© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1997


"Lernte weinend zu lächeln"
Zum Tod der Bildhauerin und Lyrikerin Ursula Enseleit

Sie hat sich auch im Alter ihren mädchenhaften Charme bewahren können. Wie glänzten ihre Augen, wenn sie von ihrer Arbeit berichtete, von ihrer Heimat erzählte! Und kaum einer konnte sich ihrer Begeisterung entziehen, mit der sie neue Projekte plante. Immer war sie auf der Suche nach dem Menschen gewesen, nach dem Gegenüber, das mitleidet und mitfühlt. Dem Leid, aber auch der Freude wollte sie mit ihrem Werk eine Form geben, erinnern an Vergessenes, Verdrängtes, ohne Vorwürfe, ohne Anklage: "Arbeitend lernte ich. Lernte weinend zu lächeln."

Ursula Enseleit, die Bildhauerin, die Graphikerin, die Dichterin, sie starb am 8. August im Alter von 86 Jahren in Mainz. Geboren wurde sie als Ursula Riel am 25. Juli 1911 in Wenzken, Kreis Angerburg. Im alten Schulhaus von Kutten wuchs sie auf; dort empfing sie erste Eindrücke: "Ich tauchte in früher Kindheit in die Sprache des Schöpfers und seiner unversehrten Schöfpung. Und früh begann es, in mir zu dichten ..." Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Ihr Mann, wie ihr Vater Lehrer, fiel im Zweiten Weltkrieg. Ursula unterrichtete an seiner Schule im Kreis Goldap weiter und besuchte nach der Vertreibung das Pädagogische Institut in Magdeburg.

1950 gelangte sie nach Westdeutschland, wo sie sich einen langgehegten Wunsch erfüllen konnte. Sie studierte an der Landeskunstschule Mainz und fand dort in Emy Roeder eine hervorragende Lehrerin und gleichgesinnte Seele. Erste Zeichnungen und Gedichte entstanden, Studienreisen führten sie durch Deutschland und ins Ausland, erweiterten ihren Gesichtskreis. Bald wurde ihr vielseitiges Schaffen auch mit Preisen gewürdigt – sie erhielt den Förderpreis für Plastik des Landes Rheinland-Pfalz, 1966 und 1980 den Angerburger Literaturpreis des Patenkreises Rotenburg (Wümme), 1978 den Ostpreußischen Kulturpreis für Bildende Kunst.

Eine Dichterin in Wort und Bild hat man Ursula Enseleit einmal genannt. Sie war eine Künstlerin, sparsam mit ihren Ausdrucksmitteln, aber dafür beim Betrachter, beim Leser um so wirkungsvoller in die Tiefe dringend. Es gelang ihr stets, das Wesentliche mit nur wenigen Strichen, nur wenigen Worten zu umreißen. Sie lauschte in die Stille, drang in die Tiefe der Dinge vor, sah Sonderbares, wo andere nur Banales entdecken konnten – eine Orangenschale etwa, die sich im Spiel des Lichts zu wundersamen Gebilden formte.

In ihren Porträts vermochte sie die Seele ihres Gegenüber einzufangen, etwa bei der Büste des inzwischen verstorbenen pommerschen Schauspielers Klaus Granzow. In der Empfangshalle des Rathauses Bad Mergentheim findet sich eine besonders eigenwillige und herbe Bronzeskulptur der ostpreußischen Künstlerin, das "Quattuorvirat". Die vier Köpfe der Ostdeutschen Georg Forster, Andreas Schlüter, Bogumil Glotz und Arthur Schopenhauer ruhen auf einem Unterbau, der eine knorrige Stumpfweide der Weichselniederung symbolisiert; eine eindrucksvolle Verbindung von Landschaft, von Heimat und Geist. "Mythische Heimatbekenntnisse" nannte denn auch Dr. Ernst Schremmer die Werke der Ostpreußin. Sie selbst sah ihre Kunst als "Wagnis auf Gott hin. Gott selbst zeugt und bezeugt durch sie." Ursula Enseleit ist tot; mit ihren Werken aber wird sie allen Freunden ihrer Kunst im Herzen lebendig bleiben. Silke Osman