie auch Freunde und Bekannte mit. – Donnerstag, 22. Juni, 12 Uhr, Gaststätte „Haus Waldlust“, Ostpreußenstraße 46, Wiesbaden-Rambach: Stammtisch. Serviert wird Spargel mit Schinken. Es kann auch nach der Speisekarte bestellt werden. Wegen der Platz- uns Essensdisposition bitte unbedingt anmelden bis spätestens

16. Juni bei Frau Irmgard Steffen, Telefon: (0511) 844938. ESWE-Busverbindung mit Linie 16, Haltestelle Ostpreußenstraße.

 

NIEDERSACHSEN

Vorsitzende: Dr. Barbara Loeffke, Alter Hessenweg 13, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 42684. Schriftführer und Schatzmeister: Gerhard Schulz, Bahnhofstraße 30b, 31275 Lehrte, Telefon (05132) 4920. Bezirksgruppe Lüneburg: Manfred Kirrinnis, Wittinger Straße 122, 29223 Celle, Telefon (05141) 931770. Bezirksgruppe Braunschweig: Fritz Folger, Sommerlust 26, 38118 Braunschweig, Telefon (0531) 2 509377. Bezirksgruppe Weser-Ems: Otto v. Below, Neuen Kamp 22, 49584 Fürstenau, Telefon (05901) 2968.

Braunschweig – Mittwoch, 28. Juni, 15 Uhr, Eingang Sozialverband, Jasperallee 42: Treffen im Stadtpark, DIA-Vortrag „Posen und Ostpreußen“.

Osnabrück – Freitag, 16. Juni, 15 Uhr, Gaststädte „Bürgerbräu“, Blumenhaller Weg 43: Treffen der Frauengruppe. – Dienstag, 27. Juni, 16.30 Uhr, Hotel „Ibis“, Blumenhaller Weg 152: Kegeln.

 

NORDRHEIN-WESTFALEN

Vorsitzender: Wilhelm Kreuer, Geschäftsstelle: Buchenring 21, 59929 Brilon, Tel. (02964) 1037, Fax (02964) 945459, E-Mail: Geschaeft@Ostpreussen-NRW.de, Internet: www.Ostpreussen-NRW.de

Landesgruppe – Auch in diesem Jahr findet an der Gedenkstätte des Deutschen Ostens auf Schloss Burg eine Kulturveranstaltung der Landsmannschaften Ostpreußen, Pommern und Schlesien, Landesgruppen, statt. Wir wünschen uns, dass wir am 2. Juli 2017, ab 11 Uhr (Zeit zum Plachandern) recht viele Landsleute und Gäste auf unserem „Kleinen Ostpreußen-, Pommern- und Schlesiertreffen“ begrüßen können. Wie schon in den vergangenen Jahren besteht die Veranstaltung aus einem offiziellen (14.00 Uhr) und einem unterhaltsamen Teil. Zu Beginn läuten die Glocken aus Königsberg und Breslau, wir gedenken unserer Toten und hören das Trompetensolo „Ich hatt’ einen Kameraden“ (Trompeter F. Braun). Renata Zasjaczkowska aus Schlesien wird die Ansprache halten. Bärbel Beutner führt Sie durch die Veranstaltung. Für das leibliche Wohl sorgen die Damen verschiedener Gruppen mit  Spezialitäten. Zahlreiches Erscheinen ist der Lohn für die Veranstalter mit ihren ehrenamtlich Mitwirkenden.

Bielefeld – Donnerstag, 22. Juni, 15 Uhr, Geschäftsstelle, 2. Stock, Wilhelmstraße 1b, 33602 Bielefeld: Heimatliteraturkreis.

Dortmund –  Montag, 19. Juni, 14.30 Uhr, Ostdeutsche Heimatstube, Landgrafenstraße 1-3 (Eingang Märkische Straße): In einem Vortrag nebst Film blickt Herr Stenzel, Vorstandsmitglied des Vereins Freunde für Russland, auf die langjährige caritative Arbeit im Königsberger Gebiet zurück. Mitglieder und Gäste sind herzlich willkommen. Um Voranmeldung wird unter Telefon 0176/84351039 gebeten.

Düsseldorf – Sonnabend, 17. Juni, 19 Uhr, GHH: Vortrag und Gespräch mit Stefan Weidner „Fluchthelferin Poesie – Friedrich Rückert und der Orient“. – Sonntag, 18. Juni, 11 Uhr, GHH: Lesung und Gespräch mit Georg Stefan Troller „Unterwegs auf vielen Straßen – Erlebtes und Erinnertes“. – Sonnabend, 24. Juni, 10.15 Uhr, Infostand Hauptbahnhof Düsseldorf: Wandertreff, Ziel ist St. Lambertus mit Führung. – Jeden Mittwoch, 18.30-20 Uhr, Eichendorff-Saal, Gerhart-Hauptmann-Haus: Chorproben der Düsseldorfer Chorgemeinschaft unter der Leitung von Radostina Hristova. – Montag, 3. Juli, 19 Uhr, GHH: Buchvorstellung mit

Dr. Christopher Spatz „Nur der Himmel blieb derselbe“.

Essen – Freitag, 16. Juni, 15 Uhr: Hans-Jürgen Klein „Von Ostpreußen nach Namibia“. Hans-Jürgen Klein hat sieben Jahre in dem afrikanischen Land gelebt.

Hemer – Dienstag, 20. Juni,

19 Uhr, Friedenspark, Mühlackerweg: Kranzniederlegung am Gedenkstein „Flucht und Vertreibung“. – Sonnabend, 24. Juni,

15 Uhr (bis etwa 17.30 Uhr), Haus Hemer, Geitbecke 8, 58675 Hemer: Konzertveranstaltung aus Anlass des Gedenktages an die Opfer von Flucht und Vertreibung. Im ersten Teil des Konzertes wird die gemeinsame Singgruppe der Landsmannschaft Ostpreußen Iserlohn sowie der Ost- und Westpreußen Hemer Lieder und Gedichte vortragen. Im zweiten Teil wird die Mezzosopranistin Isabelle Kusari, vom Pianisten Jun Zhao begleitet, auftreten. Die Sängerin wird Lieder mit Bezug zu den historischen Ostprovinzen vortragen. Jun Zhao, ein mehrfach preisgekrönter Musiker, wird zwei Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven und Joseph Hayden als Solist spielen.

Köln – Dienstag, 20. Juni, ab

14 Uhr, Bürgerzentrum Köln-Deutz, Tempelstraße 41-43: Versammlung der Ostpreußengruppe. Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Raum unserer Treffen bereits ab 14 Uhr geöffnet ist, und wir darum bitten, so zu kommen, dass die Versammlung ohne Verzug, um 14:30 Uhr, beginnen kann. Neben kurzen Vorträgen wird ein Film über Ostpreußen gezeigt werden. Er wurde für das vergangene Treffen im Mai angesagt, konnte leider wegen technischer Schwierigkeiten nicht abgespielt werden. Diesmal wird es gelingen. Kommen Sie vorbei, wir freuen uns über jeden Besucher, der unser zweistündiges Nachmittagstreffen mit dem bereichert, was er oder sie an Wissen über unsere Heimat verfügt. – Für Landsleute, die unsere Gruppe zum ersten Mal aufsuchen möchten, sei gesagt, dass wir uns an jedem 3. Dienstag im Monat treffen. Im August werden wir allerdings wegen vermehrter Urlaubsfahrten nicht zusammen kommen. Gäste dürfen uns die ersten Male kostenlos besuchen.

Witten – Montag, 19. Juni: Schifffahrt und Kaffeetrinken auf der Kemnade.

 

RHEINLAND-PFALZ

Vors.: Dr. Wolfgang Thüne, Wormser Straße 22, 55276 Oppenheim.

Mainz – Donnerstag, 22. Juni, 15 Uhr, Mundus Residenz, Große Bleiche 44: Treffen mit einer Lesung aus Büchern ostpreußischer Dichter. Wir freuen uns über jeden, der durch Vorlesen von Gedichten oder Geschichten zum Gelingen der Lesung beiträgt.

 

SACHSEN

Vorsitzender: Alexander Schulz, Willy-Reinl-Straße 2, 09116 Chemnitz, E-Mail: alexander.schulz-agentur@gmx.de, Telefon (0371) 301616.

Limbach – Donnerstag, 22. Juni, 14 Uhr, Eschemuseum, Sachsenstraße 3: Dankeschönfahrt eventuell nach Torgau.

 

SACHSEN-ANHALT

Vors.: Michael Gründling, Große Bauhausstraße 1, 06108 Halle,  Telefon privat (0345) 2080680.

Gardelegen – Montag, 19. Juni, 10 Uhr: Besichtigung der Übungsstadt Schöggersburg in der Colbitz, Letzlinger Heide. – Dienstag, 20. Juni, 14 Uhr: Tag der Heimatvertriebenen in Arendsee.

 

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Vors.: Edmund Ferner, Julius-Wichmann-Weg 19, 23769 Burg auf Fehmarn, Telefon (04371) 8888939, E-Mail: birgit@kreil.info

Landesgruppe – Sonntag, 25. Juni, 10 Uhr, Haus der Heimat, Kiel: Vertreterversammlung der Landesgruppe mit vielfältigen Programm. Vorgetragen werden die Referate „Was bedeutet der Wirtschaftsboykott gegen Russland für über 6000 Firmen aus Deutschland?“, „Welche wirtschaftlichen Beziehungen verbinden uns mit Polen?“ und „Welche Migrationskosten kommen auf uns zu?“.

Flensburg – Mittwoch, 21. Juni, 11.30 Uhr, Delfter-Stuben, Flensburg-Mürwik: Spargelessen.

Uetersen – Dienstag, 4. Juli: Eine Busfahrt ins Blaue gemeinsam mit dem Verein zur Erhaltung ostdeutschen Kulturgutes und dem KvD.

