© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1998


"Kein Tag zum Feiern": 50 Jahre Landsmannschaft Ostpreußen

Nein, ein "Jubeltag" sei es nicht, das 50jährige Bestehen der Landsmannschaft Ostpreußen, betonte der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen Wilhelm v. Gottberg bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste im Schöneberger Rathauses zu Berlin. Sie waren am vergangenen Sonnabend in die Hauptstadt gekommen, um gemeinsam ein halbes Jahrhundert Arbeit an der Heimat Ostpreußen zu würdigen. Damals, 1948, hätten sich die Überlebenden der Vertreibung wahrlich ein anderes Schicksal erhofft, so v. Gottberg. Um so mehr sei dies ein Tag der Dankbarkeit für die unzähligen Menschen, die Ostpreußen über all die Jahre die Treue gehalten hätten.

Doch vieles gibt es laut dem Landsmannschaft Ostpreußen-Sprecher noch zu tun: "Das Menschenrecht auf die Heimat muß endlich auch für die deutschen Vertriebenen und deren Nachkommen realisiert werden", so v. Gottberg unter heftigem Beifall. Rückkehrwillige müßten ihre deutsche Staatsbürgerschaft behalten dürfen, Eigentumserwerb und ungehinderte Ein- und Ausreise müßten selbstverständlich werden. Ebenso zweisprachige Ortsschilder und eine staatlich geförderte Volksgruppenautonomie. Menschenverachtende Dekrete wie die tschechischen Benesch- und die polnischen Gomulka-Dekrete, die während der Vertreibung begangenen "Mord, Totschlag und Vergewaltigung an wehrlosen Menschen straffrei gestellt haben, müssen aufgehoben werden!"

Entschieden wandte sich der Ostpreußen-Sprecher gegen die These, die Vertreibung sei Folge des Krieges. Statt dessen sei sie nicht im Affekt geschehen, sondern viele Jahre zuvor diskutiert und geplant worden - mithin sei die Vertreibung der Deutschen nicht Kriegsfolge, sondern Kriegsziel gewesen. Er bedauerte in diesem Zusammenhang, daß das für alle Verfassungsorgane verbindliche Wiedervereinigungsgebot ignoriert worden sei (Die Rede von Landsmannschaft Ostpreußen-Sprecher Wilhelm v. Gottberg kann komplett unter der Nummer 040/414008-22 angefordert werden).

Bundesinnenminister Manfred Kanther und Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (beide CDU) brachten in schriftlichen Grußworten ihre Verbundenheit mit der Landsmannschaft Ostpreußen zum Ausdruck: "Der Wandel der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in den vergangenen 50 Jahren hat uns allen viel Positives gebracht", so Kanther. Jetzt sollte man auch die neuen Chancen auf dem Weg nach Europa nutzen. Diepgen betonte die Forderung nach Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit als Grundlagen der EU, auch das Recht auf eigene Sprache und Kultur sei - wohl in Anspielung auf die deutschen Volksgruppen - unbestritten.

Als Vertreterin des Patenlandes Bayern war die Staatsministerin für Bundesangelegenheiten, Ursula Männle (CSU), nach Berlin gekommen. "Der Platz der Ostpreußen ist in der politischen Mitte unseres Landes", hob Frau Männle hervor. Bayern stehe zu seinen Verpflichtungen, die sich aus dem Paragraphen 96 Bundesvertriebenengesetz ergäben, betonte die bayerische Politikerin in offener Kritik an SPD und Grünen, die seit Jahren an der Unterhöhlung des Gesetzes arbeiten.

In Anspielung auf den 20. Juli vertrat die CSU-Politikerin die Auffassung, daß bei einem Gelingen des Hitlerattentats im ostpreußischen Rastenburg die Vertreibung womöglich unterblieben, die Einheit des Deutschen Reiches gewahrt worden wäre.

Besonders durch die Arbeit der Vertriebenen seien die alten Heimatgebiete heute zu "Begegnungslandschaften" geworden: "Wer ist denn öfter in Ostpreußen und hat damit Kontakt mit Polen, Russen und Litauern als die Ostpreußen selbst?", fragte die Ministerin. Dem Rechtsanspruch der Vertriebenen auf ihr Privateigentum hielt die CSU-Politikerin entgegen: "Wir wissen doch alle, daß Vermögensfragen nach über 50 Jahren nicht im Vordergrund von Lösungsansätzen stehen können."

Der Bundesvorsitzende der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen (JLO), René Nehring, umschrieb die "Bewahrung Ostpreußens und die Rückkehr dorthin" als weiterhin dauerhaftes Ziel der JLO. Die Entwicklung seiner Organisation sei Beleg dafür, daß Ostpreußen noch lange nicht auf die "Rote Liste" der vom Aussterben bedrohten Arten gehöre. Von einer Handvoll Gründungsmitgliedern sei die JLO in nur sechs Jahren auf mehr als 1500 junge Leute angewachsen. Die Rückkehr nach Ostpreußen sei im freundschaftlichen Einvernehmen mit den heute dort Lebenden möglich. Nehring: "Ostpreußen ist ein weites Land, wo beide Volksgruppen genug Platz haben, um miteinander zu leben."

Einen Höhepunkt der Gedenkstunde zum 50jährigen Bestehen der Landsmannschaft Ostpreußen bildete die Verleihung des Ostpreußischen Kulturpreises für Publizistik an die 1941 in Schlesien geborene Journalistin Gudrun Schmidt. Die WDR-Redakteurin leitet seit 1990 die Hörfunksendung "Alte und neue Heimat", die, so Wilhelm v. Gottberg in seiner Laudatio, "einen bedeutenden Beitrag zur Erhaltung des ostdeutschen Kulturerbes" leiste. Frau Schmidt dankte für die Auszeichnung, die sie als Verpflichtung empfinde, "künftig noch engagierter und noch fleißiger zu sein - für die Heimat, und damit für uns alle." Hans Heckel