© Das Ostpreußenblatt    / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. Januar 1999


Gestalteter Dank
Vor 25 Jahren starb der Maler Eduard Bischoff
Von Silke Osman

Als Eduard Bischoff vor 25 Jahren in Soest starb, ging mit ihm einer der großen ostpreußischen Künstler dieses Jahrhunderts. Viele aber nahmen damals auch Abschied von einem lieben Freund. Die Schriftstellerin Margarete Kudnig, mit ihrem Mann Fritz den Bischoffs seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden, schrieb über den Menschen Eduard Bischoff: "Es war so, als fühlte sich jeder in seinem Innersten auf eine ganz besondere Weise durch ihn angesprochen. Ob es sich nun um Kutscher und Kämmerer des Gutshofes in Friedrichswalde, dem ersten Domizil des jungen Ehepaares, handelte, um die Fischer der Nehrung, um die Seglerkameraden und Berufskollegen, um Musiker, Wissenschaftler oder um die vielen, deren Wesenskern er in seinen meisterhaften Porträts zu offenbaren wußte – immer war da die Bereitschaft zum gegenseitigen Geben und Nehmen, zum Helfen und Sich-helfen-Lassen und nicht zuletzt die Bereitschaft, sich mit anderen zu freuen!"

Und Fritz Kudnig, der Dichter und Freund, der im Sommer 1919 eine Wanderung über die Kurische Nehrung unternahm, schilderte in Briefen an Margarete Huesmann, die zukünftige Frau Kudnig, mit viel Humor und treffend einen seiner Begleiter – den Maler Eduard Bischoff: "Den Wanderstock über dem linken Arm, das Skizzenbuch in der linken Hand, in der Rechten den Zeichenstift, so stieg Eduard, genannt Ede, langsam rückwärts die Hohe Düne empor, zu uns herauf. Wild flogen seine langen Haare im Wind. Fünfzehn Schritte unter ihm, mühsam aufwärts stapfend, Gertrud, sein prächtiges Mädel. So hat er sie festgehalten: aufsteigend, den wuchtigen Rucksack auf dem Buckel. Und diese Ruhe bei seiner Arbeit ... diese Selbstverständlichkeit des Unerhörten. Dazu die Witze, die er in sei- ner unverfälscht ostpreußischen Mundart machte ..."

Wie heiter die Stimmung in diesem Sommer war, zeigt auch folgende Episode: "Ein ganz polizeiwidriges Bein hat der Kerl, der Ede, mir angezeichnet", berichtete Kudnig. "Als ich mich, darob empört, bei ihm beschwere, lacht er gemein: ,Du Mißgeburt, wegen dieses ulkigen Beins hab ich dich doch bloß gezeichnet. Sonst is’ doch nuscht Verninftiges an dir dran!‘..."

Allen, denen es nun nicht vergönnt war, Eduard Bischoff persönlich kennenzulernen, bleibt seine Kunst, von denen viele Beispiele heute im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg zu bewundern sind. Ihm sei es wichtig gewesen, die "Welt in ihrer Fülle der Erscheinungen gierig und dankbar aufzunehmen", hob Maler- und Graphikerkollege Norbert Ernst Dolezich von der Königsberger Kunstakademie einmal hervor, und so habe dieses Anliegen auch "wesentlich mit der Thematik seines Gesamtwerkes" zu tun. Die Landschaft Ostpreußens, Leben und Arbeiten auf dem Lande, am Haff und an der See hat Bischoff wie kaum ein anderer dargestellt. Bauern, Fischer und immer wieder auch Pferde hat er mit großer Meisterschaft festgehalten. Ein rastloser Arbeiter wurde er genannt, einer, der selbst im Omnibus oder im Café keine Ruhe gab, bis er ein gewünschtes Motiv auf das Papier gebannt hatte. Auch auf vielen Reisen hielt er seine Eindrücke mit dem Pinsel oder dem Stift fest, prägend aber blieb seine Heimat Ostpreußen.

