25.10.2021

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29.01.00 Der Reisegefährte

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Januar 2000


Der Reisegefährte
Von WERNER HASSLER

Eine längere Bahnreise stand Frau Charlotte bevor. Sie freute sich schon sehr auf diese Fahrt, wollte sie doch endlich ihre Tochter und die Enkelkinder besuchen. Der Koffer war bereits wohl verstaut, und da das Abteil leer war, wählte sie einen Fensterplatz. Sie nahm ein kleines Buch aus der Tasche, das ihr auf der langen Fahrt als Reiselektüre die Zeit etwas kurzweiliger gestalten sollte.

Aber da wurde die Abteiltür aufgestoßen, und mit einem knapp gemurmelten Gruß polterte ein junger Mann herein. Prustend hievte er einen schicken, sichtlich schweren Lederkoffer in das Gepäcknetz. O je, das ist aber ein etwas sonderbarer Reisegefährte, womöglich – nach dem dunklen Typ zu schließen – auch noch Ausländer …, dachte Charlotte.

Jedenfalls war sie nicht sonderlich darüber erfreut, als sie den jungen Mann beobachtete, wie er sich mit dem Koffer mühte, denn er machte auf sie nicht gerade einen vertrauenerweckenden Eindruck. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, dazu der ungepflegte Bart, der große Ohrreif, und den Unterarm zierte eine geschmacklose Tätowierung. Die zerknitterte Hose schien lange keiner Reinigung unterzogen worden sein.

Der junge Mann verließ wieder das Abteil, und Charlotte schaute zu dem piekfeinen Koffer im Gepäcknetz hinüber. Also das paßte ja nun gar nicht zusammen! Dieses schicke Gepäckstück und dazu der zerzauste Jüngling. Dieser Zottel wird doch nicht etwa den Kof- fer …? Charlotte ertappte sich bei düsteren Gedanken.

In diesem Augenblick betrat der verwahrloste Typ wieder das Abteil. Diesmal mit einem kleineren, aber nicht minder schicken Lederkoffer. Hinter ihm stand ein sorgfältig gekleideter Herr in der Abteiltür, der den rechten Arm in einer Schlinge trug. Der junge Mann verabschiedete sich mit einem leichten Kopfnicken.

"Ein wirklich netter junger Mann", bemerkte der ältere Herr. "Ganz spontan hat er sich bereit erklärt, mir das Gepäck über den Bahnsteig hier in das Abteil zu tragen. Sogar ein Trinkgeld hat er abgelehnt – er meinte, das sei eine selbstverständliche Sache! Ein wirklich netter junger Mann, finden Sie nicht auch?"

Charlotte klappte das Buch zu und ließ beschämt den Kopf auf die Brust sinken. Dann flüsterte sie: "Ja, richtig nett von dem jungen Mann."