20.10.2021

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08.01.00 Gespräch mit dem Breslauer Stadtrat Michael Kaczmarek

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Januar 2000


Gespräch mit dem Breslauer Stadtrat Michael Kaczmarek:
Schlesisches Millenniumsfest
Am 24. Juni erreichen die 1000-Jahr-Feiern ihren Höhepunkt

In welchem Zusammenhang wurde Breslau erstmals in den Geschichtsbüchern erwähnt?

Kaczmarek: Im Jahre 1000 pilgerte der deutsche Kaiser Otto III. zum Grab des Hl. Adalbert nach Gnesen. Damals wurde das Erzbistum Gnesen mit drei Bistümern in Krakau, Kolberg und Breslau gegründet. Die ganze Pilgerfahrt hat der deutsche Chronist Thietmar, Bischof von Merseburg, beschrieben.

Dabei erwähnte er erstmals in der Geschichte des Abendlandes den Namen Breslaus – ein Ereignis, das Anlaß gibt, auch über den kirchlichen Rahmen hinaus würdig gefeiert zu werden.

Wofür Sie sich als Breslauer Stadtrat ja auch besonders eingesetzt haben.

Kaczmarek: Bereits im Jahre 1997 habe ich im Stadtparlament einen Beschluß zur 1000-Jahr-Feier herbeigeführt. Damals beauftragte mich Stadtpräsident Bogdan Zdrojewski, einen Entwurf für ein Rahmenprogramm zu erarbeiten. Anfang 1998 war ich damit fertig und hatte so die Basis für die weiteren Planungen geschaffen.

Nach der Kommunalwahl im Herbst 1998 wurden das Organisationskomitee und der Programmbeirat zur Durchführung der offiziellen Feier gebildet.

Es gibt also zwei Gremien, die mit der Vorbereitung der Breslauer Jubiläumsfeier befaßt sind?

Kaczmarek: Der Programmbeirat, dem auch kulturelle und wissenschaftliche Organisationen und Institutionen sowie Vertreter der Medien angehörten, sammelte Ideen und machte Vorschläge, während das Organisationskomitee als zuständiges politisches Gremium über die Vorhaben entschieden hat.

Im Oktober 1999 verabschiedete der Stadtrat den endgültigen Programmentwurf des Organisationskomitees.

Wann sind die zentralen Veranstaltungen geplant?

Kaczmarek: Im Jahre 1000 wurde Johannes der Täufer zum Patron des Breslauer Bistums bestimmt. Daher werden die zentralen Jubiläumsfeierlichkeiten um den 24. Juni, seinen Namenstag, stattfinden.

Können Sie schon genaue Termine einzelner Veranstaltungen nennen?

Kaczmarek: Für den 18. Juni ist eine Zusammenkunft noch lebender großer Breslauer Persönlichkeiten geplant. Am 20. Juni wird eine internationale wissenschaftliche Konferenz "1000 Jahre Erzbistum Breslau" durchgeführt und zugleich die Ausstellung "1000 Jahre Erzbistum Breslau" eröffnet.

Am gleichen Tag ist außerdem ein Zusammentreffen der Staatspräsidenten all jener Länder vorgesehen, zu denen Breslau im Laufe der Jahrhunderte gehört hat. Und am 21. Juni steht die 9. Sinfonie Beethovens auf dem Programm – mit einem polnischen Dirigenten, einem tschechischen Chor, einem deutschen Orchester und österreichischen Solisten.

Ferner wird am 22. Juni ein Kreuz als Symbol für das tausendjährige Jubiläum auf dem Zobten eingeweiht. Und am folgenden Tag treffen sich die Oberbürgermeister der Partnerstädte von Breslau und aller Stadtoberhäupter der Wojewodschaft Niederschlesien. Auch der Görlitzer Oberbürgermeister Prof. Rolf Karbaum ist dann mit dabei.

Schließlich gibt am 29. Juli der weltbekannte schlesische Dirigent Kurt Masur ein Konzert.

Das klingt vielversprechend. Doch was erwartet die Breslauer Bevölkerung und die angereisten Gäste am Namenstag des Stadtpatrons selbst?

