© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1998


Spanisch-amerikanischer Krieg 1898: Morgenröte einer Weltmacht 

Jetzt, knapp 30 Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, hatten sich die USA im Inneren kon- solidiert. Nun standen sie – ebenfalls vom Zeitalter des Imperialismus und vom geopolitischen Denken Alfred Thayer Mahans geprägt – auf dem Sprung zur imperialen Macht, als aus dem fernen Spanien am 24. April 1898 eine Kriegserklärung in Washington eintraf. Auslöser: Die Einmischung Washingtons in die Angelegenheiten Kubas, das damals noch als Kolonie der Krone in Madrid unterstand.

Durch die erfolgreichen Unabhängigkeitskriege in Lateinamerika im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts war das einst weltumspannende spanische Kolonialreich bereits zum Skelett reduziert worden. Von wenigen Territorien in Afrika abgesehen, umfaßt es weit entfernte Inseln, im Pazifik etwa die Philippinen, Marianen und Guam, in der Karibik Puerto Rico und Kuba. Ähnlich wie später Algerien für Frankreich oder Hongkong für Großbritannien erfüllte Kuba (das ein Drittel der Weltproduktion von Zucker stellte) neben seiner ökonomischen auch ein psychologische Funktion für das Mutterland: Für den nationalen Stolz repräsentierte die Insel den letzten Beweis imperialer Größe.

Anders als auf dem lateinamerikanischen Kontinent kam auf Kuba das Streben nach Unabhängigkeit von Spanien erst viel später zum Ausbruch. Das lag nicht zuletzt an einer relativ breiten kreolischen Führungsschicht, die die großen Zuckerplantagen bis zur Abschaffung der Sklaverei 1886 durch unfreie Schwarze bewirtschaftete und daher die spanischen Machthaber akzeptierte, obwohl hohe Abgaben, eine fehlende parlamentarische Vertretung und die notorische Inkompetenz der Verwaltung viel Unwillen erregten. So blieb der erste Guerillakrieg von 1868 bis 1878 weitgehend auf die östliche, vorwiegend von Kleinbauern und Viehzüchtern bevölkerte Inselhälfte beschränkt. Neben uneingelösten spanischen Reformversprechen bestand eine Folge dieses Waffenganges darin, daß die durch Kämpfe und Absatzkrisen geschwächte kubanische Zuckerindustrie zu großen Teilen an spanische und amerikanische Besitzer verkauft werden mußte. Damit verlor die einheimische Oberschicht das materielle Interesse an einer weiteren Präsenz der Kolonialmacht, die den naheliegenden wirtschaftlichen Austausch mit Nordamerika eigennützig hemmte.

Die USA hatten bereits um die Jahrhundertmitte den Spaniern erfolglos zwei vertrauliche Kaufangebote für die Insel unterbreitet. In den USA wurde auch der zweite Unabhängigkeitskrieg vorbereitet, der 1895 unter der Führung des Nationalhelden José Martí ausbrach. Gegen die Aufständischen mobilisierte das Mutterland 200 000 Soldaten, die aber häufig schlecht ausgebildet und ausgerüstet waren. Von ihnen kamen 4000 in Kampfhandlungen, jedoch mehr als 60 000 wegen Krankheiten oder Hunger ums Leben – die Unfähigkeit und Bestechlichkeit der spanischen Behörden verschonte auch eigene Landeskinder nicht. Noch härter aber traf sie die Kubaner selbst, vor allem die Landbevölkerung in den umkämpften Gebieten, die umgesiedelt und in erbärmlichen Lagern interniert wurde. Bis Kriegsende ging die Einwohnerzahl von 1,8 auf 1,5 Millionen zurück, und die Zuckerproduktion fiel auf zehn Prozent des Weltverbrauchs.

Solchermaßen katastrophale Auswirkungen der spanischen Kriegsführung weckten vor allem in den USA Empörung über den ohnehin verachteten Gegenspieler. Spanien wurde als in feudalen Strukturen erstarrte Monarchie wahrgenommen, die wirtschaftlich auf der Stelle trete. Chauvinistische und sozialdarwinistische Ideen mobilisierten die aufstrebende protestantische Großmacht, die ihre innere Ordnung und Ausdehnung mit dem Bürger- und Indianerkrieg abgeschlossen hatte, wobei es aber auch bereits damals isolationistische Stimmen gab, deren prominentester Vertreter zunächst Präsident William McKinley (1897–1901) selbst war.

Insofern war es bezeichnend, daß McKinley Spanien nicht nur aufforderte, den Krieg auf Kuba zu beenden, sondern auch ein neues Kaufangebot für die Insel Kuba unterbreitete. Aber auch in Spanien lebte der Chauvinismus auf, und ein unrühmliches Nachgeben gegenüber den "Yankees" hätte die Ordnung ernsthaft gefährden können. So ließ sich die Regentin Maria Christina auf ein außenpolitisches Hasardspiel ein.

