29.02.2024

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15.01.00 Deutsch-Tschechisches Kulturzentrum

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Januar 2000


Deutsch-Tschechisches Kulturzentrum:
Von besseren Zeiten träumen
Große Pläne für das böhmische Schloß Janowitz / Von Petra Schirren

Das Verhältnis der Mehrheit des tschechischen Volkes zu den Deutschen ist nach wie vor von großem Mißtrauen geprägt. Eine im Oktober 1999 durchgeführte Meinungsumfrage der Tschechischen Akademie der Wissenschaften ergab zum Beispiel, daß von tausend Befragten 51 Prozent befürchten, in Deutschland könnte wieder eine nationalsozialistische Regierung an die Macht kommen.

Solche auf historisch tief verankerte Komplexe zurückgehenden irrationalen Ängste haben den Prozeß eines Neubeginns nach 1989 nachhaltig gestört. Nicht nur die offiziellen Beziehungen beider Staaten hinken weit hinter den bekanntermaßen guten Verbindungen Deutschlands zu Ungarn, der Slowakei, Estland, Litauen oder der Ukraine zurück. Auch die noch vor einem Jahrzehnt als ähnlich problematisch  eingeschätzte Nachbarschaft mit Polen entwickelt sich deutlich besser.

Immerhin: Die Talsohle zwischen Berlin und Prag scheint durchschritten. So wenig ermutigend die jüngste, vom Koordinierungsrat des Tschechisch-Deutschen Forums in Auftrag gegebene Umfrage auch sein mag, im Jahre 1995 lag die Zahl derjenigen, die eine baldige Wiederkehr des NS-Systems für möglich hielten, sogar noch höher – nämlich bei 69 Prozent. Und 70 Prozent der angesprochenen Tschechen sehen in engen Beziehungen zu Deutschland inzwischen ein vorrangiges Interesse ihres Landes.

In diesem Sinne soll auch ein neues deutsch-tschechisches Kulturbegegnungszentrum wirken, das Kulturstaatsminister Naumann und sein tschechischer Amtskollege Pavel Dostal im Dezember vorstellten. Der Ort des Zentrums ist zugleich Programm: Das 75 Kilometer südlich von Prag gelegene Schloß Janowitz (Vrchotova Janovice) gehört zu den hervorragenden Beispielen für die Symbiose deutscher und tschechischer Kultur in Böhmen.

Hier trafen sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Intellektuelle und Künstler der beiden einander so ähnlichen mitteleuropäischen Völker. Karl Kraus schrieb im Schloß Janowitz seine Weltkriegs-Tragödie "Die Letzten Tage der Menschheit", und Rainer Maria Rilke war bei der Hausherrin, Baronesse Sidonie Nadherny, ebenso zu Gast wie der Schriftsteller und Journalist Karel Capek oder der Maler Max Svabinsky.

Die 1999 erfolgte Umbettung des Leichnams der 1950 im britischen Exil gestorbenen Baronesse Nadherny aus London in den heimatlichen Schloßpark erscheint wie ein Symbol für den Willen zur Wiederentdeckung des gemeinsamen Erbes. Außerdem hat die tschechische Seite sich zur Restaurierung des Schlosses verpflichtet, und Deutschland will die Wiederherstellung der historischen Gartenanlagen finanzieren.

Das neue Kulturzentrum soll tschechischen, bundesdeutschen und österreichischen Institutionen für zunächst zehn Jahre als Mittelpunkt literarischer, philosophischer, wissenschaftlicher, künstlerischer und musikalischer Vorhaben dienen. Zur Zeit organisiert der Vorsitzende des in München ansässigen Adalbert-Stifter-Vereins, Dr. Peter Becher, ein erstes Arbeitsgespräch, das im Februar stattfinden soll. Konkrete Projekte will man zu Pfingsten bekanntgeben.

Spätestens dann wird sich zeigen, in welchem Maße neben dem Adalbert-Stifter-Verein auch die Interessen anderer sudetendeutscher Organisationen in die Arbeit des nicht zuletzt von Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Die Grünen) durchgesetzten Hauses einbezogen werden.

Führende politische Repräsentanten beider Seiten sollten sich das vergegenwärtigen, was Peter Becher Ende Oktober 1999 in einem Kommentar zu den Naumannschen Änderungsplänen zur Kulturförderung nach § 96 des Bundesvertriebenengesetzes äußerte:

"Viele Politiker empfinden die Vertriebenen nach wie vor lediglich als Hemmschuh für die Begegnung mit unseren östlichen Nachbarn und kommen gar nicht auf den Gedanken, daß es auch umgekehrt sein könnte, daß gerade die Kultureinrichtungen der Vertriebenen sich besonders gut für die Aufgabe der europäischen Integration eignen könnten, weil sie zu den wenigen im Westen fest etablierten Einrichtungen zählen, deren Wurzeln in Mitteleuropa liegen. (...)
Jetzt ist es an der Zeit, das Tableau mitteleuropäischer Kulturbeziehung jenseits von ideologischen Ansprüchen und Unterstellungen auf sachliche Weise neu zu beschreiben."