Mölln – Mittwoch, 28. Juni, 17 Uhr, Quellenhof: Traditionelles Matjesessen der Ortsgruppen. Anmeldung unter Telefon (04542) 5044. Bitte bis zum 25. Juni. Vor dem Essen wird unser Landesvorsitzender Edmund Ferner einen Vortrag über die Nationalhymne halten. Im Vordergrund stehen die Entstehung und die Bedeutung dieses Liedes.


Legendäres Ziel in Schwerin
Die Landesgruppe Bayern lädt zur diesjährigen Kulturfahrt ein

Die Landestreffen der Ostpreußen in Mecklenburg unter Leitung des Landesvorsitzenden Manfred Schukat und seines Geschäftsführers Friedhelm Schülke sind legendär. Dieses heimatliche Erlebnis ist Ziel der diesjährigen Kulturfahrt der bayerischen Landesgruppe von Donnerstag, den 21. bis Sonnabend, den 24. September. „Um diese Veranstaltung drumherum haben wir „Kultur pur“ eingeplant“, erklärt Jürgen Danowski, Kulturreferent der Landesgruppe Bayern. Er verspricht einen Ausflug mit vielen kulturellen Höhepunkten, die allesamt einen schönen Bezug zum historischen Nordosten, zum Preußenland, haben. Untergebracht ist die Reisetruppe in einem gemütlichen Landhaus bei Schwerin.

Erstes Ziel soll der Zieten-Ort Wustrau mit seinem prächtigen Schloss sein. Das dortige Brandenburg-Preußen-Museum ist aufgrund seiner neuen Exponate ebenfalls immer wieder sehenswert. Dann geht es in die mecklenburgische Landeshauptstadt Schwerin mit seinem Traumschloß, der historischen Altstadt und den Schweriner Seen. Die Teilnahme am Landestreffen der Ostpreußen ist schon deshalb ein besonderes heimatliches Erlebnis, weil es dorthin viele Landsleute aus Ost- und Westpreußen sowie aus Pommern verschlagen hat, die in besonderer Weise ihrer Lebensart treu geblieben sind. Aus Mecklenburg stammt eine ganz besondere preußische Königin, derer man auch mehr als 200 Jahre nach ihrem frühen Tod (1810) in Verehrung gedenkt: Luise Prinzessin zu Mecklenburg-Strelitz, die allseits bewunderte Königin Luise von Preußen. Ihr Elternhaus, das Schloss Hohenzieritz, wird am letzten Reisetag besuchen. Bevor es nach Franken und Bayern zurückgeht, wird dann im Schloss Ribbeck gerastet, wo aus jedem deutschen Bundesland ein Birnbaum wächst.

Weitere Informationen: Jürgen Danowski, Landeskulturreferent Bayern, Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen, Am Weinbergplateau 11, 91522 Ansbach, Telefon (0981) 488490 (Kanzlei) oder (0981) 84677 (privat).   PAZ


S. 19 Heimatarbeit

Trakehner auf 36 Seiten
Neuaufgelegte Broschüre über Ostpreußens berühmte Pferderasse

Bereits 1982 präsentierte das Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen zum 250. Jahrestag des Gestüts Trakehnen eine Ausstellung über die weltberühmte Zuchtstätte für edle Vierbeiner. Eine weitere – speziell zur Geschichte des Hauptgestüts – wurde zu den »1. Ellinger Trakehner-Tagen« im Jahre 2006 eröffnet. Aus diesem Anlass erhielt das Museum im Deutschordensschloss ein Modell  des Landstallmeisterhauses Trakehnen. 2008 folgte die Auflage eines Begleitheftes zu dieser Ausstellung, das relativ rasch vergriffen war.

Wegen des steten Interesses hat das Kulturzentrum nun eine zweite Auflage des Heftes herausgegeben. Sie wurde redaktionell überarbeitet und um weitere acht Seiten mit historischen Fotos ergänzt. Das Heft „Trakehnen – ein Pferdparadies“ beschreibt die Geschichte des Gestüts, beginnend mit der Entscheidung von König Friedrich Wilhelm I. vom 3. April 1713, mit der er die Verbesserung der Zucht in Ostpreußen anordnete.

1725 entschied der König, ein Hauptgestüt in der Gegend von Trakehnen zu errichten. Oberstallmeister Kurt Christoph von Schwerin konnte am 1. September 1732 die Inbetriebnahme des Königlichen Stutamtes mit 1100 Pferden melden. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich eine klare Zuchtlinie. Englische Halbblüter wurden zu dieser Zeit in die Zucht eingeführt. Stallmeister Friedrich von Schwiechow gab Mitte des 19. Jahrhundert dem englischen Vollblut den Vorzug, was zu einer glanzvollen Zuchtperiode führte, aus der Pferde mit Kraft, Härte und Ausdauer hervorgingen.

Mehrmals musste das Hauptgestüt Trakehnen in seiner Geschichte flüchten: vor den Truppen Napoleons 1806 ins Baltikum und erneut 1812 in die Nähe von Neustadt in Schlesien. Auch 1914 wurden zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Pferde nach Neustadt an der Dosse, nach Graditz, Düren und nach Niederschlesien verbracht. Die größte Flucht begann mit dem am 17. Oktober 1944 vom Landratsamt Stallupönen angesichts der vor den Toren stehenden russischen Streitkräfte gegebenen Räumungsbefehl.

Von insgesamt 26264 eingetragenen Stuten und 825 Hengsten erreichten knapp 1000 die westlichen Teile Deutschlands. Nur noch 18 in Trakehnen geborene Stuten bildeten 1945 in Deutschland den Grundstock für die Erhaltung der Rasse. Zuchten sind zudem noch in Russland und Polen vorhanden. In Polen werden die Vierbeiner mit Vorfahren aus Trakehnen „Masurische Pferde“ genannt.

Das 36-seitige mehrfarbige Heft beschreibt die baulichen Anlagen von Trakehnen, erklärt die Organisation, zeigt Originalaufnahmen des Fotografen Ottomar Anschütz von 1884 und zeichnet die Erfolge der Pferde bei sportlichen Ereignissen wie bei Querfeldeinrennen und den Olympischen Sommerspielen 1936 in Dressur und Military auf.

Mit den 18 im neuen Zuchtbuch eingetragenen Stuten gelang die Weiterzucht des „Warmblutpferdes Trakehner Abstammung“, 2003 waren 213 gekörte Hengste und 4137 Zuchtstuten vorhanden. Erwähnung findet zudem der Zustand des heute im Königsberger Gebiet liegenden Hauptgestüts, wo 2007 dessen 275-jähriges Bestehen gefeiert werden konnte und 2013 vor dem renovierten Landstallmeisterhaus das rekonstruierte Denkmal des Hengstes „Tempelhüter“ aufgestellt wurde.

                M. Fritsche

Die mit Unterstützung des Förderkreises Ostpreußisches Jagdmuseum und der Hans-Ludwig Loeffke Gedächtnisvereinigung erschienene Publikation wurde unter der Redaktion des Direktors der Kultureinrichtung, Wolfgang Freyberg, erstellt und kann beim Kulturzentrum Ostpreußen, Schloßstr. 9, 91792 Ellingen, Telefon (09141) 86440 oder info@kulturzentrum-ostpreussen.de für 5 Euro plus  Porto und Verpackung erworben werden.


Wo liegt Himmelforth?
Spielspaß mit Lerneffekt verspricht das neue Ostpreußenspiel

Von wo aus man die wunderschöne Heimat am besten erkundet? Von Königsberg aus natürlich. Genau dort startet die „Reise durch Ostpreußen“. Das Brettspiel mit der eindrucksvollen Landkarte ist ganz neu. Die Landsmannschaft Ostpreußen hat es entwickelt und produziert. Spaß, Spannung und jede Menge Wissen bietet es den Spielern. Zum Beispiel zum Thema Bernstein. Wird er vor allem in Palmnicken, Heilsberg oder Labiau abgebaut? Und wo um Himmelswillen – eine andere Frage – liegt Himmelforth?

Drei Antwortmöglichkeiten werden den Spieler bei allen Fragen vorgegeben. Wer daneben tippt, braucht dafür umso mehr Würfelglück oder strategisches Geschick. Die Regeln des vielseitigen Spielvergnügens sind einfach. Los geht es, wie gesagt, in Ostpreußens Hauptstadt am Pregel. Jeder Spieler – es können zwei bis vier sein – erhält verdeckt drei Zielkarten, deren Reihenfolge nicht verändert werden darf. Von nun an geht es kreuz und quer durch das Land zwischen Weichsel und Memel. Die Reisenden würfeln und ziehen mit ihren Kegeln in Richtung des Zieles. Kommen sie auf ein Feld mit Fragezeichen oder auf ein Städtefeld, dürfen sie eine Frage beantworten. Liegt der Ostpreußen-Reisende richtig, darf er mit seiner zweiten Spielfigur, einem Quader, auf der umlaufenden Punkteskala die entsprechende Punktzahl vorrücken. Erreicht er sein Ziel, erhält er fünf Punkte. Der Spieler, der als erstes sein drittes Ziel erreicht, beendet das Spiel. Aber aufgepasst: Am Ende gewinnt der Spieler mit den meisten Punkten.

Emtwickelt hat die „Reise nach Ostpreußen“ LO-Mitarbeiterin Christiane Rinser. Sie erzählt: „Das Spiel informiert auf unterhaltsame Weise über Ostpreußens Geografie, Geschichte und Literatur. Man lernt Land und Leute kennen. Alte Ostpreußen sollen sich zurückerinnern können an die Zeit vor dem Krieg, und sie können ihren Enkeln zeigen ‚Guck mal, hier bin ich aufgewachsen‘.“

Das ist auch der Grund, warum die Reise nach Ostpreußen in einer ziemlich originellen Verpackung daherkommt. Um das Land so detailliert wie möglich zu zeigen, besteht das Spielfeld aus einer 60 mal 60 Zentimeter großen Ostpreußenkarte aus stabilem und wasserdichtem Kunststoff. Verpackt ist sie mitsamt Spielkarten und Spielsteinen daher in einer stabilen Rolle.

