© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1997


Über die Zeit hinaus geschätzt
Gedanken zu Leben und Werk des Bildhauers Stanislaus Cauer

Die Arbeit in Ton – das ist das Leben; der Gipsabguß – das ist der Tod; der Bronzeguß – das ist die Auferstehung." Mit diesen schlichten Worten umriß einmal ein Mann seine Arbeit als Bildhauer, dessen Werke fast überall in Ostpreußen zu finden waren: Stanislaus Cauer. Sein "Jüngling mit Stirnbinde" im Königsberger Schloß, sein "Eva-Brunnen", der zunächst auf dem Pferdemarkt und später vor dem Altstädtischen Rathaus stand, seine Kleistgedenktafel an dessen Wohnhaus in der Löbenichtschen Langgasse, die "Sitzende Justitia" im Sitzungssaal des Oberlandesgerichts Königsberg, nicht zu vergessen die Kriegerehrenmale in vielen Orten und Städten Ostpreußens und die Bildnisbüsten so bekannter Persönlichkeiten wie Hindenburg und Ludendorff und der Oberpräsidenten Friedrich Ludwig von Moltke und Adolf von Batocki – das sind nur wenige der zahllosen Werke des Bildhauers, dessen 130. Geburtstages wir an dieser Stelle gedenken wollen.

Allein für Königsberg nennt Herbert Meinhard Mühlpfordt in seinem Standardwerk "Königsberger Skulpturen und ihre Meister 1255-1945" (Würzburg, 1970) 96 Arbeiten des Bildhauers. Darunter auch Werke, die wie durch ein Wunder den Zweiten Weltkrieg und die nachfolgenden Grauen überstanden haben: das Schillerdenkmal, dessen Inschrift "Schiller" durch kyrillische Buchstaben und durch die Lebensdaten ergänzt wurde, der Puttenbrunnen, das Herkulesrelief an der Hammerteichschleuse, die geflügelten Genien über dem Portal der Neuen Kunstakademie und die Marmorfigur "Nach dem Bade" (zuerst an der Mauer der Kunstakademie, später vor dem Schauspielhaus).

Das Schillerdenkmal, für das ein Hafenarbeiter Modell gestanden haben soll, wertete der Kunsthistoriker und Schwiegersohn des Künstlers, Dr. Ulrich Baltzer: "Vielleicht ist diese Statue deshalb so ausgezeichnet geworden, weil der Künstler selbst oft heftige Kämpfe um seine und die Kunst überhaupt auszufechten hatte. Der ostpreußische Boden ist nämlich ein sprödes Feld, das nicht leicht und willig den künstlerischen Samen aufnimmt …"

Stanislaus Cauer wurde am 18. Oktober 1867 als Sohn des Bildhauers und Malers Professor Robert Cauer d. Ä. und seiner Frau Auguste, geb. Schmidt, in Bad Kreuznach geboren. Er entstammt einer weitverzweigten Künstlerfamilie, die nicht weniger als elf Bildhauer hervorgebracht hat und gern mit dem Phänomen der Musikerfamilie Bach verglichen wird. Über seine künstlerische Begabung urteilte Cauer im Alter: "Von meinem Vater habe ich durch Vererbung die lyrisch romantische Begabung, die dann durch das Leben und Schaffen in Rom und die Bekanntschaft namhafter deutscher Künstler wie Louis Tuaillon, August Gaul, Artur Volkmann, August Kraus, Ludwig von Hofmann, Otto Greiner, Robert Wellmann und andere sich mehr zu einer klassischen plastischen Auffassung steigerte."

Schon im Alter von 15 Jahren kam der junge Stanislaus mit seiner Familie nach Rom, wo er im Atelier seines Vaters die Bildhauerei erlernte. Naturgemäß war der Schüler streng an die Tradition der Familie gebunden, seine ersten Aufgaben bestanden denn auch in der Bearbeitung des Marmors. Mit Erfolg offensichtlich, denn bereits mit 17 Jahren erhielt der junge Künstler einen Auftrag für eine Marmorfigur. Und seine lebensgroße "Psyche", ebenfalls in Marmor, wurde auf der Großen Berliner Kunstausstellung sofort verkauft.

