© Das Ostpreußenblatt    / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1997


"Manches Herrliche der Welt …"
Bei der Erfassung der ostpreußischen Gutshäuser sind noch viele Lücken zu schließen
Wulf D. Wagner

Mit dem Untergang Ostpreußens 1945 gingen auch die ostpreußischen Gutshäuser verloren; viele wurden zerstört, besonders im nördlichen Ostpreußen sicherlich bis heute 90 Prozent, und wenn sie erhalten blieben, so waren sie doch gänzlich ihres Inhaltes beraubt, das in Jahrhunderten zusammengetragene eigene Sein war mit den Besitzern aus den Häusern in die Fremde gezogen und alles Mobiliar, all die Bilder, Porzellane, Erinnerungsstücke wurden, bis auf winzige gerettete Stücke, ein Opfer der Flammen oder der bewußten und unbewußten Zerstörung.

Mit diesen Häusern, besonders den größten, hat sich bisher nur Carl von Lorck baugeschichtlich beschäftigt. Als Carl von Lorck 1933 mit seiner baugeschichtlichen Erfassung ostpreußischer Gutshäuser begann, standen ihm noch all die Häuser mit ihrem Inventar und ihren Archiven zur Verfügung – doch das Interesse an seiner Forschung war gering, und das blieb es auch, als 1945 alles verlorenging. Dennoch gelang es von Lorck, 450 von etwa 1200 Gutshäusern zumindest kurz in seinem Werk zu benennen, jedoch nur etwa ein Dutzend genauer zu beschreiben. Doch zu unzähligen wertvollen Bauten, gerade auch zu den kleineren Gütern, erhielt er keine Angaben.

Als ich vor Jahren das Buch von Lorck zum ersten Mal in Händen hielt, wußte ich, daß diese Häuser genauer erfaßt werden müssen, damit der Nachwelt etwas von dieser bezaubernden Kultur bewahrt bleibt. Mir wurde bewußt, daß man nicht bei den Außenansichten bleiben konnte, sondern, daß man in die Häuser eindringen muß, Grundrisse erstellen und Angaben zum Mobiliar und zu den Menschen, die die Häuser bewohnten, zusammentragen muß, um diese Wellen lebendig und mit ihrem ganzen Wert zu erfassen.

So ging und gehe ich auf die Suche nach den Gutsbesitzerfamilien und anderen früheren Bewohnern (Stubenmädchen, Gäste, …). Das gleiche Desinteresse, das schon Carl von Lorck erwähnt, mußte auch ich anfangs kennenlernen, bis auf wenige Ausnahmen, wie für Gumbinnen, Bartenstein und Gerdauen, zeigten auch die Kreisgemeinschaften kein Interesse an diesem Forschungsthema. Mit den Jahren und durch mein Architekturstudium gelang es, die Idee und das Ziel der Erfassung ostpreußischer Gutshäuser immer genauer auszuformen und auf den Stand einer kulturwissenschaftlichen Erforschung zu bringen. Es gelang, Hunderte Häuser genauer zu erforschen, von denen hier nur einige bekanntere genannt werden sollen: Sanditten, Willkamm, Tharau, Wundlacken, Tolksdorf, Prökelwitz, Waldburg, Fuchshöfen, Grasnitz, Gallingen, Schettnienen, Abbarten, Schloß Gerdauen, Groß Holstein, Groß Kuglack, Grünhoff.

Daß so viele Güter bereits zusammengekommen sind, verdanke ich all meinen Helfern, die immer wieder neue Anschriften zu anderen Gutsbesitzerfamilien nennen. Auch über das Ostpreußenblatt konnten schon einige Wissensträger gefunden werden. Doch noch immer fehlen auch den Kreisgemeinschaften mit ihren Archiven zu vielen Gütern Fotos und Angaben. Wer die meisten Kreisbücher durchsieht, wird feststellen, daß sie uns zur Baukunst gar nichts bringen, da Güter kaum ein Thema sind. Hier noch möglichst viel Dokumentationsmaterial im Privatbesitz zu finden und Wissensträger zu den einzelnen Häusern zu befragen, ist das Ziel der "Erfassung ostpreußischer Gutshäuser". Jeder, der einst in einem jener Häuser ein- und ausging, kann dazu etwas beitragen, denn je mehr wir ins Detail eindringen, desto bunter, lebendiger und schöner bleiben die Bauten mit ihrer Geschichte und ihrem Leben der Nachwelt bewahrt.