Zu bestellen ist die rundum runde Sache mit dem vergnüglich-informativen Inhalt bei der Landsmannschaft Ostpreußen, Buchtstraße 4, 22087 Hamburg, rinser@ostpreussen.de, Telefon (040) 41400891. Es kostet 34,99 Euro zuzüglich Versandkosten (Inland 4 Euro, international 12,85 Euro)

Übrigens: Bernstein wird vor allem in Palmnicken abgebaut und Himmelforth liegt im Ostpreußischen Oberland.            PAZ


Spätaussiedlerzahl konstant
1215 Personen registriert – Koschyk: »erfreuliche Entwicklung«

Im ersten Quartal 2017 ist der Zuzug von Spätaussiedlern und deren Familienangehörigen im Vergleich zu den Vorjahreswerten konstant geblieben. Bis zum 31. März sind insgesamt 1215 Personen in Deutschland registriert worden. Im Vorjahreszeitraum waren es 1261 Personen. Ebenso ist die Zahl der gestellten Aufnahmeanträge vergleichbar: Im Januar, Februar und März 2017 waren es 3495, 2016 wurden 3611 verzeichnet.

Der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, zeigte sich zuversichtlich, dass sich die Zuzugszahlen von Spätaussiedlern ähnlich wie in den Vorjahren entwickeln werden: „2016 hat sich aufgrund der Novellierung des Bundesvertriebenengesetzes im Jahr 2013 der Zuzug von Spätaussiedlern und deren Familienangehörigen erfreulicherweise das vierte Mal in Folge erhöht. Im 1. Quartal 2017 hat sich diese Entwicklung stabilisiert. Damit bestätigt sich erneut, dass es uns mit der Gesetzesnovellierung 2013 gelungen ist, unnötige Hürden für Familienzusammenführungen abzubauen.“ Seit 1988 kamen nach den Bestimmungen des Bundesvertriebenengesetzes ungefähr drei Millionen Menschen – etwa 800000 aus den mittelosteuropäischen Staaten und etwa 2,2 Millionen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.


S. 20 Leserforum

Leserforum

Unheiliger Zweck heiligt unheilige Mittel der Satire

Zu: „Nazi-Schlampe“ keine Beleidigung, (Nr. 21)

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ist also laut NDR eine „Nazi-Schlampe“. Wenn diese Bezeichnung rechtens ist und endgültig straffrei bleibt, könnte ja jemand in den bundespolitischen Diskurs die Wortschöpfungen „SED-Flittchen“, „FDJ-Strichbiene“ oder „Stasi-Nutte“ einbringen, natürlich nur im Rahmen einer Satire und mit künstlerischem Anspruch.

Solches kennen wir aus der Weimarer Republik, wo Reichspräsident Ebert als „Landesverräter“, „vollgefressener Lump“, „roter Hund“ oder „Judas, der Arbeiter“ beschimpft wurde. Dieser Ungeist macht heutzutage aus dem von einer Tumoroperation betroffenen Thilo Sarrazin eine „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ und karikiert die AfD als zu jagende fette Ratte oder als verkappte Nazipartei (siehe Karikaturen in der „Rheinischen Post“ vom 29. Januar 2016 beziehungsweise 24. Januar 2017).

Mit der Devise des Horaz, mit einer Satire „lachend die Wahrheit zu sagen“, hat das alles nichts mehr zu tun. Weder überragt jener pöbelnde Moderator des NDR seine Zeitgenossen an Sitten und Moral, was ihm ein gewisses Recht zur Kritik gäbe, noch sucht er aus Liebe zur Wahrheit die Welt zu bessern. Nein, er lästert nur frech nach der giftigen Methode der Petzer in der Hoffnung, dass von seiner Verleumdung etwas hängen bleibt. Dieser unheilige Zweck heiligt auch die unheiligen Mittel, meinte das Landgericht Hamburg.

Adolf Frerk, Geldern

 

 

Linkes Störfeuer gegen das Kreuz sollte man rasch löschen

Zu: Krönender Abschluss (Nr. 21)

Es freut, dass eine großzügige Einzelspende die vollständige Rekonstruktion der historischen Kuppel mit Laterne und vergoldetem Kranz ermöglicht.

Über der Errichtung des Kreuzes hat inzwischen eine merkwürdige Debatte begonnen, inwieweit ein christliches Kreuz auf einem weltlichen Bau wie demHumboldtforum seine Berechtigung hat. Die Kritik kam zunächst aus der Stiftung „Zukunft Berlin“, der sich der Senat, besonders in Person des Kultursenators Klaus Lederer, angeschlossen hat.

Es ist schon merkwürdig, wie in unserem christlich geprägten Land mit christlichen Symbolen inzwischen im Zeichen einer vermeintlichen Neutralität zu weiteren Religionen umgegangen wird. Auch ohne Schlosskapelle unter der Kuppel behält das Kreuz seine Berechtigung als städtebaulicher Schlusspunkt über der Kuppel des Haupteingangsportals des Schlosses, dem Humboldtforum. Es ist zu wünschen, dass die „Stiftung Humboldtforum“ als Bauherr dieses Störfeuer auslöscht und die historische Kuppel in ihrer Gesamtheit wiederentsteht.

Joachim H. Moeller, Berlin

 

 

Die Alternative zu Angela Merkel heißt Angela Merkel

Zu: Ein Rohrkrepierer (Nr. 20)

Kanzlerin Merkel ist verantwortlich für das völlig außer Kontrolle geratene Flüchtlingsdrama. Ein Nachdenken war und ist nicht angesagt. Das Drama ist ja noch lange nicht vorbei. Denn jetzt kommen die neuen „Flüchtlinge“. Jetzt suchen auch jene Türken um Asyl nach, die sich gegen das Referendum für Verfassungsänderungen ausgesprochen haben.

Die Kanzlerin will härter gegen Impfverweigerer vorgehen. Um etwas zu verweigern, muss auch etwas vorhanden sein. Es ist doch Tatsache, dass viele Impfstoffe nicht vorhanden sind, oder aber man muss monatelang auf eine Impfung warten. Eine Ärztin eines Gesundheitsamtes hat auf die Frage, warum nur sehr schwer beziehungsweise keine Impfstoffe zu bekommen sind, geantwortet: „Wie heißt die behandelnde Ärztin, und wechseln Sie doch den Hausarzt.“

Warum gibt es überhaupt das Problem? Sollten etwa die Impfungen der Flüchtlinge eine wesentliche Ursache dafür sein? Jeder, der einen Arzt- und Krankenhausbesuch machen muss, sollte sich vorher informieren, welche Sprachführer zu besorgen sind. Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch aus einer OP kommt und von einem Arzt gefragt wird, der der deutschen Sprache offensichtlich kaum mächtig ist.

Angela Merkel glaubt, dass uns alle (fast alle) Welt gut gesonnen ist. Sie sollte sich in der Welt umhorchen, wenn keine Kameras eingeschaltet sind. Die Bundeskanzlerin erklärt aller Welt, wie gut es uns Deutschen geht. Die Behauptung, dass es kaum Arbeitslosigkeit gibt, ist unverschämt. Denn viele Teilzeitjobs und die meisten 450-Euro-Jobs sind nichts weiter als getarnte Arbeitslosigkeit. 30 oder 40 Jahre wöchentlich 40 bis 45 Stunden wöchentliche Arbeitszeit und trotzdem Altersarmut? Immer mehr Zuzahlungen im Gesundheitswesen, ohne wirklich etwas davon zu haben?

Wenn irgendwo auf der Welt finanzielle Probleme auftreten, Frau Merkel hilft. Ruft ein Flüchtling nach Hilfe jeglicher Art, Frau Merkel hilft. Sie teilt uns emotionslos mit, dass Steuern und Abgaben erhöht werden müssen.

Soweit zur Feststellung, dass die Alternative zu Angela Merkel nur Angela Merkel sein kann. Übrigens ist auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zusammen mit CDU, Linken und Grünen keine Alternative.

Heinz-Peter Kröske, Hameln

 

 

Purer Aktionismus

Zu: Der Irrsinn regiert (Nr. 22)

Ja, die Bundeswehr hat ein Problem, und das heißt Ursula von der Leyen. Jahrelang wurde die Bundeswehr kaputtgespart. Die Amtsführung der jetzigen Verteidigungsministerin schwächt sie zusätzlich. Ihre bisherigen Maßnahmen zielen eher auf eine „Bundeswehr light“ oder gendergerechte Truppe hin. Es ist zu befürchten, dass die Bundeswehr, wenn das so weitergeht, ihrem Schutz- und Verteidigungsauftrag bald nicht mehr nachkommen kann.

Wenn gerichtliche Untersuchungen zu den Vorfällen in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf ergeben haben, dass kein Ermittlungsverfahren einzuleiten sei, desgleichen umfangreiche sorgfältige interne Ermittlungen zu den Ausbildungsmethoden ebenfalls keine strafbaren Handlungen feststellen konnten und dennoch vom Bundesverteidigungsministerium am Verdacht der „Schikane und sexuellen Übergriffe“ festgehalten wird, ist das unredlich. Die ganze Bundeswehr unter einen Generalverdacht zu stellen und ein Klima der pauschalen Verdächtigungen zu schaffen, zeugt nicht von Führungsqualität und ist unverantwortlich. Es widerspricht auch der, ihr als Dienst­herrin und Oberbefehlshaberin obliegenden Verantwortung und „Fürsorgepflicht“.

Die „Säuberungsaktionen“ in­nerhalb der Bundeswehr sind reiner Aktionismus. Der Traditionserlass von 1982 ist nach wie vor angemessen und sollte gültig bleiben. Dieser krankhafte einseitige Umgang mit der Geschichte und den Traditionen wird von den etab­lierten Parteien zunehmend als „Herrschaftsinstrument“ genutzt, um ihre Deutschland destabilisierende Politik zu rechtfertigen.

Barbara Kanwischer, Braunschweig


S. 21 Lebensstil

Nächtliche Bildershow
Magische Illumination – Die Franzosen tauchen den Sommer über ihre Bauwerke in ein besonderes Licht

Lichtkunst besteht nicht nur aus Effekten, sie kann auch Geschichte und Geschichten erzählen.

