19.10.2021

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15.01.00 Dänemark: Von der Vergangenheit eingeholt

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Januar 2000


Dänemark:
Von der Vergangenheit eingeholt
Neue Diskussionen um die eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg

Etwa zur selben Zeit, in der in Dänemark eine heftige Auseinandersetzung über ein neues Buch über die dänischen Freiwilligen der Waffen-SS im Kampf gegen den Bolschewismus entbrannte (Das Ostpreußenblatt berichtete darüber), erschreckte eine andere Meldung die dänische Öffentlichkeit. Im Morgenfernsehen bekannte der amtierende dänische Ministerpräsident, der Sozialdemokrat Poul Nyrup Rasmussen, sein Vater Oluf Nyrup sei Mitglied der dänischen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei gewesen (DNSAP). Das habe ihm kürzlich ein Abgeordneter des dänischen Folketings vertraulich mitgeteilt, der Einblick hatte in die Mitgliederkartei der DNSAP. Der dänische Ministerpräsident erklärte im Fernsehen, weder sein Vater, der seit langem tot ist, noch seine jetzt in einem Pflegeheim lebende Mutter hätten ihm davon erzählt. Es ehrt ihn, daß er hinzufügte, auch die neue Information werde nichts an seinen Erinnerungen an den Vater ändern.

In Dänemark gab es – wie in vielen anderen Ländern Europas auch – nicht erst seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges eine nationalsozialistische (oder faschistische) Partei. Im Vergleich aber etwa mit Italien, der Slowakei, Kroatien, Norwegen und zunächst Spanien, Ungarn, Frankreich, Rumänien, Belgien und Holland blieb die DNSAP ohne Einfluß. Als sie selbst bei der Folketingwahl 1943 nur drei Mandate erringen konnte, stellte sie ihre Aktivitäten ein. Ihr Führer Dr. Frits Clausen meldete sich als Truppenarzt zur Waffen-SS und kämpfte in der Sowjetunion.

Auch in der jüngsten dänischen Diskussion fragte niemand danach, warum der Vater des Ministerpräsidenten sich den Nationalsozialisten angeschlossen hatte. Man geht undiskutiert davon aus, daß ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus keine rationalen politischen Gründe gehabt haben kann; man neigt eher dazu, Nationalsozialisten zuzubilligen, daß sie von einer Art Virus befallen waren, der zum Ausbruch der Krankheit geführt hat, daß sie nichts als Opportunisten und Landesverräter waren.

Dabei war die Zugehörigkeit zum Nationalsozialismus keineswegs eine bequeme Antwort auf die Fragen der Zeit. Für Nationalsozialisten, sei es nun in Deutschland, Dänemark oder einem anderen Land, war mit dem Bekenntnis zu dieser politischen Bewegung nahezu immer die Frage der Bewährung verbunden, die dann – soweit es sich um Männer handelte – in die Waffen-SS führte, um im Kampf gegen den in ihren Augen schrecklichsten Feind Europas, gegen den Bolschewismus, das Leben zu riskieren. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Motiven der Nationalsozialisten wird in der Öffentlichkeit sorgfältig vermieden – nicht nur bei der Diskussion um die nationalsozialistische Vergangenheit von Rasmussens Vater.

Ähnlich ging es mit dem neuen dänischen Buch "Østfronten – Danskere i Krig", das ins Gerede kam, weil nach der Kritik dreier Wissenschaftler der als marxistisch verschriebenen Universität Roskilde offenkundig wurde, daß mehrere Fotos etwas ganz anderes zeigten, als die Texte besagten. Darauf zogen Verlag und Autoren das Buch zurück und korrigierten es, so daß es seit Dezember wieder in dänischen Buchhandlungen zu kaufen ist. Es entstand dabei eine ähnliche Diskussion wie in Deutschland um die Propaganda-Show Reemtsmas.

Leif Davidsen, einer der Autoren des Buches, monierte, daß die marxistischen Kritiker sich allein mit den Bildern befaßten, ohne die von ihm und seinen Mitautoren in dem Buch aufgeworfene Frage zu beantworten, warum um Gottes willen mindestens 6000, nach anderen Angaben sogar bis zu 12 000 junge Dänen sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatten. Eine Diskussion gerade dieser Frage hatten die Autoren angestrebt. Sie wird auch in der deutschen Öffentlichkeit nicht unvoreingenommen diskutiert. Bis heute fehlt eine wirkliche Aufarbeitung der Vergangenheit. – In Dänemark wie in Deutschland.
Hans-Joachim v. Leesen