Geboren wurde Eduard Bischoff am 25. Januar 1890 in Königsberg. Ursprünglich sollte der Kaufmannssohn Lehrer werden – der Drang zum Malen und Zeichnen war jedoch stärker. In Frankfurt/Main empfing der junge Ostpreuße in den Jahren 1908/09 im Kreis um Fritz Boehle erste Anregungen zu eigenem künstlerischen Schaffen. Von 1910 bis 1914 studierte er an der Kunstakademie seiner Vaterstadt bei Prof. Ludwig Dettmann, dessen Meisterschüler er später wurde. Mit seinem Lehrer, der ihn auch zur Mitarbeit an einem Monumentaltriptychon zur Hundert-Jahr-Feier 1813/1913 heranzog, durchstand Bischoff den Ersten Weltkrieg als Kriegsmaler. Über diese Erfahrungen und über seinen Lehrer vor allem sagte Bischoff einmal, er habe in dieser Zeit den Mut und die Zähigkeit Dettmanns beim Durchhalten von Strapazen bewundern können: "Ullstein-Berlin verlegte eine große Mappe von Dettmanns farbigen Kriegsbildern. Sie gaben das Geschehen realistisch und unmittelbar wieder ..."

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm Bischoff seine Studien wieder auf und lebte später als freischaffender Maler in Königsberg. Zu seinen großen Vorbildern in der Malerei gehörte nicht zuletzt auch sein Landsmann Lovis Corinth, dem er 1924 in Königsberg begegnete. – "Wer das Glück hatte, diesem Großen persönlich zu begegnen", so Bischoff in der Erinnerung, "wird wohl haben bekennen müssen, wie der Dichter Fritz Kudnig das bei der Begegnung mit Nehrungsfischern tat: ... und kommst du an einem vorüber, dann wirst du so klein – dann weißt du erst, was es heißt, ein Kerl zu sein. Ja, Meister Corinth war so ein Kerl. Und nicht nur sein überragendes Werk, sondern auch seine Persönlichkeit sind ein Hymnus auf eines der allerschönsten deutschen Länder: auf Ostpreußen ..."

Zu einem Hymnus auf die Heimat sind denn auch die Ostpreußen-Bilder von Eduard Bischoff geworden. Norbert Ernst Dolezich bescheinigte seinem Kollegen, für ihn bedeute Kunst "letzten Endes gestalteter Dank für die gottgegebene Wirklichkeit". Und diese Wirklichkeit, diese Urwüchsigkeit spürte der Ostpreuße Bischoff am innigsten in seiner Heimatlandschaft, unter seinen Landsleuten. Noch heute fühlt sich der Betrachter dieser Bilder fast magisch angezogen, eingefangen von der urwüchsigen Natur und der Leidenschaft des Künstlers. Kühe bei Nidden im Abendschein, Pferde auf den Dünen und im Schnee, ausfahrende Fischer, der Mond über dem Haff, Markttreiben in Gumbinnen, Eisfischer, Ernte in Masuren – allein diese wenigen Motive aus dem reichen Schaffen des Künstlers spiegeln die weite Palette seiner Ostpreußen-Bilder.