Klang- und Lichtspiele, „Son et Lumière“, wurden in Frankreich erfunden, genauer von Paul Robert-Houdin, der als Kurator von Schloss Chambord 1952 dessen Geschichte erstmals auf die Fassade projizierte. Bis heute sind Multimedia-Shows mit und ohne lebende Darsteller die große At­traktion in französischen Städten.

Auch bei der jüngsten Generation von Lichtkünstlern blickt die Welt nach Frankreich. Ein Meister seines Faches ist Damien Fon­taine. Der Komponist und Regisseur aus Nancy beherrscht die Klaviatur der Lichteffekte wie kaum ein anderer. Auf kunstvoll-poetische Weise spielt er mit der Architektur, lässt sie sich auflösen und wiederauferstehen, hebt je­des architektonische Detail in immer neuen Varianten hervor und integriert – wie von Zauberhand – szenische Darstellungen. Dabei ist Multimedia neben aller Kunst Präzisionsarbeit: Eine Verschiebung von einem Millimeter bei den Projektoren kann sich bis auf über zehn Zentimeter auf der Fassade ausweiten!

Mit seinen märchenhaften Shows ist es Fontaine in den vergangenen zehn Jahren gelungen, nicht nur von Straßburg bis zur Côte d’Azur Millionen von Menschen zu begeistern, sondern auch in Monaco, Dubai, Moskau, Libre­ville, Dakar, Rabat, Sao Paulo, New Orleans, Chicago, Jerusalem, Beirut oder Casablanca. In Shanghai gehörte er 2010 zu der hochkarätigen internationalen Künstlerschar, welche die Weltausstellung eröffnete.

In Bukarest realisierte er am 20. September 2014 die bisher flächenmäßig größte Multimedia-Show Europas. In fünf Minuten und 55 Sekunden feierte er auf der 300 Meter langen und fast 100 Meter hohen Fassade des unter Ceausescu erbauten Parlaments das 555-jährige Stadtjubiläum. Gebäudemäßig größer ist nur das Pentagon. Das Spektakel von Bukarest wurde nur fünfmal wiederholt. Eine Aufzeichnung bewahrt das Internet.

Das vielleicht längste Spektakel ist der poetische Erlebnisweg in Chartres (Île-de-France), auf dem an 183 Abenden vom 8. April bis 7. Oktober insgesamt 24 zentrale Sehenswürdigkeiten und Schauplätze mit Musik und Licht in Szene gesetzt werden: die zum Unesco-Welterbe gehörende gotische Kathedrale, der benachbarte ehemalige Bischofspalast, heute Kunstmuseum, die historischen Viertel der Altstadt und die Ufer der Eure. Höhepunkt ist das Lichtfest am 16. September. Mit einem besonderen Programm vergrößert sich dabei das Angebot um Kerzen, Lampen, leuchtende Straßenkunst und vieles andere mehr.

An der Kathedrale von Sens (Yonne) erwachen im Schein der Projektoren Fabelwesen und Re­liefs zu schillerndem Leben (noch bis zum 16. September). Die Kathedrale Saint-Gatien in Tours (Loire) erzählt jeden Abend

20 Minuten lang von der Geschichte der Stadt und vom Leben und Wirken des wohltätigen heiligen Martin, des vor 1700 Jahren geborenen dritten Bischofs der Stadt, der bis heute von Pilgern in Tours verehrt wird (Juli bis September).

Die Geschichte der Jeanne d’Arc beleuchtet sowohl in Orléans (Loire) die Kathedrale Sainte-Croix (bis 16. September), als auch die Basilika von Domremy-la-Pucelle (Vogesen), jenem Ort, wo am 6. Januar 1412 Frankreichs Nationalheldin geboren wurde und wo sie seit einigen Jahren in einem Riesenspektakel eine Stunde und 45 Minuten lang wieder zum Leben erwacht. Verblüffende optische Täuschungen und 3D-Effekte bestimmen Damien Fontaines diesjährige Neuproduktion, zu der in dem 126-Seelen-Ort an acht Abenden 250 Darsteller auftreten. In aktionsreichen Bildern schildern sie den Versuch Karls VII., die Jungfrau 20 Jahre nach ihrem Tod zu rehabilitieren (23. Juni bis 8. Juli).

Eine farbenfrohe Multimedia-Show ist allabendlich auch Attraktion auf dem Schloss von Blois (Loire). Audioguides erlauben, die Geschichte der französischen Könige simultan in neun Sprachen zu verfolgen (April bis September). Seit 39 Jahren eine Institution ist das Renaissance-Spektakel auf Schloss Amboise (Loire), wo Damien Fontaine dieses Jahr ebenfalls eine neue Produktion realisierte. Wieder sind 250 Darsteller dabei, um im Schein der Lichteffekte ein mehrdimensionales Geschichtsspektakel darzustellen (1. Juli bis 26. Au­gust). Mit scheinbar unermüdlicher Energie hat Fontaine auch für Epinal (Vogesen) eine neue Lichtshow kreiert: ein 200 Meter langes Panoramaspektakel am Ufer der Mosel (22., 23., 24. Juni).

Vom Krieg zum Frieden, aus den Flammen ins Licht steht über der Aufführung von Pont-à-Mousson (Meurthe-et-Moselle), welche die Schlacht von Verdun auf zwei Hektar Fläche, mit 250 Schauspielern, 900 Kostümen, 1000 Projektoren und 40 Kilometern Kabel in Szene setzt. Die aufwendige Freiluft-Inszenierung über die Schrecken des Ersten Weltkriegs endet mit einem Handschlag der Versöhnung zwischen einem französischen und einem deutschen Soldaten: Die Feinde von gestern sind zu Freunden geworden (16. Juni bis 29. Juli).

                Helga Schnehagen


Theo van Doesburgs Stil
Vor 100 Jahren erfand ein Bauhäusler die Kunstrichtung »De Stijl«

Es gibt in Weimars Lexikon zur Stadtgeschichte einen langen Beitrag zum Bauhaus. Doch Theo van Doesburg mit seiner speziellen Beziehung zum Bauhaus findet darin keine Berücksichtigung. Das wirft Fragen auf, zumal Doesburg längere Zeit in Weimar wirkte, dem Bauhaus maßgebliche Impulse vermittelte und die Bauhäusler polarisierte. Doch fraglos war das Multitalent, das vor 100 Jahren die Kunstrichtung „De Stijl“ be­gründete, eine Künstlerpersönlichkeit von europäischer Bedeutung und großer Nachwirkung.

Der Künstler wurde 1883 als Christian Emil Marie Küpper in Utrecht geboren. Er offenbarte früh künstlerische Begabung und eignete sich in Ermangelung entsprechender Finanzmittel für ein Kunststudium sein Kunstwissen weitgehend autodidaktisch an. Küpper verdiente sich seinen Unterhalt zunächst als Schauspieler, versuchte sich dann auch als Kunstkritiker, ehe er sich ganz der bildenden Kunst widmete. Dabei nannte er sich nach seinem Stiefvater Theo van Doesburg.

Sein Schaffen reichte anfänglich von Landschaften über Porträts bis zu Karikaturen. Während des Ersten Weltkriegs schuf er Porträts seiner Gefährtin, die er in eine Komposition aus rechteckigen Glasscheiben übersetzte. Fortan dominierten geometrische Strukturen. Doesburg lernte zu­dem als Soldat Piet Mondrian sowie Jacobus Johannes Pieter Oud kennen. Mit diesen Gesinnungsfreunden gründete er nach der Künstlergruppe „De Stijl“ am 16. Juni 1917 die internationale Kunstzeitschrift „De Stijl“. Der Titel orientierte sich an der einst spektakulären Schrift des deutschen Architekten Gottfried Semper. In ihrer Zeitschrift publizierte die Gruppe 1918 ihr Manifest. Die Künstler strebten durch „Konzentration aufs Wesentliche ihrer Disziplin nach einer universellen bildnerischen Sprache“ und wollten das „gesamte menschliche Umfeld nach den Prinzipien des Neoplastizismus gestalten“.

Nach einem Werbefeldzug in Berlin kam es 1921 zur längeren Übersiedlung nach Weimar. Das Bauhaus faszinierte Doesburg. Seine Geometrisierung der Kunst fand in Weimar viele Befürworter bis hin zum Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy. Für Gropius allerdings war der polemische Niederländer zu radikal in seinen Ansichten. Beide kollidierten, zumal der „De Stijl“-Papst das Bauhaus-Manifest und die Bauhaus-Lehre als zu romantisch sowie gegenwartsfern attackierte. Dazu kam, dass Doesburg und seine dritte Ehefrau Nelly Studienkurse am Bauhaus abhielten, in denen sie die konstruktivistische Gestaltungsform favorisierten und die gängige Bauhauspraxis mit handwerklicher sowie expressionistischer Arbeitsweise als „veraltet“ attackierten.

Zahlreiche Glasfenster, die Peter Keler und Andor Weininger in der Glaswerkstatt des Bauhauses schufen, und auch die Experimente von Anny Wottitz in der Buchbinderei-Werkstatt belegen den Einfluss, den Doesburg zeitweilig in Weimar ausübte. Die ohnehin kontroverse Suche nach dem richtigen Weg in die Moderne be­kam durch „De Stijl“ zusätzliche Nahrung. Doch die Ablehnung durch Gropius, der zu keiner Zusammenarbeit mit dem Ober-Avantgardisten bereit war, vergällte Doesburg auf Dauer das Weimarer Engagement.

