© Das Ostpreußenblatt    / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1998


Eine Exekution im Jahre 9 der Vereinigung
Wie die Vergangenheit an den Todesstreifen in der Rhön zurückkehrte
Von Werner H. Krause

In der Stadt Fulda hängt ein gelbes Plakat aus. Es trägt die Aufschrift: "Mord an einem Taxifahrer. Polizeidirektion sowie der Landrat des Landkreises Fulda erbitten die Mitarbeit der Bevölkerung bei der Aufklärung eines Gewaltverbrechens, das sich am Sonntag, dem 15. März 1998, im Morgengrauen auf der Bundesstraße 84 zwischen Neuwirtshaus und Hünfeld in der sogenannten Herbertsdelle ereignet hat."

Dies ist ein Landstrich in der Rhön, geprägt von hohen dichtstehenden Fichten, die einen Wald bilden, in welchen kaum Licht eindringt. An seinem Rand wurde der tote Taxifahrer aufgefunden, ein Schuß hatte ihn im Kopf getroffen. In dem verlassen dastehenden Taxi fand sich am nächsten Morgen kein Anzeichen eines Raubdeliktes. Das Wechselgeld war unberührt geblieben. Ein Mord aus unbekannten Motiven, eine Hinrichtung, ein düsteres Geheimnis? Oder der Schlußakkord eines Geschehens, das sich unweit dieser Stelle, wo die Bluttat begangen wurde, vor nunmehr 36 Jahren an der deutsch-deutschen Grenze abgespielt hat?

Versetzen wir uns in das Jahr 1962 zurück: Am 13. August 1961 hatte Ulbricht in Berlin die Mauer hochziehen lassen, um die DDR-Bürger künftig von einer Flucht in den Westen abzuhalten. Auch durch Wiesen, Felder und Wälder schlängelte sich ein Grenzzaun nebst einem breiten Markierungsstreifen, hinter welchem in ihren Wachtürmen Grenzer auf der Lauer lagen, bereit, jeden ins Visier ihrer Maschinenpistolen zu nehmen, der es wagen sollte, sich über die "Staatsgrenze" der DDR in den Westen abzusetzen.

Den Grenzabschnitt 39a, zwischen Wiesenfeld und Geisa in Thüringen gelegen, kommandiert der Hauptmann Rudi Arnstadt, Mitglied der Partei, ein Mann, der im Vokabular der SED der Sache der Arbeiterklasse treu ergeben ist. Bei dem Hauptmann, der bislang seinen Vorgesetzten melden konnte, daß es bisher in dem ihm anvertrauten Grenzbereich nicht einen einzigen Durchbruch gegeben habe, liegen seit kurzem die Nerven blank. Im Abstand von wenigen Tagen flüchtete zunächst ein Zugführer aus seiner Kompanie, und dann überwand gar ein Pioniergefreiter mit einem schweren sowjetischen Artillerieschlepper die Grenzanlagen.

An diesem 14. August 1962 inspiziert der Hauptmann Meter für Meter seinen Grenzabschnitt auf etwaige Durchschlupfmöglichkeiten. Auf der anderen Seite des Grenzzaunes beobachten sieben Beamte der Hessischen Grenzschutzabteilung Hünfeld den nervös hin und her hastenden NVA-Offizier. Schließlich fordert ein Bundesgrenzschutzoffizier den 23jährigen Oberjäger Toni Plüschke auf, ihn bei einem Kontrollgang entlang des Zaunes auf hessischer Seite zu begleiten.

Als sich die beiden auf gleicher Höhe mit dem NVA-Offizier befinden, es ist gegen 11.05 Uhr, brennen bei dem die Sicherungen durch. Er schreit ihnen mit fuchtelnden Armen zu, sie sollten sofort stehenbleiben, und ehe die Beamten überhaupt in der Lage sind, irgendeine Reaktion zu zeigen, lädt der Hauptmann seine Pistole durch und feuert auf sein Gegenüber. Während der eine Beamte sich niederwirft und Deckung sucht, entsichert der Oberjäger Plüschke sein Gewehr und gibt einen ungezielten Schuß in Richtung der DDR-Grenze ab. Die Kugel trifft den Hauptmann Rudi Arnstadt. Der bricht tödlich zusammen.