Doch auch in ferne Länder hat es Bischoff immer wieder gezogen – den Skizzenblock immer dabei. Bereits zu Beginn seines künstlerischen Schaffens unternahm er ausgedehnte Studienreisen nach Frankreich, Belgien, Holland und nach Skandinavien. 1936 wurde Bischoff als Professor an die Staatlichen Meisterateliers (neuer Name für altes Gemäuer: die Kunstakademie) Königsberg berufen. Dort übernahm er die Klasse für figürliches Zeichnen und Malen. Sein Einfühlungsvermögen, seine innere Beziehung zur Kunst, die sich in seinen Bildern so meisterlich widerspiegeln, ließen den Maler auch zu einem anerkannten und beliebten Lehrer werden. Viele seiner ehemaligen Schüler (Helen Stritzke, Heinz Sprenger, August Hermann Stoll, Heinrich Bromm, Edeltraud Abel-Waldheuer, Eugen Weidenbaum, Lothar Malskat oder K. H. Buch) sind heute bei Ostpreußenfreunden fast ebenso bekannt wie ihr Lehrer.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem Eduard und Gertrud Bischoff ihren Sohn Fridolin verloren (er fiel 1942 im Kaukasus), gelangte der Künstler zunächst mit seinem Kollegen Prof. Alfred Partikel auf abenteuerlichen Fluchtwegen bis Ahrenshoop; später ging es nach Niedersachsen, wo er mit seiner Frau in einer Notunterkunft am Rande der Lüneburger Heide die nächsten drei Jahre verbrachte. Fritz Kudnig: "Dennoch wurde hier geschafft. Doch die Schwierigkeit, Malmaterial zu beschaffen, brachte es mit sich, daß die ... Aquarellmalerei jetzt im Vordergrunde stand. Aus der Sehnsucht nach dem Verlorenen sind hier Bilder von großer Schönheit, Lebendigkeit und Innerlichkeit entstanden. Doch der an die Weite des Meeres gewohnte Maler konnte sich auf die Dauer im ,engen Busch‘, wie er die Heide nannte, nicht wohl fühlen ..." – Bischoff folgte dem Ruf nach Gelsenkirchen in die Künstlersiedlung Halfmannshof, wo er wieder als freischaffender Maler arbeiten konnte, wenn es ihm auch nicht leicht gefallen ist, "mit dieser ungewohnt fremden und zerrissenen Landschaft vertraut zu werden; ganz verstanden und bewältigt hat er sie wohl nie. Aber zahlreiche Werke zeugen von seinem ernsthaften Bemühen, auch diese für ihn neuen, komplizierten Sujets zu ergründen und zu begreifen, so der Kunsthistoriker, Maler und Schwiegersohn Bischoffs Hans-Helmut Lankau (er heiratete 1943 die Bischoff-Tochter Berte) in einem Beitrag zur Künstlermonographie "Eduard Bischoff – Maler aus Königsberg" (Husum Verlag,1990).

Kein Wunder, daß es Eduard Bischoff bald auch wieder in die Ferne zog. 1952/53 machte er sich auf zu einer achtmonatigen Reise nach Afrika. In Westafrika, im Kongo und in Liberia, wohin ihn der damalige Präsident Dr. William S. Tubman zu einem Studienaufenthalt eingeladen hatte, sammelte er neue prägende Eindrücke. Als künstlerische Ausbeute nennt Lankau, der sich auch engagiert um den Nachlaß Bischoffs kümmert, "über 200 Aquarelle, mehrere Porträts und ein halbes Dutzend prall gefüllter Skizzenbücher". Auch in den hohen Norden, nach Norwegen, zog es den Ostpreußen. Von der Brücke eines Schiffes malte er eindrucksvolle Motive wie etwa die kleinen verträumten Häfen an der Felsenküste; aber der damals Siebzigjährige scheute sich auch nicht, seine uralten Skier unterzuschnallen und durch die norwegische Winterlandschaft zu sausen.

Als Eduard Bischoff am 4. Januar 1974 in Soest starb, hinterließ er ein reiches Werk. Vieles war in Königsberg ein Opfer der Kriegsfurie geworden, einiges konnte gerettet werden, Neues war entstanden – Porträts, Landschaften in Öl und Aquarell, Zeichnungen, Holzschnitte, aber auch Wandmosaiken, Glasfenster, Teppich- und Kunstschmiede-Entwürfe. Für sein Schaffen wurde der Ostpreuße, der auch meisterhaft die Violine zu spielen wußte, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. So erhielt er das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, den Kunstpreis der Stadt Gelsenkirchen und den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen. 1990 wurde zu seinem 100. Geburtstag im ostpreußischen Landesmuseum eine große Retrospektive veranstaltet. Sie erinnerte an einen Maler aus Königsberg, der, so Hans-Helmut Lankau, "in seinem Leben und in seinen Werken die Freiheit, Unabhängigkeit und Ordnung, die sich in feinem Äquilibrismus die Waage hielten, über alles stellte und der sich und seiner künstlerischen Verantwortung konsequent treu geblieben ist. Für das, was er uns hinterlassen hat, wird mir sein Leitspruch in Erinnerung bleiben:

So halt’ ich es zu jeder Frist, wie‘s immer schon gewesen ist: Mit keiner Arbeit hab’ ich geprahlt! Und was ich gemalt hab’, hab’ ich gemalt!"