Er kehrte nach einem Paris-Aufenthalt als Wanderprediger für seine Moderne-Fassung in die Niederlande zurück, entzweite sich über den ausufernden Diagonale-Streit auch mit Mondrian sowie anderen Künstlern und realisierte schließlich einen Großauftrag in Straßburg nach seinen Moderne-Vorstellungen. Doch der dabei entstandene Unterhaltungspalast wurde nach Ablehnung durch die Öffentlichkeit einige Jahre später künstlerisch umgewandelt. Sein eigenes Atelierhaus in Meudon bei Paris gilt als sein letztes Projekt. Wenige Wochen nach der Fertigstellung starb Doesburg bei einem Aufenthalt in Davos am 7. März 1931 an Herzversagen.      Martin Stolzenau


Im Stangentaxi
Fast einzigartig – Solinger Oberleitungsbusse

Was die Schwebebahn für Wuppertal ist, das sind die Oberleitungsbusse für Solingen: ein Markenzeichen des öffentlichen Personennahverkehrs. Den gibt es in der Stadt zwar schon seit 1896, allerdings zunächst dominiert durch die Straßenbahn. Im Zweiten Weltkrieg führten die Bombenangriffe der Alliierten jedoch zu beträchtlichen Schäden in deren Infrastruktur. Der mo­derne, zweigleisige Ausbau des Netzes hätte rund zehn Millionen Mark gekostet – zu viel Geld für damalige Verhältnisse.

So beschlossen die Stadtväter, die Straßenbahnen einzustellen und stattdessen Oberleitungsbusse einzusetzen. Vor 65 Jahren, genauer: am 19. Juni 1952, war es dann soweit: Der Streckenabschnitt zwischen dem Graf-Wilhelm-Platz und dem Hauptbahnhof konnte in Betrieb genommen werden. Die im Volksmund Stangentaxi genannten Fahrzeuge fahren auch heute, inzwischen in moderneren Versionen. Neben Esslingen am Neckar und Eberswalde ist Solingen die einzig verbliebene Stadt in Deutschland, in der noch Oberleitungsbusse eingesetzt werden.

In Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Solingen führt das Obus-Museum von April bis Ok­tober eines jeden Jahres je­weils am zweiten Sonntag eines Monats Fahrten mit historischen  Stangentaxis durch Solingen durch. Dies geschieht in einem O-59. Im Jahre 1959 erbaut, war das Fahrzeug bis 1974 im regulären Linienbetrieb unterwegs. Seit dem Jahre 2007 wird der Wagen nach umfangreicher Restaurierung für Sonderfahrten genutzt.

Die Strecke führt von Ohligs über Wald in den Stadtteil Burg, der für sein historisches „Schloss“ bekannt ist. Jeweils 28 Personen können an einer Fahrt teilnehmen. Einstieg ist hinten beim Schaffner, Ausstieg in der Mitte und vorne beim Fahrer. Hartschalensitze, eine Klingel mit Zug für den Haltewunsch, die mündliche Ansage der Haltestellen (und eben nicht per elektronischer Durchsage vom Band) und viele an­dere Details wie die Ausstattung des Fahrer-platzes und die Drehscheibe für den Fahrtrichtungswechsel an der Endhaltestelle (sie gilt als Kuriosität) illustrieren das historische Ambiente der Tour.

Es gibt nicht nur den Fahrer und Schaffner. Ein Touristenführer stellt an einigen Stellen historisch und technisch interessante Details vor. Eine Tour dauert rund 45 Minuten. Der Ein- und Ausstieg ist an verschiedenen Haltestellen möglich. Als auswärtiger Besucher kommt man schon leicht ins Staunen, wie groß und langgezogen die Klingen- und Seidenstadt ist. Andreas Rüdig


Das Wunder von Görlitz

Zum 22. Mal lädt die Stadtverwaltung Görlitz am 18. Juni zum „Tag der offenen Sanierungstür“ ein. Interessierte Besucher erhalten wieder spannende Einblicke in sehr unterschiedliche Gebäude in Sanierung oder vor der Sanierung. Ebenfalls am 18. Juni eröffnet das Kulturhistorische Museum in der Bastei Kaisertrutz seine Sonderausstellung „Das Wunder von Görlitz“. Ge­meint ist das „Wunder der Görlitzer Altstadtmillion“, die ein unbekannter Mäzen der Stadt seit 1995 zum Zweck der Altstadtsanierung jährlich gespendet hat.

Eine Million war es zu D-Mark-Zeiten, später betrug die gespendete Summe 511500 Euro. Insgesamt wurde die deutsch-polnische Grenzstadt mit 11,08 Millionen Euro beschenkt. Die letzte Zahlung in Höhe von 340000 Euro ging im April 2016 ein. Wunschgemäß wurde das Geld nur für die Sanierung denkmalgeschützter Gebäude in der historischen Altstadt verwendet. Über die Verteilung an private und öffentliche Antragsteller entschied jeweils das Kuratorium der eigens zu diesem Zweck gegründeten Altstadtstiftung. Insgesamt wurden rund 1600 Projekte unterstützt. Stellvertretend für viele Begünstigte möchte sich die Stadt nun bei ihrem großzügigen Sponsor mit einer Schau über 20 ausgewählte Denkmalprojekte und ihre Geschichte bedanken.

In der Stadt erkennt man die mit Hilfe der „Wundermillion“ geförderten Gebäude an einer Edelstahltafel mit der Aufschrift „Gefördert durch die Altstadtstiftung Görlitz“. Zuschüsse für Sanierungsmaßnahmen erhielten Kirchen, städtische Gebäude wie das Rathaus und vor allem private Bauherren für die Sanierung von Bürgerhäusern. Profitiert hat auch die seit 2008 als Kultur- und Begegnungsstätte genutzte ehemalige Synagoge, ferner das Heilige Grab und der prächtige Brunnen „Muschelminna“ auf dem Postplatz. Am 20. Juni wird die schienengebundene historische Pferdebahn zwischen Postplatz und Kaisertrutz verkehren. Das Gefährt aus dem Jahr 1882 war als Gartenlaube genutzt worden, be­vor es aus Mitteln der Altstadtstiftung restauriert und teilweise neu aufgebaut wurde.

Außer den Spendenmillionen wurden in Görlitz bisher Städte­baufördermittel in Höhe von 171 Millionen Euro für Sanierungsmaßnahmen eingesetzt. In seiner Geschichte ist Görlitz von großen Verheerungen weitgehend verschont geblieben. Nach Kriegs­ende 1945 geriet die Vorstadt östlich der Neiße als Zgorzelec unter polnische Verwaltung. Zur DDR-Zeit war die historische Bausub­stanz dem Verfall preisgegeben. Heute gilt Görlitz als eine der schönsten Städte des Landes. Vorbildlich restaurierte Bauwerke der Spätgotik, der Renaissance, des Barocks, des Historismus und des Jugendstils prägen das Stadtbild. Türme und Reste von Wehranlagen erinnern an die stolze Vergangenheit der einst reichen Tuchmacher- und Handelsstadt.

Augenzwinkernd und nicht ohne Stolz nennt sich Görlitz auch „Görliwood“, seitdem hier mehrere Filme gedreht wurden, zuletzt der Hollywoodfilm „Grand Budapest Hotel“. In diesem Jahr wird Görlitz erneut zur Filmkulisse: Zehn internationale Kinofilme sind geplant. Daher kennt und bewundert man selbst im Ausland die „Perle der Oberlausitz“, was auch den unbekannten Sponsor freuen dürfte.        D. Jestrzemski


S. 22 Bücher im Gespräch

Wie Politiker
Finanzexperte legt Schwächen seiner Kollegen offen

Das Buch „Der Weg ins Verderben“ ist ein Hammer. Einer aus der Finanzelite legt schonungslos die Schwächen seiner Kollegen offen: „Die meisten Ökonomen sind keine Wissenschaftler. Ökonomen verhalten sich wie Politiker, Priester, Dogmatiker oder Demagogen. Sie ignorieren Tatsachen, die nicht zu ihren Paradigmen passen.“ Seit 70 Jahren herrsche „intellektueller Stillstand“. Immer noch arbeiteten sie stur mit „ungeeigneten Gleichgewichtsmodellen“. Sie hielten an fehlerhaften Paradigmen fest und ignorierten „Verhaltenspsychologie, Komplexitätstheorie und kausale Interferenz“.

James Rickards präsentiert keine leichte Lektüre. Man muss sich hineinarbeiten, wird aber belohnt mit Einblicken und Erkenntnissen und der Einsicht, dass „komplexe Systeme sich völlig anders verhalten als Gleichgewichtssysteme“.

Alles, was er schreibt, ist erlebtes Wissen aus intimer Kenntnis des Wechselspiels zwischen Staat, Finanzwesen und Wirtschaft. Im ersten Kapitel „Dies ist das Ende“ sind zwei Sätze besonders wichtig: „Die globalen Eliten haben dem Bargeld den Krieg erklärt, um das Entstehen alternativer Märkte zu unterdrücken“ und „Die Sparer müssen in ein komplett digitales System gezwungen werden, bevor negative Zinsen kommen werden. Dann wird Ihr Geld Ihnen wie ein Juwel in einer Glasvitrine bei Cartier erscheinen: Sie können es sehen, aber nicht anfassen“.

In dem Kapitel „Eine Währung, eine Welt, eine Ordnung“ legt Rickards minutiös dar, dass „ein Top-down-Herrschaftsprozess gar nicht nötig sei, um die Welt über Geld zu regieren – der tatsächliche Prozess ist viel subtiler“. Fazit: „Die Fusion von globalem Datenaustausch, globaler Durchsetzung von Steuergesetzen und globaler Besteuerung von Brutto-einkünften versetzt entwickelte Wirtschaftsmächte in die Lage, die maximalen Mengen an Wohlstand aus den produktiven Sektoren zu extrahieren, um damit unproduktive Eliten zu versorgen. Das geht so lange gut, bis das gesellschaftliche Gefüge zusammenbricht – das übliche Schicksal von Zivilisationen, die eine späte Stufe parasitären Prälatentums erreichen“. Das Problem seien die „Eliten“, die fern der Realität in „Blasen“ lebten.

Das Faszinierende an dem Buch sind die historischen Rückblicke und die bestechenden Analysen der Vorgänge. „Weltordnungen“ habe es schon immer gegeben, denn die „Alternative zur Ordnung ist das Chaos“. Dennoch seien alle Ordnungen und „Reiche“ immer wieder zerfallen. Heute gehe der Trend beharrlich in Richtung „mehr Staatsmacht, höhere Steuern, weniger Freiheit“. Wir würden stückchenweise der Freiheit beraubt. Komplexe Dynamiken seien so alt wie die Menschheit, doch statt sie sorgfältig zu analysieren, gingen die „Eliten“ den bequemsten Weg und operierten mit „veralteten Gleichgewichtsmodellen“.

