© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1998


Ruhe nach Jahren der Unrast
Erinnerungen an Agnes Miegel in Bad Nenndorf

Als ein Blickfang für jeden Kurgast in Bad Nenndorf und als längst vertrauter Anblick für die Bürger dieses bekannten Badeortes erweist sich täglich im Kurpark die ins Auge fallende Bronzeskulptur "Die junge Agnes Miegel", im Oktober 1994 gegenüber dem aus der Jahrhundertwende stammenden großzügigen Bau des Hotels "Esplanade" aufgestellt.

Das Bildwerk wurde von dem Essener Bildhauer Ernst Hackländer geschaffen, den Jugendbildern der Dichterin anrührend nachempfunden und von dem Kunstmäzen Willibald Völsing gestiftet.

Die Vorübergehenden betrachten aufmerksam die Gestalt der Figur, die ihnen mit wachem Blick ein aufgeschlagenes Buch darbietet, das sie auffordernd in der Rechten hält, während ihre Linke an ihrer Seite ein Gefäß umgreift, aus dem sich ein Wasser ergießt. Soll dies das Füllhorn der Dichtung sein, dem der lebendige Quell des Wortes entströmt? Zu Füßen der anmutigen Gestalt lugt aus den Falten des Gewandes ein kleiner Hund hervor, und jeder, der Agnes Miegels Erzählung "Mohrchen" und eine Fotografie aus ihrer Jugendzeit mit eben diesem langjährigen Haustier der Familie Miegel in Königsberg kennt, weiß sogleich, daß es sich bei diesem Kunstwerk um die junge Dichterin handeln muß. Der Betrachter kann auf einer Messingtafel nachlesen, daß Agnes Miegel, geboren 1879 in Königsberg/Pr., Ehrenbürgerin der Gemeinde Bad Nenndorf, von 1948 bis zu ihrem Tode 1964 in Bad Nenndorf lebte und daß das Agnes-Miegel-Haus, ihr Wohnhaus, heute ein Museum ist. Ein Blumenbeet umgibt halbkreisförmig den Steinsockel, auf dem die ausdrucksvolle Skulptur ruht.

Diejenigen, die nun dem Hinweis auf das Museum folgen, können in kaum fünf Minuten Fußweg durch den Park den Agnes-Miegel-Platz erreichen, wo die Bahnhofstraße in einer leichten Biegung in die Rodenberger Allee übergeht und wo ein plätschernder Brunnen darstellt, wie fröhlich Menschen ein Bad in klarem Wasser genießen können. Nur noch gut 50 Meter Gartenweg trennen jetzt den Spaziergänger vom Agnes-Miegel-Haus, auf das ein Schild am Rand des Platzes hinweist.

Das Haus liegt ein wenig erhöht an einem Hang und wurde im Stil eines Siedlungshauses von der Gemeinde 1952 errichtet, Agnes Miegel, die mit ihrer getreuen Hausgenossin Elise Schmidt seit 1948 schon in diesem Kurbad am Deister in recht beengten Wohnverhältnissen gelebt hatte, erhielt das Recht zugestanden, die im Parterre dieses Hauses gelegene Wohnung als Mieterin lebenslang zu nutzen.

Die Dichterin, die bis Juni 1953 in der Hindenburgstraße eine sehr kleine abgeteilte Wohnung innehatte, konnte die Baumaßnahmen verfolgen und verfaßte zum Richtfest am 11. Oktober 1952 folgenden Bauspruch, der in ihrer deutlichen, schöngeformten Handschrift vorliegt:

Hier im Garten, im Haus, das

  Nenndorfs Gemeinde erbaute,

Als der Herbststurm des Deisters

  Wälder verfärbte,

Hofft nun Ruhe zu finden nach

  sieben Jahren der Unrast

Die aus kriegszerstörter Heimat

  und Vaterstadt herkam,

Fern aus dem Ordensland Preußen,

  dem bernsteingekrönten,

Agnes Gustavstocher, die Letzte

  der Ihren,

Die ehrfürchtig das Lied der

  Heimat gesungen.

