© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1998


Impulse für nachfolgende Generationen
Erinnerung an die Webmeisterin Marie Thierfeldt aus dem Kreis Gumbinnen

Sind wahrhaftig schon 20 Jahre vergangen, da ich zum ersten Mal einer alten Dame begegnete, die für mich zum Inbegriff einer  waschechten ostpreußischen Kunsthandwerkerin werden sollte? In Pöseldorf war’s, jenem kleinen Gebiet des Hamburger Stadtteils Harvestehude, unweit der Alster gelegen, dort, wo sich einst Künstler und Kunsthandwerker in den großen, hellen Räumen der prächtigen Villen ein Stelldichein gaben, wo man sich traf, miteinander redete und wo es noch einige wenige Originale zu bestaunen gab. – Diese Zeiten sind längst vorüber; Pöseldorf ist zum Geschäft geworden: Boutiquen, Discos, Kneipen für Leute, die etwas auf sich halten, haben die Alteingesessenen verdrängt.

Damals hingegen spürte man noch etwas von der Künstlerromantik, die noch sehr viel ausgeprägter gewesen sein mußte, als Marie Thierfeldt mit ihren Webstühlen die Räume eines alten Hauses am Mittelweg bezog. Man schrieb das Jahr 1950 ...

Bei meinem ersten Besuch in ihrer kleinen gemütlichen Wohnung war ich sogleich bezaubert von der unverwechselbar heimatlichen Atmosphäre, die die Räume ausstrahlten. So vieles erinnerte an Ostpreußen – eine nahezu vergilbte Karte der Heimatprovinz, ein Aquarell von Alfred Partikel, dem Künstlerfreund aus Akademietagen ... Und natürlich das Wesen dieser Frau, die mit ihrem schlohweißen Haar und ihren blauen Augen, die verschmitzt hinter Brillengläsern hervorblitzten, so herrlich von vergangenen Tagen erzählen konnte.

"Jedes Möbelstück in meiner Wohnung hat seine eigene Geschichte", erzählte sie damals. Und ihr freundliches Gesicht mit den zahllosen Lachfältchen wurde ein wenig wehmütig, wenn sie sich an schwere Zeiten erinnerte. Bald aber siegte die ihr angeborene Fröhlichkeit. "Das Leben ist gut", sagte sie und lächelte.

Marie Thierfeldt wurde vor 105 Jahren, am 20. Februar 1893 in Frankenhof, Kreis Gumbinnen, geboren. Der väterliche Hof lag direkt an der Straße zwischen Goldap und Gumbinnen. Als das beim Russeneinfall im Ersten Weltkrieg zerstörte Wohnhaus 1917/18 wiederaufgebaut werden sollte, lernte Marie Thierfeldt, die gerade ihre Lehre als Weberin in Insterburg abgeschlossen hatte, einen jungen Architekten kennen, der als stellvertretender Leiter des Bauberatungsamtes nach Insterburg gekommen war: Hans Scharoun. Der Bremer ließ sich später von 1919 bis 1925 als freier Architekt in  Insterburg nieder; heute sind seine Bauten in aller Welt bekannt, so etwa die Berliner Philharmonie.

Hans Scharoun war es auch, der der gleichaltrigen Marie Thierfeldt empfahl, nach Weimar zu gehen und am dortigen Bauhaus zu studieren. Dort lernte sie dann die großen Künstler kennen, von denen sie später so köstliche Anekdoten zu erzählen wußte. "Gropius vermittelte mir das Gefühl für den Raum, Kandinksy die Fläche, Klee die Farbe."

Nach einem weiteren Studium in Dessau am dortigen Bauhaus (1926) ging Marie Thierfeldt nach Ostpreußen zurück, wo sie in Insterburg eine Weberei übernahm. Der damalige Landrat Overwerg hatte sie eingerichtet, um die Not nach dem Russeneinfall zu lindern. "Vom einfachen Flickerteppich bis zum anspruchsvollen Wandbehang wurde einfach alles gewebt, aber nur aus reinem Material", erinnerte sich die Weberin. Und bald klapperten zwölf Webstühle in der Werkstatt.

1930 legte Marie Thierfeldt als erste Webmeisterin Ostpreußens ihre Meisterprüfung ab. In einem humorvollen Trinkspruch wurde ihr in der nachfolgenden Feierstunde bekundet: "Nach vierzig Jahren der erste Prüfling – und dazu noch ein Fräulein."

"Meine künstlerische Arbeit bekam schließlich ihre Bestätigung in meiner Berufung zur außerordentlichen Lehrerin an die Königsberger Kunstakademie", erzählte Marie Thierfeldt. Von 1927 bis 1933 gab sie ihr Wissen in Königsberg an interessierte Studenten weiter. "Nachdem ich Dozentin war, bin ich doch auch ein wenig Lehrmeisterin geworden", so die alte Dame schmunzelnd. Einige nüchterne Zahlen mögen diese Aussage unterstreichen: Aus der Werkstatt Marie Thierfeldts gingen nach dem Krieg sieben Landes- und drei Bundessieger hervor.

Wie so viele ihrer Landsleute mußte auch Marie Thierfeldt ihre Heimat verlassen. Die Flucht führte sie zunächst nach Schleswig-Holstein, wo sie als Jute-Weberin ihren Lebensunterhalt verdiente. In Ahrensburg bei Hamburg übernahm sie eine kleine Weberei, bis sie 1950 in Hamburg eine eigene Werkstatt einrichten konnte.

Arbeiten der Ostpreußin, die am Silvesterabend 1984 für immer ihre Augen schloß, sind noch heute in vielen öffentlichen Sammlungen und Gebäuden zu finden, so etwa in der Deutschen Botschaft in Stockholm, im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, in der Hamburger Staatsoper und in der Petri-Kirche der Hansestadt. Auch die Landsmannschaft Ostpreußen ist im Besitz eines Teppichs der Webmeisterin aus Gumbinnen, die mit ihrem Schaffen weit über den Bereich des Kunsthandwerks hinausragte und Impulse gab für nachfolgende Generationen. Silke Osman