Erleuchtend und aufschlussreich sind die Kapitel „Vorbeben 1998“, „Vorbeben 2008“ und „Erdbeben 2018“. In diesen werden die Hintergründe der Finanzkrisen mit den vielfältigen „Blasen“ diskutiert und gezeigt, dass „Gelddrucken“ keine Lösung ist. Die Welt sei inzwischen „ein Minenfeld von faulen Krediten, das nur darauf wartet, in die Luft zu gehen“. Eine bösartige Bedrohung sei die Deflation. Verschuldete Gesellschaften könnten nicht mit „neuem Geld“ saniert werden und scheitern, sodass 2018 mit einem Kollaps des Systems zu rechnen sei. Dennoch werde es zu einem „Freudenfeuer der Eliten“ kommen. Doch der „Triumph der Globalisierung über den Nationalismus beflügelt heute neu erwachende nationalistische Strömungen“. Unter Donald Trump überdenken die USA ihre nationalen Interessen.

Das spannendste Kapitel heißt „Kapitalismus, Faschismus und Demokratie“ und beruht auf einer historischen Analyse von Joseph Schumpeter. Er argumentiert induktiv und gibt der Realität den Vorzug vor Abstraktionen. Für Schumpeter war Sozialismus keine Diktatur des Proletariats, vielmehr ein vom Staat gesteuertes Wirtschaftssystem, das von Eliten betrieben wurde, die er „Planer“ nannte. Profiteure sind die Planer und die Arbeiter, die Verlierer die „Mittelklasse“. Eine McKinsey-Studie von 2016 warnte: „Heute läuft die jüngere Generation Gefahr, am Ende ärmer dazustehen als ihre Eltern.“ Abschnitte wie „Die neuen Prätorianer“ und „Der neue Faschismus“ sollte die geistige Mittelschicht lesen, um Politik zu verstehen, die düsteren Prognosen noch abzuwenden oder wenigstens abzumildern. Den Rezensenten hat das Buch klüger gemacht und ungemein bereichert.

Wolfgang Thüne

James Rickards: „Der Weg ins Verderben. Wie die Eliten die nächste Krise vorbereiten und wie Sie sich davor schützen können“, Finanzbuch-Verlag, München 2017, gebunden, 381 Seiten, 24,99 Euro


Schlüssige Analyse
Gründe für Zweiten Weltkrieg

In den vergangenen Jahren wurde durch zahlreiche Publikationen deutlich, dass der Erste Weltkrieg viele Väter hatte, die vor allem in den USA und Großbritannien zu suchen sind. Letzteres gilt offenbar analog für die Fortsetzung des Völker-Ringens ab 1939, wie Michael Steinmetz in seinem Buch „Wege in den II. Weltkrieg“ anhand diverser Quellen darlegt.

Die selbigen zeigen, mit welcher Zielstrebigkeit der US-Präsident Franklin D. Roosevelt Großbritannien, Frankreich und Polen in den Krieg mit Hitler hineinmanövrierte. Dabei saß der natürliche Feind der Vereinigten Staaten eigentlich in Moskau, was man in Washington aber erst viel zu spät begriff. Diese Blindheit resultierte aus dem Drang, Großbritannien als Weltmacht abzulösen und zum Juniorpartner der USA zu degradieren. Und das ist Roosevelt ja auch gelungen.

In ähnlicher Weise gehörte Frankreich zu den Verlierern des Zweiten Weltkriegs, denn es büßte genau wie das Empire den größten Teil seines Kolonialreichs und seiner Machtstellung ein. Insofern kam Hitler dem US-Präsidenten wohl gerade Recht. Andererseits musste Roosevelt dann aber auch Amerika selbst in den Krieg führen, als Deutschland und Japan nach den britischen und französischen Niederlagen in Europa beziehungsweise Asien anfingen, autarke Großräume zu schaffen. Denn diese waren dem Mann im Weißen Haus ein Dorn im Auge, weil sie die Globalisierung bremsten, welche seinen Hintermännern in der Wirtschafts- und Finanzwelt schon damals immense Profite bescherte.

Steinmetz‘ Analyse der politischen Konstellationen rund um den Zweiten Weltkrieg ist schlüssig und daher äußerst lesenswert.

Wolfgang Kaufmann

Michael C. Steinmetz: „Wege in den II. Weltkrieg. Die Konfrontation in Europa und Roosevelts Kriegskurs“, Osning-Verlag, Bielefeld/Garmisch-Partenkirchen 2016, gebunden, 336 Seiten, 36 Euro


Licht ins Dunkel
Weltfinanzsystem erklärt

Die globale Finanzpolitik ist zumeist recht undurchsichtig. Dass sie es selbst für Fachleute ist, belegt das Buch des Wirtschaftsexperten Hans-Jürgen Jakobs, der jahrelang für den „Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb sowie Chefredakteur des „Handelsblatts“ war.

Ausgehend von der Frage „Wem gehört die Welt“ hat sich ein Team von 30 Korrespondenten des „Handelsblatts“ die Aufgabe gestellt, Licht in das Dunkel des globalen Finanzsystems zu bringen und aufzudecken, wer eigentlich den Weltmarkt lenkt.

Im Vorwort geht Jakobs beispielhaft auf die Deutsche Bank unter Josef Ackermann ein. Als der Vorstandschef 2011 Aufsichtsrat seiner Bank werden wollte, wurde das verhindert. Doch von wem? Die Recherchen führten zur New Yorker Firma Blackrock und deren Chef Lawrence Fink, einem der weltweit größten Vermögensverwalter. Dieser, wie auch 200 weitere mächtige Akteure des Weltfinanzwesens, wird in Porträts vorgestellt, sodass das Buch auch als Nachschlagewerk genutzt werden kann. Leider fehlt ein Register der vorgestellten Personen.    MRK

Hans-Jürgen Jakobs: „Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus“, Knaus Verlag, München 2016, 680 Seiten, 36 Euro


Traumurlaub Kreuzfahrt
Karsten Eichner gibt Tipps für eine angesagte Art, die Ferien zu verbringen

Die Kreuzschifffahrtbranche boomt, und ein Ende ist nicht abzusehen. Seereisen sind eine beliebte Urlaubsart, die sich inzwischen fast jeder leisten kann. Karsten Eichner gibt mit seinem Buch „Traumschiff Ahoi – Das Kreuzfahrt 1 x 1“ Orientierung und Hilfe in der vielfältigen Welt der Ozeanreisen.

Früher war eine Kreuzfahrt eine exklusive Urlaubsart für einen überschaubaren Kundenkreis. Mit Einführung der Clubschiffe, auf denen es so locker zugeht wie in einem Ferienclub an Land, wurden diese Reisen auch für Familien interessant. Heute gibt es Ozeanreisen für jeden Geschmack, und Eichner erklärt die unterschiedlichen Möglichkeiten. Schon die Schiffswahl bietet eine unerwartete Bandbreite, denn neben dem klassischen Kreuzfahrtschiff laden auch gewaltige Mega-Cruiser, Clubschiffe, Luxusyachten, Expeditionsschiffe, Postschiffe, Fähren, Flussschiffe und sogar Frachter zu Seereisen ein. Bei den Routen ist die Auswahl ebenfalls groß.

Es gibt die Klassiker wie Norwegen, Mittelmeer, Karibik und Transatlantikroute, ebenso Ostsee, Südostasien oder eine Reise rund um die Welt, die auch in Teilabschnitten gebucht werden kann. Wichtig ist dabei die Jahreszeit, und so kann sich der Reisende nach dem Kreuzfahrtkalender die verschiedenen Reviere rund um den Globus aussuchen. Dabei spielen die Reederei, das Konzept des Schiffes und die davon angesprochenen Mitreisenden wichtige Rollen. Auch beim Bordleben gibt es viele Dinge zu beachten: Die Art und die Position der Kabine im Schiff, die verschiedenen Restaurants von Erter Klasse bis zum Buffet, das Unterhaltungsprogramm, Sport- und Wellness-Angebote, Landgänge und Seetage.

Eichners „Kreuzfahrt 1 x 1“ ist ein informativer Leitfaden, mit dem man sehr gut durch die Vielfalt der Möglichkeiten navigieren kann. Er schreibt spannend und kenntnisreich über die Welt der Passagierschifffahrt und macht der Landratte Lust, eine Seereise zu unternehmen, gibt dem Kreuzfahrtanfänger wichtige Tipps, aber auch der erfahrene Reisende findet hier sicher noch Anregungen. Nach einem launigen Einstieg zur sprachlichen Kursbestimmung, einem interessanten Überblick in die Geschichte der Seereise, in dem er auch „Literaten auf See“ wie Charles Dickens, Mark Twain oder Thomas Mann zitiert, gibt er sehr umfassende Informationen rund um das Thema Kreuzfahrt. Eine Erklärung nautischer Begriffe, eine Liste von Kreuzfahrtanbietern, Literaturhinweise und ein Logbuch runden das unterhaltsame und lesenswerte Buch ab.            Britta Heitmann

Karsten Eichner: „Schiff Ahoi. Das Traumschiff 1 x 1“, Koehlers Verlagsgesellschaft, Hamburg 2017, Softcover, 160 Seiten, 9,95 Euro


Von Grimma nach Wittenberg
Episoden aus dem Eheleben Katharina von Boras mit Martin Luther

Luthers Ehefrau Katharina von Bora (1499–1552) lebte als Nonne im Zisterzienserinnenkloster Marienthron südlich von Grimma, bis ihr diese Lebensführung unter dem Einfluss der reformatorischen Schriften Martin Luthers immer fragwürdiger erschien. 1523 wagte sie zusammen mit acht weiteren Nonnen die Flucht aus dem Kloster. Dabei halfen ihnen drei Torgauer Bürger. Luther vermittelte die Unterkunft der Frauen bei Freunden in Wittenberg, bis für jede ein passender Ehemann gefunden war. Bei Katharina von Bora erwies sich dies als schwierig, weshalb Luther sich 1525 nach einigem Zögern entschloss, selbst einzuspringen.

