© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1995


Lyrische Schilderungen der Kurischen Nehrung
Gedenken an den 1915 gefallenen Königsberger Dichter und Schriftsteller Walter Heymann  

Sterben – schad‘ um zehn ungeschriebene Bücher", schrieb Walter Heymann vier Tage vor seinem Tod vor nunmehr 80 Jahren in einem Feldpostbrief. Der Dichter aus Königsberg gehört zu den unzähligen Talenten, die Opfer des Ersten Weltkrieges und so viel zu früh abberufen wurden. Kaum gab ihm das Schicksal Gelegenheit, seine vorwiegend lyrische Begabung zu entfalten. Zwei Gedichtbände "Der Springbrunnen" (1906) und "Nehrungsbilder" (1909) sowie ein nach seinem Tod erschienener Prosaband "Das Tempelwunder und andere Novellen" (1916) und weiterer Bände nachgelassener Dichtungen künden von seiner hoffnungsvollen Sprachgewalt.

Bekannt wurde Walter Heymann vor allem durch seine lyrischen Schilderungen der Kurischen Nehrung. Josef Nadler, Professor für Literaturgeschichte an der Albertina von 1925 bis 1931, über Heymanns "Nehrungsbilder": "Sie sind eigenwillig geformt und nur mit Ernst zu erarbeiten." – Seine Liebe zu dem eigentümlichen Landstrich, zu der Kurischen Nehrung, wurde auch deutlich, als Walter Heymann eine Ausstellung mit Nehrungsbildern in Königsberg eröffnete und die Hohe Düne bei Nidden pries: "Der Gedanke, auf einem Gipfel zu sein, gibt einem – das ist typisch – wieder und wieder die Einsamkeit als Allgefühl, als schwebe man dahin, habe das Irdische überwunden, das der schauende Blick überlegen und von fern zusammenfaßt. Und je mehr der Blick ins Weite und Hohe steigt, um so einheitlicher scheint das All. Erhabenheit wächst empor, wächst schon weit über den Wanderer hinaus. Noch klingt ihm aus allen Fernen etwas von ewigem Wandel großer Himmelskörper wie Riesenschritt der Jahreszeiten, Tanz der Stunden, Gesang der Sphären entgegen, da beginnt der Schreck des Grenzenlosen …"

Geboren wurde Walter als Sohn des Kaufmanns Richard Heymann und dessen Ehefrau Johanna, geb. Sommerfeld, am 19. Mai 1882 in Königsberg. Nach dem Besuch des Friedrichskollegs studierte er, der immer nur Dichter hatte werden wollen, an der Königsberger Albertina, in Freiburg, Berlin und München Jura und legte 1903 sein Referendarexamen ab. In Fischhausen und Insterburg fand er weitere Ausbildungsstätten, bis er kurz vor dem Assessorenexamen seine juristische Laufbahn aufgab.

1905 dann erfüllte sich sein Traum von der Anerkennung als Dichter: im "Ost- und Westpreußischen Dichterbuch", herausgegeben von Adolf Petrenz, wurden 14 Gedichte Walter Heymanns veröffentlicht. Bald danach las er in der 1905 von seinem Königsberger Landsmann Heinrich Spiero gegründeten Hamburger Kunstgesellschaft zum ersten Mal vor einem größeren Publikum. Spiero erinnerte sich 1929 in seinen Memoiren "Schicksal und Anteil": "Durch sein erstes Buch traten wir in Vebindung. Er las in der Hamburger Kunstgesellschaft einem Publikum, das nicht einmal seinen Namen kannte, vor, gewann durch sein noch knabenhaftes Wesen Freunde, und es war reizend, ihn mit Dehmel zu sehen, die ehrfürchtige Liebe des Jüngeren, die kameradschaftliche Anerkennung des Ergrauenden …"

Heymann hielt sich zwei Jahre in Italien auf, bevor er 1912 in seiner Vaterstadt Mitarbeiter der "Königsberger Hartungschen Zeitung" wurde und sich im Feuilleton für junge Dichter und expressionistische Maler wie Max Pechstein, der oft in Nidden weilte, einsetzte. Heymann selbst war seit 1913 mit der Malerin Maria Perk aus Westpreußen verheiratet.

Als ein Jahr später der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich Walter Heymann sofort als Freiwilliger. Bereits am 9. Januar 1915 fiel er vor Soisson in Frankreich. Sein Grab ist unbekannt – wie das so vieler Soldaten.

Als am 28. Februar 1915 in einer Feierstunde die Freunde Heymanns seiner gedachten, hielt Heinrich Spiero die Trauerrede und Friedrich Kayßler rezitierte seine Verse. Spiero erinnerte sich: "Unter allen Lyrikern seiner Generation war er, nach Richard Dehmels scharfem Urteil, die größte und durch selbstbescheidene Energie hoffnungsreichste Begabung … Die dilettantische Begabung seines liebenswürdigen Vaters hatte sich in dem Sohne zu großer Kunst gesteigert. Dieser von Anfang an unüberhörbare, spröde Klang verstärkte sich in seiner mehrfugigen Selbständigkeit alsbald bis zu der viersätzigen Symphonie der ,Hochdüne‘, einer Dichtung, die bisher ein Seitenstück noch nicht gefunden hat … Gewalt, Geheimnis und Melodie der Kurischen Nehrung sind in dieser großartigen Visionsreihe der ,Hochdüne‘ so erdnah und herrscherhaft eingefangen, daß Agnes Miegel lange nach Heymanns Tode mit Recht sagen konnte, sie begreife den Mut nicht, mit dem jemand nach diesem Vorgänger die Nehrung zu dichten wagen könne …" – Um Walter Heymann ist es still geworden – zu unrecht! os