© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1999


Gefahren der Zukunft: Der geschmuggelte Tod
Rußland, Tschetschenien und der illegale Uran-Handel
von Martin Schmidt

Das heutige Rußland ist in mancherlei Hinsicht zu einer internationalen Gefahrenquelle geworden. Der zweite Tschetschenienkrieg zeigt das ganze Ausmaß an Irrationalität, Zynismus und wiedererstarkendem Großmachtstreben der Kreml-Mächtigen.

Wie auch immer man die aktuelle Lage im Nordkaukasus beurteilt, auf Dauer kann Rußland den Kampf gegen die unbeugsamen Tschetschenen nicht gewinnen. Dazu fehlt es an Geld, an militärischer Stärke und vor allem an Motivation.

Über letzteres kann auch der vor den Parlamentswahlen vom 19. Dezember über Monate mit Erfolg geschürte Haß gegen die angeblichen "Banditen" nicht hinwegtäuschen. Er beruht auf der verletzten Psyche einer Ex-Supermacht und wird schwächer werden, wenn sich die Gefechte länger hinziehen und die eigenen Verluste immer größere Ausmaße annehmen.

Rußland aber könnte infolge des teuren Kaukasuskrieges noch mehr destabilisiert werden, als es schon jetzt der Fall ist. Dieser Aspekt sollte gerade von wohlmeinenden Kommentatoren berücksichtigt werden, wenn in diesen Wochen über die angeblichen oder tatsächlichen Notwendigkeiten einer westlichen Zurückhaltung in der Tschetschenien-Frage diskutiert wird.

US-amerikanische und europäische Politiker und Militärexperten erinnern mit guten Gründen daran, daß man es bei den Russen mit der nach wie vor zweitstärksten Atommacht zu tun hat. Weitere Demütigungen wie die im Kosovo könnten sich als unverantwortliches Spiel mit dem Feuer erweisen.

Schließlich ist der zu Beginn der 90er Jahre euphorisch vorangetriebene nukleare Abrüstungsprozeß längst ins Stocken geraten. Die Umsetzung der START II-Vereinbarungen (START = "Strategic Arms Reduction Talks") scheiterte bisher an der Ablehnung durch die russische Duma, und der US-Senat blockierte im Oktober dieses Jahres seinerseits die Ratifizierung eines vollständigen Atomteststoppvertrags.

Nach dem Untergang des Sowjetimperiums fanden Rußland und die USA in dem gemeinsamen Bestreben zusammen, die gefährlichen Potentiale der anderen nuklearen Nachfolgestaaten der UdSSR – also der Ukraine, Weißrußlands und Kasachstans – zu entschärfen. Doch seitdem hat sich die Situation grundlegend geändert: Die Amerikaner bombardierten den Irak und Jugoslawien, und die Russen lieferten modernste Raketensysteme an den Iran und Nordkorea. In der russischen Öffentlichkeit werden immer mehr Rufe laut, die eigenen Atomtests wieder aufzunehmen.

Doch trotz all dieser Zuspitzungen kann man die von dem Kolonialkrieg in Tschetschenien ausgehenden Gefahren auch von einer anderen Seite her beleuchten. Nämlich, indem man die Folgen einer Überspannung der Kräfte des müde gewordenen "russischen Bären" untersucht. Ein jahrelanger Guerillakrieg im Kaukasus, ähnlich dem in Afghanistan, würde zweifellos die Zersetzung der staatlichen Strukturen durch die Korruption und das organisierte Verbrechen weiter beschleunigen.

Damit würde sich zugleich eine andere atomare Gefahr verschärfen, die man nicht auf der großen Bühne der Weltpolitik verfolgen kann, sondern die Europa und Amerika über die schmutzigen Pfade der Schmuggler bedroht: der illegale Handel mit Uran aus der Russischen Föderation. Da entsprechende Vorfälle nur selten bekannt werden, ist das wirkliche Ausmaß schwer abzuschätzen. Im September 1999 nahmen georgische Zöllner beispielsweise vier Personen fest, die in Sarpi, dem Grenzort zur Türkei, versucht hatten, ein Kilogramm einer radioaktiven Substanz (wahrscheinlich Uran 235) außer Landes zu bringen.