Von Katharinas Dasein im Kloster, ihrer Flucht und ihrer Ehe mit dem damals schon berühmten Reformator erzählt Maria Regina Kaiser in ihrer Romanbiografie. Die studierte Historikerin hielt sich, wenn möglich, an die überlieferten Tatsachen. Katharinas Kindheit und Jugendzeit liegen im Dunkeln. Vermutlich aus diesem Grund setzt die Handlung erst mit dem Jahr 1513 ein. Viel erfährt man über den Alltag der Klosterfrauen, die dem Schweigegebot unterworfen waren. Durch die klösterliche Feld-, Vieh- und Teichwirtschaft herrschte bei ihnen nie Mangel. Bei Regelverstößen drohten harte Strafen wie Einsperren in einem dunklen Kellerverlies bei Wasser und Brot. Gern tanzten und feierten die Novizinnen auf den Hochzeitsfeiern ihrer  adeligen Verwandten, was ihnen die human gesinnte Äbtissin großzügig gestattete.

Der zweite, kürzer gefasste Abschnitt der Handlung spielt in Wittenberg und besteht aus aneinandergereihten Episoden aus den 21 Ehejahren von Martin Luther und seiner Käthe. Mit ihren fünf Kindern – eine Tochter starb bereits im Säuglingsalter – und einer immer größeren Schar von Hausgenossen bewohnten sie das „Schwarze Kloster“ zu Wittenberg. In kurzen Sequenzen lässt die Autorin Szenen aus dem Alltag Revue passieren: Feste und Feiern im Kreis der Freunde und Verwandten, die Last des Haushalts, die auf Käthes Schultern ruhte, Luthers Krankheiten, seine Stimmungsschwankungen, die Pest in Wittenberg. Unvermittelt endet die Handlung mit dem Jahr 1540. Vieles andere bleibt ebenfalls ausgespart, auch tragische Ereignisse wie der Tod der 13-jährigen Tochter Magdalena im Jahr 1542 und Luthers Tod 1546, desgleichen Katharinas Leben als Witwe.

Zugegebenermaßen wäre die Stofffülle kaum anders als durch einen Wälzer von dreifachem Umfang zu bewältigen gewesen. Was am inhaltlich dürftigen zweiten Teil des unvollendeten Romans nicht stimmig ist, möchte Kaiser durch ein Nachwort und einen Registeranhang wettmachen. Trotzdem überzeugt dieser Teil des Romans leider nicht.                 D. Jestrzemski

Regina Maria Kaiser: „Katharina von Bora & Martin Luther. Vom Mädchen aus dem Kloster zur Frau des Reformators“, Romanbiografie, Herder Verlag, München 2017, broschiert, 256 Seiten, 14,99 Euro


Begleiter durchs Jahr
Lutherkalender zum Jubiläum

Was haben der am 10. November 1483 in Eisleben geborene und am 18. Februar 1546 ebenda verstorbene Martin Luther, Friedrich der Große (1712–1786) und Otto von Bismarck (1815–1898) gemeinsam? Sie wurden bereits zu Lebzeiten verehrt und waren ebenso umstritten.

Allein in Deutschland stehen mehr als 40 Lutherdenkmäler (ohne Büsten, Reliefs, Mosaiken), 180 Kirchen tragen seinen Namen und rund 370 Straßen und Plätze sind nach ihm benannt, ebenso heißen Schulen und Krankenhäuser nach ihm. Hinzu kommen viele Lutherbuchen und Lutherlinden, vor allem aber mehr als 100 Luthereichen, die vornehmlich 1883 anlässlich Luthers 400. Geburtstag oder 1917 zum 400. Jahrestag der Reformation gepflanzt wurden. Die bleibende Bedeutung des Reformators liegt in seiner Bibelübersetzung mit ihrer unerreichten Sprachkraft.

Anlässlich des Reformationsjubiläums hat der Historiker Jörg Koch einen „Immerwährenden Luther-Kalender“ vorgelegt, der, passend zur jeweiligen Jahreszeit, Dichtungen von Luther enthält, dazu Fabeln und viele Abbildungen von Monumenten, Porträts, Briefmarken und anderem. Er ist ein geistlicher Begleiter durch jedes Jahr, der an wiederkehrende Geburts-, Hochzeits- und andere Gedenktage erinnert.              EB

Jörg Koch (Hg.): „Immerwährender Luther-Kalender“, Lutherische Verlagsgesellschaft Kiel 2017, 104 Seiten, 9,95 Euro


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S. 24 Panorama

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Stets wohlgelitten / Wie man einen Höfling zum Partisanen umschminkt, warum wir Macron trotzdem vergöttern, und wann die Rechnung kommt

Wunderbar! Die Franzosen haben dem neuen Hoffnungsträger Europas bei den Parlamentswahlen so richtig Rückenwind gegeben. Emmanuel Macrons Bewegung „La République en Marche“ steuert beim zweiten Wahlgang an diesem Sonntag eine satte Mehrheit an, vielleicht fallen ihr sogar zwei Drittel der Sitze in die Hände.

Alle sind begeistert, in Deutschland freuen sich Angela Merkel und Martin Schulz gleichermaßen und erklären den strahlenden neuen Präsidenten der Franzosen zu ihrem Mann in Paris. Auch FDP-Chef Christian Lindner ist hingerissen vom Sieg, den die „gemäßigten Kräfte“ mit Macrons Bewegung errungen hätten.

Wer ist dieser Franzose, den sie in Deutschland fast alle so phantastisch finden? Schwer zu sagen. Dafür wissen wir jetzt recht genau, wer Martin Schulz ist. Drei Tage vor seiner Macron-Begeisterung hatte der SPD-Vorsitzende und -Spitzenkandidat noch dem britischen Sozialisten-Chef Jeremy Corbyn zugejubelt. Macron und Corbyn − eine interessante Mischung.

Corbyn ist selbst seiner eigenen Partei-Elite viel zu links, wollte er doch sogar die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ ins Programm seiner Labour-Party zurückholen. Einen Macron würde der Brite als erz-neoliberalen Büttel des Kapitals beschimpfen. Macht nichts, Schulz findet beide toll.

Was sagt uns das? Der früh verglühte „Messias“ der SPD will sich um jeden Preis in die Nähe von Leuten robben, die nach Erfolg riechen, auf dass ein wenig von deren Glanz auf ihn herniederrieseln möge. Inhalte dagegen sind ihm vollkommen schnuppe.

Der Triumph Macrons zeige, dass die Franzosen endlich Reformen wollten, beglückwünschen deutsche Kommentatoren unsere Nachbarn, die uns mit dem Urnengang wieder nähergerückt seien. Die Franzosen wiederum sind stolz darauf, etwas wirklich Neues nach oben gewählt zu haben.

Aber sind sich Deutsche und Franzosen mit der neuen Macht in Paris wirklich nähergekommen? Ganz sicher, aber möglicherweise auf eine ganz andere Art, als beide meinen. Vereint sind sie, Gallier und Germanen, nämlich vor allem im Irrtum.

Fangen wir bei den Nachbarn an: Macron stehe für den Bruch mit den „alten Eliten“, glauben sie. Hört sich revolutionär an, was bei den Franzosen immer gut ankommt. Als wäre der 39-Jährige  wie ein Partisan aus den Wäldern gekommen, um die fetten Fürsten das Fürchten zu lehren.

Die Wirklichkeit weicht beträchtlich von diesem Heroen-Gemälde ab. Der junge Präsident hat bis ins I-Tüpfelchen die typische Karriere jener „alten Eliten“ durchlaufen, ist ein Gewächs der Verwaltungseliteschule ENA, wie fast alle mächtigen Politiker und einflussreichen Hofschranzen seines Landes. Heißt: Er war nie im „Wald“, sondern durchweg bei Hofe − und dort stets wohlgelitten. Nach der Ausbildung hat er in der Welt der großen Banken vorbeigeschaut und wurde schließlich vom ungeliebten François Hollande zum Finanzminister geadelt.

Vergangenes Jahr jedoch mehrten sich die Zeichen an der Wand, dass Hollande samt Entourage dem Untergang geweiht sei. Dies hätte auch Macrons Ende bedeuten können. Da schwante ihm, dass es Zeit war zur Flucht. Oder es hat ihm jemand gesagt, das wissen wir nicht.

Jedenfalls verließ er Hollandes sinkenden Kahn und machte sich 2016 mit seinem eigenen Verein „En Marche“ selbstständig. Von da an lief alles fabelhaft. Hat da jemand nachgeholfen? Wir werden wohl nie erfahren, ob Macron sich „En Marche“ allein in seinem Kämmerchen ausgedacht hat, oder ob ihn gewichtige Strippenzieher auf die Schiene gesetzt haben − sozusagen als Plan B für den Fall, dass das etablierte Parteiensystem nicht mehr zu retten sein würde.

Es hätte nämlich auch ganz furchtbar ausgehen können für die „alten Eliten“: Links wurden die regierenden Sozialisten 2016 von den Linksradikalen um Jean-Luc Mélenchon zerfressen, von rechts rollte Marine Le Pens Front National die alteingesessene Parteienlandschaft auf. Sollten große Banker, ENA-Absolventen und andere Mitfürsten der Republik da nicht nervös werden?

Es musste dringend was passieren, bevor alles auseinanderfliegt. Und es passierte etwas. Der jugendfrische ENA-Zögling Macron zog seine „neue Bewegung“ aus dem Hut, die nun alles ändert, damit alles beim Alten bleibt.

Noch einmal, wir wissen nicht, ob es sich so zugetragen hat, was Macron als Mogelpackung einflussreicher, etablierter Kreise erscheinen ließe. Aber sollte es so gewesen sein, können wir den Hut kaum tief genug ziehen vor den Schöpfern dieses Winkelzugs. Denn wir wären Zeugen eines der kunstvollsten Täuschungsmanöver der Geschichte! Ein Meisterwerk der Maskerade, dem selbst Machiavelli aus der Gruft höchste Anerkennung zollen müsste.

