25.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
05.02.00 Nikotinfreie Zonen an der Neris

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Februar 2000


Litauen:
Nikotinfreie Zonen an der Neris
Im Herzen von Kaunas ist Rauchen verboten / Von Louis v. Valentin

Joachim Ringelnatz liebte den Zigarettenrauch und widmete ihm sogar einige seiner unnachahmlichen Verse: Gleite ins Weite und in die Höh! Adieu, du zartes Bleu Meines Zigarettenrauches, Der du so sanft entfliehst. Wenn du ein zierliches Nasenloch siehst, Küß dem die Haare als Gruß meines Hauches.

Doch die meisten Menschen teilen sie nicht, die Liebe zum Glimmstengel. Schon gar nicht mögen sie es, wenn ihnen im Bus, beim Einkaufen oder erst recht nicht im Restaurant der Nachbar einen Gruß "seines Hauches" herüberschickt. Schließlich sind die Geschmäcker verschieden, und die gesundheitlichen Risiken des Passivrauchens wurden in zahlreichen Studien aufgezeigt.

Nach Angaben der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) gibt es rund um den Globus derzeit schätzungsweise 1,1 Millarden Raucher. Bis zum Jahr 2025 sollen es 1,64 Milliarden sein. Die WHO geht davon aus, daß in den nächsten 30 Jahren mehr Menschen an den Folgen intensiven Tabakkonsums sterben als an Aids, Tuberkulose, Autounfällen, Geburten, Morden und Selbstmorden zusammengenommen.

Die zu veranschlagenden Kosten für die Gesundheitssysteme sind horrend. Ein besonderes Ärgernis ist das Passivrauchen von Kindern, zumal deren Körper auf das Nikotin deutlich empfindlicher reagieren, als dies bei Erwachsenen der Fall ist. Ein im Juni 1999 veröffentlichter WHO-Bericht besagt, daß weltweit die Hälfte aller Kinder – etwa 700 Millionen – durch das ständige Einatmen des Zigaretten-, Zigarren- oder Pfeifenqualms ihrer Eltern bzw. ihrer Umgebung akut gefährdet sind.

Bronchitis, Asthma, Mittelohrentzündung, Kinder-Krebs oder gar der plötzliche Kindstod können die Folge sein. Die Welt-Gesundheitsorganisation will internationale Rauchverbote an Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern sowie an allen Plätzen erreichen, die ständig von Kindern aufgesucht werden.

US-amerikanische Senatoren wie Susan Collins aus Maine oder Richard Durbin aus Illinois nehmen in dieser Angelegenheit kein Blatt vor den Mund. Durbin erklärte im vergangenen Jahr: "Wir sehen uns mit nichts anderem als einem Weltkrieg konfrontiert. Einem Krieg zwischen den Tabakfirmen, die Kinder rund um die Welt süchtig zu machen versuchen, und den Anwälten der Volksgesundheit."

In den Vereinigten Staaten ist die Anti-Raucher-Lobby inzwischen so mächtig, daß sich die Nikotin-Abhängigen regelrecht diskriminiert fühlen. Auch wer hierzulande kein Raucher ist, kann nur den Kopf schütteln angesichts der zwei- bis dreistelligen Millionensummen, die amerikanische Richter immer wieder von der Tabakindustrie als Schadensersatz für die gesundheitlichen Folgen übermäßigen Rauchens einfordern.

Die für den gesunden Menschenverstand naheliegende Frage nach der Eigenverantwortung der an den Folgeschäden des Zigarettenkonsums Erkrankten fällt dabei offenbar unter den Tisch.

Ungleich plausibler erscheinen dagegen die genannten Warnungen vor dem Passivrauchen sowie die Frage, wieviel Tabak- (und Alko- hol-) Werbung jeder einzelne Staat zulassen will. Die WHO plant jedenfalls bis 2003 einen Vertrag, in dem internationale Beschränkungen der Tabakwerbung festgeschrieben und mit dem höhere Steuern auf Tabakprodukte erreicht werden sollen.

Zur wichtigsten Zielgruppe derartiger Restriktionen gehören die Länder Ostmittel- und Osteuropas sowie sämtliche Nachfolgerepubliken der UdSSR. Dort ist die Zahl der Raucher deutlich höher als im westlichen Europa oder in Nordamerika. Gleiches gilt für die Häufigkeit bestimmter Krankheiten wie Lungenkrebs.

In Georgien scheinen zum Beispiel so gut wie alle Männer zu rauchen, und die, die es nicht tun, sind Profisportler, oder es ist ihnen von ihren Ärzten ausdrücklich verboten worden. In Litauen ist die Situation nicht ganz so kraß, aber noch immer alarmierend genug. Den Statistiken zufolge raucht jeder dritte Litauer zwischen 20 und 64 Jahren.

Andererseits spielt eine Stadt dieser Baltenrepublik eine bemerkenswerte Vorreiterrolle bei der Bekämpfung des Rauchens in öffentlichen Räumen: das an der Mündung der Neris in die Memel gelegene Kauen (Kaunas). Wer im Herzen der litauischen Hauptstadt der Zwischenkriegszeit bummelt, ist vor Nikotinschwaden sicher. Seit einigen Jahren gilt in der gesamten Fußgängerzone der Laisves aleja ein striktes Rauchverbot.

Während sich die Bürger in Kaunas in aller Regel an das Verbot halten, liefern sich Regierung, Medien und Tabakindustrie schon seit Jahren einen Streit über die Zigarettenwerbung. Bereits 1995 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, wonach Tabakwerbung in Litauen verboten sein sollte.

Für kurze Zeit überwachte das Amt für Alkohol- und Tabakkontrolle dessen Einhaltung. Dann wurde die Behörde aufgelöst. Da man außerdem keine eindeutigen Kriterien für den Werbecharakter formuliert hatte, landete das Gesetz de facto im Reißwolf.

Im vergangenen Jahr unternahm die bürgerliche Regierung einen neuerlichen Anlauf und brachte in der Seimas ein Gesetz durch, wonach ab Januar 2000 die Tabakwerbung in allen Printmedien untersagt ist. Erneut gibt es nun eine Kontrollinstanz, die gegebenenfalls auch Geldstrafen verhängen kann.

Die von den großflächtigen Zigarettenanzeigen abhängigen Zeitungen und Zeitschriften liefen gegen das Gesetz Sturm und brachten eine monatelange heftige Diskussion in Gang. Politiker und Ärzte wiesen ihrerseits auf die in Litauen stetig steigenden Raucherzahlen hin.

Man darf gespannt sein, in welchem Maße das Gesetz diesmal unterlaufen wird. Vielleicht erweist sich die Regierung in Wilna aber auch als standfest und bringt die Nichtraucher-Lobby im östlichen Mitteleuropa einen Schritt voran.

Abgesehen von diesem Gesetz verdient die Idee der nikotinfreien Fußgängerzone von Kaunas im eigenen Land und international größere Aufmerksamkeit und möglichst viele Nachahmer. Litauen könnte ein Pionier bei der Bekämpfung des exzessiven Rauchens werden, so wie Ungarn Maßstäbe gesetzt hat mit seiner Ablehnung libertärer Konzepte gegen die Rauschgiftkriminalität.

Statt wie in fast allen anderen Staaten nur den Handel mit Drogen zu verfolgen, steht in Ungarn dank des Einsatzes von Justizministerin Dávid auch der Konsum bestimmter Rauschgifte unter Strafe. Doch das ist ein Thema für sich...