Etwa zur gleichen Zeit ergriff die Polizei im westukrainischen Uschgorod einen Mann, der zwei Behälter mit insgesamt 300 Gramm Strontium mit sich führte.

Einige ältere Fälle nennt Christoph Bluth in seinem Aufsatz "Rußland und die Weiterverbreitung von Kernwaffen" (in: "Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung ‚Das Parlament‘", 10.12.99). Demnach wurden Mitte 1992 etwa 3,7 Pfund hoch angereichertes Uran von einem Angestellten der Wissenschaftlichen Produktionsgesellschaft Luch in Podolsk gestohlen. Ein Jahr später entwendeten Diebe in Murmansk Reaktorbrennstoff aus Beständen der Marine.

Auch Deutschland ist nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) vom illegalen Geschäft mit radioaktivem Material direkt betroffen, und zwar stärker als alle anderen west- und mitteleuropäischen Staaten.

Spätestens seit dem "Plutonium-Skandal" ist dies auch einer größeren Öffentlichkeit bewußt geworden. Am 10. Mai 1994 hatte die deutsche Polizei den Kaufmann Adolf Jäckle verhaftet und kurze Zeit später in seiner Privatgarage einen einschlägigen Bleibehälter entdeckt. Dieser enthielt 63 Gramm mit Antimon und Quecksilber versetztes Plutonium, davon acht Gramm zu einem Reinheitsgrad von 99 Prozent angereichert, also annähernd atomwaffenfähig.

Fachleute gehen davon aus, daß das brisante Material aus dem russischen Kernforschungszentrum Ar-zamas-16 stammte.

Nur drei Monate später griff die Polizei in München drei Männer auf, die aus Moskau eingeflogen waren und 300 Gramm kernwaffenfähiges Plutonium 239 bei sich führten. Zuvor war getarnten Ermittlern auf deren Nachfrage angeboten worden, ganze 4,5 Kilo waffenfähiges Plutonium zum Preis von 250 Millionen US-Dollar zu besorgen.

Bis zu diesem in seiner Dimension neuartigen Vorfall hatte das BKA bereits 23 Fälle von Atomschmuggel aufgedeckt. Dabei wurden etwa 50 Kilogramm Uran aus den ostmitteleuropäischen Staaten und dem GUS-Bereich sichergestellt.

Mußte früher ein Land, das sich waffenfähiges Plutonium besorgen wollte, ein wissenschaftlich schwieriges, zudem teures und vor allem langwieriges Atomprogramm starten, um das Plutonium selbst herzustellen, so gibt es heute einfachere Möglichkeiten. Die weite Verbreitung der Kernkraft hat eine rapide Zunahme radioaktiver Abfälle zur Folge, die in das Visier der Atomschmuggler geraten. Ähnliches gilt für die abgebauten Atomwaffenpotentiale im Bereich der früheren Sowjetunion.

Jacques Attali wies in seinem Werk "Strahlende Geschäfte" (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997) darauf hin, daß nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Behörde bereits acht Kilogramm reinen Plutoniums ausreichen, einen Atomsprengkörper zu bauen.

Der Plutonium-Schmuggel sei so verführerisch wie nie zuvor, bilanzierte der im Auftrag des UNO-Generalsekretärs mit dem Problem beschäftigte Wissenschaftler.

Auch Bluths Analyse weckt wenig Optimusmus, wenn er in bezug auf Rußland feststellt: "Sicherheitsbeamte des Militärs sind von vielen Forschungszentren und Waffenproduktionsstätten abgezogen worden, die nun für ihre Sicherheit selbst sorgen müssen. Die meisten Anlagen mit Kernmaterial verfügen noch nicht einmal über angemessene Zäune und Sicherheitsschlösser."

Der Nuklearschmuggel ist allerdings nicht nur deshalb hoch problematisch, weil er unberechenbaren Staaten zu Atomwaffen verhelfen könnte. Das Isotop Plutonium 239 ist überdies extrem giftig. Theoretisch eröffnet sich hier ein weites Feld terroristischer Anwendungsmöglichkeiten, etwa indem Trinkwasser verseucht oder radioaktives Material in Ballungszentren freigesetzt wird.

Daß es rund um den Erdball gelingen könnte, illegale Abzweigungen gänzlich zu verhindern, wird wohl ein schöner Traum bleiben.