Wir Deutsche indes mögen solche Gedankenspiele nicht. Wir verdächtigen die Herrschenden nur ungern. Lieber vertrauen wir ihnen oder vergöttern sie sogar. Auch in Macron haben wir, wie einst in Obama, einen neuen Heilsbringer entdeckt, mit dem alles wieder gut wird, was eben noch so unordentlich aussah.

Doch bringt er uns Deutschen wirklich neues Heil, wie man angesichts der Medien-Begeisterung glauben sollte? Kaum, der Mann im Elysée will von uns vor allem eines: Geld. So sagt er das natürlich nicht. Macron verpackt die gepfefferte Rechnung in hübsche Umschläge mit Aufschriften wie „Europäischer Finanzminister“ oder „gemeinsame Anstrengung“. Auch eine gemeinsame Einlagensicherung oder eine EU-Arbeitslosenversicherung kann man sich an der Seine gut vorstellen.

Der EU-Finanzminister soll einen eigenen Haushalt bekommen, in den alle in Höhe ihrer jeweiligen Wirtschaftskraft einzahlen. Der „Minister“ verteilt das Geld dann nach „Bedürftigkeit“. Auch sollen Schulden gemacht werden, für die alle je nach Wirtschaftsstärke geradestehen. In welche Richtung die Moneten fließen werden, hat sogar schon unser Außenminister Sigmar Gabriel herausbekommen, findet das aber gar nicht tragisch. Wer sich gegen die europäische Finanz- und Schuldenunion stemme, der benehme sich engstirnig, ja kleinherzig, unkt Gabriel.

Recht hat er. Macron benötigt unser Geld schließlich dringend, um seine Franzosen vor Unzumutbarkeiten wie der Rente mit 67 zu bewahren oder um nicht allzu brutal an der 35-Stunden-Woche schrauben zu müssen. Sonst jagen die ihn noch davon!

Es wird gemunkelt, dass man erst nach dem deutschen Urnengang im September in die Einzelheiten gehen will, um Deutschlands Wähler nicht zu „verunsichern“ (sprich: auf die Spur der Wahrheit zu bringen). Aber ist so viel Verzagtheit überhaupt angebracht?

Schon jetzt schultern sie die höchste Steuer- und Abgabenlast aller entwickelten Industrienationen nach Belgien, wie wir bereits stolz vermeldet haben. Doch da geht noch mehr: In einer Umfrage wurden die Deutschen vor die Wahl gestellt, ob man angesichts der riesigen Überschüsse im Staatshaushalt lieber die Steuern senken oder ob der Staat eben mehr Geld ausgeben sollte. Nur eine kleine Minderheit sprach sich für Steuersenkung aus.

Die FDP stieg ja mal vollmundig als „Steuersenkungspartei“ in den Ring, weil sie meinte, damit bei uns punkten zu können. Pustekuchen. Auf dem mühsamen Weg zurück aus dem Hades haben die Liberalen gelernt: In ihrem diesjährigen Wahlprogramm kommen Steuerentlastungen erst ganz hinten vor, und da auch nur klein und versteckt. Warum? Weil die Forderung „stigmatisiert“ sei, vermutet man in Berlin.

Na also, da brauchen die Franzosen und die vielen anderen klammen Partner in der EU nur schwungvoll zuzugreifen. Uns kann man gar nicht genug abziehen. Wer uns dagegen die Steuern senken will, den prügeln wir notfalls aus dem Bundestag.


MELDUNGEN / ZUR PERSON

Breitbeinig wird verboten

Madrid – In den Bussen der spanischen Hauptstadt Madrid ist es Männern künftig verboten, sich breitbeinig hinzusetzen. Wie das „Handelsblatt“ meldet, geht die neue Vorschrift auf den Protest mehrerer Frauenverbände zurück, die für ihr Vorhaben 11500 Unterschriften in der 3,5-Millionen-Metrope gesammelt hätten. Das Verbot wird mit Piktogrammen bekanntgemacht wie schon die Verdikte gegen Rauchen oder das Legen der Füße auf den Sitz.  H.H.

 

EU zeichnete IS-Attentäter aus

Paris – Der IS-Anhänger Massip Farid Ikken, der Anfang Juni vor der Pariser Kathedrale Notre Dame einen Polizisten angegriffen und verletzt hat, ist 2009 von der EU mit einem „Journalistenpreis gegen Diskriminierung“ ausgezeichnet worden, wie die schwedische Zeitung „Expressen“ berichtet. Der 40-jährige Algerier erhielt die Auszeichnung für eine Artikelserie über Asylbewerber in Schweden, wo er zunächst Asyl genossen hatte.          H.H.

 

Knallharte Kickboxerin

Das Vereinigte Königreich ist noch femininer geworden. Abgesehen davon, dass Königin Elisabeth II. seit 65 Jahren Staatsoberhaupt ist, liegt das politische Schicksal Großbritanniens nach den Parlamentswahlen in den Händen dreier weiterer Damen: der Engländerin Theresa May, der Nordirin Arlene Foster und der Schottin Ruth Davidson.

Letztere könnte das Zünglein an der Waage für eine Regierungsbildung sein, wie sie Premierministern May plant. Diese will Fosters konservative Democratic Unionist Party (DUP) mit ins Boot holen, deren zehn nordirische Abgeordnete für eine regierungsfähige Mehrheit genügen würden.

Mays Parteikollegin Davidson, der in Schottland ein furioser Sieg gelang und die jetzt die Torys mit 13 Parlamentariern stärken wird, ist aber nicht gerade eine erklärte Freundin von Foster. Die mit einer Nordirin verlobte Davidson tritt für die Homo-Ehe ein, die Foster vehement ablehnt. Dass sich die frühere Brexit-Gegnerin anders als May und Foster, die für einen harten Brexit sind, jetzt für einen sanften Ausstieg des Landes aus der EU einsetzt, macht die Sache auch nicht einfacher. Wenn unter Davidson die 13 schottischen Abgeordneten Mays Gesetzesvorhaben torpedieren, nützt der Premierministerin auch die Unterstützung der DUP nicht.

Das gute Abschneiden bei den Wahlen hilft der 38-jährigen Davidson, um gegenüber den anderen beiden Damen auch mit ihrer liberalen Position zur Zuwanderungspolitik selbstbewusst aufzutreten. Die an der Universität von Edinburgh als Englischlehrerin ausgebildete Schottin, die später als Reporterin für die BBC arbeitete, ehe sie Parteikarriere bei den Torys machte, betreibt in ihrrer Freizeit Kickboxen. Die Briten können sich daher in nächster Zeit auf einen handfesten Zickenkrieg gefasst machen.              H. Tews


MEINUNGEN

Alexander Meschnig gibt sich auf der „Achse des Guten“     (12. Juni) erschüttert über den Realitätsverlust bei Millionen von Deutschen:

„Wer nach Nizza, Paris, Ansbach, Würzburg, Berlin oder zuletzt Manchester und London immer noch glaubt, die große Gefahr in Deutschland seien Pegida, die AfD, Trump oder allgemein die ,Rechten‘, befand sich die letzten Jahre entweder im Wachkoma, hat gar nichts begriffen oder versucht, seine Ideologie gegen alle Realitäten und täglichen Gegenbeweise bis zum bitteren Ende aufrechtzuerhalten. Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt sah im ,Verlust an Wirklichkeit‘ die größte Gefahr für die Moderne. Dieser Realitätsverlust hat insbesondere in den vergangenen beiden Jahren in Deutschland dramatische Ausmaße angenommen.“

 

 

Thorsten Jungholt wirft in der „Welt“ (8. Juni) den deutschen Außenpolitikern Orientierungslosigkeit vor

„Der Fall Incirlik fügt sich ein in die große sicherheitspolitische Orientierungslosigkeit der deutschen Politik. Derzeit streitet die Regierung intern über neue Leitlinien, die eine ,gemeinsame politische Strategie‘ für das deutsche Engagement in komplexen Konflikten verlangen. Incirlik ist ein weiterer Beleg dafür, wie dringend diese Leitlinien benötigt werden.“

 

 

Im Internet-Magazin „Geolitico“ (8. Juni) rechnet Nadine Hoffmann mit der Selbstaufgabe des „Westens“ ab:

„,Der Westen‘ ist inzwischen Synonym für die Herrschaft der Auflösung. An seiner Spitze steht eine charakterlose deutsche Kanzlerin, an deren Raute schon jetzt literweise Blut klebt. ,Der Westen‘ als Begriff für ignorante westeuropäische Regierungen, wohlfeile Pressemeuten und lethargische Bürger hat seine Quellen aufgegeben, er verrät seine Wurzeln, die Aufklärung, seine Errungenschaften wie Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Bildung.“

 

 

Für Josef Kraus ist Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Ende. Und zwar zu recht, wie er in „Tichys Einblick“ (12. Juni) schreibt:

„Durchgeknallter Ehrgeiz und politischer Geburtsadel als Tochter eines Ministerpräsidenten machen noch keine politische Elite aus, die ein Land in Zeiten des Mittelmaßes eigentlich bräuchte. Ein wenig Ahnung von einer Sache sollte schon hinzukommen und vor allem ein integrer Charakter ... Eine weitere Amtszeit von der Leyens als deren Chefin ist der Bundeswehr ... nicht zuzumuten, wenn aus der Truppe keine gendersensible Teilzeit-Heilsarmee mit integrierten Kitas werden soll.“

 

 

Thomas Eppinger wundert sich auf der Internetseite der Nahost-Denkfabrik „mena-watch“ (8. Juni) darüber, wie viel härter der Staat auf den Terror der RAF reagiert hat im Vergleich zum radikal-islamischen Terror heute:

„Wenn seine Eliten angegriffen werden, fährt der Staat alle Geschütze auf. Wenn seine Bürger angegriffen werden, heißt es, das gehöre eben zum normalen Lebensrisiko.“