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15.01.00 Weiche Flanke

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Januar 2000


Weiche Flanke 
von Hans Heckel

Tschetschenien ist so groß wie Schleswig-Holstein und hatte – die 20 Prozent Russen abgezogen – nach der letzten Schätzung 1992 nicht einmal eine Million Einwohner. Wer noch die prorussischen Einheimischen abzieht und all jene, die in diesem Krieg auf keiner Seite stehen als auf der der Leidenden, kommt auf ein winziges Völkchen mit gerade einer Handvoll Kämpfer.

Das tschetschenische Desaster droht zu einem russischen Trauma zu werden – ganz gleich, ob dieser Krieg nun bald zu Ende geht oder nicht. Für ein Land, das sich selbst als Großmacht sehen will, ist es eine gefährliche Blamage, sich von einem Zwerg derart vorführen zu lassen.

Moskaus Soldaten haben längst keine Scheu mehr, ihrem Widerwillen gegen den Kaukasus-Einsatz sogar vor ausländischen Kameras freien Lauf zu lassen: "Das hier ist kein Krieg, da will irgendwer nur Gewinn machen", so die Aussage eines jungen Rekruten im Lazarett. Die offenen Worte lassen darauf schließen, daß auch seine Vorgesetzten einen solchen Zungenschlag pflegen. Die "Moral der Truppe" liegt am Boden.

Auf tschetschenischer Seite hingegen kämpfen islamistisch aufgeheizte Fanatiker, die (wenn die vorliegenden Informationen zutreffen sollten) diesen Krieg durch einen Angriff auf das benachbarte – russische – Dagestan vergangenes Jahr losgetreten haben. Auf sie, die "Kämpfer Allahs im Heiligen Krieg", wartet die Verehrung als Helden oder das Paradies. Ihre russischen Gegner haben das soziale Abseits (auch "Dank des Vaterlands" genannt) als unter- oder gar unbezahlte Soldaten vor Augen. Als Invaliden landen sie im Dreck, als mögliche Gefallene sehen sie ihre Hinterbliebenen ins Bodenlose fallen. Wer will es ihnen verübeln, wenn sie so gut es geht den Kopf einziehen und nur noch hoffen, da irgendwie herauszukommen.

Moskaus amtierender Präsident Putin hat hoch gepokert, wenn er einen Sieg am Kaukasus zur Basis seines Wahlkampfs bis zum 26. März machen wollte. Statt einer Siegesparade könnte ihm ein langer Zug der Mütter, Witwen und Waisen blühen. Nicht nur sie, ganz Rußland wird dann sehr genau hinhören, wie ihnen der Kandidat das erklären will.

Putins Widersacher werden ihm vorwerfen, daß die miserable Behandlung der russischen Armee in die Katastrophe geführt habe, eine gar nicht mal so abwegige Erklärung. Fraglich ist allerdings, in welchem Ausmaß man dies dem als Regierungschef erst wenige Monate und als Präsident nur ein paar Tage amtierenden Putin vorhalten kann.

Die Bilder der Flüchtlinge, Ausgebombten und ihres ganzen Elends haben in Deutschland die Gemüter zu Recht angeheizt und gegen Rußland aufgebracht. Insbesondere den Vertriebenen kamen da Erinnerungen hoch, die sie hinsichtlich Rußlands eigentlich lieber vergessen hätten. Ostpreußen, die sich seit Jahren für die humanitäre Unterstützung des Nordens ihrer Heimat einsetzen, sahen sich zum Teil bitter enttäuscht vom Vorgehen in Tschetschenien.

Und in der Tat: die selbstgestellte Aufgabe vieler Deutscher, Rußlands Anwalt zu sein bei seiner Öffnung nach Europa, dem Nachbarn beizustehen, während ihn andere offenkundig isolieren wollen, ist nicht leichter geworden nach den Bildern aus Grosnyj.

Doch darf ein wichtiger Punkt nicht übersehen werden. Eine erfolgreiche Abspaltung Tschetscheniens könnte der Welt nicht bloß eine weitere islamistische Republik bescheren, welche möglicherweise die ganze Region (siehe Dagestan) ins Wanken bringt. Hier kann eine Kettenreaktion ihren Anfang nehmen, die den gesamten russischen Koloß gefährdet.

Aber was träte an die Stelle dieses angeschlagenen Riesenreichs? Ganz bestimmt keine kleinen, stabilen Demokratien wie im Baltikum, sondern ein Flickenteppich zerstrittener Halb- oder Totaldiktaturen, von denen sich gewiß ein beträchtlicher Teil auf eine radikalislamische Grundausrichtung stützen dürfte.

Die muslimischen Staaten südlich von Rußland werden diese Chance zur Erweiterung ihres Machtbereichs ebenso wenig tatenlos verstreichen lassen wie China die Möglichkeit eines schleichenden Zugriffs auf Sibirien. Wie immer man zu Rußland stehen mag – es ist Teil des europäischen Kulturraums und damit dessen Vorposten quer durch die gewaltige eurasische Landmasse. Verschwindet Rußland von dort, wird auch der jahrhundertealte europäische Einfluß in diesem endlosen Landstrich der Vergangenheit angehören. Ein Aspekt, den die Medien bislang zuverlässig ausblenden.