Heimat, die einst ihr gab Schutz

  und Freunde und Treue

Und die Hand der Gefährtin, der

  samlandgebornen,

Die bis zu dieser Schwelle sie

  treulich geleitet

Und mit ihr nun hofft, hier in

  Frieden zu altern,

Wieder wie einst mit getreuen

  Nachbarn zu wohnen,

In des Sachsenrosses

  gastlichem Lande,

Nah dem heilenden Quell, aus

  Nenndorfs Boden entsprungen!

Treten wir nun ein in das Dichterhaus, in das Agnes Miegel mit Elise Schmidt am 1. Juni 1953 Einzug hielt. Anni Piorreck, die Biographin der Dichterin, schreibt darüber:

"Die eigene Wohnung nach langer Wanderfahrt! Das ist in jedem Falle eine besondere Station im Leben der Vertriebenen! … Die kleine Wohnung im Erdgeschoß war ohne Treppensteigen zu erreichen und hatte eine große Terrasse. Der Schreibtisch konnte nun einen guten Platz mit günstigem Licht erhalten. Bilder aus Königsberg und von der Samlandküste schmückten die eigenen Wände … Bücher und Schriften waren wieder richtig untergebracht. Mit Dankbarkeit und Freude wurde das alles begrüßt, was für viele andere eine nie zu erwähnende Selbstverständlichkeit war."

Dieses Haus steht im Besitz der 1969 gegründeten Agnes-Miegel-Gesellschaft, die es 1971 erwarb und nach dem Tode Elise Schmidt-Miegels unter sachkundiger Leitung durch Heimgart v. Hingst, die von der Dichterin als junge, den beiden älteren Damen zur Seite stehende Hausgenossin aufgenommen worden war, als Gedenkstätte einrichtete. So, wie die Dichterin ihr Wohn- und Arbeitszimmer 1964 verließ, können wir diesen Raum auch heute betrachten. Aus den anderen Zimmern wurde ein Ausstellungsraum mit Bildern und Vitrinen, die viel Sehenswertes aufweisen, und eine Bücherei, die eine Gedenkbibliothek beherbergt und die derzeit lieferbaren Bücher Agnes Miegels und die Schriften der literarischen Gesellschaft zeigt.

Die Gedenkstätte ist geöffnet: Mittwoch 15 bis 17 Uhr und Sonntag 10 bis 12.30 Uhr. Sie wird seit April dieses Jahres von dem jungen Paar Ute Maaß und Rainer Rudloff betreut, die als Nachfolger der bisher im Haus tätigen Lieselotte Dumke die Besucher freundlich empfangen und liebenswürdig und gesprächsbereit durch die Räume führen. Ihnen obliegt auch der Buchverkauf und -versand, desgleichen die Anmeldung für Gruppenbesuche (Agnes-Miegel-Haus, Agnes-Miegel-Platz 3, 31542 Bad Nenndorf, Telefon 0 57 23/91 73 17).

Am letzten Mittwoch eines jeden Monats findet wie jeher um 15.30 Uhr eine Lesung im Dichterhaus statt, die von den Hausbetreuern gestaltet wird. Jeder dieser Nachmittage steht unter einem Thema, zu dem die von ihrem Beruf her sprechgeübten Betreuer, die sich der Dichtung Agnes Miegels sehr verbunden fühlen, ausgewählte Texte der Dichterin zusammenstellen und vortragen, was ihnen und ihren Zuhörern sichtlich Freude bereitet.

Nach solchen geistigen Genüssen empfiehlt es sich, die in Bad Nenndorf alteingeführte Konditorei Central-Café Frenkel aufzusuchen, in der schon Agnes Miegel gerne Kaffee und Kuchen genoß. Dort nämlich gibt es einen geschmackvoll mit Fotos dekorierten, der Dichterin gewidmeten Eckplatz zu bewundern, wo dem Besucher die spezielle Haustorte angeboten wird, die Konditormeister Gossger im Gedenken an seinen einstigen Gast Agnes Miegel liebevoll komponiert hat – auch mit "Königsberger Marzipan".Inge Hartmann