28.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
29.01.00 Und der Große Bruder schaut zu

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Januar 2000


Medien:
Und der Große Bruder schaut zu
RTL sperrt zehn Menschen in einen WG-Container und hofft auf gute Quoten

Für Fernsehzuschauer wird ab März dieses Jahres der kleine Ort Hürth nicht mehr bei Köln liegen; Köln wird die Stadt sein, die bei Hürth liegt. Denn hier wird am 1. März eine zehnköpfige Wohngemeinschaft einziehen, die Bewegung in die deutschen Einschaltquoten bringen soll und wahrscheinlich auch wird.

Das Projekt trägt den Namen "Big Brother" und funktioniert so: Zehn junge Menschen werden für 100 Tage in einer 143 Quadtratmeter großen Containerwohnung hausen, täglich eine Stunde Abendfernsehen für RTL 2 produzieren und berühmt werden. Sie erhalten keine Informationen, keine Zeitungen, empfangen kein Radio- und kein Fernsehprogramm. Sie dürfen ihr Gehege nicht verlassen, sind tagaus, tagein mit nichts außer sich selbst beschäftigt – und werden dabei gefilmt.

24 Kameras und 59 Mikrophone verfolgen jeden Atemzug, den Gang zum Kühlschrank und zur Toilette, die Morgendusche, die Eßgewohnheiten und Kaugeräusche, die Migräne, jeden Lacher, jedes verheulte Gesicht, jede Intimität bis hin zu den Entladungen des sexuellen Drucks. So jedenfalls hat es der Holländer John de Mol beschrieben, der von seiner Idee fasziniert ist und in den Niederlanden den ersten Freilandversuch abgewickelt hat. Dort erreichten de Mols Zusammenschnitte einer dauergefilmten WG gigantische Einschaltquoten. Nichts, so seine Schlußfolgerung, sei eben spannender als das wahre Leben.

Den Namen für sein Spanner-Projekt hat de Mol bei George Orwell entlehnt, der in seinem Roman "1984" die Schreckensvision einer totalüberwachten Gesellschaft zeichnet und die mächtige Instanz im Hintergrund den "Großen Bruder" – Big Brother – nennt. Der Todestag Orwells jährte sich am 22. Januar zum fünfzigsten Mal. Es ist ein wenig Ironie des Schicksals dabei, daß die Gedenkartikel und der Start des "Big-Brother"-Projekts in Deutschland fast zusammenfallen.

Der Kinostreifen "Truman Show" hat im vergangenen Jahr den ethischen Aspekt eines filmerisch ausgebeuteten Lebens auf die Spitze getrieben. Eine Filmgesellschaft, so die Geschichte, adoptiert ein Baby. Ein Junge wächst heran, wird zum umsorgten Bankangestellten, lebt ein Leben in materieller und weltanschaulicher Ordnung, glücklich verheiratet, kinderlos. Er weiß nur eines nicht: Alle Menschen seiner kleinen Stadt, die Stadt selbst, seine Freunde, seine Eltern und seine Frau sind Statisten einer gewaltigen Fernseh-Show, die Tag und Nacht seine ahnungslose Existenz in alle Welt überträgt. Konsequent endet der Film mit Trumans Selbstbefreiung aus den Kulissen seiner Retorte. Der ethische Hebelpunkt war leicht zu finden: Einen Unwissenden so auszubeuten widerspricht in jedem Falle dem Leitbild vom selbstbestimmten Leben und ist auch durch den Verweis auf die glückliche Existenz des Opfers nicht zu rechtfertigen.

RTL-Chef Josef Andorfer wehrt sich gegen vorschnelle Verurteilungen seiner Sendung und verweist auf die freie Entscheidung seiner Kandidaten. Zehntausend Bewerber hätten sich um die wenigen WG-Plätze gerissen, von Zwang oder Ausbeutung könne daher keine Rede sein. Wer wählen darf und seinen beruflichen Weg selbst plant, kann nicht daran gehindert werden, vor laufenden Kameras seine Alltagsgeschäfte zu verrichten.

Jedoch ist das, was kommen wird, für keinen der Beteiligten auch nur im Ansatz absehbar. Die Hauptdarsteller haben das Geflecht aus Selbstinszenierung, permanentem Rampenlicht und Rückfall ins normale Leben vermutlich nicht durchdacht. Denn ein klug ausgetüftelter Faktor sorgt dafür, daß es in der WG keine Solidargemeinschaft gegen den Angriff der Kameras geben wird: Im Verlauf der 100 Tage werden nämlich sieben der zehn Mitbewohner ausscheiden. Das Publikum entscheidet per Telefonumfrage, wer bleiben darf. Wenn die drei letzten übrig sind, kommt es zur Stichwahl: Der WG-Sieger erhält 250 000 Mark.

Hier läßt sich das zweite Argument gegen das Projekt vorbringen: Der Kampf um diesen TV- Sieg weckt ungeniert das Schwein im Menschen. Die gekonnt kaschierte Intrige wird hoch im Kurs stehen, die Selbstprofilierung, die Denunziation und Verleumdung, das Höher-Klettern auf den Rücken anderer, der Aufbau einer verführerischen Fassade, das Abpassen des vorteilhaften Moments – für viele Zuschauer wird es das reale Abbild des alltäglichen Lebens sein. Es wird nicht mehr um die Sache gehen, sondern um den richtigen Verkaufs-Lack über einer Sache. Das alles wird zu unwürdigen Szenen führen. Der medienpolitisch engagierte rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) versucht derzeit verzweifelt, das Projekt unter Appell an die Moral noch zu stoppen, doch vermutlich ist "Big Brother" nicht mehr aufzuhalten. Schließlich sind die Darsteller exhibitionistisch genug, sich freiwillig observieren zu lassen.

Aus dem Umfeld der Französischen Revolution stammt der Gedanke, daß der Mensch bestimmte Grundrechte nicht abgeben kann und darf, selbst wenn er es wollte. Die Menschenwürde ist ein solches Recht. Konservative Menschen stehen solchen frommen Denkmodellen skeptisch gegenüber. Jene de Mols und RTL-Macher aber, wie überhaupt alle linksliberalen Meinungsbildner, halten – bei Bedarf – große Stücke auf unveräußerliche Naturrechte des Menschen und zitieren sie immer dann, wenn Masseneinwanderung oder milder Strafvollzug moralisch unterfüttert werden sollen. Nun sprengen sie mit ihrer "Big-Brother"-WG ihre eigenen Grundlagen in die Luft. Gut zu wissen! Götz Kubitschek