Kaczmarek: Am zentralen Gedenktag, dem 24. Juni, finden eine ganze Reihe von Veranstaltungen statt, von denen ich nur die wichtigsten erwähnen kann.

An erster Stelle ist die Heilige Messe für die Stadt Breslau auf dem Ring zu nennen, die von mehreren Kardinälen und Bischöfen aus Polen und den Nachbarländern zelebriert wird. Auch der Breslauer Stadtrat führt an diesem Tag seine zentrale Feierstunde durch.

Den darauffolgenden Tag soll der Bevölkerung Gelegenheit gegeben werden, an einer langen, um den gesamten Ring aufgestellten Tischreihe gemeinsam zu speisen. Gleichzeitig stellen sich die Partnerstädte Breslaus vor.

Werden auch die vertriebenen Deutschen in die Feiern eingebunden?

Kaczmarek: Sowohl die vertriebenen Deutschen als auch die Deutsche Sozial-Kulturelle Gesellschaft in Breslau haben in der Programmgestaltung ihren Platz.

Viele vertriebene Breslauer Persönlichkeiten – zum Beispiel der Nobelpreisträger Reinhard Selten und der Kölner Kardinal Joachim Meissner – werden offiziell eingeladen. Auch das örtliche deutsche Generalkonsulat hat an der Vorbereitung der Feiern mitgewirkt.

In diesem Zusammenhang betone ich, daß wir bisher nur über das offizielle Programm gesprochen haben. In einem unabhängigen Rahmenprogramm werden jedoch weitere Organisationen in eigener Regie Veranstaltungen durchführen. Hier besteht auch für schlesische Kultureinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland die Möglichkeit, Beiträge zu leisten.

Wie stellt sich die Situation Ihrer Heimatstadt Breslau im Vorfeld des tausendsten Geburtstages dar?

Kaczmarek: In den letzten zehn Jahren hat Breslau einen großen Aufschwung genommen. Zu kommunistischer Zeit war es eine unbeachtete Stadt in der polnischen Provinz. Heute, zehn Jahre nach der friedlichen Revolution und dem Fall der Grenzen, ist Breslau wieder vom Rand in die Mitte gerückt.

Heute ist es von hier aus auch de facto wieder genauso weit nach Berlin wie nach Warschau, und Dresden und Prag sind ebenso nah wie Krakau. Ganz Schlesien gewinnt allmählich als Brückenlandschaft wieder an Bedeutung – so wie früher, als Breslau und Görlitz blühende Handelsstädte waren. Mittlerweile gehört die schlesische Metropole zusammen mit Posen, Krakau und Danzig zu den fortgeschrittensten Städten Polens.

Viele große westliche Investoren haben sich hier niedergelassen und dazu beigetragen, die Arbeitslosigkeit einzudämmen. Breslau ist sogar als Austragungsort für die Weltausstellung 2010 im Gespräch.

Unsere große Aufgabe ist es heute, dieser wachsenden europäischen Bedeutung durch einen zügigen Ausbau der Infrastruktur, etwa im Bereich der Kommunikation, der überregionalen Straßen- und Bahnverbindungen sowie des innerstädtischen Verkehrsnetzes, gerecht zu werden.

Gerade durch die Partnerschaft mit Dresden und Wiesbaden sowie insbesondere durch den am 17. September 1999 vereinbarten Freundschaftsvertrag zwischen dem Freistaat Sachsen und der Wojewodschaft Niederschlesien versprechen wir uns Impulse für die Umsetzung dieser Bemühungen.

Das genaue Programm kann über die Zeitschrift "Schlesien heute" angefordert werden, in der das Interview in einer längeren Fassung zuerst erschienen ist (Brüderstr. 3, 02826 Görlitz), oder direkt beim Organisationskomitee im Breslauer Rathaus: ul. Sukiennice 9, PL 50-107 Wroclaw

Zur Person:

Dr. Michael Kaczmarek wurde 1948 in Breslau geboren. Er arbeitet als Dozent für Geschichte an der Universität Breslau und gehört für die Freiheitsunion (UW) dem Stadtrat an. Außerdem ist Kaczmarek Mitglied der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Breslau und gehörte bis zum Herbst 1999 dem Vorstand der Stiftung Kreisau an.