An der Grenze eskaliert die Situation. Der Begleiter des getöteten NVA-Offiziers feuert ganze Salven aus seiner Kalaschnikow in Richtung Westen ab. Der Rasdorfer Gastwirt Rudi Flach, Zeuge der wilden Schießerei, schreit den hessischen Grenzbeamten zu: "Nun schießt doch endlich, schießt." Doch der Bundesgrenzschutz erwidert das Feuer nicht. Geschossen wird nur von der DDR-Seite, bis schließlich eine Ladehemmung dem DDR-Schützen zu schaffen macht. Dies benutzt der Kommandeur des Grenzregiments 3, Major Rössler aus Dermbach in Thüringen, um die Situation unter seine Kontrolle zu bringen. Er sorgt dafür, daß keine weiteren DDR-Posten durchdrehen.

Doch noch ist die Gefahr nicht gänzlich gebannt. Östlich wie westlich des Grenzzaunes belauert man sich mit der Waffe im Anschlag. Schließlich ergeht auf der DDR-Seite das Kommando: "Abrücken", worauf sich auch der Bundesgrenzschutz zurückzieht. Möglicherweise wurde an diesem Tag buchstäblich in letzter Minute der Beginn eines dritten Weltkrieges abgewendet. Der bei der SED für Propaganda und Agitation zuständige ZK-Sekretär Albert Norden schlachtet den Zwischenfall bombastisch aus. In allen DDR-Zeitungen steht zu lesen: "Angehörige des Bundesgrenzschutzes drangen auf unser Territorium vor und ermordeten den Hauptmann Rudi Arnstadt."

Zu gleicher Zeit muß sich auf westlicher Seite der Oberjäger Plüschke zahlreichen Verhören durch den Bundesgrenzschutz, die Justizorgane sowie hohe Offiziere der Alliierten über den Vorfall unterziehen. Auf westlicher Seite ist man daran interessiert, jeden Schatten eines Verdachts auszuräumen, sich nicht korrekt verhalten zu haben.

Während Toni Plüschke von den Justizorganen schließlich attestiert bekommt, in Notwehr gehandelt zu haben, verurteilt ihn ein DDR-Gericht in Abwesenheit zu 25 Jahren Zuchthaus wegen Mordes. Indessen wird der Hauptmann Rudi Arnstadt nach seinem Tode zu einem Helden hochstilisiert, der sein junges Leben für die edelste Sache der Menschheit, den Sozialismus, gegeben habe. Ihm zu Ehren werden Straßen benannt, Haine angelegt, Denkmäler errichtet, Bücher geschrieben.

Toni Plüschke scheidet nach Ablauf seiner regulären Dienstzeit im Jahre 1970 aus dem Bundesgrenzschutz aus. Sein Versuch, beim Zoll unterzukommen, wird abschlägig beschieden, weil aus persönlichen Sicherheitsgründen für ihn ein Dienst an der Ostgrenze nicht mehr in Frage kommt. So baut er sich mit der Zeit ein eigenes Taxiunternehmen in Hünfeld auf. Im Laufe der Zeit verblaßt die Erinnerung an das wohl dramatischste Geschehen in seinem Leben.

Nach der politischen Wende in der DDR beginnt ihn indes die Vergangenheit wieder einzuholen. Mitarbeiter des Hessischen Fernsehens interviewen ihn als Zeitzeugen. Toni Plüschke gibt gegenüber den Reportern zu, daß er derjenige gewesen sei, der den unglückseligen Schuß auf den NVA-Hauptmann abgefeuert habe. Von diesem Moment an erhält er anonyme Drohbriefe, wird ihm in Telefonanrufen deutlich gemacht, daß die Sache noch nicht vorbei sei.

Der Taxiunternehmer Plüschke nimmt die Spinner nicht ernst, die so tun, als wäre nicht inzwischen die DDR sang- und klanglos von der Bühne der Geschichte abgetreten. Er scheint recht zu haben, denn bald tritt wieder Ruhe um ihn ein. Wenige Tage vor dem 15. März 1998 erhält er jedoch wieder einen Telefonanruf, bedroht ihn eine unbekannte Stimme, daß er sich noch wegen der Ermordung des Hauptmanns Arnstadt zu verantworten habe. Plüschke legt den Hörer auf und geht wie immer seiner Tagesarbeit nach.

In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag erreicht ihn telefonisch die Anforderung nach einem Taxi. Toni Plüschke setzt sich an das Steuer seines Wagens und fährt in die Nacht hinaus. Irgendwo steht zu dieser Zeit in der Rhön jemand bereit, um an ihm eine Exekution zu vollstrecken.