Als Zeichen der Besorgnis über Unruhen in Havanna, die auch amerikanische Bürger auf Kuba gefährdeten, entsandten die Vereinigten Staaten das Schlachtschiff "Maine" im Januar auf eine "Goodwill"-Mission, zugleich ein deutliches Signal an die Spanier. Die bereits gespannten Beziehungen zwischen den USA und Spanien verschlechterten sich nach dem Untergang des Schlachtschiffes am 15. Februar 1898 im Hafen von Havanna, bei dem 266 Seeleute den Tod fanden.

Ohne die Untersuchungen abzuwarten, gaben die Amerikaner den Spaniern die Schuld. Die Ursache der Katastrophe wurde nie restlos geklärt; am wahrscheinlichsten ist eine Explosion im Maschinenraum der mit Kohle betriebenen "Maine". Ein Untersuchungsausschuß der amerikanischen Marine kam dagegen am 28. März zu der "Erkenntnis", daß die Explosion der "Maine" durch eine Mine ausgelöst worden sei. "Es war kein Unglück", erklärte sofort der Abteilungsleiter im US-Marineministerium, Theodore Roosevelt, der spätere Präsident der Vereinigten Staaten. Er sprach vom "dreckigen Verrat der Spanier". Dieser Schluß paßte zur aufgeheizten Stimmung in den USA, denn für weite Teile der amerikanischen Öffentlichkeit handelt es sich offensichtlich um ein spanisches Attentat, eine Einstellung, die uns beim Untergang der Lusitania und beim "Überfall" auf Pearl Harbor im 20. Jahrhundert noch zweimal begegnen wird.

Die These vom Attentat auf die "Maine" wurde besonders heftig und auflagesteigernd von Boulevardblättern wie William Randolph Hearsts "New York Journal", aber auch von Joseph Pulitzers "New York World" vertreten, ein Umstand, der natürlich nicht jeden späteren Pulitzer-Preisträger automatisch zum Kriegspropagandisten stempeln kann. Trotzdem lieferte gerade dieser Krieg bzw. die Aussagen Hearsts ein klassisches Beispiel für die Rolle der Kriegspropaganda, die die USA seit damals noch erheblich perfektioniert haben. Als der Illustrator von Hearsts Blättern, Fredrick Remington, Monate vor Kriegsausbruch aus Havanna in die USA zurückkehren wollte, weil die Lage ruhig sei, antwortete ihm Hearst: "Please remain. You furnish the pictures and I’ll furnish the war." (Bitte bleib, Du lieferst die Bilder und ich liefere den Krieg.)

Washington hatte den Waffengang in der Region zweifellos provoziert. Daß hinter den moralisch-humanitären Phrasen wie so oft in der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts klare macht- und geopolitische Interessen standen, zeigt das 1890 von Admiral Alfred Thayer Mahan brillant geschriebene Buch "Vom Einfluß der Seemächte auf die Geschichte 1600–1783"; darin analysierte Mahan nicht nur die Überlegenheit der See- gegenüber einer Landmacht in der Geschichte, sondern befürwortete auch eine "Übernahme" der Karibik-Inseln, Hawaiis und der Philippinen; darüber hinaus sprach sich Mahan auch für den Bau des späteren Panamakanals sowie für die Bildung einer großen Kriegsflotte aus, die aus dampfgetriebenen und gepanzerten Schlachtschiffen bestehen sollte. Mahan sollte nicht nur in Franklin Delano Roosevelt einen gelehrigen Schüler finden; vielmehr machte sich bereits 1896 William Warren Kimball daran, eine strategische Studie über die Auswirkungen eines Krieges zwischen den USA und Spanien zu verfassen. Kimball, der die amerikanische Marine-Akademie absolviert hatte und als Geheimdienstoffizier tätig war, riet in seiner Studie zu einer Marine-Operation gegen die spanischen Kräfte auf Kuba, einschließlich einer Seeblockade; außerdem sprach sich Kimball für einen Angriff auf Manila und eine Militäraktion an der spanischen Mittelmeerküste aus.

Daß diese Vorschläge durchaus Beachtung fanden, zeigte der spätere Kriegsverlauf; dessen für die USA günstiger Ausgang verhinderte naturgemäß jede Debatte darüber, ob sich Kimball mit seiner Arbeit nicht der "Planung, Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges" schuldig gemacht hatte. Wirtschaftskreise befürworteten nach anfänglichem Zögern das militärische Eingreifen, denn es ging um die Sicherung der hohen Investitionen in der Zuckerindustrie auf der Karibikinsel.