Die Arbeit beginnt mit der Zusendung eines Fragebogens und der Bitte, den Grundriß des Hauses zu skizzieren. Je nachdem, wie jemand zeichnen kann, kommen gute und schlechte Zeichnungen zusammen, die sich in einem Frage-Antwort-Briefwechsel dann aber auf dem Computer zu recht wahrheitsgetreuen Plänen des Hauses zusammenfügen. Mittlerweile werden auch polnische Bauaufnahmen als Grundlage genommen. So gilt es, aus der Erinnerung das Haus wieder auferstehen zu lassen. Ziel sind Grundrißzeichnungen möglichst aller Etagen vom Keller bis zum Dach – versehen mit Beschreibungen, Angaben zu Wandfarben, Stil der Möbel, Gemälden, Porzellan, Büchern, Besonderheiten; manchmal ist sogar eine Inventarliste des Hauses gerettet. Dabei kommt es gar nicht auf die Größe des Hauses, die Bedeutung seines Inhaltes an – wir müssen verstehen, daß jedes dieser Häuser als eigene Welt wert ist, festgehalten zu werden, nicht nur für die Nachfahren, sondern vielmehr für alle kulturgeschichtlich interessierten Menschen, für Kunsthistoriker und Familienforscher. In 100 Jahren zählt nur eines, nämlich, ob über das Gut und das Leben der Menschen etwas wahrheitsgetreu aufgeschrieben wurde oder nicht. Nur das, was wir heute noch festhalten, wird für alle Zeiten von dem Ort, von den Mühen der Menschen, von Leid, Freude, Einfachheit und Kultur sprechen.

Außer diesen baugeschichtlichen Fragen soll zu jedem Gut auch die Geschichte von der Gründung bis zur Flucht 1945 aufgezeigt werden. Die ersten Jahrhunderte der Geschichte Ostpreußens sind für diese Arbeit eher unbedeutend, da Güter in unserem Sinn damals kaum bestanden. Erst ab etwa 1650, bzw. für weite Teile Ostpreußens erst ab 1700, soll eine genaue Erfassung der Geschichte erfolgen. Dabei geht es mir besonders um die Erforschung der Besitzverhältnisse über all die Jahrhunderte bis zur Flucht. Deshalb ist jede ostpreußische Familienchronik für meine Forschungen von großem Interesse, denn fast alle Güter sind durch viele Hände gegangen, und die 1945 im Besitz gewesene Familie weiß oft nur wenig über die Vorgeschichte. Schon jetzt konnte ich zu einigen Gütern viele verschiedene Familien finden, die zu unterschiedlichen Zeiten Besitzer ein und desselben Gutes waren – hier ergeben sich interessante Verbindungen, die auch für den Familienforscher einmal von Bedeutung sein werden.

Ab dem 19. Jahrhundert häufen sich Erlebnisberichte, Aufzeichnungen der Besitzer, und aus dem Dunkel der Vergangenheit steigt jedes Gut nach und nach als eigenartige und einzigartige Welt vor uns auf, wird bevölkert mit Namen, Lebensdaten, Geschehnissen. Zu manchem Menschen können Angaben zum Lebenslauf, Interessen, zur Persönlichkeit gemacht werden, wir lernen diese Menschen mit ihrem Schicksal kennen und verstehen so die Geschichte des Gutes noch besser. Güter werden verkauft, erworben, aufgesiedelt, im Krieg zerstört, aufgebaut, Verbindungen zwischen den Gütern entstehen. Und so füllen sich die Texte zu den einzelnen Gütern mit den verschiedensten Angaben zur Geschichte, Familiengeschichte und zum Gutshaus.

Dabei wird am Ende jeder Bericht anders ausfallen, denn während hier jemand mit ganzem Herzen zeichnet und schreibt und zusammenträgt, genügt einem anderen eine nüchterne Erfassung seines Hauses und der Geschichte. So entstehen die Berichte aus dem, was jemand bereit ist mitzuteilen, oder aus dem, was noch bekannt ist, denn oft sind die Erinnerungen schon erloschen oder ungenau. Dies sollte aber niemanden abschrecken, über sein Gut zu berichten – denn es ist immer noch besser, etwas bleibt bewahrt, als wenn das Gut in der Liste untergegangener Namen ganz vergessen wird.

Heute können wir noch viele dieser kostbaren Bauten erfassen – dazu bedarf es der Hilfe all derer, die einst die Güter kannten, die Dokumente, Familienchroniken, Bilder besitzen. Jede noch so kleine Mitteilung schließt eine Lücke, jedes bewahrte Gut ist ein Mosaiksteinchen im großen Werk Ostpreußen – und so kehren wir zu unserem Bild vom Anfang zurück: Auf dem Schutthaufen des Gutshauses tragen wir die letzten Erinnerungen zusammen und formen ein neues, zeichnerisches und schriftliches Bild von dem einstigen, nun untergegangenen Sein – wir bewahren der Menschheit einen Teil ihrer Schönheit, Kultur, Geschichte und vielleicht einen Teil des guten Geistes, der in so manchem dieser Häuser waltete und in die Zukunft wirkt

Anfragen zur "Erfassung der ostpreußischen Gutshäuser" sind zu richten an: Wulf D. Wagner, Postfach 55 02 17, 10372 Berlin