Der Aufenthalt in Rom war für Stanislaus Cauer sehr fruchtbar. Selbst hat der Künstler einmal über diese Zeit gesagt: "Es war und bleibt meine Kunstheimat, der ich meine Entwicklung als Mensch und Bildhauer verdanke."

Nach Studienreisen ins Ausland (unter anderem nach Holland und nach Paris) kehrte Cauer – er hatte 1897 in Rom geheiratet – im Jahr 1905 nach Deutschland zurück. Zwei Jahre lang lebte und arbeitete er in Berlin, doch "die Jagd nach Aufträgen" mißfiel ihm so sehr, daß er 1907 dem Ruf Dettmanns an die Kunstakademie in Königsberg als Nachfolger Reuschs gern folgte. Bis 1933 wirkte Cauer als Lehrer in der Stadt am Pregel und bis zu seinem Tod am 8. März 1943 schuf er dort sein "Lebenswerk für die Öffentlichkeit".

Es war eine sehr fruchtbare und glückliche Zeit, die der Künstler im rauhen Norden seines Vaterlandes verbrachte. Und ein gnädiges Geschick bewahrte ihn davor, daß er den Untergang der alten Krönungsstadt der preußischen Könige erleben und aus seiner Wahlheimat Ostpreußen fliehen mußte. Auf dem Friedhof unterhalb der kleinen Juditter Kirche fand er seine letzte Ruhestätte. Dr. Ulrich Baltzer schrieb über die Königsberger Jahre des Künstlers aus Bad Kreuznach: "Die Eigenart der Landschaft ünterstützt ihn bei seinem Vorwärtsdringen … Die Form ist jetzt keine Schranke mehr, denn er erfüllt sie bis ins Letzte mit Leben und Bewegung. Alles wird gelockerter, freier... weil Cauer von sich das Einsetzen der eigenen Persönlichkeit und das Bekennen ohne Phrase verlangt, hat ihm der Expressionismus einen mächtigen Impuls gegeben. Er fängt in seiner Künstlerschaft bei der Beziehung ,Ich und die Natur‘ an, mehr und mehr die erste Hälfte zu betonen."

Als Professor und Leiter der Bildhauerklasse gab Stanislaus Cauer auch vielen jungen Menschen Impulse mit auf den Weg, die in den Werken der nachfolgenden wohl so manches Mal zu spüren sind. Zu seinen Schülern gehörten Otto Drengwitz, Christiane Gerstel-Naubereit, Hilde Leest und Paul Koralus, um nur wenige, auch heute noch bekannte zu nennen. Der Kunsthistoriker Dr. Günter Krüger, ein profunder Kenner der Geschichte der Königsberger Kunstakademie schrieb einmal über Cauer in unserer Wochenzeitung: "Cauer brachte eine persönlich erlebte, verinnerlichte und psychologisch ausgerichtete Kunst nach Königsberg und konnte daher auch anderthalb Jahre lang die revolutionären Unruhen der Akademie als stellvertretender Direktor in Schach halten, die nach seiner Ablösung wieder neu ausbrachen. Er hat also nicht nur in künstlerischer Hinsicht der Akademie zum Aufstieg verholfen, über die er schrieb: ,Das Leben an der Akademie war sehr unbürokratisch und frei, es wurde aber in den Ateliers der Lehrer und Schüler fleißig und erfolgreich gearbeitet.‘" So mag er, der ein Jahr vor seinem Tod noch mit der Goldmedaille der Stadt Königsberg ausgezeichnet wurde, seiner eigenen Maxime im Leben und als Künstler gerecht geworden sein, als er sagte: "Das Ziel jedes wirklichen Künstlers wird es immer sein, über seine Zeit hinaus geschätzt zu werden."Silke Osman