Der Kriegszustand, der seit dem 25. April zwischen Madrid und Washington herrschte, wurde von den USA übrigens nach Eintreffen der Note aus Madrid aus "optischen" Gründen schnell auf den 21. April vorverlegt. Damit sollten einige militärische Operationen, vor allem die Blockade Havannas, legitimiert werden, die die USA schon vor der formellen Kriegserklärung durchgeführt hatten. Doch der Krieg blieb nicht auf Kuba beschränkt. In Fernost nahm das gerade im Hafen von Hongkong liegende amerikanische Geschwader Kurs auf die Philippinen. Das nach Spaniens König Philipp II. benannte Inselreich befand sich seit dem 16. Jahrhundert im Besitz des Hofes in Madrid.

Die Amerikaner stießen kaum auf Gegenwehr. Für den Vorstoß zu Lande wartete der Flottenchef auf Verstärkungen. Ende Juli trafen 11 000 Soldaten ein, und am 13. August wurde über Manila das Sternenbanner gehißt. Es sollte als Hoheitssymbol über den Philippinen bis zu deren Unabhängigkeit im Jahr 1946 wehen.

Die amerikanischen Kriegsschiffe waren vor allem an Feuerkraft und Panzerung klar überlegen und hatten weniger logistische Probleme. Landtruppen und Freiwillige, wie Theodore Roosevelts legendäre "Rough Riders", stießen auf Kuba und Puerto Rico vor, Manila wurde von Amerikanern und Aufständischen gemeinsam belagert; am 12. August wurde der Waffenstillstand unterzeichnet.

Das Marinekommando in Madrid verlegte mit der Kriegserklärung seine vor den Kapverden vor Afrika liegende Flotte westwärts. Sie ging im Hafen Santiago an der Südküste Kubas vor Anker. Kurz darauf errichteten US-Kriegsschiffe eine Seeblockade. Die spanische Festung sollte von Land aus erobert werden. Mehr als 18 000 US-Soldaten landeten dazu am 22. Juni auf der Insel. Acht Tage später erreichten sie nach verlustreichen Kämpfen die äußeren Verteidigungsstellungen von Santiago. Mehr als der spanische Gegner machten den amerikanischen Soldaten das mörderisch heiße Klima, Fieberkrankheiten, Typhus und die unzureichende Versorgung zu schaffen. Die Truppenkommandanten wollten Verstärkung für eine neue Offensive abwarten, als die Belagerten einen Ausbruch unternahmen. In dieser überraschenden Situation schlug die amerikanische Armee zu und entschied das Kriegsglück für sich. Am 16. Juli kapitulierte Santiago. Madrid ersuchte auch hier wie kurz darauf in Manila um Waffenstillstand.

Noch vor Abschluß der Verhandlungen schuf Washington neue Tatsachen. Am 25. Juli gingen amerikanische Truppen auf der Karibikinsel Puerto Rico an Land und besetzten die spanische Kolonie. Das Eiland gehört heute noch zu den USA. Auch die Pazifikinsel Guam wurde den Spaniern abgenommen und Hawaii annektiert. Der Ausgang des Krieges um Kubas Unabhängigkeit veränderte die weltweite geopolitische Lage. Spanien, dessen Eroberer nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1492 ein Weltreich für die Krone geschaffen hatten, mußte als Kolonialmacht endgültig abdanken.

Kuba wurde im Fieden von Paris (10. Dezember) zu einem De-facto-Protektorat, sogar de jure galt dies für Puerto Rico. Ebenso wie Guam wurden die Philippinen annektiert.

Als späte Kolonialmacht wie Deutschland, das auch noch einige Pazifikinseln aus dem spanischen Erbe erwarb, gelangten die USA damit zu einem kleinen, aber strategisch bedeutsamen Imperium. Kuba bildete den Brückenkopf für Roosevelts Panama-Abenteuer und den Kanalbau, die pazifischen Inseln für das Ringen um Einfluß im sterbenden chinesischen Kaiserreich. Daß die expansionistische Interpretation des amerikanischen Sendungsbewußtseins umstritten war und auch heute noch ist, zeigte allerdings noch einmal die Ratifikation der Pariser Verträge, die im Kongreß im Februar 1899 nur gegen erheblichen Widerstand vollzogen wurde. So wurde bei der Abstimmung im Senat am 6. Februar 1899 die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit nur mit zwei Stimmen Überhang erreicht.

Die USA standen mit dem Sieg über Spanien auf der Stufe zur Weltmacht. Washington beherrschte fortan die Karibik, wo allerdings die inzwischen ebenfalls zur Geschichte gewordene Sowjetunion mit ihrem politischen Engagement auf Kuba in den sechziger Jahren die westliche Großmacht bis zum Rand des Krieges provozierte. Im pazifischen Raum traten die USA an die Seite der europäischen Imperialmächte Großbritannien, Frankreich, Rußland und Deutschland.

Der Spanisch-amerikanische Krieg um Kuba hatte neue Dimensionen und neue geopolitische Realitäten und Ausgangslagen geschaffen, die allerdings insbesondere von Deutschland wohl in nur viel zu beschränktem Umfang zum eigenen Schaden wahrgenommen wurden, wie spätestens der Erste Weltkrieg zeigen sollte.